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90 JAHRE SCHAUBURG 21

Das US-Programm ließ sich Fricker werbewirksam vom DistriktKommandeur der US-Army in Karlsruhe absegnen. Es sollte die Karlsruher mit den hier stationierten US-Soldaten zusammenbringen. Das funktionierte zwar nicht, die US-Truppen in Karlsruhe hatten schließlich im Minute Man-Theater in der Nordstadt ein eigenes Kino, in dem US-Filme für sie schon vor dem deutschen Kinostart zu sehen waren. Aber die anglo- und americanophilen Karlsruher Filmfans sowie die Studenten waren begeistert. Für uns Heutige ist es kaum vorstellbar, dass man damals noch keine Originalfassungen (auf Kassette, Scheibe oder gar im Internet…) bezahlbar bekommen konnte. · Zum Programmprofil passte von Anfang an der Blick zum französischen Nachbarn. Vom Mai bis Juli 1978 zeigte die Schauburg französische Filme in Originalfassung; natürlich waren die Filme von Louis Malle und Jean-Luc Godard dabei. Ein besonderes Schmankerl waren Filme des in Frankreich ungeheuer populären Filmemachers und Schriftstellers Marcel Pagnol. Die Schauburg öffnete, ohne Hollywood links liegen zu lassen, den Blick auf das internationale Filmgeschehen, dies- und jenseits des Rheins, in Europa und in der Welt. Es gab in den 70er-Jahren Reihen zu Ingmar Bergman, Woody Allen, Andy Warhol usw. . Das Etikett „Internationale Filmkunsttage“ erwies sich bald als überflüssig; alle Tage waren und sind in der Schauburg internationale Filmkunsttage. · Jazzfeste, Silvesternächte, Fasching, Kabarett, Theater, Musik, Tanz, Kleinkunst – viele, die damals in einem Karlsruhe ohne Jubez, Substage, Tollhaus, Tempel, ZKM, Orgelfabrik, Gotec, Alte Hackerei, und und und noch gar keine anderen Auftrittsmöglichkeiten hatten, nutzen die riesige Schauburg-Bühne hinter der inzwischen umgebauten auffaltbaren Bildwand – und den grenzenlosen Mut von Georg Fricker, der sich zur Risikowahrnehmung keine Zeit nahm. Dann gab es noch Dauerbrenner wie die Filmzelebration „Rocky Horror Picture Show“ im Publikumsmitmachformat… · Schon in den 70er-Jahren begann auch die Kooperation mit gesellschaftlichen und kulturellen Gruppen, denen die Schauburg immer wieder ein Forum gab, am liebsten und am passendsten in Verbindung mit Filmvorführungen zu einem bestimmten Themenkreis. Im April 1977 zeigte und diskutierte man in Zusammenarbeit mit der Filmgruppe Frauenzentrum Karlsruhe vier Frauenfilme von Helma Sanders, Alexander Kluge und Agnes Varda. Eine Auflistung der gesellschaftlichen und kulturellen Initiativen, der Kulturvereine und Institutionen, mit denen die Schauburg im Lauf der Zeit kooperiert hat, würde Seiten füllen, einige davon wie die Filmgruppe Frauenzentrum, die aus einem bestimmten Zeitgeist heraus entstanden sind, erwiesen sich als nicht sehr langlebig. Aber dank der Schauburg konnten sie wie viele andere ihr Anliegen unter die Leute bringen. Dabei verstand es sich in den bewegten 70er-Jahren, kurz nach 68, und in den 80er-Jahren fast von selbst, dass der Film ein Medium der Linken war und sogenannte progressive Ideen transportierte: die Emanzipation der Frau, die Einbindung sozialer Randgruppen, das Brechen gesellschaftlicher Tabus. Dazu gehörte damals noch das Thema Homosexualität! Das war zudem riskant, denn der §175 wurde erst 1994 abgeschafft. Gerade dieser Aspekt verdient in Bezug auf die Schauburg und Georg Fricker besondere Beachtung. In einer konservativen Stadt wie Karlsruhe, der damals und immer noch das Image einer Beamtenstadt anhing, und einer ebenso konservativen Lokalzeitung war es gar nicht so einfach, dafür publizistische und andere Unterstützung zu finden. Für die

Schauburg Kassenhalle Cinerama Umbau 1968 Bekanntgabe solch unbürgerlicher Waghalsigkeiten wäre eine publizistische Unterstützung auch durch Radio und Fernsehen hilfreich gewesen. Nicht alle Eltern fanden es damals gut, wenn nachmittags in diesen Räumlichkeiten zu niveauvollen Kinder- und JugendfilmProgrammen oder Schulvorstellungen eingeladen wurde. Es bedurfte der mit 25.000 DM dotierten Auszeichnung 1977 durch das Bundesministerium des Inneren für eine exzellente Programmgestaltung, die zweitbeste in ganz Deutschland, die auszeichnungswürdige Qualität des Schauburgprogramms auch außerhalb der Cineastenkreise bekannt zu machen. Fricker polterte spontan ins Rathaus und raunzte den Oberbürgermeister sowie den Kulturreferenten an, weil sie ihm zu dieser Auszeichnung nicht gratuliert hatten und überhaupt für Kinokultur keine Zeit und keine Unterstützung gaben. Dass er das alles ohne Subventionen schaffte, macht seine wütende Enttäuschung verständlich. Auf dem Höhepunkt des grassierenden Kinosterbens und am Beginn der „Zellteilung“ der überlebenden Innenstadtkinos wie Universum, Luxor und Kurbel erzählte Fricker im November 1976 dem Karlsruher Kulturmagazin Dambedei von der Schauburgsituation. Auch dort war in diesem Jahr durch einen Umbau im Anbau noch ein kleiner Kinosaal mit 70 Plätzen dazu gekommen, der entsprechend seiner Größe den niedlichen Namen Bambi erhielt. Schon Jahre zuvor war durch die Abtrennung des Balkons der große Schauburgsaal in zwei Säle unterteilt worden, mit einer Sitzkapazität von dann nur noch 385 und 148 Plätzen. Dabei gelang es sogar, der Cinerama-Schauburg die große stark gewölbte Bildwand in voller Pracht zu belassen und einen neuen Vorführraum mit projektionstechnisch viel besserer Positionierung einzurichten. In einer Kinoanzeige in den BNN im Januar 1976 firmieren die beiden größeren Säle als Kino 1 und Kino 2. Im Interview nennt Fricker das kleinere von beiden „Cinema“ und dabei ist es dann auch geblieben. An den von ihm schon damals beklagten Standortnachteilen des Kinos – versteckt in der Südstadt, an einer Einbahnstraße gelegen, die kaum Parkmöglichkeiten

Profile for Schauburg Kino & Theater

Schauburg Cinerama Karlsruhe - Programmheft April 2019  

Das Programmheft des Schauburg Cinerama Filmtheaters für April 2019.

Schauburg Cinerama Karlsruhe - Programmheft April 2019  

Das Programmheft des Schauburg Cinerama Filmtheaters für April 2019.