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vom

Neue Musik in Deutschland erfahren.

Abschlussfestival in Eisenach

bis

10 09 12 09 2010


Partner

EISENACH – DIE WARTBURGSTADT

Medienpartner

Kulturpartner


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» Innenstadt Eisenach

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» Tickets und Veranstaltungsorte

Veranstaltungsorte 1

Georgenkirche [Am Markt, 99817 Eisenach]

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Rokokosaal im Stadtschloss [Markt 24, 99817 Eisenach]

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Festsaal der Wartburg [Auf der Wartburg, 99817 Eisenach]

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Wandelhalle [Wartburgallee 53, 99817 Eisenach]

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HBF

Georgenkirche, Wartburg und Landestheater 20 €, ermäßigt 10 €

Tourist-Information Eisenach Fon +49 (0)3691 79 23 23 info@eisenach.info

 [ermäßigte Ticketpreise für Kinder, Schü­ler, Studenten, Wehr- und Ersatzdienstleistende, Auszubildende und Erwerbslose gegen Vorlage eines entsprechen­den Nachweises]

Erfurt Tourismus GmbH Fon +49 (0)361 66 40 100 tickets@erfurt-tourismus.de

Rokoko­­saal 10 € Wandelhalle freier Eintritt [außer Tickets für das Landestheater]

Bachhaus Eisenach [Frauenplan 21, 99817 Eisenach]

freie Platzwahl

Eisenach Hauptbahnhof

[außer im Landes­theater]

[Bahnhofsstraße, 99817 Eisenach] i

Verkaufsstellen

Landestheater Eisenach [Theaterplatz 4, 99817 Eisenach]

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Ticketpreise

Festivalbüro [Markt 9, Kreuznacher Haus, 99817 Eisenach] Öffnungszeiten Freitag: 9:00 –21:00 Uhr Samstag: 10:00–17:00 Uhr Sonntag: 10:00–17:00 Uhr

und an den Abendkassen

Tickets für das Konzert auf der Wartburg können auch direkt bezogen werden: Fon +49 (0)3691 250 202 info@wartburg.de www.wartburg.de Tickets für das Konzert im Lan­destheater können ebenfalls direkt bezogen werden: Fon +49 (0)3691 256 219 kasse@theater-eisenach.de


Schirmherr

Jens Böhrnsen Präsident des Bundesrates, Präsident des Senats und Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen

sounding D

in Kooperation mit

Augsburg

Kiel

Berlin

Freiburg

Moers

Oldenburg

Hamburg

Passau

Stuttgart


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» Inhalt

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zum Geleit sounding D » im Zug Klangkunst. A German Sound

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sounding D » mittenDrin

20

10 09 10 09 11 09 11 09 11 09 12 09 12 09 12 09 12 09 Biografien Impressum

Klangexpedition für Fortbewegungsmittel Vokalmusik Konzert 1 Kammermusik Konzert 2 Der klingende Berg Konzertinstallation Ensemblemusik Konzert 3 KlangBallon Ballonmusik Artistik-Performance Konzert 4 StadtRundKlang Musikalisches Stadtspiel Orchestermusik Konzert 5

20 24 28 32 36 40 42 46 50 54 65


» zum Geleit Liebe Wartburgstädter, liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde der Neuen Musik!


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«Musik ist die gemeinsame Sprache der Menschheit», sagte einst der amerikanische Dichter Henry Longfellow. Und der Musik aus Eisenach kann man nicht ausweichen, so wie man der Kunst als Bestandteil eines Eisenach war und ist aufgeklärten Lebens nie ausweichen kann. eine Stadt der Musik — angefangen von den Minnesängern um Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach auf der Wartburg, über den berühmtesten Sohn unserer Stadt Johann Sebastian Bach,

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Eisenach früh ein: 1836 wurde der Eisenacher Musikverein gegründet. Sein wichtigstes Verdienst war es, offen für die zeitgenössische Musik gewesen zu sein und durch die Verpflichtung namhafter Solisten die Fenster zur Welt geöffnet zu haben. So war Franz Liszt öfters zu Gast bei dem Verein. Die Musikpflege wird in Eisenach auch von vielen Ensembles geprägt. Neben den verschiedenen Einrichtungen zur Musikpflege in Eisenach gibt es in der Wartburgstadt auch viele attraktive über Georg Philipp Telemann und Richard Wagner, über Hausmusik in Musikveranstaltungen — 2010 erstmalig mit dem Netzwerk Neue Musik Seien Sie mittenDrin — Stöbern Sie in dem der Reuter-Villa und das Beethovenfest des Eisenacher Landestheaters und sounding D. bis hin zum Hip-Hop-Festival auf der Wartburg, zur Reggae-Nacht in Programm. Kommen Sie nach Eisenach und genießen Sie in unserer der Wandelhalle und zu Deutschlands zweitgrößten Jazz-Archiv der Stadt ein unvergessliches Wochenende. Entdecken Sie Eisenach aus Lippmann und Rau-Stiftung in der Alten Mälzerei. Das Leben und Wir- einem anderen, vielleicht neuen Blickwinkel und freuen Sie sich auf die ken berühmter Musiker in dieser Stadt, die reichhaltige Musikgeschichte Kunstmusik der Gegenwart. Wir freuen uns auf Ihren Besuch. und das bis heute lebendige Musikleben stehen bei uns im Mittelpunkt. Herzlichst, Ihr Kurz: «Unsere Stadt glänzte immer durch Musik», wie der Eisenacher Die Matthias Doht Historiograf Christian Franz Paullini schon 1698 schrieb. Wartburgstadt hat eine über 800-jährige Musikgeschichte. Im Spätmit- Oberbürgermeister der Wartburgstadt Eisenach telalter wurde hier die Musik nicht nur in den zahlreichen Klöstern gepflegt. Aus den Schülerchören an der Lateinschule sind viele Musiker hervorgegangen. Auch Martin Luther sang während seiner Schulzeit

[1498–1501] in einem Eisenacher Knabenchor, der «Kurrende». Als Johann Sebastian Bach das Licht der Welt erblickte, ist in Eisenach schon 20 Jahre auf «bachische» Weise musiziert worden. Sein Vater Johann Ambrosius Bach hatte 1671 die Leitung der Eisenacher Stadtmusikkom­ panie übernommen und über 132 Jahre hinweg hießen die Organisten Auch die aktive Musikpflege setzte in der Georgenkirche Bach.


Grußwort des Thüringer Ministers für Bildung, Wissenschaft und Kultur


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Eisenach hat eine sehr gute Verkehrsanbindung, nicht nur dank der Bundesautobahn 4, sondern auch wegen seines Hauptbahnhofs, der an das ICE-Netz angeschlossen ist. Genau hier, in den Eisenacher Hauptbahnhof, rollt am zweiten Septemberwochenende ein ganz besonderer Anliegen des Zug ein: der Klangzug des Netzwerk Neue Musik. bundesweiten Netzwerks ist es, die Neue oder zeitgenössische (Kunst-) Musik in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Dort ist sie noch immer

Mit einem umfangreichen und vielseitigen Programm feiern? wird die Neue Musik den öffentlichen Raum von Stadt und Umland erobern, dazu historische Stätten wie die Wartburg und das Stadtschloss ebenso einbeziehen wie die Lüfte über Lauchröden (BallonMusik) und die sich schlängelnden Windungen der Werra (KlangExpedition). Auf seiner Reise durch Deutschland hat das Netzwerk Neue Musik diesem Land viel gegeben — und es nimmt auch etwas zurück,

nicht recht angekommen. Nach wie vor ist die Aufführung zeitgenössischer Musik eine Herausforderung. Sie muss sich stets aufs Neue behaupten, kann sich nicht auf Bekanntem und Bewährtem ausruhen, muss um Publikum kämpfen. Doch gerade die zeitgenössische Musik sollte die Chance erhalten, gehört zu werden. Denn sie ist ein Spiegel der Zeit; jede Generation und jedes Zeitalter bringt seine eigene Musik hervor. Das Projekt sounding D beschreitet dafür in jeder Hinsicht neue Wege. Der Klangzug hat die zeitgenössische Musik im Gepäck — in Form von Live-Events, Konzerten, Aktionen und Soundwalks. Nach einer über 3 000 km langen Reise quer durch Deutschland endet die Zugfahrt hier in Thüringen, wo man der Neuen Musik gegenüber aufgeschlossen ist und dies mit Festivals wie Junge Kunst Volkenroda oder den Weimarer Frühjahrstagen für zeitgenössische Musik zeigt. In Eisenach findet die Reise ihren Abschluss — in jener Stadt, die inmitten von Deutschland liegt und eine ebenso zentrale Rolle in unserer Kulturgeschichte spielt. Eisenach steht für Epoche machende Kulturleistungen auf unterschiedlichsten Gebieten. Welcher Ort könnte geeigneter sein als dieser — der in der Geschichte immer wieder seiner Zeit voraus war —, um dieses Projekt in einem dreitägigen Abschluss zu

für die Neue Musik. Die ganze Fahrt über sind Töne und Geräusche aufgenommen und neu komponiert worden. Der Name sounding D ist eben Programm, denn so klingt Deutschland. Ich wünsche dem Projekt eine gelungene Abschlussfeier in Eisenach und Umgebung — es bieten sich beste Möglichkeiten dazu — und ein großes Publikum, das sich für die Neue Musik wahrhaft begeistern lässt. Christoph Matschie Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur


In der Mitte angekommen. Netzwerk Neue Musik

Das Kulturland ist im wahren und besten Sinne ein Kunstprodukt. Es ist das stets anders zu realisierende und immer wieder aufs Neue wahr­ zunehmende Ergebnis vielfacher und artifizieller Neu-, Um- und Nachschöpfungen, von Vor- und Abbildern, von Werken, Bauten und Räumen — und ihrer fortwährenden Pflege. Es ist das Ergebnis von VerDichtung, mithin Komposition, nicht aus einer ordnenden Hand, sondern aus unzähligen Händen, die gleichzeitig wie nacheinander wirken, Mitteldeutschnahe beieinander wie weit voneinander entfernt. land, Thüringen, Eisenach etwa sind so. Ein Ereignis von vor über 800 Jahren, das aller Wahrscheinlichkeit nach sich niemals außerhalb von Dichtungen, Sagen, Bildern und Opern abgespielt hat, prägte (neben unzähligen anderen) so über Jahrhunderte hinweg die Gestalt(ung) der Landschaft und ihre Wahrnehmung — bis heute. Und der historisch am wenigsten verbürgte Teilnehmer am sogenannten Wartburger Sängerstreit, der Eisenacher Bürgersohn Heinrich von Ofterdingen, gab so als Romanfigur des kursächsischen Salinenassessors und nachmaligen thüringischen Amtshauptmanns Friedrich von Hardenberg, der Romantik ihr Symbol, welches er auf seiner Fantasiereise über Augsburg nach Arabien fand: die Blaue Blume. Kultur- und also auch Musikleben findet nicht nur daher vorzüglich im Kopf statt: hinter den Augen und zwischen den Ohren. Und wenn sich die Artefakte materialisieren, dann notwendiger Weise auch in der flüchtigen Form ihrer aktuellen Wahrnehmung, im Nach- und Auskomponieren durch das gegenwärtige Erleben. Das ist auch seit jeher das Prinzip der Zeitkunst Musik gewesen. Sie nahm sich und den Hörenden Zeit und gab ihnen eine andere Zeiterfahrung, verschaffte dem flüchtigen Erklingen für kurze


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Das, Zeit Dauer und im allerbesten Fall anhaltenden Nachhall. was in der Kunstmusik seit rund 100 Jahren stattgefunden hat und seit 80 Jahren mitunter als Neue Musik bezeichnet wird, hat in allen möglichen Ausformungen vor allem zu einer Wiederentdeckung und Befreiung des Hörens und des Hörers geführt mit dem Ziel die Aufnahmebreitschaft zu steigern und Erfahrungsmöglichkeiten zu vergrößern: ob komponiert oder improvisiert, ob instrumental oder elektronisch, ob als Konzert oder als soundart, ob als Musiktheater oder als klingende Fiktion, ob im Werk konzentriert oder als klingende Landschaftsaufnahme (im allerbesten Sinne) zerstreut. Diese Freistellung sollte nicht allein der Neuen Musik selber zugute kommen, vielmehr der MuIm Laufe dieser Entwicklungen, die von Musikern sik überhaupt. und Komponisten, Ensembles und Institutionen vielfältig und natürlich nicht einmütig ins Werk gesetzt wurden, haben sich Zirkel, Szenen und Zentren der Neuen Musik in Deutschland ausgebildet, die in einer einmaligen Dichte und mit Hingabe das gesamte Musikleben durchziehen und prägen. Dies vorzuführen, beispielhaft und in einem Zug über zweieinhalb Wochen durch das Land, war das Ziel von sounding D, des gemeinsamen Projekts des Netzwerk Neue Musik, seiner landesweit 15 aus Mitteln der Kulturstiftung des Bundes geförderten Netzwerkprojekte und ihrer über 250 regionalen Partner. Und das bedeutete nicht nur einen Klang-Zug, soundart und eine Vielzahl von musikalischen Veranstaltungen, über die Netzwerkprojekte und über das ganze Land zu verteilen. Es war auch eine Art Bestandsaufnahme der unerschöpflichen Möglichkeiten, die die Neue Musik stets aufs Neue zu hören anbietet. sounding D bot einen zweieinhalbwöchigen Ausschnitt und

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integralen Teil des Musiklebens hierzulande an und hoffentlich das künftige Motto: Die Neue Musik ist am Zug! Dass sich die sounding D Reise durch Klang, Raum und Zeit in Eisenach und der Mitte Deutschlands vollendet, schien nur folgerichtig. Die lebendige und wechselvolle Geschichte dieser Landschaft zeigt beispielhaft, dass Kultur, so sehr sie auch von Zuständen abhängt, vor allem Sache der Einstellungen und Eindrücke ist. Ebenso wie im öffentlichen Raum von Bahnhöfen oder Konzertsälen, vermag daher in der thüringischen wie in der gesamten Kulturlandschaft die Neue Musik ihre Bilder und Einstellungen von alledem aktuell vermitteln. Mit der Einkehr in Eisenach soll mittenDrin das bundesweite Projekt sounding D in einem Zeitraffer erfahrbar machen, sowie die Neue Musik und ihre Akteure gleichermaßen. Keineswegs symbolisch oder nur kulturgeschichtlich, sondern konkret zum Nacherleben und -hören: mit herausragenden Musikern und Ensembles aus dem Netzwerk und Gästen, auswärtigen und Eisenacher Musikern, Alten und Jungen, Profis und Laien; mit Werken von Arnold Schönberg bis Benedict Mason; mit Klängen, die Musiker der Landschaft und der Stadt abhorchen, bis hin zu modernen MeisterNeue Musik hat werken in den Kulturdenkmälern der Region. überall ihren Ort. Man hört es. Und mit wachen Augen und offenen Ohren erscheint es beinahe als Ausdruck von Bernd Alois Zimmermanns «Kugelgestalt der Zeit», wo Räume und Zeiten musikalisch im Zentrum, im Hörer sich durchdringen: Bach kam aus Eisenach, Stockhausen ist da. Bojan Budisavljevic ´ Künstlerischer Leiter


«Ich weiß nicht, sagte Heinrich, wie es kommt. Schon oft habe ich von Dichtern und Sängern sprechen gehört, und habe noch nie einen gesehen. Ja, ich kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen, und doch habe ich eine große Sehnsucht davon zu hören […] Es mag wohl wahr seyn, dass eine besondere Gestirnung dazu gehört, wenn ein Dichter zur Welt kommen soll; denn es ist gewiß eine recht wundersame Sache mit dieser Kunst […] Bey den Mahlern und Tonkünstlern kann man leicht einsehn, wie es zugeht, und mit Fleiß und Geduld lässt sich beydes lernen. Die Töne liegen schon in den Saiten, und es gehört nur eine Fertigkeit dazu, diese zu bewegen um jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken. Bey den Bildern ist die Natur die herrlichste Lehrmeisterin […] Dagegen ist von der Dichtkunst sonst nirgends äußerlich etwas anzutreffen. Auch schafft sie nichts mit Werkzeugen und Händen; das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon; denn das bloße Hören der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst. Es ist alles innerlich, und wie jene Künstler die äußeren Sinne mit angenehmen Empfindungen erfüllen, so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligthum des Gemüths mit neuen, wunderbaren und gefälligen Gedanken. Er weiß jene geheimen Kräfte in uns nach Belieben zu erregen, und giebt uns durch Worte eine unbekannte herrliche Welt zu vernehmen. Wie aus tiefen Höhlen steigen alte und zukünftige Zeiten, unzählige Menschen, wunderbare Gegenden, und die seltsamsten Begebenheiten in uns herauf, und entreißen uns der bekannten Gegenwart. Man hört fremde Worte und weiß doch, was sie bedeuten sollen. Eine magische Gewalt üben die Sprüche des Dichters aus; auch die gewöhnlichen Worte kommen in reizenden Klängen vor, und berauschen die festgebannten Zuhörer.» Novalis, Heinrich von Ofterdingen


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«Es war früh am Tage, als die Reisenden aus den Thoren von Eise­ nach fortritten, und die Dämmerung begünstigte Heinrichs gerührte Stimmung. Je heller es ward, desto bemerklicher wurden ihm die neuen unbekannten Gegenden; und als auf einer Anhöhe die verlassene Landschaft von der aufgehenden Sonne auf einmal erleuchtet wurde, so fielen dem überraschten Jüngling alte Melodien seines Innern in den trüben Wechsel seiner Gedanken ein. Er sah sich an der Schwelle der Ferne, in die er oft vergebens von den nahen Bergen geschaut, und die er sich mit sonderbaren Farben ausgemahlt hatte. Er war im Begriff, sich in ihre blaue Flut zu tauchen. Die Wunderblume stand vor ihm, und er sah nach Thüringen, welches er jetzt hinter sich ließ mit der seltsamen Ahndung hinüber, als werde er nach langen Wanderungen von der Weltgegend her, nach welcher sie jetzt reisten, in sein Vaterland zurückkommen, und als Novalis, Heinrich von Ofterdingen reise er daher diesem eigentlich zu.»


