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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 5 | 2016

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Schlüsselthema Sicherheit Wie die Wirtschaft immer vielfältigere Bedrohungen vor allem im Netz kontert. SEITEN 1–8

Wirtschaft & Erfolg Wie frühere Offiziere problemlos in einen zivilen Beruf wechseln. SEITE 9

Junge Firmen

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Wie das Land smarte Ideen entdeckt. SEITEN 20–21

Datenschutz als Geschäftsbasis Die Unternehmen vernetzen ihre Prozesse, mit Daten werden immer mehr Geschäfte gemacht. Deshalb wird der Schutz vor Hackerangriffen immer wichtiger. Der Spagat verlangt gerade kleinen Firmen viel ab. Von Daniel Gräfe

Sicherheit

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ie Wirtschaft im Land erfindet sich derzeit neu. Nach Medien, Handel, Banken und Telekom­ munikation hat die Digitalisie­ rung auch die wichtigsten Branchen im Südwesten, den Automobil­ und Maschinenbau, mit Wucht erfasst. Schon jetzt können Geschäftsführer ihr Unternehmen in Echtzeit von einem Tablet aus steuern. Die Produktionsanlagen wer­ den immer häufiger untereinander und mit dem Internet vernetzt, um eine effizientere und individuellere Fertigung zu ermögli­ chen. Laut einer Prognose der Marktfor­ scher von Gartner werden bis 2020 rund 1,3 Milliarden Industrie­Geräte weltweit on­ line sein. Doch inmitten des größten Um­ bruchs der vergangenen Jahrzehnte ringen die Branchen um den bestmöglichen Datenschutz. Denn die Daten ermöglichen nicht nur einen reibungslosen Ablauf von Geschäfts­ und Produktionsprozessen. Sie werden selbst zu einem Teil von neuen Ge­ schäftsmodellen, die die Firmen derzeit noch entwickeln. Auch Kundendaten zäh­ len dazu. Hackerangriffe können deshalb die Produktion stoppen, Geschäftsmodelle torpedieren und das Vertrauen der Kunden zerstören.

Doch genau das ist offenbar das Problem vieler Firmen im Land. „Die Unternehmen schützen ihre Kronjuwelen zu wenig“, kriti­ siert der Tübinger Sicherheitsexperte Se­ bastian Schreiber im Interview mit „Wirt­ schaft in Baden­Württemberg“. Schreiber simuliert mit seiner Firma SySS im Auftrag von Firmen und Versorgern Hackerangriffe, um Sicherheitslü­ cken aufzudecken. „Bei manchen gelingt es selbst jungen Mitarbei­ tern meines Hauses, innerhalb einer Stunde die IT­Infrastruktur in ihre Gewalt zu bringen“, sagt er. „Aber das gibt es auch bei großen Fir­ men.“ Gerade in Branchen wie dem Maschinenbau stamme die Technik noch aus einer Zeit, in der die mit dem Inter­ net vernetzte Fabrik nicht denkbar war. Gerade der Mittelstand muss bei Digita­ lisierung und Datensicherheit Gas geben, wie eine Studie der KfW Bankengruppe be­ scheinigt. Demnach befinde sich etwa ein Drittel der Mittelständler in Deutschland in einem „Grundstadium“ der Digitalisie­ rung. Vor allem Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern zählten zu den „Digita­ lisierungsnachzüglern“. Knapp die Hälfte gibt demnach weniger als 10 000 Euro pro

Jahr für Digitalisierungsprojekte, neue Technologien oder IT­Schulungen der Be­ legschaft aus. Für Datensicherheit bleibt oftmals nur wenig Geld übrig. Doch das wird vielen zum Verhängnis. Laut Hewlett Packard Enterprise (HPE) musste eine Firma in Deutschland im vergangenen Jahr im Schnitt 6,6 Mil­ lionen Euro für die Folgen von Ha­ ckerangriffen zahlen. Kleine Unter­ nehmen waren mit im Schnitt 1886 Euro pro Mitarbeiter stärker be­ troffen als große, wo der Scha­ den pro Kopf bei 258 Euro lag. In Böblingen betreibt HPE ein Cyberabwehrzentrum, das Fir­ men, Versorger und Behörden vor Cyber­ angriffen schützt. Die Internetkriminellen seien ähnlich einer Marktwirtschaft organi­ siert, Marketing und Reputationsmanage­ ment inklusive, sagt Leiter Claudio Wolff. „Wenn man will, dann kann man die Daten der Vorstandsebene der 500 umsatzstärks­ ten Firmen der Welt komplett kaufen.“ Vor allem kleinere Firmen müssten mehr für den Schutz ihrer IT­Infrastruktur und Daten tun. „Wenn nach einem Hackeran­ griff die Produktion stillsteht, dann ist es dafür definitiv zu spät.“

Ein buntes Gründerland Baden­Württemberg ist ein vielfältiger Start­up­Standort. IdeenwerkBW widmet sich dem Gründerstandort Freiburg. Zu­ dem werden Firmen vorgestellt, die sich vom Fußball über die Industrie 4.0 bis zum Produktdesign erfolgreich etabliert haben und ins Finale des Landespreises für junge

Unternehmen gekommen sind. In der Rub­ rik Mittelstand geht es um Sensoren aus Fellbach, die man auch in Skigebieten Neu­ seelands findet, und um die gemeinsame Gründerarbeit der Hochschule für Technik in Stuttgart und der Hochschule Nürtin­ gen­Geislingen, bei der es nicht nur um Hightech geht, sondern auch um Pferde. age Schwerpunkt zum Thema „Gründen und Innovation“ auf den SEITEN 19–22


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

Inhalt Interview

„Enormer Nachholbedarf“ Sicherheitsexperte Sebastian Schreiber kennt die Sicherheitslücken in den Unternehmen. SEITE 3

Sicherheit

Zum Angriffsziel kann jeder werden Wie Unternehmen mit den Gefahren aus dem Netz und in der realen Welt umgehen. SEITEN 4–5

Cyberattacken

Die IT­Türenknacker Professionelle Hacker sind passionierte Techniker mit Fachwissen und Sportsgeist. SEITE 6

Kriminalität

Verbotener Handel im Verborgenen Im versteckten Teil des Internets – dem sogenannten Darknet – floriert der Handel mit geklauten Daten. SEITE 8

Management

Karriereturbo Bundeswehr Frühere Offiziere haben kaum Schwierigkeiten, von der Bundeswehr in einen zivilen Beruf zu wechseln. SEITE 9

Berufsbild

Analyst Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, aber auch Fingerspitzengefühl ist in diesem Beruf gefragt. SEITE 10

Studiengang

Heute schon die Zukunft kennen Die Universität Ulm bietet das Fach „Innovations­ und Wissenschaftsmanagement“ berufsbegleitend an. SEITE 11

Claudio Wolff

Travis Witteveen

Der Verteidiger in der Cyberwelt

Beschützer von privaten Rechnern

„Das Sicherheitsniveau ist erschre­ ckend“, sagt Claudio Wolff, der für Hewlett Packard Enterprise das Cy­ berabwehrzentrum in Böblingen auf­ gebaut hat. Seit knapp zwei Jahren ist es in Betrieb, um Firmen, Versorger und Behörden vor Cyberangriffen zu schützen. Wolff und sein Team analy­ sieren die Protokolldateien der Kun­ den, die automatisch nach Böblingen weitergeleitet werden – pro Tag sind es im Kundenschnitt 30 Millionen. In Echtzeit fahnden sie nach Spu­ ren, die die Angreifer hinterlassen ha­ ben könnten. Oft melden sich Firmen aber erst, wenn es schon zu spät ist. „Wir hatten Fälle, dass die Produktion stillstand“, sagt Wolff. Derzeit seien

Das weiße Regenschirmsymbol auf rotem Hintergrund dürfte den meis­ ten privaten Laptop­ und PC­Besit­ zern bekannt sein. Dass die Firma Avira, der weltweit zweitgrößte Her­ steller von Antivirus­Software, aus Oberschwaben kommt, wissen wahr­ scheinlich nur die wenigsten. Vor 30 Jahren hat Tjark Auerbach Avira in Tettnang (Bodenseekreises) gegrün­ det. Mittlerweile hat der Besitzer die operative Leitung weitergegeben. Seit 2013 führt Travis Witteveen, Jahr­ gang 1970, das Unternehmen. Der in den USA geborene Manager mit nie­ derländischem Pass studierte an der Northeastern University in Massa­ chusetts, bevor er in leitenden Posi­

tionen bei AVG Technologies, F­Se­ cure Corporation und Axent Techno­ logies 26 Jahre Erfahrung im Bereich Internet und IT­Sicherheit sammelte. „Unser Ziel ist es, Menschen in einer zunehmend vernetzten und digitali­ sierten Welt zu schützen“, sagt Witte­ veen. Avira hat 2015 mit 500 Mit­ arbeitern einen Umsatz von rund 70 Millionen Euro erwirtschaftet. Während die meisten IT­Sicherheits­ firmen in Deutschland Unternehmen und Behörden schützen, konzentriert man sich in Tettnang auf die Sicher­ heit bei Endkunden. Weltweit sind mehr als 500 Millionen Virenscanner installiert – pro Minute finden rund 1,3 Millionen Updates statt. tht

Macher der Sicherheit

Fragebogen

Der Nachwuchsmanager Florian Sieber will Märklin wieder in die Spur helfen. Bei dem Modellbahnbauer hat er erstmals eine Führungsrolle. SEITE 12

Erpressungstrojaner – auch Ransom­ ware genannt – ein riesiges Problem. Die Hacker nutzen dabei Verschlüsse­ lungssoftware, um Daten zu sperren. Erst nach einer Zahlung von Lösegeld würden die Daten wieder freigegeben. Wolff rät davon ab. Firmen müss­ ten stattdessen ihre Dateien besser si­ chern und die Mitarbeiter regelmäßig über die Gefahren von Hackerangrif­ fen schulen. Die Investitionen dafür würden sich auszahlen, so Wolff – 2015 musste eine Firma in Deutsch­ land im Schnitt 6,6 Millionen Euro für die Folgen von Hackerattacken zah­ len. Auch privat investiert Wolff in Si­ cherheit: Er betreibt den Selbstvertei­ digungssport Krav Maga. dag

Porträts

Im Zeitalter vernetzter Produktion, sozialer Netzwerke und der Verbreitung mobiler Bankdienstleistungen wird IT­Sicherheit immer wichtiger. Wir stellen einige Macher aus diesem hochsensiblen Bereich vor.

Wirtschaftsordnung

EU fremdelt mit Mitbestimmung Der sozialen Marktwirtschaft nähert sich die Europäische Kommission nur in der Wortwahl an. SEITEN 17–18

Industrie 4.0

Revolution aus Denkendorf Fotos: Avira, dpa, HP, Kieß, LKA

Die junge Firma Kunbus will bei der Vernetzung von Maschinen Standards setzen. SEITE 20

Messgeräte

Schwaben­Sensor für Neuseeland Ein Traditionsunternehmen aus Fellbach baut Sensoren für alle Wetterlagen. SEITE 22

Gesundheitsmanagement

Gefragte Qualifikation Gesundheitsmanager kennen sich in Betriebswirtschaft sowie im Sozial­ und Gesundheitswesen aus. SEITE 25

Lärm im Büro

Ruuuuuhe! Lärm ruft Konzentrationsprobleme hervor. Auch eine falsche Beleuchtung kann dazu beitragen. SEITE 27

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen „Wirtschaft in Baden­Württemberg“? Wir freu­ en aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E­Mail an redaktion@wirtschaft­in­bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Florian Weigmann

Thomas Strobl

Jürgen Fauth

Der Daten­Wächter

Der Chef­Polizist

Der Spurensucher

Vernetzung und Datensicherheit sind die beiden Themen, die im Fokus von Florian Weigmann stehen. Der 45­Jährige ist Geschäftsführer der noch jungen Trumpf­Tochter Axoom in Karlsruhe. Axoom will anderen Unternehmen den Weg in die digitale Neuzeit aufweisen. Die Karlsruher stellen Dritten eine Plattform zur Verfügung, auf der sie die Wertschöpfungskette ihrer eigenen Fertigung abbilden und sich mit den Kunden digital vernet­ zen können. So können sie aus der Ferne sehen, wie die Maschinen ausgelastet sind und wann eine Wartung ansteht. Dafür analysieren Weigmann und seine 50 Mitarbeiter zunächst die Prozesse der interessierten Unternehmen; es geht etwa da­ rum, welche Daten überhaupt für eine Maschine wichtig sind und deshalb übertragen werden müs­ sen, erläutert der Betriebswirt, der bei dem Soft­ warekonzern SAP und dem Internetdienstleister 1&1 Karriere gemacht hat. Kreuz und quer durch die Welt werden die Daten ohnehin nicht geschickt – Rechenzentren stehen dort, wo die Kunden sind: in Deutschland, den USA und bald auch in Südostasien. Natürlich hat Axoom Hackerangriffe erlebt – den Schutzwall der Karlsruher Daten­ Polizisten haben sie aber nicht überwunden. ino

Wer Sicherheit sagt, muss auch Thomas Strobl sa­ gen. Der Landesinnenminister sitzt wie die Spinne im Netz all jener Organisationen, die der Staat zum Schutz seiner Bürger aufbietet: von der Polizei über die Feuerwehr bis hin zum Katastrophen­ und Verfassungsschutz. Wenn es irgendwo brenz­ lig wird im Land, laufen in seinem Stuttgarter Mi­ nisterium alle Drähte zusammen – das sogenannte Lagezentrum steuert die Operationen. Den Wechsel in die Landespolitik hatte der frühere CDU­Bundestagsabgeordnete nicht ange­ strebt, er war eher den Umständen nach der verlo­ renen Landtagswahl geschuldet. Dass Strobls The­ ma Sicherheit heißt, ist aber kein Zufall: Der gelern­ te Rechtsanwalt befasst sich seit vielen Jahren mit Innenpolitik. Dazu gehören auch die Felder Asyl und Migration, für die Strobl in der grün­schwarzen Koalition ebenfalls verantwortlich ist. Das Thema Sicherheit ist für die CDU die Kernkompetenz schlechthin. Strobl scheut nicht vor unkonventio­ nellen Vorschlägen zurück, um die Sicherheit der Bürger zu stärken: Er hat durchgesetzt, dass dem­ nächst in Baden­Württemberg Polizei und Bundes­ wehr gemeinsam testen, wie die Zusammenarbeit bei großen Terrorlagen funktioniert. ari

Viele PC­Nutzer glauben, dass Daten, die sie in ihrem digitalen Papierkorb versenkt haben, ver­ nichtet sind. Jürgen Fauth weiß es besser. Der stellvertretende Leiter der Abteilung Cybercrime/ Digitale Spuren beim Landeskriminalamt (LKA) Baden­Württemberg und seine Mitarbeiter ma­ chen auch Informationen wieder sichtbar, die jah­ relang im digitalen Papierkorb schlummerten. 130 Mitarbeiter beschäftigen sich beim LKA mit Inter­ netkriminalität; es sind Informatiker, Hacker und Polizeivollzugsbeamte. Täglich meldeten mehrere Unternehmen Hackerangriffe bei der Behörde, sagt Fauth. Und dies sei wohl nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Internetkriminellen, die häufig aus dem russischsprachigen Raum kommen, sind schnell und erfinderisch. Für die Behörde sei es be­ reits ein Erfolg, wenn sie sich auf Augenhöhe mit den Tätern bewege, sagt der 55­Jährige. Ein Com­ puter­Freak sei er nicht, so Fauth. Studiert hat er an der Polizeiführungsakademie in Münster. Nach Stationen etwa beim Staatsschutz im LKA, dem Terrorabwehrzentrum in Berlin und beim Daten­ schutzbeauftragten des Landes wechselte er 2012 in die damals neu gegründete Abteilung „Cyber­ crime/Digitale Spuren“. ino

Index Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Anne Guhlich Redaktion Imelda Flaig, Walther Rosenberger, Sabine Marquard Gestaltung/Produktion Anna­Lena Wawra, Bernd Fischer, Sebastian Ruckaberle, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger E­Mail: redaktion@wirtschaft­in­bw.de Telefon: 07 11 / 72 05 ­ 12 11 und 07 11 / 72 05 ­ 74 01 Internet: www.wirtschaft­in­bw.de „Wirtschaft in Baden­Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Marc Becker (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 ­ 16 03 Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 ­ 0

Personen Attallah, Daniel Busch, Stefan de Haas, Volker Däubler­Gmelin, Herta Dusch, Florian Ellguth, Peter Faiß, Sebastian Fauth, Jürgen Franke, Bernhard Gebler, Matthias Grillo, Ulrich Gröger, Gabriele Gröhe, Hermann Huster, Hedwig Jirjahn, Uwe Juncker, Jean­Claude Kleber, Markus

18 9 20 4 21 18 22 2 18 9 23 11 4 22 18 17 20

Kluge, Norbert Kohrs, Thomas Kunschert, Martin Löcher, Klaus Mahler, Helmut Neto, Júlio Nicklas, Martin Niessen, Jonathan Pätzold, Matthias Prediger, Ulrich Radelbauer, Andreas Reinecke, Jochen Schackmann, Valentin Schönmann, Isabelle Schreiber, Sebastian Schrödel, Tobias Sieber, Florian Sieber, Michael

17 10 20 17 6 23 22 19 4 19 5 9 22 17 3 8 12 12

Steinle, Thomas Stettes, Oliver Strobl, Thomas Stülpnagel, Heinrich Trinczek, Rainer Weber, Markus Weigmann, Florian Welcker­Clemens, G. Witteveen, Travis Wolf, Gerhard Wolff, Claudio

8 18 2 19 18 9 2 5 2 10 2

Firmen/Organisationen Avira 2 Axoom 2 BDA 17, 18 BDI 23 BMW 4

Bosch 9 Bundesanst. f. Arbeits­ schutz und Arbeitsmed. 27 Bundeswehr 9 Code White 6 Contact­AS 22 Daimler 4, 9 Dekra 27, 28 Dt. HS für Prävention u. Gesundheitsmanagem. 26 Die Ligen 20 DIHK 9 DHBW 10 Dr. Maier und Partner 9 Enit Systems 19 ESB 9 Europ. Gewerksch.­Inst. 17 EU­Kommission 17

Ernst & Young 9 FOM HS Essen 26 Frankfurt School 10 Gesundheitsministerium 4 Grünhof 19 Hans­Böckler­Stiftung 17 Hochschule f. Technik Stuttgart 22 Hochschule Nürtingen­Geislingen 22 HPE 1, 2 IHK Region Stuttgart 23 Innenministerium 2 IW 18 Jobrad 19 Kuka 23 Kunbus 20 LBBW 10

LKA 2 Lufft 22 Midea 23 Pixum 18 Rausoft 4 Result Group 5 Simba­Dickie­Gruppe 12 Spendenfreun.de 19 Syss 3 Trumpf 2 Universität Freiburg 19 Universität Trier 18 Universität Ulm 11 VDMA 5 Verdi BW 18 WSI 18 Zigzag 21 Zündstoff 19


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

„Wir gehen wie Hacker vor“ den von Quereinsteigern gebaut, die sich zwar um den Service und die Leistungs­ fähigkeit kümmern, aber von IT­Sicherheit zu wenig Ahnung haben. Firmen sollten da­ für lieber einen erfahrenen Informatiker einstellen. Im Übrigen müssen die Firmen jede mögliche Sicherheitslücke schließen. Wenn nur 99 Prozent der Systeme abgesi­ chert sind, nutzen die Täter das unsichere eine Prozent, um sich Zugang zum Firmen­ netzwerk zu verschaffen.

Sebastian Schreiber tes­ tet mit seiner Firma die IT­Sicherheit von Firmen und Versorgern. Viele Systeme seien schlecht geschützt. Interview

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ie Unternehmen in Baden­ Württemberg haben jahrelang zu wenig in ihre IT­Sicherheit investiert, kritisiert Sebastian Schreiber vom Tübinger Si­ cherheitsdienstleister SySS. Schreibers Kritik ist gewichtig – er simuliert als soge­ nannter Penetrationstester im Auftrag von Unternehmen, Versorgern und Behörden Hackerangriffe, um Sicherheitslücken der Firmen aufzudecken. Sein Befund: Auch große Unternehmen schützen ihre Kron­ juwelen nicht gut genug.

Wie wichtig ist es, die Mitarbeiter für die Datensicherheit zu sensibilisieren? Sehr wichtig. Denken Sie doch an die Krypto­ Trojaner, die fast alle Unternehmen vor eini­ gen Monaten erwischt haben. Unsere Firma erhielt deswegen ständig Anrufe von betrof­ fenen Firmen. Immer wieder haben Mit­ arbeiter zum Beispiel die Anhänge von Rech­ nungen geöffnet, weil die Mails sehr gut ge­ fälscht waren. Anschließend verschlüsselte der Trojaner die Festplatte des Computers und alle anderen Systeme, die damit verbun­ den waren. Deshalb muss man die Mitarbei­ ter immer wieder schulen und ihr Bewusst­ sein für solche Gefahren schärfen.

Herr Schreiber, sind Sie eigentlich privat ein Sicherheitsfreak? Ich interessiere mich für IT­Sicherheit, das stimmt. Aber paranoid bin ich deswegen si­ cherlich nicht. Wie sieht Ihre Arbeit aus? Uns buchen Konzerne aus fast allen Bran­ chen, die ihre Daten schützen und die IT­ Sicherheit erhöhen möchten. Die Unter­ nehmen wollen wissen, wo sie konkret an­ greifbar sind. Wir sollen dort prüfen, wo sie die größten Risiken erwarten. Wir sind so­ genannte Penetrationstester. Das heißt, wir gehen wie Hacker vor und versuchen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Schwachstellen in den Systemen unserer Kunden zu finden und zu dokumentieren. Danach testen wir nochmals. Im Schnitt dauert ein Auftrag zehn Arbeitstage. Wie haben sich die Aufträge in den vergange­ nen Jahren verändert? Zahl und Größe der Aufträge sind gestiegen. Das Spektrum hat sich vor allem um den Be­ reich kritische Infrastrukturen, wie die Si­ cherheit von Krankenhäusern oder Ener­ gieversorgern, erweitert. Wir testen aber auch die Blackbox von Flugzeugen, Router, vernetzte Küchengeräte oder Akku­Schrau­ benzieher – heute gibt es ja kaum noch ein Elektrowerkzeug, das nicht mit verschlüs­ selten Daten arbeitet. Wir überprüfen auch mobile Apps oder Anwendungen in der Cloud, also auf Leihrechnern „Wir hätten ein Kraftwerk im Internet. Seit eineinhalb abschalten oder die Ventile Jahren testen wir verstärkt eines Speichersees öffnen auch Automobile.

und das Wasser ablassen können.“

Was prüfen Sie genau? Ein Auto ist mittlerweile ein mobiles Rechenzentrum. Wir Sebastian Schreiber, Chef des Tübinger versetzen uns in die Position Sicherheitsspezialisten SySS, über von Hackern und überlegen, die Sicherheitslücken der Versorger was sie wohl damit anstellen würden. Man könnte zum Beispiel die Si­ cherheitssysteme wie ABS und Airbags außer Kraft setzen, oder Hacker könnten Anwen­ dungen freischalten, die gar nicht gekauft wurden. Sie könnten selbstfahrende Autos umlenken. Gerade das autonome Fahren ist ein hochbrisantes Thema, weil die Wagen ja nicht nur mit der Straße, sondern auch untereinander kommunizieren.

Täter nutzen auch die kleinste Sicherheitslücke, um sich Zugang zum Firmennetzwerk zu verschaffen, warnt Sicherheitsexperte Schreiber. Foto: fotolia tar aus Paris melden. Dieser weist den Mit­ arbeiter an, das Geld auf ein Drittkonto auszuzahlen. Meldet der Mitarbeiter beim Notar Zweifel an, erhält er eine neue Mail vom Chef, dass die Transaktion sofort aus­ geführt werden müsse. Manche Mitarbei­ ter fühlen sich dann so unter Druck, dass sie Kontrollmechanismen wie das Vier­ Augen­Prinzip aushebeln. Was sind die größten Risiken von Firmen be­ züglich der IT­Sicherheit? Besonders gefährlich und für die Hacker ergiebig sind Angriffe gegen das Active Di­ rectory, also gegen den Verzeichnisdienst, den man für Microsoft Windows braucht. Fast jedes Unternehmen nutzt ihn, aber lei­ der wird er von den meisten Administrato­ ren falsch auf die eigene Firma angewen­

Was ist derzeit die häufigste Masche der Internetkriminellen? Ein Trend ist derzeit, dass sich ein Inter­ netbetrüger als Geschäftsführer einer Fir­ ma ausgibt und drängt, eine große Summe Geld zu überweisen. CEO­Fraud bzw. Chef­Masche wird das genannt. Zum Bei­ spiel meldet sich der Chef bei einem Mit­ arbeiter mit einer vertraulichen Nach­ richt: Die Firma wolle ein Unternehmen zukaufen, deshalb würde sich bald ein No­

det. Deshalb können wir in neun von zehn Fällen die Infrastrukturen hacken, die auf diesem Dienst aufbauen. Wie anfällig ist die Software der Unterneh­ men? Oft ist die Software sehr alt. Softwarekom­ ponenten, die vor 20 Jahren entwickelt wurden, haben natürlich keine Vorkehrung gegen heutige Angriffe aus dem Internet. Deshalb wurde an den Programmen immer mehr herumgebastelt mit der Folge, dass sie unendlich viele Codezeilen haben, die aber kaum noch zu handhaben sind. Besser ist es, eine neue, sichere Software einzusetzen. Was sind weitere Gefahren? Schlecht gesicherte WLANs oder Web­ Shops. Gerade die Webapplikationen wer­

Energieversorger, Telekommunikations­ firmen und Krankenhäuser müssen seit Ver­ abschiedung des IT­Sicherheitsgesetzes strengere IT­Standards beachten. Wie sicher ist die Versorgung? Die Unternehmen haben jahrelang vernach­ lässigt, die Systeme abzusichern. Der Nach­ holbedarf ist erheblich. Wir hätten bei unse­ ren simulierten Hackerangrif­ fen zum Beispiel ein Kraftwerk „Politiker reden viel abschalten oder die Ventile häufiger als früher über eines Speichersees öffnen und IT­Sicherheit – aber die PS das Wasser ablassen können. Wir hätten auch einen Wind­ kommen nicht so recht park zerstören können – auf die Straße.“ Stromausfall inklusive. Bei Sebastian Schreiber über die Rolle Krankenhäusern wären wir in der IT­Sicherheit in der Politik der Lage gewesen, Patienten­ daten auszuspähen oder klinische Geräte abzuschalten. Ein besonders gravierender Fall war, dass bei einem Krankenhaus die In­ sulinpumpen über das Internet zugänglich waren. Man hätte die Dosis erhöhen oder das Gerät ganz abschalten können. Politiker halten IT­Sicherheit doch hoch. Politiker reden viel häufiger als früher über IT­Sicherheit, aber die PS kommen nicht so recht auf die Straße. Man könnte etwa Stan­ dards für sichere IT­Produkte schaffen, Pe­ netrationstests als Pflichtprüfung einsetzen oder Softwarehersteller für die Schäden haf­ ten lassen, die durch fehlerhaft program­ mierte Software entstehen. Es wird viel Wind gemacht, aber effektiv ist das nicht. Das Gespräch führte Daniel Gräfe.

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SEBASTIAN SCHREIBER Der Experte Sebastian Schrei­ ber, Jahrgang 1972, ist Diplom­ Informatiker und gründete 1998 in Tübingen das IT­Si­ cherheitsunternehmen SySS GmbH. Seit 2000 tritt er bei Messen und Kongressen als sogenannter Live­Hacker auf und zeigt, wie IT­Netze über­ nommen, Passwörter geknackt und Daten geklaut werden können. Er engagiert sich im

Verband für Sicherheit in der Wirtschaft Baden­Württem­ berg e. V. sowie im Beirat der Zeitschrift „Datenschutz und Datensicherheit“. Schreiber und seine Frau erwarten gerade ihr zweites Kind. Das Unternehmen Das IT­Si­ cherheitsunternehmen SySS führt im Auftrag von Unter­ nehmen Sicherheitsprüfungen

durch, bei denen in sogenann­ ten Penetrationstests Hacker­ angriffe simuliert werden. Zu den Kunden zählen auch gro­ ße Unternehmen und Mittel­ ständler, Behörden und Ver­ sorger aus Baden­Württem­ berg. SySS wächst seit Jahren stark und zählt derzeit 80 Mit­ arbeiter. Zurzeit wird in Tübin­ gen in Neckarnähe eine neue Zentrale gebaut. dag

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4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

55 Millionen Online­Kon ten gibt es in Deutschlan d. Das Bundesamt für Sic Informationstechnik gib herheit in der t Tipps, wie man sich sch ützen kann (www.bsi­fu er­buerger.de).

Alle Branchen rüsten in puncto Sicherheit auf

O

ten DDoS­Angriffs geworden. Die andere Variante sind Cyberattacken, die sich gegen Bankkunden richten und deren On­ line­Banking im Visier haben. Die Angrei­ fer schleusen dazu Schadsoftware auf die Rechner der Bankkunden ein, häufig ohne, dass diese die Bedrohung auf ihrem Rech­ ner bemerken. „Gibt der Kunde eine Über­ weisung in Auftrag, fängt das Schadpro­ gramm die Auftragsdaten ab, verändert Be­ trag und Kontonummer des Empfängers und leitet die manipulierten Daten an die Bank weiter, weiß der BSI­Sprecher. Kri­ minelle überweisen sich auf diese Weise Geld, das für andere bestimmt war. Viele Betrüger haben den klassischen mittelständischen Unternehmer im Visier, sagt Götz Schartner, Experte für Internet­ sicherheit. So zum Beispiel beim Fake­Pre­ sident­Trick. Hier geben sich Kriminelle bei einem Anruf als Unternehmenschefs aus, gern bei Mitarbeitern einer Niederlas­ sung im Ausland. Die Rede ist von einem höchst geheimen Geschäft. Wegen der Ver­ traulichkeit dürfe der Mitarbeiter mit nie­ mandem sprechen. Die E­Mails, die die Echtheit bestätigen sollen, kommen ver­ meintlich vom Chef. Mal spiegeln Betrüger im Netz eine fal­ sche Identität vor, mal leiten sie Zahlungs­ ströme um. „Durch solche und ähnliche Betrugsvarianten ist der deutschen Wirt­ schaft im ersten Halbjahr ein Schaden von 300 Millionen Euro entstanden“, sagt Si­ cherheitsexperte Schartner. sam

plinger Berg in Südbaden, erversorgung auf dem Sip ass ­W see den Bo der n llionen Menschen. Trinkwasserbecke wasser reicht für vier Mi ink Tr s Da . See er ing erl nahe dem Üb

Kritische Infrastruktur Fotos: Bodenseewasserversorgung BWV, BVMed Bundesverband, dpa (2), EU, Fotolia

Geld zieht Betrüger an nline­Banking gehört heute für viele Bankkunden einfach dazu. Die Si­ cherheit beim Online­Banking sollte gleichwohl von den Kunden sehr ernst ge­ nommen werden, rät das Bundesamt für Si­ cherheit in der Informationstechnik (BSI), da Kriminelle versuchen, Konto­ und Kre­ ditkartendaten der Nutzer auszuspähen und darüber an das Geld der Bankkunden zu kommen. 55 Millionen Online­Konten, 105 Millionen Debitkarten und 29 Millio­ nen Kreditkarten in Deutschland verspre­ chen ein lukratives Betätigungsfeld. Auch die Gefahr von Cyberangriffen ist in der Finanzbranche hoch. „Die Bank­ branche ist am ehesten von Hackerangrif­ fen betroffen, da in diesem Bereich am meisten Geld vermutet wird“, so ein BSI­ Sprecher. Andere Experten schätzen, dass die Wirtschaftskriminalität in diesem Be­ reich rasant zugenommen habe, die Dun­ kelziffer sei sehr hoch. Da im Finanzsektor Angriffe sehr häufig sind, werden auch die entsprechenden Gegenmaßnahmen schnell und aktuell angebracht, so das BSI und spricht von dem „mit am besten gegen Hackergriffe aufgestellten Sektor“. Aus Sicht des BSI sind derzeit zwei Ar­ ten von Angriffen auffällig. Das eine sind Erpressungsversuche gegen Banken mit der Androhung, ansonsten Webseiten, Dienste, einzelne Systeme oder das ganze Netz anzugreifen bzw. lahmzulegen. Im September 2016 ist etwa die Österreichi­ sche Nationalbank Opfer eines sogenann­

Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

Hacker haben es auf vieles abgesehen: auf Innovationen von Firmen, auf sensible Patientendaten, auf das Geld von Bankkunden. Doch Gefahren drohen nicht nur aus dem Netz. Wie sich Firmen gegen Bedrohungen schützen.

Vernetzung

Terrorlisten bringen Firmen in Zwickmühle M Sensible Patientendaten besonders schützen

S

eit mehr als zehn Jahren bastelt das selbstverwal­ tete deutsche Gesund­ heitswesen an der elektro­ nischen Gesundheitskarte (eGK) herum. Technische Probleme, nicht zuletzt aber auch ärztliche Beden­ ken in Sachen Datenschutz, haben eines der weltweit größten IT­Projekte immer wieder verzögert. Nun soll die Karte bis 2018 einiger­ maßen einsatzfähig sein als elektronische Patienten­ akte. So fordert es Gesund­ heitsminister Hermann Gröhe in seinem E­Health­ Gesetz. Am mangelnden Datenschutz jedenfalls kann es nicht liegen, sollte auch diese Frist nicht zu . ger hti wic r d imme worden. IT­Sicherheit wir halten sein. fen rif geg an rn cke n. Ha rde we von bereits ndaten geschützt nte tie Pa Natürlich, das Thema ne Weltweit sind Kliniken sei ss da , f vertrauen können ist hochsensibel. Wer will schon, Wer krank ist, muss darau dass Befunde etwa zu einer psychi­ schen Erkrankung oder einer HIV­ Infektion im Netz landen, sei es durch eine Datenpanne oder einen gezielten Hackerangriff. Befürchtungen wie diese sind alles andere als aus der Luft gegriffen. Weltweit, aber auch in Ba­ den­Württemberg sind Kliniken be­ reits gezielt von Hackern angegriffen worden. Ihr Geschäftsmodell: Nicht ausreichend genug gesicherte Patien­

tendaten werden elektronisch blo­ ckiert und erst gegen Lösegeld wieder freigegeben. Die Uhr aber kann nicht wieder zu­ rückgedreht werden. IT­Anwendun­ gen im Gesundheitswesen sind auf dem Vormarsch. Private Anbieter ha­ ben von der Verzögerung bei der eGK profitiert und bieten längst eigene Plattformen zum Austausch von Pa­ tientenunterlagen an. Viele Ärzte ma­ chen mit, natürlich nur mit Zustim­ mung ihrer Patienten. Die Vorteile liegen auf der Hand: Röntgenbilder oder Aufnahmen von CT und MRT beispielsweise sind jederzeit verfüg­ bar, Medikationspläne ebenfalls. Das soll und kann für mehr Behandlungs­ sicherheit sorgen. Auch der Erfolg zahlloser Gesund­ heits­Apps verdeutlicht, wohin die Reise geht. Millionen Menschen hier­ zulande messen und verbessern mit ihrer Hilfe ihre Fitness oder kontrol­ lieren ihre Gesundheit. Berührungs­ ängste gibt es offenbar nicht mehr, das Vertrauen scheint riesengroß zu sein. Ob zu Recht, das muss sich noch zeigen. Denn natürlich ist die Sicher­ heit bei diesen Apps ebenfalls ein Thema. Sie sammeln Daten, für die man sich viele potenzielle Abnehmer vorstellen kann. Spätestens beim ersten großen Leak dürfte auch der Politik klar werden, dass es hier Rege­ lungsbedarf gibt. rei

atthias Pätzold ist ein gefragter Mann. Seit dem vergangenen Herbst erhalte er verstärkt Anfragen von Unterneh­ men, wie sie mit dem Thema Terrorlisten um­ gehen sollen. Landauf, landab registriert der Geschäftsführer des Leonberger Software­ unternehmens Rausoft GmbH einen großen Informationsbedarf. Dies mag mit Berichten zusammenhängen, wonach mit dem Flücht­ lingsstrom auch Terroristen ins Land ge­ schleust worden sein sollen, die hier Jobs annehmen. Um den Terrorismus finanziell auszutrock­ nen, wurden bereits nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York auf europä­ ischer Ebene Verordnungen erlassen, die sich auch auf die Wirtschaft auswirken. Industrie­ firmen und Dienstleister müssen danach eben­ so wie Banken sicherstellen, dass kein Geld an Terroristen fließt, auch nicht als Gehalt. Be­ wusste Verstöße werden nach dem Außenwirt­ schaftsgesetz als Straftat gewertet. Neben den EU­Verordnungen gibt es eine Fülle weiterer Sanktionslisten, die Unterneh­ men bei Geschäften mit diesen Ländern beach­ ten müssen. So haben etwa die Schweiz, Eng­ land und Japan eigene Listen. Auch wer in Deutschland einen bevorzugten Zollstatus im Außenhandel erlangen will, muss sicherstellen, dass die auf den EU­Sanktionslisten geführten Personen keine wirtschaftlichen Ressourcen er­ halten. Zudem muss sichergestellt werden, dass diese auch nicht das Werksgelände betreten. All die vielfältigen Anstrengungen, die Geld­ quellen von Terroristen trockenzulegen, haben einen großen Haken. Es werden zwar lange Namenslisten veröffentlicht, die Verordnungen lassen aber offen, wie dieses Aufspüren von Terroristen erfolgen soll. Dienstleister wie die Leonberger Rausoft GmbH haben eine spezielle Software entwickelt, mit der Unternehmen die Namen ihrer Mitarbeiter mit den Sanktions­ listen abgleichen können. In den vergangenen Jahren habe die Zahl der Kunden deutlich zugenommen, berichtet Ge­ schäftsführer Pätzold. Derzeit seien es 780 Fir­ men aus vielen Branchen. Wie schwierig der Ab­ gleich in der Praxis ist, zeigt sich schon daran, dass arabische Namen unterschiedlich in latei­ nische Buchstaben transkribiert werden kön­ nen. Zudem gibt es bisweilen mehrere Geburts­ daten oder es fehlt manchmal ein Aufenthalts­ ort. Bei Datenschützern löst ein regelmäßiger Abgleich ohne konkreten Verdacht indes schar­ fe Kritik aus. Das Screening ohne Anlass verlet­

ze die Grundrechte der Beschäftigten, kritisiert die frühere Bundesjustizministe­ rin Herta Däubler­Gmelin. Fir­ men stellten ihre Beschäftig­ ten damit unter den General­ verdacht der Terrorfinan­ zierung. Banken seien ohnehin dazu verpflichtet zu kontrol­ lieren, ob Geld an Menschen fließe, die auf Sanktionslisten stehen. Weil deutsche Firmen Löhne und Gehälter auf Kon­ ten überwiesen, sei eine sol­ che Rasterfahndung unsinnig, so die Juristin. Diese Auffas­ sung vertritt auch der Auto­ bauer BMW, der den Abgleich den Banken überlässt. Daim­ ler dagegen kontrolliert re­ gelmäßig. Rausoft­Geschäfts­ führer Pätzold schätzt, dass nur etwa ein Drittel der deutschen Unternehmen einen regelmäßigen Daten­ abgleich vornimmt. Herta Däubler­Gmelin weist darauf hin, dass die Zahl der Sanktionslisten in den vergangenen Jahren zu­ genommen habe. Damit ha­ be auch die Zahl der Über­ prüfungen zugenommen und es könne auch mehr Falschmeldungen beim Ab­ gleich der Daten geben. Die Auswirkungen solcher Fehltreffer für die Beschäf­ tigten sind gravierend. „Das Konto wird sofort eingefro­ Die EU will mit Sanktionslisten die finanzie llen Quellen von Terroristen ren, der Rufmord im Be­ aust rocknen. trieb und zu Hause folgt“, so die Juristin. Um den möglichen Schaden bei falschen Anschuldi­ gungen zu begrenzen, hat Däubler­Gmelin die Betriebsräte etlicher Unternehmen dabei unterstützt, spezielle Vereinbarungen abzu­ schließen, mit denen die Arbeitnehmervertre­ ter den Datenabgleich kontrollieren können, „damit nicht sofort das Fallbeil fällt, wenn es einen Treffer gibt, sondern man erst noch ein­ mal genau überprüft, ob das wirklich sein kann“. Däubler­Gmelin weiß von keinem ein­ zigen Fall, in dem durch den Datenabgleich wirklich ein Terrorist entdeckt worden sei. hap

