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infosantésuisse Magazin der Schweizer Krankenversicherer Nr. 4, April 2007

Cox-Bericht: Zwiespältiger Wegweiser für die EU-Gesundheitspolitik  Seite 14

Nello Castelli über den Abstimmungskampf in der Romandie Seite 16

IM FOKUS:

Die Gesundheitssysteme unserer Nachbarländer




INHALT

infosantésuisse  Nr. 4, April 2007

SCHWERPUNKT 4 6 8 10 12 14

Deutschland: Grosse Belastung der Erwerbseinkommen Frankreich: Guter Staat ist teuer Italien: Immer tiefer in die Krise Österreich: Zuoberst auf dem Stockerl – auch mit dem Gesundheitswesen? Skandinavien: Wenig bezahlen – lange warten? Cox-Bericht: Zwiespältiger Wegweiser für die EU-Gesundheitspolitik

KRANKENVERSICHERUNG 6 1 18 19

Drei Fragen an Nello Castelli, Délégué aux relations publiques Suisse romande von santésuisse Claude Longchamp zur Einheitskassen-Abstimmung Das ZVR erleichtert Rechnungskontrolle und Verhandlungen

Deutschland: Grosse Belastung der Erwerbseinkommen Seite 4

GESUNDHEITSWESEN 0 Grafik des Monats 2 21 Von der Eisenbahnkrankheit zum Schleudertrauma 22 Buchtipp: Gesundheitsdaten verstehen

SERVICE 3 2 23 23 24 24 25 25

News aus aller Welt Kurs für übergewichtige Kinder und ihre Familien Testen Sie Ihr Wissen zur Krankenversicherung Prävention von Haut- und Darmkrebs Schweizer Lehrstuhl für Chiropraktik ab 2008 Veranstaltungskalender

Frankreich: Guter Staat ist teuer  Seite 6

Italien: Immer tiefer in die Krise  Seite 8

Nr. 4, April 2007 Erscheint zehnmal jährlich

Layout: Henriette Lux

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EDITORIAL



infosantésuisse  Nr. 4, April 2007

Für einen gesunden und dynamischen Wettbewerb

D Pierre-Marcel Revaz Vizepräsident santésuisse

as Jahr 2006 wartet mit einer unerwarteten Überraschung auf. Seit über 50 Jahren sorgt die Krankenversicherung für politischen Gesprächsstoff, doch das vergangene Jahr hat in der Kostenentwicklung zum ersten Mal einen klaren Einschnitt gebracht. Die Ursache dafür sind verschiedene Massnahmen, die für sich genommen relativ unspektakulär sind. Dazu gehören die Vereinbarungen zu den Medikamentenpreisen, die Förderung der Generika, die Rechungskontrolle durch die Versicherer und deren Bestreben, die besten Leistungen zum bestmöglichen Preis zu erhalten. Die Auswirkungen dieser Entscheide und Massnahmen werden nun klar messbar. Es wäre zu früh für Selbstzufriedenheit, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen weiterhin unverändert sind. Es bleiben grosse Fragezeichen, vor allem bei der Spital- und Pflegefinanzierung. Aber der Silberstreifen am Horizont, der sich in Sachen Kostenentwicklung zeigt, bestätigt den eingeschlagenen Weg: Hin zu einem Gesundheitssystem, das die Aufgaben aller Akteure klar definiert. Die Leistungserbringer bieten effiziente Behandlungen von hoher Qualität an. Der Staat garantiert das soziale Gleichgewicht und setzt die entsprechenden Rahmenbedingungen, damit auch den Ärmsten unter uns der Zugang zu den medizinischen Leistungen nicht aus wirtschaftlichen Gründen erschwert wird. Die Versicherer schliesslich haben die Verantwortung, dass die Solidarität zwischen Gesunden und Kranken intakt bleibt und dass die verfügbaren Mittel klug und mit dem bestmöglichen PreisLeistungs-Verhältnis verteilt werden.

Spannungen unter den Partnern gibt es weiterhin. Sie sind sogar gesund, wenn jeder die Rolle wahrnimmt, die ihm zukommt. Wir wissen um die Stärken und Schwächen unseres Systems. Die Verhandlungen zwischen den Partnern, der Leistungseinkauf und der Vergleich von Preis und Qualität sind der Kern eines wettbewerblichen Gesundheitswesens. Die Produktivität unseres Systems zu steigern ist ein ambitiöses, aber realistisches Ziel. Auseinandersetzen müssen wir uns in Zukunft auch mit der Generationenfrage: Die Belastung von jungen Menschen zwischen 25 und 30 durch die Krankenversicherung ist heute sehr hoch. Häufiger als alle anderen muss diese Altersgruppe Prämienverbilligungen in Anspruch nehmen. infosantésuisse widmet diese Ausgabe den Gesundheitssystemen unserer Nachbarländer. Wir stellen fest, dass all diese Staaten mit Kostenproblemen und mit der demografischen Alterung konfrontiert sind. Es ist also falsch, unser Versicherungssystem für die Probleme des Gesundheitswesens verantwortlich zu machen, wie dies gewisse Kreise aus ideologischen Gründen tun. Die Bevölkerung hat das erkannt und dem gefährlichen Experiment Einheitskasse eine klare Abfuhr erteilt. Nun müssen wir aber die Schwächen des Systems abbauen. Nur so können wir verhindern, dass die Verlierer des 11. März ihre Ziele auf indirektem Weg letztlich doch noch erreichen. Dazu müssen wir den Wettbewerb unter den Akteuren fördern. Nur dieser Weg bringt unserem Gesundheitssystem das beste Preis-Leistungsverhältnis.




SCHWERPUNKT

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Das deutsche Krankenversicherungssystem vor der Reform

Deutschland: Grosse Belastung der Erwerbseinkommen Das deutsche Krankenversicherungssystem ist wie das schweizerische von einer Mehrzahl von frei wählbaren Krankenkassen geprägt. Vergleichbar ist auch der umfassende Grundleistungskatalog. Unterschiedlich ist vor allem, dass die Krankenversicherung in Deutschland über eine gesetzliche und eine private Krankenkasse möglich ist und dass die gesetzliche Krankenversicherung mit Beiträgen aus den Bruttogehältern finanziert wird.

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esetzlich versichert ist, wer ein Jahreseinkommen unter der Pflichtversicherungsgrenze von 47 700 Euro (76 800 Franken) bezieht. Wer ein höheres Einkommen hat oder wer eine selbstständige Tätigkeit ausübt, der kann sich gesetzlich versichern lassen, muss aber nicht. Wer eine private Krankenversicherung (PKV) abgeschlossen hat, bezahlt Beiträge, die von den vereinbarten Leistungen, dem Einstiegsalter und dem Gesundheitszustand des Versicherungsnehmers abhängen. Zudem werden in der PKV Altersrückstellungen gebildet, um die im Alter steigende Prämienlast zu mildern. Privat Versicherte können nur in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) wechseln, wenn sie jünger als 55 Jahre sind und ihr Einkommen unter die Pflichtversicherungsgrenze sinkt. Rund 88 Prozent der Einwohner Deutschlands sind gesetzlich versichert, und nur knapp zehn Prozent privat. Von den rund

72 Millionen gesetzlich Versicherten sind 31 Millionen obligatorisch versicherte Arbeitnehmer, zwanzig Millionen sind kostenfrei mitversicherte Familienangehörige, 17 Millionen sind Rentner und vier Millionen freiwillig Versicherte. Im Folgenden beschränken wir uns auf die Darstellung der gesetzlichen Krankenversicherung.

Finanzierung der GVK Auf den ersten Blick scheint die Finanzierung der Krankenversicherung in Deutschland sozialer als in der Schweiz zu sein, richten sich die Beiträge doch nach der finanziellen Leistungsfähigkeit der Versicherten. Ausserdem sind Familienangehörige ohne Einkommen kostenlos mitversichert. Weil sich aber Bezüger höherer Einkommen durch den Abschluss einer privaten Versicherung der Solidarität entziehen können und weil es eine Höchstgrenze gibt, bis zu der Beiträge zu bezahlen sind,

steht dieser Befund in Frage. Dies umso mehr, als diese Höchstgrenze (Beitragsbemessungsgrenze) schon bei einem Jahreseinkommen von 42 750 Euro (68 900 Franken) liegt. Die gesetzlichen Krankenkassen werden zur Hauptsache aus Beiträgen der Versicherten und der Arbeitgeber finanziert. Bisher haben die einzelnen Krankenkassen ihre Beiträge autonom festgelegt. Sie betragen gegenwärtig etwa 12 bis 16 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens. Dies wird sich jedoch ab 2009 ändern (vgl. Kasten). Bis Mitte 2005 haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber den Beitragssatz zu gleichen Teilen übernommen. Seither bezahlen die Arbeitnehmer 0,9 Prozent mehr als die Arbeitgeber. Den gleichen Beitrag bezahlen Pensionierte auf ihren Renten. Selbstständige bezahlen im Prinzip den vollen Beitragssatz (Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeitrag), Arbeitslose einen Mindestbeitrag von 116 Euro pro Monat.

Gesundheitsreform 2007

Leistungen und Ausgaben

Die wichtigsten Punkte der im Februar 2007 von Bundestag und Bundesrat (Länderkammer) gegen den Willen der Krankenversicherer, der Ärzte, der Spitäler und der Pharmaindustrie verabschiedeten Gesundheitsreform sind: • Es wird ein Gesundheitsfonds geschaffen, in den ab 2009 alle Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sowie Steuermittel fliessen. Pro versicherte Person erhält jede Kasse eine Pauschale aus dem gemeinsamen Topf. Kassen mit schlechter Risikostruktur erhalten zusätzlich Beiträge aus dem Risikostrukturausgleich. • Ab 2009 gibt es einen einheitlichen Beitragssatz, den der Staat festlegt. • Kassen, die mit den zugewiesenen Geldern nicht auskommen, können von ihren Versicherten Zusatzprämien verlangen (maximal ein Prozent des beitragspflichtigen Einkommens). • Die Kassen können Wahltarife mit Selbstbehalten und Rückerstattungen anbieten. • Es werden folgende neuen Leistungen bezahlt: Eltern-Kind-Kuren und Rehabilitationsmassnahmen. Zudem müssen die Versicherten regelmässig an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen, sich therapiegerecht verhalten und bei Behandlungsprogrammen mitmachen (im Weigerungsfall erhöht sich der zu bezahlende Eigenanteil). • Es besteht eine Versicherungspflicht für alle (bisher rund 300 000 nicht Versicherte).

Der Leistungskatalog, den der Gesetzgeber bestimmt, ist mindestens so grosszügig wie in der Schweiz. Er umfasst nicht nur alle ambulanten und stationären Heilbehandlungen, die medizinisch notwendig sind, sondern zusätzlich auch Zahnbehandlungen. Die einzelnen Versicherer können den gesetzlichen Leistungskatalog in beschränktem Rahmen durch eigene Leistungen (Satzungsleistungen) ergänzen. Diese betragen aber nur fünf Prozent des gesamten Leistungsumfangs. Die Versicherten können den Arzt frei wählen, aber sie entrichten für den ersten Besuch bei einem Hausarzt im Quartal zehn Euro und beim Besuch eines Spezialarztes ohne Überweisung des Haus-


SCHWERPUNKT



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unterscheiden sich vor allem im Hinblick auf den Beitragssatz und die erbrachten Zusatzleistungen. Mit der Einführung der Kassenwahlfreiheit für alle Pflichtversicherten Mitte der neunziger Jahre ist auch der Risikostrukturausgleich zwischen den Kassen in Kraft getreten. Zusätzlich zu den Kriterien Alter und Geschlecht, die auch der schweizerische Risikoausgleich kennt, spielen beim deutschen Risikostrukturausgleich auch beitragspflichtige Einnahmen, Beitragssätze und die Anzahl Versicherte mit Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsrente eine Rolle.

Grosse Einkommensbelastung

len je 0,85 Prozent des kassenpflichtigen Einkommens.

