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15. Oktober 2007 17. oktober 2010 26352 Stunden Schlomo-R端lf -Platz


»Ich glaube, dass es in allen Gesellschaften Utopien gibt, die einen bestimmten, realen, auf der Karte zu findenden Ort Besitzen und auch eine genau bestimmbare Zeit, die sich nach dem alltäglichen KalendeR festlegen und messen lässt.« Michel Foucault

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Vom Vorplatz der Bergwerksdirektion zum Schlomo-Rülf-Platz Wunsch und Sehnsucht, dass sich der aktuelle Zustand einer Stadt durch eine Veränderung zum Besseren wandeln solle begleitet stets die Angst vor der möglichen Verschlechterung. Deshalb verhindern die Methoden zur Vermeidung dieser Verschlechterung oft auch eine wirkliche Verbesserung der urbanen Verhältnisse und Zustände. Vorgeschobene Pragmatismen, Sach- und Ordnungszwänge verbauen und verschatten einen Platz, verhindern den Gestaltungsspielraum der Zivilgesellschaft, die das Recht hat, selbst bestimmt ihre Räume durch die Beteiligten zu verhandeln, Räume durch Verhandeln und durch »Räumen« zu konstituieren, utopische Räume zu fordern, um sich wenigstens grundlegende humane Freiräume offen zu halten. Wer auf dem Weg von Frankfurt nach Paris am Europabahnhof in Saarbrücken aus dem Hochgeschwindigkeitszug aussteigt, die Reichsstraße hinunter geht, Richtung Innenstadt, passiert linker Hand die Karl-Marx-Straße und kommt schließlich auf einen kleinen Platz, der nie wirklich einen Namen hatte: der Vorplatz der Bergwerksdirektion. Der Platz ohne Namen bezieht sich auf ein Gebäude, das zwi-

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schen 1887 und 1880 im königlich preußischen Rundbogenstil von Martin Gropius gebaut wurde und für die wechselhafte Geschichte des Bergbaus, der Stahlindustrie und des Strukturwandels im Saarland steht. Für den Investor Crédit Suisse wird das Gebäude vom ECE Projektmanagement zu einem Einkaufscenter umgebaut. Bezeichnender Weise sinkt die Bergwerksdirektion mit jedem Umbau tiefer in den Platz. … auf dem Symposium »Künstlerische Dynamik im urbanen Raum«, Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, im November 2008, wurde unter der Moderation des F.A.Z Architekturkritikers Dr. Bartetzko festgestellt, dass in der Bundesrepublik die Entwicklung und Realisierung zeitgemäßer, künstlerischer Arbeit im öffentlichen Raum in erster Linie von der Lokalpolitik verhindert wird. Es fehle zum einen die kritische Reflexion vergangener Entscheidungen, zum anderen der Mut, mit künstlerischen Mitteln die Angst- und Krisengesellschaft zu revitalisieren und neue Wege zu beschreiten. Hier ist das Engagement der Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz vorbildlich. In einer kontrovers geführten Debatte zur Gestaltung des Vorplatzes der Bergwerksdirektion, über die auch ein Stück der zukünftigen Identität Saarbrückens verhandelt wird, lädt sie die Studentinnen und Studenten der Hochschule der Bildenden Künste Saar zum Mitdenken und Mitarbeiten ein. Operativ haben wir neben den Baustellen der Investoren, die den Platz neu einfassen und vom Rand her bestimmen, die Chance mit künstlerischen Mitteln an einem Platz für Saarbrücken zu arbeiten, den Platz mit allen Beteiligten neu zu verhandeln… (Auszug aus: Pressemitteilung des

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S_A_R Projektbüros). Ein neues Straßenschild, täuschend echt, trägt den Namen »Schlomo- Rülf- Platz«. Schlomo Rülf war bis zu seiner Emigration 1935 Rabbiner in Saarbrücken. Für die circa 30 Aktivistinnen und Aktivisten, Studentinnen und Studenten der Hochschule der Bildenden Künste Saar, die seit dem Oktober 2007 an dem Platz arbeiten, verbindet sich mit dem Namen die Utopie einer urbanen Zivilgesellschaft, die ihren Plätzen ein menschliches Antlitz verleiht, die ihre Plätze so verhandelt, dass ein Spielraum bestehen bleibt, dessen unmittelbare Nutzung durch die Beteiligten über Charakter und Charme einer Stadt Auskunft geben kann. Während sich die Randbebauung abgrenzt und Territorien nominiert, ist es die Aufgabe der künstlerischen Interventionen den Platz offen und frei zu halten! Er ist zu einer bestimmten Zeit der Ort, den Michel Foucault als Ort der Utopie bezeichnet. Diese Orte lösen die Utopie nie ein, jedoch würden sie ohne Utopie völlig andere Orte sein. Sie würden mit ganz anderen Mitteln und Methoden bearbeitet, das Resultat wäre ein Armseliges. Die Utopie ist notwendig um eine Realität zu schaffen, die ohne Utopie unerträglich wäre. Ist ein urbanes Wunder möglich? Das Wunder ist eine Frage des Trainings, sagt Carl Einstein. Die vorliegenden Beispiele geben einen Einblick in den Trainingsverlauf. Vielleicht mögen Sie sich daran beteiligen? Georg Winter

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Bauplan für einen vielfältig nutzbaren Schutzraum »Fliegender Bau«; eine leichte Schräge der Gesamtkonstruktion stellt die bauliche Umgebung in Frage.

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S_A_R Projektgruppe / Prof. Georg Winter Handwerkergasse Rathausstr. 52 66333 Völklingen

4. April. 2008

Ordnungsamt Stadt Saarbrücken Frau Schneider Betr.: Genehmigung »Fliegender Bau« Ecke Faktoreistraße/BahnhofsStraße, HBKSaar Guten Tag Frau Schneider, hiermit bitten wir, die S_A_R Projektgruppe der Hochschule der Bildenden Künste Saar, um die Genehmigung für den Bau des temporären Büros. Wie mit Frau Kunz (Stadtplanungsamt) und Herrn Bischof (ECE) bei einem Treffen am 27. Februar vereinbart, ist der Standort Ecke Faktoreistraße/BahnhofStraße (siehe beigefügte Karte) vorgesehen. Angaben zum »Fliegenden Bau«: Zeitraum: 11. April 2008 bis Ende Oktober 2009 Größe: max. 3 x 5 m, Höhe max. 3 m Beschreibung: Containerartiger Bau, Eingangstür verschließbar, Fenster, voraussichtlich klappbare Seitenwand, mobile Einheit Standort: Ecke FaktoreiStraße/Bahnhofstraße Der Standort erschließt sich aus der Aufgabenstellung der ECE und der Stadt Saarbrücken, ein vertikales Element für den Platz vor der Bergwerksdirektion zu entwerfen. Um die bestmögliche Lösung für das »Vertikale Element« zu finden bedarf es der direkten Konfrontation mit dem Platz, seinen Strukturen und Gegebenheiten. Sondernutzungsgebühr: Im gemeinsamen Interesse der Stadt Saarbrücken, der Hochschule (Projektgruppe) und der ECE bitten wir um eine Befreiung. Nutzer: Teilnehmer der S_A_R Projektgruppe, Gäste Nutzung: Schutzraum, Lager, Versammlungsstätte, Büro, Observatorium, Ausstellungsplattform Mit freundlichen Grüssen Die Projektgruppe

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Erste MaSSnahme. Platz-vermessung Das Vermessen eines Platzes steht stets am Anfang baulicher Veränderungen und verursacht sowie veranschaulicht grundlegende Missverständnisse: Durch die Übersetzung von Maßstäben entstehen paradoxe Wirklichkeiten und Verhältnisse. Abstrakte Größen und Messwerte bestimmen ab diesem Zeitpunkt die Richtungen und Dimensionen, in denen der Raum bedacht werden kann; ein erstaunlicher Grad an Künstlichkeit und Fantasie erleichtert den Umgang mit dem neuen, höchst synthetischen Gebilde. Hier nimmt sich das S_A_R Team des Vermessungsrituals an und erarbeitet eine Basis für weitere Aktivitäten am Platz.

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Umfrage 1 Was halten Sie von dem Brunnen?

Umfrage 2 Was halten Sie von der Umstrukturierung des Platzes?

finde ich nicht gut nichts

das ist mir egal

schön finde ich gut nicht schön

Fragen an Passanten Estragon: Mal sehen. Wladimir: Mal sehen. Estragon: Mal sehen. Sie überlegen. Wladimir: Was sagte ich noch? Man könnte da anknüpfen. Estragon: Wann? Wladimir: Ganz am Anfang. Estragon: An welchem Anfang? Samuel Beckett, Warten auf Godot

40%

37,5%

22,5%

Umfrage 3 Mit was assoziieren Sie Saarbrücken/das Saarland?

