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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 6 | 2017

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Tief greifender Wandel Die Digitalisierung hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Arbeit in Fabrik und Büro. SEITEN 1–8

Wirtschaft & Erfolg In der Stille eines Klosters finden Manager Auswege aus dem Hamsterrad. SEITEN 9–16

Wirtschaft & Region

Illustration: Ole Schleef, Malte Knaack

Im Kreis Böblingen findet sich eine einzigartige Ballung von Forschungszentren. SEITE 34

Kreativer und flexibler arbeiten Computer, Roboter und künstliche Intelligenz verändern unsere Arbeitswelt einschneidend. Der Prozess ist längst im Gange und bietet auch viele Chancen: von der Entlastung von lästigen Routinetätigkeiten bis hin zu flexiblen Arbeitszeiten. Von Gerhard Bläske

Digitalisierung

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ie Digitalisierung erfasst nach und nach alle Felder unserer Gesellschaft. Vor allem aber wird sie die Arbeitswelt tief greifend verändern. Betroffen davon sind alle Bereiche des Arbeitslebens: Büros genauso wie Fabriken, Ungelernte genauso wie Facharbeiter und Akademiker, Industrie genauso wie Landwirtschaft und Dienstleistung. Arbeit wird flexibler hinsichtlich Arbeitszeiten, Art der Tätigkeiten und Arbeitsorten, aber auch anspruchsvoller. Denn Computer, Roboter oder künstliche Intelligenz nehmen uns zeitraubende Routinetätigkeiten ab. Und traditionelle Hierarchien verlieren an Bedeutung, wenn unterschiedliche interdisziplinäre Teams projektbezogen arbeiten. Neue Möglichkeiten sind auch mit Ängsten und Risiken der Betroffenen verbunden. Es gilt deshalb, die Beschäftigten mitzunehmen und einzubinden in die Veränderungen, ihre Anregungen mit aufzunehmen. Denn es gibt keine Lösungen, die auf alle Branchen und Unternehmen passen. Doch bei den Mitarbeitern muss schon auch die Bereitschaft da sein, Veränderungen zu akzeptieren. Natürlich wird uns die

neue Technik viel Arbeit abnehmen. Doch die Furcht vor menschenleeren Fabriken oder vor im Homeoffice völlig vereinsamenden Angestellten sowie vor Massenarbeitslosigkeit ist wohl unbegründet. Im Gegenteil: Es bieten sich viele neue Chancen. Die Entlastung von Routinetätigkeiten lässt mehr Zeit für Kommunikation und die Suche nach kreativen Lösungen. Es gibt mehr Raum für Aufgaben mit höherer Wertschöpfung und für Innovationen. Viele Arbeiten werden abwechslungsreicher. Und das Arbeiten im Homeoffice oder in Coworking Spaces ersetzt nicht persönliche Kontakte. Ein Jobwechsel ist heute nicht notwendigerweise mit einem Umzug verbunden. Vielfach werden auch flexible Lösungen angeboten, wenn ein Beschäftigter etwa mehr Zeit für die Familie haben will, Angehörige pflegen muss oder einfach mal ein Jahr aussetzen will. Im Alltag machen die vielen neuen Kommunikationsmöglichkeiten körperliche Anwesenheit nicht mehr unbedingt erforderlich – auch wenn alle Experten der Auffassung sind, persönliche Kontakte sei-

en unerlässlich. Aber nicht unbedingt jeden Tag. Das bietet gerade Mittelständlern in der Provinz, die oft Schwierigkeiten haben, qualifizierte Fachkräfte zu finden, völlig neue Möglichkeiten. Büros und Fabriken wandeln sich. In Fabriken übernehmen Computer und Maschinen vieles, was früher mühsam per Hand und mit vielen Beschäftigten erledigt werden musste. „Wir werden einen signifikanten Wegfall von Büroarbeitsplätzen haben“, sagt Christian Fischer, Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger und Leiter des Stuttgarter Büros. Viele der Veränderungen sind seit Langem im Gange. „Kurzund mittelsfristig werden die Veränderungen eher graduell sein“, so Fischer. Auf längere Sicht könnten Roboter und künstliche Intelligenz „über 50 Prozent unserer heutigen Tätigkeiten übernehmen“. Klar ist jedoch auch: Die Anforderungen an die Menschen wachsen. „Wir brauchen eine Bildungsoffensive“, fordert Fischer. Neben Bildung und Ausbildung wird dabei auch die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen immer wichtiger.

Vernetzte Zukunft: Sprechen statt klicken Sprache statt Mausklick – in Zukunft werden Computer viel mehr als heute verstehen, was ein Mensch mit seinen Worten sagt. Auf unserer Schwerpunktseite sagt der Tübinger Linguist Detmar Meurers, wo heute die Möglichkeiten und Grenzen des Sprachverstehens von Computern liegen.

Wir erklären, wo die Porsche-Beratungsgesellschaft MHP die praktische Zukunft von solchen Anwendungen sieht, und stellen ein Heilbronner Startup vor, das aus Sätzen und Sprache Persönlichkeit und Stimmungen analysiert. Als Startup-Standort steht Stuttgart im Mittelpunkt und Innovationsthema ist die Frage, ob synthetische Kraftstoffe, die sogenannten E-Fuels, ergänzend zur Elektromobilität den Klimaschutz im Autoverkehr voranbringen können. age


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Inhalt Flexibilisierung

Ideensuche in der Sofaecke Das Büro der Zukunft ist flexibel, bietet Raum für Kreativität und ähnelt zunehmend einer Wohnung. SEITE 3

Interview

„An den Interessen orientieren“ Arbeitswissenschaftlerin Katharina Dengler über die Rolle von Computern und Robotern. SEITE 4

Zukunftsfabrik

Maschine startet per Foto Für den Ditzinger Werkzeugmaschinenbauer Trumpf ist „Industrie 4.0“ nichts Neues. SEITE 5

Gebührenmodelle

Alles Verhandlungssache In Zeiten magerer Zinsen werden die Gebühren zu einem wichtigen Entscheidungskriterium bei der Anlage. SEITE 10

Studium

Von der Klinik ins Management Der Studiengang Führung und Management im Gesundheitswesen bereitet auf ein neues Umfeld vor. SEITE 11

Porträt

Die Schuh-Revolutionärin Mit ihrer eigenen Schuhmarke will Jacqueline Yildirim beweisen, dass auch High Heels bequem sein können. SEITE 12

Startups in Stuttgart

Rainer Dulger

Thilo Koslowski

Boss der Bosse

Porsches Pfadfinder

„Die Digitalisierung wird nach und nach alle Facetten unserer Gesellschaft erfassen.“ Davon ist Rainer Dulger, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall und Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, fest überzeugt. Er fordert deshalb den raschen Aufbau einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur und vor allem Investitionen in die digitale Bildung vor allem auch in Berufsschulen. Denn dort halte man mit den technologischen Veränderungen am Arbeitsplatz kaum Schritt, findet der Vater von zwei Kindern und promovierte Ingenieurwissenschaftler. Der 53jährige Heidelberger wird demnächst

häufiger in den Medien präsent sein, denn er verhandelt mit der IG Metall über deren Forderung, die Wochenarbeitszeit zeitweise auf 28 Stunden herunterzusetzen. Dulger gilt als souveräner Verhandlungsführer, der Lösungen für komplexe Themen findet. Er sei nicht grundsätzlich gegen Flexibilisierung, „aber dann bitte in beide Richtungen“, sagt Dulger, der geschäftsführender Gesellschafter der Heidelberger ProMinent GmbH ist. „Der Kunde entscheidet, wann Arbeit geleistet werden muss.“ Berücksichtige man das nicht, drohten die Verlagerung von Arbeitsplätzen, weil dann rund 200 000 Fachkräfte fehlten, sowie die Flucht aus Tarifverträgen. bl

Thilo Koslowski ist Hobby-Rennfahrer und Porsche-Fan. „Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich im Turbo sitze und Gas gebe“, gesteht der Betriebswirt. Vor anderthalb Jahren verband Koslowski Leidenschaft und Karriere, indem er bei dem Sportwagenbauer anheuerte. Als Chef der Tochtergesellschaft Porsche Digital GmbH ist Koslowski Porsches Pfadfinder beim Aufbruch in die digitale Welt. Der Sportwagenbauer profitiert von seinen langjährigen Erfahrungen im Silicon Valley, wo Koslowski nach einem Studium an der RWTH Aachen und einem Job im Audi-Marketing Ende der neunziger Jahre für das Technologieberatungs-

unternehmen Gartner den Automobilbereich aufbaute. Koslowski wurde dort ein gefragter Ratgeber für Autobauer, Zulieferer sowie die Player aus der IT- und Internetwelt wie Google, Apple und Facebook, weil er mit seinen Voraussagen für die technische Entwicklung meist richtig lag. Mit seiner Mannschaft will er nun das Geschäft des Automobilbauers erweitern, Prototypen für neue Angebote entwickeln und testen. Dies könnte beispielsweise ein elektronischer Helfer sein, der die Vorlieben von Kunden kennt, ihnen Vorschläge für ein schönes Wochenende macht und auch Eintrittskarten für attraktive Veranstaltungen besorgt. hap

Heraus aus dem Schatten der Etablierten Stuttgart hatte lange keine überregional wahrgenommene Startup-Szene – das beginnt sich zu ändern. SEITE 19

Schwerpunkt Sprache und IT

Wie wir mit Computern reden Spracherkennung – Möglichkeiten und Grenzen. SEITE 20–21

Weichensteller für neue Arbeitswelt Die Digitalisierung verändert das berufliche Umfeld der meisten Menschen. Mit den Folgen dieser Entwicklung beschäftigen sich nicht nur Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft im Land, sondern auch Forscher und Wissenschaftler. Porträts

Bargeld

Nicht ohne meine Münze In Deutschland stoßen Bemühungen um die Abschaffung des Bargeldes auf besonders großen Widerstand. SEITE 23

Wirtschaftskanzleien

Strategisch gut aufgestellt Durch Regulierung und Internationalisierung steigt der juristische Aufwand. Profiteure sind die Sozietäten. SEITE 25 Fotos: dpa (2), factum/Granville

Compliance

Jeder Betrieb ist betroffen Die Einhaltung von Regeln und Gesetzen ist für viele Unternehmen eine Wissenschaft für sich geworden. SEITE 31

Wirtschaftsstandort Kreis Böblingen Franz-Josef Radermacher

Theresia Bauer

Martin Kunzmann

Der Mahner

Die Brückenbauerin

Der Kommunikator

Als nimmermüder Vortragsreisender in Sachen Globalisierungskritik ist der Ulmer Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler Franz-Josef Radermacher schon seit Jahren im Geschäft, aber seine Thesen verlieren deshalb nichts an Aktualität. Nur durch eine große politische Kooperation, wie sie sich innerhalb Deutschlands beispielsweise beim Länderfinanzausgleich abbilde, lasse sich der „ökologische Kollaps“ verhindern, sagt Radermacher. Beispiel Afrika: Für den Kontinent brauche es einen internationalen Marshallplan. In der Sahara könne Energie klimaneutral und gewinnbringend erzeugt werden. Quasi als Nebeneffekt könne mit dieser Energie die Meerwasserentsalzung betrieben werden, Wasser könnte über große Strecken durch Pipelines gepumpt werden. Dann, so der Ulmer Professor, sei mehr Landwirtschaft möglich, Arbeitsplätze entstünden und der Atmosphäre werde CO2 entzogen. Das Geld solle von Investoren kommen, die Kredite müssten aber durch staatliche Bürgschaften abgesichert werden. Nur ein Beispiel für Radermachers Gedankenwelt. Ohne eine gestaltende „unsichtbare Hand“ bedeute Globalisierung, dass es „überall für viele Menschen hässlicher und rauer wird“. rub

Unternehmen und Universitäten gehören für die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer eng zusammen. Berührungsängste mit der Wirtschaft kennt die Grünen-Politikerin nicht. Die pragmatische Politikwissenschaftlerin will den Wissenstransfer zwischen Hochschulen, Wirtschaft und Gesellschaft voranbringen und stellt sich ganz hinter die Digitalisierung, die die grün-schwarze Landesregierung zu ihrem Großthema erhoben hat. Im Cyber Valley in der Region Stuttgart/Tübingen treibt Bauer eine der größten Forschungskooperationen für künstliche Intelligenz in Europa voran. Erforscht werden Steuerungen für Autos, Haushaltsgeräte oder Roboter. Kleine und mittlere Unternehmen nimmt die Heidelbergerin, die seit 2001 im Landtag sitzt, ebenfalls in den Blick. Sie sollen von neuen Zentren für angewandte Forschung an den Fachhochschulen profitieren. Die Mutter von zwei Söhnen fördert auch die Gründerkultur an den Hochschulen. Einigen Basisgrünen ist die seit 2011 amtierende Ministerin zu ideologiefrei. In Hochschulkreisen kommt diese Einstellung an. Bauer wurde vom deutschen Hochschulverband schon dreimal zur Wissenschaftsministerin des Jahres gewählt. ral

Mit einem 100-Prozent-Ergebnis ist Martin Kunzmann am 28. Januar 2017 zum Landeschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gewählt worden. Diesen Triumph am 27. Januar 2018 zu wiederholen, dürfte ihm schwerfallen. Dabei hat der Pforzheimer keine auffälligen Fehler gemacht. Im Gegenteil: Die Kommunikation nach innen wie nach außen hat sich deutlich verbessert. Er hat sich quasi schon mit der gesamten führenden Landespolitik getroffen und pflegt auch intern einen offensiven, aber respektvollen Umgang. Nach der Wiederwahl will der 61-Jährige in den kommenden vier Jahren für den DGB im Land „verlässliche Brücken in die Arbeitswelt von morgen bauen“. Der gelernte Mechaniker hat mit der IG Metall, für die er gut 30 Jahre lang hauptamtlich tätig war, eine Hausmacht im Rücken. Groß ist infolge dieser Gewerkschaftsherkunft auch sein Schatz an Erfahrungen und Kontakten zur Basis. Doch künftig wird er noch mehr eigenständiges Profil zeigen müssen. Angesichts grün-schwarzer Mehrheiten im Landtag hat es ein Sozialdemokrat ohnehin nicht leicht, mit seinen politischen Vorstellungen durchzudringen. Er muss es immer wieder versuchen. ms

Wohin man auch schaut: die Nase vorn Ob Rankings, ob Studien, der Kreis Böblingen liegt, wenn es um Wirtschaft geht, immer auf den vorderen Plätzen. SEITE 33

Interview

Seit fast 50 Jahren Chefin Brigitte Vöster-Alber führt den Türtechnikspezialisten Geze in Leonberg. Von einer Frauenquote hält sie nichts. SEITE 35

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen „Wirtschaft in Baden-Württemberg“? Wir freuen uns auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mehrfach mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Index Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Anne Guhlich Redaktion Imelda Flaig, Sabine Marquard, Andreas Geldner, Bettina Bernhard, Gerhard Bläske, Achim Wörner, Norbert Burkert Gestaltung/Produktion Bernd Fischer, Sebastian Klöpfer, Sebastian Ruckaberle, Alexander Kijak, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11 / 72 05 - 12 11 und 07 11 / 72 05 - 74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Tanja Dehner (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 16 03 E-Mail: anzeigen@wirtschaft-in-bw.de Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 0

Personen

Armenakyan, Karen Bauer, Theresia Beierer, Birgit Bernhard, Roland Birk, Dietrich Coskun, Yakup Dengler, Katharina Denner, Volkmar Döttling, Markus Dulger, Rainer Engelmann, Stephan Eichhorst, Werner Fischer, Christian Friedrich, Sebastian Gishammer, Michael Gleich, Alexandra Hagen, Philipp von

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Haner, Udo-Ernst Heilig, Markus Högsdal, Nils Horx, Matthias Kelkar, Oliver Klemm, Elias Koslowski, Thilo Küppers, Till Kuhlmann, Andreas Kuhn, Wolfgang Kunschert, Susanne Kunzmann, Martin Lützner, Wolfgang Mayer, Jens Meurers, Detmar Oker, Marion Peric, Mario Pischinger, Stefan Raffelhüschen, Bernd

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Ritter, Clara Rogoff, Kenneth Rossmann, Alexander Sahu, Jaya Narayana Schafmeister, Sylvia Schwester Elisabeth Schildmann, Christ. Schmid, Hans-Ulrich Spitzer, Daniel Steidle, Martin Tilke, Wilfried Thiele, Carl-Ludwig Tschürtz, Simon Vaas, Walter Vöhringer, Bernd Vöster-Alber, Brigitte Wehrle, Christian Winkler, Karin Wissmann, Matthias

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Yildrim, Jacqueline Zetsche, Dieter Zitzelsberger, Roman

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Firmen/Organisationen

Benedikt.-Abtei Neresh. 9 Roland Berger 6, 17 Bethmann 10 Bitzer 36 Bosch 22 Bethmann Bank 10 BW-Bank 10 Bundesbank 23 Commerzbank 10 Daimler 22 DGB 2 Eisenmann 37 Ensinger 37

Erzabtei St. Martin 9 Fraunhofer IAO 3 Gesamtmetall 2 Geze 35 GFT Technologies 20 Hans-Böckler-Stiftung 6 Hochschule der Medien 19 Hochschule Neu-Ulm 11 Hollerith-Zentrum 34 IAB 4 Haka 37 IBM 37 IG Metall 6 IHK Böblingen-Sindelf. 34 ING BW 6 ING Diba 23 IPA 5 IZA 6 Kloster Bad Wimpfen 9

Kloster Sießen 9 Kloster St. Peter 9 Jacq GmbH 12 Metzger Technik 34 MHP Manager 21 Porsche 2, 6 PTV 6 Ritter Sport 36 RWTH Aachen 22 Softwarezentrum Böbl. 34 Spirit 21, 34 Südwestbank 12 Sybit 3 Trumpf 5, 12 Universität Tübingen 20 Universität Stuttgart 22 VDA 22 VDMA 6 Walter Knoll 3, 37


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Das Büro der Zukunft wird flexibler Büroarbeit verändert sich – es gibt mehr Freiräume. Wo der Laptop steht, ist oft egal. Von Gerhard Bläske Flexibilisierung

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eim Thema Digitalisierung denken die meisten Menschen an menschenleere Fabriken, in denen Roboter oder Computer die Produktion steuern. Doch auch im Büro vollziehen sich tief greifende Änderungen. In manchen Unternehmen haben nicht einmal mehr Chefs einen eigenen Schreibtisch. Traditionelle Strukturen verschwinden. Mitarbeiter sitzen zunehmend am häuslichen Schreibtisch oder in einem Coworking Space. Die Arbeitszeiten werden flexibler, die Hierarchien flacher, die Mobilität nimmt zu: Wo man seinen Laptop anwirft, ist schließlich egal. „Wir bieten unseren Mitarbeitern die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten“, sagt Birgit Beierer, Mitglied der Geschäftsleitung des Radolfzeller IT-Beratungsunternehmens Sybit. In dem Betrieb mit 160 Mitarbeitern gibt es viele Arbeitsmodelle. Angesichts des Fachkräftemangels seien Mitarbeiter heute „Die digitale Transforma- „oft nicht mehr bereit, an den Arbeitsort zu ziehen“, betion zwingt uns dazu, richtet sie. Wer zu Hause kein uns auf Aufgaben mit Büro hat, für den mietet das höherer Wertschöpfung Unternehmen bei Bedarf sogar Arbeitsplätze in Coworund damit deutlicher king Spaces an, die die Innovationsorientierung Arbeitnehmer dann flexibel zu konzentrieren.“ nutzen können – ohne in die Firma fahren zu müssen. Udo-Ernst Haner, Fraunhofer IAO „Das ist auch für uns von Vorteil. Wir müssen weniger Büroraum anmieten“, sagt Beierer. Um regelmäßige Kommunikation sicherzustellen, wird bei Sybit „mit Lösungen für Online-Besprechungen oder Projektmanagement gearbeitet“, fügt sie hinzu. Heißt das in der Konsequenz, dass künftig ein Großteil der Beschäftigten allein vor sich hin werkelt? Zu Hause, im Café oder am See? Und die Kommunikation nur noch elektronisch stattfindet? Nein, glaubt

Das Büro der Zukunft ähnelt einer klassischen Wohnung immer mehr. Zukunftsforscher Matthias Horx: „Viele genießen diese Flexibilität. Allein sein wollen sie deshalb aber nicht.“ Das beobachtet auch Udo-Ernst Haner, Teamleiter „Information Work Innovation“ beim Stuttgarter Fraunhofer IAO, der sich seit mehr als 20 Jahren im Rahmen des Projekts „Office 21“ mit dem Thema „Büro der Zukunft“ beschäftigt. „Trotz aller Individualität und Änderungen wollen Menschen auch Teil einer Gruppe sein. Daher hat sich Coworking zunächst mit Blick auf Selbstständige und Freelancer entwickelt. Auch hier wirken sich Austausch und Zusammenarbeit auf die Qualität der Lösungen und der Innovationshöhe aus.“ Er fügt hinzu: „Wir brauchen auch künftig Büros, aber wir werden sie anders nutzen, denn der Tätigkeitsschwerpunkt darin verschiebt sich.“ Alleinarbeit könne man eher von zu Hause aus erledigen, Büros würden verstärkt für Kommunikation und Zusammenarbeit genutzt, meint Haner. Im Rückblick sagt er: „Manches ist so eingetreten, wie es die ersten Szenarien dargestellt haben, manches nicht. Manches kam schneller, manches langsamer. Aber ein zentraler Aspekt dieser Szenarien, nämlich der der Flexibilisierung der Arbeit, ist eingetreten – im zeitlichen Sinn hinsichtlich

des Arbeitsortes und auch strukturell, nämlich, was die Aufweichung der Hierarchien anbelangt.“ Auch bei Sybit hat das Büro nicht ausgedient. Die Mitarbeiter arbeiten vermehrt in Projekt-Teams. Absprachen und gemeinsame Planung sind wichtiger Bestandteil ihres Arbeitsalltags, zu dem selbstverständlich auch persönliche Treffen gehören. „Es ist sehr wichtig, dass die Teammitglieder sich in regelmäßigen Abständen auch sehen“, erklärt Beierer. „Wen man nicht sieht, der wird nicht als Teil des Teams wahrgenommen, das haben psychologische Studien gezeigt.“ Wie sieht das Büro der Zukunft nun aus? Es brauche „mehr Vielfalt, um Innovationen zu befördern, auf der personell-organisatorischen, auf der technologischen, aber auch auf räumlicher Ebene. Das Büro wird einer Wohnung ähnlicher, in der es Räume für Geselligkeit wie das Wohnzimmer gibt, Räume mit besonderer Infrastruktur wie die Küche oder auch Räume, in die man sich zurückzieht, wie das Schlafzimmer“, erklärt Haner. Bei Sybit gibt es Konferenzräume, kleinere Arbeitszonen für konzentriertes Arbeiten und Besprechungszonen, Raum für einen Plausch im Sessel, wo oft die

Foto: Jacob Lund/Adobe Stock

besten Ideen entstehen. „Routinearbeiten werden automatisiert und etwa durch künstliche Intelligenz übernommen. Die digitale Transformation zwingt uns dazu, uns auf Aufgaben mit höherer Wertschöpfung und mit deutlicher Innovationsorientierung zu konzentrieren“, meint Haner. „In der Wissenschaft müssen wir uns mehr Zeit für den Austausch mit unterschiedlichen Kooperationspartnern und die kreative Suche nach guten Lösungen nehmen.“ Wichtig sei dabei, dass die Mitarbeiter mitgenommen werden. Denn die Menschen sind bei Veränderungen erst mal skeptisch. Zentral sei es, „dass Mitarbeiter in einen Veränderungsprozess von Anfang an eingebunden werden, es Vorher-nachher-Evaluationen gibt, dass Lösungen wieder angepasst werden. Nur so kann man Mitarbeiter für das Neue begeistern, sie motivieren und schließlich einen Produktivitätssprung erreichen“, erklärt Haner. „Diese Veränderungen bieten viele Chancen für Unternehmen aller Größen, in Berlin und auf der Alb“, ist er überzeugt. Das bestätigt auch Beierer: „Unser Modell spricht sich herum und ist für uns ein Wettbewerbsvorteil. Nur so haben Mittelständler außerhalb der großen Ballungszentren heute eine Chance auf dem Arbeitsmarkt.“


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ie Wahl eines Berufes sollte nicht davon abhängig gemacht werden, ob Computer dabei eine Rolle spielen. Aus Angst vor Robotern auf einen interessanten Beruf zu verzichten sei falsch, sagt Katharina Dengler vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Frau Dengler, Die Wirtschaft klagt über zunehmenden Fachkräftemangel. Könnte sich das bald ändern? Geht uns die Arbeit aus, wenn sich Industrie 4.0 und die Digitalisierung immer stärker durchsetzen? Nein, die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass derzeit nur etwa 15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in einem Beruf arbeiten, der potenziell auch durch einen Computer oder eine computergesteuerte Maschine ersetzt werden könnte. Bei dieser Untersuchung wird aber nur betrachtet, ob dies technisch möglich ist. Etwas ganz anderes ist, ob man Roboter beispielsweise in der Altenpflege oder in Kitas überhaupt einsetzen möchte. Oft ist auch die menschliche Arbeit flexibler oder von besserer Qualität.

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

„An den Interessen orientieren“

ARBEITSMARKT-ÖKONOMIN Werdegang Katharina Dengler arbeitet seit 2009 als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Sie war Stipendiatin im Graduiertenprogramm des IAB und des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Universität Erlangen-Nürnberg, wo sie 2016 promovierte. Zuvor studierte sie Volkswirtschaftslehre an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität mit Abschluss als Diplom-Volkswirtin.

Roboter müssen keine Feinde des Menschen sein, sagt Arbeitswissenschaftlerin Katharina Dengler. Sie sieht spannende Entwicklungsmöglichkeiten für Berufe.

Interview

Schwerpunkte Denglers Forschungsinteressen sind die empirische Arbeitsmarktökonomie, quantitative Methoden, die Evaluation von Arbeitsmarktprogrammen, berufsorientierte Konzepte sowie die Folgen der Digitalisierung der Arbeitswelt. Das IAB wurde 1967 als Forschungseinrichtung der heutigen Bundesagentur für Arbeit gegründet. Das IAB macht seine Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich und erteilt unabhängigen Rat an Politik und Praxis. Arbeitgeber Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erforscht den Arbeitsmarkt, um politische Akteure auf allen Ebenen kompetent zu beraten. Ökonomen, Soziologen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weiterer sozialwissenschaftlich und methodisch ausgerichteter Disziplinen schaffen durch national wie international vernetzte Forschung die Basis für eine empirisch informierte Arbeitsmarktpolitik. Damit trägt das Institut im Rahmen seines gesetzlichen Auftrags zu einem besseren Verständnis der Funktionsweise des Arbeitsmarkts, der Erwerbschancen und der Lebensbedingungen in einer sich verändernden Welt bei. Forschungs- und Publikationsfreiheit garantieren nach den Angaben des Instituts, dass unabhängiger und damit auch kritischer Rat gegeben werden kann. Das Institut wurde 1967 als Forschungseinrichtung der damaligen Bundesanstalt für Arbeit gegründet und ist seit 2004 eine besondere Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit (BA) . Das IAB hat seinen Sitz in Nürnberg. Durch sein regionales Forschungsnetz ist es zudem bundesweit an zehn Standorten präsent. ey

Gibt es vielleicht sogar mehr Arbeit? Das ist durchaus denkbar. Durch die Digitalisierung könnte insgesamt die Produktivität steigen. Das könnte zu sinkenden Preisen und einer höheren Nachfrage führen. Im Zuge der Digitalisierung sind verschiedene Produkt- oder Dienstleistungsinnovationen zu erwarten, was zur Entstehung neuer Arbeitsplätze beitragen könnte. Vielfach wird bei der Digitalisierung nur die Arbeit in der Produktion betrachtet, eben Industrie 4.0. Aber was passiert in den Büros? Unsere Studie betrachtet auch die Dienstleistungen. Zwar zeigt unsere Untersuchung, dass insbesondere Berufe in der Industrieproduktion durch die Digitalisierung betroffen sind, aber sie „Die Digitalisierung wird auch Dienstleistungsberufe verändern. So sind zum könnte zu sinkenden Preisen und einer höheren Beispiel Berufe in der Unternehmensführung wie admiNachfrage führen.“ nistrative und organisatorische Büro- und SekretariatsKatharina Dengler, IAB aufgaben zu einem großen Teil durch Computer ersetzbar. Am wenigsten sind soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe durch die Digitalisierung betroffen. So sind derzeit beispielsweise keinerlei Tätigkeiten von Lehrern, Erziehern, Musikern oder Schauspielern durch Computer oder computergesteuerte Maschinen ersetzbar.

tine-Tätigkeiten ausführen, die programmierbaren Regeln folgen und somit leichter zu ersetzen sind. Am wenigsten sind nach unserer Studie Expertenberufe ersetzbar, die in der Regel eine akademische Ausbildung als Voraussetzung haben. Aus den Ergebnissen unserer Untersuchung könnte man auf einen Trend zur Höherqualifizierung schließen. Zu den Berufen, die schwer durch einen Roboter zu ersetzen sind, gehören nach Ihrer Untersuchung auch Friseure. Sollten junge Menschen also eher diesen Beruf erlernen als einen gewerblich-technischen? Ich würde niemand raten, einen Beruf nur deshalb zu ergreifen, weil er nur schwer von einem Roboter übernommen werden kann. Entscheidend ist, dass sich junge Leute bei der Berufswahl an ihren Interessen und Stärken „Ältere Menschen orientieren. Nur weil in einem könnten stärker Beruf einige Tätigkeiten leicht unter Druck geraten. durch Computer oder computergesteuerte Maschinen er- Sie könnten aber setzbar ist, wird dieser nicht auch von schwerer Arbeit verschwinden. Wir gehen da- entlastet werden.“ von aus, dass es diese Berufe weiterhin gibt, nur mit verän- Katharina Dengler, derten Tätigkeiten und Anfor- IAB derungen. Dies kann auch erhebliche Chancen bieten, da man sich in diesen Berufen zum Teil gut weiterentwickeln kann.

