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Wirtschaft tschaftt in Baden-Württemberg

Ausgabe 6 | 2016

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Gründergeist im Land Wie Baden-Württemberg bei jungen und innovativen Unternehmen aufholen kann. SEITEN 1–10

Wirtschaft & Erfolg Trainee-Programme können die Karriere fördern, sind aber keine Aufstiegsgarantie. SEITE 11

Wirtschaft & Debatte

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Grenzen des Wachstums – wann sind sie erreicht? SEITEN 19–21

Ohne Start-ups keine Zukunft Es sind die Menschen, die außerhalb der bestehenden Strukturen denken, die Baden-Württemberg für die Umbrüche der Digitalisierung wappnen können. Das benötigt mehr als Förderung – es braucht vielmehr ein neues Denken. Von Andreas Geldner Innovation

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aden-Württemberg hat seinen Gründern viel zu verdanken. Die Garagenfirmen von einst hießen Bosch, Daimler und Benz. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hießen die Gründer des heutigen IT-Weltkonzerns SAP etwa Hector, Hopp, Tschira, Plattner und Wellenreuther. Und auch hinter fast jedem mittelständischen Unternehmen im Land steht eine mutige Gründergeschichte. Diese Firmen sind mit ihrer globalen Ausrichtung, ihrer Anpassungsfähigkeit und ihren flachen Hierarchien tief drinnen auch immer noch so etwas wie Start-ups einer speziellen schwäbisch-badischen Variante. Wenn es deshalb eine Region gibt, die im globalen Wettbewerb um neue Ideen in Deutschland eine Chance hat, dann ist es der Südwesten. Doch eines steht einem neuen Gründungszeitalter im Weg. Es ist nicht ein Mangel an öffentlicher Förderung oder ein viel zu schleppender Breitbandausbau. Es ist vielmehr das Gefühl von Sattheit und Überlegenheit. Vor einer Weile schrieb ein schwäbischpatriotischer Ingenieur in einem Leserbrief, dass man das mit dem Start-up-Getue im Land doch nicht übertreiben solle: Man

baue doch weltweit begehrte Maschinen, welche die Amerikaner nicht in 100 und die Chinesen nicht in 200 Jahren nachmachen könnten. Doch genau diese Selbstgewissheit ist das Grundproblem: Wirtschaftlicher Erfolg wird in den kommenden Jahren, im manchmal schon zum Überdruss beschworenen Zeitalter der Digitalisierung ein anderes Gesicht haben. Es geht nicht mehr um die besten Maschinen, es geht darum, den Kunden ein Rundumpaket anzubieten, Wartung, Dienstleistung, Vernetzung und alle Services inklusive. Dieser radikale Umbruch kann nicht aus den Unternehmen selbst herauskommen, die oft das Reich der Bedenkenträger und damit beschäftigt sind, bestehende Strukturen und Hierarchien zu verteidigen. Hierzu braucht es Gründer. Hier geht es nicht um das eine oder andere, womöglich auch noch staatliche Unterstützungsprogramm. Es braucht ein Umdenken, das schon im Bildungswesen und ganz unten in der Schule beginnt. Risikobereitschaft, Fantasie und Visionen sind genauso wichtig wie Technologiezentren. Ein Gründer-

land braucht deshalb Gründergeist in allen Formen. Technologiefirmen, die mit den bestehenden etablierten Firmen kooperieren, sind sicher ein Grundpfeiler für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes. Aber auch Gründer mit kreativen Ideen für Dienstleistungen oder Firmen mit ausgeprägtem sozialen oder ökologischen Kompass sind wichtige Grundpfeiler eines Gründerlandes. Die Debatte um die Zukunft des Gründerlandes Baden-Württemberg darf sich deshalb nicht in technischen und politischen Details verlieren. Es geht natürlich um einen kritischen Blick auf die bisherige, durchaus umfangreiche, aber nicht immer auf mögliche Synergien abgeklopfte Gründerförderung. Es geht um Deregulierung, Entbürokratisierung und bessere, auch steuerliche Anreize für Gründer und Investoren. Man muss darüber nachdenken, wie man etwa an den Hochschulen den Gründergeist noch besser fördern kann. Aber es geht vor allem auch um das Bewusstsein, dass wir risikobereite, hungrige Gründerpersönlichkeiten brauchen – die übrigens auch mal scheitern dürfen.

Schlummerndes Potenzial ausschöpfen In dieser Ausgabe der Wirtschaftszeitung Baden-Württemberg steht das Thema Gründen im Mittelpunkt. IdeenwerkBW.de, das Innovationsportal von Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten, präsentiert sich deshalb in umfangreicherer Form und weiter vorn als gewohnt.

Die Kernfrage ist, wie das potenziell so starke Gründerland Baden-Württemberg vorankommen kann. Wir haben junge Unternehmen aus dem Land nach Hürden befragt, unterhalten uns mit Thomas Villinger, dem Chef des Zukunftsfonds Heilbronn, über das Thema Kapital, stellen mit Konstanz beispielhaft einen Gründerstandort vor – und blicken auch nach Bayern, das bei der Gründerförderung immer wieder als Vorbild genannt wird. age


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Inhalt Standortfragen

Hürden für Gründer Junge Firmen kämpfen mit unterschiedlichen Problemen von Baugenehmigung bis Kapitalbeschaffung. SEITEN 4–5

Perspektive

Land im Aufbruch Baden-Württemberg hat bei den Start-ups Nachholbedarf. Doch die Aufholjagd hat begonnen. SEITE 7

Interview

„Stellen uns ungern infrage“ Zukunftsfonds-Geschäftsführer Thomas Villinger wünscht sich im Land mehr Kooperation und mehr Offenheit. SEITE 8

Förderung

Üppig blüht der Dschungel In Bayern haben Jungunternehmer die Qual der Wahl aus einer Vielzahl von Förderangeboten. SEITE 10

Interview

„Wir kämpfen mit Vorurteilen“ Christian Rauch, Chef der Agentur für Arbeit im Land, über brachliegende Mitarbeiterpotenziale. SEITE 12

Berufsbild

Diversity-Manager Dirk Jakobs kümmert sich bei Daimler um kulturelle Werte und Befindlichkeiten von Mitarbeitern und Kunden. SEITE 14

Studiengang

Keimzelle für Finanzprofis

Der Vernetzer

Der Gründungsveteran

IT-Anbieter. Das Cyberforum hat im vergangenen Jahr mehr als 140 Veranstaltungen mit insgesamt 12 000 Teilnehmern ausgerichtet. Das Unternehmensnetzwerk existiert bereits seit 1997, seit 2007 ist David Hermanns der Geschäftsführer des Netzwerks. Davor hat er als Rechtsanwalt in einer Wirtschaftskanzlei bereits IT-Unternehmen und Start-ups begleitet. Seit 2014 sitzt Hermanns für die SPD im Gemeinderat seiner Heimatstadt. In seiner Freizeit beschäftigt sich der verheiratete Vater von zwei Söhnen gerne mit Fußball, sowohl aktiv als auch als Zuschauer des Karlsruher SC. tht

Peter Schäfer, Jahrgang 1960, darf man durchaus ein „Urgestein der Gründerförderung“ in Baden-Württemberg nennen. Seit fast 22 Jahren hält er im baden-württembergischen Wirtschaftsministerium die Fäden der Gründerförderung zusammen. Als er anfing, war Erwin Teufel Ministerpräsident und im Land regierte eine Große Koalition. „Ich bin nach wie vor ein Exot, kein Beamter“, sagt Schäfer, der seine Laufbahn am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart begann, wo er sich mit den Themen Unternehmensorganisation und Technologietransfer beschäftigte. Kernstück seiner Arbeit ist

die Landesinitiative für Existenzgründungen und Unternehmensnachfolge (Ifex) als zentrales Portal für die Gründerförderung im Land. 2008 initiierte er die Innovationsgutscheine des Landes für kleine und mittlere Unternehmen, die etwa Beratungsleistungen finanzieren. „Über alle Landesregierungen hinweg war die Gründerpolitik ein wichtiges Anliegen“, sagt er. „Das Thema war nie weg, ist aber inzwischen politisch ganz hoch angesiedelt.“ Die Gründerszene sei selbstbewusster geworden und besser organisiert. Auch heute noch sitzt er in Beratungsgesprächen Gründern gegenüber: „Sie lernen jeden Tag etwas Neues.“ age

Macher der Gründerszene

Fragebogen Brigitte Vöster-Alber will Sicherheits-, Tür- und Fenstertechnik-Spezialist Geze mit Innovationsgeist voranbringen. SEITE 18

Peter Schäfer

Wie ihn seine Mitarbeiter wohl beschreiben würden, wurde David Hermanns einmal gefragt. Der Manager antwortete mit den Worten „dynamisch-kreativ“ – zwei Eigenschaften, die im Job des 47-jährigen Juristen täglich gefragt sein dürften. Hermanns ist Geschäftsführer des Karlsruher Cyberforums, einem der größten Netzwerke von IT-Unternehmen in Europa, das sich auch der Start-up-Förderung verschrieben hat. Die Plattform vernetzt mehr als 1000 Mitglieder aus der Hightechund IT-Branche in der erweiterten Technologie-Region Karlsruhe – vom Start-up über den erfahrenen Unternehmer bis zum internationalen

Die Universität Hohenheim bietet den berufsbegleitenden Studiengang „Master in Finance“ an. SEITE 17

Leidenschaftliche Realistin

David Hermanns

Wer heute als Start-up oder Jungunternehmer Karriere machen will, braucht Durchsetzungsvermögen, einen langen Atem und professionelle Hilfe. Wir stellen einige Akteure aus der Gründerszene vor.

Porträts

EZB-Politik

Blasenbildung oder Wachstumsschub?

Fotos: Cyberforum, ifex, innovative-entrepreneurship, Sprivat, SB

Ewig wirkt eine Niedrigzinspolitik nicht. Doch der richtige Zeitpunkt für einen Ausstieg ist umstritten. SEITEN 24–25

Mitarbeiter

Von Querulanten und Ja-Sagern Personalentscheider wollen angepasste Mitarbeiter, keine Querdenker – obwohl die Firmen voranbringen. SEITEN 27–28

Wirtschaftskanzleien

Regionale Stärke Angloamerikanische Großkanzleien fassen im Südwesten nur schwer Fuß. Die lokalen Bindungen sind zu stark. SEITE 29

Erbschaftsteuerreform

Beratungsaufwand steigt „Neue Baustellen“ erwartet Uwe Schramm, Präsident der Steuerberaterkammer Stuttgart. SEITE 31

Steuerschlupflöcher

Gegen Gewinnverlagerungen Durch Maßnahmen der OECD werden Steuerschlupflöcher multinationaler Konzerne gestopft. SEITE 34

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen „Wirtschaft in Baden-Württemberg“? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Alexandra Rudl

Nils Högsdal

Saskia Biskup

Das Multitalent

Der Streetworker

Die Macherin

In Sachen Gründung macht ihr keiner so schnell was vor. Alexandra Rudl, Leiterin Innovationsprogramme bei bwcon, der Wirtschaftsinitiative zur Förderung des Innovations- und Hightech-Standortes Baden-Württemberg, bildet quasi Unternehmer aus. Sie sensibilisiert die kreativen Köpfe, dass diese ihre Ideen auch in marktfähige Produkte umsetzen können. Das macht sie teils schon bei Absolventen an Hochschulen. Rudl weiß, wovon sie spricht, denn sie ist auch Mitbegründerin des Start-ups dimago, das via App Daten ermittelt und so die Therapie von psychisch Kranken unterstützt. Die 34-Jährige ist ein richtiges Multitalent. Nach dem Studium der Politik und Kommunikationswissenschaft strebte sie eigentlich einen Job bei der EU-Kommission an. Doch per Zufall ist sie letztlich im Land bei den Gründungsthemen gelandet. Das kommt ihrem Naturell entgegen – eine Macherin, die Freiräume schätzt und offen ist für Neues. Sie ist auch begeisterte Triathletin und findet, dass Sport und das Thema Gründen Parallelen haben: Man hat ein Ziel vor Augen, doch oft kommt es anders als erwartet. Bestens trainiert kann man im Sport wegen einer schlechten Tagesform scheitern. Risiken gibt es auch bei der Gründung. imf

Als „Streetworker für Start-ups“ wurde Nils Högsdal einmal bezeichnet – ein Titel, der ihm durchaus gefällt. Dabei genießt Högsdal, Jahrgang 1972, bei seinem Einsatz akademische Weihen. Als Prorektor Innovation der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) spürt er dem Technologie-Transfer aus der Forschung nach und versucht, seine Studenten für Existenzgründungen zu begeistern. Offenbar mit Erfolg. 2015 wurde er für seine vorbildliche Lehre mit dem Landeslehrpreis 2015 ausgezeichnet. Als Juror für Jugend gründet und den Landespreis für junge Unternehmen erfährt er von möglichen Innovationen mit als Erster. Das Potenzial im Südwesten sei groß, sagt er. Es gebe exzellente Hochschulen, eine starke Industrie, engagierte Business Angels und findige Existenzgründungen. „Aber wir müssen versuchen, die Akteure besser zu vernetzen“, sagt er. Eine Schlüsselrolle soll dabei die HdM spielen. Sie ist auch Gastgeberin des Start-up-Weekends Stuttgart, bei dem die Teilnehmer von der Geschäftsidee bis zur Unternehmensgründung angeleitet werden. „Ich will, dass sich Gründerinteressierte an uns wenden“, sagt Högsdal. „Ich will die HdM zum Treffpunkt für Start-up-Interessierte machen.“ dag

„Sage nie: Das kann ich nicht“, lautet Saskia Biskups Leitsatz. Die Humangenetikerin, deren Firma im Oktober mit dem Landespreis für junge Unternehmen ausgezeichnet wurde, kann so schnell nichts abschrecken. Wer ein Genom mit seinen Milliarden DNA-Bausteinen entschlüsselt, produziert ungeheure Datenmengen. Um Patienten zu helfen, müssen diese Daten richtig interpretiert werden, und das ist eine echte Herausforderung. Biskup und ihr Mann Dirk haben 2009 die Diagnostikfirma Cegat (Center for Genomics and Transcriptomics) gegründet – mit Erfolg. Als Fachärztin am Universitätsklinikum Tübingen erkannte Biskup die Möglichkeiten von modernen Gen-Analyseverfahren. Die Hürden waren dennoch hoch, denn die ersten Geräte hatten Kinderkrankheiten. „Man macht jede Menge Fehler und lernt in kurzer Zeit unglaublich viel“, sagte sie. Heute beschäftigt das Unternehmen 120 Mitarbeiter, die jedes Jahr das Erbgut von rund 10 000 Patienten auf Informationen durchforsten. Und was rät sie anderen? „Mut und Durchhaltevermögen sind wichtig und der Glaube an die eigene Idee“, sagt die 44-Jährige. Das Wichtigste sei aber ein gutes Team, denn nur gemeinsam sei man stark. imf

Index Personen Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Anne Guhlich Redaktion Imelda Flaig, Sabine Marquard, Andreas Geldner Gestaltung/Produktion Anna-Lena Wawra, Bernd Fischer, Sebastian Ruckaberle, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11 / 72 05 - 12 11 und 07 11 / 72 05 - 74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Tanja Dehner (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 16 03 E-Mail: anzeigen@wirtschaft-in-bw.de Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 0

Barthel, Claus Beck, Teresa Biskup, Saskia Brandes, Eberhard Buckow, Simone Buric, Tomislav Derler, Andrea Dick, Peer-Michael Draghi, Mario Eckl, Bernd Eppli, Frank Essert, Christopher Fahrenschon, Georg Gates, Bill Hahn, Tobias Hampel, Frithjof Hermanns, David Högsdal, Nils

20 2 2 19 11 17 28 26 24 18 13 4 24 4 5 13 2 2

Hoegl, Sabastian Hoerr, Ingmar Hopp, Dietmar Huuk, Thiemo Jakobs, Dirk Klatten, Susanne Klebert, Stefan Kreuzkamp, Stefan Krüger, Stephanie Marx, Karl Meidert, Moritz Mersch, Yves Münchinger, Bernd Münzer, Christoph Nitsch, Joachim Rauch, Christian Riegger, Jens Rudl, Alexandra Rudolph, Carsten

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Sassenberg, Kai Schäfer, Peter Schellnhuber, Hans J. Schiller, Jörg Sinn, Hans-Werner Spankowski, Ulli Spitzenpfeil, Thomas Stieglat, Stefan Vatovac, Alexander Villinger, Thomas Vöster-Alber, Brigitte Wehrle, Martin Weidmann, Jens Wieland, Volker Witzer, Brigitte

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Firmen/Organisationen Arbeitgeberverband Südwestmetall 26

Auktionshaus Eppli 13 BayStartUp 10 Binz & Partner 24 Bundesbank 24 BRP Renaud und Partner 23 Bwcon 2 Cegat 2 CMS Hasche Sigle 28 Curevac 4 Cyberforum 2 Daimler 14 Deutsche Bank 24 DSGV 24 Ebner Stolz 23 Echolot 18 Ernst & Young Law 24 Essert GmbH 4 EZB 24 Fraunhofer-Institut IAO 2

Fruitcore 9 Geze 18 Gleiss Lutz 28 Go Silico 5 Gründerschiff 9 Haver & Mailänder 24 Heussen 23 Hochschule der Medien 2 Ifo-Institut 24 IHK Hochrhein-Bodensee 9 Institut für Wirtschaftsprüfer 32 Kanzlei Friedrich Graf von Westphalen und Partner 16 Kuhn Carl Norden Baum 23 Luther 23 Mahle 18 MehrWert Servicegesellschaft 18

Menold Bezler 24 Oppenländer 24 Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 20 RWT Horwath 23 Schuler 11 SGP Schneider Geiwitz & Partner 28 Stuttgart Financial 17 Technologiezentrum Konstanz 9 Thümmel, Schütze & Partner 24 Universität Hohenheim 17 UnternehmerTUM 10 Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie 20 Zeiss 18 Zukunftsfonds Heilbronn 8


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 6 | Nove

Stolpersteine für

Womit haben Gründer in Baden-Württemberg zu kämpfen? Was kön und was läuft schon ganz gut? Drei sehr unterschiedliche junge Firmen aus d

Standortfragen

Christopher Essert mit Datenbrille in der Hand vor einem Fertigungsro boter. Seine Firma trimmt diese Automaten auf leichte und sichere Bedienbarkeit hin.

Bremsklotz Bürokratie

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enn Christopher Essert zu einer nügt – und ein in Dänemark gefertigter und Präsentation einlädt, dann muss von Essert programmierter Roboter kann er einen gleich in die Illegalität die Arbeit aufnehmen. Essert tummelt sich auf einem Markt lotsen. Denn sein 2011 bezogener Firmensitz in Ubstadt-Weiher bei Bruchsal platzt mit enormen Wachstumschanchen. Und so aus allen Nähten und der Präsentations- viel Dynamik ist auf dem Land ungeraum logiert gerade im Container. Seitdem wohnt – und bringt die Bürokratie nicht die 2009 zunächst als Ein-Mann-Unter- nur beim Thema Container zum Ächzen. nehmen gegründete Firma sich 2014 auf Als er sich für den Bau seiner neuen, auf Datenbrillen und preisgünstige Roboter viermal so viele Mitarbeiter wie heute auskonzentriert, ist das Wachstum explodiert. gelegten Unternehmenszentrale um För„Das Landratsamt hat uns mit Zwangsräu- dergelder zur Entwicklung des ländlichen mung gedroht“, sagt Essert. Das Aufstellen Raums bewarb, fiel er durchs Raster. Das von temporären Bürocontainern auf der Geld bekam ein örtlicher Heizungsbauer, weil der seinen Betrieb bisher Grundstückgrenze war unzuim Ortskern hat und von dort lässig. Da ist es egal, dass der „Es ist nicht ins Gewerbegebiet umzieht. Grundstücksnachbar ein leicht für uns, „Der bekam 200 000 Euro geFreund von Essert ist und klar das schnelle schenkt. Und wir mit neuer zu Protokoll gegeben hat, es Wachstum Technologie, mit unserem hostöre ihn nicht. hen Risiko, ganz aus laufenden Da ist es im Übrigen auch zu managen.“ gleichgültig, dass das neue Christopher Essert, Gründer Einnahmen finanziert – wir gingen leer aus“, schimpft EsQuartier für die Firma schon und Chef der Firma sert. Über den ihm gegebenen in Bau ist und die Container bald überflüssig werden. Vorschrift ist Vor- Rat, doch abzuwarten und im Nachrückschrift. Esserts Trost: Er wird vermutlich verfahren an das Geld zu kommen, kann er schneller sein als die Bürokratie. Bis das nur lachen. „Wir wachsen doch so schnell. Räumungskommando kommt, ist seine Ein Jahr ist eine Ewigkeit!“ Der nächste Hindernislauf bei dem zwei Firma wohl längst umgezogen. „Es ist nicht leicht, unser Wachstum zu Millionen Euro teuren Gebäude folgte somanagen“, sagt Essert, der schon als 21- gleich. Im Gewerbegebiet darf man bisher Jähriger gegründet hat und nun mit 28 Jah- nur zwei Stockwerke hoch bauen. Doch Esren ein vielversprechendes Start-up führt. sert braucht drei. „Ich musste aber schnell Der Mechatroniker, der als Anlagenexperte bauen. Jetzt habe ich erst mal zweistöckig bei einem Druckmaschinenhersteller be- gebaut, dann einen Antrag auf Sondergann, hatte die Praxiserfahrung und den genehmigung gestellt“, sagt er. Bis nämlich richtigen Riecher, um Robotertechnik und der Gemeinderat über eine solche Ändevirtuelle Realität so handhabbar zu ma- rung beschließen konnte, vergehen Monachen, dass sie auch für kleinere und mittel- te. „Nächstes Jahr im Sommer werden wir das Dach wieder runter machen, ein Stockständische Betriebe attraktiv ist. Essert bietet eine App an, die es ermög- werk draufsetzen, dann kommt das Dach licht, dass ein Experte überall auf der Welt wieder drauf“, sagt er. „Auf den Extrakoseinen mit der Essert-Datenbrille ausge- ten bleibe ich sitzen.“ Essert, der in der Region fest verwurzelt statteten Monteur live bei der Arbeit beobachten und beraten kann. Auch die Robo- ist, hat sich bewusst für eine Hightechtertechnik von Essert kostet teilweise nur Gründung in der Provinz entschieden – einen Bruchteil bisheriger Maschinen. und will hier auch bleiben: „Eine Stadt ist Eine Schulung von einer halben Stunde ge- nichts für mich. Ich will direkt vor dem Büro parken können und durch die Tür spazieren.“ Qualifizierte Fachkräfte bekommt er dennoch. Ihm hilft, dass im nahem Umkreis der Weltkonzern SAP seine Zentrale hat. Und da gibt es genügend IT-Spezialisten, die das Arbeiten in einem Großkonzern satthaben. Aber Gründen auf dem Land heißt auch, in einem Umfeld zu leben, das Firmen wie die Essert GmbH nicht gewohnt ist. „RichTüftler - Gründer - Startups tig geholfen hat uns eigentlich niemand“, sagt der Gründer. Das Unternehmen hat er Auf www.ideenwerkBW.de und in von Anfang an selbst finanziert, Schulden Ihrer Wirtschaftszeitung hat er keine – und bisher hat er auch keinen „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ Investor im Boot, auch wenn sich Letzteres finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten. wohl bald ändern dürfte. Kein Start-upNetzwerk, keine Mentoren standen ihm anfangs zur Seite. „Als ich mein Unternehmen vor Investoren vorgestellt habe, wusste ich anfangs nicht, was die überhaupt brauchen“, sagt er. Finanzierung, Markein Baden-Württembergt Wirtschaft tschaft ting, Expansion – vieles davon musste sich der Gründer erst selbst beibringen. „Es wäIn Kooperation mit: re hilfreich gewesen, wenn es für mich eine Anlaufstelle gegeben hätte“, sagt er heute. Solche Stellen gibt es in Baden-Württemberg – aber sie sind in den Metropolen. age

SPEZIALIST FÜR ROBOTER UND DATENBRILLEN Unternehmen Die Essert GmbH mit Sitz im badischen Ubstadt-Weiher wurde im Oktober 2009 gegründet. Das Unternehmen ist im Bereich der industriellen Automatisierung tätig, mit den Schwerpunkten Elektrotechnik, Antriebstechnik, Robotertechnik,

Softwareerstellung und -entwicklung. Das Unternehmen entwickelt Lösungen für die Industrie 4.0 und will dem Mittelstand bei der digitalen Transformation helfen. Wachstum Seit 2013 ist das Unternehmen jedes Jahr um

40 bis 55 Prozent gewachsen. Die Zahl der Mitarbeiter ist von zehn vor drei Jahren auf heute 48 gestiegen und dürfte sich 2017 erneut fast verdoppeln. Ein im Bau befindliches neues Gebäude ist auf eine Vervierfachung der Beschäftigtenzahl ausgelegt. red

Innovative Medikamentenentwicklung wie die von Curevac braucht viele Jahre Arbeit im Labor – und sehr viel langfristig angelegtes Kapital.

Nur Kapital aus dem Ausland ma

Das Tübinger Biotechnologie-Unternehmen Curevac entwickelt eine revolutionäre Methode zur Medik von ausländischen Investoren, insbesondere von US-Amerikanern wie Bill Gates, wäre man nie so weit gekommen Geldbedarf

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as wir machen, das ist eine Revolution!“ Dass jemand wie Ingmar Hoerr, der Gründer und Chef des Tübinger Biotechnologieunternehmens Curevac, solch einen Satz ausspricht, das ist in Deutschland, insbesondere in Baden-Württemberg nicht selbstverständlich. Von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde der Prophet im eigenen Lande allerdings erst, als im vergangenen Jahr der MicrosoftGründer Bill Gates einstieg. Der sah in der Technologie aus Tübingen einen innovativen Weg, für Entwicklungsländer günstige Medikamente zu entwickeln. Auch wenn es nur eine relativ kleine Minderheitsbeteiligung war: In der deutschen Öffentlichkeit wurde der Einstieg von Gates geradezu als Ritterschlag wahrgenommen. „Diese Adelung hat uns mehr geholfen als gedacht“, sagt Hoerr. „Ich fand den Hype der Medien in den ersten Stunden nach der Pressemitteilung jedoch etwas übertrieben.“ Curevac hat eine Methode entwickelt, mit der sozusagen der Körper dazu gebracht werden kann, seine eigene Arznei zu produzieren. Dafür benutzt Curevac den Erbinformationsträger Ribonukleinsäure (RNA). Er kann die Produktion bestimmter Proteine anstoßen, die etwa helfen können, den Krebs zu besiegen. Doch Biotechnologie braucht einen sehr langen Atem. Zwar verdient Curevac etwa durch Kooperationen mit Pharmakonzernen heute schon Geld. Doch obwohl die Firma bereits vor 16 Jahren gegründet wurde, dürfte es mindestens noch fünf Jahre dauern, bis ein anwendungsreifes Medika-

ment auf der Basis der Entdeckung, die Ho- ne die visionäre Sicht der Amerikaner err einst als Biologie-Doktorand machte, könnten wir das, was wir tun, nicht maauf den Markt kommt. Auch heute noch chen.“ Eine Ausnahme gibt es allerdings: kann er seinen Investoren den Erfolg kei- Der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp ist in Deutschland schon viele Jahre im Bereich neswegs garantieren. Dafür sind andererseits die Chancen der Biotechnologie aktiv. Hopp hat einige enorm. „Wenn Sie etwa Krebs bekämpfen, Rückschläge mit anderen Firmen weggekönnen Sie mit Milliardenumsätzen rech- steckt und hält Curevac schon lange die nen“, sagt Hoerr. Es braucht also Investo- Stange. „Aber solch ein Investor ist in ren mit Mut, Visionen, hoher Risikobereit- Deutschland die Ausnahme“, sagt Hoerr. Das Problem sei hierzuschaft – und sehr langem lande nicht die fehlende Atem. Dies sei in technologisch-wissenDeutschland Mangelwaschaftliche Substanz. Es re: „Es gibt diese ,German ist auch kein Mangel an Angst‘, wie es die AmeriFörderung kleiner Prokaner nennen. Wir woljekte: „Wir brauchen keilen nicht wirklich in Dinne Almosen.“ ge reingehen, die riskant Aber in Deutschland sind.“ In Deutschland und Baden-Württemberg gelte immer noch der fehlen Investoren, die beSpruch des verstorbenen reit sind für eine RevoluEx-Bundeskanzlers Heltion wie die von Curevac, mut Schmidt: „Wer Visio- „Bei uns gilt der Spruch wirklich ganz tief in die nen hat, sollte zum Arzt von Helmut Schmidt: Tasche zu greifen. „So etgehen.“ was geht nicht ohne priZudem hätten Inves- Wer Visionen hat, vates Kapital“, sagt Hotoren in Deutschland ein sollte zum Arzt gehen.“ err. Selbst der als vorbildlanges Gedächtnis: Die Curevac-Gründer Hoerr über die Erfahrung des sogenann- deutsche Angst vor dem Unbekannten lich gelobte, als eine Partnerschaft von Staat ten Neuen Marktes, in den nicht nur bei IT-Firmen, sondern auch und Firmen angelegte deutsche High-Tech bei einigen Start-ups aus dem Bereich Bio- Gründerfonds (HTGF) ziehe bei einstellitechnologie viel Geld versenkt wurde, gen Millionenbeträgen die Grenze: „Damit schwinge noch mit, sagt Hoerr. Sein Unter- können Sie einen Pizzadienst digitalisienehmen stand auch schon mal am Rande ren, wenn Sie Biotech betreiben, brauchen der Pleite. Doch er hielt durch, weil er an Sie schnell einmal 300 Millionen, um ein seine Vision glaubte. Ohne ausländische, Medikament auf den Markt zu bringen.“ vor allem US-amerikanische Investoren Nicht staatliche Unterstützung, sondern hätte Curevac es aber nicht geschafft: „Oh- bessere Rahmenbedingungen für private


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tuttgarter Nachrichten ember 2016

Gründer

nnte an den Rahmenbedingungen besser werden dem Land berichten über ihre Erfahrungen.

lockte die Herausforderung, ihr Hahn und Teresa Beck (von links), ias Tob k, Huu mo Thie o, Silic Go Die drei jungen Gründer von ner Chef zu sein.

eige-

Einfach verkaufen statt ewig evaluieren

D

ie Fassade aus rotem Sandstein erinnert ein wenig an ein Schloss – und tatsächlich wurde das 1896 hochgezogene Gebäude auch als „Hoepfner-Burg“ bezeichnet. Zwar wird dort immer noch Bier gebraut – inzwischen aber residieren in der ehemaligen Mälzerei auch andere Burgherren – und Damen – so etwa die Gründer von Go Silico. Schreiten Teresa Beck, Tobias Hahn und Thiemo Huuk zur Attacke, findet der Angriff meist am Computer statt. Dies nämlich ist die hohe Kunst der neuen Burgbewohner und ihrer vor etwa einem halben Jahr gegründeten Firma: Am Computer simulieren sie sekundenschnell Experimente, die im Labor Tage dauern würden und zudem deutlich teurer wären. Dabei kann es um die Entwicklung von Arzneien gehen, aber beispielsweise auch um sogenannte Antikörper, mit denen etwa Krebszellen zerstört werden können. Die Gründerin und die beiden Gründer belegen, dass gezielte Unterstützung an den Hochschulen der Schlüssel für Startups ist. Sie kennen sich bereits aus der Zeit ihrer Promotion, geholfen haben auch Forschungsprojekte beim Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – etwa, weil sie dabei schon mit Unternehmen in Kontakt kamen. Thiemo Huuk und Tobias Hahn haben im Bioingenieurwesen promoviert, Teresa Beck in Mathematik. Beim Auszug aus

der Welt der reinen Wissenschaft und beim „Übergang zum Pragmatismus“, wie Teresa Beck diesen Schritt nennt, halfen ganz zentral zwei erfahrene Mentoren. Go Silico hatte das Glück, dass es Fördergelder zum richtigen Zeitpunkt gab – und dass das Unternehmen relativ schnell Umsätze machte. Das kann nicht jede Gründung aus der Wissenschaft vorweisen. Dass sie „etwas Neues machen“ konnten und dies auch noch „in eigener Verantwortung“, wie Beck sagt, „diese Herausforderung hat uns gereizt“. Natürlich wäre es kein Problem gewesen, eine Stelle bei einem Pharmakonzern zu bekommen – doch der Weg in die Selbstständigkeit stand offenbar nie infrage: „Eine solche Chance bekommt man nur einmal im Leben“, sagt Thiemo Huuk. Geholfen hat bei der Gründung auch die Doktorarbeit, nicht nur wegen der Erkenntnisse. „Da

lernt man, zielgerichtet zu arbeiten, das erfordert viel Disziplin“, meint Teresa Beck. Und man muss sich durchbeißen – so wie auch bei nervigen Vertragsverhandlungen. Wie so viele gründende Wissenschaftler hatten sie aber Defizite in der Betriebswirtschaft. Es sei nicht immer einfach gewesen, sich da hineinzudenken. Zunächst nämlich hatten sie recht komplizierte Modelle für ihren Vertrieb entwickelt, die sie dann auch weiter „evaluieren“ wollten – ein wissenschaftliches Vorgehen. Doch schnell lernten sie, dass es darum gar nicht geht, wenn man Erfolg haben will. „Ihr müsst einfach nur verkaufen“, hat ihnen einmal eine Fachjury empfohlen. Teresa Beck fasst die Erkenntnis in einem Slogan zusammen, den Marketingexperten kaum besser formulieren könnten: „Stop Experimenting – Go Silico!“ ey

HIGHTECH AUS DEM BADNERLAND Anfänge Schon vor der Gründung des Unternehmens vor einem halben Jahr wurden die ersten Grundlagen gelegt. Bereits ab 2012 während der Promotion von Tobias Hahn und Thiemo Huuk in einer

Arbeitsgruppe des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entstand eine Zusammenarbeit mit Pharmafirmen. Angebot Go Silico bietet Computersimulationen etwa

für die Entwicklung von Arzneien oder Antikörpern an. 95 Prozent der Laborversuche können Pharmafirmen dadurch einsparen. Außerdem werden auch Mitarbeiter von Kunden geschult. ey

Fotos: Curevac, Esser, Fabry, Martin Wagenhan

acht Visionen möglich

kamentenherstellung. Die Bilanz von Gründer Ingmar Hoerr: Ohne den Mut n. Die meisten deutschen Investoren scheuen das Risiko. Von Andreas Geldner Investitionen seien der Schlüssel – etwa die inzwischen geplante Möglichkeit, auch bei Minderheitsbeteiligungen einen Verlustvortrag steuerlich abzusetzen. „Vor allem aber geht es uns zu gut“, sagt Hoerr. „Wir müssen von unserem hohen Ross herunter.“ Über Jahrzehnte sei man es gewohnt gewesen, bewährte Technologien Schritt um Schritt zu verbessern. Doch auf einmal funktioniere das nicht mehr. Das gelte nicht nur für die in Baden-Württemberg dominierende Autoindustrie, sondern auch für die Pharmabranche. „Man schafft es in den bestehenden Strukturen nicht mehr, für Innovationen zu sorgen“, sagt er. Besonders in den USA hätten diese Konzerne deshalb einen radikalen Schwenk vollzogen: „Die sind auf Einkaufs-