47,5%

40%

12,5%

Umfrage 4 Würden Sie es begrüßen wenn auf dem Platz mehr Öffentlichkeitsarbeit stattfinden würde?

ist mir egal schöne Landschaft nein

Bergbau Schwenker

ja nichts

42,5%

22

40%

10%

7,5%

67,7%

22,6%

9,7%

Im Rahmen der Ermittlung einer Grundstimmung und Orientierung auf dem Platz fanden im Januar 2008 und im Mai 2008 Bürgerbefragungen statt. Im Zentrum der Fragen standen die emotionale und architektonische Lage des Platzes. Im Stil der klassischen Meinungs- und Marktforschung wurden für jede Frage drei vereinfachte Antwortmöglichkeiten angeboten. Fragen stellen ist seit jeher eine der beliebtesten und verbreitetsten Kommunikationsstrategien. Die Frage bildet im Grunde genommen den Kern jeglichen verbalen Kontakts. Jede Fragetechnik allerdings verfolgt ihr eigenes Ziel: Beim näheren Betrachten ist dieses sehr viel seltener an die konkrete Antwort gebunden als man im Allgemeinen annimmt. Erwähnenswert sind beispielsweise die einfache rhetorische Frage oder auch die offene philosophische Frage, mit der sich erstmals römische Bürger, bezeichnenderweise auf einem öffentlichen Platz, konfrontiert sahen. Die hier angewandte Fragetechnik versucht, komplexe Sachverhalte in einfache Evaluationsprinzipien: »Schön«‚ »Nicht schön«‚ »Nichts«/»Finde ich gut«, »Finde ich nicht gut«, »ist mir egal« zu übersetzen.

Diese Einteilung in vertraute Kategorien erleichtert es den Befragten, sich spontan zu äußern. Durch die intuitiven Reaktionen der Bürger entsteht wiederum ein Hilfsmittel für eine umfassende Orientierung: Anhand der Antworten bilden sich Verhältnisse, die den Ort selbst, im Sinne von einem Ort als belebtem Raum, neu strukturieren. In der bildlichen Darstellung des Antwortschemas erhalten die angewandten abstrakten Zählweisen und Rechenregeln eine räumliche Ausdehnung: Die mathematische Mengenlehre kann hier als geistige Stütze dienen, um so weit zu gehen, in Gedanken Mannschaften zu bilden: »finde ich gut«, »finde ich nicht nicht gut«. Eine Auseinandersetzung hat sich in ihren Grundzügen materialisiert (siehe Street Fight Exercise, Seite 30).

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brunnenwasser Materialien: Verschalungsmaterial, Beton, Klebeband, 200 ml Medizinflaschen, Brunnenwasser 7. 00 Uhr Wasserentnahme aus der Saar 7.15 Uhr Abkleben mehrerer Aktions felder mittels schwarz- gelbem Klebeband im Brunnenbereich und dessen Umfeld 8.00 – 9.15 Uhr Erstellen einer Betonform im Brunnen zur Erzeugung und Entname des Brunnenwassers

11. 30 – 12.15 Uhr Bewässern und Einwirken 12.15 – 12.45 Uhr Abfüllen des Brunnenwassers in kleine Medizinflaschen

Ziel ist es, dem Brunnen in einer temporären Aktion Wasser zuzuführen und nach einer Einwirkungsphase das erzeugte Brunnenwasser zu entnehmen. Für die Er- zeugung und Sicherung des Wassers wird im Innenbereich der Brunnenanlage eine runde Form betoniert. Zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt die Abfüllung in kleine Medizinflaschen. Die Aktion »Brunnenwasser« ist eine Reaktion auf die Trockenlegung des signifikanten Brunnenovals.

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Rolllust Brunnensession Der Platz vor der ehemaligen Bergwerksdirektion war seit dessen Neugestaltung vor circa zwölf Jahren aufgrund verschiedener Voraussetzungen ein wichtiger Ort für die regionale Skateboardszene: direkt am Bahnhof, von daher gut zu erreichen. Guter Boden, welcher durch die luftige Lage besonders schnell trocknete. Gute Beleuchtung. Die leicht schräge Lage in Verbindung mit der Großräumigkeit des Platzes. Der Brunnen, über Herbst und Winter wasserlos, wird als Objekt nutzbar. »So war für mich schnell klar, dass es eine interessante Option sein könnte, diesen Platz und den Brunnen durch eine Adaption künstlerisch aufzuwerten und die Modellfähigkeit zu erforschen«. Es wurden mit der Hilfe von »Scheinbar« zwei Holzkörper, eine einfache Sprungrampe (Kicker) und eine Holzbox mit Metallkante (Curb), sowie eine Aussparung zur schraubfreien, temporären Befestigung am Brunnen gebaut. Am 27. April 2008 fand als Auftakt die Rolllust – Brunnensession statt, bei der circa 20 Fahrer von morgens bis abends, zunächst den Platz und schließlich auch den Brunnen gemeinsam bearbeiteten, wobei die Box als Basis diente. Anschließend wurden die Körper (Obstacles) im S_A_R Basislager gelagert und es bestand über einen Zeitraum von zwei Monaten täglich die Möglichkeit, diese frei auf dem Platz zu verteilen und zu nutzen.

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Strassenkampf - Übung Street fight exercise 1 Stellungs- und Erkennungsfeld: Passiv-Bereich, Vorbereitung, Bereitschaft 2 Imponier- und Drohungsfeld: Zeigen, Brüllen, Einsatz von Megaphon und Textschild 3 Interaktionsfeld: Aktiv, Zusammentreffen, Schlagabtausch, Block /Schlag

Koordination, Instruktion: Bis zu max. 5 Personen pro Seite bereiten sich in Feld 1 vor. Helm an die Kopfgröße anpassen. Dachlatte zum Körper nehmen. Inhaltliche Ausrichtung mit den Beteiligten festlegen: für/gegen?, was/ wen?

In Feld 2 positionieren sich die Kämpferinnen und Kämpfer mit ihren Hilfsmitteln. Je nach Dynamik kann ein Megaphon zum Skandieren eingesetzt werden. Auf das Textschild werden mit abwaschbarem Stift die Parolen und Zeichen geschrieben. Textbeispiel Gruppe 1: »Der Brunnen bleibt!« Gruppe 2: »Der Brunnen muss weg!« In Feld 3 kommt es dann zur Interaktion mit direktem Schlagabtausch. Es empfiehlt sich, vor allem für Anfänger, in Übereinkunft mit dem Gegenüber eine Block-/Schlagkoordination einzuhalten: Beim Block die Dachlatte mit beiden Händen zum Schutz waagrecht über den Kopf halten um den Schlag abzufangen. Den Schlag möglichst aus der Körpermitte he- raus senkrecht von oben nach unten in

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die Mitte der waagrecht geblockten Dachlatte führen. Übung ist notwendig! Wichtig ist es dabei seinen Aktionsgrad nach hinten und zur Seite zu prüfen. Die Beteiligung an der Straßenkampfübung erfolgt auf eigene Gefahr. Versuchen Sie, solange es einen Spielraum gibt den Straßenkampf zu vermeiden.

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ÖFFENTLICHES BrunnenFRÜHSTÜCK Mit Flugblättern wurden alle Interessierten zum Frühstücks- und Meinungsaustausch auf das Oval des stillgelegten Brunnens eingeladen. Die »round table« Situation mit Tischen und Stühlen war neben dem kostenfreien Frühstücken eine Gelegenheit, über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der anstehenden Veränderungen des Platzes zu diskutieren oder bot einfach ein nicht kommerzielles Verweilen auf dem zum Abriss freigegebenen Brunnenobjekt an.

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Denn hier ist das Niedrige und Nichtige durch sich selbst über sich selbst hinausgewachsen, die Tiefe hat gerade, weil sie Tiefe ist, sich in die Höhe des Geistigeren und Sinnvolleren gehoben. Georg Simmel

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Eine Tafel decken – Überlegungen im Anschluss an Georg Simmels Soziologie der Mahlzeit Fangen wir also ganz vorne an, bei den Vorbereitungen, die jedes gemeinsame Essen verlangt: Das passende Geschirr auf dem Tisch anzuordnen. Diese Geste erzählt von so manchem Umstand, der eine gemeinsame Mahlzeit prägt: Von der ganz bestimmten Anzahl von Essenden, für die der Tisch bereitgestellt ist. Von den Tischsitten und dem Anlass der Einladung. Von der Erwartung und der Vorfreude, die fortlaufend wachsen, während, in zweckdienlicher und demokratischer Weise, Gedecke verteilt werden. Außer der kreisrunden Fläche des Tellers, die dafür bestimmt ist, jedem einzelnen seine Portion vom Ganzen zuzuordnen und ihn milde in seine Grenzen zu weisen, spielt die Individualität des Gastes vorerst keine Rolle; sichtbar ist vielmehr eine symbolische Ordnung, die die Gleichheit und das gerechte Teilen plastisch werden lässt. Das Ziel der gedeckten Tafel ist es, fertig und bereit zu sein, durch schlichte Reize zu gefallen

