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Zeitschrift für Literatur und Ähnliches. 5. Ausgabe, März 2015

SACHEN MIT WœRTERN Strom


Aber ich stürze von Bergen hernieder, / Wo mich der Regen des Himmels gekühlt, / Tränke erbarmend die lechzenden Brüder, / Daß sich ihr brennendes Bette erfüllt. (Der Nil // Karoline von Günderrode)

Was schläfst und träumst du, Jüngling, ge- hüllt in dich, / Und säumst am kalten Ufer, Geduldiger, / Und achtest nicht des Ursprungs, du, des / Ozeans Sohn, des Titanenfreundes! (Der gefesselte Strom // Friedrich Hölderlin)

So we beat on, boats k rne bac against the current, bost. (F. Scott ceaselessly into the pa tsby) Fitzgerald // The Great Ga

riverrun, past Eve and Adam’s, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodius vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs. [...] That’s a good old son of a ditch! (Finnegan’s Wake // James Joyce)


Sachen mit WĹ“rtern Strom


herbeigeströmt

Liebe Leserinnen und Leser, Literatur hat viele Aggregatzustände, tritt in vielen verschiedenen Formen, Gattungen, Genres auf. Zum Teil zeichnet sie sich gerade durch die Flexibilität aus, mit der sie innerhalb eines Textes zwischen diesen „Zuständen“ wechselt. Das Wort „Strom“ wird dieser Wandelbarkeit gerecht, erinnert es doch nicht nur an Flüsse, sondern auch an Luftströme oder an Massen von Festkörpern wie Menschen oder Fahrzeugen. Gleichzeitig laufen in der Assoziation einer Kraft, die in eine bestimmte Richtung drängt, Natur und Technik zusammen – es ist kein Zufall, dass die Bezeichnung mächtiger gen Meer fließender Wassermassen in der Alltagssprache auch als Synonym für Elektrizität Anwendung findet, eine Konvergenz (laut Duden: das Zusammentreffen von verschiedenen Strömungen des Meerwassers), die sich im Laufwasserkraftwerk vollendet. Sieht man in Kultur, Kunst, Literatur auch eine Möglichkeit, konventionelle Dichotomien zu überschreiten und dabei überraschende Hybride hervorzubringen, ist es auch wenig verwunderlich, die Strom-Metapher ebenfalls in der Sprache über Literatur zu finden, wo sie unter dem Begriff des Stream of Consciousness oder Bewusstseinsstroms bekannt ist. Damit wird Strom also auch zu einem Formmerkmal von Texten. Dass die Übergänge von Inhalt und Form wiederum fließend sind, zeigt sich nicht zuletzt in den vielfältigen und einfallsreichen Ausdeutungen des Titelbegriffs in dieser Ausgabe. Allen, die uns mit ihren Beiträgen in Spannung versetzt und das Projekt in Fluss gebracht haben, möchten wir an dieser Stelle herzlich danken! Die Redaktion

Das Thema der nächsten Ausgabe ist „Kern“! Schickt uns eure Beiträge bis zum 30.06.2015 an sachenmitwoertern@mail.de. Ihr findet uns auch unter fb.com/sachenmitwoertern, auf sachenmitwoertern.wordpress.com sowie als Online-Ausgabe unter issuu.com/sachenmitwoertern. 4


Inhaltsverzeichnis

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Vom Fließ- zum Stromtext. Kolumne von Theresa Lienau und Grafik von Leslie Büttel

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Unter Strom // Clemens Franke

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Poeto-narratives Hinterbühnenjournal (Auszug) // Alexander Graeff

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Jahrhundertlicht // Ron Winkler

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Goldener Strom // Miriam Zeh

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Das Sterbezimmer // Robert Klages

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EINST WIRD DAS STRAHLEN DIESER LATERNE // Mischa Mangel

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DER EWIG TROPFENDE WASSERHAHN IM IRRSINN DES ZUFALLS // Jannis Poptrandov

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Die Regierung will nicht, daß wir weiter rauchen // Michael Arenz

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sturzbächern // Simone Scharbert

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Untitled. Eine Fotografie von Ella Rynski

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Gedicht ohne uns // Clemens Schittko

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Stromausfall // Juliana Kálnay

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habe das Internet gehört // Fiona Sironic

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Bete, Lemming, bete! // Jonis Hartmann

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The internet is like a permanent acid trip. Ein Interview mit Chloe Zeegen

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am fluss // Alke Stachler

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Stadt, Rand, Fluss // Lutz Steinbrück

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PHARISÄER // Carola Weider

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luft lautlos blau // Andreas B. Vornehm

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Messerfische // Mikael Vogel

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2 x 100 Wörter zum Thema

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Einflüsse: Vom FließInspirationsquellen der Au Kolumne: Theresa Lienau Grafik: Leslie Büttel

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Vo rne hm

Andrea s B.

Stachler Alke

Ma rqu Ch de is d arle G e dic hte eS sB ad e u k o w s k i Lu H tz en Se r i B iler erg son r ke Em öc ily a yr Di M c ki ike n s o Fr i e d e r Fr an An n z K dre a s A lt m a n n afk a Br ief Gin e & To nic Ge Tag e org bü e P cher ere c ar Fe lici rtáz Astrid aZ J u li o C o Lin e ll e her und Filme dgren S ar r r Büc , in ah K de de ane g be ne i e nn Fré d éric B jap ichts an p a isc ssie he r Ly r t ik ek M ärc h n sch e t drat h c C hristia n Kra on fW Wol r se Zürn u a F J örg ica Un e Go qu ttf Erich r a ri e d B M a ria Re m W enn ill S i elf am Ha r u ki M urak Da vid Mi tc h el T. C. Geo l Bo r g e S a u n d e r s y le Da vid ale Fost nsd er Wallace La . R Don D e L ill o J oe Ro be t

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Nichts ist einfach da. Spätestens seit Heraklit wissen wir, dass niemand seinen großen Zeh zweimal in den gleichen Fluss tunken wird, und auch sonst machen wir es uns mit unserer fixen Vorstellung von dem, was wir um uns herum sehen und so gut zu kennen glauben, ein bisschen zu einfach. Wir tun uns schwer mit einem solchen dynamischen, ganzheitlichen Weltbild, wir sind geneigt zu fragen: Wohin fließen wir denn? Was wollen wir werden? Wir verbinden Strömungen mit Macht, der Strom ist der Mainstream, und wer etwas auf sich hält, sollte bitte gegen ihn schwimmen. Aber wenn alles fließt, kann man nicht einfach dagegenfließen ‒ wer nicht fließt, steht still. Nun gibt es in unserem metaphorischen Verständnis natürlich Unterschiede zwischen „fließen“ und „strömen“ ‒ das eine geschieht ruhig und gleichmäßig, das andere schwungvoll und reißend. Auch wurde der elektrische Strom aus gutem Grund nicht „Fluss“ genannt ‒ das Wort „Strom“ verbinden wir mit großen Mengen an Wasser, wir bezeichnen damit Flüsse, die wir als spannungsgeladen und kraftvoll erleben. Sagen wir wiederum, ein Text liest sich flüssig, so spielen wir damit vor allem auf seine Verständlichkeit an. Ist der Lesefluss ungestört, so lesen wir gleichmäßig und rasch, wir werden durch


zum Stromtext utorInnen dieser Ausgabe Jannis P opt ran do v

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*Was die Autoren und Autorinnen dieser Ausgabe in literarischer Hinsicht verändert hat, könnt ihr der Grafik unten entnehmen.

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den Text geführt, ohne hängen zu bleiben. Die Gefahr an solchen Texten ist jedoch, dass sie uns durch die Finger rinnen: Wir gehen sauber aus ihnen heraus. Die Texte, die uns verändern,* sind doch aber vielmehr jene, bei denen uns nachher die Sandkörner in der Badehose piksen, die uns durchrütteln und genau das sichtbar machen, was uns sonst so wenig greifbar scheint: Mein Wesen ist Veränderung. Gerade in der Kunst merken wir doch, inwiefern im Fließen oder Strömen ‒ weniger metaphorisch gesprochen: im Wandel ‒ ein eigener Wert liegt, unabhängig von jedem Fortschrittsdenken. Die Kunst zeigt uns, dass wir ab und zu nicht am Strom sparen, sondern uns von ihm mitreißen lassen, unter ihm stehen, mit und gegen ihn schwimmen (in Stromlinien und Stromkreisen, besonders aber in Stromschnellen) ‒ uns den Stromschlägen hingeben sollten. Um auf Heraklit zurückzukommen: In der Literatur wie im restlichen Leben erscheint es mir wünschenswert, wenn wir sagen könnten: Alles strömt.