M

anipulierte Kraftwerke, gekappte Stromleitungen, unterbrochene Versorgungspipelines oder Strom­ ausfälle in Krankenhäusern: Sogenannte kritische Infrastrukturen gelten seit Lan­ gem als Achillesferse moderner Industrie­ gesellschaften, Im beschaulichen Sipplingen am Boden­ see trat der Ernstfall im Oktober 2005 ein. Ein bis heute Unbekannter versenkte da­ mals mehrere Kanister mit Pflanzenschutz­ mitteln direkt neben den zentralen Ansaug­ stutzen des zweitgrößten Wasserversorgers in Baden­Württemberg – der Bodenseewas­ serversorgung (BWV). Dort, wo das Trink­ wasser für rund vier Millionen Menschen verarbeitet wird, war plötzlich der Notfall eingetreten – den man sich seinerzeit noch gar nicht ausmalen konnte. „Wir haben seit damals eine Menge dazugelernt“, sagt Maria Quignon, Leiterin der Unterneh­ menskommunikation des BWV­Zweckver­ bands. Zwar sei die Trinkwasserqualität nicht gefährdet gewesen, aber der Vorfall habe Schwachstellen im System aufgezeigt. Rund fünf Millionen Euro hat der Verband seither in Sicherheitsinfrastruktur investiert. Um die Wasserentnahmestelle in rund 40 Meter Tiefe sei eine Schutzzone ge­ schaffen worden, die per Kamera und Infra­ rot überwacht wird. Verletzt sie etwa ein Seg­ ler oder Motorbootfahrer und kommen un­ typische Verhaltensweisen hinzu, geht eine direkte Meldung an die Wasserschutzpolizei. Die Leitwarte der BWV auf einem Höhen­ rücken über dem See gleicht einer Über­

wachungszentrale, wo neben dem Status der Hunderte Kilometer langen Leitungssyste­ me auch Sicherheitsmeldungen eingehen. Zudem wurden die Diagnoseverfahren für das Trinkwasser verfeinert und an zahlrei­ chen Stellen Sonden und Messgeräte ange­ bracht. Alle wichtigen Systeme arbeiten re­ dundant, die wenigen – nötigen – Internet­ verbindungen werden akribisch überwacht. Speziell seit es möglich ist, über soge­ nannte Cyber­Attacken – also Angriffe aus dem Internet – ganze Versorgungszentren lahmzulegen, erlebt das Thema Sicherung von kritischen Infrastrukturen eine Re­ naissance. Legendär ist dabei der Selbst­ versuch der Stadtwerke Ettlingen. 2014 entschieden sich die Badener, einen Cyber­ angriff auf ihre Energieversorgung simu­ lieren zu lassen. Das Ergebnis rüttelte die Branche – zum wiederholten Male – wach. Über eine Internetsteckdose in einem Gäs­ tehaus gelang es den Hackern, innerhalb weniger Tage die Kontrolle über die Leit­ stelle des Stadtwerks zu übernehmen. Alle zentralen Schalter hätten umgelegt und ein Blackout provoziert werden können. Zwar haben mittlerweile viele Betreiber kritischer Infrastrukturen technisch auf­ gerüstet, vom Tisch ist die Gefahr für die Anlagen aber nicht. Die Auswirkungen könnten heute gravierender sein als früher, weil Bevorratung aus der Mode gekommen ist. Immerhin: Auch nach einem Ausfall wäre die Wasserversorgung aus dem Netz der Bodenseewasserversorgung noch für eineinhalb Tage gesichert. wro

Krisenmanagement wird immer wichtiger

D

ie Krisensituationen ha­ ben weltweit zugenom­ men und damit auch die Gefahren für deutsche Mitarbei­ ter im Ausland: Der Putschver­ such in der Türkei, Anschläge in Nizza und München, eine wach­ sende Kriminalitätsrate in Brasi­ lien, das Zika­Virus. Krisen­ management wird für Firmen, die Mitarbeiter im Ausland be­ schäftigen, immer wichtiger. „Die Lage ist unberechenbar ge­ worden“, sagt Andreas Radel­ bauer, Geschäftsführer der auf Krisenmanagement spezialisier­ ten Unternehmensberatung Re­ sult Group. Die Sensibilität für diese Bedrohungen in den Unternehmen habe sich erhöht. Es gibt eine gesetzliche Für­ sorgepflicht, der Unternehmen bei der Entsendung von Mit­ arbeitern nachkommen müssen. „Es gibt im deutschen Recht al­ lerdings keine gesetzliche Rege­ lung, die den Umfang der Fürsor­ gepflicht umfassend regelt und ausgestaltet“, sagt Gabriele Wel­ cker­Clemens vom Maschinen­ bauverband VDMA. Unterneh­ men sind unterschiedlich auf

Krisenfälle vorbereitet. „Wir erhalten vermehrt Anfragen aus dem Mittel­ stand und von den Hid­ den Champions“, sagt Radelbauer. Er empfiehlt Firmen, die Mitarbeiter entsenden, für diese Mit­ arbeiter beispielsweise 24 Stunden am Tag, sie­ ben Tage die Woche eine Krisenhotline zur Ver­ fügung zu stellen. Mit­ arbeiter sollten vor ihrer Entsendung ein Verhaltenstraining ab­ solvieren und geschult werden, Gefahrensitu­ ationen wahrzuneh­ men. „Das soll Mit­ Firmen haben eine Sorgfaltspflicht für Mi tarbeiter. arbeitern keine Angst machen, sondern ihnen Angst nehmen“, sagt der Unter­ grund der kritischen Sicher­ nehmensberater. Nach so einem heitslage nicht bearbeiten“, sagt Training, so seine Erfahrung, sei­ VDMA­Fachfrau Welcker­Cle­ en Mitarbeiter wesentlich mens. Radelbauer warnt aller­ selbstbewusster und motivierter. dings: „Es ist ein Trugschluss, Manche Firmen ziehen sich sich in Europa in Sicherheit zu aus unsicheren Regionen be­ wiegen. In Unternehmen, die wusst zurück. „Es gibt Unterneh­ nicht vorbereitet sind, herrscht men, die klar festgelegt haben, im Krisenfall meist absolutes dass sie bestimmte Märkte auf­ Chaos.“ sam


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

Die IT­Türenknacker Professionelle Hacker, wie sie zur Verbesserung der Gefahrenabwehr für die Ulmer IT­Sicherheitsfirma Code White arbeiten, sind passionierte Techniker mit Fachwissen und Sportsgeist. Seriosität und Verantwortungsbewusstsein gehören dazu. Von Andreas Geldner Cyberattacken

H

acker – das Wort weckt ande­ re Assoziationen als das auf­ geräumte, modern ausgestat­ tete Büro in einem Neubau nahe der Ulmer Innenstadt. Der Blick vom Balkon ist ganz nett, dort gibt es auch eine bequeme Couch. Aber je­ des Ingenieurbüro heutzutage sieht auch nicht anders aus. Das Einzige, was vage an das Klischee von den wilden Programmierern erinnert, ist die neben einem Bildschirm stehende Flasche mit Club­Mate, dem angeblich den Programmier­Geist belebenden Kultge­ tränk mit Tee­Ingredienzen aus den An­ den. Doch Matthias Kaiser (37), der kurz daran nippt, muss lächeln: „Das habe ich schon früh getrunken, weil ich aus Ansbach stamme und Club­Mate gleich um die Ecke aus Neustadt an der Aisch kommt.“ Auch sonst passt er nicht ins Bild eines Programmierers, der seit früher Jugend in lichtlosen, unaufgeräumten Kellern an Codes gebastelt hat, um spektakulär ein Computersystem in die Knie zu zwingen – und um dabei irgendwie die Welt zu retten. „Ich habe bis 30 als Softwareentwickler ge­ arbeitet – und erst dann gemerkt, dass mir das hier viel mehr Spaß macht“, sagt er. Mit dem Begriff Hacker kann er nicht so viel an­ fangen: „Ich bin Sicherheitsforscher und suche nach Schwachstellen“, sagt er. Er sei kein Großstadt­Hacker, der in komischen Hosen und T­Shirts herumlaufe. Die Biografie seines Kollegen David Elze (35) passt da schon ein kleines bisschen besser. „Mein Vater hat schon damals in Ostberlin immer die Hackermagazine aus dem Westen bekommen und ich fand es schon mit fünf oder sechs Jahren interes­ sant, wie er an den Dingen herumge­ schraubt hat.“ Doch auch Elze ist Techniker durch und durch – einer, der gerne knobelt: „Als Hacker­Aktivist im Sinne des Chaos Computer Club sehe ich mich nicht.“ Zehn Mitarbeiter, alles Männer, sit­ „Ich bin ein zen hier an den Bildschirmen, fast alle sind sie zwischen Sicherheitsforscher Anfang zwanzig und dreißig. und suche nach Wie im Sport zählt auch Schwachstellen.“ hier das Team. Die einen sind eher die Analytiker, die sich Matthias Kaiser erläutert, warum er für sich selbst mit dem Begriff Hacker seitenweise in die Lektüre nicht so viel anfangen kann. von Codes vertiefen. Andere schnüffeln erst mal in be­ stimmten IT­Funktionen, die potenzielle Schwachstellen sind. „Sie sollten mal se­ hen, wie kurz vor einem Durchbruch die Kollegen in einer Traube um den Schreib­ tisch des Kollegen herumstehen und ihm Ratschläge geben,“ sagt der Gründer Hel­ mut Mahler. „Die Endphase vor dem Durchbruch macht richtig Spaß“, sagt Elze. Der Spaß an der kreativen Destruktion ist für die Spe­ zialisten hier zur Profession geworden: Code White ist darauf spezialisiert, im Auf­ trag von Unternehmen Hackerangriffe zu simulieren. Die IT­Abteilung, die attackiert wird, ist wie im wirklichen Leben voll­ kommen ahnungslos. Eingeweiht ist in der Regel nur die Unternehmensleitung. Was die Profi­Hacker von Code White ins Visier bekommen, ist kein Spielzeug. Große Dax­Konzerne gehören zu den Kun­ den. Wenn man darüber nachdenke, sei das schon beeindruckend, wenn nach einer er­ folgreichen Attacke auf einmal die IT eines milliardenschweren Dax­Konzerns im Griff sei, sagt Elze. „Unser Ziel ist es zu zeigen, dass wir unter Ausnutzung der Schwachstellen, die IT von Firmen kom­ plett übernehmen könnten. Das gelingt uns in der Regel“, sagt Helmut Mahler, Gründer von Code White. Das braucht hohes Verantwortungsbe­ wusstsein. Aber ansonsten ist die Arbeit für die meisten hier eine Art Sport, der auch nicht zu Ende ist, wenn man aus dem Büro nach Hause kommt. Der Drang, am Ende erfolgreich über die Hürden zu kommen, lässt hier die meisten auch nach Feierabend nicht los. Am Ende ist es bisher immer eins zu null für Code White gestanden. Bis jetzt war jede Sicherheitsvorkehrung zu kna­ cken. Und wie ist es mit angeblich mathe­

Wie hier oben stellt man sich in der Öffentlichkeit Computer­Hacker gerne vor: entweder böse und von weltverbesserndem, missionarischem Ehrgeiz beseelt – oder weltfremd und von viel zu vielen Stunden vor dem Bildschirm gebleicht und ausgezehrt. Doch die Wahrheit ist anders. Professionelle Hacker sind technisch versierte Hürdenläufer der Informationstechnologie, die von sportlichem Ehrgeiz getrieben sind. Fotos: dpa, Mauritius (2) matisch nicht zu knackenden Verschlüsselungen? Martin Elze, ein anderer Hacker im Team, kann da nur lächeln: „Sie greifen nie an der stärksten Stelle an, sondern immer beim schwächs­ ten Glied.“ Und schwache Glie­ der gebe es immer: „Kein Pro­ grammierer schreibt einen abso­ lut fehlerfreien Code.“ Der Gründer Helmut Mahler war einmal für einen großen baden­württembergischen Kon­ zern für IT­Sicherheit zuständig. Auch der Kern seines Teams kommt von dort. Nur einmal hat sich bisher das Team von Code White fast die Zähne ausgebis­ sen. Da war nämlich am anderen Ende der Leitung ein Sicher­ heitsteam, das sozusagen im Hacker­Spirit arbeitete und das sofort merkte, wenn sich da je­ mand Fremdes im System zu tummeln begann. Am Ende ha­ ben es die Ulmer dann doch ge­ schafft. „Dass wir gar nicht rein­ kommen, ist noch nie passiert“, sagt Elze. Nach dem erfolgrei­ chen Eindringen bekommt der Kunde eine Analyse mit Vor­ schlägen, was er verbessern kann. Aber zu Ende ist der Wett­ lauf von Eindringlingen und Verteidigern nie. Hacker sind eine eigene Spe­ zies: Eine Mischung aus Tech­ nikfreak und Leistungssportler – und wie echte Olympioniken treiben sie weniger ma­ terielle Interessen als der Ehrgeiz, auf dem

DAS GESCHÄFTSMODELL DES SICHERHEITSUNTERNEHMENS CODE WHITE Unternehmen Code White ist ein Unternehmen mit Sitz in Stuttgart und Ulm, das sich auf hochwertige Beratung in der IT­Sicherheit spe­ zialisiert hat. Zielsetzung ist es, Unternehmen zu helfen, sich vor Angriffen aus dem Internet wirksam zu schützen. Dazu imitiert Code White das Verhalten realer Angrei­ fer und setzt im Auftrag der Kunden deren Unternehmen professionellen Angriffen aus dem Internet aus – ohne dass die Verantwortlichen für die IT­Sicherheit davon vorher wis­ sen. Die professionellen Hacker der Firma attackieren genauso, wie dies

ein Angreifer mit bösen Absichten tun würde. So werden Schwachstel­ len in den IT­Systemen aber auch in Steuerungen von Industrieanlagen oder in den Elektroniksystemen z. B. von Fahrzeugen identifiziert. Die Ex­ perten von Code White bewerten das Risiko, das von Schwachstellen ausgeht, und schlagen Maßnahmen vor, um Schwachstellen wirksam zu beseitigen. Methode Um einen dauerhaften Schutz vor Angriffen zu gewährleis­ ten, hält Code White die IT­Systeme von Kunden unter dauerhafter Be­

obachtung, so dass Veränderungen, die der Kunde selbst vorgenommen hat, sofort auf Schwachstellen über­ prüft werden. Aber auch neu ent­ deckte Sicherheitslücken, die in der Angreiferszene kursieren, werden sofort daraufhin untersucht, ob sie für den Kunden von Bedeutung sind. Code White verfolgt dabei die Phi­ losophie, dass nicht einzelne techni­ sche Schritte, sondern nur ein Blick auf das IT­System als Ganzes echte Sicherheit ermöglicht – die sich al­ lerdings immer wieder an die stetig wandelnden Bedingungen in der IT und im Internet anpassen muss. red

hochkomplexen Feld zur Elite zu gehören. Über sogenannte Stunt­Hacker rümpft man hier die Nase. So heißen diejenigen, die in der breiten Öffentlichkeit Schlagzeilen ma­ chen wollen – etwa das Hacker­Team, das vor einigen Monaten öffentlichkeitswirk­ sam ein autonomes Fahrzeug manipulierte. „Man muss technisch­systematisch so gut sein, dass man kreativ etwas ausprobieren kann“, sagt Elze. „Man braucht gleichzeitig den Spieltrieb, um immer wieder zu versu­ chen, ins System reinzukommen.“ Wie ein blasser, sogenannter Computer­ Nerd sieht hier keiner aus. Der Lebensstil hier ist gutbürgerlich, auch weil Top­Ha­ cker gutes Geld verdienen. Fast alle haben Familie und leben deshalb gern in Ulm, weil sie die Lebensqualität in der Stadt schätzen. Ob Ulm, Hamburg oder San Francisco, macht für einen Hacker, der sich vor allem online bewegt, keinen Unterschied. Es reicht, in der kleinen, aber feinen globalen Szene anerkannt zu werden.

Es ist das Ganzheitliche, das Kreative, das so anders ist als die übliche, oft trocken­ systematische Arbeit in der IT, die begabte Programmier­Experten reizt. Es geht eben nicht darum, akribisch die vorhandenen Si­ cherheitsvorschriften zu befolgen oder hier und dort einen einzelnen IT­Baustein zu optimieren. Ein Hacker baue nicht wie ein Programmierer einen Schritt nach dem an­ deren auf, sagt Matthias Kaiser. Er versu­ che im Gegenteil die Dinge zum Einsturz zu bringen. Man blicke deshalb immer auf die ganze IT­Architektur: Einbruchstellen gibt es potenziell überall. Es braucht aber eine Mischung aus In­ spiration, Intuition und Hartnäckigkeit, um sie etwa in der komplexen IT­Architek­ tur eines Großkonzerns zu finden. Ein pro­ fessioneller Hacker zu sein, ist deshalb am Ende viel mehr als ein Angestelltenjob: „Man kann nicht morgens ins Büro gehen und abends abschalten“, sagt David Elze. „Das muss eine Leidenschaft sein.“


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8 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

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Verbotener Handel im Verborgenen Im versteckten Teil des Internets – dem sogenannten Darknet – verkaufen Datenräuber gestohlene Zugangsdaten zu Online­Konten. In Baden­Württemberg melden pro Jahr rund 70 Firmen Datenlecks. Von Anne Guhlich

Kriminalität

A

n seinen letzten größeren Fall des Datenklaus erinnert sich Thomas Steinle noch gut. Der Fachanwalt für Informa­ tionstechnologierecht aus Karlsruhe berät Unternehmen in Daten­ schutzangelegenheiten, zu denen auch der Datenklau zählt. Beim baden­württembergischen Lan­ desbeauftragten für Datenschutz melden jedes Jahr rund 70 Firmen, dass ihnen empfindliche Daten abhandengekom­ men sind. Wie oft es sich dabei um Ha­ ckerangriffe handelt, weist die Statistik jedoch nicht aus. Gestohlene Daten wer­ den oft im Darknet weiterverkauft. Dabei handelt es sich um den verborgenen Teil des Internets, der mit einem normalen Browser nicht zugänglich ist. Es ist ein Umschlagplatz für Waffen, Drogen und verbotene Pornografie. In Steinles Fall haben sich Hacker über eine Sicherheitslücke Zugang zu den Kundendaten eines Webshops ver­ schafft. Die Kriminellen konnten sechs Monate lang mit den dort gespeicherten Kundendaten unter falschem Namen auf der ganzen Welt Waren einkaufen, bis aufflog, dass der Webshop von Steinles Mandanten das Datenleck ist. Solche Daten werden im Darknet unter dem Titel Financial Services – also Finanzdienstleistungen – vertrieben. Derzeit gibt es dort über 30 aktive Por­ tale, auf denen mit gestohlenen Daten gehandelt wird. Es gibt nach Angaben des Bundeskri­ minalamts eine große Bandbreite miss­ bräuchlich erlangter und verwendeter Identitäten.

Nahezu alle Bereiche, die Kauf, Hackerangriffe, Phi­ mit Benutzername und shing­Mails oder Viren die Passwort geschützt sind, Zugangsdaten von Amazon­ werden abgegriffen, so eine oder Zalando­Konten be­ BKA­Sprecherin. Von Inte­ sorgt haben, können sie auf resse für die Täter sind Zu­ fremden Namen Waren be­ gangs­ und Benutzerdaten stellen – das Risiko aufzu­ zu verschiedenen Konto­ fliegen halten viele Hacker arten (Online­Warenhäuser Foto: privat dabei für überschaubar. und Auktionsplattformen, „In vielen Fällen Kritisch sei für die Krimi­ soziale Netzwerke, E­Mail­ nellen lediglich der Schnitt­ Konten, Benutzerkonten bei können die punkt zwischen Internet Dienstleistungsanbietern Spuren so gut und realer Welt, sagt Schrö­ sowie Online­Bankdienste), verwischt del: „Im Darknet sind die aber auch Kreditkarten­ Betrüger weitgehend ano­ daten wie Nummern, Gültig­ werden, dass nym“, so der Experte. „Doch keitsdauer und Sicherheits­ die Täter nicht irgendwie müssen sie an die codes. bestellte Ware kommen.“ auffliegen.“ Bei den Angeboten im Darum seien bei den Ha­ Darknet handelt es sich oft­ Rechtsanwalt Thomas ckern die Packstationen der mals auch um Inserate von Steinle über Datenklau Deutschen Post beliebt, weil Kriminellen, die versuchen, sie es ermöglichen, ohne die andere potenzielle Kriminelle zu betrü­ Angabe der wirklichen Identität Waren gen. zu empfangen. Jedoch: „Ich habe bei meinen Testkäu­ Neben Kreditkartendaten und den fen im Darknet stets die Ware erhalten, Zugängen zu Bestellkonten sind auch die die ich bestellt habe“, sagt der IT­Experte Zugänge zu dem Online­Bezahlsystem Tobias Schrödel. „Grundsätzlich gibt es Paypal bei den Kriminellen beliebt. nichts, was es im Darknet nicht zu kaufen Wer etwa bei Zalando etwas bestellt, gibt – einschließlich Informationen, ob kann die Bezahlung über diesen Dienst­ ein Mensch erpressbar ist.“ Einen großen leister abwickeln. Folglich sind die Bank­ Anteil der dort angebotenen daten dort hinterlegt. Ein deutsches Pay­ Güter machten aber Nutzer­ daten aus. In Zeiten, in denen immer mehr Verbraucher mindestens ein Konto bei einem Online­Händler haben, sei das für Kriminelle ein einträgliches Geschäft. Wenn sich die Kriminellen durch

auch Falschgeld angeboten. Im verborgenen Teil des Internets wird

pal­Konto mit einem Guthaben von 1300 Euro kostet im Darknet derzeit rund 160 Euro. Bezahlt wird im Hidden Web mit Bitcoins, da die Internetwährung die größte Anonymität bietet. Auf die Frage, warum sie die Zugangs­ daten überhaupt verkaufen und die Kon­ ten nicht selbst ausbeuten, antworten die Betreiber der Plattform The Paypal Cent, dass dies zu viel Aufmerksamkeit erzeu­ gen würde. Sie empfehlen, lediglich vier bis fünf Konten pro Monat zu räumen. Das ist die gängige Erklärung für den Ver­ kauf von Zugangsdaten im Darknet. Einige Hacker präsentieren sich im Netz als moralische Räuber, die Wert da­ rauf legen, nur Konzernen zu schaden – und nicht dem normalen Internetnutzer. Und tatsächlich müssen die Opfer von Datenklau für den Schaden in der Regel nicht selbst aufkommen: „Gibt es keinen Nachweis für ein grob fahrlässiges Ver­ halten, erstattet Paypal dem Kunden den vollständigen Betrag aller von seinem Paypal­Konto aus unberechtigt getätig­ ten Zahlungen“, sagt eine Sprecherin des Bezahldienstes. Die Polizei ist beim Datenklau oft machtlos. „In vielen Fällen können die Spuren so gut verwischt werden, dass die Täter nicht auffliegen“, sagt Rechts­ anwalt Steinle.

Dieses Team aus Kr iminellen preist se ine Blüten als Kuns twerke

an. Screenshots: StZ


Wir Wirtschaft tschaft & Erfolg

Oktober 2016

Im Karrierecenter der Bundeswehr in Stuttgart werden junge Leute für militärische und zivile Laufbahnen angeworben.

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Fotos: Bundeswehr, dpa

Karriereturbo Bundeswehr Raus aus der Uniform und rein in den Anzug: Frühere Offiziere haben in der Regel kaum Schwierigkeiten, von der Bundeswehr in einen zivilen Beruf zu wechseln. Von Oliver Schmale Management

S

chon während ihrer Zeit bei der Armee werden Offiziere gezielt auf ein späteres Berufsleben vor­ bereitet. Entweder durch eine entsprechende Ausbildung oder ein Studium. Andreas Frank (37) ist heute bei der Prüfungs­ und Beratungsgesell­ schaft Ernst & Young tätig. Der frühere Offizier studierte während seiner 14­jährigen Bundeswehrzeit Be­ triebswirtschaftslehre in Hamburg. Der heutige Projektmanager, der seit Mitte 2011 bei dem Unternehmen arbeitet, ver­ zichtete allerdings auf eine weitere akade­ mische Ausbildung: „Statt des zweiten Stu­ diums habe ich gezielt Weiterbildungskur­ se belegt – etwa Grundlagen im Arbeits­ und Sozialrecht, SAP, Projektmanagement und Risikomanagement.“ Der Wechsel in die Privatwirtschaft klappte reibungslos. „Ich habe an einem Freitag die Uniform ab­ gelegt und dann am nächsten Montag bei Ernst & Young angefangen“, berichtet er. Doch mit zunehmender Zeit kristalli­ sierten sich die Unterschiede zwischen den Streitkräften als Dienstherr und dem Unternehmen als Arbeitgeber heraus. Bei­ spielsweise hätten auch leitende Mitarbei­ ter der Bundeswehr Budgetverantwortung. „Doch im Gegensatz zur freien Wirtschaft spielen im militärischen Geschäft Kosten­ und Nutzenaspekte eine untergeordnete Rolle.“ Anders als bei einem staatlichen Auftraggeber müsse man sich als Mitglied im mittleren Management strikt an Vorga­ ben zur Effizienz ausrichten. „Ich habe an einem Freitag Und auch bei Ton und Um­ gang mit Kollegen werden die die Uniform abgelegt Kontraste deutlich. „Hier sagt und dann am nächsten man alles etwas charmanter“, Montag bei Ernst & Young sagt Frank. Die früheren Soldaten angefangen.“ scheinen weiterhin bei den Andreas Frank, einst Offizier bei Arbeitgebern begehrt zu sein. der Bundeswehr, über den Wechsel „Die Unternehmen schätzen in sein späteres Berufsleben ausscheidende Zeitsoldaten als kompetente und leistungsbereite Mit­ arbeiter, die sich zudem nicht selten durch die Fähigkeit auszeichnen, auch in schwie­ rigen Situationen Entscheidungen zu tref­ fen“, sagt Jochen Reinecke vom Deutschen Industrie­ und Handelskammertag in Ber­ lin. Außerdem verfügten sie neben berufli­ chen Erfahrungen teilweise auch über Füh­ rungserfahrung. Letzteres werde in vielen Unternehmen gern gesehen. Bis zu 15 000 Soldaten auf Zeit wechseln jährlich in ein ziviles Berufsleben. Nach Angaben des Ver­ teidigungsministeriums können ausschei­ dende Soldaten zum großen Teil einfach und ohne größere Probleme in das zivile Berufsleben einsteigen. Einen Bonus haben ausgeschiedene Offiziere bei ihren Arbeitgebern in der Industrie selten. „Grundsätzlich kommt es

auf die jeweilige Stelle an, die zu besetzen ist, und auf die fachlichen Eigenschaften“, sagt ein Sprecher des Technologiekonzerns Bosch. Ehemalige Offiziere verfügten meist über einen Studienabschluss, wie ihn auch andere Bewerber mitbrächten. Wenn die Bundeswehr­Aussteiger allerdings in Funktionen tätig waren, die nahe an zivilen Tätigkeiten wie Logistik, Personalwesen oder Instandsetzung sind, bringen diese meist handfeste Berufserfahrungen mit. Daher hätten die Bewerber aus dem militä­ rischen Bereich mindestens ebenso gute Einstiegschancen wie ihre Konkurrenten aus der Industrie, heißt es bei Bosch weiter. Dennoch müssen sie ebenso wie beim schwäbischen Nachbarn Daimler das übli­ che Bewerbungsverfahren durchlaufen. Doch es gibt auch Vorurteile gegen frü­ here Bundeswehrangehörige. „Vor allem die Befürchtung, dass es sich bei Offizieren um Führungskräfte mit Kasernenhofton handelt, die per Befehl und Gehorsam im Unternehmen führen wollen“, erläutert Stefan Busch von der ESB Business School in Reutlingen. Dort unterrichtet er Inter­ nationales Marketing­Management und bereitet aus dem Dienst ausscheidende Of­ fiziere auf das zivile Berufsleben vor. Die Vorurteile beruhten oftmals auf Unwissen­ heit in den Unternehmen oder auf persön­ liche Erfahrungen von ehemals Wehr­ pflichtigen, jetzt Personalverantwortli­ chen, die in ihrer Zeit bei der Bundeswehr auf dem Basislevel die Armee eher nicht von ihrer intellektuellen Seite kennenge­ lernt hätten. „Die Bundeswehr hat längst ein Führungssystem, in dessen Rahmen ihre Führungskräfte auch sorgfältig ausge­ bildet werden, das Selbstständigkeit, Ziel­ orientierung, Motivation und Teamgeist in den Mittelpunkt stellt.“ Markus Weber, Geschäftsführer der Personalberatung Dr. Maier + Partner, hat folgende Erfahrungen gemacht. Frühere Berufsoffiziere der Bundeswehr mit tech­ nischem Background wie Elektrotechnik, Maschinenbau oder ähnlichen Quali­ fikationen seien in der Industrie gerne gesehen, da sie über technisches Wissen und Führungsqualitäten verfügten. „Der Arbeitsmarkt für technische Führungs­ kräfte ist sehr angespannt, weshalb diese Gruppe sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat.“ Berufssoldaten mit kaufmännischem Hintergrund wie Betriebswirte oder Kauf­ leute tun sich seiner Erfahrung dagegen oft schwer, in den normalen Arbeitsalltag im Personal­ oder kaufmännischen Bereich hineinzukommen. „Ihnen fehlen gegen­ über Mitbewerbern zwölf Jahre relevante Berufserfahrung in der Industrie. Deshalb haben sie oft Schwierigkeiten, den Wechsel von der Bundeswehr in die Industrie posi­

tiv zu gestalten.“ Die Vermittlungsquote von Offizieren in die freie Wirtschaft be­ trägt nach Angaben der Bundeswehr weit über 90 Prozent. Auch bei schwierigen Fällen wird der Soldat nicht unmittelbar nach Ende seiner Dienstzeit alleingelassen, sondern bis zu sieben Jahre von der entsprechenden Stel­ le weiter beraten und betreut. Eine wichti­ ge Rolle bei der Vermittlung spielt sicher­ lich auch, dass sich über die Jahre hinweg die verschiedensten Netzwerke gebildet haben, die gleichfalls bemüht werden, um die Bundeswehr­Aussteiger in Lohn und Brot zu bringen.

Und einer, der immer wieder als Vorzei­ gekandidat genannt wird, wenn es um ehe­ malige Offiziere der Bundeswehr geht, die es im Zivilleben weit gebracht haben, ist Frank­Jürgen Weise. Der Chef der Bundes­ agentur für Arbeit und aktuelle Flücht­ lingsmanager der Bundesregierung ging nach dem Abitur zur Bundeswehr und ver­ pflichtete sich für zwölf Jahre. Er studierte dort Betriebswirtschaft und diente unter anderem als Kompaniechef. Nach dem Wechsel in die Privatwirtschaft und diver­ sen Tätigkeiten gründete Weise ein Logis­ tikunternehmen mit und brachte es erfolg­ reich an die Börse.

Studenten sitzen auf der Wiese vor der Universität der Bundeswehr in München: Die Hochschule dient der wis­ senschaftlichen Ausbildung von Offizieren und Offizieranwärtern.

KARRIEREFÖRDERUNG BEI DER BUNDESWEHR Berufsförderung Die Bundeswehr verfügt über ein ausgeklügeltes Sys­ tem der Berufsförderung, das sich an der Laufbahnzugehörigkeit und der Verpflichtungsdauer orientiert. Ihr Berufsförderungsdienst (BFD) besteht bundesweit aus 16 Dezer­ naten mit insgesamt 86 Standort­ teams, die den Karrierecentern der Bundeswehr zugeordnet sind. Die Standortteams sind seit der

Jahrtausendwende direkt an den Kasernen zu finden. Soldaten auf Zeit Zwischen 2010 und 2015 sind insgesamt etwa 5300 Offiziere aus ihrem Dienst­ verhältnis als Soldat auf Zeit ausge­ schieden, wie Matthias Gebler, Ka­ pitänleutnant vom Bundesamt für das Personalmanagement der Bun­ deswehr (Köln), erläutert. Um einen

MBA­Abschluss für Offiziere zu erhalten, brauchen die Teilnehmer, die alle einen berufsqualifizierenden Studienabschluss sowie zwei Jahre Berufserfahrung als Offizier vorwei­ sen müssen, in der Regel zweiein­ halb Jahre. Gute Englischkenntnisse sind eine weitere Voraussetzung. Zugelassen wird nicht jeder. Hierfür gibt es ein besonderes Auswahl­ verfahren. os


10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

Was für Wahrsager die Glaskugel ist, sind für Analysten lange Reihen von Zahlen und Tabellen – eine Hilfe, um künftige Trends aufzuspüren. Auf den Bildschirmen in ihren Büros laufen Informationen zu den aktuellsten wirtschaft­ lichen Entwicklungen rund um den Globus ein. Fotos: fotolia (3), Frank Eppler

Analysten blicken in die Zukunft Wichtig sind wirtschaftliches Verständnis, aber auch Fingerspitzengefühl beim Besuch in Unternehmen. Ein Gang durch die Fabrikhallen beim Kunden kann eine wertvolle Ergänzung von allerhand Präsentationen sein. Von Ulrich Schreyer Berufsprofil

I

Gerhard Wolf hat 21 Jahre lang Erfah­ rungen als Unternehmens­ analyst gesammelt.

m Büro von Gerhard Wolf und seinen Mitarbeitern steht eine ganze Reihe von Bildschirmen: „Hier laufen ständig aktuelle Wirtschaftsdaten ein“, sagt Wolf. Bei der Landesbank Baden­Würt­ temberg (LBBW) ist Wolf der Leiter einer Gruppe von Analysten, die sich mit den Themen Automobil und Maschinenbau be­ schäftigen. „Die Mischung macht’s“, meint der Analyst. „Ich schaue natürlich nicht nur auf die Daten auf dem Bildschirm, wir sprechen auch regelmäßig mit den Unter­ nehmen.“ Tatsächlich verbringt Wolf einen guten Teil seiner Arbeitszeit im Büro – einen reinen Schreibtischjob aber hat er nicht: „Das macht die Arbeit spannend“, sagt er zu seinen vielfältigen Beziehungen zu Unternehmen oder Verbänden. Gefragt ist sein Wissen nicht zuletzt in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit – je weniger übersichtlich die Entwick­ lung zu sein scheint, umso mehr wollen etwa Kunden der LBBW wissen, wie es weitergeht. „Wir sind natür­ lich nicht die Wahrsager mit der Glaskugel“, meint er. „Stattdessen versuchen wir technologische Trends und Kapitalmarktentwicklungen zu erkennen und ihre Folgen für Unternehmen und Kurse einzu­ schätzen. Sagen kann Wolf dann etwa, was pas­ siert, wenn in einem Unternehmen nichts

passiert, wenn bestimmte Märkte vernach­ lässigt werden oder auf Investitionen in neue Maschinen verzichtet wird – das könnte bis zur Pleite führen. Für seine Einschätzung dienen ihm Daten aus der weltweiten Wirtschaft, der Blick in die Bilanzen der Unternehmen, Veranstaltungen, die Firmen eigens abhal­ ten, um sich bei Analysten ein gutes Image zu verschaffen – etwa, damit diese den Kauf ihrer Aktien empfehlen und somit dem Unternehmen frisches Geld in die Kasse spülen. Daimler, BMW oder Volkswagen sind solche Konzerne, deren Bilanzen Wolf und seine Mitarbeiter unter die Lupe neh­ men, aber auch Autozulieferer wie etwa Continental oder schwäbische Mittel­ ständler aus dem Maschinenbau. Wie hat sich der Gewinn über eine längere Zeit ver­ ändert? Hat ein Unternehmen genügend Liquidität, um etwa bei einem Aufschwung neue Maschinen und Materialien zu kau­ fen? So lauten seine Fragestellungen. Und der Blick richtet sich auch auf die Entwick­ lungen rund um den Globus. Wie könnte es in China weitergehen? Was passiert nach dem Brexit­Votum? Wolf kann zwar keine konkrete Vorhersage machen, aber Szena­ rien entwickeln, aus denen sich Hand­ lungsanleitungen ableiten lassen – und sei es nur die, erst abzuwarten, statt auf über­ eilte Entscheidungen zu setzen. „Gerade die aktuelle Dieselaffäre, der Brexit und die möglichen Auswirkungen auf den Maschi­ nenbau und die Autoindustrie machen den Job besonders spannend“, findet Wolf. Analysten untersuchen vielerlei: Unter­ nehmen, Märkte, Branchen, Volkswirt­ schaften, Aktienkurse, oft sind sie auf einen dieser Bereiche spezialisiert. Ihr Wissen muss in die Tiefe gehen – die Frage ist nicht nur, ob ein Unternehmen heute Gewinn macht. Sie schauen auf den Aufwand an Materialien oder ob solche ungenützt im Lager liegen. „Man muss sich ein eigenes

WAS ANALYSTEN MACHEN, LERNEN MÜSSEN UND VERDIENEN Voraussetzungen Analyst ist nach den Angaben der Deutschen Ver­ einigung der Finanzanalysten (DVFA) mit ihren 1350 Mitgliedern kein geschützter Beruf. Jeder kann sich also Analyst nennen, so wie sich auch jeder als Unternehmens­ berater bezeichnen kann. Eine wirt­ schaftswissenschaftliche Ausbil­ dung ist nach den Angaben der Vereinigung zwar erwünscht, aber nicht unbedingt Voraussetzung. Auch der Berufsverband CFA Socie­ ty Germany – CFA steht für Char­

tered Finanzanalyst – sieht Wirt­ schaftswissenschaften, aber auch Mathematik als gute Grundlage an. Auch wer zunächst etwas anderes studiert hat, kann nach den Anga­ ben des CFA später noch umsatteln. Beide Verbände bieten auch Wei­ terbildungsmöglichkeiten an. Arbeitsgebiete Finanzanalysten arbeiten vorwiegend bei Banken, sie sind aber auch in Unternehmen und Verbänden tätig. Zudem gibt es auch freiberufliche Analysten.