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und zu locken ohne je den Eindruck eines geschlossenen Kunstwerks zu erwecken: Die Schönheit des gedeckten Tisches besteht in seiner Einladung, in ihn einzubrechen, ihn im Aufbrechen und Auflösen zur Erfüllung seines Zwecks, zur Vollkommenheit zu führen. Von was für einer Betriebsamkeit und Energie, von welch Geräuschen und welch einer Bewegung bleiben als Zeugen nur verdreckte Tellerstapel, leere Schüsseln und Schalen – ein stilles Bild, angefüllt mit lauten und bewegten Erinnerungen. Das Vorher und Nachher sind bloße bildliche Randnotizen, denn weder der unberührte noch der verwüstete Zustand stehen für sich. Der Erstere kündigt schematische Rituale und eingeübtes Beieinandersein an. Der Letztere steht eindeutig für das (inzwischen befriedigte) physiologische Bedürfnis und das gemeinsame, rein stoffliche Interesse. Worauf der eine Zustand also noch wartet und woran der andere erinnert ist die Essenz der gedeckten Tafel: Sie entfaltet sich im Prozess, in der Beteiligung, die den einen Zustand in den anderen überführt, in der freigesetzten und sofort wieder verschlungenen Energie. Im Einwirken und Verändern, im Teilen, Zerteilen, Verteilen erfüllt sich die mühevoll vorbereitete, mit Licht und Geschirr, Sitzmöbeln und Geräuschkulisse geschaffene Raumsituation. Bis es dazu kommt, ist der Raum angefüllt von der Erwartung und dem Anspruch, für eine kurze Zeit und eine intime Runde von Geladenen ein Szenario zu bereiten, das in sich überzeugt, perfekt ist. Kein Wunsch soll offen bleiben. Dass hierfür, heutzutage, meist die eigenen vier Wände den Raum bieten, scheint etwas Bezeichnendes über Gäste und

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Gastgeber zu sagen: Der Wunsch nach Idealem, nach einer verbesserten Welt taucht am liebsten im Persönlichen, Kleinen auf. Die Vorstellung unserer Einflußmöglichkeiten lässt Gesellschaft auf eine übersichtliche und verbindliche Anzahl von Menschen schrumpfen; ebenso die Räume und Orte. Alles was mit »unser« bestückt werden kann, liegt noch drin: unsere Küche, unsere Wohnzimmereinrichtung, unsere Freunde – bei der bewohnten Stadt, auch bei der Straße, will das »unser« nicht mehr so recht über die Lippen. Der ermessen/empfundene Handlungsspielraum beschränkt sich auf wenige Meter um den eigenen Herd (vgl. hierzu: Besuch des Ordnungsamts/ Markieren des Handlungsspielraums, Seite 75); die Utopie und ihre Versuche suchen Unterschlupf im Eigenheim. Auf einem Platz zwischen Baustellen, in einer Durchgangspassage, ausgestellt, ungeschützt und offen, locken wir beides wieder hervor: Die Tafel wird im freien, ungeschützten Stadtraum gedeckt. Alle sind geladen. Die Tür, die es aufzuschließen gilt, fällt weg, Tischmanieren und Gespräche werden sich selbst überlassen. Eine auf Vertrauen und verbindliche Intimität setzende Gesamtsituation sucht sich gerade die unvorhersehbare Konstellation einer öffentlichen Einladung aus: Wie verhält sich Raum zwischen öffentlich und heimisch, zwischen intim und anonym? Der Prozess, der soziale Kern und das Wesen einer Mahlzeit, emanzipiert sich aus dem vorgegebenen, kalkulierbaren Szenario. Die Regie über die Beteiligten verliert ihre klaren Anweisungen. Bewegung und Betriebsamkeit weiten sich über den engen Tafelraum aus, Kommen und Gehen gesellen sich

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zu Gabeln und Messern. Ohne das feste Gefüge von Raum und Beteiligten verselbständigt sich der Prozess, das gemeinsame Einbrechen in die Unversehrtheit der Tafel erfährt die Schönheit der Beschleunigung. Der skulpturale Moment des wartenden Geschirrservices wird zum Gerät einer gemeinschaftlichen kinetischen Plastik die Vorhandenes eigenhändig strukturiert und zersetzt. Im Ritual der Mahlzeit begründen und bestätigen sich seit jeher Verhältnisse, Zugehörigkeiten, Gemeinschaften von Personen und Orten. Der Vorgang, sich als Teil von etwas (einer Gruppe) Teile eines Gleichen (einer Speise) einzuverleiben und zu Eigen zu machen, hinterlässt Bezüge. Das gemeinschaftliche Teilen übt sich selbst. Der dazugehörige Ort erhält neue Vorstellungen. Geht man dem Gedanken nach, dass Orte erst dann Bedeutung erlangen und anfangen zu existieren, wenn eine Vorstellung von ihnen existiert, so entsteht beim ungeschützt-prekären Tafeln neuer Raum: die Oberfläche einer Stadt wird geformt. Mirjam Bayerdörfer Vgl. hierzu/Quellen: Georg Simmel, Soziologie der Mahlzeit und Hans Ottomeyer, Die öffentliche Tafel – Tafelzeremoniell in Europa 1300 – 1900.

Abbildung nächste Doppelseite: Mittwoch, 5. November 2008, Bürgercafé mit Kaffee, Kuchen und Musik.

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Medien Performance, BILD Saarland Gestaltungsentwurf für die saarländische Presse

Die saarländische BILD-Zeitung war im Vorfeld des Wettbewerbs derart an geheimen Informationen interessiert, dass sie im Zuge der ersten Pressekonferenz ständig nach Bildern von den bisherigen studentischen Entwürfen fragte und diese abdrucken wollte. Nach harten Verhandlungen mit den BILD- Journalisten gab ich dann doch zögerlich nach und erlaubte den exklusiven Abdruck meines exklusiven Entwurfs:

Wasserspende Abbildung folgende Seite

Für den Entwurf »Karussell der beleidigten Bergmänner« ist es vorgesehen, die sechs an der ehemaligen Bergwerksdirektion angebrachten Skulpturen von preußischen Politikern, Kriegsherren und Bergmännern abzugießen und in einem metallenen Karussell (mit BlechspielzeugÄsthetik) aufzustellen. Das Karussell wird direkt vor dem Südosteingang der Bergwerks-Shopping-Mall platziert. Auf diese Weise werden die ehemaligen Kolonialherren (Preußen) zusammen mit ihren gestylten Untertanen (saarländische Bergleute) auf den »Boden der Tatsachen« heruntergeholt und in einen, sich um sich selbst drehenden Zusammenhang gebracht. Der zeitgenössische Saarländer kann »Aug in Aug« an seinen Vorfahren und den ehemaligen Vorgesetzten die beleidigte Mimik und Körperhaltung studieren – und zwar ohne sich selbst bewegen zu müssen.

Gezählt sind die Tage der sprühenden Fontänen und überquellenden Brunnen – Wasser im öffentlichen Raum entwickelt sich mehr und mehr zu einem Luxusgut. Die Aktion Wasserspende verkörpert in diesem Zusammenhang ein anarchistisches Moment der Aneignung und Verteilung des Wassers unter Zuhilfenahme öffentlicher Mittel: Ein von den Stadtwerken Saarbrücken entliehener Hydrant wurde an das städtische Wassernetz angeschlossen. Aus ihm sprühte in einer Geste des Überflusses für einen begrenzten Zeitraum Wasser in den, zu diesem Zeitpunkt bereits stillgelegten Brunnen. Vorbereitend waren, im Brunnenboden befindliche Abflussöffnungen mit Beton verschlossen worden, wodurch das Wasser im Brunnen verbleiben und genutzt werden konnte.

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Ausladung verkleinern!

Ausladung vergrößern!

Achtung!

Halt!

Halt – Gefahr!

Beginn der Einweisung

Beenden eines Bewegungsablaufes

Schnellstmögliches Beenden eines Bewegungsablaufes

Bewegung in Richtung!

Entfernen!

Senken!

Heben!

Abfahren!

Einleiten einer Bewegung in eine bestimmte Richtung

Einleiten einer Bewegung vom Einweiser weg

Einleiten einer Abwärtsbewegung

Einleiten einer Aufwärtsbewegung

Einleiten oder Fortsetzen einer Fahrbewegung

Langsam!

Abstandszeichen!