136 Krankenkassen Gegenwärtig gibt es in Deutschland 136 Krankenkassen. Die wichtigsten Kassenarten sind die Ortskrankenkassen, die Betriebskrankenkassen, die Innungskrankenkassen und die Ersatzkassen für Angestellte und Arbeitnehmer. Die Kassen sind Körperschaften des öffentlichen Rechts, die sich aber selbst verwalten. Die Verwaltungsräte sind zumeist paritätisch mit Vertretern der Versicherten und der Arbeitgeber besetzt. Für die Versicherten besteht Kassenwahlfreiheit und die Kassen sind verpflichtet, alle Personen und damit auch alle Risiken zu versichern. Sie

Das grosse Problem des deutschen Krankenversicherungssystems: Die steigenden Kosten müssen durch steigende Beiträge auf den Einkommen finanziert werden. So musste auf Anfang 2007 der Beitragssatz im Durchschnitt von 14,26 Prozent auf 14,82 Prozent angehoben werden. Solche Abgaben wirken sich auch auf die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft aus, was einer der Gründe für die aktuelle Gesundheitsreform ist. Skeptiker befürchten allerdings, dass diese Reform aufgrund der geplanten Leistungsausweitungen die Finanzprobleme der GVK noch verschärfen wird.   Walter Frei

DEUTSCHL AND (in Klammern die Werte der Schweiz): Anteil der Gesundheitskosten am BIP: 10,9 Prozent (11,6 Prozent) Gesundheitsausgaben pro Kopf: 3005 US-Dollar (4077 US-Dollar) Ärzte pro 1000 Einwohner: 3,4 (3,9) Spitalbetten pro 1000 Einwohner: 6,6 (3,9)

Quelle: OECD, Stand 2004

arztes nochmals zehn Euro. Wählt der Versicherte ein Hausarztmodell, dann fallen die Praxisgebühren weg. Zuzahlungen müssen auch beim Bezug von Medikamenten (fünf bis zehn Euro pro Packung) oder bei stationären Behandlungen (10 Euro pro Tag für höchstens 28 Tage) entrichtet werden. Die Bezahlung der Leistungserbringer erfolgt immer über die Krankenkasse (Tiers payant). Allerdings ist bei der Abrechnung mit den Ärzten die kassenärztliche Vereinigung zwischengeschaltet. Sie erhält von den Krankenkassen sämtliche Belege und Zahlungen und honoriert die einzelnen Ärzte im Rahmen eines komplexen Ausgleichverfahrens. 2006 hat die gesetzliche Krankenversicherung 149,5 Milliarden Euro eingenommen und 147,6 Milliarden Euro ausgegeben. Der größte Ausgabenblock der Kassen war die Krankenhausbehandlung mit rund 50 Milliarden Euro (34 Prozent). Danach folgt der Arzneimittelbereich mit knapp 26 Milliarden Euro (17,6 Prozent). Drittgrösster Ausgabenposten war 2006 die ärztliche Behandlung mit 22,24 Milliarden Euro (15,0 Prozent). Die Ausgaben für Zahnbehandlungen betrugen 10,4 Milliarden Euro (sieben Prozent) und für 5,7 Milliarden Euro (vier Prozent), wurde Krankengeld ausbezahlt. Die Verwaltungskosten betragen wie in der Schweiz knapp 5,5 Prozent der Ausgaben. Die Ausgaben für Pflegeleistungen in Heimen und zuhause fallen nicht ins Gewicht, da es in Deutschland für diese Leistungen eine spezielle Versicherung, die soziale Pflegeversicherung, gibt. Sie ist organisatorisch in die Krankenversicherung eingegliedert, indem jeder Krankenkasse auch eine Pflegekasse angeschlossen ist. Die Finanzierung ist gleich geregelt wie jene der gesetzlichen Krankenversicherung: Arbeitnehmer und Arbeitgeber zah-




SCHWERPUNKT

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Der Schuldenberg der staatlichen Krankenversicherung wird den Reformen wohl noch lange trotzen

Frankreich: Guter Staat ist teuer Das französische Gesundheitswesen ist das am stärksten zentralisierte in Europa. Die Qualität der Versorgung hat einen guten Ruf, und lange bewegte sich auch die Kostenentwicklung in einem erfreulichen Rahmen. Doch nun beschert die konjunkturabhängige Finanzierung dem System seit einigen Jahren gewaltige Verluste, und Paris reagiert mit weiteren Verstaatlichungsschritten auf die Misere. Ob das zum Erfolg führen wird, ist mehr als unklar.

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Quelle: OECD, Stand 2004

m Jahr 2000 bezeichnete die WHO Frankreichs Gesundheitswesen als das weltweit beste. Qualität und Versorgungsgerechtigkeit seien in Frankreich höher als irgendwo sonst. Drei Jahre später erlitt das System ein unerhörtes Debakel: 15 000 Menschen starben im Sommer 2003 aufgrund der wochenlangen Hitzeperiode. Die Pflegeheime und Spitäler waren mit der aussergewöhnlichen Situation völlig überfordert – genauso wie die französische Regierung. Weder Präsident Chirac noch die zuständigen Minister nahmen Stellung – sie liessen sich in ihrem Urlaub ungern stören. Zwei Wochen nach der Krise schob die Regierung der Bevölkerung die Verantwortung für das Desaster zu: Fehlende Solidarität und Gleichgültigkeit gegenüber älteren Menschen seien schuld an den vielen Toten. Darauf folgten wütende Proteste, sodass sich die Regierung schliesslich zum Handeln gezwungen sah: Sie erklärte den Pfingstmontag zum unbezahlten Arbeitstag – die zusätzlichen Sozialversicherungseinnahmen sollten in die Problembereiche des Gesundheitswesens gesteckt werden. Seither ist

FR ANKREICH (in Klammern die Werte der Schweiz): Anteil der Gesundheitskosten am BIP: 10,5 Prozent (11,6 Prozent) Gesundheitsausgaben pro Kopf: 3159 US-Dollar (4077 US-Dollar) Ärzte pro 1000 Einwohner: 3,4 (3,9) Spitalbetten pro 1000 Einwohner: 3,8 (3,9)

der Pfingstmontag regelmässig mit weitreichenden Streiks verbunden. Es ist unklar, wie lange Frankreich noch an dieser Massnahme festhält. Das Beispiel zeigt exemplarisch auf: Auch wenn das französische Staatssystem oft als Vorbild für andere Länder gehandelt wird, hat es mit beträchtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Paris lenkt – mit grossen Verlusten In Frankreich hat der Zentralstaat im Gesundheitswesen mehr Kompetenzen als in allen anderen europäischen Staaten. Von den Krankenversicherern über die Globalbudgets bis hin zu den regionalen Krankenhausagenturen: Alles steht unter der Aufsicht von Paris. Frankreich verfügt praktisch über eine staatliche Einheitskrankenkasse: Die meisten Erwerbstätigen und Rentenbezüger sowie ihre Angehörigen sind im «Régime général d’assurance maladie» versichert. Ausgenommen sind einige spezielle Berufsgruppen wie Landwirte, Bergarbeiter oder Seeleute: Sie haben spezielle Krankenkassen. Die Krankenversicherung ist in Frankreich eigentlich über Lohnprozente finanziert – doch reichen diese schon lange nicht mehr aus. Deshalb fliessen zusätzliche Steuereinnahmen ins System. Doch auch so schreibt die staatliche Krankenversicherung seit einiger Zeit enorme Defizite: 2005 waren es acht Milliarden Euro, womit der Schuldenberg auf 41 Milliarden anstieg. Durch die Finanzierung über Löhne und Steuern sind die Mittel der staatlichen Krankenversicherung stark von der Konjunktur abhängig – Verluste sind die automatische Folge, wenn das Wirtschaftswachstum mit der

Ko sten z u n a h me im Gesundheitswesen nicht schritthalten kann. Ein weiteres grosses Problem des Systems ist seit 2000 hingegen gelöst: Arbeitslose und Studierende sind nun bei der neu geschaffenen, steuerfinanzierten «Couverture maladie universelle» versichert.

Der tiefe Griff ins Portemonnaie Der Leistungskatalog der französischen Krankenversicherung ist mit jenem der Schweiz durchaus vergleichbar. Allerdings fallen dabei für die Bevölkerung beträchtliche Selbstbeteiligungen an: Im Durchschnitt werden die Leistungen zu 70 Prozent vergütet. Besonders hoch sind die Kostenbeteiligungen bei den Medikamenten (30 bis 65 Prozent) und bei der ambulanten Versorgung (35 Prozent). Die Folge davon: Fast 90 Prozent der Französinnen und Franzosen haben inzwischen Zusatzversicherungen abgeschlossen, welche die Restkosten decken. Damit ist der ursprüngliche Zweck der hohen Selbstbeteiligungen, nämlich die Kostendämpfung, hinfällig geworden. Erstaunlicherweise ist das ansonsten stark zentralisierte französische Gesundheitssystem sehr liberal gegenüber sei-


SCHWERPUNKT



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Mehr Staat für weniger Kosten? Die Pfingstmontagsregelung ist nur die aussergewöhnlichste unter den vielen Reformmassnahmen, denen das französische Gesundheitswesen andauernd unterzogen wird. In den letzten 25 Jahren gab es 20 Reformen – jedoch stets nur in Teilbereichen und nie substanziell. Durch die riesigen Defizite der letzten Jahre ist klar geworden, dass Flicken hier und Schrauben da nicht mehr genügen. Vor einem Jahr hat die Regierung deshalb ein umfassendes Paket zur Kostendämpfung in die Wege geleitet. Grosse Investitionen in die ambulante Chirurgie sollen die stationären Behandlungskosten senken. Es kursieren Pläne, alle Behandlungsstufen in einem staatlichen Gesundheitsnetzwerk zu vereinen. Schliesslich sollen die Mittel für Gesundheitsförderung und Prävention, die bisher kaum Beachtung fanden, drastisch erhöht werden. Im Bereich der Medikamentenpreise ist Frankreich bereits für seine konsequente Haltung gegenüber der Pharmaindustrie bekannt. Nun wird die Generika-Einnahme mit gezielten Anreizen noch stärker gefördert. Ausserdem sollen Arzneimittel mit geringem Zusatznutzen gegenüber günstigeren Präparaten radikal verbilligt werden. Parallel zu den Massnahmen zur Kostendämpfung treten auch Mehreinnahmen in Kraft: Die Lohn- und Steuerprozente für das Gesundheitswesen sind deutlich erhöht worden – vor allem die Beiträge der Arbeitgeber.

Erfolg ist ungewiss

nen Leistungserbringern. Ausgebildete Ärzte dürfen sich überall frei niederlassen, und die Bevölkerung hat die freie Arztwahl. Private Kliniken sind in Frank­ reich häufig – auch wenn sie sich meistens auf bestimmte Fachgebiete spezialisiert haben. Diese Privatkliniken können genauso mit der Krankenversicherung ab-

rechnen wie die grossen öffentlichen Spitäler. Das Klinikpersonal arbeitet seit einigen Jahren nach einer strikten 35-Stunden-Woche. Neben Mehrkosten hat dies vor allem Personalmangel zur Folge: Die zusätzlichen Stellen, die seit der 35-Stunden-Woche nötig wären, sind längst noch nicht alle besetzt.

Bereits verwirklicht sind Anreize für den Beitritt zu einem Hausarztmodell: Wer sich verpflichtet, zu Beginn einer Behandlung stets einen Allgemeinpraktiker aufzusuchen, profitiert von wesentlich geringeren Kostenbeteiligungen. Doch weil die Zusatzversicherungen so stark verbreitet sind und die Franzosen die hohen Selbstbehalte auf diese Weise abfangen, ist der Erfolg des Hausarztmodells geringer als erwartet: Etwa die Hälfte der Bevölkerung macht sich diese Sparmöglichkeit zunutze. Ganz allgemein sind französische Gesundheitsökonomen gegenüber der Reform skeptisch: Sie zementiere die bestehenden Staatsstrukturen im Gesundheitswesen und werde, wenn überhaupt, weniger schnell als erhofft zum Erfolg führen. Die Experten rechnen vor: Es dürften mindestens zwanzig Jahre vergehen, bis der Schuldenberg abgebaut ist.  Peter Kraft




SCHWERPUNKT

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Steigende Kosten, sinkende Qualität, dramatisches Nord-Süd-Gefälle

Italiens Gesundheitssystem schlittert immer tiefer in die Krise Bis 1978 war das italienische Gesundheitssystem von der Kassenvielfalt geprägt. Dann folgte die Umwandlung in den noch immer bestehenden staatlichen Gesundheitsdienst. Die Absicht dahinter war, das Nord-Süd-Gefälle in der Gesundheitsversorgung zu überwinden und die Kosten in den Griff zu bekommen. Beides ist dem Servicio Sanitare Nazionale (SSN) bis dato nicht gelungen. Im Gegenteil: Hiobsbotschaften aus dem Gesundheitswesen beunruhigen die Bevölkerung regelmässig – vor allem im Süden des Landes.

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Quelle: OECD, Stand 2004

ie Erkenntnis, dass der SSN seine hochgesteckten Ziele nicht erfüllen kann, kam bald und ist bis heute eine Konstante in der italienischen Gesundheitspolitik. Deshalb ist der staatliche Gesundheitsdienst ein ewiger Reformkandidat: Bereits viermal wurde er grundlegend umgestaltet. Der neueste Streich: Seit 2001 haben die 21 Regionen Italiens weit gehende Kompetenzen in der Gesundheitsversorgung. Noch erhalten sie einen fixen Betrag von der Zentralregierung. Bis 2013 soll dieser aber schrittweise abgeschafft werden, so dass die Regionen dann auch die volle Finanzierungsverantwortung tragen werden. Parallel dazu wird ein nationaler Solidaritätsfonds aufgebaut, der die eklatante Versorgungsungerechtigkeit zwischen den Regionen etwas mildern soll. Finanziert wird das italienische Gesundheitssystem seit 1978 durch verschiedene Steuern. Durch die Regionalisierung wird nun die so genannte IRAP, eine regionale Steuer auf Unternehmensgewinne und Angestelltenlöhne, zur Hauptfinanzierungsquelle.

ITALIEN

Lokale Gesundheitsbehörden Das italienische Gesundheitssystem ist auf drei Ebenen organisiert: Seit der jüngsten Reform obliegt dem Zentralstaat nur noch das Setzen der gesetzlichen Leitplanken. Daneben übt Rom eine relativ strikte Kontrolle über den Arzneimittelmarkt und die Forschung aus. Italien hat insgesamt 16 Kliniken, die in staatlichem Auftrag pharmazeutische Forschung betreiben. Die Regionen sind verantwortlich für die Versorgungspläne. Sie verteilen die Gelder an die einzelnen Einrichtungen und überwachen – zumindest auf Papier – deren Effizienz und Qualität. Die eigentliche Gesundheitsversorgung läuft auf lokaler oder sogar kommunaler Ebene: Durchschnittlich 100 000 Einwohner bilden ein «Gesundheitsrayon» (USL). Diese lokalen Gesundheitsbehörden betreiben Krankenhäuser, stellen Hausärzte an und verwalten die Versicherungsdaten der zugewiesenen Einwohner. Durch diese Struktur hat Italien zwar eine hohe Spitaldichte – kein USL kommt ohne Klinik aus. Hingegen gibt es nur relativ wenige Zentrumskliniken mit spitzenmedizinischem Angebot. Diese schliessen mit den USL in ihrem Einzugsgebiet Verträge ab, arbeiten ansonsten aber unabhängig.