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» im Zug Klanginstallation Hauptbahnhof Eisenach [Gleis 6]

Konzept und Komposition Robin Minard Produktionspartner Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechno­ logie, Ilmenau; Hochschule für Musik Franz Liszt, Weimar Realisation Innenraum Bau­­haus Transferzentrum­ Design, Gregor Sauer Mitarbeiter Ludger Hennig [Logistik und künstlerische Assistenz], Harms Achtergarde [Tontechnik], Martin Bellardi [Programmierung], Daniel Schulz [Programmierung], Andreas Vorwerk [Schnitt]

Outside In (Blue). Eine Installation für den sounding D-Zug Outside In (Blue) — eine aus Klang und Licht bestehende Installation ist speziell für den sounding D-Zug des Netzwerk Neue Musik entwickelt worden. In dieser Arbeit wird ein leerer Zugwagon in ein begehbares Kunstwerk transformiert. In Vorbereitung auf die Installation ist der Innenraum eines typischen 26 Meter langen Zugwagons entkernt und in Weiß ausgemalt worden, um eine offene und neutrale innere Struktur zu schaffen. Mit Hilfe eines 24-kanaligen Lautsprechersystems und gefiltertem Tageslicht wird der Wagoninnenraum durch Klang und Farbe verwandelt. Der Innenraum des Zugwagons dient nicht einfach nur als Hülle für die Installation, sondern auch als Körper, als akustisches Instrument. Der Installation voraus gingen akustische Analysen und Berechnungen der Resonanzfrequenzen des leeren Wagons. Die daraus gewonnenen Informationen werden benutzt, um Filter innerhalb der Computer Software zu kontrollieren. Dadurch kann der Raum in harmonische Schwingungen versetzt werden. Darüber hinaus ist die Computer Software darauf eingestellt, das in der Installation benutzte Klangmaterial in Echtzeit zu analysieren und zu transformieren und es dann über das mehrkanalige Beschallungssystem weiter zu verteilen. Das Klangmaterial für die Installation beinhaltet Ausschnitte aus Schlüsselwerken der Neuen Musik ebenso wie Feldaufnahmen aus den 15 Städten, in denen der Zug hält. Obwohl die Ausschnitte Neuer Musik manchmal zitathaft aufscheinen können, sind sie durch Verschiebungen des Audiospektrums und Resonanzfilter stark transformiert — ein Prozess, der die langsamen Veränderungen der Klangfarben bewirkt, die den Installationsraum charakterisieren. Die Auszüge aus den


Feldaufnahmen dagegen artikulieren den Installationsraum und sind sowohl in ihrer originalen als auch in bearbeiteter Form zu hören. Der Bestand der in der Installation benutzten Feldaufnahmen verändert sich fortwährend, da er immer wieder von außen durch neue, während der Zugreise gesammelte Aufnahmen aufgefüllt wird, die wiederum in die Installation einfließen (Daher auch der Titel «Outside In»). Robin Minard

Outside In (Blue) ist Teil der «blauen» Werkreihe Robin Minards. Dazu gehören Silence (Blue) [Mattress Factory Museum of Contemporary Art, Pittsburgh 2000–2001 und Voxxx galerie, Chemnitz 2003], chambre 108 (Bleu) [Hôtel Novotel, Lille 2004], Spiegelung (Blau) [Museum Biedermann im Rahmen der Donaueschinger Die in der InstallatiMusiktage, Donaueschingen 2009]. on verwendeten ultraflachen Lautsprecher sind eine neue Entwicklung des Fraunhofer-Institut für Digitale Medien [IDMT] in Ilmenau [Thüringen].


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«So sollen vor uralten Zeiten in den Ländern des jetzigen Griechischen Kaiserthums […] Dichter gewesen seyn, die durch den seltsamen Klang wunderbarer Werkzeuge das geheime Leben der Wälder, die in den Stämmen verborgenen Geister aufgeweckt, in wüsten, verödeten Gegenden den todten Pflanzensamen erregt, und blühende Gärten hervorgerufen, grausame Thiere gezähmt und verwilderte Menschen zu Ordnung und Sitte gewöhnt, sanfte Neigungen und Künste des Friedens in ihnen rege gemacht, reißende Flüsse in milde Gewässer verwandelt, und selbst die todtesten Steine in regelmäßig tanzende Bewegungen hingerissen haben.» Novalis, Heinrich von Ofterdingen


» im Zug Hörführungen Hauptbahnhof Eisenach [Gleis 6]

Die Neue Musik hat im hohen Maß das Hören selbst zu ihrem Gegenstand gemacht. Und so haben Komponisten im 20. und 21. Jahrhundert das Wissen über die Art und Weise, wie der Hörapparat des Menschen funktioniert — beispielsweise eine Klangfarbe identifiziert oder ein Raum erlebt wird —, oft in ihre Werke einfließen lassen. Deshalb spielen auch im sounding D-Zug das Hören und die Hörerfahrung eine wichtige Rolle. Der Zug bietet, neben der Klanginstallation von Robin Minard und Abteilen mit speziell präparierten Hörsitzen, Hörführungen an für akustische Erkundungstouren in die Umgebung. Der Fokus liegt dabei auf der Vermittlung verschiedener Hörweisen und der Sensibilisierung der Ohren für die oft überhörten Geräusche unseres Alltags. Das Team des sounding D-Zugs hat zwei Formate entwickelt: Klangsuche — Hier wird im Bahnhofsumfeld ungewöhnlichen Klängen nachgespürt und nachgehört. Über einen Kopfhörer mit dem Mikrofon verbunden, erlebt jeder der Teilnehmer die selben Klänge. Das Hören ist dabei vergleichbar mit dem Sehen durch ein Mikroskop — plötzlich steht ein kaum wahrnehmbares Geräusch im Mittelpunkt, das sonst in Alltagsrauschen untergeht. Achtung: Aufnahme! — Das feine Rasseln der kleinen Plättchen der Zuganzeigetafel ist ein typisches Bahnhofsgeräusch. Doch wie kann man einen kaum hörbaren Klang professionell aufnehmen? Bei dieser Hörführung steht die Technik im Vordergrund: Es wird gezeigt, wie ein Aufnahmegerät funktioniert, was

beim Auspegeln zu beachten ist, wie das Mikrofon ausgerichtet sein muss und schließlich, was man mit einer Aufnahme alles anstellen kann. Die interessantesten Klänge eines Tages werden, versehen mit dem Namen des «Finders», auf der Soundmap von Robin Minard, einer akustischen Landkarte Deutschlands, unter www.sounding-D.net nach­ zuhören sein.

Alter Die Hörführungen eignen sich für jede Altersgruppe. Gruppen Klangsuche ist für max. 8, Achtung: Aufnahme! für max. 5 Teilnehmer konzipiert; größeren Gruppen und Schulklassen bieten wir individuelle Arrangements. Termine Die ca. halbstündigen Führungen finden täglich mehrmals statt; die Kernzeit ist zwischen 12:00 und 16:00 Uhr. Anmeldung Sie können sich direkt am Zug anmelden, wir empfehlen aber vor allem für Gruppen eine Reservierung: Telefon 0800 80 90 804, hoerfuehrungen@sounding-D.net Die Teilnahme ist kostenlos


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Hörabteile

» im Zug

Ohrenpause Für 3 Sessel und 3 Stereo Headphonetable Transducer

Im Pause-Wagon haben Robin Minard, Matthias Gommel und Ludger Hennig für die Besucher eine weitere Hörsituation gestaltet. In den Personenabteilen dieses Wagons sind 5 kleine Kompositionen zu hören, die nicht wie gewohnt über herkömmliche Lautsprecher präsentiert werden. In die Armlehnen einzelner Sitze sind spezielle Lautsprecher eingebaut — sogenannte Headphonetable Transducer —, die Um hören zu können, von Matthias Gommel entwickelt wurden. muss der Besucher seine Ellenbogen auf die Armlehnen stützen und die Hände über die Ohren legen. Leichte Vibrationen werden über die Arme, Ellenbogen und Hände zu den Ohren und zum Kopf übertragen. Beim Hören entsteht auf diese Weise ein sehr privater und geschlossener Hörraum. Körper und Hörraum gehen eine symbiotische Verbindung ein und verschmelzen zu einer Geste intensiven Hörens.

Gesamtkonzept Robin Minard, Ludger Henning Headphonetable Transducer Matthias Gommel [Konzept Komposition Robin Minard Entwicklung]

und

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Klangkunst. A German Sound Eine mobile Ausstellung aktueller Klangkunst in Deutschland vom 20 08 bis 12 09 täglich 10:00–18:00, Bachhaus Eisenach [Foyer]

Mit Arbeiten von Rolf Julius, Franz Martin Olbrisch, Christina Kubisch, Ulrich Eller, Tilman Küntzel, Frauke Eckhardt, Hans W. Koch, Jens Brand, Jens-Uwe Dyffort, Roswitha von den Driesch, Erwin Stache Kuratiert von Stefan Fricke, Johannes S. Sistermann Eine Produktion des Deutschen Musikrats / Förderprojekte Zeitgenössische Musik

Freitag, 20 08 Eröffnung Samstag 11 09, 11:00 Uhr Stefan Fricke Lecture, Bachhaus Eisenach

Eine mobile Ausstellung aktueller Klangkunst in Deutschland Im Leben sowieso, in den Künsten nur bisweilen, in der Klangkunst aber auf jeden Fall: Auge und Ohr sind gleichberechtigte Mitspieler, zusammen mit unseren weiteren Wahrnehmungsorganen. Klangkunst bewegt sich auf der Nahtstelle von (Neuer) Musik und (aktueller) Bildender Kunst. Klangkunst experimentiert mit Klängen und Räumen, innen wie außen; sie benutzt vielfach Alltagsgegenstände, und sie spielt mit Situationen aus dem ganz normalen Leben. Klangkunst macht im deutschsprachigen Raum seit über zwei Jahrzehnten das Angebot, Gewohntes anders und neu zu erleben, Ungewohntes zu entdecken und in eigener Zeit, mit eigener Sinneswelt zu erkunden. Klangkunst ist sinnlich und spielerisch, hintergründig und hinterfragend. Die Künstlerinnen und Künstler, die in dieser Installationsausstellung mit einzelnen Arbeiten vertreten sind, haben die Geschichte der Klangkunst in Deutschland maßgeblich mitgestaltet. Und sie haben sich auf das Konzept der Kuratoren Stefan Fricke und Johannes S. Sistermanns eingelassen, mit ihren Werken einen kleinen, mobilen Klangkunstraum zu gestalten, ihn sicht- und hörbar als solchen lebendig werden zu lassen. Alle Objekte sind eigenständige Klangkunstarbeiten, einzeln und im Zusammenspiel. Sie, als Besucherin, als Besucher, können ihnen lauschen, mit manchen auch selber spielen oder gar basteln. Und Sie können sich mit Buch und Netbook ergänzend und tiefergehend informieren — über die schöne und erstaunliche Welt der Klangkunst. Eine Welt, die nun, so Sie Platz genommen haben, eine Zeit lang Ihr Zuhause ist. Stefan Fricke


Eisenach mit Wartburg

[1650] Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä.


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Freitag, 1009 KlangExpedition Musik für Fortbewegungsmittel und 20 KlangTräger durch das Umland von Eisenach

4

Mihla 14:15

Buchenau

W

R ER

A

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Lauterbach

Bischofroda

3 Creuzburg 12:15

Berka

9:30–20:30 Umland von Eisenach Spichra

Zoro Babel, Daniel Ott, Kirsten Reese, Erwin Stache, Enrico Stolzenburg

10:15 | 20:30

Hörschel

Bolleroda

A4

Hötzelsroda

EISENACH

5 vis á vi s Opelwerke

2|7

1|6

Georgenkirche 10:15 | 20:00

Karolinenbrücke 19:00

HBF

RS

EL

Hauptbahnhof 9:30 | 19:30

Wartburg

KlangTräger Max Andrzejewski [Schlagzeug], Benedikt Bindewald [Violine], Ina Böttcher [Trompete], Tobias Elsässer [Tuba], Anja Füsti [Schlagzeug], Lennart Fries [Trompete], Josa Gerhard [Violine], Johanna Hessenberg [Saxophon], Gabriel Hahn [Schlagzeug], RalfWerner Kopp [Trompete], Leo Koch [Schlagzeug], Tom Lane [Viola], Patrick Lorbach [Trompete], Stephen Menotti [Posaune], Antonia Sachse [Schlagzeug], Benjamin Stache [Violine], Bernhard Stahl [Schlagzeug], Sinje Schnittker [Trompete], Lefteris Veniadis [Violine] Kostüm Angela Zimmermann, Elma Riza [Assistenz] Produktion Kerstin Wiehe, Hans-Jörg Bahrs, Jennifer Aksu [Assistenz]

Expeditionsverlauf 1 9:30–10:15 Uhr Ankunft des sounding D-Zuges, Übergabe der Klänge aus dem Zug an die KlangTräger. Beginn der KlangExpedition vom Bahnhof zur Georgenkirche [Musik für Schritte] 2 10:15–12:15 Uhr Weiterfahrt mit präparierten Fahrrädern von der Georgenkirche nach Creuzburg Werrabrücke über Opelwerk (vis à vis), Hörschel und Spichra [Musik für Speichen, Radumdrehungen & Sensoren, Opelmusik, Brückenmusik 1 und 2] 3 12:15–14:15 Uhr Weiterfahrt mit Kanus und Fahrrädern von Creuzburg Werrabrücke nach Mihla über Buchenau [Brückenmusik 3, 4 und 5, Steinbruch-Echo, Musik für Paddel und Blechbläser] 4 14:15–19:00 Uhr Weiterreise zu Fuß und mit Fahrrädern von Mihla Werrabrücke über Lauterbach, Bischofroda und Berka [Musik für Schritte, Musik für Maschinen & Instrumente, Musik für Fenster und Türen, Musik für Landmaschinen, Musik für ausschwärmende Klangträger, Fußballspiel — Musik für schnelle Bewegungen, Ballkontakte und Sensoren, Musik für Landmaschinen und Blechbläser, Brückenmusik 6] — Weiterreise mit Land­maschinen von Berka vor dem Hainich über Hötzelsroda zur Karolinenbrücke Eisenach 5 19:00–19:30 Uhr Weiterreise zu Fuß von Karolinenbrücke Eisenach bis Bahnhof Eisenach [Brückenmusik 7, Musik für Schritte & Sensoren] 6 19:30–20:00 Uhr Vom Bahnhof Eisenach zur Georgenkirche [Musik für Schritte, Unterwegsklänge und Blechbläser] 7 20:00–20:30 Uhr Abschluss der KlangExpedition, Georgenkirche [Musik für Steine, Musik für Schritte]