Analysten untersuchen einzelne Branchen oder Firmen ebenso wie Entwicklungen an den Börsen. Gehalt Um das Gehalt wird gerne ein großes Geheimnis gemacht, auch ist die Spanne sehr breit. Unter Gehalt.de sind im Internet allerdings verschiedene Angaben zu finden. Demnach verdienen Businessanalysten in Baden­Würt­ temberg bundesweit mit monatlich 4725 Euro am meisten, gefolgt von ihren Kollegen in Bayern. ey

Bild von einem Unternehmen machen“, meint Wolf. Dazu gehören dann nicht nur Gespräche in einem möglicherweise schmucken Büro – auch ein Gang durch Fabrikhallen kann Bände sprechen. Der Beruf des Analysten ist anspruchs­ voll. Nötig sind nicht nur Verständnis für volks­ und betriebswirtschaftliche Zusam­ menhänge, gutes Englisch und mathemati­ sche Kenntnisse, sondern auch Fingerspit­ zengefühl. Findet Wolf, in einem Unter­ nehmen laufe es nicht so gut, kann er dem Firmenchef nicht direkt ins Gesicht sagen, dass er Fehler macht oder möglicherweise selbst fehl am Platze ist: „Wir versuchen, die Dinge über Fragen anzusprechen“, sagt Wolf. Die eigene Erfahrung kommt mit den Jahren, zuvor kann ein Interessent für den Analystenberuf studiert haben oder sich im Bankwesen selbst nach oben gearbeitet haben. Die meisten studierten Wirtschafts­ wissenschaft, aber in bestimmten Berei­ chen wie etwa in der Pharmaindustrie gibt es auch Analysten, die ein Chemiestudium hinter sich haben. Wolf selbst hat zunächst an der Dualen Hochschule Baden­Württemberg (DHBW), an der Beruf und Studium mitei­ nander verbunden sind, Betriebswirt­ schaftslehre studiert. Anschließend hat der 44­Jährige 21 Jahre lang Berufserfahrun­ gen als Unternehmensanalyst in der Fi­ nanzwirtschaft gesammelt, davon neun Jahre als Analyst bei der LBBW. Kunden für den Arbeitgeber von Wolf sind Unternehmen, Fonds, die Geld anle­ gen wollen, aber auch die eigene Bank. „Wir Analysten selbst haben keinen direkten Anlegerkontakt, private und institutionelle Anleger sprechen mit ihrem jeweiligen Kundenbetreuer, der sich aber von uns in­ formieren lässt. Berufsfelder gibt es viele: Bei Banken, Versicherungen, Unterneh­ men oder Wirtschaftsverbänden etwa sind Analysten gefragt. „Bei hoher Leistungsorientierung ist ein überdurchschnittlicher Verdienst mög­ lich“, sagt Wolf. Ähnlich sieht dies auch Thomas Kohrs, der an der Frankfurt School of Finance & Management Leiter des Kom­ petenzzentrums Wertpapieranlage und Vorsorge ist. „Der Verdienst hängt davon ab, welcher Anspruch an die Tätigkeit eines Analysten gestellt wird“, sagt Kohrs. Ein Wertpapieranalyst etwa könne nach einem Hochschulstudium auf ein Einstiegsgehalt von 45 000 Euro im Jahr kommen. Bei einer sehr anspruchsvollen Tätigkeit, etwa, wenn dringend ein Spezialist für ein be­ stimmtes Thema gesucht werde, könne das Jahresgehalt „ohne Probleme durchaus sechsstellig werden“. Und auch, wenn man aus dem Bankensektor immer wieder

davon höre, dass Stellen gestrichen würden – was etwa in Filialen passiere –, brauche das einen Analysten desselben Geldhauses nicht zu erschrecken: „Gute Finanzanalysten werden auch in Zukunft gebraucht“, sagt Kohrs. Dies gelte nicht nur für Banken, sondern auch für produzierende Firmen: „Man wird kein großes Unternehmen finden, das nicht eigene Analysten beschäftigt – die dann auch die Zahlen der Konkurrenz genauer anschauen. „Oh ja, ich würde empfehlen, Analyst zu werden“, meint Kohrs spontan auf eine entsprechende Frage. Sehr gutes Englisch indes sei ebenso eine Vorausset­ zung wie – der Name Analyst sagt es be­ reits – „analytische Fähigkei­ ten“. Und natürlich sollte „Aktuelle Anlässe wie ein hoffnungsvoller Aspirant Dieselskandal und die „nicht unbedingt mit der Entscheidung der Briten Mathematik auf Kriegsfuß für den Brexit machen den stehen“. Eigens Chinesisch, Rus­ Job besonders spannend.“ sisch oder eine andere Spra­ Gerhard Wolf, Maschinenbau­ che der Regionen dieser Welt und Autoanalyst bei der LBBW zu lernen, sei dagegen nicht unbedingt erforderlich. „Es kann gut sein, wenn man es kann, aber es muss nicht sein“ – es sei denn, man wolle ohnehin in einer bestimmten Region tätig werden. Anders dagegen sei das unent­ behrlich, was Historiker Quellenkritik nen­ nen: „Man darf nicht nur die Zahlen sehen, man muss auch fragen, kann ich den Zahlen vertrauen.“ Erfahrung sei dazu nötig, aber eben auch ein gewisses Gespür. Und genau deshalb könne auch ein Computer einen Analysten nicht ersetzen: „Der Computer arbeitet nur schematisch, er sagt Ja oder Nein, aber er kennt keine Zwischentöne.“ Kohrs nennt ein Beispiel: „Jetzt versuchen Sie mal, anhand von Zah­ len herauszufinden, welche Auswirkungen der britische Brexit hat. Wenn das eindeu­ tig wäre, müsste man nur den Computer mit Zahlen füttern und er spuckt dann das Ergebnis aus.“ Doch auch Analysten kön­ nen schiefliegen: „Alle haben sie damit gerechnet, dass Großbritannien in der EU bleiben wird.“ Doch auch wenn dies später keine Ga­ rantie für sichere Vorhersagen sein kann: „Wenn jemand Volks­ oder Betriebswirt­ schaft studiert hat, hat er schon eine gute Grundlage für den Beruf“, sagt Kohrs. Ohne Weiterbildung geht es aber nicht. „Es gibt Leute, die meinen, wenn ich mal zwei bis drei Tage auf ein Seminar gehe, kenne ich mich schon aus in der Analyse von Wert­ papieren. Aber so einfach ist das nicht,“ sagt Kohrs zu der Weiterbildung in dem ebenso interessanten wie anspruchsvollen Beruf.


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Heute schon die Zukunft kennen An der Universität Ulm lernen Berufspraktiker, wie sich in Unternehmen und Forschungseinrichtungen Innovationen anbahnen lassen. Das Tempo bestimmen sie selbst. Von Rüdiger Bäßler Studium

U

nternehmen gibt es, deren Na­ men sind längst zum Gattungs­ begriff ihrer eigenen Branche geworden: Zeiss etwa für den Bereich optischer Systeme, Aesculap in der Medizintechnik oder ZF, was die Autozulieferindustrie anbelangt. Aber auch die erfolgreichsten Topmanager kennen die Gefahr, im Immergleichen zu verrosten; sie alle suchen den Markt von morgen, das nächste Produkt der Zukunft und fürchten sich womöglich heimlich vor Start­ups, die irgendwo auf der Welt unbe­ merkt Fahrt aufnehmen, um eines Tages plötzlich als ein ernsthafter Konkurrent auf die Bildfläche zu treten. „Wir haben viel Kontakt zu Unterneh­ men“, sagt Leo Brecht, Studiengangleiter des Ulmer Instituts für Technologie­ und Prozessmanagement. „Wir wissen, was sie wollen.“ Das sei unter anderem, Spezialis­ ten aus dem eigenen Unternehmen zu Spürnasen all dessen zu machen, was sich in Branchen und Märkten international tut, zu Managern des unabläs­ sigen firmeninternen Wan­ dels und der Weiterentwick­ lung. Die Ulmer bieten genau das im Rahmen eines Master­ studiengangs mit dem Titel „Innovations­ und Wissen­ schaftsmanagement“ an. Er schließt mit dem Grad „Mas­ ter of Science“ ab und eröffnet damit auch den Weg zu einer Foto: Bäßler späteren Promotion. „Für mich ist das super Der Studientitel verrät schon, an wen sich das Ange­ aufgegangen. Ich hätte bot vorrangig richtet: an mich sehr geärgert, wenn Unternehmenspraktiker mit ich es nicht gemacht hätte.“ diplomierten Grundkenntnis­ sen in den Wirtschafts­, Na­ Studienabsolventin Katja Becker tur­ oder Ingenieurwissen­ schaften, an Informatiker oder Mediziner. Das wiederum wirft die Schwierigkeit auf, wie solche von den Unternehmen in den eigenen Reihen iden­ tifizierten Zukunftshoffnungen für ein komplettes Zusatzstudium freigestellt werden können. Gar nicht, lautet die Antwort der School of Advanced Professional Studies, unter deren Dach Leo Brechts Institut für Tech­ nologie­ und Prozessmanagement arbeitet. Die Geschäftsführerin Gabriele Gröger er­ klärt, dass der Master berufsbegleitend er­ worben werden kann, da ein Großteil des Studiums am „virtuellen Schreibtisch“ er­ ledigt wird, wie sie es ausdrückt. Eine ganze Reihe von Vorlesungen ist digitalisiert und am Bildschirm abrufbar. Das gilt auch für die meisten interaktiven Übungen und Fallbearbeitungen. „Man hat drei bis vier Präsenztage über das Semester verteilt. Der Rest ist online“, präzisiert Studienlei­ ter Brecht. Die Installation von Adobe Con­ nect, einer Software für Web­Konferenzen und ­Seminare, reicht für Teilnehmer im Prinzip aus. Der Einzugsbereich der Ulmer Studienanbieter umfasst aller bisherigen Erfahrung nach einen Radius von bis zu an­ derthalb Stunden mit dem Auto. Weil das Studium laut Gabriele Gröger „komplett durchmodulisiert“ ist, lässt sich das Tempo bis zum Abschluss nach Bedarf drosseln. Für jedes erfolgreich absolvierte Modul gibt es ein Zertifikat der Universität Ulm, das bei erneuter Einschreibung zu einem späteren Zeitpunkt wiederum an­ erkannt wird. Dieses portionierte Lernen

Innovationen in Gang zu setzen, sollen die Studierenden in Ulm lernen.

ist durchaus an der Tagesordnung unter den 25­ bis 40­jährigen Studentinnen und Studenten, aber es gibt laut Schul­Ge­ schäftsführerin Gröger auch Ausnahmen: „Wir erleben es manchmal, dass jemand gleich vier Module durchbucht.“ Unter­ nehmen sei zuweilen lieber, dass ihre Ange­ stellten die Qualifikation möglichst rasch durchzögen. Innovationen in Gang zu setzen, heißt vor allem, die richtigen Grundfragen zu stellen, sagt Leo Brecht. Beispiele dafür sind: Wie komme ich zu neuen Ideen? Was sind neue Technologien? Wo finde ich welt­ weite Experten, die sich auskennen und die ich ansprechen kann? Im Spezialteil Wissenschaftsmanage­ ment, der sich zum Beispiel an Mitarbeiter von Forschungsfördereinrichtungen wie das Max­Planck­Institut oder Fraunhofer­ Institute richtet, gehen die Fragen noch weiter und werden spezialisiert: Wie führe ich? Wie vermarkte ich Forschungs­ ergebnisse? Wie organisiere ich Aus­ gründungen erfolgreicher Unternehmens­ ideen? „Der Hintergrund ist, dass sich auch im Bereich der Forschungsförderung immer mehr professionalisiert“, sagt Ge­ schäftsführerin Gröger. Längst vorbei sind die Zeiten, da man sich Wissenschaftsins­ titute als verschrobene Labore vorstellen konnte, in denen ein zerstreuter Professor seiner Sekretärin mal eben sagt, sie solle doch einmal nach öffentlichen Fördertöp­ fen für dieses oder jenes Projekt herum­ telefonieren. Und wie findet man nun zum Beispiel Experten eines speziellen Fachgebiets, um sich durch sie auf den aktuellsten, neuesten Stand bringen zu lassen? Indem etwa seine Studentinnen und Studenten lernten, sagt Studienleiter Brecht, mit dem Web of Sci­ ence umzugehen, einem kostenpflichtigen Angebot, das Nutzern Zugang zu einer gan­ zen Reihe unterschiedlicher Literatur­ und Zitationsdatenbanken verschafft. Der Zu­ gang zur wissenschaftlichen Recherche­ oberfläche allein ist aber nicht die Lösung. Brecht und sein Lehrpersonal schulen im Studium, wie das Web of Science mithilfe gezielter Algorithmen durchsucht werden kann. Ein spezielles Recherchetool haben die Ulmer wesentlich mit entwickelt. Wer so etwas im Unternehmen be­ herrscht, darf sich getrost zum Beispiel Innovationsmanager nennen. Das stu­ dentische Personal für den Ulmer Mas­ tertitel kommt neben den erwähnten Unternehmen Aesculap, Zeiss und ZF zum Beispiel auch von Voith Paper oder der MAN­Tochter Renk. Die Absolventen begriffen den berufsbegleitend erworbe­ nen Master meist auch als Karriere­ sprung, weiß man in Ulm. Nicht immer sind die Laufbahnen aber so gezielt geplant. Ein Beispiel ist die frischgebackene Masterabsolventin Katja Becker, 36 Jahre alt. Sie arbeitete schon länger in der Verwaltung der Universität Ulm, war zuständig fürs Marketing und be­ gann sich ab 2012 in den Innovationsstu­ diengang hineinzutasten. Erst habe sie sich für ein Modul entschieden, im Lauf der Jahre dann immer weitergemacht. Eine Vorabsprache mit ihrem Arbeitgeber, etwa in Form einer Zielvereinbarung oder Ähn­ lichem, habe es nicht gegeben. Einen Voll­ gasstart zulasten des Berufs habe sie ge­ scheut. „Wenn man einmal Geld verdient, will man auch nicht mehr darauf verzich­ ten“, sagt sie. Ihre Masterarbeit schrieb sie schließlich während einer Elternzeit. Studieninteressenten wünscht sie „aus­ reichend Durchhaltevermögen“, denn: „Das ist ein Abschluss, der einem nicht geschenkt wird.“ Für sich selbst bilan­ ziert sie: „Für mich ist das super auf­ gegangen. Ich hätte mich sehr geärgert, wenn ich es nicht gemacht hätte.“ Ob­ wohl der Großteil der Lernarbeit da­ heim zu erledigen sei, habe sich über die Jahre ein positives Gemeinschafts­ gefühl unter den Kommilitonen he­ rausgebildet. Dass seine Studenten nicht nur nebeneinanderher agieren, sondern miteinander zu tun haben, Bünde schließen, die womöglich im späteren weiteren Berufsle­ ben fortdauern, wünscht sich auch Leo Brecht. Wer von den jüngeren Lernenden es mag, kann sich von dem Professor

Nur drei bis vier Präsenztage in Ulm erfordert der Studiengang Innovations­ und Wissenschaftsmanagement. Der Rest passiert zu Hause am Computer. Fotos: Fabian Krapp, Universität Ulm

ALLES ÜBER PUNKTE, KOSTEN UND BEWERBUNGSFRISTEN IN ULM Tempo Der berufsbegleitende Stu­ diengang Innovations­ und Wissen­ schaftsmanagement umfasst 14 Module. Dafür werden 90 Leis­ tungspunkte nach dem European Credit Transfer System (ECTS) ver­ geben. Es ist möglich, den Studien­ gang in drei Semestern in Vollzeit zu absolvieren. Das Grundkonzept sieht aber ein modulares, betriebs­ oder familienkonformes Lernen vor.

Kosten Die Studiengebühren für immatrikulierte Studierende betra­ gen 190 Euro pro Leistungspunkt. Kontaktstudierende zahlen bei Be­ legung einzelner Module 220 Euro pro Leistungspunkt. Die Anzahl der Punkte variiert innerhalb der Modu­ le. Ulm bietet auch die Möglichkeit, mehrere Module zu einem Diploma of Advanced Studies vorzunehmen. Die Kosten dafür: 5780 Euro.

nicht nur in tieferen Geheimnissen der Zahlenkunst unterweisen lassen, sondern auch manchen lebenspraktischen Rat­ schlag holen. Brecht kennt nicht nur die akademische Arbeitswelt, sondern auch die der Privat­ wirtschaft; auf beiden Seiten hat er Karrie­ reerfolge erzielt. Studiert hat der gebürtige Schweizer einst Wirtschaftsmathematik an der Universität Ulm. „Ich bin ein Kind von Ulm“, sagt er. Später ging er als „Head of Business Information Technology“ zu AEG, wechselte von dort an die Uni Sankt Gallen als Leiter eines Forschungspro­ gramms „Business Engineering“. Nicht lange, dann kamen die Anfragen in Sachen Beratung und ein erneuter Wechsel in die

Fristen Die Bewerbungsfristen für die Online­Bewerbung zum Stu­ dium (www.saps.uni­ulm.de) dau­ ern für ein Sommersemester vom 1. November bis 15. Januar, fürs Wintersemester vom 1. April bis 15. Juni. Für einzelne Module kann man sich zwischen 1. Oktober und 15. März (Sommersemester) sowie vom 1. April bis 15. September (Wintersemester) anmelden. rub

Privatwirtschaft. Der Höhepunkt war der Chefposten des Schweizer Ablegers des Be­ ratungsunternehmens Arthur D. Little (ADL). Er jagte den Umsatz nach oben, während seine Frau ihre eigene Manager­ karriere verfolgte. „Meine Frau und ich ha­ ben uns nur noch irgendwo am Flughafen getroffen“, erzählt Brecht. Fürs gemeinsa­ me Hobby, das Segeln, war auch kaum noch Zeit. Als es doch wieder einmal klappte mit dem Bootsausflug, „stand ich zwei Stunden hinten und telefonierte und sie vorne.“ Da hätten sie sich beide angeguckt und gesagt: „Geht’s noch?“ Innovativ handeln, weiß der Studienleiter, heißt eben auch, sich vom persönlichen Ehrgeiz nicht über die Gren­ zen der eigenen Kräfte treiben zu lassen.


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er nun letztlich wen überzeugt hat, Märklin zu kaufen, ist bis heute nicht abschließend ge­ klärt. Bei der Bekannt­ gabe des Deals vor gut drei Jahren hatte Mi­ chael Sieber, ein fränkischer Spielwaren­ fabrikant mit Wurzeln im Erzgebirge und Eigentümer der Simba­Dickie­Gruppe, noch gesagt, sein Sohn Florian habe ihn überzeugt. Dieser widersprach der Darstel­ lung bei seinem Antrittsinterview als neuer Märklin­Chef: „Im Endeffekt waren wir uns beide einig.“ So behalten beide ein biss­ chen recht, was in Familienbetrieben – wie ihn die Siebers bereits in vierter Genera­ tion betreiben – sicher von Vorteil ist. Der Vater Michael Sieber, Jahrgang 1956, ist im heimischen Fürth der Herr über viele Marken – neben Simba und Di­ ckie auch von Eichhorn, Big, Noris, Schuco und noch einigen mehr. Sein Sohn Florian kann sich dagegen mit ganzer Kraft einer Aufgabe widmen: der traditionsreichen Modellbahnmarke Märklin wieder in die Spur zu helfen. Der 31­jährige Betriebswirt versteht sich dabei als Mannschaftsspie­ ler – er kümmert sich um Leitung, Vertrieb und Marketing und verlässt sich in techni­ schen Fragen voll und ganz auf das Wort von Märklin­Urgestein Wolfrad Bächle. Sieber, ein begeisterter Snowboarder, ist in der Spielwarenwelt groß geworden und hat auch seine bisherige Laufbahn darin begründet. Er hat zunächst im hessischen Oestrich­Winkel studiert, später seinen Masterabschluss in Spanien und Frank­ reich gemacht. Bei Androni Giocattoli, einem italienischen Hersteller für Som­ merspielzeug, sammelte er erste berufliche Erfahrungen, bevor er 2012 ins Familien­ unternehmen einstieg und ein Jahr später seine erste Führungsaufgabe übernahm. Märklin ist heute wieder schuldenfrei, auch wenn sich die Umsätze nicht so dyna­ misch entwickeln, wie es Vater und Sohn Sieber ursprünglich erhofft hatten. Das Unternehmen beschäftigt knapp 1200 Mit­ arbeiter am Stammsitz in Göppingen sowie im ungarischen Györ und erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2015/16 (30. April) rund 96 Millionen Euro Umsatz. Ein wichtiges Projekt, an dem momentan gearbeitet wird, ist das neue Firmenmuseum auf dem Göppinger Werksgelände. Es soll „ein Be­ suchermagnet für die ganze Region wer­ den“ (Sieber) und eine Erlebniswelt für Familien. Da ist sie wieder, die Familie.

Ausgefragt

Er setzt die Tradition der Familie fo

rt

Flo rian Sie ber

ist Chef von Märklin, dem traditionsr eichen Modellbahnhersteller aus Göppingen. Im Fragebogen verrät er, wie er das Unternehmen im Team führt. Was macht einen guten Chef aus

? Die Fähigkeit, sein Team zu motivie ren. Hierzu zählt auch, zuzuhören und Verantwortung mit Entscheidun tenz zu übertragen. Ein guter Chef gskompe­ muss auch in schlechten Zeiten Vera ntwortung übernehmen und darf schw Entscheidungen nicht hinauszögern ierige . Er oder sie muss also fair, aber kon sequent führen.

Und welche Eigenschaften davon

haben Sie? Die richtige Gewichtung zwischen Freiraum und Führung zu finden, ist keine einfache Aufgabe. Ich den durch die Erfahrung in den letzten ke, dass ich Jahren mittlerweile ein gutes Maß gefunden habe. Ich musste lernen, schwierige Entscheidungen umzuset auch zen und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Dies ist nicht imm fach, aber eine konsequente und fair er ein­ e Führung wird von den Mitarbeiter n erwartet.

Wie kommt man so weit wie Sie?

Meine derzeitige Position als Geschäf tsführer bei Märklin liegt darin begr ündet, dass ich zusammen mit mei milie Gesellschafter bin und in der ner Fa­ Geschäftsführung unsere Interess en vertrete. Da meine Ausbildung rein wirtschaftlicher Natur ist, führe ich betriebs­ das Unternehmen nicht alleine, son dern habe mit Herrn Wolfrad Bäc geschätzten Kollegen an meiner Seit hle einen e. Er ist Fachmann im technischen Bereich und ein Musterbeispiel dafü man sich durch großes Engagement r, wie und viel Wissen in einem Unterne hmen hocharbeiten kann.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Auch wenn das „zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein“ eine beruflich e Laufbahn beschleunigen kann, bin von überzeugt, dass es um ein Viel ich da­ faches wichtiger ist, sich mit groß em Engagement seinen aktuellen stellen und stetig an seinen persönli Aufgaben zu chen Zielen zu arbeiten. Das Glück ist mit den Tüchtigen.

Haben Sie Vorbilder?

Ich glaube nicht, dass es Personen gibt, die in allen ihren Eigenschafte n vorbildhaft sein können. Es gab immer Personen in meinem Leben aber schon und in meiner Familie, zu denen ich wegen bestimmter herausragender schaften aufgeschaut habe. Weil ich Eigen­ sportbegeistert bin und die Olympisc hen Spiele in diesem Sommer stat nenne ich die Leistung und den Auf tfanden, tritt der beiden Beach­Volleyballeri nnen Laura Ludwig und Kira Wal Ein faszinierendes Beispiel dafür, kenhorst. wie man mit jahrelangem Trainin g und Fleiß gemeinsam auf ein Ziel und trotz Überlegenheit dem Gegner hinarbeitet Respekt zollt und seine sympathisch e Art beibehält.

Was ist typisch für Ihren Arbeits alltag? Morgens

nehme ich mir Zeit, um mich über aktuelle Themen durch die Medien meinem Kollegen in der Geschäftsfü zu informieren. Abends sitze ich mit hrung zusammen, um aktuelle Disk ussionen zu führen und wichtige Ent dungen zu treffen. schei­

Was würden Sie heute anders ma

chen? Es gab keine wichtigen Entscheidun gen in meinem Leben, die ich heute

Von wem können Sie am ehesten

anders treffen würde.

Kritik einstecken?

Ich habe gelernt, mit Kritik umzuge hen. Dies ist vollkommen unabhä ngig von der Person, die Kritik übt. überzeugt werde, dass Entscheidun Wenn ich gen in die falsche Richtung gehen, bin ich auch bereit, diese zu revidier en. Wo

mit können Kollegen Sie nerven

? Wenn sie lange Erläuterungen brau chen, um auf den Punkt zu kommen .

Und umgekehrt?

Ich glaube, dass ich manchmal etw as mehr nerven sollte.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Mit viel Engagement zu starten und Geduld zu haben, auch wenn es die Karriereleiter nicht immer gleich steil geht. Eine gewisse Nachhaltigkeit und aufwärts Konstanz zahlen sich irgendwann aus.

Was macht Sie leistungsfähig?

Steffen Rübke (43) hat Anfang September 2016 die Geschäftsführung für die Bereiche Marketing und Vertrieb bei Mairdumont in Ostfildern übernommen. Nach Stationen bei Procter & Gamble und Unilever wechselte Rübke 2011 als Vize­ Vertriebschef zu Henkel Beauty Care, wo er 2012 die Geschäftsführung für die Schwarzkopf & Hen­ kel GmbH übernahm. Uwe Zachmann (63) scheidet nach über 26 erfolgreichen Jahren Ende 2016 aus der Geschäftsführung von Mairdumont aus. „Ich danke Herrn Zachmann für die jahrzehntelange so vertrauensvolle wie erfolgreiche Zusammenarbeit und freue mich, dass wir mit Herrn Steffen Rübke einen Nach­ folger gewinnen konnten, der unsere gute Marktposition weiter ausbauen und durch seine Expertise in Verkauf und Marketing neue Impulse für die Zukunft setzen wird“, sagte Geschäftsführerin Stephanie Mair­Huydts. imf

Markus Neu

Wechsel bei Porsche­Händlern In der Händlerorganisation bei Porsche gab es Anfang September an verschiedenen Standor­ ten Führungswechsel. Markus Neu, bisher Ge­ schäftsführer der Porsche­Niederlassung Leip­ zig, wurde neuer Geschäftsführer der Porsche­ Niederlassung Stuttgart­Flughafen. Vor seiner Station in Leipzig arbeitete er in verschiedenen Positionen im Vertriebsbereich diverser Her­ steller, unter anderem als Geschäftsführer für die Porsche­Zentren Göppingen und Schwä­ bisch Gmünd. Die Porsche Deutschland GmbH hat zum 1. September 2016 das Porsche­Zen­ trum Stuttgart­Flughafen übernommen und damit das Netz der deutschen Niederlassun­ gen auf sieben Standorte erweitert. imf

Stephan Fritsch

Neuer Produktionsleiter Stephan Fritsch ist neuer Produktionsleiter bei der Richard Wolf Gruppe in Knittlingen. Er hat elf Jahre Berufserfahrung entlang der gesam­ ten Wertschöpfungs­ und Lieferketten und kennt sich in unterschiedlichen Industriezwei­ gen aus. Er verantwortet in seiner Position die weltweiten Produktionsaktivitäten der Richard Wolf Gruppe und ist für die strategische und zukunftsorientierte Aufstellung der gesamten Produktion mitverant­ wortlich. Die Richard Wolf GmbH ist ein mit­ telständisches Medizin­ technik­Unternehmen mit über 1500 Mitarbei­ tern sowie weltweit 14 Niederlassungen und 130 Auslandsvertretun­ gen. Die Firma entwi­ ckelt, produziert und vertreibt unter anderem Produkte für die Endo­ skopie und extrakorporale Stoßwellen­Behand­ lung in der Humanmedizin. imf

Ulrich Brobeil

Übernimmt Spieleverlage e. V. Der Geschäftsführer vom Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI), Ulrich Brobeil, hat auch die Geschäftsführung des Spieleverla­ ge e. V. übernommen. Die Geschäftsstelle des Verbunds der wichtigsten Spieleverlage im deutschsprachigen Raum zieht von Stuttgart nach Nürnberg und ist dort künftig unter dem Dach des DVSI angesiedelt. „Mit der Neuorga­ nisation unserer Geschäftsstelle können wir optimal alle Themen des Verbands angehen und profitieren vom großen Know­how beim DVSI“, sagte Hermann Hutter, der Vorstandsvorsitzen­ de des Spieleverlage e. V. Brobeil löste Volker Schmid als Geschäfts­ führer ab. Der 50­Jähri­ ge stammt aus Ehingen (Donau) und ist gelernter Jurist. Nach dem Studium in Konstanz arbeitete er zunächst als Anwalt und Prokurist. 2005 wechselte Brobeil als Justiziar zum Verband der Spielwaren­ industrie, dessen Geschäftsführer er seit Ok­ tober 2012 ist. Brobeil ist verheiratet und hat zwei Kinder. tht Foto: Kovalenko

Volle Konzentration auf den Job und eine Partnerin, die dies unte rstützt. Parallel sind mir die Wochenenden und Urlaube wichtig, um einen Ausgleich zu finden, in Ruh e abzuschalten und die Zeit mit Freunden zu genießen.

Von Henkel zu Mairdumont

Foto: privat

Ohne die fränkische Spielwarenfamilie Sieber würde es den Modellbahnbauer Märklin vermutlich nicht mehr geben. Für Florian Sieber (31) ist das Göppinger Unternehmen die erste Station in einer Führungsfunktion. Von Thomas Thieme

Der Märklin­Chef

Steffen Rübke

Foto: privat

Der Nachwuchsmanager

Persönliches

zu den ber (31) hat seine Liebe Märklin­Chef Florian Sie kt. dec on als Kind ent Modelleisenbahnen sch

Florian Sieber hat auch im Aus­ land studiert – heute stärkt er den internationalen Vertrieb von Märklin. Fotos: dpa

Jens von Lackum

Neuer Aesculap­Vorstand

Die Wurzeln von Märkl in reichen bis ins Jahr 185 9 zurück. Gerade entsteht ein neu es Firmenmuseum.

Jens von Lackum (39) ist seit August stellver­ tretendes Mitglied des Vorstands und Arbeits­ direktor beim Medizintechnikunternehmen Aesculap in Tuttlingen, einem Tochterunter­ nehmen von B. Braun. Von Lackum hat das neu geschaffene Vorstandsressort mit den Geschäftsbereichen Marketing & Vertrieb, Personal & Recht, Aesculap Akademie und Aesculap Marketing Communication übernom­ men. In der Position des Arbeitsdirektors folgte er auf den Vorstandsvorsitzenden Hanns­Peter Knaebel. Knaebel hat dafür den Geschäfts­ bereich Forschung & Entwicklung und Regu­ latory Affairs von Dirk Freund übernommen, der das Unternehmen verlassen hat. imf


SCHWERPUNKT: 80 JAHRE WOLFF & MÜLLER

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Bauen mit Begeisterung Vor 80 Jahren wurde in Stuttgart das Bauunternehmen Wolff & Müller gegründet. Heute gehört es mit mehr als 2000 Mitarbeitern zu den großen der Branche. Zeit für einen Rück- wie aber auch einen Ausblick auf den folgenden Seiten.

Typisch schwäbisch S

elbst große Persönlichkeiten fangen klein an. So war es auch bei Baumeister Gottlob Müller und Ingenieur Karl Wolff. In der Uracher Straße im Stuttgarter Osten eröffneten sie 1936 ein Baugeschäft, das heute zu den TopUnternehmen der Branche zählt. Mit rund 2000 Mitarbeitern an 28 Standorten im Bundesgebiet, darunter fünf im Südwesten, und einem Umsatz von 730 Millionen Euro. 2015 wurde Wolff & Müller sogar zum „Bauunternehmen des Jahres“ gekürt. Bis dahin ist viel passiert. Einige Dinge aber haben sich auch im Lauf der vergangenen Jahrzehnte nicht verändert. Erstens befindet sich die Unternehmensgruppe Wolff & Müller nach wie vor im Familienbesitz, seit 2005 geleitet vom geschäftsführenden Gesellschafter Dr. Albert Dürr, dem Enkel von Gottlob Müller. Damit bleibt das Traditionsunternehmen unabhängig vom Auf und Ab an der Börse und von Entscheidungen, die sich an der Dividende orientieren. Zweitens ist das Traditionsunternehmen nach wie vor ganz tief in seiner Heimat verwurzelt. Diese Verbundenheit zeigt sich am Firmensitz, der immer noch im Stuttgarter Stadtteil Zuffenhausen liegt – vor allem aber an den zahlreichen Bauvorhaben in der Region und in Baden-Württemberg, die Wolff & Müller in seiner Geschichte realisiert hat. Der Grundstein für die vielen Erfolge wurde mit drei Tugenden gelegt, die bei Wolff & Müller bis heute hochgehalten

Seit 80 Jahren befindet sich Wolff & Müller in Familienbesitz – ungewöhnlich in der heutigen Zeit für ein Bauunternehmen mit rund 2000 Mitarbeitern. Der Familiensinn für das Bauen hat aber über all die Jahre dem Unternehmen die Unabhängigkeit gesichert und den Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz. werden: Dank ihres schwäbischen Schaffensgeistes, ihrer Bodenständigkeit und ihrer Zuverlässigkeit werden Gottlob Müller und Karl Wolff bald mit ersten Aufträgen betraut. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zieht das Unternehmen, das damals schon 1500 Mitarbeiter hatte, mehrere Industriekomplexe hoch, vor allem für Daimler-Benz und Robert Bosch. Auch 1945 waren die fleißigen Hände der Bau-Pioniere zur Stelle, um Aufbauarbeit zu leisten. Eigenhändig sortiert Gottlob Müller mit seinen Leuten Schutt und zerkleinerte Trümmer, um daraus neue Baustoffe zu gewinnen.

MIT VIELEN BERÜHMTEN ARCHITEKTEN GEARBEITET Während der Wirtschaftswunder-Zeiten arbeitet Wolff & Müller im Brückenund Tragwerkbau mit berühmten Architekten und Ingenieuren zusammen, wie Fritz Leonhardt, dem Vater des Stuttgarter Fernsehturms. Hinzu kam das Engagement im sozialen Wohnungsbau. Parallel dazu führte der zunehmende Verkehr zur Gründung der Sparte Tiefund Straßenbau. Mit selbst produzierten

Baumaterialen und eigener Lieferkette meistert Wolff & Müller auch die nächste Mammutaufgabe: den Ausbau des Stuttgarter Hafens (1953). Ebenso erfolgreich war die Tochtergesellschaft Wolff & Müller Wohnbau, die jährlich bis zu 800 Häuser in Fertigteilbauweise errichtete. Großprojekte in Nigeria und Saudi-Arabien markieren 1976 den Start ins internationale Geschäft. Auch hierzulande geht’s kräftig voran. Wolff & Müller schafft nicht nur zusätzliche Arbeitsplätze, sondern hinterlässt unter der Geschäftsleitung von Wolfgang Dürr (ab 1977) auch weitere eindrucksvolle Spuren im Land. Als eines der ersten Bauunternehmen beteiligten sich die Stuttgarter an Vorstufen von Public Private Partnerships. Als Partner von heimischer Wirtschaft und öffentlicher Hand werden zahlreiche Projekte realisiert. Die meisten Kunden aus der Industrie sind, wie Wolff & Müller auch, mittelständische Familienunternehmen. Der Engelbergtunnel der A 81 bei Leonberg, die Jagsttalbrücke (A 6) bei Crailsheim und viele andere Verkehrsprojekte sind ebenfalls durch die Handschrift von Wolff & Müller geprägt. Das

gilt auch für diverse Stuttgarter Projekte der jüngsten Vergangenheit wie Königsund Phoenixbau oder Schwabengalerie (Vaihingen) – insbesondere aber für das berühmte Mercedes-Benz-Museum (2006): Ein weiterer großartiger Meilenstein – und der Beweis, dass das Motto des Unternehmen („Bauen mit Begeis-

QUALITÄT UND INNOVATION GEGEN BILLIG terung“) weit mehr als ein Slogan ist. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die Strategie, mit der sich der familiengeführte Betrieb von großen Konzernen unterscheidet. „Wir setzen dem Preiskampf in der Branche Qualität und Innovation entgegen“, betont Albert Dürr. „Das zeigt sich am Bereich Digitalisierung des Bauens, den wir intensiv vorantreiben, und an unserer Spezialisierung auf nachhaltiges Bauen.“ Außerdem hat Wolff & Müller sein Kerngeschäft in den vergangenen Jahren weiter gestärkt, während sich viele Konzerne immer mehr zu Dienstleistern wandeln. Hinzu kommt, dass das mittelständische Unternehmen zu einem guten Teil

nach wie vor noch selbst baut. Mit eigenem Fachpersonal und einem Höchstmaß an Qualität. Dies beruht auf der Strategie, der ein einheitliches Wertesystem zugrunde liegt. Dieses System steht unter dem Oberbegriff EPI (effektiv, partnerschaftlich, innovativ) und wird den Mitarbeitern transparent vermittelt. Folglich war es für Experten auch keine Überraschung, dass Wolff & Müller 2015 von der Technischen Universität München und dem Fachmagazin „tHIS“ zum „Bauunternehmen des Jahres“ gewählt wurde. „Diese Auszeichnung ist eine tolle Bestätigung für unsere Strategie“, sagt Dürr. Die umsichtige und detaillierte Planung eines Projekts, mit der Wolff & Müller Zeit und Kosten spart, beginnt bereits vor dem ersten Spatenstich. „In dieser frühen Phase schaffen wir die Grundlage, wie funktional und rentabel sich ein späteres Bauwerk betreiben lässt“, erklärt Dürr. Außerdem betrachtet das Unternehmen Bauen als Prozess, der nur im Dialog zwischen allen beteiligten Partnern zum Erfolg führt. In diesem Rahmen erarbeitet das Unternehmen Lösungen, um Gebäude und Anlagen so innovativ und effizient wie möglich zu gestalten. Dies basiert auf dem nach dem Firmengründer benannten Gottlob-Müller-Prinzip, unter dem das Unternehmen sein Nachhaltigkeitsengagement bündelt, sowie dem digitalen Planen und Bauen. Gerhard Hörner

Nachhaltigkeit, die sich rechnet Das Gottlob-Müller-Prinzip steht für Nachhaltigkeit beim Bauen: Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich.

