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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 4 | 2015

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Energiewirtschaft Welche Herausforderungen die Energiewende für das Land bringt. SEITEN 1 – 8

Auslandseinsätze Ein paar Jahre im Ausland arbeiten gilt als Karriere­Turbo. Was sollte man dabei beachten? SEITE 9

Freihandel

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Die meisten Firmen im Südwesten sehen TTIP positiv. SEITEN 17 – 19

Krisengebiet der Energiewende Der Umstieg auf erneuerbare Energien setzt Kraftwerke und Stromnetze im Süden Deutschlands unter Stress. Die Branche muss sich gewaltig strecken. Wird sie schnell genug sein, um eine störungsfreie Versorgung zu sichern? Von Walther Rosenberger

Umbau

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ie Energiewende ist ein nationa­ les Projekt. Aber wie kommt da­ bei eigentlich Baden­Württem­ berg weg? Ein Blick in die Zahlen zeigt ein düsteres Bild für das südwestlichste al­ ler Bundesländer. Seit Jahren ist Baden­ Württemberg Netto­Zahler in Sachen Energiewende. Jährlich entrichten Bürger und Unternehmen laut einer aktuellen Stu­ die des Energiebranchenverbands BdEW, die „Wirtschaft in Baden­Württemberg“ ausgewertet hat, deutlich mehr Geld für die Energiewende, als ihnen durch das Mega­ projekt andererseits zufließt. Und: der Südwesten legt immer mehr drauf. Lag der Netto­Mittelabfluss im Jahr 2012 noch bei 471 Millionen Euro, kletterte er auf knapp 1,57 Milliarden Euro im ver­ gangenen Jahr. Auch Bayern – lange Jahre der Hauptprofiteur des Umstiegs auf neue Energien in Deutschland – ist im Konzert der Bundesländer 2014 erstmals auf einen der Zahlerplätze gerutscht. Die beiden Südländer mit ihrer hohen Bevölkerungszahl und Industriedichte sind die Leidtragenden stetig steigender Förderkosten für Ökostrom, durch die viel mehr Geld abfließt, als durch die Erzeu­

gung von Strom aus erneuerbaren Energie­ quellen im Land dazuverdient wird. Und das ist nicht das einzige Problem, das sich auftut. Südlich des Mains werden nach dem Aus mehrerer Kernmeiler seit 2011 so langsam die Kraftwerke knapp. Zwar werden deswegen hierzulande „die Lichter nicht ausgehen“, wie der Präsident des Stadtwerke­ und Kommunal­ verbands VKU, Ivo Gönner, im Gespräch mit „Wirtschaft in Ba­ den­Württemberg“ sagt. Aller­ dings komme es nun vorrangig darauf an, Anreize zu schaffen, dass in Süddeutschland „saubere und effiziente konventionelle Kraftwerke betrieben und ge­ baut werden können“. Nach Gönners Ansicht ist auch nach der Beilegung des Koalitions­ streits um Stromtrassen und die Klimaab­ gabe kurz vor der parlamentarischen Som­ merpause die „Energiewende in keinem guten Zustand“. Den meisten Gewinn machten nach wie vor „die größten Dreck­ schleudern“, sagt der VKU­Chef – abge­ schriebene Braunkohlekraftwerke mit de­ saströsen Wirkungsgraden, die in Nordrhein­Westfalen oder Brandenburg

stünden und von großen Konzernen be­ trieben würden. Kleine kommunale Energieversorger sieht er angesichts der Umbrüche im Ener­ giegeschäft am Scheideweg. Viele Stadtwer­ ke würden in Schwierigkeiten kommen, sagt er und deutet an, dass in den kommen­ den Monaten vermehrt mit Stilllegungen oder dem Verkauf von Geschäftsfel­ dern an Investoren zu rechnen ist. Das könnten dann auch die Bür­ ger zu spüren bekommen, denn bislang finanzierte das lukrative Energiegeschäft in kommunaler Hand oft andere öffentliche Leis­ tungen wie Hallenbäder oder den öffentlichen Nahverkehr. „Das wird in Zukunft nicht mehr überall möglich sein“, sagt Gönner, der zugleich Ulmer Oberbürger­ meister ist. Aber es gibt in Sachen Energiewende auch Entwicklungen, die Hoffnung ma­ chen. Der Großteil der Firmen im Land stellt sich nämlich sehr wohl den Heraus­ forderungen, die durch den Umstieg auf Sonne, Wind und Wasser entstehen – und zieht auch Nutzen daraus. So ist der Ma­ schinenbauer Schmalz aus dem Schwarz­

wald dank kluger Investitionen in Öko­ Energien und Effizienztechnik zu einem Positiv­Energie­Unternehmen geworden, das mehr Energie selbst erzeugt, als es be­ nötigt. „Ökologie und Wirtschaftlichkeit schließen sich nicht aus“, sagt Geschäfts­ führer Wolfgang Schmalz. Die Stuttgarter Firma Etogas wiederum hat ein Verfahren entwickelt, das zu einer der Schlüsseltechnologien der Energie­ speicherung werden könnte. Etogas wan­ delt Überschussstrom in Methan um, das danach ins Erdgasnetz eingespeist werden kann. Riesige Energiemengen könnten so gespeichert werden. Aufträge kämen der­ zeit allerdings nur aus dem Ausland, sagt Vertriebschef Stephan Rieke. In Deutsch­ land stimme die Förderung nicht.

GEMEINSAME PUBLIKATION Wirtschaft in Baden­Württemberg ist ein Gemeinschaftsprodukt der Wirtschaftsredak­ tionen von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Die nächste Ausgabe mit dem Schwerpunkt Werkzeugmaschinen­ bau erscheint am 22. September. Im November erscheint dann die letzte Ausgabe des Jahres 2015.


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Inhalt Interview

„Plötzlich hieß es dann April, April“ VKU­Chef Ivo Gönner meint, dass vielen Stadtwerken harte Zeiten bevorstehen. SEITE 3

Energiewende im Land

Pfiffiges – wunde Punkte Es gibt vielversprechende Ansätze, doch wo steht das Projekt in Baden­Würt­ temberg? SEITEN 4, 5

Grafikseite

Wo die Last ist, ist die Leistung

Frank Mastiaux

Franz Untersteller

Wir zeigen die Standorte der größten Kraftwerke in Baden­ Württemberg auf einer Grafikseite. SEITE 6

Der Erneuerer

Der Sattelfeste

Seit fast drei Jahren steht Frank Mastiaux nun schon an der Spitze von Deutschlands drittgrößtem Energieversorger EnBW, und allein das könnte für sich genommen schon als Erfolg durchgehen. Immerhin wurde der Job des ge­ bürtigen Esseners einmal als „der wohl schwerste Chefposten in der deutschen Wirtschaft“ beschrieben. Dabei geht es um nichts weniger, als den dereinst Kernkraft­lastigsten Energieversorger der Republik in einen Öko­Energien­ Champion zu verwandeln. Und das alles möglichst schnell, denn die Gewinne der EnBW brechen in vielen Bereichen im Rekordtempo weg. Und die Konkur­ renz im Strom­ und Gasgeschäft nimmt zu. Dennoch: neun Monate hat sich der Ex­Eon­Mann nach Amtsantritt Zeit gelassen, um seine neue Strategie zu prä­ sentieren. Diese besteht aus einem Dreiklang – sparen, investieren, Neues in den Blick nehmen – und wird flankiert von einer „Entkonzernung“, die Schluss machen soll mit dem nahezu unüberschaubaren Geflecht aus Gesellschaften und Beteiligungen des Karlsruher Versorgers. Noch murrt die Belegschaft trotz einiger Härten nicht. Auch zeigen sich langsam erste Erfolge bei neuen Ge­ schäftsfeldern und Öko­Energien – was am Ende aus der EnBW wird, ist nicht abzusehen. Stabilität geben derweil die beiden Hauptaktionäre, das Land und der Zweckverband OEW. Zurzeit sind sie Mastiauxs Stütze – und er ihre. wro

Ihn einen Superminister zu nennen stimmt nicht ganz – und irgendwie dann wieder doch. Mit einer im Vergleich zu anderen Ministerien recht überschau­ baren Mitarbeiterzahl managt der Grüne Franz Untersteller nämlich für die Landesregierung nicht nur die Bereiche Umwelt und Klima, sondern auch die Energiewende – eines der wohl vertracktesten Politikfelder überhaupt. Und das Wunschressort des Vaters zweier Kinder. Seine Karriere begann er Anfang der 1980er Jahre am Freiburger Öko­Institut. Danach war er jahrelang Referent für Umwelt und Energie in der Landtagsfraktion der Grünen. Im Konzert der Lan­ des­Umweltminister sei Untersteller wohl einer mit den besten Fachkenntnis­ sen, heißt es. Mit Begriffen wie Kapazitätsmarkt, Differenzkosten oder Grün­ stromprivileg jongliert der selbstbewusste Realo wie mit Alltagsvokabeln. Als Minister hat er unter anderem den Klimaschutz gesetzlich im Land verankert und das Wassergesetz auf neue Beine gestellt. Immobilienbesitzern machte er weitreichende Vorgaben für die Nutzung von Öko­Wärme – und musste nach Kritik zurückrudern. Derzeit versucht er sich an einer weltumspannenden Klimaallianz unter Industriestandorten. Seine offene Flanke liegt indes auf Landesebene: Nach mehr als vier Jahren im Amt ist es ihm noch nicht gelungen, Baden­Württemberg zum Windkraft­Standort zu machen. wro

Infrastruktur

Süddeutschland, du hast es schlechter Warum Baden­Württemberg die Krisenregion Nummer eins bei der Umsetzung der Energiewende ist. SEITE 8

Kapitalanlage Oldtimer

Rendite mit Garagengold Auch mit Alltagsautos lassen sich gehörige Wertzuwächse erzielen. Beim Kauf sollte man aber genau hinschauen. SEITE 10

Arbeitsrecht

Der Kampf um die klugen Köpfe Was können Unternehmer tun, wenn die Konkurrenz ihre besten Mitarbeiter abwerben will? SEITE 11

Mitarbeiterführung

Chefs müssen umdenken „Lieber nicht den Boss raushängen lassen“, rät Personal­ Psychologe Armin Trost Führungskräften. SEITE 14

Gastbeitrag

Die Problemlöser Auch nach vier Jahren bleibt die Energiewende eine permanente Herausforderung. Tausende Menschen im Land arbeiten täglich daran, sie zu bewältigen. Wir stellen fünf besonders prägnante Köpfe vor. Porträts

Knackpunkt Schiedsgerichte Fotos: CDU, dpa (2), Matthias Matthai, Verbraucherzentrale Bundesverband

Der Investorenschutz im Rahmen von TTIP darf nicht auf Kosten des Gemein­ wohls gehen. SEITE 19

Unternehmensgründer

Gesucht: ein Platz für Gründer Start­ups brauchen Räume, die zu ihren Bedürfnissen passen. Drei Beispiele aus Stuttgart. SEITEN 20, 21

Pro & Kontra

Praxisbezug oder Interessenpolitik? Andreas Richter (IHK) und Doro Moritz (GEW) debattieren über das Thema Wirtschaft in der Schule. SEITE 24

Mobiles Arbeiten

Büro zum Einpacken Egal ob im Zug oder im Homeoffice – eine professionelle IT­Ausstattung sorgt für produktives Arbeiten. SEITE 26

Ergonomie

Stundenlanges Sitzen Der ideale Bürostuhl unterstützt Wirbelsäule und Musku­ latur – für eine gesunde Körperhaltung. SEITE 28

Arbeitswelt

Ein Tisch, zwei Jobs Desk­Sharing ist das Zauberwort im Büro von morgen: Zwei Mitarbeiter teilen sich einen Schreibtisch. SEITE 29

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen Wirtschaft in Baden­Württemberg? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E­Mail an redaktion@wirtschaft­in­bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mit dem Euro­ pean Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Michael Heller, Klaus Köster Redaktion Imelda Flaig, Werner Ludwig, Walther Rosenberger Gestaltung/Produktion Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger, Anna­Lena Wawra E­Mail: redaktion@wirtschaft­in­bw.de Telefon: 07 11/72 05­12 11 und 07 11/72 05­74 01 Internet: www.wirtschaft­in­bw.de „Wirtschaft in Baden­Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Marc Becker (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05­16 03 Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05­0

Holger Krawinkel

Torsten Höck

Joachim Pfeiffer

Der Sexyness­Beauftragte

Der smarte Berlin­Import

Der Marktwirtschaftler

Man könnte es einen echten Coup nennen. Fast ge­ nau vor einem Jahr verpflichtete der Mannheimer Versorger MVV Energie Holger Krawinkel. Über zehn Jahre war der gebürtige Heppenheimer als Leiter des Fachbereichs Energie beim Verbrau­ cherzentrale Bundesverband eine der gewichtigs­ ten Stimmen Deutschlands in Sachen Verbrau­ cherpolitik und ein permanenter Ideengeber der Energiewende. Bei MVV ist es nun Krawinkels Job, Innovationen voranzutreiben und zu erspü­ ren, was die Kunden wirklich wollen. Dafür ist er genau der Richtige. Denn der akkurate Rechner Krawinkel denkt Energie schon immer strikt vom Endverbraucher her. „Energie funktioniert zuse­ hends nach einer Konsumgüterlogik“, sagt er. In dieser lasse sich der Bürger nichts mehr vorschrei­ ben. Er kaufe einfach, was ihm gefalle, was sexy ist. Doch was ist das? Solarspeicher? Smart­Home­ Lösungen inklusive Handwerkerservice? E­Autos mit Solardach auf der Garage? Im sich in hohem Tempo auffächernden Energiegeschäft ist diese Frage der Schlüssel zum Erfolg, wenn nicht zum Überleben der etablierten Versorger, ist sich Kra­ winkel sicher. wro

In Baden­Württemberg, einem der Brennpunkt­ länder der Energiewende, einen kurzen Draht ins politische Berlin zu haben, ist sicher kein Fehler. Torsten Höck, seit Anfang 2014 Geschäftsführer des Branchenenergieverbands VfEW, hat ihn. Fünf Jahre arbeitete der frühere JU­Kreispolitiker vor seinem Wechsel nach Stuttgart als Büroleiter der einflussreichen Chefin des Energie­Spitzenver­ bands BdEW, Hildegard Müller, in der Bundes­ hauptstadt. Als der Südwestableger VfEW zum Jahreswechsel 2013/14 in eine tiefe Führungskrise schlitterte, musste Höck – damals gerade mal 36 Jahre alt – ran. Der Jurist, der vor wenigen Mo­ naten Vater geworden ist, gilt als Netzwerker, dem es innerhalb kurzer Zeit gelungen ist, tragfähige Verbindungen in die Politik zu legen. Dabei helfen ihm seine Expertise in Energiefragen und ein Blick fürs große Ganze. Der große Auftritt und publi­ kumswirksame Initiativen sind Höcks Sache indes nicht. Lieber arbeite er im Hintergrund, sagen Leute, die ihn kennen. Manche werfen ihm indes vor, im tiefen Süden noch nicht ganz angekommen zu sein. Über die Wochenenden pendelt er regel­ mäßig zurück nach Berlin – zu seiner Familie. wro

Einen Vorwurf kann man dem wirtschaftspoliti­ schen Sprecher der Union, Joachim Pfeiffer, nicht machen: nämlich, dass er nicht klar Stellung bezie­ hen würde. Der 48­jährige promovierte Betriebs­ wirt und Bundestagsabgeordnete für den Wahl­ kreis Waiblingen pflegt seine Positionen unmiss­ verständlich deutlich zu machen. Eine Kostprobe gefällig? Nach der Reaktorkatastrophe in Japan warnte er im Bundestag: „Wir sind gut beraten, da­ rauf zu achten, Herr Trittin, dass der Kernschmel­ ze nicht die Hirnschmelze in Deutschland folgt.“ Zuweilen eckt er mit dieser Eigenschaft an, nicht nur beim politischen Gegner. Bei den Medien ist er deswegen umso beliebter. Der Vater von drei Söh­ nen ist ein überzeugter Anhänger der Marktwirt­ schaft, und er ist ausgewiesener Kenner der Ener­ giepolitik. Sein Anliegen ist, dass der Strompreis für Verbraucher und Unternehmen im Zuge der Energiewende nicht aus dem Blick der Handeln­ den gerät. Pfeiffer ist ein Konservativer, allerdings auch bereit, neue Wege zu gehen: Jüngst machte er sich mit einem Grünen­Politiker für einen staatlich kontrollierten Verkauf von Cannabis stark. mgr

Index Personen Adolph, Lars 28 Amelung, Harald 20/21 Arns, Tobias 12/13 Barth, Michael 26 Baumann, Thomas 11 Bierhahn, Michael 20/21 Birk, Dietrich 18 Blazicek, Josef 16 Bracht, Marcus 16 Brendgen, Irmgard 23 Brogle, Peter 16 Campmann, Sebastian 28 Cremers, Jan 4/5 Dietz, Ulrich 20/21 Eichner, Elisa 20/21 Eichsteller, Harald 12/13 Ellenberg, Johannes 20/21 Ennerst, Luis 23 Ewald, Jan 27 Frädrich, Martin 22 Friedrich, Peter 17 Froböse, Ingo 28 Gabriel, Sigmar 3 Gaffal, Hans 23 Garcia, Alonso 9 Gönner, Ivo 3 Griggel, Marc 16

Hamm­Reinöhl, A. 23 Haner, Udo­Ernst 28 Häusling, Martin 17 Hemmerling, Udo 4/5 Höck, Torsten 2 Hundsdörfer, Rainer 18 Jaschinski, Siegfried 16 Jobs, Steve 14 Keller, Ska 17 Koederitz, Martina 17 Koehler, Robert J. 16 Krawinkel, Holger 2 Kullas, Matthias 19 Küpper, Stefan 22 Leibe, Wolfram 16 Mahler, Helmut 20/21 Mair, Peter 10 Mastiaux, Frank 2, 4/5 Matthes, Kurt 18 Millard, Marius 12/13 Moritz, Doro 24 Mühlheim, Manfred 10 Müller, Hildegard 2 Musati, Martina 16 Pein, Vivian 12/13 Pfeiffer, Joachim 2 Richter, Andreas 24 Rieke, Stephan 4/5

Riekena, Gregor 16 Rosskopf, Wolfgang 9 Sauer, Alexander 7 Sauer, Oliver 19 Schmalz, Kurt 7 Schmalz, Wolfgang 7 Schnatz, Frank 16 Stoch, Andreas 22 Stolze, Dennis 25 Thomas, Christine 26 Trost, Armin 14 Ullrich, Susanne 12/13 Untersteller, Franz 2 Visser, Stefan 16 Vogel, Oskar 18 Vollmann, Iris 27 Wachter, Steffen 9 Weber, Michael 28 Wilke, Frank 10 Wirlitsch, Michael 9 Zetsche, Dieter 17 Unternehmen und Organisationen Accelerate Stuttgart 20/21 Agentur für Erneuerbare Energien 4/5

All for One Steeb 16 Alpirsbacher Klosterbräu16 Audi 4/5 Augur Capital 16 BW Handwerkstag 18 BdEW 2, 8 BDI 17 BMW 8 Bosch 8, 9, 12/13 Bundesnetzagentur 8 BVCM 12/13 BVDW 12/13 CEP 19 CEPR 17 Chiron 17 Classic­Analytics 10 Code White 20/21 Comazo 7 Coworking0711 20/21 Daimler 8, 9, 17, 23 Dena 4/5 Dt. Bauernverband 4/5 DIHK 17 EBM­Papst 18 ECA International 9 EnBW 2, 4/5 Enercon 4/5 Eon 4/5

Etogas 4/5 EWS Schönau 7 Exit Games 20/21 Metzgerei Matthes 18 FH Furtwangen 14 Fleischerinnung BW 18 Foodwatch 17 Fraunhofer IAO 25 Galaxy Energy 7 Gehalt.de 12/13 General Electric 4/5 GFT­Technologies 20/21 Häfele 16 Hansgrohe 16 HdM 12/13 IBM 17 IG Metall 26 IHK 12/13 IHK Region Stgt. 9, 22, 24 KBA 10 Kiess 9 Kühne & Nagel 9 LBBW 16 Licht.de 27 Lidl 18 Lutron GmbH 27 Mader 7 Mahle 23

Main First Bank MVV Nordex OEW Öko­Institut Oppenländer Philip Morris Asia Promerit Regus Richard Nußbaumer RWE SAP Schlecker Schmalz Sport Tiedje Stiftung Warentest Südwestbank Südwestmetall Transnet­BW TÜV Süd Ulmer Verlag Vattenfall VDA VDMA VZBV VfEW VKU WMF

16 2, 16 4/5 2 2 11 19 14 26 7 3 14, 17 12/13 7 28 12/13 10 22 8 28 23 19 10 17 2 2 3 16


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

I

vo Gönner lässt richtig Dampf ab. Eine Zigarette nach der anderen löst sich im Verlauf des Interviews mit „Wirtschaft in Baden­Württemberg“ in Rauch auf. Und auch ansonsten ist der 63­Jährige an diesem Vormittag im Ulmer Rathaus in Hochform. Die Energiewende, deren Be­ fürworter er ist, sei zu einem heillosen Durcheinander geworden, sagt er. Zu viele, die mitreden. Zu viele, die Einzelinteressen durchsetzen. Dennoch bleibt Gönner Opti­ mist: „Die Lage wird sich wieder bessern.“

„Plötzlich hieß es dann April, April“

Herr Gönner, nach einer aktuellen Umfrage glaubte im Juni 2015 zum ersten Mal eine Mehrheit der Bundesbürger nicht mehr, dass die Politik in der Lage ist, die Energiewende zu stemmen. Wenn jetzt schon die Bürger von der Fahne gehen, kann es dann über­ haupt noch gutgehen? Tatsächlich ist die Energiewende in keinem guten Zustand. Jeder verhält sich gerade frei nach dem Motto: Rette sich, wer kann. Die einen nehmen so viele Subventionen mit, wie es nur geht, andere suchen ihr Heil in Energieautarkie und produzieren mög­ lichst viel Strom selbst. Die nächsten versu­ chen krampfhaft, alte Kisten (Kraftwerke, d. Red.) am Netz zu halten, während ihre Kollegen von nebenan sich daran abarbei­ ten, dass ihre modernen Kraftwerke we­ nigstens noch ein paar Euro einspielen. Jeder versucht loszumarschieren und ist gleichzeitig von einer anderen Geschichte gebremst. Es ist derzeit ein heilloses Durch­ einander, in dem zu viele mitreden und von der Politik auch noch gehört werden.

Ivo Gönner, Chef des Kommunal­ verbands VKU, über energiepolitische Kehrtwenden, systemrelevante Konzerne und die schwierige Lage vieler Stadtwerke. Diese könnte dazu führen, dass Bürger und Kommunen den Gürtel enger schnallen müssen.

Interview

Klingt wie ein Abgesang erster Ordnung? Soll es aber nicht sein, vielleicht eher ein Weckruf. Denn die Energiewende ist abso­ lut richtig. Es gab einen gesellschaftlichen Konsens, aus der Kernkraft auszusteigen. Jetzt muss man auch dabei „Ein Konglomerat wie bleiben, und die Stadtwerke und ihr Verband stehen dazu. RWE ist systemrelevant

für ganz Deutschland.“

So ganz überzeugt scheinen Sie aber irgendwie doch nicht? Wissen Sie, wenn man aus der Kommunalpolitik kommt, ist man einiges gewöhnt. Man weiß vor allem, welche Phasen eine Diskussion durchläuft. Phase 1: Begeisterung, Phase 2: Ernüchte­ rung, Phase 3: Protest, Phase 4: Suche nach dem Schuldigen, Phase 5: Alle waren doch schon immer dafür – eigentlich kommt dann nur noch die Auszeichnung der Un­ schuldigen und Bestrafung der Schuldigen.