MEDIZINISCHER PIONIER Unternehmen Die Curevac AG ist ein biopharmazeutisches Unternehmen, das mit der Entwicklung von Medikamenten auf Basis des Botenmoleküls mRNA medizinische Pionierarbeit leistet. Curevac wurde 2000 gegründet und hat seinen Hauptsitz in Tübingen; weitere Niederlassungen sind in Frankfurt am Main und in Cambridge (Massachusetts) in den USA. Größe Aktuell beschäftigt das Unternehmen etwa 290 Mitarbeiter – Tendenz steigend. Insgesamt wurden bisher mehr als 300 Millionen Euro Kapital eingeworben. Hauptinvestoren sind der SAP-Gründer Dietmar Hopp mit seiner Dievini Hopp BioTech Holding und der Microsoft-Gründer Bill Gates mit seiner Bill & Melinda Gates Stiftung. red

tour und kaufen sich diese Innovationen von Biotech-Start-ups.“ In den USA gebe es dafür aber eine kritische Masse, von der man in Deutschland nur träumen könne. Hierzulande sei Curevac eher die Ausnahme: Die hohen Investitionen, die 2015 in das Tübinger Unternehmen geflossen seien, hätten die Statistik des BiotechnologieStandorts Deutschlands quasi im Alleingang aufpoliert. Eine Trendwende könne man hieraus noch nicht ablesen. Dabei rächen sich nach Ansicht von Hoerr immer noch vor Jahrzehnten getroffene politische Entscheidungen. „Das liegt an Joschka Fischer“, sagt Hoerr unverblümt. In seiner Zeit als hessischer Umweltminister Mitte der achtziger Jahre habe der spätere Außenamtschef den Einstieg des Chemiekonzerns Hoechst in biotechnologische Verfahren gestoppt: „Das hat uns 15 Jahre zurückgeworfen und Hoechst ging am Ende zugrunde.“ Seither habe Deutschland in dieser Branche, die bei ihren Entwicklungen nicht nur in Jahren, sondern in Jahrzehnten denkt, den Anschluss verloren. Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland müssten endlich wieder lernen, sich große Ziele zu stecken, sagt der Curevac-Gründer: „Warum sagen wir uns nicht in Deutschland: Wir besiegen in 20 Jahren den Krebs? Zurzeit wird uns lieber die schwarze Null im Haushalt als Vision verkauft.“ In der Schweiz, die gerade einen Zukunftsfonds aufgesetzt habe, sei das anders. Dort würden die Pensionsfonds des Landes systematisch ermuntert, einen kleinen Teil ihres Anlagegeldes als Wagniskapital zu investieren: „Der Staat kann das anstoßen – das zieht dann auch ausländisches Geld an.“

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Wirtschaft tschaftt in Baden-Württemberg


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Mehr Gründer im Nordwesten Die amtliche Statistik erfasst alle Gründungen, vom Friseursalon bis hin zum Technologie-Start-up. Vor allem Gebiete entlang des Oberrheins, Pforzheim, Heilbronn und die Region Stuttgart liegen im Land vorn. Gründergeist gedeiht bevorzugt in einem urbanen Umfeld. Start-ups

Main-Tauber-Kreis 4,8 Mannheim 8,0 Neckar-Odenwald-Kreis 5,4

Heidelberg 7,5

Region Rhein-Neckar

in der Region Rhein-NeckarKreis 6,9

Zahl der neu gegründeten Unternehmen je 1000 Einwohner

7,1

Hohenlohekreis 4,8

Region Heilbronn-Franken Region Mittlerer Oberrhein

in den Land- und Stadtkreisen Zahl der neu gegründeten Unternehmen je 1000 Einwohner

7,0 bis 7,6

Heilbronn 6,4

6,8

Stadt Karlsruhe 6,8

7,7 und mehr

6,8 Karlsruhe

6,3 Rastatt 6,3

bis 5,5

Schwäbisch Hall 5,4

Enzkreis

6,3 bis 6,9 5,6 bis 6,2

6,0

Heilbronn 7,9

Ludwigsburg Ostalbkreis

7,0 Pforzheim 9,3

Region Stuttgart

Rems-Murr-Kreis 6,7

5,9

Region Ostwürttemberg

7,0 Region Nordschwarzwald

Baden-Baden 9,9

6,0

Stuttgart 7,1

6,7

Böblingen 7,1

Calw 6,0

Esslingen

Göppingen

7,2

6,7

Heidenheim 6,3

Ortenaukreis Freudenstadt

5,8

Tübingen 5,4

5,3

Region Südlicher Oberrhein

Alb-Donau-Kreis

Region Neckar-Alb

Reutlingen 6,7

6,1

6,4 Rottweil 5,8 Emmendingen

Ulm 6,4

Zollernalbkreis 5,9

Region Donau-Iller

Region Scharzwald-BaarHeuberg

6,1

6,1

5,9 Freiburg 7,1

SchwarzwaldBaar-Kreis

6,0

Biberach Tuttlingen 5,7

6,1

Sigmaringen 5,7

6,0 Breisgau-Hochschwarzwald 7,0 Konstanz (zu Region Hochrhein-Bodensee) Lörrach 5,5

Region Hochrhein-Bodensee

5,9

StZ-Grafik: Manfred Zapletal

Region Bodensee-Oberschwaben

6,2

Ravensburg 6,4

6,4 Waldshut

Bodenseekreis

5,5

6,3

Quelle: Statistisches Landesamt


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Gründerland im Aufbruch Baden-Württemberg hat beim Thema Start-ups und Jungunternehmen einigen Nachholbedarf – vor allem bei der Außenwirkung. Doch das Potenzial ist groß und die Aufholjagd hat schon begonnen, auch weil etablierte Firmen sich stärker engagieren. Von Andreas Geldner Ranking

die Gaststätte als auch das HightechUnternehmen seinen Platz. Der Begriff Start-up ist enger gefasst: Hier geht es um Firmen mit innovativen Ideen und einem hohen Wachstumspotenzial – ihnen gilt deshalb verstärkte Aufmerksamkeit. Ein Problem für die Außenwirkung von Baden-Württemberg ist die Tatsache, dass sich viele hiesige Gründer auf Geschäftskunden konzentrieren, den sogenannten B2B-Bereich. Das sind oft hochspezialisierte, etwa auf das vielfältige produzierende Gewerbe im Land zugeschnittene, Startups, die unter dem Radarschirm bleiben. Baden-Württemberg hat im Gegensatz zu den Stadtstaaten oder dem stärker zentralistischen Bayern mit München kein Zentrum, das die Gründerlandschaft dominiert. Karlsruhe, Mannheim/Heidelberg oder Stuttgart führen ein Eigenleben. Auch was die Förderung von Gründern und Start-ups angeht, ist Baden-Württemberg von einer großen Vielfalt geprägt. Zahlreiche staatliche, private oder in staatlich-privater Partnerschaft organisierte Institutionen und Initiativen engagieren sich bei der Gründerförderung. Kaum jemand beklagt deshalb, dass es insgesamt an Mitteln fehlt. Das Problem ist eher, dass diese Förderlandschaft unübersichtlich ist. Was bisher

UNTER DEM DURCHSCHNITT Betriebsgründungen je 10 000 Einwohner 19

18 Deutschland 16

16

15 15

15 14

Baden-Württemberg keine Daten

2007 StZ-Grafik: zap

2009

2011

2013

2015

Quelle: Statistische Ämter von Bundes und Länder

ebenfalls fehlt, ist ein öffentlich sichtbarer Pool an potenten privaten Investoren. Auch hier gibt es aber bereits regionale Initiativen wie den Zukunftsfonds Heilbronn, der bei Start-ups einsteigt. Gründer im Land kommen insbesondere in der Anfangsphase vergleichsweise gut an das nötige Geld. Doch wer ein wirklich großes Rad drehen will, stößt an Grenzen, weil die Investoren mit den ganz tiefen Taschen und den großen Visionen fehlen und es auch nicht wie in Bayern einen hochdotierten Landesfonds gibt. Viele Gründer haben zudem eher den Ehrgeiz, ein solides mittelständisches Unternehmen zu etablieren als einen globalen Konzern. Seit der Gründung des heutigen IT-Riesen SAP in den siebziger Jahren hat es aus Baden-Württemberg keine wirklich globale Erfolgsstory mehr gegeben – auch wenn es Start-ups gibt, die in jüngster Zeit mit mehr als einer Milliarde Euro beziehungsweise Dollar bewertet wurden. Dazu gehört beispielsweise die Göppinger Firma Teamviewer, die eine erfolgreiche Software zur Teamzusammenarbeit entwickelt hat, oder das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac, das durch den Einstieg des Microsoft-Gründers Bill Gates Schlagzeilen machte. Das entscheidende Potenzial für BadenWürttemberg liegt aber in einer Symbiose von Start-ups mit den etablierten Firmen im Südwesten. Eine derartige Vielfalt an potenziellen Partnern und Kunden gibt es insbesondere für Technologiegründungen kaum anderswo in Europa. Diese Firmen lockten mit verlässlichem Gehalt und Urlaubsanspruch – was manchen potenziellen Gründer lieber als Angestellten Unterschlupf finden ließ. Doch immer mehr Firmen haben begriffen, dass sie die rasanten Innovationen der kommenden Jahre – Stichworte Digitalisierung, Industrie 4.0, automatisiertes Fahren – nur durch einen engeren Kontakt mit Gründern meistern können. Neben den großen Konzernen wie Bosch, Daimler oder EnBW entdecken im-

Es soll mein Ruhestand werden. Nicht der meiner Firma.

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mer mehr Firmen das Thema Start-ups für sich. Allein in diesem Jahr haben etwa drei Traditionsunternehmen – Mahle, Trumpf und ZF – angekündigt, dass sie hier investieren wollen. Einerseits sucht man Anlagemöglichkeiten, andererseits geht es um den Kontakt mit innovativen Ideen. Immer mehr etablierte Firmen wollen mit Start-ups kooperieren oder sich von deren Denkweise inspirieren lassen. Das Energieunternehmen EnBW hat einen eigenen Start-up-Campus errichtet. Der Autokonzern Daimler hat beispielsweise in Kooperation mit der Universität Stuttgart seine sogenannte Start-up-Autobahn ins Leben gerufen, bei der in Stuttgart ausgewählte internationale Start-ups für eine Expansion ihres Geschäfts fit gemacht werden. Firmen wie der Banken- und Versicherungskonzern W&W suchen mithilfe von Start-up-Beratern wie der Münchner Firma Etventure nach neuen Wegen zur Innovation. Der mittelständische IT-Dienstleister GFT, der schon lange auf eine enge Verbindung zur Startup-Welt setzt, hat durch einen Innovationskongress in Karlsruhe eine Bühne für Gründer etabliert. Die Dinge sind also in Bewegung – die Früchte wird das Gründerland aber erst in einigen Jahren ernten. Repro: STZN

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ründerland Baden-Württemberg? Wer die nüchternen Zahlen des Statistischen Landesamtes liest, könnte da Zweifel bekommen. Im Vergleich des ersten Halbjahres 2015 mit der ersten Jahreshälfte 2016 lagen die Neugründungen um vier Prozent im Minus. Die Gründungen mit wirtschaftlicher Substanz gingen sogar um 6,2 Prozent zurück. Ähnliches gilt auch für den längerfristigen Vergleich. Vor knapp zehn Jahren noch gab es im Land 16 Gründungen je 10 000 Einwohner, im vergangenen Jahr waren es noch 14. Seit vielen Jahren liegt BadenWürttemberg hier unter dem Bundesdurchschnitt, auch hinter den Nachbarn Hessen und Bayern. Der Vergleich mit diesen wirtschaftsstarken Ländern relativiert ein zur Rechtfertigung des Südwestens immer wieder vorgebrachtes Argument, wonach der solide Arbeitsmarkt gut dotierte Arbeitnehmer vom Gründen abschrecke. Aber das Bild hat auch positive Facetten: Angesichts des zitierten Halbjahresvergleichs wies beispielsweise die für die Gründerförderung des Landes zuständige L-Bank darauf hin, dass im selben Zeitraum die eigene Gründerförderung um 12,4 Prozent zugelegt habe. Auch der vom Bundesverband Deutsche Start-ups alljährlich vorgelegte Deutsche Start-up Monitor glänzte mit guten Zahlen für Baden-Württemberg. So stieg binnen eines Jahres der Anteil der aus BadenWürttemberg teilnehmenden Start-ups von 9,9 auf 12,4 Prozent. Ein wachsender Anteil an Finanzierungen durch externe Investoren, darunter der höchste Anteil an ausländischen Finanziers, höher noch als in Berlin, ergänzten das insgesamt positive Bild. Die Region Karlsruhe/Stuttgart kam laut der – aber wegen des Stichprobencharakters mit Abstrichen zu interpretierenden – Momentaufnahme hinter Berlin und Rhein/Ruhr in Deutschland auf Platz drei. Wie passt dies zusammen? Gründung ist nicht gleich Gründung. In der allgemeinen Statistik hat sowohl der Friseursalon und


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Thomas Villinger (re.), Geschäftsführer des Zukunftsfonds Heilbronn , bei der gerade verkauften Xenios AG. Er warnt: „Wenn die Welt vernetzt ist, aber Baden-Württemberg sich einspinnt, dann haben wir ein Riesenproblem.“

Fotos: ZFH

„Wir stellen uns ungern infrage“ Thomas Villinger, der Geschäftsführer des Risikokapitalgebers Zukunftsfonds Heilbronn, wünscht sich bei Investitionen in Start-ups im Land mehr Kooperation und das Bewusstsein, dass das Erfolgsmodell Baden-Württemberg nicht einfach fortzuschreiben ist. Interview

W

enn es um die Finanzierung von jungen Unternehmen mit Risikokapital geht, ist der Zukunftsfonds Heilbronn ein seit Jahren erfolgreicher und vorbildlicher Akteur. Sein Geschäftsführer Thomas Villinger sagt, wie Baden-Württemberg hier besser vorankommen könnte.

Herr Villinger, in Baden-Württemberg gilt die Devise: Geld hat man, aber man redet nicht darüber. Erklärt dies, warum es hier weniger Risikokapital als in den USA gibt? Privatinvestoren in Deutschland mögen nicht gerne auf dem Silbertablett präsentiert werden. In den USA ist es völlig normal, dass man die Start-ups, die man in seinem Portfolio hat, zu einer Gartenparty einlädt. Aber ich bin mir sicher: In fünf bis zehn Jahren werden wir die Namen der Investoren kennen. Dann werden sie gerne bei öffentlichen Veranstaltungen auftreten. Das ist eine Generationsfrage: Die älteren Investoren sind restriktiv, die jüngeren sind offener und amerikanisierter. Die sagen deutlich, dass sie hinter bestimmten Themen stehen. Was wir von den USA, aber übrigens auch von Israel lernen „Wir können uns können, ist das Bekenntnis zum Umbruch. Das haben sie einfach nicht vorstellen, in Deutschland am ehesten in dass jemand unsere Berlin.

Maschinen vielleicht einmal nicht mehr brauchen könnte.“

Wie investiert Ihr Zukunftsfonds? Wir sind ein Fonds ohne feste Thomas Villinger kritisiert Laufzeit. Wenn wir etwas das Beharren auf altgedienten verkaufen, kommt es in den Geschäftsmodellen. Fonds zurück und kann dann wieder neu investiert werden. Wir lieben Technologie und Themen, die sich in fünf bis zehn Jahren zu einem Geschäftsmodell entwickeln. Der langfristige Aspekt ist bei uns sehr wichtig. Ein aktuelles Beispiel vor wenigen Tagen war unser Verkauf der Xenios AG, einem Medizintechnikunternehmen für Herz- und Lungenunterstützung. Wir haben das Unternehmen über Jahre aufgebaut und durch den Verkauf an die Fresenius Medical Care AG kommt nun ein absoluter Weltmarktführer nach Heilbronn. Wo hat aus Sicht des Start-up-Investors Baden-Württemberg seine Stärken und Schwächen? Baden-Württemberg hat unglaubliche Chancen, das deutsche Gründerland zu werden. Es gibt eine Vielzahl von leistungsstarken Unternehmen. Da kann Berlin in keiner Weise mithalten. Aber wir müssen offener werden und zusammenarbeiten. Im Silicon Valley, in Israel, aber auch in Skandinavien spielt man miteinander und nicht gegeneinander. Bei uns ist der Mittelständler bisher gewohnt, seine Technologie zu patentieren und sie dann eifersüchtig zu hüten. Im Digitalbereich ist das anders: Im Silicon Valley arbeiten auch Wettbewerber bei Projekten zusammen, etwa bei der Künstlichen Intelligenz. Oft geschieht das über Ausgründungen, an denen verschiedene Konzerne gemeinsam beteiligt sind. Es geht darum, Plattformen zu etablieren – und dafür muss man kooperieren. Diesen kulturellen Sprung haben wir noch nicht geschafft.

Inzwischen gibt es aber doch immer mehr Risikokapitalgesellschaften von Unternehmen aus dem Land. Ist das der Durchbruch? Die Großen haben angefangen, andere Firmen ziehen nach. Das ist in der Tat ein Paradigmenwechsel. Die jüngeren Familienmitglieder, die jetzt vielerorts die Unternehmen übernehmen, haben mitbekommen, dass sie bestimmte Technologien nicht selbst entwickeln können, vor allem nicht im notwendigen Tempo. In bestimmten Bereichen wie der Industrie 4.0 haben wir in Baden-Württemberg schon aufgeholt. Es wird auch immer mehr Mittelständler geben, die etwa mit Partnern wie dem Zukunftsfonds Heilbronn zusammenarbeiten wollen. Aber viele der neuen Kapitalgesellschaften sind auf ein einziges Unternehmen bezogen. Es stimmt, diese Gesellschaften gehen bisher selten Partnerschaften ein. Da sind wir wieder beim Schlüsselproblem: dass man nicht gerne mit anderen zusammen investiert und seine Informationen austauscht. Aber der Zukunftsfonds Heilbronn selbst ist doch eine geschlossene Gesellschaft? Man kann zwar nicht direkt in den Zukunftsfonds investieren, aber wir sind offen für Partner. Wenn ein Mittelständler eine bestimmte Technologie gut findet, kann er mit uns zusammen investieren. Praktizieren Sie das schon? Ja, aber mit Investoren aus der Schweiz. Die Schweizer sind da sehr offen – gerade im Bereich der Medizintechnik. Sie haben eine gute Spürnase für Technologie. In dem kleinen Land muss man international denken. Wir haben da inzwischen mehr Kooperationserfahrung als mit Kapitalgebern aus Baden-Württemberg. Wie ist denn die Anziehungskraft BadenWürttembergs für ausländische Investoren? Baden-Württemberg muss dramatisch etwas für seine Außenwirkung tun. Wir haben eine exzellente Technologiebasis und ein hervorragendes Unternehmernetzwerk, wenn wir das mit anderen Bundesländern vergleichen. Was die persönlichen Beziehungen angeht, sind die mittelständischen Unternehmer schon gut untereinander verwoben – aber nicht als Kapitalnetzwerk. Man kennt sich. Aber bisher sind die Begegnungen eher nett und unverbindlich, etwa mal im Rahmen eines IHK-Empfangs. Es gibt enorm viel Luft nach oben.

sich aber viel mehr öffnen. Wir werden unsere Technologie weiter produzieren und mit einem digitalen Ansatz verbinden. Ein Unternehmer hierzulande gibt nicht auf, was er aufgebaut hat. In den USA ist das anders: Da erfinden sich Firmen radikal neu und stellen sich komplett infrage.

Wird also unsere Stärke zur Schwäche? Manche glauben immer noch, dass dieser Technologie-Hokuspokus irgendwann vorbei sein wird. Wir brauchen deshalb in Baden-Württemberg neue Unternehmen mit jungen Technologien, damit wir den Paradigmenwechsel hinbekommen.

Also man bewahrt den Kern und dockt sich an das Neue an? Es ist nicht die deutsche Tugend, alles auf den Kopf zu stellen. Das macht uns aber ein Stück weit auch stabiler. Man muss den Amerikanern nicht überall folgen. Deren Stärke ist es, sich permanent infrage zu stellen. So etwas mögen Deutsche nicht.

Was kann die Landespolitik tun? Steuerpolitik ist sehr stark Bundespolitik. Da sind wir auf einem guten Weg, was etwa die Möglichkeiten eines Verlustvortrags bei Minderheitenbeteiligungen angeht. Das macht man anderswo „Manche glauben in Europa schon längst. Das immer noch, Wichtigste ist aber, dass die dass dieser ganze Politik das Thema wirklich im Blick hat. Seit drei bis vier Jah- Technologie-Hokuspokus ren holen wir auf. Das Land irgendwann könnte aber noch mehr tun. vorbei sein wird.“ Bayern ist da sensationell. Dort treibt die Landesregierung das Villinger über Thema seit vielen Jahren syste- Fortschrittsskepsis matisch voran. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Bisher verlässt sich die Landesregierung noch sehr auf die Unternehmer.

Ist unser Problem die Selbstzufriedenheit? Am deutschen Wesen wird die Welt genesen – das steckt noch tief drin. Wir können uns nicht vorstellen, dass es anders sein könnte. Und das ist extrem gefährlich. Die Generation zwischen 35 und 40, die jetzt ins Management vorrückt, die begreift, dass wir aus Deutschland heraus vielleicht einmal die eine oder andere Technologie nicht mehr anbieten können. Das Gefährliche ist, dass das nicht über Nacht passieren wird, sondern schleichend. In den USA oder in der Welt wartet man nicht auf Deutschland. China hat dramatisch aufgeholt, nicht nur über Plagiate, sondern über eigene Technologie. Es fehlt da manchmal die visionäre Kraft, um über ein, zwei Generationen hinwegzuschauen. Wie überlebt unser Unternehmen im Jahr 2030? Wenn die Welt vernetzt ist, aber BadenWürttemberg sich einspinnt, dann haben wir ein Riesenproblem. Sind wir zu sehr auf Hardware fixiert? Es geht in der Tat eher um Plattformen und komplette Lösungen, die Hardware ist nur noch ein relativ kleiner Faktor. Aber die „Dinge“ waren das, was uns über die Jahre stark gemacht hat. Wir können uns einfach nicht vorstellen, dass jemand unsere Maschinen vielleicht einmal nicht mehr brauchen könnte.

Aber es gibt doch in Baden-Württemberg jede Menge Beratung, Wettbewerbe und Förderprogramme? Es haben sich auf diesem Gebiet viele Pfründe über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut. Aber den nötigen Effekt hat es nicht gehabt. Auch hier gilt: Man kommuniziert zu wenig. Wir brauchen eine Aufbruchstimmung im ganzen Land. Es geht nicht um Kapital, es geht darum, dass die Landesregierung ein ambitioniertes Ziel vorgibt: Wir wollen die besten Start-ups fördern. Wir bräuchten einen Staatssekretär, der für Innovation zuständig ist, der aus der Industrie kommt und glaubwürdig kommunizieren kann: Das Thema ist uns wichtig. Start-ups gehören bei jeder Veranstaltung aufs Podium. Das Gespräch führte Andreas Geldner.

ZUR PERSON Zukunftsfonds Thomas Villinger kam 2006 als Mitgründer und CEO zum Zukunftsfonds Heilbronn. Davor hatte er als Gründer und Geschäftsführer den Unternehmensaufbau der Innovationsfabrik Heilbronn begleitet, ein Zentrum mit 60 Start-up-Firmen – Schwerpunkte Industrie, Elektronik, Kommunikation.

Der Begriff Kooperationsfähigkeit scheint für Sie der Schlüssel zu sein. Es reicht halt nicht, sich freundlich zu unterhalten. Man muss auch gemeinsam an Projekten arbeiten, an neuen Produkten. In Israel und in den USA ist das selbstverständlich. Es gibt Ausgründungen, bei denen mehrere Wettbewerber beteiligt sind. Das ist bisher in Deutschland undenkbar. Das braucht sicher noch mindestens eine halbe Generation.

DER ZUKUNFTSFONDS HEILBRONN

In welchen Branchen hat Baden-Württemberg langfristig das größte Potenzial? Technologie, Maschinenbau, Automobile, Feinwerktechnik sind unsere Trümpfe. Aber beim Nutzen von Daten sind wir noch schwach. Die Firmen werden sich von ihren bisherigen Geschäftsmodellen sicher nicht so schnell verabschieden. Sie müssen

Ziel Der Zukunftsfonds Heilbronn investiert in junge und Erfolg versprechende Technologiefirmen. Der Fonds will die Firmen von der Erstfinanzierung bis zur Expansionsphase begleiten. Der Fonds wird von drei Unternehmerfamilien aus der Region Heilbronn getragen. Dass die Lidl-Eigentümer dazuge-

Laufbahn Er hat mehr als zwölf Jahre Erfahrung im Bereich Risikokapital. Villinger hat in Frankfurt Volkswirtschaftslehre und Geografie studiert. Er hat auch einen Master of Business Administration der Schiller International University (USA/Frankreich). age

hören wird nicht kommuniziert, ist aber ein offenes Geheimnis. Der seit 2005 bestehende Fonds ist zurzeit an rund 15 Firmen beteiligt. Die Investments liegen zwischen 500 000 und zehn Millionen Euro. Branchen Sechs Felder bilden den Schwerpunkt: Automation und

Elektronik, Energie und Umwelt, IT und Kommunikation, Biowissenschaften (Life Sciences), Materialwissenschaften und Nanotechnologie. Gerade erst hat man mit dem Heilbronner medizintechnischen Unternehmen Xenios Kasse gemacht, das an Fresenius Medical Care verkauft wurde. red


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Konstanz lockt mit dem Bodensee. Das Zeppelin-Denkmal steht für Tradition, der Roboter von Fruitcore für Visionen. Die Hochschule für Wirtschaft, Technik und Gestaltung ist Teil des Ökosystems.

Fotos: dpa, Fruitcore, HWTG, Werner

Gründen in der Urlaubsregion Immer mehr Start-ups sehen in Konstanz ein geeignetes Sprungbrett. Das liegt an der Nähe zur Schweiz und einem sich stetig entwickelnden Ökosystem. Von David Werner

Standortporträt

V

iel Bedenkzeit brauchte Tobias Kuentzle nicht, als Jens Riegger seinen ehemaligen Studienkollegen aus Karlsruhe Anfang 2016 anrief und von der Geschäftsidee von Manuel Frey und sich berichtete. Kuentzle reiste nach Konstanz und ließ sich von dem Vorhaben überzeugen. Mittlerweile ist er einer der Gründer des Technologie-Start-ups Fruitcore. „Gründen war schon immer eine Option für mich“, sagt Riegger, der Geschäftsführer des jungen Unternehmens. Die Begeisterung der Maschinenbauer fürs Gründen ging sogar so weit, dass sie, als sich ihre Wege nach dem abgeschlossenen Bachelorstudium in Karlsruhe trennten und Riegger an die Hochschule Konstanz für Technik Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) wechselte, vereinbarten: „Wenn ich eine Idee habe, rufe ich dich an.“ Das Start-up hat sich auf Robotertechnik spezialisiert und im Oktober auf einer Stuttgarter Fachmesse den Roboter „Horst“ vorgestellt – wie „Highly Optimized Robotic Systems Technology“. „Die Messebesucher haben uns die Bude eingerannt“, sagt der Geschäftsführer. Das Feedback der Unternehmen sei gut gewesen: „Unser Ziel war es, fünf Pilotkunden zu finden. Jetzt gibt es so viele Anfragen, dass wir uns aussuchen können, mit wem wir zusammenarbeiten wollen.“ Geeignete Räumlichkeiten für die Weiterentwicklung von „Horst“ fanden die Tüftler auf dem hochpreisigen Immobilienmarkt im Technologiezentrum Konstanz (TZK). Der verschachtelte Bau, entstanden in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und ehemals im Besitz von Textilgroßhändlern und Blusenfabrikanten, befindet sich in direkter Nähe zur Schweizer Grenze im Stadtteil Paradies. „Unser Zentrum ist eines „Das 1985 eröffnete Technologiezentrum Konstanz ist eines der ersten dieser Art der ersten seiner Art in Badenin Baden-Württemberg.“ Württemberg“, sagt Stefan Stefan Stieglat, Geschäftsführer des Stieglat, seit acht Jahren GeTechnologiezentrums Konstanz (TZK) schäftsführer der Einrichtung. Der Verwaltungswissenschaftler kann von einer seit mehreren Jahren erhöhten Nachfrage nach Räumlichkeiten berichten: „Mit derzeit 40 Unternehmen im TZK sind wir an der Kapazitätsgrenze angelangt.“ Der Blick auf die ehemaligen Mieter beweist den Erfolg des Zentrums: Die Sunways AG, Produzent von Solarzellen, Wechselrichtern und Solarmodulen, beschäftigte vor der Solarkrise mehr als 300 Personen und ging aus einem Ingenieurbüro im TZK hervor. Auch das Ärztenetzwerk Coliqio, das bereits mehr als 160 000 deutschsprachige Mediziner vernetzt, und die Seitenbau GmbH, ein bundesweit tätiges IT-Unternehmen, fassten in dem Zentrum Fuß und beschäftigen mittlerweile weit mehr als 80 Mitarbeiter. Den Schwerpunkt von erfolgreichen Gründungen im IT-Bereich erklärt Stieglat mit dem gut funktionierenden, grenzüberschreitenden Netzwerk Cyber-Lago, das seinen Sitz ebenfalls im TZK hat: „Gründer erhalten durch die Netzwerkarbeit schon früh wichtige Hilfestellungen.“ Neben dem IT-Netzwerk hilft auch Bio-Lago, ein Zusammenschluss von Firmen und

Forschungseinrichtungen aus der LifeScience-Branche in der Vierländerregion Bodensee, bei Gründungen. Um auch in Zukunft genügend Flächen für Gründer zu haben, arbeitet Stieglat in Kooperation mit der Stadt Konstanz, die das als gemeinnütziger Verein betriebene Technologiezentrum finanziell unterstützt, und der HTWG an einem gemeinsam von Stadt und Hochschulen getragenen Gründer- und Innovationszentrum. Nur etwa zwei Kilometer trennen das Konstanzer Technologiezentrum und das Bodenseeforum Konstanz, das im Oktober feierlich eröffnet wurde. Das eindrucksvolle Gebäude, gelegen an einer der Haupteinfahrtsstraßen, ist sowohl Veranstaltungshaus als auch Hauptsitz der IHK Hochrhein-Bodensee. „Konstanz ist als

Gründerstandort vielseitig, aktiv, aber noch wenig sichtbar“, sagt Alexander Vatovac, bei der regionalen Industrie- und Handelskammer verantwortlich für Existenzgründung und Unternehmensförderung. Vatovac wechselte vor rund acht Monaten von der Wirtschaftsförderung München an den Bodensee. Beim Gespräch in den neuen Räumen erzählt er auf der Sonnenterrasse von den Vorzügen des Standorts: „Konstanz ist international, jung und hat eine hohe Lebensqualität. Die Grenznähe betrachten viele junge Unternehmen zudem als Chance.“ Neben Erstberatungen, die die IHK anbietet, möchte Vatovac den Gründerstandort Konstanz durch eine konstruktive Zusammenarbeit der Institutionen stärken. Dazu beitragen soll auch der während der Gründerwoche vom Gründernetzwerk Konstanz, einem Zusammenschluss von staatlichen und privaten Organisationen, veranstaltete Gründertag Bodensee. „Es gibt viele Gründer, aber noch wenig Kultur“, dachten sich die Macher der Start-

up-Lounge Bodensee, einem Veranstaltungsformat, das im September bereits zum dritten Mal durchgeführt wurde und mehr als 100 Teilnehmer in die neuen Räumlichkeiten der IHK lockte. „Mit der Startup-Lounge Bodensee möchten wir fürs Gründen begeistern und eine Plattform zum Netzwerken unter Gründern schaffen“, sagt „Die Grenznähe Moritz Meidert vom Start-up- betrachten viele Service Gründerschiff, selbst junge Unternehmen mehrfacher Gründer. Für Meidert sind es vor al- als Chance.“ lem die Konstanzer Hochschu- IHK-Experte len, also die Universität und Alexander Vatovac die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG), die als Katalysator für Gründer in der 85 000-Einwohner-Stadt fungieren. „Mehr als 17 000 Studenten, Hochschulen, die das Thema Gründen für sich entdeckt haben, sowie eine mit Berlin vergleichbare Dichte an Unternehmen in der Kreativbranche und der direkte Anschluss an den lukrativen Schweizer Markt“, sagt er.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Unternehmensgründung ist und bleibt ein Kraftakt. Dem Münchner eGym, einem Hersteller von vernetzten Sportgeräten für Fitnessstudios, ist er gelungen – dank kräftiger Unterstützung durch ein Finanzierungsnetzwerk und der gründerfreundlichen Atmosphäre in Bayern. Fotos: eGym

Üppig blüht der Dschungel Bayern stellt für seine Start-ups so viele Hilfen und Strukturen bereit wie kein anderes Bundesland. Jungunternehmer haben die Qual der Wahl bei den vielen Förderangeboten. Von Paul Kreiner

Gründerförderung

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der Spitze von BayStartUp, dem nach eigenen Angaben größten deutschen Finanzierungsnetzwerk. Gemeinsam geknüpft haben es das bayerische Wirtschaftsministerium, die staatliche LfA-Förderbank (nach dem Zweiten Weltkrieg als Starthilfe für Flüchtlinge geschaffen), dazu private Banken, Sponsoren aus der Großindustrie, führende Kanzleien von Rechtsanwälten und Steuerberatern und alle möglichen Unternehmer, die sich mit 100 Euro pro Jahr an einem Förderverein beteiligen – oder genauer: an zweien, denn das Gleichgewicht im Freistaat zwischen altbayerischem Süden und fränkischem Norden verlangt immer wieder nach feinster Austarierung. Die breite Basis verschafft BayStartUp viel Handlungsfreiheit: „Wir gehören niemandem und sind nur unseren Mitgliedern verpflichtet“, sagt Rudolph. Aushängeschild ist der jährliche Businessplan-Wettbewerb, an dem sich zuletzt 353 Jungunternehmen beteiligten; dazu kommen für die

eicht kann so schwer sein. Wer sich in Bayern mit einer umwerfenden Geschäftsidee selbstständig machen will, wer als kaum gestarteter Jungunternehmer durch die Decke gehen will wie eine Rakete – à la Flixbus beispielsweise –, der sieht sich umringt von einer Masse an Förder-Einrichtungen und Euro-Millionen, fürsorglich belagert von Coachs und Business-„Schutzengeln“, gehätschelt von der Industrie, von Banken, von Unis, von Papa Staat und Mama Stadtverwaltung. Im „Gründerland Bayern“ wollen einem alle alles erleichtern – mit der Folge, dass das erste Abenteuer für Startups darin besteht, sich durch den Hilfsdschungel zu schlagen. Man könnte auch sagen: Bayern hat ein Luxusproblem. Oder: Der Freistaat reagiert auf eine überstarke Nachfrage. Säckeweise, so sagt Carsten Rudolph, flögen ihm Geschäftsmodelle ins Haus. Kein Wunder, er sitzt im Münchner Technologiezentrum ja auch an

jährlich zu verteilenden rund 50 Millionen Euro weitere 300 Einreichungen von Startups, die ihr frisch erdachtes Businessmodell wegen potenzieller Konkurrenz lieber nicht öffentlich präsentieren wollen. Aus einem Businessplan-Wettbewerb ging 2010 das Münchner eGym hervor, das heute mit 300 Mitarbeitern innovative, vernetzte Sportgeräte für Fitnessstudios produziert – und jüngst für die internationale Weiterentwicklung 45 Millionen Dollar an Investitionsmitteln eingesammelt hat; eingestiegen ist nach der bayerischen Starthilfe auch ein US-amerikanischer Fonds. BayStartUp hilft nicht nur beim Coachen, es bringt Gründer und Finanziers zusammen und dient als Kontaktanbahnung zwischen etablierten Mittelständlern, die spezielle Ideen suchen, und jungen Kreativen, die solche ausbrüten. Mit der Hilfe von BayStartUp wurden laut deren Bilanz bereits mehr als 1600 Unternehmen gegründet, mit 11 400 Mitarbeitern und etwa einer

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Milliarde Euro Umsatz pro Jahr. Von einem Hilfsdschungel will Rudolph nicht reden; er findet es effizienter, dass Bayern die „One-stop-shop-Politik“ nicht mitmacht. Und was für Anfänger verwirrend aussieht, ist für ihn eine „bestens ausgebaute Struktur“ von nachhaltiger Begleitung und Förderung. Nicht wie in der Bundeshauptstadt, deren Start-up-Szene zwar die bessere, lautere Presse habe, wo aber „vieles selbst organisiert ist und der Eigenverantwortung der Gründer überlassen bleibt“, so der gebürtige Berliner Rudolph. Zentren der Hightech- und Digitalisierungsgründungen sind die Industriezentren München und Nürnberg, wo Ideen und Kunden in nächster Nachbarschaft sitzen. Dazu kommt als weiterer Kreativpol die Umgebung der Universität Regensburg; danach dünnt es selbst in Bayern stark aus. Dann gibt es die Verzahnung mit den Hochschulen und deren eigenen oder privat kofinanzierten Gründerzentren: An der Technischen Universi- „Säckeweise fliegen tät München (TUM) engagiert mir die Geschäftsmodelle sich nicht ohne Grund die ins Haus.“ BMW-Erbin und Großunternehmerin Susanne Klatten für Carsten Rudolph, Leiter des Gründungen und Entwick- Finanzierungsnetzwerks BayStartUp lungen in der Spitzentechnologie, weit über den Autobau hinaus. Die vier Gesellschaften des von Klatten gegründeten „UnternehmerTUM“ sollen „Talente, Technologien, Kapital und Kunden systematisch vernetzen“. Damit Studenten ihre Ideen erproben können, stellt ihnen das Projekt die angeblich größte öffentlich zugängliche Hightech-Werkstatt Europas bereit. Zu den Schlüsseltechnologien, die Bayern breit fördern will, gehören auch die LifeSciences, also alles, was mit Bio- und Gentechnologie zu tun hat. Sie finden ihr Gründerzentrum beispielsweise im Münchner Biocampus Martinsried oder im „Medical Valley“, das sich im mittelfränkischen Erlangen angesiedelt hat. Investment-Kapital, Spitzenforschung (Max-Planck-Institut in München) und Hightech-Großindustrie in Erlangen (die Medizin-Technik von Siemens, Healthineers genannt), kommen hier ganz eng mit der Gründer-Szene zusammen. Oder wie es beim fröhlichen Networking in München neulich ein Unternehmer zusammenfasste: „Das Tolle ist, du kannst hier auch mal mit dem Chef einer Tech-DaxFirma oder mit einem Nobelpreisträger essen gehen.“ Auch das ist Teil bayerischer Start-up-Förderung. Und kostet am Ende nicht so viel.