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Clemens Franke

Unter Strom Waldmann war eine merkwürdige Laune der Natur. Seiner zeitweise schwer zu unterdrückenden Unruhe ließ sich nur beikommen durch ausgiebiges Gehen – am Morgen, am Abend, bei Tag und in der Nacht. Oft lief er, einer inneren Regung folgend, einfach los, bis hinter die Stadtgrenze, ignorierte Wege und Straßen und orientierte sich an den Gegebenheiten des Geländes. Jetzt im Sommer beherrschten die Grillen das Land. Je länger sich die Wärme des Tages hielt, bis weit nach Sonnenuntergang, desto lauter gaben sie ihr Signal von sich, als hätte man kleine, schnarrende Trafokästen in den Feldern versenkt. Waldmann lief der Schweiß. Seine dunklen Blicke ertasteten die Umgebung. Er stand auf der langen Brücke, welche die Autobahn überspannte, und sah hinab, auf die nie endenden Lichterketten, die unter seinen Füßen hindurchzogen – eine Kolonne funkelnder Kastenaugen in zähflüssigem Rot. Aus der entgegenkommenden Richtung blendete ihn das gleißende Licht der Halogenstrahler. Er bewegte sich, so gut es ging, kreuz & quer, überkletterte Zäune, lief über Felder und Baubrachen. Er stromerte. Er passierte Baumärkte, Fast-Food-Ketten und Tankstellen, die ihren grellen Schein in die Nacht warfen wie riesige Kühlschränke. Irgendwo am Horizont blinkten Kühltürme. Im Schein der Signallichter zogen weiße Schwaden in den Nachthimmel. Lautlos, im Inneren des Reaktors, gaben die Brennstäbe ihre Ionenladung ab, hoben und senkten sich die Neutronenfänger, wurden Spaltprodukte erzeugt und die Turbinen zum Drehen gebracht. Das Wasser im Abklingbecken schimmerte karibikblau. Waldmann lief, überkletterte Leitplanken und Schlagbäume, rutschte in nasse Gräben und robbte voran. Wichtig war, dass er seinen Herzschlag spürte und die Welt sich weiterdrehte. Im Morgengrauen erreichte er einen Bahnhof. Die ersten Berufspendler warteten zusammen mit ihren Zigaretten und Kaffeebechern. Waldmann schloss sich ihnen an und fuhr zurück. Die Bahn füllte sich, Gesprächsfetzen mischten sich in seine Gedanken. Er spürte die näherkommende Stadt, ihren surrenden Grundton. Eine Gruppe betrunkener Ausländerinnen streifte seinen Weg auf einer der noch morgenleeren Straßen. Ihr Lachen in Waldmanns Ohren, als zerspränge feines Spiegelglas. Eine Haustür stand offen. Er ging, einer Ahnung folgend, die Treppen hinauf, fand eine angelehnte Tür, dahinter eine fremde Katze. Ihr schwarzes Fell knisterte beim Drüberstreichen, schlug winzige Funken, die im Halbdunkel zu sehen waren. Waldmann fuhr zusammen und erschrak ob der unerwarteten Reizung an seinen Händen. Das Tier blickte ihn an, warf sich auf den Boden und rollte sich ein. Waldmann legte sich daneben und fiel endlich in tiefen Schlaf.

Clemens Franke (*1979) – „Stadtrand forever“. Geboren & aufgewachsen ebenda, am Rand der Stadt Berlin. Wechselt beständig zwischen Zentrum und Peripherie, meist mit frischem Hemd. 9


Alexander Graeff Poeto-narratives Hinterbühnenjournal - Auszug Es ist Freitagabend. Heute Abend befinde ich mich in einem eigenartigen Zustand. Was war ich von Platons Urbildern fasziniert! Antike Selbsttäuschung, Ideenlehren, die heute noch kursieren. Ich wollte Praktikum beim Fernsehen machen. Bescheidene Schuldigkeiten tun. Einfach eine Zigarette rauchen und wenigstens einmal meine Rolle verlassen. Statt Werbung zu machen (Odol, Dion Fortune, SPD), baue ich eigenartige Städte, Figuren, dünne Diener, fette Säcke. Das Urbild der Stadt: Ein virengeschwängerter Raum. Kranke auf Plastikstühlen, ein Kraken kann nicht von den Eltern lernen. Später: Ich, im Hinterhof, auf den Knien. Ich zähle Nüsse: 2, 4, 6, 8, 10, 12, 14, 16, 18, 20, 21, 22.

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Wir sind hölzerne, oben offene Schalen. Wir treiben im Wasser und können nicht unter gehen. Dann der kurze Moment des In-sichselbst-Einfließens: Geburt. Ich bin nicht allein. * Heute Morgen (Samstag) fand ich im Treppenhaus eine Büroklammer. Später ging ich schlafen, aber ich wachte auch wieder auf und betrachtete dann die Büroklammer sehr lange. Abends bog ich mir aus der Klammer einen Haken. Den Haken schenkte ich meinem Freund Birger. Birger ist Gärtner. Er trägt sein langes Haar offen, eine Sonnenbrille und das türkisfarbene T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin“. * Zyklisch, war meine Liebe reine Selbstüberschätzung. Sonntags war ich mit einer Laterne unterwegs, auf der Suche nach Durchleuchtung. Ich (er-)fand Ella.

Kleine helle Sterne, mit Klebstoff befestigte Objekte aus Pappe an einem zweidimensionalen Schirm, aus Pappe. Die Dinger riechen gut.

Wir gingen Kaffee trinken, irgendwo in Steglitz. Gastmahl mit Marmelade und Kuchen, Tütenzucker, Apfelessig, Büchsenkäse.

Hinter der Stahltür meiner Gedanken vermute ich befreiendes Wasser. An diesem Ort warten Menschen, die im Wasser leben: Wassermenschen.

Der Verstand, der nur in Worten keimt, ein Lebensmensch, der sich nicht wandelt: so olympisch.

Doch ein faschistischer Riese versperrt mir den Weg. Ich kann nicht hindurch, kann nicht schwimmen gehen.

Und paritätisch verschmolzen wir zu einem Dual.

Dann sah ich eine Leiter.


„Welches deiner philosophischen Bücher erinnerst du eigentlich fehlerfrei?“

Sein Schreiben, eine Wartehalle. Worte on the road.

Am Ende des Tages das Zitat der Nacht: „Du bist ein ganz toller Mensch!“

Heute ist man ja zu Flexibilität gezwungen, alles muss man aufnotieren.

Ein Mensch der Tat, ein Mensch der Wiese. Die Böcke stehen Schlange.

Immer auf der Suche nach den heißesten Schnäppchen.

Ich bin fixiert. Auf Sex, auf Saft, auf Alkohol. Einsames Kind.

Immer auf der Suche nach dem eigenen Leben, das man ja schon lebt.

„Ich“, wiederholte sie. Einsames Kind.

Warum beschleunigen wir nicht unsre Worte? Verdichten die Metaphern?

Als ich sechzehn war, zog ich in den Keller. Das ist der Grund meiner Selbstverstümmelung. Das ist der Grund jeder Selbstverstümmelung. Ihre Worte hatten Hochsinn. Sie fertigte mich ab. Ficken nennt man das. Endlich sprach sie meinen Dialekt. * Geleckt vom Engagement, hatte ich richtig subversive Gedanken: Immerzu ein Nein! im Kopf, zu selten auf den Lippen. Das Problem der Poesie ist, dass sie bloß sprachsächlich begriffen wird. Sie muss aber tatsächlich werden! Zu diesem Zweck erfand ich schließlich Viktor Berger. Poetischer Gedankenmacher. Sein Herz, das eines Computers, programmiert auf Lebensglück. Siehe Leben, siehe Glück.

Unter meinem Computer liegt Dostojewskis Schuld und Sühne. Auf einem Baumstumpf schläft ein Berliner Pelikan in der Mittagssonne. Zurück ins Jetzt. Zurück am Freitag. Ich war im Schwimmbad, das ich aber wieder verließ. Und dann sah ich den Maiskolbenmann. Das ist ein dicker Mann, ein außerordentlich dicker Dickwanst, dieser Mann. Und er sitzt im Rollstuhl. Und er knabbert einen Maiskolben. Die Passanten gingen bloß vorbei und schüttelten den Kopf – nicht zu heftig, wegen der anderen Passanten. * Mein Schreiben ist ein Möwenflug. Immerzu (selbst-)vergewissere ich mich durch die großen Texte, die noch nicht geschrieben wurden. Eine kalte Bescheinigung meiner Früchte.

Alexander Graeff (*1976), Schriftsteller und Philosoph. Seine belletristischen Texte sind surreal. Er scheut sich nicht vor Literaturmischformen, Text-Bild-Transformationen und transdisziplinärem Arbeiten. Bisweilen gönnt er sich Ausflüge in Musik und Kunst. So sind bisher zahlreiche Kooperationen mit bildenden Künstlern, Illustratoren und Musikern entstanden.

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Ron Winkler

Jahrhundertlicht Seit 1901 brennt in einer Feuerwache im kalifornischen Livermore eine Glühbirne ohne Unterlass.

ein alter Held, ich nenne ihn zum Spaß Methusalem der Helle und schaue auf, mein Mund kommt meiner Neugier nahe, wie aufgeschraubt die Augen, speichern denn die Wände nicht ein bisschen all das Licht? so fragt mein Kind, ich sage nein, das tun sie nicht, aber du könntest das machen – Lachen, die Gruppe der Besucher steht wie ein Wurf Pilze in einem Hexenring kurz vor der Ernte, gebannt vom Bernsteinlicht des kleinen Gottbovistes über ihnen.

Ron Winkler, geboren 1973, lebt in Berlin. Seine aktuellen Einzeltitel sind der Gedichtband Prachtvolle Mitternacht (Schöffling & Co.) und die Kurznovellensammlung Torp. Neue Wimpern (Verlagshaus J. Frank). Von ihm herausgegeben erschien zuletzt Schneegedichte (Schöffling & Co.).