Ersetzt der Roboter Arbeiter am Fließband? Roboter können durchaus Arbeiten am Fließband ersetzen, was bedeutet, dass sich die Tätigkeiten der Fließbandarbeiter verändern werden. Man wird Hand in Hand mit den Robotern arbeiten und zum Beispiel eher die schwer automatisierbaren, manuellen Tätigkeiten übernehmen. Roboter können Menschen die körperlich belastende Tätigkeit am Band abnehmen. Die Menschen werden älter und arbeiten auch bis zu einem höheren Alter. Worauf müssen sich die Unternehmen einstellen? Es ist möglich, dass durch die Digitalisierung bestimmte Personengruppen wie beispielsweise Ältere stärker unter Druck geraten. Durch die Digitalisierung verändern sich berufliche Tätigkeiten, das heißt, einmal Gelerntes muss schneller an den neuesten technologischen Stand angepasst werden. Beschäftigte müssen sich somit kontinuierlich durch Weiterbildung und lebenslanges Lernen auf die veränderten Anforderungen einstellen. Ältere tun sich manchmal schwerer damit, bei schnellen technischen Veränderungen mitzugehen. Die Digitalisierung könnte andererseits auch Ältere durch Assistenzsysteme oder Datenbrillen technisch unterstützen. Technik kann zudem von körperlich anstrengenden oder gefährlichen Arbeiten befreien, so dass die Menschen länger fit bleiben. In Ihrer Studie heißt es, in manchen Fällen könnten die Tätigkeiten von Fachkräften eher zu ersetzen sein als solche von Helfern. Bisher galt doch aber, dass Qualifikation vor dem Verlust des Arbeitsplatzes schützt? Man würde erwarten, dass die potenzielle Ersetzbarkeit mit steigender Qualifikation sinkt. In unserer Studie finden wir aber heraus, dass Helfer- und Fachkraftberufe ähnlich hoch ersetzbar sind. Ein Grund dafür ist, dass Helfer oftmals manuelle, schwer automatisierbare Tätigkeiten ausführen, während Fachkräfte teilweise Rou-

Stehen wir vor massiven Umbrüchen durch die Digitalisierung? Wir stecken momentan mitten in der Entwicklung. Bislang ist es eher ein kontinuierlicher Prozess. Tätigkeiten werden sich verändern, aber meistens nicht disruptiv. Junge Leute gehen ganz selbstverständlich mit Tablets, Laptops und Smartphones um. Reicht das schon? Oder gehört mehr dazu? Bei Digitalisierung geht es um mehr als um den bloßen Umgang mit Tablets, Laptops oder Smartphones. Wichtig dabei sind unter anderem digitale Kompetenzen, um Tablets & Co. zum Beispiel sinnvoll für die Lernorganisation einzusetzen oder um einschätzen zu können, welche Informationen aus dem Internet vertrauenswürdig sind. In Zukunft wird es immer wichtiger, in übergreifenden Prozessen denken zu können. Auch soziale und kreative Kompetenzen werden wichtiger, da diese schlecht durch Computer oder computergesteuerte Maschinen übernommen werden können. Katharina Dengler mahnt zu Gelassenheit beim Thema Roboter

Foto: IAB

Das Gespräch führte Ulrich Schreyer.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Ein Foto startet die Maschine Beim Maschinenbauer Trumpf ist das, was gerne als Aufbruch ins Industriezeitalter 4.0 gepriesen wird, vielfach schon digitale Steinzeit. Von Ulrich Schreyer Zukunftsfabrik

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ndustrie 4.0 – unter diesem Stichwort will sich die deutsche Industrie auf den Weg in die digitale Welt von morgen machen. Manchmal allerdings kommt beim Gang durch Fabrikhallen der Eindruck auf, so furchtbar neu sei gar nicht, was als digitale Zukunft angepriesen wird. Und im Werk Gerlingen, wo der Maschinenbauer Trumpf beispielsweise Stanzwerkzeuge herstellt, gibt es sogar bereits eine Art digitales „Urgestein“. Gruppenleiter Yakup Coskun jedenfalls lässt sich gerne als ein solches bezeichnen. „Das machen wir schon seit acht Jahren so“, sagt Coskun zu dem, was Lean-Managerin Alexandra Gleich an einem Bildschirm demonstriert, „2009 haben wir unseren Online-Shop gestartet.“ Sie tippt Daten über Maschinen und benötige Werkzeuge ein. Mit diesen Daten kann etwa automatisch geprüft werden, ob ein Stanzwerkzeug zu einer Maschine passt oder nicht, weil beispielsweise die „Wer bis 14 Uhr bestellt, Stanzkraft der Maschine zu gering ist. bekommt in Europa Was mancherorts als Aufseine Lieferung schon bruch angepriesen wird, ist am nächsten Tag.“ bei Trumpf vielfach schon digitale Steinzeit. Seit zwei JahAlexandra Gleich, Lean-Managerin ren müssen nicht mehr alle wichtigen Daten für die Bearbeitung eines Werkstücks eigenhändig in den Computer eingegeben werden. Werkstücke, von den Fachleuten auch Rohlinge genannt, tragen seither einen Code, der Maschinen sagt, wie sie bearbeitet werden müssen und welche Art von Werkzeug aus ihnen werden soll. Doch nicht nur das. „Die Maschinen können inzwischen auch sagen: Gib mir Arbeit, ich habe Kapazitäten frei“, erklärt Gleich. Der Code auf dem Werkstück bringt für Trumpf Tempo: „Wenn ein Kunde bis 14 Uhr bestellt, wird sein Werkzeug am selben Tag noch produziert und verschickt. Damit bekommt er seine Bestellung innerhalb von Europa schon am nächsten Tag“, sagt die junge Frau. Zeit ist für Kunden Geld – schon wegen eines nur etwa 30 Euro teuren Werkzeugs kann eine

kostspielige Anlage komplett stillstehen. „Wir wissen morgens nicht, was die Kunden bis 14 Uhr wollen“, sagt Gleich. Raus muss aber möglichst alles. „Obwohl wir bei der Nachfrage tägliche Schwankungen von bis zu 80 Prozent haben, müssen wir liefern können“, meint Coskun. Sicherheitshalber stehen in der Fabrikhalle für Spitzenzeiten auch noch einige Reservemaschinen. Jens Mayer hat früher im Lager gearbeitet, sich weitergebildet, kennt sich inzwischen auch mit Software und der Bedienung eines Computers aus. „Früher hatten wir eine umständliche Zettelwirtschaft, das ist nun weggefallen“, sagt Mayer. Statt für eine einzelne Maschine ist er jetzt für einen guten Teil des Produktionsprozesses verantwortlich. „Früher hat ein Chef kontrolliert, ob alles in Ordnung ist, jetzt kann ich das selbst machen.“ Und Mayer hat nicht nur seine Maschinen zur Herstellung etwa von Stanzwerkzeugen im Griff. Er kann, weil ihm die Technik vieles abnimmt, zusätzlich an einer anderen Maschine mit dem Laser andere Komponenten eines Werkzeugs bearbeiten. „Die Tätigkeit ist abwechslungsreicher geworden“, sagt er zu seiner Zusammenarbeit mit Roboter und Software. Die Kunden sagen den Maschinen bei Trumpf nicht nur, was sie haben wollen, sondern verlangen auch immer individuellere Lösungen. So kann etwa neben allerhand technischen Angaben auch noch ein Firmenname auf dem Werkstück angebracht werden. Jeden Tag werden aus Gerlingen 140 Pakete mit Stanzwerkzeugen und anderem zu den Kunden geschickt. Die erst vor zwei Jahren eingeführten Codes auf den Werkstücken helfen zwar immer noch, sind aber seit wenigen Tagen nicht mehr der neueste Schrei: Auf der Stuttgarter Fachmesse Blechexpo stellte Trumpf jetzt erstmals eine Maschine vor, deren Code einfach abfotografiert wird. Natürlich müssen die Daten beim ersten Mal eingegeben werden, damit überhaupt

Trumpf fühlt sich als Pionier in Sachen Digitalisierung. Über ein Tablet kann einer Maschine mitgeteilt werden, wie sie ein Werkstück bearbeiten soll. Foto: Martin Stollberg/Trumpf ein Code entsteht. Doch bei Nachbestellungen genügt es dann, diesen einfach abzufotografieren. „Das kann mit einem ganz normalen Handy gemacht werden“, sagt Gleich. „Der Kunde schickt das Foto des Codes, dann startet bei Trumpf die Maschine“, erklärt Coskun. „Trumpf startet also mit dem vom Kunden geschickten Foto die Produktion seiner Werkzeuge.“ In Ditzingen, im Stammhaus des Unternehmens, nur wenige Kilometer von Gerlingen entfernt, steht Sebastian Friederich im Vorführzentrum des Maschinenbauers. Doch was er zeigt, sind keine Showeffekte, sondern ebenfalls Einblicke in die Welt von Industrie 4.0. „Wir können uns bei Problemen per Telediagnose auf die Maschine schalten. So können Maschinen wieder zum Laufen gebracht werden, ohne einen Servicetechniker zu schicken.“ Auf dem Bildschirm an seiner Maschine sind grüne, gelbe und rote Bereiche zu sehen – diese zeigen, ob die Maschine noch lange weiterarbeiten kann, ob sie demnächst gewartet werden muss oder ob es bereits höchste

Zeit für das Nachfüllen von Schmierstoff ist. „Dies kann dann in einer Zeit geschehen, in der weniger produziert wird, etwa kurz vor dem Beginn des Wochenendes.“ Auch hier spart Industrie 4.0 Zeit und Geld – eine Maschine zu warten, während sie dringend ge- „Der Kunde kann mit braucht wird, verursacht un- einem Handy einen nötige Kosten. Code fotografieren Den Zustand der Anlage aber kann Friederich nicht und an die Maschine nur auf dem Bildschirm seiner bei Trumpf schicken.“ Vorführmaschine sehen, son- Yakup Coskun, dern auch auf seinem Tablet. Gruppenleiter Der Trumpf-Mitarbeiter kann diese damit auch vom Büro oder vom anderen Ende der Halle aus beobachten – und sich nebenher noch um andere Maschinen kümmern. Das Tablet aber zeigt mehr an als nur den Zustand einer Anlage – ablesen kann Friederich auch, wie weit die Bearbeitung eines Auftrags ist und wie lange seine Bearbeitung noch braucht – eine große Hilfe bei der Steuerung des Produktionsprozesses.

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6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Das Papier-Büro gehört wohl bald der Vergangenheit an. Auch in diesem Bereich ist die Digitalisierung unaufhaltsam auf dem Vormarsch.

Foto: plainpicture/Stacy Morrison

Auch Büros werden automatisiert Für die Unternehmensberatung Roland Berger ist Digitalisierung mehr als Industrie 4.0 – Unternehmen haben oft kein Konzept für die Qualifizierung der Mitarbeiter. Von Ulrich Schreyer Visionen

D

ie Digitalisierung wird die Arbeitswelt in den kommenden Jahren fundemental umkrempeln. Da sind sich die Experten einig. Bei der Frage aber, wohin diese Entwicklung führen wird, geben sie unterschiedliche Antworten. Prognosen können tückisch sein – wie das Beispiel Wilhelm II. zeigt. Dieser gab 1904 eine groteske Fehleinschätzung zum Besten: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung“, so die Vorhersage des letzten deutschen Kaisers. Heute wissen wir es besser. „Die Frage nach der Zukunft lässt sich am besten beantworten, wenn wir einen Blick in die Vergangenheit werfen“, meint denn auch Dietrich Birk, der Geschäftsführer des Maschinenbauverbandes VDMA in Baden-Württemberg. Beim Blick in den Rückspiegel sieht Birk Erfreuliches: „Aus Sicht des Maschinenbaus wurden mit jeder neuen Entwicklung in der Produktion und mit jeder Stufe der Automatisierung unter dem Strich auch neue und höherwertigere Arbeitsplätze geschaffen“ – gerade BadenFoto: privat Württemberg habe aufgrund seiner guten Forschungsinfra„Wir werden einen signifikanten Wegfall von struktur, aber auch weil „wir als die Fabrikausrüster der Büroarbeitsplätzen haben, Welt gelten“, gute Chancen, erst im Rechnungswesen, bei der Digitalisierung vorn mitzuspielen. später beispielsweise Doch um auf die Dauer mitauch im Controlling.“ halten zu können, muss sich schon in den Schulen etwas Christian Fischer, Roland Berger Unternehmensberatung ändern: „Wir brauchen eine Bildungsoffensive“, fordert Christian Fischer, Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger und Leiter des Stuttgarter Büros. „Kurzfristig bis mittelfristig werden die Veränderungen eher graduell sein“, so Fischer. Auf längere Sicht aber könnten Roboter und künstliche Intelligenz „über 50 Prozent unserer heutigen Tätigkeiten übernehmen. Dabei richtet der Berger-Partner seinen Blick nicht nur auf die Fabriken. „Wir werden einen signifikanten Wegfall von Büroarbeitsplätzen haben“, erwartet Fischer – zuerst möglicherweise im Rechnungswesen, später beispielsweise auch im Controlling. Und auch wer glaubt, die Digitalisierung werde etwa Ladengeschäfte nur insofern zu Änderungen zwingen, dass immer mehr Waren online im Internet gekauft werden können, liegt nach Meinung von Fischer daneben: „Wie man eine Ware am besten im Geschäft positioniert und was sich

gut verkauft, das kann auch ein Computer herausfinden.“ Doch die Algorithmen, die solche Arbeit leisten, sind keine Alleskönner. „Immer, wenn es um Kreativität geht, braucht man Menschen“, so die Diagnose von Fischer. Geht es um die Arbeit von morgen, ist nichts so entscheidend wie die Digitalisierung: Diese wird nach Meinung von Christina Schildmann, der Leiterin des wissenschaftlichen Sekretariats „Arbeit der Zukunft“ bei der gewerkschaftsnahen HansBöckler-Stiftung, „der Megatreiber bei der Veränderung der Arbeitswelt“ sein. „Es wird eher eine schrittweise Veränderung als einen radikalen Umbruch geben“, sagt Werner Eichhorst, Direktor für Arbeitsmarktpolitik Europa beim Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. „Und es wird auch keinen Zusammenbruch des Arbeitsmarktes geben.“ Roman Zitzelsberger sieht dies ganz ähnlich: „Zur Panikmache über die menschenleere Fabrik besteht kein Anlass“, sagt der Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg. „Schon immer haben neue Technologien beides beinhaltet: das Entstehen neuer Arbeitsplätze und das Verschwinden von Arbeitsplätzen durch Rationalisierung.“ Tatsächlich waren Befürchtungen über menschenleere Geisterfabriken schon einmal vor rund 30 Jahren laut geworden. Höhere Rechnerleistungen schienen um die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts von einem zentralen Computer gesteuerte

Fabriken möglich zu machen. Computer Integrated Manufacturing nannten dies die Wissenschaftler, von der CIM-Fabrik sprachen die Manager. Doch noch immer arbeiten Menschen in den Fabriken, die Zahl der Beschäftigten in Deutschland hat in diesem Jahr mit knapp 44,3 Millionen Erwerbstätigen einen neuen Rekord erreicht – und das Modell einer CIM-Fabrik ist im Deutschen Museum in München zu besichtigen. Doch auch wenn die Digitalisierung nicht unbedingt die Zahl der Arbeitsplätze schrumpfen lassen dürfte – die Arbeitswelt von morgen wird in vielen Bereichen anders aussehen als die von heute. Darüber, dass all dies eine höhere Qualifizierung der Mitarbeiter verlangt, sind sich die Experten einig. Doch viele Unternehmen, so sieht es etwa Christina Schildmann, „tun sich schwer damit, Konzepte für die Weiterbildung auf den Tisch zu legen“. Und oft, so die Kritik der Böckler-Expertin, „mangelt es auch an Umsetzungswillen“. Gerade kreative Tätigkeiten können nach Meinung des IZA-Experten Eichhorst zumindest „tendenziell mehr Spielräume für autonomes Gestalten und Entscheiden“ eröffnen. „Die Digitalisierung verbessert die Möglichkeiten, flexibel und ungebunden von Ort und Zeit zu arbeiten“, sagt Susanne Kunschert, geschäftsführende Gesellschafterin beim Automatisierungsspezialisten Pilz in Ostfildern. Karin Winkler, die in der Datenpflege beim Ventilatorenhersteller Ziehl-Abegg in Künzelsau tätig ist, kann sich schon länger der Vorteile einer Arbeit im Homeoffice erfreuen. „Man ist flexibler, ich kann jetzt auch besser mit meiner Mutter mal zum Arzt gehen“, sagt Karin Winkler. Allerdings: „Der Alltag muss gut durchstrukturiert sein“, um bei der Arbeit zu Hause aufeinen grünen Zweig zu kommen. Je nach-

DIE ANGST VOR NEUEN MASCHINEN HAT GESCHICHTE Ungewissheit Schon als die Industrialisierung begann, mussten die Menschen unbekanntes Terrain betreten – und konnten bestenfalls ahnen, wie ihre Zukunft aussehen könnte. Viele sahen in den neuen Maschinen Feinde, die ihnen die Arbeitsplätze rauben wollten. Einschätzung „Der Arbeiter fordert mit Recht eine Verbesserung seiner Lage“, schrieb 1848 die Zeitung „Westphälisches Dampfboot“, „aber er kennt häufig nur die nächste Ursache des Druckes, unter dem er

leidet, nicht ihren Zusammenhang mit den allgemeinen Verhältnissen; er verdammt die Maschinen, weil sie ihm seine Arbeit rauben, er versucht sie zu zerstören, und er verschlimmert dadurch seine Lage nur, statt sie zu verbessern.“ Maschinenstürmer In Deutschland sind besonders die Weberaufstände bekannt geworden. Die wirtschaftliche Situation der Weber war zu Zeiten der Industrialisierung sehr schlecht, aber auch schon zuvor, weil Billigprodukte aus

dem Ausland kamen. In seinem 1892 erschienen Drama „Die Weber“ hat Gerhardt Hauptmann dem Aufstand von 1844 ein Denkmal gesetzt. Mit solchen Aufständen versuchten früher relativ gut abgesicherte Berufsgruppen, sich gegen eine Verschlechterung ihres sozialen Status zu wehren. Vielfach waren es Beschäftigte im Textilbereich, aber auch Fuhrleute, die sich von der Eisenbahn bedroht sahen, oder Schiffer, denen die Dampfschiffe und vor allem aber die Schleppschiffe die Arbeit wegnahmen. ey

dem, was gerade zu tun ist, arbeitet Winkler entweder drei Tage zu Hause und zwei Tage im Büro – oder eben umgekehrt.“ Ganz grundsätzlich, so findet Kunschert, tue es aber „dem Menschen gut, wenn er zwischen Arbeitswelt und Privatleben trennt“. Sonst nämlich könne beides leiden: „Man kann immer nur bei einer Sache mit dem ganzen Herzen und mit seinen Gedanken sein“, sagt Foto: Hans-Böckler-Stiftung Kunschert. Die Digitalisierung macht „Viele Unternehmen die Arbeit nach Ansicht der tun sich schwer damit, Experten flexibler – ein Anliegen gerade der jungen Gene- Konzepte für die ration, die nicht nur am rei- Weiterbildung auf nen Verdienst interessiert ist. den Tisch zu legen.“ „Wir werden eine Generation erleben, die mit großem Christina Schildmann, Hans-Böckler-Stiftung Selbstbewusstsein bei Bewerbungen auftritt“, meint Roland-Berger-Experte Fischer. „Die Unternehmenskultur wird deshalb eine entscheidende Rolle beim Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte spielen.“ Diese nämlich haben, so sie gut ausgebildet sind, gerade angesichts des demografischen Wandels eine „große Verhandlungsmacht, da sie wenige sind“. Doch die immer größere Flexibilität und Eigenständigkeit kann nach Meinung von Schildmann auch zur Gefahr werden. Sie kann dazu führen, „nie mehr abschalten zu können“. Das aber wäre ihrer Ansicht nach genau das Gegenteil der vielfach gewünschten Vereinbarkeit von Berufsleben und Freizeit. Das könnte sogar dann passieren, wenn Besprechungszimmer mit allerhand Schnickschnack versehen oder wie gemütliche Wohnräume eingerichtet werden. Dass etwa überall ein Kicker stehen oder an der Wand ein altes Fahrrad lehnen muss, hält Eichhorst eigentlich für unnötig. „Vielleicht ist es für Startups oder junge BerufsFoto: Herschelmann einsteiger eine Zeit lang attraktiv“, meint er skeptisch. „Es wird eher schrittweise „Es sollte schon so sein, dass Veränderungen klar ist, dass es sich bei Besprechungen um Arbeit han- als einen radikalen delt“, findet Eichhorst. Und Umbruch geben.“ man sollte auch noch Zeit ha- Werner Eichhorst, Forschungsinstitut ben, „um sich nach der Arbeit zur Zukunft der Arbeit in das eigene Wohnzimmer zu setzen“. „Mobiles Arbeiten kann mehr Freiräume bieten, gleichzeitig kann es Arbeiten rund um die Uhr befördern“, meint Zitzelsberger. „Deswegen brauchen wir klare Spielregeln zugunsten der Beschäftigten und ihrer Gesundheit.“ Lasse einen die Arbeit nie mehr los – oder wolle man die Arbeit nie mehr loslassen – dann, so fürchtet Schildmann, drohe irgendwann „der kollektive Burn-out“.


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Wir Wirtschaft tschaft & Erfolg

November 2017

Wirtschaft & Erfolg

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Die Seiten Wirtschaft & Erfolg befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten rund um Karriere und Erfolg – das reicht von Themen aus dem Arbeitsrecht über Fortbildung bis hin zum persönlichen Porträt.

Private Finanzen – Depotgebühren sind Verhandlungssache SEITE 10 Masterstudiengang – Management im Gesundheitswesen SEITE 11 Porträt – Jacqueline Yildirim setzt auf 3-D und hohe Absätze SEITE 12

Der klare Rhythmus aus Gebeten und Stille im Kloster lässt nicht nur Mönche, sondern auch Manager wieder zu sich selbst finden.

Foto: Mauritius

Schweigen ist Gold

Klöster in Baden-Württemberg

Die Anforderungen eines modernen Berufslebens samt optimierter Freizeit ähneln dauerhafter Höchstleistung. Ein Weg, innezuhalten, führt ins Kloster. Von Gerhard Bläske Sinnsuche

D

ie spirituellen Zentren in Baden-Württemberg sind mit einem umfangreichen Angebot auf Suchende eingestellt und begleiten sie auf diesem Weg. Es sind beileibe nicht nur Manager und Führungskräfte, die Schwester Elisabeth im Kloster Sießen im oberschwäbischen Bad Saulgau betreut – aber eben auch. Die gebürtige Schweizerin ist Logotherapeutin, Pädagogin, Pastoral Counselor und gerade bildet sie sich außerdem weiter zur systemischen Beraterin. Zusammen mit ihrer Mitschwester Dorothee, die die Erwachsenenseelsorge im Kloster Sießen leitet, betreut die 54-Jährige Menschen, die etwas suchen, was ihnen im Alltag verloren gegangen scheint. Was sie quält, beschreibt Schwester Elisabeth als eine Art Spannung, die Führungskräfte von sozial-karitativen Einrichtungen, die sie begleitet, empfinden. Auf der einen Seite wollen sie das Wohl der ihnen anvertrauten Personen in einem hohen Maß sicherstellen. Auf „Es gibt Menschen, die der anderen Seite soll das Unternehmen aber auch wirtwiederkommen, aber schaftlich arbeiten. „Die wir suchen sie nicht, sie Spannung, die die Menschen melden sich von alleine.“ dabei spüren, ist die Diskrepanz zwischen ihren Idealen Schwester Elisabeth, Kloster Sießen und dem, was die Realität zulässt“, schildert sie, was viele dabei umtreibt. Aber auch Ereignisse in der Biografie der Menschen oder schwelende Konflikte am Arbeitsplatz machen den Menschen zu schaffen. Und all diese Dinge kommen zum Vorschein, sobald die Geschäftigkeit des Alltags sie nicht mehr wegdrücken kann. Einzelexerzitien lautet das Angebot, welches das Kloster Sießen im Landkreis Siegmaringen suchenden Menschen – meist um das 40. Lebensjahr herum – gegen den dauerhaften Abstand zu ihrem Selbst und zu ihrer Seele anbietet. Exerzitien, das sind geistliche Übungen. Das englische Verb „to exercise“ schwingt darin mit. Abseits des Alltags können diese Übungen zur Besinnung und zur Begegnung mit Gott

führen. Die Übungen sind in einen festen Tagesrhythmus eingebunden und bestehen aus der freiwilligen Teilnahme am Morgenund Abendgebet der Schwestern, aus Zeiten der Stille, der Bewegung und der Muße. „Oberschwaben ist wunderschön“, schwärmt Schwester Elisabeth von der zauberhaften Landschaft rund um ihr Kloster. Wenn die Hektik des Alltags wegfalle und das Mobiltelefon ausgeschaltet bleibe, dann bringe der klare Rhythmus aus Gebeten und Stille die Menschen wieder zu sich selbst, lasse sie ihre Beziehung zu Gott vertiefen oder aber eine Transzendenz erleben, nach der sie sich schon lange Zeit gesehnt haben. Das Angebot, das Klöster in BadenWürttemberg bieten, ist sehr umfangreich. Es ist jedoch weit entfernt von den hochprofessionalisierten Exerzitien für Manager, für die beispielsweise das oberbayerische Kloster Andechs seit vielen Jahren bekannt ist. In Bad Wimpfen können Erwachsene auch im Kloster mitarbeiten nach der Regel Benedikts von Nursia: „Ora et labora“. „Christliche Zen-Meditation“ hat das Kloster Beuron im oberen Donautal im Angebot. Im Benediktinerkloster Neresheim in der Diözese Rottenburg-Stuttgart lässt sich der Stress verringern und die Resilienz erhöhen. Mehrere geistliche Zentren im Land bieten Besinnung oder Exerzitien über die Jahreswende hinweg an, also genau dann, wenn die Fragen nach Sinn, nach dem Vergangenen und nach der Zukunft sowieso auftauchen. Generell sind die Preise für diese Leistungen moderat. Für sechs Tage „Christliche Zen-Meditation“ verlangt das Kloster Beuron für Kursgebühr und Übernachtung mit Vollpension 412,50 Euro. Zum Vergleich: Ein herkömmliches „Digital Detox“-Wochenende kostet 500 Euro. Und natürlich hinkt der Vergleich, denn zusätzlich gibt es bei Einzelexerzitien ein tägliches Gespräch. „Wer das Gespräch nicht möchte, für den sind wir nicht die Richtigen“, sagt Schwester Elisabeth bestimmt. Sie weiß um die Führungskräfte, die im Alltag keinen Gesprächspartner

haben. Und sie weiß auch, wie wichtig den Menschen die Vertraulichkeit der Gespräche ist. Nach außen dringt auf jeden Fall nichts von alldem, was in der Vertraulichkeit besprochen wird. Die Gespräche unterliegen, wie jedes professionelle Begleitangebot, der Schweigepflicht. Zusätzlich zu den Gesprächen versuchen die Schwestern herauszufinden, was zu wem passt. So bekommen die Personen, die sie begleiten, einen Bibeltext oder auch ein Bild, das sie berührt und dem sie an einem Tag ihre Aufmerksamkeit schenken können. Dies ist ebenfalls ein Teil der Einzelexerzitien. Es gibt Menschen, die wiederkommen, „aber wir suchen sie nicht, sie melden sich von alleine“, sagt Schwester Elisabeth. Sie berichten, dass die Tage im Kloster sie wieder zu ihrem Zentrum zurückgeführt haben, ihnen neue Horizonte eröffnet oder ihnen auch eine größere Tiefe wiedergegeben haben. In den Alltag hinüberretten lassen sich aber nur kleine Dinge. Da sind die geistlichen Begleiterinnen realistisch. Wer es schaffe, sich täglich eine Zeit der Stille zu nehmen, und wenn es nur zehn Minuten sind, habe viel erreicht. Oder sich Orte zu merken, die einem Kraft geben; sich bewusst an Dinge zu erinnern, die eine große Bedeutung für einen Menschen haben. „Was wir unseren Gästen in einer Woche anbieten, ist ein bisschen wie Coaching“, erläutert Schwester Elisabeth, „allerdings personen- und nicht lösungsfokussiert“, fügt sie hinzu. Sie nennt es sinnzentriertes Coaching, das den Menschen wieder eine neue Freiheit gibt.

BUCHTIPPS Klarheit, Ordnung, Stille: Was wir vom Leben im Kloster lernen können. Anselm Grün und Petra Altmann. 12,95 Euro Die 101 wichtigsten Fragen Orden und Klosterleben: Mit Antworten von Abtprimas

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Notker Wolf. Petra Altmann. 9,95 Euro Finde das rechte Maß Benediktinische Ordensregeln für Arbeit und Leben heute. Anselm Bilgri und Konrad Stadler. 9,99 Euro

Angebote zur Einkehr Im Kloster Sießen in Bad Saulgau leben Franziskanerinnen nach der Regel des dritten Ordens des heiligen Franziskus – ein Leben in Gehorsam, Armut und Keuschheit. Das Kloster bietet Einzelexerzitien mit geistlicher Begleitung für fünf bis zehn Tage. Kosten inkl. Übernachtung, Vollpension, Kurs und Gespräch: 87 Euro/Tag. Tel. 0 75 81 / 800, www.klostersiessen.de In der Erzabtei St. Martin zu Beuron leben etwa 50 Mönche nach dem Regelwerk des heiligen Benedikt von Nursia. Die Abtei bietet eine sechstägige christliche Zen-Meditation an. Die Kursgebühr samt Übernachtung mit Vollpension beträgt 412,50 Euro. Kontemplative Kurzexerzitien (vier Tage Schweigen) mit Anleitung zur Meditation und Einzelgespräch gibt es für 182,50 Euro. Tel. 0 74 66 / 17 - 0, www.erzabtei-beuron.de Das geistliche Zentrum St. Peter gehört zur Erzdiözese Freiburg. Viertägige Schnupper-Exerzitien mit Zeiten der Stille, des Gebets und Gesprächs kosten mit Unterkunft, Verpflegung und Kursgebühr 407 Euro. Elftägige ignatianische Einzelexerzitien summieren sich auf 1344 Euro. Tel. 0 76 60 / 91 01 - 12, www.geistlicheszentrum.org In der Benediktiner-Abtei Neresheim leben derzeit acht Mönche nach den Regeln des heiligen Benedikt – sie bemühen sich, dem Gottesdienst nichts vorzuziehen, und versammeln sich jeden Tag fünfmal zum Stundengebet. Besinnung über die Jahreswende (vier Tage meist schweigend) mit Einzelgesprächen kostet samt Pensionskosten 388 Euro, www.wandlungswegedes-menschseins.de. Zwei Tage „Stress reduzieren und Resilienz stärken“ gibt es für 371 Euro, www.baliogo.de. Tel. 0 76 60 / 91 01 - 12, www.geistliches-zentrum.org Das Kloster Bad Wimpfen ist es eine geistliche Bildungsstätte der Malteser. Sie bietet „Kloster auf Zeit – Ora et labora“ an: Sechs Tage beten und mitarbeiten im Kloster, dazu Gesprächsangebot, gibt es für 100 Euro. Acht Tage begleitete Einzelexerzitien kosten 618 Euro. Tel. 0 70 63 / 9 70 40, http:// kloster-bad-wimpfen.de bl


10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Wenn es um viel Geld geht, sollte man sich Zeit fürs Kleingedruckte nehmen und die Kosten für Depotgebühr und Co. individuell aushandeln.

Fotos: Heiber Fotostudio, goodluz, robynmac/Adobe Stock

Alles Verhandlungssache In Zeiten magerer Zinsen werden die Gebühren fürs Wertpapierdepot zu einem wichtigen Entscheidungskriterium für die Anleger. Von Thomas Spengler Vermögensverwaltung

J

e niedriger das Zinsniveau ist und damit ein fest einzukalkulierender Ertrag, desto preissensibler werden vermögende Privatanleger mit Blick auf die Gebühren für ihre Vermögensverwaltung. Denn in Zeiten des abnehmenden Zinses gilt es für den Anleger erst recht, Kosten zu vermeiden. Aus diesem Grund ist die Wahl eines für die eigenen Bedürfnisse passenden Gebührenmodells mitentscheidend für die Performance eines Wertpapierdepots. In die Entscheidung für ein Entgeltmodell müssen Kriterien wie die Struktur und das Volumen des Portfolios ebenso wie das Transaktionsverhalten des Anlegers miteinbezogen werden. In der Regel werden die endgültigen Gebühren individuell vereinbart, weshalb sie sich im Vorhinein nicht eindeutig beziffern lassen. Grundsätzlich gilt dabei: Je höher das Volumen des an„Je höher das Depotzulegenden Vermögens ist, desto mehr Verhandlungsvolumen, desto niedriger macht hat der Kunde. die Provision für die Die Depotgrößen, ab denen nächste Stufe. Je mehr Banken eine individuelle Vermögensverwaltung anbieten, Geld der Kunde bringt, desto lukrativer wird eine variieren zwar, beginnen aber häufig bei einem Volumen von Gebührenstaffel für ihn.“ rund einer Million Euro. Aber schon ab einer GrößenordKaren Armenakyan, Leiter Vermögensverwaltung BW-Bank nung von 250 000 Euro bieten Institute wie die BW-Bank oder die Commerzbank ihre Standardpreismodelle an, bei denen sich die Preise in Abhängigkeit von Volumen und Aktienanteil im Depot ergeben. Mit reduziertem Anlagespektrum gibt es aber auch schon Angebote für kleinere Wertpapierdepots am Markt. So offeriert etwa die Commerzbank auf der Basis von börsengehandelten, kostengünstigen Index-Fonds, sogenannten ETFs (Exchange Traded Funds) und ETCs (Exchange Traded Commodities), für Anlagevolumina ab 100 000 Euro den Einstieg in die gemanagte Vermögensverwaltung. Beim Standardpreismodell etwa der BW-Bank setzt sich die Vergütung aus einer Transaktionskostenpauschale für eigenen Aufwand bei der Umsetzung der Wertpapiertransaktionen und einer Managementvergütung zusammen. Letztere wird für die Managementleistung sowie beispielsweise für die Erstellung und den

Versand der Rechenschaftsberichte erhoben. Zusätzlich können Kosten für Steuern, Courtagen oder fremde Transaktionskosten anfallen. Dieses Modell nutzt in der Vermögensverwaltung der BW-Bank das Gros der Kunden, die bei einem Mischmandat aus Aktien und Rentenpapieren damit auf Gesamtkosten zwischen rund 1,0 und 1,5 Prozent kommen, sagt Karen Armenakyan, Leiter Vermögensverwaltung bei dem Institut. Für Kunden, die Gelder in der Größenordnung von zwei Millionen Euro und mehr mitbringen, kann ein Staffelpreismodell interessant sein. Im Kern setzt sich dieses Entgeltkonzept aus einer fixen Vergütung, wiederum getrennt in Transaktionskostenpauschale und Managementvergütung, zusammen, die mit jedem Überschreiten einer Staffel abnimmt. Bank und Kunde vereinbaren also zum Beispiel eine Vergütung von einem Prozent für die ersten zwei Millionen Euro. Für die nächste Staffel von zwei bis fünf Millionen fallen dann nur noch 0,8 Prozent an – und so weiter. Je höher das Depotvolumen wird, desto niedriger wird die Provision für die nächste Stufe. Oder anders ausgedrückt: „Je mehr Geld der Kunde bringt, desto lukrativer wird eine solche Gebührenstaffel für ihn“, erläutert Armenakyan. Eine weitere Variante der Entgeltberechnung stellt eine erfolgsabhängige Vergütung dar, die in der Regel nur für große Vermögen infrage kommt. Hier setzt sich die Vergütung aus einem festen Entgelt und einer erfolgsabhängigen Vergütung zusammen, sofern die Performance des Mandats individuell festgelegte Grenzen übertrifft. Zu einer Fixgebühr in der Größenordnung von beispielsweise 0,5 bis 0,6 Prozent kommt also eine erfolgsabhängige Vergütung hinzu – und zwar dann, wenn es der Vermögensverwalter schafft, eine vorher festgelegte Performance des Mandats zu übertreffen. Dies kann ein Prozentsatz oder eine Benchmark wie der Deutsche Aktienindex sein, die es zu schlagen gilt. Gelingt dies dem Vermögensverwalter, kann er, je nach Vereinba-

rung, 10 oder 20 Prozent der Zusatzperformance berechnen. Die Gesamtgebühr ist aber in der Praxis gedeckelt, so dass die Bank in der Regel nicht mehr als eine Größenordnung von 1,0 bis 1,5 Prozent vereinnahmen kann, selbst wenn die jeweilige Messlatte deutlich übertroffen wird. Wichtig zu wissen ist, dass ein pauschales Entgelt immer steuerlich absetzbar ist. Dies mag mit ein Grund dafür sein, dass sich die meisten Kunden für eine reine Pauschale ohne erfolgsabhängige Komponente entscheiden – was etwa bei der Commerzbank bei 80 Prozent der Kunden der Fall ist. Ähnlich ist es auch bei der Bethmann Bank, in deren Vermögensverwaltung der überwiegende Teil der Kunden auf Basis eines Pauschalentgelts, einer sogenannten Allin-Fee, betreut wird. Ein solches Gebührenmodell soll den Kunden vor eigenen Provisionsinteressen des Instituts schützen. „Zwar können wir Wertsteigerungen nicht garantieren, aber wir können versichern, dass wir frei von Interessenkonflikten sind“, betont der Stuttgarter Niederlassungsleiter der Bank, Markus Heilig. Hinzu komme, dass sein Institut verdeckte Rückerstattungen, sogenannte Kick-backs, an den Kunden vollständig „auskehre“, also

zurückvergüte. Die Höhe der All-in-Fee der Bethmann Bank richtet sich dabei nach dem Depotvolumen und dem Aktivitätsgrad des Kunden. In dieser Gebühr sind sämtliche Kosten der Beratungspauschale enthalten – für Heilig ist das eine „zeitgemäße, faire Form der Bepreisung“. Eine typische Grö- „Zwar können wir ßenordnung der All-in-Fee Wertsteigerungen nicht dürfte in der Branche im garantieren, aber wir Durchschnitt bei 0,8 bis 1,0 können versichern, dass Prozent liegen. Insgesamt registriert die wir frei von InteressenBranche ein gesteigertes Inte- konflikten sind.“ resse der Kunden an individueller Vermögensverwaltung. Markus Heilig, So habe man in diesem Be- Niederlassungsleiter Bethmann Bank reich im ersten Halbjahr 2017 einen Zuwachs von rund 15 Prozent verbuchen können, heißt es bei der Commerzbank dazu. Deren Niederlassungsleiter in Stuttgart, Mario Peric, führt dies unter anderem darauf zurück, dass sich viele sicherheitsorientierte Kunden nicht zutrauen, bei dem herrschenden niedrigen Zinsniveau ihr Geld selbst ertragreich anzulegen. Und daher verhandeln viele lieber mit ihrer Bank über die Gebühren einer aktiven Vermögensverwaltung.