Reisen in unwegsames Gelände

Die ersten beiden Treffen von Minnesängern 1206 und 1207 zum dicht- einem Wandertheater, das heißt mit einem Pferdefuhrwerk, mit dem er enden und singenden Wettstreit auf der Wartburg, am Hofe des Land- und seine Freunde durch die Dörfer des Jura zogen, um vor den Dorfgrafen Hermann I., gingen als «Sängerkrieg» in die Geschichte ein. Das bewohnern selbst verfasste und selbst komponierte Stücke aufzufühdritte Treffen dieser Art, sehr viel später im Herbst 2008 im großen ren. In seinem kompositorischen Selbstverständnis befinden sich KlänFestsaal der Wartburg mit mittelalterlicher Musik bei Kerzenschein, ge immer in Bewegung, gestalten spezielle akustische Räume und könnannte sich schon weit weniger militant «Sängerwettstreit». Im Sep- nen sich zu multimedialen Szenen in Landschaften hinein ausdehnen. tember 2010 nun begeben wir uns — noch friedlicher — auf eine Expe- Kirsten Reese war es dagegen von Anfang an ein wichtiges kompositodition. Zwar steckt auch in diesem Wort — expeditio [lat.] gleich Feld- risches Anliegen, ihre Musik zur Wirklichkeit, zu tagtäglichen Orten und zug — noch ein kriegerischer Anteil. Im Laufe der Geschichte aber er- Situationen in Beziehung zu setzen. Dementsprechend arbeitet sie mit hielt dieser Begriff zunehmend die Bedeutung von Entdeckungs- und elektronischen Medien (zur Aufnahme, Wiedergabe und Bearbeitung Forschungsreise. Nun also KlangExpeditionen, zwei an der von Klängen aus der Realität), verbindet Komposition und Installation. Zahl: eine insgesamt elf Stunden dauernde am 10. September in sieben Der in Schlema, im Erzgebirge geborene Erwin Stache wiederum baut Etappen und eine kürzere, eineinhalb Stunden dauernde in den Mor- als Abenteurer im Dreieck von Physik, Musik und Elektroakustik Musikgenstunden des 12. September. Auf der einen geraten Klänge zu Land maschinen und Klangobjekte, funktioniert Alltagsgegenstände zu Muund zu Wasser in Bewegung, auf der zweiten erobern sie die Lüfte und sikinstrumenten um, erfindet und findet dabei permanent neue Klänge. fliegen schließlich davon. Für die Ohren der zuhörenden Mitreisenden Was aber bedeutet im Fall von Klängen «Expedition» und wie und für die Ohren des Publikums an den einzelnen Stationen gilt viel- können Sie daran teilnehmen? Zunächst einmal begeben sich Klänge leicht am ehesten die Bedeutung von Expedition als «Reise in unweg- — mit Hilfe von zirka zwanzig KlangTrägern — auf Wanderschaft; zu Fuß, sames Gelände». Was im Falle von Klängen und Musik völlig ungefähr- mit dem (präpariertem) Fahrrad oder mit dem Kanu auf der Werra, gelich ist, eher erbaulich, ganz sicher entdeckungsreich und in jedem Fal- legentlich sekundiert von Blechbläsern. Es beginnt am Bahnhof mit der le unterhaltsam. Denn die Urheber dieser KlangExpeditionen — Kirsten Übernahme von Klängen aus dem sounding D-Zug, die auf dessen Reese, Daniel Ott, Erwin Stache, Zoro Babel und Enrico Stolzenburg — Fahrt durch Deutschland gesammelt wurden, in (Lautsprecher)Rucksind als Komponisten, Klangkünstler, Musiker und Regisseur in Sachen säcke. Der Rucksack dient als Sammelbehälter und auch zur live-elekErforschung von Klängen und ihrer Symbiose mit Landschaftsräumen tronischen Bearbeitung des Gesammelten. Die Expedition startet also Spezialisten. Der Schweizer Komponist Daniel Ott etwa begann seine mit einem Rucksack voller Klänge, die verändert, neuen akustischen Zukompositorische Laufbahn gleich nach der Hochschulausbildung mit sammenhängen ausgesetzt und durch neue Klänge aus der akustischen


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Umgebung Eisenachs ersetzt werden: mit solchen aus Hörschel und Spichra, Buchenau, Bischofroda oder Berka. Alles befindet sich in permanenter Veränderung und Anreicherung: die Wege, die Landschaften, die akustischen Umgebungen, die Klänge und die Hörerfahrungen aller Beteiligten. Unterwegs verdichtet sich das Klangsammeln an verschiedenen Orten zu Musiken — zur Musik für Fahrradspeichen etwa, zur Musik für Tischlereimaschinen, zur Musik für Fenster und Türen in einem leeren Haus oder zur Musik für Steine vor der Georgenkirche. Diese Musiken brauchen Ohren, um gehört zu werden — Zuhörer, als die Sie herzlich eingeladen sind. Aber auch die Expedition der Klänge braucht Begleiter mit offenen Ohren, die — mit dem Fahrrad oder am Wegesrand — am Abenteuer der Klänge teilhaben. Und die miterleben, wie über einen Zeitraum von elf Stunden eine besondere Komposition ‹entsteht›: als kollektives Produkt von Komponisten, Klangkünstlern, einem Musiker, Regisseur, KlangTrägern, Bauwerken und Landschaften — ein work-in-progress, einzigartig und unwiederholbar. Nur wer dabei ist, kann die Expedition der Klänge erleben. — Das gleiche gilt für die KlangExpedition KlangBallon am Sonntagmorgen. Wenn in der Werraaue bei Lauchröden zum Sonnenaufgang ein Heliumballon mit drei Trompetern in die Lüfte steigt, die die unter ihnen dahin ziehende Landschaft wie eine Partitur spielen, aus der Ferne und (durch elektronische Live-Übertragung) durch KlangTräger und Instrumentalisten am Boden sekundiert, entsteht ein unwiederholbares Gesamterlebnis aus Landschaft, Naturschauspiel, Klängen, Düften und Licht. Gisela Nauck

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Bus-Shuttle [ab/an Eisenach Markt , Brunnenkeller] Bus gesamt: ab 11:30 Uhr Eisenach — an 19:30 Uhr Eisenach Etappe 1: ab 11:30 Uhr Eisenach — Creuzburg — an 13:15 Uhr Eisenach Etappe 2: ab 11:30 Uhr Eisenach — Creuzburg — Mihla — Lauterbach — an 15:30 Uhr Eisenach Etappe 3: ab 13:30 Uhr Eisenach — Mihla — Lauterbach — Bischofroda — Berka — an 19:30 Uhr Eisenach Hin- und Rückfahrkarte 4,– Euro, mit mittenDrin-Konzertticket frei Informationen zum Fahrradverleih finden Sie unter www.eisenach.de


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Freitag, 1009 Vokalmusik Konzert 1 21:00 Georgenkirche Karlheinz Stockhausen Stimmung für 6 Vokalisten [1968]

Neue Vocalsolisten Stuttgart Sarah Sun [Sopran], Susanne Leitz-Lorey [Sopran], Truike van der Poel [Mezzosporan], Martin Nagy [Tenor], Guillermo Anzorena [Bariton], Andreas Fischer [Bass], Arne Witzenbacher [Tontechnik]

Konzertdauer ca. 70 min, keine Pause Deutschlandradio Kultur sendet das Konzert am 13 09 2010 um 20:03 Uhr [Frequenzen unter www.dradio.de] mdr Figaro sendet das Konzert im Rahmen der «Nacht der Neuen Musik» am 08 10 2010 ab 1:30 Uhr

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Umfassende Einstimmung

Da seine Kinder schliefen und er beim Komponieren nicht laut singen durfte, behalf Karlheinz Stockhausen sich mit Summen — und entdeckte das Phänomen Obertongesang. «Ich spürte bei verschiedenen gehaltenen Vokalen Hals, Mundhöhle, Nasenraum, Stirnhöhle vibrieren», notierte der Komponist, «und entdeckte, daß ich bei jedem Vokal einen bestimmten Oberton besonders laut hörbar machen konnte». Viele Stunden übte Stockhausen diese Technik und beschloss, sie in seiner 1968 entstandenen Komposition Stimmung einzusetzen.

rend der Aufführung frei gewählt werden. Bei jedem Konzert kann also eine andere Version des Stücks entstehen. Doch dürfen die Interpreten die Abfolge auch vorher festlegen, was Stockhausen bevorzugte, da sich die Musiker dann besser auf das Singen konzentrieren könnten. Der Titel des Stücks ist mehrdeutig. Er weist auf die Stimme, die zum Einsatz kommt, und auf die reine Stimmung, in der das Werk erklingt. Er meint aber auch Stimmung im Sinn einer guten oder schlechten Atmosphäre. Die Komposition Stimmung sei eine meditative Musik, notierte Stockhausen. In der Schönheit des Sinnlichen leuchte die Schönheit des Ewigen. Dieser Kommentar lässt die religiös spirituelle Grundierung der Musik durchscheinen, die sich auch ganz deutlich in der Komposition selbst zeigt. Immer wieder werden in das Obertonsingen hinein sogenannte «magische Namen» gesprochen. Das sind Namen von Gottheiten unterschiedlicher Kulturen, die sich Stockhausen von einer befreundeten Anthropologin hatte zusammenstellen lassen. Solch religiöse Bezüge durchziehen das gesamte

Stockhausen behandelte das Obertonsingen ohne Bezug auf die außereuropäische Obertonmusik aus dem asiatischen und afrikanischen Raum. Für ihn war es ein ganz neues musikalisches Material, das er einer strengen kompositorischen Strukturierung unterwarf. In umfangreichen Anweisungen erläutert er genau, wie zu singen und worauf alles zu achten sei. Der Komponist möchte die Klänge sehr rein und auf eine Weise intoniert haben, dass die Obertöne klar zu hören sind. Stockhausen schreibt sogar vor, dass sie nicht überall im Stimmapparat, sondern möglichst nur in den Stirn- und anderen Kopfhöhlen Werk von Karlheinz Stockhausen und wurzeln in seiner Biografie. Zuschwingen sollen. Außerdem gelte es darauf zu achten, möglichst leise tiefst war der Komponist im katholischen Umfeld seiner Jugend veranzu singen. Damit das Publikum dennoch all die feinen Nuancen des Ge- kert. Seine 1956 fertig gestellte, klangtechnisch visionäre elektronische sangs hören kann, erhält jeder der sechs Sänger ein Mikrofon mit zuge- Komposition Gesang der Jünglinge beispielsweise hat ein explizit christordnetem Lautsprecher. Stimmung besteht aus 51 sogenann- liches Thema. Später weitete der Komponist seine Perspektive, ohne ten Modellen. Diese Modelle sind kleine Partituren. In ihnen legt der jedoch vom Religiösen abzukehren — im Gegenteil. Er käme von Sirius Komponist die Kombinationen der sechs Stimmen fest und notiert die und gehe da wieder hin, äußerte er einmal. Seit den 70er Jahren trägt Rhythmen und Vokalabfolgen, die artikuliert werden sollen. Die Vokale Stockhausens Werk ganz offen einen magisch spirituell religiösen sind außerdem mit Zahlen versehen, die die zu erzeugenden Obertöne Grundzug, auch wenn die Musik meistens im Rahmen des säkularen angeben. Die Reihenfolge, in der diese Modelle erklingen, darf wäh- Konzertbetriebs erklingt, auf Neue Musik-Festivals, in Konzertsälen


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Den religiös spirituellen Grundzug spiegeln und Opernhäusern. auch die Aufführungsbedingungen von Stimmung, die Stockhausen, genau wie die Strukturen der Komposition, präzise festgelegt hat. Die sechs Sänger sollen barfuß im Schneidersitz hocken und einen Kreis formen. Dabei befinden sie sich entweder in der Mitte des Aufführungsraums und sind vom Publikum umgeben, oder sie sitzen frontal zum Publikum auf einem erhöhten Podium. Während der Aufführung soll der Raum dunkel sein und, wie Stockhausen schreibt, «absolut still». In festgelegter Reihenfolge kommen die Musiker nach und nach herein. Nach der Aufführung drehen sie sich zum Publikum, verbeugen sich und verlassen den Saal erst, nachdem der Applaus geendet hat. Diese Form der Aufführung hat einen vom Komponisten, der sein Stück ja als «meditative Musik» bezeichnete, bewusst inszenierten rituellen Aspekt. Die akribischen Aufführungsanweisungen deuten darauf hin, dass eine Präsentation von Stimmung mehr ist als nur das Spielen der Musik. Es soll eine «Stimmung» erzeugt und ein spirituelles Erlebnis ermöglicht werden. Aus der Perspektive der rationalistisch orientierten 60er Jahre war das eher ungewöhnlich. Aus heutiger Sicht, nachdem Obertonsingen in den 80er Jahren ein Kultphänomen der New Age-Welle gewesen war und das Religiöse wieder stärker in der kulturellen Diskussion auftaucht, scheint das Spirituelle von Stockhausens Stimmung dem Zeitgeist näher zu sein als zur Entstehungszeit der Komposition. Hanno Ehrler

Singende Mönche am Notenpult

[1511] aus einem Lorcher Chorbuch, WLB Cod.mus. I 2º 63

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Samstag, 1109 Kammermusik Konzert 2 15:00 Rokokosaal des Stadtschlosses Giacinto Scelsi Streichquartett Nr. 5 [1974/85] Giacinto Scelsi Hyxos für Flöte und Schlagzeug [1955] Paul-Heinz Dittrich Kammermusik I für 4 Holzbläser, Klavier und Tonband [1971]

Iannis Xenakis Akea Klavierquintett [1986]

Kammerensemble Neue Musik Berlin Rebecca Lenton [Flöte], Almute Zwiener [Oboe], Winfried Rager [Klarinette], Alexander Hase [Fagott], Alexandre Babel [Schlagzeug], Frank Gutschmidt [Klavier], Ekkehard Windrich [Violine], Serge Verheylewegen [Violine], Kirstin Maria Pientka [Viola], Ringela Riemke [Violoncello], Thomas Bruns [Ton]

Konzertdauer ca. 60 min, keine Pause Deutschlandradio Kultur sendet das Konzert am 13 09 2010 um 20:03 Uhr [Frequenzen unter www.dradio.de] mdr Figaro sendet das Konzert im Rahmen der «Nacht der Neuen Musik» am 08 10 2010 ab 1:30 Uhr

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Intensitäten

Wollte man die Musikgeschichte (und dies durchaus zurecht) als einen breiten Strom imaginieren, der sich durch die Jahrhunderte schlängelt, so träten in dieser Vorstellung gewiss auch jene mannigfaltig mäandernden Seitenflüsse in den Blick, die seit jeher das sprichwörtlich Abseitige, Andere in sich aufgenommen haben, will sagen: Komponisten, die sich dem Hauptpfad wohl annäherten, diesem aber nicht zu folgen bereit waren, einfach um jeweils eigene, nicht selten extreme ästhetische Entitäten herauszubilden, und die gerade deswegen zu den Neuerern oder gar Visionären ihrer jeweiligen Zeit zählen. Komponisten wie beispielsweise Giacinto Scelsi, Paul-Heinz Dittrich und insbesondere Iannis Xenakis. In einem zauberhaften Essay hat der (veritabel musikkundige) Schriftsteller Milan Kundera, ein auf James Joyce gemünztes Wort von C. G. Jung aufgreifend, Xenakis einen «Propheten der Gefühllosigkeit» genannt. Dessen Musik erscheine ihm, so Kundera, wie ein die Empfindungen betäubendes Geräusch; ein Geräusch allerdings, das für ihn Schönheit geworden sei. Mit Xenakis befinde man sich jenseits der Musikgeschichte (und damit sei diese eben nicht mehr die einzig mögliche), gegen deren Determinationen sich Xenakis mit unbändigem Willen aufgelehnt habe: «Sein Ausgangspunkt liegt anderswo: nicht in einem artifiziellen Ton, der sich von der Natur gelöst hat, um eine Subjektivität zum Ausdruck zu bringen, vielmehr in einem objektiven Weltgeräusch, einer Klangmasse, die nicht aus dem Herzen quillt, sondern von außen auf uns zukommt wie der Fall des Regens oder die Stimme des Winds.» Man denkt dabei natürlich sofort an die großen Orchesterwerke von Xenakis, beginnend mit Metastasis von 1954. Doch das gleiche Prinzip, von Kundera so triftig allegorisiert,

findet sich in vielen seiner Kammermusikwerke; nur eben gleichsam kristallisiert, mit weniger Aufwand betrieben. So auch in einer seiner späten Kompositionen, dem 1986 entstandenen Klavierquintett Akea. Der Rekurs auf die romantische Gattung erfolgt kaum zufällig, sondern ist erkennbar dialektisch gefügt: Um ein Prophet der Gefühllosigkeit sein zu wollen, muss man in tiefem Grunde Romantiker sein. Im Gegensatz jedoch zu den Streichquartetten Tetras und ST/4, aber ähnlich wie bei Tetora von 1990, ist die Klangsprache in Akea eine für Xenakis’ Verhältnisse gemilderte, und auch die formalen Abläufe innerhalb der knappen Viertelstunde sind klarer und klassischer gegliedert. Das Stück ist fünfteilig und gleich zu Beginn fällt ins Gewicht, wie divergent die Setzungen sind, wie inkohärent ihre Vermittler: hier ein strenger, harscher und scharfkantig massierter Chorsatz der vier Streicher, dort das Klavier, das sich mit Arpeggien aus dem starr gegürteten Klanghaus zu befreien sucht. Die daraus mündende Spannung zwischen den Instrumenten führt im zweiten Teil zu einem habituellen wie klanglichen Charakterwechsel des Tasteninstruments: In einem zwischen den Tönen «E» und «G» eng bemessenen Raum setzt es Klangblöcke in Bewegung, die ein wenig an Messiaens kompakte Modi erinnern, während die Streicher sich in der Zwischenzeit in asynchrone Polyphonie «flüchten». Der Versuch einer Integration scheint bereits zu diesem frühen Zeitpunkt des Werkes gescheitert (man darf gespannt sein, wie sehr dieses Infragestellen eines harmonisch ersehnten Diskurses, wie es in prinzipieller Weise auch der Kammermusik für vier Holzbläser, Klavier und Tonband von Paul-Heinz Dittrich eingeschrieben ist, in einem Rokokosaal die Wände zum Erzittern bringt). Doch als habe Xenakis dieses


