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inhalt Vorwort 6 - 11 Ein Leben für … 12 - 23 Ein Leben lang 24 - 43 Planerladen e.V. 44 - 53 Ein neues Leben 54 - 67 Die Nordstadt – ein Melting Pott 68 - 79


vorwort Welchen Bezug zum Dortmunder Norden hatte ich als Wahl-Bochumer, bevor ich mich in die dunklen Gassen der Nordstadt vorwagte, um den doch recht vorurteilsbeladenen Stadtteil zu erkunden? Um ehrlich zu sein, annähernd überhaupt keinen. Genauso wenig gab ich mir irgendwelche Mühe, einen Stadtteil, der mir recht unbekannt war, als besonders Gehaltvoll oder eben als besonders gefährlich und heruntergekommen anzuerkennen. Mir war nicht bewusst, dass die Skatehalle des Keuninghauses Teil der Nordstadt war, und mir war auch nicht bewusst, wie oft ich mich bereits Nachts in diesem Teil der Stadt rumgetrieben habe. Meine vorherige Wahrnehmung geht also von Beginn an einher mit dem eigentlichen Resultat unseres kleinen Projektes. Die räumliche Trennung, egal ob sie bedingt ist durch eine Postleitzahl oder optische Merkmale, welche rapide auf eine Grenze zwischen Stadtteil A und B hinweisen sollen, sind mir schon immer egal gewesen. Es gab in meiner doch recht kleinen Stadt ebenfalls diese Art von räumlicher, als auch kultureller Trennung. Es gab auch Jungs, die einfach nicht mit mir in die verbotene Zone wollten, wobei man dort erheblich mehr entdecken konnte. Ich war schon immer ein Grenzgänger und ich kannte die bösen Jungs. Zwei Mal die Woche trainierten wir in der selben Fussballmannschaft und unter der Woche sollte es mir dann versagt werden mit ihnen zu spielen? Das ergab schon damals keinerlei Sinn für mich. Seitdem ich, bedingt durch das Projekt, dem Norden von Dortmund mehr Aufmerksamkeit schenke, fällt mir auf, dass es gewisse Parallelen zu jedem anderen sozial schwächeren Stadtteil des Ruhrgebiets gibt, es für mich dennoch keinen Unterschied macht, ob ich nun durch Oberhausen Sterkrade, Bochum-Wattenscheid oder den Dortmunder Norden laufe. Ich sehe eine grosse gemischte Tüte, voller Kulturen und Riten. Ich sehe Menschen, die eine andere Geschichte zu erzählen haben, als die jenigen, die sich den ganzen Tag durch die Thier-Galerie quetschen. Ich will Entdecker sein und mich durch den Dreck sowie durch sprachliche und kulturelle Barrieren wälzen, aber ich möchte auch zurückblicken und sagen, dass ich

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weiss wie es ausserhalb des Dortmunder Stadtzentrums aussieht. Großherzig und dreckig, aber nicht anders als irgendwo sonst hier im Ruhrgebiet. Die Gruselgeschichten sind mir bekannt, aber nie begegnet. Nicht annähernd. Alle Kommentare und Erzählungen der Menschen, die wir getroffen haben und hier zeigen, so witzig, traurig oder unterhaltend sie auch gewesen sind, sind mir so oder ein wenig anders auch schon woanders begegnet. Schwarze Schafe und Samariter. Beides Vertreten. Beide reichen sich die Hände.

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ein leben für … Pfarrer Friedrich Laker mit einer Einschätzung zur Sitation der Kirche und zur Arbeit als Geistlicher in Dortmunds Norden.

In der Nordstadt haben wir eine extrem hohe Kirchendistanz, auch der Gemeindemitglieder. Diese war hier geschichtlich bedingt immer schon größer als anderswo in Dortmund oder gar in ländlichen Gebieten, da die Arbeiterbevölkerung, die es einmal sehr stark hier gegeben hat, sich nie so für Kirche geöffnet hat und interessiert war wie es in eher bäuerlich geprägten Gegenden oder Gemeinden mit höherer akademischer Ausbildung in der Regel der Fall ist. Ich meine das ganz wertneutral. Die Nordstadt hat sich in den letzten 20 Jahren zudem stark verändert. Mehr und mehr leben hier Arbeitslose und natürlich ein immer höherer Anteil von Migranten, die oft in sehr einfachen Verhältnissen leben. Ein weiterer großer Anteil bilden Leute, die in der Regel nur kürzere Zeit hier wohnen, viele Singles darunter, natürlich auch Studenten. Die Kirchendistanz wird dadurch nicht geringer, sondern eher noch höher. Dadurch gerät die traditionelle Kirche hier viel stärker in eine sichtbare Krise als anderswo. Hier brechen seit 20 Jahren Schritt für Schritt die Strukturen ein. Es gibt in traditionellen Gemeindegruppen keinen Nachwuchs mehr. Der Gottesdienstbesuch, der hier immer schon sehr viel geringer war als anderswo, hat in den letzten 10 Jahren um 30 % abgenommen. Geht der Rückgang so weiter, kann die traditionelle Kirche hier in 20 Jahren die Türen endgültig schließen. Durch diese Situation steht die verantwortliche Leitung der Gemeinde (Presbyterium) vor einer großen Herausforderung. Neben den vier Pfarrstellen mit fünf Pfarrerinnen und Pfarrern sitzen im Presbyterium 18 Ehrenamtliche. In ländlichen Gemeinden