Verzögern und langsames Fortsetzen eines Bewegungsablaufes

Anzeige einer Abstandsverringerung

Ende der Einweisung! 43


was passiert am platz Vor der Bergwerksdirektion? Saarbrücken, Vorplatz der Bergwerksdirektion, November 2008 Aktionswoche vom 3. bis 9. November 2008

Durch den Um- beziehungsweise Neubau zweier großer Einkaufszentren ist die Nutzung des Platzes durch die Bürgerinnen und Bürger, auf Grund der Baumaßnahmen, stark eingeschränkt. Bauzäune und Bauverkehr beschränken, bis zur Fertigstellung der Gebäude, die Nutzung des Platzes als öffentlicher Raum. Der Platz befindet sich im Moment in einer Zwischenphase. Es ändern sich nicht nur die vertraute Gebäudesituation und deren Nutzung auch der ganze Platz wird durch die Anhebung eine neue Form erhalten. Die Änderung der vertrauten Umgebung »Platz mit dem ovalen Brunnen« wurde zunächst von vielen Befragten als negativ empfunden. Was wird aus dem Platz ohne den Brunnen? Kann der Brunnen erhalten werden? Im Rahmen eines Gestaltungswettbewerbs arbeitet das Projektbüro S_A_R (Skulptur, Aktion, Recherche) der HBK Saar, Studentinnen und Studenten, mit dem Einsatz künstlerischer Mittel an Vorschlägen zur Neugestaltung des Platzes. Da es den alten Platz nicht mehr und den neuen noch nicht gibt, besteht die Chance, zunächst durch Recherchieren, Beteiligungen, temporäre künstlerische Aktivitäten, Aktionen, direkt in den Umbau einzugreifen, die Zwischenphase zu begleiten, mit dem Platz und der eingeschränkten Nutzung zu arbeiten, Utopien und realistische Vorschläge abzuwägen und mit allen 44

Beteiligten zu verhandeln. Die Zukunft der Stadt wird an solchen Plätzen verhandelt. Wessen Interessen werden berücksichtig? Wer kann sich mit Ideen einbringen? Was kann die Kunst? Welche Chancen hat der öffentliche Raum? Für wen? Wem gehört die Stadt? In Form von Aktionen, Modellsituationen, Stadtbetreuung, Interventionen, Untersuchungen und Bürgercafé arbeitet das Projekt-Team, direkt, mit und am Platz vor der Berkwerksdirektion dem derzeitigen »Schlomo-Rülff-Platz« in Saarbrücken. Eine Baustelle, an der Sie sich beteiligen sollten.

Mittwoch: Präsentation des Brunnenmalbuchs, Bürgercafé mit Kaffee, Kuchen und Musik, Einfall Rückfall – Aufstieg und Fall junge Kunst (Stunttraining), Engpass, Stadtvermessung IV, »Theodor W. Adorno«, Öffentliches Seminar mit Prof. Matthias Winzen. Donnerstag: Erscheinen des Ordnungsamts, Markierung des neuen Handlungsspielraums, Räumen der Objekte vom Platz. Freitag: Fröhliches Musizieren mit Gästen: Computer, Klarinette, Percussion, Stimme, BeatBox.

Programm Aktionswoche

Samstag: Kressetransformation, Konzert: Rotwein und Pimpinelle. Montag: Eröffnung des Bürgerbüros, Ausstellungseröffung am Bauzaun, Stadtvermessung III, Strasznik/Straszny Soundperformance, Wandgestaltung der Basisstation, Balanceakt. Dienstag: Aufstellen von Podesten »um über den Zaun zu schauen«, Masut, S_A_R Büro-Sitzung, Pressegespräch, »Bewegungsformen im öffentlichen Raum«, Seminar im Eiscafé mit Susanne Jakob.

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Temporäre Gedenkstätte am Schlomo-RülfPlatz Schlomo Rülf war ein angesehener Rabbiner der jüdischen Gemeinde Saarbrücken von 1929 bis 1935. Er kehrte 1951 aus Palästina zurück um ein Jahr der Gemeinde beim Wiederaufbau behilflich zu sein.

Der Vorplatz der Bergwerksdirektion, der aufgrund seines Aufbaus als eigenständiger Platz angesehen werden kann aber keinen Namen trägt, wurde gewählt um am 11. November 2008 an das Novemberpogrom von 1936 zu erinnern.

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einfall rückfall aufstieg und fall junge kunst Ein Beispiel performativen Arbeitens zu dem nicht unerheblichen Phänomen der Gravitation

Die Gravitation verlangt täglich unseren vollen Körpereinsatz. Schon das Aufstehen ist erheblich. Mit dem Stehen beginnt die Labilität, aus der heraus wir mit den Anderen den Raum verhandeln. StuntÜbungen stellen sich den Anforderungen des Alltags und den Herausforderungen der Kunst im Sinne Spinozas »der menschliche Körper kann (sich und) die anderen Körper auf viele Arten bewegen und auf viele Arten disponieren«. Fallvorschläge: Hang over/Head over, Cliffhanger, einfache Sprünge, alle Fälle, Home stunts, Einfall, Zwischenfall, Überfall.

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MASUT Videostills MASUT- Einsatz 4. November 2008

Das »Mobile Analysis System for Urban Terrain« ist innerhalb weniger Minuten zu einer stationären und beweglichen Einheit zusammengebaut. Städtebauliche Hindernisse und territoriale Gegebenheiten können somit überwacht und performativ befahren werden. Über den variabel höhenverstellbaren Mast bestimmt man die Kamerahöhe. Das in einem 360° Schwenkbereich aufgenommene Filmmaterial kann auf einem kleinen Bildschirm im Wagen direkt gesichtet und zur weiteren Analyse aufgezeichnet werden.

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Nach einer Experimentierphase von mehreren Monaten entwickelte sich aus MASUT das Stadtperiskop. Das Stadtperiskop ermöglicht dem Passanten über ein Monokular den Umraum des Platzes aus einer Höhe von sechs Metern zu erkunden. Dieser Entwurf wurde im Rahmen des Wettbewerbs zur Neugestaltung des Vorplatzes der Bergwerksdirektion prämiert und soll 2010 realisiert werden.

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ENGPASS Soziale Skulptur im und zum öffentlichen Raum

Auf dem Weg vom Hauptbahnhof in die Fußgängerzone (Bahnhofstraße) wird der Passant von einem Bauzaun an den Großbaustellen zweier neu entstehender Einkaufszentren vorbei geführt. Diese, den öffentlichen Raum erheblich beschneidende Absperrung, verengt sich etwas unterhalb zu einer Schneise, der Fußgängerstrom wird gestaucht und gelenkt, der einstmals vorhandene öffentliche Platz ist zu einem Unplatz geworden. Die Aktion Engpass steigert die verursachte Enge im Stadtraum ins Extreme und ins Absurde: Weg und Zeit zum Überqueren und Durchschreiten des zugespitzten Punkts ziehen sich plötzlich in eine eigen- artige Länge. Drei sichtdurchlässige Wände aus rot- weißem Absperrband werden zwischen den Bauzäunen gespannt. In jede der Absperrungen ist jeweils eine Tür aus Dachlatten mit möglichst großem Abstand zur nächsten Tür integriert; durch den langsamen Aufbau fließt der Verkehr nach und nach immer mehr durch die von der Konstruktion vorgegebenen Wege. Nach Fertigstellung kann sich der Passant nur noch im Zick-Zack durch alle drei Türen und die sich bildenden Flure bewegen, um zur anderen Seite der Absperrung zu gelangen. Der Weg durch die Engstelle wird dadurch um ein Vielfaches verlängert, ohne dass sich ein Nutzen erkennen ließe. An den Türen ist der Passant angehalten sich rücksichtsvoll zu verhalten, denn es kann immer nur eine Person hindurch gehen. Danach wird er in den Gängen der

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Installation durch die sich bildenden Schlangen gebremst. Er ist inmitten einer Schikane, die räumliche Situation zwischen den Bauzäunen ist ins fast Unzumutbare gesteigert. »Engpass« ist ein Experiment. Es befasst sich mit der Einengung und mit der Fremdbestimmung des Stadtraums. Inwieweit kann eine Beschneidung des öffentlichen Raums erträglich bzw. legitim sein? Wie weit reichen Verständnis und Geduld des Vorübergehenden?

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Stadtvermessung III, iv 54

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Von der Fotografie über die Installation zur Plastik in die Stadt Urbane Gestaltungsprozesse visualisieren

Malen Minimaler Materialaufwand (drei Grundfarben und Gold in Acryl, Bleistift, Ölpastellkreide, Paketschnur, Pappe) Kleines Format (angelehnt an Postkarte) – Serie – grundiert (grün = Kresse, blau = Wasser, violett = scheinbar) Figur gezeichnet – lasierend übermalt – mehrfach wiederholt – in Wurstpapier verpackt – ausgestellt und verkauft vor Ort (10 bis 30 Euro).

Beobachtung und Empfindung fließen in die Variation eines abstrakt figürlichen, raumbezogenen Motivs, Facetten eines kollektiven Stadtbewusstseins werden visualisiert und geteilt.