W

enn Unternehmen sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben, ist das in doppelter Hinsicht zukunftweisend: Ein schonender Umgang mit Ressourcen schont nicht nur die Umwelt, er senkt im Idealfall auch Kosten. Nachhaltigkeit hat bei Wolff & Müller eine sehr lange Tradition. Firmengründer Gottlob Müller lief von Beginn an über die Baustellen und wies seine Mitarbeiter sehr ernsthaft darauf hin, wenn sie achtlos mit dem Material umgingen. Wenn da eine Kiste mit Nägeln im Dreck lag, schimpfte er: „So geht man nicht mit

Geld um.“ Heute würde man sagen, er wollte Ressourcen schonen und „Verschwendungen“ vermeiden. Aus Umweltgründen vielleicht, sicher aber aus wirtschaftlichen Gründen. Schließlich war er ein „echter Schwob“. So hat sich in den vergangenen Jahren im Unternehmen der Begriff GottlobMüller-Prinzip etabliert. Er bündelt Werte, die dem Firmengründer wichtig waren: verantwortlicher Umgang mit Ressourcen, Mitarbeitern, Kunden und Baupartnern. Weil Müller eben wusste, dass diese Punkte die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens auf lange Sicht entscheidend beeinflussen. Nur ein Beispiel von vielen: Durch den Einsatz von Leerlaufabschaltung auf den Baustellen spart Wolff & Müller nicht nur 600 Tonnen CO2 pro Jahr ein, sondern auch 300 000 Euro – Nachhaltigkeit, die sich rechnet. Dass das Stuttgarter Unternehmen im

Bereich nachhaltiges Bauen eine Vorreiterrolle hat, belegte auch die Wahl unter die Top Drei der nachhaltigsten Unternehmen mittlerer Größe beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2014. Auch hier wurde nicht nur die ökologische Dimension von Nachhaltigkeit bewertet, sondern auch die soziale und die ökonomische Komponente. Mittlerweile umfasst nachhaltiges Bauen eine Vielzahl unterschiedlichster Maßnahmen, beispielsweise auch im Bereich der Schwarzarbeitsprävention oder der Baupartnerschaften. Das GottlobMüller-Prinzip vereint alle Aspekte, die dazugehören. Es erklärt sehr eindeutig, was das Unternehmen antreibt. „Der Begriff Gottlob-Müller-Prinzip führt zwei Ansätze zusammen, die in unseren Köpfen allzu oft im vermeintlich absoluten Widerspruch stehen: Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Als dem

Erfolg verpflichtetes Wirtschaftsunternehmen ist es aber zunächst unsere oberste Pflicht, nach eben diesem Erfolg zu streben. Und daher muss es uns gelingen, Themen der Nachhaltigkeit so anzugehen, dass sie zur Wirtschaftlichkeit des Unternehmens beitragen“, sagt der Enkel des Firmengründers, Dr. Albert Dürr. Dass das sehr wohl geht, hat unter anderem das Beispiel mit der StartStopp-Automatik unter Beweis gestellt. „Wenn wir davon noch viele Ideen entwickeln, bin ich überzeugt, mein Opa wäre stolz auf unseren Ansatz und stünde diesem Prinzip als Schirmherr gern zur Verfügung. Und das soll uns auch antreiben: Stellt Gottlob Müller nämlich fest, dass sein Name als Marketing-Gag verwendet wurde, dürfen wir wohl damit rechnen, dass er uns gemeinsam posthum noch die Ohren lang zieht. Und das zu Recht.“ red

Das Gottlob-Müller-Prinzip der Nachhaltigkeit geht auf den Firmengründer Gottlob Müller zurück. Foto: Wolff & Müller


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SCHWERPUNKT: 80 JAHRE WOLFF & MÜLLER

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„Bestand und Erfolg vor Wachstum“ H

err Dürr, viele Bauunternehmen wandeln sich zu Kapitalgesellschaften, Wolff & Müller ist seit seiner Gründung 1936 in Familienbesitz. Was ist Ihr Erfolgsrezept? Die Familie als Gesellschafter steht mit Herz und Substanz hinter dem Unternehmen. Wir nehmen das erwirtschaftete Vermögen nicht aus der Firma, sondern stellen es wieder zur Verfügung. Wir denken langfristig und haben den Willen und den Atem, die verschiedenen Zyklen der Unternehmensentwicklung konsequent zu begleiten. Bei uns gilt nicht „Wachstum ist alles“, sondern „Bestand und Erfolg gehen vor Wachstum“.

Mehr als 2000 Mitarbeiter, 28 Standorte und eine Vielzahl an Projekten, die es zu verantworten gilt: Wie führt man ein großes Bauunternehmen wie Wolff & Müller? Was muss getan werden, um den Konzern zukunftsfähig zu machen? Welche Maßnahmen sind notwendig, damit die Mitarbeiter motiviert sind? Dr. Albert Dürr, geschäftsführender Gesellschafter bei Wolff & Müller, steht Rede und Antwort.

weise und Umsetzung von Bauprojekten. Ziel ist, das Beste aus Zentralität und Dezentralität zu kombinieren. Warum ist Ihnen die Bekämpfung der Schwarzarbeit so wichtig? Schwarzarbeit ist mit unserem Geschäftsverständnis und unserer Unternehmenskultur einfach nicht zu vereinbaren. Deshalb unternehmen wir weit über das gesetzlich vorgeschriebene Soll hinaus alles in unserer Macht Stehende dagegen. Wir haben zusammen mit den Zollbehörden ein Präventionsprogramm aufgebaut, das wir ständig weiterentwickeln. Alle unsere Poliere, Bauleiter und Einkäufer sind darin geschult, schwarze Schafe bei Nachunternehmen zu erken-

Sehen Sie sich als regionaler oder als deutschlandweiter Baukonzern? In Deutschland hat Wolff & Müller 28 Standorte, an denen wir in puncto Größe und Leistungsangebot unterschiedlich aufgestellt sind. Weil der Hauptsitz seit 1936 Stuttgart ist und in den vergangenen 80 Jahren hier die stärkste Prägung war, haben wir in der Region einen gewissen Schwerpunkt. Aber auch an unserem zweitältesten Standort Künzelsau oder etwa auch in Dresden sind wir seit Langem stark verwurzelt. Lassen Sie mich es so sagen: Wir fühlen uns durchaus als deutschlandweit aufgestelltes Unternehmen, aber mit regionaler Verankerung an den Standorten. Es ist für unser Geschäft enorm wichtig, vor Ort beim Kunden und unseren Baupartnern zu sein.

„WIR BEKENNEN UNS ZUM SCHWERPUNKT BAUEN“ nen. Wir haben extra eine eigene Einheit eingerichtet, die Baupartner über Themen wie Schwarzarbeit oder Scheinselbstständigkeit aufklärt. Zehn Mitarbeiter reisen ständig durch ganz Deutschland, um die Baustellen vor Ort zu kontrollieren. Wir begrüßen es sehr, dass die öffentliche Hand sich deutlich stärker des Themas Schwarzarbeit annimmt. Wo steht Wolff & Müller 2036, wenn Sie 100 Jahre alt werden? Wir bekennen uns auch in Zukunft zum Schwerpunkt Bauen in Deutschland. Das ist die klare Ausrichtung, mit der wir uns als Familienunternehmen wohlfühlen. Das wollen wir weiterentwickeln und ausbauen – sowohl was das Know-how im Kerngeschäft angeht, als auch was die vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsstufen betrifft. Wir freuen uns insbesondere über die gute Entwicklung unserer Rohstoff- und Dienstleistungsbereiche, die unser Kerngeschäft direkt unterstützen. Nicht erst 2036, sondern schon in naher Zukunft wird die Digitalisierung zu ganz gehörigen Veränderungen unseres Arbeitens führen. Wir freuen uns auf die vielen neuen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben und bei denen wir auch gemeinsam mit unseren Partnern weiterhin vorne mit dabei sein wollen. Aber ein anderes, ganz aktuelles Thema liegt mir noch am Herzen.

Freuen Sie sich über die vielen Auszeichnungen, zum Beispiel als Bauunternehmen des Jahres 2015 und als bester mittelständischer Arbeitgeber? Ja, natürlich sind wir darauf stolz. Schlussendlich nehmen wir diese Auszeichnungen aber als Gradmesser, die zeigen, wir sind auf dem richtigen Weg,

„ANERKENNUNG FÜR DIE GESAMTE BELEGSCHAFT“ wohl wissend, dass noch viel zu tun ist. Eine Ehrung fällt nicht so einfach vom Himmel, es steckt Arbeit dahinter, daher ist es eine Anerkennung für die gesamte Belegschaft. Im Baugeschäft ist es sehr wichtig, motivierte Mitarbeiter an Bord zu haben. Von den Einzelentscheidungen auf den verschiedenen Baustellen und in den Büros vor Ort hängt viel ab. Was tun Sie, um Fachkräfte für das Bauen und Ihr Haus zu begeistern? Vor allem in diesen Boomzeiten stehen wir in einem harten Wettbewerb um Arbeitskräfte. Wir haben mit anderen Unternehmen die Initiative „Deutschland baut!“ gegründet, um mehr junge Menschen für den Bau zu begeistern. Die Branche hat zu Unrecht ein angestaubtes Image. Forschungszentren, Schulen oder Brücken zu bauen, ist mindestens so spannend, wie etwa Autos zu bauen. Darüber hinaus arbeiten wir sehr eng mit den Hochschulen zusammen, bieten Praktika, Werkstudententätigkeiten und Traineeprogramme an. Unsere bestehenden Mitarbeiter unterstützen wir gezielt in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung, etwa mit unserer hauseigenen Akademie. Welche Rolle spielen Flüchtlinge bei der Suche nach Arbeitskräften? Über die Jahrzehnte wurden bei uns sehr gute Erfahrungen mit ausländischen Mitarbeitern gemacht. Bei uns arbeiten Menschen mit etwa 42 Nationalitäten. Das Thema Flüchtlinge begreifen wir als Chance. Aktuell durchlaufen etwa 20 Flüchtlinge ein eigens ausgearbeitetes Programm, das sie fit für eine Festanstellung macht – angefangen bei der Sprache bis zur fachlichen Ausbildung. Unmittelbar bevor steht ein vergleichbares Programm für Azubis. Die Programme halten den Kriterien des klassischen Arbeitsmarkts stand, das ist sehr wichtig. Flüchtlinge wollen wir allein der Fairness halber aber nicht anders behandeln als potenzielle Kollegen vom klassischen Arbeitsmarkt. Wo geht die Branche hin? Die Digitalisierung ist ein sehr starker

Dr. Albert Dürr, geschäftsführender Gesellschafter von Wolff & Müller

Impulsgeber in allen Branchen und bringt große Chancen mit sich. Doch zunächst gilt es genau zu definieren, was wir damit überhaupt erreichen wollen. Am Anfang steht also die sehr detaillierte Beschreibung der Prozesse und des späteren Solls. Ich kann nicht digitalisieren, was ich nicht vorher verstanden und genau definiert habe. Am Bau wird gern nach dem Motto verfahren: „Wir fangen schon mal an und sehen dann weiter“. Das ist natürlich nicht optimal, zumal Bauwerke immer komplexer werden. In Summe geht es darum zu erkennen, dass nicht jeder Bauprozess ins kleinste Detail zu definieren oder zu reproduzieren ist, aber andersherum auch nicht alles unter dem Diktat des Unikats betrachtet werden muss. Es gilt, den richtigen Mix aus maximal möglicher Standardisierung und zugleich maximal nötiger Individualisierung zu finden. Können Sie das näher erläutern? Unsere Kunden wollen in der Regel nicht das Produkt von der Stange. Wir wollen trotz aller Digitalisierung Räume für Individualität erhalten. Für mich ist wichtig, dass es wie eben beschrieben nicht nur Schwarz oder Weiß gibt, sondern viele Nuancen dazwischen. Daran arbeiten wir. Wie weit sind Sie bei der Einführung digitaler Planungsprozesse, etwa dem BIM (Building Information Modeling)? Wir haben BIM schon seit 2009 schritt-

weise im Unternehmen eingeführt und waren damit Vorreiter. Der Grundsatz – erst digital und dann real bauen – hat für Bauherren viele Vorteile, allen voran mehr Planungs- und Kostensicherheit. Zurzeit haben wir ein Pilotprojekt, bei dem erstmals in Deutschland die komplette Haustechnik zuerst in einem digitalen Modell simuliert wurde. Dadurch können wir bereits im Planungsprozess erkennen, wo Probleme liegen, die später in der praktischen Umsetzung vor Ort nur mit Mehraufwand zu lösen wären. Bei unserem Pilotprojekt konnten wir mehr als 100 solcher sogenannten Kollisionen erkennen und Alternativen simulieren. Das ist alles schon recht spannend, aber tatsächlich steht die digitale Revolution im Bauwesen noch ganz am Anfang. Ich freue mich, dass wir da vorne dabei sein dürfen und immer mehr Befürworter und Mitstreiter finden, gerade auch auf Kunden- und Planerseite. Wie wichtig ist Ihnen Tradition? Uns liegt die Identifikation mit der Geschichte von Wolff & Müller am Herzen, ebenso ist der Blick nach vorne von Bedeutung. Mit Tradition allein lässt sich ein Unternehmen nicht erfolgreich in die Zukunft führen. Man muss sich ihrer bewusst sein, darauf aufbauen und sie als integratives Element im Unternehmen verankert wissen, weil es Identität schafft. Haben Sie den Eindruck, dass die etwa

Foto: Frank Eppler

2000 Mitarbeiter sich als Teil einer großen Wolff & Müller-Familie verstehen? Ich kann nicht für jeden einzelnen sprechen, aber im Gros der Belegschaft stellen wir fest, dass die Mitarbeiter mit Stolz von sich sagen, dass sie bei Wolff & Müller arbeiten. Das gilt für Stuttgart ebenso wie für die Niederlassungen. Das freut mich besonders, da die dezentrale Aufstellung über 28 Standorte eine Herausforderung ist. Wir sind eine große Firmengruppe und es sind die Menschen, die unser Unternehmen prägen. Für Beständigkeit spricht auch, dass wir über die Gruppe hinweg eine durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von circa zwölf Jahren haben. Nicht nur ich bin in der dritten Generation bei Wolff & Müller, wir haben durchaus auch Kolleginnen und Kollegen, bei denen bereits der Großvater oder sogar der Urgroßvater bei uns gearbeitet hat. Wie werden die Standorte gemanagt: von Stuttgart aus oder mit viel Eigenverantwortung? Die Baubranche ist seit Langem durch eine sehr dezentrale Organisation geprägt. Das leben wir auch, denn die Führungskräfte zeichnen am Ende des Tages für die Ergebnisse in ihrem Bereich verantwortlich. Aber wir wollen durchaus, dass an allen Standorten die gleichen Strukturen herrschen – zum Beispiel im Einkauf bei der Beschaffung von Material oder eben bei der Art der Herangehens-

Welches? Die Deutschen leben nicht nur in Luxusapartments, ich sehe daher einen enormen Rückstand im Wohnungsbau. Wir müssen Antworten finden und Kapazitäten schaffen, was bezahlbares Wohnen angeht. Auch beim Bau von Straßen und der Sanierung von Brücken – regional wie überregional – besteht Nachholbedarf. Bei der Infrastruktur sind wir bereits gut aufgestellt, es ist Aufgabe der öffentlichen Hand, die richtigen Weichen zu stellen, damit die notwendigen Maßnahmen umgesetzt werden können. Beim Wohnungsangebot ist das deutlich komplexer und es müssen weit mehr Parteien zusammenkommen, um endlich wirklich wirksame Konzepte zu entwickeln. Die Fragen stellten Reimund Abel und Ingo Dalcolmo.

Z U R P ER S O N Dr. Albert Dürr Dr. Albert Dürr (Jahrgang 1975) ist geschäftsführender Gesellschafter der Wolff & Müller Gruppe. Er studierte Betriebswirtschaft in Tübingen, Berlin und Wien. Im Jahr 2004 promovierte der Diplom-Kaufmann. Seit 2005 ist er im Stuttgarter Familienunternehmen Wolff & Müller tätig. Als Enkel des Firmengründers Gottlob Müller führt er die Unternehmensgruppe in dritter Generation. Dr. Dürr verantwortet die Bereiche Rohstoffe, Baustoffe und Dienstleistungen. Seit November 2015 ist er Präsident des Deutschen Instituts für Normung (DIN). Darüber hinaus engagiert er sich im Bundesvorstand des Wirtschaftsrats Deutschland. red


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SCHWERPUNKT: 80 JAHRE WOLFF & MÜLLER

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Bleyle Quartier in Ludwigsburg: Wolff & Müller hat das ehemalige Fabrikgelände in ein lebendiges Stadtquartier verwandelt. Fotos: Werner Kuhnle/dpa

Breites Spektrum an Bauprojekten O

berbauleiter Philip Kircher hat schon viele Projekte von Wolff & Müller betreut. Doch in Heilbronn wurde selbst der erfahrene Bauingenieur überrascht. Kurz nach dem Baustellen-Start stießen er und sein Team auf dem Gelände der Bundesgartenschau Heilbronn 2019 auf rund 13 Tonnen Kampfmittel: Patronen, Zünder, Granaten, Minen, Panzerfäuste, Sprengstoff – sowie eine eine Tonne schwere Flugabwehrkanone. „Solche Mengen hatten wir zuvor noch nie gefunden“, sagt er. Kein Grund zur Panik. Unter Anleitung des Kampfmittelräumdienstes wurden die aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Überbleibsel geborgen und entschärft. Tatkräftige Unterstützung leistete Wolff & Müller. Das Unternehmen rückte mit 25 Mitarbeitern und fünf Spezialbaggern an, die mit Stahlplatten und Panzerglasscheiben gesichert waren. Mittlerweile kann sich Wolff & Müller auf dem Bundesgartenschau-Gelände wieder seiner eigentlichen Arbeit widmen: dem Bau von zwei Seen mit einer Gesamtfläche von 30 000 Quadratmetern. Sie gehören zum neuen Stadtquartier „Neckarbogen“, dessen erster Bauabschnitt Teil der Bundesgartenschau Heilbronn 2019 ist und bereits bewohnt wird. Bereits einen großen Schritt weiter ist ein Projekt in Ludwigsburg, an dem Wolff & Müller als Generalunternehmer beteiligt ist: Das Fabrikgelände der früheren Strickwarenfabrik Bleyle am Bahnhof hat sich im Zeitraum von vier Jahren in ein ebenso lebendiges wie attraktives

Jahrzehntelange Erfahrung und große Kompetenz: Wolff & Müller plant und realisiert in ganz Deutschland Bauprojekte. Das umfasst so unterschiedliche Herausforderungen wie die Bundesgartenschau in Heilbronn, den Rosensteintunnel in Stuttgart und ein Labor- und Bürogebäude in Heidelberg. Dabei können sich die Partner von Wolff & Müller auf ein Höchstmaß an Flexibilität sowie Kostentreue verlassen.

Stadtquartier verwandelt. Die Mieter für das neue Wohn- und Geschäftsgebäude waren schnell gefunden. Neben einer Kindertagesstätte, Büros und einem Hotel sind auch ein Café, ein Reisebüro, eine Privatschule sowie mehrere Gesundheitspraxen eingezogen. 2015 wurde das Parkhaus um vier weitere Geschosse aufgestockt, für ein Apartmenthotel, auch als Boardinghouse bezeichnet, 55 Studenten- und elf Mietwohnungen. Das Konzept der gemischten Nutzung hat auch den Verband Immobilienwirtschaft Stuttgart überzeugt, der das Projekt mit einer Anerkennung auszeichnete. Im Rahmen des Großprojektes B-10Rosensteintunnel spielt Wolff & Müller eine wichtige Rolle. Bis zum Jahr 2020 sollen zwei Röhren den Stuttgarter Verkehrsknotenpunkt Pragsattel mit dem Leuze verbinden und für Verkehrsentlastung sorgen – ohne bauliche Eingriffe in den Rosensteinpark und die Wilhelma. Außerdem sind in diesem Bereich sowie am Neckarufer attraktive Wege für Fußgänger und Radfahrer geplant. Wegen der großen Erfahrung mit Labor- und Forschungseinrichtungen

sowie anspruchsvollen Rohbauten bekam Wolff & Müller auch den Zuschlag für das Projekt „SkyAngle“: ein sechsgeschossiges Labor- und Bürogebäude (20 000 Quadratmeter Nutzfläche) auf dem Heidelberger Bahnstadt-Campus. Dort sollen sich Wissenschaftler und Wirtschaftsunternehmen ansiedeln und gemeinsam forschen. Ein europaweit zukunftweisendes Projekt – auch aus energetischer Sicht: Alle Gebäude werden nach Passivhaus-Standard gebaut. Der Rohbau für das Zentralgebäude auf dem neuen Forschungscampus der Robert Bosch GmbH in Renningen stammt ebenfalls von Wolff & Müller.

ZUVERLÄSSIGER UND KOMPETENTER PARTNER Bei vielen mittelständischen Familienunternehmen aus der Industrie genießt Wolff & Müller einen exzellenten Ruf. Walter Bartholomä, Projektmanager beim Fluid-Spezialisten Bürkert aus Criesbach (Hohenlohe), schwärmt geradezu von der „vollen Power“ der Unternehmensgruppe. „Wir schätzen Wolff &

Müller als zuverlässigen und kompetenten Partner, der die Anforderungen beim Bauen im Mittelstand sehr genau kennt.“ Folglich wurde das Familienunternehmen auch als Generalunternehmer für das größte Bauprojekt in der Firmengeschichte von Bürkert (Investitionssumme 30 Millionen Euro) engagiert: einen neuen Campus mit mehr als 21 000 Quadratmetern, der Produktionsgebäude, Büros, Hochregallager, Ausbildungszentrum, Casino sowie eine Tiefgarage umfasst. Eine große Herausforderung, nicht nur wegen des extrem straffen Zeitplans (16 Monate Bauzeit) und der hohen Auflagen für den Hochwasserschutz. Außerdem mussten die Bauarbeiten während laufender Produktion durchgeführt werden. Wolff & Müller meisterte auch dies. „Absolut kostentreu und mit einem hohen Maß an Flexibilität“, wie Bartholomä berichtet. „Mit diesem Partner haben wir einen Volltreffer gelandet.“ So konnte das neue Betriebsgelände wie geplant am 17. September 2016 eingeweiht werden – zur Feier kam auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Wolff & Müller realisiert ein ähnliches

Projekt in Kornwestheim. Auf dem Areal des Finanzkonzerns Wüstenrot & Württembergische entstehen derzeit zwei Bürogebäude für 1200 Mitarbeiter, inklusive Rechenzentrum. Hinzu kommen zwei Parkhäuser mit 880 Stellplätzen. Wolff & Müller leitet die Arbeitsgemeinschaft, zu der zwei weitere Bauunternehmen gehören. „Qualität, Termin- und Kostensicherheit haben dabei oberste Priorität“, betont Tom Gunold, Projektleiter bei Wolff & Müller. „Eine bauliche Herausforderung ist etwa der hohe Anteil an Sichtbeton. Er entscheidet über die optische Qualität der Gebäude und erfordert eine genaue Planung, eine exakte handwerkliche Ausführung und eine optimale Abstimmung aller Beteiligten.“ Großes Fachwissen, viel Erfahrung sowie diverse Spezialgeräte benötigt auch die PST Spezialtiefbau Süd – zum Beispiel in Frankfurt/Main, wo direkt neben der Alten Oper ein exklusives Büro- und Geschäftshaus mit Fünf-Sterne-Hotel und Luxuswohnungen gebaut wurde. Die Tochter von Wolff & Müller stellte bei diesem Projekt eine 20 Meter tiefe Baugrube und eine sogenannte Bohrpfahlwand her, die mithilfe von Ankern gesichert wird. Bei der Arbeit der Spezialtiefbau-Experten wurden interessante Entdeckungen gemacht. Zum einen stieß man auf eine 120 Meter lange historische Stadtmauer. Zum anderen fanden Paläontologen das ungefähr 20 Millionen Jahre alte Fossil eines Urzeitfischs – das älteste jemals gefundene Lebewesen Frankfurts. Gerhard Hörner

Höchstmaß an Qualität garantiert Mit den Geschäftsbereichen Bauleistungen, Bau- und Rohstoffe sowie Dienstleistungen bietet Wolff & Müller ein breites Portfolio.

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nternehmen und Menschen, die vorgeben, alles zu können, können meist nichts richtig. Wolff & Müller verfolgt bewusst eine andere Strategie. „Wir fokussieren uns auf die Segmente des Bauens, die wir wirklich beherrschen“, betont Albert Dürr, geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens. „Nur so können wir unseren Kunden ein Höchstmaß an Qualität bieten.“ Mit den Geschäftsbereichen Bauleistungen, Bau- und Rohstoffe sowie Dienstleistungen ist das Unternehmen gruppenweit breit aufgestellt, in den einzelnen Einheiten/Teams zugleich aber hochspezialisiert. So begleitet Wolff & Müller seine Kunden im Hoch- und Industriebau durch alle Projektphasen: angefangen bei der Idee über den detaillierten Planungsprozess bis zur Fertigstellung. Egal, ob es um den reinen Rohbau,

um schlüsselfertige Projekte oder Bauen im Bestand geht. Zum Portfolio im Hoch- und Industriebau zählen Hotel-, Geschäfts- und Verwaltungseinheiten, Industrie- und Gewerbegebäude, Einkaufszentren sowie Forschungseinrichtungen. „Unser Kernmarkt ist aber der typische Neu-, Umoder Erweiterungsbau im einstelligen Millionenbereich. Verwaltungsgebäude oft in Kombination mit Produktions- und Lagerhallen für unsere mittelständischen Industriekunden, zumeist Familienunternehmen wie wir.“ Im Segment Ingenieurbau realisiert das Unternehmen hochmoderne Infrastrukturprojekte. Ein Beispiel ist die neue Schrägseilbrücke im hessischen Raunheim mit einem 52 Meter hohen Pylon und imposanten Seilabspannungen. Solche Schrägseilbrücken erfordern immer eine große Einbaugenauigkeit. Weil die Raunheimer Brücke eine Bahnstrecke überspannt, musste das Bauteam zudem feste Bahnsperrzeiten einhalten – eine logistische Herausforderung. Eine weitere Stärke des Unternehmens ist der Bau von Tragwerken aus Stahl mit großen Spannweiten und

transparenten Fassaden. Neben dem Neubau ist es Wolff & Müller ein Anliegen, Bestehendes zu erhalten und somit Werte zu bewahren. Deshalb gehört die Bauwerkssanierung ebenfalls zu einem wichtigen Geschäftsbereich. Dies umfasst zum einen den Asphaltbau, das heißt die Fertigung von Gussasphaltbelägen und Abdichtungen im Wohnungsund Industriebau sowie auf Parkdecks, Straßen und Brücken. Hinzu kommt die Instandhaltung von Brücken und anderen Bauwerken. Ein regional bekanntes Projekt ist die Rommelsmühle in Bietigheim-Bissingen, die 2006 unter der Regie von Wolff & Müller umgebaut wurde. Im Tief- und Straßenbau erstreckt sich das Spektrum vom Tief- und Kanalbau über die Baugebietserschließung bis zur kompletten Ortskernsanierung. Dabei setzt Wolff & Müller auf hochentwickelte Lösungen im Infrastruktur- und Verkehrswesen. Vor allem bei Gleis-, Straßen- und Tunnelarbeiten sowie Großbaustellen

ist es wichtig, die Verkehrseinschränkungen auf ein Minimum zu reduzieren. Gewährleistet wird dies durch fachliche Kompetenz und effiziente Baulogistik. Eine zusätzliche Kernkompetenz von Wolff & Müller sind die Planung, Beratung und Ausführung von anspruchsvollen Spezialtiefbau-Projekten im In- und benachbarten Ausland. Das Know-how dafür hat das Unternehmen dank seiner Innovationskraft und moderner Maschinentechnik stetig weiterentwickelt. Noch ein Blick auf den Geschäftsbereich Bau- und Rohstoffe: Die Wolff & Müller Baustoffe GmbH zählt zu den bedeutendsten Herstellern von mineralischen Rohstoffen in Deutschland und Europa. Mit den Werken Haida und Quedlinburg zählt das Unternehmen zu einem der größten Produzenten von hochwertigem Quarzsand- und -kies, die in Gießereien, in der Bauchemie, der Wasseraufbereitung oder für den Bau von Sportund Freizeitanla-

gen Anwendung finden. Kunden können die Sande oder Kiese sogar online ordern. Die Qualitätsware kommt dann direkt ins Haus. Im Jahre 2010 wurde in Bulgarien das erste Vermiculitwerk Europas eröffnet. Dieses Industriemineral ist sehr vielseitig. So hat es die Eigenschaft, sein Volumen durch Erhitzen um das 30-Fache zu vergrößern. Es wird in der Dämmstoffindustrie, für den Brand- und Schallschutz sowie als Verpackungsmaterial eingesetzt. Abgerundet wird das Portfolio durch den Geschäftsbereich Dienstleistungen. Die Wolff & Müller Immobilienservice GmbH zum Beispiel verwaltet den firmeneigenen Bestand an Wohnund Gewerbeanlagen. Auch der ganzheitliche Service des Facility Managements gehört zum Leistungsspektrum. Nicht zuletzt zählt die Wolff & Müller Einkaufspartner GmbH zum Geschäftsbereich Dienstleistungen: Durch lange Erfahrung und Know-how im Bereich der Beschaffung können Unternehmen, ganz gleich welcher Größenordnung, von optimierten Einkaufskonditionen und vor allem in der Beratung vom Know-how der Beschaffungsexperten profitieren. Gerhard Hörner


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SCHWERPUNKT: 80 JAHRE WOLFF & MÜLLER

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Erst digital, dann real bauen D

ie „Neue Mitte“ in Leonberg nimmt Form an. Innerhalb dieser städtebaulichen Gesamtplanung vor den Toren Stuttgarts wird auch das Rathaus neu gebaut. Und neben seiner repräsentativen und politischen Funktion – alle Ämter der Stadt werden zusammengeführt – hat das siebengeschossige Stadthaus mit seiner zeitlosen Lochfassade aus Naturstein sowie dem glasbedachten Atrium noch eine andere wichtige Aufgabe: Es soll der Brückenschlag zur Innenstadt sein. Die europaweite Ausschreibung für das ambitionierte Projekt hatten im Jahr 2014 Schaller Architekten und Wolff & Müller als ausführendes Bauunternehmen gewonnen. Sie legten das beste Konzept in Sachen Städtebau, Architektur, Funktionalität, Qualität, Energiekonzept und Preis vor. Das Besondere: Beim Rathaus Leonberg wird seit der Entwurfsplanung Building Information Modeling (BIM) eingesetzt, eine Methode der Gebäudedatenmodellierung. Wolff & Müller, eines der führenden Bauunternehmen Deutschlands in privater Hand, gehört zu den BIM-Pionieren. Und in Projekten wie in Leonberg können die Mitarbeiter die Methode weiterentwickeln. Die Krux: Noch gibt es in Deutschland keine allgemeingültigen

Wolff & Müller ist mehrfach ausgezeichneter Vorreiter beim digitalen Planen und Bauen, das von Experten als Building Information Modeling oder kurz BIM bezeichnet wird. Diese Technologie bedeutet nicht weniger als eine Revolution der Baubranche. Der gesamte Lebenszyklus eines Projekts kann virtuell abgebildet werden, ebenso erhalten alle Beteiligten Zugriff auf die Steuerungsprozesse oder die Datenbanken.

BESSERE KOMMUNIKATION: DIGITAL WIE DIREKT

DIGITALE REVOLUTION IN DER BAUWIRTSCHAFT BIM-Richtlinien. Ein solches verlässliches Regelwerk für BIM fordern indes die Planungsbüros und Bauunternehmen, die seit Jahren begeistert damit arbeiten. „Die digitale Revolution in der Bauwirtschaft wird derzeit von überzeugten Praktikern vorangetrieben“, betont Dr. Matthias Jacob, technischer Geschäftsführer der Wolff & Müller Holding. Vor Kurzem hat Alexander Dobrindt, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, eine Offensive zur Digitalisierung der Baubranche gestartet: Das Building Information Modeling (BIM) soll ab 2020 für die Planung und Realisierung großer Infrastrukturprojekte verbindlich sein. Er hat einen Stufenplan Digitales Planen und Bauen vorgelegt sowie eine Reformkommission Bau von Großprojekten ins Leben gerufen. Deren Grundsatz: „Erst digital, dann real bauen“. Das digitale Planen und Bauen solle bundesweit zum Standard werden, so Dobrindt. Doch wie funktioniert BIM? Es ermöglicht mithilfe von Rechner und Software in fünf Dimensionen zu planen und zu bauen. Neben der 3-D-Geometrie des

Jacob. „Als überzeugte BIM-Praktiker teilen wir unsere Erfahrungen und unser Fachwissen gerne mit Bauherren, Architekten und Planern, um der Methode zum Durchbruch zu verhelfen.“ Doch das computergestützte Projektmanagement mit BIM ist nur ein Baustein der Digitalisierungsstrategie von Wolff & Müller. Diese legt fest, wie digitale Prozesse innerhalb der kommenden fünf Jahre im gesamten Unternehmen verankert werden. Das beginnt bei der Vision des Top-Managements, geht über die Qualifizierung der Mitarbeiter und mündet in neuen Kooperationsmodellen mit Kunden und Partnern. So wurde im Dezember der „BigRoom“ in der Wolff & MüllerZentrale eingerichtet: Dort arbeiten alle Projektbeteiligten und Fachdisziplinen

Beim Neubau des Rathauses Leonberg arbeiten alle Projektbeteiligten an einem gemeinsamen Datenmodell – und das bereits in der Entwurfsphase. Foto: Wolff & Müller

Hauses werden die Faktoren Zeit und Kosten in einem Datenmodell eingebunden. Mit BIM kann der gesamte Lebenszyklus eines Projekts virtuell abgebildet werden: vom Entwerfen und Planen eines Bauwerks über den Bau und den Betrieb bis zum Abriss. Zudem erhalten alle Beteiligten Zugriff auf das virtuelle Bauwerksmodell, die Steuerung von Prozessen und umfangreiche Datenbanken: Architekten, Bauherren, Planer, Ingenieure, Statiker, Betreiber und Gebäudeausrüster arbeiten Hand in Hand. Davon profitieren gerade die Investoren, Bauherren und späteren Nutzer einer Immobilie. „Noch sehen viele Auftraggeber BIM als Planungswerkzeug, das ihre Interessen kaum berührt. Dabei sollten sie darauf drängen, dass ihr Bauprojekt digital

geplant und gebaut wird“, sagt Jacob. Die Erfahrungen bei Wolff & Müller zeigten, dass BIM die Termin- und Kostensicherheit erhöht. „Es entstehen bessere und fehlerfreie Gebäude, weil Architekten, Planer und Bauunternehmen im gleichen Datenraum arbeiten statt jeder für sich. BIM führt alle Beteiligten zur rechten Zeit zusammen, um das gemeinsame Verständnis und Soll zu erarbeiten.“ Die Vorteile zeigten sich auch in der langen Betriebsphase – dank eines exakten digitalen Zwillings der Immobilie. „Dieses Modell ist eine Datenbank für alle, die das fertige Gebäude nutzen und bewirtschaften. Der Betreiber kann damit etwa Energie-, Reinigungs- und Wartungskosten berechnen und Umbauten planen. Der Investor kann schon vor dem

Projektstart genau kalkulieren, was die Immobilie während ihres gesamten ,Lebens‘ kosten wird, bis zum späteren Rückbau.“ Wolff & Müller hat für den konsequenten Einsatz von BIM bereits zum dritten Mal in Folge den iTWO-Award gewonnen – 2015 für „die partnerschaftlichste Nutzung in Europa“, nach dem Preis für „Best iTWO Practicing Contractor in Germany“ und „Best Technical Workflow“. Verliehen wird die Auszeichnung von der RIB Software AG und der Stanford University weltweit an Nutzer der Software iTWO BIM 5D, die die Digitalisierung der Baubranche vorantreiben. Der dritte iTWO-Award würdige die Pionierarbeit für BIM und iTWO über die Grenzen des Unternehmens hinaus, so

im frühen Stadium der Kalkulation und Koordination zusammen. Das verbessert neben der digitalen die direkte Kommunikation, Informationen gehen nicht verloren. Auch andere Technologien sind eingebunden: Drohnen erfassen Topografien, digitale Werkzeuge verbessern Baustellenlogistik, mobile Endgeräte vereinfachen das Dokumenten-Management, Bauprozesse werden automatisiert. Mit einem mobilen Planungs- und Echtzeitsystem haben die Experten etwa die Prozesse im Straßenbau verbessert. Per App auf dem Smartphone oder dem Tablet kann das Bauteam die Arbeiten planen, steuern und dokumentieren – und so nach Bedarf des Straßenfertigers ausrichten. BPO Asphalt heißt das System, das sich bereits 2014 bei einem großen Autobahn-Projekt bewährte. Ein weiteres System namens BPO Erdbau wird auf der Großbaustelle zur Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn eingesetzt. Wenn große Mengen teilweise belasteter Erde bewegt werden, muss auch jede Bewegung aus abfallrechtlichen Gründen dokumentiert werden. Statt der aufwendigen manuellen Strichlisten, die abgetippt werden, geschieht das digital auf der Baustelle. Jeder Fahrer quittiert die Be- und Entladung seines Dumpers auf dem Smartphone, Zeit und Koordinaten werden an einen zentralen Server gesendet. Dort können sie in Echtzeit genutzt werden, etwa um Baufortschritte auszuwerten. Damit spart das Bauteam täglich ein bis zwei Stunden Zeit und erfüllt seine Dokumentationspflichten exakter. Petra Mostbacher-Dix

Ausgezeichneter Arbeitgeber Wolff & Müller ist der beste Arbeitgeber bundesweit unter den mittelgroßen Unternehmen der Baubranche. Dafür macht die Firma viel: Sie bietet Praktikums- und Traineeplätze, bildet aus und hat eine eigene Schulungsakademie.

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olff & Müller zählt mit rund 2000 Mitarbeitern an 28 Standorten zu den großen Baufirmen in Deutschland in privater Hand. 600 der Beschäftigten arbeiten an den Standorten Stuttgart, Ludwigsburg und Denkendorf. Seinen Hauptsitz hat das Familienunternehmen in Stuttgart – hier wurde es 1936 gegründet. Heute stehen drei Mann an der Spitze: Dr. Albert Dürr als geschäftsführender Gesellschafter, Dr. Matthias Jacob leitet den technischen Bereich, Udo Berner ist kaufmännischer Geschäftsführer. „Wir legen großen Wert darauf, möglichst viel Kompetenz für die Arbeit am Bau bei uns im Haus zu haben und diese stetig auszubauen“, sagt Berner. Daher kommt der hohe Anteil gewerblich qualifizierter Mitarbeiter. Von den Beschäftigten sind rund 700 ausgebildete Facharbeiter für den Bau und 170 Poliere.