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ist dieses Presbyterium in der Regel eher konservativ besetzt. Ein Pfarrer, der hier neue Wege gehen will, hat meist schlechte Karten, denn ohne die Zustimmung des Presbyteriums ist in einer evangelischen Gemeinde auch für den Pfarrer nichts möglich. In der Nordstadt ist das Presbyterium der ev. Lydia-Kirchengemeinde (mittlerweile einzige ev. Gemeinde in der Nordstadt, früher waren es mal fünf) sehr offen. Auch Konservative sind bereit, die Kirchen für neue Wege und Kulturarbeit zu öffnen, da sie selbst auch keine andere Alternative mehr sehen. Das macht es, für mich persönlich, sehr attraktiv hier zu arbeiten. Ich bin schon seit sehr vielen Jahren dafür, dass sich die Kirche öffnet und auch wieder junge Menschen und Menschen mittleren Alters erreicht. Dazu brauchen wir neben neuen Veranstaltungen, Konzerten, neuen Gottesdienstformen auch eine neue spirituelle

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Sprache, die sehr weltoffen ist. Zudem dürfen wir den Menschen heute nichts mehr aufdrängen. Jede und jeder muss frei sein, ihre /seine Konsequenzen zu ziehen, sich mehr oder weniger zu beteiligen; je nach Bedürfnis und zeitlichen Möglichkeiten. Auch drängen wir niemanden auf, evangelisch zu werden oder Gemeindemitglied. Bei uns arbeiten auch regelmäßig Leute mit, die gar nicht in einer Kirche sind oder die katholisch sind. Jede Unterstützung ist für uns wertvoll. So entsteht neben der kleiner werdenden Traditionsgemeinde eine neue Form von „Profilgemeinde“, die unsere Angebote wegen des besonderen „Profils“ der Kulturkirche wahrnimmt. Auch über Leute, die immer wieder mal ein Konzert bei uns besuchen, freuen wir uns genauso wie über die, die an einem unserer neuen Gottesdienste teilnehmen oder mitarbeiten („Talk to heaven“ findet z.B. viermal jährlich


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statt und wird von mehr als 30 Leuten gemeinsam vorbereitet und durchgeführt) oder zu einer „Nacht der Religionen“, zu „Klängen für die Seele“ oder zu einem Gesprächsabend über politische, gesellschaftliche oder kirchliche Themen kommen. Wir gehen an traditionelle kirchliche Themen sehr kritisch dran, hinterfragen bisherige Lehrsätze oder Dogmen und kommen vielfach zu neuen Auslegungen. Das wäre in einer eher konventionellen Gemeinde so auch nicht möglich. Bald haben wir auch Gottesdienste, in denen über einen Songtext der Rockmusik gepredigt wird. Das Presbyterium ist für so etwas sehr offen, auch wenn manche Konservative skeptisch sind gegenüber dieser Arbeit. Das Presbyterium hat, vor 10 Jahren bereits, sich zu einer Schwerpunktpfarrstelle entschlossen, damit auch die Zeit eines Pfarrers bzw. bei meiner Frau und mir eines Pfarr-Ehe-

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paars dafür da ist, solche Dinge zu tun. Zur Hälfte unserer Arbeitszeit (meine Frau und ich teilen uns eine Pfarrstelle) füllen wir die Schwerpunktpfarrstelle aus (Auftrag: Menschen der mittleren Lebensphase mit neuen Veranstaltungen und Angeboten neu für die Kirche zu erreichen). Das entspricht also bei jedem von uns 25 % einer vollen Stelle. Die andere Hälfte machen wir traditionelle Arbeit, Gottesdienste sonntagmorgens, Taufen, Trauungen, Beerdigungen. Unsere Kolleginnen und Kollegen in der Gemeinde machen insgesamt den größeren Anteil der traditionellen Arbeit. Wenn meine Frau und ich nicht zur Hälfte

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für die neue Arbeit freigestellt wären, könnten wir insgesamt auch nicht so viel aufbauen und anbieten. Daher war das damals eine wichtige Grundsatzentscheidung. Mittlerweile sind in das Presbyterium Leute gewählt worden, die über die Kulturarbeit zu uns gefunden haben. Das heißt: das neue Presbyterium wird diese Arbeit weiter stärken und dafür Rückendeckung geben.


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ein leben lang Interview mit der Skateboard Initiative Dortmund und der Leiterin des Dietrich Keuning Hauses.

Auf eurer Homepage stellt ihr euch der Stadt Dortmund und dem Ruhrgebiet als eine Art Vermittler der Skateboard-Szene und den Vertretern der Stadt Dortmund vor. Ihr habt einen Verein gegründet, obwohl der Vereinsgedanke oder alles was sich mit der gängigen Vereinskultur in Verbindung bringen lässt, eigentlich nicht dem Grundgedanken der Skateboard-Szene entspricht. Allerdings müssen wir uns alle eingestehen, dass wir ohne städtische Förderung nicht so