Ivo Gönner zum Einfluss der Energiekonzerne auf die Politik

Benennen Sie mal die Schuldigen? Alle die, die die Energiewende eingeleitet, aber nicht technisch sauber geplant haben. Wobei man auch sagen muss: Der politische Rahmen zur Planung hätte schlimmer auch nicht sein können. Anfang des Jahrtau­ sends war klar, man steigt 2022 aus der Atomenergie aus, nach und nach schaltet man die Atommeiler ab. Parallel dazu wird aber ein Stabilitätsanker aus modernen Grundlastkraftwerken aufgebaut, um die Versorgung zu sichern. Die Stadtwerke und kommunalen Unternehmen haben das ge­ macht und Milliarden in die Hand genom­ men. Als wir auf einem guten Weg waren, kam die zweite Energiewende. Dann hieß es plötzlich April, April, jetzt ist es Zeit für eine Laufzeitverlängerung. Ein halbes Jahr spä­ ter explodierte der Reaktor in Fukushima – und alles ging wieder zurück auf Los. Aber das war 2011! Da waren schon fast zehn Jahre rum. Also wieder rein in die Kartoffeln und die alten Pläne aus der Schublade holen – und dann möglichst in doppeltem Tempo weiter. Klar, dass das nicht gutgehen kann. Zumal wenn wichtige energie­ politische Entscheidungen per­ manent aufgeschoben werden. „Eine Insolvenzwelle unter Was ist denn aus Ihrer Sicht den Stadtwerken befürchte jetzt die drängendste Aufgabe? Dass es der Politik gelungen ich nicht, aber es kann ist, die Kostenexplosion bei der Förderung erneuerbarer zu Stilllegungen oder Energien zu bremsen, war Abtrennungen von schon mal ein entscheidender Geschäftsfeldern kommen, Schritt. Jetzt geht es darum, Anreize zu schaffen, dass in die dann an Investoren veräußert werden müssen.“ Deutschland saubere und effi­ ziente konventionelle Kraft­ Ivo Gönner zur wirtschaftlichen werke betrieben und gebaut Situation der Stadtwerke werden können, um die Grundlast insbesondere in Industrieregionen wie Süddeutschland zu sichern. Aus Sicht der Stadtwerke ist das Thema Kraft­Wärme­Kopplung entschei­ dend. Die Unternehmen haben in den ver­ gangenen Jahren stark auf diese effiziente und saubere Art der Energieerzeugung ge­ setzt. Die Situation am Strommarkt führt aber heute dazu, dass bestehende Anlagen in ihrer Wirtschaftlichkeit bedroht sind. An einen Neubau ist gerade gar nicht zu denken. Oder nehmen Sie Gas­ und Dampf­ turbinenkraftwerke. Vor zehn Jahren gal­ ten sie noch als Kardinallösung für den Übergang zu einer komplett grünen Ener­ gieversorgung, und die Energieversorger haben fleißig investiert. Heute sind die An­ lagen fertig gebaut, liefern aber keinen Strom, weil sich der Betrieb schlicht nicht lohnt, obwohl die Wirkungsgrade mit weit über 80 Prozent sehr hoch sind. Stattdes­

Immer die Ruhe weg: Ivo Gönner erklärt die Winkelzüge der Energiewende. Fotos: dpa

sen machen im Moment die größten Dreck­ schleudern den meisten Gewinn – abge­ schriebene Braunkohlekraftwerke mit einem Wirkungsgrad oft unter 40 Prozent. Diese Fehlanreize durch ein neues Markt­ system zu korrigieren, gelingt der Politik aber seit Jahren nicht . . . . . . weil Interessen im Spiel sind, die wieder alles verhageln. In Bundesländern wie Nordrhein­Westfalen oder Brandenburg stehen die größten deutschen Kraftwerke, oft alte Braunkohlemeiler. Im Ruhrgebiet ist RWE der größte Versorger, und an dem Konzern hängen wiederum 25 Prozent kommunale Eigentümer dran. So ein Kon­ glomerat ist systemrelevant für ganz Deutschland. Da traut sich keine Regierung ran. Von den ursprünglichen Plänen, die Altkraftwerke über eine Klimaabgabe aus dem Markt zu nehmen, ist man ja auch schon wieder abgekommen. Die Energiewende wird also in Nordrhein­ Westfalen entschieden, Brennpunkt ist aber Süddeutschland, wo irgendwann die Lichter ausgehen könnten? Die Lichter werden nicht ausgehen, da ha­ ben sich schon viele verrechnet. Aber es stimmt schon, da geht was vollkommen aus­ einander. Deswegen hat auch Bundeswirt­ schaftsminister Sigmar Gabriel meinen vol­ len Respekt. Der versucht ja, den Flohzirkus beieinanderzuhalten und die Länder zu einer gemeinsamen Wende zu bringen. Mit Bayern hat er aber grade keinen Erfolg . . . Die bayerische Staatsregierung sollte neben landespolitischen Interessen auch berücksichtigen, dass Versorgungssicher­ heit, Ausbau der Erneuerbaren, umwelt­ freundliche Kraftwerke und modernisierte Netzinfrastrukturen wichtige Erfolgsfak­ toren für die Umsetzung der Energiewende sind. Insofern wäre es hilfreich, die über­ geordneten Ziele der Energiewende nicht aus den Augen zu verlieren. Nicht nur die großen Energiekonzerne, auch Stadtwerke haben Probleme. Wie gravierend

sind sie? Etwa ein Drittel der kommunalen Versor­ ger hat in den vergangenen Jahren in kon­ ventionelle Kraftwerke investiert, die jetzt nicht selten defizitär sind. Vorwerfen kann man das den Unternehmen aber nicht. Warum? Historisch betrachtet hatten Stadtwerke meist nur wenige eigene Kraftwerke und hingen daher immer am Tropf der Strom­ konzerne. Die Großen haben die Kleinen aber oft an der ausgestreckten Hand ver­ hungern lassen. Als die Energiewende kam, haben viele Stadtwerke gesagt: So, wir ma­ chen Energie wieder selber. Mit eigenen Kraftwerken. Und sind dazu auch von der Politik beglückwünscht worden. Und der energiewirtschaftliche Rahmen damals war komplett anders als die Energieland­ schaft heute. Und diese Kraftwerke schla­ gen uns jetzt voll ins Kontor. Sie wollen damit andeuten, dass die Politik die Regio­Versorger ins offene Messer laufen lässt? Nicht absichtlich. Die Rahmenbedingun­ gen haben sich verändert, und da muss die Bundesregierung dringend nachsteuern. Welche Perspektiven haben die Stadtwerke überhaupt noch? Viele Stadtwerke werden in Schwierigkei­ ten kommen. Sie werden sich auf den Wär­ memarkt und den Markt für Energiedienst­ leistungen konzentrieren, das sind einzelne Zukunftsbereiche. Sie werden sich aber auch mehr denn je zusammenschließen, kooperieren müssen, umso besser in spe­ zialisiertes Personal und Technik investie­ ren zu können. Die Versorger werden auch erfinderisch sein müssen, um den Kunden neue Dienstleistungen ums Energie­ geschäft anbieten zu können. Denken Sie an Elektromobilität oder die intelligente Ver­ netzung von Haustechnik. Ob diese aber wertschöpfend sind, muss sich erst heraus­ stellen. Die Stadtwerke haben hier aber ent­ scheidende Vorteile: sie haben die Kunden und kennen die individuelle Situation vor Ort. Diese Vorteile müssen sie ausspielen.

Befürchten Sie eine Insolvenzwelle? Nein, aber es kann zu Stilllegungen oder Abtrennungen von Geschäftsfeldern kom­ men, die dann an Investoren veräußert werden müssen. Bislang war es ja – grob vereinfacht – so, dass man mit Gewinnen aus dem Energiegeschäft Hallenbäder, Parkhäuser oder den öffentlichen Nahver­ kehr quersubventioniert hat. Das wird in Zukunft nicht mehr überall möglich sein. Müssen sich die Bürger deswegen auf eine Einschränkung der öffentlichen Leistungen einstellen oder auf steigende Preise? Zumindest wird die Lage zu einer stärke­ ren Beanspruchung der kommunalen Haushalte führen. Die müssen dann eben in die Lücke springen, die durch die Löcher in der Energiebilanz entstehen. Ich gehe allerdings davon aus, dass sich die Lage im Energiegeschäft auch wieder bessern wird. Ich rechne mit mindestens drei, vier Jah­ ren, in denen wir noch solche Schwierig­ keiten haben werden. Bis 2020 wird sich einiges lichten. Danach wird es in der Branche wieder besser werden. Die Frage ist nur: Wie lange halten die Energie­ versorger durch? Das Gespräch führten Imelda Flaig und Walther Rosenberger.

VOLLBLUTPOLITIKER Der Baden­Württemberger Ivo Gönner ist ein echtes Landesgewächs, und es ist nicht nur sein breiter Dialekt, der ihn als solches erkennbar macht. Gönner wurde 1952 in Laupheim, südlich von Ulm, geboren und studierte in Heidelberg. Zentrum seiner beruflichen Karriere als Anwalt und seines politischen Engagements ist Ulm. Seit 1992 ist SPD­Mitglied Gönner Oberbürgermeister der Donaustadt. Nach drei Amtszeiten und rund 24 Jahren wird sich der Hobbymaler im November dieses Jahres für das Amt nicht mehr zur Verfügung stellen – stattdessen will der zwei­ fache Vater wieder als Anwalt tätig sein. Der Verbändespezialist Mit 20 Jahren trat Gönner in die SPD ein und war später im Ulmer Stadtrat aktiv. Im Städtetag im Land brachte er es bis zum Präsidenten, auf nationaler Ebene bekleidet er einen Präsidiums­ posten. Seit 2012 ist er Präsident des Stadtwerke­ und Kommunalver­ bands VKU auf Bundesebene. wro


4 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

norddeutschen Werlte eine PtG­Anlage gebaut, die aus Windstrom Gas fĂźr 1500 Erd­ gasautos produziert – und so Audis CO2­Bilanz verbessert. Trotz solcher Erfolge ist Vertriebschef Stephan Rieke unzufrieden mit der Geschäfts­ entwicklung. „Wer in Deutsch­ land eine PtG­Anlage betreibt, verbrennt letztlich Geld“, sagt er. Denn auch fĂźr Ă–kostrom, der in Gas verwandelt wird, ist die EEG­Umlage fällig. Aus Deutschland kämen deshalb keine neuen Aufträge fĂźr das Unternehmen mit 20 Mit­ arbeitern – dafĂźr aus anderen Ländern wie Ă–sterreich, den Niederlanden oder der Schweiz. Die deutsche Politik mĂźsse endlich handeln – und PtG­An­ lagen von der EEG­Umlage be­ freien, fordert Rieke. Stattdes­ sen sollten die Betreiber fĂźr ihren Beitrag zur Stabilisierung des Stromnetzes und zur besse­ ren Integration erneuerbarer Quellen in das gesamte Energie­ system angemessen honoriert werden. Nur so komme man zu hĂśheren StĂźckzahlen und da­ mit zu sinkenden Kosten. Soll­ ten sich die Rahmenbedingun­ gen nicht ändern, denke Etogas bereits darĂźber nach, Deutsch­ land den RĂźcken zu kehren. Rie­ ke: „Wenn man irgendwo nicht gewollt ist, muss man eben woanders hingehen.“ lud

Blick auf eine Biogasanlage im Bioenergiedorf Mauenheim

Schwacher Wind – hohe Leistung Es ist die Achillesferse vom Er­ neuerbare­Energien­Standort Baden­Wßrttemberg: Der Aus­ bau der Windkraft kommt bis­ lang nicht in Schwung. Im ver­ gangenen Jahr sind nach Daten des Landes­Umweltministe­ riums gerade einmal sieben neue Anlagen ans Netz gegan­ gen. Und die Rahmenbedin­ gungen, neue Windräder zu er­ richten, verschlechtern sich. Ab 2017 soll der Neubau von Wind­ anlagen auf Grundlage von Aus­ schreibungen erfolgen. Im neu­ en System kommt generell der­ jenige Standort zum Zug, auf dem sich Wind am gßnstigsten ernten lässt. Windschwache Binnenlandstandorte – im Sßd­ westen die Regel – geraten da­ her ins Abseits. Unter Umstän­ den ist der Neubau von Anlagen unternehmerisch ßberhaupt nicht mehr interessant. Der Maschinen­ und Anla­ genbau hat begonnen, sich tech­ nologisch darauf einzustellen. Wurden Windturbinen frßher fßr eine mÜglichst hohe Maxi­ malleistung konzipiert, steht bei den neuen Anlagen ein mÜg­ lichst langer Betrieb unter Voll­ last im Vordergrund. Stark­ windphasen lässt man sich im Gegenzug schon mal entgehen. Das bedeutet: geringere Maxi­ malleistung der Turbine, dafßr

deutlich hĂśhere TĂźrme und viel längere Rotorblätter. So lasse sich die Effizienz besonders bei geringen und durchschnitt­ lichen Windgeschwindigkei­ ten erheblich steigern, heiĂ&#x;t es von Nordex, einem der Pioniere dieser sogenannten Schwachwindräder. Entspre­ chende Anlagen weisen nach Angaben eines Firmenspre­ chers rund doppelt so hohe Volllaststunden auf wie her­ kĂśmmliche Turbinen. FĂźr die Betreiber bedeutet das eine um bis zu 20 Prozent erhĂśhte Energieausbeute. Nordex, das schon die zweite Geräte­ generation im Markt hat, verkauft in Deutschland fast nur noch diesen Anlagentyp. Und auch alle anderen Her­ steller, etwa Enercon oder GE, sind mittlerweile einge­ stiegen. Experten rechnen daher fĂźr die kommenden Jahre mit einem zuneh­ menden Wettbewerb in dem Segment. Dieser wer­ de zu sinkenden Anlagen­ preisen fĂźhren, heiĂ&#x;t es. FĂźr Investoren ein wichti­ ger Punkt bei der Frage nach dem wirtschaftlichen Betrieb – und fĂźr die Poli­ tik eine Hoffnung, dass Wind­ räder in Zukunft auch im Bin­ nenland gebaut werden. wro

d n i s r i W z n e B s e Merced Partner. Classic

entwickelt. Bei der Umsetzung der Energiewende hapert es aber noch. Anbei eine Ăœbersicht der Schwachstellen des Megaprojekts im Land und ein Blick auf vielversprechende Ansätze.

Mercedes-Benz etabliert mit seinen ClassicPartnern ein Netzwerk von Spezialisten unter einem starken Dach. Wir freuen uns, dass wir zu den 24 ausgewählten Partnern gehÜren, die dieses Prädikat tragen dßrfen.

Das Plusenergiehaus in Leonberg lieĂ&#x; der Bauingenieur Manfred Nor bert Fisch als Familiendomizil seiner Tochter errichten.

EnBW: ein Konzern erfindet sich neu Atomausstieg und Energiewen­ de stellen das Geschäftsmodell der einst so mächtigen Energie­ konzerne radikal infrage. Die EnBW ist besonders stark da­ von betroffen, denn der grĂśĂ&#x;te Versorger im Land produzierte vor dem Atomausstieg weit mehr als die Hälfte des Stroms in Kernkraftwerken – so viel wie kein Wettbewerber. Auch 2014 lag der Atomanteil noch bei 43 Prozent, während es im deutschen Durchschnitt nur noch 16 Prozent waren. Wovon soll die EnBW leben, wenn 2019 und 2022 ihre beiden letzten Reaktoren vom Netz gehen? Vor dieser Frage stand EnBW­Chef Frank Masti­ aux, als er im Oktober 2012 den Vorstandsvorsitz Ăźbernahm.

Denn auch der Betrieb von Kohle­ und Gaskraftwerken rechnet sich wegen der wach­ senden Ökostromkonkurrenz immer weniger. Das bescherte der EnBW mehrfach rote Zah­ len, auf die der Konzern mit Sparprogrammen und Stellen­ streichungen reagierte. Strategisch entschied sich Mastiaux fßr die Flucht nach vorn. Er verordnete der EnBW einen Ökokurs, der den Kon­ zern gegenßber Konkurrenten wie Eon oder RWE fast schon wie einen grßnen Musterkna­ ben aussehen lässt. Bis 2020 sollen rund 40 Prozent der Stromerzeugung auf erneuer­ bare Energien entfallen. 2014 waren es erst zwÜlf Prozent. Um dieses ambitionierte Ziel zu

erreichen, sind Milliardenin­ vestitionen nĂśtig, die der Kon­ zern trotz des Preisdrucks im Stromhandel stemmen muss. In Zukunft will Mastiaux auch mehr Geld mit Dienstleis­ tungen, dem Betrieb der Netze und Kooperationen mit kommu­ nalen Versorgern verdienen. „Wir werden die EnBW neu den­ ken“, sagte er beim Amtsantritt. Das verlangt den 20 000 Mit­ arbeitern ei­ niges ab. Doch auch sie wis­ sen, dass ihre Jobs davon ab­ hängen, ob der Tanker EnBW die Wende schafft. lud

Kommunen heizen sich selbst ein – und bremsen den Klimawandel Immer mehr DĂśrfer versuchen ihre eigene Energiewende und stellen um auf erneuerbare, vorwiegend auf Bioenergie, um Strom und Wärme zu produ­ zieren. Solche BioenergiedĂśr­ fer decken mindestens die Hälfte ihres Bedarfs selbst – aus Biomasse. Etwa 80 davon gibt es in Baden­WĂźrttemberg, das bundesweit Vorreiter ist. Ein Beispiel: UntermaĂ&#x;holder­ bach, ein Teilort von Ă–hringen im Hohenlohekreis, ist mit 98 Einwohnern ein recht kleines Bioenergiedorf, da­ fĂźr produziert es zwĂślfmal so viel Energie, wie die 25 Haushalte selbst be­ nĂśtigen. Ăœber ein Fernwärmenetz wird das Dorf ausschlieĂ&#x;­ lich mit Wärme aus erneuerbaren Ener­ gien gespeist. Betrie­

ben wird das Netz mit der Ab­ wärme einer Biogasanlage. GĂźl­ le, Gras, ZuckerrĂźbenschnitzel und Mais speisen die Anlage. Das Biogas wird im Blockheiz­ kraftwerk in Strom und Wärme umgewandelt, die ins Netz der EnBW bzw. ins Netz der Nah­ wärme GbR eingespeist wer­ den. Dazu kommt noch elektri­ sche Energie von Fotovoltaik­ anlagen. Im Notfall, zur Abdeckung von Spitzenlasten im Winter, gibt es noch einen Hackschnitzelbrenner. Ein weiteres Beispiel: Mau­ enheim, ein Ortsteil von Im­ mendingen im Kreis Tuttlin­ gen, war das erste Dorf in Baden­WĂźrttemberg, welches sich mit Strom und Wärme voll­ ständig aus heimischen erneu­ erbaren Energien versorgt. Das hat Ăśkologische und regional­ wirtschaftliche Vorteile: Die Energiekosten flieĂ&#x;en nicht mehr ab, sondern bleiben als Kaufkraft vor Ort. Mauenheim hat gut 430 Einwohner. imf

Das Haus als Kraftwerk: Plusenergiehäuser setzen sich derzeit nicht durch

Energiewirt statt Landwirt: Bauern denken um Das Bild einer strukturkonservativen Bauern­ schaft, die Neuerungen unaufgeschlossen gegenĂźbersteht, ist – zumindest mit Blick auf die Energiewende – ein Mythos. Als eine der ersten Gruppen Ăźberhaupt haben die rund 285 000 deutschen Landwirte die Herausfor­ derungen, vor allem aber die Chancen, er­ kannt, die im Umstieg Deutschlands auf grĂźne Energie liegen. Laut Agrarstatistik nutzte 2013 exakt ein Drittel aller deutschen Landwirtschaftsbetrie­ be Ă–ko­Energien als zusätzliche Einkommens­ quelle, in Baden­WĂźrttemberg sogar noch et­ was mehr. Im vergangenen Jahr brachte das nach Daten des Agrar­Informationsdienstes AMI allen Bauern zusätzliche ErlĂśse von 6,1 Milliarden Euro ein. Zum Vergleich: der Gesamtwert aller landwirtschaftlichen Erzeug­ nisse lag 2014 bei knapp 55 Milliarden Euro. „FĂźr viele Bauern hat die Energieproduk­ tion einen entscheidenden Einfluss auf die Be­ triebsergebnisse“, sagt etwa Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Deut­ schen Bauernverbandes (DBV). Und sie waren frĂźh dran. Bereits kurz nach Beginn des Jahrtausends sei eine groĂ&#x;e Zahl an Landwirten in die Biogas­ Erzeugung eingestiegen, sagt Hemmerling – ein Trend, der sich bis heute verfestigt hat. Nach Schätzungen des DBV sind rund 70 Prozent der Biogas­Erzeugung in den bundesweit 8000 Anla­ gen in der Hand von Bauern. Als „Vorreiter und Treiber“ bezeichnet der stellvertretende DBV­ General die Rolle der Landwirte hier. Aufgrund einer immer unattraktiveren FĂśrderung ist der Neubau von Anlagen aber jĂźngst quasi komplett

zum Erliegen gekommen. FĂźr 2015 erwartet der Fachverband Biogas ein Plus von grade noch acht Megawatt aus Neuanlagen – ohne Repowering. Ă„hnlich, wenn auch nicht ganz so trĂźb, sieht die Zukunft in einem weiteren Ă–ko­Energie­ bereich aus, in dem die Bauern als Pioniere bezeichnet werden kĂśnnen – der Stromerzeugung mittels Photovoltaik (PV). Zwischen 2007/08 und 2010 investierte die Branche erstmals massiv in PV. 2011 schätzte das Klaus­Novy­Institut, dass knapp ein Viertel der deut­ schen Solarleistung in der Hand von Bauern waren. Viele der sprichwĂśrt­ lichen Solarfelder und Solar­Stadl auf dem flachen Land haben ihren Ursprung in dieser GrĂźnderzeit des „FĂźr viele Bauern hat die Solarbooms. Energieproduktion einen Allerdings: die Bedeutung der Bauern fĂźr die Energiewende lässt entscheidenden Einfluss nach. Ihr Anteil an der Sonnen­ auf die Betriebsergebnisse.“ stromproduktion ist bis heute auf Udo Hemmerling, elf Prozent gesunken. Investierten Vize­Generalsekretär des Deutschen sie nach Daten der Agentur fĂźr Er­ Bauernverbandes, Ăźber Ă–ko­Energien neuerbare Energien 2010 noch rund als zusätzliche Einkommensquelle sieben Milliarden Euro in Energie­ wende­Technologien, waren es 2014 nur noch knapp 1,5 Milliarden Euro, vor allem weil kapi­ talintensive Biogas­Projekte wegfielen. In dieser Situation besinnen sich die Land­ wirte auf Altbewährtes: die Nutzung ihrer Wäl­ der fĂźr den immer wichtiger werdenden Markt der Bio­Wärmeenergie. Hemmerling sagt: Neben Biogas werde das die neue StĂźtze der Landwirte werden. wro

Windanlagen auf dem Rosskopf bei Freiburg. Die Rotor­ blätter moderner Anlagen werden immer länger.

tschland Solar­Stadl: Bauern ßberall in Deu

setzen auf Solarenergie

Es klingt futuristisch, ist aber technisch machbar und längst Realität: Wohnen in einem Haus, das mehr Energie er­ zeugt, als die Bewohner ver­ brauchen. Bei sogenannten Plusenergiehäusern ist meist die Sonne die Hauptenergie­ quelle. ĂœberschĂźssige Energie wird als Wärme gespeichert oder als Strom ins Netz einge­ speist. Das Modell eines preis­ gekrĂśnten Plusenergiehauses steht vor der Stuttgarter Lie­ derhalle. Es erzeugt das 1,5­Fa­ che der benĂśtigten Energie und hat sich nach 25 Jahren energe­ tisch amortisiert. In Leonberg gibt es ein bewohntes Plusener­ giehaus, am Schlierberg in Frei­ burg sogar eine Solarsiedlung. Der Anteil der Plusenergiehäu­ ser am Gesamtbestand ist laut Bundesbauministerium aber unklar. Die Quote ist minimal, es gibt lediglich Leuchtturm­ projekte, sagt Jan Cremers, Professor fĂźr Gebäudetechno­ logie an der Hochschule fĂźr Technik Stuttgart. Er hat mit Studenten das Modell vor der Liederhalle gebaut. Die Bedeu­ tung des Plusenergiehauses bei der Umsetzung der Energie­ wende im Gebäudebereich wer­ de derzeit wissenschaftlich er­ forscht, sagte ein Sprecher des Bundesbauministeriums. „Sei­ ne Wirtschaftlichkeit und Pra­ xistauglichkeit werden Ăźber die zukĂźnftige Rolle entscheiden.“ Cremers hält das Plusener­ giehaus nicht fĂźr den entschei­ denden LĂśsungsansatz. Neu­ bauten sind erheblich teurer als Neubauten konventioneller Häuser. Alternativ mĂźsse man mit hohen Investitionskosten rechnen. „Der Energieaufwand fĂźr den Hausbau und die Tech­ nologien wird in der Energiebi­

Bayerischer Basar: immer Ă„rger mit den Stromtrassen

picture alliance

Die schwankende Strompro­ duktion von Solaranlagen und Windrädern ist ein zentrales Problem der Energiewende. Bei bedecktem Himmel und gleich­ zeitiger Flaute liefern die Ă–ko­ kraftwerke zu wenig Strom, so dass konventionelle Kraftwerke angefahren werden mĂźssen. Wenn dagegen gleichzeitig die Sonne brennt und ein kräftiger Wind bläst, werfen die Anlagen so viel ab, dass sie zeitweise vom Netz genommen werden mĂźs­ sen, um dessen Stabilität nicht zu gefährden. Bisweilen sorgt das phasenweise Ăœberangebot auch fĂźr negative Strompreise im GroĂ&#x;handel. Hier kommt Etogas ins Spiel. Das Stuttgarter Unternehmen plant und realisiert Anlagen, mit denen sich ĂźberschĂźssiger Ă–kostrom per Elektrolyse in Sauerstoff und Wasserstoff ver­ wandeln lässt – und in einem weiteren Schritt in Methan, den Hauptbestandteil von Erdgas. Dieses kann ins Gasnetz einge­ speist und zur Wärme­ oder Stromerzeugung genutzt wer­ den. Zudem kann das syntheti­ sche Erdgas Ăźber längere Zeit­ räume gespeichert werden – was angesichts eines steigenden Ă–kostromanteils immer wichti­ ger wird. Mit Hilfe der Power­ to­Gas­Technik (PtG) erzeugtes Erdgas eignet sich zudem als klimaneutraler Kraftstoff fĂźr Autos. So hat Etogas fĂźr Audi im

Felder, Wälder, Sonne satt: Baden­ WĂźrttemberg ist eigentlich prädestiniert dafĂźr, Ă–ko­Energie zu erzeugen. Die wissenschaftlichen Grundlagen zur Nutzung neuer Energieformen – etwa der Fotovoltaik – wurden hierzulande mit Ăœberblick

dapd, dpa, Manfred Norbert Fisch,

Gas aus Ökostrom: eine gute Idee – die sich leider noch nicht rechnet

Energiewende im Land: wo sie funktioniert und wo es noch klemmt

Fotos: Audi AG, Artis, Bauernverband,

Die Power­to­Gas­ Anlage von Audi in Werlte produ­ ziert Gas aus Windstrom.

Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg 5

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Sie sollen Windstrom aus den Windparks in Nord­ und Ost­ deutschland in die industriel­ len Zentren des SĂźdens brin­ gen, und sie sind damit die Hauptschlagadern der neuen deutschen Energieinfrastruk­ tur: Ultranet, SĂźd­Link und die Gleichstrompassage SĂźd­Ost, drei zusammengenommen mehrere Tausend Kilometer lange Hochspannungs­Strom­ leitungen, die sich in den ver­ gangenen Jahren zum wohl grĂśĂ&#x;ten Zankapfel der Energie­ wende gemausert haben. Wäh­ rend Ultranet – ganz im Wes­ ten – im Wesentlichen auf bestehenden Masten verlegt werden soll und daher wenig Widerstände provoziert, sind SĂźdlink und die SĂźd­Ost­Tras­ se, die in Bayern und Baden­ WĂźrttemberg mĂźnden, hoch kontrovers. BĂźrgerinitiativen machen entlang den Strecken mobil, Klagen verhindern ein zĂźgiges Vorankommen der Pla­ nungen. Den Vogel abgeschos­

sen hat allerdings Bayern, das das Üstlichste Projekt ßber den Thßringer Rennsteig komplett und Sßdlink teilweise infrage stellte – wohlgemerkt Monate nachdem es den Planungen be­ reits zugestimmt hatte. Fast ein Jahr hat Bayern die Trassen­ planung so verzÜgert. Immerhin: Anfang des Mo­ nats gab es eine Einigung. Die umstrittenen 500­Kilovolt­ Gleichstromleitungen werden im Wesentlichen auf den vor­ gesehenen Korridoren gebaut. Bayerns Bedenken kommt man entgegen, indem man – wo es mÜglich ist – Erdkabel verwen­ det. Fßr die deutschen Strom­ kunden ist das keine gute Nach­ richt, denn sie zahlen die viel teurere Technologie ßber die Netzentgelte. Immerhin: die Trassen kommen. Eine noch längere politische Blockade hätte die Energiesicherheit zu Anfang des neuen Jahrzehnts in ernste Schwierigkeiten ge­ bracht. wro

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Aktuell

lanz aber zum Beispiel vernach­ lässigt“, kritisiert Cremers. Ăœberhaupt schaue man sich bei der positiven Energiebilanz oft nur die Strombilanz an. Als Plusenergiehaus eignet sich auch nicht jedes Gebäude. „Der Aufwand ist nicht immer wirt­ schaftlich“, sagt Cremers: Häu­ ser, deren Dach fĂźr Fotovoltaik­ anlagen geeignet seien, hätten mehr Potenzial als teils oder ganz verschattete Häuser. „Die primären Ziele sollten sein, die Energieeffizienz zu steigern – mit einem mĂśglichst niedrigen Bedarf an nicht­erneuerbarer Primärenergie und damit auch geringen CO2­Emissionen, et­ wa durch eine Fassadendäm­ mung oder neue Fenster. Im zweiten Schritt sollte man den Eigenverbrauch optimieren und etwa Hausgeräte mĂśglichst dann betreiben, wenn selbst produzierter Strom verfĂźgbar ist, um die Netzbelastung zu be­ grenzen“, sagt Cremers. Ăœbrige Energie kĂśnne man durchaus einspeisen. „Angesichts der EinspeisevergĂźtung fĂźr Foto­ voltaik von zwĂślf Cent je Kilo­ wattstunde Strom und einem doppelt so hohen Einkaufspreis ist der Eigenverbrauch aber attraktiver.“ Aus Cremers’ Sicht besteht das bedeutsamere Einspar­ potenzial bei der energetischen Sanierung von Altbauten. „Die Sanierungsquote von einem Prozent im Bestand ist zu nied­ rig“, sagt Cremers, „wir mĂźssen zwei bis drei Prozent errei­ chen.“ Laut der Deutschen Energieagentur (Dena) sind zwei Drittel der Fassaden und ein Drittel der Dächer nicht ge­ dämmt. Die Hälfte der Hei­ zungsanlagen wurde vor 1997 installiert. sk

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Landshut

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Quelle: Transnet-BW

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6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Wo die Last ist, ist die Leistung Da ist sie noch, die alte Energiewelt. Beim Blick auf unsere Baden­Württemberg­Karte wird schnell klar, dass der jahrzehntealte Spruch der Kraftwerksbauer immer noch gilt: Wo die Last ist, ist die Leistung. Anders ausgedrückt ballen sich die Kraftwerke überall dort, wo viele Menschen wohnen und sich Industrie angesiedelt hat – im Rhein­Neckar­Raum, im Dreiländereck mit Frankreich und der Schweiz und im Speckgürtel um Karlsruhe, Stuttgart und Ulm. Erst die Energiewende, auch das sieht man auf der Karte, bringt die Anlagen aufs flache Land. Von Imelda Flaig, Walther Rosenberger (Text) und Jana Evers (Grafik) Überblick

10,5 MW

Wertheim 18 MW

Standort von Kraftwerken verschiedener Energieträger mit ihrer Netto-Nennleistung in Megawatt (MW)

Werbach

17,2 MW 53,1 MW Mannheim

Laufwasser

1520 MW

Buchen

28,4 MW

10 MW

13,5 MW

77,1 MW

Boxberg

Heidelberg

Erdgas Biomasse

1 402 MW

Windenergie (Onshore-Anlagen)

Phillipsburg Steinkohle Heilbronn

1 310 MW Pumpspeicher

Schwäbisch Hall

70 MW Abfall

78 MW

1 347 MW

Karlsruhe

Mineralölprodukte

244 MW

390 MW

Kernenergie

52,5 MW

146 MW

Iffezheim

136 MW

19,5 MW

12,3 MW

Ruppertshofen

Simmersfeld

769 MW

Sindelfingen

26,5 MW

11 MW

Heidenheim 15,7 MW

16,8 MW

Dettingen

Tübingen Freudenstadt

Oberkochen

11 MW

13,4 MW

Offenburg

Göppingen

253 MW

28,0 MW Oberkirch

18,5 MW

14 MW

10 MW

22,6 MW Esslingen 35,1 MW

95 MW

43 MW

Aalen

10 MW

69,9 MW

90 MW Stuttgart

Forbach

Oberrot

18,8 MW

26,9 MW Pforzheim

Baden-Baden

22 MW

Neckarwestheim

Walheim

14 MW

Metzingen-Glems Reutlingen

90 MW Ulm

13,2 MW

20,7 MW Ehingen 21,2 MW

Albstadt

14,2 MW

85,1 MW Freiburg i.B. Eschbach

Tuttlingen

12,3 MW Tannheim

13,6 MW Häusern

100 MW 910 MW

150 MW

Wehr 46,7 MW 40 MW 37,9 MW

79,5 MW

GrenzachWhylen 36,8 MW

24 MW

360 MW

Ravensburg

220 MW

16 MW

Konstanz

Bo

de

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Kirchdorf a.d.I.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 7

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Wie Ökologie und Profit Hand in Hand gehen Der Vakuum­Spezialist Schmalz im Schwarzwald deckt knapp 51 Prozent seines Energiebedarfs mit eigener Energie. Insgesamt lässt bei den deutschen Unternehmen das Engagement für Investitionen in Energieeffizienz nach. Von Stefanie Köhler Energieeffizienz

W

olfgang Schmalz (57) freut sich über jedes Wetter. Bei Sonnenschein erzeugen die Fotovoltaik­ anlagen auf den Dächern seines Unternehmens in Glatten bei Freu­ denstadt Strom. Bei Regen hat der Fluss Glatt genug Wasser, um die Wasserkraft­ anlage auf dem Firmengelände zu versor­ gen. Regenwasser füllt außerdem die Zister­ nen für die Toilettenspülungen und gießt die Pflanzen. Böen treiben die betriebseigene Windkraftanlage an. „Und bei Nebel wach­ sen die Bäume im Wald“, sagt Geschäftsfüh­ rer Schmalz. Das Holz landet in der Hack­ schnitzelheizung. Sie verbrennt jedes Jahr etwa 2600 Kubikmeter Holz aus der Region.

Pfiffige Ideen senken Verbrauch Der weltweit führende Vakuum­Spezialist Schmalz mit rund 900 Mitarbeitern und 16 Tochtergesellschaften ist ein Positiv­ Energie­Unternehmen: Aus regenerativen Energiequellen erzeugt er mehr Energie, als er verbraucht, und schafft so eine beinahe ausgeglichene Energiebilanz. Jedoch stim­ men Strombedarf und ­angebot nicht immer überein, nachts zum Beispiel oder bei Windstille. Deshalb speist Schmalz überschüssige Energie ins Netz ein und be­ zieht von den Elektrizitätswerken Schönau Ökostrom. Letztlich deckt die Firma rund die Hälfte ihres Energiebedarfs aus Eigen­ produktion, Wärmerückgewinnung und Stromrückspeisung. Weniger als ein Pro­ zent des Umsatzes fließt in Energiekosten. Die Gesamtenergieeffizienz des knapp 14 000 Quadratmeter großen Produktions­ und Logistikgebäudes liegt nach eigenen Angaben um 57 Prozent unter dem vorgege­ benen Wert der Energieeinsparverordnung.

WARUM UNTERNEHMEN INVESTIEREN WÜRDEN Welcher Anreiz könnte Sie am ehesten veranlassen in Energieeffizienz-Maßnahmen zu investieren? Maximal zwei auswählbar Sonstige 13,0 Erleichterung bei Genehmigungsverfahren/Deregulierung 11,9 11,2 Vorgezogene bzw. degressive Abschreibung 6,8 Ermäßigter Umsatzsteuersatz auf energieeffiziente Absatzgüter

5,9 Investitionsfreibetrag

StZ-Grafik: jev

Investitionszuschuss/ Investitionsprämie 44,9

% 2,4 Keinen 3,7 Sonderausgabenabzug bei Einzelunternehmen Quelle: EEP

Mit Strom der Fotovoltaikanlagen produziert Schmalz Geräte, die nur die Energie verbrauchen, die sie bei einem Vorgang brauchen.

Die Geschäftsführer Wolfgang und Kurt Schmalz (60) investieren regelmäßig in neue Anlagen und Technologien für erneu­ erbare Energien. Zugleich senken sie, wo immer es möglich ist, den Energiever­ brauch – mit mitunter pfiffigen Ideen. Die Klimaanlage zieht die kühle Luft aus einer Felsspalte zwischen Hang und Gebäude, die Abwärme wird zum Heizen genutzt. Das Licht wird tageslichtabhängig geregelt, und selbst die Bremsenergie der Regalbedien­ geräte im automatischen Kleinteilelager wird rückgespeist und wiederverwendet. Die Verwertungsquote der Abfälle beträgt 99 Prozent. Die Liste ist lang. Ressourcenschonende Produkte sind der Ausgangspunkt aller Bemühungen. „Das Ziel unseres Tuns ist es, den CO2­ Fußabdruck unserer Produkte minimal zu halten“, sagt Kurt Schmalz. Klare Um­ weltziele stehen schon bei der Entwick­ lung eines Produkts und beim Einkauf von Teilen und Baugruppen im Vorder­ grund. Bei der Logistik achten die Ge­ schäftsführer auf regionale Zulieferer und CO2­freundliche Versandmethoden, die eigene Produktion bei Schmalz ist CO2­neutral. Mit seinem Nachhaltig­ keitsstreben stellt das Unternehmen auch die steigenden Ansprüche der Kun­ den zufrieden. „Unsere Kunden wollen Produkte mit einem vergleichsweise niedrigen Energieverbrauch, die sie spä­ ter recyceln können“, sagt Kurt Schmalz und betont: „Wir wollen langfristig nach­ haltig wirtschaften.“ Kurt Schmalz führt das Unternehmen in dritter Generation seit dem Jahr 1984, seit 1990 zusammen mit seinem Bruder Wolfgang. Zur Nachhaltigkeit gehört für die beiden ökonomischer Erfolg ebenso wie soziales und ökologisches Engage­ ment. Schon der Großvater legte Wert Ob im Logistikbereich in der Produkti onshalle oder in den Köpfen von Kur darauf. Ohnehin hatte er damals keine t und Wolfgang Schmalz, den Chefs Vakuum­Spezialisten: ein effizienter des Umgang mit Ressourcen ist ein zent andere Wahl, als das Werk mit Wasser­ rales Unternehmensziel. Fotos: Schmalz kraft zu betreiben. Die Brüder Schmalz intensivierten den Nachhaltigkeitsgedan­ ken fortan stetig. „Anlagen und Investitio­ günstigungen durch den Spitzenausgleich kompliziert ist“, sagt Sauer. Wärme lässt nen müssen aber immer wirtschaftlich wäre höher als Einsparungen durch Ener­ sich zwar hervorragend speichern, aber sein“, sagt Kurt Schmalz. Zumindest lang­ gieeffizienz­Technologien“, sagt Sauer. Im deutlich schlechter leiten als Strom. fristig müssen sie sich amortisieren. Mit Klartext: die Unternehmen verbrauchen Warten haben die Herren Schmalz dann so viel Strom, um die einzelne Einheit billi­ Weitere Windkraftanlagen geplant kein Problem. Beispiel Heizanlage: Statt ger zu bekommen. Grundsätzlich könnten Steuererleichte­ eines Ölkessels für 70 000 Euro installier­ Andere Firmen, die bisher investiert ha­ rungen und Abschreibungsvorteile Unter­ ten Kurt und Wolfgang Schmalz eine Hack­ ben, müssten für Technologien nun tiefer nehmen zu weiteren Investitionen anre­ schnitzelheizung für 700 000 Euro. Seit­ in die Tasche greifen und länger als die im gen. Und Regelungen, die langfristig gel­ dem liegen die Brennstoffkosten um zwei Schnitt zwei, drei Jahre warten, bis die In­ ten, betont Sauer. So hält etwa die noch Drittel niedriger, als es mit Öl der Fall vestition sich amortisiert. Doch viele Fir­ nicht verabschiedete Novelle zum Kraft­ gewesen wäre. Außerdem, sagt Wolfgang men bevorzugen laut Index eine klassische Wärme­Kopplungsg esetz Schmalz, „ist Öl viel zu schade, um es zu ver­ Finanzierung aus Eigen­ und Fremdfinan­ (KWK) Firmen davon ab, „Wir nehmen die Ver­ brennen, zumal es Alternativen gibt“. zierung für Investitionen, die sie selbst Energie selbst zu erzeugen – antwortung für die nicht stemmen können oder wollen. „Der ein Thema, das Sauer zufolge nächste Generation ernst.“ Ökologie und Wirtschaftlichkeit breite Markt für innovative Finanzie­ für viele Firmen interessant Wolfgang Schmalz, Auch den Mitarbeitern ist der Ökologie­ rungskonzepte fehlt“, sagt Sauer und pro­ ist und deshalb ein Trend. des Vakuum­ gedanke in Fleisch und Blut übergegangen. phezeit: „Wenn Unternehmen künftig tat­ Die Chefs der Firma Geschäftsführer Spezialisten Schmalz Ohne ihre Hilfe könnten die Herren sächlich weniger in Maßnahmen investie­ Schmalz planen indes weiter Schmalz auch gar nicht so nachhaltig wirt­ ren, werden wir in Deutschland das ihre nachhaltige Zukunft. schaften. Die Angestellten überlegen, wel­ geplante Effizienz­Ziel nur zur Hälfte er­ Kürzlich wurde der Solarpark Empfingen in che Materialien sie einsetzen können oder reichen.“ Betrieb genommen, bei dem Schmalz einen was sich bei Schmalz grundsätzlich verbes­ Dabei sieht Sauer gerade im Bereich Anteil von 70 Prozent hat. Und es sind zwei sern kann – dazu gibt es neben dem soge­ Wärme noch große Einsparpotenziale. „Das Windkraftanlagen in Planung. „Spruchreif nannten Energieeffizienzteam ein betriebli­ Thema ist nicht im Bewusstsein. Das liegt sind die aber erst im nächsten Jahr“, sagt ches Vorschlagswesen. Im vergangenen Jahr daran, dass das Wärmemanagement so Wolfgang Schmalz. sparte das Unternehmen rund 400 000 Euro, weil es die Ideen der Mitarbeiter um­ setzte, auch zur Einsparung von Energie. Wolfgang Schmalz sagt, dass er beim ENERGIEEFFIZIENTE UNTERNEHMEN IM SÜDWESTEN Thema Energieeffizienz nicht mit dem er­ Klimapolitik Das Ziel der Klimapolitik gezeichnet wurden (Mader und Theo mes Abwasser an. Seit dem Jahr 2010 hobenen Zeigefinger vorangehen möchte. Baden­Württembergs ist die Senkung Beutinger). nutzt der Betrieb im sogenannten Sondern zeigen will, dass Ökologie und der jährlichen Treibhausgas­Emissio­ Gegenstromverfahren die Energie des Wirtschaftlichkeit sich nicht ausschließen, nen um 90 Prozent bis zum Jahr 2050 Mader Der Druckluftspezialist mit Sitz Abwassers, um das Prozesswasser im Gegenteil, das Zusammenspiel „hoch­ gegenüber 1990. Der Energieverbrauch in Leinfelden­Echterdingen (Kreis Ess­ der Färbemaschinen zu erwärmen. profitabel“ ist. Das Engagement hat sich soll bis 2050 im Vergleich zum Jahr lingen) berät seine Kunden im gesam­ So werden im Jahr 90 Tonnen Heizöl herumgesprochen. Immer wieder kommen 2010 halbiert werden. Der dann ver­ ten Druckluftprozess. Dabei werden gespart. Firmenvertreter auf das Betriebsgelände. bleibende Energiebedarf soll zu 80 Schwachstellen identifiziert, und so Bundesweit investieren rund 85 Prozent Prozent aus erneuerbaren Energien wird die Energieeffizienz im Betrieb er­ Richard Nußbaumer Die Bäckerei und der Unternehmen in Energieeffizienz. erzeugt werden. Das Energie­Einspar­ höht. Eine Energieeffizienz­Analyse ist Konditorei in Waldbronn spart mit Hil­ Noch: laut aktuellem Energieeffizienz­ Ziel der Bundesregierung liegt bei kostenlos. Ein Blog informiert rund um fe von Wärmerückgewinnung aus Käl­ Index der deutschen Industrie, den das 30 Prozent. die Themen Energieeffizienz, Finanzie­ teaggregaten jedes Jahr circa 9000 Stuttgarter Institut für Energieeffizienz in rungs­ und Fördermöglichkeiten. Kubikmeter Erdgas. Zusätzlich ver­ der Produktion (EEP) veröffentlicht, lassen Industrie Fast ein Drittel des Endener­ wendet die Bäckerei nur LED–Leuchten die Anstrengungen nach. Im Vergleich zum gieverbrauchs in Deutschland fällt auf Theo Beutinger Der Bad Saulgauer und hat eine Fotovoltaikanlage auf Winter ist der Index im Sommer um mehr die Industrie. Für Betriebe gibt es nicht Fachbetrieb für Lackierungen und Be­ dem Produktionsgebäude installiert. als ein Drittel gefallen. Institutsleiter Ale­ nur wegen Vorgaben von Land und schriftungen gilt als Vorzeigebetrieb bei xander Sauer wertet das als schlechtes Bund gute Gründe, in Energieeffizienz­ der Umsetzung von technischen Maß­ Galaxy Energy Das Familienunterneh­ Zeichen. „Bisher waren für die Zukunft Technologien zu investieren. Energie­ nahmen zur Energieeinsparung. Mit sei­ men aus Berghülen bei Merklingen immer weitere Anstrengungen geplant. effizienz ist wegen steigender Energie­ nem Energiekonzept senkte der Hand­ baut Fotovoltaiksysteme ohne Unter­ Nun rechnen wir mit einer Stagnation. Aus kosten zunehmend ein Wettbewerbs­ werksbetrieb die CO2­Emissionen um dach. Das System selbst bildet das Sicht vieler Firmen lohnen sich scheinbar faktor und wichtiger Baustein zum rund die Hälfte. Bei der Lackierung setzt Dach – es ist kein Dach nötig, um die weitere Investitionen nicht mehr.“ Unternehmenserfolg. Wir stellen einige er unter anderem nur lösemittelfreie Module draufzusetzen. Das spare laut Gerade energieintensive Firmen ver­ Beispiele aus der Praxis vor, darunter und ­arme Materialien ein. Unternehmen Material­ und Montage­ zichteten auf Maßnahmen, weil sie sonst zwei Unternehmen, die mit dem Um­ kosten und führe zu einem gleichmäßi­ keine Steuerentlastungen mehr bekämen. weltpreis für Unternehmen 2014 des Comazo Bei dem Wäschehersteller gen Lichteinfall von zehn Prozent ins „Der Schaden durch den Wegfall der Ver­ Landes Baden­Württemberg aus­ aus Albstadt­Tailfingen fällt viel war­ Gebäude. sk


8 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Süddeutschland, du hast es schlechter Süddeutschland ist anders als der Rest der Republik – zumindest in Energieangelegenheiten. Und das liegt nicht nur an den störrischen Bayern. Von Walther Rosenberger Energiewende

D

er 30. März 2015, ein Montag, wird den Mitarbeitern der EnBW­Tochter Transnet­BW ziemlich lange in Erinnerung bleiben. Im Norden wütete Sturmtief Niklas über Deutschland und ließ die dort installierten Windräder wie wild kreiseln. In der Nacht zum Montag es­ kalierte die Lage. Innerhalb weniger Stun­ den explodierte die Windleistung im deut­ schen Netz. Mehr als 30 Gigawatt Wind­ energie drückten damals zusätzlich von den Küstenregionen in die Leitungen gen Sü­ Frankfurt den. Die Netz­

Mainz

spannung, die penibel bei 50 Hertz gehalten werden muss, drohte zu kippen. Ein Blackout stand unmittelbar bevor. In der Leitzentrale des Übertragungsnetzbetreibers der Transnet­BW im schwä­ bischen Wendlingen griffen die Spezialisten zu ihrem letz­ ten Mittel. Per Anweisung wur­ den Notfallkraftwerke in Öster­ reich und Italien hochgefahren und Windturbinen stillgelegt. Um einen Gegen­ druck zum Windstrom aus dem Norden zu schaffen, stand innerhalb von kurzer Zeit zudem nahezu jedes deutsche Kraftwerk südlich der Mainlinie unter Volldampf. Der Main, jener sich in Mäandern von Bayreuth im Osten nach Mainz im Westen erstreckende Rhein­Zufluss, ist in der Energiebranche zu so etwas wie einem Symbol geworden – dafür, dass Deutsch­ land mitnichten vereint, sondern zwei­ geteilt ist. Und im sonnigen Süden ziehen die dunklen Wolken auf. „Süddeutschland, du hast es schlechter“, könnte man – ein Goethe­Zitat frei aufnehmend – sagen. Die ungewohnte Rolle der sonst prächtig dastehenden Südländer resultiert aus der

neuen Struktur der deutschen Energiever­ sorgung. Diese wurde auf dem Reißbrett ge­ plant, und Energie wird darin im Norden und Osten Deutschlands erzeugt und über drei große Stromtrassen, die insgesamt vier Leitungsstränge auf sich vereinen, in die dicht besiedelten Verbrauchszentren nach Süddeutschland transportiert. In der Den­ ke der Systemplaner ersetzen die Leitungen die süddeutschen Kernkraftwerke, die bis Ende 2022 stillgelegt werden. Knapp zwölf Gigawatt Leistung werden dann in Bayern und Baden­Württemberg fehlen. Das Problem dabei ist, dass nach der Mechanik des Atomausstiegs seit 2011 ein Kernmeiler nach dem anderen vom Netz

agentur ein. Elf große Meiler haben die Bonner Regulierer bislang als systemrele­ vant eingestuft und damit ihre Abschal­ tung verhindert. Alle davon liegen direkt am oder südlich des Flusses. Wie alarmierend die Lage dennoch ist, verdeutlicht ein Blick auf die Zahlen. Seit dem Krisenwinter 2011/12, als die Energie­ versorgung im Süden haarscharf vor dem Kollaps stand, hat der Bedarf an Zusatz­ Kraftwerken für den Notfall stark zuge­ nommen. Statt 1645 Megawatt müssen die Netzbetreiber im kommenden Winter laut Bundesnetzagentur bis zu 7800 Megawatt an Kraftwerksreserven für Extremsituatio­ nen in der Hinterhand halten. Eine Steige­ rung um Faktor fünf, ohne die in kalten Wintern mit viel Wind im Norden südlich des Mains das Licht ausginge. Damit bei BMW, Bosch und Daimler die Bänder nicht stillstehen, greift man sogar auf ölbetriebene Methusalem­Meiler in