Qualifizierte Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Erfolg. Schüler unterstützt Wolff & Müller bei der Berufswahl mit Schnupperpraktika. So können sie Berufe kennenlernen und finden leichter eine Antwort auf die drängende Frage: Was soll bloß aus mir werden? Das Unternehmen bildet seine Fachkräfte von morgen selbst aus, hat regelmäßig um die 100 Azubis in 15 BauAusbildungsberufen, vom Baugeräteführer über den Klassiker – den Maurer – bis hin zum Straßenbauer. Weitere Ausbildungsberufe sind Industriekauffrau und Fachinformatiker. Studierenden, vor allem Bauingenieuren, bietet die Firma Praktikumsplätze, Werkstudententätigkeiten und die

Foto: Wolff & Müller

Betreuung von Abschlussarbeiten. Aktuell sind etwa 80 Studenten im Unternehmen. Als Mitglied der deutschlandweiten Initiative Fair Company verpflichtet sich das Unternehmen zu fairen Praktikumsbedingungen. Absolventen haben neben dem Direkteinstieg die Möglichkeit, als Trainee anzufangen. „Während neun Monaten werden Nachwuchskräfte intensiv auf künftige Aufgaben bei uns vorbereitet“, sagt Berner. Angesprochen werden Absolventen der Fachrichtungen Bauingenieurwesen, Wirtschaftsingenieurwesen, Wirtschaftswissenschaften, Architektur, Versorgungstechnik und Gebäudeausstattung.

An qualifizierten und hochmotivierten Berufserfahrenen ist Wolff & Müller immer interessiert. Für neue Mitarbeiter gibt es einen individuellen Einarbeitungsplan, darin enthalten sind auch Schulungen an der unternehmenseigenen Akademie. Die bietet beispielsweise Seminare zu technischen, kaufmännischen und rechtlichen Themen. Talentierte Nachwuchskräfte werden in der Akademie innerhalb von 18 Monaten auf Führungsaufgaben vorbereitet. Regelmäßige Feedback-Gespräche sind Teil der Einarbeitung. Während der ersten Monate hat jeder Neue einen erfahrenden Kollegen als Paten. Bei Einführungstagen lernen alle neuen Mitarbeiter das Unternehmen kennen, und regelmäßige Mitarbeitergespräche sind Teil der offenen, vertrauensvollen Unternehmenskultur. „Wir sind zwar groß, aber familiär, haben flache Hierarchien, ein gutes Arbeitsklima und fördern unsere Mitarbeiter durch Qualifizierung“, sagt Berner. All diese Punkte schätzen die Mitarbeiter an ihrem Arbeitgeber sehr. Der wurde 2016 in einer gemeinsamen Studie des Nachrichtenmagazins „Focus“, des Social-Media-Portals Xing und der Karriereplattform Kununu als bester Arbeitgeber Deutschlands unter den mittelgroßen Unternehmen in der Baubranche ausgezeichnet. „Man merkt, dass man in einem Familienunterneh-

men arbeitet. Alles ist persönlicher, und der Einzelne hat viel Gestaltungsspielraum“, sagt Bauingenieurin Kim Kaiser über ihren Arbeitgeber. Das macht den Unterschied zu anderen Firmen aus. Und beispielsweise Innovationen. Wolff & Müller ist Vorreiter beim digitalen Planen und Bauen und investiert in neue Technologien: von der Planung eines Gewerks bis hin zum Baustellenmanagement. Um das Image der Bauwirtschaft als Arbeitgeber zu verbessern, hat das Unternehmen die Initiative „Deutschland baut“ mit gegründet. Sie bietet Absolventen eines kaufmännischen, technischen oder ingenieurwissenschaftlichen Studiums ein Traineeprogramm an, in dem die Teilnehmer gleich drei Unternehmen der Baubranche kennenlernen können. Peter Ilg

IMPRESSUM Redaktion

Wolff & Müller Schwieberdinger Straße 107 70435 Stuttgart

Produktion

Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH Service- und Sonderthemenredaktion Plieninger Straße 150 70567 Stuttgart

V. i. S. d. P.

Vanessa Raith, Adresse siehe oben

Druck

Pressehaus Stuttgart Druck GmbH


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

Oktober 2016

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Die Mitbestimmung dient dem Ziel der Demokratisierung der Wirtschaft. Repro: WIZE

EU fremdelt bei Mitbestimmung Der sozialen Marktwirtschaft nähert sich die EU­Kommission nur in der Wortwahl an. Von Michael Heller Wirtschaftsordnung

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Seating Stones, Design: UNStudio / Ben van Berkel. © Walter Knoll / Leuchte: Trípode G5, Design: Santa & Cole Team © Santa & Cole / Tisch: Graph, Design: Jehs +Laub © Wilkhahn

n der EU­Kommission hat die Mitbe­ stimmung bisher keinen hohen Stel­ lenwert gehabt. Der Luxemburger Jean­Claude Juncker, der vor zwei Jah­ ren Präsident der Kommission gewor­ den ist, will das ändern. „Zu einer Wirt­ schaft, die den Menschen dient, gehört der faire Ausgleich der Interessen zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Mitbestimmung ermöglicht genau diesen Dialog“, hat er im Sommer anlässlich der Einführung der pa­ ritätischen Mitbestimmung in Deutsch­ land vor 40 Jahren gesagt. Juncker spricht zum Beispiel auch bewusst vom Konzept der sozialen Marktwirtschaft, was in Brüs­ sel bisher nicht üblich gewesen ist. „Die von mir geleitete Europäische Kom­ mission hat . . . in diesem März einen Dialog eröffnet, mit dem wir die soziale Säule der Europäischen Union stärken“, sagt der 61­ Jährige. Und: „Ich möchte die Sozialpartner künftig bei allen Politikbereichen enger ein­ gebunden wissen.“ Den stärke­ „Das Betriebs­ ren Schulterschluss hatte frei­ lich auch schon die Vorgänger­ verfassungsgesetz Kommission unter Manuel enthält unnötiges Barroso angeregt, was die Ge­ Verzögerungspotenzial werkschaften aber prompt als Versuch der Einmischung in und überbürokratische exklusive und nationale Kom­ Verfahren.“ petenzen der Sozialpartner zu­ Bundesvereinigung der Deutschen rückwiesen, denn: „Erklärtes Arbeitgeberverbände (BDA) Ziel der Brüsseler Behörde ist es, Mindestlöhne zu senken, die Tarifbindung zu lockern und den Arbeitsmarkt gemäß dem neoliberalen Dog­ ma ,flexibler‘ zu gestalten.“ Klaus Löcher und Isabelle Schönmann vom Europäischen Gewerkschaftsinstitut kommen nun auch nach der Durchsicht des ersten Entwurfs für Junckers soziale Säule sowie weiterer EU­Dokumente zu einem ernüchternden Zwischenergebnis. Die ur­ sprünglich ambitionierten Pläne seien be­ reits jetzt stark verwässert, sagen sie. An die Stelle von Rechten und Vorschriften sind nach der Analyse der beiden Rechtsexper­ ten weniger verbindliche Formulierungen getreten. Aus ihrer Sicht soll die soziale Säu­

le kein eigenständiger Wert sein, sondern lediglich ein Hilfsmittel, um das Hauptziel Wirtschaftswachstum zu erreichen. Zudem fehlen den Gewerkschaftern eindeutige Be­ züge zu bestehenden Sozialstandards. „Schöne Worte, wenig Substanz“, lautet das wenig schmeichelhafte Urteil. Ihr endgülti­ ges Konzept will die EU­Kommission im Ja­ nuar 2017 vorstellen. Die Gewerkschaften vermissen nicht nur in den bisherigen Arbeiten an der so­ zialen Säule den Paradigmenwechsel, der auf eine Abkehr vom bisher präferierten Konzept der freien Marktwirtschaft hin­ deuten würde. Als Paradebeispiel hierfür gilt die Stellungnahme der EU­Kommis­ sion vom Februar 2016 zu einer Klage gegen die deutsche Mitbestimmung, die vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) anhängig ist. Der Kläger, ein deut­ scher Kleinaktionär, will die Zusammen­ setzung des Aufsichtsrats des Touristik­ unternehmens Tui für europarechtswidrig erklären lassen, weil die Tui­Beschäftigten im Ausland weder das aktive noch das pas­ sive Wahlrecht haben; er will das Gremium allein mit Kapitalvertretern besetzen. Die EU­Kommission folgt dieser Kritik mit der Begründung, das Recht auf Freizügigkeit in der EU werde verletzt. Es sei unvereinbar mit diesem Recht, so heißt es, „dass ein Mitgliedstaat das aktive und passive Wahl­ recht für die Vertreter der Arbeitnehmer in das Aufsichtsorgan eines Unternehmens nur solchen Arbeitnehmern einräumt, die in den Betrieben des Unternehmens oder in Konzernunternehmen im Inland be­ schäftigt sind“. Dass der Geltungsbereich des deutschen Mitbestimmungsgesetzes an den Landesgrenzen endet, steht nicht in der 15­seitigen Stellungnahme. Kritisch sehen die Gewerkschaften auch Initiativen der EU­Kommission zum Büro­ kratieabbau, zum Beispiel im Programm „Refit – Fit für Wachstum“, weil unter der Überschrift Kostensenkung und Vereinfa­ chung vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen Mitwirkungsrechte der Be­ schäftigten eingeschränkt würden – zum Beispiel durch Anhebung von Schwellenwer­

ten und die Zusammenfassung wichtiger Richtlinien. Die EU­Kommission freilich be­ streitet, Mitwirkungsrechte einschränken zu wollen. Ziele wie eine umfassende Kon­ sultation der Arbeitnehmer über wichtige betriebliche Belange würden nicht angetas­ tet, hieß es zu dem noch von der Barroso­ Kommission aufgelegten Programm. Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hält die Sorgen der Gewerkschaften für übertrieben und unterstützt das Refit­Programm. Refit geht in eine ähnliche Richtung wie die Vorschläge der BDA zu einer Reform des deutschen Betriebsverfassungsgeset­ zes: „Das Gesetz“, so heißt es in einem Papier, „enthält unnötiges Verzögerungs­ potenzial und überbürokratische Verfah­ ren.“ Die BDA plädiert zum Beispiel dafür, dem Arbeitgeber im Fall des Streits mit dem Betriebsrat vorläufige Entscheidungs­ möglichkeiten zu übertragen, um Blocka­ den zu verhindern. „Im Einzelfall müsste der Arbeitgeber entweder sofort eine Maß­ nahme umsetzen können oder nach Ablauf einer gesetzlich vorzugebenden Zeitspan­ ne, wenn der Betriebsrat zum Beispiel in­ nerhalb eines Monats nicht mitwirkt oder das Verfahren in die Länge zieht.“ Aus Sicht der Arbeitgeber führen auch Sozialplanverhandlungen bei Betriebsän­ derungen immer wieder zu unnötigen Ver­ zögerungen. Der Verband erinnert deshalb daran, dass es in den 90er Jahren eine Be­ schleunigungsvorschrift gab, die Sozial­ planverhandlungen effizienter gemacht habe. „Durch eine kleine Änderung“ könn­ te dieser Rechtszustand aus Sicht der BDA ohne großen Aufwand wiederhergestellt werden. Für wünschenswert halten die Arbeitgeber auch eine Reform, die den Weg frei macht für die Bildung eines Betriebs­ ratsgremiums für mehrere rechtlich selbst­ ständige Einheiten. Möglich ist das auch heute schon, erfordert aber meist den Ab­ schluss eines Tarifvertrags, was die Arbeit­ geber gerne vermeiden möchten. In Europa ist die Mitbestimmung auf be­ trieblicher Ebene bereits einen Schritt wei­ ter als die Mitbestimmung im Aufsichtsrat, bei der die EU­Kommission bisher politisch noch nicht aktiv geworden ist. So gibt es be­ reits seit 1994 das Recht auf Unterrichtung und Anhörung von Arbeitnehmervertretern in EU­weit arbeitenden Unternehmen. Die

Europäischen Betriebsräte sind vorgesehen für Unternehmen, die mehr als 1000 Be­ schäftigte und mindestens zwei Niederlas­ sungen mit jeweils mehr als 150 Beschäftig­ ten in mindestens zwei EU­Ländern haben. Arbeitgeber und Gewerkschaften schätzen übereinstimmend, dass unge­ fähr 1000 solcher Betriebsrats­ „Zu einer Wirtschaft, gremien bestehen. die den Menschen dient, Beide Sozialpartner sind gehört der faire Ausgleich grundsätzlich zufrieden mit den Europäischen Betriebsrä­ der Interessen zwischen ten. Für die Arbeitgeber steht Kapital und Arbeit, dabei im Mittelpunkt, dass zwischen Arbeitgebern unternehmensindividuell ent­ schieden werden kann, wie ein und Arbeitnehmern.“ Modell zur Information und Jean­Claude Juncker, Anhörung der Beschäftigten Präsident der EU­Kommission aussehen soll. Auch aus Sicht der Gewerkschaften hat sich das Projekt bewährt. Der Mitbestimmungsexperte Norbert Kluge von der Hans­Böckler­Stif­ tung spricht von einem „unverzichtbaren Element der europäischen Arbeitsbezie­ hungen“. Aber die Gewerkschaften sehen jetzt die Zeit gekommen, den Einfluss der Betriebsräte auszuweiten – zum Beispiel durch die Absenkung der Schwellenwerte auf insgesamt nur noch 500 Mitarbeiter und 100 Beschäftigte je Auslandsfiliale.

Autor Michael Heller gehört zum Autoren­Team der Stutt­ garter Zeitung. Er beschäftigt sich mit Wirtschaftsthemen.

WIE AUSGEPRÄGT IST DIE MITBESTIMMUNG? Deutschland Arbeitgeber und Gewerkschaften sind uneins darüber, wie ausgeprägt die Mit­ bestimmung in Deutschland, verglichen mit den europäischen Nachbarn, ist. Arbeitgeberpräsi­ dent Ingo Kramer glaubt sogar, dass es ein „vergleichbares Mit­ einander der Mitwirkung von Arbeitnehmervertretern bei der Kontrolle der Unternehmenslei­ tung . . . und teilweise erzwing­ baren Mitbestimmungsrechten

des Betriebsrats“ weltweit in keiner anderen relevanten Industrienation gibt – auch nicht in den 27 EU­Partnerländern. Index Die Gewerkschaften se­ hen das anders. Sie haben einen „European Participant Index“ ermittelt, der misst, wie groß der Einfluss von Arbeitnehmern ist. Spitzenreiter sind die skandina­ vischen Länder, Deutschland ge­ hört aber zur Spitzengruppe. red

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18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

Betriebsrat bekommt Konkurrenz Viele Unterneh­ men setzen auf alternative For­ men der Mitarbeiterbeteiligung. Von Michael Heller Mitbestimmung

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uf den ersten Blick herrscht Ei­ nigkeit zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften – obwohl der Gesetzestext zum Missver­ ständnis einlädt. So heißt es im Betriebsverfassungsgesetz: „In Betrieben mit in der Regel mindestens fünf ständig wahlberechtigten Arbeitnehmern, von denen drei wählbar sind, werden Betriebs­ räte gewählt.“ Dass es sich hier nicht um eine Verpflichtung handelt, sondern um eine Möglichkeit im Sinne von „kann ge­ wählt werden“, steht auch im Standard­ kommentar der Gewerkschaften für Be­ triebsräte. Auch in der grundsätzlichen Bewertung der Mitbestimmung auf Betriebsebene lie­ gen die Parteien nicht allzu weit auseinan­ der. Die Gewerkschaften präsentieren im­ mer wieder Umfragen und Analysen, aus denen hervorgeht, dass Unternehmen, in denen Betriebsräte Informations­, Bera­ tungs­ und Mitbestimmungsrechte haben, besser dastehen als Firmen ohne Betriebs­ rat. Der Wirtschaftswissenschaftler Uwe Jirjahn von der Universität Trier hat diese „Ökonomischen Wirkungen der Mitbe­ stimmung in Deutschland“ in einem Papier zusammengetragen; es wird zum Beispiel mehr investiert, die Arbeitsplätze sind si­ cherer, und die Produktivität ist höher. Auch die Bundesvereinigung der Deut­ schen Arbeitgeberverbände (BDA) spricht vom „vertrauensvollen Miteinander“, das in den allermeisten Fällen die betriebliche Wirklichkeit bestimme, und nennt die Be­ triebsverfassung „ein prägendes Element der Unternehmens­ und Betriebskultur“. Hier jedoch enden die Gemeinsamkei­ ten. Dass der Betriebsrat kein Hätschel­ kind ist, zeigt schon die betriebliche Wirk­ lichkeit. Denn in lediglich zehn Prozent der Betriebe, in denen ein Betriebsrat gebildet werden könnte, besteht solch ein Gre­ mium; im Jahr 2000 waren es immerhin noch 12,5 Prozent. Das berei­ „Die Mitarbeiter bringen tet den Gewerkschaften Sor­ gen; das Mitbestimmungs­ sich ein und nutzen system, so heißt es, sei unter eigenverantwortlich ihre Druck. Das arbeitgebernahe Handlungsspielräume.“ Institut der deutschen Wirt­ schaft (IW) spricht hingegen Oliver Stettes, Arbeitsmarktexperte beim Forschungsinstitut IW von einer „relativ konstanten Verbreitung“. Auch der Anteil der Beschäftigten, die durch einen Be­ triebsrat vertreten werden, ist langsam, aber kontinuierlich gesunken – auf noch 42 Prozent in Westdeutschland und 33 Pro­ zent in Ostdeutschland im Jahr 2015. Nach einer Analyse der Ökonomen Pe­ ter Ellguth und Rainer Trinczek („Erosion der betrieblichen Mitbestimmung“) für das gewerkschaftsnahe Wirtschafts­ und So­ zialwissenschaftliche Institut (WSI) ist der Anteil der Unternehmen mit Betriebsrat in der Gruppe der mittelgroßen Betriebe mit 51 bis 500 Beschäftigten besonders stark zurückgegangen. Über die Gründe hierfür sowie für die abnehmende Verbreitung von Betriebsräten insgesamt gibt es zwar Ver­ mutungen, aber keine gesicherten Er­ kenntnisse. Eine häufig genannte Erklä­ rung ist die abnehmende Tarifbindung der Betriebe, wenngleich es keinen sachlichen Zusammenhang mit der Betriebsratsarbeit gibt; Ellguth und Trinczek sprechen aber davon, dass diese „Regelungsebenen wech­ selseitig aufeinander angewiesen zu sein“ scheinen. Betriebsräte sind überwiegend Gewerkschaftsmitglieder. Zumindest in der wirtschaftswissen­ schaftlichen Literatur wird die Mitbestim­ mung nicht durchgehend gelobt, sondern auch „auf profitabilitätskritische Effekte von Betriebsräten“ verwiesen, wie es Ell­ guth und Trinczek formulieren. Die BDA beziffert die jährlichen Aufwendungen für die Umsetzung des Betriebsverfassungs­ gesetzes auf 650 Euro pro Mitarbeiter. Denn: „Der Arbeitgeber“, so schreibt das IW, „zahlt alles: vom Wahlzettel über die Büroeinrichtung bis zur Schulung und Freistellung der Mitarbeitervertreter.“ Diese Kosten sollten aus Sicht der BDA be­

2018 WIRD WIEDER GEWÄHLT Bilanz Betriebsratswahlen fin­ den alle vier Jahre statt, das nächste Mal vom 1. März bis zum 31. Mai 2018. Bei den Wah­ len 2014 lag die durchschnittli­ che betriebliche Wahlbeteili­ gung bei 79 Prozent. Etwa drei Viertel der Mandate gewannen Kandidaten aus den DGB­ Gewerkschaften. Beide Quoten waren gegenüber 2010 weit­ gehend unverändert. Vorbereitung Verantwortlich für den reibungslosen Ablauf

der Wahl ist der Wahlvorstand, der in der Regel aus drei Mit­ arbeitern besteht und vom am­ tierenden Betriebsrat bestellt wird. Die Kosten der Wahl trägt der Arbeitgeber. Der Wahlvor­ stand erstellt auf der Basis einer Liste sämtlicher Mitarbeiter, die ihm der Arbeitgeber zur Verfügung stellen muss, das Wählerverzeichnis. Über Verän­ derungen muss der Arbeitgeber sofort informieren, so dass das Wählerverzeichnis ständig ak­ tuell gehalten werden kann. red

Karikatur: tooonpool/woessner

grenzt werden. Der Verband schlägt vor, die Betriebsratsgremien wieder auf den Stand vor der letzten Reform des Betriebsverfas­ sungsgesetzes im Jahr 2001 zu verkleinern und zumindest zu erwägen, die jährlichen Kosten der Betriebsratsarbeit zu deckeln. Dass der Betriebsrat durch seine Arbeit auch zur Kostensenkung beiträgt, wird zwar eingeräumt; der Effekt lasse sich jedoch nicht quantifizieren, heißt es. Rosemarie Kay, stellvertretende Geschäftsführerin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn, nennt ein Beispiel: „Ist beispielsweise geplant, Kurzarbeit einzuführen, werden die verantwortlichen Führungskräfte hierü­ ber mit dem Betriebsrat eine Betriebsver­ einbarung abschließen. Gibt es dieses Organ in einem Unternehmen nicht, müssen sie mit jedem einzelnen Arbeitnehmer eine sol­ che Vereinbarung treffen.“ Die BDA nimmt freilich nicht nur an den Kosten Anstoß. Auch das Verfahren zur Bil­ dung eines Betriebsrats sollte aus Sicht der Arbeitgeber reformiert werden. Denn nach geltendem Recht, so heißt es, könnten Min­ derheiten von drei Arbeitnehmern einen Betriebsrat erzwingen – selbst wenn sich ein „überwältigender Teil der Belegschaft“ für eine alternative Form der Mitarbeiter­ vertretung entschieden habe. Das ist kein theoretischer Fall; so war es vor zehn Jah­ ren bei dem deutschen Softwareriesen SAP in Walldorf. Damals stimmten in einer Be­ triebsversammlung mehr als 90 Prozent der Beschäftigten gegen die Bildung eines Betriebsrats, weil ihnen die Vertretung ihrer Belange durch die Arbeitnehmerver­ treter im Aufsichtsrat genügte. Die IG Me­ tall kritisierte, dass deren Rechte nach einer wenige Jahre zuvor geschlossenen freiwilligen Vereinbarung im Ernstfall we­ nig wert seien. Die Initiatoren der Betriebs­ ratswahl hatten das Gesetz auf ihrer Seite und setzten sich durch. Geht es nach den Arbeitgebern, dann darf sich so ein Fall nicht wiederholen, da hierdurch die Entscheidung der Mehrheit hinfällig gemacht und die Legitimation eines Betriebsrats deutlich gemindert werde. Vorschlag: „Zumindest dann, wenn alternative Vertretungsstrukturen im Be­ trieb bereits existieren, sollte daher ein Wahlquorum für die Betriebsratswahl ein­ geführt werden.“ Nach den Wünschen der BDA sollte es mindestens ein Drittel der wahlberechtigten Arbeitnehmer betragen. Chancen auf Umsetzung hat der Vorschlag gegenwärtig nicht; die Regierungsparteien haben sich selbst Abstinenz in Sachen Mit­ bestimmungsreform verordnet. Alternative Vertretungsformen sind zu­ mindest aus Arbeitgebersicht weiter ver­ breitet als vielfach vermutet; offizielle Zah­ len gibt es allerdings nicht. Das IW geht auf das Thema regelmäßig im Rahmen seiner Befragung von Personalverantwortlichen (IW­Personalpanel) ein. Nach der letzten Befragung im Herbst 2015 haben 12,2 Pro­ zent der Unternehmen einen Betriebsrat – und immerhin 6,2 Prozent eine andere In­ teressenvertretung, zum Beispiel Mitarbei­ terausschüsse oder Belegschaftssprecher (von den Parteien gemeinsam besetzte Gremien sind hier nicht enthalten). Nach Ansicht von Oliver Stettes, Leiter Kompe­ tenzfeld Arbeitsmarkt und Arbeitswelt beim IW, liegt das daran, dass das Betriebs­ verfassungsgesetz die Realität in den Be­ trieben nicht mehr richtig spiegelt. Stettes:

„Es gibt eindeutig den Trend, dass sich die Mitarbeiter im Unternehmen einbringen und eigenverantwortlich ihre Handlungs­ spielräume nutzen. Daraus ziehen die Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil .“ Der IW­Mann nennt die Interessenver­ tretungen ein „Instrument der Vertrauens­ kultur“. Zu den Unternehmen, die darauf setzen, gehört der Online­Fotoservice Pi­ xum in Köln, der einen sogenannten Kul­ turrat gebildet hat. Hier versuchen mindes­ tens einmal im Monat sechs von der Beleg­ schaft gewählte Mitarbeiter, zu denen auch Führungskräfte gehören können, mit der Geschäftsführung Anliegen und offene Themen zu klären. Gründer und Geschäfts­ führer Daniel Attallah räumt ein, dass sich Pixum bei der Gestaltung durchaus am Be­ triebsverfassungsgesetz orientiert hat. Es ist ihm aber zu stark gewerkschaftlich ge­ prägt, und das passt aus seiner Sicht nicht zu einem Start­up wie dem im Jahr 2000 gegründeten Unternehmen Pixum. Aus Sicht von Oliver Stettes können Runde Tische und andere Formen der Be­ teiligung zu Vorformen eines Betriebsrats werden; er spricht vom „Optionswert“ des Betriebsverfassungsgesetzes. Was er damit meint: Zur Bildung von Betriebsräten kommt es oft, wenn im Unternehmen die Unsicherheit wächst und die Sorge um den Arbeitsplatz zunimmt. Existiert bereits eine Interessenvertretung, so lässt sich die Gründung beschleunigen. Die Gewerkschaften wollen nicht so lan­ ge warten, bis eine Krise da ist, sondern

pochen auf das Gesetz – durchaus mit Er­ folg. So hat mittlerweile der amerikanische Online­Händler Amazon seinen Wider­ stand gegen die Bildung von Betriebsräten aufgegeben. Pforzheim hat jetzt ebenso eine Mitarbeitervertretung wie Brieselang in Brandenburg, wo im Juni eine Einigung zustande kam. Der Handel ist nach Ein­ schätzung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi der Bereich in Baden­Württemberg, in dem sich vier von fünf Streitfällen um die Bildung eines Betriebsrats abspielen. Nach Angaben von Bernhard Franke, der bei Verdi Baden­Württemberg für den Handel zuständig ist, liegt das zu einem großen Teil an der Struktur der Branche. Ein Betrieb im Sinne des Gesetzes ist hier meist die einzelne Filiale. Verdi hat deshalb in Verhandlungen mit den Konzernen Rewe und Edeka Regelungen zur Bildung eines einheitlichen Betriebsrats getroffen, was nach dem Betriebsverfassungsgesetz möglich ist. In den beiden Konzernen be­ obachtet Franke aber den Trend, einzelne oder mehrere Filialen an Einzelkaufleute abzugeben, die der Bildung von Betriebsrä­ ten eher skeptisch gegenüberstehen und einen „Herr im Haus“­Standpunkt vertre­ ten. Trotz Erfolgen in Verhandlungen mit Modehäusern wie H&M, Zara und Esprit sieht Franke keinen Grund, Entwarnung zu geben. Die Liste der Sorgenkinder des Ver­ di­Mannes ist lang: Sie reicht gegenwärtig vom Elektronikfilialisten Media Markt über die Discounter Lidl und Norma bis zur Drogeriekette Müller.

DIE BESCHÄFTIGTEN WOLLEN BEI ENTSCHEIDUNGEN MITREDEN Umfrage unter Arbeitnehmern 2016, in Prozent Sollten Arbeitnehmer mindestens genauso viel Einfluss haben wie Arbeitgeber?

Ja

Nein

keine Angaben

75

Un- oder angelernte Arbeiter

12

76

Facharbeiter oder Meister

18

69

einfache Angestellte

57

leitende Angestellte

9

10

29 17

37

Arbeitgeber mit min. 5 Beschäftigten

24 32

59

Freiberufler/Selbstständige

15

11 61

Auszubildende

6

16

67

hoch-/qualifizierte Angestellte

13

24

36

27

Betriebsrat in Betrieben 2015, in Prozent Einen Betriebsrat haben vor allen Betriebe mit so vielen Beschäftigten…

Produzierendes Gewerbe/Bergbau

Banken/ Versicherungen

Handel 100

85 66

56

71 58

98

78

68

31 17

20 – 49 StZ-Grafik: jev

66

92

52

44 23

69

68

87

Bau

8

50 – 99

100 – 199

200 – 499

ab 500 Quelle: Hans Böckler Stiftung


Die Fahrradstadt Freiburg hat mit Jobrad auch ein erfolgreiches Start­up aus diesem Bereich hervorgebracht. An der Universität geht es immer wieder um Themen der Biotechnologie, etwa beim innovativen Impfstoff­Hersteller Biocopy. Zu einem ersten Kristallisationspunkt der lokalen Szene ist der in den Räumen einer ehemaligen Gaststätte etablierte Grßnhof mit diversen Events rund um das Thema Grßnden geworden. Fotos: biocopy, dpa, fotolia, grßnhof

GrĂźnden mit Lebensqualität Die Start­up­Metropole Freiburg dreht sich nicht um das groĂ&#x;e Geld. Wer hier grĂźndet, dem gefällt das Umfeld – und er hat oft den Wunsch, die Welt zu verbessern. Von Andreas Geldner Standortporträt

G

rĂźnhof heiĂ&#x;t das Start­up­ Zentrum nur fĂźnf Minuten vom Freiburger Hauptbahn­ hof. Das Backsteingebäude mit seinen sogenannten Cowor­ king­Spaces passt mit einem bunt mĂśblier­ ten Innenhof und angeschlossenem CafĂŠ perfekt zum Freiburg­Klischee. GrĂźnhof – das klingt nach Ă–ko­Power und Nachhal­ tigkeit, passend zu einer Stadt, in der die GrĂźnen bei der Landtagswahl in diesem Jahr 43,2 Prozent der Stimmen erhielten. Doch Mitarbeiter Jonathan Niessen muss den Besucher enttäuschen. „GrĂźnhof war einfach der Name einer Gaststätte, die bis vor drei Jahren hier war“, sagt er. Die war nicht fĂźr Biolebensmittel berĂźhmt, son­ dern fĂźr ihre Schnitzel. Manche, aber nicht alle Freiberufler und Start­ „Viele Bausteine eines ups im GrĂźnhof befassen sich mit Ăśkologischen Themen. kompletten Ă–kosystems Die privaten Betreiber des fĂźr Start­ups fehlen GrĂźnhofs sehen sich schlicht in Freiburg noch.“ als Kristallisationspunkt fĂźr die in der Stadt sich etablie­ Jonathan Niessen vom privaten Start­up­Zentrum GrĂźnhof rende GrĂźnderszene. Es ist eine private GmbH, die sich bisher aus ErlĂśsen von Fortbildungsange­ boten fĂźr die Wirtschaft finanziert. Freiburgs GrĂźnderkultur ist eher von Ideen getrieben als vom Wunsch nach dem groĂ&#x;en Geschäft. „Wer hier grĂźndet, fĂźr den ist Lebensqualität sehr wichtig“, sagt

Niessen. Nachhaltigkeitsthemen liegen vorn, etwa bei einer Firma wie Enit­Sys­ tems, die durch Ăœberwachungstechnologie Energie einsparen hilft, oder dem Ăśkolo­ gisch ausgerichteten Textilanbieter ZĂźnd­ stoff. Andere GrĂźndungen aus jĂźngster Zeit sind von vornherein nicht kommerziell ausgerichtet, wie Spendenfreun.de, eine Online­Plattform fĂźr soziale Organisatio­ nen und private Hilfsprogramme. Typische GrĂźnder oder Start­up­Mit­ arbeiter seien RĂźckkehrer aus Metropolen wie Berlin, die ihren Kindern den Stress der GroĂ&#x;stadt nicht antun wollen – und in hei­ mische Gefilde wollen. Das gutbĂźrgerliche Freiburg ist keine Stadt, in der man viel Ăźber Geld redet, auch wenn es inzwischen mit den „Black Forest Business Angels“ ein Investorennetzwerk gibt. Es gibt auch städtische FĂśrdertĂśpfe, von denen auch der GrĂźnhof profitiert, der etwa im Rah­ men eines mehrmonatigen Betreuungs­ programms junge Start­ups mit 1000 Euro im Monat bezuschusst. „Viele Bausteine fĂźr ein komplettes Start­up­Ökosystem fehlen in Freiburg aber noch“, sagt Niessen. Typisch fĂźr Freiburg ist auch, dass hier viele Dinge von der Graswurzel her wach­ sen. Ulrich Prediger, der GrĂźnder und Ge­ schäftsfĂźhrer von Jobrad, dem Aushänge­ schild der lokalen GrĂźnderszene, ist einer dieser Freiburger Querdenker. Einerseits ist seine Geschäftsidee von der „grĂźnen“

Mentalität der Stadt mitgeprägt. Anderer­ seits musste er sich seinen Erfolg aus eige­ ner Kraft erkämpfen. „Ich wollte schon im­ mer gerne grĂźnden und dabei etwas auf die Beine stellen, was der Gesellschaft einen Mehrwert bringt,“ sagt er. Hartnäckig hat der leidenschaftliche Radfahrer sein inno­ vatives Geschäftskonzept entwickelt. Ur­ sprĂźnglich hatte er im Jahr 2008 die Idee, dass Firmen umweltbewussten und sport­ lichen Mitarbeitern statt eines Dienst­ wagens doch ein Dienstfahrrad finanzieren kĂśnnten. „Im Autoland Deutschland tut man sich mit so etwas aber schwer“, sagt er. Inzwischen wählen die meisten seiner Kunden ein anderes Angebot, bei dem sich Arbeitnehmer von ihrem Arbeitgeber ein Fahrrad per Entgeltumwandlung finanzie­ ren lassen kĂśnnen – was fĂźr beide Seiten steuerliche Vorteile bringt. Jobrad sorgt fĂźr den rechtlichen Rahmen und arbeitet mit einem Netzwerk von Fahrradläden als Partner zusammen. Seitdem wächst die Firma rasant: Binnen eines Jahres hat man die Zahl der Mitarbeiter von 40 auf 80 ver­ doppelt und seit Juni ein neues BĂźro am Augustinerplatz im Herzen der Altstadt bezogen, in dem Fahrräder aller Couleur neben den Schreibtischen stehen. Einen Heimvorteil habe er in Freiburg nicht ge­ habt, sagt er. Während im Land beispiels­ weise die Städte Heilbronn und TĂźbingen das Modell auch ihren kommunalen Mit­ arbeitern anbieten, hat sich die Stadt Frei­ burg, bisher nicht dazu durchgerungen. Und noch eine Besonderheit hat die Freiburger Start­up­Kultur: Die Universität spielt eine Ăźberdurchschnittlich groĂ&#x;e Rol­ le. Sie ist zusammen mit ihrem Klinikum der grĂśĂ&#x;te Arbeitgeber der Stadt. Freiburg

liegt nicht im Herzen eines wirtschaftlichen Ballungsraums, wo sich etablierte Firmen als Technologiepartner anbieten. Umso wichtiger ist die Universität mit Themen wie Biotechnologie und Nachhaltigkeit. Seit zehn Jahren treibt das GrĂźnderbĂźro der Universität das Thema Start­ups gezielt auĂ&#x;erhalb der Universität voran. So wurde beispielsweise die Idee zum regionalen GrĂźnderwettbewerb Startinsland hier gebo­ ren, den man zusammen mit Partnern aus der Wirtschaft „Ich wollte etwas auf und der WirtschaftsfĂśrderung die Beine stellen, das betreibt. In einer Ausschrei­ niemandem schadet.“ bung hat man Bundesgelder fĂźr das GrĂźnderprogramm er­ Ulrich Prediger, GrĂźnder der Freiburger kämpft. Doch 2018 läuft diese Fahrradvermittlung Jobrad FĂśrderung aus. Ob die Hoch­ schule auf Dauer in die Rolle des zentralen GrĂźnderfĂśrderers schlĂźpfen kann, ist offen. „FĂźr Universitäten ist es aufgrund ihres be­ grenzten Budgets schwierig, Drittmittelpro­ jekte nach Ende der FĂśrderung fortzufĂźh­ ren“, sagt Heinrich StĂźlpnagel, einer der GrĂźnderberater. FĂźr 2018 ist immerhin ein neuer Wettbewerb avisiert, bei dem Start­ ups aus der Region bei Investoren um Kapi­ tal werben kĂśnnen. Auch im Umfeld der Universität gilt das Schlagwort von den „ideengetriebenen“ Start­ups. „Hier wird eher aus Idealismus heraus gegrĂźndet“, sagt StĂźlpnagel. Der Ty­ pus des GrĂźnders, dem letztlich egal ist, welche Geschäftsidee er genau verfolgt, kommt selten vor. Die traditionsreiche Voll­Universität ist auch nicht von den Wirtschaftswissenschaften dominiert. Die Uni will das Thema Unternehmens­ grĂźndung aber kĂźnftig systematischer und fächerĂźbergreifend verankern.