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weit kommen würden. Wir finden, dass ihr diese Gradwanderung optimal meistert. Es muss einfach sehr viel Liebe für die Bewegung in euch stecken, um das meiste dann doch in die eigenen Hände zu nehmen. Es wäre toll, wenn ihr einfach erzählt, wie alles für euch anfing, was lässt eure Augen glänzen wenn ihr zurück denkt oder auch, wenn ihr nach vorne schaut? Wie stellt ihr euch vor, dass es weiter geht? Wir stehen ja mit dem Verein noch ziemlich am Anfang. Das meint den Punkt, den du als aller erstes gemacht hast, wo es darum ging, dass wir zum Beispiel aktive Lobbyarbeit

für Skateboarding machen oder dass wir uns für die gesamte Szene einsetzen können, davon sind wir momentan noch

weit entfernt. Dazu reichen auch unsere Kapazitäten und Ressourcen einfach nicht aus. Wir


haben bisher auch einfach nur diesen kleinen Verein. Das erste und wichtigste Projekt was wir hinbekommen haben war erst einmal, dass wir es geschafft haben, dass wir hier zusammen arbeiten können und Leute zu

bekommen, die da auch Bock drauf haben, das hier freiwillig zu machen und vor allem auch unentgeltlich. So etwas wie Profitorientierung oder etwas

ähnliches kann und darf da nämlich nicht hinterstehen. Im weiteren haben wir dann auch hier die Skatehalle, die als ein Projekt von unserem Verein angedacht war. Das hat sich dann alles ganz gut ergeben, dass auch alles so geklappt hat und wir Strukturen gefunden haben, wie wir am besten als Team arbeiten können und da ist es einfach unerlässlich in diesem Staat, in dem wir hier leben. Gerade wenn man dann mit Fördermitteln / Geldbeträgen, die einfach so eine Halle erforderlich machen, hantieren muss, muss das ein gewisses organisatorisches Fundament haben. Da ist so ein Verein das offenste was es da so gibt, was wohl auch unserer Szene so am nächsten ist. Auf der anderen Seite glaub ich auch kaum, dass es möglich ist, so einen Laden betriebswirtschaftlich sinnvoll zu führen, als Unternehmen oder sowas, da war einfach ziemlich schnell für uns klar,

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dass es nur ein Verein sein kann. Spricht auch sicherlich nichts dagegen irgendwann mal eine Stiftung aufzubauen, aber für so was muss erstmal das Geld da sein. Der Verein ist einfach das Lockerste und Beste, was wir machen können. ist schon ein wenig tricky gewesen, dass wir die „Gemeinnützigkeit“ bekommen, damit wir zum Beispiel Spenden entgegen nehmen können. Das alles war erstmal die Grundintention und das, was voran gestellt werden musste, dass wir das als ein Projekt unseres Vereins sehen und es mehr oder weniger auch notgedrungen machen mussten. Wir machen es aber definitiv alle aus Liebe zu unserem Rollbrettsport, wo wir seit – ich weiß nicht – 25 oder 30 Jahren oder meinetwegen auch seit 5 Jahren, dran sind und man kommt davon einfach nicht mehr weg. Wir werden ja jetzt auch nicht mehr jünger und von daher muss man auch

irgendwie gucken, dass man das ganze mit einer gewissen Perspektive verbindet. Um 1989 / 1990 herum war hier im Keuning Haus die Dortmunder Skateboard Messe – es sind sicher einige von euch da gewesen . Draußen wurden Shows gefahren, hier ging es drunter und drüber. In der Halle hier war echt Hektik und Begeisterung, die Rampen waren jedoch völlig andere. Was denkt ihr, wie konnte diese Halle bzw. dieser ganze Spot hier so lange bestehen? Jeder Hype, vor allem aber jede Flaute wurden überlebt, während woanders im Ruhrgebiet viele Hallen eröffneten, aber kurz danach wieder geschlossen wurden. Es liegt hauptsächlich daran, dass es damals im Winter eine Eissporthalle war, ich weiß ja nicht, ob es jemand wusste. es war echt so, dass die Saison vorbei war, so gegen März / April, dann wurde halt das Eis abgetaut und die Rampen auch wieder hingestellt. War halt ziemlich einfach zu bewerkstel-

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ligen, weil es alles mobile Rampen waren, außer jetzt die Mini Rampe. Ich denke aber schon, dass das ein großer Grund dafür war, dass hier alles so lang gehalten hat. Wenn es nur eine reine Skatehalle gewesen wäre, dann hätte es bestimmt auch nicht

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funktioniert. Und vor allem, wenn es nicht städtisch gewesen wäre. Das ist eigentlich auch der andere Aspekt. Es ist schon immer eine städtische Halle gewesen und wurde daher dann auch vom Dietrich Keuning haus bewirtschaftet. Die hatten dann hier

ihr Personal drin. Wichtig ist auch zu erwähnen, dass der Leiterin die Skateboardhalle sehr am Herzen liegt. Sie steckt wirklich enorm viel Herzblut hier rein und gibt hier immer Gas, wenn es nötig ist. Spricht mit den Politikern bzw. regelt alle politi-


schen Aspekte, wenn in der Richtung etwas nötig ist. Ohne so jemanden, der so viel Initiative zeigt, wäre all das hier auch nicht möglich. Wir brauchen halt auch jemanden wie sie, die Brücken baut, denn wir sind jetzt nicht so vernetzt, dass wir in den Kulturbetrieben nur einmal anrufen und dann haben wir direkt den Leiter dran der uns sagt, dass der Antrag durch geht. Gerade bei solchen Angelegenheiten wurde uns hier massiv geholfen. Noch kurz etwas zu den Ups und Downs, die es in der Skateboard Bewegung gegeben hat, es ist schon richtig, dass es Mitte der ‘90er extrem abgeebbt ist, gleichzeitig muss man sagen, dass wir hier in Dortmund auch erstmal eine der größten Städte Deutschlands sind und von daher hat so eine Einrichtung hier auch eine ernsthafte Daseinsberechtigung. Vor allem auch, weil es gerade im Ruhrgebiet keine dauerhafte Rampenlösung gab. Wir hatten hier ja auch schon Sachen, wie den Worldcup zum Beispiel, also wirklich offizielle

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Weltmeisterschaften, die hier auch öfter ausgetragen wurden. Dortmund hatte vor allem schon immer eine sehr aktive Skateszene, die jedoch immer ein bißchen zerstückelt war. Allerdings muss man dazu auch sagen, sie war nie so medienaktiv wie andere Skateszenen. Man ist hier immer ein bißchen ruhiger geblieben in Dortmund. Manchen nennen es auch “underground”.