PREISMODELLE IN DER VERMÖGENSVERWALTUNG Standardpreismodell Die Vergütung für die Bank setzt sich in Abhängigkeit von Volumen und Aktienanteil aus der Transaktionskostenpauschale und einer Managementvergütung zusammen. Staffelpreismodell Hier werden mit dem Kunden ganz individuelle Staffeln vereinbart – für die Vermögensbeträge

wie auch für die Provisionssätze. Bei Überschreitung einer Staffel zahlt der Kunde dann für den die vorherige Staffel überschreitenden Vermögensbetrag eine geringere Gebühr. Mit steigendem Volumen sinkt also die Gebühr. Erfolgsabhängige Vergütung Bei dieser Varianten kommt eine erfolgsabhängige Vergü-

tung hinzu, für den Fall, dass die Performance des Mandats individuell festgelegte Grenzen doch einmal übertreffen sollte. All-in-Fee Diese Pauschale stellt eine Gebührenangabe in Prozent dar, die sämtliche im Zusammenhang mit der Vermögensanlage anfallenden Kosten angibt. spe

Viel Geld sparen können Anleger, wenn sie sich vorher gut informieren. Denn die Gebührenmodelle der Banken unterscheiden sich teilweise sehr voneinander.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 11

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Ein Roboterarm unterstützt bei der Entnahme einer Gewebeprobe: Auch im Gesundheitswesen wandeln sich die Berufsbilder. Einmal Arzt, immer Arzt gilt heute nicht mehr.

Foto: Fraunhofer

Von der Klinik ins Management In Neu-Ulm schult der neue Masterstudiengang Führung und Management im Gesundheitswesen Topkräfte für ein sich rasant veränderndes Wirtschaftsfeld. Von Rüdiger Bäßler Studiengang

abwertenden Umgang mit dem Personal. Eine teamorientierte Mitarbeiterführung gehört deswegen zu den zentralen Fertigkeiten, die der MBA-Studiengang vermitteln will. Aber nicht nur. Es gehe auch darum, so die Studienleiterin, ein Gefühl dafür zu entwickeln, „wie die Branche tickt“. Und was man sich möglicherweise im Ausland, etwa den Niederlanden, abgucken kann. Gesundheitsökonomie und -politik ist darum ein wichtiges Feld. Gleich im ersten Semester steht es auf dem Plan. Man könnte auch sagen: Wer in der Gesundheitsbranche die politische Agenda nicht kennt und nicht weiß, wie parlamentarische Entscheidungsprozesse verlaufen, wird sich schwerlich rechtzeitig auf Veränderungen vorbereiten können. Der Wind, der in Berlin weht, ist aber nur ein Faktor, den Manager im Auge behalten müssen. Ein weiterer Treiber für rasante Veränderungen ist laut Sylvia Schafmeister der technologische Fortschritt bei Pharma und Industrie, wiederum angeheizt durch einen globalen Wettbewerbsdruck. Häufig sei nicht mehr allein das Pro-

MASTER OF BUSINESS ADMINISTRATION GESUNDHEITSWESEN Kosten Die Studiengebühr für alle fünf Semester beträgt zusammen 11 900 Euro, zuzüglich des Studentenwerksbeitrags. Kosten für Auslandsexkursionen oder sonstige Reisen sind nicht enthalten, sie liegen nach Auskunft der Hochschule bei nochmals 1500 bis 2500 Euro. Weniger teuer ist ein Überschreiten der Regelstudienzeit. Die Verwaltungsgebühr dafür beträgt 250 Euro.

Zielgruppe Der Studiengang ist für alle Führungsnachwuchs- und Führungskräfte des Gesundheitswesens gedacht. Sie eignen sich laut Ausschreibung „Kompetenzen für die Übernahme von Leitungspositionen“ an. Das gilt für Krankenkassen, Arztpraxen, Kliniken, Apotheken, Unternehmen, Pflegeeinrichtungen oder Unternehmens- und Personalberatungen.

Termine Der Kursbeginn fürs nächste Sommersemester ist der 19. März 2018. Die Bewerbungsfrist beginnt am 15. November und dauert bis zum 31. Januar. Bewerbungen können auch online eingereicht werden. Alle nötigen Informationen finden sich im Internet unter der Adresse www.hs-neu-ulm.de/fmg. Dort ist unter anderem auch ein Blog mit „Insiderinfos“ verlinkt. rub

der in Praxen, Krankenhäuser oder Gesundheitsunternehmen und führt Gespräche mit den Machern. Die Gruppe, sie sich diesen Sommer erstmals in Neu-Ulm zusammengefunden hat – soweit sich das bei lediglich drei Blockveranstaltungen vor Ort pro Semester sagen lässt – ist zwischen 30 und 60 Jahre alt. Den größten Teil der Lernarbeit können die Studierenden online erledigen. Die Teilnehmer kommen laut Schafmeister aus dem Bundeswehrkrankenhaus Ulm, der Uniklinik, den „Es geht darum, ein Gefühl Rhön-Kliniken, von kommu- dafür zu entwickeln, nalen Trägern oder aber es wie die Branche tickt. sind niedergelassene Ärzte. Rund 200 Kilometer groß ist Der Studiengang bildet ab, der Einzugsbereich der Hoch- was wirklich passiert.“ schule. Die Bandbreite der Sylvia Schafmeister, Teilnehmer an den Veranstal- Hochschule Neu-Ulm tungen ist groß: Da sitzt ein Chefarzt neben einem Pflegedienstleiter oder ein Fachmediziner neben einem Ingenieur. Es tue den Teilnehmern sehr gut, den „Fachlichkeitshut“ einmal absetzen zu müssen, sagt Sylvia Schafmeister. Indem die Studentengruppe gemeinsame Visionen entwickle und die eigenen Erfahrungen zu einem Teil des Unterrichtsstoffes mache, werde eine weitere Erkenntnis deutlich, die das Studium in Neu-Ulm vermitteln wolle: „Ihr alle zieht am gleichen Strang.“

www.sechzighundert.de

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inmal Krankenhaus, immer Krankenhaus, das sei ein Karrierekorridor aus der Vergangenheit, sagt Sylvia Schafmeister. Die Professorin an der Hochschule Neu-Ulm weiß, wovon sie redet. Lange Jahre hat sie als Prokuristin in einem Schwerpunktkrankenhaus gearbeitet, bevor sie in die Hochschullehre ging. Sie verantwortete Personal- und Organisationsfragen und erlebte hautnah mit: „Die Preise sind fest, aber die Kosten steigen.“ Pfleger oder Therapeuten bekämen dabei leicht das Gefühl, Hamster im Rad zu sein. Verantwortungsvolles Management, so Schafmeister, bedeute deshalb auch, „Prozesse zu optimieren, um doch Freiraum zu haben“. Diesen Sommer startete die Hochschule Neu-Ulm einen neuen berufsbegleitenden Studiengang „Führung und Management im Gesundheitswesen“. Wer alle fünf Semester durchzieht, kann den Master of Business Administration (MBA) erreichen. Ein abgeschlossenes Hochschulstudium mit mindestens 210 ECTS-Punkten oder ein Universitätsabschluss mit 180 ECTSPunkten und einschlägiger Berufserfahrung sind Bewerbungsvoraussetzung. Ärzte sind, wie schon in den Vorjahren an der „Sie haben im Hochschule Neu-Ulm, als Studenten willkommen, aber Gesundheitsbereich nicht nur. Jetzt will man auch eine sehr hohe Pflege- und GesundheitswisAkademikerquote. senschaftler, Pharmazeuten, Natur- und SozialwissenDie Mitarbeiter wollen schaftler, Juristen oder Beeingebunden und ernst triebswirte aus der Heilbrangenommen werden.“ che gewinnen. Der Arzt bleibt eben nicht mehr zwangsläufig Sylvia Schafmeister, Hochschule Neu-Ulm lebenslang Arzt. Spitzenkräfte wechselten in die Geschäftsleitungen von Unternehmen, Pflegespezialisten rückten in die Vorstandsetagen von Krankenhäusern oder in den medizinischen Dienst der Krankenkassen auf, Operateure wechselten zur Medizingeräteindustrie, weiß Sylvia Schafmeister. Und niedergelassene Ärzte sehen zunehmend die Notwendigkeit, sich Großpraxen anzuschließen. „Die Einzelpraxis wird zunehmend zum Auslaufmodell“, so die Professorin. Dann sei es vorbei mit dem Durchregieren, dann reife oft sehr schnell die Erkenntnis: „Ich komme mit einem autoritären Führungsstil nicht weiter.“ Das gilt auch für andere Top-Kräfte, die in einer durchlässig gewordenen Gesundheitsbranche aufrücken. „Sie haben im Gesundheitsbereich eine sehr hohe Akademikerquote“, weiß Schafmeister. „Die Mitarbeiter wollen eingebunden und ernst genommen werden.“ Der eklatante Fachkräftemangel beispielsweise im Pflegebereich verbiete zusätzlich einen missverständlichen oder

dukt spannend, sondern die dazugehörende Medizin-App und die Entwicklung von Zusatzanwendungen. Ein Beispiel dafür sind Blutdruckmessgeräte. Die modernsten haben längst Bluetooth-Schnittstellen; Nutzer können auf den Computer übertragene Daten selbst verwalten, Fortschritte verfolgen oder die Messergebnisse an Cloud-Dienste wie Apples Health-App anbinden. Manager, die sich früher mehr klassisch auf die Produktentwicklung, den Verkauf oder das Personal konzentrierten, müssen sich dann beispielsweise auch um Fragen der Softwareentwicklung und Datensicherheit kümmern. Sylvia Schafmeister kennt auch den versierten Chirurgen, der sich in seinem Arbeitsumfeld durch besonderes Feingefühl beim Operieren abhob. Doch sein Vorsprung auf andere Kollegen wurde durch das roboter-assistierte Da-VinciOperationssystem mit einem Schlag aufgebraucht. Auch das könne ein Beispiel sein, warum ein Mediziner sich veranlasst sehe, neue berufliche Perspektiven zu suchen. „Der Studiengang“, sagt Leiterin Schafmeister, „bildet ab, was wirklich passiert.“ Dozenten aus der Wirtschaft oder Politik erzählen den Studierenden – es sollen künftig zwischen 30 und 50 sein – von ihren Erfahrungen. Der Lehrkörper lässt sich durch einen wissenschaftlichen Fachbeirat inspirieren, geht selbst immer wie-

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In Stuttgart daheim, global zuhause. HAVER & MAILÄNDER Rechtsanwälte ist eine der wenigen unabhängigen deutschen und international aufgestellten Wirtschaftskanzleien mit Hauptstandort in Stuttgart. Wir beraten Unternehmen und Unternehmer in allen Bereichen des nationalen und internationalen Wirtschaftsrechts, spezialisiert und persönlich. Unser Team von 30 Anwälten/-innen berät individuell und zielorientiert, international sind wir weltweit vernetzt. Das stetige Wachstum unserer Kanzlei beruht gleichermaßen auf der Zufriedenheit unserer Mandanten wie auch unseres anwaltlichen Nachwuchses. Mittelstand und Großunternehmen: beide wollen Lösungen – schnell, maßgeschneidert und aufwandsgerecht – dafür stehen wir, darauf können Sie sich verlassen.

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12 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Die Schuh-Revolutionärin

Personalien Martin Steidle

Oaklins-Direktor in Stuttgart

Weil sie genau weiß, wo der Schuh drückt, gründete Jacqueline Yildirim ihre eigene Marke. Sie will beweisen, dass Tragekomfort und hohe Absätze dank 3-D-Technik kein Widerspruch sein müssen. Von Oliver Schmale

Martin Steidle (46) hat als Direktor die Leitung der Stuttgarter Niederlassung des Beratungsunternehmens Oaklins Germany übernommen. Der studierte Betriebswirt verfügt über eine umfassende Erfahrung aus fast 20 Jahren bei Metzler Corporate Finance. Er hat Unternehmen bei nationalen und internationalen Transaktionen beraten und betreute Kunden bei Kapitalmarkttransaktionen und Privatisierungen. Steidle soll den Stuttgarter Standort ausbauen und die M&A-Aktivitäten verstärken. bb

High-Heel-Freundin

Foto: Oaklins

Fragebogen

Erfolgsrezept: Neugier und Leidensc haft Jac que line Yild irim

ist Gründerin der Jacq. GmbH in Ma nnheim. Im Fragebogen verrät sie, warum sie auch gute Vorschläge imm er mehrfach hinterfragt.

Till Küppers

Was macht einen guten Chef aus?

Ein guter Chef ist Vorbild und Mot ivator gleichzeitig. Er/Sie räumt den Weg frei, arbeitet an dem großen und Bild und gibt einen Fahrplan mit Star ganzen t und Ziel vor. Ein Chef ist aber in erster Linie auch Mensch und dam Belange der Mitarbeiter da, um mit it für die ihnen gemeinsam eine Lösung zu find en, die beide Seiten mittragen kön nen.

Und welche Eigenschaften davon

haben Sie? Ich bin so. Führen und Gestalten kan n man nur gemeinsam. Natürlich gehören Offenheit und Kritikfähigk Auf beiden Seiten. eit

dazu.

Wie kommt man so weit wie Sie?

mit Jacq.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Glück spielt immer eine Rolle. Wen n man sich auf den Weg macht, gibt es viele Hindernisse und auch Rüc Auf diesem Weg begegnet einem imm kschläge. er wieder auch das Glück – meisten s zur richtigen Zeit.

Haben Sie Vorbilder?

Steve Jobs – er ist für mich der Inn ovator der letzten 20 Jahre schlecht hin. Einfachheit gepaart mit Genialit nie zufrieden mit dem Durchschnit ät. Er war tlichen und hat die Dinge immer wieder infrage gestellt und zu End Aber was mich am meisten an ihm e gedacht. fasziniert, ist, dass er die enorme Inn ovationskraft von Apple durch die 100-prozentige Ausrichtung am Kun strikte und dennutzen erzielt hat.

Michael Gishamer

Fein GmbH verstärkt Vertrieb

Was ist typisch für Ihren Arbeits alltag? Ich strukturiere

Michael Gishamer ist bei der C. & E. Fein GmbH neuer Vertriebsbereichsleiter für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Als Ziel setzte er sich, Fein als führenden Anbieter von Elektrowerkzeug-Lösungen voranzubringen. Gishamer kommt aus Salzburg. Nach Ausbildung und Meisterprüfung in Elektronik und Elektromaschinenbau war er als Leiter im Vertrieb industrieller Saugsysteme tätig sowie als Geschäftsführer im Elektromaschinenbau. bb

den Tag schon bei meiner ersten Tass e Kaffee. Wichtig ist mir dabei imm was muss ich heute erreichen und er ein „Tagesziel“ – was will, was ist wichtig und gleichzeitig drin gend. Ich habe auch eine To-do-Liste, school. ganz old-

Was würden Sie heute anders ma

chen? Ich hätte schon viel früher mein eige nes Unternehmen gründen sollen. Kritik einstecken?

Foto: Fein

Von wem können Sie am ehesten

Womit können Kollegen Sie nerven ?

Ich mag zu Ende gedachte Lösungen. Daher frage ich immer und immer wieder nach, wieso etwas so oder so sein muss und nicht anders und warum wir dies und das nicht berücksichtigt haben. Das kann manchmal lange dauern, bis man mich überzeugt ode r aber ich damit den anderen überzeugt habe, es and ers zu machen. Das Ergebnis ist dad urch viel nachhaltiger und qualitativ besser. Mei stens findet man dabei eine noch bess ere Lösung.

Michael Heinz

Und umgekehrt?

Wenn man mir eine mittelmäßige Leistung

Wechsel in der Wissensfabrik als sehr gut „verkaufen“ möchte.

Michael Heinz, Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor, BASF SE, übernimmt zum 1. Dezember 2017 den Vorsitz des Lenkungskreises der Wissensfabrik – Unternehmen für Deutschland e.V. Er folgt in diesem Amt auf Franz Fehrenbach, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH, der als einer von neun Gründern der Wirtschaftsinitiative weiterhin Mitglied im Lenkungskreis bleiben wird. Heinz übergibt sein Mandat als Stellvertreter im Lenkungskreis an Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller, die seit 2011 Mitglied ist. red

Was raten Sie Berufsanfängern?

Sei und bleib neugierig und suche nach einem Job, der dir Spaß mac ht, deinen Neigungen entspricht und deine Stär ken beansprucht. Sei niemals mit wen ig zufrieden und gebe viel bei allem, was du tust – sei leidenschaftlich.

Was macht Sie leistungsfähig?

Foto: BASF

Ich suche nach einer Balance. Obw ohl ich ungemein viel arbeiten kan n und manchmal auch Nächte durchar beite, sorge ich für private Auszeiten zum Beispiel am Wochenende. Daneben macht mir Sport sehr viel Spaß und ich lege Wert auf gesunde und bewusste Ernährung. Außerdem bin ich gerne mit meiner Fam ilie und Freunden zusammen.

Stephan Engelsmann

Als Präsident bestätigt Stephan Engelsmann bleibt für weitere drei Jahre Präsident der Ingenieurkammer BadenWürttemberg. Der 53-jährige Bauingenieur, Professor für Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und geschäftsführender Gesellschafter eines Ingenieurbüros für Tragwerksplanung, Objektplanung und Produktentwicklung, steht seit 2014 an der Spitze der Berufskammer. Sie ist die Interessenvertretung aller Ingenieure in Baden-Württemberg. Die Mehrheit der rund 3600 Mitglieder ist im Baubereich tätig. bb

Philipp von Hagen

Vorsitz im PTV-Aufsichtsrat

Jacq Fotos:

eten. is antr e w e B en q will d in? Jac e s m e u ön beq uch sch a h c o chön h Kann s

Nach der Übernahme der PTV Planung Transport Verkehr AG durch die Porsche Automobil Holding SE hat sich die Zusammensetzung des Aufsichtsrats geändert. Neu in das Gremium eingezogen sind Philipp von Hagen, im Vorstand von Porsche zuständig für Beteiligungsmanagement, und Johann Jungwirth, Chief Digital Officer bei VW. Von Hagen übernimmt den Vorsitz von Frank-Jürgen Weise, Jungwirth folgt auf Ulrich Brannolte. bb Foto: PTV

Von meiner Tochter.

Till Küppers (42) ist neuer Geschäftsführer von Trumpf Hüttinger in Freiburg. Er löste Dr. Stephan Mayer ab, der nun in Ditzingen die Produktion des Bereichs Werkzeugmaschinen verantwortet. Angesichts der Renaissance von Fotovoltaik und der Nachfrage im Displaymarkt erwartet Küppers steigende Umsätze in allen Produktbereichen. Küppers studierte Wirtschaftsingenieurwesen, arbeitete als Unternehmensberater bei A.T. Kearney und Porsche und kam 2009 als Leiter der Organisationsentwicklung zu Trumpf. bb Foto: Trumpf

Ich sehe mich noch ganz am Anfang

Wechsel bei Trumpf Hüttinger

Foto: Mellenthin

F

rauen lieben Schuhe. Jaqueline Yildirim steht besonders auf High Heels. Die 44-jährige Betriebswirtin aus Mannheim besitzt selbst 100 Paar davon und trägt sie regelmäßig, auch beruflich. Vor ein paar Jahren habe sie nach einer Veranstaltung ihres einstigen Arbeitgebers, des Softwareentwicklers SAP, die Schuhe ausgezogen und sei barfuß zurück ins Hotel gelaufen. „Die Füße schmerzten“, sagt sie. Das war der Ausgangspunkt, sich Gedanken über einen schmerzfreien und zugleich modisch hohen Schuh zu machen. Daraus entstand die Ende 2014 gegründete Jacq GmbH in Mannheim, die Ende nächsten Jahres die ersten eigenen Schuhe über das Internet verkaufen will. Der Clou dabei: Es wird eine von ihr mit entwickelte Software eingesetzt, die es ermöglicht, noch während des Bestellvorgangs die Füße der Käuferin mit deren Mobiltelefon einzuscannen. Und zwar in 3-D-Technik. Yildirim setzt dabei auf den Trend, dass die neuen Smartphones von den Herstellern mit 3-D-Kameras ausgestattet werden. Eigentlich wollte sich die Mutter einer erwachsenen Tochter nie selbstständig machen. Am Anfang habe sie ihr Projekt noch nach der Arbeit bei dem Softwarekonzern vorangetrieben, bei dem sie unter anderem auch im Bereich mobiler Anwendungen tätig war. Doch das war auf die Dauer nicht zu schaffen. Im Frühjahr 2016 gab sie ihre feste Stelle auf, um ihre Geschäftsidee von schönen und zugleich bequemen hohen Schuhen umzusetzen. Sie steckte ihre gesamten Ersparnisse in ihr Unternehmen. „Andere Menschen kaufen sich eine Eigentumswohnung.“ Am Anfang ging es ihr nur darum, ein entsprechendes Dämpfungsmaterial zu finden, damit der Schuh nach mehrstündigem Tragen im Alltag nicht schmerzt. Sie stieß auf ein amerikanisches Unternehmen und entwickelte mit dessen Hilfe einen Werkstoff, der die Wirkung der Bandscheibe im menschlichen Bewegungsapparat nachahmt und als Dämpfung für die Fußsohlen wirkt. Nun hätte es eigentlich mit der Schuhproduktion losgehen können. Dann rückte eine Schwierigkeit des Online-Handels in den Fokus: Frauen lassen sich oft mehrere Größen schicken, weil die Schuhe je nach Hersteller unterschiedlich ausfallen. Sie nahm Kontakt zu ihrem alten Arbeitgeber auf. SAP unterstützte sie und ihr Team bei der Entwicklung der entsprechenden App, mit deren Hilfe der Fuß während des Bestellvorgangs des Schuhs vermessen wird, indem man mit dem Handy ein 3D-Bild erstellt. Sind die Daten ermittelt, kommt die Analysesoftware Hana des Walldorfer Konzerns zum Einsatz, mit deren Hilfe dann der passende Schuh gefunden wird. So sollen Rücksendungen wegen falscher Größe oder der Passform vermieden werden. Ihre erste eigene Kollektion von High Heels will sie spätestens Ende nächsten Jahres auf den Markt bringen. Es gebe schon 1000 Vorbestellungen, obwohl es die Schuhe noch nicht zu kaufen gibt. Yildirim will die auch von ihr selbst entworfenen Modelle in Italien produzieren lassen.


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Südwestbank: Mittelstand im Fokus Der Konjunkturmotor brummt. Nicht von ungefähr haben die Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die man gerne die „fünf Wirtschaftsweisen“ nennt, ihre Wachstumsprognosen für 2017 und 2018 kräftig erhöht. Zuvor war der Ifo-Geschäftsklimaindex im September auf ein Rekordhoch geklettert.

Foto: psdesign1/Adobe Stock

Weiterhin auf Wachstumskurs L

Also fast alles bestens! Lediglich die unerwartete Eurostärke könnte nach Ansicht von Wolfgang Kuhn, Vorstandssprecher der Südwestbank, die Wachstumsdynamik in den exportorientierten EU-Ländern etwas dämpfen. Kein Wunder, dass sich die Aktienkurse weltweit auf einem Höhenflug befinden. Schade nur, dass das Gros der deutschen Anleger dabei ist, die Hausse abermals zu verpassen, bedauert Kuhn. Vor allem das europäische Superwahljahr mit Abstimmungen in den Niederlanden, in Frankreich und in Deutschland, aber auch der Beginn der Brexit-Verhandlungen und die Unsicherheiten hinsichtlich der zu erwartenden Ausgestaltung der Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump hätten viele Anleger von einem Engagement am Aktienmarkt abgehalten. „Dabei wird jedoch übersehen, dass nicht die Politik, sondern die wirtschaftliche Entwicklung über die grundsätzliche Richtung und damit über Wohl und Wehe am Aktienmarkt entscheidet“, macht Kuhn klar. So gehen nach seiner Beobachtung die Finanzmärkte mit den politischen Risiken bisher relativ locker um, die Unsicherheit bleibe uns freilich inter-

Noch nie seit der Wiedervereinigung waren die Unternehmen zufriedener mit ihrer aktuellen Geschäftslage. Alle Länder der Eurozone befinden sich auf Wachstumskurs. Die Weltwirtschaft ist in einer äußerst stabilen und positiven Verfassung. national erhalten. Ein nun mögliches Jamaika-Bündnis, also eine schwarz-gelbgrüne Dreierkoalition, wäre zwar Neuland für die Märkte – „doch wenn sie funktioniert, dürfte sie für alle Anleger eine Chance sein“, rechnet der Bankexperte. Mit Blick auf das Finanzjahr 2018 sieht der Vorstandssprecher die Unternehmensgewinne als die wichtigsten Kurstreiber für den Aktienmarkt. „Die Expansion der Weltwirtschaft dürfte sich fortsetzen“, so sein Kalkül. Zudem erkennt die Südwestbank keine Anzeichen für eine Rezession, die üblicherweise auf konjunkturelle Überhitzung mit inflationären Auswirkungen und einer Straffung der Geldpolitik folgen würde. Außerdem hätten die europäischen Aktienmärkte gegenüber den USA noch Nachholbedarf. Das Grundvertrauen in Aktien bleibt nach Einschätzung der Privatbank hoch. „Wir sehen für Aktien weiteres Potenzial und den Dax im Jahresverlauf 2018 über 14 000 Punkte klettern“, so Kuhn. Als weiterhin zen-

trales Thema erachtet er die divergierende Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken. So schreite die US-Notenbank Federal Reserve Bank zur Normalisierung der Zinsen voran, unabhängig von der Personalie des Fed-Präsidiums. Und die Europäische Zentralbank (EZB), die ja ab Januar ihre Anleihekäufe halbieren will, diese aber bis mindestens September gestreckt hat, nimmt sich nach Auffassung der Südwestbank die Zeit für einen Richtungswechsel. Denn trotz eines allmählichen Ausschleichens des Anleihekaufprogramms der EZB bleiben die Geldmarktzinsen im Euroraum negativ, die Renditen würden temporär leicht anziehen. Ein sachter Zinsanstieg müsse sich allerdings nicht zwangsläufig negativ auf die Börsen auswirken. Die Zentralbanken, so Kuhns Einschätzung, wollen nicht zum „Spielverderber“ werden, weshalb sie die Geldpolitik nur behutsam straffen würden. Aufgrund der hohen Staatsverschuldung in Europa hätten die Regierungen wei-

terhin ein latentes Interesse an tiefen Zinsen. Auch der Wechsel an der Spitze der Fed, wo die bisherige Präsidentin Janet Yellen im Januar 2018 Jerome Powell Platz machen muss, dürfte an der allgemeinen Richtung der internationalen Geldpolitik nichts Grundlegendes ändern. Powell gilt bei den meisten Beobachtern als „geldpolitische Taube“, also als Freund einer eher expansiven Geldpolitik – so wie es Yellen eben auch gewesen ist. Zudem verfügt er, der seit 2012 Mitglied des „Federal Reserve Board of Governors“ ist, über langjähriges Know-how. „Vor diesem Hintergrund ist eine Zinserhöhung noch in diesem Jahr aus unserer Sicht weiterhin denkbar“, sagt Kuhn. Allerdings könne die bislang von der US-Notenbank postulierte Annahme von drei Zinserhöhungen im Jahr 2018 zu optimistisch sein. Aus diesem Grund hält die Südwestbank zwei Zinsschritte für wahrscheinlicher. Unterm Strich: „Die Geldpolitik bleibt wachstums- und damit aktienfreund-

lich“, ist sich Kuhn sicher. Störungen könnten eher von der geopolitischen Seite herrühren. Nachdem die fünf Wirtschaftsweisen für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von 2,0 und für 2018 von 2,2 Prozent vorausgesagt haben, hat die aktuelle konjunkturelle Lage die Chance, nach Einschätzung der Südwestbank zum längsten Boom in Deutschland seit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit zu werden. „Erfreulich ist an diesem Aufschwung, dass wir eine starke Zunahme von Arbeitsplätzen verzeichnen“, sagt Kuhn, der von der neuen Bundesregierung eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik erwartet. Die Expansion der Weltwirtschaft dürfte zwar weiter andauern, im Verlauf des Jahres 2018 aber erwarte man zumindest eine leichte Abschwächung des Aufschwungs, so Kuhn. Bei den Anzeichen einer konjunkturellen Überhitzung zeigten sich aktuell keine inflationären Folgen mit nachhaltiger Straffung der Geldpolitik. „Deshalb erfreuen wir uns an dem stabilen Aufschwung – die gute Wirtschaftslage in Deutschland wird sich unserer Ansicht nach fortsetzen“, resümiert der Vorstandssprecher. Thomas Spengler

Die Finanzierungsformen ändern sich Unternehmen finanzieren sich zunehmend bankenunabhängiger.

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Die Konjunktur läuft gut und die meisten Unternehmen verdienen ordentlich Geld. Also ein guter Zeitpunkt, um in die Zukunft zu investieren. Der Kredit bei der Hausbank war früher die erste Wahl, doch aktuell gibt es auch zahlreiche andere Möglichkeiten. „Der klassische Bankkredit ist auch weiterhin gefragt, nur haben Unternehmen zwischenzeitlich mehr Alternativen, ihren Finanzierungsbedarf auch über andere Quellen und Kapitalgeber zu decken“, sagt Andreas Killmaier, Bereichsleiter Firmenkunden bei der in Stuttgart ansässigen Südwestbank. Hinzu komme eine deutlich bessere Liquiditätsausstattung der Unternehmen, so dass Investitionen in Teilen oft auch aus dem CashFlow getätigt werden. In Europa finanziert sich der Mittelstand stark über Kredite der Hausbanken. Höhere Eigenkapitalanforderungen für die Banken können dies aber erschweren. In anderen Ländern wie etwa den USA nutzen die Unternehmen in starkem Maß die Kapitalmärkte. Nach Auskunft von Finanzierungsexperten wollen sich deutsche Mittelständler in der Regel nicht von Kapitalmärkten

abhängig machen. Killmaier betont: „Nach wie vor ist der klassische Kredit für die mittelständischen Unternehmen ein wesentlicher Finanzierungsbaustein, allerdings nicht mehr der alleinige.“ Je nach Art der Investition und Größe des Unternehmens variierten die Alternativen von Fördermitteln über Leasing und Factoring bis hin zu kapitalmarktorientierten Finanzierungsinstrumenten. Schuldscheindarlehen erfreuen sich als Finanzierungsinstrument wachsender Beliebtheit. Nach dem aktuellen Markt-

überblick von Thomson Reuters haben 2016 im deutschen Markt 129 Unternehmen Schuldscheindarlehen mit einem Gesamtvolumen von fast 26 Milliarden Euro begeben. Diese hätten sich als sehr gute Ergänzung zum klassischen Bankkredit etabliert, da das Unternehmen hier gezielt andere Investoren ansprechen könne als über ihren bestehenden Kernbankenkreis, so der SüdwestbankExperte weiter. So schonen die Unternehmen bestehende Kreditlinien bei ihren Hausbanken, um beispielsweise

kurzfristigen oder spontanen Finanzierungsbedarf weiterhin über die Hausbanken decken zu können. Anders als die Anleihe ist der Schuldschein kein Wertpapier. Daher ist auch kein externes Rating notwendig, was das Schuldscheindarlehen aus Unternehmenssicht im Vergleich zur Anleihe wesentlich einfacher und zumeist günstiger macht. Eine besondere Rolle kommt dem Mezzanine-Kapital zu. Es sei dann relevant, wenn die Art und Höhe der Investi-

Neben Leasing und Factoring gewinnen zunehmend kapitalmarktorientierte Instrumente an Bedeutung. Foto: Picture-Factory/Adobe Stock

tionen durch Fremdkapital allein nicht gestemmt werden und der Gesellschafter zudem kein zusätzliches Eigenkapital einbringen könne. Gerade bei Sprunginvestitionen in neue Produkte und Anlagen oder starkem organischen und anorganischem Wachstum – beide stellen Investitionen dar, die deutlich größere unternehmerische Risiken bergen als Ersatzinvestitionen – kann der Einsatz von Mezzanine sinnvoll sein, berichtet Killmaier. Aufgrund der momentanen guten Liquiditäts- und Eigenkapital-Ausstattung der Unternehmen sei Mezzanine im aktuellen Marktumfeld allerdings nicht besonders stark gefragt. Aber insbesondere im Projektgeschäft spielt Mezzanine nach wie vor eine wichtige Rolle. „Gerade bei Immobilienprojekten kann diese Finanzierungsform helfen, die projektbezogenen Risiken für die Fremdkapitalgeber zu reduzieren.“ Im klassischen Mittelstand hingegen sei die Bedeutung aktuell untergeordnet, könne sich aber mit Blick auf die Herausforderungen von anstehenden Investitionen, Stichworte Industrie 4.0 und Digitalisierung, in den kommenden Jahren wieder verändern. „Vor allem auch Förderinstitute bieten hier gute Möglichkeiten mit Programmen, die MezzanineCharakter haben.“ Oliver Schmale


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Vernetzte Beratung Wolfgang Kuhn, Sprecher des Vorstandes der Südwestbank, äußert sich im Interview zur ganzheitlichen Vermögensberatung.

unserer Tochtergesellschaften zu. Über diese decken wir die Themen Immobilien und Kunst umfassend ab. Besteht bei einem Kunden eine besondere Affinität zu Oldtimern, können wir ihm mit unserem im Jahr 2010 erstmals aufgelegten Oldtimer-Index eine erste Orientierungshilfe geben und vermitteln gerne an Gutachter und Sachverständige.