    

      



            

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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

Gründer in Baden­Württemberg: Die pfiffige Idee führt zum Erfolg Der Südwesten gilt als Hochburg der Technologiegründungen. Doch der Blick auf drei junge Firmen, die sich ihre ersten Sporen schon verdient und es ins Finale des im Oktober vergebenen Landespreises für junge Unternehmen von L­Bank und Land geschafft haben, zeigt vielfältige Möglichkeiten. Innovation

Sich beim Produktdesign genau in die Bedürfnisse der Nutzer einfühle n und dabei das Image unterschiedl und Produkte einfühlsam berücksichti icher Marken gen – das ist das Rezept des Gründer s Florian Dusch. Fotos: Lichtgut/Max Kovalenko

nd. e Woche am Spielfeldra die Stuttgarter Firma jed für hen ste n ter bei tar Hunderte von freien Mi

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Die Stuttgarter Agentur zigzag schneidert Design passgenau auf die Wünsche der Kunden zu. Von Daniel Gräfe Nutzererfahrung

Kein Spiel bleibt den Kameras verborgen „Die Ligen“ hat sich auf das Filmen und die Vermarktung von Fußballspielen regionaler Vereine spezialisiert. Von Nora Chin Video

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ußball – das war schon immer Markus Klebers Ding. Bereits als Kind studier­ te der heute 38­Jährige den Sportteil der Zeitung. Dabei interessierten ihn nicht nur die Ergebnisse der großen Clubs, son­ dern vor allem auch, wie die Spiele der Ver­ eine, die nicht in der Ersten Bundesliga spielten, ausgegangen waren. Mittlerweile lebt Kleber von seiner Leidenschaft: Der Nürtinger ist Gründer und Geschäftsführer der Videoproduktionsfirma „Die Ligen“, die sich auf das Filmen und die Vermark­ tung von Fußballspielen der unteren Ligen spezialisiert hat. Im Haus des Sports in Bad Cannstatt, mit Blick auf die Mercedes­Benz­Arena und die Gebäude des Olympiastützpunktes Stuttgart, hat „Die Ligen“ ihren Sitz – wo­ bei das Start­up vor zehn Jahren in Berlin gegründet wurde. „Unsere Kundschaft sitzt aber eher im Südwesten“, sagt Kleber; da­ rum im Jahr 2008 der Umzug in die schwä­ bische Landeshauptstadt. Zu den Abneh­ mern der Fußballspiele, die Kleber und sein Team filmen, gehören vor allem Fuß­ ballvereine und ­verbände. „Wir sind über­ all dort zugegen, wo die Fernsehsender nicht hingehen“, sagt der Geschäftsführer. Für die Ligaverbände sei das Filmmate­ rial vor allem deswegen interessant, weil es dort für die Schiedsrichterbeobachtung, Sportgerichtsbarkeit oder das eigene On­ line­Angebot genutzt werde, berichtet Kle­

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ber. So liefert „Die Ligen“ beispielsweise die Bilder für DFB­TV – das Videoportal des Deutschen Fußball­Bundes (DFB). In­ nerhalb der Vereine wiederum nutzten Trainer die Filme zu Analysezwecken. Die Vereine sparen damit Fahrtkosten für Spielbeobachtungen und haben zu jeder Zeit Zugriff auf das gesamte Material, so Kleber. Auch Scouts, die auf der Suche nach Talenten sind, gehören nach Angaben von Kleber zum Kundenstamm der „Ligen“. Begonnen hat es bei der Stuttgarter Videoproduktionsfirma im Jahr 2006 allerdings mit einer etwas anderen Idee. Eigentlich, so erzählt Kleber, wollten er und zwei Partner eine Internet­Community­Plattform etablieren, auf der Fußballspiele in voller Länge gezeigt werden und Fans sich untereinander austauschen können – „Youtube für Amateurfußball sozusagen“,

beschreibt der Fußballfan seine anfäng­ liche Vision. Doch daraus wurde nichts: Zum einen habe sich für das noch junge Unternehmen die rechtliche Frage gestellt. Damals hatte der DFB im Amateurbereich noch die exklu­ siven Bildrechte. Dies änderte ein Urteil des Bundesgerichtshofs erst 2010. Zum anderen hatte vor zehn Jahren, anders als heute, nur ein kleiner Prozentsatz der Internetnutzer einmal ein Video im Netz angeschaut. Kle­ ber holte sich seinen Schulfreund Timo Lu­ ippold als weiteren Geschäftsführer mit ins Boot. Nun setzte man auf ein Modell, das sich eher an institutionelle Interessenten richtete. Mittlerweile werden pro Jahr insge­ samt 5000 Fußballspiele in ganz Europa von der „Ligen“­Crew gefilmt – dazu zählen in Deutschland alle Staffeln der A­Junioren­Bundesliga, vier von fünf Regionalligen und die Frauen­ bundesliga. Und auch in andern Ländern Europas, wie in Spanien, Frankreich oder der Schweiz, ist „Die Ligen“ unterwegs – und filmt Fußballspiele. Dafür greifen die Geschäftsführer auf ein großes Netzwerk an freien Mit­ arbeitern zurück. Mehr als 300 sind es europaweit, darunter vor allem Studen­ ten und Rentner, die für „Die Ligen“ filmen, wie Kleber berichtet. Nach einer Schulung dürfen die Mitarbeiter selbstständig zu den Spielen fahren und die Partien vom Spiel­ feldrand aus aufzeichnen. Anschließend werden die Clips an die Kunden entspre­ chend ihren Wünschen verschickt – vom ungeschnittenen Rohmaterial bis hin zu redaktionell aufbereiteten Beiträgen. Vom Hauptsitz in Stuttgart aus – wo Kle­ ber und sein Team, bestehend aus 20 Kolle­ gen, sitzen – wird koordiniert, welcher freie Mitarbeiter zu welchem Spiel fährt. „Wir ha­ ben über 150 Einsätze gleichzeitig, die ge­ managt werden müssen“, sagt der studierte Wirtschaftsingenieur. Um diesen Prozess einfacher zu gestalten, soll künftig eine selbst entwickelte Betriebssoftware namens „Dropkick“ zum Einsatz kommen. Diese soll, so erklärt Kleber, den Mitarbeiter virtu­ ell durch den Einsatz begleiten. Und noch eine Neuerung wird es bald geben: Eine Mediensoftware mit dem

Namen „Derby Express“, die vom Stuttgar­ ter Start­up Bitfactory programmiert wur­ de, soll laut Kleber erkennen, welcher Kun­ de welches Produkt wünscht. Das Pro­ gramm bereitet das Video dementsprechend auf und verschickt es an die Abnehmer. Das Stuttgarter Unternehmen macht et­ wa 70 Prozent seines Jahresumsatzes, den der „Ligen“­Gründer Kleber mit 1,2 Millio­ nen Euro angibt, mit den Videos, die Verei­ ne und Verbände abnehmen. Die anderen 30 Prozent entfallen auf Internetseiten von Medienunternehmen, die die Clips auf ihren Homepages zeigen. Für das laufende Geschäftsjahr peilt „Die Ligen“ einen Um­ satz von 1,8 Millionen Euro an.

D Kunbus­Gründer Martin Kunschert (links) und Entwicklungschef Volker de Haas vor einem Fertigungsautomaten für Platinen. In der Hand halten sie ihr neuestes, innovatives Bautool.

Foto: factum/Weise

Die Revolution aus Denkendorf Hundert Mitarbeiter hat Kunbus – und trotzdem will man bei der Vernetzung von Maschinen untereinander und mit dem Internet Standards setzen. Unter anderem dank der cleveren Einbindung einer weltweiten Gemeinschaft von IT­Entwicklern. Von Andreas Geldner Industrie 4.0

E 5000 GEFILMTE SPIELE IM JAHR Unternehmen 2006 gründete der Nürtinger Markus Kleber mit zwei Partnern „Die Ligen“ – damals noch als Community­Plattform. Seit 2009 führt der studierte Wirtschaftsingenieur Kleber gemeinsam mit seinem Schulfreund Timo Luippold die Videoproduktionsfirma mit Sitz in Stuttgart­Bad Cannstatt, die sich inzwi­ schen auf das Filmen und Vermarkten von Fuß­ ballspielen der unteren Ligen spezialisiert hat. Zahlen Klebers Crew besteht aus 25 fest ange­ stellten und 150 freien Mitarbeitern, die im Jahr europaweit 5000 Spiele filmen. „Die Ligen“ setzt jährlich 1,2 Millionen Euro um. Für das laufende Geschäftsjahr peilt das Unternehmen einen Umsatz von 1,8 Millionen Euro an. noa

Wo die Spieler regionaler Vereine ihre Kickschuhe schnüren, da sind die „Ligen“­Filmer vor Ort.

in wenig Werkbank­Atmosphäre jedem Lappen einen QR­Code aufzubrin­ steckt immer noch in der Indus­ gen“, sagt der Kunbus­Entwicklungschef trie 4.0. In der Fabrikhalle von Volker de Haas. Solche Codes lassen sich Kunbus in Denkendorf zischt und mit einem Handy oder iPad abfotografie­ tackert es. Mitarbeiter fädeln an ren und in ein IT­System einspeisen. So einer automatisierten Fertigungsstraße lässt sich lückenlos verfolgen, wo und wann Bänder ein, die wie Filmrollen aussehen. einer der mit einem speziellen Desinfek­ Auf ihnen sind mikroskopisch kleine tionsmittel präparierten Lappen verwen­ Chips, Kondensatoren und elektrische det wurde. „Sie könnten auch die Bewegun­ Widerstände platziert, die gen des Wischmopps erfas­ dann in der Maschine präzise „Wir beschäftigen sen – dann wissen sie, ob an den gewünschten Punkt uns auch zurzeit tatsächlich gewischt wurde“, auf einer Platine drapiert intensiv mit der sagt de Haas. Natürlich sei das werden. Am Ende verschwin­ nicht für jede Toilettenreini­ den die Platinen in gelben, Nutzung von gung sinnvoll: „Aber im Kran­ mit USB­Anschlüssen und sozialen Medien.“ kenhausbereich ist das eine anderen Verbindungsmög­ Kunbus­Entwickler de Haas sehr sinnvolle Anwendung.“ lichkeiten versehenen Plas­ zur Kultur des Austauschs Auf solche Ideen kommt tikgehäusen. Diese Hardware man nicht allein. Und so be­ ist Kern des Kunbus­Ange­ deutet nach Meinung von de bots. Solche industrietauglichen Elektro­ Vries Industrie 4.0 viel mehr als die Anwen­ nikbauteile lassen sich in der nötigen Qua­ dung neuer Technologien. Es geht um lität besser in Deutschland als in Asien ganze Geschäftsmodelle. Hardware und produzieren. Software, Verkäufer und Kunden, Ge­ Doch Kunbus ist viel mehr als Hard­ schäftsideen und Technologie gehören zu­ ware. Die Boxen dienen als Daten­Über­ sammen. Innovation ist heute Co­Innova­ setzer. In der Produktion gibt es heute tion, die nur funktioniert, wenn man sich noch keinen einheitlichen Datenstandard. wie Kunbus nicht nur als Hersteller, son­ Nur mithilfe der Bauelemente von Kunbus dern auch selbst als „Vernetzer“ versteht – können Maschinen untereinander kom­ und sehr viel kommuniziert. „Wir beschäf­ munizieren und sich mit dem Internet ver­ tigen uns zurzeit intensiv auch mit der Nut­ binden. Und genau diese Vernetzung ist der Schlüssel zum sogenannten Internet der Dinge, was in Deutschland oft unter dem etwas zu engen Begriff Industrie 4.0 gefasst wird. Das Geschäftsmodell von Kunbus besteht deshalb aus viel mehr als dem Verkauf von Elektro­ nikkomponenten. „Kun­ bus – industrial commu­ nication“ steht auf dem Firmenlogo. Und Kom­ munikation in vielerlei Facetten ist der Kern des Geschäfts. Das 2008 gegründete Unternehmen lässt nicht nur Maschi­ nen miteinander reden, sondern nutzt intensive Kommunikation und Aus­ tausch mit Kunden und externen Ent­ wicklern als Schlüssel zur Innovation. So ist etwa jüngst beim Gespräch mit einem Kunden aus der Schweiz die Idee eines vernetzten Putzlappens geboren worden. Das klingt erst einmal seltsam. Doch im Krankenhausbereich fehlt es heute an der präzisen Dokumentation über die Reinigung von Böden und Räumen. Heute muss dies noch von Hand protokolliert werden. „Wir hatten mit dem Kunden zusammen die Idee, auf

zung von sozialen Medien“, sagt de Haas. Das ist für eine kleine Firma mit rund 100 Mitarbeitern, die Geschäftskunden hat, in Deutschland eher ungewöhnlich. Kunbus hat sich dem einst von IT­Tüft­ lern erfundenen Konzept der offenen Innovation („open source“) verschrieben: Quellcodes und Software sind kein eifer­ süchtig gehütetes Geschäftsgeheimnis, sondern bewusst lässt man eine internatio­ nale Gemeinschaft externer Entwickler ihr Feedback und ihre Ideen einbringen. Schon vor dem offiziellen Start des neu­ esten Produkts hatte der Newsletter zu dem Thema bereits 300 Abonnenten. Das freundschaftliche Du im Anschreiben ist da übrigens selbstverständlich. Das revolutionäre Gerät ist ein Mini­ rechner, der klein, billig und robust genug ist, um in jede Maschine eingebaut werden zu können. Vorbild ist ein von einer ge­ meinnützigen Stiftung in Großbritannien ursprünglich als billiges Hilfsmittel für Studenten entwickelter Kompakt­Compu­ ter namens „Rasperry Pi“, der seit seinem Start im Jahr 2012 zu einem durchschla­ genden Erfolg wurde. Um diesen robusten, kompakten und billigen Computer herum haben sich inzwischen eine weltweite Ent­ wicklergemeinschaft und ein ganzes soge­ nanntes Ökosystem an Anwendungen und

Software etabliert. Acht Millionen IT­Ex­ perten entwickeln heute weltweit den bri­ tischen „Rasperry Pi“ weiter. „Revolution Pi“ hat man in Anspielung an diesen Erfolg das neue Kunbus­Bauteil selbstbewusst genannt. Bei Kunbus macht man keinen Hehl daraus, dass man damit einen Standard setzen und aus Denkendorf heraus einen grundlegenden Baustein für die Industrie 4.0 etablieren will. Allein aus eigener Kraft, ohne die Entwickler­ Gemeinschaft, wäre das nie zu schaffen. Diese unorthodoxe Herangehensweise ist typisch für eine Firma, die vor knapp acht Jahren auch aus einem ungewöhnli­ chen Impuls heraus gegründet wurde. „Den Anstoß gab eine Firma, die sehr viele solcher Geräte verbaute – und dachte, dass die doch viel billiger herzustellen sein müssten als das bisherige Angebot“, sagt de Haas. Doch das Unternehmen wollte das nicht selbst entwickeln. Man suchte gezielt nach einem externen Lieferanten, der das Projekt vorantreiben sollte. In Martin Kunschert, einem grün­ dungsbegeisterten Ökonomen, fand man den Mann mit dem richtigen Geschäfts­ instinkt. Er ist selbst kein Ingenieur und hat sich auch schon einmal an einem Whis­ ky­Vertrieb versucht. Doch nicht die Tech­ nik, sondern der Unternehmergeist waren der Schlüssel für die Gründung – und inso­ fern war Kunschert der Richtige. Das offe­ ne, innovative Geschäftsmodell habe nur außerhalb von etablierten Strukturen eine Chance gehabt, davon ist de Haas über­ zeugt. Und auch acht Jahre nach der Grün­ dung will die Firma immer noch flexibel wie ein Start­up bleiben.

ie Sofas leuchten lindgrün und rot, Das zigzag­Team, das mittlerweile auf das Büro ist luftig und hell. Ideen­ ein knappes Dutzend Mitarbeiter gewach­ zettel hängen an den Wänden. Das sen ist, sieht sich dabei als Universal­Be­ Obst am hippen Espressoautomaten ist für treuer – von der Zielgruppen­Analyse geht die jungen Mitarbeiter kostenlos. Doch die es über das Konzept bis hin zum Bau von Start­up­Atmosphäre in Stuttgarts Mitte Prototypen. Dabei müsse man Fachgren­ trügt. Während sich die jungen Kreativen zen überschreiten und denken, was mög­ andernorts mit Zeitverträgen von Job zu lich ist, betont Dusch. Gestalten, was der Job hangeln, setzt die Designagentur zigzag Nutzer wirklich will, und ihn in seinen Ge­ auf unbefristete Verträge – auch zum eige­ wohnheiten einfangen. Er zeigt auf Proto­ nen Vorteil. „Unsere Mitarbeiter bauen bei typen, die er für einen Kunden aus der uns viel Know­how auf, auch deshalb Automobilindustrie angefertigt hat. möchten wir sie halten. Das ist von unserer Eine Smartwatch ist in ein Lenkrad in­ Seite ein Vertrauensvorschuss“, sagt Flo­ tegriert. Hinter dem Armaturenbrett lässt rian Dusch. sich ein Tablet aufstellen, dessen Daten auf Mit Anne Dusch und Hyung Keun Kim die Windschutzscheibe gespiegelt werden hat der 35­Jährige 2012 die Designagentur können. Sensoren befinden sich auf dem gegründet. Sie sorgt dafür, dass bei den Kun­ Brems­ und Gaspedal und registrieren das den die Software und das Design von An­ Fahrverhalten. „Die Frage ist noch offen, wendungen auch zur Marke passen. „Ein wie das Auto künftig bedient wird“, sagt BMW­Fahrer erwartet zum Beispiel von sei­ Dusch. „Die Automobilunternehmen ste­ nem Navigationsgerät etwas anderes als ein hen unter großem Druck. Die Automobil­ Mercedes­Fahrer“, sagt Dusch. industrie hat das neuartige Der Wettbewerb in der Bran­ „Die Kreativität digitale Bedienkonzept des che ist hart und der Preisdruck bleibt bei uns Autos noch nicht vollständig hoch. Start­ups wie zigzag kon­ nicht in starren definiert.“ kurrieren mit globalen Riesen Das habe vor allem interne wie Frog Design, die hinter Prozessen auf Gründe, sagt Dusch. Wenn ein dem Erfolg der frühen Apple­ der Strecke.“ Ingenieur eine Anwendung Computer standen. entwickle, wolle er sie auch Zigzag­Gründer Dusch Der Glücksfall von zigzag über das Start­up­Denken beibehalten – wie auch die an­ hieß Samsung. zigzag hatte deren Ingenieure. Dusch brei­ einen kleinen Anteil daran, tet die Arme aus. „Und dann dass Funktionen von den Samsung­Käu­ kommen immer mehr Features hinzu. Das fern leichter entdeckt und genutzt werden ist wie ein Schneeball, der größer wird. Am konnten. Der Auftrag brachte vor allem Ende ist nichts mehr einfach. Damit stehen Geld und Renommee – auch wenn Sam­ sich Firmen im Weg und machen den Kun­ sung Hunderte von Agenturen beauftragt, den die Benutzung schwer.“ Doch das ist es, wie Dusch sagt. „Wir als kleine Agentur aus was ihn für die Zukunft von Agenturen wie Stuttgart haben nur einen begrenzten Ein­ zigzag so zuversichtlich macht. Hier könn­ fluss darauf, was letztlich in den Produkten ten Start­ups ihre Qualitäten ausspielen, steckt. Die finale Entscheidung liegt bei sagt Dusch. Klein und agil sei man. So kön­ den Designern im Stammsitz in Südkorea.“ ne man die Welt der Smartphone­Nutzer Konzerne in aller Welt setzen auf die mit der Welt eines Autobauers verschmel­ Ideen von Designagenturen, um sich von zen. „Die Kreativität bleibt bei uns nicht in der Konkurrenz zu unterscheiden – oder starren Prozessen auf der Strecke. Wir kön­ überhaupt von den Nutzern verstanden zu nen entwickeln, was die Nutzer wirklich werden. Angewandt wird, was sichtbar so­ brauchen.“ wie einfach und intuitiv zu bedienen ist. Mehr als 50 Projekte hat zigzag inzwi­ Das spielt gerade bei vernetzten Geräten schen betreut. Immer wieder versuche das wie Smartphones, Fernsehern, aber auch Team, die Kunden von ihrem interdiszipli­ bei Industrieanlagen oder Autos eine im­ nären Ansatz zu überzeugen. „Zickzack“ mer wichtigere Rolle. User­Experience – heißt der Firmennamen übersetzt. Im Nutzererfahrung – wird das genannt, wobei Zickzack komme man oft besser ans Ziel. die Nutzung bestenfalls zum Erlebnis wird. Oder wie Dusch es formuliert: „Wir glau­ „Idealerweise machen die Nutzeroberflä­ ben, dass man ein maßgeschneidertes chen auch Freude“, sagt Dusch. Design nur in einem iterativen und freien Prozess schaffen kann.“ Den Beweis möchte das zigzag­Team in Zukunft auch selbst antreten. Dusch hofft, dass die Aufträge genügend Geld einspie­ len, um auch eigene Projekte zu verwirkli­ chen. Der wirtschaftliche Nutzen solle nicht die Hauptrolle spielen, aber größere kreative Freiheit schenken. Vielleicht ge­ hört auch das zum inzwischen bewährten Zickzack­Kurs.

DIE MASCHINEN­VERNETZER Angebot Die 2008 gegründete Kunbus GmbH ist unter anderem Spezialist im Bereich von so­ genannten Feldbus­Bauteilen, die dafür sorgen, dass Maschinen miteinander kommunizieren können. Zum Angebot gehören Protokollüber­ setzer für industrielle Netzwerke, PC­Karten sowie Netzwerkdiagnose­ und Überwachungs­ geräte. Zudem bietet Kunbus kundenspezifi­ sche Entwicklungs­und Projektdienstleistun­ gen an. Mit der Ende 2016 auf den Markt kom­ menden „Revolution Pi“ erweitert Kunbus sein Angebot um den Bereich Industrierechner und industrielle Kleinsteuerungen.

„Revolution Pi“ heißt der Baustein, mit dem Kunbus die Kommunikation von Maschinen erleichtert. Foto: Kunbus

Standorte An den Standorten in Denkendorf bei Stuttgart sowie in Ettlingen bei Karlsruhe sind mehr als 100 Mitarbeiter in der Produktion und Entwicklung beschäftigt. red

EXPERTEN FÜRS NUTZERERLEBNIS

gebaut ist. Zigzag e Smartwatch ein ein s da in , ds ra nk Le en können. Der Prototyp eines enelemente im Auto integriert werd di Be testet damit, wie

Unternehmen Die zigzag GmbH mit Sitz in Stuttgart wurde 2012 gegründet und ist eine international tätige Designagentur. Sie ist auf die sogenannte User­Experience, also das Nutzererlebnis der Verbraucher spezialisiert. Geschäftskunden hilft sie bei der Nutzerfor­ schung, konzeptionellen Arbeit und der Ent­ wicklung von Software und Prototypen für ihre Produkte. Zigzag berät dabei vor allem Kunden aus den Bereichen Unterhaltungselektronik, Automotive, Mobilität und Finanzen. Gründer Das Unternehmen hat drei Gesell­ schafter: die Designer Florian Dusch und Hyung Keun Kim sowie die Betriebswirtin Anne Dusch. dag


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

Schwaben­Sensor für Neuseeland Von der Fellbacher Firma Lufft kommen Sensoren, die in Skigebieten Winde messen, vor Glätte warnen und bei der Steuerung von Windrädern und Solaranlagen helfen. Von Ulrich Schreyer Messgeräte

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enn die Neuseeländer Ski fahren, werden sie wohl kaum daran denken, dass der Sensor, der ihnen die Windrichtung und die Windstärke im bis zu 1900 Meter hohen Cardrona Alpine Resort misst, aus Fellbach am anderen Ende der Welt stammt – ein Schwaben­Sensor für Neuseeland. Der Ul­ traschall­Windsensor Ventus ist zwar ein innovatives Produkt, kommt aber aus einem bereits 1881 gegründeten Traditionsunter­ nehmen – der seit Kurzem zum US­Konzern Danaher gehörenden Lufft GmbH. Solche Sensoren sind nicht nur für Skigebiete inte­ ressant: Passagierflugzeuge müssen über Winde Bescheid wissen, aber auch Hub­ schrauber, die auf einer Ölplattform landen. „Unsere Kunden in der Meteorologie er­ höhen mit den durch unsere Sensoren zur Verfügung gestellten Daten die Genauigkeit der Wettervorhersage. Dabei spielen neben der Temperatur, der Feuchte und der Windgeschwindigkeit auch die Wolkenhöhe und die Anzahl der Wolkenschichten eine große Rolle,“ erklärt Geschäftsführer Mar­ tin Nicklas. Zusammen mit der Ott GmbH in Kempten, über die Lufft an Danaher ange­ bunden ist, will das Unterneh­ „Mit unseren Geräten men so auch einen Beitrag für den Umweltschutz leisten: können die Kunden auch feststellen, ob die Straßen Lufft misst, was in der Luft vor sich geht, Ott ist auf die Erfas­ glatt sind. Das hilft sung der Daten von Wasser­ kreisläufen spezialisiert. dem Winterdienst.“ Das vom zunächst ange­ Martin Nicklas, Geschäftsführer des stellten Stuttgarter Optiker­ Sensorenherstellers Lufft in Fellbach meister Gotthilf Lufft gegrün­ dete Unternehmen hatte schon in seinen frühen Jahren mit dem Wet­ ter zu tun. Ende des 19. Jahrhunderts näm­ lich verkauften die Optiker auch Barometer und Wetterstationen. Lufft aber befand, die­ se seien zu schlecht, und entwickelte selbst welche – in einer eigenen Firma. Mit etwas mehr als 100 Mitarbeitern setzt diese inzwi­ schen etwa 25 Millionen Euro um, die Ex­ portquote liegt bei 40 Prozent. Das größte Projekt der letzten Jahre, für das die Fellba­ cher auch mit dem Rudolf­Eberle­Preis, dem Innovationspreis des Landes Baden­ Württemberg, ausgezeichnet wurden, heißt Marvis und soll das Autofahren sicherer ma­ chen. Marvis ist ein mobiler Straßensensor,

der etwa die Wasserhöhe auf Autobahnen messen und vor Aquaplaning warnen kann. Und er erkennt auch, wo Straßen glatt sind. Stationäre Sensoren, die dies können, gibt es schon länger, für die ehemaligen geschäfts­ führenden Gesellschafter Klaus Hirzel und Axel Schmitz­Hübsch, die auch nach dem Verkauf noch im Unternehmen tätig sind, war die Entwicklung des mobilen Straßen­ sensors einfach eine logische Weiterent­ wicklung des stationären Glättemessers. Zunächst ist an einen Einsatz bei Winter­ diensten gedacht: „Der Fahrer eines Winter­ dienstfahrzeugs muss nicht mehr nachts um drei aussteigen und mit den Füßen abtasten, ob die Straße glatt ist“, erklärt Nicklas, „der Sensor sagt es ihm.“ Dann kann beispiels­ weise eine Leitzentrale, mit der das Fahr­ zeug per Datenfunk verbunden ist, ent­ scheiden, ob und wie viele Mitarbeiter zum Salzstreuen ausrücken müssen. Und der Sensor kann auch helfen, das Salz besser zu dosieren – in schattigen Wald­ stücken oder auf zugigen Brücken kommt dann etwas mehr auf die Straße. Traditionell nämlich heißt es beim Winterdienst eher, viel hilft viel – auch weil sich etwa nach einem Unfall niemand vorwerfen lassen möchte, er habe zu wenig gestreut. In Ham­ burg sind schon einige Fahrzeuge mit Senso­ ren für den Winterdienst unterwegs, „für die Fahrzeugflotten von Paket­ und Brief­ expressdiensten wie DHL oder UPS könnte er auch interessant sein“, sagt Nicklas, außerdem sei man auch „im Gespräch mit allen großen Autoherstellern“ – auch weil autonom fahrende Autos natürlich ebenfalls vor Glätte gewarnt werden müssen. Und dass Winde mit dem Ventus gemes­ sen werden können, ist nach Meinung des Geschäftsführers nicht nur für Skigebiete interessant: „Auch Windkraftanlagen benö­ tigen verlässliche Messwerte über die aktu­ ell vorherrschende Windrichtung und die Windgeschwindigkeit, um die Anlagen per­ fekt in den Wind zu stellen.“ Die Sensoren aus Fellbach indes trotzen nicht nur Eis und Kälte. Sie können mit ihren Messungen auch einem Betreiber von Solaranlagen einen Hinweis darauf ge­ ben, wann er wahrscheinlich wie viel Strom ins Netz liefern kann – interessant natür­ lich eher für Solarfarmen als für Häusle­ bauer mit einer kleinen Zelle auf dem Dach.

Sensoren aus Fellbach werden praktisch in der ganzen Welt verkauft. Selbst im neuseeländischen Skigebiet Cardrona Alpine Resort ist ein Gerät aus Fellbach aufgestellt. Dort misst es, wie stark der Wind in rund 1900 Meter Höhe weht. Skifahrer können dort seit 1980 über die Pisten fegen. Foto: Lufft

Nicht nur Hightech Die Hochschule Nürtingen­Geislingen und die Hochschule für Technik betreiben gemeinsam Gründerarbeit. Von Andreas Geldner Verbund

Tüftler - Gründer - Startups Sie interessieren sich für Ideen, Innovationen und Inspirationen rund um Startups, etablierte Firmen, Hochschulen und Trends aus der Technologieentwicklung in Baden-Württemberg? Auf www.ideenwerkBW.de und in Ihrer Wirtschaftszeitung „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte.

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itten in der Altstadt von Nürtingen einzelnen Standorte hinaus – einer der liegen die Hauptgebäude der Hoch­ Vorteile der Konstruktion. schule für Wirtschaft und Umwelt Insgesamt geht es im Hochschulver­ (HfWU) Nürtingen­Geislingen. Und wer bund in jedem Jahr um rund ein halbes gleich am Eingang die Hinweistafeln für die Dutzend Gründungen. „Wir sind Mädchen Fachbereiche Pferdewirtschaft und Agrar­ für alles“, sagt Faiß. Von der ersten, typi­ wirtschaft sieht, der ahnt, dass im seit mehr schen Gründerfrage „Wie komme ich an als zehn Jahren bestehenden Gründerver­ Geld“ bis hin zum Seelentrösten sei man bund der Hochschule Nürtingen­Geislingen vielfältig gefragt. Und die Begleitung kann, und der Hochschule für Technik in Stuttgart ganz informell, auch über Jahre gehen. die Rahmenbedingungen anders sind als an Hier tummeln sich nicht unbedingt Grün­ einer großen Universität. In den Gründer­ der, die von einem zum anderen Event tin­ broschüren zur „Faszination Start­up“ ist geln. „Viele unserer Gründer suchen gar eine Hochzeitsberatung ebenso zu finden nicht so sehr die Bühne“, sagt Huster. wie eine Mobilitätsplattform, über die sich Valentin Schackmann, der sich als Pro­ Motorroller nach dem Carsharing­Modell rektor für Karriere und Weiterbildung mieten lassen, oder ein Online­Shop für auch um das Thema Unternehmertum Pferdesättel. kümmert, erinnert an die Kultur der „Hid­ Zusammen knapp 10 000 Studenten den Champions“, also der heimlichen Welt­ sind in den beiden Hochschulen einge­ marktführer in Baden­Württemberg. „Oft schrieben. Seit nunmehr 15 Jahren hilft die gehen die Themen Gründen und Unter­ Gründerberatung Contact AS den Studie­ nehmensnachfolge Hand in Hand“, sagt er. renden dabei, ihre Ge­ So haben die Eltern man­ schäftsideen umzuset­ „Oft gehen die Themen cher Studenten am auf zen. Die Kooperation Gründen und Nachfolge die Automobilwirtschaft ist eine deutschlandweit im Unternehmen spezialisierten Standort einmalige Konstellation. Geislingen ein Autohaus. Sie verbindet eine tech­ Hand in Hand.“ Auf Agrarwirte wartet ein nologisch ausgerichtete Prorektor Schackmann Bauernhof. „Solche Leute Hochschule in einer Me­ über die Gründerkultur klopfen nicht bei uns an“, tropole (HFT Stuttgart) sagt Huster. Die Grün­ mit einer Hochschule in der Region, die derberater von Contact­AS brechen eine sich auf zwei Standorte verteilt und deren Lanze für ein breites Spektrum an Grün­ Schwerpunkt in der Wirtschafts­ und dungen auch jenseits der Hightech. Solche Umweltwissenschaft liegt. Gründungen bräuchten wenig Kapital. „Eigentlich ergänzt sich das ja perfekt“, „10 000 bis 20 000 Euro würden oft rei­ sagt Sebastian Faiß, der beim Stuttgarter chen“, sagt Faiß. Es gebe aber keine Töpfe Partner HFT für die Gründerberatung zu­ für solche Mikrofinanzierungen. ständig ist. „Wirtschaftswissenschaftler su­ Künftig ist aber auch eine engere Anbin­ chen immer Techniker – und umgekehrt.“ dung an die technologischen Interessen Und doch ist es in der Praxis nicht ganz ein­ der regionalen Wirtschaft anvisiert. Neben fach, die in ihren straff organisierten Ba­ den Aktivitäten von Contact­AS plant die chelorstudiengängen eingespannten Stu­ HfWU Nürtingen­Geislingen mit der Stutt­ denten zur Vernetzung über den jeweiligen garter Hochschule für Medien in ehemali­ Hochschulstandort hinweg zu bewegen. gen Gebäuden der WMF in Geislingen ein Faiß und Hedwig Huster, die am Standort Innovationszentrum. Sollte dieses Projekt Nürtingen­Geislingen für die Betreuung zustande kommen, wird sich dort Contact­ zuständig ist, haben aber den Blick über die AS in der Gründerberatung einbringen.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

Fairness für einen unfairen Partner? Deutschland investiert in dem Riesenland viel, dennoch kann von gleichen Chancen keine Rede sein. Von Klaus Köster China

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und 5000 deutsche Firmen ha­ ben Niederlassungen oder Toch­ tergesellschaften in China, und sie beschäftigen dort rund eine Million Menschen. Der Markt ist schließlich nicht nur riesig, sondern auch wachstumsstark. Die Zeiten, da die Wirt­ schaftsleistung Jahr für Jahr zweistellig ge­ stiegen ist, gehören zwar der Vergangen­ heit an – aber auch die sechs bis sieben Prozent, in denen sich die Raten nun ein­ pendeln, eilen den hiesigen weit voraus. Allerdings sagt diese Rate nur begrenzt etwas aus über die Frage, wie gut die Ge­ schäfte ausländischer Firmen dort laufen. Denn zum einen dämpft ein schwächeres Wachstum die Nachfrage nach Investitio­ nen, was auch deutsche Maschinenbauer zu spüren bekommen – zum anderen ist China trotz der engen Verflechtungen kein Wirtschaftspartner wie jeder andere. „Unsere größte Sorge sind ungleiche Wett­ bewerbsbedingungen“, sagte Industrieprä­ sident Ulrich Grillo. „Wir wollen in China die gleichen Bedingungen, die wir in Deutschland auch chinesi­ „Die Regeln für Investoren schen Investoren bieten. Aber davon sind wir weit entfernt.“ aus dem Ausland sind in Wer in China investieren den vergangenen Jahren und verkaufen will, sieht sich gelockert worden.“ vielfältigen Hürden ausge­ setzt – so ist es schwierig, an Júlio Neto, Außenwirtschaftsexperte der IHK öffentlichen Ausschreibun­ gen überhaupt teilzunehmen. Doch Júlio Neto, stellvertretender Ge­ schäftsführer der Abteilung Außenwirt­ schaft und Dienstleistungen bei der In­ dustrie­ und Handelskammer (IHK) Re­ gion Stuttgart, warnt davor, nur auf die Probleme zu schauen. Denn die Regeln sei­ en in den vergangenen Jahren erheblich ge­ lockert worden. So gebe es seit März 2015 den neuen Investitionskatalog der Regie­ rung, der für 38 Investitionsbereiche Be­ schränkungen vorsehe. Vorher seien es noch 79 gewesen. Längst sei auch der Zwang, Gemeinschaftsunternehmen bei­ zutreten, stark gelockert worden. So gilt die Begrenzung auf maximal 50 Prozent der Anteile an einem Investitionsprojekt in China heute nur noch für Autohersteller. Auch der Umgang mit chinesischen Be­ hörden ist nach Netos Erfahrungen einfa­ cher geworden. Die Zeiten, da Provinzfürs­ ten ihre eigene Politik machten, sei vorbei, die Verwaltung sei heute berechenbar. „Die Linie, die Peking vorgibt, wird heute nicht mehr konterkariert.“ Ganz problemlos sei die Praxis dennoch nicht: Es gebe eine Tendenz, staatliche chinesische Betriebe gegenüber ausländischen Wettbewerbern zu bevorzugen und so die ehrgeizigen Vor­ gaben voranzubringen. Dieses Verhalten sei aber schwer zu greifen. Wenn etwa Lie­ ferungen aus Baden­Württemberg lange im Hafen auf die Zollabwicklung warten, kön­ ne das an der Bearbeitung liegen, aber auch daran, dass man Wettbewerbern das Leben schwer machen wolle.

WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN ZWISCHEN CHINA UND DEUTSCHLAND Deutsche Unternehmen, die in China tätig sind Chinesische Unternehmen, die in Deutschland tätig sind*

Die Politik hat noch einige Herausforde­ rungen im wirtschaftlichen Zusammen­ spiel mit China zu bewältigen. Um das Wachstum nicht absacken zu lassen, gibt China sehr viel Kredit vor allem an staatli­ che Firmen, die dann auf Teufel komm raus produzieren. Dadurch werden gewaltige Überkapazitäten geschaffen und aufrecht­ erhalten. Das wiederum erhöht nicht nur das Risiko einer Kreditblase, sondern führt auch zu Verzerrungen, nicht zuletzt im Verhältnis zu ausländischen Firmen, die von solchen Förderungen oft ebenso aus­ genommen werden wie nichtstaatliche chi­ nesische Unternehmen. Hinzu kommt, dass die Produkte, die aus diesen Überkapazitäten entstehen, zu Niedrigstpreisen auf ausländische Märkte gedrückt werden. Das ist etwa in der Stahl­ branche der Fall und war eindrucksvoll in der Solarbranche zu beobachten, in der deutsche Firmen zunächst den Weltmarkt beherrschten, ehe sie von staatlich geför­ derten Anbietern fast komplett vom Markt gefegt wurden. Selbst der finanzstarke Bosch­Konzern strich am Ende die Segel und zog sich 2013 weitgehend aus dem mit großen Hoffnungen aufgebauten Solar­ geschäft zurück. Allerdings gehört zum Bild auch, dass unter dem Preiskampf kei­ neswegs nur europäische Firmen litten, sondern auch zwischen chinesischen Fir­ men ein ruinöser Wettbewerb entbrannte. Trotz fragwürdiger Handelspraktiken – gerade für ein Land wie Baden­Württem­ berg wäre ein Rückgang der wechsel­ seitigen Investitionen unter dem Strich nachteilig. Denn China ist für Schlüssel­ industrien des Südwestens ein wichtiger, teilweise sogar der wichtigste Absatzmarkt. Das gilt schon lange für die Autohersteller, deren Rekorde ohne die dortigen Verkäufe undenkbar wären. Es gilt aber auch für den Maschinenbau. „China will sich zu einem Standort für Hochtechnologien entwi­ ckeln, deshalb ist der Bedarf an Maschinen aus Baden­Württemberg hoch“, so Neto. Auf diese Weise fließt der Wohlstand, den sich das Land mit billigen Exporten in die westlichen Industrienationen geschaffen hat, an diese zurück – und nicht zuletzt nach Baden­Württemberg. Aber werden westliche Investoren in China nicht ausgenutzt? Immer wieder machen Nachrichten über spektakuläre Raubkopien aus China die Runde – von der Uhr über die Motorsäge bis zur Werkzeug­ maschine gibt es kaum ein Produkt, das vor Fälschern sicher ist. Auch hier sieht Neto eine Entwicklung in die richtige Richtung. „Plagiate sind weiter ein Problem, aber heute können Verletzungen des geistigen Eigentums wirksam verfolgt werden.“ Im Übrigen seien von Produktfälschungen nicht nur Unternehmen betroffen, die in China investieren. Zu den großen Herausforderungen für Investoren zählt die mangelnde Vertraut­ heit mit den Verhältnissen vor Ort. „Wer in China investieren will, muss vor Ort jeman­ den haben, der sich auskennt, sonst funk­ tioniert es nicht.“ Ein guter Draht zu den Behörden sei wichtig – doch das sei in Chi­ na nicht anders als in Deutschland.

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Autor Klaus Köster ist

Chinesische Direktinvestitionen in Deutschland (Mrd. Euro)*

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Titelautor der Stuttgarter Nachrichten und berichtet vor allem über Wirtschaftsthemen.

Quelle: Auswärtiges Amt

Fotos: AP, dpa (2)

„Made in China“ ist oft kein Makel mehr – das Land setzt als Produzent zunehmend auf anspruchsvolle Güter.

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Deutsche Direktinvestitionen in China (Mrd. Euro)* * 2014

In chinesischen Häfen werden riesige Mengen umgeschlagen – in beide Richtungen.

Auch für Porsche ist China inzwischen der weltweit größte Absatzmarkt – noch vor den USA.