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Von damals bis heute ist man hier immer bodenständiger geblieben als die Skateszene anderswo. Das allein sagt eigentlich auch wie es in Dortmund ist. Auch wenn hier nie viele Skater waren und es immer ein wenig ruhiger um uns war, wir waren immer vertreten. In anderen Städten, mit noch mehr Szene würden so eine Halle sicher noch länger existieren, aber gerade durch die Bodenständig-


keit und durch die städtischen Mittel ist es genug Grund, diese Halle hier am laufen zu halten. Was wir hier auch noch in Dortmund hatten war die Boardstein, das darf man natürlich auch nicht vergessen. Wenn man sich die Zeitschrift und die Publikationen anguckt war das natürlich ein sehr alternatives Blatt. Skateboarding hatte immer mal Flauten – wie ihr schon gesagt habt. Hier in Dormtund ging es nochmal richtig ab mit der Boardstein. Was so ein bißchen die ganzen kleinen Leute, die aus unterschiedlichen Stadtteilen gekommen sind, ordentlich zusammen geschweisst hat. Das war damals auf jeden Fall auch ein Treffpunkt. Hier das Keuning haus, dann der Stadtgarten und die Boardstein. Drei zentrale Treffpunkte. das ist was, was zusammen schweisst. Wir haben über die Boardstein damals auch verschiedene Städtetouren gemacht, hier in Dortmund einen Contest – Döner Jam hieß der –

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gerade wir, wie wir hier sitzen, haben uns so auch kennengelernt. Der Zusammenhalt von Dortmund und der Boardstein ist auf jeden Fall zu erwähnen. Was jetzt kommt, wurde nun schon ein wenig angeschnitten. Über 20 Jahre auf dem Rollbrett zu stehen und irgendwie verantwortlich für Nachwuchs zu sein, welcher bald die umgebaute Halle fahren möchte, wie fühlt sich das für euch an? Ihr könnt es doch sicherlich kaum selbst erwarten die Halle zu fahren. Ist das Vorankommen der Skateboardkultur wichtiger, so dass ihr erstmal eure Bedürfnisse zurücksteckt und sagt „Komm, lass erstmal die Kids ran und später sind wir dran!“. Oder doch viel lieber erst ein paar Tage mit den besten Freunden hier einschließen? Nee, nee, nee. Wir hatten hier speziell den Fall, dass der Nachwuchs es gar nicht mehr abwarten konnte hier rein zu kommen, deswegen haben wir auch direkt einen in unser Rampenbauteam mit aufgenommen. Der stand draußen vor der Tür und wollte hier rein. Der hat jetzt schon eine Verbundenheit zu den Rampen, weil er die Schrauben selber mit rein gedreht hat. Das ist das wichtige an unserem Job hier. Wir sind nachwuchsfördernd hoch zehn. Es bleibt aber auch nicht aus, dass man bei einem Hallenumbau seine eigenen Bedürfnisse ein wenig zurück steckt und dann erstmal guckt, was alle wollen. Es kommt halt drauf an, dass der Laden hier läuft, weil sonst können wir selber in einem halben Jahr nicht mehr fahren. Wir müssen also erst ein mal die Grundlage schaffen, dass die Leute sagen, sie kommen gerne wieder hier hin und dann kann man auch mal wieder an eigene Interessen denken. Jetzt steht aber erst mal nur die Halle im Vordergrund. Ansonsten ist es mit der Nachwuchsförderung hier aber ein sehr kontinuierlicher Prozess, nicht wie bei einem Staffellauf oder so. Man hat nicht nur eine Zone in der der Stab übergeben wird und da macht man irgendwas

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… als ich damals nen Ollie konnte, hab ich das dem nächsten direkt auch beigebracht. Irgendwann wird man aber auch zu alt … inzwischen können uns die jungen Hüpfer irgendwelche Tricks zeigen. Die sind halt mit elf Jahren schon drei mal besser als wir es sind. Andererseits ist es auch so, dass man über die jahre hinweg eine gewisse Boardsicherheit bekommt und da kann man auch aus einem Erfahrungsschatz schöpfen, den die Kids einfach noch nicht haben. Es ist aber nicht so, dass wir sagen, wir sind nun alt genug um Trainer zu werden. Es ist und bleibt ein Szeneaustausch, der passiert, wenn man sich trifft, egal ob der jetzt ein junger ist oder ein älterer. Man ist natürlich auch stolz, wenn man Kids sieht, denen man vor einigen Jahren einen Ollie gezeigt hat und die einen jetzt locker in die Tasche stecken. Skateboard ist und bleibt ein kontinuierlicher Prozess. Das fing damals an, dass man nen Ollie schon kannte, aber dann auf einmal einen Ollie mit einem Pop macht und so mehr Zeit innerhalb des Tricks hat. Die Kids jetzt kennen das nur so, die haben das drin und müssen das nicht noch nervig lernen Standards weiter zu entwickeln. Die haben später mal andere Aufgaben. So entwickelte sich der Sport immer weiter.