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Stuttgart Vaihingen Hauptstr. 166 70563 Stuttgart Tel. 0711 / 737300-222

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Stuttgart Weilimdorf Rutesheimer Str. 1 70499 Stuttgart Tel. 0711 / 13893-81

Statistik Laut dem Deutschen Hightech-Gründerfonds bekam Bayern von 2012 bis 2016 bundesweit 24,5 Prozent aller Förderzusagen vor Berlin (19,8 %), Nordrhein-Westfalen (14,3 %) und BadenWürttemberg (8,9 %). Auf die übrigen zwölf Bundesländer entfiel damit nur rund ein Drittel der Mittel. Dieses Jahr (Stand 30. 9.), führt Berlin mit 26,7 % der Zusagen, gefolgt von

Baden-Württemberg und Bayern mit jeweils 20 %. Programme Für beginnende Unternehmer gibt es ein Vor-Coaching mit 1500 Teilnehmern und 2,9 Millionen Euro Förderung (2015). Auch das Projekt „Flügge“ unterstützt Gründer. Es gibt spezielle Programme für technologieorientierte Gründungen, einen Preis für kreative Biotechnologen, einen für Digitalisierer,

dazu Wettbewerbe, Beteiligungskapital und einen 100 Millionen Euro schweren Wachstumsfonds Bayern. Gründerzentren Das Werk 1 der ehemaligen Münchner Pfanni-Zentrale oder das IZB im Biocampus Martinsried stellen Büros, Internet, betriebswirtschaftliche Beratung sowie Präsentations- und Austauschmöglichkeiten mit etablierten Firmen bereit. mb


Wir Wirtschaft tschaft & Erfolg

November 2016

Amer Blanco, Sabrina Weidler und Stefan Dreher (von links) gehören zu den Trainees bei Schuler. Weidler und Dreher waren für den Pressenhersteller bereits in China, Blanco fährt bald nach Mexiko.

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Fotos: Schuler

Strebsam auf dem Weg nach oben Beim Göppinger Pressenhersteller Schuler erhält eine Handvoll Nachwuchskräfte eine ganz besondere Ausbildung. Sie kommen auch im Ausland herum. Das kann die Karriere fördern, ist aber noch keine Garantie für den Aufstieg im Unternehmen. Von Ulrich Schreyer

Trainees

W

er es bis hierher geschafft hat, gehört schon zu den Auserwählten: Jedes Jahr wählt der Göppinger Pressenhersteller aus seinem hoffnungsvollen Nachwuchs sechs bis acht junge Menschen aus, die in ein Trainee-Programm aufgenommen werden. Für einen Platz gibt es in der Regel drei Kandidatinnen und Kandidaten – doch wer das Auswahlverfahren erfolgreich durchgestanden hat, kommt rum in der Welt: „Unsere Trainees gehen ein halbes Jahr an ausländische Standorte“, berichtet Simone Buckow, bis vor wenigen Jahren selbst noch Trainee und heute verantwortlich für die Ausbildung ihrer Nachfolgerinnen und Nachfolger. Der Aufenthalt im Ausland gehört sicher zu den Höhepunkten der Weiterbildung: „Man lernt unterschiedliche Kulturen kennen“, sagt Sabrina Weidler, die eine ganze Zeit lang in China gearbeitet hat. Dabei ist der jungen Dame, deren Vater und Großvater schon bei Schuler gearbeitet haben, nicht nur aufgefallen, dass Chinesen mit Stäbchen essen: „Man muss ihnen immer wieder sagen, was sie tun sollen“, so eine der aus dem Reich der Mitte heim genommenen Erfahrungen. Mit China hat sie auch heute noch zu tun – in ihrer Zuständigkeit für den Aufbau des firmeninternen Intranets, das auch Standorte in China und Brasi„Das Trainee-Programm lien mit Informationen etwa aus der Zentrale in Göppingen ist ein wichtiger versorgen soll. Eckstein bei unserer Weidler gehört zum ersten Personalentwicklung.“ Jahrgang des 2014 begonnenen und 18 Monate dauernden Stefan Klebert, Trainee-Programms. Studiert Schuler-Vorstandschef hat sie Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Esslingen, ihre Bachelorarbeit hat sie bei Schuler geschrieben, kam also nicht nur zu dem Unternehmen, weil schon Vater und Großvater dort gearbeitet haben. Heute sorgt sie dafür, dass die Welt von Schuler durch raschen Informationsaustausch über moderne Datennetze zum globalen Dorf wird. Schon in China hat sie sich mit dem Intranet beschäftigt, heute macht sie auf Englisch auch Schulungen für chinesische und brasilianische Beschäftigte: „Man kommt schnell in eine verantwortliche Position“, sagt sie – eine für sie durchaus erfreuliche Folge des Trainee-Programms. Natürlich war die Aufnahme in das Programm kein reiner Spaziergang, „es ist schon eine gewisse Anspannung, wenn man in kurzer Zeit Texte präsentieren muss“ – doch daran, dass es klappen würde, hatte sie nie einen Zweifel. Ähnlich erging es auch Stefan Dreher. Er steckt noch im Programm. Daran, dass er aufgenommen würde, hatte er ebenfalls keinen Zweifel. Auch er hat schon einen

Ausflug nach China hinter sich: „Die Chinesen gehen während einer Besprechung auch schon mal raus“ – so sein Einblick in eine etwas anders geartete Arbeitswelt. Dreher, der nach verschiedenen Stationen – so etwa Industrieelektroniker beim Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf oder einem Studium an der European School of Business (ESB) – schließlich einen Abschluss als Wirtschaftsingenieur an der HTW Aalen gemacht hat, hat seine Laufbahn als Trainee vergangenes Jahr begonnen. Ähnlich wie seine Kollegin schätzt auch er, dass man sehr schnell für etwas Verantwortung tragen kann. „Schuler war ein Name“, sagt der 1986 geborene Stuttgarter auf die Frage, wie er zu dem Göppinger Pressenhersteller kam. Heute schätzt er dort „die flachen Hierarchien, und dass man selbst Veränderungen voranbringen kann“. Für seinen Chef, der auch sein Pate als Trainee ist, arbeitet er derzeit an einem Projekt für schnell laufende Maschinen, die beispielsweise zum Pressen von Verpackungen oder zum Prägen von Münzen eingesetzt werden. Auch das gehört zum Programm: Jeder Trainee hat einen Paten, der auch ein Wörtchen dabei mitredet, ob jemand Trainee wird, wo er eingesetzt wird und wohin es bei einem Auslandsaufenthalt geht. „Die Welt steht einem offen, wenn man bei Schuler arbeitet“, sagt Dreher – schließlich ist das Unternehmen mit einer ganzen Reihe von Standorten rund um den Globus vertreten. Aus der weiten Welt ist Amer Blanco zu Schuler gekommen. Der gebürtige Syrer ist heute englischer Staatsbürger, hat an einer internationalen Schule in Dubai sein Abitur abgelegt, war als Ingenieur auch bereits in Dubai und in Saudi-Arabien tätig. Im Rahmen seines im Juli begonnenen TraineeProgramms arbeitet er derzeit am SchulerStandort Weingarten im schwäbischen Oberland. Einen Vorteil der Kleinstadt hat er bereits erkannt: „Ich kann zu Fuß ins Geschäft laufen.“ Von Schuler, „und dass die Pressen bauen“, hat er während seines Studiums – unter anderem in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in den Niederlanden – gehört. Seine Bewerbung bei den Schwaben hat ebenso geklappt wie die Aufnahme ins Trainee-Programm, wo er unter anderem mit Markt- und Wettbewerbsanalysen, aber auch mit der Kalkulation von Anlagen, der Ausarbeitung von Angeboten und den Beziehungen zu Kunden zu tun hat. Der 1989 geborene Blanco zählt Basketball, Fußball und Tischtennis zu seinen Hobbys, war aber auch schon vielfach ehrenamtlich tätig. Und nach der Station in Weingarten geht es auch wieder hinaus in die weite Welt. Zuerst kommt noch eine Abstecher an den Schuler-Standort Waghäusel bei Karlsruhe – doch im kommenden Jahr lockt dann ein Aufenthalt in Mexiko, wo Schuler Pressen für Karosserieteile von Autos herstellt. Dort

will er den Vertrieb in Mexiko und die dortigen Kunden kennenlernen. „Das TraineeProgramm bietet Schulungen an, hilft dabei, ein Netzwerk aufzubauen, mit dem Vorstand ins Gespräch zu kommen, und gibt einem die Möglichkeit, an Messen teilzunehmen“, sagt Blanco zu der Weiterbildungsmöglichkeit. Für Stefan Klebert, den Vorstandschef der Schuler AG, ist das Programm „ein wichtiger Eckstein bei der Personalentwicklung“. Auch jenseits der üblichen Ausbildungsberufe und Qualifikationen durch ein Studium brauche das Unternehmen „junge Leute, die besonders ambitioniert, weltoffen und teamfähig“ seien und „dabei helfen, wichtige Projekte länderübergreifend voranzubringen“. Zudem muss Schuler jungen Leuten natürlich auch etwas bieten im Wettbewerb mit anderen und bekannteren Firmen rund um Stuttgart. Kulturwandel im Unternehmen, Industrie 4.0, neue Kunden, neue Märkte – das sind für Dirk Hopfer denn auch die Stichworte, wenn er nach dem Sinn des Trainee-Programms gefragt wird. In diesem geht es dann eher um die Erlernung sozialer Kompetenz denn um Fachwissen – solches wird bei den Bewerbern eigentlich schon vorausgesetzt. Präsentationen, Rol-

lenspiele, Führungsverhalten – das wird bei den Kandidaten getestet. Im Durchschnitt haben die zehn Trainees bei Schuler eine Arbeitszeit von acht Stunden am Tag – ähnlich wie bei den anderen Beschäftigten achtet der Betriebsrat auch auf deren Einhaltung bei den Nachwachskräften. Die Auswahl für das Programm kann schon ein wichtiger Schritt auf der Karriereleiter bei Schuler sein, ist aber nicht die einzige Weichenstellung auf dem Weg nach oben: „Auch wer nicht Trainee war, hat seine Chance“, sagt Personalentwicklungsreferentin Buckow. Dass Schuler Trainees ausbildet und die Kosten dafür später in den Wind schreiben muss, weil andere die jungen Leute abwerben, fürchten die Verantwortlichen offenbar kaum: „Schuler ist ein sehr vielfältiges Unternehmen, bei uns muss es niemand langweilig werden“, sagt Buckow. Und genau darauf kommt es beispielsweise Stefan Dreher an: „Solange die Aufgaben spannend bleiben, kann man gute Leute auch lange halten“, sagt der Trainee. Und von einem sind alle seine Kolleginnen und Kollegen wohl schon ein bisschen überzeugt – davon, dass sie irgendwie schon ein wenig zu den Auserwählten zählen, denen zumindest die Schuler-Welt offen steht.

In sein neues Forschungszentrum steckt Schuler nicht weniger als 45 Millionen Euro. Die Einweihung ist für kommendes Jahr vorgesehen. Das Gebäude soll ein Bekenntnis zum Stammsitz Göppingen sein.

SCHULER RICHTET SICH AUF SCHWIERIGERE ZEITEN EIN Ausblick Bei der Bilanzvorlage für 2015 erklärte der Vorstandschef Stefan Klebert, der Umsatz werde dieses Jahr wohl von 1,2 Milliarden Euro auf eine Milliarde Euro sinken, auch der Ertrag werde zurückgehen. Allerdings waren seither die beiden Unternehmen Yadon und Aweba mit zusammen 1600 Mitarbeitern und einem Umsatz von 170 Millionen Euro dazugekommen. Im ver-

gangenen Jahr war die Zahl der Mitarbeiter um 250 auf 5420 Beschäftigte zurückgegangen. Aufkauf Der Pressenhersteller war im Jahr 2013 von der AndritzGruppe aus Österreich übernommen worden. An diese hatte der Familienstamm um Robert SchulerVoith seine Anteile verkauft. Andritz hält inzwischen 95 Prozent.

Anfänge Gegründet wurde das Unternehmen 1839 von Louis Schuler. Ab 1852 wurden Maschinen zur Blechbearbeitung produziert, bereits 1895 wurde eine Münzpresse nach China exportiert. Die erste Presse für Autokarosserien für die Massenfertigung wurde 1924 verkauft. Im Jahr 2007 wurde der Konkurrent Müller-Weingarten von Schuler übernommen. ey


12 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

„Wir kämpfen mit Vorurteilen“ Christian Rauch, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Land, spricht über Gruppen von Menschen, die bisher zu wenig im Fokus der Arbeitgeber stehen, und darüber, wie sie gefördert werden. Interview

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erade in technischen Berufen und in der Pflege macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar. Daher gelangen verstärkt Gruppen in den Fokus der Personaler, um die man sich zuvor wenig bemüht hat. Christian Rauch, seit 2014 BA-Regionalchef im Südwesten, sieht dabei erste Erfolge, aber auch Verbesserungsbedarf.

Minderleistungsausgleich, der sich an unsere Lohnkostenzuschüsse anschließt. Dieser Ausgleich wird auch durch die Abgaben von Unternehmen finanziert, die weniger Menschen mit Behinderung beschäftigen als sie von Rechts wegen her müssten. Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern sind gesetzlich dazu verpflichtet, fünf Prozent ihrer Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen.

Herr Rauch, in Baden-Württemberg liegt die Beschäftigungsquote von Menschen mit Schwerbehinderung mit 4,4 Prozent noch unter der gesetzlich vorgeschriebenen Quote von fünf Prozent. Wohin geht der Trend? Wir bewegen uns seit etwa fünf Jahren auf diesem Niveau. Um zu verdeutlichen, mit welcher Herausforderung wir es zu tun haben: Schwerbehinderte sind in BadenWürttemberg im Schnitt 534 Tage lang arbeitslos. Im Durchschnitt dauert es rund 130 Tage, bis ein Arbeitsloser wieder einen Job findet. Man muss aber auch sehen, dass Langzeitarbeitslose bei 1060 Tagen liegen.

Das Bundesteilhabegesetz soll noch in diesem Jahr verabschiedet werden und 2017 in Kraft treten. Damit soll eine neue Grundlage für die Behindertenhilfe geschaffen werden. Behindertenverbänden gehen die Reformen allerdings nicht weit genug, sie empfinden sie als unsozial und fürchten teilweise sogar Verschlechterungen. Ist die Kritik berechtigt? Das Gesetz stärkt auf jeden Fall die Prinzipien Selbstverantwortung und Teilhabe von behinderten Menschen. Damit ist es für mich schon der richtige Schritt. Es gehen aus Sicht der Behindertenverbände nicht alle Wünsche in Erfüllung, etwa Zuschüsse ohne Bedürftigkeitsprüfung. Darüber kann man gesellschaftlich streiten. Das Gesetz löst nicht die Frage des gegliederten Systems der beruflichen Rehabilitation: Wir haben in Deutschland sehr viele Rehabilitationsträger, die sich über die medizinische berufliche Rehabilitation teilweise miteinander abstimmen müssen. Der eine oder andere Behinderte verläuft sich in diesem bürokratischen Dschungel.

In welchen Bereichen klappt die Inklusion besser, in welchen weniger gut? Traditionell führend bei dem Thema Inklusion ist der öffentliche Dienst, wo die Beschäftigungsquoten in der Regel über acht Prozent liegen. Schwieriger ist es im gewerblich-technischen Bereich. Da die Quoten erst in Betrieben mit mehr als 20 Mitarbeitern erhoben werden „Wir haben sehr viele müssen, liegen uns keine InRehabilitationsträger, die formationen vor, wie viele Menschen mit Behinderung in sich abstimmen müssen. kleineren Betrieben arbeiten.

Der eine oder andere Behinderte verläuft sich in diesem bürokratischen Dschungel.“ BA-Regionalchef Christian Rauch

Was tut die BA, um die Eingliederung von Menschen mit Behinderung zu unterstützen? Es gibt manchmal in den Köpfen der Unternehmer das Vorurteil, wenn sie behinderte Menschen erst einmal eingestellt haben, werden sie sie schwerer wieder los. Dagegen versuchen wir aktiv anzuarbeiten, indem wir die Potenziale der behinderten Menschen stärker in den Fokus rücken. Ein Potenzial ist, dass sie im Vergleich zu den übrigen Arbeitslosen überdurchschnittlich qualifiziert sind; 57 Prozent haben einen Berufsabschluss. Außerdem gibt es für die Unternehmen, die behinderte Arbeitnehmer beschäftigten und damit auch ein gewisses Risiko in Kauf nehmen, deutlich höhere Zuschüsse. Welche Leistungen gibt es? Arbeitgeber, die sich der Herausforderung stellen, erhalten Unterstützung in Form von Arbeitsplatzausstattung, zum Beispiel den barrierefreien Umbau eines Büros. Darüber hinaus gibt es Lohnkostenzuschüsse für die Dauer von maximal zwei Jahren. Die können zu Beginn bis zu 100 Prozent des Arbeitsentgelts betragen und gehen dann über die Laufzeit etwas zurück. Über die Integrationsämter gibt es einen sogenannten

Was versprechen Sie sich von dem Gesetz? An der Beschäftigungsquote von schwerbehinderten Menschen in Unternehmen wird sich dadurch aus meiner Sicht nichts ändern. Das Gesetz wirkt stärker im Bereich der medizinischen und psychologischen Rehabilitation und im Bereich der Eingliederungshilfen, wobei es aber zum größten Teil um die Beschäftigung in Werkstätten für behinderte Menschen geht. Lassen Sie uns auf drei andere Gruppen kommen, die am Arbeitsmarkt unterrepräsentiert sind: ältere Arbeitnehmer, Frauen und Geringqualifizierte. Gerade in technischen Bereichen und in der Pflege, um zwei Beispiele zu nennen, ist der Fachkräftemangel spürbar. Sehen sie dennoch Fortschritte? Ja. Die Entwicklung der Frauen-Erwerbstätigkeit verzeichnet in den vergangenen sechs Jahren einen deutlichen Anstieg. Wir haben in den Jahren seit 2010 im Land ein jährliches Wachstum der Beschäftigung von rund 80 000 Stellen. Ungefähr die Hälfte dieser zusätzlichen Arbeitsplätze wird durch Frauen besetzt, die aus der sogenannten stillen Reserve kommen, also zuvor nicht gearbeitet haben. Tun die Unternehmen genug, um es gerade Alleinerziehenden zu erleichtern, Kind und Job unter einen Hut zu bekommen? In den Bereichen Teilzeit-Beschäftigung, Teilzeit-Ausbildung und Kinderbetreuung hat sich einiges getan. Es sind momentan an die 800 alleinerziehende Mütter in einer Teilzeit-Ausbildung, vor vier Jahren war es noch ein Viertel davon. Gleichwohl beobachten wir, dass ein Unternehmen, vor die Entscheidung gestellt, ob es eine Person ohne Kind oder eine Alleinerziehende einstellt, die Sorge hat, dass bei Letzterer höhere Fehlzeiten zu erwarten sind. Das ist eher ein psychologisches Hemmnis. Wie versuchen Sie Geringqualifizierten in Arbeit zu verhelfen? Wenn sie arbeitslos sind, können sie über eine berufliche Weiterbildung einen Berufsabschluss erwerben. Es gibt auch die Möglichkeit, Teilqualifikationen zu erwerben. Menschen, die in Beschäftigung sind, können sich nebenberuflich weiterqualifizieren über das Programm WeGebAU (Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen). In den vergangenen fünf Jahren haben wir fast 130 000 Personen in Baden-Württemberg die Chance gegeben, diesen Weg zu gehen. Wenn Arbeitgeber und Beschäftigte das wollen, können wir das sehr stark finanziell und auf andere Art unterstützen.

Büroarbeitsplätze für Rollstuhlfahrer werden finanziell gefördert.

Wenn man in die Betriebe schaut, hat man nicht immer den Eindruck, dass ältere

Hiesige Langzeitarbeitslose müssten nicht darunter leiden, dass Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt kommen, sagt Fotos: Fotolia/Popov, Lichtgut/Piechowski Rauch. Beiden Gruppen soll geholfen werden. Am Geld werde es nicht scheitern.

KAUM NOCH EIN UNTERNEHMEN OHNE MASSNAHMEN GEGEN FACHKRÄFTEMANGEL Kandidatensuche Beim Thema Fachkräftemangel erwacht die deutsche Wirtschaft einer Umfrage zufolge aus ihrer Lethargie: Im Gegensatz zum Vorjahr sind inzwischen fast alle Unternehmen aktiv auf Kandidatensuche. Innerhalb von zwölf Monaten fiel die Zahl der untätigen Betriebe von 32 Prozent auf drei Prozent, heißt es in der Studie „Fachkräftemangel 2016“ des Personaldienstleisters Manpower.

Berufsgruppen Die Auswirkungen durch fehlende Facharbeiter, Vertriebsexperten, Ingenieure und ITExperten sind in den vergangenen Jahren gravierender geworden. 49 Prozent der Unternehmen haben inzwischen massive Probleme, offene Stellen zu besetzen. 2007 waren es nur 27 Prozent. Handwerker und Facharbeiter gehören in Deutschland seit 2007 zu den am schwersten zu besetzenden Berufsgruppen.

Arbeitnehmer besonders umsorgt werden. Unsere Zahlen sagen etwas anderes: Die Erwerbstätigen-Quote der Menschen ab 55 Jahren ist zuletzt deutlich angestiegen. In den Betrieben ist es angekommen, dass es sich lohnt, Ältere länger in Beschäftigung zu halten und in das Thema altersgerechtes Arbeiten zu investieren, um die Kenntnisse und Kompetenzen im Unternehmen zu halten. Was dagegen noch zu wünschen übrig lässt, ist die Einstellungsbereitschaft der Betriebe in Bezug auf ältere Arbeitnehmer. Wenn ein Mensch mit 50 oder 55 Jahren freigestellt wird, steht er immer noch vor einer weit überdurchschnittlichen Wiedereinstiegshürde. Bei der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit gab es zuletzt zaghafte Fortschritte. Ist das nur ein Strohfeuer oder ein Durchbruch? Ich sehe es nicht als Strohfeuer, weil wir seit mehreren Jahren systematisch daran arbeiten. Jetzt zeichnen sich die ersten leichten Erfolge ab. Es ist besonders beachtlich, dass dies zu einem Zeitpunkt geschieht, an dem mit den Flüchtlingen zusätzliche Personengruppen am Arbeitsmarkt sichtbar werden. Trotz dieser Konkurrenzsituation sieht man, dass sich etwas nach vorne bewegt. Wird dieser Trend anhalten? Bei den bestehenden Langzeitarbeitslosen auf niedrigem Niveau schon. Es ist aber schon absehbar, dass durch die geflüchteten Menschen die Langzeitarbeitslosigkeit steigen wird. Jeder, der ein Jahr nach seiner Meldung bei uns keinen Job oder Ausbildung gefunden hat, wird erst einmal in der Statistik als langzeitarbeitslos geführt. Welche Erwartungen haben Sie bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen für 2017?

Besetzung Jeder dritte Betrieb habe aufgrund fehlender Fachkenntnisse der Bewerber Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen, sagen die Studienmacher. Die beiden zentralen Gegenmaßnahmen seien zusätzliche Investitionen in Weiterbildung – darauf setzen 80 Prozent der Betriebe – und das Erweitern des Bewerberkreises auf Kandidaten, die bislang durch das Einstellungsraster fallen würden (57 Prozent). tht

In diesem Jahr haben wir mit Jahrgängen geflüchteter Menschen gearbeitet, die in den Jahren 2013 und 2014 nach Deutschland gekommen sind. Die große Zahl der Menschen, die 2015 gekommen sind, kommt ab nächstem Jahr am Arbeitsmarkt an, im Bereich der Jugendlichen mit voller Wucht sogar erst 2018. Wir rechnen damit, dass im kommenden Jahr 25 000 bis 30 000 geflüchtete Menschen in BadenWürttemberg die Integrationskurse beenden und mit einem Sprachniveau zwischen A2 und B1 für die Arbeitsmarktintegration zur Verfügung stehen. Was hat sich seit einem Jahr getan? Wir sind deutlich schneller mit den Sprachkursen als noch vor einem Jahr. Die Wartezeit beträgt fast überall im Land maximal zwei Monate. Vor einem Jahr waren es noch sechs bis acht Monate. Auch bei der Kompetenzfeststellung sind wir deutlich früher dran und auch besser geworden. Wir haben die Möglichkeiten geschaffen, um die Menschen mit einer Kombination aus Lohnkostenzuschüssen, Praktika und Weiterbildungsangeboten nachhaltig in Arbeit zu bringen. Unsere Modelle funktionieren, sind aber zahlenmäßig noch auf niedrigem Niveau. Die Bewährungsprobe steht noch aus. Stehen Ihnen ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung? Am Geld wird es von unserer Seite aus nicht scheitern. Wir haben keinerlei Zwang, durch die geflüchteten Menschen an Angeboten und Maßnahmen für die Inländer Abstriche zu machen. Aber wir können keine Arbeitsplätze schaffen, die Einstellungsentscheidung trifft letztlich der Arbeitgeber. Das Gespräch führte Thomas Thieme.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 13

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Liebhaber für Antikmöbel gesucht Lohnt es sich, den Oldtimer zu Geld zu machen oder umgekehrt sein Geld in alte Weine zu investieren? Der Luxusgütermarkt verspricht tolle Renditen, birgt aber auch manche Tücken. Von Thomas Spengler Privatfinanzen

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ntiquitäten, Kunst oder Oldtimer gelten angesichts der anhaltenden Nullzinsphase vielen Anlegern als interessante Alternative besonders zu Anlagen im festverzinslichen Bereich. Höchstgebote für Luxusprodukte bei internationalen Auktionen suggerieren für diese Segmente oft traumhafte Renditen. Allerdings lohnt bei solch uneinheitlichen Liebhabermärkten ein differenzierter Blick. Zum einen darf der Fokus auf Rekordversteigerungen nicht über den großen Rest des Marktes hinwegtäuschen. Und zum anderen sind es insbesondere die Erbengeneration und ihre sich ändernden Vorlieben, die „Während es früher die Preisentwicklungen kurzfristigen Schwankungen verpönt war, Taschen, unterwerfen können. Modeschmuck und Uhren Er gilt als teuerstes Auto gebraucht zu tragen, ist der Welt, der Ferrari 250 GTO, der nur 39-mal gebaut wurde es heute geradezu chic.“ und 2014 bei dem Londoner Franz Eppli, Geschäftsführer und Auktionshaus Bonhams für Gründer des Auktionshauses Eppli rund 38 Millionen Dollar unter den Hammer kam. Setzt man den Verkaufspreis aus dem Baujahr 1962 von 18 000 US-Dollar in den USA an, so kommt dies einer Preissteigerung von deutlich mehr als 2000 Prozent gleich. Befeuert von derartigen Top-Transaktionen sind es vor allem die Wertentwicklungen von Oldtimern (plus 487 Prozent) sowie Höchstpreise für Kunst (plus 252 Prozent), die den Index KFLII für Luxusinvestments der Londoner Analysefirma Knight Frank von 2005 bis 2015 um stattliche 205 Prozent in die Höhe getrieben haben. Doch hat sich nach den wesentlich stärkeren Zuwächsen in den vergangenen Jahren die Preiskurve für antike Möbel, Uhren, Schmuck oder Autos inzwischen spürbar abgekühlt. Für 2015 konstatiert Knight Frank unterm Strich noch einen Zuwachs von sieben Prozent, „womit der überhitzte Markt wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet ist“, wie das Londoner Analyse- und Beratungshaus schreibt.

„Spitzenstücke, die von herausragender kunsthandwerklicher Qualität sind und eine Rarität darstellen, gehen immer“, sagt Frithjof Hampel, vereidigter Kunstsachverständiger in Berlin, insbesondere mit Blick auf antike, hochwertige Möbel. Insgesamt aber ist der Markt für gebrauchte Luxusprodukte sehr differenziert zu betrachten, zumal ihre Wertentwicklung stark von Mode, Trends und Zeitgeist abhängig ist. „Heute definiert man sich vielfach über Luxusuhren oder teure Bordeaux-Weine, während man dies vor 20 bis 30 Jahren etwa noch über die Inneneinrichtung des Hauses getan hat“, hat Hampel beobachtet und weist darauf hin, dass überhaupt der gesamte Handel mit Luxuswaren stark von solchen Modeerscheinungen geprägt ist. Als besonders schlechtes Investment entpuppten sich dabei antike Möbel, die mit einem Minus von sechs Prozent 2015 und einem Rückgang von 29 Prozent über die vergangenen zehn Jahre die Rote Laterne bei der Preisentwicklung der Luxusgüter tragen. So sind Biedermeiersekretäre, Tische aus der Gründerzeit oder Echtholzschränke aus Eiche derzeit besonders güns-

DIE KUNST DES LUXUSGÜTERKAUFS Zugang Artprice.com stellt Interessenten den Zugang zu Kunstauktionen und den Preisen von Kunstwerken bereit, die als Grundlage für Kunstkäufe, -verkäufe, -investments und -versicherungen dienen können. Index Der Knight Frank’s Luxury Investment Index bildet die Wertentwicklung aus Auktionen von internationalen Luxusgütern ab (http://www.knightfrank.com). Sachverstand Unterstützung bei der Bewertung bieten der Bundesverband der öffentlich bestellten und vereidigten sowie qualifizierten Sachverständigen (BVS) oder der Verband Unabhängiger Kunstsachverständiger (VUKS). red

tig zu haben – ein Umstand, den Franz Eppli auch auf die sich ändernden Vorlieben der Erbengeneration zurückführt, was wiederum für eine hohe Schwankungsbreite der Marktpreise sorgt. „Die Jungen richten sich anders ein als ihre Elterngeneration“, weiß der Geschäftsführer und Gründer des gleichnamigen Stuttgarter Auktionshauses. Man gestalte sein Zuhause minimalistischer und stelle den Wohnraum nicht mehr mit Antiquitäten voll, sagt Eppli. Daher schlägt derzeit die Stunde der Käufer, denn der Markt wird aktuell von einer Welle an „guten Stücken“ von damals überschwemmt. Oder, wie es Hampel ausdrückt, „es ist heute so günstig wie selten, hochwertige antike Möbel zu erwerben“. Und weil der antike Stil immer mehr an Liebhabern verliere, werde der Markt für antike Möbel auch noch weiter an Boden einbüßen, rechnet man bei Knight Frank für die kommenden Jahre. Einzig Spezialsegmente wie Möbel der 1960er Jahre oder Art déco erleben bei gebrauchten Luxusmöbeln noch eine stärkere Nachfrage. „Der zurückhaltende Stil dieser Epoche ist bei der jungen Generation sehr beliebt“, sagt Eppli. Neben den allgemeinen Launen des Zeitgeistes ist der Markt für Luxuswaren aus zweiter Hand derzeit von der Neigung zum Retrolook geprägt. „Während es früher eher noch verpönt war, Modeschmuck, Tücher, Taschen oder auch Uhren gebraucht zu tragen, ist dies heute geradezu chic geworden“, weiß Eppli, der hierfür auch einen entwickelten Sammlermarkt registriert. Die Scheu, ein Mode-Accessoire aus zweiter Hand zu tragen, ist jedenfalls verschwunden. Damentaschen von Louis Vuitton oder Seidentücher von Hermès, die über sein Auktionshaus verkauft werden, würden nicht nur gesammelt, sondern zum größten Teil von den Damen auch getragen.