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Denken beinahe bewusst implementiert, lockert sich die Starre nun ein wenig, flattern melodische Floskeln durch den Raum und das polyphone Geflecht zwischen den Streichern und dem Klavier verdichtet sich — ein für Xenakis charakteristischer Prozess der (stochastischen) Transformation. Freilich, eine Befremdung, ja Entfremdung zwischen den Beteiligten bleibt bis zum Ende des vierten Teils und noch in der resümierenden Coda konsistent. Wie eine epilogisch geformte Erinnerung tauchen Elemente des Stückes noch einmal auf, finden aber nun ein harmonischeres Verhältnis zueinander. Und so klingt Akea, wiewohl mit einem letzten akkordischen Aufbäumen, doch am Ende vergleichsweise versöhnlich aus. Das Expressionistische dieses Schlusses ist zahlreichen Werken des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi a priori eingeschrieben, selbst noch dort, wo er in die Gefilde des Mystizistischen entweicht. Im Gegensatz zu Xenakis, der stets das soziale Feld und seine Spielregeln im (Hinter)Sinn hatte, intendiert Scelsi jedoch keinerlei gesellschaftliche Dimension, nicht einmal einen Adressaten von Musik. Seine Musik beruht fast ausschließlich auf Improvisation auf der Ondiala, einem kleinen elektronischen Tasteninstrument, ist aber nach festen Gesetzen geordnet. Sie bleibt sich selbst erhalten und kreist — äußerst prosaisch in Hyxos für Flöte und Schlagzeug von 1955 — um sich selbst, ist sich selbst zureichender Grund der Existenz. Und zuweilen Anlass zur Metamorphose. Scelsi selbst hat etliche seiner Werke umgearbeitet und ihre klangliche Essenz damit variiert und/oder verfeinert. Das Fünfte Streichquartett etwa, das er zum Gedächtnis an den kurz zuvor gestorbenen Freund Henri Michaux komponierte, ist eine Bearbeitung der zehn Jahre zuvor entstandenen Komposition Aitsi

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pour piano amplifé. Aufgrund der klanglichen Bedingungen ergeben sich Unterschiede sui generis, auch wurde einiges verfeinert und bestimmte Satzelemente wurden neu konzipiert. Allein, die Diktion ist nicht verändert: Ausgehend von einem Zentralton, einer Zentralfläche, dehnen und blähen sich die Klänge bis zu weit gespannten chromatisch zusammengesetzten Clustern, bevor sie, im Bereich des Goldenen Schnitts, wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. Dieses Verfahren wendet Scelsi in der Folge immer wieder auf determinierte Klanggebilde an; der Unterschied besteht darin, dass die «Wellen» zum Teil größer sind, bis zu einer Amplitude von fünf Oktaven schäumen sie auf. Ihr Erscheinen im Klangraum wird meist durch eine akzentuierende Verzerrung hervorgehoben. Und ihr Verschwinden geschieht durch das Herausfiltern von Akkordbestandteilen. Vom Verschwinden träumte auch Giacinto Scelsi, zumindest in einer bestimmten Hinsicht. Er sei kein Komponist, betonte er immer wieder, sondern Bote, Gefäß, Empfänger einer göttlichen Botschaft; ein Medium, das die vermittelte Botschaft natürlich nicht verändern dürfe. Die ihn rezipierende Musikgeschichte hat ihn vielleicht deswegen lange verkannt. Doch inzwischen ist es kein Geheimnis mehr, dass es lohnenswert ist, den klingenden Mäandern zu folgen, um auch und gerade im Bereich der Kammermusik Kleinode zu entdecken. Seien sie von Scelsi, Xenakis oder Dittrich. Jürgen Otten


Prospect des Schlosses Wartburg gegen S端d-Ost

[1768] Radierung von Philipp Ganz


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Samstag, 1109 Der klingende Berg KonzertInstallation mit KlangTrägern und Musikern aus Eisenach 16:45–19:00 Wartburgberg Zoro Babel, Daniel Ott, Kirsten Reese, Erwin Stache, Enrico Stolzenburg

Eselstation Eselsstation

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Mitwirkende aus Eisenach Eisenacher Posaunenchor Schülerinnen und Schüler des Martin Luther Gymnasiums Eisenach, Stefanie Wolf [betreuende Lehrerin] Schülerinnen und Schüler der Freien Waldorfschule Eisenach, Thomas Riehl [betreuender Lehrer] Schülerinnen und Schüler der Goethe Schule Eisenach, Jürgen Elze [betreuender Lehrer] Schülerinnen und Schüler der Regelschule Thomas Münzer Mihla, Franziska Elze [betreuende Lehrerin] Instrumentengruppen der Musikschule Johann-Sebastian-Bach unter Leitung von Angelika Müller, Beate Stübing, Gesina Schiller, Sylvia Löchner Instrumentalensemble Stanley Blume, Jens Heinze [Horn], Simone Möller [Posaune], Ralf Schumann [Posaune], Tobias Tronicke [Posaune], Marina Demagin [Violine], Valeria Costescu [Cello], Popov Boshidar [Violine], Lisa Böckelmann [Saxophon] und weitere Musiker aus Eisenach und Umgebung Klangträger, Produktion, Kostüm [siehe S. 21]

Imbiss Eine Möglichkeit zu einem Imbiss bietet die Burgschänke auf der Wartburg an diesem Tag bis kurz vor dem Konzert um 21:00 Uhr

RT WA

BUR

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Programmablauf Nach dem Konzert im Stadtschloss gestalten Blechbläser ein «Klangband», das sich von der Innenstadt Eisenachs zur Wartburg hinauf windet. Ihre musikalischen Signale bereiten die KonzertInstallation Der klingende Berg vor. Verschiedene Ensembles, Schulklassen, Chöre und Solisten aus Eisenach bespielen gemeinsam mit den KlangTrägern den Wartburgberg zwischen Eselstation, Elisabethplan und Parkplatz und lassen in diesem Landschaftsareal ungewohnte Klangräume, Klangflächen entstehen. Das Publikum kann sich dort frei bewegen und sich so ganz individuell seine «Landschaftskomposition» zusammenstellen und erwandern. Blechbläser und Schlagzeuger strukturieren dabei den zeitlichen Ablauf und markieren immer wieder die verschiedenen Klangräume. Im Laufe der musikalischen Aktion nähern sich die Klangflächen und Signale der Wartburg und bereiten musikalisch den Sonnenuntergang und das anschließende Konzert auf der Wartburg vor. 16:45 Uhr » Beginn am Wartburgberg, Areal zwischen Eselstation, Elisabethplan und Parkplatz 19:00 Uhr » Ende Wartburg


Musikalische Landschaftskomposition

Landschaftskomposition. Was in der Malerei ein feststehender Begriff schaft und damit ein neues — ökologisches — Bewusstsein von Klang. ist, scheint für die Musik immer noch ungebräuchlich. Die Landschaft Andere, die diese Ideen aufgriffen und auf eigene künstlerische Weise komponieren? Eine Komposition innerhalb einer Landschaft auffüh- nutzten, waren etwa der Amerikaner Alvin Curran oder Klangkünstler ren? Die akustischen Eigenarten einer Landschaft aufnehmen und zu wie Max Neuhaus, Paul Panhuysen, Rolf Julius u.v.a. Mit Instrumenten in einer Komposition zusammenfügen? Oder — wie es John Cage emp- Landschaften arbeiteten die Komponisten Walter Fähndrich, der Kubafahl — in einer Landschaft stehen, lauschen und alle wahrgenommenen ner George Lopez, der in Weimar geborene Johannes Wallmann oder Laute als Musik hören? Der klingende Berg wird Elemente von allen der Schweizer Daniel Ott. Dem Begriff der Landschaftskompodiesen Möglichkeiten zusammenführen. Die musikalische Land- sition begegnete man im Schaffen von Daniel Ott erstmals 2007, als er schaftskomposition ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, ursächlich zusammen mit dem Regisseur Enrico Stolzenburg in den Elbauen bei eine der Neuen Musik. Johann Sebastian Bachs Refugium — auch in Hitzacker [Niedersachsen] — zum Sonnenaufgang — eine eineinhalbstünEisenach — waren die Kirchen, höchstens noch die Musikkabinette der dige Komposition für neun Trompeten, zwei Saxofone, zwei Hörner, vier Könige und Herzöge. Mit Haydn, Mozart und Beethoven trat der Kon- Posaunen, eine Tuba, ein Schlagzeug sowie drei Blaskapellen zur Urzertsaal seinen Siegeszug an, in dem jeder Musik hören kann, der in der aufführung brachte. Doch die Idee ist viel älter: 1989 hat Daniel Ott in Lage ist, sich eine Eintrittskarte zu kaufen. Dieser bürgerliche Konzert- dem kleinen Dorf Rümlingen bei Basel ein Festival ins Leben gerufen, saal wurde der Neuen Musik spätestens seit den musikalischen Experi- das durch seine dort initiierten Landschaftskompositionen berühmt menten und Visionen des amerikanischen Komponisten Charles Ives geworden ist — von nächtlichen Klangwanderungen über eine Klangzu eng. Seine utopischste Vision war die fünfte, die Universe Sympho- prozession für eine Juralandschaft mit rund einhundertfünfzig Mitwirny, von der, trotz vierzigjähriger Arbeit daran, nur die Skizzen zu den kenden bis zur diesjährigen Rümlinger Landschaftskomposition Vor drei Sätzen «Vergangenheit», «Gegenwart», «Zukunft» überliefert sind. dem Tag. Für Eisenach wird er nun — im Team mit Kirsten ReeSechs bis zehn Orchester sowie mehrere Chöre sollten für die Auffüh- se, Erwin Stache, Zoro Babel und Enrico Stolzenburg — einen Berg zum rung in Tälern, an Abhängen und auf Berggipfeln postiert werden. Die- Klingen bringen. Dieser Berg, der eine der berühmtesten Burgen in ser Entwurf stammt aus dem Jahr 1911 [!]. Einer, der als erster und am Deutschland, die Wartburg, trägt, wird sich für die Dauer von drei Stunentschiedensten in dieses sich auftuend kompositorische Neuland vor- den verändern — und damit auch die Erinnerungen derer an ihn, die drang, war der Kanadier Raymond Murray Schafer. In den 1960er Jah- dabei gewesen sind. Ähnlich wie bei der KlangExpedition ist die Komren entwarf er mit den soundscapes [«Klangschaften» entsprechend den lands- position, die dabei entsteht, ein einzigartiges, unwiederholbares workcapes gleich «Landschaften»] die Vision einer hörend ausbalancierten Gesell- in-progress. Mit Trompetensignalen werden die Menschen herbeigeru-


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fen, dass sie kommen und hören, was mit ihrem Berg passiert. Wenn er in der warmen, nachmittäglichen Helligkeit gleichsam emporgehoben von einem fröhlichen Klangfest, umhüllt zu werden scheint, veranstaltet auf Wegen und besonderen Orten zwischen Eselstation und Wartburg von verschiedensten Musikensembles aus Eisenach — von Percussionisten, Chören, Schulklassen und Instrumentalisten. (Vorausgesetzt es regnet nicht, was dann den Charakter des klingenden Berges vollkommen verändern würde.) Auch die KlangTräger der Expedition werden mit ihren akustischen Fundstücken aus der Umgebung von Eisenach den klingenden Berg mit gestalten, werden ihm klanglich die Ebene nahebringen, aus der heraus er sich erhebt. Rund um das Plateau entstehen unterschiedlichste Klangregionen, die erst die Zuhörer durch ihr Umherwandern zu einer nur für sie gültigen Komposition verbinden. (Was die darüber hinweg fliegenden Vögel als in der Luft zusammenfließendes kompositorisches Gesamtereignis hören werden, bleibt ihr Geheimnis.) Blechbläser- und Schlagzeugsignale strukturieren den Ablauf, begleiten den musikalischen Aufstieg zur Wartburg — zum Sonnenuntergang und zu dem sich anschließenden Konzert: der besonderen Sternennacht des französischen Komponisten Gérard Grisey mit Le Noir de l’Étoile für sechs Schlagzeuger, Tonband und Pulsareinspielungen, das heißt Signalen aus dem Weltraum, der den Berg und seine Wartburg überwölbt. Gisela Nauck

Die Belagerung der Wartburg (1305–1340) Liederhandschrift (Codex Manesse)

Illustration aus der Großen Heidelberger

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Samstag, 11 09 Ensemblemusik Konzert 3 21:00 Festsaal der Wartburg Gérard Grisey Le Noir de l’Étoile für 6 Schlagzeuger, Tonband und Pulsar-Einspielungen [1989–90]

Ensemble S, Hannover Arnold Marinissen, Stephan Meier, Norbert Krämer, Adam Weismann, Wilbert Grootenboer, Laurent Warnier, Massimo Mariani [Tontechnik]

Konzertdauer ca. 65 min, keine Pause

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Observatorium «Sternwartburg»

Idee und Keim der Musik Gérard Griseys

[1946–1998] liegen im Werden und Vergehen des Klangs. Parallel zur aufkommenden Umweltbewegung prägte der französische Komponist in seinem Darmstädter Vortrag Zur Entstehung des Klangs … 1978 die Schlagworte «Natur der Klänge» und «Ökologie des Tons». Er war überzeugt, die Klänge «leben wie Zellen, haben eine Geburt und einen Tod und tendieren vor allem zu einer ständigen Transformation ihrer Energie». Wie andere seiner Generation, die man bald als «Spektralisten» bezeichnete, untersuchte Grisey Instrumentalklänge mittels physikalisch exakter Analysemethoden auf ihre Spektren an Teil- und Obertönen, um diese anschließend auf das Orchester und andere instrumentale Konfigurationen zu übertragen. Dabei machte er die Erfahrung, dass sich die zeitliche und klangliche Wahrnehmungsschärfe umgekehrt proportional zueinander verhalten. Das heißt, dass die Reduktion rhythmischer Komplexität die Aufmerksamkeit für klangliche Nuancen erhöht und umgekehrt. Eben dies lässt sich gleich zu Beginn von Le Noir de l’Étoile erleben. Inmitten erwartungsvoller Stille pochen sanfte Trommelschläge wie aus weiter Ferne. Es sind gleichmäßige Impulsfolgen ohne rhythmische Differenzierung, die verschieden resonierende Kometenschweife nach sich ziehen. Nach und nach treten weitere Instrumente mit steten Pulsationen in je eigenem Tempo hinzu, bis schließlich alle sechs Schlagzeuger auf eigenen Laufbahnen kreisen. Indem sie diese kollektiv beschleunigen, verlangsamen, kontrahieren oder expandieren, verändern sie organisch die klanglichen Aggregatzustände. Die Pulsationen nehmen verschiedene Farben an und gewinnen an Fahrt. Sie verdichten sich zu rasenden Rotationen und polyrhythmischem Prasseln, das

plötzlich wieder zu synchronisierten Tuttischlägen zusammentritt und verzittert. Griseys Musik oszilliert zwischen den Extrempolen von freigelassenem Klang und exakt rhythmisierter Zeit. Und all das lässt sich hörend unmittelbar nachvollziehen. Hinzu kommen mechanische Reibegeräusche auf einigen der insgesamt 120 Metall- und Fellinstrumente, die weniger an himmlische Sphärenharmonien erinnern als an sperrige Verschiebemassen eines interstellaren Rangierbahnhofs. Immerhin handelt «Das Schwarz der Sterne» — so die deutsche Übersetzung des französischen Werktitels — von dunklen Phänomenen des Universums. Als Grisey Mitte der 1980er Jahre an der Universität Berkeley lehrte, machte ihm der Astronom und Kosmologe Jo Silk Tonbandaufnahmen von Pulsaren zugänglich. Dabei handelt es sich um hoch energetisch verdichtete Überbleibsel von Sternen, die sich beim Verglühen erst zu riesenhaften Supernovas aufblähen, um dann zu winzigen Neutronenkugeln von extrem konzentrierter Masse zu zerfallen. Durch schnelle Eigenrotation schleudern die kleinen Schwergewichte elektromagnetische Wellen ins All, die selbst noch tausende Lichtjahre entfernt auf der Erde mit Radioteleskopen registriert und in hörbare akustische Wellen übersetzt werden können. Manche dieser Implosionskerne sind «Schwarze Löcher», deren Gravitationskraft so stark ist, dass nicht einmal mehr Licht entweichen kann. In Le Noir de l’Étoile integrierte Grisey Aufnahmen von zwei solcher Pulsare in ein Kontinuum aus drei Teilen für sechs Schlagzeuger, die zu den beiden Tonbandzuspielungen überleiten, indem sie Rhythmen und Frequenzen der PulEiner davon, der Pulsar Véla ist der Rest einer sare aufgreifen. vor 12.000 Jahren kollabierten Supernova, der sich aus den Tiefen des