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Miriam Zeh

Goldener Strom I. Aus der Zeit, als ich zehn oder zwölf Jahre alt war, stammt eine starke Erinnerung an Menschen, die mir regelmäßig dabei zusahen, ohne dass ich mir jemals ein Bad mit ihnen geteilt hätte. Es waren die Mädchen von der Ponykoppel, mit denen ich oft ganze Tage im Freien verbrachte, die Herzviecher striegelte, ihre Weidgründe abäppelte und mir bei Kälte die Innenschenkel an ihrem blanken Winterfellrücken wärmte. Es war kein explizites Zusehen, kein bewusstes Stieren oder Vergleichen und es war uns auch nicht peinlich. Wir kicherten nicht, wenn wir uns hinter dem grünen Bauwagen zwischen die mädchenhohen Wiesenblacken gehockt hatten, aus den engen Reithosen geschält, und dieser goldene Strom, der langsam zwischen unseren Schenkeln hervorkroch, Ameisen oder Ohrenkneifer mit sich ins Ertrinken riss. Wir taten es nie im Stehen. Es erschien mir auch nicht sinnvoll, denn wenn man sich dicht über den Boden hockte, wärmte der Strom im Winter nicht nur von innen, sondern eine Zeitlang dabei auch von unten. Meist hockten wir nebeneinander und sahen schweigend zu, wie sich zwei Ströme beim Davonrinnen vereinigten, bevor sie langsam im festgetretenen Boden versanken. Geräuschlos war jede bei sich. Wir kicherten auf der Koppel überhaupt auch viel weniger als unter Jungen, und wenn sich Juttas Freundin im Sommer das Flanellhemd auszog, um im weißen Spitzen-BH eine Marlboro auf dem Plastikschemelchen zu rauchen, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, dann kam es uns vor wie die normalste Sache der Welt; ebenso wie wir uns regelmäßig die mächtig behaarten Vierbeiner zwischen die Beine klemmten und sie zwangen, unserem oder meistens vielleicht eher Juttas Willen artig Folge zu leisten, bis wir ihnen lobend den muskulösen Hals tätschelten. Jutta war unsere Reitlehrerin – eine kleine, kugelrunde Blondgelockte mit Kurzhaarfrisur und Kupferrose auf den Wangen, die streng, aber herzlich über ihr Ponyund Vulva-Imperium herrschte. „Nicht auf dem Spalt sitzen!“, schrie sie immer, wenn man während des Antrabens in der Reitstunde mit seinem Gewicht vornüber kippte. Ich weiß noch, wie ich bei dem Satz immer dachte, dass mein Spalt eher aussähe wie eine halbierte Papaya, aus der sich die ausladenden Flügel eines neugierigen Nachtfalterchens auffächerten. Bei der Unart des Spaltsitzens auf Ponywirbelsäulen war das jedoch nur noch schmerzhafter. 15


II. Der erste Mann, dem ich es zeigte, war Moritz. Ich hatte ihn ein Semester lang im Marx-Lesekreis beobachtet und mochte, wie er himmelblaue offene Hemden zu billigen Jeans trug. Von Marx verstanden wir eigentlich nichts, diskutierten aber oft über Gendernormen und Beziehungskonzeptionen. Meist war ich anderer Meinung als Moritz. Als er an jenem Abend auf unsere WG-Party kam, stand ich gerade in der kleinen, schlauchförmigen Küche und verteilte mit großer Geste benzinartigen selbst gebrannten Quittenschnaps, der seit Monaten in unserem Vorratsregal vor sich hin reifte. Moritz trank drei nacheinander, ohne mit der Wimper zu zucken – „Coole Party!“ – und ich war für den Rest der Nacht diesen billigen Hosen verfallen. Am Ende der Quittenschnapsflasche trafen wir uns vor dem Badezimmer. Er fragte mich, ob wir zusammen hineingehen wollten, und ohne lange nachzudenken, stimmte ich zu. In unserem Bad war die Toilette gleich neben der Tür; wäre man auf der Klobrille sitzend einmal ins Schwindeln geraten, man hätte sich den Kopf an der Türklinke aufschlagen können. Jenen einsamen, stillen Moment, in dem sich der goldene Strom in dem kalt-klaren Wasser verlor, teilte man an diesem Ort also, wenn auch vor Blicken geschützt wie von Wiesenblacken, mit dem Gläserklirren, Küchenkichern, Flurgeflüster der anderen Schnapsflaschenfürsprecher. Ich schob als Erste mein Kleid bis zum Ansatz meiner Oberschenkel und ließ den Slip zwischen die Fußknöchel gleiten. Ich saß aufrecht und hielt mit geradem Rücken die Knie zusammen, sodass sich mein Nachtfalterchen mit eng zusammenliegenden Flügeln Richtung Wasser vorstreckte. Moritz saß auf dem Badewannenrand, blickte in unsere Cremetöpfchensammlung und redete alibi über Thomas Mann. Er überhörte die Stille, verpasste den Moment mit seinem Palaver, und ohne uns anzusehen, tauschten wir – eine getrennte Spülung wurde gezogen – die Plätze. „Voll emanzipiert“, resümierte er, als ich danach auf der Waschmaschine saß und ihm beim Händewaschen zusah. Dabei hatte er, dachte ich dort ernüchtert, rein gar nichts verstanden. Als wir später auf dem Bett meiner Mitbewohnerin saßen, hatte ich keine Lust, ihn zu küssen.

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III. Vor einiger Zeit habe ich Tim kennengelernt. Tim sagt gern „Süße“ zu mir und bei unserem ersten Treffen kaufte er eine Flasche Wein, die so viel kostete, wie ich für den Rest des ganzen Monats noch hätte ausgeben können. Aber daran lag es nicht. Mit Männern wie Tim geht man trotz Bauchansatz und Basketballschuhen nach Hause, weil sie die Scham verloren haben vor dem Bauchansatz und vor den Basketballschuhen. Sie nehmen dich mit über die Grenze, an der dein Abgrund in peinlich kontrollierter Entfernung außer Sichtweite liegt. Die Sätze und Bilder unserer Nächte verschwimmen in mir, aber sind Sätze, für die ich bis dahin wenig Wörter hatte, und Bilder, die ich vor Tim nicht zu lange gewagt habe anzublicken. Wir sind viele Stunden ernst atemlos, keiner kichert. Im Morgengrauen sitzen wir uns in der Badewanne gegenüber; das heiße Wasser brennt auf meiner wunden Haut. Ich lege meine Oberschenkel auf seine Knie, sodass mein erschöpftes Falterchen seine Flügel weit aufspreizt und sich von Tim sacht den Rücken streicheln lässt. Wir sehen uns an und Tim sagt: „Zusammen?“ Ich denke, wie früher, so einfach, während ich meinen goldenen Strom noch kurz im Badewasser aufwirbeln, sich dann mit dem gegenüberliegenden vereinigen sehe, bevor sich die beiden in lauwarmer Trübe verlieren. Ich bin ganz bei mir und doch sind Tim und ich gemeinsam – geräuschlos.

Miriam Zeh (*1988 in Hamburg) studiert Musik, Germanistik und Philosophie. Nach Stationen in Paris und Saint Louis lebt sie mittlerweile wieder in Köln-Ehrenfeld.

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Robert Klages

Das Sterbezimmer Ich merke nicht, wann und wie sie hereinkommen oder woher sie kommen. Sie sitzen zusammengeklappt an den Wänden und am Mobiliar. Wenn ich sie anstupse, fallen sie zu Boden. Ich sammele sie auf einem Stuhl neben der Tür und lege sie morgens ins feuchte Gras im Vorgarten, wenn ich zur Arbeit fahre oder sonst wohin. Bei mir kann man gut sterben. Manchmal erwische ich welche, die noch leben. Ich puste sie leicht an, bis sie durchs Zimmer irren. Dann fange ich sie behutsam und lasse sie aus dem Fenster fliegen. Aber ich glaube, sie kommen wieder. Letztens starb einer des Nachts auf meiner Stirn. Ich bemerkte ihn erst, als ich darauf hingewiesen wurde. Inzwischen kommen sie in Schwärmen; ganze Ströme zu bestimmten Tageszeiten oder sobald ich das Fenster öffne. Sooft ich sie auch aufscheuche, irgendwo finden sie immer einen versteckten Winkel, in dem sie sterben können. Mittlerweile bin ich es müde und lasse sogar mein Fenster absichtlich geöffnet. Einmal pro Tag gehe ich herum und sammele sie auf, ziehe sie aus den Ecken oder kehre sie vom Boden. Ich glaube, ich werde meinen Ex-Freundinnen Briefkuverte voll mit Leichen schicken. Wie die das dann interpretieren, ist deren Problem. Ich geh ja zum Glück nie an mein Telefon. Und falls sie vorbeikommen sollten, können sie sich auch an die Wand oder ans Mobiliar hängen, um zu sterben. Wofür benötigt diese Welt Schmetterlinge? Wofür sind die überhaupt gut? Eines Tages werden sie ausgestorben sein. Dann werde ich eine Schippe brauchen.

Robert Klages, geboren 1984 in Westfalen, lebt in Berlin. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften in Düsseldorf, Córdoba und Berlin. Gründer, Mitveranstalter und Autor der Lesebühne Sprechstunde:Nebensatz in Kreuzberg. Texte und Termine gibt es unter robert-klages.de. 19


Mischa Mangel

EINST WIRD DAS STRAHLEN DIESER LATERNE metall gewesen sein. eine stange und fließbewegung die über das geländer der brücke wächst. die straßenbahn verglüht hinter der kurve. ihre fahrt glimmt in den augen weiter. das strahlen erstarrt und fällt schräg in den fluss. es bildet einen weg. es bricht in barren auseinander. und die oberfläche des wassers öffnet sich einer treppe die hinabregnet auf den grund. vorstellungen regen sich in jeder der niedrigen wellen vorstellungen von reihenhäusern mit kellern aus gold.