Dabei weist Eppli darauf hin, dass Luxusmode genauso wie Diamanten als Secondhand-Ware über eine Auktion oft deutlich günstiger gekauft werden können als beim Ersterwerb – ohne unbedingt eine schlechtere Qualität aufzuweisen. Dies ist auch deshalb möglich, weil etwa die Preise für Diamanten nicht wie beim Gold an einer Börse festgestellt werden, sondern mehr oder weniger bilateral ausgehandelt werden. Bei einer Versteigerung bestünden daher gute Chancen, Diamanten sehr günstig erwerben zu können, sagt Eppli und meint: „Wer neu kauft, ist selbst schuld.“ Für eine allgemeine Orientierung, welche Luxusprodukte sich als Wertanlage eignen, raten Experten dazu, in allen Segmenten stets auf Spitzenqualität zu setzen. Dann gilt eine Preissteigerung als am wahrscheinlichsten. Schließlich ist nicht jedem das Glück beschieden, auf seinem Dachboden eine Locke von Friedrich Schiller zu entdecken, wie dies einem Finder vor rund zehn Jahren geschehen ist. Nachdem Eppli auf dessen Geheiß die Echtheit des Haars vom Schiller-Nationalmuseum in Marbach hatte verifizieren lassen, ging das Haar des Dichterfürsten in die Auktion – und brachte dem Finder stattliche 3400 Euro ein. Zur systematischen Geldanlage erscheinen Schillerlocken dennoch als ungeeignet. Edelmöbel-Schicksal: Vom Prunkstück zum Ladenhüter Foto: Fotolia/Ulia Koltyrina

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14 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Manager der bunten Vielfalt Diversity-Manager Dirk Jakobs kümmert sich bei Daimler um die kulturellen Werte und Befindlichkeiten von Mitarbeitern und Kunden aus der ganzen Welt. Dabei reichen die Themen von Veteranen-Schutz bis Frauenquote. Von Oliver Schmale

Berufsprofil

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ielfalt gibt es beim Autobauer Daimler schon von Haus aus. Denn das Unternehmen ist auf der ganzen Welt vertreten und begreift sich deshalb seit Jahren schon als globaler Konzern. Das spiegelt sich auch in der Belegschaft wider. „Bei Daimler sind weltweit Mitarbeiter fast 160 verschiedener Nationalitäten beschäftigt“, sagt Dirk Jakobs, der seit Anfang dieses Jahres das Global Diversity Office des in Stuttgart beheimateten Konzerns leitet. Das Unternehmen hat zusammen mit anderen großen Firmen vor zehn Jahren den Wirtschaftsverband Charta der Vielfalt mit begründet. Es sind alles Unternehmen, die die Bedeutung gesellschaftlicher Vielfalt besonders hoch einschätzen und die davon profitieren wollen, dass gemischte Teams neue Perspektiven eröffnen. Der 43 Jahre alte Dirk Jakobs ist dafür zuständig, dass das Thema beim Stuttgarter Autobauer umgesetzt wird. Diversity-Management sei seit 2005 in der Konzernstrategie verankert, sagt der Erziehungswissenschaftler, der nach seiner Promotion in Pädagogischer Psychologie als „Wir machen Diversity Fachreferent nach Stuttgart gekommen ist. „Ich bin kein auch, um weltweit studierter Diversity-Manager. Kunden zu gewinnen. Den Studiengang gab es bis Denn das Unternehmen vor einigen Jahren noch gar nicht. Aber ich bin von Herzen macht den Löwenanteil Personaler.“ seines Umsatzes Sein Weg dorthin führte außerhalb Deutschlands.“ über ein Studium der PädagoDirk Jakobs, Leiter des Global Diversity gik sowie der Fächer Englisch Office bei Daimler und Geschichte. Jakobs’ Aufgaben sind vielfältig und die Themenbereiche unterscheiden sich von Land zu Land. „In Deutschland kommt das Thema vor allem aus dem Bereich Frauenförderung und Chancengleichheit.“ Lange ist in der Vergangenheit um eine gesetzliche Frauenquote gerungen worden. Dafür hat sich in den Aufsichtsräten deutscher Topkonzerne nun auch einiges getan. Das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe in Führungspositionen verpflichtet 101 börsennotierte, voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen seit Anfang 2016, bei Neubesetzungen im Aufsichtsrat sicherzustellen, dass mindestens 30 Prozent der Posten von Frauen besetzt werden. Wird dieser Anteil nicht erreicht, bleiben die Stühle unbesetzt. Dem Deutschen Institut der Wirtschaft zufolge erfüllen 18 der 30 Börsenschwergewichte die gesetzliche Quote. Die meisten anderen stehen wohl kurz davor. In allen Dax-Konzernen säßen inzwischen mindestens zwei Frauen in dem Kontrollgremium. Außerdem habe die Kapitalseite deutlich aufgestockt und inzwischen mit der Arbeitnehmerseite gleichgezogen. Doch mit dieser Problematik muss sich Jakobs eher

nicht befassen. Er und seine Kollegen haben in Deutschland beispielsweise einen Schwerpunkt bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgemacht. Da geht es dann darum, entsprechende Modelle weiterzuentwickeln, damit arbeitende Eltern alles unter einen Hut bringen können. „Man kann aber auch nicht von Vielfalt reden und sich dann nur auf ein einziges Thema beschränken.“ Die Themen seien je nach Land unterschiedlich. „In Südafrika beispielsweise spielt aufgrund der historischen Entwicklung vor allem das Thema Ethnie eine große Rolle. Da muss man sich besonders einstellen.“ Oder die USA, wo es als Besonderheit das Thema Veteranen gibt. „So wie es in Deutschland eine Quote gibt, wie viele Menschen mit Behinderung beschäftigt werden sollten, gibt es in den USA eine Regelung für die Veteranen“, erläutert Jakobs, der sich vor seiner aktuellen Tätigkeit lange mit dem Thema Personal- und Organisationsentwicklung befasst hat. „Die Lernkurve war in den vergangenen Monaten steil“, verrät er. Diversity sei kein Selbstläufer und nichts, was man auf die Schnelle machen könne. Der Autobauer macht sich auch für vielfältige Lebensmodelle stark. So koordiniert das Büro von Jakobs mehrere Mitarbeiternetzwerke wie beispielsweise das schwullesbische GL@D (Gay Lesbian Transgender at Daimler). „In Stuttgart haben wir zum dritten Mal am Christopher Street Day mit einem eigenen Wagen teilgenommen“, sagt Jakobs. Die 75 Plätze wurden verlost. „Das Interesse war vielfach höher. Und das Schönste ist: Sie stehen mit den Kollegen auf dem Wagen und es ist egal, welche sexuelle Orientierung sie haben. Hier kann Diversity auch ihren Beitrag leisten, Vorurteile abzubauen.“ Im Zuge des Mitarbeiternetzwerks werden auch Stammtische organisiert und man beteiligt sich schon seit Längerem an einer entsprechenden Karrieremesse. Doch beim Thema Vielfalt will der Konzern die Aufmerksamkeit nicht nur nach innen richten, sondern auch nach außen, um zu zeigen, dass man weltoffen ist. Manager Jakobs betont: „Wir machen Diversity auch, um weltweit Kunden zu gewinnen. Denn das Unternehmen macht den Löwenanteil seines Umsatzes außerhalb Deutschlands.“ Und da bedeutet Vielfalt auch, sich mit den Menschen und ihren Eigenheiten zu befassen. „Wenn wir alle Kunden verstehen wollen, brauchen wir vielfältige Teams. Da geht es dann nicht nur um das Thema ,Mann und Frau‘, sondern man muss sich genauso auf die kulturellen Eigenheiten einstellen.“ Vielfalt gehört inzwischen zur Firmenkultur, auch wenn das sicherlich für den ein oder anderen nicht immer einfach zu verstehen ist.

Dirk Jakobs begeistert sich für die Vielfalt seiner Aufgaben als „Manager der Vielfalt“ und registriert nach knapp einem Jahr als Diversity-Chef „eine steile Lernkurve“. Illustration: Fotolia/kentoh Foto: Martin Stollberg

WOHER KOMMT DIVERSITY MANAGEMENT UND WIE KOMMT MAN HIN? Begriff: Der lateinische Begriff „diversitas“ bezeichnet Vielfalt oder Verschiedenartigkeit. Diversity Management hat sich zum Ziel gesetzt, soziale Vielfalt konstruktiv zu nutzen. Dazu müssen individuelle Kompetenzen, Eigenschaften und kulturelle Hintergründe identifiziert, erschlossen und wertgeschätzt werden. Geschichte: Wie so vieles kommt das Diversity Management aus den USA. Hier entstand es in den 1960er Jahren als soziokulturelle Bewegung, in der sich Frauen- und Bürgerrechtler zusammenfanden. Daraus entwickelte sich ein Konzept der Unternehmensführung, das in Leitlinien die Verschiedenartigkeit

der Beschäftigten beachtet, anerkennt und nutzt. Nach Europa kam das Thema mit der Internationalisierung von Firmen durch Unternehmenszusammenschlüsse und die Globalisierung der Märkte. Ausbildung: Viele Wege führen zum Diversity Manager: Öffentliche und private Hochschulen und Akademien bieten eine Bandbreite vom zweitägigen Seminar für Führungskräfte bis zum mehrjährigen Vollzeitstudium mit Bachelorabschluss an. Den englischsprachigen Bachelorstudiengang Gender and Diversity findet man an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve. Die Freie Universität Berlin hat einen AufbauMasterstudiengang im Programm.

Einen solchen bietet auch die Technische Universität Dortmund unter dem Titel Managing Gender & Diversity an. Die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft richtet sich mit dem berufsbegleitenden Studium Diversity Management an Fachleute aus Personalwesen, Marketing und Unternehmensentwicklung. Seminare zum Thema bieten unter anderem das Institut für Diversity Management und die Grundig Akademie. Statistik: 2014 gaben 25 der 30 Dax-Unternehmen einen offiziellen Diversity-Verantwortlichen an. 2011 lehnten laut einer Studie noch 70 Prozent der befragten Unternehmen jegliche Quotenregelung ab. bb


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16 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Quo vadis, Großbritannien? Nach dem Brexit sitzen in London viele Arbeitnehmer aus dem europäischen Ausland quasi auf gepackten Koffern. Ob und unter welchen Voraussetzungen sie bleiben können, ist ungewiss. Auch der künftige Status von Beschäftigten britischer UnterFotos: dpa, Mauritius (2), wdv (2) nehmen in deren ausländischen Filialen ist noch nicht geklärt.

Datensicherheit wie im Drittstaat Die Briten verlassen die Europäische Union. Für deutsche Arbeitgeber und Arbeitnehmer bedeutet der Brexit Einschränkungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit, bei der Mitbestimmung und beim Datenaustausch. Von Stephanie Krüger und Sebastian Hoegl

Gastbeitrag

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ehrere Hunderttausend deutsche Arbeitnehmer sind in Großbritannien entweder bei Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen oder unmittelbar bei britischen Unternehmen tätig. Umgekehrt beschäftigen britische Unternehmen Landsleute in Deutschland. Welche Auswirkungen Großbritanniens Ausscheiden aus der Europäischen Union auf bestehende Verträge bei Geschäftsbeziehungen, Unternehmenstransaktionen oder Mitarbeiterverhältnissen hat, ist noch völlig ungewiss. Sehr wahrscheinlich wird aber die Arbeitnehmerfreizügigkeit deutlich eingeschränkt – denn das war ein wesentlicher Bestandteil der Leave-Kampagne. Daneben betrifft ein Austritt Großbritanniens wohl auch die Arbeitnehmermitbestimmung in Unternehmen, die grenzüberschreitend aktiv sind. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit ist ein Kernbestandteil des Unionsrechts, das verbindlich für alle EU-Mitgliedstaaten gilt. Rechtsgrundlage ist Artikel 45 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV). Zudem ist die Freizügigkeit als Grundrecht in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union garantiert. Jeder Unionsbürger hat danach die Möglichkeit, ungeachtet seines Wohnortes in jedem Mitgliedstaat, dessen Staatsangehörigkeit er nicht besitzt, unter den gleichen Voraus-

GASTAUTORIN Arbeitsrechtlerin Stephanie Krüger, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Arbeitsrecht, ist Senior Associate der Kanzlei Friedrich Graf von Westphalen und Partner mbB am Standort Freiburg. Sie berät deutsche und internationale Unternehmen in allen Fragen des Individual- und Kollektivarbeitsrechts und begleitet Transaktionen.

setzungen eine Beschäftigung aufzunehmen und auszuüben wie ein Angehöriger dieses Staates. Freizügigkeit ist also gegeben, wenn Arbeitnehmer unterschiedlicher Mitgliedstaaten gleich behandelt werden in Bezug auf Beschäftigung, Entlohnung und sonstige Arbeitsbedingungen; eine Unterscheidung aufgrund der Nationalität soll gerade nicht erfolgen. Tritt Großbritannien aus, werden der Zugang zum britischen Arbeitsmarkt und die Wohnsitzwahl sowohl für Europäer in Großbritannien als auch für Briten in den EU-Mitgliedsstaaten eingeschränkt. Wie die konkrete Regelung aussehen wird, ist noch völlig offen. Die Anforderungen an die Erteilung von Visum und Arbeitserlaubnis für Nicht-Europäer sind in Großbritannien jedenfalls genau so hoch wie die für Angehörige sogenannter Drittstaaten hier in Deutschland. Ob sie in gleicher Weise für Unionsbürger gelten werden, bleibt abzuwarten. Fraglich ist auch, ob diejenigen, die bereits im Land sind, bleiben dürfen. Umgekehrt wird der Zugang für Briten in den deutschen und europäischen Arbeitsmarkt voraussichtlich schwieriger. Das nächste Problem könnte sich bei der Besetzung grenzüberschreitender Arbeitnehmergremien ergeben, wie beispielsweise dem europäischen Betriebsrat. Die EURichtlinien dazu und zur Europäischen Aktiengesellschaft SE regeln die Beteiligung britischer Beschäftigter bzw. ihrer Gewerkschaftsvertreter in den grenzüberschreitenden Gremien. Der SE-Betriebsrat setzt sich aus Mitarbeitern der SE, ihrer Tochtergesellschaften und ihrer Betriebe zusammen. Er ist zuständig für die Angelegenheiten, die die SE selbst, eine ihrer Tochtergesellschaften oder einen ihrer Betriebe in einem anderen Mitgliedstaat betreffen oder die über die Befugnisse der zuständigen Organe auf der Ebene des einzelnen Mitgliedstaats hinausgehen. Die Beteiligungsrechte britischer Arbeitnehmer in den Gremien der SE (Aufsichtsrat bzw. SE-Betriebsrat) sind bei einem Austritt ohne entsprechende rechtliche Regelung ausgeschlossen. Der Europäische Betriebsrat (EBR) ist eine grenzüberschreitende Arbeitnehmervertretung mit Konsultations- und Informationsrechten in europaweit tätigen Unternehmen. Seine Zuständigkeit umfasst Entscheidungen und Entwicklungen, die grenzüberschreitende Auswirkungen auf die Arbeitnehmer

des Unternehmens bzw. der Unternehmensgruppe haben. Je nach Ausgestaltung wären britische Arbeitnehmer bzw. deren Gewerkschaftsvertreter in solchen Arbeitnehmergremien nicht mehr beteiligt. Neuwahlen würden erforderlich, die Zusammensetzung des europäischen Gremiums würde sich verändern. Die übrigen Mitglieder dieser Gremien hätten wiederum keinen Anspruch mehr darauf, zu geplanten Maßnahmen der Konzernleitung in UK befragt oder informiert zu werden. 2009 zählte das Europäische Gewerkschaftsinstitut (ETUI) in Brüssel 908 europaweit tätige Unternehmen mit einem EBR; 2011 vertraten EBR insgesamt rund 18 Millionen Beschäftigte. Nach Erhebungen des European Trade Union Institute for Research, einer Einrichtung des Europäischen Gewerkschaftsbundes, bestanden am 21. März 2014 bereits 2125 SE, davon 61 mit Sitz in Großbritannien. Die Bedeutung eines Brexit für die Arbeitnehmerbeteiligung ist also nicht von der Hand zu weisen. Erhebliche Auswirkungen wird der Brexit zudem bei der Übermittlung personenbezogener Daten aus und nach Deutschland haben. Vom datenschutzrechtlichen Binnenraum wäre das Vereinigte Königreich nach dem Vollzug des Austritts ausgenommen – es gälte damit als sogenannter unsicherer Drittstaat. Die ab dem 25. Mai 2018 unmittelbar in allen Mitgliedstaaten anwendbare Datenschutz-Grundverordnung gilt nach einem Brexit nicht mehr für UK. Die Weitergabe von Daten aus der EU an Stellen im Vereinigten Königreich erfordert dann – selbst konzernintern – den Nachweis, dass bei dieser Stelle ein „angemessenes Datenschutzniveau“ besteht, das dem in der EU entspricht. Nach der neuen Datenschutz-Grundverordnung kann dieses „angemessene Datenschutzniveau“ von der Europäischen Kommission für einzelne Staaten, aber auch für bestimmte Regionen positiv festgestellt werden. Zu welchen Schwierigkeiten das im Einzelfall führen kann, sieht man an der Entscheidung des EuGH zum „Safe Harbor Abkommen“, das den Datentransfer zwischen der EU und zertifizierten amerikanischen Unternehmen regeln sollte. Der EuGH erklärte das Abkommen für glatt unwirksam, was zu erheblicher Rechtsunsicherheit führte. Insbesondere wird zu berücksichtigen sein, dass das aktuelle nationale UK-Datenschutzniveau im

EU-Vergleich als eher niedrig einzuschätzen ist, vor allem beim Zugriff von Regierungsstellen. Gibt ein Unternehmen personenbezogene Daten an eine Stelle außerhalb der EU bzw. des EWR weiter, ohne dass dort ein „angemessenes Datenschutzniveau“ herrscht, drohen empfindliche Bußgelder, verhängt durch die zuständigen Datenschutzbehörden. Für viele Unternehmen wird es deshalb einfacher sein, eine Daten verarbeitende Tochtergesellschaft mit gesamteuropäischem Geschäft in einen anderen Mitgliedstaat umzusiedeln, als vertraglich in diesem unwägbaren Rechtsgebiet Vorsorge zu treffen. Auch dann muss aber im Einzelfall geprüft werden, ob ein Zugriff auf diese Daten aus dem Vereinigten Königreich zulässig ist. Da die konkreten Folgen des Brexit noch nicht vorhersehbar sind, bleibt Arbeitgebern und Arbeitnehmern – britischen und deutschen – nur, die Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen und auf dem Laufenden zu bleiben, ab wann und in welcher Form sie eventuell aktiv werden müssen. Das wird vor allem die Frage der Arbeitserlaubnis und im Zusammenhang damit die Fortsetzung von Arbeitsverhältnissen sein. Daneben wird es Veränderungen bei der Mitbestimmung der Arbeitnehmer in grenzüberschreitenden Arbeitnehmergremien geben sowie organisatorische Änderungen bei der Verarbeitung arbeitnehmerbezogener Daten.

GASTAUTOR Anwalt für IT-Recht Sebastian Hoegl, Rechtsanwalt, ist Senior Associate der Kanzlei Friedrich Graf von Westphalen und Partner mbB am Standort Freiburg. Als Fachanwalt für Informationstechnologierecht berät und schult er Unternehmen zu Fragen des IT-Rechts, vor allem zum Datenschutz und zum internationalen Datentransfer.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Keimzelle für Finanzprofis Der berufsbegleitende Studiengang Master in Finance versteht sich als Karriere-Katalysator für Mitarbeiter von Banken, Steuerberatungsunternehmen oder Versicherungen. Von Thomas Spengler

Studium

T

omislav Buric wollte es noch einmal wissen. Nach seinem Bachelorabschluss in Köln hat der 34Jährige mit dem Master in Finance an der Universität Hohenheim noch einen draufgesetzt. „Das Studium deckt mit Banken, Bausparkassen und Versicherungen ein breites Spektrum der Finanzwirtschaft ab“, schwärmt er, der als Unternehmensberater für betriebliche Vorsorge bei der Allianz Pension Partners in Stuttgart arbeitet. Seit Januar 2015 gibt es den Master in Finance, der als erster berufsbegleitender universitärer Masterstudiengang in diesem Bereich gilt. Im Zentrum des finanz- beziehungsweise betriebswirtschaftlichen Studiengangs stehen fiFoto: privat nanzwirtschaftliche Konzepte „Man hat kaum Freizeit. und Zusammenhänge sowie wichtige Finanzinstitutionen Da ist es hilfreich, wenn wie Banken, Bausparkassen Arbeitgeber und Freunde und Versicherungen. „Mit dieVerständnis aufbringen.“ ser Ausrichtung auf verschiedene Finanzinstitutionen ist Tomislav Buric, unsere Positionierung einzigMaster in Finance artig“, sagt Professor Jörg Schiller, der den Lehrstuhl für Versicherungswirtschaft und Sozialsysteme an der Uni Hohenheim innehat, die den Abschluss Master in Finance vergibt. Neben der Vertiefung mehrerer Disziplinen der Finanzwirtschaft kommt der Schwerpunkt Management hinzu, der durch die Hohenheim Management School auf dem Campus ohnehin einen guten Namen hat. „Damit sind wir für Teilnehmer attraktiv, die nicht nur in einer Nische unterwegs sind, sondern sich bereichsübergreifend orientieren wollen“, ist sich Schiller sicher und vergleicht den Master in Finance mit einem Studiengang für Generalisten. Drei Studiensemestern folgt ein weiteres, in dem die Masterthesis geschrieben wird. Wie anhand der Studenten des dritten Jahrgangs, der im Januar an den Start gehen Foto: privat wird, erneut deutlich wird, „Das Element der kommen die meisten Teilnehmer von dualen Hochschulen, berufsbegleitenden die bereits 210 ECTS-Punkte Ausbildung wird an (European Credit Transfer Bedeutung gewinnen.“ System) aus Praxis und Bachelorabschluss mitbringen. Professor Jörg Schiller, Mit dem Master in Finance Uni Hohenheim können sie weitere 90 ECTSPunkte erwerben, um die notwendigen 300 ECTS-Punkte für den Masterabschluss zu erreichen. Daneben gehören normale UniAbsolventen ebenso zur Zielgruppe für den Studiengang wie Absolventen von berufsbegleitenden Studiengängen mit Bachelorabschluss. „Wir haben es immer mit sehr motivierten jungen Leuten zu tun, die es wissen wollen“, erzählt Schiller. Der dritte Jahrgang wird um die elf Teilnehmer umfassen, was „nah an der Idealgröße“ sei. Der Umstand, dass der Master in Finance ein berufsbegleitender Studiengang ist, fordert den Studenten auch einiges ab.

Vor allem gegen Ende des Studiums ist der erforderliche Zeitaufwand dem einer 75Prozent-Stelle gleichzusetzen. „Man muss sich der Belastung bewusst sein“, macht Schiller klar und weist darauf hin, dass hier auch der Arbeitgeber mitspielen sollte. Denn vor allem auf der Zielgeraden des Studiums sei der Arbeitsaufwand ohne Freistellungen und eine Reduzierung des Arbeitsumfangs kaum zu schaffen. „In der Regel erfahren die Teilnehmer aber genügend Unterstützung ihrer Arbeitgeber, weil diese das Zusatzengagement ihrer Mitarbeiter zu schätzen wissen“, so Schiller. Denn dass der Master in Finance für anderthalb bis zwei Jahre einiges an Verzicht bedeutet, kann auch Absolvent Buric bestätigen. „Man hat während der drei Studiensemester kaum Freizeit“, sagt er. Da sei es natürlich hilfreich, wenn neben dem Arbeitgeber auch die Familie und der Freundeskreis Verständnis aufbringe. Formal wacht die Hohenheim Management School, ein Zusammenschluss von BWL- und VWL-Professoren, über das Lehrangebot und die Inhalte der Externenprüfung des Master in Finance. Die Uni wiederum vergibt als hoheitliche Aufgabe den Abschluss. Hinzu kommt eine Kooperation mit der Ludwig-Maximilian-Universität, Professor Schillers Heimat-Campus in München, wo mit dem Executive Master Insurence ein ähnliches Programm angeboten wird. Dadurch entstehen Synergien, die etwa bei einem gemeinsam durchgeführten Unternehmensplanspiel größere Gruppen und mehr Flexibilität ermöglichen. Die nicht unerheblichen Kosten in Höhe von 23 500 Euro setzen sich aus der Anmeldegebühr von 3500 Euro sowie den Semestergebühren von viermal 5000 Euro zusammen. Hinzu kommen gegebenenfalls Hotelkosten für eine Seminarwoche und externe Module sowie mögliche Kosten für Wahlmodule. Organisatorisch ist das Berufsbildungswerk der Deutschen Versicherungswirtschaft (BWV) in der Verantwortung, das auch das wirtschaftliche Risiko trägt. Die enge Anlehnung an das BWV drückt laut Schiller auch eine „große Kundenorientierung“ des Studiengangs aus, womit er neben Versicherern auch Banken und Bausparkassen oder andere Finanzinstitutionen meint. Wie bedeutsam der Master in Finance für die Finanzwirtschaft im Land sein kann, macht Ulli Spankowski, der Leiter der Finanzplatzinitiative Stuttgart Financial, deutlich. „Die Finanzwirtschaft ist als wissensintensive Branche auf hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie die Absolventen aus Hohenheim angewiesen“, sagt er. Die Ausbildung im Master sei dabei auf universitärem Spitzenniveau und biete eine ausgeglichene Mischung von Theorie und Praxis. Professor Schiller ist sich jedenfalls sicher, mit dem Konzept des Master in Finance auf dem richtigen Weg zu sein. „Das Element der berufsbegleitenden Ausbildung wird ohnehin an Bedeutung gewinnen“, sagt er. Und Baden-Württemberg, wo es genügend Young Professionals gibt, die neben dem Beruf noch ihren Master machen wollten, sei dafür „ein besonders geeignetes Pflaster“.

Nicht nur optisch bietet die Universität Hohenheim ihren Studierenden Besonderes. In der historischen Schlossanlage inmitten eines prächtigen Parks sind innovative Studiengänge wie der neue Master in Finance zu Hause. Dessen erfolgreicher Abschluss garantiert den Absolventen steigende Kurse auf dem Arbeitsmarkt Fotos: Uni Hohenheim und beste Aussichten auf Beförderung.

DAS IST WICHTIG FÜR DIE STUDIERENDEN Voraussetzungen Abgeschlossenes Bachelorstudium mit mindestens sechs Semestern. Abschluss im Bereich Wirtschaftswissenschaften, Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre, Rechtswissenschaften oder anderes. Mindestens ein Jahr Berufspraxis im Bereich Finanzwirtschaft.

rufsbegleitend ist, müssen im ersten Jahr zwei komplette Seminarwochen sowie über beide Jahre zahlreiche lange Wochenenden (Donnerstag bis Samstag) eingeplant werden. Insgesamt summiert sich der Unterricht auf 450 Unterrichtseinheiten im Präsenzstudium.

Studium Regelstudienzeit sind vier Semester. Da der Studiengang be-

Kosten Das Studium kostet 23 500 Euro (4 x 5000 Euro Semesterge-

bühren plus 3500 Euro Anmeldegebühr). Dazu kommen Hotelkosten für die Seminarwoche sowie für externe Module. Anmeldung Für die insgesamt 20 Studienplätze pro Semester kann man sich unter https://financemaster.uni-hohenheim.de/ bewerben. Auskünfte erteilt die Studienberatung unter Tel. 07 11 / 459 - 2 20 64. red


18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Familienunternehmerin mit Herz Als sie vor fast 50 Jahren an die Firmenspitze rückte, war Brigitte Vöster-Alber als weibliche Führungskraft eine Exotin. Doch sie hat sich in der Männerwelt behauptet und den Marktführer für Schließsysteme mit Erfolg in die Zukunft geführt. Von Inge Nowak

Geze-Gesellschafterin

Ausgefragt

Eine Frau mit Leidenschaft und Real itätssinn Brig itte Vöster- Alb er

ist geschäftsführende Gesellschafterin von Geze, einem Spezialisten für Sicherheits-, Tür- und Fenstertechn ik. Im Fragebogen verrät sie, wer ihre Vorbilder sind. Was macht einen guten Chef aus

? Einen guten Chef machen großes Verantwortungsbewusstsein gegenüb er Unternehmen und Mitarbeitern, tionskraft, eine offene Kommunikat Motivaion und partnerschaftliche Zusamm enarbeit sowie das stete Schaffen opti Rahmenbedingungen aus. Er ben ötigt eine enorme Disziplin, muss maler zukunftsgerichtet denken, Visione haben, diese klar vorgeben und kon n und Ziele sequent handeln. Und welche Eigenschaften davon

haben Sie? Alle. Zumindest stehen sie immer als „Headline“ über meinem Handeln und ich versuche, sie zu „leben“. Leid ich jedoch ungeduldig. er bin

Wechsel bei Mahle Bernd Eckl (49) wird zum 1. Januar 2017 Mitglied der Mahle-Konzern-Geschäftsführung. Er wird sich in den ersten Monaten einarbeiten, um dann am 1. April 2017 die Nachfolge von Rudolf Paulik (62) anzutreten, der Ende März 2017 in den Ruhestand gehen wird. Bernd Eckl übernimmt von seinem Vorgänger die Verantwortung für den Geschäftsbereich Motorsysteme und -komponenten sowie die konzernweite Qualitätssicherung. Eckl ist seit 2000 beim Getriebehersteller Getrag in Untergruppenbach, einem Unternehmen der kanadischen MagnaGruppe, tätig. Seine Laufbahn begann er als Bereichsleiter für den Einkauf. 2004 wurde der Ingenieur in die Geschäftsführung berufen und 2009 übernahm er die operative Führung der Getrag-Mutter. Seit 2012 verantwortete er den globalen Vertrieb, Geschäftsentwicklung und Kommunikation im Konzern. imf

Martin Becker-Rethmann

Wie kommt man so weit wie Sie?

Von Alba zur MVV Umwelt

Mit Leidenschaft: indem man sein Äußerstes gibt und Ziele konsequent verfolgt. Mit Realitätssinn: indem man zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Ent scheidungen fällt, auch unangeneh alles immer passt, gelingt jedoch selt me. Dass en und ist dann ein Glücksfall. Mit Innovationsgeist und Flexibili tät: indem man in die verschieden sten Richtungen blickt und unterneh Handeln immer wieder hinterfragt merisches und anpasst. Bei allem darf man sich von seiner Arbeit dennoch nicht „auf lassen. fressen“

Neuer Kaufmännischer Geschäftsführer der Mannheimer MVV Umwelt wird zum 1. Dezember 2016 Martin Becker-Rethmann. Das frühere Mitglied des Vorstands der Berliner Alba-Gruppe tritt damit die Nachfolge von Michael Class an, der im Sommer den Vorstandsvorsitz des führenden Projektentwicklerunternehmens für erneuerbare Energien Juwi im rheinhessischen Wörrstadt übernommen hatte. Martin Becker-Rethmann (48) war über 20 Jahre in leitenden Funktionen für das Berliner Entsorgungs- und Recyclingunternehmen Alba tätig, zuletzt von 2009 bis 2015 als Mitglied des Vorstands. imf

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Wie heißt es so schön: „Das Glück ist mit den Tüchtigen.“ Glück und Tüchtigkeit haben sich verbunden, von unserer glamourösen Skibindu als wir uns ngssparte verabschieden mussten . Fast zeitgleich wurde die Nachfra moderner Türautomation immer ge nach größer, so dass wir die frei geworde nen Kräfte und unsere Kompetenz lisieren konnten. Ein Glück ist natü neu kanarlich mein Mann Hermann Albe r, der mir über 30 Jahre als tech Geschäftsführer zur Seite stand. nischer Haben Sie Vorbilder?

Große Vorbilder sind für mich mei n Großvater Reinhold und mein Vate r Walter Vöster, die beide die Basis internationales, wachstumsfähiges für ein Unternehmen geschaffen haben. Viel lernen kann man von Persönlichkeite Steve Jobs oder Aenne Burda. n wie

Thomas Spitzenpfeil

Rochade bei Zeiss

Was ist typisch für Ihren Arbeits alltag? Termine,

Die digitale Transformation wird bei Zeiss vorangetrieben. Um dies zu unterstreichen, hat Vorstandsmitglied Thomas Spitzenpfeil (53) zum 1. Oktober 2016 neben der Position des Finanzchefs (CFO) in Personalunion auch die des Chief Information Officer (CIO). Mit der neuen, aus einer Hand geführten Struktur will Zeiss den sich wandelnden Kundenanforderungen nach integrierten, digitalen Lösungen noch besser gerecht werden. Der bisherige CIO HansAchim Quitmann ging am 30. September 2016 in den Ruhestand. Die Rolle von Hans-Achim Quitmann als Senior Vice President der Konzernfunktion IT übernimmt Michael Belko, dort bisheriger Vice President Solution Center. Den Aufbau der neuen agilen Digitalisierungseinheit wird der bisherige Konzernstratege und Senior Vice President Matthias Gohl übernehmen. imf

Termine . . .

Was würden Sie heute anders ma

Bernd Eckl

Foto: Mahle

che

n? Ich bin in der glücklichen Lage, dass mir hierzu wenig einfällt außer, nich t mehr Urlaub gemacht zu haben. Von wem können Sie am ehesten

Kritik einstecken? Von jedem, solange sie sachlich und konstruktiv ist. Weniger von Familienmitgliedern, am meisten von Mitarbe iterinnen und Mitarbeitern. Womit können Kollegen Sie nerven

? Mit endlosen Fragerunden, Problem en ohne Lösung, Diskussionen übe r Themen wie „Kfz-Richtlinien“ ode r einem Satz wie „Mit diesem Pro blem wollten wir Sie nicht belasten“.

Foto: Zeiss

A

Und umgekehrt?

Wie gesagt: mit meiner Ungeduld, und dass doch niemand meine Ged anken lesen kann.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Ich rate ihnen zu Aufgeschlos senheit, Engagement, Teamgeist und einer „gesunden“ Anspruchshaltung. Auslandsaufenthalte und Frem dsprachenerwerb erweitern den Horizont. Wichtig sind auch Verantwortungsbereitschaft und ein Den ken, das auch unkonventionelle Lösungen zulä sst. Die Innovationsstärke von Geze eröffnet ihnen hierfür Perspektiven.

Christoph Jeromin

Von Bamberg an den Bodensee Christoph Jeromin wurde im November von der Verbandsversammlung zum neuen technischen Geschäftsführer der BodenseeWasserversorgung bestellt. Er tritt die Nachfolge von Marcel Meggeneder an. Jeromin, der derzeit Prokurist und Abteilungsleiter Wasserversorgung bei den Stadtwerken Bamberg ist, wird die Aufgaben des technischen Geschäftsführers spätestens im Sommer 2017 übernehmen. Meggeneder, der seit 2012 bei der Bodensee-Wasserversorgung tätig war, wird ab Dezember als Geschäftsführer den Vorsitz der Stadtwerke Zeven in Norddeutschland übernehmen. Bei seiner Verabschiedung im Rahmen der Verbandsversammlung unterstrich der Verbandsvorsitzende, der Leonberger Oberbürgermeister Bernhard Schuler, die Verdienste und das große Engagement Meggeneders für die Bodensee-Wasserversorgung. Die Bodensee-Wasserversorgung versorgt über ihre 183 Mitglieder insgesamt 320 Städte und Gemeinden mit Trinkwasser aus dem Bodensee. imf

Was macht Sie leistungsfähig?

