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EDITORIAL



infosantésuisse  9 / 05

Die vorhandenen Ressourcen effizient nutzen

D Marc-André Giger Direktor santésuisse

ie Schweiz ist eines der wohlhabendsten Länder der Erde. Die Gesundheit und die steigenden Krankenkassenprämien gehören laut allen einschlägigen Umfragen zu den grössten Sorgen der Bevölkerung. Darf es sein, dass ausgerechnet jener Bereich, der den Schweizerinnen und Schweizern am meisten am Herzen liegt, in einem Land mit einem derart hohen Lebensstandard Rationierungsmassnahmen erfährt? Die Antwort lautet selbstverständlich Nein. Doch auch in der Schweiz sind die Ressourcen nicht unbeschränkt. Es stehen nicht beliebig viele Mittel für das Gesundheitswesen zur Verfügung. Rationierungsmassnahmen sind im Moment noch nicht nötig – doch müssen wir dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Rationierung im Gesundheitswesen bedeutet den Verzicht auf medizinisch notwendige Massnahmen aus wirtschaftlichen Gründen. Der Gesundheitsökonom Jürg Sommer warnt: Bei gleich bleibender Kostenentwicklung wird der zunehmende Kostendruck diese Gefahr heraufbeschwören, und zwar in der perfiden Form der impliziten Rationierung: Hier wird dem Patienten spontan und im Einzelfall eine notwendige Leistung verweigert. Es gibt nur einen Weg, der Rationierung zuvorzukommen: Rationalisierung. Die Effizienz im Gesundheitswesen muss sich verbessern. Leistungen, die unwirksam oder medizinisch nicht notwendig sind, sollen nicht länger der Allgemeinheit aufgebürdet werden. Das Rationalisierungspotenzial ist enorm: Der Tessiner Sozialwissenschaftler Gianfranco Domenighetti hat 2,7 Milliarden Franken errechnet – wohlgemerkt nur für die ärztlichen Leistungen im Jahre 2002.

Das Bundesamt für Gesundheit hat angekündigt, unwirksame, unzweckmässige und unwirtschaftliche Behandlungsformen aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung zu streichen. Das ist zu begrüssen, doch darf es nicht dabei bleiben. Die Anreize müssen für alle Akteure im Gesundheitswesen derart umgestaltet werden, dass sie ein Interesse an wirtschaftlichem Handeln haben. Die entsprechenden Reformen werden für einige Beteiligten kurzfristig schmerzhaft sein, sich langfristig aber für alle lohnen. Denn an der Alternative – der Rationierung – kann niemand Interesse haben. Konkrete Massnahmen zur Verbesserung der Anreize sind unter anderem die Einführung der Vertragsfreiheit, die leistungsorientierte Abgeltung für Spitäler, eine höhere Kostenbeteiligung der Patienten sowie die Förderung von Managed Care. Der Bundesrat sieht diese Schritte in der laufenden KVG-Revision vor. Es ist zu hoffen, dass das Parlament die Reformen nun mutig anpackt und damit eine sinnvolle Rationalisierung des Gesundheitswesens ermöglicht.

infosantésuisse Nr. 9/2005 deutsch  

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