24 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | Oktober 2016

Kampf um den Kauf von Kuka Um den Kauf des Roboterherstellers ist es ruhig geworden, doch die Fragen, die er aufwirft, sind nicht gelĂśst. Von Klaus KĂśster China

Der Roboter, der Bier ausschenken kann, ist zwar nur eine Spielerei – aber sie zeigt, dass die Fähigkeiten der Elektronik immer weiter reichen. Denn ein Roboter, der Bier ausschenkt, kann auch bald komplexe Montagearbeiten in der Industrie ßbernehmen. Foto: dpa

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ls der chinesische Haushalts­ maschinen­Hersteller Midea vor einigen Monaten den Augs­ burger Roboterhersteller Kuka Ăźbernehmen wollte, war die Aufregung in Deutschland groĂ&#x;. Bundes­ wirtschaftsminister Sigmar Gabriel forderte die Wirtschaft auf, ein Gegenangebot vorzu­ legen, damit das Unternehmen nicht an die Chinesen geht. Auch Bundeskanzlerin Ange­ la Merkel zeigte sich gegenĂźber dem Ăœber­ nahmeangebot skeptisch. Kann ein Land, das ausländische Unternehmen bei Investi­ tionen benachteiligt, auf einen freien Zugang zu seinen Märkten pochen? Muss Deutsch­ land einen Ausverkauf der eigenen Wirt­ schaft wirklich sehenden Auges zulassen? So geräuschvoll Gabriel seinerseits ver­ suchte, Widerstand gegen eine Ăœbernahme

zu orchestrieren, so kleinlaut lieĂ&#x; er sein Vorhaben nach einigen Monaten fallen. Am Ende kĂźndigte er an, nicht einmal ein fĂśrmliches PrĂźfverfahren nach dem AuĂ&#x;enwirtschaftsgesetz zu erĂśffnen, denn es gebe „keinen Anhaltspunkt“ dafĂźr, dass durch den Verkauf die Ăśffentliche Ordnung oder die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gefährdet werde. Inzwischen besitzt Midea längst rund 95 Prozent der Kuka­Anteile. Doch war der VorstoĂ&#x; der Politik damit von vornherein unberechtigt? DarĂźber scheiden sich die Geister. Fest steht, dass die Robotik zu den SchlĂźsseltechnologien gehĂśrt, von denen Deutschlands kĂźnftige Rolle in der globalen Wirtschaft maĂ&#x;geb­ lich abhängt – und dass Kuka auf diesem Gebiet eines der fĂźhrenden Unternehmen

ist. Kuka produziert Roboter, die sich tief in den Produktionsprozess von Unterneh­ men einklinken und nicht mehr nur me­ chanisch vordefinierte Aufträge ausfĂźhren, sondern sich digital mit Kunden, Lieferan­ ten und sogar mit den zu verarbeitenden Teilen vernetzen und beim gĂźnstigsten Anbieter Nachschub bestellen. Diese Ver­ knĂźpfung zwischen komplexer Mechanik und digitaler Technologie ist die groĂ&#x;e Chance der deutschen Industrie, im welt­ weiten Wettbewerb Boden gutzumachen. Nachdem US­Digitalkonzerne wie Goog­ le und Apple beim Geschäft mit dem Privat­ verbraucher fast uneinholbar vorn liegen, ist der Kampf um die digitale Fabrik noch längst nicht entschieden. Gelingt es Deutschland, seine Ingenieurkompetenz ins digitale Zeit­ alter zu Ăźbertragen, stehen die Chancen gut.

Wirtschaft t tschaft t in Baden-WĂźrttemberg

Die Wirtschaftszeitung der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten fĂźr Stuttgart und die Region

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Kuka arbeitet zwar an der entscheiden­ den Nahtstelle – doch reicht das als Grund aus, die Firma vor dem Verkauf zu schĂźt­ zen? Die Entscheidung wäre leichter ge­ fallen, wenn es in den chinesisch­deut­ schen Wirtschaftsbeziehungen ein „level playing field“ – also Chancengleichheit – gäbe. Doch fĂźr ausländische Unterneh­ men ist es immer noch weit schwieriger, in China zu investieren und Geschäfte zu be­ treiben als umgekehrt. Und weil Chinas FĂźhrung sich vorgenommen hat, unter an­ derem bei der KĂźnstlichen Intelligenz und der Robotik an die Weltspitze vorzudrin­ gen, kann es gut sein, dass der Kauf von Kuka auch dazu dient, seinem Unterneh­ men strategische Vorteile zu verschaffen, die ausländischen Firmen umgekehrt ver­ schlossen bleiben. Allerdings bezweifeln Experten inzwi­ schen, dass die Technologie von Kuka wirk­ lich so einzigartig ist – auch wenn sie ein­ räumen, dass das Unterneh­ men sich gut präsentieren „Es gibt keinen kann. So fĂźhrte es bei der Han­ Anhaltspunkt, dass der nover Messe dem US­Präsi­ Verkauf die Ăśffentliche denten Barack Obama einen Roboter vor – und der zeigte Ordnung gefährdet.“ sich „beeindruckt“. Anderer­ Sigmar Gabriel, seits aber rĂźhrte kein deut­ Bundeswirtschaftsminister sches Unternehmen einen Finger, um einen Verkauf von Kuka zu ver­ hindern. Das deutet nicht gerade darauf hin, dass es sich um ein SchlĂźsselunterneh­ men handelt, von dem die deutsche Wirt­ schaft abhängig ist. SchlieĂ&#x;lich achten Unternehmen pedantisch darauf, sich nicht in Situationen zu begeben, in denen sie unter Druck gesetzt werden kĂśnnen – der Stillstand der VW­Golf­Bänder im Streit mit einem Zulieferer hat gezeigt, wie riskant es ist, wenn sich ein Unternehmen in solche Abhängigkeiten begibt. Offen­ sichtlich herrscht in der Industrie die Ein­ schätzung vor, von Kuka und seinen Tech­ nologien nicht abhängig zu sein. WomĂśglich ist das eigentliche Problem fĂźr Deutschland nicht der Verkauf von Ku­ ka, sondern der Schutzzaun um chinesi­ sche Firmen. Doch die GrĂśĂ&#x;e des chinesi­ schen Marktes hält die Politik davon ab, mit mehr Nachdruck auf faire Wettbewerbs­ bedingungen zu drängen.

       

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China und Deutschland im Vergleich China

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in der Kategorie Konzept und Innovation

Landfläche BevÜlkerung in Tausend km2 in Millionen StZ-Grafik: zap

Wachstum 2014, in %

Inflation 2014, in %

BIP in Mrd. Euro

Quelle: Statistisches Bundesamt


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

GESUNDHEITSMANAGEMENT O K TO B E R 2 0 1 6

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Zu spät

Zu laut

Zu riskant

Besonders kleine und mittelständische Unternehmen sollen ihre Gesundheitsprävention verbessern. Das ist das Konzept des Gesetzgebers.

Lärm im Büro stört die Konzentration, kann sogar gesundheitliche Schäden verursachen. Auch falsche Beleuchtung ist ein Problem.

Die Zahl der Arbeitsunfälle bewegt sich auf niedrigem Niveau. Damit das so bleibt, sind auch die Arbeitnehmer gefordert.

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ealth Economics, Gesundheitsökonomie oder Fitness und Health Management – viele Hochschulen bieten Studiengänge im Umfeld von Betriebswirtschaft und Gesundheit an. „Unser Studiengang Gesundheits- und Sozialmanagement vermittelt betriebswirtschaftliche Kenntnisse für Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens“, erklärt Dr. David Matusiewicz, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Dekan für den Hochschulbereich Gesundheit und Soziales der FOM Essen. „Es geht darum, wie das Gesundheitsund Sozialsystem aufgebaut ist, welche Schnittstellen die einzelnen Akteure haben und welche Mechanismen auf die Angebotsund Nachfrageseite im Gesundheitswesen wirken.“ Das wichtige Gut der Gesundheit stellt dabei besondere Herausforderungen an das Management von Einrichtungen. „Diese Besonderheiten werden praxisnah an verschiedenen Organisationen betrachtet und diskutiert“, erklärt Matusiewicz. Das sieben Semester dauernde Studium bereitet gezielt auf eine verantwortungsvolle Position im Gesundheits- und Sozialwesen vor, zum Beispiel in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, bei Krankenversicherungen oder sozialen Einrichtungen. Während die Ausgaben des deutschen Versorgungssystems stetig steigen, werden die Potenziale von Prävention und Gesundheitsförderung bislang nur unzureichend genutzt. „Mit dem Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention soll die gesetzliche Krankenversicherung zukünftig den Fokus stärker auf gezielte Präventionsmaßnahmen legen, die das Erkrankungsrisiko verringern und so zu einer Reduktion der Gesundheitsausgaben führen“, erklärt Professor Dr. Arne Morsch vom Fach-

Arbeiten an der Schnittstelle Gesundheitsmanager – ein Beruf mit Zukunft

bereich Gesundheitswissenschaft der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement – kurz DHfPG. „Es ist daher davon auszugehen, dass sich gerade an der Schnittstelle des Versorgungssystems und des privatwirtschaftlichen, sogenannten zweiten Gesundheitsmarktes zukünftig weitere Potenziale für Leistungen und zukunftsorientierte Arbeitsplätze ergeben.“ Der Studiengang Bachelor of Arts Gesundheitsmanagement an der DHfPG qualifiziert zum Präventionsspezialisten, der gesundheitsförderliche Interventionsmaßnahmen für verschiedene Zielgruppen in den Handlungsfeldern Bewegung, Ernährung, Entspannung und Stressmanagement plant, koordiniert, umsetzt und evaluiert. „Die Aufgabe eines Gesundheitsmanagers ist es zudem, gesundheitsfördernde Projekte in verschiedenen Lebenswelten, wie Betrieb, Kita, Schule oder Kommune, zu initiieren, zu begleiten und die Qualität dieser Projekte nachhaltig zu sichern“, gibt Morsch Beispiele. Das Gesundheitswesen gehört zu den Boombranchen der deutschen Wirtschaft und steht gleichzeitig stark unter Druck. Der Wettbewerb nimmt zu, und um sich erfolgreich am Markt zu positionieren, ist betriebswirtschaftliches Handeln gefragt. „Die Verbindung zwischen Gesundheit und Wirtschaft in Deutschland ist noch eine ,kleine Pflanze‘ – eine Disziplin, die sich im Gegensatz zur Allgemeinen BWL noch weiter herausbilden wird“, ist Matusiewicz von der FOM Essen überzeugt. Die Gesundheitsakteure wie Leistungserbringer und Krankenversicherungen entwickeln sich Gesundheitsmanagement-Organisationen und brauchen Mitarbeiter, die beide „Sprachen“ sprechen. „Da die Gelder auch im Gesundheitswesen knapp sind, ist es wichtig, diese so einzusetzen, dass die breite Bevölkerung einen Zugang zu einem qualitativ hohen Standard in der Gesundheitsversorgung hat.“ Gesundheit ist wiederum die Prämisse für produktive Arbeitskräfte, so dass sich beide Größen gegenseitig beeinflussen. Das Thema Gesundheit liegt seit Jahren im Trend. „Der Bereich zeichnet sich durch rund fünf Millionen Beschäftigte und seit Jahren über zehn Prozent Bruttoinlandsprodukt in Deutschland aus“, zeigt Matusiewicz die Relevanz auf. „Die Wirtschaftskraft ist damit vergleichbar mit der Automobilindustrie.“ Die Akteure im Gesundheitswesen fraGESUNDHEITSFÖRDERUNG gen zunehmend nach Akademikern mit wisSOZIALES senschaftlichem Knowhow an der SchnittstelKRANKENKASSE le zwischen Medizin und Management. „Die beruflichen Perspektiven für Absolventen des Studiengangs GeSTANDARD sundheits- und Sozialmanagement sind derBACHELOR zeit hervorragend, da Gesundheitsmanager händeringend gesucht werden“, betont Matusiewicz. Mögliche Arbeitgeber sind Krankenhäuser, Praxisnetze und medizinische Versorgungszentren, Krankenkassen, Prüfungs- und Beratungsunternehmen, die Pharma- und die Medizinprodukte-Industrie oder auch Unternehmen im Bereich Gesundheitstourismus. Auch die Absolventen des Studiengangs Gesundheitsmanagement der DHfPG haben eine ausgezeichnete berufliche Perspektive. „Als Spezialist für Prävention und Gesundheitsförderung besteht ein zukunftsträchtiges Betätigungsfeld zum Beispiel im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen“, zeigt Morsch die Möglichkeiten auf. „Des Weiteren können Gesundheitsmanager im Rahmen der lebensweltbezogenen Gesundheitsförderung in Kommunen, Schulen und Kitas ihren Beitrag dazu leisten, die Gesundheitssituation der Menschen vor Ort zu verbessern.“ Auch beim Aufbau eines Präventionsangebots bei kommerziellen Dienstleistern wie Fitness- und Gesundheitseinrichtungen beraten heute Gesundheitsmanager. Brigitte Bonder

QUALIFIKATION

JOB

ARBEITSMARKT

WANDEL

KLINIK KOSTEN BETRIEBSWIRTSCHAFT

STUDIUM

WISSENSCHAFT

Das Berufsbild des Gesundheitsmanagers vereint wirtschaftliches mit sozialem und gesundheitlichem Wissen.

Foto: Clemens Schler/Fotolia


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GESUNDHEITSMANAGEMENT

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Vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen soll das betriebliche Gesundheitsmanagement weiter gestärkt werden.

Foto: V&P Photo Studio/Fotolia

Gesunde Beschäftigte – gesunde Betriebe Prävention am Arbeitsplatz soll weiter ausgebaut werden

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inen Großteil der Zeit verbringen wir men der Prävention und Gesundheitsförde- Beispiele. „Außerdem können Nichtraucheram Arbeitsplatz, daher sollte dieser so rung. „Es geht darum, Krankheiten zu ver- kurse, Tage der Gesundheit oder ein gesungestaltet sein, dass er für den Erhalt meiden, bevor sie überhaupt entstehen“, des Kantinenessen angeboten werden, oftunserer Gesundheit förderlich ist. Verant- betont Bundesgesundheitsminister Her- mals wird Bewegung in der Pause oder Bewortlich dafür ist zum einen der Arbeit- mann Gröhe. „Das gilt für jeden Einzelnen, triebssport unterstützt.“ Auch Maßnahmen geber, doch auch der Mitarbeiter sollte et- ist aber genauso ein Anspruch an all diejeni- wie flexible Arbeitszeiten, gesundheitswas für sein Wohlergehen tun. Eine gesetz- gen, die für die Gesundheit anderer mit Ver- gerechte Mitarbeiterführung oder Ernähliche Grundlage ist das vor 20 Jahren antwortung tragen – in Kitas, Schulen, am rungs- und Stressmanagementkurse können verabschiedete Arbeitsschutzgesetz. Es re- Arbeitsplatz oder im Pflegeheim. Ziel muss die Gesundheit fördern. Wichtige Ansprechgelt für alle Tätigkeitses sein, die Umgebung, partner sind die gesetzlichen Krankenbereiche die Arbeitsin der wir leben, lernen kassen, denn sie verfügen über das nötige VERÄNDERTES schutzpflichten des und arbeiten, so zu ge- Wissen und können Betrieben die notwendiKRANKHEITSSPEKTRUM Unternehmens sowie stalten, dass sie die Ge- gen Informationen zur Verfügung stellen. die Rechte und Pflichsundheit unterstützt.“ Durch regelmäßige Vorsorgeunterten des Beschäftigten. Der Arbeitgeber hat Daher hat das Bundeskabinett Ende 2014 suchungen lassen sich viele Krankheiten die notwendigen Maßnahmen zu treffen, den Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der frühzeitig erkennen, behandeln oder sogar um die Sicherheit und den Gesundheits- Gesundheitsförderung und der Prävention vermeiden. Die Chancen auf Heilung steigen schutz der Beschäftigten zu gewährleisten beschlossen. Ein Schwerpunkt ist die Förde- und längere Ausfallzeiten können reduziert und zu verbessern. Hierzu muss er die be- rung der Prävention im Betrieb, insbesonde- werden. Für Unternehmen lohnt es sich dastehenden Gefährdungen beurteilen und re kleine und mittelständische Unterneh- her, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu förzielgerichtete Arbeitsschutzmaßnahmen men sollen in den Fokus der Leistungen der dern. Mit der betrieblichen Krankenversidurchführen. Beschäftigte haben ihrerseits Krankenkassen rücken. Mit einem größeren cherung der Halleschen erhalten Mitarbeiter die Anweisungen zu befolgen und Sicher- Angebot an Leistungen geht es darum, deut- beispielsweise Zugang zu einer Vielzahl an heitsmängel zu melden. „Seit Einführung lich mehr Unternehmen mit Maßnahmen zusätzlichen Vorsorgeuntersuchungen, die des Gesetzes sind Arbeitsunfälle und Berufs- zur betrieblichen Gesundheitsförderung zu von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erkrankungen deutlich zurückgegangen, je erreichen. übernommen werden. 1000 Vollarbeiter haben sich 2014 mehr als Gesunde BeschäftigAbhängig von Alter AN UNTERNEHMEN eine Million Arbeitsunfälle weniger ereignet te in gesunden Unterund Geschlecht gibt es ANGEPASSTE LEISTUNGEN alle zwei Jahre neue als 1995“, weiß Jörg Feldmann von der Bun- nehmen sind ein Ziel, desanstalt für Arbeitsschutz und Arbeits- an dem sich alle im BeVorsorge-Schecks vom medizin. „Daneben hat auch die Zahl der an- trieb beteiligen können – von der Unterneh- Chef, so wird die Extraleistung des Arbeiterkannten Berufskrankheiten abgenommen, mensleitung über die Beschäftigten bis zum gebers deutlich. Diese Schecks können beim sie ist von 24 300 auf 17 000 gesunken.“ Werksarzt. Die Maßnahmen sind vielfältig. Arzt eingelöst werden, die Abrechnung erDie Gesellschaft ist im Wandel und das „Arbeitgeber können Hinweise wie ‚Treppe folgt zwischen dem Mediziner und der VersiKrankheitsspektrum verändert sich hin zu statt Aufzug‘ und Tipps für die Gesundheit cherung. Neu ist die ErschöpfungsprophylaHerz-Kreislauf-Problemen, Diabetes, Rü- ins Intranet stellen oder in der Werkhalle xe der Halleschen, bei der die Stressbewältickenbeschwerden oder psychischen Erkran- plakatieren“, gibt Dr. Anette Wahl-Wachen- gung im Mittelpunkt steht. Die Leistungen kungen. Die heutige Arbeitswelt mit ihren dorf, Leiterin des Arbeitsmedizinisch-Sicher- der Versicherungen können auf das Untersteigenden Flexibilitäts- und Leistungs- heitstechnischen Dienstes bei der Berufs- nehmen zugeschnitten werden und Arbeitanforderungen erfordert effektive Maßnah- genossenschaft der Bauwirtschaft, einige geber können durch den Abschluss einer

Versicherung ihren Mitarbeitern attraktive Mehrleistungen bieten. Wer tatsächlich krankheitsbedingt monatelang ausfällt, hat es oft schwer, in den Arbeitsalltag zurückzukehren. „Seit 2004 sind Arbeitgeber verpflichtet, länger erGESETZ krankten Beschäftigten ein Betriebliches Eingliederungsmanagement anzubieten“, erklärt ein Sprecher des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales STRESS (BMAS). „Es dient dem Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit und sichert durch frühzeitige Intervention die individuellen Chancen, den Arbeitsplatz zu behalten.“ Das Gesetz legt fest, dass ein Arbeitgeber allen Beschäftigten, die innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig sind, ein Eingliederungsmanagement anzubieten hat. Er muss dazu laut BMAS klären, wie die Arbeitsunfähigkeit überwunden und mit welchen Leistungen erneuter Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt und der Arbeitsplatz erhalten werden kann. In jedem Betrieb ist eine angemessene, individuelle Lösung zu finden. Das Betriebliche Eingliederungsmanagement rechnet sich für den Arbeitgeber, weil es die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten fördert, Fehlzeiten verringert und damit Personalkosten senkt. „In Zeiten des Fachkräftemangels ist es auch ein wichtiges Instrument, das krankheitsbedingte Ausscheiden von Beschäftigten zu verhindern“, heißt es seitens des Ministeriums. Brigitte Bonder

Herz-Kreislauf-Probleme, Rückenbeschwerden und psychische Erkrankungen sind heute typische Krankheiten, bei denen auch die betriebliche Vorsorge ansetzen muss.

EINGLIEDERUNG ARBEITSUNFÄHIGKEIT

VORSORGE

BERATUNG

BERUFSKRANKHEIT ARBEITSUNFALL

Foto: Jens/Fotolia


GESUNDHEITSMANAGEMENT

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Ruuuuuhe! Lärm und falsche Beleuchtung schaffen die meisten Konzentrationsprobleme

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enn man an Lärm am Arbeitsplatz denkt, fallen einem sofort Straßenarbeiter ein, die mit einem Presslufthammer hantieren, oder die Mitarbeiter in einem Stahlwerk, die extremen Lautstärken ausgesetzt sind und ohne Gehörschutz Schäden davontragen würden. Dabei ist auch der Bürolärm keine Lappalie: Dort stresst die Geräuschkulisse und kann zu Gesundheitsschäden führen. Vor allem in Großraumbüros fühlen sich Menschen zunehmend unwohl. Doch sie sind immer mehr im Kommen – von den zwölf bis 15 Millionen Büroarbeitsplätzen in Deutschland sind nur noch weniger als die Hälfte Einzelbüros. Die Unternehmen sparen Platz und Heizkosten. Langfristig führt es aber laut Experten zu Produktivitätseinbußen, weil die Mitarbeiter in einer ungünstigen Umgebung schlechter arbeiten. Das blenden viele Unternehmen aus. „Wenn man Menschen bis ins 67. Lebensjahr leistungsfähig erhalten will, muss man eine entsprechende Arbeitsumgebung schaffen“, fordert Michael Kastner, Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke. Lärm ist ein Stressfaktor und wird als eines der häufigsten Probleme am Arbeitsplatz genannt, wobei das Lärmempfinden wiederum individuell ist und nicht immer nur etwas mit Dezibel zu tun. Auch Geräusche unterhalb des extremen Lärmpegels können die Konzentration beeinträchtigen, eventuell die Kommunikation mit Kollegen stören oder schlicht die Nerven belasten. Jeder Zweite fühlt sich durch das im Büro herrschende Lärmumfeld beeinträchtigt. Dies ergab eine Umfrage des Forum Besser Hören unter knapp 1000 Angestellten. Bürogeräte produzieren Lärm, auch Gespräche zwischen Kollegen stören, wenn gerade eine schwierige Aufgabe zu lösen ist. Wenn man zwangsläufig die Gespräche anderer mithören muss, tritt der sogenannte Sägeblatteffekt auf – durch die ständigen Unterbrechungen muss man immer wieder neu ansetzen. Das kostet Zeit und Nerven – vor allem wenn man unter Termindruck steht. In der Informationsbroschüre „Wohlbefinden im Büro“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) mit Sitz in Dortmund wird bestätigt, dass es „in einem Großraumbüro unmöglich ist, wissenschaftliche Texte zu schreiben oder komplexe Berechnungen anzustellen“. Für den Lärm im Büro gibt es derzeit noch keine gesetzlich verbindlichen Grenzwerte, sondern nur sogenannte Schutzziele, an denen sich die Gestaltung der Arbeitsplätze ausrichten muss. der Raumplanung AUGEN „Bei spielt die Raumakustik oft eine untergeordnete Rolle. Es dominieren meist die GestaltungsTAGESLICHT und Einrichtungswünsche von Architekten, Eigentürmern und NutSILENT ROOM zern“, formulieren die Raumakustik-Experten der Dekra in Stuttgart. Wenn man sich also für TEPPICH die Variante GroßraumARBEITSMEDIZIN büro entscheidet, sollte man schon bei der Einrichtung auf Geräuschquellen Einfluss nehmen und vor allem auch die Mitarbeiter einbinden. Lärmdämpfende Materialien für Böden, Decken und Wände mindern die Übertragung des Schalls. Teppich- oder weiche Kunststoffböden wirken im Unterschied zu harten Fußböden schalldämpfend. Zudem sollte bei der Raumbelegung ausreichend Platz zwischen den Arbeitsplätzen bestehen. Schallabsorbierende Stell- und Trennwände schirmen die Schreibtische besser voneinander ab, so dass Gespräche nicht mitgehört werden müssen. Ergänzt werden kann das Ganze durch Pflanzen, die auch schallschluckend wirken. Bei sitzender Tätigkeit macht eine Stellwand allerdings erst ab einer Höhe von 1,20 Meter so richtig Sinn. „Erwiesenermaßen wird in einer angenehmen akustischen Umgebung eine deutlich höhere Leistung erzielt als in einer akustisch stressigen Umgebung“, so die Experten der Dekra. Wichtig ist auch, dass Ausweichmöglichkeiten für konzentriertes Arbeiten in sogenannten Denkerzellen oder Silent Rooms geschaffen werden. Ein noch weit unterschätzter Faktor in der Arbeitsumgebung ist das passende Licht. Heute sind rund 80 Prozent aller Arbeitsplätze in Sachen Beleuchtung eher „unterbelichtet“. Wer am Arbeitsplatz mit hohen Helligkeitsunterschieden kämpfen muss, wird nervös, ermüdet schneller, macht mehr Fehler und muss sich eventuell mit Kopfschmerzen und Augenbeschwerden plagen. „Licht hat einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden am Arbeitsplatz“, so die Raum-Experten der Dekra. Ein entscheidender Faktor

ist dabei die Bildschirmarbeit. Die Augen brennen, der Kopf schmerzt, die Zeichen auf dem Bildschirm scheinen zu flimmern. Das liegt nicht immer an Überlastung, sondern oft an der schlechten Beleuchtung. Hell oder dunkel – bei der Frage nach dem Maß der Beleuchtung entscheidet zuallererst der persönliche Eindruck. Wenn man sich hinsichtlich des Lichts an seinem Arbeitsplatz wohlfühlt und keine Beschwerden hat – dann ist dies bereits ein gutes Zeichen. Denn: Augen sind sehr sensible Organe und reagieren früh auf mögliche Beeinträchtigungen. Informationen liefern die jeweiligen Berufsgenossenschaften. Normen und Vorschriften für die

richtige Beleuchtung am Arbeitsplatz werden auch im Arbeitsschutz und den technischen Regeln für Arbeitsstätten aufgeführt. Generell sollte die Beleuchtungsstärke in keinem Fall unter 200 Lux liegen. Für Großraumbüros werden 750 bis 1000 Lux empfohlen, für Einzelbüros liegt die Empfehlung bei 500 Lux. Wichtig ist auch die Anordnung des Lichts: Die Leuchten sollen parallel zum Fenster und zur Hauptblickrichtung angeordnet sein, so dass das Licht am Schreibtisch schräg seitlich von oben einfällt. Von

Vorteil ist es, wenn die Beleuchtungsstärke mit einem Dimmer stufenlos regelbar ist. Arbeitsmediziner raten zudem auch zu einer vernünftigen Mischung zwischen direktem und indirektem Licht. Auf dem Schreibtisch bietet sich eine direkte Beleuchtung an, denn sie erhöht damit die Kontraste und erleichtert das Lesen. Ab einer Raumhöhe von 1,80 Meter machen indirekte Leuchten Sinn, welche die Decke erhellen. Die beste Entspannung für die Augen allerdings ist noch immer Tageslicht. Deshalb sollten Büroarbeitsplätze unter Beachtung der Sehaufgabe vorrangig fensternah angeordnet werden. Bei der Beleuchtung mit Tageslicht müssen die großen tages- und jahreszeitlichen Schwankungen des Tageslichts berücksichtigt werden. Reicht das Tageslicht nicht aus, dann ist zusätzlich eine qualitativ gute künstliche Beleuchtung erforderlich. Übrigens: Wer Fenster im Büro hat, der sollte sie auch so weit wie möglich nutzen – es hilft schon, immer wieder den Blick schweifen zu lassen. Elke Rutschmann

In manchen Büros fällt konzentriertes Arbeiten besonders schwer. Oft liegt dies auch an der falschen Raum- und Lichtplanung. Foto: Anja Greiner Adam/Fotolia

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Morgen so gut wie heute.

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GESUNDHEITSMANAGEMENT

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Sicherheit geht vor Unfälle am Arbeitsplatz passieren zunehmend seltener

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ie Zahl der Arbeitsunfälle befindet führt zu zufriedeneren und gesünderen sich in Deutschland seit Jahren auf Beschäftigten und dadurch kann auch eine einem historischen Tiefstand und ist höhere Produktivität erreicht werden. „Ein laut einer Statistik der Deutschen Gesetz- funktionierender Arbeits- und Gesundheitslichen Unfallversicherung (DGUV) auch im schutz rechnet sich also“, sagt Michael vergangenen Jahr um weitere 0,5 Prozent Schröter. zurückgegangen. Diesen Trend kann auch Unternehmen müssen sich Michael Schröter, Produktmanager Arbeits- aber auch auf alternde Belegund Gesundheitsschutz bei Dekra, bestäti- schaften einstellen und dies gen. „Der technische Arbeitsschutz befindet bei der Gestaltung des sich in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau“, sagt Schröter. Dies liegt auch daran, dass man sich in den Chefetagen zunehmend der Verantwortung bewusst ist, wenn es um Arbeits- und Gesundheitsschutz geht. Diese Entwicklung bestätigen auch die Zahlen des jüngsten Arbeitssicherheitsbarometers 2015/2016 der Dekra. Demnach sind 90 Prozent der Geschäftsführer und Führungskräfte in das Thema „sehr eingebunden“ oder zumindest „eingebunden“. Dieses Bewusstsein setzt sich also immer mehr durch. Allerdings wird der Aufbau einer rechtssicheren Arbeitsschutzorganisation nur von 28 Prozent als „besonders wichtig“ betrachtet. Das Augenmerk liegt weiter mehr auf der konkreten Gestaltung des Arbeitsplatzes. „Da der Arbeitgeber aber nicht alle Maßnahmen selbst erledigen und überwachen kann, muss er dem Arbeitsschutz eine organisatorische Struktur verleihen“, gibt der Experte zu bedenken. Bei der Umsetzung der neuen Betriebssicherheitsverordnung von 2015 gebe es noch einige Details, die vertieft werden müssen. Dies betrifft vor allem die Qualifikation und die psychische Belastung wie etwa außergewöhnliche Gefahren bei Reparaturen oder Bauarbeiten. „Man muss abwarten, wie sich die Umsetzung entwickelt“, sagt Schröter. Nachholbedarf sieht der Spezialist jedenfalls noch bei der sogenannten Gefährdungsbeurteilung, dem zentralen Baustein des Arbeitsschutzes, der in vielen Betrieben leider noch keine Selbstverständlichkeit ist. Es deute einiges darauf hin, dass in manchen Firmen die Gefährdungsbeurteilung nicht für jeden Arbeitsplatztyp stattfindet und auch nicht regelmäßig aktualisiert wird. Das Thema Arbeitssicherheit wird Positiv wirkt es sich aus, von der überwiegenden Mehrheit wenn die Mitarbeiter in die Proder Führungskräfte tatsächlich ernst zesse eingebunden werden. Dies genommen. Foto: akf/Fotolia

Arbeitsplatzes berücksichtigen. Das kann zum Beispiel durch eine ergonomische Anpassung eines Montage-Arbeitsplatzes, altersgerechte Schichtpläne, Förderung der

Gesundheitskultur oder altersgemischte Teams erfolgen. Arbeitsschutz ist zwar Chefsache, tangiert aber auch die Arbeitnehmer selbst. Die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin hat herausgefunden, dass Männer bei der Arbeit häufig zu hohe Risiken für die Gesundheit und ihre Sicherheit eingehen nach dem Motto „Unfälle passieren anderen, aber nicht mir“. Ursache dafür ist immer noch das traditionell verhaftete Rollenverständnis: Harte Männer haben keine Angst und nehmen keine Rücksicht auf ihr Wohlbefinden. Im Pflegedienst bitten Frauen bei körperlich anstrengenden Aufgaben schon mal einen Kollegen um Hilfe – männliche Mitarbeiter verrichten sie oft allein und leiden dafür später unter Rückenproblemen. Auch wackelige Leitern werden ebenso ignoriert wie das Tragen von Schutzbrille oder Schutzkleidung. Und dann gibt es noch die extremen Vertreter, die den Arbeitsschutz überhaupt nicht einhalten und sogar resistent gegen alle Ermahnungen des Arbeitgebers sind. Die Einhaltung von Arbeitsschutzvorschriften ist aber auch eine arbeitnehmerseitige Verpflichtung. Arbeitsschutzmaßnahmen dienen nicht nur dazu, den Mitarbeiter selbst vor Gefahren zu schützen, sondern auch seine Kollegen. Meist folgt nach einer ersten Ermahnung eine Abmahnung und im äußersten Fall die fristlose Kündigung. Eine wiederholte Verletzung von Arbeitsschutzbestimmungen kann also eine außerordentliche Kündigung rechtfertigen, wenn der Mitarbeiter hierdurch eine erhebliche Gefahr heraufbeschworen hat. Wichtig ist dabei, dass der Arbeitgeber die Verfehlungen und Missachtungen des Arbeitnehmers auch dokumentiert hat. Beim Gesundheitsschutz sind meist Einzelmaßnahmen wie Schulungen oder Betriebsanweisungen üblich. „Sie verpuffen aber oft und sind wirkungslos, wenn sie nicht in eine entsprechende Unternehmenskultur eingebettet sind“, sagt Karin Müller, Leiterin des Bereichs Mensch und Gesundheit bei Dekra. Erfolg versprechender ist ein umfassendes betriebliches Gesundheitsmanagement, das die Bereiche arbeitsmedizinische Vorsorge, Gesundheitsförderung, wie beispielsweise Stressmanagement und Bewegung für die Mitarbeiter, aber auch Führungskräftetraining umfasst. Bei diesen Schulungen werden die Vorgesetzten dafür sensibilisiert, VerantSTRESS wortung für die GeMÄNNER sundheit ihrer Mitarbeiter zu tragen WERKSARZT ORGANISATION sowie gleichzeitig Anzeichen für persönliche Krisen bei Mitarbeitern wahrnehmen und gegeFRAUEN benenfalls den Werksarzt einschalten zu BETRIEBE können. Die Gesundheitsvorsorge der MitPRODUKTIVITÄT arbeiter kann von der CHEFSACHE Krebsvorsorge über eine Getränkeversorgung und Spezialkost in der Kantine bis hin VERANTWORTUNG zu Kuren, Gesundheitschecks und Ruheräumen gehen. Immer mehr Unternehmen bieten inzwischen auch Massagen am Arbeitsplatz an. Auch Dekra geht bei diesem Thema über das gesetzlich Geforderte hinaus und entwickelt beim jährlichen Global Safety Day in Teamworkshops gemeinsam mit den Mitarbeitern Ideen und Strategien, wie man die eigene Umgebung sicherer und gesünder machen kann. Das gilt aber nicht nur für den konkreten Arbeitsalltag, sondern auch für die Lebensbereiche Verkehr und Zuhause. 37 000 Arbeitnehmer des Unternehmens hatten sich zuletzt am 1. Juni weltweit daran beteiligt, zudem an weiteren Schulungen wie Brandschutzübungen oder Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge. Elke Rutschmann

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Südwestbank: Mittelstand im Fokus Noch ist die Konjunktur stabil und die Unternehmen sowie das Handwerk haben volle Auftragsbücher. Doch wie lange das anhält, ist unklar. Und die ersten dunklen Wolken scheinen am Konjunkturhimmel schon aufgezogen zu sein.

Unsichere Konjunkturaussichten D

ie Gründe für die unsicheren Konjunkturaussichten seien eine Abschwächung der Exporte, von denen die Wirtschaft im Südwesten besonders abhängig ist. Die Auslandsnachfrage im verarbeitenden Gewerbe habe sich zuletzt schwach entwickelt. Aber auch das starke Wachstum im Vorjahr spielt eine Rolle. Mit 3,1 Prozent wuchs die badenwürttembergische Wirtschaft 2015 so stark wie in keinem anderen Bundesland. „Dieses Wachstum muss man im Folgejahr erst einmal übertreffen“, meinte Brenner. Allerdings beurteilen einige Firmen im Land ihre Geschäftslage und den Ausblick nicht mehr so positiv wie in den Vorquartalen. Das zeige sich unter anderem in den Auftragseingängen in der Industrie, die im zweiten Quartal deutlich unter dem Vergleichszeitraum 2015 lagen. Auch der Einzelhandel habe zwischen April und Juni kaum Impulse gegenüber dem Vorjahreszeitraum gezeigt. Die neue Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) beurteilte die Lage aber noch deutlich positiver als die Statistiker. Sie stützte ihre Einschätzung auf die lebhafte Binnennachfrage. Sie sehe eine „anhaltend kräftige konjunkturelle Grundtendenz sowie die gute Verfassung der Wirtschaft“. Die Ministerin hatte erklärt, dass eine Wachstumsrate im Bereich des von der Bundesregierung prognostizierten Deutschlandwerts von 1,7 Prozent auch im Südwesten

Das Wirtschaftswachstum im Land schwächt sich in diesem Jahr deutlich ab. Das Statistische Landesamt hat seine Konjunkturprognose für das laufende Jahr von 1,5 Prozent Wachstum auf 0,5 Prozent gesenkt. „Die baden-württembergische Wirtschaft bekommt die weltwirtschaftliche Abkühlung zu spüren“, so Carmina Brenner, die Präsidentin des Landesamtes. möglich sei. Die Unternehmen im Südwesten nutzen aber die Zeit des billigen Geldes, um zu investieren. Nach Ansicht von Wolfgang Jung, Mitglied des Vorstandes der Südwestbank, ist eine Kreditklemme nicht zu spüren. „Das belegt auch das Ifo-Institut: Nur rund 14 Prozent der Unternehmen meldeten im Juni Schwierigkeiten bei der Kreditvergabe – das ist ein historisch niedriger Wert. Während der Markt nahezu stagniert, verzeichnen wir nach wie vor moderate Zuwächse im Kreditwachstum. Außerdem beobachten wir eine verstärkte Nachfrage unserer mittelständischen Firmenkunden nach Alternativen und zeigen ihnen auch die Möglichkeiten strukturierter kapitalmarktnaher Produkte, wie beispielsweise Schuldscheindarlehen, auf.“

KEIN ENDE DER NIEDRIGZINSPHASE Der Finanzexperte rechnet auch mit einer weiterhin anhaltenden Phase der Niedrigzinsen. Der Zins sei das wichtigste Koordinationsinstrument in der freien Marktwirtschaft. „Er bildet sich jedoch

nicht mehr am freien Markt, sondern wird von den internationalen Zentralbanken geprägt und künstlich tief gehalten.“ Das aktuelle Niedrigzinsumfeld werde uns wahrscheinlich noch längere Zeit erhalten bleiben. Der Maschinenbau ist mit mehr als 300 000 Beschäftigten die Schlüsselbranche im Land. Auch sie rechnet mit einem geringeren Plus als im Vorjahr. Das Wachstum im baden-württembergischen Maschinenbau schwächt sich dieses Jahr etwas ab. Es wird mit einem Umsatzanstieg von 2,0 Prozent auf 75,5 Milliarden Euro gerechnet, wie der Geschäftsführer des Branchenverbands VDMA, Mathias Kammüller, mitteilte. Der Maschinenbau habe alle Voraussetzungen dafür, seine Erfolgsgeschichte fortzuschreiben, wenn auch in der Zukunft die Fachkräfte zur Verfügung stünden und die Rahmenbedingungen für die Infrastruktur stimmten. Die Unternehmen verzeichneten gerade eine starke Nachfrage aus dem Inland, sagte Trumpf-Geschäftsführer Kammüller mit Verweis auf die im Sommer veröffentlichte Konjunkturumfrage des Verbandes. Die Ergebnisse der Umfrage deuteten darauf hin, dass insbesondere

in der zweiten Jahreshälfte die Auftragseingänge anziehen könnten. Rückläufige Bedeutung habe derzeit China. Die Nachfrage aus den USA sei weiterhin positiv, aber mit nachlassender Dynamik. Zu den Auswirkungen des geplanten Ausstiegs von Großbritannien aus der Europäischen Union konnte Kammüller noch keine konkreten Angaben machen. Großbritannien sei der viertwichtigste Markt nach den USA, China und Frankreich. Auch die politische Lage in der Türkei könnte Auswirkungen auf den Export haben. Im vergangenen Jahr wurden

SCHLÜSSELINDUSTRIE MASCHINENBAU nach Verbandsangaben Maschinen und Anlagen im Wert von 925 Millionen Euro dorthin exportiert. Ein Zuwachs von 18 Prozent im Vergleich zu 2014. Zwar rechnet das Statistische Landesamt in der zweiten Jahreshälfte mit einer deutlichen Wachstumsaufhellung; nach den Berechnungen müsste die Wirtschaft im Südwesten in der zweiten Jahreshälfte aber um 2,5 Prozent zulegen, um eine Wachstumsrate von 1,7 Prozent

zu erreichen. „Diese Entwicklung ist nicht in Sicht“, sagte Statistikerin Brenner. Im ersten Quartal war die Wirtschaft lediglich um 0,6 Prozent gewachsen. Die Wirtschaft im Südwesten treibt auch das Votum der Briten zum EU-Ausstieg um. Der Präsident des Landesverbands der Baden-Württembergischen Industrie (LVI), Hans-Eberhard Koch, nannte es einen „harten Schlag“ für die Wirtschaft hierzulande und auf der Insel. „Der Brexit tut uns weh.“ Für Baden-Württembergs Exportwirtschaft ist Großbritannien der sechstwichtigste Absatzmarkt, in der EU liegt das Land in dem Ranking auf Platz drei – nur Frankreich und die Niederlande sind wichtiger. Laut Wirtschaftsministerium wurden 2015 Waren im Wert von 12,3 Milliarden Euro aus Baden-Württemberg nach Großbritannien exportiert, vor allem Autos, Autoteile, Maschinen und Pharmazie. Verglichen mit dem Vorjahr war das ein Plus von 12,0 Prozent. Auf dem umgekehrten Weg kamen 2015 britische Waren im Wert von 4,4 Milliarden Euro in Deutschlands Südwesten, etwa 14 Prozent weniger als noch 2014. Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Stuttgart (IHK), Andreas Richter, sagte, die drohende „Phase der Unsicherheit oder gar des Stillstandes“ könnte viele badenwürttembergische und britische Firmen treffen, die Geschäftsverkehr hätten. Unternehmensvertreter betonten, die Folgen seien noch unklar. Oliver Schmale

Konsortialkredit: wenn es mal etwas mehr sein soll Ein Unternehmen braucht Geld. Aber mehr, als die Hausbank allein stemmen will. Dann kommt der Konsortialkredit ins Spiel.