Eine Denkhaltung, die sich mit dem Status quo nie zufriedengibt. Und der Ausglei ch, den mir meine vier Enkelkinder, meine Hunde und mein Engagement im Pferdesport schenken. Und letztlich, nicht alles so ernst zu nehmen.

Foto: Wasserversorgung

ls Brigitte Vöster-Alber 1968 die volle Verantwortung für Geze, den Weltmarktführer im Bereich Schließsysteme und Sicherungsanlagen, übernahm, war sie so etwas wie ein Exot in einer Männerwelt. „Ich wusste immer genau, was es bedeutet, nach dem allzu frühen Tod meines Vaters den alleinigen Vorsitz eines Familienunternehmens übertragen zu bekommen“, hat Vöster-Alber einmal gesagt. Um zu ermessen, wie schwer der Anfang war, sei daran erinnert: 1968 war VösterAlber, die ihr Wirtschaftsstudium abbrach, mit gerade mal 24 Jahren noch blutjung für das Amt der Vorsitzenden der Geschäftsführung. Zudem war damals die Gleichstellung von Mann und Frau noch nicht allzu weit fortgeschritten; Männer hatten das Sagen. So wurde die Hausfrauenehe, geregelt im Bürgerlichen Gesetzbuch, erst im Juli 1977 abgeschafft. Bis dahin durften Männer die Arbeitsverträge der Ehefrauen ohne deren Einverständnis kündigen. In dieser Umgebung hat sie sich durchgesetzt – auch mit mutigen Entscheidungen. So hat sich das Unternehmen 1985 von dem Traditionsbereich Skibindungen getrennt, weil damit zu wenig Geld zu verdienen war. Als sie 1968 die geschäftsführende Gesellschafterin wurde, beschäftigte Geze rund 1000 Mitarbeiter, aktuell sind es 2700 Beschäftigte weltweit. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 411 Millionen Euro, zwölf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Ihr Erfolgsrezept: Wachstum aus eigener Kraft und möglichst große Unabhängigkeit von Kunden, Lieferanten und Banken. Die Eigenkapitalquote des 153 Jahre alten Unternehmens liegt bei stattlichen 77 Prozent. Sie setzt auf den deutschen Standort: „Wir sind davon überzeugt, dass nur hier die Qualität der Mitarbeiter den rasant wachsenden Anforderungen standhalten kann“, so Vöster-Alber, die etwa die „Olgäle Stiftung für das kranke Kind“ unterstützt. Seit 2010 hat das Familienunternehmen 24 Millionen Euro in Deutschland investiert. So wurden die Produktion und Logistik erweitert. Derzeit entsteht am Stammsitz ein neues Entwicklungszentrum. Mit ihren 72 Jahren gehört VösterAlber, die mit Auszeichnungen wie zuletzt dem Preis „Soziale Marktwirtschaft“ überhäuft wurde, zu den am längsten amtierenden Chefs großer Familienunternehmen. Die Weichen für die Zukunft sind gestellt. Drei ihrer vier Kinder sind in der Geschäftsführung. Marc Alber ist zuständig für die Technik, Andrea Alber für das Marketing und Sandra Alber steht der Rechtsabteilung vor. Ihre Tochter Bettina Alber ist Ärztin. Den Kindern hat sie Geschäftsanteile übertragen – jedem 24 Prozent. Sorgen, dass es wegen des Unternehmens zum Streit zwischen den Kindern kommen könnte, hat sie nicht. Einem Rückzug aus der Verantwortung dürfte nichts im Wege stehen. Schließlich hat ihr Mann Hermann Alber, der 30 Jahre lang für die Technik zuständig war, die Verantwortung bereits Ende 2015 abgegeben. VösterAlber: „Ich könnte jederzeit loslassen.“ Dann hätte die Unternehmerin, die eigentlich Tierärztin werden wollte, mehr Zeit für ihre Pferde und Hunde.

Persönliches

Eine hochdekorierte Un ternehmerin: Brigitte Vö ster-Alber (Mitte) mit Tr umpf-Chefin Nicola Le ibinger-Kammüller ( links) und Landeswirtschaft sministerin Nicole Hoffm eister-Kraut. Fotos: Geze

Brigitte Vöster-Alber hat die Weichen für eine Nachfolge im Unternehmen bereits gestellt. Drei ihrer vier Kinder tragen in der Geschäftsführung Verantwortung für das Unternehmen. Und auch die Geschäftsanteile hat die 72-Jährige auf die nächste Generation übertragen.

Bernd Münchinger

Gesellschafter bei Echolot Die Stuttgarter Echolot-Gruppe wächst personell und strategisch enger zusammen: Bernd Münchinger, Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer von Echolot Public Relations, ist Anfang September zusätzlich als geschäftsführender Gesellschafter in die Echolot Werbeagentur eingestiegen. An der Seite von Axel Wolfgang ist Münchinger in der Geschäftsführung der Stuttgarter Werbeagentur. imf


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

19

November 2016

Wirtschaft & Debatte

Lesen Sie in dieser Ausgabe

In der Wirtschaft gibt es viele Themen und Trends, über die es sich zu diskutieren lohnt. Die Seiten „Wirtschaft & Debatte“ liefern Argumente und Hintergründe zum Mitdenken und Mitreden.

Wachstum – wie viele Menschen verträgt die Erde? SEITEN 19–21 Diskussionsrunde mit Anwaltskanzleien. SEITEN 22–23 Weitere Themen: EZB-Politik, Betriebsrente, Querdenker SEITEN 24–28

Schaufelt sich der Mensch sein eigenes Grab? Szene aus dem Hollywood-Katastrophenfilm „2012“ von Roland Emmerich

Foto: Sony Pictures

Leben auf Pump Überbevölkerung, Umweltzerstörung und Ressourcenvergeudung bedrohen die Menschheit. Von Markus Brauer

Wachstum I

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an muss nicht zur Gemeinde der Endzeit-Jünger gehören, um einzugestehen, dass es um die Zukunft des Homo sapiens nicht zum Besten bestellt ist. Seit 8. August 2016 leben wir nicht nur auf großem Fuß, sondern auch auf Pump. Auf diesem Termin lag dieses Jahr der Earth Overshoot Day – der Welterschöpfungstag. Es ist jener Tag, an dem alle Ressourcen aufgebraucht sind, welche die Erde in diesem Jahr ersetzen könnte. Und dieser Tag kommt jedes Jahr früher. Earth Overshoot Day oder Ecological Debt Day (Ökoschuldentag) ist eine Kampagne der Organisation Global Footprint Network: Die von Umweltaktivisten in Kalifornien gegründete Denkfabrik will damit auf die Notwendigkeit einer nachhaltigen, globalen Entwicklung hinweisen. Um das Projekt statistisch zu untermauern, berechnet die Organisation den Zustand der Erde – den ökologischen Fußabdruck. Nach Angaben der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) ist der Überlastungstag des Blauen Planeten im Vergleich zum Vorjahr um fünf Tage nach vorn gerutscht. 2015 reichten die globalen Ressourcen noch bis zum 13. August, 2016 nur bis zum 8. des Monats. Für den Jahresrest lebt die Menschheit von den

stillen Reserven der Erde. Die schwinden allerdings zusehends. Der Earth Overshoot Day basiert nicht auf harten wissenschaftlichen Fakten. Er ist eher eine statistisch vage Annahme, die von zeitlichen und ressourcenabhängigen Megatrends ausgeht. Das jeweilige Datum des Jahres wird berechnet, indem die Nachfrage der Menschheit nach natürlichen Ressourcen in diesem Jahr und die Summe der neu entstandenen natürlichen Ressourcen verglichen werden. Ziel der Kampagne von Global Footprint Network ist es, die Grenzen der irdischen Ressourcen ins Bewusstsein zu rücken. „Der globale Kontostand rutscht auch 2016 wieder kräftig ins Minus. Und das nicht zum ersten Mal. Seit mehr als 30 Jahren häufen wir jährlich neue Schulden an“, warnt Eberhard Brandes, Geschäftsführer des WWF Deutschland. „Wir müssen endlich einen Weg finden, in den Grenzen unseres Planeten zu leben und zu wirtschaften. Das ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Wenn wir diese Herausforderung nicht meistern, werden unsere Kinder und Enkel massiv unter den Folgen leiden.“ Doch es sieht nicht danach aus, dass sich etwas zum Positiven ändert. Zivilisationskritiker sehen das Ende der Menschheit nicht erst jetzt heraufziehen. Schon 1972 sorgte der Club of Rome mit seiner apoka-

lyptischen Zukunftsvision „Die Grenzen des Wachstums“ für Furore. 1977 gab der damalige amerikanische Präsident Jimmy Carter den „Bericht an Präsidenten – Global 2000“ in Auftrag. Die 1438 Seiten umfassende Studie befasste sich mit den grundlegenden Entwicklungen der Umweltbedingungen und ihre Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit bis zum Jahr 2000. Allen Unkenrufen zum Trotz hat der moderne Mensch mithilfe seiner Rationalität und seines Erfindungsreichtums sowie des technischen Fortschritts noch immer eine Lösung gefunden: So konnten dank der grünen Revolution in den 1960er Jahren die landwirtschaftlichen Erträge enorm gesteigert werden. Dank des medizinischen Fortschritts wurde die Kindersterblichkeit massiv gesenkt. Dank verbesserter Bildungschancen haben immer mehr Menschen – vor allem Frauen – die Chance zum sozialen Aufstieg. Die Frage ist, wo der Hebel zum ökologisch nachhaltigen Weltwirtschaftssystem ansetzen soll. Sozialromantische Vorschläge wie eine „Kultur des Weniger“ helfen da nicht weiter. Chinesen und Inder werden Europäer und Amerikaner nicht um Erlaubnis fragen, ob sie so wie sie leben dürfen. Sie werden es tun und noch mehr Autos made in Germany kaufen. Der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit muss dennoch gelingen. Sollte er scheitern, werden sich die globalen Krisensymptome dramatisch verschärfen. Dann könnte die Warnung des australischen Umweltaktivis-

ten und früheren Chefs von Greenpeace International, Paul Gilding, irgendwann Wirklichkeit werden: „Mit dem Zwang zu immer mehr Wachstum und einer Überforderung des Planeten frisst sich unser System selbst auf.“ Wie heftig der Mensch an dem Ast sägt, auf dem er sitzt, zeigt sich vor allem am Aussterben anderer Lebensformen. Das Sterben von Arten ist zwar ein natürlicher Vorgang innerhalb der Evolution und das Schicksal jeder Population – vermutlich auch des Homo sapiens; doch im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen, hat dieser Prozess eine verhängnisvolle Dynamik angenommen, wie die aktuelle Studie des WWF „Living Planet Index 2016“ deutlich macht. Für den Ende Oktober vorgestellten Report sind die weltweiten Bestände von mehr als 14 000 Wirbeltierarten untersucht worden. Im Schnitt sind die Bestände zwischen 1970 und 2012 um knapp 60 Prozent geschrumpft. Diese Zahl spricht für sich.

FÜNF MASSENSTERBEN GAB ES SCHON Ursachen Die Erdgeschichte verzeichnet bisher fünf große Massensterben, heute warnen Experten vor einer sechsten „Massenauslöschungsperiode“. In der Urzeit hatte das Aussterben natürliche Ursachen wie Asteroiden, Klimawandel oder Vulkanismus. Heute raubt der Mensch durch Intensivland-

wirtschaft, Brandrodung, Überfischung und Umweltverschmutzung immer mehr Tieren und Pflanzen den Lebensraum. An jeder bedrohten Art hängen weitere, die als Nahrung oder Symbiosepartner unentbehrlich sind. Am Ende dieser Kette steht der Mensch, der sich sein eigenes Grab schaufelt. mb

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20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Weltweit wurden 2015 mehr als 32 Milliarden Tonnen CO2 durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre geblasen. Im Bild sind qualmende Schlote eines Blockheizkraftwerkes in der Morgensonne zu sehen.

Fotos: dpa

Es stinkt zum Himmel Energieverschwendung und Umweltverschmutzung rauben dem Planeten die Luft zum Atmen. Noch immer steigen der CO2-Ausstoß und die Durchschnittstemperatur weltweit stetig an. Von Markus Brauer

Wachstum II

E

rst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Die Weissagung der nordamerikanischen Cree-Indianer ist so alt wie brennend aktuell. Allein die CO2-Emissionen haben sich laut der Umweltorganisation WWF seit dem Jahr 1970 mehr als verdoppelt. Sie spielen eine bedeutende Rolle beim ökologischen Fußabdruck: Beim CO2-Ausstoß wird berechnet, welche Waldfläche theoretisch nötig wäre, um das Treibhausgas aufzunehmen und wieder aus der Atmosphäre zu entfernen. Weil die Emissionen steigen, vergrößert das den ökologischen Fußabdruck der Menschheit. CO2 trägt bereits 60 Prozent zum ökologischen Fußabdruck der Menschheit bei. Weltweit werden jedes Jahr mehr als 32 Milliarden Tonnen Kohlendioxid durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Erdöl, Gas und Kohle in die Atmosphäre geblasen. Hinzu kommen rund 6,5 Milliarden Tonnen, die durch Abholzung und Brandrodung entstehen. Trotz aller Bemühungen ist der CO2-Ausstoß seit 2000 um ein Drittel angestiegen. Grund ist vor allem die rasante Industrialisierung von Schwellenländern wie China und Indien. Seit Beginn der Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts ist die durchschnittliche Temperatur auf dem blauen Foto: Wuppertal Institut Planeten um 0,8 Grad Celsius „Wenn man frühzeitig gestiegen. Mit gravierenden mit der CO2-Reduzierung Folgen: Das Polareis schmilzt, Wirbelstürme und Wetterbeginnt, kann alles extreme nehmen zu. Damit kostenneutral gehen.“ der Klimawandel nicht unumkehrbar wird, darf sich die ErClaus Barthel, Projektleiter de nicht mehr als zwei bis drei beim Wuppertal Institut Grad erwärmen. „Es ist keine scharfe Grenze, aber überschreiten wir sie, so werden die Schäden zusehends unbeherrschbar“, warnt Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Um die Folgen des Klimawandels zu begrenzen, muss das globale Energiesystem auf eine neue Basis gestellt werden. Energie muss effizienter genutzt, regenerative Quellen wie Sonne, Wind, Wasser oder Biomasse müssen stärker angezapft werden. Die Energiewende dient nicht nur der Abkehr vom Atomstrom, sondern soll auch einen entscheidenden Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen leisten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen auch die Städte der Zukunft ökologisch umgebaut werden. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat in der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ ein Szenario für 2050 entworfen: Auf allen großen Gebäuden glitzern Solaranlagen. Die Häuser sind wärmegedämmt. Statt aus Kohle-

und Atomkraftwerken stammt der Strom aus Biomasse, Geothermie und Solarenergie. Städte wie München werden ihre Emissionen um fast 90 Prozent reduziert haben. Das größte Einsparpotenzial sehen die Forscher bei der Wärmedämmung: Die heute verbrauchte Energie könnte um vier Fünftel sinken. „Vor allem bei der Mobilität werden sich die Verhaltensmuster ändern“, prognostiziert Claus Barthel, Projektleiter beim Wuppertal Institut. „Möglicherweise kommt auch das Ende der Billigflieger.“ Die Bürger könnten beruhigt sein. „Wenn man möglichst früh mit der CO2-Reduzierung beginnt, kann alles kostenneutral gehen.“ 2015 war das wärmste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen im Jahr 1881. Nicht nur das: Neun der zehn wärmsten Jahre wurden seit Beginn des neuen Millenniums gemessen. Sollten die anthropogenen, also die vom Menschen bewirkten Umweltveränderungen so weitergehen oder sich sogar verschärfen, wird die globale Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts auf drei bis acht Grad ansteigen, prognostiziert der Weltklimarat IPCC. Wenn sich die Menschheit nicht besinnt und ihren Lebensstil grundlegend ändert, droht ihr das schleichende Aussterben – ganz ohne Apokalypse und großen „Bang“ aus dem All. Es sind nicht noch mehr Waffen, welche die Zukunft der Menschheit infrage stellen. Die Gefahr eines globalen nuklearen Winters infolge eines thermonuklearen Krieges ist heute – und dürfte auch in Zukunft – weit geringer sein als der regionale und globale Zusammenbruch ganzer Ökosysteme. Auf einen Nenner gebracht: Immer mehr Menschen leben auf immer weniger Raum und teilen sich immer weniger Energie, Nahrung und Wasser. Auf der Erde wird es nicht nur zunehmend enger. Auch die Abholzung der Wälder, die Verschmutzung der Flüsse, Meere und Seen, die Verschlechterung der Böden – all das schreitet in einem erschreckenden Tempo voran. Von den rund 3,2 Milliarden Hektar potenziellem Ackerland auf dem Blauen Planeten steht heute weniger als die Hälfte für die Landwirtschaft zur Verfügung. Bis 2030 müsste die verfügbare landwirtschaftliche Fläche laut Welthungerhilfe um mehr als 500 Millionen Hektar wachsen, um die ausreichende Versorgung der Weltbevölkerung zu gewährleisten. Doch schon heute hungern rund eine Milliarde Menschen, weil Boden, Nahrung und Ressourcen ungleich verteilt sind. Würde Karl Marx (1818–1883), der große deutsche Philosoph, Ökonom und Stammvater des Kommunismus, heute leben und sein berühmtes „Kommunistisches Manifest“ von 1848 noch einmal schreiben, könnte sein legendärer Aufruf „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ vielleicht ganz anders lauten: „Apokalyptiker aller Länder, vereinigt euch!“

Energie muss effizienter genutzt, regenerative Quellen wie Sonne und Wind müssen stärker angezapft werden.

SCHLUSS MIT DER RESSOURCEN-VERSCHWENDUNG Umdenken Die Klimarevolution findet nicht nur in Technologiezentren und Parlamenten, sondern vor allem in den Köpfen der Menschen statt. Sie setzt ein neues Bewusstsein und einen schonenderen Umgang mit den Ressourcen voraus. „Viele fürchten sich vor einer Veränderung in eine ungewisse Zukunft.“ Zu Unrecht, meint der Ingenieurwissenschaftler und Klimaexperte Joachim Nitsch. Dass man sein Verhalten ändern müsse, hält er auch für einen Gewinn an Lebensqualität.

Barthel vom Wuppertal Institut. „Viele Verbraucher wissen gar nicht, wo sie die Stellschrauben ansetzen müssen.“ Wenn man beispielsweise 1000 Kilometer weniger im Jahr mit dem Auto fährt und auf Bus und Bahn umsteigt, erspart das der Atmosphäre 250 Kilogramm CO2. TV-Gerät und Stereoanlage ausschalten statt auf Standby spart pro Jahr 100 Kilogramm. Weniger Fleisch essen und regional erzeugte Bioprodukte kaufen summiert sich auf 400 Kilogramm jährlich.

Sparideen „Die sorglose Verschleuderung von Ressourcen wird eingeschränkt. Die unbedenkliche Vielfliegerei wird es in diesem Maße nicht mehr geben. Wir werden mobil bleiben – mit sparsameren Autos und der Bahn“, sagt Nitsch. „Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, CO2 im Alltag zu sparen“, ergänzt Claus

Kosten Der Wandel von der klimaschädlichen zur klimaverträglichen Wirtschafts- und Lebensweise ist möglich und bezahlbar. Laut Greenpeace sind bis 2030 rund 334 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen notwendig für Gebäudesanierung oder regenerative Technologien. Dem stehen Einspa-

rungen von 670 Milliarden Euro (Ausgaben für Brennstoff oder CO2-Kosten) gegenüber. Technologie Auch technologisch sei die Umstellung kein Problem, so Barthel. Es sei nur eine Frage der Kosten und der Geschwindigkeit. Deutschland will beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle spielen. Das Know-how – neue Baustoffe, Hochleistungswärmedämmstoffe, biologische Produktionsprozesse – steht schon heute zur Verfügung. Bis 2050 soll der Mix aus erneuerbaren Energieträgern 90 Prozent des Stroms generieren. „Ich bin optimistisch, was diese Zukunftsszenarien angeht“, so Bartel. In den vergangenen 20 Jahren habe sich enorm viel getan. Es sei zwar noch ein weiter Weg, aber die Notwendigkeit des Energiewandels sei anerkannt. „Jetzt müssen den Worten Taten folgen.“ mb


Wirtschaft in Baden-Württemberg 21

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Ernte im Tank statt im Magen Der globale Hunger ist kein Schicksalsschlag, sondern Menschenwerk. Immer mehr Ackerland wird für den Anbau von Treibstoffen verwendet. Von Markus Brauer Wachstum III

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ie viele Menschen verträgt die Erde, ohne zu kollabieren? 7,44 Milliarden leben laut Stiftung Weltbevölkerung derzeit auf dem Planeten. 7,44 Milliarden, die genug zu essen und zu trinken haben wollen. Die Herausforderung besteht nicht nur darin, genug Nahrung zu produzieren und Energie bereitzustellen, um allen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Zentrale Probleme sind auch die geringe Ressourceneffizienz und ungerechte Verteilung. Der UN-Ernährungsorganisation FAO zufolge könnten bei optimaler Ausnutzung aller Ressourcen schon heute bis zu zehn Milliarden Menschen ausreichend zu essen bekommen. Doch Tatsache ist: Fast eine Milliarde Menschen hungern. InImmer mehr Ackerland dien, das zu den zehn größten Getreideexporteuren der Welt gegeht durch Raubbau, hört, ist auch das Land mit den Verstädterung, meisten Armen – rund 500 MilVersalzung und lionen. Um den wachsenden BeBodenerosion verloren. darf zu decken, müsste die Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um 70 Prozent wachsen. In den Entwicklungsländern ist wegen des stärkeren Bevölkerungswachstums sogar eine Verdopplung nötig. Tatsächlich geht immer mehr Ackerland durch Verstädterung, Raubbau, Industrialisierung, Versteppung, Versalzung und Bodenerosion verloren. Dank der grünen Revolution stieg die globale Nahrungsmittelproduktion zwischen 1965 und 1997 um rund 60 Prozent. Dies war das Ergebnis der Entwicklung moderner landwirtschaftlicher Hochleistungs- und Hochertragssorten, die erfolgreich in den Entwicklungsländern verbreitet wurden. Seither ist es mit Wachstum vorbei. Auch die Gentechnik dürfte nur ein Teil der Lösung sein, um die Krise zu entschärfen. Mehr Menschen bedeuten höheren Konsum. Die FAO rechnet bis 2050 mit fast einer Verdoppelung der weltweiten

Fleischproduktion von derzeit rund 250 auf mehr als 460 Millionen Tonnen. Vor allem Schwellenländer wie China heizen die Nachfrage nach hochwertigen Nahrungsmitteln an. Der Pro-Kopf-Fleischverbrauch ist dort seit 1980 von 20 auf 50 Kilogramm pro Jahr gestiegen (Deutschland: 60,5 Kilogramm, USA: 125 Kilogramm). Heute werden Rinder, Schweine und Hühner häufig mit Getreide gefüttert. Während mehr als ein Drittel der weltweiten Getreideernte für die Mast verwendet wird, nagen Millionen Menschen am Hungertuch. Laut Welthungerhilfe müsste bis 2030 die verfügbare landwirtschaftliche Fläche um 515 Millionen Hektar wachsen, um die ausreichende Versorgung der Weltbevölkerung sicherzustellen. Diese gewaltige Fläche könne aber nur zur Hälfte durch ungenutzte landwirtschaftliche Areale und optimierte Produktionsbedingungen gedeckt werden. In den letzten Jahren ist zudem das Land Grabbing (zu Deutsch: Landnahme) in Mode gekommen. Staaten und private Investoren kaufen oder pachten riesige Anbauflächen in Entwicklungsländern, wo sie Nahrungsmittel und Energiepflanzen für den Export und die Versorgung der eigenen Bevölkerung anbauen. Ein weiteres Problem: Mehr als zehn Prozent der weltweiten Getreideernte werden heute zu Biosprit raffiniert. Der Ausbau der Biosprit-Produktion verschärft die Ernährungskrise dramatisch. Immer weniger Ackerland steht für den Anbau von Grundnahrungsmitteln zur Verfügung, weil Palmöl in Indonesien, Zuckerrohr in Brasilien oder Mais in den USA zu Treibstoffen verarbeitet werden. Benzin statt Brot. 2007 bis 2009 wurde ein Fünftel der weltweiten Zuckerrohrernte zu Bioethanol verarbeitet, 2019 wird es ein Drittel sein. Nach FAO-Schätzungen könnte die weltweite Ethanol-Produktion bis zum Ende des Jahrzehnts um 60 Prozent auf 160 Milliarden Liter steigen.

Treibstoff aus Weizen erzeugen auch deutsche Bioethanol-Raffinerien.

Foto: CropEnergies

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„Maßanzug für die Firmenübergabe“ W

ie unterscheidet sich bei der Firmenübergabe der Beratungs- und Finanzierungsbedarf bei kleineren und großen Unternehmen? Der Beratungs- und Finanzierungsbedarf wird maßgeblich durch den gewählten Weg der Firmenübergabe bestimmt. Dieser ist im Wesentlichen unabhängig von der Unternehmensgröße. So können große wie kleine Unternehmen familienintern oder -extern übergeben werden. Der wesentliche Unterschied zwischen kleineren und großen Unternehmen ist die Komplexität der Übergabe. Aus der Erfahrung kann ich sagen: Je größer das Unternehmen ist, desto einfacher und schneller findet sich in aller Regel ein Nachfolger.

Interview: HypoVereinsbank-Spezialist Michael Orschler erklärt, wie die Übergabe des Unternehmens gelingt – innerhalb der Familie oder auch bei einem Verkauf.

Wie sieht es auf der anderen Seite aus – was sollte der potenzielle Übernehmer beachten? Der Käufer wird sich das Unternehmen genau anschauen. Dazu gehören neben einer Risikoprüfung durch eine Due Diligence weitere elementare Fragen: Bleiben die Knowhow-Träger an Bord? In welche Richtung könnte das Unternehmen entwickelt werden? Welcher Investitionsbedarf besteht in Zukunft? Ist dieser aus dem Unternehmen heraus leistbar? Wie sieht die Kunden- und Lieferantenstruktur aus, wie die Finanzstruktur? Welche Position hat das Unternehmen auf seinen Märkten? Für die Bank ist es wichtig, diese Fragen mit dem Käufer zu besprechen, um die künftige Unternehmensentwicklung einschätzen zu können.

„GUTE VORBEREITUNG IST DAS A UND O“ Wer sind die zentralen Akteure im Rahmen des Übergabeprozesses? Rund um die Frage der Finanzierung ist das neben dem Unternehmer auf jeden Fall die Hausbank mit ihren Nachfolgespezialisten. Ein Plus sind hier ganz klar die persönliche Betreuung und die Zusammenarbeit mit einem Netz von Bankexperten und externen Spezialisten für jeden Schritt der Übergabe. Das kann sein: die Suche nach potenziellen Käufern, individuelle Lösungen auch für komplexe Anforderungen und nicht zuletzt die wertsteigernde Anlage des Verkaufserlöses. Wie sieht die Rolle einer Bank mit Fokus auf das Thema bei einer Unternehmensübergabe konkret aus? Die Spezialisten für Unternehmensübergabe und -nachfolge der HypoVereinsbank beispielsweise begleiten und koordinieren die Übergabe. Die meisten Unternehmer

Finanzierung erwarten unsere Kunden. Wenn die Bank dann aber auch noch bei der Unternehmensbewertung und der Suche nach dem geeigneten Investor unterstützt, sind viele Kunden überrascht.

So ein Übergabeprozess kann je nach Komplexität einige Jahre dauern. Unternehmer sollten sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzen. Dabei sollten sie festlegen, welchen Übertragungsweg sie sich vorstellen können und was für sie nicht infrage kommt. Grundsätzlich empfehlen wir, von Beginn an einen Übergabespezialisten mit einzubeziehen. Welche Finanzlösungen bieten sich an? Bei der Übergabe müssen alle Finanzierungslösungen herangezogen werden, die sich anbieten. Dabei sprechen wir von echtem Eigenkapital des Käufers, klassischen Bankkrediten, aber auch von öffentlich geförderten Darlehen, die Zinskosten senken können. Zwischen dem Käufer und Verkäufer wird oftmals auch eine auf zwei oder drei Jahre gestreckte Kaufpreiszahlung als Finanzierungskomponente vereinbart, wodurch beide Seiten von der Entwicklung des Unternehmens nach der Übergabe profitieren können.

„SPARRINGSPARTNER AUF AUGENHÖHE“ ZUR PERSON

Michael Orschler, Spezialist für Unternehmensübergabe und -nachfolge der HypoVereinsbank

wollen über ein so emotionales Thema nicht mit mehreren Beratern sprechen. So empfiehlt sich die langjährige Hausbank als erster Ansprechpartner. Gerade da der Firmenkundenbetreuer die Unternehmerfamilie kennt, kann er auf diese hochemotionale Herausforderung mit Fingerspitzengefühl eingehen. Das Wichtigste ist, Signale zu erkennen und Knackpunkte festzustellen. Ein erfahrenes und spezialisiertes Übergabeteam ist dabei von Vorteil für den Unternehmer. Das Team kann sich hautnah mit

den Anforderungen des Unternehmers auseinandersetzen. Das Besondere bei der HypoVereinsbank ist: Wir haben in ganz Deutschland Experten für jede Unternehmensgröße. Was erwarten Unternehmer von Nachfolgespezialisten einer Bank, die eine ganzheitliche Beratung anbieten? Unternehmer bekommen in jeder Phase des Übergabeprozesses genau die Unterstützung, die sie wünschen. Die eigentliche

Was ist die Aufgabe der Spezialisten in dieser Situation? Für den potenziellen Käufer sind die Spezialisten für Unternehmensübergabe ein Sparringspartner, um das künftige Geschäftsmodell aus unabhängiger Banksicht zu diskutieren. Erfahrene Spezialisten prüfen dabei die Businesspläne für das neue Unternehmensgebilde und können so mögliche Risiken erkennen.

Michael Orschler hat nach seinem BWL-Studium in Frankfurt mehrjährige Erfahrung im Bereich Corporate Finance und bei der Beratung von mittelständischen Firmenkunden sammeln können.

Wie sehen die wesentlichen Schritte der Unternehmensübergabe aus? Maßgeblich für ein optimales Ergebnis ist eine ausreichend lange Vorbereitungsfrist.

Bei Fragen können Sie sich direkt an Michael Orschler unter folgender E-Mail-Adresse wenden: michael.orschler@unicredit.de

Er ist seit über 10 Jahren bei der HypoVereinsbank beschäftigt und aktuell als Spezialist für Unternehmensübergabe und -nachfolge tätig.


22 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 6 | Nove

Wirtschaftskanzleien im

Der Anwaltsmarkt der Region als Spiegelbild der Wirtschaftsstruktur: Mittelst Wirtschaft in Baden-Württemberg wollte wissen, wie sich der Markt – nicht nur durch die Dig wie das Kartellrecht oder Compliance zu reagieren? Und wie lockt man top ausgebildete Nach zudem Karrierewege in der Kanzlei, welche Chancen Frauen in Führungspositionen eingeräumt Diskussionsrunde

Diversität gewinnt bei der Suche nach Nachwuchsjuristen und bei der Akquise von Mandanten an Bedeutung, ist die Runde überzeug t. Im Bild: Peter Glück (l.) und Ulrich Philippi

Anwaltsmarkt als Spiegelbild der Wirtschaft Tendenz zu Ausschreibungen nimmt auch in mittelständischen Unternehmen zu – Trendthemen erkennen

Wettbewerb

U

nter Personalberatern gilt Stuttgart kanzleien müssten sich darauf einstellen, als einer der schwierigsten juristi- sagt Marcus Baum von Kuhn Carl Norden schen Märkte. „Die Bereitschaft von Baum, dass „die Entwicklung weg von einer Partnern und Teams, die Kanzlei zu wech- laufenden Beratungsleistung hin zu Proseln, ist hier geringer ausgeprägt als jektthemen geht“. Es gibt immer wieder Themen, die anderswo“, sagt Christian Bosse von Ernst & Young Law. Das hat mit den vielen schnell Karriere machen und wichtig werMandanten im Stuttgarter Speckgürtel zu den. Das Kartellrecht zum Beispiel oder tun, aber nicht nur. „Der Anwaltsmarkt in Compliance. Wie schnell sind mittelständider Region ist ein Spiegelbild der hiesigen sche Wirtschaftskanzleien in der Lage, auf Wirtschaftsstruktur“, sagt Michael Früh- solche Trendthemen zu reagieren? Zum richtigen Zeitpunkt die richtimorgen von Heussen. „Der gen Themen zu platzieren, sei typische Mittelständler iden- Zum richtigen eine Frage des „eigenen Busitifiziert sich mit Kanzleien, Zeitpunkt die ness Developments“, stellt die eher mittelständisch ge- richtigen Themen Christoph Winkler von Meprägt sind – weniger mit den zu platzieren, nold Bezler fest und räumt Großkanzleien.“ ein, dass mittelständische Doch die Kanzleienland- ist eine Frage des Kanzleien bei diesem Thema schaft ist dabei, sich zu än- eigenen Business noch etwas Nachholbedarf dern, ist sich die Diskussionshätten. Was nicht zuletzt eine runde der Wirtschaftsanwälte Developments. Frage der personellen Auseinig. „Auch bei mittelständischen Unternehmen beobachten wir, dass stattung sei. Großkanzleien, so ein Einwurf diese zwar ihren festen Ansprechpartner aus der Runde, hätten mehr als ein Dutzend haben, aber auch an Wettbewerben teil- Mitarbeiter, die allein für den Bereich Businehmen und zwei oder drei andere Kanz- ness Development zuständig sind. Peter Mailänder von Haver & Mailänder leien testen“, sagt Jens Haubold von Thümmel, Schütze & Partner. Das unterstreicht warnt davor, sich zu verzetteln. Getreu dem auch Ulrich Philippi von Luther: „Die Ten- Motto „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ denz, eine Ausschreibung vorzunehmen, solle eine Kanzlei bei ihrer wirtschaftsrechtlichen Ausrichtung bleiben. „Wenn nimmt massiv zu.“ „Wie wichtig ist für Kanzleien der per- sich neue Themen ergeben“, so der Anwalt, sönliche Kontakt noch, wenn Konzerne „müssen wir hellwach sein. Aber wir bleiDienstleistungen zunehmend über Aus- ben auf unserem Pfad.“ Als Wirtschaftsanwälte verfolgen die schreibungen einkaufen?“, fragt Moderator Klaus Köster. Dass ein Geschäftsführer Teilnehmer des Round Table ohnehin die einen Anwalt vom Golfplatz oder von der Entwicklung der Wirtschaft. „Wenn UnterGrundschule kenne, werde seltener, spitzt nehmen das Thema Industrie 4.0 umtreibt, Christofer Lenz von Oppenländer zu. „Ich muss es auch die Kanzlei umtreiben“, sagt finde das positiv, denn die bessere Leistung Frühmorgen. Wer hierauf keine Rücksicht setzt sich durch.“ Seine Kanzlei werde nehme, verschlafe den Trend. Doch „solche mandatiert, weil sie eine Kompetenz für Entwicklungen kommen nicht von heute sam bestimmte Themen habe. Wirtschafts- auf morgen“.