Schweinfurt

Österreich zurück. Sie sind die letzte Stütze der süddeut­ Würzburg schen Energieversorgung. Mit anderen Worten: Der Umbau des deutschen Kraft­ werksparks schlägt vor allem im geht – zuletzt Süden voll ins Kontor. wurde Grafenrheinfeld in Bayern Bis vor Kurzem konnten die abgeschaltet – der Bau der nötigen Südländer zum Ausgleich immerhin Trassen zum Stromtransport aber noch auf eine gute Positionierung bei neuen gar nicht begonnen hat. Neue Kraftwerke, Energien verweisen. Baden­Württemberg, die rund um die Uhr bereitstellen, baut bis­ aber besonders Bayern, glänzten über Jah­ lang ebenfalls kein Investor. Und so läuft die re hinweg mit hohen Neubauzahlen sowohl Energieversorgung langsam, aber sicher in bei Biogasanlagen als auch bei Fotovoltaik. eine immer kritischere Situation hinein, die Insbesondere dem Freistaat gelang es so der Markt allein nicht richten kann. Der über fast ein Jahrzehnt, eine Art umge­ Main ist dabei die Scheidelinie. kehrten Länderfinanzausgleich zu instal­ Die Politik hat das erkannt und seit lieren. Dieser speiste sich aus den in den dem Jahr 2012 den Energieversorgern in Anfangsjahren der Energiewende heillos Bayern und Baden­Württemberg de facto übertriebenen Einspeisevergütungen für die Hoheit über den Betrieb ihrer Anlagen Strom aus Biogas und der Sonne. Es war die entzogen. Wo immer ein Unternehmen Zeit, in der Landwirte ihre Rübenäcker in hier ein unrentables Kraftwerk stilllegen Solarfelder umdeklarierten und – etwas will, schreitet seither die mit dem Thema später dann – der „Solar­Stadl“ im Allgäu Energiesicherheit betraute Bundesnetz­ zum Sinnbild einer ausufernden Förder­

© Deniz Saylan

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politik wurde. Diese Zeit aber ist vorbei. Der Neubau von Biogasanlagen ist seit 2012 nahezu komplett zum Erliegen gekommen. Mit leichtem Zeitverzug ist auch der deut­ sche Fotovoltaik­Markt dramatisch einge­ brochen. Zwischen 2012 und 2014 ist die Zahl der jährlich neu installierten Anlagen um drei Viertel eingebrochen. Der Boom von Windenergieanlagen sprengt dagegen alle Vorhersagen. Sie entstehen allerdings ganz überwiegend im Norden der Republik. Kein Zweifel: die Kräfte in Sachen Energiewende verschieben sich. Von Süd nach Nord. Nachlesen lässt sich das in den Statistiken des Energie­Verbands BdEW. Darin firmiert Bayern 2014 erstmals als Nettozahler der Energiewende. Das heißt, die Einnahmen aus Einspeisevergütungen auf selbst erzeugten

Ökostrom reichten 2014 erst­ mals nicht mehr aus, um Zahlungen der Bür­ ger über die EEG­Umlage auszugleichen. Mit Ab­ flüssen von 115 Millionen Bayreuth Euro war die Energiewendebi­ lanz des Freistaats tiefrot. In Baden­ Württemberg, das unter dem Strich seit jeher draufzahlt, hat sich der Negativsaldo seit 2012 jährlich verdoppelt – auf 1,6 Mil­ liarden Euro. Die Gewinner heißen heute Brandenburg, Schleswig­Holstein und Mecklenburg­Vorpommern. Was hilft bei all dem Schlamassel? Viel­ leicht nur der Blick zurück. Historisch be­ trachtet waren regionale Führungsrollen im Energiesektor nämlich immer nur auf Zeit vergeben. Nach dem Krieg bis in die 1970er Jahre war Westdeutschland, na­ mentlich Nordrhein­Westfalen, der größte Profiteur von Deutschlands Bekenntnis zur Kohle. Dort wurde der Strom erzeugt und per Fernleitung in die ganze Republik verkauft. Durch den Einstieg in die Kern­ kraft in den 1970ern verschob sich das Ge­ wicht nach Süden, wo anteilig die meisten Atommeiler entstanden sind und auch die Grundlagen der Energiewende gelegt wur­ den. Fast scheint es so, als sei jetzt eben mal der Norden dran.

Der Main als Trennlinie: der Norden hat Energie im Überfluss, dem Süden dro­ hen Engpässe. Grafik: Evers


Wir Wirtschaft tschaft & Karriere

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Fern der Heimat: aus den Augen, aus dem Sinn? Neue Werke, neue Märkte: Monate oder auch Jahre im Ausland werden von immer mehr Mitarbeitern erwartet. Damit das Ausland nicht zum Abstellgleis wird, müssen Firmen und Beschäftigte die Fußangeln kennen. Von Oliver Schmale Auslandseinsätze

I

m Ausland eine gewisse Zeit zu leben Jahren, werde in Peking Schluss sein. und zu arbeiten, ist eine besondere Er­ „Unser kleiner Sohn wird dann einge­ fahrung. Wer als Mitarbeiter eines schult, und der Große kommt in die fünfte Unternehmens die Chance dazu hat, Klasse.“ will dies zumeist nicht missen. Denn Garcias 40 Jahre alte Ehefrau nutzt die die Auslandseinsätze sind meistens aufre­ Zeit im Ausland gerade für eine Weiterbil­ gend und sollen die Karriere vorantreiben. dung. Wichtig für den Gang ins Ausland ist, Einen Kulturschock planen die im Jargon dass der Partner mitzieht. Für Expatriates der Personalabteilungen Expatriates ge­ sind die größten Hindernisse für einen nannten Kandidaten in dem fremden Land Auslandseinsatz das Karriererisiko des sicherlich mit ein. Aber zumeist nicht, Partners, die Ausbildung der Kinder sowie wenn es wieder an den heimischen Arbeits­ die Gefahr eines eigenen „Karriereknicks“ platz zurückgeht. Da kann es dann in Ein­ nach einem mehrjährigen Auslandseinsatz, zelfällen schon einmal so sein, dass plötz­ heißt es bei dem Personalberatungsunter­ lich kein Schreibtisch mehr frei ist und das nehmen ECA International. Eine Maßnah­ neue Wissen nicht abgerufen wird. me, solche Barrieren zu umgehen, seien Damit der Heimkehrer nicht zum Kurzzeit­ oder Pendlereinsätze – auf diese Außenseiter wird, ist die Planung der Ent­ Weise könne die Familie ihren Wohnsitz in sendung ins Ausland genauso wichtig wie der Heimat sowie der Partner den Job be­ die Rückkehr. Bei dem Autobauer Daimler halten. Diesen Weg beschreitet ein mittel­ ist man sich des Themas bewusst. Es sei ständischer Handwerksbetrieb. Bei der in wichtig, auch während des Einsatzes im Stuttgart ansässigen Schreinerei Kiess, Ausland Kontakt mit den Kollegen zu einem unter anderem im Innenausbau Hause zu halten, sagt Steffen tätigen Familienunternehmen Wachter, Direktor Global „Der Chef zu mit rund 50 Mitarbeitern, ge­ Assignment Management, bei Hause nimmt an hen die Mitarbeiter im Hucke­ dem Autobauer. „Das unter­ der Entwicklung packverfahren zusammen mit stützen wir, indem wir die Kiess bekannten Unterneh­ Kosten für Heimflüge über­ des Mitarbeiters men ins Ausland, wie Ge­ nehmen. Außerdem hat jeder teil – künftige schäftsführer Wolfgang Ross­ unserer Expats von Anfang an Schritte werden kopf berichtet. Es sind immer eine ‚Reintegrations­Zusage‘.“ Männer. Tätig waren sie schon Das bedeutet, dass sein Fach­ von Anfang an in Saudi­Arabien, Sankt Pe­ bereich im Heimatland ihm besprochen.“ tersburg und Kiew. „Das ist ein bei der Rückkehr eine ange­ Steffen Wachter, Gewinn für die Mitarbeiter. Sie messene Stelle zur Verfügung Direktor bei Daimler können Erfahrungen sam­ stellt. Das gute Gefühl bei der meln, die sonst keiner macht.“ Rückkehr werde auch dadurch In Russland setzte Kiess die gestärkt, dass bei Beurteilungsgesprächen Leute zwischen vier und acht Wochen ein. und Leistungsbewertungen immer der Das Unternehmen konnte auf Beschäftigte Vorgesetzte des Mitarbeiters im Heimat­ zurückgreifen, die aus der Region stamm­ land mit eingebunden sei: „Der Chef zu ten. Ein Vorteil für beide Seiten: sie kennen Hause nimmt also aktiv an der Entwick­ sich in beiden Kulturen aus. Die Entsen­ lung des Mitarbeiters teil, und zukünftige dung ins afrikanische Nigeria hingegen Schritte werden bereits während des dauert mehrere Monate. Dort müssen die Assignments thematisiert. Gleichwohl be­ Kiess­Mitarbeiter auch einheimische Mit­ ginnt natürlich mit der Rückkehr eine neue arbeiter für Hilfstätigkeiten anlernen. Si­ Lebensphase“, betont Wachter. cherlich gleichfalls eine interessante Erfah­ Alonso Garcia (42) aus Sindelfingen ist rung, die man nicht alle Tage macht. gerade mit seiner Familie für den Auto­ Um Probleme beim geplanten Aus­ bauer in China tätig. „Ich und mein Team landseinsatz zu vermeiden, gehen die von sieben Mitarbeitern unterstützen in Unternehmen die unterschiedlichsten Peking gerade dabei, die neuen Anlagen im Wege. Eine weitere Möglichkeit ist die Werk vor Ort aufzubauen.“ Das heißt, er Entsendung von Mitarbeitern anderer und seine Kollegen sorgen dafür, dass die Altersgruppen: So werden inzwischen im­ Technik der Maschinen reibungslos funk­ mer mehr Angestellte im Alter von unter tioniert. Dazu müssen sie unter anderem 35 oder über 50 Jahren ins Ausland ent­ verkabelt und programmiert werden. Als sendet, bei denen familiäre Belange weni­ der Anruf kam, ob er nicht nach China wol­ ger behindern beziehungsweise zum Tra­ le, überlegte der ausgebildete Ingenieur gen kommen, heißt es bei dem Personal­ nicht lange: „Ich habe relativ schnell Ja ge­ beratungsunternehmen weiter. Derzeit sagt unter dem Vorbehalt der Zustimmung schicken Unternehmen Mitarbeiter meist der Familie.“ Mit von der Partie sind seine nur einmal im Laufe ihrer Laufbahn ins Frau und seine beiden Söhne. Bevor die Ausland. In Zukunft werden Angestellte Familie endgültig von Sindelfingen nach nach Einschätzung der Personalexperten Peking zog, gab es umfangreiche Infor­ aber mehrmals und in verschiedenen Län­ mationen über den Auslandsaufenthalt. dern für das Unternehmen tätig sein. In „Nicht jede freundliche Geste in Schwaben erster Linie, weil Unternehmen weiterhin ist eine freundliche Geste im Ausland“, sagt auf Expansionskurs über die nationalen der 42­Jährige. Der Auslandsaufenthalt sei Grenzen hinaus sind, und aufgrund des an­ für ihn ein Schritt nach vorn, dabei entwi­ haltenden Mangels an gut ausgebildeten ckele man sich weiter. „Es ist egal, ob ich in verfügbaren Arbeitskräften auf den aus­ Sindelfingen oder in Peking ins Büro gehe. ländischen lokalen Arbeitsmärkten. Das Interessante ist, dass ich mich in einem Doch nicht nur Angestellte gehen in ein neuen Umfeld behaupten muss.“ Auch fremdes Land, auch Facharbeiter tun es. nach dem Aufenthalt in Peking werde es „Aufgrund des Aufbaus vieler neuer Stand­ mit der Karriere weitergehen, so seine orte weltweit, zum Beispiel in Mexiko, Bra­ Überzeugung. Ende 2016, nach fast vier silien oder Rumänien, haben unsere Ex­

WAS BEIM AUSLANDSAUFENTHALT ZU BEACHTEN IST Arbeitsvertrag Bei einem Auslands­ aufenthalt spielt der Arbeitsvertrag eine zentrale Rolle. „Bei kurzfristigen Entsendungen wie Montagetätigkeiten und Auslandsreisen bleibt grundsätz­ lich das deutsche Arbeitsverhältnis voll bestehen“, erläutert der Stuttgar­ ter Arbeitsrechtler Michael Wirlitsch. Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben Vertragsfreiheit und können grund­ sätzlich das auf das Arbeitsverhältnis anwendbare Recht vereinbaren. Grundsätzlich ist deutsches Arbeits­

recht vorteilhaft für den Arbeitnehmer. Wichtig: es müssten die besonderen Bedingungen des Einsatzlandes wie Sicherheitsfragen und Absicherungen für den Arbeitnehmer beachtet wer­ den. „Bei mittel­ und langfristigen Ein­ sätzen wird das deutsche Arbeitsver­ hältnis häufig ruhend gestellt oder auf­ gehoben“, sagt Wirlitsch und betont: Hier seien im Zweifel eine Vielzahl von sozialversicherungs­, renten­ und steuerrechtlichen Fragen inklusive be­ trieblicher Altersversorgung zu klären.

Rückkehr „Wichtig erscheint mir hier, sich bereits vor Beginn des Auslands­ einsatzes Gedanken über die Rückkehr zu machen. Die Modalitäten über die Rückkehr sollten geregelt sein“, sagt Arbeitsrechtler Wirlitsch. Denn die Zeit bleibe nicht stehen, den alten Job in Deutschland habe häufig ein ande­ rer übernommen, oder es gebe diesen inzwischen gar nicht mehr. „Durch eine klare Vertragsgestaltung lassen sich hier manche Auseinandersetzungen vermeiden.“ os

Die Koffer zu packen und in einem anderen Land zu arbeiten, ist verlockend – doch damit der Auslandsaufenthalt nicht in die Sackgasse führt, müssen Arbeitgeber und Beschäftigte ihn gut planen. Foto: fotolia perten aus der Produktion kontinuierlich die Möglichkeit, für einige Monate im Aus­ land zu arbeiten oder dort einen Auslands­ einsatz über mehrere Jahre zu machen“, erklärt Daimler­Manager Wachter weiter. Sie begleiten zum Beispiel auch Produkt­ anläufe wie den globalen Anlauf der C­ Klasse in den Werken in den USA, Südafri­ ka und China. Doch nicht nur fertig ausge­ bildete Beschäftigte können in fremden Ländern ihren Horizont erweitern, auch junge Leute während der Ausbildung. So beispielsweise beim Technologiekonzern Bosch. Er bietet in Deutschland seit über 50 Jahren einen internationalen Lehr­ lingsaustausch an. Ein Fünftel Prozent eines jeden Ausbildungsjahrganges erhält die Gelegenheit, andere Arbeitsweisen im Ausland kennenzulernen und Erfahrun­ gen in anderen Kulturen zu sammeln. Ziel sei es, die Lehrlinge im selbstständigen, eigenverantwortlichen und teamfähigen Handeln zu fördern. „Alternativ können die Auszubildenden zeitweise an einem weiteren deutschen Bosch­Standort Praxiserfahrung sam­ meln.“ Auch die Studierenden bekommen regelmäßig die Möglichkeit, eine Auslands­ station während ihres Studiums zu absol­ vieren. Die Spedition Kühne & Nagel geht

einen ähnlichen Weg wie der Großkonzern Bosch und hat Azubis schon nach Barcelo­ na geschickt. „Dies dient auch dazu, sich als attraktiver Ausbildungsbetrieb zu positio­ nieren“, heißt es bei der IHK Region Stutt­ gart zum Thema Azubis und Ausland. Gleichzeitig wird noch auf folgenden Umstand hingewiesen: „Aber natürlich handelt es sich hier immer um eher kurze Zeiträume von einigen Wochen.“ Bei der Rekrutierung der Kandidaten für das Ausland greifen Unternehmen größtenteils auf den eigenen Personal­ stamm zurück, so die Erfahrung des Perso­ nalberatungsunternehmens ECA Interna­ tional. Es führt regelmäßige Befragungen bei internationalen Konzernen zu dem gesamten Themenkomplex durch. Zwei Drittel der Expatriates kommen aus der eigenen Organisation; 25 Prozent werden hingegen direkt von anderen Unternehmen abgeworben – bevorzugt werden dabei Beschäftigte von Firmen, die bereits in einer Niederlassung im Zielland tätig sind. Das habe den Vorteil, dass sich die Arbeitskraft bereits an die Kultur und die lokalen Gegebenheiten gewöhnen konnte. Ein weiterer Ansatz sei, sich auf dem betreffenden ausländischen Arbeits­ markt zu bedienen.


10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Der Mercedes­Benz 300 SL aus dem Jahr 1955 ist bei Oldtimer­Fans mit dem nötigen Kleingeld beliebt.

Rendite mit Garagengold Angesichts niedriger Zinsen und Risiken an den Aktienbörsen liebäugeln viele Anleger mit Sachwerten. Taugt ein Oldtimer als Geldanlage? Tatsächlich verzeichneten betagte Vehikel im vergangenen Jahr einen beachtlichen Wertzuwachs. Von Imelda Flaig Geldanlage

E

s muss ja nicht gleich ein Mercedes 300 SL mit Flügeltüren sein, der es auf mehrere Hundert Prozent Wertzuwachs bringt, wenn es gut läuft. Oldtimer können eine gute Rendite bringen – viele sind aber vor allem eines: ein teures Hobby. Experten unter­ scheiden einen zweigeteilten Markt. Da gibt es seltene Einzelstücke oder Rennwagen, die bei internationalen Auktionen für zweistellige Millionenbeträge den Besitzer wechseln. Zugleich steigen auch die Preise für einstige Alltagsautos – dazu zählen Lieb­ haberobjekte mit Kultstatus wie etwa der Brezelkäfer oder der Opel Admiral. Finanzstarke Sammler seien bereit, extre­ me Summen für außergewöhnliche Exemp­ lare zu zahlen, sagt Oldtimer­Experte Frank Wilke. Im August 2014 wurde in den USA ein Ferrari 250 GTO für 38,1 Millionen Dollar (rund 33,4 Millionen Euro) versteigert – die höchste Summe, die je für ein Auto bei einer Auktion OLDTIMER­FAN gezahlt wurde. „Die Millio­ Zwei Charaktere Der typische Oldtimer­ nen kletterten im Sekun­ Fan ist nach Angaben von Oldtimer­ dentakt“, sagt Wilke, der Experte Frank Wilke zwischen 35 und die Auktion vor Ort verfolgt 55 Jahre alt – beruflich gefestigt, die Kin­ hat. Solche spektakulären der sind aus dem Haus, er möchte sich Millionenwerte – 2013 kam seine Jugenderinnerungen zurückholen. ein Mercedes W196 Silber­ Entweder kauft er sich ein Auto, in dem pfeil­Rennwagen für umge­ er quasi selbst groß geworden ist. Etwa rechnet 25,7 Millionen den Ford Granada, mit dem er als Kind Euro unter den Auktions­ mit den Eltern in den Urlaub gefahren ist hammer – seien aber die – eine „Zeitmaschine“, die genauso riecht Ausnahme, nicht die Regel, und klingt wie damals. Oder er erfüllt sich sagt Wilke. endlich einen Traum, weil er jetzt das Er ist Geschäftsführer Geld hat, und kauft das Auto, das er sich von Classic­Analytics, nie leisten konnte. Da punkten dann einer bundesweit tätigen Autos wie Porsche oder Maserati. imf Oldtimer­Schätzstelle, die Marktanalysen und jähr­ lich die Top­Ten­Oldies erstellt – auf Basis von Auktionen – und die Daten für den Old­ timer­Index liefert, den der Verband der Automobilindustrie (VDA) herausgibt. Der Index zeigt die Rangliste der Fahrzeuge nach Wertentwicklung. Danach verzeichne­ ten Oldtimer 2014 einen Wertzuwachs um 4,5 Prozent. Der Zuwachs fiel etwas gerin­ ger aus als 2013 – damals lag die Wertsteige­ rung bei mehr als acht Prozent. Der Old­ timer­Index stieg 2014 von 2186 auf 2285 Punkte. Damit bestätige sich das Muster der vergangenen Jahre, sagt Peter Mair vom VDA. Nach Phasen stärkeren Wertzuwach­ ses folgten in der Regel Phasen mit einem geringeren Anstieg. Langfristig zeige der In­ dex eine klare positive Tendenz nach oben. Auf Platz eins in der Rangliste der Fahr­ zeuge mit dem höchsten Wertzuwachs gegenüber dem Vorjahr liegt die Sport­ wagen­Legende Mercedes­Benz 300 SL

(Flügeltürer), gefolgt vom US­Amerikaner Chevrolet Camaro der Baujahre 1978 bis 1981. Auch mehrere Opel­Modelle sind unter den ersten zehn Plätzen vertreten – darunter der Opel Commodore, eine Li­ mousine der oberen Mittelklasse (1969– 1971) mit Reihensechszylinder. Der Merce­ des­Benz 300 SL (Flügeltürer) legte nicht nur im Vorjahresvergleich am stärksten zu. Er führt auch die Rangliste der Fahrzeuge mit dem stärksten Wertzuwachs seit Beginn der Index­Berechnung 1999 an, gefolgt von Autolegenden aus dem Volumensegment wie der „Ente“ (Citroën 2CV 6) und dem VW „Bulli“ (VW Bus Typ 2 T2). „Langfristig betrachtet, erweisen sich Oldtimer als wertstabile Investition. Dies zeigt ein Vergleich mit Aktien und deut­ schen Staatsanleihen“, sagt Manfred Mühl­ heim, Direktor und Bereichsleiter Asset­ Management bei der Südwestbank Stutt­ gart, die einen eigenen Oldtimerindex (OTX) hat. Er zeigt die Wertentwicklung 20 ausgewählter Fahrzeuge süddeutscher Her­ steller und hat im vergangenen Jahr ein Plus von 41,26 Prozent verzeichnet. Im Vergleich zum Dax brachte der Index deutlich mehr PS auf die Rendite­Straße. Seit 2005 steig er um gut 280 Prozent, während der Dax im selben Zeitraum um gut 130 Prozent zulegte. „Wir erwarten im Zeitalter des interna­ tionalen Anlagenotstands keine zeitnahe Blasenbildung bei historischen Fahrzeugen von deutschen Marken“, sagt Mühlheim. Die Investition in exklusive Sachanlagen, zu denen auch Wein und Kunst zählten, werde angesichts der steigenden Staatsverschul­ dungen weiter relevant bleiben. Oldtimer seien auch bei ausländischen Investoren gefragt – allen voran Russen und Asiaten. Auch bei institutionellen Investoren stün­ den Oldtimer hoch im Kurs, so der Experte. Laut Kraftfahrt­Bundesamt nahm der Oldtimer­Bestand 2014 in Deutschland um 9,46 Prozent zu. Zum Jahresanfang 2015 waren von rund 494 000 Oldtimern über 310 000 mit einem H­Kennzeichen ausge­ stattet – es zeichnet den Oldtimer als histo­ risches Fahrzeug aus. Die Oldtimer­Exper­ ten der Südwestbank erwarten in den kom­ menden Jahren eine deutliche Zunahme des Bestands, denn viele Autos hätten der­ zeit noch Youngtimer­Status (mindestens 20 Jahre alt), würden aber in absehbarer Zeit die 30­Jahre­Marke überschreiten und zählten schon bald zu den Oldtimern. Dem­ nach dürfte etwa der aus vielen Filmen be­ kannte 6er­BMW weiter an Wert zulegen und auch die Stückzahl steigen. Interessier­ ten Anlegern rät Mühlheim zu einem Old­ timer grundsätzlich nur als Beimischung zum Gesamtvermögen – nicht mehr als fünf

STETIGER AUFWÄRTSTREND Deutscher Oldtimer Index Indexentwicklung seit 1999

2285

2250 2000

1500

1000

1999

StZ-Grafik: jev

2001

2003

2005

2007

2009

2011

2013 Quelle: classic-analytics

Kultgefährt für Liebhaber: der als „Ente“ bekannte Citroën 2CV 6 Fotos: dpa (2), Citroën

bis zehn Prozent des Vermögens. Dabei gilt: Augen auf beim Oldtimer­Kauf. Wer aufs richtige Auto setzt, kann sich freuen. Das Problem ist nur: manchmal zahlt man viel Geld, und dann ist das Auto doch nicht das wert, was man sich versprochen hat. „Fäl­ schungen erkennt der Laie nicht auf den ersten Blick“, sagt Mühlheim. Interessen­ ten empfiehlt er einen Oldtimer­Gutachter. Viele Faktoren spielen bei einem histori­ schen Fahrzeug eine Rolle – das Modell, die Stückzahlen, der Zustand, mögliche promi­ nente Vorbesitzer und Fragen, ob wirklich Originalteile drinstecken und das Auto über die Jahre auch gewartet, gefahren und ge­ pflegt wurde? Händler, aber auch Spezial­ Portale im Internet werben teils mit hohen Wertzuwächsen, vergleichen Autos mit Ak­ tien – nach dem Motto: Man muss sie nur lange genug halten und kann damit reich werden. Doch nicht immer geht die Rech­ nung mit der rollenden Rendite oder dem Garagengold auf. Auch wenn man Experten zurate zieht, Preise vergleicht, Portale und Fachliteratur studiert – jedes Auto ist anders. Der Durchschnittspreis eines Oldtimers liegt nach Aussagen von Experte Wilke in Deutschland bei rund 15 000 Euro. Es gibt billigere und deutlich teurere. Den meisten Besitzern sei der Spaß an ihrem Auto ohne­ hin viel wichtiger als sein Wert. Wilke warnt davor, Oldtimer nur unter Geldanlage­ gesichtspunkten zu kaufen. „Unterm Strich können laufende Kosten einen möglichen Wertzuwachs auffressen“, sagt er. Denn Kosten für Wartung, Reparatur, Pflege und Versicherung der Autos seien bei der Rendi­ tekalkulation zu berücksichtigen. Wer mit dem Kauf eines Oldtimers liebäugle, sollte auch Emotionen und eine Leidenschaft für das Fahrzeug mitbringen. Der VW „Bulli“ hat laut Oldtimer­Index einen hohen Wertzuwachs.