B

ei großen Summen tun sich mehrere Geldhäuser zusammen und finanzieren im Team. Bei mittelständischen Unternehmen ist diese Form von Darlehen beliebt. Die Südwestbank als Partner des Mittelstands spielt bei dem Thema eine wichtige Rolle. „Auf Basis der einheitlichen Kreditdokumentation bietet der Konsortialkredit dem Kreditnehmer Finanzierungssicherheit über die zum Teil mehrjährige Kreditlaufzeit, bleibt dabei für ihn aber, auch bei einem großen Bankenkreis, ein praktikables Finanzie-

rungsprodukt“, erläutert Kreditfachmann Markus Kipp vom Team Strukurierte Finanzierungen bei der Südwestbank. Unternehmen profitieren zudem von zentralen Ansprechpartnern – dem Konsortialführer und dem Sicherheitentreuhänder – sowie gleichgerichteten Informationen gegenüber allen Banken. „Wir treten bei Darlehen im Millionenbereich regelmäßig auch als sogenannter Lead Arranger, also als Führungsbank, auf.“ Der Bereich Strukturierte Finanzierungen, der unter anderem das Arrangement von und Partizipation an Konsortialkrediten im Mittelstandssegment verantwortet, ist eines der strategischen Wachstumsfelder für die Südwestbank. „In diesem Geschäftszweig konnten wir in der jüngeren Vergangenheit einen überdurchschnittlichen Anstieg

des Geschäftsvolumens verzeichnen.“ Der Kreditmarkt wird derzeit wesentlich von der hohen Wettbewerbsintensität und von dem anhaltend niedrigen Zinsniveau geprägt. „Für den Markt für Konsortialfinanzierungen bedeutet dies unter anderem einen zunehmenden Wettbewerb unter den Banken sowie verstärkt durch Kreditfonds“, so Kipp weiter. Die Unternehmen nutzen auf Basis einer guten wirtschaftlichen Entwicklung das aktuelle Zins- und Margenniveau häufig zur teils auch längerfristigen Refinanzierung von Altkrediten zu teilweise deutlich reduzierten Konditionen. Im Bereich Strukturierte Finanzierungen beteiligt sich die Südwestbank den Angaben Kipps zufolge sowohl an syndizierten Unternehmenskrediten als auch an Akquisitionsfinanzierungen. os

Auch die Südwestbank beteiligt sich an Konsortialkrediten.

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Noch viele Chancen in Asien Deutsche Unternehmen legen im internationalen Geschäft viel Wert auf die Unterstützung durch ihre Hausbank. Das erleichtert ihnen auch den Schritt in die zukunftsträchtigen Märkte in Fernost. Im internationalen Geschäft glänzen Baden-Württembergs Unternehmen immer wieder mit beeindruckenden Spitzenwerten.

Andreas Killmaier, Bereichsleiter Firmenkunden

G

leichzeitig erreichte der Wert der ausgeführten Waren mit rund 195 Milliarden Euro einen neuen Rekordstand. Für das Interesse aus aller Welt sorgen das historisch gewachsene Knowhow der Unternehmen ebenso wie die stetige Innovationsbereitschaft einer in vielen Zukunftsbranchen stark aufgestellten Wirtschaft. Vom Maschinenbau bis zur Automobilindustrie und von der Medizintechnik bis zum IT-Sektor stehen neben renommierten Konzernen vor allem die vielen mittelständischen Firmen für die außergewöhnliche Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Diese Unternehmen erwarten von ihrer Hausbank maßgeschneiderte Lösungen. Die Südwestbank, mit einer mehr als 90-jährigen Tradition fest in unserer Region verwurzelt und mit den Bedürfnissen des Mittelstands bestens vertraut, unterstützt ihn auch rund um seine internationalen Handelsbeziehungen mit einem breiten Leistungsspektrum. „Wir begleiten die Exporte von Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen und stehen ihnen von der Finanzierung über den Zahlungsverkehr bis zur Risikoabsicherung auf vielfältige Weise zur Seite“, sagt Andreas Killmaier, Bereichsleiter Firmenkunden bei der Südwestbank.

schinenbau die Produktion ihrer Anlagen regelmäßig vorfinanzieren. Sie erwarten dafür von ihren Abnehmern häufig Anzahlungen und geben den Kunden ihrerseits eine Liefergarantie. Die Südwestbank stellt dafür Aval-Kredite bereit und ermöglicht damit das Ausfuhrgeschäft. Ebenso können mithilfe solcher AvalLinien sowie etwa mit speziellen Krediten zur Finanzierung der Produktion individuelle Exportpakete für größere Einzelprojekte geschnürt werden. „Wir besprechen mit den Firmen darüber hinaus eingehend, wie sie den Zahlungseingang aus Exportgeschäften sicher-

stellen können“, betont Killmaier. Dazu bieten sich von der Bank bereitgestellte Akkreditive ebenso an wie HermesDeckungen oder der Forderungsverkauf über Forfaitierung. Die Südwestbank bietet diese und andere Leistungen rund um das Ausfuhrgeschäft für alle Märkte an, die in stabilen Handelsbeziehungen mit Baden-Württemberg stehen. 2015 etwa lieferten die Unternehmen des Landes gut zwei Drittel ihrer exportierten Güter in Märkte außerhalb der Eurozone. Viele Kunden der Südwestbank sind beispielsweise in der MENA-Region (Middle East North Africa) und in Lateinamerika

aktiv. Vor allem aber ist auch Asien ein bedeutender Absatzmarkt für badenwürttembergische Exporteure. Die Privatbank hat bereits vielen dieser Unternehmen den Weg nach Fernost geebnet. China ist heute der drittwichtigste Handelspartner Baden-Württembergs nach den USA und Frankreich. Auch wenn die Wachstumsraten im Reich der Mitte nach dem dynamischen Boom der vergangenen Jahrzehnte jetzt fast zwangsläufig schwächer werden, winkt dort für deutsche Unternehmen nicht zuletzt dank ihrer Technologieführerschaft in vielen Bereichen noch Potenzial. Speziel-

MÄRKTE MIT ZUKUNFT Dazu bedarf es keines weltumspannenden Filialnetzes. Viel wichtiger ist es der unabhängigen Privatbank, dass sie individuell auf alle Fragen ihrer Firmenkunden eingeht. Sie unterstützt die Unternehmen zudem bei Exporten der unterschiedlichsten Größenordnung mit Rat und Tat. „Das Spektrum der Auftragsvolumina der von uns begleiteten Mittelständler reicht von einigen Tausend bis zu mehreren Millionen Euro“, erläutert Killmaier. Ebenso unterschiedlich können die Lösungen ausgerichtet sein. Exporteure mit größeren Auslandsumsätzen müssen beispielsweise im Ma-

„Viele Unternehmen aus der Region engagieren sich in Fernost“, sagt Andreas Killmaier, Bereichsleiter Firmenkunden bei der Südwestbank. Foto: Chinatopix

le Branchen wie die Hersteller von Solarmodulen, Textilmaschinen oder von Anlagen für die Automobilindustrie haben langfristige Strategien für diesen Markt entwickelt. Doch auch in anderen Sektoren winken Chancen. Generell auf Interesse stoßen insbesondere Unternehmen, deren Produkte chinesische Firmen nicht selbst herstellen können oder deren Technologien sie nicht beherrschen. Allerdings können sich auch deutsche Anbieter nicht einfach auf das Absatzpotenzial des Riesenreiches mit seinen 1,4 Milliarden Menschen verlassen. „Der Erfolg einer China-Strategie ist für Exporteure zunehmend an den Aufbau von Service-Stützpunkten und die Entwicklung eigener Aktivitäten vor Ort geknüpft“, ergänzt Killmaier.

NICHT NUR CHINA HAT POTENZIAL Wer nach Asien blickt, sollte nicht nur die Riesenmärkte in China und Indien im Visier haben. Auch in den AseanStaaten gibt es für deutsche Exporteure noch viel Nachfragepotenzial zu entdecken. Dazu gehören die pulsierende Wirtschaft Thailands ebenso wie Indonesien und Vietnam mit ihren starken Wachstumsraten. Viele dieser aufstrebenden Länder verfügen noch nicht über eine ausreichende eigene Produktion und sind angesichts ihrer dynamischen Entwicklung auf Importe angewiesen. Aber auch das technologische Know-how deutscher Unternehmen etwa für die Gewinnung erneuerbarer Energien stößt in den asiatischen Märkten auf besonderes Interesse. Zu den Kernbedürfnissen mittelständischer Exporteure gehört bei den Handelsgeschäften in Fernost neben der Finanzierung und der Absicherung der Zahlungsrisiken das Währungsmanagement. Dabei gewinnt insbesondere der chinesische Renminbi an Bedeutung. „Wir können dafür ebenso Lösungen anbieten wie für den US-Dollar, der im asiatischen Raum weiterhin die beherrschende Währung ist“, erläutert Killmaier. Als Mitglied im Wirtschaftsverband OAV (Ostasiatischer Verein), dem Netzwerk der in Asien agierenden deutschen Unternehmen, bietet die Südwestbank darüber hinaus bei Bedarf Unterstützung durch weiterführende Informationen. Sie kann dabei beispielsweise juristische Fragen an die Experten des Verbands weiterleiten oder Kontakte zu Behörden, Botschaften und Ministerien in asiatischen Ländern herstellen. „Wir wollen die Unternehmen so umfassend und so individuell wie möglich begleiten. Den Schritt in den Markt aber müssen sie letztlich selbst machen“, sagt Killmaier. Norbert Hofmann

Contracting-Bürgschaft ermöglicht Investition in neue Anlagen B

eim Energieeinspar-Contracting garantiert der Contractor Etanet seinem Kunden, dass er mit der neuen Gebäudetechnik künftig weniger Energie braucht. „Das lohnt sich nach unserer Berechnung ab Energiekosten von 300 000 Euro im Jahr. Zum Beispiel für Krankenhäuser oder Produktionsbetriebe“, erläutert Andreas Weber, Geschäftsführer von Etanet. Als Contractor plant, finanziert und baut er die neuen Anlagen ein. Zudem wartet er sie und hält sie über den Vertragszeitraum instand. „Der Kunde muss nicht selbst investieren, bekommt aber neue Anlagen, die auch noch weniger Energie verbrauchen“, so der 57-Jährige. Im Gegenzug zahlt der Kunde dem Contractor monatlich eine Mietrate – ähnlich wie beim Leasing. Für sein aktuelles Projekt – einen Produktionsbetrieb in Baden-Baden – hätte sein Kunde mindestens 600 000 Euro investieren müssen.

Weber und sein Team erstellten ein Konzept für Energieeinspar-Contracting. „Mit dem Blockheizkraftwerk senkt der Kunde seine Energiekosten um 30 Prozent und stößt 30 Prozent weniger CO2 aus“, so Weber. Um die Anlagen finanzieren zu können, brauchte er allerdings Geld. Seine Hausbank, die Südwestbank, ermöglichte ihm die Finanzierung mit einer Contracting-Bürgschaft der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg. Contracting-Bürgschaften gibt es seit 2016. Es handelt sich dabei um ein bundesweites Bürgschaftsprogramm. Für Vorhaben, die die Energiekosten um mindestens 25 Prozent gegenüber dem Status quo senken, gilt für ContractingBürgschaften ein erhöhter Bürgschaftshöchstbetrag von zwei Millionen Euro (sonst 1,25 Millionen Euro). Die Bürgschaftsbanken übernehmen bis zu 80 Prozent des Risikos für die Finanzierung gegenüber der Hausbank. Guy Selb-

herr, Vorstand der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg und Vorsitzender des Verbands Deutscher Bürgschaftsbanken, sagt: „Mit den Contracting-Bürgschaften haben die Bürgschaftsbanken einen Nerv getroffen. Sie kommen genau zur richtigen Zeit, weil sie die Unternehmen dabei unterstützen, schnell und unkompliziert Energie zu sparen.“

KOMPLEXES THEMA Umwelt-Ingenieur Andreas Weber weiß: „Ohne die Contracting-Bürgschaft hätte ich das Projekt für unseren Kunden nicht umsetzen können.“ Dank des neuen Instruments ist er sich sicher, dass er künftig noch weitere Projekte umsetzen kann. „Contracting ist ein komplexes Thema, aber unseren Kunden können wir damit einfache Lösungen anbieten.“

Energieeinspar-Contracting kurz und knapp erklärt: Für Produktionsbetriebe, Krankenhäuser oder große Gebäudekomplexe, deren Heizung und Energieversorgung in die Jahre gekommen ist, ist die Investition in neue Anlagen eine finanzielle Herausforderung. Mithilfe von Energieeinspar-Contracting lassen sich die Investitionen leichter stemmen. Denn der Contractor, zum Beispiel ein Ingenieurbüro oder ein größerer Handwerksbetrieb, plant und investiert in die neue Anlage. Zudem kümmert sich der Contractor darum, dass die Anlage regelmäßig gewartet wird und dass alles funktioniert. Im Gegenzug zahlt der Kunde dem Contractor monatlich eine Mietrate ähnlich den Leasingraten für ein Auto. Ziel ist es, dass der Kunde, ohne selbst zu investieren, niedrigere Energiekosten hat und obendrein weniger CO2 ausstößt. www.buergschaftsbank.de

Andreas Weber ist Umwelt-Ingenieur. Er hat viele Jahre die Fabrikund Energietechnik verschiedener Standorte eines Automobilkonzerns verantwortet. 2007 gründete er sein eigenes Contracting-Unternehmen Etanet in Baden-Baden, mit dem er bereits mehrere Energieeinsparprojekte umgesetzt hat. Foto: Bürgschaftsbank


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Eine Unternehmensnachfolge will gut geplant sein.

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Rechtzeitig planen und vorsorgen E

ine Unternehmensübergabe ist ein besonders emotionales Thema“, weiß Jörg Schunk, Teamleiter Firmenkunden bei der Südwestbank. „Firmeninhaber sollten sich frühzeitig um die Nachfolgeregelung kümmern, allerdings befinden sich viele aktuell noch auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft und sehen keine Notwendigkeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ Die KfW hat ermittelt, dass etwa die Hälfte der Unternehmer keine Vorkehrungen für den Fortgang des Betriebs bei ihrem Eintritt in die Rente getroffen hat. Dazu kommt die Herausforderung, den passenden Nachfolger zu finden. Der demografische Wandel und der Fachkräftemangel erschweren die Personalauswahl – zudem wäre für die meisten die Übergabe an die nächste Generation die bevorzugte Variante. Doch viele Söhne und Töchter gehen heute ihre eigenen Wege und auch die Erbschaftsteuer beeinflusst die Planungen der familieninternen Lösung. Unsicherheiten über mögliche zukünftige Auflagen und neue gesetzliche Regelungen belasten zusätzlich. „Neben der familieninternen Nachfolge gibt es gemischte Nachfolgen, bei denen neben den Kindern auch Externe hinzugezogen werden“, zeigt Schunk die Alternativen auf. „Andere Betriebe fusionieren mit einem Wettbewerber oder verkaufen an Kapitalgeber. In einigen Fällen ist die Gründung einer Stiftung sinnvoll, denn hier kann der Inhaber festle-

Die Übergabe des eigenen Unternehmens ist eine komplexe Aufgabe und zugleich ein großer Einschnitt. Nach Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung stehen bis 2018 rund 135 000 Übergaben an, 19 000 allein in Baden-Württemberg. gen, wie das Unternehmen nach seinem Ableben weitergeführt werden soll.“ Im besten Fall ist die Nachfolgeregelung ein Teil der Unternehmensstrategie und umfasst sowohl die geordnete als auch eine ungeplante Übergabe. Der Familienunternehmer ist nicht nur Geschäftsführer, sondern als Privatperson oft auch Familienoberhaupt. Daher muss er frühzeitig Vorsorge für die Zukunft des Unternehmens und für seine Angehörigen treffen. Bei der Planung hilft ein Netzwerk aus Experten, denn es gilt, das Gesamtvermögen des Unternehmers zu sichern. Das umfasst sowohl das Betriebs- als auch das Privatvermögen.

GANZHEITLICHE BETRACHTUNG Neben dem liquiden Vermögen gehören dazu vor allem in Baden-Württemberg sehr häufig umfangreiche Immobilienvermögen. Die Südwestbank achtet vor diesem Hintergrund auf eine ganzheitliche Betrachtung. Dabei arbeiten Firmenkundenberater und Private-Banking-Betreuer eng zusammen, um mögliche Wechselwirkungen zwischen privatem und unternehmerischem Vermögen

zu berücksichtigen. „Der Firmenkundenberater ist ein Profi hinsichtlich betrieblicher Belange und kennt die geeigneten Finanzierungsmöglichkeiten bei anstehenden Investitionen, während der Private-Banking-Betreuer umfassendes Know-how im Bereich der Geldanlage und der Vorsorge vorweist“, erklärt Schunk. Im Tandemgespräch stehen sie dem Kunden zur Seite. „So hat der Unternehmer das gute Gefühl, privat und betrieblich gut vorgesorgt zu haben.“ Besonders wichtig ist die Prüfung der Liquiditätssituation. „Werden Vermögenswerte außerhalb der Freibeträge vererbt, fällt sofort Erbschaftsteuer an“, informiert Michael Huber, Bereichsleiter Private Banking bei der Südwestbank. „Sind keine ausreichenden liquiden Mittel vorhanden, müssen oftmals kurzfristig private Immobilien verkauft werden, um den Ansprüchen gerecht zu werden.“ Der Letzte Wille über das Vermögen kann durch das Pflichtteilsrecht empfindlich eingeschränkt werden. Auch die Erfüllung von güterrechtlichen Ausgleichsansprüchen ist oftmals kritisch. Im Zusammenspiel mit einem Steuerberater und einem Rechtsanwalt kann im Vorfeld geklärt werden, welche Erbansprüche bestehen und was bei der

Unternehmensübergabe geregelt werden muss. Der Bankberater kann dann etwaige Liquiditätslücken im Todesfall durch geeignete Versicherungslösungen schließen. „Weiterhin betrachten wir den Unternehmenswert und die Zukunftschancen der Firma“, beschreibt Huber das Vorgehen. „Haben die Kinder bei der Übernahme langfristig noch die Möglichkeit, das Unternehmen erfolgreich zu führen, oder erscheint aufgrund der Marktsituation der Branche ein frühzeitiger Verkauf sinnvoll?“ Gemeinsam werden diese Fragen diskutiert und die Ergebnisse fließen in die Übergabeplanung ein. Soll die Firma in der Familie bleiben, können die Kinder beispielsweise über lebzeitige Übertragungen früh an das Unternehmen herangeführt werden. So ist zudem eine Optimierung von Erbschaft- und Ertragsteuerbelastung möglich.

BETRIEBLICHE ALTERSVORSORGE Darüber hinaus muss die betriebliche Altersvorsorge in allen Facetten geplant werden. „Mit der Pensionszusage wird beispielsweise die betriebliche Altersvor-

sorge der Betriebsangehörigen gesichert. Ist die Pensionszusage nicht ausfinanziert, ist fraglich, ob die betriebliche Altersvorsorge noch funktioniert, wenn der Betrieb in eine wirtschaftliche Schieflage gerät“, so Huber. Eine Übergabeplanung ist jedoch nicht nur notwendig, wenn der Inhaber in den Ruhestand geht. Etwa ein Viertel der Übertragungen tritt laut dem Institut für Mittelstandsforschung unvorhergesehen ein, zum Beispiel durch Unfall oder Krankheit, aber auch durch Scheidung oder Streit innerhalb der Familie. Dennoch haben laut DIHK-Report über 70 Prozent der Unternehmen keinen „Notfallkoffer“ mit Vollmachten, Vertretungsplänen, Informationen zu Kunden und Lieferanten, eine Dokumentenmappe mit Bankverbindungen, Versicherungsunterlagen, Zugangsdaten und ein Testament. „Die Hälfte aller Unternehmer in Deutschland hat keine Vorkehrungen für den plötzlichen Vertretungsfall getroffen. Nur 40 Prozent der Unternehmer haben ein Testament – mehr als die Hälfte davon sind unwirksam“, zeigt Huber die Probleme auf. „Wir sehen es als unsere Pflicht, unsere Kunden dafür zu sensibilisieren, rechtzeitig vorzusorgen.“ Denn auch im privaten Bereich benötigt der Unternehmer eine notariell beglaubigte Vorsorgevollmacht, die drei Verfügungen beinhaltet: Generalvollmacht, Gesundheitsfürsorge und Betreuungsverfügung. Brigitte Bonder

Landwirtschaftliche Betriebe erfolgreich weiterführen Damit der Hof existenzfähig bleibt und die Eltern ihren Lebensabend genießen können, muss die Übergabe frühzeitig geplant werden.

L

andwirte stehen tagtäglich vor neuen Herausforderungen. Die Kosten steigen insbesondere durch den Preisdruck beim Absatz von Milch und Getreide, wichtige Märkte entfallen aus politischen Gründen und den sinkenden Einnahmen steht die notwendige und kostenintensive Mechanisierung entgegen. „Viele Landwirte stellen sich in der heutigen Zeit die Frage, ob sie wachsen oder weichen sollen“, bringt es Arnd Bühle, Teamleiter Landwirtschafts- und Agrargewerbe bei der Südwestbank, auf den Punkt. Als gelernter Landwirt und Agraringenieur kennt er die Probleme und berät seine Landwirte auf Augenhöhe – besonders wenn es um die Hofübergabe geht. „Wir begleiten unsere Kunden in allen Situationen, sowohl betrieblich als auch privat“, zeigt er die

Kompetenzen der Südwestbank auf. Sein zehnköpfiges Team bringt die notwendige Fachexpertise mit, fünf Berater sind selbst Agraringenieure. Seit mittlerweile über 90 Jahren ist die Südwestbank ein zuverlässiger Begleiter des Landwirtschafts- und Agrargewerbes. Keine andere Bank in Baden-Württemberg hat eine vergleichbare Erfahrung im Umgang mit den Besonderheiten dieser

vielseitigen Branche. Jährlich geben fünf bis acht Prozent der Landwirte ihren Betrieb auf. „Der Großteil der weitergeführten Betriebe geht in Baden-Württemberg an die nächste Generation innerhalb der Familie über“, weiß Bühle. „Fremdinvestoren sind selten und kommen vor allem im Bereich der Pferdewirtschaft vor.“ Ein landwirtschaftlicher Betrieb ist immer vollständig an den Nachfolger zu übergeben, damit dieser auch zukünftig existenzfähig wirtschaften kann. Die Behörden haben darauf ein besonderes Augenmerk und vermei-

den die Zerschlagung von Betrieben. „Bei der Hofübergabe ist die rechtzeitige Vorbereitung das A und O“, rät Bühle. „Das betrifft sowohl betriebliche als auch private Belange, daher beraten wir unsere Kunden mit einem SpezialistenTeam, das aus Beratern sowohl für die betrieblichen als auch für die privaten Belange besteht.“ Bei einer Hofübergabe fällt der älteren Generation das Loslassen oft schwer. „In keinem Gewerbe gibt es engere Verflechtungen zwischen dem Privaten und dem Beruflichen, denn das ganze Leben richtet sich nach der Arbeit“, weiß der Agraringenieur. Umso wichtiger ist die Beratung durch Fachleute, denn nach der Übergabe soll sowohl der Nachfolger den Betrieb erfolgreich weiterführen als auch der ehemalige Besitzer seinen Lebensabend genießen können. Daher sitzen bei der Übergabeplanung auch Steuerberater und

Rechtsanwälte mit am Tisch. Besonders wichtig ist die rechtzeitige Altersvorsorge. Die Rente der landwirtschaftlichen Alterskasse allein reicht in der heutigen Zeit nicht mehr aus, so dass frühzeitig in eine ergänzende Rentenversicherung eingezahlt werden sollte. „Es gibt eine Vielzahl an passenden Lösungen, die genau diesen Herausforderungen gerecht werden“, erklärt Bühle. Die Absicherung der Eltern ist im Hofübergabevertrag geregelt, jedoch sind Rückübertragungsklauseln und Pflegeverpflichtungen nicht mehr zeitgemäß. Obwohl nach wie vor oft die jüngere Generation die Betreuung und Pflege übernimmt, werden im Übergabevertrag lediglich ein Wohnrecht und die Zahlung einer monatlichen Rente vereinbart. Neben der rechtzeitigen Finanzplanung steht auch die Entwicklung des zukünftigen Hofbesitzers im Vordergrund. „Immer mehr Hofübernehmer sind Hochschulabsolventen und bringen das notwendige Fachwissen, von Naturschutz über Steuerrecht bis zur Betriebswirtschaftslehre, mit“, sagt Bühle. Brigitte Bonder


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Neue Herausforderungen H

err Maurer, wo sehen Sie generell die Herausforderungen für die Zukunft? Die gesamte Bankbranche befindet sich derzeit in einem Strukturwandel. Zum einen schwächen die aktuell niedrigen Zinsen die Ertragskraft der Banken. Zum anderen bindet die Regulierung Personal und Kapital. Hinzu kommt, dass auch die Kunden anspruchsvoller werden. Smartphone, Big Data und Social Media verändern Kommunikation und Konsum – und damit die Anforderungen an die Banken. In dieser Situation drängen branchenfremde Wettbewerber in den Markt – sogenannte Fintechs und Internetkonzerne.

Die Digitalisierung schreitet in allen Branchen voran und die Umsetzung von Industrie 4.0 birgt großes Potenzial. Andreas Maurer, Vorstandsmitglied der Südwestbank, zeigt auf, wie die Banken von heute die Unternehmen dabei unterstützen können, und erklärt die neuen Richtlinien zu Basel III.

Hat die Bankfiliale dann ausgedient? Die Filiale der Zukunft wird künftig ganz sicher nicht nur noch in die Hosentasche passen. Denn trotz fortschreitender Technologienutzung spielt der persönliche Kontakt auch künftig eine Rolle. Das gilt vor allem bei erklärungsbedürftigen Produkten wie Altersvorsorge und Baufinanzierung oder bei höheren Anlagesummen.

Als Reaktion auf die Finanzmarktund Wirtschaftskrise haben sich die großen Wirtschaftsnationen auf eine strengere Regulierung der Kreditinstitute geeinigt. Was sind die wichtigsten Regelungen in Basel III? Die wesentlichen Regelungen zu Basel III umfassen drei Säulen. Mit der ersten Säule für die quantitative Aufsicht werden die Mindesteigenmittelanforderungen geregelt, die bis 2019 schrittweise ansteigen. In der zweiten Säule können noch höhere Kapitalanforderungen entstehen, sofern die Aufsicht einen Kapitalzuschlag als notwendig erachtet. Über die dritte Säule werden alle Aspekte der Offenlegung erfasst. Dabei stellen Umfang und Detaillierungsgrad der Daten, die an die Aufsicht zu liefern sind, insbesondere für kleine und mittlere Institute eine echte Herausforderung dar. Basel III fordert insbesondere die Banken – welche Chancen und Risiken ergeben sich? Die Regulatorik von heute darf nicht die Probleme von morgen schaffen. Sie sollte die Banken nicht in ihrer originären Funktion einschränken, die für die Wirtschaft wichtig ist – wie zum Beispiel die Risiko- und Fristentransformation. Damit wäre die Kreditversorgung der Wirtschaft in Gefahr. Chancen sehen wir darin, das Vertrauen der Anleger und Eigenkapitalgeber auf Basis des regulierten Umfelds zurückgewinnen und ausbauen zu können. Als Voraussetzung muss aber bei den Eigenkapitalgebern die Erkenntnis reifen, dass Banken nur bedingt Risiken übernehmen und daher auch nur eine begrenzte Eigenkapitalrendite erzielen können.

Können Sie den Begriff Fintech kurz erläutern? Fintech ist ein Kunstbegriff, der sich aus Financial Services und Technologie zusammensetzt. Er beschreibt innovative Geschäftsmodelle bei Finanzdienstleistungen. Dahinter stehen oft Start-ups und junge Unternehmen, die versuchen, den etablierten Banken Marktanteile abzunehmen. Sie wollen Geschäfte vereinfachen, den Bankberater ersetzen und alternative Finanzierungsquellen erschließen. Dabei bewegen sie sich oft in unregulierten Bereichen, die keine Banklizenz erfordern, und haben daher erhebliche Vorteile. Ein Trend bestimmt die ganze Welt – die Digitalisierung: Wie gehen die Banken damit um? Unbestritten ist die Digitalisierung in der Finanzbranche angekommen und verändert bewährte Geschäftsmodelle. Doch Fintechs bieten oft keine neuen Dienstleistungen an, sondern schnellere, einfachere und günstigere. Der Vorteil der Banken liegt in ihrer Beratungsqualität. Als unabhängige Privatbank, die sich nicht nach Konzerninteressen richten muss, können wir das leisten. Dennoch beobachten wir den Markt genau und kooperieren dort mit Fintechs, wo es für unsere Kunden Nutzen stiftet.

eine Anlagestrategie. Ich kann mir schwer vorstellen, dass daraus ein fundiertes Profil abgeleitet werden kann. Ob ich einem Algorithmus vertraue oder einem Menschen, ist auch eine Typfrage oder eine Frage der Anlagenhöhe.

Viele Kunden regeln einen Großteil ihrer Bankgeschäfte online. Wird auch der Vermögensberater zukünftig digital sein? Digitale Anlageberater, sogenannte Robo-Advisors, sollen helfen, Portfolios zusammenzustellen. Die Programme ermitteln mit ein paar einfachen Fragen die Risikobereitschaft und errechnen

Die Digitalisierung spielt auch bei Unternehmen eine große Rolle. Welche Chancen bietet aus Ihrer Sicht Industrie 4.0? Wir nehmen wahr, dass Industrie 4.0 für viele Unternehmen ein schwer greifbares Modewort darstellt. Unter anderem repräsentiert es den Wandel der Prozesslandschaften durch Digitalisie-

Andreas Maurer, Vorstandsmitglied der Südwestbank

rung und Vernetzung. Auf die Technologie bezogen bietet der Markt zwar alles, was hierfür nötig ist, strategisch aber steht der Mittelstand noch vor Herausforderungen. Die Integration von Wertschöpfungsprozessen, das Produkt selbst sowie das Arbeits- und Anwenderumfeld sind Bereiche, die großes Potenzial bergen. Die Umsetzung von Industrie-4.0Anwendungen muss finanziert werden. Gibt es konkrete Fördermöglichkeiten, die Sie als Bank empfehlen? Das kommt auf den Einzelfall an, denn die Förderlandschaft ist äußerst

Foto: Wilhelm Mierendorf

vielfältig. Gerade bei Investitionen in neuartige Produktionsabläufe oder in Prozessoptimierungen müssen sich Banken eindenken und Einflüsse auf das Geschäftsmodell einschätzen können. Hier ist es für Unternehmer ratsam, einen Finanzierungspartner an der Seite zu haben, der auf den Mittelstand eingestellt und mit Förderinstituten und Beratungsunternehmen gut vernetzt ist. Wir arbeiten beispielsweise mit der L-Bank über einen gemeinsamen Fonds, der in Vorhaben zu Industrie 4.0 investiert, zusammen. Zudem kann neben Fördermitteln auch die Optimierung des Einkaufs sinnvoll sein.

Für viele Unternehmen stellt der Bankkredit einen zentralen Finanzierungsbaustein dar. Welche Auswirkungen hat Basel III darauf? Bereits vor Basel III haben die Institute die Risiken zurückgefahren und ihre Widerstandsfähigkeit durch Stärkung des harten Kernkapitals erhöht. Basel III stellt allerdings erhöhte Anforderungen an die Banken – allen voran die deutlich gestiegenen Eigenkapitalanforderungen. Für die Unternehmensfinanzierung wird entscheidend sein, ob externe Ratings weiterhin zur Ermittlung der Risikogewichte für den Kredit herangezogen werden können. Insgesamt erwarten wir tendenziell höhere Risikogewichtungen, insbesondere für Gewerbeimmobilienkredite. Die Südwestbank erzielte nach der Verdoppelung ihres Eigenkapitals Ende 2013 ein überdurchschnittliches Kreditwachstum. Dies verdeutlicht eine nach wie vor hohe Kreditnachfrage. Für Banken ist es daher von großer Bedeutung, alle Möglichkeiten zur Kapitalbeschaffung auszuschöpfen. Für die Unternehmen wiederum ist es umso wichtiger, anrechenbare Sicherheiten zu stellen. Die Fragen stellte Brigitte Bonder.

Von Leasing und Factoring Die Leasing-Branche ist Deutschlands größter Investor und generiert ein jährliches Investitionsvolumen von 52,2 Milliarden Euro.

N

ach Angaben des Bundesverbandes Deutsche Leasingunternehmen wurden im vergangenen Jahr 1,8 Millionen Leasing-Verträge neu abgeschlossen. Die Branche setzt dabei gleichfalls auf das Thema Digitalisierung. Das treibt besonders die Unternehmen im Südwesten um. Die Leasingunternehmen gehen davon aus, dass die erwarteten Investitionen von bundesweit 200 Milliarden Euro für Industrie 4.0 in den kommenden fünf Jahren teilweise auch über sie abgewickelt werden. Für 2016 erwartet die Leasingbranche ein etwas geringeres Wachstum von drei bis vier Prozent. Zu den Leasing-Kunden zählen insbesondere mittelständische Unternehmen. Laut

Bernhard Paul, Teamleiter Firmenkunden bei der Südwestbank, kann Leasing als Finanzierungsalternative positive Effekte haben, da es grundsätzlich bilanzneutral und auch aus steuerlichen Gesichtspunkten attraktiv sein kann. Hingegen würde bei einem Kauf über eine Kreditfinanzierung neben einer Veränderung des Anlagevermögens auch die Eigenkapitalquote sinken. „Beim Leasing hingegen muss das Leasinggut nicht in der Bilanz aktiviert werden, weil die Leasingkosten als Aufwand verbucht werden und somit den Gewinn mindern.“ Es kann nahezu alles geleast werden: Fahrzeuge, Immobilien, Bürogeräte samt dazugehöriger notwendiger Software. Die unabhängige Privatbank arbeitet bei dem Thema auch mit der UVW-Leasing zusammen. Deren Geschäftsführer Frank Hagmann betont: „Leasing bedeutet für den Mittelstand, dass durch das große Objekt-Know-how der Leasinggesellschaft Projekte möglich werden, die durch klassische Finanzierungen nicht

darstellbar sind.“ Neben Leasing nutzen Unternehmen auch Factoring als Finanzierungsalternative. Durch den Verkauf von Forderungen setzen sie finanzielle Mittel frei und schaffen sich dadurch neue Handlungsspielräume. Südwestbank-Experte Paul dazu: „Auf diese Weise wird die Liquidität aus Außenständen unmittelbar dem Unternehmen zugeführt. Dabei trägt das Factoring-

Unternehmen im Rahmen eines vereinbarten Limits auch das gesamte Ausfallrisiko, gegebenenfalls auch ein InkassoVerfahren.“ Mit der durch Factoring erhaltenen sofortigen Liquidität kann sich ein Unternehmen zusätzlich Erträge beispielsweise im Einkauf beschaffen, weil Skonti und Sonderkonditionen genutzt werden können.

Allerdings ist Factoring zunächst teurer als ein Kontokorrentkredit. Doch dieser Nachteil relativiert sich. Denn in der Branche herrscht ein starker Wettbewerbsdruck und die niedrigen Zinsen drücken auf die Margen der Anbieter. Davon profitieren die Kunden, weil Preise für sie sinken. Oliver Schmale

IMPRESSUM

Das Leasing des Fuhrparks ist besonders beliebt.

Foto: ecopix

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V. i. S. d. P.

Jochen Sautter Südwestbank AG, Adresse s. o.

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Wirtschaft in Baden-Württemberg  

Ausgabe 5, 2016

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