Page 22

90 JAHRE SCHAUBURG 22

Günter Fritz

Mitgesellschafter und Freund Georg Frickers. In den Wanderkinojahren fuhr er mit einem zweiten Wagen über die Dörfer. Danach war er die gute Seele der Schauburg: rund um die Uhr, als Filmvorführer, Aufsicht, Süßwarenverkäufer, Chef der Gebäudereinigung, Reparaturhelfer und - Koch, denn alle Mitarbeiter wurden beköstigt …

(29.1.1933 - 21.3.1994)

bietet –, hat sich bis heute nichts geändert, was aber Georg Fricker um so heftiger anspornte, eine Fülle von Aktivitäten zu entfalten, die über den bloßen Kinobetrieb hinausgingen. Fricker war ein kontaktfreudiger, aber auch nerviger Kollege. Die Filmkunstkinos in Deutschland - später Programmkinos genannt - und die meisten dieser Kinomacher kannte er von den Treffen bei Gilde, AG-Kino oder Verbands-Tagungen. Besonders zu Gerhard Zimmermann (1922-2004) vom alten Woki in Bonn (siehe oben), Franz Stadler (1939-2017) vom Filmkunst 66 in Berlin, Dr. Dieter Buchwald vom Cinema München (1940-2018) und Heiner Pier (1939-2011) vom Cinema, Kurbelkiste, Metropolis in Münster hatte er jahrzehntelang engen Kontakt. Die befragte er stringent nach Besucherzahlen und Tipps, was spielenswert und was bei denen weniger saalfüllend war. Fricker: „So schön es ist, Nischenkultur zu präsentieren, es muss auch das Geld dazu da sein.“ Die Schaltung von Werbefilmen war in der Schauburg nur gering, die Eintrittspreise moderat, also musste der Kartenverkauf stimmen. Ab 1980 gab Fricker ein Stadtmagazin heraus, „KiK, Kultur in Karlsruhe“, zunächst wöchentlich, später vierzehntägig. Mut hatte er dabei, denn so was gab es damals nur in Berlin und dort kommerziell gesichert. „KiK“ brachte exklusiv neben allgemeinen, auf den Großraum Baden bezogene Kulturthemen, vor allem Infos zur Filmkultur und deren Machern sowie den kulturgeschichtlichen Zusammenhang. Weil die regionalen Medien damals auch auf Druck der anderen Kinobetreiber „viel zu wenig über uns berichten“, wollte er das mit eigener Publikation ändern; sie sollte der Besucher/Leserbindung an die Schauburg dienen. Zur Auflagensteigerung gab es z. B. eine grenzwertige Fotoreportage „Heiligabend im Karlsruher Puff“ und exklusiv damals riskant freizügige Kontaktanzeigen. Selbst an Beschlagnahmungen hatte er gedacht und deshalb in einem versteckten Hinterhofgebäude in der Nachbarschaft die „Redaktion“ und eine professionelle Lichtsatzanlage „versteckt“. Viele junge Autoren haben in „KiK“ ihren journalistischen Einstieg und den Hungerlohnjob probeschnuppern können. Es erschienen auch Artikel, deren Nachdruck sich große Redaktionen sicherten. Aber 1986 stellte Fricker dieses unrentable Projekt ein. Die 106 Hefte sind heute noch ein Lesevergnügen.

