Programmheft des Schauburg Cinerama Filmtheaters Karlsruhe

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AB 6. JANUAR

AB 6. JANUAR

PLÖTZLICH AUFS LAND – EINE TIERÄRZTIN IM BURGUND ›LES VETOS‹ | DRAMA, KOMÖDIE |FRANKREICH 2019

Eine junge Tierärztin muss in einem Dorf Fuß fassen, obwohl sie das eigentlich gar nicht will. Sympathische Komödie, die man als französische Version von „Der Doktor und das liebe Vieh“ sehen könnte. Seit Jahren hat Alex (Noémie Schmidt) darauf hingearbeitet, in die Forschung zu gehen, als ihr Onkel Michel sie zurück nach Morvan in die tiefste französische Provinz lockt. Sie glaubt, er liegt im Sterben, tatsächlich möchte er aber, dass sie die Tierarztpraxis, die er zusammen mit Nico (Clovis Cornillac) führt, übernimmt. Da Michel sich gleich aus dem Staub macht, bleibt Alex, aber die praktische Arbeit ist doch etwas ganz anderes als die theoretische. Ganz zu schweigen davon, dass die Dorfbewohner mit ihrer spröden Art auch nicht gerade gut zurechtkommen … Die Geschichte ist recht unaufgeregt erzählt. Sie funktioniert vor allem dann am besten, wenn Alex auf die Bewohner des Dorfes trifft, beim Bürgermeister ins Haus einsteigt, weil der seinen Hund vernachlässigt, Schnecken heilt und kleinen Kindern sagt, was es bedeutet, wenn der Hase euthanasiert wird. Daraus bezieht der Film einiges an komischem Potenzial. Es ist Humor, der immer auf dem Boden bleibt, der nie überzogen oder grobschlächtig daherkommt. Er entsteht aus dem Kontrast der Großstadtbewohnerin mit den Dörflern. Noémie Schmidt spielt Alex geradeheraus. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, ist damit schwierig und unnahbar, denn so gut sie mit Tieren kann, so unbeholfen und ungelenk ist sie mit Menschen. Bei Nico ist es anders. Er kann mit Menschen und Tieren gut und versteht seinen Job auch so, dass er nicht nur den Vier- und Mehrbeinern, sondern vor allem auch deren Herrchen und Frauchen helfen muss. Wirklich überraschend ist an „Plötzlich aufs Land“ nichts, gute Unterhaltung ist aber dennoch geboten. Weil es auch mal schön ist, einen in sich ruhenden, nur eine kleine Geschichte erzählen wollenden Film zu sehen, der zudem davon profitiert, dass die beiden Hauptdarsteller in ihren Rollen sehr passioniert erscheinen. PROGRAMMKINO.DE / PETER OSTERIED

REGIE & DREHBUCH Julie Manoukian  DARSTELLER Clovis Cornillac, Noémie Schmidt  LAUFZEIT 92 Minuten

LAMB

›DÝRIЋ | DRAMA, KOMÖDIE |ISLAND, SCHWEDEN, POLEN, 2021 Einem einsam lebenden Paar erfüllt sich der Kinderwunsch auf ungewöhnliche Weise. Mystery-Horror-Drama, das eigene Wege beschreitet und geschickt ein diffuses Unbehagen heraufbeschwört. Dass „Lamb“ auch in Deutschland auf die große Leinwand kommt, kann man nur begrüßen. Sieht man im Kino doch viel zu selten unheimliche Filme, die das Publikum nicht andauernd mit aggressiven Schockeffekten traktieren und alle möglichen Entwicklungen lang und breit ausbuchstabieren. Auf einen rätselhaften Einstieg, der zeigt, wie eine Schafherde in einem Stall auf irgendetwas oder irgendjemanden mit Ehrfurcht zu reagieren scheint, führt Jóhannsson den Zuschauer in das eintönig-arbeitsame Leben des Paares María (Noomi Rapace) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason), das mitten im isländischen Nirgendwo einen Bauernhof besitzt. Fast zehn Minuten lang verfolgen wir die täglichen Routinen der Hauptfiguren, ohne dass die beiden miteinander sprechen würden. In der Einsamkeit braucht es offenbar nicht viele Worte. Die durchaus bedrückend wirkende Schweigsamkeit ist nicht zuletzt Ausdruck eines erlittenen Traumas, das uns der Film nicht entgegenschreit, sondern im Vorbeigehen näherbringt: María und Ingvar haben ihr Kind verloren. Eines Tages staunen die Protagonisten nämlich nicht schlecht, als sie einem Lamm helfen, auf die Welt zu kommen. Dieses Mal ist etwas anders. Das verraten schon ihre ungläubigen Blicke und ihre Entscheidung, das kleine Wesen zu sich ins Haus zu holen und wie ein Baby aufzuziehen. Mit einiger Verzögerung erfährt auch der Betrachter den Grund für das ungewöhnliche Verhalten: Die Kreatur ist eine – tricktechnisch überzeugend umgesetzte – Mischung aus Tier und Mensch. Nach der Enthüllung könnte „Lamb“ ins Lächerliche kippen. Jóhannsson vollbringt aber das Kunststück, sein reichlich absurdes Szenario völlig normal erscheinen zu lassen und mit wahrhaftigen Emotionen aufzuladen. Weil María und ihr Mann nicht an ihrem neuen Familienglück zweifeln, ist man plötzlich bereit, die ungewöhnliche Situation anzunehmen, und freut sich für das leiderprobte Paar, das seinen Schmerz langsam abstreifen kann. PROGRAMMKINO.DE / CHRISTOPHER DIEKHAUS REGIE Valdimar Jóhannsson  DREHBUCH Valdimar Jóhansson, Sjón DARSTELLE Noomi Rapace, Hilmir Snær Guðnason, Björn Hlynur Haraldsson, Ingvar Eggert Sigurðsson, Ester Bibi, Theodór Ingi Ólafsson LAUFZEIT 106 Minuten

NEU IM JANUAR 07