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In Form einer analogen schwarz-weiß Fotoserie dokumentierte ich über den Zeitraum von mehreren Monaten in loser Form das Geschehen vor Ort, wobei ich selbst durch die mehrgleisige Projektarbeit (Rolllust, Kresse, malen) zu einem festen Teil des Raumes wurde. Fünf Tage nachdem der Brunnen sowie ein grosser Teil des Platzes von einem massiven Holzzaun umgrenzt wurde, kopierte ich eine Auswahl von fünfzig Abzügen auf DIN A3 (Zeitungsformat) und installierte diese mit Kreppund Isolierband über eine Fläche, welche den Maßen des Brunnens in etwa entsprach. Nachts zuvor bohrten Unbekannte eine Vielzahl von Schaulöchern in den Zaun, welche ich in einige Arbeiten integrierte. Folgend collagierte ich über mehrere Tage die Kopien teilweise so, dass Strich für Strich die Grenze zwischen Fotografie und Malerei, also dem Klischee entsprechend zwischen Realität und Fiktion, verschwamm. Durch den Einfluss des Raums, Menschen und Klima, war die Installation in einem steten Wandel, der sich durch Spuren auf den einzelnen Kopien unterschiedlich stark abzeichnete. Abfallende Stücke wurden gesammelt und auch die übrigen wurden nach zwei

Monaten restlos von der Wand entfernt und archiviert. Am 28. September 2008, einem öffentlichen städtischen Kunsttag, übertrug ich offiziell Ausschnitte einer Auswahl der Originalstücke mit Tapetenkleister auf kleinformatige Leinwände (20 x 20 cm, 24 x 30 cm) und kolorierte diese teilweise nach. Anfang November, im Rahmen einer einwöchigen S_A_R Aktionswoche, wurden diese Stücke von täglich 10.00 – 18.00 Uhr am Bauzaun ausgestellt.

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Karle - Kresse Kresse (lat. lepidium sativum), einjährige krautige Pflanze. Erreicht Wuchshöhen von bis zu 50 Zentimetern. Die Stängel sind kahl, bläulich grün und nach oben verzweigt. Die weißen bis rosafarbenen Blüten sind zwittrig und vielzählig. Es werden Schoten gebildet.

Am 10. Mai 2009 ging ich morgens früh in den Baumarkt und kaufte 50 Liter Blumenerde, drei Packungen Kressesamen und eine kleine Gießkanne, brachte diese Dinge im Einkaufswagen per Straßenbahn zum Brunnen. Ich verteilte im hinteren Brunnenbereich, an zwei oval geschwungenen Innenseiten, über eine Länge von circa zwei Metern Blumenerde, wobei eine circa ein Meter breite Öffnung blieb. Anschließend füllte ich am nahe gelegenen (circa 500 Meter) Flussufer der Saar fünf 1,5 Liter Plastikflaschen mit Wasser, säte die Samen und bewässerte mit der Gießkanne die Erde. Die Bewässerung der Nutzpflanze wurde vier mal täglich wiederholt. Bereits nach wenigen Tagen sprossen die Keimlinge aus der Erde und wurden sofort von den äußerst aggressiven Tauben attackiert, so verließ ich die schattige Position an der Box und baute meinen Maltisch direkt auf dem Brunnen auf, um als lebende Vogelscheuche zu fungieren. Die Kresse wuchs über zwei Monate bis zur Blüte, wobei diese von den Bürgern auch in meiner Abwesenheit respektvoll behandelt wurde. Die Pflanze mit ihrem kräftig hellgrünen Farbton wurde kontinuierlich zu einem festen Bestandteil des urbanen Raumes. Als die Fußball- EM den innerstädtischen Raum übernahm und sich auch an diesem Platz regelmäßig unkontrollierbare Menschenmengen entluden, ließ ich die

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Kresse verdorren, um aufbauend auf den getrockneten Resten eine zweite Generation zu pflanzen und mit Hilfe meines Assistenten Sandro aufzuziehen. Der Bau des Zaunes verhinderte eine weitere Pflege, wobei die Pflanze mit Hilfe gelegentlicher Regenschauer sich nicht vom Wachsen abhalten ließ. Durch bauliche Maßnahmen sowie dem unsachgemäßen Umgang verkümmerte diese jedoch und wurde im Rahmen einer gemeinsamen S_A_R Aktionswoche feierlich in eine 70er Jahre Joghurtmaschine transformiert.

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platzplätzchen

Das BrunnenMalbuch Der Brunnen bleibt! Der Brunnen muss weg!

Der ovale Brunnen, der zwischen Stadt und Bahnhof zum Anhalten und Verweilen einlud, liegt heute hinter einem Zaun verborgen. Er wird im Zuge einer Platzumgestaltung zerstört. Das Brunnenmalbuch ist eines von drei Souvenirs, welche die ursprüngliche Situation des Platzes thematisieren. Seit April 2008 haben wir den Brunnen und die vor Ort stattfindenden Veränderungen gleichermaßen for-

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schend und dokumentierend begleitet und durch Aktionen in die jeweils vorgefundenen Zustände eingegriffen. Das Brunnenmalbuch ist ein interaktives Souvenir und als künstlerischer Aufruf zum Ausmalen zu verstehen.

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S_A_R ARCHiv für Verhaltens- und Interaktionsformen in öffentlichen Räumen, S_A_R Projektbüro Der Begriff »öffentlicher Raum« vermittelt noch die Illusion, dass es einen Raum gibt, der für jedermann öffentlich zugänglich und verfügbar ist. Bei der Nutzung traditionell öffentlicher Räume wie beispielsweise Plätze, Straßen und Parks stößt man jedoch sehr schnell an Grenzen. Man macht die Erfahrung, dass es nicht einen demokratisch zugänglichen Raum, sondern dass es unterschiedliche Räume öffentlichen Interesses gibt, deren Zugangs-, Aufenthalts- und Nutzungsrecht ständig neu geregelt wird und immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Der »Raum für Alle« und mit ihm auch die darin enthaltenen öffentlichen Objekte sind verstärkt in den letzten zwanzig Jahren teils heimlich und verdeckt, teils offensiv, in unterschiedliche Interessenssphären aufgeteilt worden. Diese Sphären öffentlichen Interesses können öffentlich, halböffentlich, scheinöffentlich und privat(-wirtschaftlich) sein. Dabei haben sie ein Faktum gemeinsam: sie sind meistens ge-

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setzlich geregelt, administrativ erfasst und sie werden kontrolliert. Der amerikanische Soziologe und Autor Mike Davis erwähnt zu Beginn der neunziger Jahre in seinem Buch »City of Quarz« drei Instrumente, die im Kampf um den öffentlichen Raum eingesetzt werden: Stadtplanung, Architektur/Kunst und Polizei. (Davis 2006: 219) In der ersten Hälfte der neunziger Jahren wurden diese ungleichen Paare um weitere Lenkungs- und Kontrollinstrumente erweitert: Mit speziellen Gesetzen sowie Ausnahme- und Sondergenehmigungen regulieren Legislative und Exekutive die Zugangs- und Nutzungsrechte im urbanen Raum, der immer mehr von privaten und kommerziellen Begehrlichkeiten ververeinnahmt wird. Parallel dazu beherrscht, als verlängerter Arm der Exekutive, eine weitaus wirkungsvollere Instanz das urbane Leben: In U-Bahnbereichen oder Kreuzungen ersetzen inzwischen mediale Augen die Präsenz der Polizei. Während die analoge und digitale Überwachung lange Zeit auf spezielle private, kommerzielle und halböffentliche Räume wie Banken und Museen, Kaufhäuser und Bahnhöfe beschränkt geblieben ist, fand Mitte der neunziger Jahre unter einer von diversen Interessen geleiteten Sicherheitshysterie eine deutliche Expansion der medialen Kontrolle in öffentliche Räume statt. Die weithin sichtbare oder auch clandestine Installierung öffentlicher Überwachungssysteme bewirkt, neben einem vermeintichen Sicherheitsgefühl, vor allem eine Normierung und Einschränkung menschlicher Verhaltensweisen. Die Folge davon ist, dass ursprüngliche Qualitäten des urbanen Raumes, die man mit Offenheit, Heterogenität und Vielfalt, Anonymität

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in der Masse, Toleranz, geringe soziale Kontrolle und (Bewegungs-)Freiheit verband, in der Kontrollgesellschaft immer mehr verloren gehen. In gleichem Maße werden Elemente der Gewaltenteilung, die einen wesentlichen Bestandteil demokratischer Öffentlichkeit ausmachen, in der Kontrollgesellschaft immer weiter an Aufzeichnungssysteme delegiert – bis sie sich selbst irgendwann überflüssig machen. Neben den gesetzlich verankerten Normen und staatlich verordneten Regulierungsmechanismen bilden jedoch auch nicht-sprachliche Konventionen wie beispielsweise Rituale und Bräuche, so genannte soziale Normen, die mit bestimmten Orten und Situationen verknüpft sind, menschliche Verhaltensformen aus. Inwieweit Gesetze, Kontrollinstanzen, Rituale und Konventionen das Verhalten in den unterschiedlichen öffentlichen Räumen bestimmen, führt der Jurist und Politologe Martin Klamt in seinem 2007 erschienen Buch »Verortete Normen« aus, in dem er den Zusammenhang von Normen, Raum und Kontrolle und deren Wirkung auf die subjektive Wahrnehmung und das Verhalten der Raumnutzer ausleuchtet. (Klamt 2007:96) Geht man davon aus, dass es sich bei künstlerischen Praktiken im öffentlichen Raum häufig auch um derivate Positionen handelt, so stellt sich die Frage, inwieweit sich künstlerische Handlungsspielräume durch Kenntnis nicht nur der historischen, stadtplanerischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen, sondern auch der mit einem Ort verbundenen sozialen Normen erweitern lassen. Für unsere Untersuchungen zum sozialen städtischen Raum ist eine Äußerung des franzö-