Die Schauburg hatte sich unter Fricker in der deutschen Kinoszene zu einer kulturellen Institution von Rang entwickelt. Mit seinem Kampf für das anspruchsvolle Kino stand er bundesweit nicht allein. 1972 war in Hamburg die Arbeitsgemeinschaft (AG) Kino von sieben Kinoleuten aus dem Norden der Republik gegründet worden. Die AG Kino unter Führung von Werner Grassmann (*1926), dem Gründer des Hamburger Kinos Abaton, hatte sich den Einsatz für eine vielfältige Kinolandschaft auf die Fahne geschrieben. Sie kämpften gemeinsam und trotz deftiger Meinungsstreitereien gegen die Blockadepolitik der Kinocenter und Kino-Platzhirsche. Die Schauburg bekam das ständig bei Programmplanungen zu spüren. Gegen den „Filmgroschen“ des ersten Filmförderungsgesetzes, der Kinos zwang, 10 Pfennig pro Besucher an die Filmförderungsanstalt abzuführen, unabhängig von der Höhe des Eintrittspreises, stritt man ebenfalls erfolgreich. Denn das benachteiligte eindeutig Kinos, die mit niedrigen Eintrittspreisen ein studentisches Publikum anzogen. Dass mit dieser Zwangsabgabe nicht der Neue Deutsche Film, der noch nicht den großen Publikumszuspruch hatte, sondern nach dem Prinzip der Referenzförderung allen Ernstes eine fragwürdige, aber publikumsträchtige Reihe wie „Schulmädchenreport“ gefördert wurde, gehörte zu den Fragwürdigkeiten dieser Filmförderung, die nicht zuletzt dank der AG Kino und Frickers Schonungslosigkeit nach und nach abgestellt wurden. Als Vorkämpfer für kleine Nischenkinobetreiber hat er 1989 erfolgreich gegen die Blockadepolitik der Filmverleiher und Kinoketten im Kinokartellstreit einen schwierigen, teuren Rechtsstreit bis zum Erfolg geführt. U. a. Heinz Riech von den Ufa-Kinos und Filmverleiher wurden vom Bundeskartellamt mit hohen Strafen belegt. Durch sein knallhartes Engagement und unerbittlichen Fleiß hatte er damit für alle Zeiten den kleinen Kinomachern erheblich bessere Konditionen und mehr Rechte gegenüber den Branchenmultis erstritten. Gewürdigt und gedankt hat man ihm das kaum, zumal man diesem kleinen Randalierer aus Baden den unerwarteten Sieg neidete. Ganz auf der Linie der AG Kino lagen Filmemacher wie Alexander Kluge, der Vordenker des deutschen Autorenkinos, und Max Willutzki, die mit gesellschaftskritischen Filmen wie „Der lange Jammer“ und „Faust in der Tasche“ eine mittlerweile fast vergessene realistisch-sozialkritische Spielart des deutschen Films in der Ära nach ´68 repräsentierten. Nicht nur ihre Filme liefen in der Schauburg, sie kamen auch selbst vorbei, um sich der Publikumsdiskussion zu stellen. Die Förderung des künstlerischen Films war und ist auch das Ziel der „Gilde deutscher Filmkunstheater“. Der 1953 gegründete Verein sorgte maßgeblich dafür, dass französische und italienische Filme, klassische Hollywoodfilme, aber auch Filme aus dem Ostblock den Weg in deutsche Kinos fanden. Ohne die Gilde wäre das sperrige Filmwerk des Schweden Ingmar Bergman in Deutschland wohl kaum derart populär geworden - lange vor „Das Schweigen“. Es versteht sich fast von selbst, dass Georg Fricker auch der Gilde beitrat und somit in einer Person den Zusammenschluss der beiden Institutionen, der erst im September 2003 erfolgte, schon Jahrzehnte zuvor vorwegnahm. Ab 1980 konnte man an der Kasse der Schauburg den Gilde-Kino-Pass erwerben. Als Gilde-Mitglied kam man damit in den Genuss reduzierter Eintrittspreise zu den meisten Filmvorstellungen in der Schauburg. Es war eine kleine Investition in die Zukunft des niveauvollen Kinos, die sich für regelmäßige Kinogänger schon nach kurzer Zeit auszahlte. An guten und interessanten Filmangeboten herrschte in der Schauburg nie Mangel – auch nicht in den 80er-Jahren.

Profile for Schauburg Kino & Theater

Schauburg Cinerama Karlsruhe - Programmheft April 2019  

Das Programmheft des Schauburg Cinerama Filmtheaters für April 2019.

Schauburg Cinerama Karlsruhe - Programmheft April 2019  

Das Programmheft des Schauburg Cinerama Filmtheaters für April 2019.