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Wie ist für Sie die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen, speziell mit der Skateboard Szene in Dortmund? Wie gut ging hier alles vonstatten in den letzten Jahren? Wir haben den Skatepark im Jahre 2004 hier eröffnet und ich glaube da haben wir auch den entscheidenden Schritt gemacht. Wir haben die Rampen nicht von der Stange gekauft, sondern wir sind wirklich auf ein Konzept aufgestiegen, das man hier wirklich für die Halle entworfen hat. Das war eine Idee, die zum Glück auch echt umgesetzt worden ist. Da war die Szene direkt dran beteiligt. Es hat nicht irgendjemand geplant, der einfach irgendwo am Schreibtisch sitzt und nur alles auf Papier bearbeitet, sondern jemand, der von der Materie weiß und einfach weiß, was Sache ist. Vor allem aber jemand, bei dem es um Dialog und den ständigen Kontakt zu den Skatern ging. Das ganze ist auch mit vielen vielen Skatern

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zusammen gebaut worden. Das ist sicherlich wirklich der Samen gewesen, der am Anfang in die Erde kam und im Laufe dieser Jahre Früchte getragen hat. Wir sind jetzt in der Situation, dass wir Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche machen und uns auf die Fahne geschrieben haben, im kulturellen, pädagogischen und sozialen Bereich zu fördern wo immer es nur geht, speziell dann auch eine kulturelle Teilhabe zu sichern und was für uns oberstes Gebot ist, ist die Szene immer und überall mit einzubeziehen. Gerade im Skatebereich, da sind wir interessierte Laien, aber wir sind nun mal Laien. Es wäre Schwachsinn, wenn wir die Praxis da nicht mit einbeziehen. Durch dieses partizipieren hat sich eine unglaublich gute Zusammenarbeit entwickelt, es ist ein Geben und Nehmen. Das sind die Fachleute und ich in meiner Position habe nunmal die Möglichkeit, Einflüsse


geltend zu machen und dann für ein Ziel Mittel zu beschaffen und zu sehen, dass man es im Interesse der Kinder und Jugendlichen umsetzt. Das ist für mich und für das Keuning haus ein ganz wichtiger Punkt. Aus meiner Sicht sind die Jungs ein ganz toller Haufen, mit dem man toll zusammenarbeiten kann, es ist ein gegenseitiges befruchten. Wir profitieren gegenseitig voneinander. So sollte es weiter laufen …

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planerladen e.v. Als gemeinnütziger und politisch unabhängiger Verein weiß der Planerladen was im Stadtteil wirklich los ist und tritt für die Bedürfnisse der Bewohner ein. Egal ob Hilfe im Alltag, Kultur, Verbesserung der Wohnverhältnisse oder Unterstützung bei Intergration von Arbeitssuchenden, der Planerladen ist da. Die Nordstadt – kein Fass ohne Boden! Stadtteile, wie die Nordstadt finden sich in der einen oder anderen Weise in jeder Stadt. Selbst in prosperierenden Großstädten wie Düsseldorf oder Hamburg. In dieser zusammenhängenden Größe (was Bevölkerungszahl und Fläche angeht) mit zugleich zentraler Lage wie hier, ist die Nordstadt aber schon etwas Besonderes. Wenn etwas Anlass zu Hoffnungen gibt, dann ist dies vor allem die Tatsache, dass die Nordstadt nicht nur Schwächen und Defizite aufweist, sondern auch erkennbare Stärken und Zukunftspotenziale. Es handelt sich immerhin um den Stadtteil mit der größten urbanen Vielfalt in Dortmund, zudem um den jüngsten und damit in demografischer Hinsicht zukunftsträchtigsten Stadtteil. Diese besonderen Schätze der Nordstadt müssen gehoben werden. Dies gelingt aber nur aus der Nähe, d.h. der direkten Kommunikation mit den Menschen auf Augenhöhe und ohne Berührungsängste, sowie – in einem Stadtteil, dessen große Bevölkerungsmehrheit einen Migrationshintergrund aufweist – mit einem hohen Maß an Respekt und interkultureller Kompetenz. Die Nordstadt ist eben Wohnstandort von sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, vor allem von vielen Neuzuwanderern. Dazu gehören oftmals auch die Studierenden oder Absolventen der regionalen Hochschulen. Diese schätzen in der Regel den bunten Mix an unterschiedlichen

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Herkunftsgruppen und das kreative kulturelle Milieu. Ein entscheidender Vorteil der Nordstadt ist ihre zentrale Lage im Stadtgebiet. Sie grenzt unmittelbar an die City. Das heißt aber auch, dass negative Entwicklungen in der Nordstadt auf kurz oder lang in die City durchschlagen können. Die Politik, ob sie will oder nicht, kann damit kaum die Augen davor verschließen. Umgekehrt sind in der Vergangenheit ja auch Entwicklungen aus dem Citybereich in die Nordstadt hineingetragen worden, z.B. die Vertreibung von Obdachlosen oder von Drogenkriminalität. Und dass hier die Linienstraße und bis in die jüngste Vergangenheit hinein die Ravensberger Straße bestimmte Funktionen übernehmen, ist vielen Dortmundern ja ganz recht. Ein ganz aktuelles Beispiel ist das DFB Museum. Dessen Bau wird zum Anlass genommen, den Busbahnhof hinter die Bahngleise in