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sischen Philosophen Henri Lefebvre von Bedeutung, der in seiner Schrift »The Production of Space« (Lefebvre 1991) die These vertrat, dass »Raum nicht nur durch soziale Interaktion entsteht, sondern auch aktiv gestaltet werden kann.« Für uns schließt sich hier eine weitere Frage an: Inwieweit können durch künstlerische Handlungen die Atmosphären, die Strukturen und das Verhalten in öffentlichen Räumen beeinflusst oder gar verändert werden? Wie müssen diese Handlungen und Aktionen beschaffen und strukturiert sein, um nicht nur mediale Aufmerksamkeit, sondern auch eine gesellschaftliche Wirksamkeit entfalten zu können? Diese Fragestellungen werden seit Sommersemester 2008 im Rahmen der Forschungsarbeit am S_A_R Archiv/S_A_R Projektbüro in Zusammenarbeit mit Studenten erforscht. Parallel zu den Aktionstagen des Projektbüros S_A_R vom 3. November bis 9. November 2008 fand ein Seminar zumThema »Bewegungsraum« in einer nahe gelegenen italienischen Eisdiele statt. Das Seminar hatte unter anderem die Funktion, die aktionistische Praxis am Platz vor der Bergwerksdirektion theoretisch zu fundieren. Hierbei wurde die generelle Nutzungsmöglichkeit unterschiedlicher öffentlicher Räume ausgelotet. Speziell wurden die urbanen Funktionsräume, die der Fortbewegung dienen einer eingehenden Analyse unterzogen. Ausgangspunkt für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem urbanen Feld bildete eine Mindmap, die im Rahmen der bisherigen theoretischen Auseinandersetzung und empirischen Forschungsarbeit entwickelt wurde. Das Schaubild zeigt exemplarisch das Auseinanderfallen des öffentlichen Raums in diverse Teil-

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räume, die von unterschiedlichen Interessengruppen geprägt sind, sich ständig neu formieren und mit eigenen Symbolen und identitätsstiftenden Elementen belegt werden.

plädoyer für einen ort, an dem man sitzen, herumstehen und liegen kann

Abbildung unten: Mindmap öffentlicher Räume bildet den Ausgangspunkt für die mikrosoziologischen Untersuchungen des S_A_R Archivs für Verhaltens und Interaktionsformen in öffentlichen Räumen.

zeichenund kontrollarme Räume

Privatraum/ sphäre mit beschränktem, gesetzlich

privater Verortung ennett) Normen (S

Landschaft, Wüste

E LL RO KO

NT

Medien, Werbung

ten

rech gangs

n Zu

hme a

Abna

Repräsentationsraum

Zu n

ah

me

an

urbane Teilöffentlichkeiten Interessensräume

Fußgängerzone, Straßen, Plätze

Parakulturelle Räume HAUSRECHT

Konsumräume, Passagen, Malls, Entertainment, Center

halböffentliche Räume

privat- öffentlich Balkon, Eingangsbereich

städtische, staatliche Institution

Ghettoisierung von Gesellschaftsgruppen migrant./demograph./sozial

Ab/Ausschluss von Communities residuelle Segregation

GEWALTENTEILUNG

Bahnhöfe, Flughäfen, Verkehrsmittel

Fußgängerzone, Straßen, Plätze

n srechte

Zunah

Erzeugung politischer Öffentlichkeit

privatwirtschaftliche scheinöffentliche Räume

Bewegungsraum StVD

urbane Brachen, Industriebrachen

ugang me an Z

mediale, virtuelle Räume der Kommunikation und Information

Internet, ChatRooms

Aufspaltung des öffentlichen Raums in diverse Teilöffentlichkeiten/Interessensräume mit unterschiedlichen öffentlichen Zugangsund Nutzungsrechten, die immer wieder neu ausgehandelt werden.

Zwanzig Studenten drängen sich am 4. November 2008 im Hinterzimmer der italienischen Eisdiele um einen Tisch, um über den Zustand öffentlicher Räume und künstlerische Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren. Anlass für das ungewöhnliche Seminar, das von »Verhaltens- und Interaktionsformen in öffentlichen Räumen« handelte, boten die Aktionstage, die vom 3. November bis 9. November 2008 vom S_A_R Projektbüro auf dem ehemaligen städtischen Terrain vor der Bergwerksdirektion organisiert wurden. Unter der Leitung von Prof. Georg Winter hatte das an die HBKSaar angliederte S_A_R Projektbüro unter dem Motto »Sculpture. Action. Research« schon im Frühsommer 2008 damit begonnen, den zwischen Bergwerksdirektion, Schlemmermeile und Bahnhofstraße gelegenen namenlosen Platz, den bis vor kurzem noch ein ovaler Granitbrunnen zierte, mit unterschiedlichen künstlerischen Praktiken zurück zu erobern. Die künstlerische Rückge-

Zunahme durch Globalisierung Umwandlung und Verkauf von städt./staatl. Eigentum an privatwirtschaftliche Nutzer/ Investoren

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winnung, Sicherung und Bergung des Platzes waren mit einem enormen materiellen und zeitlichen Aufwand, mit Ausdauer und physischer Präsenz verbunden. Das künstlerische Engagement artikulierte sich unter anderem in einem kioskartigen Habitat, in Straßenaktionen und theaterartigen Aufführungen, in Konzerten, Open-Air-Kino und Bürgercafé, in Vorlesungen und Seminaren, in einem Skaterfestival, bei dem die urbanen Oberflächen abgefahren wurden und in einer betreuten Bauzaun-Ausstellung, die über vier Monate lang für jedermann zugänglich war. Die 1996 eingeweihte »ovale Wasseranlage« im Herzen Saarbrückens zählte bis vor kurzem zu den klassischen Räumen öffentlicher Nutzung, da sie inmitten der verkehrsberuhigten Fußgängerzone, als Knotenpunkt verschiedener Wege und damit als zentraler Treff- und Rastpunkt funktionierte. Nach dem Verkauf der Bergwerksdirektion und der Überlassung der Gestaltungshoheit des angrenzenden Areals an einen Investor wurde der Platz zum exemplarischen Austragungsort von öffentlichen und privatwirtschaftlichen Interessen. Die Meinungen und Meldungen, die sich in den Medien, in Unmutsbekundungen von Passanten über den »Ausverkauf der Stadt« und in Protesten politischer Gremien niederschlugen, spiegelten die Reaktionen einer noch funktionierenden demokratischen Öffentlichkeit. Während die Stadtverwaltung von der Privatisierung eine Aufwertung der Innenstadt (unter Einsatz der vom Investor beauftragten Sicherheitsdienste) und damit eine Steigerung des potenziellen Einkaufs- und Freizeit-

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werts erhoffte, sind auf der anderen Seite demokratische Prozesse, die mit Information, Transparenz und Kommunikation verbunden sind, vernachlässigt worden. Der Stadtplaner und Architekt Andreas Feldtkeller weist in seinem Buch »Die zweckentfremdete Stadt« auf die Gefahren der Privatisierung öffentlicher Räume hin, die er im Ende der Kommunikation und in der Aushöhlung der demokratischen Gesellschaft sieht. Anstelle der normierten Investorenarchitektur, die im Zuge der Privatisierung die Innenstädte »globalisiert«, plädiert Feldtkeller für eine »Stadt mit Eigenschaften.« (Feldtkeller 1994: 137f.) Zu diesen Eigenschaften zählen auch das Zulassen sozialer Mikromilieus und demokratischer Prozesse, die sich nicht in der restriktiven Einschränkung von Aufenthalts- und Handlungsmöglichkeiten und in der Ausgrenzung weniger zahlungskräftiger Bevölkerungsgruppen äußert, sondern in allgemeinen Zugangs-, Aufenthalts- und Nutzungsrechten. In gleichem Maße gehören jedoch auch das Zulassen von Vielfalt, Offenheit und Toleranz, Diskursivität und Vitalität zu den im Schwinden begriffenen Qualitäten städtischen Lebens. »…« Sitzen und Gehen, Flanieren und Treffen, Essen und Kaufen, Flirten und Demonstrieren muss möglich sein – möglichst gleichzeitig –, sonst entsteht kein »öffentlicher Ort«, nur »deutsche Fußgängerzone«! (Kaschuba 2003) Susanne Jakob, 2009

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Literatur Davis, Mike (2006): City of Quarz, Ausgrabungen der Zukunft, 4. durchgesehene Auflage, Berlin, Hamburg. Feldtkeller, Andreas (1994): Die zweckentfremdete Stadt, Wider die Zerstörung des öffentlichen Raums, Campus Verlag Frankfurt/ New York. Kaschuba, Wolfgang (2003): Repräsentationen im öffentlichen Raum, in: Wolckenkuckucksheim 8. Jg., Heft 1. Klamt, Martin (2007): Verortete Normen. Öffentliche Räume, Normen, Kontrolle und Verhalten. Verlag für Sozialwissenschaften, München. Lefebvre, Henri (1991): The Production of Space/ La production de L`espace (franz. 1974), Malden/Oxford.