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Weltraums mit wildem Klöppeln vernehmen lässt, als säße im letzten Winkel der Galaxie ein verrückter «percussioniste céleste». Die Kugel dieses Körpers misst bloß fünfzehn Kilometer Durchmesser, hat aber dieselbe Masse wie die Sonne. Zudem rotiert Véla elf Mal pro Sekunde um die eigene Achse, also fast eine Million Mal schneller als unser gemächlich durchs All trudelnder Globus. Der andere, Pulsar 0329+54 — nüchtern nach seinen Himmelskoordinaten benannt — ist das Zerfallsprodukt eines vor fünf Millionen Jahren untergegangenen Sterns, dessen Radiowellen 7500 Jahre bis zur Erde unterwegs sind. Seine regelmäßigen Morsezeichen klingen wie eine «hängende» Schallplatte. Oder sind es Schritte auf der nicht endenden Himmelsleiter? Oder geheimnisvolles Tappen auf dem Dachboden der Welt? Ziel der Musik

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buch des Lebens, prall gefüllt mit tosenden Sonnenstürmen, knallenden Sturzgeburten gigantischer Riesensterne und ächzenden Todeskämpfen ganzer Galaxien. Und wir Menschen? — Wir sind mittenDrin! Zum Ende der deutschlandweiten Sternfahrt sounding D und der abschließenden Klangwanderungen um und durch Eisenach relativiert sich unsere kleine Zeitgenossenschaft im Hier und Jetzt. Im Festsaal der Wartburg lässt Griseys Stück Geschichte und Gegenwart kugel­ förmig zu einem energetischen Sonnengeflecht zusammenschießen: Jahrtausende alte Funksprüche erloschener Sterne prallen auf Mittelalter, Renaissance und die Darstellungen des sagenhaften Sängerwettstreits in Moritz von Schwindts Historiengemälden und Richard Wagners Tannhäuser samt Wolfram von Eschenbachs romantischer SehnGriseys ist die «wahrhaft schamanische Kraft, uns wieder anzuschlie- suchtsarie O du mein holder Abendstern, wohl grüßt’ ich immer dich ßen an die Kräfte, die uns umgeben». Dazu gehören auch Sonne, Mond so gern. So verwandeln Griseys nachtschwarze Sterne die Burg auf der und Sterne samt aller anderen bekannten wie unbekannten, sicht- und Spitze des Berges zu fortgeschrittener Abendstunde zum Observatoriunsichtbaren Himmelskörper. In Le Noir de l’Étoile parallelisiert Grisey um «Sternwartburg». die Mikrozeit der Klänge mit der Makrozeit des Universums. So bilden die Natur des Klangs und der Klang der kosmischen Natur eine Einheit. Rainer Nonnenmann Wie die Klänge, so entstehen und vergehen auch die Sterne. Sie verändern permanent ihre Zusammensetzung, Ausdehnung und Energie, allerdings nicht innerhalb von Sekunden oder Minuten wie in der Musik, sondern während Millionen und Milliarden von Jahren am Rande der

Ewigkeit. Grisey zeigt, dass die nachtschwarze Unendlichkeit jenseits der lichten Schutzhülle unseres Heimatplaneten kein schalltoter Raum ist. Im Gegenteil. Zwar verschluckt das intergalaktische Vakuum jeden Ton, doch Radioteleskope machen das Universum zum großen Hör-


The Air Balloon. Unbemannter Ballonaufstieg, London 25. November 1783

Zeitgenรถssischer Kupferstich


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Sonntag, 1209 KlangBallon Ballonmusik zum Sonnenaufgang 7:30–9:00 Lauchröden, Werraaue vor der Ruine Brandenburg Zoro Babel, Daniel Ott, Kirsten Reese, Erwin Stache, Enrico Stolzenburg

Ausführende Marc Trum [Ballonführer], Sukandar Kartadinata [SenKlangTräger sorik und Programmierung Datenübertragung] [siehe S. 21]

Bus-Shuttle ab Eisenach Markt, Brunnenkeller um 7:00 Uhr » Rückankunft ca. 9:15 Uhr Hin- und Rückfahrkarte 4,– Euro, mit mittenDrin-Konzertticket frei

Während der Vorbereitung der Ballonfahrt findet eine Performance für Instrumente, KlangTräger und Heliumballons statt. Anschließend gehen drei Trompeter um 8:00 Uhr mit dem Heißluftballon auf Fahrt. Auf ihrer Reise lesen sie die unter ihnen vorbeiziehende Landschaft wie eine Partitur und interpretieren sie mit ihren Instrumenten: Eine Höhenmusik für 3 Trompeten im Heißluftballon und vorbeiziehende Landschaft ensteht. Zeitgleich werden die Flugdaten des Ballons per Funk an den Boden übertragen, live-elektronisch transformiert und von den Musikern am Boden wiedergegeben. Über die Schwebemusik für Flugdaten und KlangTräger kann das Publikum eine weitere Version dieser ungewöhnlichen Landschaftskomposition erleben. 7:30 » Ballonaufbau Performance für Instrumente, KlangTräger und Heliumballons 8:00 » Start des Heißluftballons In der Luft: Höhenmusik für 3 Trompeten im Heißluftballon und vorbeiziehende Landschaft 8:15 » Am Boden Schwebemusik für Flugdaten und Klangträger


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Sonntag, 1209 Artistik-Performance Konzert 4, ART!stik-Labor: Artistik-Performance zu zeitgenössischer Musik 12:00 Wandelhalle Ludger Kisters Miniaturen Nr. 1 und 2 für Gitarre Solo [2006] Andres Maupoint 3 Stücke für Cello und Klavier Nr. 1 [1992] Hubert Hoche O quae mutatio rerum für Flöte, Violine und Gitarre, 1. Satz [1992]

Ludger Kisters Miniaturen Nr. 3 und 4 für Gitarre Solo Hubert Hoche O quae mutatio rerum 3. Satz Diego Uzal Nachklang für Flöte, Klarinette, Violine, Cello und Klavier [2008]

Ludger Kisters Miniaturen Nr. 5 für Gitarre Solo Peter Helmut Lang Dominoeffekt für Flöte, Klarinette, Violine, Cello und Klavier [2008]

Johannes K. Hildenbrandt Annäherung III für Flöte, Cello und Klavier [2007]

Peter Helmut Lang Concertino daraus Capriccio für Flöte, Violine, Cello und Gitarre [2000]

Andres Maupoint 3 Stücke für Cello und Klavier Nr. 2

Konzertdauer ca. 60 min, keine Pause

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ART!stik-Labor Artistik-Performance zu zeitgenössischer Musik

ART!stik-Labor wurde als Plattform zur interdisziplinären Recherche

ins Leben gerufen und untersucht, was sich aus der Verbindung von scheinbar gegensätzlichen Elementen wie Zirkuskünsten und zeitgenössischer Musik entwickeln kann, um so neue szenische Formen zu entdecken. Mit der ungewöhnlichen Verbindung von Luftartistik, Clownerie, Körpertheater und live gespielter zeitgenössischer Musik entsteht eine neue Ästhetik, die den Zuschauer auf visueller wie auf auditiver Ebene in ihren Bann schlägt. Gleichermaßen Konzert und Performance ist das ART!stik-Labor ein Gesamtkunstwerk. Die Zirkuskünste werden durch die Begleitung mit experimenteller Musik selbst zum Experiment. Gleichzeitig wird die bisweilen schwer zugängliche zeitgenössische Musik durch die szenische Verkörperung zum unmittelbaren Erlebnis. Um die Musik mit der Darstellung zu verzahnen, agieren auch die Musiker auf der Bühne und sind in die Choreografie mit einbezogen. In der Performance werden verschiedene Situationen zwischenmenschlicher Beziehungen thematisiert und ihre Geschichten auf abstrakte Weise angedeutet. Die Poesie des alltäglichen Lebens wird «gescannt» und in ihrer seltsamen und manchmal auch Furcht erregenden Art auf die Bühne gebracht. Eine humorvolle, clowneske, ja bisweilen geradezu absurde Darstellung verleiht dem Stück eine einvernehmliche Leichtigkeit. Atemberaubende Momente bergen dagegen die Teile mit beeindruckender Luftartistik in bis zu acht Meter Höhe. Zentrales Motiv, das sich wie ein roter Faden durch das Stück zieht, ist das aufeinander Verlassen, das Fallen, Fallen lassen und Fallen gelassen werden.

Künstlerische Leitung Peter Helmut Lang, Patrycja Krupa Choreografie, Regie Jordi L. Vidal Ensemble Marges Eric Thanbichler [Flöte], Michael Möstl [Klarinette], Astrid Schütte [Violine], Katharina Uzal [Violoncello], Natasa Srdic [Klavier], Samuel T. Klemke [Gitarre] Compagnie Aquanaut Jordi L. Vidal [Tanz, Körpertheater, Clown], Finn Jagd Andersen [Vertikaltuch, Tanz], Mika Netser [Ringtrapez, Tanz], David Vossen [Tanz, Körpertheater, Clown], Patrycja Krupa [Vertikaltuch, Tanz], Matthias Neumann [Licht]


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«Wie das Spiel anfing, sah man an allen Umstehenden Zeichen der lebhaftesten Theilnahme, und die sonderbarsten Mienen und Gebehrden, gleichsam als hätte jeder ein unsichtbares Werkzeug in den Händen, womit er eifrig arbeite. Zugleich ließ sich eine sanfte, aber tief bewegende Musik in der Luft hören, die von den im Saale sich wunderlich durcheinander schlingenden Sternen, und den übrigen sonderbaren Bewegungen zu entstehen schien. Die Sterne schwangen sich, bald langsam bald schnell, in beständig veränderten Linien umher, und bildeten, nach dem Gange der Musik, die Figuren der Blätter auf das kunstreichste nach.» Novalis, Heinrich von Ofterdingen


Constantinopel, Prozession an einem Stadttor

Holzschnitt, Handkolorierte Reproduktion einer Illustration aus dem 14. Jahrhundert


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Ein musikalisches Stadtspiel mit KlangTrägern, Musikern aus Eisenach, KlangAgenten und Flaneuren in Kooperation mit dem Tag des offenen Denkmals und der Stadt Eisenach

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Sonntag, 1209 StadtRundKlang

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Zoro Babel, Daniel Ott, Sebastian Quack, Kirsten Reese, Erwin Stache, Enrico Stolzenburg

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Philosophenweg

Sie wollen KlangAgent werden? Anmeldung unter 03691 67 01 31 und KlangAgent@sounding-D.net oder direkt vor Ort. Infostand und Ausgabe der MP3-Player auf dem Marktplatz vor dem Festivalbüro ab 12:00 Uhr

Klangraum «Süd»

«Zentrum»

Klangraum «West»

14:00 » Beginn Marktplatz 17:00 » Ende Marktplatz

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Klangraum «Nord»

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14:00–17:00 Innenstadt Eisenach

Mitwirkende aus Eisenach Instrumentengruppen der YAMAHA Musikschule Alexander Blume, Alexander Herbert, Libor Fišer, Maximilian Blume [Leitung] Mitglieder der Landeskapelle Eisenach Eisenacher Posaunenchor Ensemble des Kinder- und Jugendzentrums Alte Posthalterei Reinhardt Cooper Quartett, Tobias Herrmann [Leitung] Ensemble der Schule Rhythmus und Percussion, Jürgen Anschütz [Leitung] Mitglieder des Musiktherapeutischen Chores Eisenach, Ursula Fischer [Leitung] Valeria Costescu [Cello], Lisa Böckelmann [Saxophon], Natalia Alencova-Strathmann [Mandoline], Marina Demagin [Violine] und weitere Musiker aus Eisenach und Umgebung und der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar Klangträger, Produktion, Kos­ tüm [siehe S. 21]

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Musik, Stadt und Spiel in ein neues Verhältnis setzen

Am Tag des offenen Denkmals lädt der StadtRundKlang zu einem musikalischen Stadtspiel ein, das parallel zum Besuch der Denkmäler gespielt wird. Das Spiel verwandelt die Innenstadt Eisenachs in ein geheimnisvolles Labyrinth, das von den Teilnehmern mit Hilfe von MP3Playern erkundet und Schritt für Schritt zum Klingen gebracht wird. Innenhöfe, Kopfsteinpflaster, historische Fassaden, Türme, Balkone und Erker dienen als Kulisse für das musikalische Geschehen. Im Verlauf des Spiels verdichtet sich das Geschehen in Richtung Markt, rund um die Georgenkirche, die Klänge bewegen sich nach und nach zum Klangraum Mitte. Für die letzte halbe Stunde sammeln sich alle Beteiligten zu einer über das Radio koordinierten Abschlussperformance, die den Marktplatz in eine von allen gemeinsam bespielte Klangbühne verwandelt. Spiel und Musik, Musik und Stadt stehen — dafür ist die Musikstadt Eisenach ein eindrucksvolles Beispiel — seit jeher in enger Bezie-hung. Musiker spielen auf ihren Instrumenten mit musikalischen Werken oder erkunden die Möglichkeiten spielerischer Improvisation. Städtische Institutionen bilden Musiker aus, pflegen die populären und künstlerischen Traditionen des Musikspiels und entwickeln sie weiter. Komponisten und Ensembles bespielen und prägen mit ihrer Musik die Orte der Stadt — ob in Konzertsälen, Kirchen und Wohnräumen oder unter freiem Himmel auf Straßen und Plätzen. Der StadtRundKlang knüpft als musikalisches Stadtspiel an diese traditionsreichen Verbindungen an, nimmt jedoch zugleich Einflüsse aktueller Kunst- und Kul-

Der Stadtraum als klingende Landschaft Zu Beginn des StadtRundKlangs verteilt sich das Ensemble der KlangTräger auf drei verschiedene Areale der Eisenacher Innenstadt. Dazu eine bunte Vielfalt von Eisenacher Musikern und Ensembles: Amateur- und Profimusiker, Jazzund Kirchenmusiker, Mitglieder der Musikschulorchester sowie traditioneller Gruppen. So wie beim Tag des offenen Denkmals Orte offenstehen, die sonst nicht oder nur eingeschränkt besucht werden können, bringt der StadtRundKlang Orte und städtische Areale zum Klingen, die sonst nicht bespielt werden und verwandelt sie so in Klangräume. Die drei Klangräume im Süden, Westen und Norden des Zentrums unterscheiden sich sowohl in ihrer städtebaulichen Konstellation als auch durch die Auswahl der auf sie verteilten KlangTräger und Ensembles stark voneinander. So wird das Publikum angeregt, der Frage nachzugehen: «Wie klingt Eisenach?». Beim Spaziergang durch den klingenden Stadtraum wird jeder eine eigene Antwort finden.

Das Publikum als Teilnehmer Das Publikum kann auf zwei Arten am StadtRundKlang teilnehmen: als Flaneur oder als KlangAgent. Während die Flaneure die verschiedenen Klangräume frei erkunden und sich vom Geschehen treibenlassen können, werden die KlangAgenten stärker in den Ablauf des Stadtspiels einbezogen. Sie erhalten im Verlauf des StadtRundKlangs an geheimen Klangzentralen MP3-Player mit individuellen Instruktionen. Seit den 1990er Jahren entwickeln turformen auf. Damit werden Musik, Stadt und Spiel auf bislang einzig- Künstler Audio-Walks, bei denen die Teilnehmer — vergleichbar mit artige Weise in ein neues Verhältnis gesetzt. den Audio-Guides in den Museen — über Kopfhörer durch Umgebungen geleitet werden. Durch klangliche und erzählerische Elemente


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auf der Audio-Spur wird die Umgebungserfahrung angereichert. Anders als bei den Audio-Walks enthalten in diesem Stadtspiel die Hörspuren für die KlangAgenten ausschließlich Handlungsanweisungen, deren Effekte im Gesamtspiel einen Sinn ergeben und die für alle Teilnehmer erfahrbar werden: Eine Stimme führt die KlangAgenten auf verschlungenen Wegen zu den versteckten Plätzen der Stadt, an denen sich die Musiker bereithalten, und leitet sie zu unauffälligen Handlungen an, die den Musikern das Signal geben, loszuspielen oder ihr Programm zu wechseln. Die Teilnehmer werden so an die Rolle herangeführt, die in jedem musikalischen Geschehen eine der wichtigsten ist: Sie geben die Einsätze.