DEUTSCHER OLDTIMER­INDEX Rangliste der Fahrzeuge nach Wertentwicklung 1999–2014 Rang 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10.

Hersteller Mercedes­Benz Citroën Volkswagen Ford Renault BMW Fiat Porsche BMW Volkswagen

Modell Flügeltürer 2CV Bus Escort R4 7er Fiat 500 924 5er Käfer

Typ 300 SL Coupé 2CV 6 Typ 2 T2 1100 S R4 735 i (E23) 500F 924 Coupé 520 i (E 12) 1300 Limousine

Baujahr 1954­1957 1969­1976 1967­1972 1968­1970 1972­1974 1979­1986 1965­1972 1976­1979 1972­1977 1967­1973 Quelle: classic­analytics


Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg 11

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Der Kampf um die klugen KÜpfe Abwerbung von Fach­ und Fßhrungskräften: was geht, und wie kÜnnen Firmen sich schßtzen? Von Thomas Baumann Arbeitsrecht

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bele, Alleingesellschafter und GeschäftsfĂźhrer eines fĂźr seine innovativen Produkte bekann­ ten Unternehmens auf der Schwäbischen Alb, tobt, als er erfährt, dass sein bester Ingenieur Bitzer vom schärfsten Konkurrenten Conzel­ mann abgeworben wurde. Er fragt sich, was er jetzt noch tun und wie er sich dagegen schĂźtzen kann, dass ihm Ă„hnliches noch einmal passiert. Angeblich hat fĂźr die Abwerbung von Bitzer der schon vor einiger Zeit zu Conzel­ mann Ăźbergewechselte Mitarbeiter Dan­ necker eine wichtige Rolle gespielt. Er soll Bitzer zum Wechsel Ăźberredet haben. Abele fragt sich, ob er gegen Dannecker vorgehen kann. SchlieĂ&#x;lich war er viele Jahre ein gut bezahlter Mit­ „Die Abwerbung von arbeiter von Abele. Das ändert aber nichts daran, dass Dan­ Arbeitnehmern eines necker nach Beendigung des Wettbewerbers ist Arbeitsverhältnisses grund­ grundsätzlich erlaubt. sätzlich frei darin ist, frĂźhere Arbeitskollegen abzuwerben. Sie kann im Einzelfall Nur während des Arbeits­ aber sittenwidrig sein, verhältnisses ergibt sich aus weil wettbewerbswidrige der Treuepflicht zum Arbeit­ geber ein Abwerbeverbot. Methoden angewandt Das gilt sogar dann, wenn der wurden.“ Abwerbende nach seiner Thomas Baumann, EigenkĂźndigung freigestellt Fachanwalt fĂźr Arbeitsrecht wird. Erlaubt bleibt aller­ dings, die bisherigen Kolle­ gen Ăźber den eigenen Arbeitgeberwechsel oder eine anstehende Selbstständigkeit zu informieren. Unter Abwerbung wird näm­ lich nur das nachhaltige Einwirken auf einen Arbeitgeberwechsel verstanden. Wer während des (gekĂźndigten) Arbeits­ verhältnisses beharrlich und ernsthaft Kollegen abwirbt, muss mit einer fristlo­ sen KĂźndigung rechnen. Er kann auf Unterlassung und Schadenersatz in An­ spruch genommen werden. Ein Schaden kann z. B. in einer Gewinnminderung, Kosten fĂźr Ersatzkräfte oder Mehrkosten bei den verbleibenden Mitarbeitern, etwa durch Ăœberstunden, liegen. Solange zu­ mindest konkrete Anhaltspunkte fĂźr

DER AUTOR Thomas Baumann studierte in KÜln und wurde 1992 mit einer arbeitsrechtlichen Arbeit zum Doktor promoviert. 1998 grßndete er mit weite­ ren Partnern die Wirtschaftskanzlei Oppenländer Rechtsanwälte. Er war als Fachanwalt fßr Arbeitsrecht viele Jahre Vorsitzender des Prßfungsaus­ schusses Arbeitsrecht der Rechts­ anwaltskammer Stuttgart. Er berät und vertritt vor allem Arbeitgeber und Fßhrungskräfte in allen Fragen des Arbeitsrechts. Bei Unternehmens­ käufen bewertet Thomas Baumann arbeitsrechtliche Risiken. Er berät zu Betriebsänderungen und Mitbestimmungs­ fragen. red

einen Schaden vorliegen, darf er durch einen Richter auch geschätzt werden. Abele fragt sich, ob er mit Dannecker nicht ein nachvertragliches Abwerbeverbot hätte vereinbaren kĂśnnen. Eine Regelung in Arbeitsverträgen, die ausgeschiedenen Arbeitnehmern untersagt, Mitarbeiter des frĂźheren Arbeitgebers abzuwerben, ist nicht unproblematisch. Darin kann näm­ lich im Einzelfall eine nicht unerhebliche Einschränkung der weiteren beruflichen MĂśglichkeiten des ausscheidenden Mit­ arbeiters liegen. Will der ausscheidende Mitarbeiter etwa ein Wettbewerbsunter­ nehmen errichten, fĂźr das die persĂśnliche Leistungserbringung durch die ehemaligen Kollegen von essenzieller Bedeutung ist, wĂźrde sich ein Abwerbeverbot wie ein nach­ vertragliches Wettbewerbsverbot auswir­ ken. Dann kann das Abwerbeverbot längs­ tens fĂźr zwei Jahre vereinbart und es muss eine Karenzentschädigung zugesagt wer­ den. Anders dagegen, wenn das Abwerbe­ verbot nur darauf gerichtet ist, die Abwer­ bung ehemaliger Kollegen zu einem ande­ ren Unternehmen zu verhindern. Dadurch wird nämlich die eigene berufliche Tätig­ keit des Ausscheidenden allenfalls am Ran­ de berĂźhrt. Abele hätte also mit Dannecker durchaus vertraglich vereinbaren kĂśnnen, dass er nach seinem Ausscheiden verpflich­ tet bleibt, keine Mitarbeiter von Abele zu Gunsten eines Wettbewerbers abzuwerben, zu dem Dannecker gewechselt ist. Abele fragt sich weiter, ob er gegen Con­ zelmann vorgehen kann. Die Abwerbung von Arbeitnehmern eines Wettbewerbers ist grundsätzlich erlaubt. Sie kann im Ein­ zelfall aber sittenwidrig sein, weil wettbe­ werbswidrige Methoden angewandt wur­ den. Das ist z. B. anzunehmen, wenn Con­ zelmann Bitzer vorgeschlagen hätte, die mit Abele vereinbarte KĂźndigungsfrist zu missachten, oder wenn sich Conzelmann herabsetzend Ăźber Abele geäuĂ&#x;ert haben sollte. Unzulässig sind auch täuschende oder irrefĂźhrende Angaben, die zum Arbeitgeberwechsel bewegen sollen. Auch das Aufsuchen von Bitzer am Arbeitsplatz in den Räumen von Abele ist verboten. Selbst der unerbetene Besuch in der Privat­ wohnung kann im Einzelfall wettbewerbs­ widrig sein. Conzelmann darf keine Beloh­ nung fĂźr den Fall einer erfolgreichen Ab­ werbung aussetzen. Beim Einsatz eines Personalberaters ist zu unterscheiden. Eine erste Kontaktaufnahme am Arbeits­ platz ist zulässig, wenn sie nur dazu dient, den anderen Arbeitsplatz kurz zu beschrei­ ben und ein mĂśgliches Interesse daran ab­ zufragen. Der Headhunter kann dazu auch dienstliche Festnetz­ oder Handynum­ mern des Abzuwerbenden nutzen. Wettbe­ werbswidrig wird die Direktansprache aber dann, wenn das Telefonat fortgesetzt wird, obwohl der Angerufene sein Desinteresse zeigt, oder wenn das Gespräch Ăźber die knappe Stellenbeschreibung hinaus ausge­ dehnt wird. Hätte Conzelmann sich zur Ab­ werbung von Bitzer unzulässiger Metho­ den bedient, kĂśnnte Abele ihn nicht nur auf

Den hätte ich gern, sagt mancher Arbeitgeber – und muss aufpassen, damit er sich nicht in die Nesseln setzt. Denn das Abwerben von Mitarbeitern der Konkurrenz ist zwar nicht verboten, doch es gibt Spielregeln. Fotos: fotolia, Nermin Kurtovic Schadenersatz, sondern je nach Lage der Dinge sogar auf zeitlich begrenzte Unter­ lassung der Beschäftigung von Bitzer in Anspruch nehmen. Anhaltspunkte fßr ein unlauteres Vorgehen von Conzelmann hat Abele aber nicht, so dass er wohl nichts gegen die Abwerbung von Bitzer unterneh­ men kann. Trotz allem Wettbewerb hat Abele pri­ vat ein gutes Verhältnis zu Conzelmann. Er kÜnnte ihm deshalb vorschlagen, dass die Unternehmen sich wechselseitig verpflich­ ten, keine Arbeitnehmer des jeweils ande­ ren abzuwerben bzw. einzustellen. Darauf wßrde sich Conzelmann vielleicht einlas­ sen, weil vor einigen Jahren ein wichtiger Mitarbeiter von Conzelmann zu Abele ge­ wechselt ist. Einstellungsverbote zwischen Arbeitgebern sind als sogenannte Sperr­ abreden unverbindlich. Selbst wenn die Vereinbarung zwischen Abele und Conzel­

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mann zustande käme, kÜnnten beide Par­ teien sie daher folgenlos missachten. Ab­ werbeverbote zwischen Arbeitgebern sind grundsätzlich ebenfalls nicht einklagbar. Etwas anderes gilt nur dann, wenn aus­ nahmsweise der Arbeitgeber zur Absiche­ rung eines anderen Vertragsverhältnisses ein berechtigtes Interesse an einem Ab­ werbeverbot hat, z. B. weil Vertriebsverein­ barungen zwischen zwei Unternehmen abgesichert werden sollen. Solche Ver­ tragsbeziehungen gibt es zwischen Abele und Conzelmann aber gerade nicht. Die Vereinbarung eines Abwerbe­ und Ein­ stellungsverbots mit Conzelmann schßtzt Abele daher nicht. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Unternehmen nur in engen Grenzen eine Abwerbung verhindern kÜnnen. Dass ist letztlich eine Ausprägung der freien Markt­ wirtschaft.


12 Wirtschaft in Baden-Württemberg

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Social Media Manager Trüffelsucher in der Welt des Internets

Moderates Gehalt Krisenmanagement gegen Imageschäden

Auf allen Kanälen lich. Grundsätzlich ist der Spezialist mehr als jemand, der den Arbeitstag über bloß via Kurznachrichtendienst Twitter Neuigkei­ ten aus dem Unternehmensalltag verschickt oder auf Facebook lustige Fotos postet. „Ein Social Media Manager erstellt mit Blick auf die Unternehmensziele die So­ en ganzen Tag im Internet ren – es gibt viele Gründe für den Einsatz cial­Media­Strategie. Er schafft einen über­ surfen, hier twittern, da face­ von Social Media. Das Internet hat die geordneten strategischen Rahmen für die booken, Hauptsache, Gutes Reichweite und Art der Kommunikation Aktivitäten im Netz, die er koordiniert, wei­ über den Arbeitgeber verbrei­ verändert. „Social Media ist bei einer Kauf­ terentwickelt, überwacht und evaluiert“, ten und dabei Geld verdienen: entscheidung mittlerweile so wichtig wie sagt Pein. Arns von Bitkom sagt: „Social Me­ Social Media Manager klingt vor allem für Fernsehwerbung“, sagt Pein. „Die Erfah­ dia Manager suchen nach Möglichkeiten, Jüngere nach einem Traumberuf, den sie rung mit einer Marke, wie ein Unternehmen mit links machen, werden sie doch ohnehin einem Produkt oder von sozialen Medien Digital Natives genannt – die Generation, einer Dienstleistung profitieren kann. Sie die mit der digitalen Welt aufgewachsen ist. zieht heute viel größere müssen daher digital Firmen wiederum sind froh, wenn sich Kreise.“ Wurden Emp­ sein und im Unterneh­ Mitarbeiter um die Kommunikation in den fehlungen für ein Pro­ men gut vernetzt.“ Aus sozialen Netzwerken, Foren, Blogs und dukt früher mündlich an seiner Sicht sind sie Be­ anderen Plattformen kümmern. wenige Leute weiterge­ rater des Managements. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. geben, erreicht ein Nut­ „Sie haben eine Schnitt­ Zumindest für Firmen, die Social Media zer des sozialen Netz­ stellenfunktion zwi­ Foto: privat (soziale Medien) unternehmerisch sinnvoll werks Facebook mit schen Management und anwenden wollen. durchschnittlich 300 „Gerade am Anfang beißen etablierten Kommuni­ Vivian Pein, zweite Vorsitzende im Freunden eine andere Social Media Manager kationsbereichen wie Bundesverband Community Management Dimension. „Die Reich­ PR.“ Susanne Ullrich, für digitale Kommunikation und Social weite des Einzelnen im oft auf Granit und erleben stellvertretende Vorsit­ Media (BVCM) und Beraterin, definiert Netz übersteigt teilwei­ Rückschläge.“ zende der Fokusgruppe Social Media „als das interaktive virtuelle se die eines Unterneh­ Vivian Pein, zweite Vorsitzende Social Media beim Bun­ Abbild von Beziehungen und der damit ein­ mens“, sagt Pein. Digitale im Bundesverband Community Management desverband hergehenden digitalen Kommunikation, die Zugleich beeinflusst Wirtschaft, sieht das auf Basis von Web­2.0­Technologien wie die Digitalisierung auch ähnlich. „Social Media sozialen Netzwerken stattfindet“. Beides, die Kommunikation und Beziehung zwi­ Manager stehen an der Front. In mittleren die Kommunikation mit und die Beziehung schen Firmen und Kunden. Firmen können und großen Unternehmen sind sie oft mit zu Nutzern, wird wichtiger, in Business­to­ mit Kunden auf Augenhöhe sprechen oder Nähe zur Geschäftsleitung unter dem Mar­ Business­ (B2B) wie Business­to­Consu­ auf ihre Wünsche eingehen. „Die Erwar­ keting angesiedelt. Es ist aber sinnvoll, dass mer­Firmen (B2C). Laut Bundesverband tungshaltung der Nutzer hat sich verändert. sie auch mit dem Service oder Vertrieb zu­ Digitale Wirtschaft (BVDW) setzen fast Firmen gelten oft schon als unzeitgemäß, sammenarbeiten.“ Firmen müssen Social 40 Prozent der Unternehmen in Deutsch­ wenn sie nur per Telefon, Fax oder E­Mail Media als Teil der gesamten Unternehmens­ land Social­Media­Aktivitäten ein. Dem Di­ erreichbar sind“, sagt Tobias Arns, Social­ strategie betrachten, nicht als isolierten Bal­ gitalverband Bitkom zufolge nutzen sogar Media­Experte bei Bitkom. lon, betont auch Pein. drei von vier Firmen Social Media für die in­ Social Media Manager sind gefragt, doch Das erleichtert dem Spezialisten, der terne oder externe Kommunikation. Fast je­ der Beruf ist weder rechtlich geschützt noch laut der Expertin gleichzeitig ein Change de Fünfte beschäftigt einen oder mehrere einheitlich definiert. Die Berufsbezeich­ Manager ist, die Arbeit. Kollegen mit Vorbe­ Mitarbeiter, die den Einsatz und die Nut­ nung gebe es erst seit etwa sieben Jahren, halten gegen soziale Medien arbeiten in je­ zung sozialer Medien betreuen. Im Jahr sagt Pein. Außerdem sei die konkrete Ausge­ der Firma. Ohne einen Kulturwandel schei­ 2011 war es erst jedes zehnte Unternehmen. staltung des Berufsbildes in Abhängigkeit tert das Projekt aber. „Gerade am Anfang Die Bekanntheit steigern, das Image ver­ von Größe und Ausrichtung des Unterneh­ beißen Social Media Manager oft auf Granit bessern, mit Kunden in Kontakt treten, neue mens sowie des Fortschritts des Engage­ und erleben Rückschläge“, sagt Pein. Umso Kunden gewinnen, auf Beschwerden reagie­ ments in den sozialen Medien unterschied­ mehr müssen sie alle Mitarbeiter inklusive Management abholen. „Sie müssen ihnen zum Beispiel verdeutlichen, welche Mög­ lichkeiten Social Media eröffnet und wie WARUM UNTERNEHMEN SOZIALE MEDIEN NUTZEN man diese bestmöglich wahrnimmt.“ Neben Durchsetzungs­ und Durchhalte­ Die fünf wichtigsten Gründe für den Einsatz von Social Media vermögen bringen Social Media Manager nach Unternehmensgröße, Angaben in Prozent also Einfühlungsvermögen, Teamfähigkeit und Verhandlungsgeschick mit plus Erfah­ Betriebe bis 49 Mitarbeiter 50 – 249 ab 250 rung in der Projektleitung. Stressresistent und gelassen sollten sie auch sein, um in hek­ tischen Situationen den Überblick zu behal­ 80 ten, sagt Pein. Für Ullrich vom BVDW ist es Steigerung unabdingbar, dass Social Media Manager 76 der Bekanntheit selbst im Internet aktiv sind. „Sie müssen 65 nicht nur die Kultur dort verstehen, sondern auch immer auf dem neuesten Stand sein.“ 71 Denn ein Unternehmen muss im Netz Stärkere 78 nicht auf allen Kanälen präsent sein, nur auf Kundenbindung den richtigen. „Dazu muss ich wissen, wel­ 70 che Zielgruppe ich ansprechen will und auf welchen Plattformen sie unterwegs ist“, 74 sagt Ullrich. Erst dann könne man sich eine Verbesserung 72 geeignete Maßnahme überlegen und um­ des Images setzen. „Kreativität ist wichtig. Bilder, Vi­ 67 deos, humorvolle Ansätze – man muss sich tief reindenken, Verschiedenes ausprobie­ 74

In Unternehmen gewinnt Social Media an Bedeutung. Social Media Manager präsentieren Firmen nicht nur im Internet, sondern begrenzen auch Schäden. Von Stefanie Köhler Berufsprofil

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Besserer Zugang zur Zielgruppe (Kunden/ potentielle Kunden)

StZ-Grafik: jev

ren und schauen, wie es ankommt“, sagt Ha­ rald Eichsteller. Der Professor für Medien­ management an der Hochschule der Me­ dien (HdM) in Stuttgart hat zusammen mit Studenten eine zertifizierte Weiterbildung zum Social Media Manager entwickelt. „Persönlichkeit schätzen die Nutzer be­ sonders, weil Kommunikation von Mensch zu Mensch ist“, sagt Eichsteller. Heißt: Fir­ men müssen sich ein Gesicht geben. Statt eines Logos wollen die Nutzer wissen, wie die Mitarbeiter aussehen. Die neue Form der Kommunikation sei auch transparent und ehrlich, „sie besteht aus einer persönli­ chen Ansprache, nicht aus PR­Floskeln“, sagt Pein. Wer Nutzer nicht ernst nimmt, vergrault sie. Hinzu kommt Schnelligkeit, da im Internet Echtzeitkommunikation gilt. Auf eine Anfrage muss ebenso schnell wie möglich geantwortet werden wie auf eine Beschwerde reagiert. Nach Ansicht von Tobias Arns brauchen Social Media Mana­ ger deshalb Freiheiten und Gestaltungs­ spielraum. Er berichtet von Mitarbeitern, die frustriert das Handtuch geworfen ha­ ben, weil sie Nachrichten über Twitter erst von mehreren Vorgesetzten genehmigen lassen mussten. „Als es für die Tweets grü­ nes Licht gab, konnte man sie nicht mehr verschicken, weil sie überholt waren.“ Reaktionen werden in den sozialen Me­ dien sofort sichtbar, Erfolg hingegen nicht. Susanne Ullrich vom BVDW rät Firmen, sich Ziele – nämlich realistische – zu setzen, an denen sie später den Erfolg prüfen. Ziele können sein, dass über ein Unternehmen mehr geredet wird als über die Konkurrenz, mehr Verkäufe eines Produkts oder zwei neue Mitarbeiter, was sich über mehr Be­ kanntheit erreichen lässt. E­Commerce oder die Datenverkehrsanalyse von Websei­ ten über den Dienst Google Analytics seien Möglichkeiten für die Erfolgsmessung, sagt Ullrich. „Das Thema steckt aber noch in den Kinderschuhen.“ Auch bei der Verzahnung von Social Media im Unternehmen, dem Ansatz, es ganzheitlich zu leben, besteht laut der Expertin Verbesserungspotenzial. Wer Social Media einsetzt, soll es richtig tun, darin sind die Experten sich einig. Die Haltung ist bloß noch nicht in jedem Unter­ nehmen angekommen. „Einerseits wollen Firmen professionelle Kommunikation im Bereich Social Media, bürden diese Verant­ wortung aber nicht selten Praktikanten auf“, stellt Susanne Ullrich fest. Über­ nimmt ein Praktikant die Aufgabe, dürfe man ihn nicht allein lassen. Für Vivian Pein ist dagegen klar: „Firmen, die Social Media professionell nutzen wollen, brauchen eine Rolle, die die Aufgaben des Social Media Managers ausfüllt.“ Bisweilen unterschei­ den sich kleine von großen Firmen. „Je kleiner das Unternehmen ist, desto mehr Aufgaben übernimmt der Kommunika­ tionsexperte“, sagt Bitkom­Experte Arns. Größere Unternehmen und Dax­Konzerne hätten dagegen ganze Social­Media­Teams.

