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SCHWERPUNKT infosantésuisse  9 / 05

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Die Wirksamkeit und Zweckmässigkeit einzelner Leistungen zu überprüfen ist wichtig – aber nicht genug.

handlungen über ein Case Management als wichtige Massnahmen.

Anreizstruktur muss sich ändern Wie können die oben beschriebenen Missstände beseitigt, die vorgeschlagenen Reformen konkret umgesetzt werden? Vieles ist eine Frage der Anreize. Die Feststellung Sommers, dass effizientes Verhalten im Gesundheitswesen nicht konsequent belohnt würde, ist letztlich die Ursache für die meisten kostentreibenden Faktoren im Gesundheitswesen. Was bedeutet dies für die einzelnen Akteure? Welche Anreize müssen wo korrigiert werden? • Ärzte: Die Vertragsfreiheit bringt einen Anreiz für Qualitäts- und Preiswettbewerb. Zudem pendelt sich die Anzahl Ärzte – unter Berücksichtigung der Versorgungssicherheit durch die Kantone – auf einem vernünftigen Niveau ein. Beides führt zum Abbau von überflüssigen und unwirtschaftlichen Leistungen. Hinzu kommt, dass sich die Versorgungsgerechtigkeit unter den Regionen verbessert: Auf dem Land wird es einfacher sein, einen Vertrag zu bekommen. • Spitäler: Die Abgeltung der Spitäler muss künftig leistungsorientiert erfolgen. Da-

mit fällt der Anreiz weg, die Patienten möglichst lange in der Klinik zu behalten. Der Wettbewerb soll durch die Gleichstellung von privaten mit öffentlichen Kliniken gestärkt werden. • Pharma-Industrie/Medikamente: Weil es keine Anreize für die Patienten gibt, Generika statt Originalprodukte zu wählen, findet ein Preiswettbewerb kaum statt. Die Produzenten können beim Bundesamt für Gesundheit hohe Preise beantragen, ohne bei deren Genehmigung weniger Kunden befürchten zu müssen. Interessant ist auch, dass nicht die extrem teuren Medikamente den Löwenanteil des Umsatzes ausmachen: Die Medikamentenkosten fallen zu 58 Prozent auf Packungen mit einem Preis von unter 100 Franken. Eine höhere Kostenbeteiligung für Medikamente gegen Bagatellerkrankungen, wie von santésuisse und der Interpharma gefordert, wäre ein Anreiz, solche Arzneimittel nicht unnötigerweise zu konsumieren (zur Erinnerung: Die von Patienten beim Arzt verlangten, unnötigen Zusatzleistungen betrugen laut Domenighetti im Jahr 2002 2,7 Milliarden Franken).



• Patienten: Der einzige Anreiz für die Patienten, Leistungen vor der Inanspruchnahme auf ihre Wirtschaftlichkeit zu überprüfen, führt über eine höhere Kostenbeteiligung. Der Patient würde in diesem Fall vielleicht sogar, wie vor jeder grösseren Investition, Kostenvoranschläge verlangen und diese vergleichen. Es bestünde dann zugleich ein Anreiz für den Arzt, wirtschaftlich zu arbeiten und beispielsweise ausdrücklich Generika zu verschreiben. • Versicherer: Die Versicherer müssen, wie dies heute der Fall ist, zu einem Prämien- und Dienstleistungswettbewerb gezwungen sein. Sie müssen weiterhin ein Interesse haben, ihre Prämien durch eine intensive Rechnungskontrolle so gut wie möglich im Rahmen zu halten. Bei einer Einheitskasse würde dieser Anreiz schwächer werden. Die entsprechende Initiative ist also auch von der Kostenseite her betrachtet kontraproduktiv. Leider fehlen den Versicherern heute wichtige Angaben zur Rechnungskontrolle. Dies schlägt sich zum Beispiel darin nieder, dass gewisse Medikamente in der Hitlisten der dreissig meistverkauften Präparate auftauchen, obwohl sie strengen Limitationen unterliegen. • Managed Care: Viele dieser Anreize fliessen in Managed Care-Modellen zusammen. Wenn die Leistungserbringer Budget-Verantwortung tragen, werden sie kein Interesse mehr haben, überflüssige Behandlungen vorzunehmen – auch nicht, wenn der Patient dies verlangt. Die Qualität wird durch die verbesserte Kommunikation und durch Qualitätssicherungsprogramme – ein Markenzeichen von Managed Care-Organisationen – ebenfalls gefördert. Die Budget-Verantwortung bedeutet zudem einen Anreiz, Generika zu verschreiben und könnte dazu führen, dass auch die Leistungserbringer Druck auf die Medikamentenpreise ausüben. Anreize für verantwortungsvolles Handeln für alle Beteiligten: In diese Richtung müssen die Reformen im Gesundheitswesen gehen – letztlich auch zum Vorteil für alle Beteiligten. Dies muss nicht anstelle, sondern soll ergänzend zur Überarbeitung des Leistungskatalogs geschehen.  Peter Kraft

infosantésuisse Nr. 9/2005 deutsch  

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