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len ist gemeinsam, dass sie bei der Überlagerung von Spiel- und Stadtraum mobile bzw. drahtlose Medientechnologien nutzen. Beim StadtRundKlang ist dies neben den MP3-Playern das Wartburgradio [96,5]. Es dient während des StadtRundKlangs als Informations- und Vermittlungszentrale. In der ganzen Innenstadt werden Radioempfänger versteckt, die im Verlauf des Spiels nach und nach eingeschaltet werden. In einem eigens für den StadtRundKlang entwickelten Radioprogramm werden einerseits Klänge aus dem sounding D-Zug sowie den Aktio­ nen des Festivals sounding D » mittenDrin in und um Eisenach gesendet. Andererseits gibt das Radio permanent Rückmeldung darüber, wie weit das Spiel gediehen ist. Ausgewählte Auftritte der in der Stadt verteilten Musiker werden darüber hinaus auch live übertragen. So wird die Musik, die an versteckten Orten von einzelnen KlangAgenten entdeckt und ausgelöst wird, in der ganzen Stadt für alle hörbar.

Gameplay auf der Plattform der Stadt Der StadtRundKlang greift als Stadtspiel kulturelle Entwicklungen auf, die sich in den letzten zehn Jahren vor allem im anglo-amerikanischen Raum herausgebildet haben. Anders als Brett- oder Computerspiele lagern Urban bzw. Street Games Sebastian Quack ihr Spielgeschehen nicht in speziell zum Spielen entwickelte Räume aus, sondern installieren es auf der Plattform der Stadt. Vorbilder sind Spiele wie Big Urban Game, das 2004 die Stadt Minneapolis als Spielbrett für ein gigantisches Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel mit fünf Meter hohen Spielfiguren nutzte sowie das im selben Jahr in New York realisierte PacManhattan, bei dem der Computerspiele-Klassiker PacMan auf dem Straßenraster Manhattans gespielt wurde. Eine Vielzahl von neuen Spielformen im urbanen Raum feiert seit 2005 eine Reihe von Festivals in den USA und England, darunter das ebenfalls in New York stattfindende Come Out & Play Festival. Vielen Stadtspie-


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Sonntag, 1209 Orchestermusik Konzert 5 18:00 Landestheater Eisenach Arnold Schönberg Suite op. 29 für drei Klarinetten, Geige, Bratsche, Violoncello und Klavier [1925/26] 1. Satz: Ouverture. Allegretto — 2. Satz: Tanzschritte. Moderato — 3. Satz: Thema mit Variation — 4. Satz: Gigue

Benedict Mason Eisenach für drei Ensembles [2010] UA

Nach dem Konzert erhalten die Besucher eine Werkbeschreibung des Komponisten

Konzertdauer ca. 90 min — kurze Umbaupause Deutschlandradio Kultur sendet das Konzert am 12 09 2010 um 21:33 Uhr [Frequenzen unter www.dradio.de] mdr Figaro sendet das Konzert im Rahmen der «Nacht der Neuen Musik» am 08 10 2010 ab 1:30 Uhr

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Verdichtung der Form und Ausdehnung in den Raum

Der in England geborene Benedict Mason bildete sich zunächst als Filmemacher aus, ehe er mit Anfang Dreißig zu komponieren begann. Seit seiner ersten gültigen Arbeit, der Hinterstoisser Traverse für Kammer­ ensemble von 1986, thematisiert Mason in seinen Kompositionen räumliche Metaphern, die von geografischer Dimension sein können, und die nach den Bedingungen und Beschränkungen von Musikaufführungen fragen, nach den akustischen Eigenschaften der Konzertsäle und ihrem Instrumentarium, das er mitunter um selbstgebaute Klangerzeuger erweitert. Für Ohne Mißbrauch der Aufmerksamkeit, das 1993 als Auftragswerk des Hessischen Rundfunks für das RadioSinfonie-Orchester Frankfurt entstand, legte der Komponist nach kammermusikalischen Vorläufern (dem Horn Trio von 1987) erstmals die genaue räumliche Verteilung eines großen Ensembles über das gesamte Konzerthaus (damals der Sendesaal des Hessischen Rundfunks) fest. Die Streicher umgaben das Publikum (die Violinen saßen auf den Randplätzen), nur die Kontrabässe und fünf Schlagzeuger befanden sich auf der Bühne. Die Holzbläser waren in den drei Logen des Sendesaals untergebracht, die Blechbläser spielten im Foyer und sechs Hörner bewegten sich auf genau festgelegten Routen durch das Haus. Gleich zu Beginn gab sich einer der Kontrabassisten auf dem Podium als Schauspieler zu erkennen und rezitierte das Stück hindurch assoziationsreiche Gedankensplitter, die aus einem Autorenfilm der 60er Jahre stammen könnten. Währenddessen entwickelte sich eine sehr spannungsvolle, in schwankender Terzenharmonik angelegte Musik, voll Expressivität. Statt Theater zu machen, erforscht Mason die physikalische Spezifik des Konzertsaals, seine Akustik mit künstlerischen

Mitteln. Er will weder Publikum, noch Musiker oder Veranstalter provozieren, obwohl deren mitunter heftige Reaktionen durchaus als soziologische Aspekte seiner Aufführungen gelten dürfen. Es geht hier allein um die vollständige Ausschöpfung der in einer Konzertaufführung zur Verfügung stehenden Mittel, und dazu gehört es auch, nicht nur das Orchester, sondern auch das Publikum und schließlich den Konzertsaal selbst als Instrument zu begreifen. In den Musics for European Concert Halls färben unter anderem Wandelgänge und Treppenhäuser, Stimmzimmer und Garderobenräume mit ihrer jeweils charakteristischen Akustik den Klang der verschiedenen, in der Regel synchronisierten Fernorchester. Am Beginn der Fifth Music for a concert hall [Genauer Titel: Asko.Paradiso. The Fifth Music: Resumé with C.P.E Bach] etwa verlassen die Instrumentalisten des Kammerensembles nacheinander den Konzertsaal, bis sie alle — mit Ausnahme der zweiten Violine — ihre im starren Vierertakt abschnurrenden Läufe oder langsameren Repetitionen von Bach-Material von außen in den Saal dringen lassen. Live «gespielte» Rundfunkempfänger kommen ebenso zum Einsatz wie 16 Walkmen mit eingebauten Lautsprechern, auf die die Orchesterstimmen der 3. Sinfonie in F von Carl Philipp Emanuel Bach [Wq 175] aufgeteilt werden. Die Musiker geben ethnologische Betrachtungen zum Umgang mit dem Radio in der Dritten Welt ab und äußern sich über paradoxe Wahrnehmungsphänomene. Doch auch Änderungen der Beleuchtung und choreografisch anmutende Bewegungen der Musiker sind in der Partitur genau fixiert. Im Gegensatz zu den ortsspezifischen Kompositionen Benedict Masons ist die Suite op. 29 von Arnold Schönberg [1874–1951] als Werk der klassischen Moderne ganz der Idee der Tonkunst


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verpflichtet, einer ästhetischen Haltung, in der Situation und Kontext einer Aufführung als dem Werk sekundär verstanden wird. Das Kon- Volker Straebel zertstück in der ungewöhnlichen Septet-Besetzung für drei Klarinetten [Es-Klarinette oder Flöte, B-Klarinette und Bass-Klarinette oder Fagott], Streichtrio und Klavier entstand nach der Hochzeit Schönbergs mit seiner zweiten Frau Gertrude Kolisch im August 1924, der es auch gewidmet ist. In dem Maße wie der Orchesterapparat sich in den Raum ausdehnt und dessen Form zu einer entscheidenden Dimension der Komposition macht, findet in der Suite eine formale und motivische Verdichtung statt, die von dem Rückgriff auf vorhandene Formmodelle lebt. Die Suite folgt der Methode der «Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen», die Schönberg drei Jahre zuvor entwickelt hatte. Sie sah vor, durch die Gleichbehandlung aller zwölf Töne tonale Zentren zu vermeiden und sich somit endgültig von der Dur/Moll-Harmonik zu lösen. Der Charakter von Spielfreude und Esprit zeigt sich in der Suite jedoch nicht nur in den gegenüber dem Grundmetrum verschobenen Tanzrhythmen, die an die Musiker höchste Ansprüche stellen, sondern auch in dem sehr freien, mitunter ihren eigenen Absichten entgegenstehenden Umgang mit der Zwölftontechnik. So dominieren die Töne G und Es, die für die Initialen der Widmungsträgerin Gertrude Schönberg stehen, und der dritte Satz variiert Friedrich Silchers [1789– 1860] Vertonung des alten Volksliedes Ännchen von Tharau. Schönberg setzt das Thema in E-Dur in die Bassklarinette und überlässt die übri­ gen Reihentöne dem Klavier. «Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt. / Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.» — hier wird aus ei­ nem Stück absoluter Musik die Hochzeitsgabe eines frisch Vermählten.

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Oswald Sallaberger [Dirigent], Graham F. Valentine [Schauspieler/ Sprecher], Norbert Ommer [Klangregie], Felix Dreher [Tontechnik] Ensemble Modern Gregor Schulenburg [Flöte], Marieke Franssen [Flöte], Miriam Arnold [Flöte], Christian Hommel [Oboe], Dominique Steiner [Oboe], Kyunshin Jun [Oboe], Benjamin Fischer [Oboe], Nina Janßen [Klarinette in B und in Es], John Corbett [Klarinette, Bassklarinette], Winfried Rager [Klarinette in B], Dafne Vicente-Sandoval [Fagott], Arlette Probst [Fagott], Frank Forst [Fagott], Gerd Becker [Fagott], Saar Berger [Horn], Gerda WindSperlich [Horn], József Hars [Horn], Mahir Kalmik [Horn] Amit Salomon [Horn], Jonas Seppelin [Horn], John Stobart [Horn], Valentín Garvie [Trompete], Sava Stoianov [Trompete], Uwe Dierksen [Posaune], Rumi Ogawa [Schlagzeug], Rainer Römer [Schlagzeug], Hermann Kretzschmar [Klavier], Ueli Wiget [Klavier], Rafal Zambrzicky-Payne [Violine], Emi Ohi Resnick [Violine], Sabine Ahrendt [Violine], Kamila Namyslowska [Violine], Ulrike Stortz [Violine], Agniesza Marucha [Violine], Heide Sibley [Violine], Peter Zelienka [Violine], Inken Renner [Violine], Guillaume Faraut [Violine], Magdalena Makowska [Violine], Filip Saffray [Violine], Adrian Pinzaru [Violine], Eri Takeya [Violine], Lisa Lammel [Violine], Megumi Kasakawa [Viola], Veit Hertenstein [Viola], Nathan Selman [Viola], Kerstin Hüllemann [Viola], Aida-Carmen Soanea [Viola], Charlotte Dibbern [Viola], Michael M. Kasper [Violoncello], Yen-Ting Liu [Violoncello] Andreas Voss [Violoncello], Eran Borovich [Kontrabass], Peter Schlier [Kontrabass], Benedict Ziervogel [Kontrabass]


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Benedict Mason


» Biografien » Ensembles Neue Vocalsolisten Stuttgart 1984 als Ensemble für zeitgenössische Vokalmusik unter dem Dach von Musik der Jahrhunderte gegründet, sind die Neuen Vocalsolisten seit 2000 ein künstlerisch selbstständiges Kammerensemble für Stimmen. Die sieben Konzert- und Opernsolisten, vom Koloratursopran über den Countertenor bis zum schwarzen Bass, verstehen sich als Forscher und Entdecker und bringen in Eigenverantwortung ihre künstlerische Gestaltungskraft in die kammermusikalische Arbeit und in die Zusammenarbeit mit Komponisten und anderen Interpreten ein. Ihre Partner sind Spezialistenensembles und Rundfunkorchester, Opernhäuser und die freie Theaterszene, elektronische Studios sowie zahlreiche Veranstalter internationaler Festivals und Konzertreihen Neuer Musik. Im Zentrum ihres Interesses steht die Recherche: das Erforschen neuer Klänge, neuer Stimmtechniken und vokaler Artikulationsformen, wobei dem Dialog mit Komponisten eine große Bedeutung zukommt. In jedem Jahr werden etwa 20 Werke von den Neuen Vocalsolisten uraufgeführt. Das Musiktheater und die interdisziplinäre Arbeit mit Elektronik, Video, bildender Kunst und Literatur gehören ebenso zum Ensemblekonzept wie die Collage von kontrastierenden Elementen Alter und Neuer Musik. www.neue-vocalsolisten.de

Kammerensemble Neue Musik Berlin Das Kammerensemble Neue Musik Berlin steht

für die lebendige, aktuelle Musikszene der Metropole Berlin. 1988 von Juliane Klein, Thomas Bruns und weiteren Studenten der Hochschule für Musik Hanns Eisler im damaligen Ostteil der Stadt gegründet, wird es heute von dreizehn Musikerpersönlichkeiten aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz geprägt. Der künstlerische Ansatz «Neue Musik geht nicht nur Musiker und Komponisten etwas an» führte zu einer aktiven und intensiven Musizierhaltung, die sich sowohl programmatisch als auch im direkten Kontakt zum Publikum vermittelt. Europaweit sowie in den USA und Südamerika präsentiert das Ensemble Kompositionen, Konzertinstallationen und Konzertprojekte, die in enger Kooperation mit Komponisten, Autoren, Dirigenten, Künstlern und Regisseuren aus aller Welt entstehen. Getragen werden die Programme von der Neugier auf das Unbekannte, von der Ausein­ andersetzung mit den wesentlichen Themen unserer Gegenwart. Seit 2008 ist das KNM Berlin Partner im ohrenstrand.net, dem Berliner Netzwerk für neugieriges Hören. www.kammerensemble.de

Ensemble S Arnold Marinissen [Amsterdam] und Stephan Meier [Hannover] haben beide in Den Haag am Koninklijk Conservatorium Schlagzeug studiert. Seit 1994 verfolgen sie das Ziel, ihr Spiel zu perfektionieren und mit unprätentiösen Darbietungsformen zu vereinen. Dafür gründeten sie 1998 das Deutsch-Holländische Ensemble S, das seitdem Gast in vielen europäischen Konzertsälen und bei Festivals ist. Seit

2002 haben sie CIRCUS S ins Leben gerufen. Das Ensemble hat sich einen eigenen Konzert­ raum geschaffen — ein Zirkuszelt — mit dem sie räumlich konzipierte Musik, die in keinen Konzertsaal passt, aufführen. Ein Zirkus für die Ohren: Ums Publikum herum und mittendrin schafft er Raum zum Sehen, Fühlen, Zuhören, Wundern und Staunen. CIRCUS S ist entstanden als unkonventioneller Lösungsansatz für die Aufführung räumlich konzipierter Musik, die auch den Ort der Klangquellen mitkomponiert, also genau festlegt, aus welchen Richtungen wann welche Klänge kommen. Jahrelang hatten sich die Schlagzeuger bemüht, in herkömmlichen Konzertsälen genau die Formen und Architekturen sprengenden Konzertprogramme zu spielen. Ensemble S nutzt die spezifische Atmosphäre des Zirkuszeltes und entwickelt ungewöhnliche themenorientierte Programme. www.circus-s.de

Ensemble Marges Das Ensemble Marges wurde 2005/06 an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar gegründet und besteht zu großen Teilen aus ehemaligen Studenten. Mit einer flexiblen Besetzung und innovativen Akzenten versuchen die jungen Musiker der konzertanten Konvention bewusst auszuweichen und abseits des traditionellen Konzertbetriebes neue Wege für das bewusste Erleben von Musik zu suchen. Das französische Wort Marges — Randgänge — ist Titel und Konzept des Ensembles zugleich. Im Mittelpunkt der Ensemblearbeit steht der Brückenschlag zwischen der Musik des 20. Jahrhunderts und den Komponisten

der jungen Generation. Besonderheit ihres Repertoires ist nicht nur das ART!stik Labor, das Neue Musik mit Tanz, Akrobatik und Performance verbindet. Seit 2009 führen sie auch ein Stummfilmprogramm auf. www.ensemble-marges.de

Compagnie Aquanaut Die Compagnie Aquanaut ist ein freies Ensemble ohne feste, an ein Theater gebundene Wirkungsstätte. Zur Gründung im Jahre 2005 haben sich professionelle Artisten, Luft- und Bodenakrobaten, Jongleure, Tänzer, Mimen, Schauspieler und Musiker aus verschiedenen Ländern Europas zusammengefunden. Die Compagnie Aquanaut entwickelt Projekte im Bereich des Artistik-Performance-Theaters, die zumeist Open Air aufgeführt werden. Seit 2005 geht die Compagnie jährlich mit einer Produktion auf Tournee im deutsch-dänischen Ostseeraum. Dabei dient ein restauriertes Segelschiff, der Logger Lovis, als bewegliche Bühne und als Tourneefahrzeug. Die Produktionen der Compagnie Aquanaut leben von der Verbindung verschiedener Kunstsparten wie Theater, Tanz, zeitgenössischen Zirkusformen und Musik zu einem Gesamtkunstwerk. www.compagnie-aquanaut.de

Ensemble Modern Das Ensemble Modern (EM), 1980 gegründet und seit 1985 in Frankfurt am Main beheimatet, ist eines der weltweit führenden Ensembles für Neue Musik. Derzeit vereint das Ensemble 19 Solisten verschiedenster Herkunft.