(in Klammern die Werte der Schweiz): Anteil der Gesundheitskosten am BIP: 8,4 Prozent (11,6 Prozent) Gesundheitsausgaben pro Kopf: 2392 US-Dollar (4077 US-Dollar) Ärzte pro 1000 Einwohner: 4,1 (3,9) Spitalbetten pro 1000 Einwohner: 3,9 (3,9)

Striktes Hausarztmodell Die Gesundheitsleistungen sind in Italien ausser in Notfällen nur über den Hausarzt zugänglich. Alle Italienerinnen und Italiener schreiben sich bei einem Familienarzt ein. Diese Familienärzte sind entweder direkt von den USL angestellt oder vertraglich eng an sie gebunden. Einem Hausarzt

sind durchschnittlich 1500 Patienten zugewiesen. Für jeden von ihnen erhält er eine Kopfpauschale, was einen Grossteil seiner Entlöhnung ausmacht. Weitere Einkünfte stammen aus Behandlungen ausserhalb des Leistungskatalogs, die direkt den Patienten berechnet werden. Spezialärzte dürfen in Italien nur nach Überweisung des Hausarztes aufgesucht werden. Auch die Spezialisten sind grösstenteils Angestellte der USL. Daneben gibt es auch freiberuflich tätige Fachärzte, die aber hauptsächlich Privatversicherte ausserhalb des staatlichen Gesundheitssystems behandeln.

Wer kann, ist privat versichert Der Leistungskatalog in Italien ist weniger umfangreich als hierzulande. Ausserdem fallen zum Teil hohe Selbstbeteiligungen an. Zwar werden Besuche beim Hausarzt und Spitaluntersuchungen vollständig übernommen. Doch bei den Medikamenten, den ambulanten Behandlungen beim Spezialisten, den Laboranalysen und der Rehabilitation müssen die Patienten beträchtliche Anteile selber bezahlen. Das alles führt dazu, dass sich, wer es sich leisten kann, privat versichern lässt. 30 Prozent der Bevölkerung verschafft sich so Zugang zu nichtstaatlichen Gesundheitsleistungen. Weil Italiens System so strikte verstaatlicht ist, findet kaum eine Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor statt. Die Leistungen der Privatversicherer ergänzen jene des staatlichen Gesundheitswesens also nicht, sondern ersetzen sie meistens. Italien hat damit eine Zweiklassenmedizin in Reinkultur.


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system nicht Herr geworden. Als ein Journalist Anfang dieses Jahres einen Monat lang als Putzmann getarnt eine römische Poliklinik durchstreifte, brachte er erschreckende Zustände ans Licht: Offene Labors mit gefährlichen Krankheitserregern und radioaktiven Substanzen, Hundekot und gebrauchte Spritzen in den Gängen, während der Behandlung rauchende Pfleger und sogar illegale Organentnahmen dokumentierte der Reporter. Die italienische Regierung reagierte mit einer breit angelegten Untersuchung. Sie musste die Enthüllungen teilweise eingestehen und stellte fest, dass die hygienische Situation umso schlimmer wird, je tiefer man nach Süden kommt. Die Spitaldichte in Süditalien ist niedriger als im Norden, das Alter der Einrichtungen dafür umso höher: Zwei Drittel

Kostenproblem gelöst? Der SSN hat es sich von Beginn weg zum Ziel gemacht, die steigenden Kosten in den Griff zu bekommen. Davon ist man nach dreissig Jahren weiter entfernt denn je: Die Kosten steigen doppelt so schnell wie das Volkseinkommen. Machten die Gesundheitsausgaben 1997 noch 7,6 Prozent des BIP aus, sind es heute fast neun Prozent – und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Zwar hat die Regierung Berlusconi einige einschneidende Reformen umgesetzt: Die Anzahl der Krankenhausbetten wurde um zehn Prozent gesenkt, die Einnahme von Generika durch gezielte Anreize gesteigert und der Leistungskatalog generell gestrafft. Das italienische System schafft es aber nicht, diese Massnahmen in eine Kostendämpfung umzumünzen. Auch die Regionalisierung der Gesundheitsversorgung zeigt kostenmässig bisher keine Wirkung.

Das Ziel verfehlt…

Dramatisches Nord-Süd-Gefälle Das zweite grosse Problem, das vom staatlichen Gesundheitswesen gelöst werden sollte, ist das enorme Nord-Süd-Gefälle in der Gesundheitsversorgung. Auch dieser Misere ist das italienische Gesundheits-

gedeckt werden, wird sich an der Benachteiligung des wirtschaftlich schwachen Südens so bald nichts ändern – im Gegenteil. Für Schwierigkeiten sorgt, vor allem auf Sizilien, auch die Mafia: Mit Geldern der Cosa Nostra können Ärzte Privatkliniken erbauen. Als Gegenleistung rechnen sie dem Staat zu hohe Tarife ab und liefern den so erwirtschafteten Überschuss an die Mafia ab – Geld, das dann der eigentlichen öffentlichen Gesundheitsversorgung fehlt. Die Folgen davon beschreibt eine deutsche Medizinstudentin nach einem Praktikum in Sizilien der Zeitschrift viamedici: «Die medizinische Behandlung und die Krankenhaushygiene entsprechen einem Dritte-Welt-Land. Der Respekt der Ärzte vor den Patienten war gleich null. So bekam grundsätzlich keiner der Patienten seine Diagnose mitgeteilt. Auch der OP-Saal war eine Attraktion für sich. Lediglich eine Haube, ein Mundschutz und Überhandschuhe wurden uns gegeben. Der Mundschutz wurde jedoch wegen der Hitze im OP beim Zunähen abgenommen.»

aller Kliniken stammen aus Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg. Weil die Gesundheitsausgaben neu vor allem durch regionale Steuern auf Unternehmensgewinne

Das Qualitätsproblem beschränkt sich im italienischen Gesundheitssystem nicht nur auf den Süden. Laut einer Studie des italienischen Onkologenverbandes gibt es pro Tag 90 vermeidbare Todesfälle in den Spitälern. Wartezeiten gibt es überall, auch bei lebenswichtigen Operationen. Die Hygiene ist im Norden zwar nicht so katastrophal wie im Süden, aber längst nicht genügend. In allen Regionen sind die Ärzte schlecht bezahlt und wenig motiviert. Der Einwanderungsratgeber justlandet.com widerlegt zwar das Gerücht, in Italien erhielten Spitalpatienten nichts zu Essen – allerdings auf wenig ermutigende Weise: «Essen gibt es jeden Tag kostenlos, obwohl Sie bedenken sollten, dass es ungeniessbar sein kann. Sie brauchen also möglicherweise jemanden, der Ihnen Essen von aussen bringt, um den Aufenthalt in einem öffentlichen Krankenhaus zu überleben.» Die logische Folge: Die privaten Zuzahlungen steigen auch im «goldenen Dreieck» zwischen Mailand, Genua und Turin – eine gute Gesundheitsversorgung ist eine Frage des Geldbeutels. Damit ist genau das Gegenteil dessen eingetreten, was die Staatsmedizin erreichen wollte.  Peter Kraft


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SCHWERPUNKT

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Finanzierungsprobleme und geringere Wahlfreiheit in der Alpenrepublik

Österreich: Zuoberst auf dem Stockerl – auch mit dem Gesundheitswesen?

Quelle: OECD, Stand 2004

Sportlich misst sich die Schweiz gerne an Österreich, und allzu oft ziehen wir den Kürzeren. Aber nicht nur Rivalitäten im Sport lassen uns ostwärts über den Rhein schielen, auch in politischen Fragen spielt das Verhalten Österreichs eine gewichtige Rolle. So war in der Diskussion rund um die Einheitskasse immer wieder vom österreichischen Gesundheitssystem und seinen Vorzügen die Rede. Sonnt sich Österreich tatsächlich auch mit seinem Gesundheitswesen auf dem Stockerl vor der Schweiz?

ÖSTERREICH (in Klammern die Werte der Schweiz) Anteil der Gesundheitskosten am BIP: 9,6 Prozent (11,6 Prozent) Gesundheitsausgaben pro Kopf: 3124 US-Dollar (4077 US-Dollar) Ärzte pro 1000 Einwohner: 3,4 (3,9) Spitalbetten pro 1000 Einwohner: 6 (3,9)

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ross war die Freude in der Eidgenossenschaft, als sich an der vergangenen Ski-Weltmeisterschaft einzelne Schweizer Athleten endlich wieder einmal vor den österreichischen Mitkonkurrenten klassierten. Nur, die österreichische Dominanz ist noch lange nicht gebrochen und selbst im Fussball schlagen sie uns häufiger als uns lieb ist. Aber nicht nur im Sport, auch in der Gesundheitspolitik positionieren wir uns hinter den Österreichern. Dies behaupteten zumindest die Befürworter der gescheiterten Einheitskassen-Initiative. Ist dem so? Wie teuer ist das österreichische Gesundheitswesen? Wie ist es überhaupt organisiert?

Tiefere Gesamtausgaben? Gemäss OECD-Statistik machen die Gesamtgesundheitsausgaben in Österreich 9,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus. Das Gesundheitssystem ist damit günstiger als jenes der Schweiz mit 11,6 Prozent – dies bei nur leicht geringerer Lebenserwartung und vergleichbarem Leistungskatalog. Allerdings sind in den ausgewiesenen Gesamtausgaben des österreichischen Gesundheitswesens nicht alle Auslagen einbezogen, die üblicherweise in amtlichen Statistiken verbucht

werden. So fehlen die Ärztegehälter der Universitätskliniken, der klinische Mehraufwand, Investitionen für Heeres- und Justizspitäler, Aufwendungen für Kranken- und Hauskrankenpflege sowie Ausgaben für die Ausbildung im Gesundheitswesen. Diese Auslagen werden anderweitig erfasst. Schätzungen gehen davon aus, dass damit der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP um bis zu drei Prozentpunkte unterbewertet wird. Dadurch ergeben sich Gesamtkosten, die «schweizerischen Verhältnissen» entsprechen1.

Dezentrale Organisation Mit neun Bundesländern kennt Österreich ähnlich der Schweiz eine föderalistische Staatsstruktur. Dies spiegelt sich auch in einer dezentralen Gesundheitsverwaltung wider. Der Bund ist für die Gesetzgebung verantwortlich. Oberste gesundheitspolitische Behörde ist das Bundesministerium für Gesundheit und Frauen. Dem Ministerium obliegt unter anderem die Aufsicht über die Träger der sozialen Krankenversicherung. Weitere bundeseigene Unterbehörden existieren nicht, da die Verwaltung von den Ländern und Gemeinden übernommen wird. So liegen die öffentlichen Gesundheitsdienste sowie weitreichende Kompetenzen bei der Finanzierung und Regelung der stationären Versorgung in den Händen der neun Länder.

Keine Wahlfreiheit in der Grundversicherung Die Gesetzliche Krankenversicherung, das Pendant zur obligatorischen Krankenversicherung (OKP) in der Schweiz, ist ebenfalls dezentral organisiert. Die­se Pflichtversicherung bietet Schutz gegen Krankheit, Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit

und Mutterschaft. Sie umfasste 2005 rund acht Millionen Personen oder 97,8 Prozent der Bevölkerung. Es gibt in Österreich 19 Krankenversicherer, die im Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger zusammengeschlossen sind. Es herrscht kein Wettbewerb, weil die Mitgliedschaft obligatorisch ist und sich nach Berufsgruppenzugehörigkeit oder nach Arbeits- oder Wohngebiet richtet. In jedem der neun Bundesländer existiert eine Gebietskrankenkasse (GKK). Ferner bestehen sechs Betriebskrankenkassen sowie vier weitere Sozialversicherungsträger, welche die Krankenversicherung als Sparte betreiben. Die GKKs sind in all jenen Fällen zur Durchführung der Krankenversicherung verpflichtet, in denen kein anderer Krankenversicherungsträger zuständig ist.

Vertrags- und Wahlärzte Die meisten medizinischen Leistungen in Österreich werden durch Vertragspartner der Krankenkasse – wie Vertragsärzte oder Vertragsspitäler – erbracht. Die Vertragspartner rechnen ihre Leistungen an den Patienten direkt mit der Krankenversicherung ab. Alle Vertragspartner sind an die ver t r ag l ich vereinbarten Tarife und an die Direktabrechnung zwischen Kasse und Vertragspartner gebunden. Der Patient hat keine Zahlungen zu leisten, welche über die gesetzlich festgelegten Selbstbehalte hinausgehen. In Österreich haben nur 64 Pro-


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zent der Ärzte einen Vertrag mit den Krankenkassen. Will ein Patient einen Arzt aufsuchen, der keinen Vertrag mit der Krankenversicherung abgeschlossen hat (einen so genannten Wahlarzt), ersetzt die Krankenkasse nur 80 Prozent der sonst üblichen Vertragsleistungen. In diesem Sinne besteht in Österreich weder eine freie Arztwahl noch ein Vertragszwang.