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»Die Kunst ist nicht, wie das Convenu will, Synthesis, sondern zerschneidet die Synthesen mit derselben Kraft, die sie bewerkstelligte« T.W. Adorno, Ästhetische Theorie Adorno-Seminar am 05.11.2008, um 18:00 Uhr, Schlomo-Rülf-Platz, Saarbrücken.


Strasznik / Straszny Die Soundperformance bedient sich der Mittel des Field- und des Life Recordings. Beide Techniken werden kombiniert, ihre Erzeugnisse dabei über Lautsprecher wiedergegeben; ein Mikrofon nimmt die Geräusche des Platzes, der Passanten und der Baustelle auf, welche mit Computer gemischt, bearbeitet und neu abgespielt werden. Instrumente wie Sprache, Klarinette, Saxophon und Electronics erweitern das Spektrum. Klänge unterschiedlichen Ursprungs verbinden sich zu einem Klangkörper, der Vergangenes, Aufgenommenes und Gegenwärtiges »Live« vereint. Weiterer Verlauf der Performance: Ein mit Kieselsteinen und Münzgeld befüllter Betonmischer wird hinzugezogen und per Mikrofon abgenommen; der erzeugte Rhythmus mischt sich mit den Geräuschen der Baustelle und bringt sie zu neuer Geltung. Der tatsächliche und imaginäre elektronische Fluss quer über den Platz schafft eine körperliche Verbundenheit zwischen den performierenden Elementen: Die Anordnung von Mischstation, Betonmischer, Mikrofon und Beleuchtung, von Performer und Publikum wird mit dem abnehmenden Tageslicht zur audiovisuellen Skulptur.

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Ordnungsamt Abbildungen Seite 82 bis Seite 85

Am Donnerstag kommt Besuch vom Ordnungsamt Saarbrücken. Grund dafür sind Beschwerden von Ladenbesitzern und Anwohnern, die am Vortag durch die Installation »Engpass« kurzzeitig gehindert waren, mit ihren Kraftfahrzeugen die Fußgängerzone zu durchfahren. Nach ersten Annäherungsversuchen durch das gegenseitige Aufnehmen der Personalien wird bemängelt, dass sich noch Überreste der Aktion an den hölzernen Bauzäunen befänden. Da sie als verbleibende Skulpturen nicht den Qualitätsvorstellungen des Ordnungsamtes entsprachen, werden diese in der Folge entfernt. Als Konsequenz und Verwarnung (unsere Kompetenzen des weiteren nicht mehr zu überschreiten) wird uns jegliches nicht abgesprochene Agieren auf dem Vorplatz untersagt und als Handlungsraum ein Radius von drei Metern um das Projektbüro mit den Behörden ausgehandelt. Ein mit Straßenkreide gezogener Aktionsradius zeugt für kurze Zeit von dieser Begegnung und den erschwerten Arbeitsbedingungen. Die Klage wird in den folgenden Wochen zurückgezogen. 75


»Der Nagel« Ein städtebauliches Objekt auf dem Vorplatz der Bergwerksdirektion. Aufgabenstellung zum Wettbewerb für Studierende der HBKSaar im Wintersemester 2007/2008

Geplante Maßnahmen: Baumreihe und Fahrradständer an Stelle des Bushalteplatzes. Platanen analog Begrünung der Bahnhofstraße und Reichsstraße.

Geplante Maßnahmen: Sitzgelegenheiten zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität. Unterstützung der Platzform; Sitzstufen der Treppenanlage laden zum Verweilen ein.

Anforderungen: Grundfläche bis circa 3 x 3 m, Höhe bis circa 6 m. Berücksichtigung der zukünftigen Wegebeziehungen. Berücksichtigung der Blickbeziehung BahnhofStraße/Eingang Bergwerksdirektion. Einhaltung eines Kostenbudgets von 25.000,00 Euro. Kostenneutralität hinsichtlich der Betriebskosten, alternativ Klärung der Kostenübernahme (sponsoring ?), Durabilität, insbesondere gegen Witterung und Vandalismus.

Geplante Maßnahmen: Formale Fassung des Platzes. Vereinheitlichung der Gefällesituation, Behindertengerechter, ebenerdiger Zugang in das künftige Center. Definition der südlichen Platzkante durch großzügige Sitzstufen.

Forderungen: Maßstäbliche Darstellung in Grundriss/Ansicht/Schnitt einschließlich der städtebaulichen Einbindung. Perspektivische Darstellung. Modell im Maßstab 1:66B. Begründung/Erläuterungsbericht. Kostenschätzung

Veränderungen in der Kernstadt: Europabahnhof. Erweiterung der Saargalerie. Berliner Promenade. Verlagerung der Passantenströme erfordert Neuordnung des Platzes.

Termine: 12.12.2007 Startkolloquium. Nach Bedarf Zwischenkolloquium. Mitte Mai 2008 Präsentation der Grundidee. Dezember 2008 Jurysitzung, Präsentation. Bis Ende August 2009 Fertigung. Bis Ende September 2009 Aufstellung.

Geplante Maßnahmen: Ergänzung beiderseits der Trierer Straße »Boulevard« im Endausbauzustand.

Aufgabenstellung: Entwicklung eines städtebaulichen Objekts im Schnittpunkt der Blickachsen (der »Nagel«). Adressierung des Platzes über das zu entwickelnde Objekt (»CI«). Berücksichtigung der städtebaulichen Situation. Gelenkfunktion des Platzes. Höhensituation des Platzes.

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Bedeutung der Gebäude, Wegebeziehungen, Blickbeziehungen.

(Auszug aus den Wettbewerbsvorgaben)

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Der Fünfte Pavillon – »Normally i don’t do this kind of stuff!« Neue Ausstellungsreihe des S_A_R Projektbüros, Eröffnungsausstellung von Frederic Ehlers, 25. Juni bis 2. Juli 2009

Unter dem Titel »Der Fünfte Pavillon« startet das von Prof. Georg Winter initiierte und betreute S_A_R Projektbüro an der Hochschule der Bildenden Künste Saar eine neue Ausstellungsreihe in der Saarbrücker Innenstadt. Im »fliegenden Bau« auf dem Vorplatz der Bergwerksdirektion, den Studierende während der vergangenen Semester als Stadtlabor nutzten, wird nun alle zwei Wochen eine neue Ausstellung eröffnet, die jeweils eine Woche lang zu sehen ist. Der Auftakt der neuen Ausstellungsreihe wird bestritten mit Frederic Ehlers Präsentation »Normally I don’t do this kind of stuff (Drawings, Pix, Collages and other Stuff)«. Der Schwerpunkt von Ehlers Arbeiten liegt in der künstlerischen Recherche und in der prozessorientierten kreativen Entwicklung. Das Endprodukt als abgeschlossenes Werk spielt eher eine untergeordnete Rolle. »Die Ausstellung wirkt daher wie eine große Skizzensammlung: bunt und persönlich, kindisch, humorvoll und ziemlich chaotisch, aber mit vielen Parallelen zwischen den verschiedenen Arbeiten, die Raum schaffen für abstruse und komplexe Geschichten«.  

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Der Fünfte Pavillon – Amore ohne Schinken, Sinn ohne Zweck Ausstellung, 23. bis 30. Juli 2009, Cornelia Fachinger und Philipp Neumann

Im Zeitraum einer Woche hatten Passanten die Möglichkeit, im Fünften Pavillon der HBK Saar an einer Meinungsumfrage zur Veränderung des Baustellenbildes der ehemaligen Bergwerksdirektion in der Innenstadt Saarbrückens teilzunehmen. Ausgangspunkt war der Vorschlag, die Holzkonstruktionen über dem Eingangsbereich, welche zum Schutz der beiden Arbeiterstatuen angebracht wurden, mit Fotografien mythologisch angelehnter Darstellungen zu versehen. Die Abgabe der Stimme erfolgte nach Betrachtung des Vorschlags als Fotomontage und der zugehörigen Ausdrucke in Originalgröße. Für den Vorgang des Wählens wurden eine Sitzmöglichkeit und ein Tisch mit Wahlurne bereitgestellt. Die Urne (Karton, 20 x 20 x 20 cm) mit circa 80 Stimmzetteln bleibt ungeöffnet. Dieses geschlossene Gefäss, gefüllt mit öffentlicher Meinung, ist das Produkt unserer Auseinandersetzung mit der Wandlung der Saarbrücker Bergwerksdirektion und der Frage nach Sinn und Zweck von Meinungsumfragen sowie der Wertigkeit ihrer Ergebnisse.