AN DIESEM ABEND SPRIESSEN DIE LATERNEN ein letztes mal aus dem trottoir (vor meinem fenster). das pflaster platzt. die masten strecken sich zum fenster hoch. und ein immer mehrstimmigeres rufen (summen) von elektrischem strom hebt an. langsam wächst (in blüten blättern) das glas der lampen (köpfe). ich wache einfach nicht mehr auf. ich betrachte das scheinen der laternen auf dem trottoir. und höre zu wie sie mich rufen

NOCH SCHNELLER können wir nicht atmen wir überhören fast den herz schlag jenes transparenten tiers das zwischen unseren körpern wächst. wir füttern es mit atem stößen. das tier passt sich unseren regungen an wie wasser überschwemmt uns – und während wir schlafen erscheint über unseren köpfen ein mund ein mund als hätten wir dem tier einen mund eingedrückt wie einen kuss –

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EINE SCHAR KLEINSTVÖGEL trage mich ab. mein kopf ist vom angeschautwerden jetzt ganz weiß und glänzt wie eine fotografie. seit wann gehe ich eigentlich hier, dass die abdrücke der pflastersteine in meinen sohlen sich in den beinen stapeln. ein stoß, ein einsturz. und wann schlüpfen kleinstvögel aus mir wie schweiß – glitzernde körper, transparent. die oberflächen zusammengesetzt, wellenbewegungen. atmung nicht vorhanden. die herzschläge : ein hageln von pflastersteinen gegen frontscheiben. angenehm die kontaktwärme der krallen beim überschreiten der haut als gäbe man sich die hand, immer wieder schnabelspitzen, accelerando ich kann nicht aufhören und kann nicht aufhören daran zu denken

Mischa Mangel, geboren 1986 in Herne, Studium Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim; derzeit ebenda und in Marseille Masterstudium Kulturvermittlung/ Médiation Culturelle de l’Art. Schreibt Lyrik, Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften wie Podium, poet, Freie Presse. Derzeit tätig als freier Lektor und Korrektor.

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Jannis Poptrandov

DER EWIG TROPFENDE WASSERHAHN IM IRRSINN DES ZUFALLS Auf der Glasscheibe an der Tür steht mit abblätternder Farbe: Jannis Poptrandov – Retter der Menschheit. Die schäbige Tür befindet sich am Ende eines schäbigen Gangs. Mein Büro, hier oben in der zwanzigsten Etage mit Blick auf den Alexanderplatz, ist noch etwa eine Stunde geöffnet. Kommen Sie ruhig rein, wenn Sie sich trauen. Aber nur, wenn Sie nicht aus reichem Elternhaus stammen. In der Bude ist es heiß, viel zu heiß, und nirgends eine Fliege, die ich erschlagen könnte. Der fünfzehnjährige Benny sitzt mir gegenüber und fragt, wie viel Taschengeld er heute bekommt. Er trägt einen neongrünen Kapuzenpullover, mindestens drei Nummern zu groß. Die Ärmel sind hochgekrempelt. Seine Brille sitzt schief und der kaputte Bügel wird von einem Pflaster gehalten. Ich starre auf seinen Unterarm. „Zeig mal“, sage ich. Vor einigen Tagen ritzte er sich den Namen seiner Ex in den Unterarm, sieben knallrote Buchstaben direkt aus der Hölle. „Und das da ist auch neu, oder?“, sage ich und deute auf eine Brandblase an seiner Hand. „Ich dachte, du hast mit dem Rauchen aufgehört.“ 23


„Die Kippe hab ich da nur so zum Spaß ausgedrückt“, sagt er. Benny kratzt an seiner Brandblase rum, sodass Eiter herausquillt. „Ich gehe zur Bundeswehr“, sagt er. Ich sage nichts. „Mein Bruder ist bei den Feldjägern. Der kann ein gutes Wort für mich einlegen. Die nehmen mich auf jeden Fall.“ „Was willste denn da? Leute erschießen?“ „Die Bundeswehr ist wichtig für Deutschland“, sagt er. „Die Bundeswehr verteidigt unser Land vor den Ausländern. Es leben sowieso schon viel zu viele Ausländer in Deutschland.“ Ich möchte den Computer anschmeißen, um Fotos von Kriegsinvaliden zu suchen, amputierte Beine, zerfetzte Gesichter, demolierte Seelen, kleine, unbedeutende Opfer im globalen Spiel der Giganten, aber ich lasse es bleiben. „Wo haste denn die Weisheit her, Amigo?“, sage ich. „Von meinem Bruder. Er hat mir Bücher gezeigt, aber die bekommst du nicht, die sind geheim.“ „Wenn du Glück hast, musst du nicht mehr lange warten.“ Benny blickt mich fragend an. Im Alter von zwei Jahren wurde er in eine Pflegefamilie gesteckt, weil seine Eltern das Kinderbett als Lagerfläche für Bier- und Wodka-Flaschen benutzten. „Uschi von der Leyen plant die Wehrpflicht ab siebzehn.“ „Wer ist denn Uschi?“, sagt er. „Deine zukünftige Chefin.“ Er zieht ein Buttermesser aus seiner Hose und legt das Messer vor mir auf den Tisch. 24


„Was ist daran so schlimm, dass in Deutschland so viele Ausländer leben?“, sage ich. „Na, die Kanaken, die sind alle frech.“ „Wer oder was sind denn Kanaken?“ „Türken, aber man kann auch Kümmeltürken sagen.“ „Aha.“ „Und Araber sind Achmeds und Kameltreiber.“ „Und was sind Vietnamesen?“, sage ich. „Fidschis.“ „Und Griechen?“ „Die Griechen, die riechen.“ „Und Polen?“ „Polackenärsche.“ „Und Italiener?“ „Spaghettifresser.“ – „Und Bulgaren?“ „Keine Ahnung.“ „Balkan-Esel“, sage ich. Ich öffne Bennys Akte, ein monströses Ungeheuer, vollgestopft mit Hilfsplänen, Entwicklungsberichten, psychologischen Gutachten, ein Leben als Spielball der Institutionen, pures Gold auf dem sozialen Markt des Wahnsinns. Während andere Kids in seinem Alter die Ballettaufführung ihrer Oma besuchen, gilt er als heiße Ware, als Person mit maximaler Profitgarantie. „Du bekommst fünf “, sage ich. „Was? Nur fünf!?“, sagt er. „Tut mir leid. Mehr gibt’s nicht. Du hast dein gesamtes Taschengeld für diesen Monat schon verballert.“ Und die Wohlfahrtsverbände, moderne Wirtschaftsunternehmen mit Juristen an der Spitze, strecken ihre gierigen Krallen nach Benny aus, die Kostenübernahme durch das Sozialamt ist reine Formsache und der Sachbearbeiter vom Krisendienst ist völlig überlastet oder krank oder im Urlaub oder demotiviert und der Praktikant vermittelt Hilfe, ohne den Fall genau zu prüfen, also landet Benny auf meinem Schreibtisch 25


und der ewig tropfende Wasserhahn im Irrsinn des Zufalls plätschert weiter munter vor sich hin. Ich hole das Scheinchen aus dem Safe und Benny krallt sich die Taschengeldliste. „Hier unterschreiben“, sage ich und tippe auf die aktuelle Spalte. Benny kritzelt seine Unterschrift drauf, stopft das Geld in seinen Kapuzenpullover. „Danke, Herr Poptrandov“, sagt er und schlurft zum Ausgang. Ich fische eine Zigarette aus meiner Schachtel und öffne das Fenster. Die Wolken am Himmel sind schwarz und dunkel und kündigen das Ende der Welt an. Ein Blitz kracht vom Himmel und trifft den Berliner Dom. Die Kuppel fängt augenblicklich Feuer. Kurz danach wird auch der Fernsehturm vom Blitz getroffen. Dieser ist so stark, dass das Wahrzeichen der Stadt zu Boden stürzt und die Weltzeituhr unter sich begräbt. Ich entfache meine Zigarette und dann folgt auch schon der nächste Blitz. Das Rote Rathaus hat nicht die geringste Chance. Ich beobachte einen Haufen Politiker, die aus dem zerstörten Gebäude rennen. Mit aufgeplatzten Gesichtern, ramponierten Schultern, zerquetschten Händen. Sie leiden Todesqualen und schreien um Hilfe. Ich schnipse die halb gerauchte Kippe in den Regen und schließe das Fenster.

Jannis Poptrandov, geb. 1974 in Berlin, hört Sibelius während er Gedichte schreibt, in voller Lautstärke, die Nachbarn beschweren sich, und er dreht die Anlage bis zum Maximum auf. Hat in Abwärts! die General-Zarkos-Saga über den dritten Weltkrieg veröffentlicht. 26


Michael Arenz

Die Regierung will nicht, daß wir weiter rauchen Mittlerweile dann doch jeder entferntesten Idee einer Heimat entfremdet, stehen wir, eine Zigarette und uns selbst verbrennend, mit sechzig irdischen Jahren begütert, vor einem Lokal, das uns überhaupt nicht gefällt, in das wir aber doch noch einmal einkehren, weil immer wieder Situationen kreiert werden, denen wir in den alten Kostümen unsere Aufwartung machen können, schon lange über den Berg, aber immer noch da und sichtbar in unseren Körperkonturen – ganz lebendig vielleicht in den Vorstellungen derer, denen wir früher einmal begegnet sind, als die Wirklichkeit sich über ihre Verwirrungsmächtigkeit noch Zugang zu unseren Überlegungen verschaffen konnte.

Michael Arenz, *1954 in Berlin, Lyriker. 2015 erschien Der aufrichtige Kapitalismus des Metallgorillas. Poeme mit Fotografien von Hansgert Lambers, ex pose verlag, Berlin.

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Simone Scharbert

sturzbächern gleiten nein reissen wir uns durch regen das krachen wässern im kopf ein vertränter blick trocknet uns aus wir aber strömend schüttelfrost brechend sind fieber verspult schreien nach halt sickern durch betten kein pegel zeigt uns die gebrochene flut

Simone Scharbert ist 1974 im bairischen Aichach geboren, hat über die Osterweiterung der EU promoviert und hat ein Faible für osteuropäische Literatur, lebt und arbeitet in der Nähe von Köln. Letzte Veröffentlichungen u. a. in entwürfe und Triëdere. Das Gedicht sturzbächern erschien in leicht geänderter Fassung bereits im November 2014 in Krautgarten Nr. 65.