Defizitäre, einkommensabhängige Finanzierung Rund 70 Prozent der gesamten Gesundheitskosten werden in Österreich über die öffentliche Hand finanziert, wobei die Krankenversicherer alleine nahezu 50 Prozent der Gesamtkosten tragen. Die restlichen 30 Prozent gehen zu Lasten der privaten Haushalte sowie der privaten Krankenversicherungen. Die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung werden über paritätische, einkommensabhängige Beiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber generiert. Selbstständig Erwerbende und Bauern haben ihre Beiträge an den zuständigen Versicherer zu entrichten. Insgesamt bezahlen die Österreicher 7,5 Prozent der Lohnsumme an die gesetzliche Krankenversicherung, dies bis zu einem Plafond von rund 6000 Franken pro Monat. Dieser tiefe Plafond verhindert eine Reichtumssteuer, belastet aber den Mittelstand stark. Im Gegensatz zur OKP in der Schweiz ist die gesetzliche Krankenversicherung in Österreich chronisch verschuldet. So haben die GKKs 2006 das achte Jahr in Folge rote Zahlen geschrieben. Insgesamt weisen sie seit 1998 eine Unterdeckung des Aufwandes von insgesamt 2,7 Milliarden Franken auf.2

Gesundheitsreform 2005 Damit die Finanzierbarkeit des österreichischen Gesundheitswesens trotz steigender Anforderungen weiterhin sichergestellt bleibt, leitete die Regierung die Gesundheitsreform 2005 in die Wege. Folgende Ziele werden angestrebt: • Überwindung der strikten Trennung der einzelnen Sektoren des Gesundheitswesens und Erreichung einer besseren Abstimmung in der Planung, Steuerung und Finanzierung. • Längerfristige Sicherstellung der Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens durch Massnahmen zur Kostendämpfung, zur Effizienzsteigerung und zur Steuerung. • Unterstützung von Vorsorgemassnahmen und flächendeckende Sicherung und Verbesserung der Qualität.

Auf dem Stockerl? In Österreich stehen einer qualitativ guten Versorgung finanzielle Defizite und eingeschränkte Wahlfreiheiten gegenüber. Vorteile gegenüber der Schweiz weist das System nicht etwa auf Stufe der Prämienerhebung oder der Organisation der Krankenversicherung auf – vielmehr sind folgende Punkte von Bedeutung: • Österreich verfügt mit Wien über ein klares Zentrum für Wirtschaft, Forschung und Spitzenmedizin. In

der Schweiz existieren mindestens fünf potenzielle Zentren, wie es der Kampf um die Vorreiterrolle in der Transplantationsmedizin zeigt. • Das Gesundheitssystem in Österreich ist nur in neun und nicht wie die Schweiz in 26 Regionen organisiert. • Die Krankenversicherer können in Österreich Einfluss darauf nehmen, wie viele Ärzte im ambulanten Bereich zu Lasten der Krankenversicherung tätig sind. Österreich hat zweifellos ein qualitativ hoch stehendes und der Schweiz ebenbürtiges Gesundheitswesen vorzuweisen. Obwohl beide Länder im internationalen Vergleich vordere Plätze belegen, ist nicht auszumachen, wer vor wem auf dem Stockerl steht. Eins ist aber klar: beide Systeme haben mit steigenden Kosten zu kämpfen und müssen grundlegende Reformen in Angriff nehmen, wollen sie künftig die Finanzierbarkeit ohne Qualitätseinbussen sicherstellen. Matthias Schenker

Quelle: www.sozialversicherung.at Quelle: Fritz Beske, Leistungskatalog des Gesundheitswesens im internationalen Vergleich, Band I, Kiel, August 2005, S. 163/ 164

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Quelle: Pressearchiv WGKK (2006), Unabhängiges Gutachten bestätigt bedrohliche Finanzierungskrise im Gesundheitswesen, www.wgkk.at

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Gesundheitspolitische Träume aus dem hohen Norden platzen beim Blick auf die Wartelisten

Skandinavien: Wenig bezahlen – lange warten Die Gesundheitssysteme sind überall in Skandinavien Teil der grosszügigen Wohlfahrtsstaaten. Trotzdem können sie ihre Kosten erstaunlich niedrig halten. Wie geht das? Arbeiten sie einfach effizienter als andere Systeme? Oder sind sie gezwungen, ohne zusätzliche Steuermittel Leistungen zu kürzen?

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ie skandinavischen Länder sind bekannt für ihre gut ausgebauten Sozialstaaten. Während die einen darin ein leuchtendes Vorbild sehen, graut es den anderen vor einem derart langen Arm der Behörden. Tatsächlich greifen die skandinavischen Staaten stark ins Alltagsleben ihrer Bürger ein – sowohl schützend als auch regulierend. Wer in Norwegen eine Flasche Wein kaufen möchte, muss dies vor 16 Uhr tun – danach sind die staatlichen Alkohol-Monopolläden geschlossen. Im dünn besiedelten Norden des Landes muss man je nach dem weite Autofahrten in Kauf nehmen, um spontan einen guten Tropfen fürs Nachtessen zu organisieren. Auch die hohen Steuern auf Alkohol lassen es einen gut überlegen, ob es den Wein heute wirklich braucht. Das erscheint uns nicht allzu sympathisch, wird aber verständlicher wenn man bedenkt, dass die skandinavischen Staaten auf diese Weise die Alkoholproblematik in der Bevölkerung einigermassen in den Griff bekommen haben. Vielleicht sind die unregelmässige Besiedelung, die teilweise grosse Abgeschiedenheit und die extremen klimatischen Verhältnisse Erklärungen für die starke regulierende Rolle des Staates: Er versucht, die unterschiedlichen Bedingungen etwas auszugleichen. Staatliche Lösungen sind deshalb auch für das Gesundheitswesen nahe liegend. Sogar in der dicht besiedelten Schweiz haben ländliche Regionen Schwierigkeiten, genügend medizinische Grundversorger zu finden – wie sollte es also möglich sein, dass sich genügend Ärzte in Lappland niederlassen?

Finnland: Einziges OECD-Land mit sinkenden Kosten Das finnische Gesundheitssystem ist das am stärksten verstaatlichte in ganz Skan-

dinavien. Die Zentralregierung gibt die gesetzlichen Rahmenbedingungen vor, für die eigentliche Gesundheitsversorgung sind jedoch die Gemeinden zuständig. Je nach Grösse betreiben die Gemeinden einzeln oder gemeinsam Gesundheitszentren, in denen hausärzt­liche Leistungen, aber auch Gynäkologie oder Physiotherapie angeboten werden. Viele Gesundheitszentren haben stationäre Abteilungen für einfachere Erkrankungen, in abgelegenen Regionen funktionieren sie sogar als Spitäler. Die spezialärztliche Versorgung kann nur auf Überweisung eines Hausarztes beansprucht werden und findet in den Krankenhäusern statt. Diese sind im Besitz von Gemeindeverbunden, den so genannten Krankenhausbezirken. Jede Gemeinde muss Mitglied eines Krankenhausbezirks sein. Die Leistungen der Gesundheitszentren und der Spitäler werden hauptsächlich über die Steuereinnahmen der Gemeinden finanziert – der durchschnittliche Gemeinde-Steuersatz in Finnland beträgt denn auch 18 Prozent. Daneben gibt es noch eine staatliche Krankenversicherung, die aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen gespeist wird. Sie vergütet Lohnausfälle bei Krankheit, etwa die Hälfte der Medikamentenausgaben sowie den Transport mit dem Krankenwagen. Finnlands Gesundheitsausgaben liegen mit 7,4 Prozent des Volkseinkommens (BIP) relativ tief. Als einziges OECD-Land hat Finnland seine Gesundheitskosten gemessen am BIP seit 1990 leicht senken können. Allerdings wurde das nur möglich, weil die Spitalkapazitäten massiv gesenkt wurden. Die Folge davon sind erhebliche Wartezeiten – vor allem bei Operationen und spezialärztlichen Untersuchungen.

Der private Gesundheitssektor ist in Finnland praktisch inexistent. Er besteht hauptsächlich aus Ärzten der Gesundheitszentren, die ausserhalb ihrer Arbeitszeit Leistungen anbieten, die vom Staat nicht gedeckt sind.

Schweden: Hohe Selbstbehalte und lange Wartezeiten Wie in Finnland ist der schwedische Zentralstaat nur für die gesetzlichen Rahmenbedingungen und für die Überwachung des Gesundheitswesens zuständig. Für die Gesundheitsversorgung sind die 21 Provinzen verantwortlich. Den Gemeinden obliegt lediglich die Pflege zu Hause und in Heimen. Die Regionen sind relativ frei in der Organisation der Versorgung. Meist arbeiten sie aber mit Gesundheitszentren ähnlich jenen in Finnland. Die Unterschiede: Die stationäre Versorgung findet ausschliesslich in den Spitälern statt, und die Hausärzte der Gesundheitszentren nehmen keine GatekeeperFunktion wahr. Schwedische Patienten können also direkt die Fachärzte in den Kliniken aufsuchen. Weil das schwedische System weniger strikt geregelt ist, gibt es einen grösseren privaten Gesundheitssektor: Etwa 25 Prozent aller hausärztlichen Leistungen werden von Privatpraxen erbracht, die einen Vertrag mit den lokalen Behörden erhalten haben. Das schwedische Gesundheitssystem wird durch Steuern der Provinzen und durch Zuschüsse des Zentralstaats finanziert. Die Selbstbeteiligungen der Patienten sind relativ hoch: Je nach Region sind pro Arztbesuch umgerechnet bis zu 30 Franken zu entrichten. Auch pro Pflegetag in den Krankenhäusern fallen Gebühren an. Medikamente werden erst ab einem Betrag von etwa 350 Franken pro Jahr übernommen – und auch das nur


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teilweise. Ein weiteres Problem sind in Schweden die langen Wartezeiten sowohl für ambulante als auch für stationäre Behandlungen. Das Gesetz garantiert lediglich, dass Patienten innerhalb einer Woche einen Termin bei einem Hausarzt und innerhalb von drei Monaten einen Termin bei einem Spezialisten oder in einer Klinik erhalten. Die Gesundheitskosten liegen in Schweden relativ stabil bei 9,4 Prozent des BIP. Wie in Finnland ist dies aber «erkauft» durch eine Abbaupolitik im stationären Sektor und durch die erwähnten Wartezeiten.

Norwegen: Das freieste aller skandinavischen Systeme Auch Norwegens Gesundheitssystem ist stark regionalisiert: Für die Grundversorgung und die Pflege sind die Gemeinden verantwortlich. Die Finanzierung erfolgt mehrheitlich durch Kommunalsteuern und ergänzend durch Zuschüsse des Zentralstaats. Die Gemeinden entscheiden frei, wie sie die Grundversorgung gewährleisten. In Norwegen gibt es keine Gesundheitszentren. Die meisten Ärzte arbeiten freiberuflich, erhalten von den Gemeinden aber ein Basisgehalt und Kopfpauschalen. Gleiches gilt für Leistungserbringer wie Physiotherapeuten und Hebammen. Die Versorgung durch Fachärzte hingegen findet in den Kliniken statt – verantwortlich sind die 19 Regionen des Landes. Die staatlichen Spitäler sind autonomer als im übrigen Skandinavien. Sie funktionieren als ergebnisorientierte Unternehmen und erhalten von den Behörden lediglich einen Leistungsauftrag. Spezialisten und Spitäler dürfen nur auf Überweisung des Hausarztes aufgesucht werden. Sofern nicht von den Gemeinden abgedeckt, werden die medizinischen Leistungen vom norwegischen Sozialversicherungsfonds übernommen. Er setzt sich zu drei Vierteln aus Arbeitnehmerbeiträgen und zu einem Viertel aus Steuern zusammen. Auch in Norwegen zahlen die Patienten hohe Selbstbehalte: Pro Arztbesuch sind gut 25 Franken fällig, und Medikamente werden nur bei chronischen Krankheiten übernommen. Norwegens Gesundheitskosten sind in den letzten Jahren auf vergleichsweise hohe 10,3 Prozent des BIP gestiegen. Im Gegenzug ist die Ressourcenknappheit im

Spitalbereich weniger ausgeprägt als in Restskandinavien. Zwar kennt auch Norwegen das Problem der langen Wartelisten. Laut dem Gesundheitsministerium konzentriert sich dies aber hauptsächlich auf einfachere Routinebehandlungen. Lebenswichtige Eingriffe können in der Regel prompt durchgeführt werden.

Dänemark: Das falsche Vorbild Dänemarks Gesundheitswesen ist, wie in allen skandinavischen Staaten, dezentral aufgebaut: Der Staat bestimmt die Rahmenbedingungen. Die Regionen sind für die Spitäler, die Pflegeheime und für die medizinische Grundversorgung zuständig. Den Gemeinden bleiben Prävention und die häusliche Pflege. Dänemark kennt wie Norwegen keine Gesundheitszentren, sondern setzt auf niedergelassene Ärzte. Das Hausarztsystem ist das strikteste in ganz Skandinavien: Jeder Däne muss sich auf einen Allgemeinpraktiker im Umkreis von zehn Kilometern festlegen. Ein Hausarztwechsel, sofern auf diesem engen Raum überhaupt möglich, ist kostenpflichtig. Die staatliche Krankenversicherung Dänemarks wird aus Steuermitteln gespiesen. Daneben fallen beträchtliche Selbstbeteiligungen für die Patienten an: Leistungen von Physiotherapeuten, Chiropraktoren oder Psychotherapeuten werden nur teilweise erstattet. Bis zu 85 Prozent beträgt die Selbstbeteiligung bei den Arzneimitteln. Die genaue Höhe der Selbstbeteiligung ist abhängig vom Medikamentenkonsum der vergangenen Jahre. Insbesondere für chronisch Kranke bedeutet das eine grosse Belastung.