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den Norden zu verlagern. Man hört immer wieder den Vorwurf, die Nordstadt hänge „am Tropf öffentlicher Förderung“. Dazu trägt insbesondere auch die mediale Vermittlung des negativ Images bei. Die WAZ vom 04.02.2000 nahm etwa das bundesweite Echo auf das tragische Schicksal eines kleinen Migrantenjungen zum Anlass, um einige Blicke auf die soziale Problematik des „Dortmunder Nordens“ zu werfen. Unter der Überschrift „Da bröselt nicht nur Farbe“ präsentierte sie ein Arrangement von Schnapsflaschen aus einem Kiosk und eine Szene von Frauen mit Kopftüchern, beides im Umfeld des Nordmarktes, und gelangte schließlich zu dem Fazit: „Der Stadtteil ist wie ein Fass ohne Boden“. Da ließ sich die BILD in ihrer Ausgabe vom 11.07.2000 nicht lange bitten und schrieb: „So arm, dass die EU 24 Millionen reinpumpt“. Elf Jahre später liefert sie dann auch eine abschließende

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Evaluation der EU-geförderten Maßnahmen: „Wie in der Nordstadt 29 Förder-Mios verbrannt wurden“ und kombiniert den tendenziösen Text mit einem ebenso sinnfälligen Bild von OB Sierau, der verzweifelt die gefalteten Hände vor das Gesicht hält. Nicht oft genug kann darauf hingewiesen werden, dass gerade die über die EU- Gemeinschaftsinitiative URBAN II in die Nordstadt über einen Zeitraum von sechs Jahren investierten öffentlichen Mittel erstens in der Dimension überschaubar waren und zweitens keinesfalls mit den dreistelligen Millionensummen konkurrieren können, die in die Großprojekte der Stadtentwicklung an anderer Stelle in Dortmund fließen oder dauerhaft für deren Bewirtschaftung ausgegeben werden. Sie waren zudem schon deshalb gut angelegt, weil in die Menschen investiert wurde, z.B. beim „Übergang Schule Beruf“, bei den „Elterncafés und Schülerclubs“, bei der interkulturellen Konfliktvermittlung und beim „Quartiersmanagement“. Und weil „Alleinstellungsmerkmale“ profiliert wurden, wie etwa mit dem städtebaulich-künstlerischen Projekt Bilderflut an Häuserfassaden, mit der Förderung der lokalen und ethnischen Ökonomie, um nur einige Bereiche zu nennen. Angesichts der Leistungen, die die Nordstadt als Integrationsstadtteil und ihre BewohnerInnen für die gesamte Stadt erbringen, wäre sogar eine deutliche Ausweitung und Verstetigung durch öffentliche Förderung mehr als gerechtfertigt. Zumal der Stadtteil als solcher, wenn den entsprechenden Zielgruppen der soziale Aufstieg denn tatsächlich gelingt, häufig gar nicht selbst Nutznießer ist, sondern nach deren Wegzug vielmehr eher die prosperierenden Quartiere oder das Umland von den diesbezüglichen Investitionen profitieren. Erwähnt werden sollte darüber hinaus, dass sich die Nordstadt für Dortmund und andere Städte in der Region als wertvolle soziale Experimentier-Baustelle mit hoher

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Innovationskraft erwiesen hat. Sie ist gewissermaßen Exporteur für gute Ideen zur Lösung von Problemen nicht nur in Stadtteilen der Sozialen Stadt: ob nun die Quartiers- und Platzhausmeister, die Nachbarschaftsforen, die Bewohnerjurys mit dem Fonds für bürgerschaftliche Projekte oder die Vergabe von Mikro-Krediten auf Stadtteilebene usw. Dass das viel zitierte „Fordern“ in Stadtteilen der Sozialen Stadt in der Regel auch ein (öffentliches!) „Fördern“ zur Voraussetzung hat, darf keinesfalls aus dem Blick geraten.

Planerladen e.V.

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ein neues leben Alteingesessen und ein fester Bestandteil des Nordens. Schon morgens um zehn sitzt man hier beieinander, unterhält sich, philosophiert, trinkt, raucht, meckert und lacht miteinander.

Ich bin seit 15 Jahren in der Nordstadt und hab mich gut eingelebt hier. Ich komm von de Niederlande, also eine Zugereiste auch noch. Viele Sachen inne Dortmunder Nordstadt kann man vergessen, so schlimm ist es hier gar nicht. Es wird schlimmer hergestellt wie es ist. Wenn man schaut wie hier … jeder kennt jeden. Wir werden alle mit Vornamen angeredet. Keiner ist was besseres oder sowas, eigentlich, in dieser Kneipe, das Klima ist sowieso sehr gut. Es ist eine große Familie hier in diese Gaststätte. Letzte Woche Freitag hatte ich normal Schicht, vorher war ich am Nordmarkt einkaufen, bin ich umgefallen einfach … irgendwie Kreislauf oder sowas … da können sie besoffen sein oder drogenabhängig, da steht sofort jemand daneben und fragt „Kann ich hier helfen? Brauchen Sie nen Krankenwagen?“ oder sowas. Das ist ein Zusammenhalt einfach, was es woanders eben gar nicht mehr so gibt. Man muss halt lernen mit den Leuten hier zu leben, auch wenn es manchmal nicht einfach ist, aber das ist ja überall so. Ich muss sagen, Außenseiter gibt es immer, aber überall, egal in welche Großstadt man kommt. Aber hier im Dortmunder Norden – wenn man sich da einlebt, dann geht es. Es gibt viele alte Leute, die wohnen schon immer hier und die wollen hier auch gar nicht weg. Die sagen „Ich geh mit de Füße zuletzt die Tür raus!“ Hier inner Kneipe sind auch viele Nord – Urgesteine, die kennt jeder, so wie die Uschi. Nen Herz aus Gold hattse, aber dat ist dat schöne. Denn der Zusammenhalt ist da. Wenn irgendwo hier was passieren würde, würde einer neben dir stehen und