Gruppenfoto Ein Blick in die Kamera beim Round Table Wirtschaftskanzleien (von links): Alexander Burger (Binz & Partner ), die Moderatoren Michael Heller (StZ) und Klaus Köster (StN), Jens Haubold (Thümmel, Schütze & Partner), Ulrich-Peter Kinzl (BRP Renaud und Partner), Peter Mailänder (Haver & Mailänder), Michael Frühmorgen

Die Kanzleienlandschaft ist dabei, sich zu verändern, ist sich die Disk ussionsrunde einig: im Gespräch Ulri Christian Bosse. ch Philippi ( l.) und

Partnerschaft und Teilzeit sind immer noch In mittelständischen Wirtschaftskanzleien fehlt es an Frauen in Führungspositionen. Von Sabine Marquard

Karriere

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Michael Christofer Lenz (r.) im Gespräch mit

Heller

er juristische Nachwuchs tickt anders. Diese Erfahrung haben so ziemlich alle Teilnehmer der Diskussionsrunde schon gemacht. Mit Geld allein lassen sich junge Juristen nicht locken. Sie bringen „unternehmerisches Selbstverständnis mit, sie haben aber auch klare Vorstellungen von ihrem Lebenskonzept“, sagt Peter Mailänder von Haver & Mailänder. Nur für die Arbeit zu leben, sei für die Generation Y (dazu zählen die Jahrgänge 1980 bis 1995) nicht sehr erstrebenswert. Ehrgeizig seien die Jungen gleichwohl. Das sind „hervorragende Kollegen“, so Mailänder, „die regelmäßig mit dem Car2go ankommen und in einer relativ kleinen Mietwohnung wohnen. Sie wollen Spaß an der Arbeit und dafür fair vergütet werden.“ In einer verkrusteten Kanzlei könne die Einstellung der Jüngeren für neue Lebendigkeit sorgen. Auch Anwaltskollege Christoph Winkler von Menold Bezler beschreibt die Generation Y als hochmotiviert und leistungsfähig, allerdings müsse die Arbeit „sinnstiftend“ sein. Junge Kollegen fänden es komisch, wenn sie nicht wüssten, warum sie etwas machen sollen. Solange die Arbeit Spaß mache, sei alles

gut. „Sonst gehen sie.“ Die Wirklichkeit im Arbeitsleben hat sich verändert, stimmt Christian Bosse von Ernst & Young Law zu. Früher sei ein Anwalt nach Hause gegangen, wenn der letzte Partner das Büro verlassen habe, selbst wenn er sich bis dahin gelangweilt habe. „Heute geht der Nachwuchs – und hat kein schlechtes Gewissen“, sagt Bosse.

Wettbewerb um die besten Nachwuchskräfte Nachwuchsjuristen – das hat sich nicht geändert – wollen eine Perspektive in der Wirtschaftskanzlei. Man startet als angestellter Anwalt und nach „fünf oder sechs harten Jahren“, so Bosse, besteht die Chance, als Partner beteiligt zu werden. Können die Kanzleien im Südwesten im Wettbewerb um die besten Nachwuchskräfte mithalten? In den mittelständischen Kanzleien, ist Mailänder überzeugt, „haben die jungen Kollegen eher eine Chance, Partner zu werden als in den Kanzleifabriken“. „Wollen denn alle jungen Kollegen die Aufwertung zum Partner?“, fragt Moderator Michael Heller in die Runde. „Und was geschieht mit denen, die es nicht schaffen?“

„Wer früher nicht Partner wurde, musste gehen“, räumt Winkler ein. Diese Vorstellung sei heute „komplett überholt“. Mittlerweile gebe es viele Abstufungen auf dem Weg zum Partner – „je nachdem, was ein Anwalt sich zum Ziel setzt“. Ein Partner in einer Wirtschaftskanzlei sollte unternehmerisches Denken mitbringen, ein Netzwerk haben und auch in der Akquisitionsarbeit stark sein. Nicht jedem Anwalt liegt das. „Es gibt Kollegen, die in der Kanzlei bleiben, aber nicht das unternehmerische Risiko tragen wollen“, sagt Peter Glück von RWT Horwath. Diese finden heute in den abgestuften Modellen ihren Karriereweg. Junge Frauen haben es auf dem Weg zur Partnerschaft besonders schwer, wie alle Teilnehmer der Diskussionsrunde einräumten. „Es kommt zum Schwur, wenn die Frau Teilzeit arbeiten und Partner werden möchte“, weiß Glück. Partnerschaft in Teilzeit sei noch immer ein Tabu. Wohl auch deshalb ist der Anteil von Frauen in der Partnerschaft verschwindend gering. Ein Blick in die Runde scheint das zu bestätigen. Am Tisch sitzen „weiße Männer, alle deutsch“, bringt es Christofer Lenz von Oppenländer auf den Punkt. „Wir müssen es schaffen, dass es in den mittelständischen Wirtschaftskanzleien nicht mehr so homogen aussieht“, fordert Lenz. Es fehle an Frauen in Führungspositionen und an


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tuttgarter Nachrichten ember 2016

m Fokus

tändisch geprägte Wirtschaftskanzleien dominieren am Standort Stuttgart. Die Zeitung gitalisierung – verändert. Wie schnell sind die Unternehmen in der Lage, auf Trendthemen hwuchsjuristen in die Region? Auf dieser Doppelseite beschreiben wir t werden und wie wichtig das Juve-Ranking für die mittelständischen Anbieter ist.

Christoph Brauchle: Modelle entwicke ln, um gut ausgebildete Frauen zu halten

Gespräch mit Peter Mailänder (r.) im Köster

Klaus

Disziplin macht das Büroleben leichter Je größer die Wirtschaftskanzlei, desto wichtiger werden Leitlinien – Mit dem Juve-Ranking bei Bewerbern punkten.

Organisation

H

(Heussen), Christoph Reisinger (StN-Chefredakteur), Christofer Lenz (Oppenländer), Marcus Baum (Kuhn Carl Norden Baum), Christoph Brauchle (Ebner Stolz), Christoph Winkler (Menold Bezler), Christian Bosse (Ernst & Young Fotos: Lichtgut/Max Kovalenko Law), Peter Glück (RWT Horwath) und Ulrich Philippi (Luther).

idden Champions sind eigentlich nicht auf einen Anwalt, den sie aus früherer mittelständische Unternehmen, die Zusammenarbeit kennen und schätzen in ihrer Nische Marktführer sind. würden. Die mittelständischen Kanzleien am Der Begriff passt auch gut auf die mittelständischen Wirtschaftskanzleien am Standort sind sehr unterschiedlich aufgeStandort Stuttgart. Wie wichtig ist es für stellt. Wie funktioniert eine Kanzlei? Wie diese versteckten Perlen, im Ranking des zutreffend ist das Bild, dass Rechtsanwälte Juve-Handbuchs Wirtschaftskanzleien ge- sich wie eine Gruppe von Katzen verhalten: listet zu werden? Wie gut und gerecht ist Sie kommen zusammen, besprechen ein dieses Ranking für die mittelständischen Thema und springen wieder auseinander. „Die Partner einer Kanzlei sind alle IndiviAnbieter? Ob sich juristische Qualität einordnen duen“, sagt Winkler, doch ohne Vorgaben lässt, „sei dahingestellt“, sagt Jens Haubold würde es ab einer gewissen Größe nicht von Thümmel, Schütze & Partner. Ernst funktionieren. Was eine „echte Herausfornehmen sollte man das Ranking aber derung“ sein kann, wie Ulrich-Peter Kinzl von BRP Renaud und Partner schon. Einig waren sich die beschreibt: Der eine Anwalt Anwälte, dass damit Öffent- Über ein neues, rechnet ab, wenn er Zeit finlichkeitswirkung verbunden teures IT-System ist. Einer Kanzlei, die auf ist man sich schnell det, der andere, wenn das Mandat beendet ist, der dem bundesdeutschen Markt nächste einmal jährlich. Gewahrgenommen werden wol- einig, aber über wisse Leitlinien, in denen le, „hilft es, wenn sie in der die Farbe des Juve-Liste vorkommt“, ist Außenauftritts wird sich alle bewegen, hält auch Winkler für sinnvoll. Auch er Christofer Lenz von Oppenweiß aus Erfahrung, dass es länder überzeugt. Auch klei- lang diskutiert. kein Problem sei, ein teures nere Kanzleien profitierten, wenn sie dort gelistet seien. Es sei dann ein- IT-System einzuführen, dass aber wochenfacher, „Top-Leute, die in Düsseldorf Exa- lang diskutiert werde, ob die Farbe des men gemacht haben, nach Stuttgart zu lot- Außenauftritts mehr oder weniger grün sen“. Auch für Alexander Burger von Binz & sein solle. Christoph Brauchle von Ebner Stolz bePartner ist Juve „weniger ein Instrument, um neue Mandanten zu gewinnen, sondern obachtet den Trend, dass für zentrale Beum bei Bewerbern zu punkten“. Aber na- reiche wie IT, Personal und Marketing ein türlich ärgere man sich, wenn man für ein Fremd-Geschäftsführer eingestellt wird, bestimmtes Rechtsgebiet nicht immer auf der die Organisation entlastet. Die Organisationsfrage beschäftigt alle. Je größer eine Platz eins steht. Christoph Winkler von Menold Bezler Kanzlei, desto wichtiger wird das Managegibt zu bedenken, dass externe Vorstände ment. Zu wachsen sei wichtig, sagt Lenz, in einem Familienunternehmen gerne auf um im Wettbewerb um die besten Köpfe Nummer sicher gehen. Gegenüber ihren nicht zurückzufallen. „Eine Kanzlei, die Gremien ließe es sich leichter rechtferti- viel einstellt und die Leute dann zu Partgen, wenn sie auf eine internationale Kanz- nern macht, wird von jungen Leuten als sam lei aus dem Handbuch zurückgreifen und attraktiv wahrgenommen.“

wollen Peter Glück (l.): Nicht alle Kollegen en. trag ko unternehmerisches Risi

h ein Tabu Kollegen aus anderen Ländern. Diversität oder Vielfalt gewinnt bei der Suche nach Nachwuchsjuristen und bei der Akquise von Mandanten an Bedeutung, zeigt sich die Runde überzeugt. In den USA sei es gängige Praxis von Unternehmen darzulegen, welche Chancen Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen eingeräumt werden.

Attraktive Einstiegsgehälter erleichtern Kinderbetreuung Zurück zu den Frauen, die auf dem Weg zur Partnerschaft den Kanzleien verloren gehen. Auch wenn die Rahmenbedingungen in Deutschland, wie Ulrich Philippi von Luther sagt, „immer noch nicht so sind, dass Frauen ohne Weiteres einen Fulltime-Job ausüben und Kinder erziehen können“, müssten die Kanzleien „Modelle entwickeln, um gut ausgebildete Frauen, wenn sie Kinder bekommen, im Unternehmen zu halten“, betont Brauchle. Oppenländer geht einen eigenen Weg und setzt darauf, Frauen mit attraktiven Gehältern zu halten. „Wir zahlen 100 000 Euro Einstiegsgehalt“, sagt Lenz. Frauen könnten sich dann ihre Kinderbetreuung kaufen und seien nicht darauf angewiesen, bei einem Arbeitgeber in Teilzeit anzuheuern, der ihnen einen Krippenplatz zur Verfügung stellt.

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Michael Frühmorgen: Wa s Unternehmen umtreibt, muss auch Kanzleie n umtreiben.


24 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Billiges Geld fördert die Blasenbildung Die Risiken und Nebenwirkungen der Niedrigzinspolitik nehmen zu. Sparguthaben schmelzen dahin, das Kreditgeschäft der Banken leidet, Anlagen werden immer risikoreicher und von Haushaltsdisziplin fehlt jede Spur. Von Klaus-Dieter Oehler

EZB-Politik I

M

Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, sieht sich als Retter der Eurozone und glaubt nach wie vor an die positive Wirkung niedriger Zinsen. Foto: dpa

ario Draghi sieht sich gern als Retter der Eurozone. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) nutzt jede Gelegenheit, um daran zu erinnern, dass ohne das beherzte Eingreifen der Notenbank im Jahr 2012 die Existenz der Währungsgemeinschaft auf dem Spiel gestanden hätte. Dabei musste der EZB-Rat noch nicht einmal wichtige Entscheidungen treffen. Es reichte, dass Draghi ankündigte, dass man „alles“ tun werde, um den Euro zu retten. Die Finanzmärkte waren beruhigt, die Spekulationen gegen die Gemeinschaftswährung gingen zurück. Also, alles richtig gemacht? Wenn es nach Hans-Werner Sinn geht, dem ehemaligen Chef des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und erklärtem EuroGegner, ist das Problem noch längst nicht gelöst. Im Gegenteil, Sinn und inzwischen immer mehr Kritiker halten die anhaltende Niedrigzinspolitik der EZB für ein gesamtwirtschaftliches Risiko, das nicht nur Deutschland, sondern die ganze Eurozone ins Wanken geraten lassen könnte. Die Kritiker befürchten das Entstehen neuer Blasen, etwa in den Immobilienmärkten oder an der Börse, wo das billige Geld für Kursanstiege sorgt, die durch die wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmen nicht gerechtfertigt sind. Die EZB werde Teil des Problems und destabilisiere den Finanzsektor, meint der Wirtschaftsweise Volker Wieland. Die Notenbanken hätten in der Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise zu Recht mit Zinssenkungen und Lockerungsmaßnahmen reagiert. „Inzwischen beharren die Fed und EZB jedoch viel zu lange auf der Niedrigzinspolitik und die EZB weitet ihre Anleihekäufe weiter massiv aus. Damit werden sie mehr und mehr Teil des Problems“, sagt Wieland, der an der GoetheUniversität Frankfurt über Geldpolitik forscht. „Es bauen sich Risiken für den Finanzsektor auf, insbesondere im Bankensektor geht die Profitabilität zurück, risikoreiche Anlagen nehmen zu, und längerfristig ist mit gefährlichen Zinsänderungsrisiken zu rechnen“, warnt Wieland, der Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist. In dem vor Kurzem vorgelegten Jahresgutachten der fünf Wirtschaftsweisen heißt es: Zwar habe die lockere Geldpolitik zum Aufschwung in Europa beigetragen, ihr Ausmaß aber sei nicht mehr angemessen und der Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik werde immer schwieriger. Und selbst EZB-Direktor Yves Mersch hat auf steigende Gefahren einer sehr langen Phase ultralockerer Geldpolitik hingewiesen. „Je länger wir in diesem Niedrigzinsumfeld verharren, desto stärker werden die Nebenwirkungen unserer Maßnahmen hervortreten.“ Die Wirksamkeit der Schritte könne zudem abnehmen, je länger sie anhielten. Ziel müsse sein, „so bald wie möglich diesen Sonderzustand zu verlassen, um den möglichen Schaden so gering wie möglich zu halten“, sagt der EZBDirektor und ist damit ganz auf einer Linie mit dem deutschen Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann. Die negativen Folgen der anhaltenden Niedrigzinspolitik bekommen in erster Linie die Sparer zu spüren. Sparguthaben schmelzen dahin. Wer beispielsweise 100 000 Euro auf einem Tagesgeld-Konto parkt und dafür 0,1 Prozent Zinsen bekommt, büßt bei einer Inflation von 0,8 Prozent unterm Strich 700 Euro pro Jahr ein. Top-Ökonom Sinn spricht von Enteignung. Das gelte besonders für alle Sparer, die fürs Alter vorsorgen. So sind die Zinsgutschriften auf Spareinlagen von 2009 bis 2015 auf ein Drittel ihrer früheren Höhe geschrumpft – von 13,8 auf 4,4 Milliarden Euro. Das geht aus den Monatsberichten der Bundesbank hervor. Darunter leiden auch Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften, die nicht mehr wissen, wie

sie die versprochenen Renditen für ihre Kunden erzielen sollen. Die großen Gewinner hingegen sind Bund und Länder: Die Ausgaben für die Schuldzinsen sind stark geschrumpft – allein der Bund zahlte 2015 fast 15 Milliarden Euro weniger als 2009. Mersch verweist zudem auf die Situation der Banken, die in ihrem Kreditgeschäft zunehmend unter der lockeren Geldpolitik leiden. Institute in Deutschland würden angeben, Die negativen Folgen dass sich die Strafzinsen – sie lie- der Niedrigzinspolitik gen aktuell bei minus 0,4 Pro- bekommen in erster zent – restriktiv auf ihre ausgereichten Kreditvolumina auswir- Linie die Sparer ken. Das lasse aufhorchen, sagt zu spüren. der EZB-Direktor. „Wir müssen wachsam sein, dass diese Entwicklung nicht auch auf andere Länder des Euroraumes übergreift.“ Dies müsse abgewogen werden, wenn es um den weiteren Kurs in der Geldpolitik gehe. „Dies betrifft Instrumente, Volumina und die Zeitachse“, betont der EZB-Direktor. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) fordert eine Wiedergutmachungsaktion: Es wäre „mehr als gerechtfertigt, wenn insbesondere der Bund durch eine stärkere Unterstützung des Sparens einen Teil dieser Vorteile wieder an die benachteiligten Sparer zurückgäbe“, sagt Präsident Georg Fahrenschon. Die CSU verlangt Ausgleich in anderer Form: „Dieses Geld muss an die Menschen zurückgegeben werden“, meint Bayerns Finanzminister Markus Söder. DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier hat einen staatlichen Altersvorsorge-Fonds angeregt, der aus den Zinsersparnissen der öffentlichen Hand finanziert werden soll. Wenn die Zinsen steigen, wird es wehtun. Nicht nur den hochverschuldeten Euroländern, die bisher gut auf Pump lebten und es versäumt haben, ihren Haushalt in Ordnung zu bringen. Es wird auch für die Anleger ungemütlich, die jahrelang das billige Geld in risikoreichere Anlageklassen gesteckt haben. Es ist davon auszugehen, dass genau die Anlagen am stärksten leiden, die bisher am meisten profitiert ha- Pensionskassen und ben: Aktien, Immobilien sowie die Versicherungen wissen Anleihen von Unternehmen und nicht mehr, wie sie von Peripherieländern. Eine Leitzinserhöhung würde versprochene Renditen daher, so meinen die meisten erzielen sollen. Ökonomen, wie in den Vereinigten Staaten wohl mit einiger Verzögerung folgen. Zu jenem Zeitpunkt wäre der derzeitige leichte Konjunkturaufschwung aber schon zehn Jahre alt. „Die Wahrscheinlichkeit, dass spätestens dann dem globalen, ohnehin schwachen Aufschwung die Puste ausgeht, ist nach unserer Meinung groß“, sagt Stefan Kreuzkamp, der Chefanleger des Vermögensverwaltungsgeschäfts der Deutschen Bank. „Entsprechend nehmen wir an, dass die EZB in diesem Zyklus höchstens noch eine symbolische Zinsanhebung durchführen wird.“ Man schriebe dann schon das Jahr 2019. Vorausgesetzt, es kommt nichts dazwischen.

ZINSENTWICKLUNG Der Leitzinssatz für die Eurozone Angaben in Prozent

4

3

2

1

0 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 StZ-Grafik: zap

Quelle: leitzinsen.info


Wirtschaft in Baden-Württemberg 25

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Kredite kurbeln Wachstum an Die EZB unterstützt das Wirtschaftswachstum. Nur so können Schuldenstaaten ihre Altlasten tilgen. Von Barbara Schäder

EZB-Politik II

Lichterglanz rund um die Europäische Zentralbank in Frankfurt. Nicht überall eckt sie mit ihrer Politik an.

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ie gute Nachricht zuerst: Auch Mario Draghi will die Zinsen nicht ewig im Keller halten. „Das ist nicht die neue Normalität“, stellte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) kürzlich auf einer Veranstaltung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) klar. Wenn die Notenbank ihr Ziel einer Inflationsrate von knapp zwei Prozent erreicht habe, werde sie aus der lockeren Geldpolitik aussteigen. Das Inflationsziel der EZB ist erklärungsbedürftig – besonders, weil sie bei einer Geldentwertung nahe zwei Prozent von „Preisstabilität“ spricht. Stabil sind die Preise eigentlich nur bei einer Inflation nahe null, wie die Eurozone sie nun seit bald drei Jahren erlebt – zur Freude vieler Verbraucher. Die Notenbank hatte allerdings durchaus gute Gründe, als sie ihr mittelfristiges Inflationsziel 2003 – übrigens noch unter dem deutschen Chefvolkswirt Otmar Issing – „nahe zwei Prozent“ festzurrte. Sie wollte damit einen Sicherheitspuffer gegen Deflationsrisiken einrichten. Denn während Notenbanken auf steigende Inflationsraten relativ leicht mit Zinserhöhungen reagieren können, ist ih„Ein abrupter Abbruch nen bei Zinssenkungen eine natürliche Grenze gesetzt. der Wertpapierkäufe in den nächsten Monaten Zwar haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass auch Negaist unwahrscheinlich.“ tivzinsen nicht unmöglich sind – dieses Experiment beEZB-Präsident Mario Draghi schränkt sich bislang aber auf den sogenannten Einlagenzins, zu dem Geschäftsbanken über Nacht überschüssige Mittel bei der EZB parken. Beim eigentlichen Leitzins, der für die Entwicklung der Kreditkosten maßgeblich ist, scheint mit der Null das Limit erreicht. Eben weil sie die Zinsen nicht noch weiter senken kann, versucht die EZB mit weiteren Instrumenten die Kreditvergabe anzukurbeln: Durch den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren pumpt sie monatlich 80 Milliarden Euro in die Märkte. Sie erwirbt die Papiere vornehmlich von Geschäftsbanken. Letztere können das Geld entweder in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weiterreichen oder es neu anlegen, etwa in Aktien. Auch das nützt den Unternehmen. Zudem kauft die EZB seit einiger Zeit selbst Anleihen bonitätsstarker Firmen, um die Zinsen weiter zu drücken. Den Vorwurf, dieses Programm nütze nur den Großkonzernen, will EZB-Präsident Mario Draghi nicht gelten lassen: Da sich große Unternehmen dank der EZB-Käufe verstärkt auf dem Kapitalmarkt refinanzierten, kämen kleinere Firmen besser an Bankkredite, sagt er. Die Kreditvergabe im Euroraum steigt tatsächlich. Laut den letzten verfügbaren Zahlen wurden im September 1,9 Prozent mehr Darlehen an Unternehmen ausgereicht als vor zwölf Monaten. Privathaushalte erhielten 1,8 Prozent mehr Kredite als vor Jahresfrist. Es gibt also durchaus Anzeichen dafür, dass die Wertpapierkäufe wirken. Gleichzeitig kündigte in einer Umfrage der EZB eine Mehrheit der Geschäftsbanken an, ihre Standards für die Vergabe von Firmenkrediten wieder zu verschärfen. Befürchtungen, die Geldschwemme würde die Institute zu übertriebener Freigiebigkeit gegenüber fragwürdigen Schuldnern verlei-

ten, scheinen sich also nicht zu bewahrheiten. Sollte es doch dazu kommen, können Regierungen und Bankaufsichtsbehörden mit neuen Vorschriften für die Kreditvergabe gegensteuern. Ein Beispiel ist die neue Immobilienkreditrichtlinie, die – bei aller Kritik im Detail – die richtige Stoßrichtung verfolgt: durch eine gründliche Kreditwürdigkeitsprüfung zu verhindern, dass Häuslebauer in eine Schuldenfalle geraten. Schwerer wiegt die Gefahr, dass wegen der lockeren Geldpolitik hochverschuldete Staaten vom Sparkurs abkommen. Anders als auf dem Höhepunkt der Eurokrise müssen sie ja nicht mehr befürchten, dass ihnen keiner mehr Geld gibt. Denn jede Bank oder Versicherung, die Staatsanleihen erwirbt, weiß heute, dass sie die Papiere jederzeit wieder bei der EZB abladen kann.

Foto: dpa

Tatsächlich verstoßen Schuldensünder wie Spanien, Portugal, Griechenland und auch Frankreich weiter gegen den EuroStabilitätspakt. Sie schaffen es nicht, ihre Neuverschuldung unter die Grenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu drücken. Das ist beunruhigend. Doch stellt sich die Frage, ob der Schuldenabbau bei einer strikteren Geldpolitik tatsächlich schneller vorankäme. Möglicherweise wüchse die Wirtschaft in den genannten Ländern ohne die Unterstützung der EZB noch langsamer – was das Verhältnis von Neuverschuldung zum BIP verschlechtern würde. Auch für Haushalte und Unternehmen gilt: Je mehr Wachstum und Arbeitsplätze es gibt, desto besser können Altschulden abgetragen werden. Das zeigt: Auch wenn die lockere Geldpolitik Risiken birgt – auch

ihre Einstellung wäre durchaus ein Wagnis. Nahezu undenkbar erscheint deshalb ein sofortiger Ausstieg, also ein Abbruch der Wertpapierkäufe Ende März. Ein solches abruptes Ende sei „unwahrscheinlich“, sagte EZB-Präsident Draghi zu Monatsbeginn – und tatsächlich wäre es auch unverantwortlich. Das zeigt ein Blick in die USA: Allein schon die Ankündigung der dortigen Notenbank Fed, ihre Wertpapierkäufe zurückzufahren, löste Mitte 2013 heftige Verwerfungen an den weltweiten Finanzmärkten aus. Erst Ende 2013 begann die Fed dann tatsächlich mit einer allmählichen Reduzierung der monatlichen Ausgaben. Bis zur endgültigen Einstellung des Kaufprogramms ließ sie sich fast ein Jahr Zeit – und schaffte damit letztlich einen reibungslosen Ausstieg.

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26 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Wie sicher ist die Rente? Die Politik versucht nun, die Versorgung über den Arbeitgeber zu stärken und so das Versorgungssystem zu stabilisieren.

Foto: Fotolia/Yvonne Weis

Die Firma als Rentenkasse Die Politik will Unternehmen stärker für die Alterssicherung in die Pflicht nehmen. Das kostet Geld, kann aber dazu beitragen, den unausweichlichen Anstieg der Rentenbeiträge zu dämpfen. Von Klaus Köster Altersvorsorge

A

uf den ersten Blick klingt der Befund alarmierend: Knapp 47 Prozent der Geringverdiener mit einem Bruttolohn unter 1500 Euro pro Monat haben weder eine betriebliche Altersvorsorge noch einen Riester-Vertrag. Weil sich von diesem Gehalt kaum eine auskömmliche gesetzliche Rente finanzieren lässt, liegt die Vermutung nahe: Bald gibt es in Deutschland wieder Altersarmut. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn die Höhe der gesetzlichen Rente sagt nur wenig über die Lebensverhältnisse aus, die auch maßgeblich davon abhängen, ob man etwa mit jemandem zusammenlebt. Wer es sich leisten kann, wegen des „Für die Firmen ist wichtig, guten Einkommens des Partners Teilzeit zu arbeiten, hat dass sie nicht mehr vielleicht einen niedrigen jahrzehntelang für Rentenanspruch, ist deswedie Rente der Mitarbeiter gen aber noch lange nicht von Altersarmut bedroht. haften müssen.“ Nur sechs Prozent der Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer Menschen mit einer Altersdes Arbeitgeberverbands Südwestmetall rente von weniger als 600 Euro im Monat sind auf die Grundsicherung angewiesen, heißt es in einer Studie der Deutschen Rentenversicherung. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass eine Erhöhung der Ansprüche 94 Prozent der Kleinrentner zugutekäme, die das gar nicht brauchen. „Wenn man Altersarmut bekämpfen will, ist die Rente kein besonders guter Ansatzpunkt“, lautet das Fazit der Rentenversicherung. Entwarnung bedeutet dieser Befund allerdings nicht. Denn bei den wirklich Armen sind die Lücken möglicherweise so groß, dass sie selbst durch eine Erhöhung des Rentenniveaus nicht geschlossen wer-

DAS RENTENALTER STEIGT Jahrgang 1946 1947 1948 1949 1950 1951 1952 1953 1954 1955 1956 1957 1958 1959

Alter* 65 65+1 65+2 65+3 65+4 65+5 65+6 65+7 65+8 65+9 65+10 65+11 66 66+2

1960 1961 1962 1963 ab 1964

66+4 66+6 66+8 66+10 67

* in Jahren u. Monaten Quelle: Deutsche Rentenversicherung

BEISPIEL Renteneintrittsalter Wer im Januar 1956 geboren ist, dessen Renteneinstiegsalter liegt bei 65 Jahren und zehn Monaten. Er geht also im November 2021 in Rente.

den können. Durch unterbrochene Beschäftigungsverläufe und eine Vielzahl selbstständiger Existenzen auf dünner Grundlage dürfte diese Zahl weiter steigen. Die Gesellschaft kann aber kein Interesse daran haben, dass langfristig ein wachsender Teil der Altersversorgung über die Grundsicherung für Bedürftige finanziert werden muss. Zudem sorgt sich die Politik, dass zumindest langfristig das Rentenniveau so stark fallen könnte, dass viele Geringverdiener davon gar nichts mehr haben – weil dann die Leistungen für immer mehr Menschen niedriger sein könnten als die Grundsicherung im Alter, mit der die Versorgungsansprüche bisher verrechnet werden. Nach derzeitiger Gesetzeslage ist das Rentenniveau, das heute noch bei 47,5 Prozent liegt, bis zum Jahr 2030 auf 43 Prozent nach unten begrenzt. Eine langfristige Fortschreibung dieser Untergrenze würde nach Berechnungen des Bundesarbeitsministeriums bis 2045 Mehrkosten von etwa 40 Milliarden Euro pro Jahr bedeuten. Und der Beitragssatz läge dann bei 26,4 Prozent. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, die bei der Rente mit 63 tief in die Sozialkassen gegriffen hat, bemüht sich inzwischen, Begehrlichkeiten im Zaum zu halten. In ihrem Entwurf für das Betriebsrentenstärkungsgesetz konzentriert sie sich vor allem auf die Vorsorge für Geringverdiener. Weil diese nur wenig vorsorgen, will sie nun die Firmen verstärkt ins Boot holen – und ihnen schmackhaft machen, vor allem gering verdienende Beschäftigte zusätzlich fürs Alter abzusichern. Ein Anreiz für die Arbeitgeber besteht darin, dass sie von der bisherigen umfangreichen Haftung für die Betriebsrenten zumindest teilweise entlastet werden. Derzeit ist in vielen Fällen eine Rente in bestimmter Höhe zugesagt, die aber kaum noch aus den ultraniedrigen Zinsen erwirtschaftet werden kann. Müsste er trotzdem für eine bestimmte Rentenhöhe haften, wäre er „für einen heute 20-jährigen Mitarbeiter durchschnittlich rund 60 Jahre lang in der Pflicht“, sagt Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall. Deshalb müssen die Unternehmen, die Mitarbeitern Betriebsrenten zusagen, heute hohe Pensionsrückstellungen bilden, die die Eigenkapitalquote verringern und so die Finanzierung verteuern. Künftig könnte es so sein, dass die Arbeitgeber nur noch verpflichtet sind, die Einzahlung bestimmter Beiträge an einen Pensionsfonds, eine Pensionskasse oder

eine Direktversicherung zuzusagen, nicht aber eine bestimmte Rentenhöhe. Weil das in einem Tarifvertrag vereinbart werden muss, wird dies möglicherweise Gegenleistungen der Arbeitgeber an anderer Stelle voraussetzen. Auf gesetzlicher Basis sollen Arbeitgeber im Fall einer „reinen Beitragszusage“ 15 Prozent der durch den Arbeitnehmer umgewandelten Beiträge als Zuschuss für dessen betriebliche Vorsorge einzahlen. Finanziert werden kann dies aus der Ersparnis bei den Sozialabgaben – denn Beiträge zur Entgeltumwandlung sind innerhalb gewisser Grenzen von den Sozialversicherungsbeiträgen befreit, wovon auch der Arbeitgeber profitiert. Auch ein neuer Zuschuss soll es für Arbeitgeber attraktiver machen, ihren geringer verdienenden Beschäftigten etwas fürs Alter dazuzulegen. Geplant ist ein Zuschuss von 30 Prozent auf Arbeitgeberbeiträge zur Betriebsrente von Menschen, die brutto höchstens 2000 Euro pro Monat verdienen. Dafür muss der Arbeitgeber mindestens 240 Euro im Jahr dazulegen. Gibt er 480 Euro, bekommt er die Höchstförderung von 144 Euro.

DIE RESERVE SCHMILZT AB Prognose der Nachhaltigkeitsrücklage der gesetzlichen Rentenversicherung in Mrd. Euro, konstanter Beitragssatz von 18,7% 30,0 25,5 20,8

Wirklich wirksam ist eine Reform allerdings nur, wenn sie auch dazu führt, dass die Geringverdiener Teile ihres Lohns für die Altersvorsorge abzweigen. Deshalb plant Nahles auch für sie Anreize. So ist geplant, die Anrechnung von Betriebsrenten auf eine spätere Grundsicherung einzuschränken, so dass sich die Vorsorge auch dann lohnt, falls die Ansprüche nicht das Niveau der Grundsicherung erreichen. Vorgesehen ist ein Freibetrag von 100 Euro pro Monat für Betriebs- oder private Riester-Renten plus 30 Prozent dieser Ansprüche, sofern die Ersparnis nicht die Hälfte des sogenannten Regelbedarfs überschreitet. Heikel ist für die Politik immer die Frage, wie verbindlich die Zusatzvorsorge sein soll. Einerseits fürchtet sie den Kampfbegriff der „Zwangsrente“, andererseits bringen gesetzliche Möglichkeiten wenig, wenn sie nicht angenommen werden. Denn das erhöht bei Geringverdienern das Risiko der Altersarmut. Nun will die Politik den Tarifparteien eine sogenannte Opt-Out-Regelung ermöglichen – demnach können sie vereinbaren, dass die Zusatzvorsorge automatisch kommt, sofern der Beschäftigte nicht ausdrücklich widerspricht. Gelingt es, die Vorsorge für Geringverdiener zu verbessern, lässt sich der Diskussion um das Niveau der gesetzlichen Rente zumindest die Spitze nehmen. Mehr aber auch nicht. „Wer die Vorstellung hat, die betriebliche Altersvorsorge auszubauen, damit man die gesetzliche Rente weiter absenken kann, täuscht sich“, sagt Roman Zitzelsberger, Landeschef der Gewerkschaft IG Metall. „Würden wir das mitmachen, hätten wir mit Zitronen gehandelt.“

14,8 7,1

Autor Klaus Köster ist 2016 StZ-Grafik: mik

2017

2018

2019

2020

Quelle: Deutsche Rentenversicherung Bund

Titelautor der Stuttgarter Nachrichten und berichtet vor allem über Wirtschaftsthemen.