Dänemarks Gesundheitswesen hat die Kosten im Griff: Sie liegen seit Jahren bei ungefähr neun Prozent des BIP. Möglich wurde dies durch eine konsequente Abbaupolitik im stationären Sektor: Lange Wartelisten sind die Folge. Seit 2002 können sich Patienten, die länger als zwei Monate auf eine Operation warten müssen, im Ausland behandeln lassen. Dänemark erhält die Gesundheitsversorgung seiner Bevölkerung also nicht mehr autonom aufrecht und wird deshalb auch der Vorbildfunktion nicht gerecht, welche die Befürworter einer schweizerischen Einheitskasse ihm oft zugedacht haben.

Gemeinsamkeiten Die staatlichen skandinavischen Gesundheitssysteme unterscheiden sich also in Nuancen, aber nicht grundsätzlich. Der skandinavische Weg in der Gesundheitsversorgung folgt in allen Staaten diesen Grundsätzen: • In Skandinavien plant, betreibt und finanziert der Staat das Gesundheitswesen. • Das Gesundheitswesen ist stark regio­ nalisiert, teilweise bis auf Gemeinde­ ebene. • Die Leistungserbringer sind staatliche Angestellte oder müssen sich um einen Vertrag mit den Behörden bemühen. • Die Kosten werden in allen vier Ländern tief gehalten. • Das Mittel dazu ist ein Abbau im stationären Bereich, die Folgen davon sind lange Wartelisten. • Die Selbstbeteiligungen der Patienten sind in allen Ländern beträchtlich.  Peter Kraft

Krankenhausversorgung auf den Lofoten Die Lofoten sind eine norwegische Inselgruppe. Sie liegen über dem Polarkreis auf dem offenen Meer. Neben den einigermassen dicht besiedelten Hauptinseln gibt es Nebeninseln, die nur per Boot zu erreichen sind, über praktisch gar keine Infrastruktur verfügen und deren Bewohner hauptsächlich vom Kabeljau-Fang leben. Doch auch in dieser abgelegenen Region wird eine Spitalversorgung erster Güte angeboten. Für die 24 000 Einwohner des Inselreichs steht eine Klinik bereit, die von Grösse und Angebot her in der Schweiz durchaus als Zentrumsklinik durchgehen würde. Auf den Lofoten gibt es unter anderem alle wichtige chirurgischen Disziplinen, Radiologie, Onkologie, Psychiatrie für Kinder und Erwachsene und eine Geburtsabteilung. Patienten von Fischer-Inseln wie Røst werden von zwei eigens dafür bereitstehenden Flugzeugen eingeflogen. Dieses Beispiel macht verständlich, warum die skandinavischen Länder ihr Gesundheitswesen derart stark regulieren: Dem wettbewerblichen Anspruch, im Vergleich zu anderen Kliniken kosteneffizient zu arbeiten, könnte das Spital auf den Lofoten kaum genügen.


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Der Cox-Bericht an die EU-Kommission: Erfreulich oder alarmierend?

Zwiespältiger Wegweiser für die EU-Gesundheitspolitik Der Cox-Bericht ist eine Studie über die Zukunft der EU-Gesundheitspolitik, an der eine breite Palette von namhaften Experten mitgewirkt hat. Die Autoren empfehlen den EU-Mitgliedstaaten, in ihren Gesundheitssystemen für mehr Wettbewerb und Transparenz zu sorgen. Günter Verheugen, der Vizepräsident der EU-Kommission, hat den Bericht formal angenommen. So weit, so gut? Nicht ganz, denn die Studie wartet mit Forderungen auf, die sich durchaus in einen gefährlichen Bumerang verwandeln könnten.

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in hochkarätiges Team aus Vertretern der Weltbank und der europäischen Investmentbank, aus Gesundheitsökonomen von verschiedenen europäischen Spitzenschulen, aus Regierungsvertretern und aus der Industrie zeichnet für die Studie verantwortlich. Benannt ist der Bericht nach dem Studienleiter und ehemaligen Präsidenten des Europaparlaments, Pat Cox. Zentrale Kapitel der Studie sind Gerechtigkeit und Effizienz, Gegenwert für Investitionen im Gesundheitswesen, Patienteninformationen sowie die Finanzierung der Gesundheitssysteme in den neuen EU-Mitgliedstaaten.

den. Schliesslich verlangt die Studie mehr Wettbewerb in zentralen Bereichen: Die Selbstbeteiligungen der Patienten sollen so ausgebaut werden, dass unnötige Leistungen vermindert, notwendige dagegen gewährleistet bleiben. Leistungserbringer sollen den Kostenträgern Angebote unterbreiten, aus denen diese die effizientesten auswählen können. Managed Care soll durch wettbewerbliche Anreize gefördert werden. Der Cox-Bericht fordert für die EU auch Konkurrenz unter den Krankenversicherern. Die Autoren können sich dabei vorstellen, dass die Versicherer nicht um einzelne Kunden werben, sondern mit grossen Versichertenkollektiven verhandeln.

Vernünftige Forderungen… Der Cox-Bericht stellt fest: In Europas Gesundheitssystemen ist es schwer festzustellen, wohin die Gelder fliessen. Eine verbesserte Transparenz und Offenheit bei der Finanzierung sei deshalb unabdingbar, wenn in Zukunft Investitionen gezielt erfolgen sollen. Die vermehrte Anwendung von DRGs in Europa wird dabei ausdrücklich begrüsst. Als trügerischen Mythos bezeichnet der Bericht die Vorstellung, die steigenden Gesundheitskosten seien vor allem eine Folge der immer älteren Bevölkerung. Verantwortlich für die höheren Ausgaben zeichne in erster Linie der medizinische Fortschritt. Deshalb müssten Investitionen in neue Medikamente oder Technologien besondere Beachtung geschenkt werden. Es braucht laut dem Cox-Bericht bessere Evaluationsverfahren, um den Nutzen einer neuen Technologie genauer bestimmen zu können. Allzu oft sei es heute der Fall, dass wichtige Innovationen zu spät, unnötige Neuheiten dafür zu früh eingeführt wür-

…mit Nebengeschmack Offenbar ist die Studie für die EU mehr als ein weiteres Papier. Günter Verheugen, der Vizepräsident der EU-Kommission, erklärte bei der formalen Annahme des Berichts: «Diese neue Studie ist ein wichtiger Beitrag um sicherzustellen, dass die Qualität unserer Gesundheitssysteme der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft entspricht.» Bereits hat Hannu Hanhijärvi, Leiter des Bereichs Gesundheit beim finnischen Innovationsfonds Sitra, einen Grossauftrag gefasst. Er soll eine Reihe von Programmen leiten, um die Empfehlungen des Cox-Berichts in den europäischen Gesundheitssystemen zu verankern. Das tönt nach mutiger Reformpolitik. Einige Aussagen der Studie – nicht erwähnt in den Zusammenfassungen – machen jedoch stutzig. So wird ein sehr eigenwilliger Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskraft eines Landes und dem Gesundheitszustand der Bevölkerung postuliert: Je gesünder die Bevölkerung, desto

mehr floriere die Wirtschaft, sagt der CoxReport. Ursache und Wirkung scheinen hier etwas gar vorschnell vertauscht. Weiter geht die Argumentation: Eine Erhöhung der Ausgaben steigere generell die Qualität des Systems. Portugal habe seit 1970 seine Gesundheitsausgaben gemessen am BIP um fast 300 Prozent gesteigert, wodurch die Anzahl der medizinisch vermeidbaren Todesfälle markant zurückgegangen sei. Die Niederlanden investie-


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ren im Vergleich zu 1970 nur 30 Prozent mehr, und siehe da: Die vermeidbaren Todesfälle haben deutlich weniger abgenommen. Diese Argumentation des Cox-Berichts lässt dabei ausser Acht, dass Portugal und Holland 1970 völlig unterschiedliche Ausgangslagen hatten – sowohl was die Höhe der Gesundheitsausgaben als auch die Anzahl vermeidbarer Todesfälle angeht. In Portugal haben sich die Investitionen gelohnt, den Niederlanden hätte eine ähnliche Erhöhung der Ausgaben viel weniger Zusatznutzen gebracht. Der CoxReport enthält also einen generellen Aufruf zur Kostensteigerung – ungeachtet dessen, welche Qualität das Gesundheitswesen bereits bietet. Dass der Grenznutzen von neuen Investitionen gerade im Gesundheitsbereich irgendwann abnimmt, ist für die Autoren kein Thema.

Die Handschrift von Pfizer

schlägt vor, Innovationen vor der Zulassung am Markt zu erproben. Das lässt aufhorchen: Wenn beispielsweise ein neues Arzneimittel an der breiten Bevölkerung getestet wird, birgt das grosse Gefahren. Zudem: Einmal eingeführt – und sei es nur zu Testzwecken – wird es schwierig sein, die Neuerung wieder vom Markt zu nehmen. Das Evaluationsverfahren, welches der Cox-Report vorschlägt, könnte also Tatsachen schaffen, bevor der Nutzen einer Innovation überhaupt erwiesen ist. Wiederholt moniert der Cox-Report, dass medizinische Innovationen heute zu langsam auf den Markt kämen. Neue Evaluationsmethoden würden die staatlichen Entscheidungsträger befähigen, «ihre Unsicherheit zu überwinden und den Wert der Innovation zu erkennen.»

Industrie- statt Gesundheitspolitik

Foto: Prisma

Erstaunlich: Während die meisten Gesundheitssysteme Europas versuchen, ihre Kosten durch das Weglassen von Fehlinvestitionen zu senken, fokussiert der CoxBericht vor allem auf neue Investitionen.

Erstaunlich ist auch, dass neben unabhängigen Ökonomen und Institutionen mit öffentlichem Auftrag der Pharmariese Pfizer an der Studie beteiligt ist. Als einzige Organisation ist er mit zwei Sitzen im Steuerungskomitee des Cox-Reports vertreten. Dementsprechend widmet sich fast die Hälfte des Cox-Berichts der Evaluation von Innovationen im Gesundheitssektor. Wiederum tönen die Vorschläge auf den ersten Blick vernünftig: Der Cox-Bericht fordert mehr Transparenz in der Zulassung von neuen Medikamenten und Technologien. Einmal zugelassen, soll der Nutzen der Neuerungen regelmässig überprüft werden. Wertvolle Innovationen sollen von den Staaten aktiv identifiziert und gebührend abgegolten werden. Hier ist bereits die Pharma-Handschrift erkennbar. Deutlicher wird die Stossrichtung bei anderen Forderungen: Die Evaluation neuer Technologien soll weniger das Kosten-NutzenVerhältnis berücksichtigen als die «Patientenpräferenz» und die «Akzeptanz der Produkte». Wie aber sollen diese Kriterien bei Produkten, die noch nicht auf dem Markt sind, geprüft werden? Der Cox-Report

Der Europäische Verbraucherverband kritisiert denn auch, dass der Cox-Report in erster Linie einen industriepolitischen Ansatz verfolge. So sei der Bericht nicht dem EU-Kommissar für Gesundheit, sondern mit Verheugen dem Kommissar für Industrie und Betriebe übergeben worden. Der Präsident des europäischen Spitalverbands, Pascal Garel. kritisiert den Bericht als undifferenziert. Er fragt sich, wie die Autoren zu ihren Empfehlungen gekommen seien.

Entwarnung aus Helsinki?

Bringt mehr Geld für die Gesundheitsversorgung automatisch mehr Nutzen?

Immerhin: Hannu Hanhijärvi vom finnischen Innovationsfonds, der die Forderungen des Cox-Berichts in den europäischen Ländern implementieren soll, relativiert: Er führe zurzeit mit mehreren Staaten Gespräche, die eine Vorreiterrolle im ehealth-Bereich einnehmen, sagt er auf Anfrage. Mit ihnen möchte er gemeinsame Pilotprojekte auf die Beine stellen, um die evidenzbasierte Medizin und klinische Leitlinien zu fördern. Die EU-Kommission könne zu einem späteren Zeitpunkt die Koordination und Finanzierung dieser Projekte übernehmen. Allerdings bezweifelt Hanhijärvi, dass daraus obligatorische Richtlinien für die EU-Mitgliedstaaten entstehen können. Weniger kommunikativ gibt man sich beim Steuerungskomitee des Cox-Berichts: Zu den Fragen nach dem Einfluss von Pfizer auf die Studie und zu den zukünftigen Schritten war von dieser Stelle keine Stellungnahme erhältlich. Peter Kraft


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KRANKENVERSICHERUNG

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Drei Fragen an: Nello Castelli, Délégué aux relations publiques Suisse romande von santésuisse

«Es wurde kaum über Fakten diskutiert»

Fotos: Peter Kraft

Nello Castelli hatte als «Délégué aux relations publiques en Suisse romande» von santésuisse den wohl schwierigsten Job während der Einheitskassen-Abstimmung: Er musste die kassenkritischen Westschweizer davon überzeugen, dass die Initiative nichts als eine Scheinlösung ist. Er hat es geschafft – und kann nun für einen Moment entspannt Rückschau halten. Er betont aber, dass auf santésuisse und die Krankenversicherer auch nach dem klaren Nein eine Menge Arbeit wartet.