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Herr Kuhn, was stellen die Grundzüge der ganzheitlichen Vermögensberatung der Südwestbank dar? Für eine Bank ist der kontinuierliche Dialog mit ihren Kunden unersetzlich. Besonders zielführend ist ein Gespräch aber erst dann, wenn es auf einer stabilen Vertrauensbasis fußt. Ein guter Kundenbetreuer verschafft sich zunächst einen gründlichen Überblick über die gesamte Vermögensstruktur und die aktuelle Lebensphase seines Kunden. Nur so kann er dessen Wünsche, Bedürfnisse und Ziele sowohl im privaten als auch im betrieblichen Bereich sinnvoll in einer individuellen Finanz- und Vermögensplanung berücksichtigen. Diese überprüft er dann beständig und schreibt sie mit zielgerichtetem Blick in die Zukunft fort.

Gibt es ein Muster bei der ganzheitlichen Beratung? Also kommt man eher als Unternehmen zur Frage nach der Betreuung des privaten Vermögens oder ist es eher umgekehrt? Ein pauschales Muster kommt für uns schon aufgrund der individuellen Betrachtung nicht infrage. Dafür sind die Ansätze für die ganzheitliche Beratung extrem vielschichtig. Für uns ist jeder Kunde einzigartig, das spiegelt sich auch in den Ergebnissen jeder einzelnen Beratung wider: Sie sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie beauftragen. Unser Ziel ist es, alle Themen so in Einklang zu bringen, dass sie den Wünschen, Bedürfnissen und Zielen des Kunden entsprechen. Können Sie denn die ganzheitliche Vermögensberatung anhand eines konkreten Beispiels aus der Praxis darlegen? Gerade bei der Übergabe eines Familienbetriebs an die nächste Generation ist eine ganzheitliche Vermögensberatung unerlässlich. In der Praxis bedeutet dies, dass neben der Geschäftsführung durch den Nachfolger unter anderem auch die Vermögensfragen und die Rente des Inhabers zu regeln sind. Wie zum Beispiel das Erbe auf Partner und alle Kinder verteilt werden soll, ist dabei ein Aspekt von vielen, die es zu beachten gilt.

Was sagen Sie dem Kunden, der bewusst eine Trennung beibehalten will – bei der einen Bank die Betreuung des Privatvermögens, bei der anderen Bank die Betreuung des Firmenvermögens? Um eine zweite Meinung bei Gesundheitsfragen zu erhalten, frage ich ja auch gerne mal einen zweiten Arzt . . . Natürlich muss jeder Unternehmer diese Entscheidung für sich selbst treffen. Im Rahmen einer strategischen Finanzplanung kann es in Einzelfällen sicherlich sinnvoll sein, mit zwei oder mehreren Banken zusammenzuarbeiten. Doch unsere Erfahrung hat gezeigt, dass unter einer strikten Trennung eine gedeihliche Beziehung nur schwer wachsen kann. Denn Vertrauen und Langfristigkeit spielen eine entscheidende Rolle. Welche Chancen kann es denn geben, wenn ich mich sowohl als Unternehmer als auch als Privatanleger aus einer Hand beraten lasse? Für uns liegen die Vorteile der vernetzten Beratung zwischen Firmenkunden- und Private-Banking-Berater auf der Hand. Sie berücksichtigen individuelle Wechselwirkungen zwischen privatem und unternehmerischem Vermögen, pflegen einen zeitnahen Informationsaustausch und können umfassend, vo-

Wolfgang Kuhn, Sprecher des Vorstandes der Südwestbank Foto: Mierendorf

rausschauend und nachhaltig beraten. So wird beispielsweise auch gewährleistet, dass bei der Übertragung auf die nächste Generation ein Rädchen in das andere greift. Was ist, wenn die Beratungsthemen über reine Geldanlage-Aspekte hinaus-

gehen, also etwa harte Themen wie Steuerfragen oder Immobilien, aber auch Kunst und Oldtimer betreffen? In Steuerfragen kommen wir schnell an unsere Grenzen, denn als Bank dürfen wir nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz keine steuerliche und rechtliche Beratung durchführen. Wir sehen es

jedoch als unsere Aufgabe an, Impulse zu geben, und ziehen bei Bedarf einen Steuer- und Rechtsberater aus unserem Expertennetzwerk zurate oder vermitteln an diese. Zunächst holen wir jedoch Spezialisten aus den eigenen Reihen mit an den Tisch, beispielsweise aus dem Asset-Management, oder gehen auf eine

Was ist die Quintessenz dieses Beispiels, aus dem auch andere lernen können? Die Übergabe des eigenen Unternehmens ist eine komplexe Aufgabe und zugleich ein emotionaler Einschnitt, der häufig die ganze Familie vor große Herausforderungen stellt. Das Beispiel zeigt, dass sich durch eine individuelle, vernetzte und langfristig ausgerichtete Finanz- und Vermögensplanung das Thema Nachfolge so regeln lässt, dass der Familienfrieden gewahrt bleibt.

Die Fragen stellte Thomas Spengler.

Alle Banken in einem Boot Zwar dürfte der klassische bilaterale Bankkredit auch in Zukunft die wichtigste traditionelle Säule für die Fremdfinanzierung mittelständischer Unternehmen bleiben.

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Immer öfter teilen sich mehrere Banken ein Kreditengagement. Foto: Andrew Bayda/Adobe Stock

Dennoch ist eine zunehmende Ausdifferenzierung der Finanzierungsstrukturen bei Firmen zu beobachten – eine Entwicklung, in deren Rahmen neben Schuldscheindarlehen und Anleihen insbesondere Konsortialkredite eine größere Rolle spielen. „Wir stellen hier eine deutliche Zunahme fest“, sagt Fabio Carrozza, Leiter Strukturierte Finanzierung der Südwestbank AG in Stuttgart, deren Kreditportfolio mittlerweile einen über die vergangenen Jahre deutlich gestiegenen Anteil an Konsortialfinanzierungen aufweist. Für Carrozza ist das kein Wunder. „Schließlich bringt der Konsortialkredit eine hohe Finanzierungssicherheit mit sich“, sagt er. Diese liegt im Wesentlichen in der längeren Laufzeit, der Vereinheitlichung der Konditionen und dem Umstand begründet, dass außerordentliche Kündigungen nicht von einer Bank allein, sondern typischerweise auf Basis einer Mehrheitsbankenentscheidung ausgesprochen werden können. So weisen Konsortial- oder auch syndizierte

Kredite, die von mindestens zwei Banken an einen Kreditnehmer gewährt werden, Laufzeiten von drei bis fünf Jahren auf. Hinzu kommt, dass sämtliche Kreditbedingungen für alle beteiligten kreditgebenden Institute einheitlich sind. Das heißt, sie müssen mit dem Kunden auch nur einmal für die gesamte Laufzeit und alle Banken verhandelt werden. „Das senkt den Verwaltungsaufwand für das Unternehmen erheblich“, so Carrozza. Dies ist insbesondere dann ein erleichternder Faktor, wenn ein Unternehmen eine Vielzahl an bilateralen Kreditverträgen hat, die alle unterschiedliche Bedingungen aufweisen und damit aufwendig gepflegt und überwacht werden müssen. Da dieser Vorteil auch eine Kostenersparnis mit sich bringt, ist der Konsortialkredit nicht wirklich teurer als ein normaler, bilateraler Bankkredit – „auch wenn es auf den ersten Blick so scheint“, wie Carrozza sagt. Sicher, es fallen zunächst Gebühren für die konsortialführende Bank an. Und auch die Bestellung und Verwaltung von Sicherheiten kosten Geld. „Diese Kosten aber werden durch die Ersparnis bei der Verwaltung aufgewogen“, so Carrozza. Schließlich unterscheiden sich die eigentlichen Kreditkonditionen nicht von denen eines bilateralen Bankkredits, da in beiden Vertragsarten unter anderem die Bonität des Kreditnehmers oder etwaige Sicherheiten ausschlag-

gebend für die Konditionierung sind. Besonderen Charme bringt die Konsortialfinanzierung durch den Umstand mit, dass bei ihr alle Banken in einem Boot sitzen und eingespielt miteinander kooperieren. Nicht nur, dass für alle beteiligten Institute die gleichen Bedingungen gelten. Nein, es besteht im Konsortium auch nicht die Gefahr, dass eine einzelne Bank plötzlich aus dem Geschäft aussteigen will und die Finanzierung dadurch gefährdet, wie Carrozza klarmacht. Typischerweise beginnen Konsortialkredite ab einem Volumen von 20 Millionen Euro und können bei sehr großen Konzernen in den Milliarden-Bereich reichen. Erst vor Kurzem war das Institut an einer Konsortialfinanzierung für einen weltweit führenden Anlagen- und Maschinenhersteller beteiligt, bei der renommierte deutsche Banken das Konsortium bilden. Ziel des Unternehmens war es, eine Finanzierungsstruktur im dreistelligen Millionenbereich umzusetzen, welche die für ihn wesentlichsten Bausteine beinhaltet: Neben einer Konsortialfinanzierung war das unter anderem auch eine Forfaitierungslinie, wie Carrozza ausführt. Die Südwestbank hat sich an beiden Finanzierungsbausteinen beteiligt – und dabei einen neuen Kunden gewinnen können. Thomas Spengler


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In der Landwirtschaft hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten.

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Foto: Dusan Kostic/Adobe Stock

Die Landwirtschaft wird digitaler L

Beim Düngen ist das richtige Maß entscheidend: Zu wenig Gülle auf dem Feld sorgt für schlechte Ernten – und zu viel verursacht eine hohe Nitratbelastung des Grundwassers und damit letztlich auch des Trinkwassers. Abhilfe verspricht eine Neuentwicklung des Landmaschinenherstellers John Deere – der sogenannte HarvestLab-Sensor. Er wird im Güllefass angebracht und bestimmt mithilfe einer NahinfrarotAnalyse während der Gülleausbringung den exakten Nährstoffgehalt. „Damit kann Gülle zum allerersten Mal auf der Basis einer Nährstoffsollmenge ausgebracht werden“, erklärt Ralf Lenge von John Deere. Die Ausbringung lasse sich auch basierend auf einer vorgegebenen Applikationskarte dosieren, wobei Geschwindigkeits- und Positionsdaten per GPS bestimmt werden. Die Daten werden zudem aufgezeichnet und können anschließend ausgewertet werden – so kann der Landwirt sicherstellen, dass die Düngung dem tatsächlichen Bedarf der Pflanzen angepasst wird. Die Landwirtschaft digitalisiert sich derzeit rasant: Schon heute nutzt mehr als jeder Zweite (53 Prozent) in der Branche digitale Lösungen, ergab eine Befragung des Digitalverbands Bitkom unter knapp 600 Landwirten. „Der technische Fortschritt ist bei der Produktion von Agrargütern im Vergleich zu anderen Branchen schon seit Jahren sehr ausgeprägt und fortgeschritten“, sagt Andreas Killmaier, Bereichsleiter Firmenkunden bei der Südwestbank. Digitale Anwendungen sind sowohl in der modernen Tierhaltung als auch im Ackerbau nicht mehr wegzudenken. „Auch in mittelgroßen Betrieben in Baden-Württemberg ist die Digitalisierung von Informationen weitverbreitet“, so Killmaier, der auch das Geschäftsfeld Landwirtschafts- und Agrargewerbe verantwortet.

Die Landwirtschaft digitalisiert sich rasant. Das beschleunigt den Strukturwandel der Branche – und führt zu verbessertem Umweltschutz und höherer Lebensmittelqualität. Mitte des Jahres schlugen die Wasserversorger Alarm: Um bis zu 60 Prozent könne der Wasserpreis in einigen Regionen Deutschlands steigen, erklärte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Denn das Grundwasser, aus dem hierzulande der Löwenanteil des Trinkwassers gewonnen wird, ist aufgrund überdüngter Böden vielerorts stark mit Nitrat belastet und muss daher aufwendig gereinigt werden.

Im Bereich des Ackerbaus ermögliche die GPS-gestützte Datenerfassung die Erschließung eines riesigen Optimierungspotenzials in der Pflanzenproduktion, ergänzt Arnd Bühle, Teamleiter Landwirtschafts- und Agrargewerbe bei der Südwestbank. „Mit dem sogenannten Precision Farming werden die Ertragspotenziale der Standorte gehoben – bei gleichzeitiger Optimierung des Betriebsmitteleinsatzes.“ So können nicht nur Düngemittel, sondern auch Pestizide exakt dosiert auf die Felder ausgebracht werden. „Für die Verbraucher ergibt sich durch diese Entwicklungen eine Verbesserung des Umweltschutzes sowie eine höhere Lebensmittelqualität.“ Nach Einschätzung der Landwirte profitieren insbesondere die Tiere von den neuen technischen Möglichkeiten: In der Bitkom-Umfrage gaben rund die Hälfte (55 Prozent) der befragten Landwirte an, dass digitale Anwendungen in der Landwirtschaft das Tierwohl steigern. „Vor allem in der Melktechnik sind im Rahmen der Milchproduktion heute die digitale Informationserfassung, -verarbeitung und -analyse nicht mehr wegzudenken“, sagt Südwestbank-Experte Bühle. Nicht zuletzt aufgrund seiner Ausbildung zum Agraringenieur kennt er die Herausforderungen der Landwirte im Detail und spricht mit seinen Kunden auf

Augenhöhe. Dabei erfordere die Automatisierung von Arbeitsschritten eine umfangreiche Datenerfassung. „Diese ist nicht nur Grundlage der Steuerung der Mechanisierung, sondern greift ebenfalls in Bereiche wie Tiergesundheitsmanagement oder Fütterungsplanung ein.“ So gibt es mittlerweile etwa Frühwarnsysteme, die einen Alarm aufs Smartphone des Viehbauern senden, wenn die Vital-

Andreas Killmaier, Bereichsleiter Firmenkunden bei der Südwestbank

daten einer Kuh auffällig sind – also etwa die Milchmenge zurückgeht oder das Tier nicht so viel frisst, wie ihm der Fütterungsautomat zugedacht hat. Mit einer digital gestützten und auf das einzelne Tier abgestimmten Fütterung versorgt der Bitkom-Umfrage zufolge heute schon jeder zweite Viehwirt (51 Prozent) seine Tiere. Roboter sind der Bitkom-Befragung zufolge bei acht Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe im Einsatz, vor allem in der Tierhaltung. Drohnen werden dagegen erst von vier Prozent der Landwirte und Lohnunternehmer eingesetzt. Mit ihnen können beispielsweise Wiesen vor der Grasernte überflogen werden, um Wildtiere im Feld ausfindig zu machen. Die unbemannten Luftfahrzeuge können auch helfen, Rinder- und Schafherden zu überwachen und zu hüten. Den Durchbruch für die fliegenden Agrarhelfer erwarten Landwirtschaftsexperten bis 2030. Dass der technische Fortschritt ausgerechnet in der Landwirtschaft so rasant ist, hat viel mit wirtschaftlichen Zwängen zu tun: Preisdruck, internationale Konkurrenz und steigende Anforderungen an die Qualität von Lebensmitteln und den Umweltschutz haben zu einem Strukturwandel in der Branche geführt. „Zur Sicherung der Existenzgrundlage der Landwirtfamilien ist eine

Ausdehnung der Produktion fortwährend feststellbar“, sagt Bühle. „Unserer Ansicht nach wird sich der Strukturwandel fortsetzen, auch mit Landwirtschaft 4.0.“ Denn um die neue Technik rentabel einsetzen zu können, bedürfe es immer einer Mindestauslastung. Für die Finanzierung der Investitionen in die neue Technik gibt es verschiedene Fördermöglichkeiten, die die Südwestbank gemeinsam mit den Kunden prüft. Dass sich die Investitionen bezahlt machen, steht außer Frage. „Moderne Technik hat die Arbeitsbedingungen der Landwirte, die Haltungsbedingungen der Nutztiere wie auch die Qualität der Produkte und der Umwelt erheblich verbessert“, erklärt Bühle. Der Preis dafür ist, dass moderne Landwirtschaft nicht mehr viel mit dem romantisch verklärten Bild zu tun hat, das die meisten Menschen davon haben. Die Zeiten von Sense und Harke sind laut Digitalverband Bitkom auf den meisten Bauernhöfen vorbei. Viele landwirtschaftliche Unternehmen seien hochleistungsfähige Hightech-Betriebe, die durch den Einsatz digitaler Technologien sehr viel ressourcenschonender wirtschaften können. Auch nach Bühles Einschätzung sind Landwirte jetzt gefordert, den Verbrauchern die Vorteile der modernen Landwirtschaft zu erklären und für ein Maximum an Transparenz zu sorgen. So mache es die digitale Technik beispielsweise möglich, dass der Verbraucher genau nachverfolgen kann, wo die Kartoffel auf dem Teller herkommt, aus welchem Saatgut und mit welchem Dünger sie entstanden ist. „Der Verbraucher fordert zusehends, dass Wirtschaftlichkeit und Umwelt in einer gesunden Balance zueinander stehen. Nur dann hat er Vertrauen und stärkt mit seiner Produktauswahl den Markt.“ Harald Czycholl-Hoch

wert ist als kalkuliert. „Die Südwestbank führt deshalb für ihre Kunden Währungssicherungsgeschäfte aus“ sagt Arway. Dabei werden Währungsrisiken durch entsprechende Gegengeschäfte am Devisenmarkt glattgestellt. In Ländern wie Indonesien ist es üblich, dass der Lieferant einer Maschine dem Empfänger gleichzeitig einen Kredit für den Kauf zur Verfügung stellt. Der Kunde muss dann die Maschine erst bezahlen, wenn sie schon Einnahmen erwirtschaftet. In solchen Fällen sorgt die Südwestbank für eine solide Zwischenfinanzierung, zum Beispiel mit einer Bundesdeckung. In diesem Fall gewährt das Institut dem Empfänger ein Darlehen, dessen Rückzahlung der deutsche Staat garantiert. Zwischen Lieferant und Kunden be-

stehen Interessenkonflikte, die eskalieren können: Der Kunde will erst bezahlen, wenn er die Ware hat, der Lieferant möchte das Geld am liebsten bei Vertragsunterzeichnung sehen. Ist das Misstrauen zu groß, übernimmt die Bank eine Vermittlerrolle – zum Beispiel mithilfe eines Akkreditivs. Dabei garantiert sie die Zahlung des Kaufpreises, sobald das Geschäft von beiden Seiten wie vereinbart abgewickelt wurde. Für die Zukunft sieht Arway steigende Nachfrage nach Leistungen aus dem Auslandsgeschäft der Südwestbank. „In den vergangenen Jahren haben die Exporte unserer Kunden deutlich zugelegt“, sagt er. Ein Trend, dessen Ende noch nicht absehbar ist. Heimo Fischer

Geschäft auf fernen Märkten Die Südwestbank unterstützt Unternehmen, die ihre Waren im Ausland verkaufen.

L

Exporte sind ein Pfeiler der deutschen Wirtschaft. Im vergangenen Jahr führten Firmen für 1,2 Billionen Euro Waren aus. Ein großer Teil davon kam aus mittelständischen Betrieben. Für viele von ihnen gehört der Handel mit dem Ausland zum Tagesgeschäft. Für besondere Aufgaben holen sie sich dennoch Rat von außen. Zum Beispiel, wenn es um die finanzielle Seite ihrer Geschäfte geht. Auf diesen Bereich hat sich die Südwestbank spezialisiert. Das Stuttgarter Institut unterstützt seine Kunden bereits,

wenn sie neue Märkte im Ausland erschließen. Laufen die Geschäfte, wickelt es Zahlungen ab, sichert Wechselkurse und sorgt dafür, dass vereinbarte Preise überwiesen werden. Wer auf fremden Märkten Handel betreibt, muss mit Unwägbarkeiten rechnen. „Ein Länderrisiko besteht fast überall“, sagt Eckard Arway, Leiter Internationales Geschäft bei der Südwestbank. Die Gesetze sind unterschiedlich, genauso wie die Geschäftspraktiken. Schwer einzuschätzen sind auch politische Risiken. Ein Kursschwenk wie in den USA kann Handelsbeziehungen zu den Partnern durcheinanderwirbeln. Die Südwestbank verfolgt, wie sich wichtige Weltregionen entwickeln – etwa die Türkei, Indonesien, Malaysia, Vietnam oder Argentinien. Experten werten

dafür zunächst Daten aus. „Genauso wichtig ist es aber, sich ein eigenes Bild zu machen“, sagt Arway. Deshalb bereist er die wachstumsstarken Länder oft selbst. Kunden im Auslandsgeschäft der Südwestbank kommen meist aus dem Mittelstand. Sie liefern Maschinen für Hersteller von Baumaterial, Nahrungsmitteln, Verpackungen oder Kunststoffen. In den meisten Fällen haben diese Exportfirmen hunderte Geschäftspartner in verschiedenen Ländern. Das ist riskant, wenn zum Beispiel die Wechselkurse stark schwanken. Zwischen Bestellung und Auslieferung einer Maschine können Monate liegen. Wenn in dieser Phase die Wechselkurse Achterbahn fahren, kann es sein, dass der vereinbarte Preis bei Zahlung viel weniger


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SCHWERPUNKT: MITTELSTAND

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Selbst in wirtschaftlichen Hochphasen sollten Kreditrisiken bewusst und angemessen gemanagt werden.

Foto: alotofpeople/Adobe Stock

Feinschliff für die Finanzierung L

„Nicht allen Unternehmen lässt sich pauschal eine hohe Liquiditätsausstattung attestieren“, erklärt Andreas Maurer, Mitglied des Vorstandes der Südwestbank. Vor allem bei kleinen Mittelständlern komme die allseits zitierte „hohe Liquidität, die im Moment im Markt vorhanden ist“, nicht an. „Als Bank sehen wir daher unsere Aufgabe darin, unsere Kunden in bewährter Weise zu begleiten und sie auf breiter Linie zu beraten – insbesondere bei Investitionsentscheidungen und bei Auslandsgeschäften“, macht Maurer klar. Häufiger als früher beschäftigen sich heute die Unternehmen nach seiner Erfahrung mit den unterschiedlichsten Finanzierungsbausteinen wie Konsortialfinanzierungen, Schuldscheindarlehen oder auch Anleihen. Als Ursache dafür hat Maurer den Umstand ausgemacht, dass sich diese Produkte seit Jahren bewährt haben und sich die jeweiligen Märkte immer mehr auch kleineren Unternehmen gegenüber öffnen. Hinzu komme, dass zahlreiche Unternehmen ihre bestehenden Finanzierungen bei Laufzeiten oder Kreditbedingungen einander angleichen. „Ein klarer Trend“, wie Maurer sagt. Auch Konsortialfinanzierungen als Bausteine innerhalb einer Gesamtlösung würden vermehrt in Betracht gezogen. Und weil jedes Unternehmen seine Besonderheiten hat, bestimmte Vorlieben pflegt und einen individuellen Inves-

Die Unternehmen in Baden-Württemberg gelten in der Regel als gut finanziert. Die Gründe dafür führt die Südwestbank auf die gute wirtschaftliche Situation zurück, die eine hohe und stabile Eigenfinanzierung aus Cashflows ermöglicht. Und so sind viele Unternehmen in der Lage, Investitionen auch aus eigener Kraft über deutlich gesteigerte flüssige Mittel zu stemmen. Warum es für die Wirtschaft dennoch sinnvoll sein kann, die ebenfalls hohe Finanzierungsbereitschaft der Banken mit ins Kalkül zu ziehen, macht Andreas Maurer, Mitglied des Vorstandes der Südwestbank, klar. titionsbedarf hat, unterscheiden sich auch die Finanzierungsmodelle und -produkte von Kunde zu Kunde schon aufgrund der zahlreichen Angebote und Alternativen. „Jedes Produkt hat seine Daseinsberechtigung, doch entscheidend ist, dass das Gesamtfinanzierungskonstrukt für das Unternehmen sinnvoll ist“, so Maurer. Aufgrund der guten wirtschaftlichen Situation und hohen Finanzierungsbereitschaft der Banken haben viele Unternehmen die Möglichkeit genutzt, ihre Finanzierungen von kurzfristig auf mittelfristig umzustellen – zu dennoch sehr attraktiven Kreditbedingungen, wie Maurer erläutert. „Wir beobachten allerdings auch immer wieder, dass Unternehmen ihre Finanzierungsstruktur nur kurzfristig ausgelegt haben und diese somit nicht zu ihrem Bedarf passt. Hier sehen wir erhebliche Optimierungsansätze“, sagt er. Unternehmen sind es seit jeher gewohnt, Entscheidungen unter volatilen,

unsicheren, komplexen und unklaren Rahmenbedingungen zu treffen. Dennoch, auch in diesem Umfeld dürfen sie

Andreas Maurer, Mitglied des Vorstandes der Südwestbank Foto: Mierendorf

nicht den Anschluss verpassen. „Sie müssen sich vielmehr zusehends mit Innovationen, verkürzten Produktlebenszyklen, Digitalisierung oder Disruption beschäftigen“, mahnt Maurer. Aus diesem Grund, so sein Rat, sollten sich Unternehmen gerade auf der Finanzierungsseite frühzeitig um die hierfür notwendige Finanzierungssicherheit und -stabilität kümmern. Dabei sind nach Ansicht des Südwestbank-Vorstands kleine Unternehmen, deren Liquiditätsplanung oftmals nicht ganz so detailliert und akkurat ist, ebenso gefordert wie große Unternehmen. „Eine Gesamtfinanzierung, bestehend aus unterschiedlichen Finanzierungsbausteinen, wird also zunehmen“, so Maurers Prognose. Grundsätzlich sieht die Südwestbank die Unternehmen derzeit mit ausreichend Liquidität ausgestattet – sofern neben den typischen und üblichen Fremdfinanzierungsquellen auch die anderen Formen der „Mittelbeschaffung“ berücksichtigt werden. „Hier seien beispielsweise

Private-Equity-Investoren wie auch Family Offices erwähnt“, so Maurer. Und was die Investitionsfähigkeit und Investitionswilligkeit der Wirtschaft angeht, müsse man differenzieren. Beides sei bei den Unternehmen derzeit sehr hoch – gerade weil damit der Grundstein für die Zukunft gelegt wird. Auf der anderen Seite wird für Deutschland ein gewaltiger Investitionsstau von über 100 Milliarden Euro für öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Infrastruktur diagnostiziert. Die gute und robuste wirtschaftliche Gesamtsituation spiegelt sich natürlich auch in dem niedrigen Niveau fauler beziehungsweise notleidender Kredite in den Bankbilanzen wider. Doch kann das aktuelle Umfeld natürlich auch die Basis für deutlich stärkere, schnellere und heftigere Ausfälle bilden, sobald das wirtschaftliche Umfeld sich eintrüben sollte. Aus der hohen Liquidität im Markt, den niedrigen Zinsen und dem damit verbundenen Wegbrechen einer erheblichen Ertragsquelle der Banken sowie der zunehmenden Anzahl von Finanzierungsquellen resultiert nicht selten die Bereitschaft mancher Marktteilnehmer, auch sehr schlechte Kreditrisiken einzugehen und diese nicht adäquat zu behandeln. „Aus diesem Grund ist es wichtig, selbst in wirtschaftlichen Hochphasen Kreditrisiken bewusst und angemessen zu managen“, resümiert Maurer für seine Branche. Thomas Spengler

Operative Entlastung als Margenhebel im Einkauf L

Im globalen Wettbewerb profitiert Deutschland schon lange von seinem starken Mittelstand. Von Neid erfüllt blicken selbst wirtschaftlich starke Marktteilnehmer wie Großbritannien auf den international als „German Mittelstand“ bekannten Erfolgsmotor der Bundesrepublik. Doch bei allem Lob gilt es, auch die Potenziale und kommenden Herausforderungen des Mittelstands unter die Lupe zu nehmen. Denn wer sich nicht mit der Zukunft befasst, wird stagnieren und schon bald den Anschluss verlieren. Daher müssen sich Mittelständler aus innovationstechnischer Perspektive intensiv mit allen Unternehmensbereichen beschäftigen. Nach wie vor kommen dabei jedoch einige Bereiche zu kurz. Dazu zählt insbesondere der Einkauf, dessen Rolle als Werthebel und Innovationsmotor oftmals unterschätzt wird – mit

teuren Folgen. Je nach Branche kann der Anteil des Einkaufsvolumens am Umsatz bei über 50 Prozent liegen. Und wer seinen Einkauf als reinen Besteller vernachlässigt, lässt am Ende des Jahres bares Geld liegen. Denn jeder einzelne gesparte Euro an Materialkosten addiert sich direkt auf den Gewinn, wie folgendes Rechenbeispiel verdeutlicht: Spart ein Mittelständler bei einem Einkaufsvolumen von 50 Millionen Euro Materialkosten in Höhe von 2,4 Millionen Euro ein, so müsste er, um eine ähnliche Renditesteigerung zu erreichen, den Umsatz um fast 50 Prozent steigern. Solch enorme Renditesteigerungen lassen das Herz eines jeden Unternehmers höherschlagen, doch für die Umsetzung bedarf es strategischen Know-hows im Einkauf. Strategisches Know-how, welches mittelständische Einkaufsabteilungen aufgrund der hohen

Auslastung im operativen Bereich oftmals nicht aufbauen können. Interaktive Tools erlauben es dem Einkauf, sein operatives und strategisches Controlling zu überblicken. Anhand vernetzter Analysen aller SupplyChain-Daten lassen sich Entwicklungen aufzeigen und Trends frühzeitig identifizieren. Ein digitales 360°-Controlling zeigt die Einkaufsperformance sowie versteckte Einsparpotenziale auf. Als Tool eignet sich hier beispielsweise der Einkaufstracker der Kloepfel Digital Transformation GmbH. Als Softwareas-a-Service erlaubt der Einkaufstracker umfangreiche Analysen, deren Ergebnisse der Führungsebene als Entscheidungsbasis dienen können. Dank der intuitiven Bedienung lässt sich das Tool schnell implementieren und nutzen. Neueste Einkaufstrends integriert Kloepfel Digital Transformation sofort und bündelt somit

Einkaufs- und Digitalisierungsexpertise. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass Mittelständler eine wachsende Bereitschaft dafür entwickeln, Standardabwicklungen an Experten zu übertragen. So kann wertvolle Manpower für die eigentlichen Kernkompetenzen des Unternehmens genutzt werden, während professionelle Dienstleister den Einkauf abwickeln. In diesem Feld bewegt sich auch die Kloepfel Outsourcing GmbH, welche sowohl den strategischen als auch den operativen Einkauf für Mittelständler abwickelt. Das eigene Sourcing-Center bietet Lohnkostenvorteile und prozessual herausragend aufgestellte Einkaufsabteilungen für Dritte. Im Zuge des digitalen Umbruchs der Wirtschaft werden in den nächsten Jahren neue Herausforderungen auf den mittelständischen Einkauf zukommen.

Langfristig wird es Pflicht, digitale Tools zu nutzen, wenn man im Wettbewerb bestehen möchte. Wer sich jedoch auf seine Kernkompetenzen konzentrieren möchte, sollte auf einen OutsourcingDienstleister zurückgreifen, um sich eines sicheren Rückhalts gewiss sein zu können.

Gastautor Marc Kloepfel ist Geschäftsführer der Kloepfel Group.


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

November 2017

Wirtschaft & Debatte

Lesen Sie in dieser Ausgabe

In der Wirtschaft gibt es viele Themen und Trends, über die es sich zu diskutieren lohnt. Die Seiten „Wirtschaft & Debatte“ liefern Argumente und Hintergründe zum Mitdenken und Mitreden.