MEHR RENTE FÜR GERINGVERDIENER – DIE WICHTIGSTEN IDEEN Mindestrente Dieses Konzept sieht vor, dass jeder Bürger im Alter eine bestimmte Rente erhält, auch wenn er nicht oder kaum gearbeitet hat. Die gesetzliche Grundsicherung allerdings hat ebenfalls den Charakter einer Mindestsicherung – wird jedoch nur bei Bedürftigkeit gewährt, also an Menschen, die ansonsten nur über geringes Einkommen oder Vermögen verfügen. Würde bei der

Mindestrente auf eine solche Bedürftigkeitsprüfung verzichtet, könnten auch Wohlhabende mit geringem Rentenanspruch diese Sozialleistung erhalten. Vorsorgepflicht für Selbstständige Viele kleine Selbstständige haben nur sehr geringe Einkommen. Um Altersarmut zu vermeiden, prüft die Politik eine Vorsorgepflicht. Dies ist

eine Gratwanderung, weil geringe Einkommen auch nur wenig Vorsorge ermöglichen. Betriebsrente Nicht jeder verdient so gut, dass die spätere Rente zum Leben ausreicht. Weil gerade Geringverdiener oft nur wenig vorsorgen, plant die Politik, die Betriebsrente attraktiver zu machen – für Arbeitgeber wie für Beschäftigte. kö


Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Wirtschaft in Baden-Württemberg 27

Querdenker, Querulanten? Nein-Sager gelten als unliebsame Mitarbeiter – und werden von Kollegen und Führungskräften oft ausgebremst. Dabei bringen gerade sie Unternehmen mit ihrer Kritik und konstruktiven Ideen weiter, sagen Experten. Von Hanna Spanhel Mitarbeiter I

Illustration: Fotolia/Rudie

D

ie Karriere von Peter Buck (Name geändert) lief nicht geradlinig, von Anfang an nicht. Nach der zehnten Klasse brach er das Gymnasium ab, machte eine Ausbildung als Physiotherapeut statt Abitur, arbeitete selbstständig, jahrelang. Er habe schon immer vieles anders gemacht, sagt er, und trotzdem arbeitet er inzwischen in leitender Funktion im Bereich Arbeitsmedizin bei einem großen Konzern in der Region Stuttgart. „Mit dem Strom zu schwimmen, passt nicht zu mir, hat es noch nie“, sagt der 41-Jährige. Buck bezeichnet sich selbst als Nein-Sager, als Querdenker – als jemand, der seinen Chefs und Vorständen schon mal sagt, was ihm nicht passt, was falsch läuft im Unternehmen. Dass er sich mit seiner Art nicht immer nur beliebt macht bei Kollegen und Arbeitgebern, weiß Buck. In der Vergangenheit habe seine Haltung immer wieder zu Verwerfungen geführt, sagt er, und es gebe Unternehmen, die duldeten keinen Widerspruch, keine Kritik, keine unbequemen Fragen. Und viele Kollegen, die oft Angst hätten davor, Probleme einzugestehen und offen anzusprechen. Da war zum Beispiel die Vorstandsrunde, in der er seine eigene Abteilung „angeschwärzt“ hat, jedenfalls haben das seine direkten Kollegen später so formuliert. „Aber wir konnten ja nicht einfach weitermachen wie bisher, nachdem da offensichtlich etwas falsch lief“, sagt Buck. Seine Vorstände reagierten positiv, immerhin, waren dankbar zu erfahren, wo es Probleme gab. Doch Kritik zu üben, führe schon auch zu einer gewissen Isolation im Unternehmen, zu einer Sonderstellung. Widerstand, sagt Buck, sei eben die Ausnahme, sei anstrengend und riskant. Angst vor Niederlagen und vor Verlusten jedenfalls dürfe man mit einer Haltung wie seiner nicht haben. Was aber bringt jemanden wie Peter Buck dazu, trotzdem immer wieder den unbequemen Weg zu gehen? Risiken einzugehen, unter Umständen auch Kollegen und Vorgesetzte gegen sich aufzubringen? Einmal sei da das Persönliche, sagt Buck, sich

zu reiben und zu streiten, eigene Ideen Hinblick auf kritisches Feedback, innovatiauch gegen den Strom einzubringen, das ve Ideen und Risikobereitschaft. Dass das bringe einen schließlich auch selbst weiter. Nein-Sagen in Unternehmen der neue „Dass meine Ideen und meine Kritik gehört Trend wird, glaubt Witzer trotzdem nicht. werden, dass ich in meinem Unternehmen Zwar gebe es einige Führungskräfte, die die Freiheit habe, damit geradewegs zum kritisches Denken und Nein-Sagen förVorstand zu gehen, das ist ein gutes Ge- dern, doch die Mehrheit sei das nicht. „Grofühl“, sagt Buck. Authentisch nennt er das, ße Unternehmen in Deutschland sind schließlich liegen ihm die Themen, für die innovationsscheu“, sagt die Beraterin, „das er sich streitet, sehr am Herzen. Und dann führt zu einer Dinosaurierqualität der sei da noch die unternehmerische Perspek- Konzerne.“ tive. „Ich bin der festen Überzeugung, dass Zu diesem Ergebnis kommt auch eine ein Unternehmen weiterkommt, wenn es Studie der Unternehmensberatung „die kritikfähig ist und andere Meinungen zu- Ideeologen“: Nur knapp ein Drittel der lässt.“ So lange jedenfalls, sagt er, wie es untersuchten Firmen werte Querdenken als nicht um Widerstand aus eine positive Eigenschaft, Prinzip gehe, sondern die „Querdenker sind zeigt der Report „ErfolgsKritik in der Sache begrün- Innovatoren“, sagt faktor Innovationskultur“. det sei, und so lange, wie Beraterin Brigitte Und nur knapp ein Viertel man sich selbst nicht under Unternehmen würde belehrbar zeige, sondern Witzer. „Sie bringen sich trauen, jemanden einkonstruktiv bleibe. zustellen, der anders denkt. Unternehmen „Querdenker sind Inno- nach vorn.“ Kreative Köpfe werden bei vatoren“, sagt auch Brigitte den restlichen UnternehWitzer, die als selbststänmen ausgebremst, zu diedige Beraterin mit Managern und Füh- sem Schluss kommt die Untersuchung – berungskräften großer Konzerne arbeitet. vorzugt werden angepasste Beschäftigte. Sie Statt von Querulanten spricht sie von würden nur so lange geschätzt, wie sie sich Querköpfen und davon, wie wichtig die an die Regeln halten – Kreativität nach Vorseien. Unternehmen würden von Querden- schrift also. Innovation, Regelbrüche, Unbekern nach vorn gebracht – und von jenen, quemlichkeiten sind dagegen oft tabu, obdie im Strom schwimmen, am Laufen ge- wohl viele Unternehmen – etwa die Hälfte halten, hatte damals ihr Chef gesagt, als sie der befragten – wissen, dass sie innovativ selbst noch als Angestellte arbeitete. Nein- sein müssen, um auch künftig noch wettSager hätten es in Unternehmen auch heu- bewerbsfähig zu sein. te noch schwer: „Querzudenken heißt VerDass die Realität in den meisten großen antwortung zu übernehmen“, sagt Witzer – Firmen anders aussieht, sagt auch Martin und wer risikoaffin sei, arbeite meist eher Wehrle, Karriereberater und Autor des Buselbstständig. Genau deshalb gebe es nur ches „Sei einzig, nicht artig – Wie Sie nie wenige Querdenker in den Konzernen. mehr Ja sagen, wenn Sie Nein sagen wolImmerhin, jungen Berufseinsteigern len“. „Viele Unternehmen predigen das krifalle es oftmals leichter, sich konstruktiv tische Denken, fördern aber die Ja-Sager.“ einzubringen, sich gut zu verkaufen, sagt Erst, wenn Projekte schon längst an die Witzer. Die sogenannte Generation Y, das Wand gefahren seien, würden schlechte zeigen auch zahlreiche Studien, ist bekannt Nachrichten auf einmal ernst genommen dafür, nicht alles als gegeben hinzuneh- im Management. „Aus solchem Schaden men, Ansprüche zu stellen, sich selbst ein- werden Unternehmen klug – und schätzen zubringen und Strukturen zu hinterfragen. kritische Rückmeldungen danach mehr.“ In vielen Start-ups, sagt Brigitte Witzer, In den Konzernen müsse sich daher herrsche daher eine ganz andere Kultur im hierzulande gewaltig etwas ändern, sagt

Wehrle. „Die Unternehmen werden immer noch geführt wie zu Zeiten der Industrialisierung: von oben nach unten, nach Befehl und Gehorsam.“ Dabei seien es oft die „Unteren“, die mehr wissen als die Führungskräfte, weil sie täglich mit Kunden zu tun haben, mit dem Markt, mit der Wirklichkeit. „Wir brauchen Mitarbeiter, die ein klares Nein sagen und Kritik äußern können“, sagt Wehrle, „denn die heutigen Mitarbeiter sind bestens ausgebildet, kennen ihre eigenen Grenzen und zudem die kritischen Punkte der Geschäftsmodelle.“ Das heiße aber auch „mehr Demokratie in den Unternehmen“, sagt Wehrle – und weniger diktatorische Selbstherrlichkeit. Wohin die führe, habe zuletzt der Abgas-Skandal bei VW gezeigt. Und noch ein Aspekt spricht für das Nein-Sagen im Arbeitsumfeld. „Wer hat etwas davon, wenn ein Mitarbeiter zu allen Überstunden Ja und Amen sagt, aber am Ende in der Burn-out-Klinik landet?“, fragt Karriereberater Martin Wehrle. Denn, das zeigt beispielsweise der Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Jahr: Ein Viertel der befragten deutschen Vollzeit-Beschäftigten legt ein zu hohes Arbeitstempo vor. „Selbstgefährdendes Verhalten“ heißt das in der Studie, denn dem permanenten Druck am Arbeitsplatz immer nachzugeben, mache auf Dauer krank. Die Autoren kritisieren auch das Verhalten vieler Beschäftigter, die den Anforderungen permanent nachgeben und zum steigenden Druck nicht Nein sagen. Nur mit einem gesunden Arbeitsumfeld könne es langfristig eine gute Leistungskultur und wirtschaftlichen Erfolg geben, lautet ein Fazit der Bertelsmann-Studie. Vermutlich seien es tatsächlich der Leistungsdruck und die Angst vor unangenehmen Konsequenzen, die viele Kollegen davon abhielten, tatsächlich auch einmal Nein zu sagen, sagt Peter Buck. Ihn jedenfalls mache es eher zufriedener, seine ehrliche Meinung zu äußern, als sie zu unterdrücken. „Es muss aber auch zu einem passen – und mit dem eigenen Wertesystem übereinstimmen.“


28 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2016

Ein Fall fßr die Couch? Leider alles nicht so einfach mit dem Ja- . . . ääh . . . Nein-Sagen

Karikaturen: Fussel

Ja-Sager willkommen Was macht den idealen Mitarbeiter aus? Fßhrungskräfte und Personalentscheider wßnschen sich eher angepasste Mitarbeiter als Querdenker. Dabei ist das fßr die Innovationskraft eines Unternehmens eher schlecht. Von Lisa Wazulin

Mitarbeiter II

I

n der Arbeitswelt gelten Ja-Sager als rĂźckgratlos, sind unbeliebt bei Chefs und Kollegen. Dabei kann jeder zum Ja-Sager werden, das hängt ganz vom Unternehmen ab. Filialleiterin Sylvia Nester sagt immer Ja. Mit ihrem Ja zu allem hat sie es weit gebracht – bis zur Chefin eines ganzen Ladens. Nach mehreren EinbrĂźchen in ihrem Geschäft nimmt der Chef sie zur Seite: „Frau Nester, es macht sich nicht gut, dass ihre Filiale immer wieder durch EinbrĂźche auffällt!“ Der Vorwurf endet in einem kuriosen Vorschlag: Weil Alarmanlage und Wachdienst zu teuer sind, schlägt er vor, sie selbst solle gelegentlich im Lager Ăźbernachten, zur Abschreckung. „Mein Mann und ich hatten gerade gebaut, wir waren auf mein Gehalt angeFoto: IWM TĂźbingen wiesen“, erinnert sich Nester. „Nicht jede FĂźhrungskraft Sie sagt also Ja – und Ăźbernachtet von nun an immer von kann gelassen mit einem Freitag auf Samstag im LagerNein umgehen. Da ist raum ihrer Filiale. Selbstbewusstsein nĂśtig.“ „Deppenerlebnis“ – so nennt Karriere-Coach Martin Kai Sassenberg, Wehrle Geschichten wie die Psychologe von Silvia Nester in seinem Buch „Bin ich hier der Depp? Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur VerfĂźgung stehen“. DafĂźr hat der Journalist Menschen ausfindig gemacht, die einfach nicht Nein sagen kĂśnnen. Zwar ist der Fall Nester extrem, scheint aber die Ergebnisse einer

Studie der Universität Hagen zu bestätigen. Darin hat die Betriebswirtin Andrea Derler FĂźhrungskräfte aus Deutschland und Ă–sterreich gefragt: Was macht den idealen Mitarbeiter fĂźr Personalverantwortliche aus? „Die meisten der untersuchten Unternehmen bevorzugen angepasste Beschäftigte“, resĂźmiert die Forscherin. Sie hat auch herausgefunden: Der ideale Mitarbeiter ist verlässlich, loyal und produktiv. Unter den zehn erwĂźnschtesten Eigenschaften, die den idealen Mitarbeiter ausmachen, finden sich auch noch FleiĂ&#x;, HĂśflichkeit und Teamfähigkeit. Nicht gern gesehen sind dagegen Selbstbewusstsein, Unbelehrbarkeit und Abweichung von Firmentrends – kurz gesagt: Querdenker unerwĂźnscht, Ja-Sager willkommen. „Das ist ein Widerspruch zwischen AuĂ&#x;endarstellung und gelebter Praxis. Denn die meisten der befragten Unternehmen sehen sich selbst als innovativ und offen fĂźr Neues“, so Derler. Sind es am Ende also die Unternehmen selbst, die unbewusst ängstliche JaSager aus ihren Mitarbeitern machen? „Grundsätzlich sagen selbstbewusste Menschen zwar weniger oft Ja als unsichere, es hängt aber auch von der Situation ab“, weiĂ&#x; Kai Sassenberg vom Leibniz-Institut fĂźr Wissensmedien. Der Sozialpsychologe ist sich sicher: Das Ja-Sagen ist keine spezielle Charaktereigenschaft. Wo der Druck insgesamt hoch ist, ein Konkurrenzkampf und Kämpfe um BefĂśrderung das Unternehmen beherrschen, da gilt: Lieber Ja Sagen, statt mit einem Nein negativ auffallen. Denn ob ein Nein negativ wahrgenommen

wird oder nicht, entscheidet oft der FĂźhrungsstil des Unternehmens selbst. Wer seinen Mitarbeitern Raum gibt fĂźr eigene Vorschläge, macht aus ängstlichen Ja-Sagern innovative Nein-Sager. „Nicht jede FĂźhrungskraft kann gelassen mit einem Nein umgehen. Dazu braucht es Selbstbewusstsein und Vertrauen in die Mitarbeiter“, stellt der Psychologe fest. FĂźr den Wissenschaftler mĂźssen FĂźhrungskräfte in einer Hierarchie nicht nur von oben herab bestimmen, sondern auch Verantwortung Ăźbernehmen. „Es braucht eine Unternehmenskultur, die wirklich Raum dafĂźr hat, in gewissem Grad Widerspruch zu tolerieren, Entscheidungen zu besprechen und Ziele gemeinsam zu setzen“, so Sassenberg. Im nächsten Schritt sollten sich vor allem die Mitarbeiter selbst fragen: Kann ich oder kann ich nicht? In Deutschland verleitet die viel diskutierte Präsenzkultur oft dazu, länger im BĂźro zu bleiben als nĂśtig. Denn wer Nein sagt, sendet ein negatives Feedback – und das macht niemand ohne besonderen Grund. So schreibt die Logik der Präsenzkultur also vor: Wer sein Pensum während der regulären Arbeitszeit nicht schafft, der bleibt einfach länger und signalisiert damit: Ich bin verlässlich, produktiv und unentbehrlich und damit der wichtigste Mitarbeiter. „Im Sinne der Unternehmen kann das aber nicht sein. Arbeitnehmer, die 60 Stunden im BĂźro zubringen, sind am Ende nicht mehr effizient und auf die Dauer auch nicht gesund“, sagt Sassenberg.

Wirtschaft tschaftt in Baden-WĂźrttemberg

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Und Silvia Nester? Sie hat sich mit ihrer Ja-Sagerei zwar als idealer Mitarbeiter erwiesen, damit aber sich selbst und auch das Unternehmen nicht vorangebracht. Nach acht Monaten DauerĂźbernachten im Lager ist sie psychisch am Ende. Und Nesters Arbeitgeber? „Die haben nicht mal einen BlumenstrauĂ&#x; geschickt“, erinnert sich Nester heute.

WAS SICH CHEFS WĂœNSCHEN Welche der folgenden Eigenschaften schätzen Sie besonders oder gar nicht an ihren Mitarbeitern? Skala von 1 (gar nicht) bis 5 (sehr) Beste 5 Eigenschaften verlässlich

4,72

produktiv

4,57

loyal

4,43

begeistert

4,33

fleissig

4,28

Schlechteste 5 Eigenschaften selbstlos

2,57

schwer beeinfluĂ&#x;bar

2,66

weicht vom Trend ab

2,80

selbstbewusst frĂśhlich

3,46 3,63

StZ-Grafik: mik

Die Schwarzwald AG Die Globalisierung stellt familiengefĂźhrte Unternehmen im Schwarzwald vor groĂ&#x;e Herausforderungen. Von Ingo Dalcolmo Verband

A

ls vor 70 Jahren der wvib Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden – damals hieĂ&#x; er noch „Fachvereinigung der Metallindustrie“ – in Freiburg gegrĂźndet wurde, ging es den Mitgliedern vor allem darum, auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der damaligen franzĂśsischen Besatzungszone zu reagieren. Es fehlte an Maschinen – eine Folge der Demontage –, aber auch an Rohstoffen. Es entstand eine RohstoffbĂśrse, deren Charakter bis heute den Wirtschaftsverband prägt. „Wir sehen unsere Mission darin, unsere mittelständischen und stark exportorientierten Familienunternehmen wettbewerbsfähiger zu machen“, sagt Christoph MĂźnzer, HauptgeschäftsfĂźhrer des Verbandes. Dem Wirtschaftsverband gehĂśren mehr als 1000 mittelständische, industriell geprägte Familienunternehmen mit nahezu 200 000 Beschäftigten an. Der Umsatz aller Mitgliedsunternehmen, die vom Verband auch als Schwarzwald AG bezeichnet werden, lag im zurĂźckliegenden Jahr bei rund 40 Milliarden Euro. Die Globalisierung ist fĂźr die meist seit Generationen im Familienbesitz befindlichen mittelständischen Industrieunternehmen in den zurĂźckliegenden Jahren zu einer Herausforderung geworden, die groĂ&#x;e finanzielle und personelle Anstrengungen erfordert. Schon heute arbeitet ein FĂźnftel aller Beschäftigten der Schwarzwald AG in Dependancen der Unternehmen im Ausland. „Dieses sinnvolle und erfolgreiche Engagement kostet viel Geld und benĂśtigt eine langfristig stabile EigentĂźmerstruktur“, beschreibt MĂźnzer die Situation. Doch die Frage, ob das Unternehmen auch in Zukunft als familiengefĂźhrtes oder sich in Familienbesitz befindliches

Unternehmen gehalten werden kann oder an Investoren verkauft werden muss, ist schwieriger geworden. Auch Unternehmer bekommen heute weniger und später Kinder, nicht jedes Kind kann und will Unternehmer werden, das politische Umfeld inklusive Erbschaftsteuer wirkt auch eher abschreckend auf den Nachwuchs. Ein groĂ&#x;es Problem des ländlichen Raums ist nach wie vor der Fachkräftemangel. „Baden-WĂźrttemberg muss gut auf seinen ländlichen Raum aufpassen, sonst wird Stuttgart die Kompetenz der Zulieferer fehlen.“ Schon heute gebe es erkennbare Wanderungsbewegungen innerhalb der Region, weil die Politik nicht liefert. Ein wichtiger Punkt ist fĂźr Christoph MĂźnzer dabei die Infrastruktur. „Unser StraĂ&#x;ennetz ist gut ausgebaut, es muss aber auch erhalten bleiben und darf nicht zulasten von Ăśffentlichen Haushaltskonsolidierungen vernachlässigt werden“, sagt er. Bei der Bildung mĂźsse man darauf achten, dass der Run auf die Gymnasien nicht der Landflucht zusätzlichen Auftrieb gibt, weil es diese Bildungseinrichtungen vor allem in den Städten gebe. Aber auch in den Ausbau des Breitbandnetzes mĂźsse deutlich mehr als bisher investiert werden. „Wenn Länder wie Vietnam schon heute einen besseren Zugang zum Internet haben, mĂźssen wir aufpassen, dass wir nicht den Anschluss verlieren.“

INFO ZUM VERBAND wvib Der Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden e. V. wurde 1946 gegrßndet und versteht sich als unabhängiger Dienstleistungsverband fßr den familiengeprägten industriellen Mittelstand aller Branchen. red


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN N OV E M B E R 2 0 1 6 Im Wandel

Im Wettbewerb

Im Unternehmen

Uwe Schramm, Präsident der Steuerberaterkammer Stuttgart, über den Beruf des Steuerberaters und neue Herausforderungen.

Juristen und Steuerberater bevorzugen Wirtschaftsmetropolen. Wirtschaftskanzleien in der Region müssen manchmal länger suchen.

Juristen in der Rechtsabteilung eines Unternehmens sind näher am Tagesgeschäft als externe Kanzleien. Beide Ansätze ergänzen sich.

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Rechtsberatung vor Ort Angloamerikanische Großkanzleien fassen nur schwer Fuß in Stuttgart

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eit mehr als zehn Jahren verstärkt sich in Deutschland der Wettbewerb auf dem Markt für Wirtschaftskanzleien. Im selben Zuge vergrößern angloamerikanische Rechtskonzerne ihren Einfluss. Marktführer Freshfields Bruckhaus Deringer steigerte seinen Umsatz in Deutschland im abgelaufenen Geschäftsjahr um 3,4 Prozent auf rund 367 Millionen Euro. Konkurrenten wie White & Case, Baker & McKenzie oder Hogan Lovells wuchsen im selben Zeitraum sogar um mehr als zehn Prozent. An großen Wirtschaftsstandorten wie Frankfurt oder Düsseldorf unterhalten die Anwaltskonzerne seit Langem Büros mit Dutzenden von Mitarbeitern. Ganz anders sieht die Lage im Südwesten aus. Hier haben große ausländische Anwaltsfirmen bislang kaum Erfolg. „Es ist schwierig, auf diesem Markt Fuß zu fassen“, sagt Christoph Winkler, Managing Partner der auf mittelständische Unternehmen spezialisierten Anwaltskanzlei Menold Bezler aus Stuttgart. Einen wichtigen Grund dafür sieht er in der weitgehend mittelständisch geprägten Struktur der baden-württembergischen Wirtschaft. „Gewachsenes Vertrauen und persönliche Bindungen sind für diese Mandanten wichtig“, sagt Winkler. Eine

internationale Anwaltsfirma könne das oft nicht in demselben Maß leisten. In Stuttgart gibt es ein gutes Dutzend Wirtschaftskanzleien, die zum Teil seit Generationen den Markt beherrschen. Sie decken alle wichtigen Rechtsbereiche ab, pflegen aber dennoch ein persönliches Verhältnis zu ihren Mandanten. Dadurch fühlen sich mittelständische Firmen gut betreut. „Mandanten aus dem Mittelstand bevorzugen meist einen festen Ansprechpartner“, sagt Peter Mailänder, geschäftsführender Partner der Stuttgarter Kanzlei Haver & Mailänder. Wenn dieser Anwalt des Vertrauens Fragen klären muss, die außerhalb seines Fachgebiets liegen, kann er sich Rat bei den Kollegen seiner Kanzlei einholen. Die Vorliebe für einen festen Ansprechpartner findet sich nicht nur bei kleineren Mittelständlern wieder. Auch Firmen mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro sähen sich selbst oft noch als Familienunternehmen, sagt Mailänder. So wollten sie auch von ihrem Anwalt beraten werden. Auf diese Weise können die oft alteingesessenen Kanzleien ihre Vorteile gegenüber den internationalen Rechtsfirmen ausspielen. Die großen Häuser sind zwar hochspezialisiert und international sehr erfahren.

Zum Mittelstand passt nicht jede Kanzlei gleich gut. Foto: Coloures-pic/Fotolia

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Oft betreuen junge, versierte Anwälte die Kunden. Sie können komplexe rechtliche Probleme darstellen – als persönlicher Vertrauter werden sie hingegen nicht immer akzeptiert. Irritiert fühlt sich der Mittelstand auch durch die höheren Preise, die bei den internationalen Kanzleien üblich sind. Branchenangaben zufolge können sie bei 500 Euro pro Stunde liegen, in seltenen Fällen auch doppelt so hoch sein. Hochqualifizierte Juristen steigen dort mit Gehältern bis zu 100 000 Euro pro Jahr ein. Eine andere Welt – verglichen mit regionalen Anwaltspraxen, wo die Summen meist viel niedriger sind. „Weite Teile des Mittelstands sind hier von Bescheidenheit geprägt“, sagt Roderich Thümmel, Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses der Stuttgarter Kanzlei Thümmel, Schütze und Partner. Das wirke sich auf die Wahl des Beraters aus. Trotz dieser Eigenheiten ist der Anwaltsmarkt im Südwesten interessant für große Kanzleien. „Die Beziehungen zu mittelständischen Mandanten sind langfristig gewachsen“, sagt Anwalt Winkler. In vielen Fällen handelt es sich um nachhaltige Geschäftsbeziehungen, was den Anwälten sichere Einnahmen garantiert.

In den vergangenen Jahren haben internationale Kanzleien deshalb – trotz aller Hürden – immer wieder versucht, durch den Kauf einer regionalen Praxis einen Fuß in den baden-württembergischen Anwaltsmarkt zu bekommen. Rechtsanwalt Mailänder sagt, er habe hin und wieder Offerten erhalten. Er stünde solchen Avancen allerdings mehr als reserviert gegenüber. „Ich halte das nicht für tragfähig.“ Zu unterschiedlich seien die Arbeitsweisen der GroWETTBEWERB NETZWERKE ßen und der auf den Mittelstand spezialisierten KANZLEIEN Kanzleien. FAMILIENUNTERNEHMEN Die internationalen Kanzleien zielen allerVERTRAUEN dings auch eher auf große Unternehmen wie Daimler oder Porsche ab. Solche Mandanten ließen sich auch von anderen Städten aus betreuen, sagt Thümmel. Obwohl Mittelständler für sie interessant seien, stünde es für die großen Kanzleien nicht immer ganz oben auf der Prioritätenliste, ein flächendeckendes Netz aufzubauen. In Stuttgart sind bislang nur zwei große, internationale Kanzleien angesiedelt: CMS Hasche Sigle und Gleiss Lutz. Sie gehören zu den zehn größten Anwaltsfirmen in Deutschland und haben Büros an allen wichtigen Wirtschaftsstandorten. Im Gegensatz zu den angloamerikanischen Wettbewerbern sind sie aber nicht von außen nach Stuttgart gekommen, sondern hier entstanden und über die Region hinausgewachsen. Südwestdeutsche Mittelständler werden jedoch internationaler, bauen Vertriebsstrukturen in Asien auf. Dafür brauchen sie eine international versierte Rechtsberatung. Deshalb schließen sich regionale Kanzleien zu Netzwerken zusammen. Haver & Mailänder beispielsweise ist Mitglied im Law Firm Network, einer Allianz aus weltweit 40 regionalen Anwaltskanzleien, die sich unterstützen, wenn es darum geht, die Rechtslage in einem anderen Land zu erfassen. So wollen die mittelständischen Kanzleien in Stuttgart auch künftig den Branchengrößen nicht das Feld allein überlassen. Heimo Fischer

MITTELSTAND

BINDUNG

Dr. Eberhard Norden M.C.J. Dr. Marcus Baum MJur Michael Rudnau Dr. Jürgen Rieg Dr. Boris Dollinger Dr. Felix Graulich Dr. Roman Wexler-Uhlich Gähkopf 3 , D- 70₁92 Stuttgart mail@ kcnb.de

Fon + 49 | 0 | 7₁₁ | 25 0₁ 93 Fax + 49 | 0 | 7₁₁ | 256 73 89


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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

November 2016

Wachsender Druck Rechtsberatung: härterer Wettbewerb

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Manche Großkanzlei hat sich von den Folgen der Lehman-Pleite noch immer nicht ganz erholt. Foto: alphaspirit/Fotolia

is zur Finanzkrise haben die in der Topliga der Rechtsberater agierenden großen deutschen und internationalen Law Firms satte Gewinne eingefahren. Von Mitte der neunziger Jahre bis zur Lehman-Pleite war es möglich, dass einige gute Wirtschaftsanwälte bei Anwaltsfirmen so viel Geld einheimsten, dass sie binnen weniger Jahre zu Millionären geworden sind. Doch nach dem Absturz der Weltwirtschaft im Zuge der Lehman-Pleite kam das Geschäft nie vollends zurück. Erst in den letzten Jahren erholte es sich wieder. Ein Blick auf die aktuelle Liste der Kanzleiumsätze des Fachmagazins „Juve“ zeigt unter den 100 größten Kanzleien immer noch bei einigen Namen den Pfeil nach unten. Das heißt, dass die erfassten Erlöse dort im Jahr 2015/16 gesunken sind. Laut der Aufstellung erwirtschafteten 11 300 Anwälte gemeinsam 5,59 Milliarden Euro. Das Geschäftsjahr 2015/16 war laut „Juve“ geprägt durch das Comeback der großen PrivateEquity-Deals und Kapitalmarkttransaktionen. Dieser Trend habe sich weiter fortgesetzt, wobei insbesondere die Zahl hochvolumiger Geschäfte und öffentlicher Übernahmen weiter gestiegen sei. Erstmals gelang es drei Kanzleien, die in der Rangliste aufgeführt sind, mit jedem ihrer Berufsträger rein rechnerisch mehr als eine Million Euro zu erwirtschaften, wie „Juve“ weiter berichtete. Der Durchschnittsumsatz je Anwalt liege jedoch deutlich darunter, wenngleich er im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sei: von 479 000 Euro je Anwalt auf rund 495 000 Euro. Der Druck auf die Großkanzleien wächst. Denn so machen neue Wettbewerber den etablierten Kanzleien das angestammte Geschäft streitig, zugleich werden die Mandanten bei der Auftragsvergabe immer preissensibler. Das heißt, dass die Stundensätze unter Druck geraten. Oder es werden einzelne Projekte im Wege eines Angebotsverfahrens vergeben.

Dann entscheidet in der Regel nicht mehr die Rechtsabteilung allein, sondern der Einkauf hat auch ein Wörtchen mitzureden. Die Konkurrenz kommt auch daher, dass zunehmend auch größere Unternehmen in den Markt drängen. Das ist schon seit der Lockerung des Anwaltsmonopols im Jahr 2008 möglich. Die ein oder andere Bank oder Versicherung hat das genutzt, um sich ein Standbein in der Rechtsberatung aufzubauen. Die Herausforderungen für die Wirtschaftsanwälte liegen deshalb sicherlich nicht in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, sondern darin, dass sich das Berufsumfeld MONOPOL durch eine immer stärkere Öffnung des RechtsWIRTSCHAFTSLAGE KANZLEI beratungsmarkts künftig weiter drastisch ändern BERATUNG wird. Auch allgemein hat sich das Selbstverständnis der Anwälte in der Vergangenheit geändert. Sie treten zwar bei Großfusionen immer noch in Mannschaftsstärke an, was normalerweise die Gewähr für viel Honorar ist, aber der Einfluss der Anwälte geht schon lange über die normale Beratung beim Geschäft hinaus. Die juristische Zunft zählt teilweise schon mit zur zentralen Schaltstelle in den Unternehmen, wenn es darum geht, mit den Bankern und anderen Beratern die Vorstandsarbeit zu begleiten. Großkanzleien sind laut einer jüngst veröffentlichen Umfrage als Arbeitgeber auch nicht mehr so beliebt wie noch vor Jahren: Für die erstmalig erscheinende „LTO Young Professionals Database“ des „Legal Tribune Online“ wurden 3500 Jurastudierende und Absolventen kurz vor dem Einstieg ins Berufsleben befragt. Heraus stach, dass mehr als die Hälfte der befragten jungen Juristen am liebsten im Staatsdienst (53 Prozent) arbeiten wollen. Großkanzleien (39 Prozent) oder Konzerne (33 Prozent) folgen erst mit deutlichem os Abstand als mögliche Arbeitgeber.

BRP Renaud und Partner mbB · Rechtsanwälte Patentanwälte Steuerberater · Stuttgart Frankfurt · www.brp.de

LAW FIRM

ARBEITGEBER


WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

November 2016

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Steigende Bedeutung Kammerpräsident Uwe Schramm über die Rolle des Steuerberaters

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on der Unternehmensnachfolge bis zum Brexit – Uwe Schramm, Präsident der Steuerberaterkammer Stuttgart, erläutert im Interview die Entwicklungen, mit denen sich Steuerberater und ihre Mandanten befassen müssen. Herr Schramm, gegen Ende des Jahres haben Steuerberater viel zu tun. Was für Tätigkeiten fallen denn gerade besonders an? Vereinzelt werden noch Jahresabschlüsse erstellt, vermehrt jedoch Gewinnermittlungen außerhalb der Jahresabschlusserstellung und natürlich die Jahressteuererklärungen für die Umsatz-, Gewerbe-, Körperschaftund Einkommensteuer. Die Kolleginnen und Kollegen haben in der Regel einen Arbeitsplan, wie über das Jahr verteilt die Mandantenaufträge abgearbeitet und an das Finanzamt übermittelt werden. Allerdings sind wegen Datenübermittlungsfristen und Programm-Erstellung im besten Fall beide Seiten ab jeweils 1. März eines Jahres vollumfänglich arbeitsfähig. Da aber der Gesetzgeber die Abgabefrist für beratene Steuerpflichtige auf den 31. 12. des Folgejahres festsetzt, bleiben uns faktisch nur zehn Monate, um das Jahreswerk zu erbringen. Wenn dann noch vereinzelt die Mandanten ihre Unterlagen erst NACHFOLGE spät im Jahr bei uns einreichen, entsteht in den letzten Monaten des Jahres eine gewisse Arbeitsdichte. Im Zuge des VerfahrensrechtModernisierungsgesetzes hat daher der Gesetzgeber diese Frist für beratene Steuerpflichtige auf den 28. Februar des Zweitfolgejahres gesetzlich fixiert. Damit dürfte ab etwa 2019 der Jahresendspurt in den Kanzleien etwas ruhiger verlaufen.