Social Media schafft Unternehmen große Potenziale, macht sie aber zugleich gläsern und anfällig für Kritik. Diese kann von Kunden wie von Beschäftigten kommen und ist sofort für jeden sichtbar. Ebenso genügt der unbedachte Kommentar eines Mitarbeiters – und schon er­ gießt sich über das Unternehmen ein Sturm der Entrüstung, ein Shitstorm. Die Shitstorm­Ska­ la ist eine Art Wetterbericht für Social Media, die die Entwicklung eines Shitstorms aufzeigt: Sie teilt die Nutzer­Reaktionen in verschiedene Ausprägungen ein. Firmen können die Stärken des Shitstorms als Orientierung verwenden, wann sie spätestens eingreifen sollten. Ein bekanntes Beispiel für einen Shitstorm ist die Reaktion des damaligen Leiters der Unternehmenskommunikation der inzwi­ schen insolventen Drogeriekette Schlecker auf einen kritischen Artikel über den neuen Slogan „For You. Vor Ort.“. Demnach solle das Motto den durchschnittlichen Schlecker­Kunden

64 50 66 64 Zahlen gerundet

ansprechen, die Zielgruppe mit dem „niedrigen bis mittleren Bildungsniveau“. Trotz der Em­ pörung in Internetforen blieb der Slogan, das Unternehmen betonte aber, keinen Schlecker­ Kunden für „unterbelichtet“ zu halten. Gegen Imageschäden und Spätfolgen hilft ein gut geplantes Krisenmanagement, das im Notfall rasch greift. Dafür sind Verantwortliche wichtig, die bei einem aufkommenden Sturm umgehend handeln. Grundsätzlich sollten Fir­ men vorab Szenarien und Themen aufstellen, die die Nutzer vielleicht negativ diskutieren, und durchspielen, wie sie im Zweifelsfall darauf reagieren. Auch eine Liste mit abgestimmten Antworten für die verschiedenen Vorfälle sollte vorbereitet sein. Firmen sollten zudem doku­ mentieren, wie die Nutzer mit Themen bislang umgegangen sind, und auffällige Nutzer im Auge behalten. Der Digitalverband Bitkom empfiehlt, die Mitarbeiter mit Guidelines für die Bedeu­ tung ihrer Online­Erscheinung zu sensibilisie­ ren. Das reduziert das Risiko, dass Beschäftigte aus Versehen Kommentare abgeben, die den Arbeitgeber in Bedrängnis bringen. Hat ein Unternehmen Fehler gemacht, gilt laut Exper­ ten im Übrigen dasselbe wie überall: Eine ehrlich gemeinte Entschuldigung besänftigt die Mitmenschen. sk

Krisenmanagement ist gefragt – vor allem beim Shitstorm, dem Sturm der Entrüstung.

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Reagieren auf Probleme/ Unzufriedenheit der Kunden (Krisenkommunikation)

Quelle: BVDW-Studie: Social Media in Unternehmen

Zum Nachlesen

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Wirtschaft in Baden-Württemberg 13

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Vivian Pein vom Bundesverband Community Management für digitale Kommuni­ kation und Social Media (BVCM) hat zur Tätigkeit des Social Media Managers ein umfassendes Buch geschrieben. „Der Social Media Manager. Handbuch für Ausbil­ dung und Beruf“ ist im Rheinwerk Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro. Der Digitalverband Bitkom stellt fest, dass viele Firmen unsicher sind, welche Art von Engagement bei Social Media für sie wirklich sinnvoll ist und welche strate­ gische Vorgehensweise sich für sie am besten eignet. Deshalb hat der Verband einen Leitfaden herausgegeben, der Unternehmen an dieser Stelle weiterhilft. Er lässt sich auf der Internetseite www.bitkom.org kostenlos herunterladen unter den But­ tons „Themen“, „Internet, Telekommunikation, Netze“, „Publikationen“. Vom Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) ist im vergangenen Jahr der „Social Media Kompass 2014/15“ erschienen. Er beschäftigt sich unter anderem mit den Herausforderungen der Digitalisierung für deutsche Unternehmen und liefert gleichzeitig einen Überblick über die Werkzeuge für den Einsatz von Social Media. Auch den Kompass gibt es kostenlos als Download unter www.bvdw.org unter „Medienbibliothek“. Dort einfach bei den Sucheinstellungen Social Media (Alle Themen) und 2014 (Jedes Jahr) auswählen. sk

Da der Beruf Social Media Manager relativ jung ist und es an einer einheitli­ chen Definition fehlt, sind die Daten zum Gehalt spärlich. Social Media Ma­ nager verdienen ein im Schnitt vergleichsweise moderates Gehalt, das mit dem Alter des Beschäftigten und der Unternehmensgröße steigt. Insgesamt erhält die Berufsgruppe ein Jahresgehalt von durchschnittlich 37 600 Euro brutto. Das hat das Vergleichsportal www.gehalt.de ermittelt, eine Tochter­ firma der Vergütungsberatung Personalmarkt. Die aktuelle Analyse zum Verdienst in der Internetindustrie zeigt, dass 25­ bis 30­Jährige im Schnitt bis zu 39 000 Euro bekommen, 40­ bis 45­Jährige bis zu 47 900 Euro. Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern zahlen Spitzengehälter von im Schnitt 56 600 Euro brutto. Für die Beschäftigten im Alter von 50 Jahren fehlen in der Auswertung laut www.gehalt.de Daten. Es ist deshalb davon auszugehen, dass es allenfalls wenige ältere Social Media Manager gibt. sk

Viele Einstiegsmöglichkeiten Viele Social Media Manager steigen derzeit quer mit einem Studium in den Beruf ein. An Universitäten und Hochschulen gibt es den Studiengang Social Media Management (noch) nicht, allenfalls berufsbeglei­ tend oder in Form spezieller Lehrgänge. Deshalb eignet sich bisweilen ein Studium, das auf Kommunikation und Medien ausgerichtet ist. Typische Studiengänge sind Medien­ und Kulturwissenschaften, Medien­ und Kommunikationswissenschaft, Medienwirtschaft, Medien­ und Kommunikationsmanagement, Online­ Kommunikation oder Online­Medien­Management. Aber auch ein Studium im Fach Marketing oder Betriebs­ wirtschaft bildet eine gute Grundlage. Später kann man zum Beispiel mit einer Weiterbildung den Bereich Social Media Management vertiefen. Einrichtungen wie die Akademie der media in Stuttgart bieten einen Bachelor­ studiengang Social Media Management an. Laut Bundesverband Community Management für digitale Kommunikation und Social Media (BVCM) kön­ nen sich Social Media Manager zum Community Mana­ ger oder Social Media Berater spezialisieren. Vivian Pein beschreibt Community Manager als das Gesicht des Unternehmens und zugleich Sprachrohr der Community (das heißt des sozialen Netzwerks, Forums oder einer sonstigen Gemeinschaft) ins Unternehmen hinein. So­ cial Media Berater werden von einer Firma beauftragt, damit sie sie bei der Entwicklung und Umsetzung der Strategie und Maßnahmen unterstützen. Grundsätzlich gilt: „Wer sich in der Kommunikationsbranche etablie­ ren will, sollte die digitalen Kanäle aus dem Effeff beherr­ schen“, sagt Tobias Arns, Social­Media­Experte beim Digitalverband Bitkom. sk

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Der Netzwerker Marius Millard will als Social Media Manager bei Bosch Studenten für das Unternehmen begeistern. Von Stefanie Köhler Porträt

Weiterbildungsdschungel Wer sich in einem Unternehmen als Social Media Ma­ nager bewirbt und noch keine oder nur wenig Erfah­ rung in dem Bereich hat, punktet in der Regel mit einer zertifizierten Weiterbildung. Deutschlandweit bieten sehr viele Einrichtungen Seminare und Lehr­ gänge zum Social Media Manager an. Stiftung Waren­ test hat verschiedene Angebote zwischen 39 und 1050 Euro für Präsenzkurse und zu 1620 Euro für Online­ Kurse getestet. Die Tester stellten fest, dass teure Kur­ se mehr bieten. „Wer mehr zahlt, bekommt mehr Leis­ tung.“ Im Dschungel der Angebote sollte man den Experten zufolge darauf achten, dass der Kurs vier bis zehn Teilnehmer hat. Zudem raten die Experten, vor dem Kurs nach den Inhalten zu fragen. Ihrer An­ sicht nach sollten Social­Media­Dienste ebenso ein Schwerpunkt sein wie Marketing und rechtliche As­ pekte wie Urheberrecht, Daten­ und Markenschutz. Im besten Fall bekommen die Teilnehmer schon vor dem Beginn des Seminars Kursmaterialien. Diese sollten „so vollständig, strukturiert und umfassend sein, dass die Teilnehmer später den Stoff zu Hause eigenständig wiederholen und einzelne Punkte nach­ schlagen können“. Stiftung Warentest empfiehlt Se­ minare der Akademie für Online­Marketing Embis, der bayerischen Baytech Akademie und der Techni­ schen Akademie Wuppertal, TAW. Harald Eichsteller, Professor für Medienmanage­ ment an der Hochschule der Medien (HdM) in Stutt­ gart bietet wieder im September für Beschäftigte aus dem Kommunikationsbereich einen dreitägigen Kurs mit Zertifikat an. Er kostet 1490 Euro und beinhaltet auch Aspekte wie Storytelling, Erfolgs­ beispiele und Krisenmanagement. Bei den Industrie­ und Handelskammern (IHK) kann man den zertifi­ zierten Abschluss „Social Media Manager (IHK)“ ma­ chen. Die Vorlesungen der Social Media Akademie in Mannheim finden dagegen online statt. sk

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bschalten fällt Marius Millard (33) nach einem Kommentar ein Sturm der manchmal schwer. Der junge Mann Entrüstung (Shitstorm) droht oder schon ist Social Media Manager bei Robert im Gang ist. Bosch auf der Schillerhöhe in Gerlingen. Grundsätzlich lautet Millards Kredo Zusammen mit zwei Kollegen ist er aber: so rasch wie möglich antworten. Er deutschlandweit für den Online­Auftritt gibt den Nutzern die gewünschte Informa­ der Arbeitgebermarke zuständig. Seit drei­ tion oder bedankt sich für die Frage und einhalb Jahren betreut er vor allem die Sei­ holt bei den jeweiligen Standorten und Kol­ te „Bosch Karriere“ im sozialen Netzwerk legen die Antwort ein. „Ich bin der Netz­ Facebook, die sich an Studen­ werker. Ich komme und bleibe ten richtet. Außerdem küm­ „Ich bin der mit vielen Mitarbeitern in mert er sich um verschiedene Netzwerker. Kontakt“, sagt Millard. Von Bewertungsportale. ihnen profitiert er auch, wenn Ich bleibe mit In der Praxis bedeutet das, er Beiträge wie Berichte über dass Millard im Prinzip von vielen Mitarbeitern Veranstaltungen von Bosch, überall auf der Welt auf seinen in Kontakt.“ Texte mit aktuellen Themen, Arbeitsplatz zugreifen kann. Marius Millard, Porträts von Mitarbeitern, „Es interessiert mich immer, Social Media Manager Fotoalben oder Videos er­ wer was schreibt. Daher stellt. Dabei arbeitet er mit schaue ich auch von unterwegs auf den einer Agentur zusammen. Sie setzt Mil­ Plattformen nach. Ich fühle mich verant­ lards Ideen in konkrete Beiträge um, die er wortlich“, sagt Millard – zumal er das Kon­ bei Bedarf korrigiert und dann absegnet. zept für die Facebook­Seite mit erstellte. Im „Ins Netz stelle ich die Beiträge aber selbst, Januar 2012 startete „Bosch Karriere“. Sie und auch die Kommentare und Bewertun­ ist für Millard eine Ergänzung zum Inter­ gen beantworte ich.“ netauftritt, eine Möglichkeit, Bosch viel Anregungen für neue Themen bekommt privater und beispielhafter vorzustellen. Millard nicht nur bei den wöchentlichen Mit seinem Verantwortungsbewusst­ Treffen mit den Kollegen aus der Unter­ sein und seiner Neugier macht Millard eine nehmenskommunikation. Er besucht auch Gratwanderung, denn auf der anderen Messen und andere Veranstaltungen, auf Seite präsentiert er sein Unternehmen als denen er Studenten trifft. „Ich bin die einen Arbeitgeber, der für eine ausgegli­ Schnittstelle zwischen realer und virtueller chene Work­Life­Balance steht – und die Welt. Es ist wichtig zu wissen, wie die Ziel­ sieht nicht vor, dass Mitarbeiter rund um gruppe tickt, was sie interessiert, ob es nur die Uhr verfügbar sind. Was auch Millard fachliche Themen sind oder auch Dinge wie gar nicht sein muss. „Auf ,Bosch Karriere‘ Sportangebote bei Bosch“, sagt Millard. fragen die Nutzer für gewöhnlich Informa­ Und natürlich muss er wissen, ob er die tionen nach, die ich nicht sofort bereitstel­ Zielgruppe mit Facebook überhaupt noch len muss“, sagt er. Dagegen gibt es für ande­ erreicht – oder vielleicht andere Plattfor­ re Kanäle Mitarbeiter, die die Aktivitäten men angesagt sind. Deshalb ist Millard nonstop überwachen, für den Fall, dass auch privat viel im Internet unterwegs.

Social Media Manager Marius Millard kann im Prinzip an jedem Ort arbeiten. Foto: factum/Granville Für Medien habe er sich schon immer interessiert, sagt Millard, der in Düsseldorf Medien­ und Kulturwissenschaften auf Ba­ chelor studiert und in Bochum den Master in Medienwissenschaften drangehängt hat. Über seine Masterarbeit und ein Prakti­ kum wurde Millard auf seine heutige Stelle aufmerksam, die damals noch als Online­ Redakteur ausgeschrieben war. Insgesamt habe sich sein Job verändert, sagt Millard. Jahrespläne erstellt er längst nicht mehr, „der Berufsalltag ist dynamisch und dialogorientiert. Wir entscheiden vie­ les situativ.“ An eine Aktion erinnert Mil­ lard sich besonders gut: Im vergangenen Sommer war auch Bosch auf Facebook für die Spendenaktion Ice Bucket Challenge nominiert. Statt eines Eimers kalten Was­ sers ließen sich Millard und seine Kollegen von einem Robotergreifarm Trockeneis über den Kopf kippen. Das Video landete selbstverständlich im Internet.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

„Chefs müssen umdenken“ Früher war der Chef ein Alleskönner, gab den Mitarbeitern klare Anweisungen, setzte Ziele und überprüfte Ergebnisse. Weil die moderne Arbeitswelt anders tickt, müssen Chefs umdenken, mehr Coach als Boss sein, sagt Personalmanagement­Experte Armin Trost. Interview

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ie alljährlichen Mitarbeiter­ gespräche, die in vielen Unter­ nehmen Ritual sind, hält Armin Trost, Professor für Personal­ management an der FH Furt­ wangen, für nicht mehr zeitgemäß. Nicht nur weil sich die wenigsten Arbeitnehmer darauf freuen und viele Chefs sie als lästige Pflicht empfinden. Herr Trost, warum sind klassische Mitarbei­ tergespräche nicht mehr zeitgemäß? Die Idee für ein Mitarbeitergespräch ba­ siert auf einem hierarchischen Verständnis von Organisation und Führung, in dem sich der Chef als Boss aufführt und den Mit­ arbeitern sagt, was sie zu tun haben. Die mo­ derne Arbeitswelt tickt aber anders – man denkt weniger top­down, sondern mehr horizontal und bottom­up.

Was heißt das? Die Welt hat sich gewandelt. Heute arbeiten Mitarbeiter zunehmend in Teams. Sie haben in der Regel mehr Expertenwissen in ihrem speziellen Bereich als ihr formeller Vorge­ setzter. Sie denken eigenständiger. Da ergibt es weniger Sinn, dass eine dominierende Führungskraft ein einseitiges, zwangsver­ ordnetes Mitarbeitergespräch führt, das in der Regel nach standardisierten Punkten abläuft. Im Grunde kann ein Vorgesetzter nicht mehr fachlich beurteilen, ob der Mit­ arbeiter einen guten Job gemacht hat – das können die Kollegen und die Kunden besser. Menschen zu führen, heißt „Mitarbeitergespräche nicht mehr, ihnen genau zu sa­ gen, was sie tun müssen. Chefs und die Budgetplanung müssen umdenken. sind auf ähnliche Weise

problematisch.“ Armin Trost über Managementinstrumente

Warum ist es problematisch, das Mitarbeitergespräch zur Pflicht zu machen? Ich mache mal ein Beispiel: Ein Mann schenkt seiner Frau jedes Wochen­ ende Blumen, weil er sie liebt – und sie schätzt das. Nun stellt die Regierung in Ber­ lin empirisch fest, dass die Ehen am längsten halten, wenn Männer ihren Frauen Blumen schenken. Deshalb verabschiedet sie ein Ge­ setz, wonach jeder Mann seiner Frau jedes Wochenende Blumen schenken muss. Was passiert nun mit dem Mann im Beispiel, was sollte er tun? Er muss eigentlich aufhören, seiner Frau Blumen zu schenken, weil das nicht mehr den besonderen Stellenwert und die Freiwilligkeit hat. Dasselbe gilt fürs Mit­ arbeitergespräch. Ein Gespräch, das vertrau­ ensvoll erfolgt, ist immer freiwillig. Wenn eine Führungskraft Gespräche mit Mitarbei­ tern führt, weil sie es für wichtig hält, ist das in Ordnung. Wenn es aber von der Personal­ abteilung vorgegeben ist, dann sitzt die Füh­ rungskraft dem Mitarbeiter gegenüber und beide wissen, sie müssen dieses Gespräch führen. Welche Absurdität entsteht da? Sie können mit so einem Führungsinstrument tatsächlich guter Führung schaden.

ten zuarbeiten, damit dieser seine Zielverein­ barungen erreicht. Entsprechend werden sie dann beurteilt. Ja, dahinter steckt die Idee, wonach die Führungskraft die Verantwortung trägt und am besten weiß, was richtig ist. Unter­ nehmen sind demnach dazu da, die Genia­ lität oder die Idee des Firmenchefs umzu­ setzen. Zum Teil gibt es das noch. Denken Sie mal an Steve Jobs, dort war die ganze Organisation um das Genie herum gebaut. Im heutigen Umfeld – egal ob Automobil­ industrie oder IT­Branche – ist es aber vollkommen illusorisch, immer zu glau­ ben, es gebe irgendwo dieses eine Genie, das die ganzen Probleme da draußen lösen kann. Dafür ist die Welt viel zu komplex und dynamisch geworden. In einer Organi­ sation braucht man deshalb Teams, die ganz nah am Kunden sind, eigene Ideen und Initiative einbringen. Die Führungs­ kraft kann also nicht sagen: „Ich habe ein Ziel, und du erfüllst es.“ Vielmehr müssen Führungskräfte dafür sorgen, dass die Mit­ arbeiter das tun können, was für die Kun­ den sinnvoll ist. Das ist eine komplett an­ dere Denkweise. Also der Chef wird mehr zum Coach und delegiert Verantwortung an Teams und Mitarbeiter. Wie sehen die Anforderungen an eine Füh­ rungskraft aus? Das hängt von den Rahmenbedingungen ab. Eine gute Führungskraft erkennt man im Grunde daran, dass sie wenig Mails be­ kommt, weil die Mitarbeiter selber Verant­ wortung übernehmen. Eine Führungskraft, die viele Mails von den Mitarbeitern be­ kommt und die auch noch bearbeitet, müsste über ihren Führungsstil nachdenken. Mit­ arbeiter sollten nicht wegen jeder Kleinig­ keit den Chef fragen müssen. Ich mache mal ein Beispiel: Wenn ein Team feststellt, dass es einen neuen Drucker benötigt, dann sollte es das Vertrauen genießen, den kurzfristig kaufen zu dürfen. In Konzernen, die hierar­ chisch funktionieren, wird aber jede Kleinig­ keit langwierig die Hierarchie hochgetragen. Aber es gibt doch eine Budgetplanung . . . Budgetplanung ist ähnlich problematisch wie das Mitarbeitergespräch. Zeigen Sie mir ein Unternehmen, in dem Budgetplanung so funktioniert, wie es gedacht ist. Wir ha­ ben die Vorstellung von einer Welt, die sehr stabil und vorhersehbar ist. Das ist aber nicht so. Wir leben in einer Zeit der Un­ sicherheit, Komplexität, Geschwindigkeit und Veränderung. Ich will damit sagen, dass es auch unterjährig Bedarfe gibt, die nicht in der Budgetplanung drin sind, aber unglaub­ lich wichtig sind. Budgetplanung basiert auch auf der grundlegenden Annahme, wo­ nach man in den oberen Etagen der Hierar­ chie besser weiß, was die Mitarbeiter unten benötigen. Brauchen Führungskräfte mehr Spielräume? Ja. Die mittlere Führungsebene muss einem eigentlich am meisten leidtun. Die mittlere Führungskraft kann nicht Coach sein, wenn die Führungskraft darüber als Herrscher oder Boss agiert. Coaches kön­ nen nicht von Bossen geführt werden. Das hierarchische System muss sich ändern.

Einer Studie zufolge kündigen fast zwei Drit­ tel der Mitarbeiter wegen schlechter Füh­ rung. Wie wichtig ist gute Führung im Kampf um Talente? Ein wichtiger Faktor – da geht es auch um Freiräume und Eigeninitiative und die Frage, wie sich ein Unternehmen aufstellen muss, Welchen Rat können Sie Führungskräften um als Arbeitgeber wettbewerbsfähig zu sein. geben? Es geht um eine grundlegende Haltung, die In Konzernen läuft es doch in der Regel so, man als Führungskraft reflektieren sollte. dass Mitarbeiter ihrem formellen Vorgesetz­ Wenn man als Führungskraft der Meinung ist, dass Mitarbeiter von Natur aus faul sind und keine Verantwortung übernehmen wollen, dann ist eine hierarchische Führung sinnvoll – man sagt, was die Mitarbeiter zu tun haben, belohnt oder bestraft sie, behan­ delt sie praktisch wie Kinder. Wenn einer aber der Meinung ist, dass sich Mitarbeiter gerne einbringen, Verantwortung überneh­ men und einen guten Job machen wollen, lässt man die Zügel lockerer. Hat einer Probleme, redet man darüber, aber die Ent­ scheidung liegt bei den Mitarbeitern und Teams.

Der Wandel erfordert neue Rollen für Führungskräfte, lautet das Kredo von Personalmanagement­Experte Trost. Der Coach ist gefragt, weniger der Boss. Fotos: privat aus. Jedes Team­Mitglied gibt einem ande­ ren ein Feedback – da warst du gut, da wür­ de ich mir wünschen, dass du noch mal ’ne Schippe drauflegst. Man diskutiert darü­ ber, aber das Ergebnis bleibt im Team und geht nicht per Formular in die Personal­ abteilung. Über solche Formen muss auch eine Führungskraft nachdenken, wenn sie sich mit dem Mitarbeiter austauscht. Wie gesagt, die Ergebnisse solcher Gespräche sollen nicht in der Personalakte landen und auch nicht zur Gehaltsfindung ver­ wendet werden. Das Feedback gehört dem Mitarbeiter, nicht der Personalabteilung. Sobald Feedback dazu genutzt wird, Ge­ halts­ oder Karriereentscheidungen zu fäl­ len, ist der Mitarbeiter nicht mehr bereit, dieses Feedback offen anzunehmen. Dann wird er anfangen zu verhandeln.

wer entscheidet, wer eine gute Leistung ge­ bracht hat, und wer nicht? Die Antwort da­ rauf muss lauten: immer der Kunde und immer seltener der Vorgesetzte, schon gar nicht ein Personaler. In Kon­ zernen gibt es interne Kun­ „Wer entscheidet, wer eine den, es gibt Kollegen. Ich ken­ gute Leistung gebracht ne einfache Beispiele, die hat? Die Antwort muss wunderbar funktionieren. Je­ der Mitarbeiter hat im Jahr lauten: der Kunde und zehn Punkte, die er an Kolle­ seltener der Vorgesetzte.“ gen vergeben kann. Wer am Professor Trost über Ende die meisten Punkte hat, Leistungsbewertung hat das meiste geleistet und bekommt das höchste variable Gehalt. Da­ durch fördert man Zusammenarbeit – und braucht keinen Chef mehr, um die Leistung zu bewerten. Der Chef kann Mitarbeiter bestenfalls beraten, wie sie mehr Punkte bekommen.

Wie soll Leistung differenziert werden? Das ist extrem schwer. Die Frage ist immer: Das Gespräch führte Imelda Flaig.

PERSONALMANAGEMENT­EXPERTE Funktion Armin Trost ist Professor für Personalmanagement an der Hoch­ schule Furtwangen (Schwarzwald­ Baar­Kreis). Seine Schwerpunkte sind Talent Management, Employer Bran­ ding und die Zukunft der Arbeit. Zuvor hatte er eine Professur an der FH Würzburg inne.

