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KRANKENVERSICHERUNG

infosantésuisse  9 / 05

Im Gespräch: Anton Tönz, Geschäftsführer der ÖKK Lugnez II

«Wir können nicht beliebig weiter wachsen»

Fotos: Peter Kraft

In Vals gibt es nicht nur imposante Berge, Thermen und erstklassiges Mineralwasser, sondern auch eine etwas andere Krankenkasse: Die ÖKK Lugnez II will ihr Wachstum bremsen, untersteht einem Gemeindegesetz über die Krankenversicherung und kannte das Versicherungsobligatorium bereits dreissig Jahre vor dem KVG. Diese und weitere Besonderheiten sind Gründe genug, um die weite Reise ins Bündner Oberland anzutreten und den Geschäftsführer Anton Tönz zu treffen.

infosantésuisse: In Ihrem Geschäftsbericht heisst es: «Unser oberstes Gebot ist die Mitgliederzahl im heutigen Umfang zu halten». Und: «Um die Zunahme der Mitglieder in einem überschaubaren Rahmen zu halten, sind Prämienerhöhungen unvermeidlich». Dies tönt auf den ersten Blick absurd. Anton Tönz: Ganz so absolut, wie es klingt, ist es nicht: Ein gesundes Wachstum lehnen auch wir nicht ab. Auf die Jahre 2002 und 2003 haben wir aber 700 bis 800 Versicherte hinzubekommen. Unsere Infrastruktur ist auf maximal 3000 Versicherte eingerichtet, wobei wir schon knapp 2700 Mitglieder haben. Deshalb wollen und können wir nicht beliebig weiter wachsen und dürfen nicht die günstigsten Prämien weit und breit anbieten. Zudem haben wir in unseren Standortgemeinden bereits einen Marktanteil von annähernd 95 Prozent. Neue Versicherte kämen vom übrigen Kanton. Allerdings hat unser Vorgehen eine Kehrseite: Wenn wir nicht mehr die günstigsten sind, dann wechseln vor allem die guten Risiken. Wir müssen deswegen einen Mittelweg finden zwischen allzu grossem Wachstum und der Gefahr, die guten Risiken zu verlieren.

Ihr Ziel ist offensichtlich nicht primär das Wachstum. An was messen Sie Ihren Erfolg? Am wichtigsten ist für uns eine stabile finanzielle Basis der Kasse. Ein schlechtes Jahr können wir problemlos verkraften. Ein weiteres Ziel ist, als kleine Kasse überhaupt noch existieren zu können. Das bedingt den vorhin geschilderten Kompromiss in der Prämiengestaltung. Schliesslich versuchen wir, eine möglichst kundenorientierte Dienstleistung zu erbringen. Welche Rolle spielen kleinere Kassen generell im System? Es gibt eine Reihe von Eigenschaften, die die kleinen Kassen wertvoll machen. Sie sind flexibel, entscheiden schnell, unbürokratisch und im Zweifelsfall für den Versicherten. Unsere Geschäftsstellen befinden sich in Kundennähe, die Strukturen sind überschaubar. Bei vielen Kleinkassen, die als Verein oder öffentlich-rechtlich organisiert sind, haben die Mitglieder auch demokratische Mitbestimmungsrechte, etwa was die Wahl der Führung betrifft. Der RVK ermöglicht den Kleinkassen schliesslich die Nutzung von Synergien durch das Bereitstellen eines gemeinsamen Rechtsdiensts oder Vertrauensärzten. Nicht zu vergessen ist auch: Wenn die Kleinkassen alle fusioniert oder übernommen würden, ginge einiges an Arbeitsplätzen, vor allem in Dörfern, verloren. Die ÖKK Lugnez II betreut pro Vollzeitstelle 1350 Mitglieder. Wie erklärt sich diese Effizienz? Sicherlich nicht durch Abstriche bei der Qualität unserer Arbeit. Wir haben insgesamt 200 Stellenprozente. Trotz dieses geringen Personalbestands sind wir dem Arbeitsaufwand gut gewachsen. Bei uns wird jede Rechung kontrolliert. In einem Klein-

betrieb wie bei uns ist möglicherweise die Motivation der Mitarbeiter eine andere: Hier denkt niemand am Morgen: «Wenn es doch bloss schon Feierabend wäre.» Ich habe das Glück, mit effizienten Leuten zusammen zu arbeiten, die dazu noch mit dem Herzen bei der Sache sind. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Der Bewegungsmangel ist wohl einer der grössten Kostenverursacher heutzutage. Deshalb stehe ich jeden Morgen um fünf Uhr auf, um mit dem Hund nach draussen zu gehen. Um halb sieben bin ich im Büro. Der grösste Teil unserer Arbeit besteht aus der Rechungskontrolle, wobei sich immer mehr als eine Person die Belege anschaut: Der eine sieht dies, die andere etwas anderes. Hinzu kommt die Bedienung des Schalters. Dabei haben wir noch das System der Barauszahlung. In den Zeiten, in denen wir sehr stark gewachsen sind, ist es schon mal vorgekommen, dass ich morgens um fünf Uhr in Büro sass und Offerten geschrieben habe. Insgesamt ist die Arbeit interessanter als in einem grossen Betrieb, nicht so fragmentiert. Das wirkt sich sicher auch auf die Motivation aus. Wie stark ist die ÖKK Lugnez II in ihren Standortgemeinden verankert? Wird sie als örtliche Institution wahrgenommen oder einfach als normaler Dienstleister? Früher wurden wir sicher noch stärker als dorfeigene Kasse, als «unsere» Versicherung, betrachtet. Mit dem KVG und dem Aufnahmeobligatorium hat sich das etwas geändert. Allerdings ist es noch immer so, dass praktisch das ganze Dorf bei uns versichert ist. Das gilt vor allem für die Alteingesessenen, wo die alte emotionale Verbundenheit durchaus noch Bestand hat.

infosantésuisse Nr. 9/2005 deutsch  

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