«Wir müssen nun erst recht bemüht sein, die Schwächen unseres Systems abzubauen.»

infosantésuisse: Wie haben Sie den Abstimmungskampf in der Romandie erlebt? Nello Castelli: Das Image der Krankenversicherer ist in der Romandie nicht gleich gut wie in der Deutschschweiz. Seit mehreren Jahren verbreiten jene Kreise, die gegen das heutige System sind, Unwahrheiten. Diese Unwahrheiten haben sich auch bei der Bevölkerung festgesetzt: Die Krankenversicherer würden in der Grundversicherung Gewinne machen, hätten millionenteure Verwaltungsräte und würden massenhaft Prämiengelder in der Verwaltung versickern lassen. Die Befürworter der Einheitskassen-Initiative haben sich diese Stimmung zunutze gemacht und insbesondere in der Romandie einen sehr emotionalen Abstimmungskampf geführt. Anders als in der Deutschschweiz wurde kaum über Fakten diskutiert. Für mich war das sehr schwierig, denn santésuisse hat den Abstimmungskampf mit dem Anspruch geführt, sachlich zu bleiben. Ich habe mich also zurückgehalten, wenn die Debatte allzu emotionell wurde. Solche Argumente zu kontern ist das Metier der Politiker und nicht des Branchenverbandes. Kann man das Abstimmungsresultat in der Romandie also als Sieg der Sachlichkeit werten? Das kann ich so nicht sagen, weil die entsprechenden Analysen noch nicht vorliegen. Es wäre wohl vermessen zu glauben, dass nur unsere fachliche Information zum Sieg geführt hat. Gegenüber unseren Zahlen wurde nämlich lautstark und medienwirksam der Manipulationsvorwurf erhoben – obwohl wir unsere Modelle so gut als möglich auf die Aussagen der Initianten abgestützt hatten.


KRANKENVERSICHERUNG

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Überraschungen Sehr überrascht sei er am Nachmittag des 11. März über das positive Resultat in der Romandie gewesen, sagt Nello Castelli. Insbesondere in Genf und im Tessin habe er nicht mit einem Nein gerechnet. Zu oft habe er sich in den öffentlichen Debatten wie in der Höhle des Löwen gefühlt. An den Veranstaltungen zur Einheitskasse, meist von den Befürwortern organisiert, sei die Stimmung äusserst kritisch gegenüber den Krankenversicherern gewesen. Nello Castelli greift ein Beispiel heraus: Am Bahnhof von Lausanne erkannte ihn eine Dame nach einem Fernsehauftritt vom

Wo sehen Sie dann die Gründe für das erfreuliche Resultat in der Westschweiz? Das Hauptargument der Befürworter waren die hohen Prämien – ohne den Stimmbürgern etwas Konkretes anbieten zu können. Die Gegner hingegen konnten Dinge aufzählen, die mit der Initiative sicher verloren gegangen wären – wie etwa die Wahlfreiheit. Eine vage Versprechung stand also einem sicheren Verlust gegenüber. Möglicherweise war, jenseits aller Systemfragen, auch die Zufriedenheit der Leute mit ihrer persönlichen Krankenkasse von

Vorabend. Zuerst sei er erfreut gewesen: Schliesslich sei es nicht alltäglich, wegen eines Fernsehauftritts angesprochen zu werden. Die Überraschung folgte auf dem Fuss und war diesmal eher negativ: Lautstark und mit deutlichen Worten erklärte die Frau Nello Castelli, dass sie seine Meinung überhaupt nicht teile und für die Einheitskasse stimmen würde. Wer weiss, vielleicht konnte Nello Castelli sie mit seinen weiteren Auftritten doch noch überzeugen? Nicht wenigen Romands und Tessinern ist es offenbar so ergangen.

Bedeutung. Eine weitere Erklärung: Viele Stimmbürger halten das System zwar nicht für fehlerfrei, möchten es aber trotzdem nicht komplett verändern. Sie waren sich auch nicht im Klaren darüber, was so ein Systemwechsel für sie persönlich bedeutet hätte. Man darf also die Abstimmung keineswegs so interpretieren, dass kein Handlungsbedarf herrscht: Wir müssen nun erst recht bemüht sein, die Schwächen unseres Systems abzubauen. Weiter ist es wichtig, die Menschen vor allem in der Romandie da-

von zu überzeugen, dass die Probleme des Systems nicht bei den Verwaltungsausgaben oder den vielen Kassen liegen, sondern bei den Kosten. In der Deutschschweiz ist das Bewusstsein dafür stärker, dass die Prämien ein Abbild der Kosten sind. In der Romandie hingegen ist die Auffassung verbreitet, mit den Prämien würden zur Hauptsache Reserven oder gar Gewinne angehäuft, Werbung gemacht und eine unnötige Verwaltung unterhalten. Dieses schiefe Bild müssen wir korrigieren.  Interview: Peter Kraft


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Im Gespräch: Claude Longchamp, Leiter des Forschungsinstituts gfs.bern

«Gesundheitspolitische Volksinitiativen sind schlechte Ratgeber für die Politik» Claude Longchamp stellt nach der Abstimmung zur Einheitskasse fest: Die gesundheitspolitischen Anliegen der Linken polarisieren zu stark, als dass sie in der Mitte viele Anhänger gewinnen könnten. Der Politik und den Akteuren rät er, den Reformpfad ungeachtet radikaler Forderungen weiter zu gehen – gemäss den Wünschen der Bevölkerung in Richtung mehr Wettbewerb.

Die Monopolkasse oder die einkommensabhängigen Prämien – welches Element ist bei der Bevölkerung auf grössere Skepsis gestossen? Definitives werden wir dazu erst mit den VOX-Analysen wissen. Aufgrund der Vorbefragungen scheint aber die Ablehnung wegen der Vereinheitlichung der Kassen stärker gewesen zu sein. Für die Änderung des Prämiensystems gibt es mehr Zustimmung. Hätte die Initiative wesentlich besser abgeschnitten, wenn sie klarer formuliert gewesen wäre? Nein, das Ergebnis war nicht eine Folge des Initiativtextes. In der Dynamik der Meinungsbildung spielte aber eine Rolle, dass die Finanzierungsseite der Initiative konzeptionell nicht ausgestaltet war. Das erlaubte es den Krankenversicherern, dieses für die Bevölkerung relevante Feld als Erste selber zu besetzen.

Ist das wuchtige Nein «nur» aus der Ablehnung gegenüber der Initiative zu verstehen – oder auch als Votum für das bestehende System? Die ersten Analysen legen einen eindeutigen Zusammenhang offen: Die Höhe der Prämien, die eine Familie in der Grundversicherung bezahlt, ist der beste Prädiktor für die Zustimmung. Je höher die Prämien im interkantonalen Vergleich sind, desto stärker fällt auch die Ja-Tendenz aus. In der deutschsprachigen Schweiz wird dieser Effekt aber durch das Mass aufgefangen, in dem die Bevölkerung Prämienvergünstigungen bezieht. Je höher hier der Prozentsatz ist, desto geringer fiel die Zustimmung zur Initiative aus. Einen solchen Effekt können wir für die Romandie nicht nachweisen. Da steigt der Unmut mit der mittleren Prämienhöhe. Der oft beschwörte «Röstigraben» ist nicht so deutlich zutage getreten wie befürchtet. Was hat insbesondere die lateinische Foto: ZVG

infosantésuisse: Die Initiative für eine soziale Einheitskrankenkasse ist mit über 70 Prozent Nein-Stimmen doch überraschend deutlich abgelehnt worden. Wie erklären Sie sich das klare Verdikt? Claude Longchamp: Nimmt man die Fakten, erreichte diese Initiative von den drei gesundheitspolitischen Volksbegehren der Linken das beste Resultat, vor allem wegen der Romandie. Ein Durchbruch in der Gesundheitspolitik ist damit aber weder der SP noch den Grünen gelungen. Die Polarisierung, die ihre Anliegen auslösen, ist zu stark. Sie trennt erfahrungsgemäss nicht nur die Linke und die Rechte. Die bürgerliche Mitte stimmt meist klar mit der ablehnenden Position.

«Die Höhe der Prämien ist der beste Prädiktor für die Zustimmung.»

Schweiz dazu bewogen, die Initiative mehrheitlich abzulehnen? Die Trends verweisen in die umgekehrte Richtung. Kein Romandiekanton hatte bis jetzt eine so hohe Zustimmungsrate zu einer linken Gesundheitsinitiative wie jetzt. Das gilt auch für das Tessin. Die Regionen mit der höchsten Prämienbelastung – Genf und Basel-Stadt – haben die Initiative abgelehnt. Hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine Einheitskasse keine tieferen Krankenversicherungsbeiträge gebracht hätte? In Basel, wie auch in Zürich, gibt es Hinweise für eine solche Trendwende, nicht aber in Bern und Genf. Welchen Weg soll die Politik nach diesem Abstimmungsergebnis einschlagen? Gesundheitspolitische Volksinitiativen sind ein schlechter Ratgeber für die Politik. Egal, ob sie von links oder rechts kamen: Sie wurden seit Bestehen des KVG alle samt und sonders abgelehnt. Der wichtigste Rat an die Behörden dürfte deshalb lauten: Sich in den Reformvorhaben von den meist radikalen Umkehrforderungen aller Initiativen nicht blockieren zu lassen. Welche Konsequenzen müssen die Akteure des Gesundheitswesens ziehen? Die grossen Trends in der Bevölkerung treten seit drei Jahren recht deutlich zu Tage: Gleichbleibende Qualität und Quantität in der medizinischen Versorgung, wenn auch bei gestärkter Eigenverantwortung für die Kosten, verbunden mit generell mehr, nicht weniger Wettbewerb unter den Leistungserbringern, um die Kostensteigerungen in den Griff zu bekommen.  Interview: Peter Kraft


KRANKENVERSICHERUNG

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RVK und santésuisse spannen zusammen für ein zentrales Vertragsregister

Das ZVR erleichtert Rechnungskontrolle und Verhandlungen Wegen des zunehmenden Einsatzes der elektronischen Kommunikationsmittel hat santésuisse für seine Mitglieder und die internen Stellen im Jahre 2001 die Vertragsdatenbank (VDB) realisiert: Dort werden alle allgemein gültigen Verträge aus dem Bereich der obligatorischen Krankenpflegeversicherung abgebildet. Daneben erstellte der RVK vorab für die ihm angeschlossenen Krankenversicherer unter der Bezeichnung «Vertrags- und Tarifdatenbank (VTDB)» eine ähnliche Anwendung. Jetzt werden die beiden Datenbanken zusammengeführt.

B

eide Anwendungen gewährleisten die elektronische Verteilung der schriftlichen Vertragsinformationen an ihre Mitglieder. Sie unterstützen dabei hauptsächlich die manuelle Rechnungskontrolle und die mit Vertragsverhandlungen betrauten Personen. Die zwei Datenbanken bestehen seit Jahren parallel und haben sich unterschiedlich entwickelt, obwohl sie inhaltlich die gleichen Verträge und die gleichen Vertragsinhalte abbilden. Jede Applikation verfügt über zusätzliche Informationen und Funktionen, damit die Kunden im Bereich der Leistungsinformationen ein aussagekräftiges Nachschlagewerk benutzen können.

Neue Anforderungen – gemeinsame Lösung Aus gemeinsamen Diskussionen zwischen santésuisse und dem RVK entstand im November 2005 die Idee einer gemeinsamen Lösung. Eine Bestandesaufnahme ergab, dass beide Applikationen bei den Kunden stark verankert sind und über unterschiedliche Ausprägungen verfügen. Beide bisherigen Datenbanken müssen nun aber neuen Anforderungen gerecht werden: Insbesondere müssen sie die wachsende Vertragsvielfalt überschaubar darstellen, Vorbereitungen auf die mögliche Auflösung des Vertragszwangs unterstützen und die elektronische Rechnungsprüfung einbeziehen. Deshalb wurde gemeinsam ein Projekt beschlossen, welches die Schwachstellen in den bisherigen Applikationen sowie die aufwändigen und doppelt geführten Bewirtschaftungsaufgaben eliminiert. Nach eingehenden Verhandlungen wurden am 20. Dezember 2006 die Zusammanarbeitsverträge zwischen dem

RVK und santésuisse unterzeichnet. Ziel ist ein Zentrales Vertragsregister (ZVR) mit • Web-Applikation • Standard-Schnittstelle (analog ZSR) mit allen Verknüpfungen • EDI-Schnittstelle als elektronisches Vertragsverzeichnis • Mandantenfähigkeit für eigene Verträge. Für die Kunden wird damit auf verschiedenen Ebenen ein bedeutender Mehrnutzen entstehen.

Das ZVR-Team an der Arbeit. V.l.n.r.: Matthias Wechsler, Franz Wolfisberg, Ruedi Bucher.

Die konkreten Pläne Das ZVR wird dem Ressort Zahlstellenregister (ZSR) in Luzern angegliedert und von dort aus bewirtschaftet und betrieben. Die Aufgabenstellung des ZVR ist derjenigen des ZSR sehr ähnlich. Damit können die Erfahrungen aus dem Projekt «ZSR-Revision 2004» einfliessen. Ebenso kommen gleichartige Tools und Methoden wie beim ZSR zur Anwendung. Zudem sind für das ZVR identische Verteil- und Produktionsvorgänge wie beim ZSR vorgesehen. In einer ersten Phase sind die Versicherer kontaktiert und eingeladen worden, den Lizenzvertrag für das neue Zentrale Vertragsregister zu unterzeichnen. Dieser Prozess beansprucht noch einige Zeit, weil sich jeder Versicherer intern mit den verschiedenen Lösungsansätzen befassen und entsprechende strategische Entscheide fällen muss. Zurzeit werden zusätzliche Wün-

sche und Anliegen der Versicherer entgegengenommen und so weit wie möglich in das Projekt integriert. In einer weiteren Phase wird die neue Applikation zur Bewirtschaftung und Verteilung realisiert. Dann beginnt auch der Pilotbetrieb. Nach einer ersten Bereinigung werden dann die Daten in die neue Applikation übernommen. Dieser Prozess wird sehr zeitintensiv sein, da jeder Vertrag durchgearbeitet und gemäss den neuen Strukturen bereinigt werden muss. In jedem Fall ist die Bewirtschaftung der Vertragsdaten ein zentraler Erfolgsfaktor für das Projekt. Dementsprechend wird diesem Punkt besondere Beachtung geschenkt. Die Einführung des Zentralen Vertragsregisters ist auf den 1. Januar 2008 ge­ plant. Franz Wolfisberg


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GESUNDHEITSWESEN

infosantésuisse  Nr. 4, April 2007

Grafik des Monats

Pflegekosten und restliche Ausgaben driften ab 80 auseinander Ab dieser Ausgabe präsentieren wir im infosantésuisse regelmässig die «Grafik des Monats». Den Anfang macht ein aufschlussreicher Vergleich zwischen Pflegekosten und übrigen Ausgaben nach Altersgruppen.