Wie sollen Chefs in der modernen Arbeitswelt Mitarbeiter beurteilen? Der Mitarbeiter wird nicht von der Füh­ rungskraft beurteilt, sondern der Mit­ arbeiter holt sich Feedback von seinen Kol­ legen, von seinen Kunden, auch zum Teil von den internen Kunden. Es gibt Unter­ Er über sich „Im Studium hat mich Armin Trost ist neugierig, kritisch und kreativ. Seine Devise: ich will nehmen, in denen setzen sich Teams ein­ Personalmanagement ziemlich gelang­ mir einer Sache nie todsicher sein. mal im Jahr zusammen und tauschen sich weilt. Damals hieß es noch Personal­

wesen oder Personalwirtschaft – Vorbereitung auf eine Karriere in der Lohnstube.“ Ausbildung Trost ist 1966 in Tübingen geboren, studierte Psychologie und BWL in Tübingen und Mannheim, wo er später wissenschaftlicher Angestellter am Lehrstuhl für Wirt­ schaftspsychologie war. Von 1999 bis 2005 arbeitete er bei SAP, wo er weltweit für Recruiting verantwortlich

war. 2001 promovierte er in Philoso­ phie. Seit 2005 ist er Professor in Furtwangen, seit 2006 berät er als Mitgesellschafter der Promerit AG Unternehmen in Fragen des Personal­ managements. Trost ist Autor vieler Fachbeiträge und Bücher. Sein jüngstes Buch, „Unter den Erwartungen: Warum das jährliche Mitarbeitergespräch in modernen Arbeitswelten versagt“, ist im Mai erschienen. imf


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16 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Carl Glauner steht seit 30 Jahren an der Spitze der Schwarzwälder Privatbrauerei und tüftelt am perfekten Biergeschmack für Baden­Württemberg. Von Walther Rosenberger

Alpirsbacher­Klosterbräu­Chef

Ausgefragt

Die Mitarbeiter machen den Untersc hied Car l Gla une r

führt die Brauerei Alpirsbacher Kloste rbräu. Im Fragebogen sagt er, was Leidenschaft mit Leistung zu tun hat und warum er Lästern nicht leiden kann. Was macht einen guten Chef aus

? Er benennt klar, warum ein konkret er Weg eingeschlagen wird und welc he Vorteile dieser hat. Er gewährt Han spielräume und überträgt Verantw dlungs­ ortung. Er anerkennt gute Arbeit und spendet Lob dafür. Er übernim antwortung für Fehler, ermutigt Mit mt die Ver­ arbeiter und stellt sich bei Problem en schützend vor sie. haben Sie?

Einbinden der Mitarbeiter in Entsche idungen und Umsetzungsprozesse. Wir haben eine breit aufgestellte Füh mannschaft, die eigenverantwortlich rungs­ die gemeinsam besprochenen Ziel e umsetzt.

Wie kommt man so weit wie Sie?

Durch Beharrlichkeit und Konzen tration auf seine Ziele. Und durch Mitarbeiter, die sich mit dem Unt identifizieren. Es sind die Mensche ernehmen n, die eine Firma ausmachen. Alles andere kannste knicken.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

Eine große.

er Karriere?

Was ist typisch für Ihren Arbeits

alltag? Viele Termine und Gespräche mit Mitarbeitern, Kunden, Beratern.

Was würden Sie heute anders ma

Weniger Fehler. Aber im Wesentliche n

Das Familienunternehmen Häfele in Nagold verstärkt die Geschäftsführung. Der Spezialist für Beschlagtechnik und elektronische Schließ­ systeme hat Gregor Riekena (37), seit Oktober 2011 Marketingleiter der Häfele GmbH Co. KG, zum 1. Juli zum Geschäftsführer Marketing be­ rufen. Häfele beschäftigt weltweit über 7000 Mitarbeiter und erzielte 2014 weltweit mehr als 1,1 Milliarden Euro Umsatz. Das Familien­ unternehmen, das die Möbelindustrie, Archi­ tekten, als Planer das Handwerk und den Han­ del beliefert, ist weiter auf Wachstumskurs. imf

Wechsel bei All for One Steeb

chen?

Kritik einstecken?

Womit können Kollegen Sie nerven

Verstärkung bei Häfele

?

Lästern und Dinge schlechtreden, ungerechtfertigte Schuldzuweisun gen und wenn Dinge nicht zu Ende gebracht werden.

Und umgekehrt?

Meine Ungeduld und wenn ich zu viel

auf einmal möchte.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Sich nicht zu verstellen, sondern zeigen, wer man ist. Man wird ehe r bemerkt und ge­ schätzt, wenn man sich als Persönli chkeit präsentiert – und nicht nur mitschwimmt. Bei Fehlern und Missgeschicken sollten sie dazu stehen und Lernfähigkeit demonstrieren.

Was macht Sie leistungsfähig?

Die Produkte unserer Alpirsbacher Klosterbrauerei und der Glaube an das Gute. Außer­ dem die Liebe und Leidenschaft zum Beruf, der für mich mehr Berufung als Beruf darstellt.

Josef Blazicek (51) ist Ende Mai an die Spitze des Aufsichtsrates der All for One Steeb AG in Filderstadt gerückt. Zuvor war er stellver­ tretender Vorsitzender des Gremiums. Blazicek hat das Amt von Peter Brogle (73) übernommen, der den Vorsitz aus Altersgrün­ den abgegeben hat und dem Gremium weiterhin als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzen­ der angehört. Blazicek, seit 2009 Mit­ glied und seit 2013 stell­ vertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats, und Brogle, seit 2000 Mitglied des Gremiums und seit 2003 dessen Vorsitzender, werden damit auch weiterhin – in nun veränderten Rollen – das Gremium führen. Die All for One Steeb AG ist die Nr. 1 im deutschsprachigen SAP­Markt mit der größten betreuten Mittel­ standskundenbasis. Sie hat über 1100 Mit­ arbeiter und betreut über 2000 Kunden. imf

Siegfried Jaschinski

Banker bei Maschinenbauer Der frühere LBBW­Chef Siegfried Jaschinski steht an der Spitze des Aufsichtsrats der Hei­ delberger Druckmaschinen AG. Er folgte im Ju­ ni auf Robert J. Koehler, der im Mai verstorben ist. Jaschinski hat dessen Aufsichtsratsvorsitz für die vorgesehene Amts­ zeit bis ins Jahr 2018 übernommen. Der 60­ jährige Finanzspezialist sitzt bereits seit April 2007 im Aufsichtsrat von Heidelberg und ist Vorstand und Partner der Augur Capital AG. Zuvor war Jaschinski Partner der Main First Bank AG und von 2005 bis 2009 Vorsitzender des Vorstands der Landesbank Baden­Würt­ temberg (LBBW). imf

Logo der Traditionsbrauerei Alpirsbacher Klosterbräu. Fotos: Alpirsbacher

Foto: Heidelberger Druckmaschinen

Von Kollegen.

Gregor Riekena

Josef Blazicek

nicht viel.

Von wem können Sie am ehesten

Seit 1. Juni 2015 hat Martina Musati den Posten Geschäftsführerin Operativ in der Regionaldirektion Baden­Württemberg der Bundesagentur für Arbeit inne. Sie folgte auf Wolfram Leibe, der im April Oberbürger­ meister von Trier wurde. Musati hatte bereits mehrere Funktionen in­ nerhalb der Bundes­ agentur für Arbeit inne. Die letzten viereinhalb Jahre leitete sie das Job­ center München Lan­ deshauptstadt – eines der größten Jobcenter Deutschlands. Musati kommt aus Baden­Württemberg und begann ihre berufliche Laufbahn in Stuttgart und in der Agentur für Arbeit Ulm. imf

Foto: All for One Steeb AG

Und welche Eigenschaften davon

Neu bei der Arbeitsagentur

Frank Schnatz

Neuer Vorstand bei Hansgrohe Carl Glauner, Spross der Alpirsbacher Brauer­ Dynastie im Südwesten und in der vierten Generation am Ruder.

Der Sanitärspezialist Hansgrohe aus Schil­ tach/Schwarzwald hat seit Mai einen neuen Vorstand für Produktion und Qualitätsmanage­ ment. Frank Schnatz (42) ist Nachfolger von Marc Griggel, der den Armaturen­ und Brau­ senhersteller verlassen hat. Schnatz hatte zuletzt die Produktionsstätten des Consumer­ Geschäfts der WMF geleitet und war Ge­ schäftsführer der WMF­Tochter Silit. imf

Marcus Bracht

Geschäftsführer wechselt

Die von Mönchen überlieferte Braukunst hat im Schwarzwald eine lange Tradition und spiegelt sich auf dem Etikett.

Marcus Bracht ist seit Anfang Juli neuer Ge­ schäftsführer der Mannheimer MVV Umwelt Ressourcen GmbH. Der 53­Jährige hat die Nachfolge von Stefan Visser übernommen, der Ende 2014 das Unternehmen verlassen hatte. Bracht hat die Verantwortung für das gesamte Stoffstrommanagement der MVV Umwelt. Der Ingenieur, der Um­ welt­ und Hygienetech­ nik an der FH Geißen­ Friedberg und der Uni Heidelberg studiert hat, verfügt über 25 Jahre berufliche Erfahrungen in der Abfallwirtschaft. MVV Umwelt hat rund 500 Mitarbeiter. imf Foto: Firmenfoto

W

ürzig, weich, aromatisch, hopfenbitter – wenn man mit Carl Glauner übers Bier redet, wird schnell klar, dass man es mit dem Spross einer der traditionsreichsten Brauer­ familien in Baden­Württemberg zu tun hat. Minutenlang kann der 57­Jährige, der dieses Jahr sein 30­Jahr­Jubiläum an der Spitze von Alpirsbacher Klosterbräu feiert, dann über den Ockerton eines Hefeweizens oder die Vorzüge heimischer Braugerste räsonieren. Oder mit den Vorurteilen aufräumen, dass aus den US­Brauereien nur Plörre kommt und die italienischen Biere am besten gleich ganz in den Gully gehören. Carl Glauner, der Baden­Württembergs älteste Brauerei in vierter Generation führt, ist insofern eine recht rare Mischung aus Heimattreue und Weltoffenheit. Mit dem Modespruch „Think global, drink lo­ cal“ könnte man ihn vielleicht charakteri­ sieren, wobei ihn Moden herzlich wenig kümmern und sich die Globalität vornehm­ lich auf das Erspüren neuer Biertrends bezieht und weniger Ausdruck eines aus­ geprägten Geltungsdrangs ist. Allen Avancen ausländischer Braukon­ zerne, die ab und an bei Alpirsbacher Klos­ terbräu im Schwarzwald anklopfen, hat Glauner denn auch bislang widerstanden. Sogar den nationalen Markt – von Flens­ burg bis Passau – hat man bei Alpirsbacher nicht mehr im Blick. Man entwickle „ein Geschmacksprofil, wie es den Baden­Würt­ tembergern schmeckt“, sagte sein Mit­ Geschäftsführer Markus Schlör einmal. Qualität statt Masse eben. Wachstum um jeden Preis ist denn auch kein Ziel des 88­Mann­Betriebs. Auch das ist eine alte Tradition, denn Glauners früh verstorbener Vater, Carl Glauner Senior, war einer jener Unternehmer, die schon von Nachhaltigkeit als „drittem Unter­ nehmensziel“ sprachen, als viele nur stur auf die Rendite starrten. Noch heute gibt die Brauerei viel Geld für Naturschutz, insbesondere im Schwarzwald, aus. Da wird man auch schon mal grantig, wenn man beim Sponsoring lokaler Projekte übergangen wird, wie jüngst bei einem geplanten Wildtierpark nahe Freuden­ stadt geschehen. Geschadet hat die Heimatverbunden­ heit nicht. Alpirsbacher Klosterbräu, das eine eigene Quelle in einem Naturschutzge­ biet und das wohl weichste Brauwasser der Republik sein Eigen nennt, geht es gut. Ob­ wohl die Deutschen zur Zeit lieber Mineralwasser und Kaffee als Bier trinken. 2014 stieg der Absatz um fast sechs Prozent.

Martina Musati

Foto: Bundesagentur für Arbeit

Quell des Wohlseins

Persönliches


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

Juli 2015

17

DIE WARENSTRÖME IM WELTWEITEN HANDEL

488 380

492

6385 217

124

2371

430

245

Europa 211

805

643

127

GUS

208 121

Nordamerika 148 118

240 128

Mittlerer Osten 732

855

630

187

750 172

1349

Süd- und Mittelamerika

Afrika

160 260

5640

975

Asien und Australien

177 196

630

Exportvolumen 2012 insgesamt in Milliarden US-Dollar Warenstrom 2012 ohne Dienstleistungen nur Ströme mit über 100 Mrd. Dollar abgebildet

StZ-Grafik: M. Zapletal

Quelle: WTO, World Trade Report 2014

Im Südwesten sitzen die Profiteure Während viele Bürger Freihandel mit den USA fürchten, können Autohersteller, Maschinenbauer oder Medizingerätehersteller auf höhere Gewinne hoffen. Von Christopher Ziedler, Brüssel TTIP

C

hlorhühnchen, Genfood, Daten­ klau, Schadenersatzklagen gegen Regierungen, Lobbyein­ fluss – die Liste der berechtigten und unberechtigten Sorgen ist lang, wenn die Sprache auf das geplante Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA kommt. Im Umfeld der zehnten Verhand­ lungsrunde, die jüngst in Brüssel stattge­ funden hat, ist der Protest wieder laut zu hö­ ren gewesen. Zwei Jahre nach „Es geht nicht nur um Verhandlungsbeginn domi­ nieren die Sorgen die öffentli­ Daimler, sondern auch che Debatte, hat die Stopp­ um die vielen Zulieferer TTIP­Kampagne Oberwasser. und alles, was am Seit einigen Monaten läuft nun die Gegenkampagne der Maschinenbau hängt.“ deutschen Wirtschaft, die sich Der baden­württembergische im Gegensatz zur Mehrheit der Europaminister Peter Friedrich Bevölkerung viel von der EU­ USA­Freihandelszone verspricht. „Der Ab­ bau von Handels­ und Investitionsbarrieren im transatlantischen Markt sichert und schafft Arbeitsplätze in unseren Unterneh­ men und für unsere Beschäftigten“, heißt es in einer Erklärung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Schließlich hänge jeder zweite Industriejob in Deutsch­ land am Export. Der Aufruf für den Freihan­ del ist auch im Namen einiger großer Fir­ men in Baden­Württemberg erschienen. Manager wie Daimler­Boss Dieter Zetsche oder Martina Koederitz, die Deutschland­ chefin von IBM, stehen dahinter.

Die Prognosen zu den Effekten des Ab­ kommens sind mit Vorsicht zu genießen – auch weil manche Befürworter die von Wissenschaftlern errechneten Idealwerte verwenden. So wird etwa auf der Internet­ seite des Deutschen Industrie­ und Han­ delskammertages eine Ifo­Studie im Auf­ trag des Wirtschaftsministeriums zitiert, die davon ausgeht, „dass TTIP in Europa bis zu 400 000 neue Arbeitsplätze schaffen kann – mindestens 100 000 davon in Deutschland“. Die Mindestannahme von nur 2100 zusätzlichen Stellen in Deutsch­ land in derselben Studie falle unter den Tisch, rügt die Organisation Foodwatch. Sie fragt sich, ob es sich dafür lohne, Märkte für die umstrittenen US­Agrar­ und Lebensmittelprodukte zu öffnen. So sind nicht unbedingt die Zahlen, aber vielleicht die Relationen aussagekräftig, wenn es darum geht, welche Branchen be­ sonders profitieren könnten. Das Londoner Zentrum für ökonomische Politikforschung (CEPR) hat 2013 im Auftrag der EU­Kom­ mission errechnet, dass die Exportsteige­ rungen in der Metallindustrie mit einem Plus von zwölf Prozent, in der Chemiebran­ che mit einem Zuwachs von neun, bei wei­ terverarbeiteten Lebensmitteln in dersel­ ben Größenordnung und anderen Indust­ rieprodukten mit sechs Prozent besonders groß wären. Größter Gewinner aber wäre demnach die Autoindustrie, die in den USA mit einem Absatzplus von 41 Prozent rech­ nen könnte. Zu diesen Branchen enthält der

aktuelle Verhandlungstext daher eigene Kapitel. Da die genannten Wirtschaftszwei­ ge in Baden­Württemberg besonders stark sind und die USA der wichtigste Export­ partner des Landes sind, ist klar, dass die TTIP­Profiteure im Südwesten sitzen. „Es geht nicht nur um Daimler“, sagt Baden­ Württembergs Europaminister Peter Fried­ rich, „sondern auch um die vielen Zulieferer und alles, was am Maschinenbau hängt.“ Auf dem Abbau der Zölle ruht ein Teil der Hoffnungen. Zwar wird an der US­ Grenze für einen Pkw nur eine Abgabe von 2,5 Prozent fällig, wegen der hohen Zahl von Autos könnten die deutschen Herstel­ ler aber bis zu 650 Millionen Euro im Jahr einsparen, sagt die EU­Kommission. Im Maschinenbau liegen die Zölle ebenfalls nur zwischen zwei und 4,5 Prozent. Aller­ dings kämen bei einem Exportvolumen von zuletzt 15,1 Milliarden Euro „auch bei den Zöllen mehrere Hundert Millionen Euro zusammen“, sagt der Branchenverband VDMA. Den viel größeren Vorteil sehen die Maschinenbauer jedoch in der Anglei­ chung technischer Standards oder der An­ erkennung von Tüv­Zertifikaten: „Eine Maschine für einen amerikanischen Kun­ den kostet fünf bis 20 Prozent mehr als eine Maschine für den europäischen Markt.“ Minister Friedrich berichtet von einem Besuch in der Tuttlinger Chiron­Fabrik. „Wegen des abweichenden US­Standards muss dieselbe Maschine komplett neu konstruiert werden. Alles findet doppelt statt: Zertifizierung, Service, Ersatzteil­ lager.“ Auch und gerade die kleinen erfolg­ reichen Medizingerätehersteller im Land würden von der Angleichung der Produkt­ standards profitieren, sagt Friedrich, der auch quer über alle Branchen Vorteile

sieht, da Arbeitsvisa für Firmenmitarbeiter zur Wartung ihrer Produkte wegfallen könnten. „Das erleichtert es allen Unter­ nehmen in Baden­Württemberg, bei Auf­ trägen in den USA mitzubieten.“ Gewinnen also alle Branchen, wie von der EU­Kommission behauptet? Minister Friedrich hat Bedenken nur im Agrar­ bereich, „wo ein Wettbewerber auf den Markt kommen könnte, den wir nicht so gerne sehen“. Er „Da wird die eher extensiv fürchtet auch nicht die Über­ betriebene europäische macht der amerikanischen Landwirtschaft IT­Konzerne, da ja auch der heimische SAP­Konzern sich unter Druck geraten.“ mehr Vorteile verspricht. Martin Häusling, Agrarexperte Die Grünen im Europa­ der Grünen im Europaparlament parlament sehen das weitaus kritischer. Ihr Agrarexperte Martin Häus­ ling sieht Eier aus Käfighaltung und Billig­ rinder aus Massentierhaltung auf Europas Bauern zukommen. „Da wird die eher ex­ tensiv betriebene europäische Landwirt­ schaft unter Druck geraten.“ Seine Partei­ freundin Ska Keller sieht Probleme für die Kulturindustrie, die Buch­ und Filmbran­ che etwa, aber auch für die Hersteller von Generika­Arznei, da der in den USA viel längere Patentschutz übernommen wer­ den könnte, sowie für kleinere Unterneh­ men. „Von TTIP profitieren vor allem die Großen.“ Die EU­Kommission wider­ spricht: Gerade kleinere und mittlere Unternehmen, die für 28 Prozent der Aus­ fuhren in die USA stehen, würden profitie­ ren. Ska Keller dreht das Argument um. Ge­ rade die Fähigkeit, spezialisiert verschiede­ ne Standards erfüllen zu können, sei oft die Existenzgrundlage kleiner Hersteller. Das Beispiel zeigt: TTIP bleibt in vielen Punkten auch eine Glaubensfrage.

Ein Platz für Gründer

Wirtschaft macht Schule

Start­ups brauchen nicht nur bezahlbare Büros, sondern auch ein kreatives Umfeld und Möglichkeiten zum Austausch. Drei Beispiele aus Stuttgart zeigen, wie sich das alles unter einen Hut bringen lässt. SEITEN 20, 21

Wirtschaft wird in Baden­Württemberg ein eigenes Schulfach. Zudem kooperieren Schulen bei der Vermittlung wirtschaftlicher Themen mit Firmen. Kritiker sehen dadurch die Unabhängigkeit des Bildungssystems in Gefahr. SEITEN 22 – 24


18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

EBM­Papst verspricht sich Vorteile von TTIP Der Ventilatorenhersteller aus dem hohenlohischen Mulfingen muss bisher auf manches Geschäft in den Vereinigten Staaten verzichten. Denn die teure Zertifizierung von Produkten lohnt sich nicht immer. Von Ulrich Schreyer Freihandelsabkommen

F

ür Rainer Hundsdörfer sind die USA bisher ein Land der begrenzten Möglichkeiten. Schuld daran seien unterschiedliche Zulassungsregeln für technische Produkte diesseits und jenseits des Atlantiks, erläutert der Vor­ sitzende der Geschäftsführung des Ventila­ torenherstellers EBM­Papst. Doch Hunds­ dörfer hofft, dass das Freihandelsabkom­ men TTIP Geschäfte in den Vereinigten Staaten einfacher macht. Schon heute sind die USA ein wichtiger Markt für das Unter­ nehmen aus dem hohenlohischen Mulfin­ gen. Rund 200 Millionen Euro setzt EBM­ Papst dort um – bei einem Gesamtumsatz von zuletzt knapp 1,6 Milliarden Euro. Wäre das vielfach kritisierte Abkommen erst unterzeichnet, könnte es weit mehr sein – „etliche zehn Millionen im Jahr, 30 bis 40 Millionen Euro“, wie Hundsdörfer mut­ maßt. Und, so fügt er hinzu, „vielleicht sogar 100 Millionen“ – was einer Steigerung um satte 50 Prozent entspräche. Viele Geschäfte in den USA macht das Unternehmen mit weltweit etwa 12 000 Mitarbeitern bis jetzt schlicht deshalb nicht, weil deren Umfang gemessen am Aufwand für die Zulassung zu gering wäre, um renta­ bel zu sein. „Wir haben ein extrem breites Produktspektrum“, sagt Hundsdörfer. „Und bei vielen Produkten, die wir nur in kleinen Serien herstellen, lohnt sich die teure Zerti­ fizierung in den USA einfach nicht.“ Eine Zulassung in Europa nämlich ist bisher noch lange keine Eintrittskarte für den US­ame­ rikanischen Markt. Denn dort werden Pro­ dukte wie etwa Ventilatoren von einer eige­ nen Behörde geprüft, nach anderen Maßstä­

DER MASCHINENBAU HOFFT AUF DIE VEREINBARUNG Verband „Der Maschinenbau braucht TTIP“ – für Dietrich Birk, den baden­württembergischen Geschäftsführer des Branchen­ verbands, ist dies keine Frage. Ge­ rade für kleinere und mittelgroße Unternehmen, die die Branche prä­ gen, könnte das Abkommen „einen deutlichen Wachstumsschub brin­ gen“ – durch den Wegfall von Bü­ rokratie, Zöllen und technischen

Handelsbarrieren wie etwa unter­ schiedliche Zertifizierungsvor­ schriften. Markt Die USA sind für die Ma­ schinenbauer aus dem Südwesten der wichtigste Exportmarkt. Mit Lieferungen von Maschinen und Anlagen für 4,4 Milliarden Euro lagen die USA im vergangenen Jahr sogar noch vor China. ey

ben als in Europa. „Das ist teurer als bei uns.“ Und zudem brauche man für jedes ein­ zelne Produkt eine eigene Zulassung. Doch nicht nur das: eine Prüfung in den USA dauert etwa ein halbes Jahr, „und so lange können wir nicht liefern“, kritisiert Hundsdörfer. Letztlich aber gehe es etwa bei der Prüfung von Isolatoren um physikali­ sche Gesetze, meint der EBM­Papst­Chef, und die seien diesseits und jenseits des Gro­ ßen Teiches nicht unterschiedlich. „Sicher sind die Produkte nach amerikanischen Prüfmethoden, aber auch nach den europä­ ischen.“ Deshalb befürchtet er auch keine Absenkung der Standards durch TTIP. Er will deshalb auch nicht unbedingt auf den europäischen Regeln beharren: „Es geht nur darum, ob wir linksrum oder rechtsrum zum Ziel kommen“, sagt Hundsdörfer. Aus seiner Sicht ist nur entscheidend, „dass wir über­ haupt anerkannte Standards vereinbaren“. Wenig hält Hundsdörfer dagegen von den im Rahmen von TTIP geplanten Regeln zum Investorenschutz. Schließlich, so meint er, müsse es immer noch auch „das unter­ nehmerische Risiko“ geben. „Wer in Rumä­ nien investiert, weil dort die Löhne niedrig sind, weiß, warum er dies tut“, meint der Vorsitzende der Geschäftsführung von EBM­Papst. Und wer zunächst von niedri­ gen Löhnen profitieren wolle, dürfe sich nicht beklagen, wenn diese auch mal stie­ gen. „Es ist, wie wenn man Geld an Grie­ chenland verleiht. Man erhält zwar mögli­ cherweise hohe Zinsen, aber eventuell ist das Geld dann eben auch weg.“ Bestimmten Vorteilen, die sich ein Unternehmen von einer Investition verspreche, stehe immer auch ein gewisses Risiko gegenüber, meint der Chef von EBM­Papst. Das Handelsabkommen könnte seiner Ansicht nach auch bestimmte Bereiche aus­ klammern, sich etwa nur auf Industriestan­ dards konzentrieren. „Uns würde in jedem Fall auch ein TTIP light reichen,“ meint er. Auch der Blick zurück ist für ihn zukunft­ weisend: Früher hätten auch in Europa ganz unterschiedliche Standards gegolten. Über­ wunden wurden diese durch den gemein­ samen Binnenmarkt, „ohne den es uns in Deutschland wesentlich schlechter gehen würde“ – und ähnlich positiv werden seiner Ansicht nach auch die Folgen von TTIP sein.

