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SCHWERPUNKT

infosantésuisse  9 / 05

Im Gespräch: Prof. Dr. Gianfranco Domenighetti, Sozialwissenschaftler an der Universität Lausanne

Unzweckmässige Leistungen müssten zu Lasten der Patienten gehen» Der Sozialwissenschaftler Gianfranco Domenighetti, der für die Tessiner Regierungsrätin Patrizia Pesenti das Gesundheitsamt leitet, hat in seinen Studien zwei Feststellungen gemacht, die aufhorchen lassen. Zum einen sind im Jahr 2002 2,7 Milliarden Franken an medizinischen Leistungen erbracht worden, die vom Arzt nicht vorgesehen waren, wohl aber von den Patienten gewünscht wurden. Zum anderen sind die Patienten in allen Kantonen mit den medizinischen Leistungen sehr zufrieden, obwohl grosse Unterschiede in der Versorgungsdichte herrschen. Deshalb fordert Domenighetti im Gespräch mit infosantésuisse: Die medizinische Versorgung in der Schweiz muss effizienter werden.

infosantésuisse: Laut einer Studie von Ihnen haben im Jahr 2002 Ärzte auf Wunsch der Patienten Zusatzleistungen in der Höhe von 2,7 Milliarden Franken erbracht. Was ist der Grund dafür? Gianfranco Domenighetti: Gemäss unserer Studie haben drei Typen von Individuen am häufigsten Zusatzleistungen beansprucht: Gesundheitlich angeschlagene Menschen, einkommensschwächere Patienten und Versicherte aus den lateinischen Kantonen. Natürlich spielt auch das Angebot eine Rolle, da die Medizin, die ja keine exakte Wissenschaft ist, mit Faktoren wie Komplexität und Unsicherheit umgehen muss. Weitere Gründe sind die Ärztedichte, die Angst, den Patienten zu «verlieren» und auch die Zweifel des Arztes, der Patient könnte die Leistung zu Recht verlangen. Wie kann für Ärzte der Anreiz beseitigt werden, derartige unnötige Behandlungen vorzunehmen? Dass die Ärzte nach medizinischen Leistungen abgegolten werden und dass die Patienten die Möglichkeit haben, den Arzt zu wechseln, wenn sie nicht vollumfänglich zufrieden sind, sind klare Anreizfaktoren. Hinzu kommt auch TARMED, mit dem es für Ärzte wie zuvor einfacher ist, eine unzweckmässige Leistung zu erbringen, als eine halbe Stunde zu verlieren, um den Patienten davon zu überzeugen, dass er im Unrecht ist. Ohne einen Systemumbau lassen sich diese angebotsseitigen Anreize nur schwer ausmerzen.

Wie könnten konkrete Anreize für die Patienten aussehen, nur jene Leistungen in Anspruch zu nehmen, die zur Heilung ihrer Krankheit nötig sind?

Die Grenze zum Pathologischen wird heute für eine Reihe diffuser Risikofaktoren immer tiefer angesetzt. Aus «subjektiv Gesunden» werden so «objektiv Kranke». Die Patienten – mit Ausnahme der chronisch Kranken – wissen in der Regel nicht, welche Leistungen zur Heilung ihrer Krankheit tatsächlich wirksam sind. Sie müssen ausserdem ein aggressives Marketing in Zeitungen, Fernsehen oder Internet über sich ergehen lassen. Verantwortlich dafür sind Unternehmen der Medizinund Gesundheitstechnik. Das Problem ist, dass eine Leistung bei einem Patienten wirksam sein kann und Sinn macht, bei einem anderen hingegen nicht. Eigentlich müssten unzweckmässige Leistungen also ganz zu Lasten der Patienten gehen. Der einzige, der über die Zweckmässigkeit einer Leistung entscheiden kann, ist jedoch der Arzt selber. Der ist aber sehr oft in die Beziehung zu seinen Patienten dermassen stark verstrickt, dass er kaum vermeiden kann, Anreizen bzw. Interessenskonflikten ausgesetzt zu sein. Welche Rolle könnten Managed-CareModelle dabei spielen? Managed-Care-Modelle sind meiner Meinung nach die einzige Lösung, denn sie verhindern Patiententourismus. Qualitäts-

zirkel sollten in der Regel für eine zweckmässigere Behandlung sorgen. In beiden Modellen werden meist Generika anstelle von Originalpräparaten verschrieben, sofern dies möglich ist. Auch regelmässig aktualisierte Richtlinien darüber, wie allgemeine Erkrankungen zu behandeln sind, können die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit sehr positiv beeinflussen. Wie beurteilen Sie den bestehenden Leistungskatalog in der Grundversicherung? Gibt es darin Leistungen, auf die verzichtet werden könnte? Man darf nicht vergessen, dass eine Leistung an sich wirksam sein kann oder auch nicht, je nach dem ob sie korrekt und der medizinischen Indikation entsprechend verschrieben wird. Physiotherapeutische Leistungen müssten aber in jeden Fall unter die Lupe genommen werden, genauso wie «epidemisch» pharmazeutische Verschreibungen zur Bekämpfung von «Risikofaktoren» wie Hypercholesterinämie, Bluthochdruck und Diabetes. Man müsste neue mehrdimensionale, auf mehrere Ursachen zurückgehende, «Risikogrenzwerte» festlegen, z.B. für Herz-KreislaufErkrankungen. Nur wenn solche Risikoniveaus überschritten werden, würde die Grundversicherung für die medikamentöse Therapie aufkommen und es wäre genau vorgegeben, welche Medikamente abzugeben sind. Andere Länder sind hier schon weiter und haben dieses System bereits umgesetzt oder geplant. Personen, bei denen das Risiko einer Erkrankung sehr gering ist, müssten diese Therapien aus der eigenen Tasche bezahlen. Fakt ist auch,

infosantésuisse Nr. 9/2005 deutsch  

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