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Das Ensemble Modern ist bekannt für seine weltweit einzigartige Arbeits- und Organisationsweise: Es gibt keinen künstlerischen Leiter; Projekte, Koproduktionen und finanzielle Belange werden gemeinsam entschieden und getragen. Seine unverwechselbare programmatische Bandbreite umfasst Musiktheater, Tanz- und Videoprojekte, Kammermusik, Ensemble- und Orchesterkonzerte. Tourneen führten das Ensemble Modern bereits nach Afrika, Australien, China, Indien, Japan, Korea, Südamerika, Taiwan, Russland und in die USA. Regelmäßig tritt es bei renommierten Festivals und an herausragenden Spielstätten auf wie etwa bei den Salzburger Festspielen, den Klangspuren Schwaz, dem Musikfest Berlin, der MusikTriennale Köln, dem Lincoln Center Festival in New York, settembre musica in Turin, dem Festival d’Automne à Paris, dem Festival Ars Musica in Brüssel, an der Alten Oper Frankfurt, der Oper Frankfurt, der Kölner Philharmonie, dem Konzerthaus Berlin, der Philharmonie Essen und dem Festspielhaus Baden-Baden. Jährlich gibt das Ensemble Modern ca. 100 Konzerte. In enger Zusammenarbeit mit Komponisten erarbeiten die Musiker jedes Jahr durchschnittlich 70 Werke neu, darunter etwa 20 Uraufführungen. Das Ensemble Modern wurde 2003 von der Kulturstiftung des Bundes zu einem «Leuchtturm» zeitgenössischer Kultur in Deutschland erklärt und damit in die Spitzenförderung aufgenommen. Seit 2004 erhält es eine DreiSäulen-Förderung für das Ensemble Modern Orchestra, die Internationale Ensemble Modern Akademie sowie ausgewählte Projekte des Ensemble Modern. Das Ensemble Modern wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, die Stadt Frankfurt sowie über

die Deutsche Ensemble Akademie e. V. durch das Land Hessen, die GEMA-Stiftung und die GVL. Die Musikerinnen und Musiker des Ensemble Modern danken der Aventis Foundation für die Finanzierung eines Sitzes in ihrem Ensemble. www.ensemble-modern.com

» Komponisten und Künstler Zoro Babel

[*1967]

ist schon als Kind und Jugendlicher mit der Gruppe Anima Musica aufgetreten, hat die Summer Sessions des Creative Music Studio in Woodstock besucht und war mit Markus und Simon Stockhausen auf Konzerttourneen. Mit den beiden Stockhausen Brüdern gründete er 1988 die Gruppe Kairos und 1990 die Gruppe Focus Pocus. Zoro Babel schreibt Filmmusiken, ist an zahlreichen Film- und Theater-Projekten von Achim Freyer beteiligt und arbeitet seit 1991 eng mit dem Theaterregisseur, Autor, Schauspieler und Medienkünstler Alexeij Sagerer zusammen. Darüber hinaus ist er musikalischer und technischer Assistent von Josef Anton Riedl. Zusammen mit dem Autor und Musiker Michael Lentz entstanden Kompositionen aus Musik und Sprache. Eine wichtige Rolle in seinem künstlerischen Schaffen spielen selbst entwickelte Musikinstrumente wie z. B. zu Instrumenten umfunktionierte Metallspinde oder «Lithofone», Schlaginstrumente bestehend aus unterschiedlichen Schieferplatten.

Paul-Heinz Dittrich

[*1930]

studierte Komposition und Chorleitung in Leipzig, war von 1958 bis 1960 Schüler bei R. Wagner-Régeny in Berlin, und anschließend von 1960 bis 1976 als Lehrer für Kontrapunkt, Harmonielehre und Analyse an der Hochschule für Musik Hanns Eisler beschäftigt. Von 1976 bis 1991 lebte er als freischaffender Komponist in Zeuthen bei Berlin. Dort grün-

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dete er 1990 das Brandenburgische Colloquium für Neue Musik und 1994 die Assoziation für zeitgenössische Musik EUROPA-EUROPA. Seit 1978 nimmt der Komponist Verpflichtungen als Gastprofessor an Musikinstituten, Musikkursen, Universitäten und Hochschulen des In- und Auslands wahr. Dittrich ist Mitglied der Berliner und der Sächsischen Akademie der Künste. In frühen Jahren experimentierte Dittrich mit dodekaphonen, seriellen Kompositionstechniken und Verfahren der Zufallskomposition. Anfang der 70er Jahre entwickelte er die Konzeption einer «phonetisch-instrumentalen Poesie», die auf die Durchdringung von Musik und Dichtung zielt und Sprache als musikalisches Material auffasst.

Gérard Grisey

[*1946 †1998]

trat, nach Studien an der Hochschule für Musik in Trossingen [von 1964 bis 1965], 1965 in das Conservatoire National Superieur in Paris ein, wo er unter anderem von 1969 bis 1972 Mitglied der Kompositionsklasse Olivier Messiaens war. An der Faculté des sciences von Paris beschäftigte er sich mit Elektroakustik bei Jean-Etienne Marie und mit Akustik bei Emile Leip. Als Stipendiat der Villa Médicis in Rom [von 1972 bis 1974] gründete er zusammen mit Tristan Murail, Michaël Levinas und Roger Tessier die Gruppe L’Itinéraire. Dort trafen er und seine Komponistenkollegen auch auf Giacinto Scelsi und seine Musik, was bei den jungen Komponisten einen tiefen Eindruck hinterließ. 1972 besuchte Grisey Seminare von Iannis Xenakis, Karlheinz Stockhausen und György Ligeti während der Darmstädter Ferienkurse.


Grisey gehört zusammen mit Komponisten wie Hugues Dufourt, Tristan Murail, Michaël Levinas, Rogier Tessier u. a. zu den sogenannten Spektralisten. Ihr Ausgangspunkt waren die Erkenntnisse, die in der Analyse von Klängen und in den Versuchen der Synthese von Klängen und in der psychoakustischen Erforschung der Wahrnehmung von Klangfarben gewonnen wurden. Mit Ihren Kompositionsverfahren bewegten sie sich im Innern der Klänge und versuchten diese Mikroprozesse für den Hörer und mit instrumentalen Mitteln kompositorisch zu vergrößern. Am radikalsten und ausgiebigsten bezog sich Grisey auf diese Erkenntnisse in Les Espaces Acoustique, einem umfangreichen vierteiligen Zyklus, der zwischen 1974 und 1985 entstanden ist.

bekam mit sechs Jahren ersten Akkordeonunterricht, 1978 dann Gitarrenunterricht. Seine akademisch-musikalische Ausbildung begann 1987 an der Berufsfachschule für Musik in Bad Königshofen und endete nach einem Doppelstudium an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar in den Fächern Dirigieren [Chor bei Prof. Gert Frischmuth; Orchester bei Lothar Seifarth] und Komposition [Prof. Reinhard Wolschina und Wolfgang von Schweinitz] und einem anschließenden Aufbaustudium Komposition im Jahr 2000. Hubert Hoche lebt und arbeitet als Komponist, Chordirigent und Verleger in der Nähe von Würzburg.

Johannes K. Hildebrandt

Ludger Kisters

[*1968]

Hubert Hoche

[*1966]

sik Franz Liszt Weimar Komposition, Musiktheorie und Elektroakustische Komposition. 1999 ging er für ein Jahr nach Polen an die Musikakademie Lodz zu Bronislaw K. Przybylski. Langs Werk umfasst Kompositionen für Soloinstrumente, Kammermusik, Lieder und Orchesterwerke, aber auch Klanginstallationen, elektroakustische Musik sowie Filmund Theatermusiken. Peter Helmut Lang ist Mitbegründer der Compagnie Aquanaut, gründete 2007 das Junge Deutsche Komponistenforum, das er seitdem leitet, war von 2007 bis 2009 künstlerischer Programmleiter des Internationalen Kulturfestivals Junge Kunst im Christus-Pavillon Kloster Volkenroda und ist Vorsitzender des Deutschen Komponistenverbands Thüringen. Er lebt und arbeitet in Weimar.

[*1975]

Benedict Mason studierte von 1989–1998 an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar Komposition, Tonsatz und Klavier. Hildebrandt ist Mitbegründer des Deutschen Komponistenverbandes in Thüringen und seit 2007 Mitglied des Bundesvorstandes. Seit 1999 ist er Vorsitzender des via nova e. V. und künstlerischer Leiter der Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik, Mitglied im Bundesfachausschuss Neue Musik des Deutschen Musik­ rates und des Programmausschusses der GEMA. Hildebrandt ist tätig als Dozent bei «Jugend komponiert» an den Landesmusikakademien in Rheinsberg und Sondershausen, sowie Teamer des Projektes Response in Hessen /Thüringen. Johannes K. Hildebrandt lebt und arbeitet als freischaffender Komponist in Weimar.

studierte Komposition bei Michael Obst [Weimar] und Jack Body [Wellington] sowie elektroakustische Komposition bei Robin Minard [Weimar] und Germán Toro-Pérez [Zürich]. Während dieser Zeit besuchte er Kompositionskurse, u.a. am IRCAM in Paris und in Royaumont bei Brian Ferneyhough. Ludger Kisters lebt als Komponist und Musikpädagoge in Flensburg und arbeitet zurzeit an einem Kompositionsauftrag des Bayerischen Rundfunks.

Peter Helmut Lang

[*1975]

erhielt früh seine musikalische Ausbildung in Klavier und Musiktheorie durch Kersti Droemer und Markus Stange in Stuttgart. 1995– 2003 studierte er an der Hochschule für Mu-

In jungen Jahren studierte der englische Komponist Benedict Mason Film — eine Erfahrung, die seine spätere Arbeit entscheidend prägen sollte. Vor allem in Werken wie der ‹Hinterstoisser Traverse› wird die visuelle Ausrichtung seines kompositorischen Ansatzes deutlich. In den Neunzigerjahren wurden Masons Kompositionen immer vielschichtiger («komplexer» im Sinne von Ligeti, nicht von Ferneyhough). Ein extremes Beispiel hierfür ist ‹Animals and the Origins of Dance›, eine Reihe von ‹zwölf neunzigsekündigen polymetrischen Tänzen›. In einer anschließenden Phase der Neuorientierung konzentrierte sich Mason verstärkt auf den Akt des Hörens, auf den Zauber und die Poesie, die dem Klang an sich innewohnen. Dabei

ging es Mason vor allem konkret um die räumlichen und akustischen Bedingungen von Musikaufführungen in Konzertsälen, wobei sowohl die Musiker als auch das Gebäude Teilnehmer einer «Klanginstallation» werden sollten. In diesem Zusammenhang schuf Mason für große Ensembles, Orchester und ihre Häuser die Werkgruppe ‹Music for Concert Halls›, eine Reihe von Kompositionen, die nicht ortsspezifisch sind und überall aufgeführt werden können. Masons jüngere Werke tragen die Handschrift eines bildenden Künstlers (und Filmemachers, der er ja tatsächlich ist), und zwar nicht nur was die Präsentation der Partituren angeht, sondern auch in Bezug auf die — bisweilen spektakelartige — Inszenierung. Mason komponiert nicht nur, er baut auch die Instrumente, die für seine Klangskulpturen vonnöten sind. Dabei gibt er sich nicht etwa mit der Rolle des «Geigenbauers» zufrieden. Seine «Klangerzeuger» sind vielmehr das Produkt intensiver Überlegungen und Recherchen und zeugen vom Einfallsreichtum ihres Erfinders. Zwei seiner neuesten Werke kehren zurück zu großem Orchester: ‹Orchestral Installation for Moderna Museet, Stockholm› (Swedish Radio Symphony Orchestra). And ‹Ensemble (for three ensembles)› for Ensemble Intercontemporain, Ensemble Modern and Klangforum Wien [Donaueschingen 2008]; und ‹igloos inclines isograms› für die acht Hörner der Berliner Philharmoniker.

Andrés Maupoint

[*1968]

began 1982 ein Klavierstudium bei Prof. Fer­ nando Cortés, Universidad de Chile. Bereits


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1984 war er 1. Preisträger des Wettbewerbes für Klavier «Claudio Arrau» für junge Pianisten. Ebenfalls in Chile absolvierte er ein Kompositionsstudium bei Prof. Cirilo Vila und leitete dort von 1993 bis1995 die «Jeunesses Musicales de Chile». Im März 1997 kam er durch ein DAAD-Stipendium nach Leipzig zu Prof. Dimitri Terzakis. 1999 brachte ihn das Franz Liszt Stipendium nach Weimar. Seit März 2002 unterrichtet er mit einem Lehrauftrag im Fach Tonsatz an der Musikhochschule Leipzig.

Sebastian Quack

[*1982]

arbeitet er als Game-Designer und Play-Forscher. Mit einer Arbeit über «Computerspielen in der echten Welt. Big Games, Alternate Reality Games und Pervasive Games 20002005» schloss er sein Studium der Kulturwissenschaft und Informatik 2008 ab. Seine Forschungen bewegen sich an der Schnittstelle von transmedia Gameplay und ortsspezifischem Theater. Als Game Designer und Programmierer ist er an einer Reihe von Spielund Theaterproduktionen beteiligt, u. a. für die Universität der Künste und das Hebbelam-Ufer Berlin, das Game Design Studio Area / Code und das Come Out & Play Festival New York, das Hide & Seek Festival und das Victoria & Albert Museum London und für die Wiener Festwochen / Into The City. Seit 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am gameslab der Hochschule für Technik und Wirtschaft [HTW] Berlin und Gründer von Berlin Invisible Playground. Er ist Stipendiat der Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften an der UdK Berlin.

Daniel Ott

[*1960]

war bereits Anfang der 80er Jahre am Aufbau verschiedener freier Theatergruppen beteiligt. So zog er u. a. mit Straßentheater samt Wagenbühne und Pferden durch die Schweiz. Theaterstudien führten ihn von 1983 bis 1985 nach Paris und London, zum Kompositionsstudium ging er in den Jahren von 1985 bis 1990 zu Nicolaus A. Huber an die FolkwangHochschule Essen und zu Klaus Huber an die Musikhochschule Freiburg im Breisgau. Seit 1990 arbeitet Daniel Ott als Komponist, Pianist und Darsteller mit dem Arbeitsschwerpunkt Neues MusikTheater und mit interdisziplinären und raum- bzw. landschaftsbezogenen Arbeiten. Landschaftskompositionen entstanden u. a. für den Hafen Sassnitz/Rügen [2002], den Wallfahrtsort Heiligkreuz/Entlebuech [2003], die Neisse zwischen Görlitz und Zgorzelec [2005], den Rheinhafen Basel [2006]. Seit 2005 ist Daniel Ott Professor für Komposition und Experimentelles Musiktheater an der Universität der Künste Berlin. Er lebt und arbeitet in Berlin und in der Schweiz.

Kirsten Reese

[*1968]

studierte Flöte und elektronische Musik in Berlin an der Hochschule der Künste und der Technischen Universität und in New York. Als Flötistin trat sie sowohl in verschiedenen Kammerensembles als auch als Solistin auf, war beteiligt an Film- und Rundfunkaufnahmen und initiierte Uraufführungen von Auftragswerken. Als Autorin schrieb sie Radiosendungen und Features und publizierte in

Fachzeitschriften und Lexika. Kirsten Reese ist Komponistin und Klangkünstlerin, komponiert elektroakustische Werke sowie Kompositionen für Instrumente und Elektronik, Klang­­­ installationen, radiofone Hörstücke und interaktive Netzaudiokunst. Eine zentrale Rolle spielen bei ihren Arbeiten raum- und wahrnehmungsbezogene sowie performative Aspekte. Seit 2005 unterrichtet sie an der Universität der Künste Berlin in den Bereichen intermediale Komposition und Landschaftsklangkunst.