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Ella Rynski


Ella Rynski Kontakt: ellamsinger@gmail.com Instagram: @ellamsinger Facebook: Werbung fb.com/instagramellamsinger Ende


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Clemens Schittko Gedicht ohne uns Die Kothe entspringt am Rand des Friedersdorfer Waldes und mündet bei Neusalza-Spremberg in die Spree. Die Seltenrein entspringt am Fuße des Bubenik und mündet in der Löbauer Gemarkung Tiefensee in das Löbauer Wasser. Das Rosenhainer Wasser mündet bei Kleinradmeritz in das Löbauer Wasser. Das Buchholzer Wasser mündet bei Wasserkretscham in das Löbauer Wasser. Das Kotitzer Wasser entspringt am Osthang des Richterberges und mündet am Eisenberg bei Guttau in das Löbauer Wasser. Das Alte Fließ mündet bei Lömischau in das Löbauer Wasser. Das Löbauer Wasser entsteht im Löbauer Ortsteil Ebersdorf im Liebesdörfel durch den Zusammenfluss des Großschweidnitzer Wassers und des Cunnersdorfer Wassers und mündet bei Guttau in die Spree. Der Schwarzgraben und die Raklitza fließen als rechte Nebenflüsse dem Weißen Schöps zu. Der Weiße Schöps entspringt im Norden des Großen Nonnenwalds und mündet bei Kringelsdorf in den Schwarzen Schöps. Der Schwarze Schöps entspringt in der Gemeinde Sohland am Rotstein und mündet bei Sprey in die Spree. Der Breite Graben mündet im südlichen Ortsteil von Mulkwitz in die Struga. Die Struga entspringt im Westen von Weißwasser und mündet nördlich des Dorfes Neustadt in die Spree. Die Lomschanke mündet in die Kleine Spree. Die Kleine Spree zweigt am Verteilerwehr zwischen Klix und Spreewiese vom Hauptlauf der Spree ab und mündet schließlich in Spreewitz wieder in die Spree. Die Tzuschka mündet in die Malxe. Die Gusnitza, aus der Gosdaer Heide kommend, mündet in die Malxe. Der Preschener Mühlbusch mündet in die Malxe. Der Preschener Quell mündet in die Malxe. Die Malxe entspringt am Fuß des Hohen Berges bei Döbern. Der Unterlauf der Malxe mündet im Spreewald in den Nordumfluter und damit in die Spree. 33


Das Kleine Fließ mündet in das Große Fließ. Das Eichenfließ mündet in das Große Fließ. Das Nordfließ mündet in das Große Fließ. Die Polenzoa mündet in das Große Fließ. Das Große Fließ entsteht östlich von Fehrow durch den Zusammenfluss der Malxe und des Hammergrabens und mündet zwischen Lübben und Lübbenau über den Burg-Lübbener Kanal in die Spree. Das Vetschauer Mühlenfließ entspringt in den Luckaitzer Bergen im Niederlausitzer Landrücken und mündet beim Kossateich bei Raddusch in den Südumfluter und damit in die Spree. Die Berste entspringt in mehreren Quellbächen am nordöstlichen Rand des Lausitzer Grenzwalls und mündet nördlich von Lübben in die Spree. Der Rote Nil beginnt am Übergang aus dem A-Graben Nord und mündet in den Umflutkanal, einen Seitenarm der Spree. Die Oelse entspringt dem Möschensee bei Groß Muckrow und mündet in Beeskow in die Spree. Das Lange Elsenfließ mündet in der Altstadt von Altlandsberg in das Neuenhagener Mühlenfließ. Die Zoche mündet in Dahlwitz-Hoppegarten in das Neuenhagener Mühlenfließ. Das Neuenhagener Mühlenfließ entspringt als Mühlenfließ nordöstlich von Berlin im Altlandsberger Ortsteil Wegendorf und mündet in Berlin-Köpenick in die Spree. Die Dahme entspringt südöstlich der gleichnamigen Kleinstadt Dahme und mündet in Berlin-Köpenick in die Spree. Die Wuhle entspringt auf der Grundmoränenhochfläche des Barnim bei Ahrensfelde, nahe der Stadtgrenze von Berlin, und mündet gegenüber von Spindlersfeld in die Spree. 34


Die Dranse entspringt im mittelalterlichen Waldgebiet Eichwerder und mündet in Zepernick in die Panke. Die Laake mündet in die Panke. Die Panke entspringt bei Bernau und mündet in Berlin in die Spree. Die Spree entspringt im Oberlausitzer Bergland nahe der Grenze zu Tschechien und mündet in Spandau in die Havel. Die Havel entspringt in der Mecklenburgischen Seenplatte im Diekenbruch bei Ankershagen und mündet bei Gnevsdorf an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen-Anhalt in die Elbe. Die Havel hat mindestens neun Nebenflüsse, und diese neun Nebenflüsse haben gewiss noch einmal so viele Zuflüsse. Doch dieses System ebenfalls zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Gedichtes sprengen.

Clemens Schittko, geboren 1978 in Berlin/ DDR. Ausgebildeter Gebäudereiniger und Verlagskaufmann. Arbeitete u. a. als Fensterputzer und Lektor. lauter niemand preis für politische lyrik 2010. Zuletzt erschienen: Und ginge es demokratisch zu (SuKuLTuR, Berlin 2011). Lebt in Berlin(-Friedrichshain).

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Juliana Kálnay

Stromausfall Alles ist ausgegangen. Der Herd mit dem noch rohen Hähnchen darin. Nebenan das blaue Leuchten und die blubbernde Aquariumpumpe, hier das Fernsehflimmern und überhaupt jedes Licht, das uns beruhigte. Mit den Händen auf unseren Bäuchen sitzen wir im Dunkeln, reden nicht, warten nur. Wir sehen nicht in unsere Gesichter, können es nicht, aber wissen voneinander, dass unsere Blicke alle auf die dunkle Scheibe des Apparates gerichtet sind. Zwischendurch schließen wir die Augen und glauben, ein Feuer knistern zu hören wie von einem Kamin. Es ist warm im Zimmer. Obwohl die Fenster hinter unseren Rücken offen sind und zwischendurch eine kühle Brise über unsere Haut streicht. Heute Nacht haben wir Neumond. Wir möchten uns nicht umdrehen, wollen nicht wissen, wessen kalter Atem es ist, der durch die Fenster herein und über unsere Nacken weht. Wir warten. Wissen, früher oder später wird das Licht angehen, die Stimme des Moderators vom Bildschirm die Stille unterbrechen und das Hähnchen weiter im Ofen garen. In Gedanken lecken wir uns das Salz von den Fingern. Bis jetzt ist es immer wiedergekommen. In unregelmäßigen Abständen verschwindet es, dann sitzen wir da, so wie jetzt. Kerzen haben wir keine mehr, sie fallen zu leicht um und hinterlassen einen wachsig-rauchigen Geruch, wenn der Wind sie ausbläst. Batterien haben wir noch nie gekauft. Wir sind viele geworden, so, wie wir hier sitzen. Gezählt haben wir uns nie, doch früher waren wir weniger, da hat ein Hähnchen noch gereicht. Früher waren wir weniger und saßen dichter beieinander.

Juliana Kálnay, geboren 1988 in Hamburg, aufgewachsen in Köln und Málaga (Spanien). Studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus sowie Literarisches Schreiben in Hildesheim. Sie schreibt sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch und lebt derzeit in München.

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Fiona Sironic

habe das Internet gehört habe das Internet gehört Bleischürze am Nacken mit einem Klettverschluss fest auf meinem Bauch. Sind Sie schwanger? Schultern schwer. Wegen des Bleis. Nicht eines Embryos. Zubeißen! Allein mit der Auszubildenden (dicker Bauch, dunkler Dutt). Höfliches Schweigen. Ich denke an Elektroden im Hirn. Will gern erzählen, aber beiße. Das Außenrollo ist halb unten. Erster Stock. Baum vorm Fenster. Niemand will in ein Röntgenzimmer spannen. Wäre ich schwanger, würde ich das hören. (Bei geschlossenen Augen) mit Tauben auf Tonpistolen werfen. Die Umgebung steril. Ich treffe drei Pistolen mit sechs Tauben. Die siebte knallt zwischen zwei (Tonbrösel), löst eine aus und die Versuchsleiterin (dicker Bauch, dunkler Dutt) wird von der Tonkugel getroffen, aber Ton bröselt. Brummen. Und jetzt noch mal die andere Seite ... Aufrichten. Ich wünsche mir ein Kleid aus Blei. Wie Mädchen in Lindgrenfilmen mit Schürze. Ein Kleid mit Bleischürze. Das wäre schwer und im Gehen würde ich weniger hören können, wegen der Konzentration. (Bei geschlossenen Augen) wachen die Tauben auf und rasen auf mich zu. Sie schießen auf mich ein, als wär ich eine Tonpistole, sie stechen und dann mach ich die Augen lieber wieder auf, aus Selbstschutz. Fallen ist ein klischiertes Albtraumszenario: Kommt häufiger in Erzählungen als im Leben vor. Wenn ich vom Fallen träume, falle ich in meinem Bett aus dem siebten Stock und denke, es ist schön im Bett, warm, weich, geborgen bis zum Aufknall, aber vor dem öffne ich lieber die Augen. Brummen. Die Auszubildende lächelt mitleidig. Ich habe heute das Internet gehört. R. hat den Router einge-

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schaltet und es hat gebrummt. Als würde die Welt aus Tonfrequenzen bestehen. Als ich das gesagt habe, meinte R., ich sei verrückt geworden. Die Helferin bittet mich ins Behandlungszimmer. Setze mich da auf die Kante des großen Stuhls (wie ein Kleinkind) und lasse mir mit Blick auf die Röntgenaufnahmen vom Doktor erzählen, dass alles gut ist. Da gibt es einen Mann, hüftabwärts gelähmt, dem hat ein anderer Mann, ein Doktor med., Elektroden in die Hirnrinde gepflanzt, und wenn er jetzt lange daran denkt, seine Hand zu bewegen, wackelt sein Fuß. Wie sich das anfühlen muss. In der Hirnrinde. Schönen Tag noch! Heimweg über die Weyhestraße. R. ruft an. Ich erzähle, dass alles gut ist, und dann von dem Mann mit den Elektroden in der Hirnrinde.

