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NEU IM NOVEMBER 11

IN MY ROOM

LETO

Deutschland 2018

Russland 2018

In der Musikszene Leningrads in den 80er Jahren steigt Viktor Tsoi zum Star auf. Melancholisches, mitreißendes Künstlerporträt, das vor allem durch seine Bilder und Emotionen besticht. „Leto“ bedeutet Sommer und an einem lauen Sommerabend am Strand der baltischen See, begegnen sich auch die drei Hauptfiguren von Kiril Serebrennikovs Film, die bald ein musikalisches und emotionales Dreieck bilden werden, dass die Leningrader Musikszene der 80er Jahre prägte. Die Frau zwischen zwei Männern ist Natacha (Irina Starshenbaum), die mit dem älteren Mike (Roman Bilyk) zusammen ist, einem schon etablierten und auch schon etwas desillusioniertem Musiker. In dem einen Club Leningrads, in dem der Staat Rockmusik erlaubt, ist Mike der Mittelpunkt. Der dritte im Bunde ist Viktor Tsoi (Teo Yoo), der an diesem Sommertag noch ein Unbekannter ist, ein blasser Typ, der am Strand die Nähe der etablierten Musiker sucht. Mit seinem asiatischen Aussehen sticht Viktor ohnehin schon heraus, doch was ihn bald zum Star der Szene machen wird, ist seine Musik, seine Texte, die die Stimmung einer Generation einfangen. Niemand kann sein Talent übersehen, auch Mike nicht, der so sehr an Freiheit und Selbstbestimmung glaubt, dass er es auch akzeptiert, als Natacha eine Affäre mit Viktor beginnt. Aus dieser Ausgangssituation könnten viele Geschichten entstehen, doch Serebrennikov will keine von ihnen erzählen. Zwei Stunden taucht er in die Welt Leningrads der 80er Jahre ein, evoziert Stimmungen und Emotionen und deutet gerade dadurch an, dass er die Bedeutung dieser Ära nicht in Worte fasst, was sie auch heute noch bedeutet. Gerade für einen offenen Regime-Kritiker wie Serebrennikov, der gegen Ende der Dreharbeiten zu „Leto“ wegen angeblicher Unterschlagung von Geldern unter Hausarrest gestellt wurde, ist dieser Blick in die Vergangenheit ein Spiegel der Gegenwart. „Leto“ ist also weniger narrativer Film, als Zustandsbeschreibung, weniger Geschichte, als Emotion, der sich manchmal vielleicht ein wenig in seiner Welt verliert, aber trotz seiner zwei Stunden Länge ein mitreißendes, emotionales Porträt einer Szene ist, die zwar auf diese spezielle Weise nur im Leningrad der 80er Jahre existierte, in ihrer Universalität aber weit über sie hinausweist.

AB 8. NOVEMBER IN DER SCHAUBURG

Vollkommen unvermittelt sieht sich ein Mann plötzlich ganz allein auf der Welt. Film, der im Ansatz dystopische Genre-Muster benutzt, damit jedoch eine klassische Generationengeschichte erzählt. Armin (Hans Löw) ist Mitte 30, lebt in Berlin, ist Freiberufler, ungebunden und in jeder Hinsicht auf der Suche. Der Umgang mit anderen fällt ihm schwer. Nur zu seiner Großmutter hat Armin eine engere Bindung. Um ihr Sterben zu begleiten, kehrt er nach Hause zurück, in seine alte Heimat. Am Tag nach dem Tod der Großmutter wacht Armin auf und ist allein auf der Welt. Die Menschen scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben. Ziellos streift Armin ein wenig durch die Gegend, doch dann wird er sesshaft, in einem Ferienhaus der Familie, das er mit Generator betreibt und zu seinem Quartier ausbaut. Wieder ist er allein, konzentriert sich ganz auf das Überleben, doch dann läuft ihm eines Tages eine Art Eva in Gestalt von Kirsi (Elena Radonicich) über den Weg. Für einige Zeit bildet das Paar eine Gemeinschaft, scheint sich eine für Armin bislang ungewohnte Sesshaftigkeit anzubahnen, doch dieser Zustand ist nicht von Dauer. Dass Ulrich Koehler, Regisseur von „Und Montag kommen die Fenster“, mit „In My Room“ keinen richtigen Genrefilm gedreht hat, überrascht wenig. Zwar bedient er sich mit dem plötzlichen Verschwinden eines Großteil der Menschheit eines typischen Musters des fantastischen Films, platziert einen, später zwei Menschen allein in den Ruinen der Zivilisation, doch wo sich ein Genrefilm bald für die Ursachen der Katastrophe interessieren würde, nach außen, auf das große Ganze blicken würde, richtet Koehler den Blick nach innen. Das Konstrukt einer Katastrophe, das plötzliche auf sich selbst gestellt sein nutzt Koehler nun also, um die Psyche seiner Hauptfigur Armin auszuloten. Schon als er noch unter Menschen lebte, hatte es sich dieser in seinem Alleinsein gut eingerichtet, dementsprechend leicht fällt es ihm nun, komplett allein zu sein. Bis, ja, bis ihm eine Frau über den Weg läuft, mit der die Möglichkeit einer Familie, einer Art von Sesshaftigkeit im Raum steht. Kein emotionaler, sondern ein intellektueller Film, weniger mit Herz, als mit Hirn gefilmt, dessen formale Strenge der Inszenierung beeindruckt.

AB 8. NOVEMBER IN DER SCHAUBURG

REGIE Kiril Serebrennikov BUCH Mikhail Idov, Lili Idova, Kiril Serebrennikov DARSTELLER Teo

Yoo, Irina Starshenbaum, Roma Zver, Anton Adasinsky, Liya Akhedzhakova, Yuliya Aug, Filip Avdeev LAUFZEIT 126 Minuten FSK 12 VERLEIH Weltkino

REGIE & BUCH Ulrich Koehler DARSTELLER Hans Löw,

Elena Radonicich, Michael Wittenborn, Ruth Bickelhaupt, Emma Bading, Katharina Linder LAUFZEIT 120 Minuten FSK 12 VERLEIH Pandora

Programmheft Schauburg Karlsruhe - November 2018  
Programmheft Schauburg Karlsruhe - November 2018