ERBSCHAFTSTEUER

MEHRBELASTUNGEN STEUERN

FINANZIERUNG

VERFAHRENSRECHT

Was halten Sie von der nun gefundenen Regelung zur Erbschaftsteuerreform? Wir sind sehr froh, dass für unsere Mandanten nun eine gesetzliche Grundlage existiert, auf deren Basis Vermögensübergänge, ob geplant oder ungeplant, steuerlich gesichert abgewickelt werden können. Ob das nun vorliegende Gesetz der große Wurf ist, der die Kritik des Bundesverfassungsgerichts in verfassungsgemäßer Weise umsetzt, darf in einzelnen Punkten bezweifelt werden und wird sicherlich am Ende wiederum durch das Bundesverfassungsgericht entschieden. Durch gewisse Änderungen des Begünstigungsumfangs beim Betriebsvermögen rechnen viele Experten zukünftig mit einem deutlich höheren Steueraufkommen aus Erbschaften und Schenkungen.

weise die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer, würden nicht mehr zur Anwendung kommen. Lieferungen wären Exportlieferungen an einen Drittstaat und Einkäufe wären mit Einfuhrumsatzsteuer zu belegen wie aus jedem Drittstaat. Ertragsteuerlich käme im Rahmen von Beteiligungen die sogenannte Mutter-Tochter-Richtlinie, die eine Begrenzung beziehungsweise Befreiung des Quellenabzugs bei Ausschüttungen der EU-Tochter an die inländische Mutter vorsieht, nicht mehr zur Anwendung und es würde hier wohl zu Mehrbelastungen kommen. Die Fragen stellte Oliver Schmale.

Uwe Schramm, Präsident der Steuerberaterkammer Stuttgart Foto: Wilhelm Mierendorf

Wird bei der Auswahl des geeigneten Nachfolgers oft der Ratschlag des Beraters eingeholt? Steuerberater sind in allen wirtschaftlichen und steuerlichen Angelegenheiten oftmals der erste Ansprechpartner. Daher wird auch die Eignung eines Nachfolgers in Beratungsgesprächen diskutiert. Letztlich ist es aber die Entscheidung des Steuerpflichtigen, wer sein Nachfolger im Unternehmen wird. Welchen Stellenwert hat die Beratungsleistung bei Finanzierungsfragen für Unternehmen? Bei allen Formen der Finanzierung hat die steuerliche und betriebswirtschaftliche Beratung einen hohen Stellenwert. Sei es, dass es darum geht, die Finanzkraft des Unternehmens darzustellen, um beispielsweise bei einer Kreditaufnahme den Kapitaldienst abzusichern, oder bei Formen wie stille Beteiligung oder Genussrechte den jeweiligen Investoren die Daten zu liefern, die sie für ihre Entscheidung benötigen. Ist die Finanzierung für die Unternehmen in den letzten Jahren schwieriger geworden? Tendenziell eher nicht. Zumindest im Vergleich mit der Zeit nach der Einführung der Rating-Regeln nach Basel II in den Jahren nach 2004 beziehungsweise 2007. Damals gab es eine sogenannte Kreditklemme. Heute ist durch die Geldpolitik der EZB viel Geld im Markt und bei den Banken, so dass diese die Kunden umgarnen, neue Finanzierungen zu starten. Es gibt aber auch viel Liquidität in Unternehmen und bei privaten Personen, die verstärkt Finanzierungen eingehen, etwa durch stille Beteiligungen. Hier sind wir Berater mit Kreativität für unsere Mandanten. Erwarten Sie steuerliche Auswirkungen des Brexit auf die Unternehmen? Bei der Umsatzsteuer wird es Veränderungen geben, wenn Großbritannien kein EUStaat mehr ist. Alle Regelungen zum innergemeinschaftlichen Erwerb und zur innergemeinschaftlichen Lieferung mit ihren verfahrenstechnischen Vorgaben, beispiels-

Was bedeutet das für die Praxis? Leider stand die Vereinfachung des Gesetzes nicht im Vordergrund, und so haben wir in der Beratungspraxis viele neue Baustellen wie die Beurteilung des schädlichen Verwaltungsvermögens, die Abgrenzung von Altersvorsorgevermögen und Liquidität für Investitionszwecke sowie die Überprüfung und Anpassung von Gesellschaftsverträgen bei Familiengesellschaften. Auch die Festschreibung des Kapitalisierungsfaktors beim vereinfachten Ertragswertverfahren auf 13,75 und dessen rückwirkende Anwendung ab 1. Januar 2016 ist in der Beratungspraxis kritisch zu betrachten. Nimmt die Beratungstätigkeit zu? Ich denke schon, dass die Beratungstätigkeit zunehmen wird. Dadurch dass nach neuem Recht Verwaltungsvermögen innerhalb des Betriebsvermögens immer außerhalb der Verschonungen übergeht, kann hierfür nur der persönliche Freibetrag in Anspruch genommen werden. Dieser deckt aber auch alle anderen privaten Vermögensübergänge mit ab. Hier ist sicherlich wieder eine stärkere Planung von Vermögensübergaben in Zehn-Jahres-Schritten notwendig. Großer Beratungsbedarf wird auch darin bestehen, dass bei Unternehmen eine saisonal hohe Liquidität bei einem Vermögensübergang „zur Unzeit“ ein hohes schädliches Verwaltungsvermögen darstellt, es sei denn, es liegt vom Erblasser ein Investitionsplan vor, wie die Liquidität eingesetzt werden sollte.

IN KÜRZE

www.sechzighundert.de

BREXIT

Welche Hilfestellung kann ein Steuerberater beim Thema Unternehmensnachfolge leisten? Die Kollegenschaft kann die steuerlich günstigste Nachfolgeform herausfinden und zusammen mit den Beteiligten umsetzen. Je nachdem, ob es sich um einen Familienangehörigen oder einen fremden Dritten handelt, sind Schenkungen, Vermögensübergabe gegen Versorgungsleistungen oder Verkauf, Betriebsverpachtung im Ganzen oder andere Formen angezeigt. Und auch die Form des möglichen Veräußerungspreises – Einmalzahlungen, Raten- oder Rentenzahlung – ist ein Beratungsthema.

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In Stuttgart daheim, global zuhause.

Die Kammer Der Zuständigkeitsbereich der Steuerberaterkammer Stuttgart umfasst die Regierungsbezirke Stuttgart und Tübingen. Unter den 21 Steuerberaterkammern Deutschlands ist sie die fünftgrößte. Hauptaufgabe der Kammer ist es, die beruflichen Interessen und Belange der Gesamtheit der Mitglieder zu wahren und zu fördern. Außerdem unterstützt sie die berufliche Fortbildung der mehr als 8000 Mitglieder. Der Diplom-Kaufmann Uwe Schramm ist seit Mai 2014 Präsident der Kammer. Er betreibt eine eigene Kanzlei in Ditzingen mit sechs Mitarbeitern und hat eine Professur an der Dualen Hochschule in Stuttgart. os

HAVER & MAILÄNDER Rechtsanwälte ist eine der wenigen unabhängigen deutschen und international aufgestellten Wirtschaftskanzleien mit Hauptstandort in Stuttgart. Wir beraten Unternehmen und Unternehmer in allen Bereichen des nationalen und internationalen Wirtschaftsrechts, spezialisiert und persönlich. Unser Team von 30 Anwälten/-innen berät individuell und zielorientiert, international sind wir weltweit vernetzt. Das stetige Wachstum unserer Kanzlei beruht gleichermaßen auf der Zufriedenheit unserer Mandanten wie auch unseres anwaltlichen Nachwuchses. Mittelstand und Großunternehmen: beide wollen Lösungen – schnell, maßgeschneidert und aufwandsgerecht – dafür stehen wir, darauf können Sie sich verlassen.

HAVER & MAILÄNDER Rechtsanwälte Lenzhalde 83 – 85 · 70192 Stuttgart · Telefon +49 (0) 7 11 / 2 27 44 - 0 · info@haver-mailaender.de · www.haver-mailaender.de


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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

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Gesucht: die Besten Standort Baden-Württemberg ist ideal

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eil es viele Unternehmen gibt, ist Studierenden und rund 10 000 Absolventen der Südwesten Deutschlands als jährlich. Ein Jurastudium endet mit dem Standort für eine Wirtschafts- Ersten Staatsexamen, danach folgen ein kanzlei ideal. Juristen und Steuerberater zweijähriges Referendariat und das Zweite wollen aber lieber in Wirtschaftsmetropo- Staatsexamen. Am Ende schafft etwa jeder len. Deshalb ist es für Wirtschaftskanzleien Zehnte ein Prädikatsexamen. Mit Prädikat in Stuttgart und Ulm herausfordernd, ihre abgeschlossen gilt ein Examen, wenn minVakanzen zu besetzen. Gegenseitig das Per- destens die Note „vollbefriedigend“ erreicht sonal abjagen, das tun sie dennoch nicht. wird. Um diese oder noch bessere AbsolvenDer juristische Arbeitsmarkt ist ein ten buhlen potenzielle Arbeitgeber. Arbeitnehmermarkt: Sowohl angehende als Etwa 327 500 Erwerbstätige mit Jura-Abauch berufserfahrene Juristen können bei schluss gibt es in Deutschland, davon arbeiörtlicher Flexibilität derzeit wählen, wo sie tet rund die Hälfte als Rechtsanwalt oder arbeiten möchten. Das teilt der Verlag Notar. Viele Absolventen träumen von einer C. H. Beck in seiner Reihe „Der juristische Anstellung bei einer großen WirtschaftsArbeitsmarkt“ mit. Dies gelte für Kanzleien, kanzlei. Dort kann man Karriere machen Unternehmen, Verbänund wird vom ersten de und sogar für den Tag an üppig vergütet. WERBEN UM DIE öffentlichen Dienst. GeLaut einer Befragung BESTEN ZEHN PROZENT nerell aussuchen könder Online-Stellenbörnen es sich die Arbeitse „Jobware“ gehören nehmer dennoch nicht: Die freie Wahl gelte junge Anwälte in Wirtschaftskanzleien zu „natürlich mit den üblichen Einschränkun- den Spitzenverdienern: Etwa die Hälfte gen“, so der Verlag, „Juristen mit schwachen bekommt rund 86 000 Euro als EinstiegsNoten müssen sich Alternativen überlegen“. gehalt. Über die gesamte Juristenbranche Denn der Erfolg als Jurist hängt maßgeblich hinweg liegen die Anfangsgehälter dagegen von der Examensnote ab. bei etwa 50 000 Euro. Das hat die GehaltsDie Rechtswissenschaften sind ein datenbank des Online-Dienstes „Personalbeliebtes Studienfach. Nach der Betriebs- markt“ in einer Stichprobe ergeben. wirtschaftslehre und dem Maschinenbau Wirtschaftskanzleien arbeiten für Unterrangieren sie auf Platz drei mit etwa 100 000 nehmen und die öffentliche Hand, selten für

Wer ein „vollbefriedigend“ oder besser als Note im JuraExamen hat, ist bei den Kanzleien gefragt. Er kann sich die Stelle quasi aussuchen. Foto: ra2 studio/Fotolia

Privatpersonen. Es gibt Wirtschaftskanzleien mit Fokus auf juristische Wirtschaftsthemen. Sie arbeiten Verträge für die Übernahme von Unternehmen aus oder vertreten Mandanten bei Patentstreitigkeiten. Andere Wirtschaftskanzleien bieten neben juristischer auch steuerliche Beratung an. Sie decken neben dem Wirtschaftsrecht zudem das gesamte Steuerrecht ab. Der Ein- und Aufstieg in großen Wirtschaftskanzleien läuft ähnlich ab wie bei den bekannten Unternehmensberatungen McKinsey oder Boston Consulting: Überall herrscht das Prinzip „up or out“. Innerhalb fest definierter Zeiträume muss der nächste Karriereschritt gemacht werden – oder man kann gehen. Dadurch verlassen die meisten Anwälte einer Wirtschaftskanzlei früher oder später freiwillig ihren Arbeitsplatz. Denn die Karriere-Pyramide, an deren Spitze

Stuttgart | Berlin | Dresden | Frankfurt | Singapur

der Partner steht, wird nach oben hin schmäler. Zudem gilt das Geschäftsmodell „heute Mitarbeiter, morgen Kunde“. So ist es durchaus im Sinne der Kanzleien, wenn ihre Mitarbeiter zu einem Mandanten wechseln. In Stuttgart gibt es zwei große Sozietäten für nationales und internationales Wirtschaftsrecht. Für CMS Hasche Sigle arbeiten 600 Anwälte in Deutschland, davon 120 am Heimatstandort Stuttgart. Bei Gleiss Lutz sind es deutschlandweit gut 300 Anwälte, davon rund 100 in Stuttgart. Christian Arnold ist promovierter Jurist und Partner bei Gleiss Lutz in Stuttgart. „Weil es hier viele, auch große und international tätige Unternehmen gibt, ist der Standort ideal.“ Allerdings würden Jura-Absolventen eher zu den Zentren der Wirtschaftsbranche tendieren, Frankfurt, München oder Düsseldorf. „Deshalb müssen wir uns schon anstrengen, um qualifizierten Nachwuchs zu bekommen“ – Prädikatsexamen und exzellente Englischkenntnisse vorausgesetzt. Einen starken Wettbewerb um die besten Köpfe bestätigt Arnold, „weil eben alle Kanzleien an den besten zehn Prozent interessiert sind“. Dass man aber als Kanzlei bei Wettbewerbern wildert, das ist ihm nicht bekannt. Arnold ist seit zwölf Jahren bei Gleiss Lutz. „In der Zeit ist mir kein einziger Fall untergekommen, in dem sich die großen BERUFSEINSTIEG Kanzleien in Stuttgart junge Mitarbeiter gegenseitig abgeworben hätten.“ Das würde auch wenig Sinn machen, denn die jungen Juristen gehen in eine Wirtschaftskanzlei, um UP OR OUT zu lernen. „Das ist wie eine Ausbildung.“ Wirtschaftliche Fachthemen lernen sie in internen Kursen, externen Fortbildungen und bei den Mandanten. Von Anfang an spezialisieren sie sich auf ein Teilgebiet des Rechts – bei Arnold zum Beispiel ist es das Arbeitsrecht. Arndt Geiwitz ist geschäftsführender Gesellschafter der SGP Kanzleigruppe in NeuUlm. Die Sozietät umfasst Rechtsanwalts-, Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft sowie eine Restrukturierungsgesellschaft mit Insolvenzverwaltung. 60 Rechtsanwälte, 25 Steuerberater, davon sind zehn zugleich Wirtschaftsprüfer, arbeiten bei SGP deutschlandweit. In Neu-Ulm und Ulm hat SGP 143 Mitarbeiter. „Der Region geht es gut, es herrscht annähernd Vollbeschäftigung bei hohem Gehaltsniveau, die Wirtschaftskanzleien in der Region sind renommiert und bereit einzustellen. Doch möchten gerade viele jüngere Kollegen in die Metropolen ziehen“, sagt Geiwitz. Es sei herausfordernd, in Ulm und NeuUlm offene Stellen mit unternehmerisch denkenden Beraterpersönlichkeiten zu besetzten. Solche sucht SGP. Jeder Berater dort trägt nicht nur fachliche, sondern auch unternehmerische Verantwortung. „Das bedeutet: Ärmel hochkrempeln und anpacken“, sagt Geiwitz. Die Berater brauchen eine typisch mittelständische Machermentalität. „Weil es diese Beratertypen nicht wie Sand am Meer gibt, bekommen wir freie Stellen nicht immer sofort besetzt“, so Geiwitz. Dabei hat SGP aufgrund der eigenen Größe und Bekanntheit sogar noch Wettbewerbsvorteile auf dem regionalen Arbeitsmarkt. Kleine, unbekanntere Wirtschaftskanzleien tun sich deutlich schwerer, neue Mitarbeiter zu finden. Peter Ilg

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Wir sind Berater und Partner von Unternehmen und Unternehmern. Zu unseren Mandanten zählen börsennotierte Gesellschaften ebenso wie mittelständische Familienunternehmen, aber auch Verbände und die öffentliche Hand. Als national und international tätige Kanzlei mit insgesamt rund 60 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten in Stuttgart und an vier weiteren Standorten im In- und Ausland haben Sie immer einen zuverlässigen Berater an Ihrer Seite.

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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

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Signale auf Halt Wie ein Aktionsplan gegen Steuerschlupflöcher aussehen könnte

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oogle ist ein prominentes Beispiel für die Steuergestaltung multinationaler Konzerne. Die Muttergesellschaft in den USA übertrug ihre Lizenzen auf eine Tochter, die ihren Sitz in der Steueroase Bermuda hat, und ein irischer GoogleAbleger zahlte Gebühren für die Nutzung. Das Schöne für den Konzern dabei: Die irische Gesellschaft konnte die Zahlungen mit ihren Einnahmen aus dem Werbegeschäft verrechnen. Die Einnahmen aus der Lizenzvergabe wiederum konnten über eine Durchlaufgesellschaft in den Niederlanden unversteuert auf die Bermudas fließen. Google steht mit solchen Strategien nicht allein. Auch andere multinationale Konzerne von Amazon bis Starbucks nutzen Lücken im internationalen Steuersystem. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat im Auftrag der G20-Staaten deshalb im Oktober 2015 unter dem Kürzel BEPS einen Aktionsplan vorgeschlagen, der die Praxis von Gewinnkürzungen über „Erosion der Bemessungsgrundlage und von Gewinnverlagerung“ (Base Erosion und Profit Shifting, BEPS) vermeiden soll. „Das Maßnahmenpaket kann vor allem für mehr Transparenz sorgen und Gestaltungen besser sichtbar machen“, sagt Bernd Lienemann, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Partner der Steuerberatungsgesellschaft RTS in Stuttgart. Der Maßnahmenkatalog beinhaltet 15 Aktionspunkte (AP), wobei insbesondere der AP 13 zur Dokumentation der Verrechnungspreise eine zentrale Rolle spielt. „Das Hauptziel des Projekts BEPS ist es, das Besteuerungsrecht bei Einkünften weltweiter Konzerne klar zuzuordnen und eine Nichtbesteuerung oder zu niedrige Besteuerung zu vermeiden“, sagt der Stuttgarter Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Bob Neubert, Mitgesellschafter der Kanzlei Bansbach. Die Maßnahme werden nun von den OECD-Staaten nach und nach umgesetzt. In Deutschland soll der Regierungsentwurf eines „BEPS-Umsetzungsgesetzes“ nach vorläufiger Planung bis Jahresende verabschiedet werden. Zur Dokumentation der Verrechnungspreise ist ein dreistufiger Ansatz vorgesehen. In der ersten Stufe gibt die Stammdokumentation „Master File“ einen standardisierten Überblick über Organisationsaufbau und Werttreiber der Geschäftstätigkeit des Konzerns sowie über die Strategie zur Nutzung immaterieller Wirtschaftsgüter. Laut dem deutschen Gesetzentwurf müssen Konzerne mit einem Gesamtumsatz von mindestens

100 Millionen Euro die Regelungen für das Master File erstmals für Wirtschaftsjahre anwenden, die nach dem 31. Dezember 2016 beginnen. „Deutsche Unternehmen, die international tätig sind, sollten allerdings die Sogwirkung der im Ausland teilweise schon jetzt gültigen Regelungen beachten und sich frühzeitig mit dem Thema beschäftigen“, rät Neubert. In Spanien etwa gilt ein Umsatz von 45 Millionen Euro bei einer Tochtergesellschaft als Untergrenze. Die Niederlande verlangen einen Master File ab einem Konzernumsatz von 50 Millionen Euro. Beide Länder haben entsprechende Gesetze bereits verabschiedet und fordern ihre Anwendung schon für das Jahr 2016. „Aus Sicht der Unternehmen ist dabei genau zu überprüfen, welche Infor-

mationen sie in das Master File einfließen lassen und damit den für ihre Töchter im Ausland zuständigen Finanzverwaltungen zugänglich machen“, sagt Neubert. In der zweiten Stufe geht es dann in einem „Local File“ um die landesspezifische, unternehmensbezogene Dokumentation der Verrechnungspreise. Solche Daten werden in Deutschland von den Unternehmen zwar schon längst bereitgestellt, durch die künftigen Anforderungen aller OECD-Länder werden die Verrechnungspreise jedoch noch stärker in den Fokus der Finanzverwaltung rücken, die sie ohnehin sehr kritisch prüft. „Die Verrechnungspreise spielen auch im deutschen Mittelstand, dessen Auslandsaktivitäten immer mehr zunehmen, eine Rolle bei Betriebsprüfungen“, sagt Lienemann.

OECD

STEUERN

LÜCKEN

GESCHÄFTSTÄTIGKEIT

BEPS

BETRIEBSPRÜFUNG

REPORTING

FINANZVERWALTUNG

Stopp den Steuerschlupflöchern! Foto: martialred/Fotolia

DAS VERSPRECHEN DER RWT-GRUPPE

Die RWT-Gruppe gehört mit über 270 Mitarbeitern zu den großen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften in Baden-Württemberg. Die Mandanten der RWT-Gruppe spiegeln die gesamte Branchenstruktur des Mittelstands in Baden-Württemberg wider. Zu den Kunden gehören Unternehmen aller Größen und Rechtsformen bis hin zur internationalen Unternehmensgruppe mit mehreren tausend Mitarbeitern. „Besser beraten“ bedeutet: Wir legen großen Wert auf individuelle Lösungen. Jeder Mandant hat einen festen Ansprechpartner. Dieser kümmert sich verantwortlich um alles und zieht bei Bedarf Experten aus den verschiedenen RWT-Bereichen hinzu. Dabei arbeiten die Experten für Prüfung, Steuern, Recht, Finanzen, Personal und IT eng vernetzt zusammen: Beratung aus einer Hand. Internationale Aufgaben bearbeiten wir gemeinsam mit unseren Partnern von Crowe Horwath International, einem globalen Netzwerk von mehr als 200 mittelständischen Prüfungs- und Beratungsunternehmen in 130 Ländern. Dieser Zusammenschluss bietet beste Verbindungen in alle Wirtschaftsregionen der Welt. RWT-GRUPPE Olgastraße 86 70180 Stuttgart Telefon: 0711 319400-00 www.rwt-gruppe.de

Während den Unternehmen auf den ersten beiden Stufen vieles vertraut ist, stehen mit der länderbezogenen Berichterstattung, Country-by-Country-Report, wirklich neue Pflichten auf der Agenda. Der Report muss allerdings nur von deutschen Konzernobergesellschaften ab einem konsolidierten Umsatz von 750 Millionen Euro erstellt werden. Er gibt einen Überblick über die weltweite Verteilung von Verträgen, Steuern, Erträgen und Geschäftstätigkeit. „Es wird damit schnell deutlich, in welchen BETRIEBSSTÄTTE Ländern etwa Gewinne erzielt werden und wie AUSLANDSAKTIVITÄTEN hoch die hierauf entrichteten Ertragsteuern KONZERNE sind“, sagt Lienemann. Nach diesem Grundsatz TRANSPARENZ muss bei der Preisbestimmung genauso vorgegangen worden sein wie bei einer BeteiliMASTER FILE gung fremder Dritter. Ein noch weiter in die Zukunft reichender Vorschlag des VERTRÄGE LOCAL FILE OECD-Maßnahmenkatalogs betrifft GESETZ die Neudefinition der Betriebsstätte, die eine Besteuerung im Ausland zur Folge hat. Maßgeblich dafür sind die jeweiligen Doppelbesteuerungsabkommen. Sie sollen durch eine simultane Änderung bei allen Staaten, die künftig ein sogenanntes Multilaterales Instrument unterzeichnen, quasi eine Aktualisierung erhalten. Das in Deutschland vorgehaltene Lager eines Online-Großhändlers etwa könnte künftig als Betriebsstätte gelten mit der Folge, dass alle Gewinne aus Auslieferungen in Deutschland unter den Zugriff des hiesigen Fiskus fallen. Ebenso kann der Vertrieb eines deutschen Unternehmens durch Handelsvertreter- und Kommissionsmodelle im Ausland künftig eher eine Betriebsstätte begründen. „Unternehmen sollten nicht zuletzt wegen der hochkomplexen Betriebsstätten-Gewinnermittlung zeitnah prüfen, ob nach der neuen Vorgabe Betriebsstätten entstehen oder – wenn nicht gewollt – Vermeidungsstrategien entwickeln“, rät Neubert. Oft gibt es auch bei der Betriebsstättendefinition unterschiedliche Auffassungen in den Finanzverwaltungen der einzelnen Länder. Das kann im negativen Fall zu einer Doppelbesteuerung führen. Der OECD-Katalog regt deshalb auch eine Verbesserung der Verständigungsverfahren an. Ebenfalls über Doppelbesteuerungsabkommen sollen die Effekte hybrider Gestaltungen neutralisiert werden. Der Bundesrat fordert in diesem Zusammenhang Maßnahmen zur Vermeidung eines sogenannten Double Dip. „Konkret geht es darum, dass von einem Mitunternehmer in Abzug gebrachte Sonderbetriebsausgaben mit Auslandsbezug nicht in zwei Staaten die Steuer mindern dürfen“, sagt Lienemann. Ein weiterer Vorschlag zielt unter den Stichworten Patentbox und Lizenzbox darauf ab, den Missbrauch der DBAs sowie nationaler Steuergesetze zu vermeiden. „Ein solches Treaty Shopping konnten Konzerne bislang nutzen, indem etwa die Lizenzeinnahmen einer Konzerngesellschaft (Patentbox) in einem Land entstehen, das diese niedrig oder gar nicht besteuert. Die Lizenzausgaben wiederum sind bei den das Patent nutzenden Konzerngesellschaften in anderen Ländern steuerlich abzugsfähig“, nennt Neubert ein Beispiel. Bei diesen Strategien für immaterielle Werte kann es sowohl um das Geschmacksrezept einer Kaffeemarke gehen als auch um Know-how oder Patente. Eine Initiative gegen schädlichen Steuerwettbewerb ist zudem der automatische Informationsaustausch über Tax Rulings zwischen den EU-Staaten. „Dabei werden Vorabverständigungen zu Verrechnungspreisen innerhalb der EU ausgetauscht“, sagt Lienemann. „Die Vorbescheide sind an die jeweils zuständige Behörde in den anderen EU-Mitgliedstaaten und an die EU-Kommission zu übermitteln.“ Norbert Hofmann

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Interne Lösung Die Rolle der Rechtsabteilungen in Firmen

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Eine dezidierte Bewegung weg von exterenn Unternehmen mit recht- Bereichen Werkzeugmaschinen, Lasertech- Unternehmenstätigkeit ergibt sich steigenlichen Themen zu tun haben, nik und Elektronik an und hat im vergange- der Bedarf an rechtlicher Beratung und Ko- nen Anwälten hin zur eigenen Rechtsabteiwird auf das Wissen externer nen Geschäftsjahr rund 2,8 Milliarden Euro ordination über Landesgrenzen hinweg und lung sieht Bokeles erwachsen Haftungsrisiken für die Orga- mann nicht. Die EntFachleute zurückgegriffen – oder auf die mit Umsatz erwirtschaftet. juristischen Themen betrauten Kollegen der Während in kleineren Rechtsabteilun- ne der Unternehmen. Rechtlichen Rat benö- scheidung für eine Rechtsabteilung. Mehr als 163 000 Anwälte gen eher die Generalisten vertreten sind, tigt auch das Compliance Management, dem eigene RechtsabteiEXTERN sind in Deutschland zugelassen. Schätzungs- kommt es in größeren Abteilungen auch zu es obliegt sicherzustellen, dass die gesetzli- lung ergebe sich eher weise 40 000 Syndikusanwälte sind in den Spezialisierungen. Das Aufgabenspektrum chen Vorgaben eingehalten werden. Neuere auf natürliche Weise, COMPLIANCE Unternehmen im Land tätig. der Rechtsabteilungen in Unternehmen Rechtsentwicklungen, die Unternehmens- wenn der Bedarf Syndikusanwälte – die Juristen in der wird immer vielfältiger und komplexer. Die juristen erfordern, betreffen auch die The- eines Unternehmens UNTERNEHMENSJURIST Rechtsabteilung eines Unternehmens – sind allgemeine „Verrechtlichung“ des Geschäfts men Arbeitnehmerüberlassung und Schein- an Rechtsberatung eine gewisse Schwelle im täglichen Geschäftsverkehr in die ver- nimmt zu, aus der Internationalisierung der selbstständigkeit sowie den Datenschutz. BERATUNG überschritten habe. schiedensten Bereiche des Unternehmens Ab dieser Schwelle eingebunden, je nach dessen Größe, fachsei die interne licher und branchenspezifischer AusrichRechtsabteitung. Sie prüfen Verträge, beraten bei lung finanziell günstiger als Firmenübernahmen und Kooperaeine Anwaltskanzlei. Vorteilhaft tionen oder nehmen sich arbeitswirkt sich dann aus, dass rechtlicher Fragen an. Auch Unternehmensjuristen sich wenn Unternehmensteile zum im Betrieb gut auskennen Verkauf stehen, sind sie im und als Gesprächspartner Einsatz, beschäftigen sich etim Haus sehr schnell zur wa mit Patent-, Marken- und Verfügung stehen. Längst Urheberrecht ebenso wie nicht mehr als Verhindemit all den rechtlichen rer gesehen, agieren sie Fragen, die im Zusammenproaktiv, bieten Lösungen hang mit dem Datenan und sind auch mit den schutz auftreten. wirtschaftlichen Interes„Unternehmen, die sen des Unternehmens regelmäßig mit rechtvertraut. lich komplexen Projek„Unternehmensjuristen wie zum Beispiel im ten können mitunter auch Anlagenbau zu tun hapragmatischer vorgehen ben, tendieren dazu, auf als externe Anwälte, weil mehr eigene Juristen zu bei ihnen Fragen der Ansetzen als andere“, sagt Pewaltshaftung eine geringere ter Bokelmann, Leiter ZentralRolle spielen“, erklärt Bokelbereich Recht und M&A bei der mann. Dagegen punkten AnFirma Trumpf und Vorsitzender des waltskanzleien mit SpezialRechtsausschusses der IHK Region wissen und ihrer Fähigkeit, Stuttgart. Eine mitunter angelegte schnell Personalkapazitäten für Daumenregel besagt: ein Volljurist anspruchsvolle Projekte bereitfür 500 Millionen Euro Umsatz. Im stellen zu können. Und nicht zuEinzelfall sei dies aber, merkt Bokelletzt beim Gang vor die Gerichte – mann an, sehr vom konkreten Bedarf auch wenn traditionelle Hürden des Unternehmens abhängig. Bei für die Tätigkeit des SyndikusTrumpf hat die Rechtsabteilung beianwalts dort kleiner geworden spielsweise sechs Anwälte. Das in Ditzinsind, bleibt der Gerichtssaal doch gen ansässige, mit mehr als 11 000 Mitprimär ein Betätigungsfeld exterarbeitern weltweit agierende Unternehner Anwälte. Julia Alber men bietet Fertigungslösungen in den Juristen intern oder extern – da gibt es keine verbindliche Regel. Foto: kantver/Fotolia

SYNDIKUS INTERN KANZLEI HAFTUNG

RISIKEN

Wie wird aus regionaler Stärke internationaler Erfolg? Globale Zusammenarbeit zahlt sich aus: Mit rund 1.800 Rechtsanwälten in 75 Ländern sind wir anderen oftmals einen Schritt voraus, wenn es darum geht, rechtliche Anforderungen mit den geschäftlichen Zielen unserer Mandanten zu verbinden. Kontakt: Dr. Christian Bosse, christian.f.bosse@de.ey.com, Tel. +49 711 9881 25772. www.ey-law.de #BetterQuestions

„EY“ und „wir“ beziehen sich auf alle deutschen Mitgliedsunternehmen von Ernst & Young Global Limited, einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach englischem Recht. ED None.

SPEZIALISIERUNG


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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

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Noch komplizierter Die konkreten Folgen des Brexit für deutsche Unternehmen bleiben unklar

S

o viel ist sicher: Der Brexit kommt. Und seit dem Parteitag der britischen Konservativen scheint auch klar, dass es eher zu einem „harten“ EU-Austritt kommt. Doch solange keine Details auf dem Tisch liegen, stochern deutsche Unternehmen im Nebel. Das Institut für Wirtschaftsprüfer (IDW) schätzt sogar, dass der Zustand der Unsicherheit auch „mehrere Jahre andauern“ kann. Nach dem Börsen-Einbruch unmittelbar nach dem britischen Referendum hat sich die wirtschaftliche Lage scheinbar wieder beruhigt. Die Wirtschaftsleistung stieg im dritten Quartal gegenüber dem Frühjahr um 0,5 Prozent. Experten hatten lediglich ein WARENVERKEHR Wachstum von 0,3 ProWECHSELKURSRISIKEN zent erwartet. Grund für die schnelle Stabilisierung waren die rasche Regierungsbildung sowie die Liquiditätsspritze der Bank of England. Allerdings ist das Eis dünn, denn das Pfund fällt. Analysten erwarten, dass sich die Inflationsrate im kommenden Jahr auf drei Prozent verdreifacht. Dadurch wird die Konsumnachfrage geschwächt und britische Unternehmen halten bereits Investitionen zurück, weil sie fürchten, dass nach dem Brexit die Freiheiten des bisherigen Binnenmarktes eingeschränkt werden. „Momentan betrifft uns das Szenario noch nicht“, sagt Peter Höss, Partner der Göppinger Wirtschaftsberatung Ehni Höss Wagner. Und auch seine Kunden mit Wirtschaftsbeziehungen auf die Insel sind optimistisch: Premiumprodukte werden immer konkurrenzfähig sein und deren Preis sich stets durchsetzen lassen. Immerhin ist das Vereinigte Königreich der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands. Rund 2500 deutsche Unternehmen sind mit britischen Gesellschaften verbunden und in der Bundesrepublik sind 9000 Unternehmen in der britischen Rechtsform einer „Limited“ registriert.

EXPORTE

ZÖLLE

GROSSBRITANNIEN

Die wirtschaftlichen Verflechtungen sind also eng und was bisher innerhalb der EU relativ leicht abzuwickeln war, wird komplizierter, prognostiziert Höss: „Der ganze Verwaltungskram mit Zöllen, Stempeln und Papierkrieg wird größer und aufwendiger werden.“ Das kostet zusätzlich Geld und verringert die Gewinnmarge der Unternehmen. Zudem wird das Wechselkursrisiko die Geschäfte für deutsche Firmen schwerer kalkulierbar machen. Nicht nur, dass das Pfund kontinuierlich fällt, die Wirtschaftsprognosen für das kommende Jahr sind auch schlecht. Die Unabhängigkeit von Brüssel scheinen die Briten teuer bezahlen zu müssen, und das wird sich früher oder später

eben auch auf exportorientierte Unternehmen auswirken. Die Rede der Premierministerin Theresa May deutet darauf hin, dass die Briten im Frühjahr 2019 die EU verlassen und nicht länger der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen werden. Das würde eine klare Trennung von der EU bedeuten und somit einen Ausstieg aus dem Binnenmarkt und der Europäischen Zollunion. Vielleicht gehört das aber auch schon zur Verhandlungspolitik: Stärke zeigen, um sich möglichst viele Rosinen aus dem EU-Kuchen zu picken. Währenddessen hofft das IDW auf Sonderregelungen, wie sie die EU etwa mit der Schweiz, Norwegen oder der Türkei

geschlossen hat, denn neben dem freien Warenverkehr geht es auch um Personenfreizügigkeit, Dienstleistungsfreiheit sowie den freien Kapital- und Zahlungsverkehr. Das IDW in seinem Positionspapier weiter: „Die rechtlichen Unsicherheiten betreffen neben gesellschafts- und steuerrechtlichen Fragen auch Konsequenzen des Brexit für den Arbeitsmarkt und den Schutz von eingetragenen Marken.“ Jens Gieseler

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Die EU und Großbritannien bilden keine Einheit mehr. Foto: nito/Fotolia

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Wirtschaft in Baden-Württemberg  

Ausgabe 6, 2016

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