Round Table mit Wirtschaftskanzleien über Legal Tech SEITEN 17, 18 Zahlungsmittel – Bargeld oder nicht SEITE 23 Demografie – Herausforderungen für die Rentenkasse SEITE 24

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Wirtschaftskanzleien im Fokus: Die Vertreter von 13 Kanzleien und die beiden Titelautoren von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, die die Diskussionsrunde über die zunehmende Digitalisierung in der Rechtsbranche und den juristischen Nachwuchs moderierten, beim Gruppenfoto vor dem Schloss Hohenheim. Von links hinten: Ulrich Philippi (Luther), Moderator Klaus Köster, Jens Haubold (Thümmel, Schütze & Partner), Moderator Michael Heller, Jens Schmelt (Menold Bezler), Christian F. Bosse (Ernst & Young Law), Ulrich Klumpp (Oppenländer), Peter Mailänder (Haver & Mailänder), Alexander Schwarz ( Gleiss Lutz) und vorn von links: Marcus Baum (Kuhn Carl Norden Baum), Petra Beyer (PwC Legal), Iris Rosenbauer (Binz & Partner), Michael Frühmorgen (Heussen), Ulrich-Peter Kinzl (BRP Renaud und Partner) und Barbara Wössner (CMS Hasche Sigle). Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Software ersetzt nicht den Juristen Die Digitalisierung hält auch Einzug in der Rechtsbranche. Vertreter von Wirtschaftskanzleien diskutierten über mögliche Folgen und Herausforderungen. Von Imelda Flaig Diskussionsrunde

I

n immer mehr Kanzleien erledigen Algorithmen die Arbeit von Juristen – das reicht von der Prüfung von Verträgen bis zur exakten Berechnung von rechtlichen Ansprüchen aus Flugverspätungen. Die Zeitung Wirtschaft in BadenWürttemberg hat Wirtschaftsanwälte aus der Region zu einem Round Table eingeladen, um zu erfahren, welche Auswirkungen das auf die Branche, die Kanz„Unser Mandant will leien und auf den juristischen Nachwuchs hat. seinen Berater und nicht CMS Hasche Sigle etwa nur den anwaltlichen setzt seit vergangenem Jahr Antwortengeber.“ auch die kanadische Software Kira ein. „MandantenanfraPeter Mailänder von Haver & Mailänder gen haben uns darauf gebracht“, sagt CMS-Partnerin Barbara Wössner. Die Befürchtung, dass durch den Einsatz der Software viele Stellen von Jungjuristen wegfallen werden, hat sie nicht. Dabei müsste das Ergebnis einer Studie von Boston Consulting, mit der die beiden Moderatoren Klaus Köster und Michael Heller die Diskussion eröffnet hatten, geradezu wie ein Schreckgespenst für die Branche wirken. Demnach könnte durch Legal Tech, also den Einsatz von spezieller Software, in einigen Jahren jeder zweite Junioranwalt überflüssig und durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. Dass der Druck auf die Kanzleien wächst, darin waren sich die Teilnehmer der Runde einig. „Das Programm erleichtert die Durchsuchung großer Datenmen-

DIGITALISIERUNG IN DER RECHTSBRANCHE Legal Tech Das bedeutet so viel wie Legal Technology und bezeichnet Software und OnlineDienste, die juristische Arbeitsprozesse unterstützen oder sie automatisieren, um die Effizienz zu steigern. Prädestiniert dafür sind Bereiche, die standardisiert ablaufen wie etwa die Vertrags-

erstellung oder das Verfassen einer Klageschrift. Software Sie wird meist von Startups entwickelt. Beispiele dafür sind etwa Leverton, Kira oder Lawlift – Infos werden durchforstet, gefiltert, teilweise Dokumente erstellt. red

gen, die man aber auswerten muss. Der Anwalt entfällt nicht“, beschwichtigt Juristin Wössner. Der große Knackpunkt ist für sie die Datenpflege und was man einspeise. Alexander Schwarz von Gleiss Lutz sieht es pragmatisch, weil einfachere Tätigkeiten wegfielen, gleichzeitig in anderen Bereichen aber neue hinzukämen – auf höherem Niveau, denn die Welt werde komplexer. „Es ist doch vielleicht so, dass gerade Tätigkeiten wegfallen, die die jungen Leute nicht mehr machen wollen. Und wir tun uns ja alle schwer, Nachwuchs zu finden.“ Dass auf die Juristen in den nächsten Jahren tief greifende und vielschichtige Veränderungen zukommen, hat jeder der Diskussionsteilnehmer realisiert. Denn nicht nur bei Vertragsprüfungen oder Flugverspätungen erledigen immer öfter Algorithmen die Arbeit von Juristen. Mittlerweile gibt es auch zahlreiche juristische Portale im Netz. Die fortschreitende Digitalisierung wird die ganze Branche verändern. Bislang war es üblich, dass Jungjuristen die Fleißarbeit erledigt haben, wenn eine Kanzlei einen Auftrag bekommen hat – sie durchforsteten Akten und Urteile, wälzten juristische Bücher und recherchierten ähnlich gelagerte Fälle. Gestandene Anwälte und Partner widmeten sich anspruchsvolleren Aufgaben. Wenn nun ein Algorithmus die Arbeit der jungen Anwälte binnen Minuten erledigt, funktioniert das nicht mehr. Wenn die Präzision der Datenbanken exponentiell zunehme, gehe es nicht nur um Themen, die bei Berufsanfängern angesiedelt seien, sondern auch um Tätigkeiten anderer Anwälte, gibt Christian F. Bosse von Ernst & Young Law zu bedenken. Stichwort Erbverträge: „In zwei Jahren wird deswegen keiner mehr zum Anwalt gehen, sondern im Portal Erbvertrag schauen“, mutmaßt er. So mancher dürfte akzeptieren, dass er dort vielleicht nur ein zu 85 Prozent passendes Produkt findet und den Vertrag für 50 Euro aus dem Internet herunterladen, statt 2000 Euro für eine

maßgeschneiderte Beratung zu zahlen. Deshalb dürfte sich vor allem im Konsumentenbereich viel tun, meint er. Doch auch die Teilnehmer der Runde, zu deren Klienten mittelständische Familienunternehmen in Baden-Württemberg und große Konzerne zählen, sind gegen die Folgen der Digitalisierung nicht gefeit. Zweifel daran, dass Routineprozesse schneller, effizienter und kostengünstiger von Algorithmen erledigt werden können, hat keiner und niemand kommt wohl auch an entsprechenden Softwarelösungen nicht vorbei. „Wir haben nicht unbedingt die Alternative zu sagen, wir machen es elektronisch oder gar nicht. Wir stehen in einem harten Wettbewerb. Mandanten fragen: Was kostet bei euch diese Due Diligence“, beschreibt es Jens Haubold von Thümmel, Schütze & Partner. Bestimmte Aufgaben könnten nicht mehr als Mehrwert verkauft werden, weil viele Vertragsformen online abrufbar und viele Kunden im Internet unterwegs seien, sagt Iris Rosenbauer von Binz & Partner. „Mandanten wollen den Mehrwert der rechtlichen und strategischen Beratung und nicht nur das reine Vertragsmuster“, sagt sie. Legal Tech sieht sie dabei als Chance, genau diese Prozesse für den Anwalt effektiv zu gestalten. Will heißen: Man steckt seine Arbeit in Wertschöpfung, für die der Mandant bereit ist zu bezahlen. Routineaufgaben übernimmt Kollege Computer. Sie warnt davor, Legal Tech zu stigmatisieren oder gar als Ersatz zum Menschen zu sehen. Wenn man die technischen Möglichkeiten habe, bestimmte Abläufe effizienter zu gestalten und mit weniger Manpower umzusetzen, könne sich auch der qualifizierte Nachwuchs besser aufgehoben fühlen, weil der sich dann um die eigentlichen Kernthemen juristischer Arbeit kümmern könne. „Der Computer wird uns nicht ganz ersetzen“, sagt auch Ulrich Klumpp von Oppenländer. Der Jurist sei die Schnittstelle zwischen juristischem Wissen, Datenbanken und Mandant und müsse in Verhandlungssituationen viel auf Emotionen und nichtrationales Verhalten eingehen. Dazu sei ein Algorithmus nicht in der Lage. Ähnlich argumentiert auch Peter Mailänder von Haver & Mailänder: „Unser Mandant will seinen Berater und nicht nur den

anwaltlichen Antwortengeber. Die richtige Auskunft mit entsprechender Menschlichkeit und Individualität ist doch das, was unseren Anwaltsberuf letztlich auszeichnet.“ Für Ulrich Philippi von Luther steht fest: „Das Geschäft verschiebt sich ein bisschen. Was früher der Anwalt gemacht hat, machen heute Portale.“ Legal Tech ruft zweifellos neue Wettbewerber auf den Plan. „Der Generalist wird immer weiter aussterben“, meint Michael Frühmorgen von Heussen. Bei Fragen der Vertragsgestaltung müsse man differenzieren. Standardverträge seien recht schnell ersetzbar, bei komplexen Verträgen seien Anwälte noch immer gefragt. Da sehe er klar die Entwicklung hin zum Spezialisten. „Mandanten werden schlauer“, sagt Jens Schmelt von Menold Bezler. „Alles, was die Effizienz steigert – und da ist Legal Tech eine Triebfeder –, wird sich durchsetzen. Alles, was standardisierbar ist, wird ersetzt und digitalisiert.“ Nicht unbedingt, weiß Petra Beyer von PwC Legal aus Erfahrung. Es werde zwar immer Mandanten geben, die die persönliche Ansprache schätzten, es gebe aber ebenso Mandanten, bei denen Schnelligkeit mehr zähle. Vie- „Alles, was die Effizienz le Transaktionen liefen auch steigert – und da ist Legal übers Telefon. Tech eine Triebfeder –, „Es werden in 20 oder 30 Jahren Dinge passieren, die wird sich durchsetzen.“ wir schlicht nicht für möglich Jens Schmelt gehalten haben“, wagt Ulrich- von Menold Bezler Peter Kinzl von BRP Renaud und Partner eine Prognose und verweist auf Aussagen von Zukunftsforschern. Danach wird bis 2020 ein Prozessor, der 1000 Dollar kostet, so leistungsfähig sein wie ein menschliches Gehirn. Bis 2050 werde es für denselben Preis sogar einen geben, der so leistungsfähig ist wie alle menschlichen Gehirne zusammen. „Bei der Wertung von Recht sind wir gefragt“, sagt Marcus Baum von Kuhn Carl Norden Baum. Alle Diskussionsteilnehmer haben sich auf die Fahnen geschrieben, schwäbische Familienunternehmer zu beraten. Daten müssten analysiert und sauber ausgewertet werden. Aber mit den Unternehmern und Unternehmerinnen am Tisch zu sitzen, sie zu beraten, das sei die große Herausforderung. „Die wird uns nie ein Roboter abnehmen können“, ist sich Baum sicher.


18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

„In der Justiz kommen Kollegen in irgendein Referat bei einem Amtsgericht, zu dem sie eigentlich gar nicht wollen.“ Ulrich-Peter Kinzl von BRP Renaud und Partner über die Arbeit in einer Kanzlei versus Justiz

„Bei Standardverträgen sind wir recht schnell ersetzbar. Sobald es um komplexe Verträge geht, sind wir eben noch immer gefragt.“ Michael Frühmorgen von Heussen über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den juristischen Nachwuchs

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

„Man braucht nicht nur Leute, die gut ausgebildet und juristisch qualifiziert sind, sondern auch in der Lage sind, im Team mit Mandanten und Kollegen zu arbeiten.“ Ulrich Klumpp von Oppenländer über Anforderungen an einen Anwalt

Wettbewerb um Junior-Anwälte

„Wenn die Leute mit 26 oder 27 zu uns kommen, mögen sie gute Juristen sein. Doch es dauert immer länger, bis man sie einsetzen kann.“ Jens Schmelt von Menold Bezler Rechtsanwälte über Nachwuchsjuristen

Die Zeiten, als sich der juristische Nachwuchs vor allem mit Spitzengehältern locken ließ, sind vorbei. Von Imelda Flaig Karriere

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„Die Hierarchien sind flach, die Freiräume groß und man darf sich im Zweifel das Rechtsgebiet selbst aussuchen.“ Barbara Wössner von CMS Hasche Sigle über Jobvorteile in einer Kanzlei gegenüber der Justiz

„Grundvoraussetzung ist, dass man auch unternehmerisch veranlagt ist und einen gewissen Ehrgeiz hat, sich mehr einzubringen.“ Jens Haubold von Thümmel, Schütze & Partner über Eigenschaften von Nachwuchsjuristen

„Wir wollen eine gute juristische Qualität.“ Marcus Baum von Kuhn Carl Norden Baum über die Notengetriebenheit bei der Bewerberauswahl

uristischer Nachwuchs ist gefragt – und da buhlen etliche Wettbewerber um die besten Köpfe. Das reicht beispielsweise von Anwaltskanzleien über Justiz und Verbände bis hin zu Unternehmen, die teils über stattliche Rechtsabteilungen verfügen. Was hat sich verändert und wie lässt sich angesichts solcher Konkurrenz der TopNachwuchs in den Wirtschaftskanzleien sichern? Die Teilnehmer des Round Table, zu dem die Zeitung Wirtschaft in BadenWürttemberg eingeladen hat, haben vielseitige Erfahrungen. Entsprechend lebhaft ist die Diskussion. „Die sinkenden Absolventenzahlen sind eine große Herausforderung“, sagt Alexander Schwarz von Gleiss Lutz, auch wenn seiner Meinung nach Wirtschaftskanzleien hochattraktive Arbeitgeber sind. Schließlich gehe es um spannende wirtschaftsrelevante Sachverhalte. „Wir zahlen auch sehr, sehr gut im Vergleich zur Justiz, aber die Konkurrenz ist sehr groß“, sagt er. Doch gute Bezahlung allein kann es offenbar nicht richten, wirft Moderator Klaus Köster ein und will es genauer wissen. Ob die Wirtschaftskanzleien hinsichtlich Arbeitszeiten und Flexibilität überhaupt mit der Justiz mithalten können? Geht es nach Barbara Wössner von CMS Hasche Sigle, scheint das längst gängige Praxis. In ihrer Kanzlei gebe es sogar Partner in Teilzeit. Sie hält geradezu ein Plädoyer für die Branche, spricht von flachen Hierarchien und großen Freiräumen, im Zweifel dürfe man sich das Rechtsgebiet sogar aussuchen. „Die Freiräume, die man in den Kanzleien hat, hat man in der Justiz nicht“, sagt sie. Christian F. Bosse von Ernst & Young pflichtet ihr bei. „Familie und Kinder und trotzdem eine erfolgreiche Anwältin oder ein erfolgreicher Anwalt sein, das geht. Die chronische Arbeitsbelastung der Justiz wird dagegen oft unterschätzt.“ Bei den Karrieremöglichkeiten für Frauen müsse man noch aufholen, sagt er allerdings, „denn bei der Frage, wer in die Familienpause geht, sind wir noch konservativ.“ Oft sei es die talentierte Anwältin. Dass dabei auch die Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle spielen, darüber herrscht in der Runde mit Vertretern und Vertreterinnen aus 13 Kanzleien Einigkeit. Dabei geht es aber nicht nur um die Kinderbetreuung, vielmehr scheint dies auch ein gesellschaftliches Kommunikationsthema zu sein. Ein Blick nach Schweden etwa zeigt, dass es dort ganz selbstverständlich ist, dass auch Männer Familienpause machen. Aber auch das Jurastudium an sich scheint für manchen abschreckend

zu sein – erstes Staatsexamen, zweites Staatsexamen, eine streng universitäre Ausbildung, wie Alexander Schwarz von Gleiss Lutz sagt. Viele hielten das Studium für schwierig, langweilig und nicht attraktiv, „auch wenn hinten ein superspannender Beruf herauskommt.“ Die jüngere Generation hat offenbar auch andere Erwartungen ans Leben. Da zählen Freizeit und Hobbys mehr als Geld und Haus – eine Erfahrung, die viele in der Runde bei Bewerbern gemacht haben. „Immer weniger haben die klassische Einstellung der älteren Anwälte, die den ganzen Tag arbeiten und aufs Vermögen schauen“, formuliert es Ulrich Klumpp von Oppenländer. Die Nachwuchssorgen dürften sich in den nächsten Jahren noch verschärfen, zumal viele ältere Juristen – die geburtenstarken Jahrgänge – in den Ruhestand gehen. Für Klumpp ist Flexibilität ein wichtiges Stichwort, und da bringt er erneut das Thema Frauen und Karriere ins Spiel. „Die Frauen sind nicht die schlechteren Juristinnen“, sagt er – im Gegenteil. Die Kanzleien müssten enorm viel tun, um auch für Frauen attraktiv zu sein. Kolleginen in Teilzeit organisierten sich entsprechend, legten Früh- und Spätschichten ein, um tagsüber Zeit für die Kinder zu haben. „Entscheidend ist doch, dass der Vertrag da ist, zu dem Zeitpunkt, zu dem ihn der Mandant benötigt“, sagt er. Und bei den Mandanten – die im Übrigen auch Kinder hätten – sehe er viel Bereitschaft, dies zu akzeptieren. „Wir brauchen positive Vorbilder und müssen jungen Frauen zeigen, was möglich ist“, setzt Iris Rosenbauer von Binz & Partner noch eins drauf. Doch Top-Anwälte in Teilzeit sind noch rar. Dabei sind die Karrierechancen andere als noch vor 10 oder 15 Jahren, denn „im Prinzip haben wir einen Verdrängungswettbewerb“, sagt Ulrich Philippi von Luther. Für einen wichtigen Aspekt, den man nicht vernachlässigen dürfe, hält er auch, dass es nicht nur um die Abarbeitung von Themen gehe, sondern auch um die Akquise von Mandaten, wenn man Karriere machen und Partner in einer Kanzlei werden wolle. Diese Extraleistung müsse man noch on top erbringen. Ob die Notengetriebenheit, also die Fixierung aufs Prädikatsexamen, die beste Herangehensweise bei der Auswahl des Nachwuchses sei, will Moderator Michael Heller von der Runde wissen. Die Examensnote halten alle für einen wichtigen Indikator. Aber auch das Gesamtpaket müsse stimmen. „Es genügt nicht, ein besserwisserischer Jurist zu sein“, sagt Peter Mailänder von Haver & Mailänder. Man müsse auch unternehmerisch auftreten.

„Wenn jemand Partner werden will, muss er auch die Voraussetzungen erfüllen – das beinhaltet nicht nur die Abarbeitung von Themen, sondern auch Mandatsakquise. Wer das in Teilzeit betreiben will, für den ist das unheimlich schwierig.“ Ulrich Philippi von Luther über Karriere und Teilzeit

„Wir bewerben uns gegen die Flut der Angebote um den Kandidaten – es ist nicht so, dass sich der bewerben müsste.“ Alexander Schwarz von Gleiss Lutz über den harten Wettbewerb um den juristischen Top-Nachwuchs mit Prädikatsexamen

„Es gibt sehr viele Frauen, die sich sehr gut organisieren können. Da brauchen wir mehr Vorbilder. Am Ende zählt der Erfolg, und dass der Mandant zufrieden ist.“ Iris Rosenbauer von Binz & Partner über Freiräume und Frauenkarrieren in einer Kanzlei

Fotos: Lichtgut/Achim Zweygarth

„Es gibt auch Mandanten, die die persönliche Ansprache nicht unbedingt brauchen, sondern lieber das Schnelle haben wollen.“ Petra Beyer von PwC Legal über den Anwaltsberuf und die Kundenanforderungen, Deals auch telefonisch zu managen

„Bei der Ermöglichung der Karriere der Frau müssen wir noch aufholen. Da sind wir noch konservativ und verlieren so manche talentierte Anwältin.“

„Das Jurastudium schreckt viele Leute ab, weil sie es langweilig finden und wenig attraktiv, auch wenn hintenraus ein superspannender Beruf kommt.“

Christian F. Bosse von Ernst & Young Law über Frauenkarrieren in der Kanzleibranche

Peter Mailänder von Haver & Mailänder über Vorurteile bei Studenten


Stuttgart hat Lebensqualität. Die Gründerkultur ist geprägt von auf Firmenkunden ausgerichteten Startups wie Truphysics, das sich hier auf Daimlers Startup Autobahn präsentiert (Mitte). Aber innovative Arbeitsumgebungen wie der Wizemann Space bringen inzwischen neues Flair in die Stadt (r.). Fotos: dpa, Lichtgut/Willikonsky, privat, Daubenberger

Stuttgarter Startups im Aufbruch Stuttgart hat neben Karlsruhe in Baden-Württemberg das größte Gründer-Potenzial. Doch Startups in Stuttgart blieben lange unter dem Radarschirm – das ändert sich nun. Von Nils Högsdal Standortporträt

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or wenigen Jahren bekam ich von einem deutschsprachigen Mitarbeiter eines Accelerators im Silicon Valley zu hören: „Aus Stuttgart kommt einfach nichts.“ Das stimmt: Bei uns gibt es kein Wimdu, keine Lieferhelden und wie die bekannten Startups aus dem Konsumbereich heißen. Auch die Kultur in der Szene ist eine andere: Es treffen sich eben in den einschlägigen Kneipen der Bosch-Ingenieur mit dem Medieninformatiker, der jetzt irgendetwas mit Connected Cars macht. Und klar: Da sind auch Gründer, aber sie sind eben nicht unter sich. Startups in Stuttgart sind anders. Geht es den Leuten in der Region einfach zu gut, um Startups in Stuttgart zu gründen? Absolventen können sich die Jobs aussuchen, und gefühlt sind für viele der (ingenieurwissenschaftlich geprägten) Stuttgarter Disziplinen die mentalen Hürden für die Gründung eines Startups größer als anderswo. Zudem erinnert man sich ja immer noch an die spektakulären Zeiten der New Economy, als ein „Silicon Valley?“ – Stuttgarter Unternehmen na„Die haben keine Ahnung mens Brokat eine Marktkapitalisierung im Bereich der von Hardware und Lufthansa hatte, um dann Präzisionstechnik!“ wenig später zu implodieren. Warum sollte man Startups in Nils Högsdal zitiert eine ihm von Mittelständlern vertraute Einstellung Stuttgart gründen, wenn der gegenüber schnellen Innovationen. Ingenieur bei Bosch traumhafte Bedingungen für seine (Grundlagen-)Forschung findet, wenn sich der Tüftler bei Hidden Champions wie Fischer und Kärcher austoben kann und der Betriebswirt bei Daimler und Trumpf spannende Finanzdienstleistungen für reale Produkte gestaltet? An dieser Stelle könnte der Beitrag vorbei sein, aber bei einem zweiten Blick findet sich deutlich mehr. Es gab auch andere Unternehmen am Neuen Markt. Der auf Produkte im Finanzbereich spezialisierte IT-Dienstleister GFT Technologies beschäftigt weit mehr als 3000 Mitarbeiter und gibt über Code_n viel an die StartupSzene zurück. Teamviewer aus der Region Stuttgart legte einen stillen Exit in kolportierten „Unicorn“-Dimensionen hin, und auch Namen wie Simpleshow und die Regiohelden fallen einem ein. Allen gemeinsam ist, dass Startups in Stuttgart keine B2C-, sondern B2B-Unternehmen sind. Die Produkte sind erklärungsbedürftig, erschließen sich oft nur Insidern und sind oft alles andere als sexy. Dazu kommen die großen Unternehmen, welche sich an vielen Stellen in die Startup-

Szene einbringen. Cluster ist so ein Stichwort, auf das man in Baden-Württemberg stolz ist. Man hat seine Partner und Lieferanten vor Ort, kurze Wege, das ist dann eine andere Form von Szene. Man tauscht sich nicht nur offiziell, sondern auch inoffiziell aus: im Sportverein, beim Mountainbiken oder beim Kindergartenfest. Die gefühlte Szene findet anders statt, und dennoch macht sich so manches etablierte Unternehmen Sorgen, weil man für manche Innovationen immer öfter aus der Region heraus und teilweise ins Silicon Valley fliegen muss. Gleichzeitig drängen der Fachkräftemangel und die Erwartungen der Generation Y, welche sich die Jobs aussuchen können. Startups in Stuttgart haben es deshalb auch bei der Personalsuche nicht leicht. Corporate Entrepreneurship ist allgegenwärtig in vielen Facetten. Die großen Konzerne haben vielfältige Aktivitäten, neben dem klassischen Venture Capital

GASTAUTOR NILS HÖGSDAL Innovator Nils Högsdal lehrt Corporate Finance und Entrepreneurship an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Im Rahmen seiner Lehre setzt Nils Högsdal stark auf lernaktive Methoden wie beispielsweise Unternehmensplanspiele und erhielt dafür 2015 den Landeslehrpreis. Rektor Seit September 2016 verstärkt er das Rektorat der Hochschule der Medien als Prorektor Innovation. Dieser Verantwortungsbe-

sind es die internen Startup-Plattformen für Ideen von Mitarbeitern und teilweise auch Programme, welche nach außen geöffnet werden. Jeder redet mit jedem, auf vielen Veranstaltungen treffen etablierte Unternehmen auf Gründer. Dennoch: In der Wahrnehmung bleiben bei solchen Treffen immer wieder einige Plätze leer. Es fehlen viele der Unternehmen, die Baden-Württemberg erfolgreich gemacht haben. Gemeint sind die innovativen KMUs, das heißt die kleinen Unternehmen und die Mittelständler: Spezialisten für bestimmte Maschinen, Messtechnik, Kunststoffteile oder auch Software aus einem der vielen Täler um Stuttgart herum. Das sind Unternehmen mit 20, aber auch mit 500 Mitarbeitern, welche inzwischen wieder auf einige sehr erfolgreiche Geschäftsjahre seit der Krise von 2008/2009 zurückblicken. Sie tun sich immer schwerer, Auszubildende oder gar Hochschulabsolventen einzustellen, und bei der guten Konjunktur weiß man kaum, wie man aktuell die Arbeit bewältigt. Gespräche laufen wie folgt ab: „Innovationen?“ – „Wir geben doch unsere Produktverbesserungen nicht über den Patentantrag an die Konkurrenz in China heraus!“ – „Neue Geschäftsmodel-

le?“ – „Die Tochter vom Eigentümer kümmert sich jetzt um den Online-Shop.“ – „Silicon Valley?“ – „Die haben keine Ahnung von Hardware und Präzisionstechnik!“ „ Zu gut, um in Zukunft bei den Besten dabei zu sein“, monierte vor einigen Jahren eine Studie. Das ist weniger Selbstgefälligkeit, sondern eher ein Effekt der harten Arbeit, die es kaum erlaubt, nach rechts oder links zu schauen. Die Region hat viele Hochschulen, Wirtschaftsförderer und Startup-Plattformen. Doch während jedes Startup vor Ort seinen Accelerator findet, tut sich der Mittelständler aus dem nur wenige Kilometer entfernten Remstal schwer. Der Berater der Hausbank hat noch nie Software finanziert, der Vertriebspartner möchte ein Produkt verkaufen. Was fehlt, sind Berater, die in disruptiven Geschäftsmodellen denken. Das Land versucht das mit vielen Initiativen zu ändern. Wichtig ist, dass dieser Aufbruch auch bei den kleinen und mittleren Unternehmen ankommt. Dann gibt es beste Voraussetzungen, dass Stuttgart wirklich zur einer Hauptstadt für Corporate Entrepreneurship wird, also für Startup-Ideen, die sich in einer Partnerschaft mit etablierten Firmen entwickeln.

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reich bündelt die Themen Forschung und Transfer, Gründung und Entrepreneurship, Weiterbildung und Internationalisierung. Ein Schwerpunkt seines Engagements in Lehre und Forschung liegt im Bereich Entrepreneurship mit einem Fokus auf Innovation. Investor Nils Högsdal war lange als Unternehmer tätig. Insbesondere Startups in Stuttgart liegen ihm am Herzen. Er ist als Business Angel auch an Startups beteiligt. red

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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Alexa, der Sprachassistent von Amazon, ist ein schneller kom­ merzieller Erfolg geworden (l.), aber auch die Sprachassistentin Siri von Apple ist von modernen Smartphones inzwischen nicht wegzudenken (r.).

Der Tübinger Computerlinguist Detmar Meurers zu den Grenzen der automatischen Sprachanalyse. Von Susanne Roeder Übersetzung

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iri, wie wird das Wetter morgen?“ „Ale­ xa, mach mal das Radio an.“ Von sprachgesteuerten Helfern auf dem Handy oder im Haus zu automatisierten Bots, die in den sozialen Netzwerken posten und damit möglicherweise sogar Auswir­ kungen auf Wahlen haben – immer häufiger reden wir mit Computern, sie filtern Werbe­ texte aus unseren E­Mails heraus und helfen Geheimdiensten, Hinweise in Milliarden von E­Mails zu finden. Die rasante Entwick­ lung birgt naturgemäß gute wie bedrohliche Aspekte. Schlimmstenfalls bewahrheiten sich Horrorvisionen wie im Bestseller „The Circle“, sind die Menschen und die Zivilisa­ tion bedroht. Das äußerst komplexe Konst­ rukt Sprache ist eine gewaltige Herausforde­ rung für den Computer. Denn im Gegensatz zum Menschen hat ein Computer keine eigenen, jahrelangen Erfahrungen mit der Welt gemacht und verlässt sich ganz auf die Daten, mit denen er gefüttert wird. Zur Analyse von Sprache reicht Wort­ schatz allein bei Weitem nicht; es kommt auf die Vernetzung an, auf die Interpre­ tation im Kontext. Der Tübinger Com­ puterlinguist Detmar Meurers nennt drei Komponenten, die ein Computersystem zur Interpretation von Sprache erfassen muss: Einerseits die Sprache als gramma­ tisches System, also wie etwas ausge­ drückt werden kann. Andererseits die Funktion, also was in einem gegebenen Kontext mit dem Ge­ äußerten beabsich­ tigt ist. Und schließ­ lich wer da spricht oder schreibt, denn was man über einen Sprecher weiß, fließt in die Interpretation ein. Die drei Bestand­ teile bei der computerlinguistischen Analy­ se besser zu integrieren, ist ein Ziel seiner Arbeit. Ein Paradigmenwechsel von der genera­ tiven Linguistik zur empirischen, daten­ getriebenen Analyse hat in den letzten Jah­ ren substanziell die Entwicklung computer­ linguistischer Anwendungen gefördert. Das heißt, weg von einer exklusiven Fokussie­ rung auf die Theorie des Sprachsystems hin zu einer Analyse großer Mengen von reprä­ sentativen Sprachdaten. Zum Beispiel untersuchen Meurers und sein Team den Spracherwerb anhand von 1,2 Millionen Texten von Sprachlernern in der EF Cambridge Open Language Data­ base und zeigen, dass für eine valide Inter­ pretation der Daten die Aufgaben, in denen sie erhoben wurden, und Faktoren wie die Muttersprache des Lerners berücksichtigt werden müssen. Auf einer solchen Grund­ lage kann ein Sprachlernsystem wie das an