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sagen „Halt stopp, weiter geht es nicht!“ Schlägereien oder so haben wir hier noch nie gehabt, so was kennen wir hier gar nicht. So was hört man nur von Außen, aber das ist halt gar nicht so. Ingesamt bin ich zwar hier noch nicht so lange, ich hab erst drüben auffer Schützenstraße gearbeitet, selbständig eine Kneipe gehabt, dat wird schlimmer gemacht als wie es überhaupt ist. Dat einzige was ist, die Sprache ist hier halt ein bißchen anders, da musste ich mich anfangs erst dran gewöhnen. Hier hat man Wörter mitbekommen, da dachte ich, man hat nicht richtig gehört. Da muss man dann einfach mitziehen. Wenn mir halt jetzt einer schief kommt, kriegt er genau den Druck den er haben will. Dann geht dat schon.

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Wie teuer war die Kamera? So ca. 500 € …

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Es gibt nur wenige kleine Kneipen, die sind wie hier.

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Echt deutsche Kneipen. Uns gibt es schon seit 50 Jahren. Das ist eine ganz schรถn lange Zeit.

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die nordstadt – ein melting pott Ein Gespräch mit David Grade – wohnt in der und arbeitet für die Nordstadt, im Quartiersmanagement. Wir haben ihn jedoch als Privatperson getroffen um persönlichere Eindrücke gewinnen zu können.

david grade

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Warum ziehst du das Leben in der Nordstadt anderen Stadtteilen vor? Ich bin Dortmunder, aufgewachsen im Dortmunder Süden und als Südstadtkind vertraut mit dem Ruf den die Dortmunder Nordstadt so hat. Da gibt es nur Drogen, Verbrechen und arme Menschen, halt dich da fern, da kommst du nicht lebend raus. Es ist wirklich krass wie schlecht das Image der Nordstadt ist. Dann habe ich ein Jobangebot als Quartiersmanager am Nordmarkt angenommen. Man suchte jemanden der den „Stadtteil mit Entwicklungsbedarf“ vorwärts bringt und Randbereiche jeglicher Art haben mich schon immer interessiert. Ich gehe also im Frühsommer 2011 zu einem Vorstellungsgespräch in der Nordstadt und erlebe das Viertel von seiner besten Seite; die Sonne scheint, dass Leben findet auf der Straße statt, eine solche Varianzbreite und eine solche Easy-GoingStimmung hatte ich in Dortmund,

ach was in Deutschland, wenn man von einigen Berliner Stadtteilen mal absieht, noch nie erlebt. Es erinnerte mich an Berkeley – in den USA, wo die 68er Revolution losbrach und immer noch Hobos, IT-Financer, Kiffer, Aussteiger, Firmenchefs und Ökoapostel auf engem Raum friedlich zusammen leben. Der Job war schon meiner als mich eine Freundin anrief, mir erzählte sie würde wieder nach Dortmund ziehen und dort als Hebamme arbeiten und ob ich nicht Lust hätte mit ihr in eine WG zu ziehen. Hatte ich. Und dann suchten wir eine passende Wohnung für zwei. Sie sollte auf jeden Fall Super sein, nah an unseren Arbeitsplätzen und natürlich günstig. Wir suchten in der Innenstadt, im Kaiserstraßen viertel, im Kreuzviertel und in der Nordstadt. Es ist die Wohnung in der Nordstadt geworden; Parkettboden, hohe Decken, zwei Badezimmer, ein kleiner Garten mit Gärtner und das

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alles zu einem Preis für den ich in Kirchhörde kaum eine Garage bekommen hätte. Wir kommen für alles was wir täglich brauchen (Arbeit zum Geld verdienen, Geschäfte zum Geld loswerden, Freunde) zu Fuß oder mit dem Fahrrad hin, und falls wir weiter weg wollen ist der Bahnhof auch per Pedes zu erreichen. Ich habe nach einiger Zeit sogar mein Auto abgeschafft, nachdem ich mich Monate davon überzeugen konnte, dass ich es wirklich nicht brauche und ich mich gebührend von ihm verabschiedet habe. Seit wir dann vor einigen Tagen einen Specht bei uns im Hinterhof hörten (gesehen haben wir das Vieh immer noch nicht), vermisse ich nicht einmal mehr das Kirchhörder Wäldchen. Die Vorurteile die jeder so in die Nordstadt mitbringt sind nicht ganz falsch. Ja wir haben von unserem Balkon aus ein Junkiepärchen gesehen, dass sich einen Schuss gesetzt hat. In einer Nacht bin ich nachts wach geworden, weil draußen gröhlende Leute vorbeizogen die aus einer Kneipe kamen. Es gibt tatsächlich Gruppen Bier trinkender Leute in der Öffentlichkeit und sogar Männergruppen die mehr oder weniger unmotiviert an Straßenecken stehen. Aber sie tun mir nichts (und meiner Hebammenfreundin, die auch mitten in der Nacht zum Dienst geht oder wiederkommt auch nicht). Sie gehören zur Vielfalt dazu, wie die vielen anderen, die hier leben und die den Stadtteil zu etwas machen wo Toleranz alltäglich ist und man Menschen die über Integration reden seltsam anschaut; wieso machen die nicht einfach, statt ständig drüber zu labern? So jetzt habe ich eine Lebensgeschichte geschrieben statt die Frage zu beantworten. Warum ziehst du das Leben in der Nordstadt anderen Stadtteilen vor? Weil ich mittendrin bin und alles einfach zu erreichen ist. Weil Nordstadtluft frei macht. Weil man Toleranz lebt statt drüber zu