D

• Noch vor dem 90. Lebensjahr werden die Kosten für die Pflege pro Versicherten höher als für alle restlichen Gesundheitsleistungen zusammengenommen. • Die stark steigenden Pflegekosten ab dem 80. Lebensjahr sind vor allem auf die Pflegeheime zurückzuführen. • Die Spitex spielt eine deutlich kleinere Rolle. Deren Kosten pro Versicherten sind erstens im Vergleich zu den Pflegeheimen niedrig. Zweitens steigen sie mit dem Älterwerden deutlich weniger stark an.

• Die stark steigenden Kosten im höheren Lebensalter, verbunden mit der demografischen Alterung, werden die Krankenversicherung in Zukunft vor grosse Herausforderungen stellen. Unsere Grafik des Monats April bestätigt zweierlei: Zum einen sind die Pflegekosten ein Gebiet, auf dem Handlungsbedarf herrscht. Zum anderen ist die häusliche gegenüber der stationären Pflege zu fördern – nicht nur aus Kostengründen, sondern auch für eine höhere Selbstbestimmung und eine bessere Lebensqualität der Betroffenen.  Matthias Schenker

K o s t e n p r o Ve r s i c h e r t e n nach Pflegeheim und Spitex 2005 Bruttoleistungen pro Versicherten in Fr.

Quelle: santésuisse-Datenpool, Jahresdaten 2005

ie Grafik des Monats April zeigt auf, wie sich die Kosten für Spitex, Pflegeheime und übrige KVGLeistungen in den verschiedenen Altersgruppen verteilen. Aufgrund der Zahlen des santésuisse-Datenpools lassen sich einige sehr interessante Aussagen machen: • Erst ab einem Alter von etwa 70 Jahren fallen bei den Versicherten nennenswerte Pflegekosten an. • Ab etwa 80 Jahren beginnen die Pflegekosten stark zu steigen. • Ebenfalls ab etwa 80 Jahren sinken die restlichen Gesundheitskosten pro Versicherten.

25000

20000

Spitex / Versicherte Pflegeheim / Versicherte Übriges / Versicherte

15000

10000

5000

0 5J 0-

.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . J. 5J 5J 0J 0J 0J 5J 5J 5J 0J 8J 5J 0J 5J 5J 0J 5J 0J 0J 5J 0J 10 -6 -7 -7 -8 -1 -9 -9 -8 -1 -2 -2 -3 -4 -3 -5 -4 -5 -6 10 10 61 6 6 1 1 6 1 1 6 9 1 6 1 6 1 1 6 6 6 6 7 7 8 8 1 1 1 2 2 9 3 1 3 4 5 4 5 96 10

Altersgruppen

Ab etwa 80 Jahren beginnen die Pflegekosten stark zu steigen, während die restlichen Gesundheitsausgaben sinken.


GESUNDHEITSWESEN

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infosantésuisse  Nr. 4, April 2007

Die Schleudertrauma-Diskussion dreht sich seit Jahrzehnten im Kreis

Von der Eisenbahnkrankheit zum Schleudertrauma Wie häufig führen Schleudertraumas zwingend in die Invalidität? Was sind die wahren Ursachen für die Beschwerden, die vor allem nach Auffahrunfällen auftreten? Wann sind Renten oder Entschädigungszahlungen der beste Weg, um den Opfern zu helfen? Diese Fragen sind hochaktuell – und gleichzeitig so alt wie die ältesten Exponate in der Eisenbahnabteilung des Luzerner Verkehrshauses.

D

er englische Chirurg John Eric Erichsen stellte 1866 eine These auf, die seiner Meinung nach die unerklärlich starken Folgen auch von leichteren Eisenbahnunfällen erklärte. Durch die Erschütterungen, die bei einer plötzlichen Geschwindigkeitsänderung auf das Rückenmark einwirken, komme es zu Strukturveränderungen, die Sinnesstörungen, Kopf- und Gliederschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten hervorrufen. Zwanzig Jahre später konterte der deutsche Arzt Hermann Oppenheim mit der Theorie, die auffällig starken Beschwerden nach Zugsunfällen hätten «traumatische Neurosen» als Ursache. Nicht eine Veränderung im Rückenmark, sondern ein Schockerlebnis, noch dazu in Verbindung mit einer neuen, «geheimnisvollen» Technologie, lösten die Beschwerden aus.

der Romandie haben sich die Kosten seit 1990 verdoppelt – in der Deutschschweiz versechsfacht. Das wirft die Frage auf: Sind Schleudertraumas hauptsächlich die Folge von Auffahrunfällen – oder spielen auch kulturelle Faktoren oder der Bekanntheitsgrad des Themas eine Rolle? Die Versicherungsgesellschaften sprechen von einer «Hypersensibilisierung» insbesondere in der Deutschschweiz, während Opferverbände klagen, in der Romandie werde die Krankheit oft nicht erkannt – auch, weil die Bevölkerung zuwenig darüber informiert sei. Laut dem deutschen Psychiater Andreas Stevens erwarten viele Opfer nach einem Verkehrsunbfall geradezu ein Schleudertrauma. Das sei ein «kulturbezogenes und erlerntes Ritual», bei dem auch die Erwartung einer Entschädigung eine wichtige Rolle spiele.

Ein kulturelles Phänomen?

Ändert Bundesgericht Praxis?

Weil sich zu jener Zeit die ersten Versicherungssysteme etablierten, wurde die Diskussion um die Ursache der «Eisenbahnkrankheit» bereits im 19. Jahrhundert intensiv geführt: Führen Zugsunfälle wirklich häufig zu bleibenden Schäden, oder verursachen sie «nur» Traumas, die überwindbar sind? Zwei Jahrhunderte später läuft die gleiche Debatte immer noch – inzwischen unter dem Stichwort Schleudertrauma. In den letzten Jahren hat das Thema in der Schweiz zusätzliche Brisanz erhalten, weil die Versicherungskosten (vor allem in der Invaliden-, Unfall- und Haftpflichtversicherung) exorbitant gestiegen sind. 33 Prozent aller Zahlungen für Körperschäden entfallen in der Schweiz auf das Schleudertrauma – in Frankreich sind es nur drei Prozent. Rund eine halbe Milliarde Franken gehen hierzulande jährlich an die Opfer von Schleudertraumas. In

Wie dem auch sei: Augenfällig ist, dass der starke Anstieg der Schleudertrauma-Kosten mit einem Bundesgerichts-Entscheid von 1991 begann: Es anerkannte den Anspruch eines Patienten auf IV-Rente – obwohl es für seine Beschwerden keine medizinische Erklärung gab. Dieses Leiturteil war der Grundstein der kommenden grosszügigen Rentenvergabe. Der Freiburger Sozialversicherungsrechtler Erwin Murer rechnet jedoch mit einer Kehrtwende: Die grossen finanziellen Aufwendungen für Versicherungsfälle ohne bekannte Ursache hätten dazu geführt, dass die Bundesrichter bereits jetzt die Fälle vorsichtiger beurteilen. Das Schleudertrauma werde damit seinen Status als juristisch gefördertes Leiden verlieren. Stattdessen, so Murer, könnten wieder die wahren Ursachen vieler Schleudertraumas in den Vordergrund treten: Berufliche Überfor-

derung, familiäre Spannungen oder andere persönliche Schwierigkeiten. Mehrere Studien, unter anderem von den Professoren Bogdan Radanov und Thomas Ettlin, empfehlen denn auch den stärkeren Einbezug der Psychotherapie in die Schleudertrauma-Behandlung. Aber auch die Versicherungen sind gefordert: Der schweizerische Versicherungsverband empfiehlt seinen Mitgliedern, bei Schleudertrauma-Patienten so schnell wie möglich das «Chronifizierungsrisiko» abzuklären. Nur so könnten rechtzeitig die richtigen Schritte eingeleitet und damit das Auftreten einer Dauerinvalidität verhindert werden.  Peter Kraft

Vor vier Jahren haben die Versicherer zusammen mit den Leistungserbringern einen Fragebogen erarbeitet, welcher nun nach Auftreten eines Schleudertraumas ausgefüllt werden soll. Der Dokumentationsbogen erfasst den Unfallhergang und ermöglicht die medizinischen Befunde halbstrukturiert festzuhalten, so wie sie sich bei der ersten Kontaktaufnahme auf der Notfallstation oder in der erstversorgenden Praxis präsentieren. Der Fragebogen kann mitsamt Anleitung auf der Webseite des medizinischen Dienstes des SVV (www.med.svv.ch) heruntergelanden und nach TARMED abgerechnet werden. Damit werden wichtige Daten gesichert, welche für das Verstehen des späteren Verlaufes wertvoll sein können. Die Unfall- und Krankenversicherer haben pro Jahr etwa gleich viele Fälle zu bearbeiten und fordern alle erstversorgenden Ärztinnen und Ärzte auf, den Dokumentationsbogen zu verwenden.


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GESUNDHEITSWESEN

infosantésuisse  Nr. 4, April 2007

Buchtipp: Gesundheitsdaten verstehen

Auch Gesundheitsdaten müssen verlässlich sein «Die Statistik lügt» – ein Ausspruch, der oft zu hören ist, der aber in dieser absoluten Form sicher nicht zutrifft. Statistiken können durchaus einen Aussagewert haben, sofern sie nach wissenschaftlichen Methoden erstellt worden sind – doch sind sie nicht immer frei von Tücken. Das zeigt das Buch «Gesundheitsdaten verstehen» anhand konkreter Beispiele auf.

Interpretationsbedürftig... Viele Daten sind interpretationsbedürftig. Ein Beispiel: Warum sterben so viele Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen? Weil es «typische Alterskrankheiten» sind. Dass diese Erkrankungen bei den Todesursachen dominieren, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Menschen heute älter werden und weniger an anderen Krankheiten sterben. Mit anderen Worten: Im Verhältnis zur steigenden Lebenserwartung nimmt die Sterblichkeit bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab, während die Erkrankungen und damit auch die Krankenhausfälle zunehmen.

Ein wichtiger Punkt: Verlässlichkeit

Josef Kuhn Manfred Wildner «Gesundheitsdaten verstehen», 100 Seiten. Verlag Hans Huber, Bern

D

er Fokus des Buches ist auf das deutsche Gesundheitswesen gerichtet, wobei die von den Autoren Joseph Kuhn und Manfred Wildner vorgebrachten Analysen und Folgerungen von allgemeiner Gültigkeit sind. Gesundheitsdaten begegnen uns täglich, sei es in Form von Kosten und von Krankheitshäufigkeiten oder in Form von Kennziffern über die Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen. Dabei kann man den Daten nicht immer ohne weiteres ansehen, was sie bedeuten: Sie müssen interpretiert werden, wenn man sie verstehen will. Um den Umgang mit Gesundheitsdaten zu erleichtern, werden im Buch einleitend Begriffe erklärt, die in der Epidemiologie* wichtig sind, so Begriffe wie Sterblichkeit, Prävalenz, oder relatives Risiko.

Unfallstatistiken, soweit überhaupt vorhanden, sind nicht unbedingt verlässlich. So erfasst die in Deutschland jährlich erstellte Statistik der Verkehrsunfälle lediglich die von der Polizei aufgenommenen Unfälle. Unfälle von Fussgängern ohne Beteiligung von anderen Verkehrsteilnehmern gelten nicht als Strassenverkehrsunfälle. Über die Zahl derer, die im Winter auf vereisten Strassen und Bürgersteigen ausrutschen und sich verletzen, ist aus der Statistik nichts zu erfahren. Ebenfalls nicht als Strassenverkehrsunfälle gelten Unfälle auf Privatgrund. Während schwere Unfälle und inbesondere solche mit tödlichem Ausgang recht zuverlässig erfasst werden, ist dies bei leichteren Unfällen nicht der Fall. Die Frage der Verlässlichkeit stellt sich insbesondere auch bei statistischen Ergebnissen, die einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung belegen sollen. So ist es keineswegs erwiesen, dass ein statistisch höheres Unfallrisiko der Jugendlichen auf jeden Fall etwas mit dem Merkmal «Jugend» zu tun hat. Als berühmtes

Beispiel erwähnt das Buch den Rückgang der Storchenpopulation und den Rückgang der Geburten.