Fiona Sironic, geboren 1995 in Neuss. Eingeladen zum Treffen Junger Autoren 2012, 2013 Abitur. Dann nach Hildesheim, Kreatives Schreiben studieren.

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Jonis Hartmann

Bete, Lemming, bete! Plötzlich rannten alle. Ich rannte mit. Im Rennen griff ich nach meinem mit Käse belegten Weltmeisterbrötchen. Beim Kauen verschluckte ich mich, biss mir auf die Zunge. Aber ich entdeckte auch meine Freunde unter den anderen. Wie schön, dachte ich. Von mir aus könnte das ewig so weitergehen, schließlich haben wir alle eine Aufgabe in diesem Moment.

Drehstrom Eine Schraube lag auf dem Asphalt und ich suchte nach der Maschine, der sie fehlte. Statt der Maschine fand ich einen Menschen, der spazieren ging. In meinen Räumen liegen bald alle Schrauben der Welt, aber noch nie habe ich daran gedacht aufzugeben, die eine Maschine zu finden.

Osmose Einige schieben an den Kontinenten und behaupten, es würde an etwas anderem liegen, tut es aber nicht. Es ist das Geld, der Sex und ein Platz an der Sonne. Tektonik, Magnetismus, Schwerkraft, Vulkane, Osmose ... dass ich nicht lache!

Jonis Hartmann ist Autor und Architekt in Hamburg. Studium in Weimar, Kassel und Rom mit Promotion. Letzte Veröffentlichungen: Romanino (2011) und Mondo Kranko (2013), beide bei Chaotic Revelry, Köln. Hamburger Förderpreis für Literatur 2014 für Texte aus Trilogie. Miniaturen, Midiaturen, Maxiaturen (erscheint 2015). jonishartmann.de

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The internet is like a per Wenn man etwas über literarischen Strom erfahren will, überlässt man am besten alles dem Fluss. Wir haben uns ohne das Stauelement vorgegebener Fragen den Gedanken der Post-Internet-Künstlerin Chloe Zeegen überlassen, die an einem verhagelten Januarmittag im Kaminzimmer des k-fetisch in Neukölln ihren spontanen Stream of Consciousness auf unser Band gesprochen hat ...

go down very well and afterwards a group of this person’s friends came to me. One said Babe, babe, that wasn’t cool, babe. I also really hate Are we that babe. Can we get over wanting to look good for delicate and each other? Can we not all vulnerable? just look shit – and not give a shit? Drop this babe – you know what I mean? I’m so sick of it. And I don’t care if they’re a performer. We overvalue artists – in my opinion. Or certainly this kind of middle-class type of artists. Just because someone is performing that doesn’t mean anything, I’m sorry. Like if you put yourself on a stage and want the . . . lob, Interview: Mena Koller then you gotta deal with the heckling as well. I was like I called your friend shit – . . . I once was at a bar called The Club who cares? I’m just a person. Are we that near Boddinstraße and that place was delicate and vulnerable that we’re just also totally like queer lefty blah blah gonna fall to pieces as soon as someone blah and I was watching this drag points out . . . ? I mean when I look at my performance of this person imitating a e-book* now like two years later I can working-class woman in a juicy couture see the flaws in it. I think I say things in track suit putting on a working-class it that are biphobic – when the character accent and I was like this is pretty fucked suggests that she should stick to a up – you know there’s like no We overvalue bi identity because that’s an easier working class people here, we’re artists – in my way to go through life – that’s all having a lovely laugh at how bollocks. Now I look back and I’m crude and unattractive we think opinion embarrassed that I wrote that. I they are with that Britney Spears mean it doesn’t matter – I like that work style of clothing, and I had a few to drink and I’m not gonna shit all over it – but I and so I started heckling and that didn’t

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manent acid trip

Ein Interview mit der Berliner Autorin Chloe Zeegen

can see the problems in it. I mean I know gonna balance that out by talking about the term cultural appropriation is quite why I think people like my e-book in a loaded term, but it is that notion like summary which is, I think, people idenusing this kind of working class speech tify with the fact that just because we use pattern when I am Oxford educated and this kind of west coast way of speaking – there is something bullshit about it – I’m this I’m like, I’m like blah blah and that sorry I mean why do I pretend that I’m we like things like Facebook and technonot a product of my culture, why do we logy that doesn’t mean that we’re shallow attempt to do that? To protect this kind people or stupid people or ill-informed of like perfect identity you know what people. I think the word like is actually I mean. And what was the other thing? a very sophisticated thing and I think it Yes, I think there are – totally accidenemerged with an acknowledgement of tally . . . horrifically possibly – racist our own subjectivity so we don’t ever undertones. And that was certainly not wanna say definitively it was, this is what deliberate. Like the phrase dark angel occurred, we instead put in a little bit when I referred to the character wanting of space and we say it was like this, it’s to write that in an e-mail to her dad’s like you know the Platonic thing about girlfriend in my mind the dad’s girlfriend’s that we never know what a table is, we character is white but then using it in the just have a kind of vague concept of park context . . . it’s kinda dodgy I think. what a table is like and whenever we see You gotta produce work freely but I don’t something that sort of matches that, we think you need to pretend that apply the label table, I think that Why do I pre- is pretty accurate. We have this it was perfect or immune to social shit you know. You should tend that I’m kind of broader concept and I admit the crap. So I wanted not a product think that it’s sort of bringing to say something else. I know of my culture? that in our everyday language. I just pointed out the flaws in We’ve become so educated and my texts but I actually think there is too I think it’s a good thing, I don’t think it’s much of a culture of criticism of women a bad thing at all and I also think it’s a that sounds like some manifest and it’s part of the reason why this originated very easy to internalize that so I don’t just amongst women this like. We are actually wanna criticise my own work so I’m very well-informed but we are also very

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well aware of our own fallibility and able to see the humanity in all of these the limit of our scope, so we use things, I mean it’s just great Our lifestyles that we want to communicate the word like to suggest a kind of relationship to a broader concept all the time that we wanna be aren’t vapid rather than that we are speaking connected to people all the just because with authority on this, you know, so they’re contime – that’s beautiful, that’s we say it was like this had occurred, temporary spiritual. I think the internet we don’t wanna be so arrogant to is one of mankind’s most say this happened, we’ll just say it spiritual inventions because it’s was like this happened. I think that’s you connected us all through our ideas and know actually very charming, always that’s a beautiful spiritual godlike thing, an intellectual thing, and I think that you know, this kind of higher intelligenis a part of what people like about my ce that we will access even in a mobile writing: that it refuses to take on this way. I mean that’s a miracle, that’s one of dumbed-down identity. Besides the idea the greatest things that ever occurred to that there is something kind of like – humankind, you know, in fact you can be what’s the word I’m looking for – vapid, anywhere and see all these ideas reflected it refuses to accept that we lead vapid back at you. That changes every-thing – I lifestyles just because we lead contemthink. That is like an acid trip, the interporary lifestyles and it refuses to accept net is like a permanent acid trip . . . that we are not philosophical or whatever just cause we’re on Facebook or some * Chloe Zeegens Kurzprosa-Trilogie I love shit you know, it’s just cynicism to not be myself ok? erschien 2013 bei Mikrotext.

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Alke Stachler

am fluss: wo man hingeht um allein zu sein und in die schlieren sich zu schälen. die schlieren der gelben luft, des grases, das sich gegen die uferhaut hämmert in endlosen kämmbewegungen, sich selbst kauend, niemals müde. sich zu falten wie ein stein (und etwas sagt leg dich hinein). sich zu wickeln in den schlick als eine sich zaghaft verzweigende graue mumie. dreck atmen und dünnflügelige kleine tierchen. und oben den himmel weiß ins schilf schneiden sehen. blechgrüne spaten. im wasser kissen und seile und gabeln aus licht, die sich ins auge schleifen, dort brechen, kreiseln. verschnürter kenternder horizont.

ich habe ein boot gefaltet aus papier. ich habe das boot angefüllt und ins flusswasser gesetzt, an einer seichten stelle, wo enten im gezackten schatten saßen und uns lange musterten, mich und mein taubenweißes blütenblättchen von blasskariertem boot. es kippt sofort, ich weiß nicht, ob die fracht zu schwer ist oder nur falsch verteilt. sein bauch füllt sich mit schlierigem minzigem achatfarbenem flusswasser, mit stücken von wolken, dazwischen schwankenden zerschliffenen vögeln, die es sehr langsam durchtrennt, bevor es grau wird und sinkt.

Alke Stachler, geboren 1984 in Timişoara/Rumänien, 1990 Übersiedelung nach Deutschland. Studium der Kunstgeschichte, der Englischen und Deutschen Literaturwissenschaften in Augsburg, seitdem Tätigkeiten als Autorin und Lektorin. Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und Anthologien, z. B.: Dichtungsring, Krautgarten, Der Greif . Preisträgerin der Literaturstiftung Bayern 2014.