Oswald Sallaberger

[*1966]

gebürtig aus Tirol, hat in Salzburg Violine und Dirigieren studiert. Er war Mitglied des Gustav Mahler Jugendorchesters und somit Geiger unter Claudio Abbado und Pierre Boulez. Heute ist das Dirigieren sein Beruf und Michael Gielen sein Meister und Mentor. Von diesem zum Dirigieren ermutigt, erhielt Oswald Sallaberger 1993 den Dirigentenpreis der Herbertvon-Karajan-Stiftung. Es folgten Produktionen an den Salzburger Festspielen, in Berlin [Lulu von Alban Berg], in Wien [Thomas Chatterton von Matthias Pintscher], in Linz [Fidelio von Ludwig van Beethoven], am Luzerner Theater [Così van tutte von Wolfang Amadeus Mozart] und in Luxemburg [Tosca von Guiseppe Verdi] sowie in Basel [Pelléas et Mélisande von Claude Debussy]. 1998 kam der Ruf nach Rouen verbunden mit der Aufgabe, am dortigen Opernhaus ein Orchester aufzubauen. Seit zehn Jahren hat er die musikalische Leitung des Orchestre de l’opéra de Rouen/ Haute Normandie inne, dessen Ruf heute weit über die Normandie hinausreicht. Das Orchester hat Oswald Sallaberger seine Aufbauar-

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beit honoriert, indem sie ihm in diesem Jahr den Titel des Chef fondateur verliehen. Oswald Sallaberger hat sich in Rouen als ein Wagnerinterpret etabliert und internationales Renommée in der Interpretation zeitgenössischer Musik gewonnen. Nach einer «Carte Blanche» in Lissabon an den «Dias da Musica em Belem» [2008] mit dem English Camber Orchestra, war er im Mai 2010 beim Salzburger ASPEKTE Festival «Conductor in Residence» im Dienste der Kompositionen von Sofia Gubaidulina und Kaaja Saariaho. In Rouen leitet er in diesem Sommer Sinfoniekonzerte mit Werken von Debussy, Ravel und Fauré. Ab September 2010 startet der österreichische Dirigent in Rouen einen dreijährigen Beethovenzyklus, den er Gustav Klimt widmet. Dort wird er auch die Neuproduktiˇ eks Jenufa leiten. on von Janac

Giacinto Scelsi

[*1905 †1988]

stammt aus einer wohlhabenden italienischen Adelsfamilie. Er studierte privat Harmonielehre und Komposition bei Giacinto Sallustio in Rom, bei Egon Kohler in Genf und Walther Klein in Wien. Bis 1950 unternahm er zahlreiche Reisen nach Afrika und Fernost, lebte lange Zeit in Paris, London und in der Schweiz. In den 40er Jahren geriet Scelsi in eine gesundheitliche und persönliche Krise, zu deren Bewältigung ihm die intensive Beschäftigung mit dem spirituellen Gedankengut außereuropäischer Kulturen half. Unter diesem Einfluss begann er mit der Ausformulierung seines eigenen musikalischen Idioms. Scelsi sah sich nicht als Tonsetzer, sondern als Medium, als Mittler zwischen verschiedenen Welten.


Dem entsprach seine Arbeitstechnik: Seine selbst auf Tonband eingespielten Improvisationen ließ er von Kopisten transkribieren; die so entstandenen Partituren wurden dann nach seinen Anweisungen bearbeitet. Zentral für Scelsis reifen musikalischen Stil ist die Konzentration auf einen einzelnen Ton bzw. Klang, in dessen Innenleben er auslotete und kompositorisch formte. Scelsis Musik und musikalisches Konzept hat nachhaltigen Einfluss vor allem auf die sogenannten Spektralisten ausgeübt, auf Komponisten wie Tristan Murail, Michael Levinas und Gérard Grisey.

Arnold Schönberg

[*1874 †1951]

Bis zu seiner Emigration aus Europa nach Amerika lebte Arnold Schönberg abwechselnd in Wien und Berlin. Dort arbeitete er als Kompositionslehrer am Sternschen Konservatorium bzw. leitete eine Meisterklasse für Komposition an der Preussischen Akademie der Künste. 1919 gründete er in Wien den «Verein für musikalische Privataufführungen», der zu einem Zentrum der 2. Wiener Schule und ihrer Vertreter wurde. 1933 emigrierte er in die USA, ließ sich in Los Angeles nieder und war von 1934 bis 1944 Professor an der University of California. Arnold Schönberg gilt als einer der Schöpfer der Neuen Musik. Im Wesentlichen Autodidakt; begann Schönberg um 1890, von seinem späteren Schwager Alexander von Zemlinsky stark beeinflusst, in spätromantischer Tradition zu komponieren, entwickelte aber dann seinen eigenen mu­ sikalischen Stil. Vom der Tradition der DurMoll-tonalen Musik löste er sich unter anderem mit seinen George-Liedern [1909] oder

den 3 Klavierstücken [1911]. Eine Neuordnung des Tonmaterials erreichte er mit den 5 Klavierstücken op. 23, dem Bläserquintett op. 26 und der Suite op. 29. Schönberg begründete [neben Josef Maria Hauer] die Zwölftonmusik, das heißt die Methode der Komposition mit 12 nur aufeinander bezogenen Tönen. Schönberg hatte nachhaltige Wirkung auf die Entwicklung der zeitgenössischen Musik in Europa nach dem 2. Weltkrieg, insbesondere wurde das Prinzip der seriellen Komposition von seiner Musik ausgehend entwickelt. Schönberg war auch Maler und hat ein bildnerisches Oeuvre von etwa 70 Werken hinterlassen. Berühmt geworden ist der Briefwechsel, den er mit Wassiliy Kandinsky über Kunst, die Musik und die Verbindung von Musik und Malerei führte. 1998 übernahm die Stadt Wien den Schönberg-Nachlass von seinen Erben und eröffnete ein Arnold-Schönberg-Center.

Erwin Stache

[*1960]

studierte Physik und Mathematik in Leipzig, daneben erhielt er Klavier- und Orgelunterricht. Sein erstes elektronisches Musikinstrument baute er bereits mit 15 Jahren und einen eigenständigen Synthesizer mit 16 Jahren. Seit 1985 arbeitet er freiberuflich als Musiker, Instrumenten- und Klangobjektbauer, Komponist und Erfinder in Beucha bei Leipzig, wo er auch zeitweise die Kirchenorgel traktierte. Erwin Stache ist als Konstrukteur ungewöhnlicher Musikinstrumente, Klangobjekte und Apparate gefragt, er gestaltet Klangräume ebenso wie er in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen deren Neugier auf ungewöhnliche Klänge und das Klangbasteln weckt. Im

Jahr 2000 stellte er verschiedene Klang-Installationen zur EXPO in Hannover aus. Seine Kreativität beim Komponieren und auf der Bühne bescherten ihm den ersten Preis bei Musik Kreativ 1993 in Frankfurt am Main und 2001 den Gellert-Preis in Delitzsch sowie Einladungen zu Festivals, u.a. nach Donau­ eschingen, München, Leipzig und Witten.

nur einiges zu nennen. Von Anfang an bis heute ist seinem Werk eine Bestimmung als geistliche Musik zu eigen, die nicht nur in Kompositionen mit geistlichen Texten, sondern auch in anderen Werken über Intuitive Musik, Mantrische Musik bis zur Kosmischen Musik in Aus den sieben Tagen, Sternklang, Inori, Sirius, Licht immer deutlicher wird.

Karlheinz Stockhausen

Enrico Stolzenburg

[*1928 †2007]

gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Studium in Köln an der Staatlichen Hochschule für Musik besuchte er die legendären Kompositionskurse bei Olivier Messiaen in Paris und nahm an den Experimenten der Gruppe Musique concrète des Französischen Rundfunks teil. Ab 1953 war er ständiger Mitarbeiter im ebenfalls legendären Studio für Elektronische Musik des WDR Köln und von 1963–77 dessen künstlerischer Leiter. In den Jahren 1953–74 wirkte er als Dozent bei den jährlichen Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt. Stockhausen war Mitherausgeber der Schriften über serielle Musik die Reihe [UE Wien] und lehrte Komposition an der Hochschule für Musik in Köln von 1971–77. Bereits seine ersten Kompositionen wie Kreuzspiel [1951], Spiel für Orchester [1952] und Kontra-Punkte [1952/53] brachten ihm internationale Anerkennung. Wesentliche Errungenschaften der Musik nach 1950 sind durch seine Kompositionen modellhaft geprägt worden, wie z. B. die Seriellen Musik, die Elektronische Musik, die Live-Elektronische Musik, die Raummusik, die Synthesen von Musik und Sprache, die Formel-Komposition, um

[*1973]

studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Nach Engagements am Deutschen Nationaltheater Weimar, am Stadttheater Bern und an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin leitete er beim Festival d’Avignon 2004 die französische Erstaufführungsreihe «Auteurs contemporains». Seither ist er als Regisseur an viele verschiedene Theater geholt und zu renommierten Festivals eingeladen worden, so zum Beispiel an das Théâtre National de Strasbourg, an die Berliner Schaubühne, an das Thalia Theater in Hamburg, zum 6. Festival Internationale Neue Dramatik oder zum Miryang Summer Performing Arts Festival in Südkorea. Im Sommer 2006 begann seine Zusammenarbeit mit dem Schweizer Komponisten Daniel Ott. Mit ihm verwirklichte er seither die Uraufführung verschiedener Stücke wie hafenbecken I & II im Rheinhafen von Basel, die Landschaftskomposition landschaft. 29/7 bei den 62. Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker und Blick Richtung Süden bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Seine japanische Erstaufführung von Gianina Carbunarius Kebab, die im Sommer 2009 in Osaka entstand, wurde vom japanischen Kultusministerium


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prämiert und wird im Frühjahr 2011 in Deutschland zu sehen sein. Zurzeit arbeitet er für das Theater Magdeburg.

Diego Uzal

[*1969]

hat zunächst Klarinette am Konservatorium in Buenos Aires studiert, sich anschließend vorwiegend mit Philosophie und Soziologie beschäftigt. Für seine kompositorische Arbeit ist die Kooperation mit einzelnen Instrumentalisten wie mit verschiedenen Ensembles grundlegend.

Graham F. Valentine gebürtiger Schotte, spricht und singt seit vielen Jahren auf europäischen Bühnen. In diesem Sommer wirkte er bei Papperlapapp im Festival d’Avignon mit, einem Projekt von Christoph Marthaler, mit dem ihn ein jahrzehntelanges Arbeitsverhältnis verbindet [Die schöne Müllerin, Stunde Null, Pariser Leben usw.], sowie mit Anna Viebrock, mit der er auch verschiedene Opern und Theaterprojekte uraufgeführt hat [i-Opal; Arbeit Nahrung Wohnung usw]. In diesem Herbst arbeitet er wieder mit Marthaler in Basel und im nächsten Frühling wird er Pangloss in Vincent Boussards Inszenierung von Bernsteins Candide an der Deutschen Oper spielen. Mit Hille Perl und Lee Santana war er als Sprecher in den Hengelbrockschen Aufführungen von King Arthur und Metamorphosen der Melancholie unterwegs. Dies ist ihre zweite Zusammenarbeit für das Musikfest Bremen.

Iannis Xenakis

[*1922 †2001]

gleichermaßen Komponist und Architekt, begann im Herbst 1940, kurz bevor die Italiener in Griechenland einmarschierten, sein Studium als Bauingenieur. Ende 1941 schloss er sich dem Widerstand der Nationalen Befreiungsfront EAM gegen die deutsche Besatzung an. Als Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt, tauchte Xenakis unter und emigrierte nach Paris. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er von 1948 bis 1960 im Atelier von Le Corbusier zunächst als Ingenieur und später auch als Architekt. Anfang der 50er Jahre besuchte er Olivier Messiaens Analysekurse am Pariser Konservatorium. Von Hermann Scherchen wurde er Mitte der 50er Jahre wiederholt in das Experimentalstudio nach Gravesano [Tessin] eingeladen. Dort entstand die Grundlage zu seinem Buch Formalized Music. Ausgehend von der Beob­ achtung zufälliger (oder stochastischer) Phänomene entwickelte er das Konzept einer stochastischen Musik. Auch mathematische Verfahren und Erkenntnisse der Spieltheorie, Mengenlehre und der Zahlentheorie wurden für seine Kompositionen bedeutsam. Xenakis gründete das CEMAMu [Centre d’Etudes de Mathematiques et Automatiques Musicales]. Ausgehend von dem ersten Prototypen einer für und von der Musik konzipierten Architektur, dem Philips Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel 1958, hat Xenakis in vielen Werken und Projekten Architektur, Raum, Musik und Licht zu einer Synthese gebracht.

Angela Zimmermann

[*1961]

studierte von 1984 bis 1988 Bühnen- und Kostümbild am Mozarteum in Salzburg. Nach ihrem Studium war sie bis 1990 Ausstattungs­ assistentin am Residenztheater in München. In dieser Zeit entstanden ihre ersten eigenständigen Arbeiten. Von 1990 bis 1992 absolvierte sie eine Ausstattungsassistenz am Theater Basel. Dort arbeitete sie unter anderem zusammen mit Anna Viebrock und Achim Freyer. Seit 1992 arbeitet sie als freischaffende Bühnen- und Kostümbildnerin in Dresden.

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Impressum Netzwerk Neue Musik e.V. Leibnizstraße 80 10625 Berlin Fon +49 (0)30 310 18 08–0 Fax +49 (0)30 310 18 08–18 mail@netzwerkneuemusik.de www.sounding-D.net www.netzwerkneuemusik.de Redaktion: Barbara Barthelmes Druck Das Druckteam, Berlin

Gestaltung Novamondo Design, Berlin Redaktionsschluss 15. August 2010

Bildnachweis: Folgende Fotos hat Wolf-Dieter Gericke im Juni 2010 in Eisenach aufgenommen: Hauptbahnhof Eisenach S. 12 — Georgenkirche Titelbild und S. 24, 25 — Georgenkirche Orgel, S. 18 — Rokokosaal im Stadtschloss S. 28, 29 — Festsaal der Wartburg und Wartburg Palas Hofseite S. 36, 37 — Wandelhalle S. 42, 43 — Landestheater S. 50, 51 — Stockhausen (Stadt Eisenach) Klappe Innenseite © Netzwerk Neue Musik e. V. Für die anderen Abbildungen: Foto: akg images S. 20, 32, 40 — Württembergische Landesbibliothek S. 27 — Foto akg images/Erich Lessing S. 35 — Foto akg images/North Wind Picture Archives S. 46 — Benedict Mason S. 54, 55. Textnachweise: Die Zitate auf den Seiten S. 10, 11. 15 und 45 sind aus: Novalis (Friedrich von Hardenberg), »Heinrich von Ofterdingen«, in: Das dichterische Werk, Tagebücher und Briefe Bd 1, hrsg. von Richard Samuel, München 1978, S. 250/251, S. 255/256, S. 257 und S. 341.


sounding D » Netzwerk Neue Musik Künstlerische Leitung Bojan Budisavljevi´ c Geschäftsführung Florian Bolenius Programm Redaktion Barbara Barthelmes Organisation Tim Leik — Katrin Wendel Kommunikation Sandra Schwarzer — Harald Wiester — Fabian Siekermann — Kathrin Rusch Kuratorium Beat Furrer — Matthias Henke — Renate Liesmann-Baum — Christian Scheib Kulturstiftung des Bundes Hortensia Völckers — Alexander Farenholtz — Kirsten Haß — Lutz Nitsche — Ferdinand von SaintAndré — Friederike Tappe-Hornbostel — Tinatin Eppmann — Julia Mai — Diana Keppler — Chris­toph Sauerbrey Verein Birgit Gotzes — Holger Noltze — Bernhard Wambach Organisation marqueur Jesco Huber — Juliane Gehrke — Isabel Pereira — Juliane Böhm — Noema Suchant — Robert Maaß — Gunnar Sohn Novamondo Design Christian Schlimok — Bastian von Lehsten — Julia Fuchs — Sina Schwarz — Tatjana Egorow Fotografie Wolf-Dieter Gericke — Astrid Karger — Sven Gottschall Presse sbca Sally Below — Thomas Deittert nmzMedia Theo Geißler — Katharina Herkommer — Jörg Lohner — Barbara Haack Deutschlandradio Angelika LefersEggers — Rainer Pöllmann — Frank Kämpfer — Marcus Gammel » im Zug Klangkunst Komposition Robin Minard Produktionsleitung Ludger Hennig soundmap Dirk Koritnik Ausstattung Bauhaus TransferzentrumDesign Gregor Sauer — Hörabteile Matthias Gommel Zugteam Harms Achtergarde — Martin Bellardi — Daniel Schulz — Matthias Gommel — Constantin Popp — Björn Lindig — Christian Helm — Anja Erdmann — Patrick Beyer — Thomas Krüger — Tim Hellbig — Chelsea Leventhal FraunhoferInstitut für Digitale Medientechnologie Ilmenau Sandra Brix SVG ClausJürgen Hauf — Roland Meier Lokführer Christoph Wastian DB Station & Service Ursula Zimmermann — Nadine Fernow

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