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GESUNDHEITSWESEN

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infosantésuisse  9 / 05

Buchtipp

Vom Satteln der Nilpferde Der Arzt und Schriftsteller Ada Jens Koemeda hat beim Schweizerischen Ärzteverlag eine Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlicht. Der gebürtige Prager, der eine Praxis in Zürich führt, entpuppt sich dabei als tiefgründiger, feinfühliger und witziger Beobachter der zeitgenössischen Genussgesellschaft.

S

chon bei der ersten Erzählung, «Der Trinker von Monte Casso», spielt Koemeda die grösste Stärke seiner Kurzgeschichten voll aus: Er führt dem Leser die absurden Begleiterscheinungen der Konsumgesellschaft vor Augen, ohne dabei mit selbstgefälligen Werturteilen zu nerven. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er sich auf das halbherzige und verspätete Engagement des Protagonisten für einen Randständigen konzentriert oder sich mehr dem hilf- und letztlich sinnlosen Totalausstieg des Trinkers aus der Zivilisation widmet. Mehr noch: Die Geschichte liest sich, je nach Blickwinkel, völlig anders und hinterlässt einen entsprechend unterschiedlichen Nachgeschmack. So bekommt der Leser zwei Erzählungen in einer. Nicht alle Kurzgeschichten in Koemedas Buch können derart packen wie der Einstieg, doch sind noch genug andere Perlen vorhanden: In «Vom Satteln der Nilpferde» und noch schöner in «Lanator» zeigt

der Autor auf wunderbar ironische Weise das Dilemma der Trendmenschen auf: Sind sie moderne, individualistische Geniesser oder Gefangene des Zeitgeistes? «Das Gesuch» und «Die Aussicht» behandelt die immer grösseren Aufwendungen unserer Gesellschaft für die Sicherheit und die zunehmende Mühe, mit Fremdem und Unbekanntem umzugehen. In «Berater» gibt ein Geschäftsmann, der sich für äusserst unabhängig hält, die Lösung seiner privaten und beruflichen Probleme in fremde Hände und versucht sich selber jede Verantwortung dafür auszureden. In «Aufhören!» und «Montag» herrscht bei den Figuren eine diffuse Unzufriedenheit vor, die keinen bestimmten Grund zu haben scheint, und «Der Kandidat» versucht sich, kurz bevor es zu spät ist, von seiner machthungrigen Partei zu emanzipieren.

Auszug aus «Das Gesuch»: «Dem Urlaubsanwärter steht bei uns eine ganze Reihe von Ferienpsychologen zur Seite, die bereit sind, ihr reiches theoretisches Wissen und ihre praktischen Facherfahrungen zur Verfügung zu stellen. Die Akzente unserer Arbeit liegen – gleichgewichtig verteilt – sowohl auf der rein körperlichen Einstimmung bzw. der physischen Ertüchtigung des Klienten als auch auf der Information, sozialhumanistischen Erziehung und reisepsychologischen Urlaubsvorbereitung. Denn: Eine gesund und sinnvoll verbrachte Ferienzeit ist nichts anderes als ein optimal gera-

tenes psychosomatisches Kunstwerk. Wir, und hier möchte ich im Namen aller VOF-Mitarbeiter sprechen, wir sind fest davon überzeugt, dass eine fachlich einwandfrei geführte Ferienschulung bald fester Bestandteil des Unterrichtsplanes sein wird, und zwar nicht nur an den höheren Lehranstalten, sondern schon an den Primar- und Sekundarschulen. Die Zeit des «Amateururlaubers», des «Ferienwilderers» wie auch des «Erholungsgeschädigten» wird dann endgültig dem grauen Abschnitt des vorhumanen Reisezeitalters angehören.»

Ein Buch für alle Fälle Koemedas Gesellschaftskritik wirkt trotz dieser zum Teil schweren Themen keineswegs bitter, sondern kommt humorvoll und zuweilen satirisch daher. Der Autor bezieht auch keine Position für oder wider bestimmte Figuren. Dies macht es dem Leser einfacher, sich allfällige Gemeinsamkeiten mit den «Konsumgesellschafts-Opfern» Koemedas einzugestehen. Hinzu kommt die lebendige, mit Wortwitz reich garnierte Sprache. All diese Elemente machen «Vom Satteln der Nilpferde» zu einem vielschichtigen Lesevergnügen, das je nach Fokus zum Nachdenken über sich selbst und seine Umgebung oder einfach nur zur Unterhaltung bestens geeignet ist. Mehrmaliges Lesen sei unbedingt empfohlen!  Peter Kraft «Vom Satteln der Nilpferde», Dr. Ada J. Koemeda, EMH Schweizerischer Ärzteverlag, 2005, 156 Seiten, 25 Franken, ISBN 3-7965-2140-1

infosantésuisse Nr. 9/2005 deutsch  

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