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Lutz Steinbrück

Stadt, Rand, Fluss im Stakkato der Flügelschlag vom Blauen Riesenfisch durch die Nebelstraße im Schlepptau nächtlicher Flossenkolonnen die schmerzhafte Basis der Bäume im Schilf ungenau in der Betrachtung etwas Artgerechteres fehlt erst nach seinem Verschwinden die Bildschere zugeklappte Leerstellen auf Lücken zu füllen sich lösen aus dem Modus Gelöscht hervorschaufeln was wirklich wahr ein Balkonauge auf Schuppengeflecht an Innenhaut wie Balsam in die Wandkulisse fugte sich der diesige Bau aus dem Wasser in den Sinn zum Rande in der Stadt im Fluss alles unterspült zu finden

Lutz Steinbrück lebt und arbeitet als Autor, Musiker und Journalist in Berlin. Literarischer Schwerpunkt ist die Lyrik. Er hat zwei Gedichtbände veröffentlicht (Fluchtpunkt: Perspektiven, Lunardi, 2008 sowie Blickdicht, J. Frank, 2011) und wirkt als Sänger & Songschreiber in der Band neustadt (www.neustadt.berlin).

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Carola Weider PHARISÄER Tage und Nächte verbrachten wir in Cafés am Alexanderplatz, in denen es passieren konnte, dass Westdeutsche uns die Ostmark schenkten, die sie bei ihrer Einreise in die DDR umtauschen mussten. Jede Menge Geld; sie mochten es, wenn wir uns danach bückten. Wir sahen vor uns hin, durch Scheiben, in denen sich Vorbeigehende eitel spiegelten und wussten, dass sie dabei beobachtet wurden. Wir rauchten Erikas teure Zigaretten und nippten an unseren Gläsern. Der Mann, dem Erika lange in die Augen gesehen hatte, bis er sich zu ihr setzte und sie ebenso sprachlos betrachtete, hieß Reza und kam aus Tel Aviv. Reza glaubte, dass er der erste Mann wäre, den Erika so angesehen hatte. Ich wusste, er würde sich die Arbeit umsonst machen. Reza war es, der kurz vor Mitternacht die Rechnung beglich, der Erika gehen ließ, um noch rechtzeitig den Grenzübergang zu erreichen. Zu dritt standen wir draußen vor dem Café, Reza hatte Erika zum Abschied geküsst. Ein Junge lehnte an den Fliesen der U-Bahnstation und sah zu uns herüber. Erikas Haar knisterte an meiner Wange, unsere Schultern berührten sich, einander stützend. Ich wusste, dass Erika zufrieden war. Luft wehte aus dem schwarzen Schacht und leckte über unsere Gesichter, es roch nach Elektromotoren und Öl. Erika würde es mir später vorwerfen, ich stand auf und lief ihm entgegen. Eine Ratte flüchtete in den Kragen seiner Lederjacke. Herablassung flocht sich in seine Züge und er sagte, lass uns gehen. Die Wohnung lag im Stadtteil P. Die hohen Wände waren stellenweise und unordentlich mit Fetzen von Aluminiumfolie tapeziert. Ich staunte über die Leere des einzigen Zimmers, in dem eine schmale Matratze an der Wand gelegen hatte, sonst nichts. Es gab keinen Strom. Ein Kerzenstummel, dessen unruhige Flamme von den metallisch glänzenden Wänden vervielfältigt wurde, belichtete die Szene undeutlich. Ich ahnte, dass er hier nur vorübergehend sein Lager hatte. Das Haus war dunkel und verwahrlost, von seinen Bewohnern im Stich gelassen. Er hieß Bo, mehr gab er nicht von sich preis. Die Ratte wischte als flacher Schatten über die Dielen. Bo sagte, dass er davon träume, einen menschlichen Fötus zu besitzen, in Formalin über dem blinden Ende der Nabelschnur kauernd, in einem Einweckglas auf dem Fensterbrett bestattet. Wir lagen nebeneinander auf der harten Matratze. Es gab keine Decken und ich fror. Später wusste ich nicht mehr, warum ich ihm versprochen hatte, mich darum zu kümmern. Im Krankenhaus war alles möglich. 48


Am Vormittag warf ich zwanzig Pfennig in den Münzfernsprecher an der Straße und hustete in den Hörer. Die Zunge klebte mir am Gaumen fest. Morgen sei ich wieder gesund, murmelte ich, der Umstand, nicht auf der Arbeit erschienen zu sein, unvermeidlich. In der Brust stotterte mir das Herz beim Lügen. Tage später, auf der Krankenhaustoilette, war das Ungeziefer da. Ich dachte an Bo und entschied, zu ihm nach P. zu fahren. Auf der Treppe hörte ich Musik. Die Türen zu den verlassenen Wohnungen standen offen, gaben den Blick frei auf Sperrmüll und Schutt, Dinge, die seinerzeit entbehrt werden konnten, trotzdem immer wieder nach Brauchbarem durchwühlt. Die Luft war bitter von kalter Asche. Ich erinnerte mich nicht, wie viele Stufen ich nachts hinter Bo her gestiegen war. Ich lief der Musik nach, blieb vor einer angelehnten Tür stehen, hinter der die Bässe pochten, und war mir nicht sicher. Die Folie an den Wänden strahlte heller als der Tag selbst. Eine Frauenstimme sang. Sie gehörte zu einem Mädchen, das sich in der Zimmermitte auf einem Bettgestell hin und her warf. Wäre die Folie nicht gewesen, die mich blendete, hätte ich angenommen, mich in der Wohnung geirrt zu haben. Das Bett hatte es vor ein paar Tagen noch nicht gegeben. Guten Morgen, rief mich das Mädchen gegen die laute Musik an. Bo ist nicht hier, sagte sie und stieg aus dem Bett. Sie war freundlich, sie drehte die Musik leiser und sagte, gehen wir frühstücken. Sie sagte, dass sie Ina heiße. Ich blieb stumm, während das Mädchen sprach, als würden wir uns lange kennen, ohne Scheu. Ich beobachtete Ina, wie sie sich ankleidete, nachlässig, mit den Fingern durch das kurze, blonde Haar fuhr. Ina griff nach meiner Hand und zog mich daran die Treppen hinab, die Straße hinunter in ein Café, in dem vom Zigarettenrauch vergilbte Stores das grelle Sonnenlicht abschirmten. Ina bestellte Frühstück und Kaffee Pharisäer. Morgens, hatte ich gefragt. Immer, hatte Ina gesagt. Als wir unsere Brötchen aufschnitten, fragte Ina, ziehst Du zu mir. Ich hörte, dass ich Ja sagte. Wir hatten nicht mehr über Bo gesprochen. 49


In Inas Wohnung stand eine Schrankwand vor Polstermöbeln und Velourstapete. Ich fragte nicht, wessen Möbel das waren. Der Wohnraum war verdunkelt. Ich stellte mir vor, dass er ein Blinddarm war, am Ende des Flures, eine Abstellkammer für Kindheitserinnerungen, die Besitzer der Gegenstände verschwunden oder tot. Im Schlafzimmer gab es ein Doppelbett, war Unordnung. Kalter Rauch hing unter der Decke. Hier schlafen wir, sagte Ina, und dass Bo manchmal komme. An der Wand über dem Kopfende des Bettes hing eine Peitsche. Ich versuchte mir das Mädchen damit vorzustellen. Zu Hause hatte ich vor der Wäscheleine und dem Bücherregal gestanden. Was brauchte es zum Wohnen, ich wusste es nicht. Ich versicherte mir nur eine gewisse Vorläufigkeit und zog den Reißverschluss meiner Tasche auf. Ina war schnell. Das Bettgestell aus Bos Wohnung trugen wir am Abend die Stufen in den Hinterhof hinab, warfen Kissen und Decken fünf Stockwerke tief aus dem Fenster, zogen uns bis auf die Unterhemden aus und legten uns nebeneinander hinein. Als wir endlich die Augen schlossen, schimmerte Morgenlicht über unseren Köpfen. Nur eine Frage, sagte ich und Ina flüsterte, ich weiß. Läuse. Mastmatrosen. Woher, hatte ich gefragt. Ina lächelte. Weil er sagt, es gehört eben dazu. Und danach kommt ihr alle wieder und fragt ausgerechnet mich, was soll das, so wie du gestern gekommen bist. Dabei war ich mir bei dir zum ersten Mal nicht mehr sicher. Dann hatte sie mir den Rücken zugedreht und war eingeschlafen. Ich konnte den aufkommenden Verkehr hören, Lieferwagen ratterten über Kopfsteinpflaster, eine Straßenbahn fuhr vorüber. Dass sie nicht arbeite, hatte Ina gesagt. Was machst du dann, fragte ich. Alles. Was Spaß macht. Ich fuhr ins Krankenhaus und Ina schlief. Wenn ich schlief, war Ina wach. Die Diele nachts eine Dunkelkammer: Ina hockte im roten Lichtschein vor flachen Plastikbehältern auf dem Boden. Sie lachte mit ihm.