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Der Fünfte Pavillon – Tropisch 1 Performance, 13. August 2009, 16.00 bis 18.00 Uhr Mirjam Bayerdörfer und Daniela Nadolleck

Versuchsanordnung: Tropisches Klima, im besonderen das Äquatorialklima zeichnet sich aus durch stetig hohe Temperaturen und eine ungewöhnlich hohe Luftfeuchtigkeit, empfunden als feuchte Hitze. Bei einer Jahresmitteltemperatur von 25°C und einer Luftfeuchtigkeit von 95% gedeiht eine Vielfalt von Pflanzen- und Tierarten. In dem geschlossenen Versuchsraum bemühen wir uns, über einen Zeitraum von 90 Minuten, ähnliche klimatische Verhältnisse herzustellen. Während dieser Zeit berichtet die Anzeige auf dem Monitor über die Lage im Innern. Um 18.00 Uhr laden wir Sie ein, das Erreireichte persönlich zu überprüfen und den Versuchsraum durch die Hintertür zu betreten. Für erfrischende Getränke ist gesorgt. Versuchsdurchführung: Wir starten bei knapp 80% relativer Luftfeuchtigkeit und 20°C. Ein Bodenbrett bricht unter der abrupten Belastung; von mitgebrachten 8 Litern Wasser trinken wir die Hälfte; als die Besucher hereinkommen, zeigt das Hygrometer 100% und 21,5°C: Es röche wie im Zoo, sagt man uns.

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Der Fünfte Pavillon – Tempmahplast grüSSt das Saarland Vernissage/Finissage, 9. September 2009, 17.00 Uhr, Nadine Kiesé

Auf einer Tour durch die saarländischen Städte Merzig, Neunkirchen, Saarlouis und St. Wendel wurde das stürzende Tempmahplast in Fotoserien dokumentiert. Das Tempmahplast ist eine mobile und temporäre Mahnmalplastik, ein Fixpunkt des Gedenkens. Damit das Tempmahplast seine Funktion erfüllen kann, muss es errichtet und nach dem Akt des Gedenkens wieder abgebaut/gestürzt werden. Für die eintägige Ausstellung »Tempmahplast grüßt das Saarland« entstanden Daumenkinos aus den Fotoreihen. Auf dem Schlomo-Rülf-Platz wurden diese zusammen mit dem aufgestellten Tempmahplast gezeigt – für die Dauer der Austellung mit zwei Eisenstäben in einem Sockel verankert und standfest gemacht. Diese gaben nach und verbogen sich, als die Plastik mit Hilfe einer Nylonschnur zum Stürzen gebracht wurde und in einer langsamen Bewegung zu Boden fiel.

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Der Fünfte Pavillon – Style`n´look performance Performance, 20. August 2009, 20.00 Uhr Anna Kautenburger

Carola Blau von Studio Beauté führt sie in die Welt der dekorativen Kosmetik, mit einer style`n´look performance am 20. August 2009 um 20.00 Uhr, im Fünften Pavillon der HBK Saar. Vergessen Sie Ihren Alltag und wenden Sie sich den schönen Seiten des Lebens zu.   http://www.youtube.com/CarolaBlau

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Index

Georg Winter g.winter@hbksaar.de Vom Vorplatz der Bergwerksdirektion zum Schlomo-Rülf- Platz, Seite 10 Straßenkampfübung/Street fight exercise, Seite 28 Was passiert am Platz vor der Bergwerksdirektion?, Seite 44

Index Nadine Kiese

Birgit Körner

su.jakob@t-online.de

nakisch@gmail.com

birgit_koerner@web.de

S_A_R - Achiv für Verhaltens- und Interaktionsformen in öffentlichen Räumen, Seite 64 Plädoyer für einen Ort an dem man sitzen, herumstehen und liegen kann, Seite 69

Aktion: Temporäre Gedenkstätte Schlomo-Rülf-Platz, Seite 46

Steffi Westermayer steffi@westermayer.de

Dieter Call dietercall@ginko.de Brunnenwasser, Seite 24 Stadtvermessung III, Seite 54 Das Brunnen-Malbuch, Seite 61

eventphil@web.de

Öffentliches Brunnenfrühstück, Seite 30

Daniela Nadolleck daniela.nadolleck@googlemail.com

TanTing

Wasserspende, Seite 39 Einfall Rückfall – Aufstieg und Fall junge Kunst, Seite 48 Der Fünfte Pavillon – Tropisch 1, Seite 84

tanting123@hotmail.com

Phillip Neumann

Anja Voigt

Der Fünfte Pavillon – Amore ohne Schinken, Seite 82

anja_voigt@gmx.net

Somprot Sirirat (Big) niobigham@yahoo.de

Brunnenwasser, Seite 24 Das Brunnen-Malbuch, Seite 61

Martina Wegener wegener.martina@gmx.de

Mirjam Bayerdörfer m.bayerdoerfer@hbksaar.de

Katharina Ritter

Eine Tafel decken, Seite 32 Der Fünfte Pavillon – Tropisch 1, Seite 84

katharina.ritter@gmx.de

Fragen an Passanten, Seite 22

Nikolaus Schrot

Masut, Seite 50 n.schrot@gmx.net

Hyun Ju Do

Alexander Karle

dohyunju77@yahoo.de

pathai@web.de

Deng Runxia

Rolllust Brunnensession, Seite 26 Malen, Seite 56 Von der Fotografie über die Zeichnung zur Plastik in die Stadt, Seite 57 Karle Kresse, Seite 58

Wojtek Bajda clarinetist@gmx.de

dengrunxia@hotmail.com

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Engpass, Seite 52

Anna Kautenburger

Strasznik/Straszny, Seite 74 anna_kuss@gmx.de

Susanne Jakob

Der Fünfte Pavillon – Style‘n‘Look Performance, Seite 88

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index

impressum Caroline Streck

Jan Engels

Caro-Marlene@gmx.de

Redaktion: S_A_R Projektbüro Daniela Nadolleck, Georg Winter, Nikolaus Schrot, Mirjam Bayerdörfer

Martin Stoll

Textbeiträge: Georg Winter, Susanne Jakob, Mirjam Bayerdörfer und alle Beteiligten

jansculptor@yahoo.ca Masut, Seite 50

Inkyung Choi 8u7y6@naver.com

Fliegender Bau: Entwurf, Realisation, Seite 14

Lena Hennig

Stadtvermessung IV, Seite 55 lenajuhu@yahoo.de

Arne Menzel artmenzel@web.de Medienperformance BILD Saarland, Seite 38

Cornelia Fachinger cm.fachinger@web.de Der Fünfte Pavillon – Amore ohne Schinken, Seite 82

Bildrechte bei den Projektverantwortlichen, außer Seite 51/56 Oliver Dietze, Gestaltung: Binger/Stoll, Saarbrücken Druck: Auflage: 1000 Stück

Platzplätzchen, Seite 60 Copyright: S_A_R Projektbüro, 2010

Frederic Ehlers

http//:www.sar.hbksaar.de

Diese Publikation wird in Kooperation mit der ECE, der Credit Suisse, der Landeshauptstadt Saarbrücken, der Hochschule der Bildenden Künste Saar vom S_A_R Projektbüro herausgegeben. Sie erscheint als Teil des städtebaulichen Gestaltungswettbewerbs: »Der Nagel« Ein städtebauliches Objekt auf dem Vorplatz der Bergwerksdirektion, Wettbewerb für Studierende der HBK Saar im Wintersemester 2007/2008. Vielen Dank an die BürgerInnen der Landeshauptstadt Saarbrücken, an Frau Oberbürgermeisterin Charlotte Britz, an Frau Baudezernentin Rena Wandel-Höfer, an Herrn Markus Bischoff, an Frau Kunz und ganz besonders an Herrn Prof. Ivica Maksimovic.

fredattack@yahoo.de Der Fünfte Pavillon – Normally I don‘t do this kind of stuff, Seite 80

Mit freundlicher Unterstützung und in Kooperation mit:

Franz Helffenstein el.nobo@googlemail.com Achtung Halt, Seite 42

Christine Reisen creisen@gmx.de Fragen an Passanten, Seite 22

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26352 Stunden, Schlomo-Rülf-Platz  

Seit Oktober 2007 hat sich ein vielköpfiges Studententeam mit und an dem Platz der ehemaligen Bergwerksdirektion beschäftigt. Ein Jahr davon...

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