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SCHWERPUNKT

infosantésuisse  9 / 05

Welche Sparmöglichkeiten bestehen im Gesundheitswesen?

Effizienz steigern statt rationieren Die Kosten im Gesundheitswesen – und mit ihnen die Prämien – steigen weiterhin stark an. Die Einsicht, dass das nicht so weitergehen darf, scheint sich immer mehr durchzusetzen: Themen wie Rationierung oder Rationalisierung tauchen auf den Programmen von Gesundheitstagungen auf, werden in den Fachmedien thematisiert und finden sogar Eingang in den politischen Diskurs. Doch was genau ist darunter zu verstehen? Und wie lässt sich verhindern, dass notwendige medizinische Leistungen in Zukunft aus Kostengründen nicht mehr erbracht werden?

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ationierung und Rationalisierung sind Begriffe, die häufig verwechselt werden und auch nicht ganz einfach voneinander abzugrenzen sind. Grundsätzlich gilt: • Rationalisierung bedeutet, dass eine Leistung mit weniger Aufwand erbracht oder mit gleichem Aufwand mehr Leistung erzielt wird. Es geht hier also keineswegs um mengenmässige oder qualitative Abstriche, sondern um eine Effizienzsteigerung. • Rationierung hingegen bedeutet Verzicht auf eine für den Patienten wichtige Behandlung aus ökonomischen Gründen. Rationierung kann auf verschiedene Arten erfolgen: Offene Rationierung beruht auf allgemein bekannten und politisch anerkannten Kriterien und Mechanismen. Es ist klar festgesetzt, welche Behandlung in welcher Situation eingeschränkt erfolgt. Verdeckte Rationierung hingegen funktioniert nicht nach bekannten Kriterien, sondern geschieht oft spontan im Einzelfall. Mittel dazu sind ein erschwerter Zugang etwa durch Wartelisten, Abschiebung an andere Leistungserbringer, Einschränkung der Behandlungsintensität oder im Extremfall sogar Abschreckung durch herablassende Behandlung oder vorenthaltene Informationen.

Grenzen sind umstritten Wo die Rationalisierung aufhört und die Rationierung beginnt, ist nicht unumstritten. Den Extremfall bilden gewisse Mediziner, die bereits dann von Rationierung sprechen, wenn sie bei ihren Entscheiden auch die Kosten berücksichtigen sollen. Moderatere Stimmen, wie etwa der Gesundheitsökonom Gerhard Kocher, bezeichnen beispielsweise die Überar-

beitung des Grundleistungskatalogs der Krankenversicherung, die Beschränkung der Zahl der Leistungserbringer unter Berücksichtigung der Versorgungssicherheit sowie die Limitierung von besonders teuren medizinischen Therapien auf bestimmte Diagnosen als Rationierung. Andere Gesundheitsökonomen, wie Peter Zweifel, betrachten diese Massnahmen noch als Rationalisierung, weil hier keine nutz- und heilbringenden Leistungen abgebaut werden, sondern lediglich andere Anreize geschaffen, die Effizienz verbessert und wirklich unnötige Leistungen eliminiert werden. santésuisse schliesst sich der Auffassung von Peter Zweifel an, wonach Massnahmen zur Anreizoptimierung und zur Effizienzsteigerung keine Rationierungsmassnahmen sind. Sie folgt damit der eingangs erwähnten Definition: Rationierung bedeutet Verzicht auf eine für den Patienten wichtige Behandlung aus ökonomischen Gründen.

Rationierungsdiskussion in der Schweiz kaum existent Die Rationierungsdiskussion in der Schweiz ist geprägt von der begrifflichen Uneinigkeit. So fordern die einen die Förderung der evidenzbasierten Medizin und von Managed Care, den Ausschluss unwirtschaftlicher Leistungserbringer aus den Verträgen sowie die Verlagerung gewisser Leistungen in die Zusatzversicherung als Alternativen zur drohenden Rationierung. Andere fordern exakt das Gleiche – bereits als Rationierungsmassnahmen, die sich nicht mehr abwenden lassen. Eine Rationierungsdebatte gemäss dem Begriffsverständnis von Peter Zweifel findet aber kaum statt. Ein anderer Gesundheitsökonom, Jürg Sommer, bezwei-

felt gar, ob sie überhaupt öffentlich debattierbar ist: Wenn der Bevölkerung die tragischen Entscheidungen, die bei Rationierungsmassnahmen mit Sicherheit anfallen, bewusst würden, werde sie sich, genauso wie die Leistungserbringer, mit aller Vehemenz dagegen wehren. Medizinische Rationierung hat in einer direkten Demokratie kaum eine Chance, es sei denn, sie würde als letzter Ausweg

infosantésuisse Nr. 9/2005 deutsch  

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