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reden. Weil ich günstig, gut leben kann. Weil ich Vielfalt geil finde. Weil ich keine Angst vor den „Anderen“ habe. Wo siehst du die Nordstadt in naher Zukunft (1-2 Jahren) und wo in ca. 10 Jahren? Ich sehe, dass sie differenzierter wahrgenommen wird. Dass nicht nur die schwierigen Seiten berichtet, sondern die guten Seiten gewürdigt werden. Gerade die Kinder die hier aufwachsen entwickeln ganz natürlich eine unglaubliche Kompetenz im Umgang mit verschiedenen Kulturen und Milieus, einfach weil sie täglich damit konfrontiert werden, in der Schule, im Alltag, oft sogar zu Hause. Diese Ressource wird in Zukunft wichtig sein für das Alltagsleben in ganz Deutschland, für Verwaltungen und für Firmen und wird dementsprechend besser gewürdigt. Ich sehe, dass das Bedrohungsgefühl das viele Beschleicht, weil es eine diffuse Angst vor dem Fremden /Anderen gibt, abnehmen wird. „Die Leute müssen die Angst voreinander verlieren“, ist einer meiner beliebtesten Phrasen. Weil es oft keinen Grund dafür gibt. Wenn es Gewalt gibt, dann bleibt sie normalerweise in einem Milieu. Und auch die Polizeistatistik sagt, dass es in der Nordstadt nicht mehr Kriminalität gibt als in anderen Stadtteilen, relativ gesehen zur Bevölkerungszahl. In zehn Jahren werden wir Nordstädter stolzer auf die Vielfalt im Viertel und auf die hier gelebte Toleranz, weil uns bewusster geworden ist, was wir hier haben. Es wird noch weniger Leerstände und „schwierige Häuser“ geben, weil immer mehr Eigentümer feststellen, dass sich gutes Geld verdienen lässt, wenn man in die Häuser hier investiert. Es wird noch mehr Vielfalt geben, weil mehr Studenten in der Nordstadt leben werden, ohne dass andere Milieus verdrängt werden. Vor allem wird es mehr Vielfalt geben, weil die Nordstadt aufgrund ihres Flairs ein Schutzraum für das

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Außerordentliche ist. Gibt es Dinge / Ereignisse die es für dich so nur in der Nordstadt gibt? Was wirklich bemerkenswert ist, ist die Diskrepanz zwischen Ruf und Wirklichkeit der Nordstadt. Einerseits bekomme ich in meinem Südstadt-Sportverein gutgemeinte Ratschläge … ich solle mich bewaffnen und mir Splitterschutzwesten zulegen, andererseits erzählt mir der hiesige Dorfpolizist er könne in Uniform zu jeder Tages- und Nachtzeit alleine überall durch die Nordstadt gehen, ohne das etwas passieren würde oder er Angst hätte. Der Ruf entspricht einfach nicht meinem Alltagsleben. Das andere Bemerkenswerte ist der hohe Durchmischungsgrad der Milieus und Kulturen. Es gibt keine Straße die fest in türkischer, deutscher oder meinetwegen auch in kryptoaserbaidschanischer Hand ist – statt Kulturghettos gibt es einen bunten Flickenteppich

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und einen meist sehr lockeren, akzeptierenden Umgang miteinander. Es ist kein Problem einfach auf der Straße irgendjemanden anzusprechen ob er mal eben helfen würde den Kühlschrank in den dritten Stock zu tragen und ein „Ja“ zu bekommen. Ich glaube es gibt – abgesehen von Berlin – nicht einen Ort bei uns in Deutschland an dem so viele Kulturen und Milieus auf so engem Raum zusammen leben, und genau von dieser Ressource Vielfältigkeit profitieren und dabei so friedfertig sind. Wie würdest du den Norden jemandem in einem Satz beschreiben, der noch nie etwas von Dortmund gehört hat? Die Nordstadt ist ein Melting Pott mit einigem Schwierigen und allem Großartigen, dass so was mit sich bringt.

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Impressum Dieses Buch entstand in dem Seminar »Dortmund Nord« an der Fachhochschule Dortmund unter der Betreuung von Prof. Oliver Langbein und Willi Otremba. Gestaltet, illustriert und fotografiert wurde von Michael Laur de Manos und Sascha Schilling. Die Fotos im Kapitel »ein leben für …« wurden bereitgestellt von Michelle Flunger. Die illustrativen Skizzen auf den Störerseiten wurden angefertigt von Willi Harder. Die im Buch verwendeten Schriften sind die The Antiqua in den Schnitten Regular und Bold Caps und die The Serif Plain, aus der Thesis Familie. Die Überschriften wurden in der Meran Con Normal Italic gesetzt. Gedruckt wurde bei: Druckerei Dvorak, Dortmund Vielen Dank an alle, die uns – in welcher Form auch immer – bei diesem Projekt unterstützt haben.


genordet  

genordet Ein Stadtteil. Ein Buch. Viele Gesichter. Genordet. befasst sich mit Menschen in der Dortmunder Nordstadt, die den Stadtteil auf...

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