Durchschnittswerte hinterfragen Kritisch hinterfragen die Autoren auch den häufigen Gebrauch von Durchschnittswerten. Indem eine grosse Datenmenge auf eine einzige Kennziffer verdichtet werde, lasse sich die Darstellung eines Sachverhaltes zwar vereinfachen, was aber die Gefahr einschliesse, dass wichtige Differenzierungen verdeckt werden. Wie etwa bei einer Durchschnittsnote allein die guten und die schlechten Leistungen nicht erkennbar sind, verschwinden auch bei einem generellen Krankenstand die Unterschiede nach Alter, Geschlecht, beruflichem Status oder Betriebsgrösse. Nicht umsonst heisst es bei Statistikern: «Beim Durchschnitt ist die Kuh ersoffen»: Auch wenn ein Fluss im Durchschnitt nur 50cm tief ist, kann er doch Stellen mit einer viel grösseren Tiefe haben, an denen auch eine Kuh ertrinken kann. Das vorliegende Buch ist ein wichtiger Beitrag zum besseren Verstehen von statistischen Zahlen. Es nimmt Daten und Datenquellen kritisch unter die Lupe und es zeigt auch Möglichkeiten auf, Daten manipulativ darzustellen. Das 100 Seiten kleine Buch ist kein akademisches Lehrmittel, wohl aber ein leicht verständlicher Ratgeber in der Flut von Gesundheitsinfos. Wünschbar wäre, dass in der nächsten Auflage des Buches auch Schweizer Daten berücksichtigt werden. Josef Ziegler

* Lehre von der Häufigkeit und Verteilung von Risikofaktoren, Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen in der Bevölkerung


service Migros-Kulturprozent mit neuer Initiative

Kurs für übergewichtige Kinder und ihre Familien

Ab nach Deutschland: Die Universitätsklinik Schleswig-Holstein hat einen Kooperationsvertrag mit den sechs grössten dänischen Spitälern abgeschlossen. Ziel ist es, jährlich etwa 150 dänische Krebspatienten im deutschen Grenzgebiet behandeln zu lassen. Der Hintergrund: Wegen der langen Wartezeiten im dänischen Gesundheitssystem ist nicht für alle Krebspatienten eine Behandlung innert vernünftiger Frist möglich.

Im kommenden Mai startet das Migros-Kulturprozent einen neuen Kurs des club minu, dem Verhaltenstraining für übergewichtige Kinder und Jugendliche. Das Programm bezieht die ganze Familie mit ein und motiviert übergewichtige Elf- bis Sechzehnjährige zu einer gesunden Ernährung und mehr

Bewegung. Der Kurs dauert neun Monate und umfasst 13 für Kinder und Eltern separat durchgeführte Gruppentreffen sowie zwei Familiengespräche. Im Sommer findet ein zweiwöchiges Sommerlager für die Kinder statt. Im Herbst folgt ein Familientag. Vorgängig zur definitiven Anmeldung wird mit

jeder Familie ein Aufnahmegespräch durchgeführt. Geleitet wird der club minu von einem Fachteam, bestehend aus einem Ernährungspsychologen, einer Ernährungsberaterin, einer Hauswirtschaftslehrerin und einem Sportlehrer. Interessierte können sich anmelden unter www.minuweb.ch.

Foto: Prisma

News aus aller Welt

Druck auf die Preise: Die britische Wettbewerbsbehörde will das Preisbildungsverfahren für Medikamente radikal ändern – trotz Wegzugsdrohungen der Industrie. Das Sparpotenzial liege bei 1,5 Milliarden Franken. Aktuell steht es den Pharmafirmen frei, wie sie ihre Preise gestalten. Es gibt lediglich Obergrenzen für den Unternehmensgewinn. USA I: Laut Polizeiberichten aus Los Angeles kommt es immer wieder vor, dass Kliniken obdachlose oder demente Patienten vor dem Ende der Behandlung auf der Strasse absetzen. Der Grund: Diese Patienten sind nicht in der Lage, ihre Spitalrechnungen zu bezahlen. USA II: Alle drei demokratischen Präsidentschafts-BewerberInnen steigen deshalb mit dem erklärten Ziel in den Wahlkampf, eine obligatorische Krankenversicherung einzuführen. Eine Kandidatin, Hillary Clinton, hatte dies während der Präsidentschaft ihres Ehemannes bereits einmal vergeblich versucht.

Kennen Sie die Details?

Testen Sie Ihr Wissen zur Krankenversicherung Auf www.santesuisse.ch haben Sie die Möglichkeit, Ihr Wissen zu Fragen der Krankenversicherung zu testen. Sie beantworten 20 Fragen mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad und erhalten am Schluss eine Auswertung. Der Test wird Ihr Wis-

sen erweitern und Sie vielleicht auch auf weitere Fragen aufmerksam machen, deren Antworten Ihnen bisher nicht bekannt sind. Denn Hand aufs Herz: Wissen Sie aus dem Stegreif, ob Medikamente von der OPK auch bezahlt werden, wenn sie vom Zahnarzt ver-

schrieben sind? Oder innert wie vielen Tagen Sie rekurrieren müssen, wenn Sie mit einem Entscheid Ihres Versicherers nicht einverstanden sind? Den Test finden Sie unter: www.santesuisse.ch – Ausbildung – E-Learning


SANTÉSUISSE – SERVICE

infosantésuisse  Nr. 4, April 2007

Foto: Prisma

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Krebsliga lanciert zwei Kampagnen

Prävention von Hautund Darmkrebs Die Krebsliga Schweiz führt zurzeit Kampagnen zur Verhinderung von zwei der häufigsten – und damit gefährlichsten – Krebsarten. Am 7. Mai organisiert die Krebsliga in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie, dem Bundesamt für Gesundheit und dem Apothekerverband pharmasuisse den nationalen Hautkrebstag. Hautärzte in der ganzen Schweiz bieten an diesem Tag die kostenlose Untersuchung von auffälligen Hautveränderungen an. Vor einem Jahr wurde bereits eine ähnliche Aktion durchgeführt – mit dem Resultat, dass dank der kostenlosen Untersuchungen 177 Melanome (bösartiger Hautkrebs) entdeckt wurden. Früherkennung ist bei Hautkrebs für die Heilungschancen entscheidend. Zur Prävention empfiehlt die Krebsliga neben regelmässigen Selbstuntersuchungen das Vermeiden von Sonnenbränden und von Solariumbesuchen. Vor allem Menschen mit heller Haut sollten diese Vorsichtsmassnahmen strikte beachten. Die Schweiz steht bei der Häufigkeit von

Hautkrebs hinter Norwegen an zweiter Stelle in Europa. Die Häufigkeit der Erkrankungen hat in unserem Land in den letzten zwanzig Jahren stark zugenommen (siehe Grafik). Die Kampagne «Darmkrebs nie» erfährt eine Neuauflage. Die Krebsliga stellt eine Broschüre mit grundlegenden Informationen zur Krankheit bereit: Was ist Darmkrebs, welches sind die Risikofaktoren, wie sehen die Symptome aus und wie wird er behandelt? Natürlich wird auch erklärt, was jeder zur Minderung des persönlichen Risikos unternehmen kann. Die wichtigsten Vorsichtsmassnahmen sind eine ausgewogene Ernährung, genügend Bewegung, massvoller Alkoholgenuss und der Verzicht aufs Rauchen. Ein spezieller Ratgeber ist der gesunden Ernährung gewidmet – welche nicht «nur» das Krebsrisiko senkt. Darüber hinaus organisiert die Krebsliga am 13. September eine Fachtagung zum Thema Darmkrebs-Screening. Unterlagen zu beiden Kampagnen können kostenlos unter shop@swisscancer.ch oder 0844 85 00 00 bestellt werden

NEUERKRANKUNGEN / 100000

HAUTKREBS: NEUERKRANKUNGEN VON 1985 – 2003 22 20 18 16 14 12 10 1985–88

1989–92 MÄNNER

1993–96

1997–00

2001–03

FRAUEN

Die Häufigkeit von Hautkrebs ist in den letzten Jahren stark gestiegen.

Weitgehend privat finanziert

Schweizer Lehrstuhl für Chiropraktik ab 2008 Weil es im deutschsprachigen Raum keinen Lehrstuhl gibt, müssen angehende Chiropraktoren ihr Studium in Kanada oder den USA absolvieren. Das ist mit hohen Kosten verbunden und schliesst deshalb viele begabte Personen von der Ausbildung aus. Ab Herbst 2008 hat dies ein Ende: Dann wird an der Universität Zürich ein Lehrstuhl für Chiropraktik sei-

nen Betrieb einnehmen. Finanziert wird die Professur von der Fachgesellschaft Chirosuisse und durch die Privatinitiative von Schweizer Chiropraktoren. Diese hatten beispielsweise 2005 auf ein Tageshonorar verzichtet, um Geld für den Lehrstuhl aufzutreiben. Chirosuisse gründete ausserdem die private «Stiftung für die Ausbildung von Chiropraktoren.»


SANTÉSUISSE – SERVICE

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infosantésuisse  Nr. 4, April 2007

Veranstaltungen Veranstalter

Besonderes

Datum/Ort

Weitere Informationen

Abschlusspräsentation

12. April 2007 Bern

www.snf.ch

U.a. mit Peter Indra, Vizedirektor des BAG

3. Mai 2007 Hotel Bern, Bern

www.sggp.ch

Thema: Die Zukunft der Telemedizin

8. Mai 2007 Hotel Hilton, Basel

www.medgate.ch

77 Parallelveranstaltungen und Fachausstellung

9.-11. Mai 2007 Music & Convention Centre, Montreux

www.sbk.ch

10. Mai 2007 Kongresshaus Zürich

www.rvk.ch.ch

NFP 49 Antibiotikaresistenz Nationalfonds

Komplementärmedizin – Grundbedürfnis oder Luxus? SGGP

4. Medgate-Symposium Medgate

Pflegekongress 07 Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK

RVK

Der Patient im Mittelpunkt – Referate u.a. von Thierry Carrel und Peter Indra

Zeichnung: Marc Roulin

9. Schweizerisches Forum der sozialen Krankenversicherung


9. Schweizerisches Forum der sozialen Krankenversicherung: Donnerstag, 10. Mai 2007, 9.30 bis 16.00 Uhr im Kongresshaus Zürich

Der Patient im Mittelpunkt Der Patient als Mittel. Punkt Es sind viele Parteien, die im schweizerischen Gesundheitswesen mitspielen: Ärzte, Spitäler, Krankenkassen, Versicherte, Patienten, Politiker. Und es sind ebenso viele, die mit einem Stück des 50 Milliarden grossen Kuchen liebäugeln. Manchmal so intensiv, dass Ziel und Zweck aus den Augen verloren gehen. Das diesjährige Schweizerische Forum der sozialen Krankenversicherung lässt alle Parteien zu Wort kommen. Damit der Patient und seine Gesundheit wieder in den Mittelpunkt rücken. Informationen und Anmeldung: www.rvk.ch

Daniela Lager Moderatorin «10 vor 10», SF DRS

Ben L. Pfeifer Aeskulap-Klinik

Volker Amelung Medizinische Hochschule Hannover

Antoine Chaix Médecins Sans Frontières Schweiz

Weitere Informationen und Online-Anmeldung im Internet: www.rvk.ch

Frank Mathwig Schweiz. Evang. Kirchenbund

Peter R. Müller Krebsliga Schweiz

RVK Haldenstrasse 25, 6006 Luzern Telefon +41 (0) 41 417 05 00

Peter Indra Bundesamt für Gesundheit

Thierry Carrel Inselspital Bern

Charles Giroud Präsident RVK

RVK – Verband der kleinen und mittleren Krankenversicherer

Handbuch der Schweizerischen Krankenversicherung 2007 Das Handbuch der Schweizerischen Krankenversicherung 2007 wird voraussichtlich im April/Mai erscheinen. Mit diesem aktualisierten und unentbehrlichen Nachschlagewerk sind Sie vollumfänglich auf dem neusten Stand bei der Durchführung der Kranken- und Unfallversicherung. Das Handbuch ist in deutscher und französischer Sprache erhältlich und kostet je Fr. 35.– zuzüglich MwSt, Porto- und Verpackungskosten.

Bestellung _____ Exemplar(e) Handbuch der Schweizerischen Krankenversicherung 2007, deutsch _____ exemplaire(s) de l’Annuaire de l’assurance-maladie suisse 2007, édition française

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6.8.2006

18:17 Uhr

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Jetzt gilt’s ernst! Verpassen Sie nicht, Ihr Wissen unter Beweis zu stellen – melden Sie sich rechtzeitig zu den alljährlich durch die Prüfungskommission SVS durchgeführten Prüfungen an:

Berufsprüfung Sozialversicherungs-Fachausweis 2007 Prüfungsdatum- und Ort: 9./10./11. Oktober 2007, mündlich nach Aufgebot, in Aarau, Bern, Chur, Lausanne*, Luzern, St. Gallen, Winterthur und Zürich. Prüfungsgebühr: Fr. 2’000.- + BBT-Urkunde Anmeldung: Bis 31. Mai 2007.

Höhere Fachprüfung Sozialversicherungs-Diplom 2007 Prüfungsdatum- und Ort: 23. bis 28. April 2007 in Zürich und Lausanne*. Prüfungsgebühr: Fr. 3’500.- zuzüglich BBT-Urkunde. Anmeldung: Frist abgelaufen.

Für beide Prüfungen melden Sie sich mittels besonderem Anmeldeformular bei der Prüfungskommission Deutschschweiz an. Die Lehrgangsteilnehmer erhalten die Anmeldeunterlagen direkt zugestellt. *Anmeldung bei: FEAS, Commission romande des examens, c/o Jean-Paul Coquoz, président, Wasserschöpfi 24, 8055 Zürich.

Auf unserer Website finden Sie Prüfungsreglemente und Wegleitungen.

Prüfungskommission Deutschschweiz Sekretariat: Postfach 273 . 8353 Elgg . Tel. 052 368 61 50 Fax 052 368 61 51 . info@ svs-edu.ch . www.svs-edu.ch


infosantésuisse Nr.04/2007 deutsch  

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