DER COMPUTERLINGUIST DETMAR MEURERS Forscher Kognitive Computer­ linguistik ist ein ziemlich neues Forschungsfeld in der Linguistik. Detmar Meurers gehört zu seinen Mitbegründern. Der gebürtige Rheinländer kam deshalb Ende der 1980er Jahre gezielt nach Tübin­ gen, um Linguistik, Informatik und Psychologie zu studieren. „Früher war alles allgemein und modular in der sogenannten generati­ ven Linguistik“, sagt Meurers. In Tübingen stellte man sich früh­ zeitig die Frage, wie jenseits aller Theorien eigentlich die Daten aussehen. Dieser Wech­ sel von der Linguistik als rein analytisch theoretischer hin

zur pragmatischen Disziplin inte­ ressiert den Wissenschaftler ganz besonders. Meurers forschte in jungen Jahren acht Jahre als einer von 16 Professoren für Linguistik an der Ohio State University in den USA. Im Jahr 2008 kehrte Meurers an seine Alma Mater zurück. Fragestellungen Statt der Frage, wie man aus kleinen Teilen große Sätze erzeugen und verstehen kann, verfolgt Meurers an seinem Ins­ titut einen gemischten Ansatz: Statt Sprache nur als System zu be­ trachten, berücksichtigt er neben der Sprache auch Sprecher und Aufgabe. roe

seinem Lehrstuhl entwickelte Feedbook interaktives Feedback für Schüler bei den Englisch­Hausaufgaben bieten. Statistische Modelle von Sprache, wie sie bei Google und Co für die automatische Übersetzung oder in Dialogsystemen ver­ wendet werden, sind „stark davon beein­ flusst, auf welchen Sprachdaten sie trainiert wurden“, erläutert Meurers. Das erklärt auch, warum und wie der Social Bot „Tay“, ein Software­Roboter von Microsoft vom „Hipstermädchen zum Hitlerbot“ werden konnte, wie „Spiegel online“ titelte. Eigentlich sollte Tay einfach nur liken, retweeten, kommentieren und sich im Dia­ log mit Menschen menschliche Züge aneig­ nen, also möglichst nicht mehr als Bot er­ kannt werden. Microsoft hatte dabei nicht bedacht, dass manche Menschen mit dem Ziel ans Werk gehen würden, diesen Bot mit Sprachmaterial zu füttern, das nur eine ganz bestimmte Teilmenge von sozialer Inter­ aktion darstellt, nämlich die sexistischer Nazis. Binnen 24 Stunden hatte sich Tay angepasst. Das heißt: Der sprachliche Input des Bots wurde systematisch manipuliert von einer bestimmten Gruppe. Deren Sprachmuster hat Tay gesammelt und natürlich unreflektiert nachgeplappert. Die Moral von Tay: Wenn wir Computer­ systeme auf Beispielen trainieren, müssen wir uns der Verantwortung bewusst sein, die aus der Auswahl des Trainingsmaterials erwächst. Ein Bot reflektiert nicht, erkennt keine Intentionen, sondern adaptiert und agiert seelenlos mechanisch. Auf welchen Daten trainiert wird, bestimmt das Verhal­ ten des Systems. Daten und Statistik sind die Basis, auf der KI und Sprache im Wesentlichen funktio­ niert. „Ein statistisches Sprachmodell lie­ fert wahrscheinliche Äußerungen“, so Meu­ rers. Dadurch kommt es bei automatischen Übersetzungen bisweilen zu verräterischen Konstellationen, wie Meurers schmunzelnd verrät: „Wenn man bis vor Kurzem ‚Mag ich‘ in Google Translate übersetzen ließ, so wurde bis vor Kurzem die engli­ sche Übersetzung ‚This website is good‘ geliefert.“ Die Übersetzung zeigt, dass das System auf Daten aus dem Internet trainiert wurde und dort eben am häufigsten Webseiten gemocht werden – während für Menschen allgemein, also auch in Sprach­ daten aus anderen Kontexten, Webseiten wohl nicht das Erste wären, was einem bei „Was magst du?“ einfallen würde. Das zeigt, wie schwierig bei KI und Sprache die Abgrenzung zwischen dem Sprachsystem an sich und einer typischen Verwendung von Spra­ che fällt. So übersetzt Google Translate auch wei­ terhin „How to can tuna for a living“ ins Deutsche als „Wie kann Thunfisch für einen Lebensunterhalt“. Hier geht in der Daten­ fülle unter, dass „können“ zwar die häufigs­ te Übsetzung von „can“ ist, aber Thunfisch in Dosen zu stecken trotzdem im englischen Sprachsystem möglich ist und hier die rich­ tige Übersetzung wäre. Mit Blick auf die Zukunft konstatiert Meurers, dass auch bei KI und Sprache „bis­ lang nicht genug sprachliche Strukturen von den statistischen Analysen berücksich­ tigt werden“. Häufig werde nicht berück­ sichtigt, welches Wort sich auf welches bezieht. „Wenn die Übersetzung von ‚Der Ausstieg aus der Kernenergie ist al­ ternativlos‘ als ‚The exit from nuclear energy is no alternative‘ herauskommt, so ist das Problem nicht die richtige Übersetzung einzelner Wörter, sondern das, was sich hier auf was bezieht.“ Sogenannte Parser können Dependen­ zen erkennen, also beispielsweise, von welchem Verb ein Subjekt oder Objekt ab­ hängt. „In den 1990er Jahren, als wir sol­ che Programme schrieben, konnte ein Par­ ser schon mal eine Minute brauchen – pro Satz. Mittlerweile können sie Tausende von Wörtern pro Sekunde analysieren“, be­ schreibt Meurers den rasanten Fortschritt der Sprachverarbeitung mit dem Computer. Neben dieser stärker strukturierten Sicht

So stellt „100 Worte“ auf seiner Web site sein grundsätzliches Konzept vor.

d hen Mensch un c is zw n io kt ra r. n u n g Die Inte immer wichtige d S p ra ch er ke n ir w e h c ra p S n IT türlicher und Grenzen vo Computer in na n e it ke h lic g ö ive n die M tik, der Perspekt is Wir präsentiere u g in L r e d t h s der Sic und Sprache au ven Gründern. ti va o n in d n u von Anwendern

auf Sprache sieht der Wissenschaftler einen wichtigen Trend der Forschung darin, mit Methoden des „Deep Learning“ immer mehr elaborierte Aufgaben anhand von Beispielen komplett zu trainieren, also eine Fortführung des maschinellem Lernens. Grenzen von KI und Sprache ergeben sich oft aus einer reduzierten Repräsenta­ tion des zu lösenden Problems, etwa die Be­ wertung von Aufsätzen. Der Mensch liest nicht nur die Worte und stellt fest, welche vorkommen, sondern er überlegt sich, was der Text bedeutet oder sagen will. Aktuelle Systeme, die Aufsätze bewerten, funktionie­ ren laut Meurers völlig anders: „Die werfen alle Wörter einfach in eine Tasche – ohne jegliche Struktur. Dann nimmt das System eine Menge von Wörtern und vergleicht sie mit einer anderen Menge von Wörtern. An dieser Stelle kommt überwachtes maschi­ nelles Lernen ins Spiel: Man lässt Lehrer gu­ te und schlechte Aufsätze bewerten. Jeder Aufsatz wird dann als eine Tasche voller Wörter betrachtet und mit der entspre­ chenden Expertenbewertung beschriftet.“ Ist das System auf dieser Grundlage trai­ niert, so kann es für einen neuen Aufsatz

Screenshots: WIZE picture alliance, privat /Adobe Stock, Matt Stark, Fotos: Roeder, chombosan

Das Computer­Babylon

n e d e r l a m n e s s Wir mü

automatisch die ähnlichsten Aufsätze he­ raussuchen und hat dann eine Bewertung. Es gebe Systeme, die Aufsätze mit dieser Methode automatisch benoten können, wenn genügend Aufsätze vorliegen, die im Vorfeld von Menschen bewertet wurden. Nimmt man allerdings nur zwei oder drei Sätze und versucht, alle Wörter zusammen in eine Tasche zu werfen, dann „tut es so nicht mehr“, weiß Meurers. „Sie brauchen jetzt mehr Struktur, die Abhängigkeiten zwischen Wörtern und müssen berücksich­ tigen, was die zu beantwortende Frage eigentlich konkret erfragt, statt einfach nur Wörter draufloszusprudeln.“ Ein Forschungsprojekt, mit dem Meu­ rers sich seit einigen Jahren beschäftigt, untersucht daher, wann eine Frage eigent­ lich beantwortet ist und wie Eigenschaften von Frage, Antwort und dem zu lesenden Text hierbei zusammenspielen. Dazu müsse man deutlich mehr linguistische Analyse betreiben, habe aber trotzdem noch jede Menge Beispieldaten. „Wir versuchen diese zwei Welten zu verbinden, nämlich die Welt der Theorie von Sprache plus massenweise Beispiele.“

Das Gründerteam Simon Tschürtz (links) und Daniel Spitzer

BEISPIELE FÜR ÜBERSETZUNGS­FEHLLEISTUNGEN BEI GOOGLE

Hundert Worte sagen, wer du bist Zwei Gründer haben eine Textanalyse entwickelt, die zwischen den Zeilen lesen kann. Von Akiko Lachenmann Psychologie

M

it Daniel Spitzer kann man sich nicht ganz unbefangen unterhal­ ten. Der 28 Jahre alte Psychologe, der sich im Studium auf Sprachanalyse konzentriert hat, erkennt rasch, ob sein Gegenüber ein dominanter oder eher ver­ huschter Charakter ist. Dabei achtet er nicht nur auf den Inhalt der Worte. „Der reine Inhalt gibt nur 15 Prozent unserer Persönlichkeit preis“, erklärt er. Viel mehr sage die Struktur der Sprache aus: Wie häu­ fig wird beispielsweise das Wort Ich ver­ wendet? (Viele Ichs deuten auf eine eher depressive Persönlichkeit hin.) Neigt die Person zum Substantivieren und verwendet sie viele Artikel? Dann ent­ spricht sie eher dem Typ Analytiker als dem Typ Bauchentscheider. Aus diesen wissen­ schaftlichen, aber gar nicht mal neuen Er­ kenntnissen – die ersten Studien stammen aus den 1980er Jahren – strickte Spitzer eine Geschäftsidee. „Ich war überrascht, dass diese Zusammenhänge in der Praxis noch gar nicht angewendet werden.“ Nicht einmal von Google oder Microsoft. Ein Jahr lang brachte sich Spitzer mithilfe von Web­ Schnellkursen das Programmieren bei. Dann, im Dezember 2015, stellte er seine Textanalyse­App „100 Worte“ in das Netz. Die App analysiert Whatsapp­Chats: Man exportiert einen ganzen Chat­Verlauf und erfährt aus verschiedenen Bal­ kendiagrammen, wie gut sich die Chat­Partner verstehen, wie sich die Beziehung im Laufe der Zeit verändert hat oder welche Erwar­ tungen die Chatpartner haben. Für das Betriebswirtschaftliche holte Spitzer einen alten Schulfreund an Bord, Simon Tschürtz, der dafür sogar seine Festanstellung bei Audi sausen ließ. Gemeinsam haben sie die Textana­ lyse weiterentwickelt, die heute 13 070 Worte, 22 Attribute und 20 wissen­ schaftliche Studien berücksichtigt. Sie

wurde an Wünsche zahlungskräftiger Ziel­ gruppen angepasst. „Mit einer App allein ist kein Geld zu verdienen“, erklärt Simon Tschürtz. „Mit Unternehmen aber schon.“ Die erste Zielgruppe, die die beiden an­ gepeilt haben, sind Unternehmen, die Be­ werber anhand von deren Anschreiben bes­ ser kennenlernen wollen. „Bisher orientie­ ren sich Personaler nur an Noten und an der fachlichen Qualifikation“, hat Tschürtz beobachtet. Das Bewerbungsschreiben ver­ rate jedoch auch, ob jemand teamfähig ist, ob er ehrlich ist oder wie ausgeprägt sein Bedürfnis nach Erfolg und Macht ist. Die Gefahr, dass Bewerber sich in ihrem Anschreiben verstellen, ist gering. „Wir können den Einsatz von Funktions­ wörtern – dazu gehören Hilfsverben, Konjunktionen, Präpositionen, Prono­ men – nicht bewusst steuern“, sagt der Psy­ chologe Spitzer. Außerdem werde spätes­ tens beim persönlichen Gespräch klar, wel­

WIE „100 WORTE“ FUNKTIONIERT Studien Die Sprachanalyse 100 Worte basiert hauptsächlich auf Arbeiten des amerikani­ schen Sozialpsychologen James W. Penne­ baker in den 80er Jahren. Er fand als Erster heraus, dass gerade die scheinbar unwichtigen Funktionsworte am meisten über eine Person verraten. Andere Wissenschaftler stellten in späteren Studien außerdem fest, dass, wenn zwei Menschen Zuneigung zueinander empfin­ den, sich ihr Sprachstil und die Verwendung von Funktionsworten angleichen. Geschlechter Bei Textanalysen spielt auch eine große Rolle, ob es sich bei dem Verfasser um einen Mann oder eine Frau handelt: Frauen be­ nutzen beispielsweise viele Personalpronomen, weil sie eher über Beziehungen sprechen als Männer. Diese wiederum verwenden Präposi­ tionen oder Artikel, um der Sprache Genauig­ keit zu geben, und mögen lange Wörter. alm

che Persönlichkeit sich dahinter verbirgt. Eine weitere Zielgruppe für 100 Worte sind Unternehmen, die wissen möchten, wie ihre Marke im Internet wahrgenommen wird, sowohl in der Presse als auch in den sozialen Netzwerken, und ob das Bild mit der Eigenwahrnehmung übereinstimmt. „Das ist eine enorme Arbeitserleichterung für die Firmen“, sagt Spitzer. Anstatt jemanden alle Presseberichte durchlesen zu lassen, erfasst die Software von 100 Worte in einer Sekunde und auf objektive Weise, wie es um das Image des Unternehmens in der Öffentlichkeit steht. Bei einschlägigen Online­Partnerver­ mittlungsbörsen sind die beiden Gründer bereits vorstellig geworden. Diese sahen in der Anwendung jedoch offenbar eine be­ drohliche Konkurrenz zu den eigenen Ab­ gleichmethoden, die auf psychologischen Fragebögen beruhen – und lehnten eine Zusammenarbeit ab. Dagegen lief 100 Wor­ te beim Medienbeobachter Echobot offene Türen ein. Echobot analysiert ebenfalls für Firmen digitale Inhalte und hat unter sei­ nen mehr als 750 Kunden auch große Unternehmen wie Lidl. „Echobot hat unse­ re Anwendung mit ins Programm genom­ men“, sagt Tschürtz. „Außerdem werden wir sehr bald bei weiteren Kunden vorstel­ lig.“ Dass der Markteinstieg gelingt, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in den anderen Ländern Europas, davon sind die beiden Gründer überzeugt. Vor Kurzem haben sie Büroräume in der Innovationsfabrik Heilbronn bezogen, in denen bis Ende des Jahres fünf Mitarbeiter sitzen sollen. Bei allem Optimismus würde eine rückblickende Analyse der eigenen Befindlichkeiten wohl ein Gefühlschaos zutage fördern. „Wir haben alle emotiona­ len Facetten durchlebt, von tiefen Zweifeln, Ängsten und Ärger bis hin zu Euphorie“, er­ zählt Daniel Spitzer. „Dabei haben wir aber bislang immer gut harmoniert“, fügt sein Kompagnon Simon Tschürtz hinzu. „Wenn ich einen Aussetzer hatte, hat Daniel mich wieder aufgebaut. Und umgekehrt.“ Die App „100 Worte“ ist nicht mehr ver­ fügbar. Ausprobieren kann man die Anwen­ dung unter http://100worte.de

Auf raschem Weg zu menschlichen Dialogen Oliver Kelkar von der Porsche­Tochter MHP erläutert die Rolle der Sprache bei der Vernetzung im Alltag. Von Susanne Roeder Praxis

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prache, Gesten, Bewegtbilder sind dem Menschen vertraute, natürliche Kommunikationsarten. Tastatur und Maus sind Hilfsmittel, die zunehmend durch die natürlichen Interaktionsformen ergänzt und bald vielfach ersetzt werden. „Die Anwendung von Spracherkennung wird in allen Bereichen stattfinden – vom Schalten der Wohnzimmerbeleuchtungs­ szenerie bis zur Steuerung komplexer Anlagen“, sagt Oliver Kelkar, Leiter Produkt­ und Innovationsmanagement der Ludwigsburger Beratungsfirma MHP. Das Vorantreiben komplexer Steuerungs­ systeme über Sprache ist deshalb ein wich­ tiges Entwicklungsfeld des Porsche­Toch­ terunternehmens. „Wir entwickeln diese Technologien nicht, wir bringen sie zum Einsatz und trai­ nieren das System, so dass es immer besser wird.“ Textbasierte Chatbots fungieren häufig schon heute als die ersten Service­ ansprechpartner auf vielen Websites von Unternehmen, beispielsweise in der Ener­ gie­ oder Finanzwirtschaft. „Teil­ weise sind sie in ihren Aus­ künften treffsicherer und präziser als menschliche Mitarbeiter“, betont Kel­ kar. „Nicht alle sind heute perfekt – aber der Weg ist vorgezeichnet.“ Chatbots stellen kontextbezogenes MHP­Manager Kel­ kar blickt auf prak­ tische Innovation.

Wissen zur Verfügung und bilden damit die Basis. Die alternative Eingabemethode per Sprache ist der nächste Schritt bis hin zu menschenähnlichen Dialogen. „Die Chat­ bots sind binnen weniger Jahre ziemlich gut geworden“, lautet Kelkars Diagnose. Man denke nur an „Siri“ von Apple, „Google now“ oder „Google Home“ von Google oder Microsofts „Cortana“. Für viele Menschen sind sie der erste Kontakt mit interaktiver Sprachsteuerung. „Für die meisten Anwender funktioniert das schon erstaunlich gut, auch wenn es sich mehr um Frage­Antwort­Anwendun­ gen denn um echte Dialoge handelt“, so die Beobachtungen des Digitalisierungsexper­ ten. „Natürlich ist noch viel Luft nach oben. Zumindest aber bietet der Google­Über­ setzer Möglichkeiten der Kommunikation mit Menschen, deren Sprache man nicht spricht – ein echter Zugewinn.“ In den eigenen vier Wänden übernimmt bei vielen bereits Amazons Alexa Aufgaben von der Wetteransage über die Wahl des TV­Programms bis hin zum termingerech­ ten Laden des E­Autos in der Garage. Gera­ de im Auto oder in produzierenden Um­ gebungen bringe die Möglichkeit, ohne Einsatz der Hände kommunizieren zu können, einen echten Zugewinn in puncto Arbeits­ und Prozesssicherheit sowie Geschwindigkeit, sagt Kelkar. Die Steuerung der Navigation und des Telefons über die Freisprecheinrichtung ist in vielen Automodellen bereits Normalität. „Wir bei MHP entwickeln und erproben Möglichkeiten der Sprachsteuerung, bei­ spielsweise bei der Analyse und Bewertung

großer Datenmengen. Mittels der Daten­ brille Hololens oder einer Virtual­Reality­ Brille, gepaart mit Sprachsteuerung, wer­ den komplexe Datenstrukturen untersucht und für uns Menschen besser verständlich ausgewertet und dargestellt“, sagt Kelkar über die Fortschritte im Digitalisieren von Sprache. In einem eigenen, auf die Nutzer­ erfahrung ausgerichteten Labor können vielfältige Alternativen getestet werden. So können die Funktionalitäten neben der Sprache auch spielerisch und haptisch auf einem großen Spielbrett mit Spielfigu­ ren genutzt werden. Aber auch die Steue­ rung einzelner Produktionsmaschinen bis hin zu komplexen Anlagenstrukturen wird von MHP erprobt. „Derzeit ist das wegen der Grundlautstärke in der Produktions­ umgebung und den darauf nicht angepass­ ten Eingabegeräten noch nicht wirklich praktikabel.“ Die Ausweitung auf komplexere Vorgän­ ge scheint nicht weit. Der Begriff „künstli­ che Intelligenz“ wird derzeit inflationär ge­ nutzt und ist nicht einheitlich definiert. In den meisten Fällen handelt es sich um das sogenannte Machine Learning (Maschi­ nenlernen) und/oder das Deep Learning (vertieftes Lernen). In einer aktuellen Stu­ die zum Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitnehmer hat MHP Berufsgruppen in Tätigkeiten zerlegt und diesen eine Auto­ matisierungswahrscheinlichkeit zugeord­ net. Selbst ein Abteilungsleiter hat dem­ nach eine Automatisierungswahrschein­ lichkeit von mehr als 30 Prozent bis zum Jahr 2030 – nicht in den Führungs­ oder Kreativaufgaben, sondern bei administra­ tiven Tätigkeiten. Ermöglicht wird dies durch intelligente Systeme, die teils auch mittels Sprachdialogen genutzt werden. Die Interaktion per Spracheingabe – und sei sie noch so gut – habe allerdings

auch ihre Grenzen, sagt Oliver Kelkar, selbst ein leidenschaftlicher Erprober ver­ netzten Lebens. „Man denke nur an die Lautstärke an öffentlichen Orten wie in Zü­ gen oder Konzertsälen. Hier haben wir die leisen Möglichkeiten von smarten Geräten im Gegensatz zur lauten und störenden Telefonie schätzen gelernt.“

BERATUNGSGESELLSCHAFT MHP Unternehmen Die MHP Management­ und IT­Beratung GmbH besteht seit 21 Jahren und zählt zu den führenden Beratungsunterneh­ men. Das Tochterunternehmen der Porsche AG beschäftigt derzeit rund 1850 Mitarbeiter, will in absehbarer Zeit auf 3000 Beschäftigte expandieren und den Umsatz von derzeit gut 300 Millionen Euro auf mindestens eine Mil­ liarde erhöhen. Man ist auf gutem Weg. Pro Monat stoßen 60 bis 90 Mitarbeiter dazu, die Fluktuation gilt mit etwa elf Prozent als recht gering in der Branche. Ansatz Der besondere Beratungsansatz von MHP ist die Symbiose aus Management­ und IT­Beratung. Als Digitalisierungsexperte „mit den Leistungsbereichen Management Consul­ ting, System Integration, Managed Services sowie Digital Services and Solutions blicke man immer auf die gesamten Prozesse der Kunden, heißt es. Branchen Als Branchenexperte – vor allem für Mobility und Manufacturing – bietet die MHP GmbH ihren Kunden neben umfassender IT­ Kompetenz auch tief greifendes Management­ und Prozess­Know­how. Strategische Innova­ tionen überträgt das Unternehmen auch auf andere Branchen. MHP ist international an 13 Standorten weltweit tätig, zwei davon in Lud­ wigsburg, dem Hauptsitz der Gesellschaft. roe


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Sind E-Fuels besser als E-Mobilität? Auch in Stuttgart forscht man an Kraftstoffen, die womöglich den traditionellen Verbrenner klimaneutral machen könnten. Von Susanne Roeder Antriebe

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lle reden über E-Mobilität. Dabei gibt es mit synthetischen Kraftstoffen, den sogenannten E-Fuels, auch heute schon eine Alternative. Doch wie realistisch ist sie? Dafür sucht man auch an der Uni Stuttgart Antworten. „Wir bei Bosch setzen uns dafür ein, die Entwicklung offen zu halten“, verkündete Volkmar Denner auf der jüngsten Automesse IAA in Frankfurt. Bosch gehört zu den lautstarken Befürwortern für den Fortbestand der Verbrennungsmotoren und erklärt, dies helfe dem Klima. Ein wichtiger Spieler dabei seien synthetische Kraftstoffe, sogenannte E-Fuels. Das sind gasförmige und flüssige Kraftstoffe (Wasserstoff, Methan, synthetische Otto- und Dieselkraftstoffe inklusive Kerosin), die mittels Elektrolyse auf der Basis von erneuerbarem Strom hergestellt werden. Mit der Herstellung synthetischer Kraftstoffe aus CO2 beschäftigt sich zum Beispiel Siemens schon seit einiger Zeit. Am Institut für Technische Chemie in Stuttgart forscht Lehrstuhlinhaber Elias Klemm zusammen mit Gastprofessor Jaya Narayana Sahu unter Hochdruck an der großindustriellen Nutzung des Gases als Treibstoff und Energieträger mittels CO2-WasserCo-Elektrolyse. Sahu hat ein Verfahren entwickelt, um leistungsfähige Elektroden mittels Mikrowellen-Pyrolyse herzustellen. Foto: dpa Das Charmante an der „Wir bei Bosch setzen uns Mikrowellen-Pyrolyse: Sie dafür ein, die Entwicklung kann unterschiedliche Kohlenstoffmaterialien definiert offen zu halten.“ und in großen Mengen erzeuBosch-Chef Volkmar Denner über gen. Sahu, der auf die Mikrodie E-Fuels und Elektromobilität welle ein Patent hat, kann mit seinem Verfahren katalytisch aktive Kohlenstoffmaterialien herstellen, die Fremdatome enthalten. An solchen Materialien kann in einem Elektrolyseur CO2 mit Wasser zu Treibstoffen und Energieträgern umgesetzt werden. CO2 wird also sowohl für die Herstellung der Elektroden als auch für die Erzeugung synthetischer Treibstoffe eingesetzt. Voraussetzung für die Nachhaltigkeit ist allerdings die Verfügbarkeit von Strom aus regenerativen Quellen. Trotz solcher Entwicklungen scheint beim Automobil die Devise „weiter, schneller, günstiger“ in eine einzige Richtung sub-

Elias Klemm von der Universität Stuttgart mit Gastprofessor Jaya Narayana Sahu vor der „Zauberformel“ für die Herstellung von E-Fuels. ventioniert und forciert zu werden, die der Elektromobilität. Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Deutschen Automobilindustrie (VDA), betont, er setze „ganz stark auf die Option klimaneutraler Kraftstoffe, die im geschlossenen Zyklus genauso viel CO2 aus der Luft nehmen, wie sie CO2 in die Luft abgeben.“ Der Verband gab eine Studie bei der Deutschen Energie-Agentur (Dena) in Auftrag, um von einer unabhängigen Institution untersuchen zu lassen, ab wann die Idee der Umwandlung von Energie zu Flüssigkeit und zu Gas auch unter Kostengesichtspunkten wettbewerbsfähig sein kann. Ergebnis: in circa 15 Jahren. Außer Frage steht dabei für Andreas Kuhlmann, Physiker und Chef der Energieagentur, dass mit der Elektromobilität allein die Klimaziele nicht erreichbar und der Gesamtverkehr nicht auf erneuerbare Energien umgestellt werden kann. „Mit E-Fuels kann die gesamte bestehende globale Flotte versorgt werden. Nur so kann ein signifikanter Beitrag des Straßenverkehrs zur CO2-Reduktion gewährleistet werden,“ sagt er. „Für die Erreichung der

Klimaziele von Paris benötigen wir einen Bestand von 60 bis 80 Millionen Elektrofahrzeugen weltweit in knapp zehn Jahren, heute haben wir zwei Millionen“, sagt Leopold Mikulic von der TU Wien. Doch bisher wird das Thema massentaugliche E-Fuels nicht energisch vorangetrieben. Fragt man nach, heißt es oft „zu teuer“. Das galt auch lange Zeit für die Elektromobilität, bis die Politik sie für sich entdeckte. Doch Denner bleibt davon überzeugt, dass „ein Markthochlauf der Produktion sowie eine günstige Preisentwicklung beim Strompreis dafür sorgen können, dass diese Kraftstoffe deutlich günstiger werden“. Langfristig seien nach aktuellen Studien reine Kraftstoffkosten von 1,00 bis 1,40 Euro pro Liter realisierbar. Die Vorteile sind bestechend. Dazu gehört neben den gewohnten Tankzeiten und Reichweiten, dass das bestehende Tankstellennetz weiter genutzt werden kann. Vor allem aber und das dürfte für Autofahrer die wichtigste Botschaft sein: Sie können ihre Autos ohne irgendwelche Umbauten weiterfahren und sind dennoch klimaneutral. Das gilt nicht nur für Benziner und

Tüftler – Gründer – Startups Sie interessieren sich für Ideen, Innovationen und Inspirationen rund um Startups, etablierte Firmen, Hochschulen und Trends aus der Technologieentwicklung in Baden-Württemberg? Auf www.ideenwerkBW.de und in Ihrer Wirtschaftszeitung „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte.

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Foto: Susanne Roeder

Diesel der Neuzeit, es gilt sogar für Oldtimer. „Technisch ist es schon heute möglich, synthetische Kraftstoffe herzustellen. Wenn der Strom, der dafür eingesetzt wird, regenerativ – und damit CO2-frei – gewonnen wird, sind diese Kraftstoffe klimaneutral und vielseitig verwendbar“, so die Bosch-Studie. Klingt nach einer Energie-Wunderwaffe. Warum also war man in Deutschland in puncto E-Fuels bislang so zurückhaltend und investiert Millionen in Prämien für elektrische Autos? „Dies ist eine politische Entscheidung“, sagt Stefan Pischinger, Institutsleiter des Lehrstuhls für Verbrennungskraftmaschinen der renommierten RWTH Aachen. „Als Wissenschaftler befürworte ich einen offenen Technologiewettbewerb ohne Bevorteilung oder Verbot einzelner Technologien. Am Ende sollte sich die Technologie durchsetzen, die die Zielvorgaben am effizientesten erfüllt.“ Pischinger und viele andere Wissenschaftler Foto: dpa weisen gemeinsam mit Bosch synthetischen Kraftstoffen „Es hat keinen Sinn ein großes Potenzial zu, die vorzuschreiben, welche CO2- und SchadstoffemissioTechnologien welchen nen signifikant zu senken. Daimler-Chef Dieter Zet- prozentualen Anteil sche äußert sich weniger eu- erreichen müssen.“ phorisch, vielleicht weil sich die Marke mit dem Stern fest- Dieter Zetsche, Daimler-Chef gelegt hat, in den kommenden fünf Jahren für ihre gesamte Modellpalette elektrische Antriebe auf den Markt zu bringen – wie die meisten Hersteller im Zuge des allgemeinen E-Hype. In seiner Funktion als Präsident des Europäischen Automobilherstellerverbandes ACEA stimmte er aber zu, dass E-Fuels eine wertvolle Rolle zukommen könne „mit unmittelbaren Auswirkungen auf das Klima“. Es sei kein Geheimnis, dass die Elektromobilität hier bisher keine signifikanten Verbesserungen produziere wegen der derzeit noch schlechten Gesamtenergiebilanz. Zetsche wehrt sich deshalb gegen Reglementierungen bei den Klimabemühungen: „Es hat keinen Sinn vorzuschreiben, welche Technologien welchen prozentualen Anteil erreichen müssen auf dem Weg, das Klimaziel zu erreichen, auf das wir uns verständigt haben.“ Man wisse noch nicht, wie die endgültige Lösung aussehen könne und ob es nicht mehrere Lösungen gebe, von denen E-Fuels eine sein werde.

WAS SIND E-FUELS UND WIE WERDEN SIE HERGESTELLT? Definition Syn-Fuels oder E-Fuels sind synthetische Kraftstoffe, vereinfacht auch alternative Treibstoffe genannt. Bei der Bezeichnung E-Fuel steht das „E“ für elektrische Energie, mit der sie gewonnen werden. Die E-Fuels können CO2frei und schadstoffarm sein, zum Beispiel die OME-Kraftstoffe (Oxymethylenether). Diese flüssigen Kraftstoffe gelten als optimal, nicht zuletzt aufgrund ihres deutlich besseren Wirkungsgrads im Vergleich etwa zum Diesel-

kraftstoff bei identischen Betriebsparametern. Hinzu kommt, dass sich flüssige Kraftstoffe gut transportieren und lagern lassen. Herstellung Wasser mittels Elektrolyse zerlegt resultiert in Wasserstoff, und der ist flexibel nutzbar, auch für die Brennstoffzelle. In Verbindung mit CO2 aus der Luft oder von Industrieanlagen und der Fischer-Tropsch-Synthese lässt sich Wasserstoff nutzen und zu Kohlenwasserstoffen wandeln, den

E-Fuels. Prinzipiell besteht die Möglichkeit, aus elektrischer Energie flüssige oder gasförmige Kohlenwasserstoffe zu machen. Diese E-Fuels kann man im Verbrennungsmotor nutzen. Energie Ungenutzte elektrische Energie aus Fotovoltaik und vor allem aus Windrädern wäre zur Produktion optimal. Dieser Strom, der anfällt, wo man ihn nicht brauchen kann, könnte sinnvoll zur Herstellung der E-Fuels eingesetzt werden. roe


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Nicht ohne meine Scheine! Banknoten und Mßnzen sind in Deutschland weiterhin sehr beliebt als Zahlungsmittel. In vielen anderen europäischen Ländern zahlt man zunehmend bargeldlos. Von Oliver Schmale Bargeld

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ur Bares ist Wahres – die Redensart hat es in sich. Um die Abschaffung von Bargeld ist in Deutschland eine heftige Diskussion entbrannt. Das Thema ist aber gar nicht so neu. So fordert der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Rogoff schon länger, dass Scheine und MĂźnzen abgeschafft gehĂśren. Nur so lieĂ&#x;en sich die Zinsen weiter in den Minusbereich drĂźcken. Und nur so kĂśnne man verhindern, dass die BĂźrger ihr VermĂśgen unter der Matratze horten. Schweden hatte 1661 als erstes Land in Europa Geldscheine eingefĂźhrt. Nun ist man in dem skandinavischen Staat dabei, sich davon langfristig wieder zu verabschieden: In Stockholm kann man in Bus und Bahn nicht mehr mit Kleingeld zahlen und auch in vielen Kneipen ist das schon so. Das Land setzt konsequent auf digitalen Zahlungsverkehr. Ganz an„Obwohl so getan wird, als ders in Deutschland: Trotz der fortschreitenden DigitalisiestĂźnde die Abschaffung rung will die groĂ&#x;e Mehrheit des Bargelds unmittelbar der Deutschen einer Umfrage bevor, zirkulieren mehr zufolge nie vollständig auf Bargeld verzichten. Zu diesem Banknoten denn je.“ Ergebnis kommt eine ErheCarl-Ludwig Thiele, bung des Bankhauses INGBundesbank-Vorstand Diba unter Verbrauchern in 13 europäischen Ländern sowie in den USA und Australien. Danach stimmten 84 Prozent der Befragten in Deutschland der Aussage zu: „Ich werde nie vollkommen ohne Bargeld auskommen wollen.“ Nur in Italien sei der Anteil mit 85 Prozent noch hĂśher. Der europäische Durchschnitt liegt bei 76 Prozent. „Deutsche Verbraucher tragen Ăśfter und in grĂśĂ&#x;erer Menge Bargeld bei sich als der europäische Durchschnitt und wickeln auch einen grĂśĂ&#x;eren Anteil ihrer Transaktionen mit Bargeld ab“, erklärte das Bankhaus. Die Vorliebe der Deutschen fĂźr Scheine und MĂźnzen ist schon lange bekannt. So kam etwa eine Bundesbank-Studie zu dem Ergebnis, dass hierzulande noch vier FĂźnftel aller Einkäufe bar bezahlt werden. Laut

ING-Diba gaben Verbraucher in Deutschland zu 90 Prozent an, „häufig“ oder gar „fast immer“ Bargeld bei sich zu tragen. Das sei der Spitzenwert in der Umfrage gewesen. Zwar hätten 34 Prozent ihre Bargeldnutzung in letzter Zeit verringert, dieser Wert liege aber deutlich unter dem europäischen Schnitt von knapp 54 Prozent. „Obwohl mitunter so getan wird, als stĂźnde die Abschaffung des Bargelds unmittelbar bevor, zirkulieren mehr Banknoten denn je“, sagte Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele neulich. Ende 2016 waren Euro-Banknoten im Wert von 1126 Milliarden im Umlauf. Seit EinfĂźhrung des Euro-Bargeldes 2002 habe sich der Banknotenumlauf verfĂźnffacht. „Es gilt nach wie vor: Cash is King!“ Zwar nimmt im deutschen Einzelhandel der Anteil der Kartenzahlungen seit Jahren kontinuierlich zu, doch Deutschland bleibt ein Land der Barzahler. Mehr als die Hälfte der Umsätze an den Ladenkassen werden nach Zahlen der Handelsverbandes HDE mit Schein und MĂźnze getätigt. Auch ein Gutachten aus dem Bundeswirtschaftsministerium fĂźhrt aus: „Zahlungen per Kreditkarte . . . sind in Europa teurer als Barzahlungen oder Zahlungen per Debitkarte.“ Die beschlossene Abschaffung des 500Euro-Scheins und Ăœberlegungen der EUKommission, Obergrenzen fĂźr Bargeldgeschäfte einzufĂźhren, bestärkt die BargeldbefĂźrworter eher noch – zumal umstritten ist, ob solche staatlich verordneten Einschnitte Ăźberhaupt die erhoffte Wirkung zeigen. Die Gegner des Bargelds wollen damit Terrorfinanzierung, Geldwäsche und Schwarzarbeit einfacher bekämpfen. Der frĂźhere Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte sich dafĂźr starkgemacht, Bargeldgeschäfte in Deutschland auf maximal 5000 Euro zu begrenzen. In vielen Ländern gibt es bereits Bargeldlimits: In Italien liegt die Grenze bei 3000 Euro, in Frankreich sogar bei nur 1000 Euro. Vor fast zwei Jahren hatte die niederrheinische Stadt Kleve den Kampf mit dem Kleingeld

aufgenommen – krumme Rechnungsbeträge sollen mit Einverständnis der Kunden auf fĂźnf Cent auf- oder abgerundet werden. Mit dem Slogan „Geehrte Kunden, wir runden“ waren Händler in Kleve an den Start gegangen, um die aus ihrer Sicht lästigen 1- und 2-Cent MĂźnzen aus den Ladenkassen zu verbannen. Angefangen hatte man mit 80 Mitstreitern, doch es wurden immer weniger. Das Problem: der wiederkehrende Erklärungsbedarf bei den Kunden, die nicht Ăźber das Projekt informiert sind. Das kostet Zeit. Wer als Kunde mit dem Runden nicht einverstanden ist, hat natĂźrlich Anspruch auf centgenaues RĂźckgeld. Und bezahlt werden kann auch weiter mit den 1- und 2-Cent-MĂźnzen im Portemonnaie. Ein Hintergrund der bundesweit einmaligen Aktion in Kleve war sicher der Umstand, dass die Beschaffung von kleinem MĂźnzgeld fĂźr den Handel mit zunehmenden Kosten verbunden ist. In Einzelfällen mĂźsse etwa eine Rolle mit 50 einzelnen Cent-StĂźcken von Händlern bei der Bank mit dem doppelten Wert von einem Euro bezahlt werden, heiĂ&#x;t es beim Handel. Die kleinen MĂźnzen sind in vielen Ländern beliebt. Der Umlauf des Kleingeldes steigt, obwohl Belgien, Finnland, Irland

Wenn Bargeld zählt Foto: by-studio/Adobe Stock

und die Niederlande schon Rundungsregeln fĂźr den nationalen Bargeldverkehr eingefĂźhrt haben. Doch der Gebrauch des Bargelds dĂźrfte langfristig weniger werden: So kĂśnnen viele ab 2018 innerhalb weniger Sekunden auf ein anderes Konto Ăźberweisen. Diese EchtzeitĂźberweisung kĂśnnte ein Ersatz fĂźr Bargeldzahlungen werden, heiĂ&#x;t es bei Banken. Mal sehen, ob es so kommt.