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Bo mied es zu kommen, wenn ich da war. Er traf Ina, wenn ich schlief, wenn ich im Krankenhaus arbeitete. Einmal hatte er noch nach dem Fötus gefragt. Ich hatte gehofft, er habe es vergessen. Das Bett wollte meinen Körpergeruch nicht aufnehmen, blieb ein Fremdes, oder ich. Ich stemmte mich gegen das Abgestoßenwerden. Ina hatte die leer stehenden Häuser in den umliegenden Straßen entdeckt. Wir kundschafteten Wohnungen aus und brachen die Türen auf. Manchmal waren Zettel daran: Die Wohnung wird noch bewohnt. Die bevorzugten wir. Während Ina sich durch Küchenschränke kostete, eine Handvoll Aprikosen stahl, Broschen oder Pelzkrägen anlegte und mit Hüten vor Garderobenspiegeln posierte, stand ich mit einem Bein auf dem Treppenabsatz und bettelte um Eile: Wenn sie kommen, wenn sie die Polizei rufen? Wir liebten den schaulustigen Spaß. Auf Dachböden ließ Ina sich in Strümpfen und Korsagen fotografieren, mit falschen Perlen am Hals und schwarz geschminkten Augen. Wenn sie auf der wackligen Leiter posierte, für die Kamera in den tanzenden Staub schwärmte, war ich zu müde. Lass die Arbeit, sagte Ina. Mein Haar färbte sie mit Stempelfarbe, die fortan einen Schatten auf dem Kopfkissen hinterließ, und legte mir eine kalte Lederjacke über die Schultern. Die Jacke roch nach Mottenkugeln, der Kragen war speckig. Ich wollte nicht wissen, woher sie stammte. Wir tranken Pharisäer, morgens, mittags, abends. Wir erbaten uns immer größere Portionen Sahne und Rum. Dann brach es ab, so schnell, wie es angefangen hatte. Fragen prasselten auf das Luftschloss, in das Märchenland, das nicht für mich gemacht war. Was haben Sie mit der Kirche zu tun, was mit diesen Leuten? Wovor hatten sie Angst, was hatte Ina mir verschwiegen. Ihre Helden, die von ihnen vorgegebene Lebensweise, hatten sie noch nie begeistern können. Ach, alles. Was Spaß macht. Mein Gott, wo würden wir denn hinkommen, wenn alle das machen würden, was ihnen Spaß macht. Sie halten sich da raus? Wie soll es denn besser werden? 51


Wenn alle so denken würden. Woher wissen Sie, dass es keinen Sinn hat, haben Sie es schon einmal versucht? Sehen Sie immer nur Ihre eigenen Interessen? Wollen Sie wirklich so leben, immer nur an Ihren Vorteil denken? Man muss wissen, wo man hingehört, das beschäftigt, das bindet. Das müssen Sie sich immer sagen. Sie dürfen sich keine andere Wahl lassen. Die Zusammenkunft hatte in einem abgelegenen Dienstzimmer stattgefunden, Androhungen folgerichtiger Ungewissheiten den Raum hinter den zugezogenen Vorhängen verdunkelt. Die Oberschwester spekulierte mit dem, was sie wusste, und es grenzte an Zauberei. Der Magier war ein Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit, sie lebte mit ihm. Beim letzten Pharisäer saßen wir nebeneinander. Die Tasche mit den falschen Sachen stand unter dem Tisch, sicher zwischen meinen Füßen. Man würde wissen, wo ich von nun an schlief. Ina schwieg, sie sprach kein einziges Wort, und ich fragte mich zum zweiten Mal, woher die Möbel waren, ihre Besitzer verschwunden oder tot. Erika war Sekretär der Jugendorganisation geworden. Sie hatte das Krankenzimmer verlassen, in dem ich eben eine Urinflasche richtete, das Fieberthermometer schüttelte. Die Oberschwester hatte nach ihr geschickt. Erika kam im blauen Hemd zurück. Das Sonnenemblem an der Schulter herhaltend, mit Aktenmappen unter dem Arm, hatte sie mich gefragt, was ist mit deinem Beitrag, und den Kugelschreiber auf ihr Klemmbrett fallen lassen. Du bist immer im Rückstand.

Carola Weider, geboren 1967 in Berlin (Ost-), hat nach der Ausbildung in verschiedenen Krankenhäusern der Stadt gearbeitet. Von 2008 bis 2013 Studium am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. 2009, 2011 Teilnahme an den Romanwerkstätten im Literaturforum im Brecht-Haus Berlin unter der Leitung von Michael Wildenhain. 2013/14 Teilnahme an der Romanwerkstatt des Literaturforums im Brecht-Haus in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

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Andreas B. Vornehm

luft lautlos blau weich verfärbt sich der herzschlag ins helle. auf dem kindheitsvertrauten königsplatz schlafen, dem roten tag entgegen. traumlasuren ... die liebe zum schmucken bild erstarrt. und der wissende körper begehrt nach schmutz, schmerz. das ist dann schon kein traum mehr.

Andreas B. Vornehm, *1964. Studium der Malerei und freien Grafik. VirtuArtist und freiberuflicher Kommunikationskünstler wie auch Kreativ-Dienstleister. Schriftsteller und Mitherausgeber von STORYATELLA.

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Mikael Vogel

Messerfische Ver Geßliche Laken, darin irgend – Wo wir: Versinkend, in die Winterkälte zerDunkelnd, voneinander verunklart.. Elektrische Fische in den Schlammwassern des Amazonas, das Drohende mit Entladungen erspürend, immer beDrängtere Sensorzellen – immer höhere Amplituden

Die philanthrope Idee der Tötung durch Strom Die erste Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl Fand 1890 in New Yorks Auburn Prison statt. William Francis Kemmler Der mit der Axt seine Frau Matilda zerstückelt hatte Nahm laut Zeugen gefaßt Platz wo bei der Generalprobe erfolgreich Ein Pferd exekutiert worden war. Nach siebzehn Sekunden unter eintausend Volt Wurde er ärztlich für tot erklärt, atmete aber noch. Der Generator Mußte erst minutenlang wieder aufladen, dann gaben zweitausend Volt ihm Siebzig Sekunden lang den Rest während einzelne Zuschauer dem Gestank verBrannten Fleisches vergebens zu entfliehen suchten. Den Mordprozess hatte Ein Machtkampf um die bei der Exekution zu verwendende Stromart begleitet Den Edisons Gleichstrom gegen Teslas Wechselstrom wegen stärkerer Lobby gewann. Teslas Hauptfinanzier George Westinghouse lamentierte später: Sie hätten besser eine Axt benutzt

Mikael Vogel, 1975 geboren, lebt in Berlin. Vier Gedichtbände. Das Gedicht Messerfische aus: Morphine, Verlagshaus J. Frank, Berlin, 2014. 55


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2 x 100 Wörter zum Thema

Um die subjektive Realität darzustellen, bemüht man oft Vergleiche. Warum sprechen wir von einem Flüchtlingsstrom? Ein Strom ist, laut Duden, eine „größere, sich langsam in einer Richtung fortbewegende Menge“. Wenn wir von einem Strom reden, denken wir an eine Masse, die zu groß ist, um auf einen Blick erfasst zu werden. Emotional wird auf die Ohnmacht angesichts dieser Masse angespielt. Ist das angemessen? In Deutschland leben etwas mehr als 80 Millionen Menschen. Im Jahr 2014 sind beim Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge 181.453 Asylanträge gestellt worden. Das entspricht 0,2 Prozent. Wie viele Menschen machen einen Strom aus? Sofia Koller, Flüchtlingsberaterin bei der Asyl-Gruppe von Amnesty International Berlin

Der Beruf des Elektrikers hat sich im letzten Jahrzehnt extrem spezialisiert. Strom in allen seinen Formen ist in unserem 21. Jahrhundert nicht mehr wegzudenken! Stetig wachsende Bedeutung erfahren Gebäudetechnik, Automatentechnik und Telekommunikation, zunehmend auch Fahrzeugtechnik und die alle Bereiche steuernde Computertechnik. Um die Energie dafür bereitzustellen, ist es wichtig, neue Energien zu nutzen. Photovoltaik, Wärmepumpen, Windund Wasserenergiegewinnung oder Brennstoffzellen werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Somit ist der Beruf des Elektrikers in jedem Aufgabenbereich mit einer hohen Spezialisierung verbunden. Vom Elektromonteur über Computerspezialisten bis zu Mikroelektronik und Mechatronik sind in Handwerk sowie Forschung vielfältige Aufgaben für alle Interessengebiete gegeben. Peter Falk, Polier zuständig für Elektroarbeiten im Bereich Stangsanierung und Gebäuderekonstruktion sowie Kommunikationstechnik

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Impressum Herausgabe, Redaktion und Vertrieb: Anneke Lubkowitz Theresa Lienau Laura Schlingloff Mena Koller Kontakt: Anneke Lubkowitz, Nordbahnstraße 10, 13359 Berlin E-Mail: sachenmitwoertern@mail.de Illustration: Petrus Akkordeon und Rabea Senftenberg Grafik: Leslie Büttel Fotografie: Ella Rynski Layout: Theresa Lienau Druck: Metropol Druck Berlin Auflage: 250 Exemplare Alle Rechte an den abgedruckten Texten liegen bei den Autoren. Ausgabe 05, März 2015 Unterstützt von:

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Zu des Rheins gestreckten Hügeln, / Hochgesegneten Gebreiten, /Auen, die den Fluß bespiegeln, / Weingeschmückten Landesweiten / Möget mit Gedankenflügeln / Ihr den treuen Freund begleiten. (Rhein und Main // Johann W. von Goethe)

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / Daß ich so traurig bin; / Ein Märchen aus alten Zeiten, / Das kommt mir nicht aus dem Sinn. / Die Luft ist kühl und es dunkelt, / Und ruhig fließt der Rhein; / Der Gipfel des Berges funkelt / Im Abendsonnen schein. (Loreley // Hein- rich Heine)

Going up that river was like traveling back to the earliest beginnings of the world, when vegetation rioted on the earth and the big trees were kings. An empty stream, a great silence, an impenetrable forest. (Heart of Darkness // Joseph Conrad)

Rubens, fleuve d'oubli, jardin de la paresse, / Oreiller de chair fraîche où l'on ne peut aimer, / Mais où la vie afflue et s'agite sans cesse, / Comme l'air dans le ciel et la mer dans la mer (Phares // Charles Baudelaire)

But, as the darkness came on, the throng momently increased; and, by the time the lamps were well lighted, two dense and continuous tides of population were rushing past the door. (The Man of the Crowd // Edgar Allan Poe)

Alle Roboter von: Rabea Senftenberg


Michael Arenz // Alexander Graeff // Clemens Franke // Jonis Hartmann // Juliana KĂĄlnay // Robert Klages // Mischa Mangel // Jannis Poptrandov // Simone Scharbert // Clemens Schittko // Fiona Sironic // Alke Stachler // Lutz SteinbrĂźck // Mikael Vogel // Andreas B. Vornehm // Carola Weider // Ron Winkler // Miriam Zeh // Chloe Zeegen

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