ZAHLEN MIT BARGELD – ODER OHNE Bargeld Zahlungsmittel in kÜrperlicher Form, also Mßnzen oder Banknoten. Es dient dem Austausch von Gßtern und Dienstleistungen. Geschaffen wird Geld von Zentralbanken eines Landes oder Ländergemeinschaften, in Umlauf gebracht wird es ßber Geschäftsbanken. Erste Mßnzen gab es schon lange vor Christi Geburt etwa in Asien und im Üstlichen Mittelmeerraum. Papiergeld soll es seit dem 11. Jahrhundert geben.

Digitalisierung Die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs ist eine moderne Form des bargeldlosen, also dematerialisierten Zahlungsverkehrs, der sich seit dem Spätmittelalter aus Italien verbreitete. Digitale Technologien revolutionieren die ZahlungsmÜglichkeiten, aber auch die Vergabe von Krediten, etwa ßber Crowdfunding. Mobiles Payment ßber Apps verbreitet sich rasch. Kryptowährungen wie Bitcoins oder die Blockchain-

Technologien schaffen neue Zahlungsformen. EchtzeitĂźberweisung Bei der EchtzeitĂźberweisung (Instant Paying) handelt es sich um eine Form des digitalisierten Zahlungsverkehrs. Ăœberweisungen dauern nur noch Sekunden. Damit kann im Handel ohne Einsatz von physischem Geld bezahlt werden. Vorgenommen werden diese Transaktionen per OnlineBanking, Ăźber SmartphoneApps oder auch Karten. bl

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24 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2017

Deutschland hat ein demografisches Problem. Ohne eine weitere Anhebung des Rentenalters auf 70 Jahre ist die Altersversorgung auf Dauer wohl nicht sicherzustellen.

Fotos: dpa, privat

„Nach mir die Sintflut“ Wie lange wir arbeiten, ist heftig umstritten. Vorerst besteht in Sachen Rentenalter zwar kein dringender Handlungszwang, doch die Diskussionen müssen in dieser Legislaturperiode beginnen. Von Gerhard Bläske

Demografie

I

m Bundestagswahlkampf spielte das Thema Rente nur eine untergeordnete Rolle. Kanzlerin Angela Merkel schloss eine Rente mit 70 aus. Sie kündigte lediglich die Bildung einer Kommission an, die bis 2019 Vorschläge für Reformen erarbeiten soll. Damit war die Diskussion praktisch beendet. „Gut so“, findet Professor Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwirtschaft und Direktor des For-

schungsinstituts Generationenvertrag an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg. Andernfalls hätte es wohl weitere Wahlgeschenke an die Rentner gegeben, meint er. Die derzeit gute Lage der Rentenkassen sorgt für Entspannung. Trotz Wahlgeschenken der Großen Koalition wie die Rente mit 60 und die Mütterrente, die zusammen jährlich zehn Milliarden Euro kosten, hat die Rentenversicherung eine

Nachgefragt

„Rente nur Basisversorgung“ Rentenexperte Bernd Raffelhüschen über sichere Renten und längere Lebensarbeitszeit.

D

amit der Generationenvertrag funktioniert, müssen alle mitziehen, fordert Bernd Raffelhüschen.

Im Bundestagswahlkampf spielte das Thema Rente fast keine Rolle. Warum? Raffelhüschen: Das war gut so. Sonst hätte es nur neue Wahlversprechen gegeben wie im letzten Wahlkampf, als danach die Mütterrente und die abschlagsfreie Rente mit 63 kamen. Experten sagen, das Rentenalter muss von 67 auf 70 angehoben werden! Ja, aber das hat noch Zeit. Ich meine, es reicht, wenn dazu zu Beginn der kommenden Legislaturperiode Beschlüsse gefasst werden, denn konkreter Handlungsbedarf besteht erst für die Zeit nach 2030. Solche Entscheidungen müssen am Beginn einer Legislaturperiode getroffen werden. Die Diskussion muss aber schon vorher beginnen. Sie sind also relativ entspannt? Ja. Denn unter SPD -Kanzler Gerhard Schröder sind mit der Agenda 2010 sowie der Rente mit 67 die richtigen und wichtigen Entscheidungen rechtzeitig getroffen worden. Hätten wir jetzt nicht die Arbeitsministerin Andrea Nahles gehabt, bestünde noch weniger Handlungsbedarf.

Angela Merkel hat ein Renteneintrittsalter von 70 unter ihrer Ägide ausgeschlossen . . . Die Rente mit 70 wird kommen, aber anders heißen. Wahrscheinlich wird man sich an skandinavischen Ländern orientieren. Es gibt keine Alternative, denn wir haben in Deutschland nicht genug Kinder. Wenn wir länger leben, müssen wir entsprechend länger arbeiten und in die Rentenkassen einzahlen. Daran führt kein Weg vorbei. Die SPD will das Rentenniveau stabilisieren. Geht das und wie sicher ist Rente überhaupt? Die Rente ist sicher, weil unter Schröder die nötigen Reformen stattfanden und die gute Konjunktur die Situation der Rentenkassen verbessert hat. Aber klar ist auch: Die gesetzliche Rente stellt eine Basisversorgung sicher und schützt vor Armut. Wer aber seinen Lebensstandard sichern will, der muss zusätzlich vorsorgen, durch Betriebsrenten und private Vorsorge. Ist das angesichts von Niedrigzinsen überhaupt möglich? Ja, aber man sollte nie alle Eier in einen Korb legen. Das gilt auch sonst im Leben. Sie glauben, wir brauchen qualifizierte Zuwanderung. Die Flüchtlinge belasteten die Rentenkassen aber doch erheblich? Ja, die meisten Flüchtlinge sind nicht qualifiziert und es dauert viel zu lange, bis sie in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Vielleicht wird es nie gelingen. Wenn überhaupt, dann werden sie viel zu wenig in die Rentenkassen einzahlen. Das ist dieselbe Problematik wie bei Hartz-IV-Empfängern. Die Rente dieser Menschen wird zum Großteil der Steuerzahler finanzieren. Wir müssen Zuwanderung da fördern, wo sie uns nutzt. Wir brauchen Qualifizierte oder ganz junge Menschen, die wir qualifizieren. Das Gespräch führte Gerhard Bläske.

Nachhaltigkeitsrücklage von rund 30 Milliarden Euro. Dafür sorgte die seit Jahren gute Konjunktur mit üppigen Beitragseinnahmen. Die Rentenbeiträge von derzeit 18,7 Prozent werden wohl erst nach 2021 steigen. So sehen derzeit nicht einmal Rentenexperten Handlungsbedarf. „Es reicht, wenn wir uns in der kommenden Legislaturperiode damit beschäftigen“, sagt Raffelhüschen. Dass die Lage derzeit relativ komfortabel ist, das liegt an der Rentenreform unter Kanzler Gerhard Schröder. In seiner Regierungszeit wurden das Rentenalter auf 67 Jahre angehoben und der Nachhaltigkeitsfaktor eingeführt. Das bedeutet: Unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung werden Rentenerhöhungen begrenzt. So soll verhindert werden, dass die Rentenbeiträge bis 2030 auf über 22 Prozent steigen. Das Rentenniveau soll bis 2045 nicht unter 42 Prozent sinken. Doch seine eigene Partei hat sich längst von der Reform distanziert. Die SPD will das Rentenniveau auf dem heutigen Stand von 48 Prozent des Nettolohns einfrieren. Die Maßnahme soll mit Steuergeldern finanziert werden. Dabei beträgt der Bundeszuschuss zur Rentenkasse schon jetzt 91 Milliarden Euro. Das ist ein Drittel der Gesamtausgaben. Experten schätzen, dass der Bundeszuschuss bei Realisierung der SPD-Pläne bis 2045 auf 125 Milliarden Euro stiege. Auch die Grünen, mit denen die SPD 2001 die Rentenreform verabschiedete, sind längst auf Abstand zu den damaligen Beschlüssen gegangen. Sie fordern eine Bürgerrente, die auch Selbstständige und Minijobber berücksichtigt, Altersteilzeit ab 60 und eine steuerfinanzierte Mindestrente für alle, die Beiträge gezahlt und/oder Kinder aufgezogen haben. Die CSU ist ebenfalls großzügig und will Mütter, die vor 1992 Kinder bekommen haben, noch einmal entlasten. Das würde jährlich weitere sieben Milliarden Euro kosten. Die Realisierung der diversen Vorschläge hätte zur Folge, dass die wachsende Wählergruppe

der Älteren entlastet, die Jüngeren aber zusätzlich belastet würden – frei nach dem Motto: „Nach mir die Sintflut.“ Nur die FDP ist für mehr Flexibilität und die stärkere Förderung betrieblicher und privater Vorsorge. Auch wenn es derzeit nur Experten sagen: An der Rente mit 70 führt wohl kein Weg vorbei. Das Renteneintrittsalter muss an die steigende Lebenserwartung angepasst werden. Eine deutliche Mehrheit von 84 Prozent der vom Ifo-Institut befragten Ökonomen sieht keine andere Möglichkeit, um die langfristige Finanzierung der Renten auch nach 2030 sicherzustellen. Dabei ist klar: Die gesetzliche Rente wäre dann zwar langfristig sicher, sie kann aber nur die Grundsicherung gewährleisten. Ohne zusätzliche betriebliche und private Altersvorsorge kann der gewohnte Lebensstandard nicht gehalten werden. Da bleibt noch viel zu tun. Derzeit kommen noch zwei Drittel der Altersbezüge aus der gesetzlichen Rente, jedoch nur neun Prozent aus der privaten und sogar nur acht Prozent aus der betrieblichen Vorsorge. Die zusätzliche Vorsorge wird durch die Niedrigzinsen noch erschwert. Denn die Deutschen wollen oder können nicht in Aktien anlegen und Unternehmen müssen immer mehr Geld aufwenden, um ausreichend Pensionsrückstellungen zu bilden. Zudem kommen weitere Lasten auf die Kassen zu. Die steigende Lebenserwartung und die demografische Entwicklung werden dazu führen, dass in etwa 20 Jahren ein Beitragszahler für einen Rentner aufkommen muss. Flüchtlinge belasten die Kassen zusätzlich. Da der Großteil von ihnen keine Qualifikation hat, die am hiesigen Arbeitsmarkt gefragt ist, und die Integration nach Einschätzung Raffelhüschens um die sechs Jahre dauern wird, kommen sie nicht auf genügend Beitragsjahre. Er beziffert die Gesamtkosten für die sozialen Sicherungssysteme auf 900 Milliarden Euro. „Das muss aus Steuergeldern finanziert werden“, sagt der Hochschullehrer.

WICHTIGE BEGRIFFE RUND UM DIE RENTE Rentenversicherung Die gesetzliche Rentenversicherung ist ein Zweig der Sozialversicherung. Sie dient der Altersvorsorge. Finanziert wird sie im Wesentlichen durch ein Umlageverfahren aus Beiträgen der Pflicht- und freiwillig Versicherten. Sie erhält erhebliche Steuerzuschüsse aus dem Bundeshaushalt. Vor allem aufgrund der demografischen Entwicklung hat der Gesetzgeber Maßnahmen ergriffen, die zur Folge hatten, dass das Rentenniveau beständig sinkt und weiter

sinken wird. Um den Lebensstandard im Alter zu halten, muss deshalb zusätzliche Vorsorge betrieben werden: durch private Vorsorge, Riester-Renten und Betriebsrenten. Rentenniveau Das Bruttoniveau bezeichnet die Bruttorente im Verhältnis zum Bruttogehalt, das Nettoniveau die Rente minus Sozialabgaben im Verhältnis zum Einkommen nach Abzug der Sozialabgaben. Tendenziell geht das Rentenniveau seit Ende der 70er Jahre zurück.

Nachhaltigkeitsfaktor Er ist Teil der Rentenanpassungsformel und beeinflusst die jährliche Rentenanpassung. Der Nachhaltigkeitsfaktor dämpft den Anstieg der Renten, weil er berücksichtigt, dass die Zahl der Rentner im Verhältnis zur Zahl der Beitragszahler steigt. Er wurde 2004 zur Zeit der rot-grünen Koalition eingeführt und soll zur relativen Entlastung der Beitragszahler beitragen. Deren Beitragssatz soll bis ins Jahr 2030 nicht über 22 Prozent steigen. bl


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN DEZEMBER 2017 Regional reicht nicht

Nah am Mandanten

Mit Mehrwert

Wirtschaftskanzleien beraten rechtlich auch bei Fusionen und Übernahmen. Dafür genügt es meistens nicht, wenn sie nur regional präsent sind.

Der Standort Stuttgart bietet Wirtschaftskanzleien Vorteile. Gerade der Mittelstand im Südwesten hat dadurch kurze Wege zur Rechtsberatung.

Immer mehr wirtschaftsjuristische Aufgaben fallen außerhalb des rechtlichen Tagesgeschäfts an. Hier kommen die Sozietäten ins Spiel.

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Globalisierung und wachsende Regulierung bedeuten für international agierende Unternehmen einen großen Aufwand. Jenseits des Tagesgeschäfts sind hier oft Wirtschaftskanzleien gefragt.

Es läuft Hiesige Wirtschaftskanzleien sind strategisch gut aufgestellt

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ie Konjunktur ist stabil. Die Wirtschaft in Deutschland wächst seit Jahren. Die Zahl der Unternehmenstransaktionen nimmt in diesem Umfeld ständig zu. Also gute Zeiten für Wirtschaftskanzleien. Zumal bei Großunternehmen immer Beratungsbedarf besteht. Beispiel Daimler: Der Nutzfahrzeughersteller muss sich in den kommenden Monaten gegen zahlreiche Schadenersatzklagen von Speditionen zur Wehr setzen. Sie werfen ihm vor, mit Konkurrenten die IT-RECHT Preise für Lastwagen manipuliert zu haben. Und dabei ist den Unternehmen eigeIT-KOSTEN nen Angaben zufolge TRANSAKTIONSGESCHÄFT ein Schaden entstanden. Daimler weist PATENTRECHT den Vorwurf zurück. Wenn zwei sich streiten, freut sich in diesem Fall der Dritte im Bunde: die Kartellspezialisten von der in Stuttgart ansässigen Großkanzlei Gleiss Lutz. Die Kanzlei genießt einen international sehr guten Ruf im Kartellrecht. Gleiss Lutz zählt zu den zehn umsatzstärksten Wirtschaftskanzleien in Deutschland, wie aus einer Erhebung des Branchenmagazins „Juve“ hervorging. Trotz Kostendruck und Konkurrenz stand bei 88 von 100 Kanzleien ein Plus beim Umsatz. Insgesamt erwirtschafteten die rund 11 600 Anwälte der führenden 100 Kanzleien zusammengenommen 5,9 Milliarden Euro. Unter den führenden zehn Sozietäten verschoben sich die Gewichte leicht. So ist Gleiss Lutz erst-

KARTELLRECHT

WIRTSCHAFTSRECHT UNABHÄNGIG COMPLIANCE

mals der Sprung unter die fünf umsatzstärksten Sozietäten gelungen, die britische Konkurrentin Clifford Chance dagegen rutschte zwei Plätze nach unten. Die USKanzlei White & Case ist nach vier Jahren wieder zurück in der Liste der umsatzstärksten zehn Kanzleien. Warum ist Gleiss Lutz so erfolgreich? Zum Ersten ist festzustellen, dass eine fehlende feste Einbindung in eine internationale Großorganisation kein Nachteil sein muss. Gerade diese Unabhängigkeit wird bei deutschen Unternehmen gerne gesehen und zahlt sich dementsprechend gewinnbringend aus. Vor allem mit dem Transaktionsgeschäft boomt seit Längerem eines der wichtigsten Beratungsfelder für Wirtschaftskanzleien. Hinzu kommt eine Sonderkonjunktur durch die Dieselaffäre, mit der sich viele Automobilhersteller und -zulieferer auseinandersetzen müssen. Das sorgt für einen Nachfrageschub für Prozessspezialisten, Compliance-Experten und Wirtschaftsstrafrechtler. BRP Renaud und Partner mit ihren mehr als 50 Rechtsexperten genießt gleichfalls einen guten Ruf und hat schon manche Auszeichnung in der jüngsten Zeit für sich

Trotz Kostendruck und Konkurrenz haben 88 der 100 größten Wirtschaftskanzleien zuletzt ihre Umsätze gesteigert. Foto: rcx/Adobe Stock

gewonnen. In den vergangenen Jahren baute die Kanzlei ihr Beratungsangebot Stück für Stück aus. „Im Ergebnis kann sie nun ihr Cross-Selling-Potenzial immer besser heben“, heißt es beim Branchenmagazin „Juve“. „Dabei dienen häufig die renommierten Patentrechtler als Türöffner für ein Mandat, das dann sukzessive ausgebaut wird.“ Doch die Region hat noch weitaus mehr bei Wirtschaftskanzleien zu bieten. Mit mehr als 600 Rechtsanwälten und Steuerberatern ist CMS in Deutschland eine der führenden Anwaltssozietäten auf dem Gebiet des Wirtschaftsrechts. Ein Büro gibt es auch in Stuttgart. Grub Brugger wiederum ist seit mehr als vier Jahrzehnten aktiv. Seit der Gründung 1965 durch Volker Grub hat sich die Kanzlei mit knapp 40 Berufsträgern konsequent auf das Insolvenz-, Sanierungsund Wirtschaftsrecht ausgerichtet. Die Beratung von Unternehmen in der Krise und deren Gläubigern, die Insolvenzverwaltung sowie die Zusammenarbeit mit Finanzinvestoren und Kreditinstituten haben das Profil maßgeblich geprägt. Kanzleigründer Volker Grub ist immer noch aktiv und genießt in der Szene der Insolvenzverwalter einen guten Ruf.

Eine der tonangebenden Mittelstandskanzleien ist Menold Bezler mit mehr als 90 Rechtsanwälten und Notaren in Stuttgart. Kunden sind vor allem der gehobene Mittelstand und auch die öffentliche Hand. Gleichfalls eine mittelständisch geprägte Kanzlei ist Haver & Mailänder mit knapp 30 Berufsträgern. Sie ist unter anderem für ihre Schiedspraxis bekannt. Wachsende Bedeutung gewinnt für die Kanzleien das Erbschaftsteuerrecht als weiteres Betätigungsfeld, um Umsatz zu generieren. Bei diesem Thema ist ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Firma vonnöten, das bei Großkanzleien nicht ohne Weiteres vorhanden ist. Auch Datenschutz und IT halten Fachleute für ein wichtiges Wachstumsfeld in den kommenden Jahren. Alle großen Kanzleien haben in den letzten Jahren ihre Kosten auf den Prüfstand gestellt. Dabei wurden auch oftmals die Teams streng durchleuchtet und zu einer höheren Profitabilität angehalten. Bei amerikanischen Großkanzleien ist in der Vergangenheit sogar die Strategie in dem einem oder anderen Fall hinterfragt worden. White & Case hatte die Managementberatung McKinsey angeheuert. Die Konsequenz: Was kein Geld brachte, wurde zurückgefahren oder sogar abgestoßen. Ein Problem bei vielen Kanzleien sind manchmal auch zu hohe Kostenquoten: Vergleiche zeigen, dass zwischen 40 und 70 Prozent Kostenquote üblich sind. Ein Faktor, der ganz schwierig einzuschätzen ist, sind insbesondere die IT-Kosten. Sie haben in den meisten Kanzleien in den vergangenen Jahren zugenommen. Oliver Schmale

Foto: emiliau/Adobe Stock


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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

Dezember 2017

Regional reicht nicht Internationalisierung sorgt für kräftigen Schub bei Fusionen und Übernahmen

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as Feld der Unternehmenskäufe und -verkäufe war schon immer sehr international ausgerichtet. Doch in den vergangenen Jahren hat die Internationalität des M&A-Geschäfts (Mergers & Acquisitions) nochmals einen enormen Schub erhalten. Peter Ladwig, Stuttgarter Partner der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek, führt diese Entwicklung vor allem auf drei Gründe zurück. Zum einen spielt in den Augen des erfahrenen Wirtschaftsanwalts die Globalisierung der Wirtschaft eine entscheidende Rolle. „Diese zwingt Unternehmen aller Branchen und Größen, ihr Geschäft noch stärker zu internationalisieren, was auch zu einer weitergehenden Internationalisierung des M&A-Geschäfts führt“, so Ladwig. Und sei es nur, weil zum Beispiel mittelbar eine

Tochtergesellschaft im Ausland betroffen sei, wie er sagt. Den zweiten Grund verortet Ladwig in der Professionalisierung des M&A-Geschäfts. Ein Unternehmenskauf steht demnach heute viel häufiger als früher am Ende eines professionell geführten Auktionsverfahrens. „Jeder M&A-Prozess folgt heute einem international ausgerichteten Verfahren, selbst wenn am Ende nur zwei deutsche Partner am Prozess beteiligt bleiben“, erläutert Ladwig, der den dritten Grund für die wachsende Internationalisierung des M&A-Geschäfts in der Digitalisierung sieht. Diese zwinge vor allem global tätige Unternehmen, ihr Geschäftsmodell zu prüfen und gegebenenfalls anzupassen. „Eine Disruption, wie sie die Digitalisierung ist, belebt das M&A-Geschäft mas-

siv“, sagt er. Und alles, was mit Internet und Vernetzung zu tun hat, ist schließlich „von Geburt aus“ international ausgerichtet. Treiber dieser Entwicklung waren sicher die Europäische Union, das Zusammenwachsen der Märkte, die Ausweitung des Welthandels – ganz allgemein gesprochen: die Internationalisierung des Geschäfts. Aber während die vergangenen Jahre nicht unbedingt von einer weiteren Intensivierung der Handelsbeziehungen in der EU geprägt waren, so ist es das übergreifende Thema der Globalisierung, das zum Taktgeber geworden ist. Genauso können Handelsabkommen nach Beobachtung von Ladwig das M&A-Geschäft beleben – auch und gerade dann, wenn sie zur Abschottung von Märkten dienen sollen.

Besonders für den Finanzsektor und die Automobilzulieferindustrie, teils auch im IT-Sektor, beobachtet man bei der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek eine Häufung an grenzüberschreitenden Transaktionen, was Ladwig auf die starke internationale Ausrichtung dieser Branchen zurückführt. Und was die Länder mit einem großen Interesse an Auslandsinvestments angeht, fällt ihm China auf, das in den vergangenen Jahren am deutschen M&AMarkt sehr präsent gewesen ist. Aber zumindest in jüngster Zeit seien die chinesischen Investoren oft sehr langsam und BREXIT schwer zu berechnen gewesen. „Dies mag daran NETZWERK gelegen haben, dass der chinesische Staat den Export von Kapital stark kontrolliert und eingeschränkt hat“, sagt Peter Ladwig. Es bleibt abzuwarten, ob sich dies nach dem nun jüngst zu Ende gegangenen Volkskongress im Reich der Mitte ändern wird. Was aber bedeutet diese Entwicklung für Wirtschaftskanzleien, die im M&A-Geschäft tätig sind? Ein international starkes Netzwerk sei heutzutage essenziell, macht Ladwig klar. Dazu gehören für ihn ein internationales Profil, das für den Mandanten erkennbar ist, und die Erfahrung bei der Steuerung multinationaler Transaktionen. „Ohne diese Voraussetzungen geht es heute nicht mehr“, so Ladwig. Auch die Teamgröße der Kanzleien spiele inzwischen bei ausländischen Mandanten eine Rolle. „Aber das Wichtigste ist die Sichtbarkeit im internationalen Umfeld“, macht er klar. Für kleine inländische Wirtschaftskanzleien seien diese Voraussetzungen nicht immer einfach zu erfüllen. Wohl deshalb nennen die Rankings des Branchenmagazins „Juve“ ausschließlich große Wirtschaftskanzleien, die am M&A-Markt die Nase vorn haben. Vor diesem Hintergrund kann man derzeit von einem Trend zur Internationalisierung der Wirtschaftskanzleien sprechen – zumindest was die größeren Player angeht, die sich am M&A-Markt engagieren. Einen deutschen M&A-Markt im klassischen Sinne gebe es ohnehin nicht mehr, so Ladwig. Dagegen führen deutsche M&A-Partner häufiger internationale Deals durch. Noch nie seien so viele von ihnen an Transaktionen beteiligt gewesen, die wenige oder gar keine Berührungspunkte mit Deutschland aufwiesen, schreibt dazu „Juve“. Branchenkenntnisse, Transaktionserfahrung und das Vertrauen der Entscheider in die deutschen Wirtschaftskanzleien bringen sie nach Überzeugung des Branchenfachblatts international voran. Die vielen Fragezeichen, die vor dem britischen Markt und den dortigen Anwälten stehen, tun ein Übriges. „Die dortigen Kanzleien könnten durchaus unter dem Brexit leiden“, sagt Ladwig. Was aber heißt das für Wirtschaftskanzleien in der Region Stuttgart? Natürlich sei eine starke regionale Wirtschaft für eine Kanzlei von Vorteil, gibt Ladwig zu bedenken. Dass sich dieser im internationalen M&A-Sektor aber noch groß auszahlt, glaubt er nicht. Wenn eine Kanzlei die genannten Kriterien nicht erfülle, falle sie durchs Suchraster. „Regionale Präsenz allein hilft darüber nicht hinweg.“ Thomas Spengler

EU

DISRUPTION

INTERNATIONALITÄT DIGITALISIERUNG

CHINA

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Für die rechtliche Begleitung von Fusionen und Übernahmen ist von Wirtschaftskanzleien zunehmend Internationalität gefordert. Foto: Rawpixel.com/Adobe Stock

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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

Dezember 2017

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Nah am Mandanten Der Standort Stuttgart bietet Wirtschaftskanzleien Vorteile

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n der heutigen Zeit müssen sich Unternehmen ständig wandelnden Herausforderungen stellen. Internationalisierung oder Digitalisierung sind nur ausgewählte Beispiele, die diese Veränderungen erforderlich machen. Insbesondere mittelständische Unternehmen greifen heute in vielen Bereichen auf die Expertise von Wirtschaftskanzleien zurück. Hier sind zumeist Rechtsanwälte, Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater unter einem Dach vereint und bieten die notwendige Unterstützung. „Der Begriff Wirtschaftskanzlei ist nicht gesetzlich festgelegt“, weiß Rechtsanwältin Ulrike Paul, Vizepräsidentin der Bundesrechtsanwaltskammer und Präsidentin der Rechtsanwaltskammer Stuttgart. „Im Allgemeinen werden unter Wirtschaftskanzleien jedoch Kanzleien verstanden, die sich mit dem Recht rund ums Unternehmen befassen.“ Im Fokus ihres Aufgabenfelds stehen unter anderem Fragestellungen des Gesellschafts-, Handels- und Arbeitsrechts. Viele Wirtschaftskanzleien siedeln sich in der Nähe der großen Ballungszentren in Deutschland an. Frankfurt am Main und München sind begehrte Standorte, aber auch Düsseldorf, Stuttgart oder Hamburg. „Der Standort ist für eine Wirtschaftskanzlei sehr wichtig, da die Nähe zu den Mandanten noch eine große Rolle spielt“, weiß Paul. „So können relativ problemlos Termine beim NACHFOLGE Kunden durchgeführt werden, außerdem NEUTRAL haben die Mandanten INTERNATIONALISIERUNG in wichtigen Fällen die Möglichkeit, schnell in die Kanzlei zu fahren.“ Es ist ein großer Unterschied, ob der Geschäftsführer eines Unternehmens in Esslingen für ein Gespräch nach Stuttgart fährt oder ob sein Rechtsberater seinen Sitz in Frankfurt am Main hat. Denn auch in Zeiten der Digitalisierung sind viele Themen im persönlichen Gespräch besser zu klären. Die Region Stuttgart zählt zu den gefragten Standorten in Deutschland. „Sie ist für Wirtschaftskanzleien wichtig, weil hier das Herz des deutschen Mittelstands schlägt“, weiß Christoph Winkler, Managing Partner

MITTELSTAND

ENTSENDUNG

RISIKOKAPITAL

bei Menold Bezler Rechtsanwälte Partnerschaft in Stuttgart. Die mittelständischen Unternehmen sind für Wirtschaftskanzleien besonders interessant. Während Konzerne und große Firmen oftmals über eigene Rechtsabteilungen verfügen, benötigen Mittelständler oftmals rechtliche Unterstützung. „In der Region Stuttgart besteht Beratungsbedarf in nahezu allen wirtschaftsrechtlichen Bereichen und durch die zunehmende Internationalisierung des Mittelstands auch über die Grenze hinaus“, erklärt Winkler. „Wir sehen derzeit eine wachsende Nachfrage nach Beratungsbedarf im Bereich der Unternehmensnachfolge, da viele inhabergeführte Familienunternehmen auf der Suche nach einer Nachfolgelösung sind.“ Der Unternehmensübergang ist ein komplexer Prozess. Die Kanzleien helfen bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger und stellen relevante Informationen für potenzielle Käufer zusammen. „Auch steuerlich und gesellschaftsrechtlich stellt der Unternehmensübergang große Anforderungen an Firma und Kanzlei“, weiß Ulrike Paul. „Gerade bei diesem Prozess hat das vertrauensvolle Gespräch zwischen Anwalt und Mandant eine große Bedeutung. Regelmäßige Treffen sind nahezu ein Muss, um das Gegenüber kennenzulernen und genau zu verstehen, welche Ziele der Mandant verfolgt.“ Während in der Region Stuttgart die Unterstützung beispielsweise im Bereich Insolvenzrecht in den vergangenen Jahren weniger nachgefragt wurde, steht heute die Beratung im arbeitsrechtlichen Umfeld der Internationalisierung im Vordergrund. „Die Wirtschaftswelt wird zunehmend globaler und neue Geschäftsbeziehungen mit fernen Ländern wie China bringen es mit sich, dass auch Rechtsfragen im Zusammenhang mit dem geltenden Recht des jeweiligen Landes geklärt werden müssen“, zeigt Paul die neuen Herausforderungen auf. In großen Unternehmen erfolgen zudem Mitarbeitereinsätze im Ausland, hierzu sind

Entsendungsverträge aufzusetzen. Wirtschaftskanzleien übernehmen darüber hinaus die steuer- und sozialversicherungsrechtliche Optimierung von Verträgen mit Auslandsbezug oder bereiten den Einsatz internationaler Mitarbeiter in Deutschland vor. Auch beim Markteintritt in anderen Ländern können die externen Experten unterstützen. Erfolgreiche Unternehmen streben nach Wachstum. Firmen vergrößern sich durch Zusammenschlüsse oder Zukäufe, in vielen Fällen ist hierzu Eigen- oder Fremdkapital notwendig. „Im Raum Stuttgart besteht eine wachsende Nachfrage im Bereich Corporate Venture Capital, da viele Unternehmen sich

neu positionieren müssen und auf diese Weise hoffen, disruptive Entwicklungen mitgestalten und für sich nutzen zu können“, erklärt Christoph Winkler. Häufig sind zudem Umstrukturierungen innerhalb des Konzerns oder der Gesellschaft nötig, die zu Auseinandersetzungen führen können. Auch in diesem Fall hilft die kompetente Rechtsberatung einer Wirtschaftskanzlei. „Anwälte blicken aufgrund ihrer Expertise neutral auf Sachverhalte und schauen von außen auf die Herausforderungen“, hebt Ulrike Paul von der Rechtsanwaltskammer Stuttgart hervor. „Gute Berater sind kreativ und warten oft mit innovativen Lösungen auf, von denen alle Beteiligten profitieren.“ Brigitte Bonder

Auch im Internetzeitalter, in dem ein Großteil der Kommunikation elektronisch erfolgt, kommt dem persönlichen Gespräch zwischen Anwalt und Mandant eine wichtige Bedeutung zu – gerade auch im Mittelstand. Foto: sarawuth/Adobe Stock

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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

Dezember 2017

Eine Rechtsberatung muss bei Unternehmen immer spezifische Gegebenheiten berücksichtigen. Oft ist hierbei viel Detailarbeit erforderlich.

Foto: Ingo Bartussek/Adobe Stock

Mit Mehrwert S o z i e t ä t e n s i n d v o r a l l e m g e f o r d e r t , w e n n e s n i c h t u m s Ta g e s g e s c h ä f t g e h t

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und somit eine Beratung aus einer Hand anzubieten“, betont Pär Johansson, Partner in der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek. „Viele unserer Mandate betreuen wir langfristig und die Mandanten schätzen unseren FullService-Kanzlei-Ansatz.“ Das bekomme der Kanzlei auch wirtschaftlich gut, erklärt Johansson. „Wenn ein Rechtsbereich mal nicht so gefragt ist, dann läuft ein anderer gut.“ Zumal den Unternehmen eine gute Rechtsberatung auch eine ordentliche Vergütung wert ist, wie KCNB-Partner Baum betont. Beraten werde dabei nicht nur akademisch, sondern maßgeschneidert im Bewusstsein der Eigenheiten des Mandanten und zugleich auf wissenschaftlichem Niveau. Auch Barbara Wössner, Managing Partnerin am Stuttgarter Standort der Kanzlei CMS Hasche Sigle, hebt den Mehrwert hervor, den die juristische Beratung den Mandanten bringt: „Unsere Rechtsanwälte ergänzen das Fachwissen der Mandanten durch ein tief greifendes Verständnis der betriebswirtschaftlichen und marktspezifischen Besonderheiten der relevanten Regionen und Branchen.“ Dies geschehe im offenen und partnerschaftlichen Miteinander. Was die Preisbildung betrifft, spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: „Umfasst die Beratung mehrere Rechtsgebiete, spielen grenzüberschreitende Aspekte eine Rolle,

Wie wird aus regionaler Stärke internationaler Erfolg? Globale Zusammenarbeit zahlt sich aus: Mit rund 1.800 Rechtsanwälten in 75 Ländern sind wir anderen oftmals einen Schritt voraus, wenn es darum geht, rechtliche Anforderungen mit den geschäftlichen Zielen unserer Mandanten zu verbinden. Kontakt: Dr. Christian Bosse, christian.f.bosse@de.ey.com, Tel. +49 711 9881 25772. www.ey-law.de #BetterQuestions

muss eine neue Rechtsfrage oder eine Standardfrage geklärt werden, ist mit der Rechtsfrage ein hohes oder niedriges wirtschaftliches Risiko verbunden“, zählt Wössner auf. Am Ende ist somit der Preis Ausdruck der individuellen Beratungsleistung der Anwälte. Die Rechtsfragen, mit denen Unternehmen heutzutage konfrontiert sind, werden immer vielfältiger. „Wir unterstützen dort, wo internes Know-how nach Ergänzung durch Spezialwissen verlangt oder zusätzliche Kapazitäten gefragt sind, um das Unternehmen rechtssicher durch den Geschäftsalltag zu steuern“, sagt CMS-Partnerin Wössner. „Wir bieten eine Beratung, die alle Bereiche des Wirtschaftsrechts umfasst.“ Dabei werde das Branchenwissen zielgerichtet in Teams gebündelt. „Dank unserer tiefen Verwurzelung in dem Umfeld, in dem wir tätig sind, und unserer guten Vernetzung können wir Unternehmen eine optimale Unterstützung bieten.“ Grundsätzlich sei der Markt für Rechtsberatungen dabei kompetitiver geworden, sagt KCNB-Partner Baum. „Es gibt die Tendenz, Aufträge auszuschreiben.“ In besonders relevanten Bereichen sei aber Vertrauen das wichtigste Kriterium. Hier sei der Preis dann am Ende weniger ausschlaggebend. Das bestätigt auch Heuking-Partner Johansson: „Mit vielen Unternehmen und

deren Rechtsabteilungen besteht eine langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit.“ Grundsätzlich lege seine Kanzlei großen Wert darauf, den Mandanten durch die juristische Expertise einen wirtschaftlichen Mehrwert zu bringen und sie pragmatisch und effektiv zu unterstützen. Um die Frage, wie das erwirtschaftete Einkommen kanzleiintern unter den Anwälten verteilt wird, machen die Kanzleien ein Geheimnis. Baum verrät nur so viel: „Unsere angestellten Rechtsanwälte erhalten ein Fixgehalt ohne variable Elemente, das über die Berufsjahre hinweg ansteigt.“ Bei den Partnern würden die Überschüsse nach einem bestimmten Schlüssel verteilt, der sich nach der Berufserfahrung richtet. Ähnlich dürfte das grundsätzliche Vorgehen in sämtlichen Kanzleien sein. Für die Zukunft sehen sich die Wirtschaftskanzleien gut aufgestellt. „Mit unseren flexiblen Teams können wir schnell auf neue Trends reagieren und uns an veränderte Marktbedingungen anpassen“, erklärt Heuking-Partner Johansson. Es klingt ein bisschen, als würde er die Unternehmensphilosophie seiner mittelständischen Mandanten beschreiben. Schließlich gilt Flexibilität, gepaart mit Innovations- und Anpassungsfähigkeit, als eine der großen Stärken des deutschen Mittelstands. Harald Czycholl

„EY“ und „wir“ beziehen sich auf alle deutschen Mitgliedsunternehmen von Ernst & Young Global Limited, einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach englischem Recht. ED None.

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ie deutsche Wirtschaft ist mittelständisch geprägt. Das sorgt dafür, dass die allermeisten Unternehmen weder die Kapazitäten noch die notwendige Spezialisierung haben, um juristische Fragestellungen jenseits des Tagesgeschäfts zu bewältigen. „Kanzleien sind vor allem dann gefragt, wenn sich etwas außerhalb des Gewöhnlichen abspielt“, erklärt Marcus Baum, Partner in der Kanzlei Kuhn Carl Norden Baum (KCNB) in Stuttgart. Zu seinen Mandanten zählen Industrieunternehmen, insEXPERTISE besondere aus dem Maschinen- und AnlaFULL-SERVICE-BERATUNG genbau und der AutoSTRATEGIE mobilbranche, sowie Banken und Kapitalanlagegesellschaften. „Wenn es um komplexe M&A-Projekte geht, ist es aber auch eine Kapazitätsfrage, ob eine Wirtschaftskanzlei die Inhouse-Juristen unterstützt“, so Baum weiter. M&A, also Fusionen und Übernahmen, sind heute fast schon Alltag in der Wirtschaft. Mitunter sei auch eine Außenperspektive wichtig, und bei strittigen Angelegenheiten seien meistens externe Anwälte notwendig. „Durch unsere breite Aufstellung ist unsere Sozietät in der Lage, in allen Schwerpunkten des Wirtschaftsrechts zu beraten


MITTELSTAND IM MITTELPUNKT ®

Profitieren Sie von n der Kompetenz unserer vielfach ausgezeichneten ausgezeichnete Kanzlei. Unsere Rechtsanwälte e und Notare engagieren sich für Unternehmen un und Unternehmer. Eine unserer besonderen onderen Stärken ist der Mittelstand. Wir kennen sseine Herausforderungen und identifizieren entifizieren uns mit seinen Zielen. Menold Bezler verfügt über die Kompetenz und Ressourcen, um die daraus resultierenden Aufgaben Aufgab souverän zu lösen. Wir verbinden den das Leistungsportfolio einer Großkanzlei m mit den Vorzügen einer mittelständischen dischen Einheit: individuelle Betreuung und hohe Flexibilität. Das hat uns zu dem gemacht, emacht, was wir heute sind: eine der Top-Wirtschaftskanzleien Top-Wirtsch in Deutschland. ww ww.menoldbezler.de


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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

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Gefragte Spezialisten Weiterbildung und Fachwissen sind für Wirtschaftsanwälte unerlässlich

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b Dieselskandal, Unternehmenskäufe oder Cyberkriminalität: Wirtschaftskanzleien können sich derzeit nicht über zu wenig Arbeit beklagen. Die Expertise der auf wirtschaftsrechtliche Fragestellungen spezialisierten Anwälte ist in vielen Bereichen gefragt. „Ein traditioneller Schwerpunkt unserer Kanzlei ist das Gesellschaftsrecht, in diesem Bereich haben wir auch einen relativ hohen Prozessführungsanteil“, sagt Marcus Baum, Partner in der Kanzlei Kuhn Carl Norden Baum (KCNB) in Stuttgart. „Außerdem gibt es auch im Bereich M&A viel zu tun“, also bei Fusionen und Übernahmen. Das bestätigt auch Peter Ladwig, Partner am Stuttgarter Standort der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek. Dass der M&A-Sektor äußerst aktiv sei, liege zum einen daran, dass „aufgrund der niedrigen Zinsen extrem viel Liquidität in den Märkten ist“. Aber auch die Digitalisierung spiele dabei eine wichtige Rolle. „Sie zwingt die Unternehmen dazu,

Die rechtlichen Fragen, mit denen sich Unternehmen inzwischen befassen müssen, werden immer komplexer. Von einer anwaltlichen Beratung erwarten sie möglichst exakt passende Lösungen. Foto: Cmon/Adobe Stock

ihre Geschäftsmodelle neu zu definieren“, erklärt Ladwig. „Häufig erfordert dies den Erwerb von Unternehmen aus anderen Branchen oder Bereichen.“ Zugleich sorgt die Globalisierung dafür, dass die Unternehmen vermehrt auf juristischen Rat von außen angewiesen sind. Denn gerade die exportorientierten baden-württembergischen Mittelständler sind weltweit auf immer mehr Märkten aktiv – und müssen demzufolge auch immer mehr rechtliche Vorgaben beachten. „In den letzten Jahren ist die Beratung von Unternehmen in Compliance-Fragen immer wichtiger geworden“, sagt Baum. Zwar würden die Unternehmen tendenziell immer größere Rechtsabteilungen aufbauen, so dass der Beratungsbedarf im Tagesgeschäft zurückgehe; in Spezialfragen, die sich jenseits des Alltäglichen abspielen, sei dann aber umso mehr externer juristischer Rat gewünscht. Diese Entwicklung bestätigt auch Barbara Wössner, Managing Partner in der Stutt-

garter Niederlassung der Kanzlei CMS Hasche Sigle: „Unsere Mandanten suchen verstärkt nach Lösungen für komplexe rechtliche Fragestellungen, die nicht nur einem Rechtsgebiet zuzuordnen sind und eine fachübergreifende Abstimmung erfordern“, so die Juristin. Besonders bei den Themen Risk & Prevention, Resources & Change, Regulatory & Public Affairs sowie natürlich Digital Economy & Digital Transformation sei die Expertise der Kanzlei gefragt. In den kommenden Jahren, ergänzt Heuking-Partner Ladwig, würden zudem die technologieorientierten Bereiche wie gewerblicher Rechtsschutz und Patentrecht an Bedeutung gewinnen. „Auch Massenklagen, wie wir sie bislang vor allem aus den USA kennen, werden weiter zunehmen.“ Barbara Wössner von CMS Hasche Sigle ist überzeugt, dass „dank unseres Full-Service-Ansatzes und unserer personellen Stärke in vielen Praxisgruppen“ die Kanzlei ihre Mandanten „umfassend bei ihren strategischen Zukunftsthemen und den damit verbundenen Herausforderungen und Transformationsprozessen begleiten und gleichzeitig unser Geschäft weiterentwickeln“ kann. CMS Hasche Sigle verfüge als eine der wenigen wirtschaftsberatenden Sozietäten über Expertise in allen Tätigkeitsgebieten, die für Unternehmen, die öffentliche Hand oder auch private Klienten relevant seien. Um auf der Höhe der Zeit zu sein, müssen sich die Anwälte in Wirtschaftskanzleien stetig weiterbilden und die aktuellen Entwicklungen in rechtlichen Belangen verfolgen. Um die wachsenden Erwartungen der Mandanten zu erfüllen, unterbreitet die Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek ihren Mitarbeitern Weiterbildungsund Qualifizierungsprogramme, die in der kanzleieigenen Heuking Academy gebündelt sind. Auch bei KCNB ist die kontinuierliche Weiterbildung Teil der Philosophie: „Als Format kommen hier weniger Seminare zum Tragen“, sagt Baum, „vielmehr setzen wir uns intern zusammen, um über die aktuell anstehenden Themen zu sprechen.“ Vielfach geschehe das in Form von Fachreferaten, bei denen ein Kollege sein Wissen mit den anderen Anwälten teilt.

„Genauso wie unsere Mandanten selbst können und wollen wir uns Stillstand nicht leisten“, sagt auch CMS-Partnerin Wössner. Im Zentrum sämtlicher Überlegungen stehe daher stets die Frage, wie bei der Beratung der Mehrwert für die Mandanten gesteigert werden könne. „Unsere strategischen Erwägungen umfassen neue Ansätze zur Arbeitsteilung und Effizienzsteigerung unter Einsatz IT-KENNTNISSE technischer Mittel“, erklärt Wössner. „Aus MERGERS & ACQUISITIONS unserer Sicht liegt die Zukunft der Rechtsberatung in der Kombination von integrierten, effizienzsteigernden Lösungen und spezialisierter anwaltlicher Expertise – in allen Rechtsbereichen.“ Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Anforderungen wider, die Wirtschaftskanzleien an den juristischen Nachwuchs stellen. „Natürlich ist es von Vorteil, wenn sich angehende Anwälte bereits im Studium oder Referendariat auf ein Fachgebiet spezialisiert haben“, sagt CMS-Anwältin Wössner. „In Zukunft werden in den Kanzleien weniger Generalisten gefragt sein, sondern mehr besonders gut qualifizierte Rechtsanwälte und Projektmanager.“ Besonders interessant seien dabei Zusatzqualifikationen, die Juristen dabei helfen, Spezialfelder zu durchdringen. Dazu gehören zum Beispiel IT-Kenntnisse, wenn es um den Bereich ITRecht und Cyberkriminalität geht, oder auch sehr gute fachliche Englischkenntnisse im Bereich internationale Transaktionen. Ebenso könne prozessuale Erfahrung durch die Teilnahme an studentischen Gerichtswettbewerben im Bereich Dispute Resolution hilfreich sein. „Auch das Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen, Mut, neue Wege zu gehen, und Teamfähigkeit sind uns neben fachlichen Qualifikationen wichtig.“ Offen für Neues zu sein und stetig dazulernen zu wollen – das sind auch für KCNBPartner Baum ganz wichtige Kriterien. Er sagt aber auch: „Wenn ein junger Anwalt zu uns kommt, schauen wir weniger auf Ausbildungsschwerpunkte, sondern legen Wert auf eine breite juristische Ausbildung und Offenheit für wirtschaftsrechtliche Fragestellungen.“ Harald Czycholl

EXPERTISE

QUALIFIKATION


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Bereits der Aufbau eines Kontrollsystems bedeutet für ein Unternehmen einen spürbaren Aufwand bis alles richtig ineinandergreift. Doch damit ist das Thema Compliance noch nicht erledigt. Foto: danleap/Adobe Stock

Jeder Betrieb betroffen Die Rechtslage beim Thema Compliance wird immer vielschichtiger

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KONTROLLE

nternehmen mussten sich schon immer an Recht und Gesetz halten. Doch in der Vergangenheit schauten Konzerne gerne mal weg, wenn ihre Mitarbeiter Regeln übertraten. Skandale wie die Bestechungsaffäre bei Siemens änderten das grundlegend. Heute achten vor allem große Unternehmen darauf, dass in ihren Reihen niemand schummelt. Sie bauen Kontrollsysteme auf, unterhalten eigene Compliance-Abteilungen und nutzen das Wissen externer Fachleute. Von dieser Entwicklung profitieren Anwälte und Berater. Für die Stuttgarter Prüfungsgesellschaft Ebner Stolz hat die Bedeutung von Compliance in den vergangenen Jahren stark zugenommen – wie insgesamt in der Wirtschaft. Das werde zum Beispiel auch bei der Suche nach qualifiziertem Personal deutlich, sagt Christian Parsow, Partner bei Ebner Stolz: „Erfahrene Compliance-Fachleute sind schwer zu finden.“ Parsow unterstützt Unternehmen zum einen beim Aufbau von Kontrollsystemen, die verhindern, dass es zu Regelverstößen kommt. Zum anderen deckt er im Auftrag von Firmen Straftaten auf, die Mitarbeiter aus den eigenen Reihen begangen haben. Auch im Südwesten befassen sich jedoch nicht nur Konzerne mit Compliance. Auch Mittelständler müssen sich zunehmend mit dem Thema auseinandersetzen. „Das ist vor allem dann wichtig, wenn sie als Lieferanten für große, international tätige Unternehmen arbeiten“, sagt der Freiburger Anwalt Carsten Dehmer. Die mächtigen Auftraggeber pochen darauf, dass sich ihre Geschäftspartner ans Gesetz halten und ethische Grundsätze beachten. Denn die Konzerne wollen sichergehen, dass entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette keine Regelverstöße begangen werden, die auf sie zurückfallen und ihrem Ansehen schaden könnten. Das betrifft nicht nur Korruption oder Untreue. Auch Arbeitsrecht, Umweltschutz, Steuern oder Datenschutz sind wichtige Beispiele für Bereiche, in denen Regelverletzungen schwerwiegende Folgen haben können. Dasselbe gilt für das Wettbewerbsrecht. „Dort haben wir es häufig mit verunsicherten Mandanten zu tun“, sagt Volker Soyez, der bei der Stuttgarter Kanzlei Haver & Mailänder für Compliance mit Schwerpunkt Kartellrecht zuständig ist. Die Rechtslage in diesem Bereich ist komplex und oft nur für Experten zu durchdringen. Andererseits drohen bei Verstößen drastische Sanktionen. Das beunruhigt viele Unternehmen, weshalb sie Rat bei Spezialisten suchen. Konzerne haben schon lange erkannt, wie wichtig das Thema Compliance ist. Manche mussten Milliarden für Strafen und

MITTELSTAND

Schadenersatz zahlen, weil sie Regelverstöße nicht rechtzeitig verhindert haben. In vielen Fällen werden auch Spitzenmanager persönlich belangt und landen sogar im Gefängnis. Die Rechtslage wurde durch mehrere Gerichtsurteile in jüngster Zeit noch klarer: Ein Vorstand wird nur noch dann seinen Pflichten gerecht, wenn er eine Compliance-Organisation errichten lässt, die Schäden verhindert und Risiken kontrolliert. Das hat sich herumgesprochen. Finanzämter werten den Aufbau eines wirksamen Kontrollsystems sogar als Hinweis darauf, dass ein Unternehmen seine Steuerpflichten ernst nimmt. Mit anderen Worten: Wer nachweisen kann, dass sein Unternehmen alle steuerlichen Belange systematisch überwacht, hat von vornherein bessere Karten, wenn zum Beispiel Betriebsprüfer Fehler in der Steuererklärung finden. Das Bundesfinanzministerium hat diesen Grundsatz erst im vergangenen Jahr in einer Handlungsmaxime für die Finanzämter festgeschrieben. Interne Kontrollsysteme haben aus diesem Grund schon viele Unternehmen eta-

bliert – eine Aufgabe, die Anwälte und Berater übernehmen. „In diesem Bereich verzeichnen wir ein stabiles Geschäft“, sagt Parsow von Ebner Stolz. Wachstum sieht er hingegen im Bereich Investigations, wo Compliance-Fachleute ermitteln, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Zum Beispiel, wenn in einem Unternehmen bestochen, betrogen oder veruntreut wurde. Für diese Aufgabe sind zwar Staatsanwälte und Polizisten zuständig, viele Unternehmen ergreifen allerdings selbst die Initiative und helfen bei der Aufklärung, wenn sie Besuch von Ermittlern bekommen haben. Ein Beispiel ist der Volkswagen-Konzern. Er hat im Abgasskandal mehrere internationale Kanzleien engagiert, um auch intern aufzudecken, wer den Betrug am Kunden zu verantworten hat. Parsow schätzt, dass der Bereich Compliance – und hier insbesondere das Thema Investigations – künftig so bedeutend für Berater und Anwälte werden könnte wie früher das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen. Die Nachfrage nach Compliance-Dienstleistungen sei derzeit vor allem von Mittel-

ständlern getrieben, bestätigt Parsow. Rund 80 Prozent seiner Mandanten kämen aus diesem Bereich. Nach einer Studie von F.A.Z.-Institut und Ebner Stolz sehen vor allem kleinere mittelständische Firmen Nachholbedarf. Dazu wurden 100 mittelständische Unternehmen befragt. Nur 40 Prozent sagten aus, dass sie bereits über ein umfassendes Compliance-Management-System verfügen. Viele erwarten steigende Investitionen im Bereich Compliance. Der Anwalt Carsten Dehmer bestätigt diesen Trend. In seiner Kanzlei, zu deren Mandanten viele inhabergeführte Mittelständler zählen, begann er vor fünf Jahren, sich mit dem Thema Compliance auseinanderzusetzen. Am Anfang bildeten steuerrechtliche Fragen den Schwerpunkt. Heute umfasst das Gebiet bei Dehmer & Partner auch Arbeits-, IT- und Gesellschaftsrecht. Von den insgesamt fünf Anwälten beschäftigen sich drei mit Compliance. Auch für die nächsten Jahre sieht Dehmer eine weiter steigende Nachfrage auf diesem Feld. Seine Prognose: „Die Spitze ist noch nicht erreicht.“ Heimo Fischer

INVESTIGATIONS

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Wir sind Berater und Partner von Unternehmen und Unternehmern. Zu unseren Mandanten zählen börsennotierte Gesellschaften ebenso wie mittelständische Familienunternehmen, aber auch Verbände und die öffentliche Hand. Als national und international tätige Kanzlei mit insgesamt rund 60 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten in Stuttgart und an vier weiteren Standorten im In- und Ausland haben Sie immer einen zuverlässigen Berater an Ihrer Seite.

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Das internationale Kanzleinetzwerk als Alternative zur Anwaltsfabrik Mittelständische Mandanten von HEUSSEN werden weltweit durch Multilaw-Partnerkanzleien betreut. Nicht erst seit der Begriff der Globalisierung in aller Munde ist, sind deutsche Unternehmen über die Grenzen hinweg aktiv. Der Trend hat sich aber verstärkt; in den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil des Umsatzes vieler Mittelständler, den sie im Ausland erwirtschaften, auf mehr als die Hälfte erhöht. Die rechtlichen Problemstellungen enden also nicht an der Grenze des Heimatlandes. Wirtschaftskanzleien müssen sich auf diesen Beratungsbedarf ihrer Mandanten einstellen. Internationale Großkanzleien – viele von ihnen angelsächsisch dominiert – sind entsprechend aufgestellt. Als typischer Berater der Großkonzerne – mit entsprechenden Kosten – passen sie jedoch oft nicht zu den mittelständischen Familienunternehmen. Gerade im süddeutschen Raum gibt es viele solcher „Hidden Champions“. Unterschiedliche Konzepte der Kanzleien Mittelständische Wirtschaftskanzleien gehen das Thema unterschiedlich an. Manche arbeiten eher unsystematisch mit einzelnen Kontakten oder Empfehlungen, die sie nach Bedarf suchen. Einige haben sich einem der losen Empfehlungsnetzwerke angeschlossen, die für viele Länder Verzeichnisse von anderen Kanzleien bereithalten, aber darüber hinaus wenig Aktivitäten entfalten. Aus Sicht von Sven Hoffmann, Partner im Stuttgarter Büro der Heussen Rechtsanwaltsgesellschaft mbH ist das

zu kurz gesprungen, wenn man mittelständische Mandanten langfristig und strategisch beraten will: „Reine Empfehlungsgemeinschaften bestehen oft aus sehr unterschiedlichen Kanzleien, deren Auswahl eher zufällig ist. Der Mandant erwartet aber, dass die empfohlene Kanzlei, von Preis, Qualität und Arbeitsweise ähnlich funktioniert wie die Heimatkanzlei. Also doch zur Großkanzlei? „Nein“, sagt Hoffmann. „Es gibt einige wenige internationale Kanzleinetzwerke, die einen integrierenden Ansatz verfolgen. Eines davon ist Multilaw, bei dem HEUSSEN Mitglied ist.“ Multilaw - das Netzwerk lebt durch Zusammenarbeit Multilaw, 1990 gegründet, hat mittlerweile mehr als 90 Mitgliedskanzleien, und ist mit 9.000 Rechtsanwälten weltweit in 100 Ländern vertreten. „Das ist eine Abdeckung, die keine der internationalen Großkanzleien bietet“, so Hoffmann. „Viel wichtiger ist aber die Zusammenstellung der Kanzleien, die nach einem klaren Kriterienkatalog erfolgt: Präsenz in den wichtigsten Wirtschaftszentren eines Landes, Abdeckung der wirtschaftsrechtlichen Rechtsgebiete, fachliche Anerkennung im Heimatmarkt und die Verpflichtung auf gemeinsame Qualitätsstandards.“ Dennoch bleiben die Mitglieder selbst unabhängig. Das dient aber nur als Basis: „Ich muss die Kanzleien, die ich empfehle, möglichst gut kennen, um sicher zu sein, dass unsere Mandanten dort gut aufgehoben sind.

Zur Person:

SVEN HOFFMANN ist als Partner im Stuttgarter Büro der HEUSSEN Rechtsanwaltsgesellschaft mbH im Handels- und Gesellschaftsrecht tätig. Zugleich ist er Mitglied im Board of Directors von Multilaw.

Das setzt voraus, dass Zeit investiert wird, um sich kennen zu lernen.“ Hoffmann, Mitglied im Board of Directors von Multilaw und Leiter des Qualitätssicherungsausschusses, ist also viel unterwegs. Regelmäßige persönliche Treffen gehören zur Philosophie von Multilaw – und zwar auf allen Ebenen. Neben den jährlichen Versammlungen wird die fachliche Zusammenarbeit gefördert: in den diversen Fachbereichen von Multilaw entwickeln die Spezialisten länderübergreifend gemeinsame Projekte. So gibt es globale Handbücher zu Arbeitsrecht, zu Kunst- und Urheberrecht, zur Vollstreckung ausländischer Urteile, Checklisten für M&A-Projekte und vieles mehr. Die gemeinsame Arbeit schafft wiederum gegenseitige Einblicke. Das jüngste Projekt des europäischen Teils der „Corporate and Commercial Practice Group“: es wurde eine „Brexit Action Group“ gegründet, die ein Online-Tool zum Brexit entwickelt hat (siehe unten). Junge Anwälte haben bei Multilaw die Möglichkeit, im Rahmen der einwöchigen „Multilaw-Academy“, die jährlich an wechselnden Orten stattfindet und von erfahrenen Wirtschaftsanwälten aus dem Netzwerk betreut wird, Kontakte zu knüpfen. Das Ziel ist, in gemischten Arbeitsgruppen Verständnis für unterschiedliche Rechtssysteme und Kul-

turen zu entwickeln. Gleichzeitig wird trainiert, auf Englisch zu verhandeln. Hoffmann: „HEUSSEN schickt jedes Jahr jüngere Kolleginnen und Kollegen zur Academy, die immer begeistert zurückkommen.“ Der Lohn - Multilaw ist als führendes Netzwerk anerkannt Mit diesem Ansatz gehört Multilaw zu den führenden internationalen Netzwerken. Die internationale Referenzpublikation „Chambers“ führt Multilaw schon im dritten Jahr in Folge in der „Elite“-Liga der zehn besten Netzwerke. Und bei „The Lawyer” gewann das Netzwerk 2017 den prestigeträchtigen Titel „Global Network of the Year“. „Multilaw ist für uns der Weg, unsere Mandanten in alle Welt begleiten zu können. Nach jahrelanger Erfahrung wissen wir, dass wir dabei nicht schlechter aufgestellt sind als die Großkanzleien“, so Hoffmann abschließend. „Und unsere Mandanten wissen zu schätzen, dass sie auch im Ausland so persönlich betreut werden, wie sie es von uns gewohnt sind.“

Brexit – die unterschätzte Herausforderung für deutsche Unternehmen Die Brexit-Entscheidung der Briten und die stagnierenden Verhandlungen mit der Europäischen Union lösten bisher bei vielen deutschen Wirtschaftsteilnehmern vor allem eine Mischung aus Kopfschütteln und Belustigung aus. Der Eindruck dürfte nicht trügen, dass nur die wenigsten Unternehmen sich intensiv mit der Frage beschäftigen, was der Brexit für ihre Geschäftsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich bedeuten könnte. Das liegt sicherlich daran, dass die Lage unübersichtlich ist und dass ursprünglich die Hoffnung bestand, dass hinter dem Theaterdonner der politischen Positionierung in London und Brüssel bereits eine Einigung skizziert war. Diese Hoffnung ist aber zumindest optimistisch. Unbestreitbar ist jedenfalls, dass die Interessen der Briten und die der Europäischen Union so weit auseinanderliegen, dass eine Einigungslinie derzeit nicht erkennbar ist. Während die Regierung des Vereinigten Königreichs das (unrealistische) Versprechen an die Wähler einhalten muss, gleichzeitig die uneingeschränkte Souveränität zurückzuerhalten, aber

die Vorteile des Freihandels nicht zu verlieren, ist dies für die verbleibenden EU Mitglieder „EU 27“ vollkommen inakzeptabel, denn es würde die Fliehkräfte in der EU befördern. Wie soll da ein Kompromiss zu finden sein? BDI rät zur Vorbereitung auf „harten Brexit“ Bemerkenswert ist, dass auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) das mittlerweile so sieht. Am 5. Oktober hat er eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der er seinen Mitgliedern rät, sich auf einen „harten Brexit“ vorzubereiten, also auf ein ungeregeltes Ausscheiden Großbritanniens zum 29. März 2019. Alles andere, so der BDI, „wäre naiv“. Diese Einschätzung ist wahrscheinlich realistischer als die Hoffnung auf einen Deal in letzter Minute. Risikoanalyse durch Multilaw „Brexposure Tool“ Die Fachgruppe Handels- und Gesellschaftsrecht des internationalen Kanzleinetzwerks Multilaw hat aus

diesem Grund eine Brexit Action Group gegründet, die die Entwicklungen eng verfolgt und Risikoanalysen sowie Handlungsempfehlungen für die Mandanten der Mitgliedskanzleien erarbeitet. Das jüngste Ergebnis ist das „Brexposure Online Tool“ (von „Brexit“ und „Exposure“, sinngemäß also die Betroffenheit durch den Brexit). Mit diesem Online-Fragebogen kann jedes Unternehmen ermitteln, ob und in welchem Umfang es in verschiedenen Bereichen vom Brexit betroffen sein könnte. Ein entsprechender Ergebnisbericht wird unmittelbar erstellt und kann entweder per E-Mail zugesandt oder anonym gelesen werden. Er soll als erste Einschätzung dienen, mit welchen Themen das Unternehmen sich näher beschäftigen sollte.

keinen Deal geben wird, könnte die Panik größer und die Kämpfe härter werden. In bestimmten Bereichen – beispielsweise bei den gewerblichen Schutzrechten – ist jetzt schon absehbar, dass es nach dem Brexit zu einem „Stau“ bei den zuständigen britischen Behörden kommen wird, denn diese sind auf die Selbstständigkeit ja noch gar nicht eingerichtet. Dringenden Handlungsbedarf haben übrigens auch die Gesellschafter der in Deutschland beheimateten britischen Limiteds: ihnen droht mit dem Glockenschlag des Austritts am 29. März 2019 die unbeschränkte persönliche Inanspruchnahme für alle Verbindlichkeiten ihrer Gesellschaft.

Für Unternehmen tickt die Uhr Es empfiehlt sich, nicht zu lange mit den Planungen zu warten. Falls beispielsweise Verträge mit Geschäftspartnern in Großbritannien neu verhandelt werden müssen, ist dies im Augenblick sicherlich noch einfacher als später. Wenn bestätigt ist, dass es

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Wirtschaft in Baden-Württemberg  
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Ausgabe 6, 2017