Bisher exportiert EBM­Papst nicht alle Produkte in die USA, weil die Zulassung zu teuer wäre. Eine Angleichung der Regeln könnte dem US­Geschäft einen Schub geben. Unser Bild zeigt die Montage eines Ventilators am Stammsitz Mulfingen­Hollenbach. Foto: EBM­Papst

Die Angst des Metzgers vor Billigware aus den USA Der Plieninger Metzgermeister Kurt Matthes sorgt sich um regionale Lebensmittel und den Verbraucherschutz. Von Ulrich Schreyer Handwerk

W

ir haben Angst, dass die Märkte mit billigen Produkten aus den USA überschwemmt werden“, sagt Kurt Matthes. Matthes ist Landes­ innungsmeister der Fleischerinnung in Baden­Württemberg, und was ihn um­ treibt, sind die möglichen Folgen des Frei­ handels. Kommt die Vereinbarung zwi­ schen Europa und den USA mit dem Kür­

zel TTIP tatsächlich zustande, müssten sich die Metzger auf einen rauen Wind einstellen, der dann über den Atlantik he­ rüberweht. In zweiter Generation führt Matthes das 1923 gegründete Fachge­ schäft in Stuttgart­Plieningen mit inzwi­ schen 20 Beschäftigten. Schon in der Ver­ gangenheit hat er sich immer wieder et­ was einfallen lassen, um voranzukommen.

Neben Wurst und Fleisch bietet der Metz­ germeister Salate, Mittagessen und an manchen Tagen frischen Fisch an. Und verkauft wird nicht nur im Laden, Matthes liefert auch an Schulen und Betriebe. Über dem Geschäft hängt ein Schild mit der Aufschrift „Feinschmeckerei“. Natürlich rechnet der Fleischer, der auch der Innung Stuttgart­Neckar­Fils vorsitzt und dem Präsidium des Baden­ Württembergischen Handwerkstags ange­ hört, nicht damit, dass mit all dem Schluss sein könnte, wenn TTIP erst mal unter­ zeichnet ist. Dennoch plagt ihn ein ungutes Gefühl in der Magengrube – nicht nur we­ gen der Sorge um die Standards für Lebens­ mittel, sondern auch wegen der Bauern, von denen er seine Rohstoffe kauft. „Wir beziehen alles aus der Region“, sagt Matthes. Die Schweine kommen aus dem Gäu, der Gegend um Böblingen, die Rinder aus Zwiefalten, geschlachtet wird in einem genossenschaftlichen Schlachthof in Gärt­ ringen, an dem er einen Anteil besitzt. „Auch meine Kollegen kaufen regional ein“, sagt Matthes, „anders als die Supermärkte.“ Und außerdem zahlten die regional ver­ wurzelten Metzger den Bauern etwas mehr als die großen Ketten. „Nachhaltig“ könne ein schwäbischer oder badischer Metzger aber nur sein, „wenn uns auch die Bauern erhalten bleiben“. Mit solchen Äußerun­ gen, so Matthes, spreche er für „den größ­ ten Teil“ seiner Kollegen, deren Bezugs­ quellen „immer sehr regional“ sind.

Kleine Bauern als Opfer von TTIP

Kurt Matthes fürchtet, dass die Bauern in der Region, die ihn mit Fleisch beliefern, durch TTIP noch stärker unter Druck kommen. Hier präsentiert der Metzgermeister einen Teller schwäbische Maultaschen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Kämen aber erst einmal große Mengen billiger landwirtschaftlicher Produkte aus US­Riesenfarmen nach Europa, drohe vie­ len Bauern das Aus – vor allem den kleine­ ren, die ihre Region belieferten und nicht zu den bundesdeutschen Großbetrieben gehörten. Matthes geht es dabei, so sagt

er,nicht allein um seine regionalen Bezugs­ quellen. Der Metzger stellt auch Fragen, die über den eigenen Berufsstand hinausge­ hen: „Wer macht unsere Landschaftspflege, wenn alles nur noch aus Amerika kommt?“ Daran, dass die europäischen Standards, wie stets versprochen wird, nicht abge­ senkt werden, hat er erhebliche Zweifel: „Europa muss Kompromisse machen, auch wegen der Exporte der eigenen Industrie“, so seine Einschätzung – Kompromisse zu Lasten hiesiger Lebensmittelstandards.

Irreführung der Verbraucher Gentechnik oder Wachstumshormone sind weitere Stichworte, die ihm Sorgen ma­ chen. Oder auch die globale Macht der Handelsketten: „Wenn Lidl für seine Filia­ len in den USA preiswert einkauft, kann es solche Produkte auch nach Deutschland bringen.“ Dass auf Etiketten auch in sol­ chen Fällen eine idyllische Landwirtschaft gezeigt wird, die von den teilweise fabrik­ ähnlichen Produktionsbedingungen bei der Fleischherstellung ablenke – diese Irreführung der Verbraucher werde dann wohl noch weiter zunehmen.

DER HANDWERKSTAG IST FÜR DAS ABKOMMEN Export Der Baden­Württembergi­ sche Handwerkstag sieht eher als die Fleischerinnung, die ihm eben­ falls angehört, auch positive Seiten von TTIP. Der Schwarzwälder Schinken sei nicht in Gefahr, meint Hauptgeschäftsführer Oskar Vo­ gel. Wohl aber könnten für kleine Betriebe, etwa aus der Medizin­ technik, bürokratische Hürden bei ihren Exporten in die USA wegfal­ len, ebenso doppelte Zertifizierun­ gen. Zudem könnten Betriebe,

die als Zulieferer für die Industrie tätig sind, indirekt davon profitie­ ren, dass ihre Kunden leichter als bisher exportieren können. Meisterbrief Eine Sorge aber hat Vogel: Im Zuge des freieren Han­ dels könnte seiner Ansicht nach auch der Meisterbrief unter Druck geraten, wenn Berufsqualifikatio­ nen gegenseitig anerkannt wür­ den. An diesem hohen Gut aber dürfe nicht gerüttelt werden. ey


Wirtschaft in Baden-Württemberg 19

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Das Gemeinwohl sollte vorgehen Der Investitionsschutz im Rahmen von TTIP könnte die staatliche Regulierung erschweren. Die Kernfrage ist, wie weit der Schutz vor Enteignung gefasst wird. Von Matthias Kullaz und Oliver Sauer Gastbeitrag

T

TIP und Investitionsschutz sind derzeit in aller Munde. TTIP steht für „Transatlantic Trade and Investment Partnership“. Es geht also nicht nur um Freihandel (Trade), sondern auch um den Schutz von Investitionen vor staatlichen Eingriffen (In­ vestment). Ebendieser Investitionsschutz ist Gegenstand heftiger Kontroversen. Investitionsschutzstandards, insbeson­ dere der Schutz vor Enteignung, können dazu führen, dass staatliche Regulierung erschwert wird. Tatsächlich klagen ausländische Investo­ ren immer wieder gegen ge­ sundheits­ und umweltpoliti­ sche Maßnahmen, die den Wert ihrer Investition redu­ zieren und somit – aus Sicht der betroffenen Unterneh­ men – eine indirekte Enteig­ nung darstellen. Aktuelle Beispiele hierfür „Schreckt ein Staat sind die Klagen von Philip vor möglichen Morris Asia Limited gegen Entschädigungszahlungen Australien aufgrund des „To­ bacco Plain Packaging Acts“ zurück, wird er unter und von Vattenfall gegen Umständen von einer Deutschland wegen des Atom­ Regulierung schon ausstiegs. Bekommen die Unternehmen recht, müssen im Vorfeld absehen.“ die Staaten hohe Entschä­ CEP­Experte digungszahlungen leisten. Matthias Kullas

EXPERTEN MIT EUROPÄISCHER PERSPEKTIVE Matthias Kullas ist Fachbereichs­ leiter für Wirtschafts­ und Fiskal­ politik, Binnenmarkt und Wettbe­ werb beim CEP. Oliver Sauer ist Fachbereichsleiter für Verbraucherschutz, Zivil­ und Verfahrensrecht, EU­Verträge und ­Institutionen beim CEP. Denkfabrik Das Centrum für Euro­ päische Politik (CEP) wurde 2006

gegründet und hat seinen Sitz in Freiburg. Es bezeichnet sich selbst als europapolitische Denkfabrik der Stiftung Ordnungspolitik. Das CEP bewertet Gesetzesvorhaben der Europäischen Union auf der Basis ordnungspolitischer Krite­ rien. Zu den Grundprinzipien der Einrichtung gehört unter anderem die Beschränkung von Bürokratie und staatlicher Regulierung auf das notwendige Maß. red

Schreckt ein Staat vor möglichen Entschä­ digungszahlungen zurück, wird er unter Umständen von einer Regulierung schon im Vorfeld absehen. Deshalb wäre es zu begrüßen, wenn die Europäische Kommission in den Verhand­ lungen mit den USA versucht, den Begriff der indirekten Enteignung nach dem Vor­ bild des Freihandelsabkommens zwischen der EU und Kanada (CETA) enger zu fassen. Danach soll eine indirekte Enteignung unter anderem dann nicht vorliegen, wenn die Re­ gulierung diskriminierungsfrei erfolgt und legitimen Gemeinwohlzwecken dient – es sei denn, die Maßnahme ist mit Blick auf das zu erreichende Ziel weit überzogen. Zahlreiche Untersuchungen sind der Frage nachgegangen, ob Investitions­ schutzabkommen tatsächlich zu mehr aus­ ländischen Investitionen führen. Die Er­ gebnisse sind nicht eindeutig. So kommen Vattenfall will von Deutschland Schadenersatz, weil sich der Konzern durch den Atomausstieg benachteiligt sieht. Ein Frei­ einige Untersuchungen für Deutschland handelsabkommen könnte solche Klagen erleichtern. Unser Bild zeigt das stillgelegte Kraftwerk Brunsbüttel. Fotos: CEP (2), dpa zu dem Schluss, dass bilaterale Investi­ tionsschutzabkommen Direktinvestitio­ nen fördern, andere schränken diesen ohne auf seinen Heimatstaat und dessen untersuchten Staaten) und Deutschland positiven Zusammenhang ein. Lediglich in diplomatischen Schutz angewiesen zu sein. (0,82 Punkte/Rang 5) eine funktionierende Ländern, in denen das Risiko von Eigen­ Nicht ganz zu Unrecht wird in der öffent­ Zivilgerichtsbarkeit attestiert, weisen etwa tumsverletzungen groß ist, förderten In­ lichen Debatte darauf verwiesen, dass das In­ die Zivilgerichtsbarkeiten in Italien (0,58 vestitionsschutzabkommen demnach Di­ strument der Investitionsschutzabkommen Punkte/Rang 36), Bulgarien (0,45 Punkte/ rektinvestitionen. zunächst für den Schutz in und gegenüber Rang 44) und Kroatien (0,54 Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass Staaten entwickelt worden war, in denen es Punkte/Rang 45) Mängel auf. die Investitionsschutzregeln in TTIP kei­ mit der Rechtsstaatlichkeit nicht zum Bes­ Zur Durchsetzung der ma­ nen oder nur einen geringen Einfluss auf ten bestellt ist. Daher befremdet es, dieses teriellen Investitionsschutz­ die Direktinvestitionen haben. Dies gilt Instrument nunmehr im Verhältnis von regelungen bedarf es nach umso mehr, als bereits heute die Rahmen­ Staaten mit hoch entwickelten Justizsyste­ Auffassung des CEP einer bedingungen für ausländische Investitio­ men, wie den USA und der EU, zur Anwen­ internationalen Gerichtsbar­ nen in vielen EU­Staaten als sehr gut einge­ dung zu bringen. keit für TTIP. Bei dieser Ge­ schätzt werden. So erreichten die EU­Staa­ Ob TTIP eine gesonderte Gerichtsbar­ richtsbarkeit sollte es sich al­ ten im Investment Profile Index der PRS keit enthalten soll, hängt nicht zuletzt von lerdings nicht wie bisher um Group im Durchschnitt 10,14 von maximal der Frage ab, wie gut die Justizsysteme in ad hoc gebildete private „Anstelle privater zwölf erreichbaren Punkten. den USA und den EU­Mitgliedstaaten wirk­ Schiedsgerichte handeln. Schiedsgerichte sollte Zur Durchsetzung der Investitions­ lich funktionieren. Der Rule of Law Index, Vielmehr sollte eine echte, schutzstandards dient regelmäßig die Eta­ der vom World Justice Project veröffent­ öffentlich finanzierte inter­ eine echte, öffentlich blierung einer Investor­Staat­Schiedsge­ licht wird, zeigt, dass die Funktionsfähig­ nationale Gerichtsbarkeit finanzierte internationale richtsbarkeit (Investor­State Dispute Sett­ keit der Zivilgerichtsbarkeit in den EU­Mit­ etabliert werden. Um die Ein­ Gerichtsbarkeit lement; ISDS). Der ausländische Investor gliedstaaten unterschiedlich gut gewähr­ heitlichkeit der Rechtspre­ kann hier aus der zwischenstaatlichen Ver­ leistet ist. Während der Index etwa den chung zu gewährleisten, sollte etabliert werden.“ pflichtung zwischen Gast­ und Heimatstaat Niederlanden (mit 0,86 von maximal einem es Rechtsmittel und einen CEP­Experte Oliver Sauer unmittelbar gegen den Gaststaat klagen, erreichbaren Punkt und Rang 1 von 102 Instanzenzug geben.

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50 Jahre Werbeagentur Beck Eine Zeitreise voller Magischer Momente heimischen Wirtschaft. 1977 zog die Firma in den AgenturNeubau in Esslingen-Liebersbronn, wo sie auch heute noch ansässig ist. Pünktlich zum Silberjubiläum 1990 beginnt Sohn Thomas Beck im Alter von 25 Jahren mit der Arbeit in der elterlichen Werbeagentur. 5 Jahre später wird die Tochterfirma Beck Medien- und Verlags-GmbH gegründet, deren Schwerpunkt im Corporate Publishing liegt.

Kurt A. Beck ist außerdem in verschiedenen Gremien der IHK tätig, viele Jahre in der Vollversammlung und aktuell in der Bezirksversammlung Esslingen/Nürtingen. Ebenfalls ist die Agentur Mitglied im ältesten deutschen Agenturnetzwerk, dem AIW – Arbeitskreis inhabergeführter Werbeagenturen.

Aus- und Weiterbildung Erfolgsfaktor Familienbande Im Januar 2006 wird Thomas Beck Geschäftsführer der Firma. Die Familie arbeitet eng zusammen, schon vor der Übernahme leiten Eltern und Sohn gemeinsam das Unternehmen. Die enge Zusammenarbeit der Familie wird auch durch die beiden Töchter Susanne Beck-Krusche und Anke Burger verdeutlicht, die beide Gesellschafterinnen in der Beck Medien- und Verlags-GmbH sind. Tochter Susanne ist darüber hinaus in der Werbeagentur als Prokuristin tätig und verantwortet die Bereiche Finanzen und Personal.

Ehrenamtliches Engagement Seit Jahrzehnten engagiert sich die Werbeagentur Beck für soziale Projekte im Raum Esslingen. Seniorchef Kurt A. Beck mit seiner 2012 verstorbenen Gattin Waltraud und Sohn Das aktuelle Agenturteam 2015 – Experten in allen Disziplinen der modernen Marketing-Kommunikation. Thomas unterstützen im Landkreis Esslingen zahlreiche Vereine. In den 90er-Jahren wurde das bekannte Esslinger Stadtfußballturnier ausgerichtet. Auch der Esslinger SilvesAm 1. Juli 1965 gründeten Kurt A. und Waltraud Beck die terfackellauf wird seit Beginn unterstützt. Alle Spenden zum „Maßgeschneiderte Werbung“ Werbeagentur Beck GmbH & Co. KG in Esslingen. Heute, 50-jährigen Jubiläum werden zugunsten der Lions Activity 50 Jahre später, zählt die Agentur mit ihren über 20 Mitardes Lions Club Esslingen Neckar für Flüchtlingskinder in der Mit vier Mitarbeitern begann es 1965, als sechs Industriebeitern zu einer der renommiertesten Werbeagenturen in Region gestiftet. Baden-Württemberg. Mit einem breiten Leistungsspektrum, betriebe ihre Werbeaufgaben der damals noch unter dem das über Media, Grafik, Webdesign und Direktmarketing bis Namen „Beck KG“ bekannten Werbeagentur übertrugen. Kommunikationsverband und IHK hin zur konzeptionellen und strategischen Beratung sowie Mit der Zahl der Auftraggeber wuchs die Zahl der MitarbeiPressearbeit reicht, hat die Werbeagentur Beck sich in der ter. 1975 zählte der Betrieb bereits 15 Köpfe. Der Grund- Seit vielen Jahren ist die Werbagentur Beck die GeschäftsRegion Stuttgart etabliert und betreut heute insbesondere im satz „maßgeschneiderte Werbung“, der bis heute besteht, stelle des Kommunikationsverbandes Club Stuttgart. Kurt A. High-Tech-Bereich namhafte Kunden, wie die Firmen Balluff, begleitet die Agentur schon viele Jahre. Das Prinzip hand- Beck leitet den Verband seit über 30 Jahren. Der Club Stuttfester Informationen in der Beck-Werbung machte die Firma Pilz, Horn und viele andere. gart gilt aufgrund seiner aktiven Verbandsarbeit und seiner schon nach 10 Jahren zu einem verlässlichen Partner der vielen Veranstaltungen als führend innerhalb Deutschlands.

Ganz wichtig ist der Agentur der Nachwuchs. Neben den drei Auszubildenden, die die Agentur gegenwärtig ausbildet, engagiert sich Thomas Beck seit mehr als 20 Jahren ehrenamtlich als Prüfer in der IHK Esslingen. Darüber hinaus ist er seit vielen Jahren Dozent an der Universität Hohenheim und der VWA Stuttgart im Bereich Werbung und Mediaplanung.

Zum goldenen Jubiläum „Magische Momente“ Die Feierlichkeiten am 1. Juli 2015 standen unter dem Motto „Magische Momente“. Im Alten Rathaus in Esslingen wurden Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur erwartet. Den Festvortrag zum Thema „Zukunft der Kommunikation“ hielt Frau Prof. Dr. Claudia Mast vom Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften und Journalistik der Universität Hohenheim. Unterhaltsamer Höhepunkt war der bekannte Magier Strotmann mit seiner Close-up Magic Show – als magischer Moment des Jubiläums.

Erfolgreiche Kampagnen für bekannte Firmen und Institutionen Neben vielen Aufgaben für diese High-Tech-Firmen realisierte die Agentur in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Kampagnen für die großen Fachmessen der Landesmesse Stuttgart. Darunter eine der größten Fachmessen im Bereich Maschinenbau, die AMB, die Beck seit über 30 Jahren betreut. Jüngstes Kind ist die Fachmesse Moulding Expo, die neue internationale Fachmesse für den Werkzeug-, Modell-, und Formenbau. Einen weiteren großen Schwerpunkt des Agenturportfolios bilden die nationale sowie die internationale Mediaplanung. Ebenfalls zu den institutionellen Kunden der Agentur zählen der Flughafen Stuttgart, die Stuttgart Regio Marketing, das Esslinger Stadtmarketing und der Landkreis Esslingen, für den alle zwei Jahre der Innovationspreis des Landkreises umgesetzt wird.

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20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Gesucht: ein Platz für Gründer Kurze Mietverträge, dünne Kapitaldecke: für kommerzielle Vermieter und Immobilieninvestoren in der Region Stuttgart sind Gründer keine besonders attraktive Klientel. Statt riesiger Bürokomplexe müssten aber mehr flexible Büros angeboten werden, die an die Erfordernisse von jungen Unternehmen mit Wachstumsabsichten angepasst werden können, Start­ups

De tail foto s: S tein ing er

fordert etwa der Stuttgarter Start­up­Berater Mattias Götz. Doch allmählich etablieren sich auch in der Region innovative Büromodelle für Unternehmens­ gründer – mit und ohne damit verbundene Förderkonzepte. Wir stellen drei Anbieter mit unterschiedlichen Ansätzen vor, die teilweise in diesem Sommer ganz neu an den Start gehen. Von Andreas Geldner

Ein alternativer Büroanbieter eröffnet in Stuttgart Freiberuflern und Gründern die Chance auf Gemeinschaftsgeist. Coworking

W

für Gründer geben, zum Beispiel auf sie zu­ geschnittene Veranstaltungen und den mög­ lichen Kontakt mit Mentoren. „Die Atmosphäre wird da etwas anders sein“, sagt Amelung. Anstatt städtischem Ambiente gibt es den Blick ins Grüne: „Für mich ist das zunächst ein Testlauf, um zu sehen, ob auch so etwas angenommen wird.“ Die Zielgruppe für Coworking Spaces geht aber über Gründer weit hinaus. Die meisten, die sich in Stuttgart für eine Tages­ pauschale von 19 Euro oder eine Monatsmie­ te von 239 Euro am alten und 269 Euro am neuen Standort einmieten können, sind etablierte Selbstständige und Freiberufler, denen sozusagen im heimischen Büro die Decke auf den Kopf zu fallen drohte. Den­ noch gehören Büros fürs Coworking in je­ dem Fall zu einer Gründerkultur: Wer nicht gleich im Team gründet, hat hier nicht nur einen bezahlbaren Anlaufpunkt. Er findet auch die Atmosphäre und das Umfeld, das zu einer modernden Start­up­ Kultur gehört: aufgeschlossene Mitmen­ schen, die teilweise mit ähnlichen Fragen konfrontiert sind, ein urbanes Umfeld, das nicht nur den mittäglichen Snack zu einer einfacheren Übung macht, sondern auch im­ mer wieder dabei hilft, den Kopf frei zu be­ kommen. „Als wir noch in der Nähe des Hauptbahnhofs unsere Bürofläche hatten, haben wir schnell gemerkt, dass eine zentra­ le Lage nicht alles ist.“ Sich über Mittag im Bahnhof ein Sandwich holen zu müssen, sei nicht jedermanns Sache gewesen. Welche Inspiration ein offenes, lockeres Umfeld bedeuten kann, dafür ist Elisa Eich­ ner ein Beispiel. Sie ist insofern eine eher un­ gewöhnliche Kundin, weil sie sich zusammen mit einem Kommilitonen in der Schluss­ phase ihrer Abschlussarbeit kurzfristig ein­ gemietet hat. Zunächst wollte Eichner, die in Schwäbisch­Gmünd Design studiert, sich für einen Monat das Pendeln von ihrem Stutt­ garter Wohnort an die Uni sparen. Doch dann merkte sie, wie sie die ringsum konzentriert arbeitenden und dennoch neu­ gierigen und kommunikativen Mitnutzer inspirierten – und aus dem einen wurden vier Monate. „Wenn wir zu zweit über etwas dis­ kutierten, dann haben unsere Tischnachbarn immer wieder auch interessierte Fragen ge­ stellt.“ Die Umgebung voller Menschen, die als Selbstständige und Gründer gerade etwas auf die Beine stellen, habe auch sie inspiriert: „Die Erfahrung hier hat definitiv dazu bei­ getragen, dass ich mir auch für mich selbst so etwas vorstellen kann“, sagt sie. age

Der GFT­Chef Ulrich Dietz (l.) bietet offene Räume für Kreativität. Moritz Gräter (r.) ist Geschäftsführer des von Dietz initiierten Start­up­Netzwerks Code­n.

Fotos: Lichtgut/Achim Zweygarth

Offene Spielwiese für innovative Ideen Der IT­Dienstleister GFT­Technologies wagt ein Campus­ Projekt mit sehr offenen Kriterien: Vom kreativen Studenten bis zur Innovationsabteilung eines Konzerns soll jeder eine Chance haben. Experiment

N

ein, ein städtebauliches High­ light ist das Industriegebiet in Stuttgart­Fasanenhof sicher­ lich nicht. Doch wer hinter der schlichten Fassade am Schel­ menwasen 34 gleich am Empfang auf das noch nicht ganz fertig gestellte Restaurant namens „SW34“ und auf den großzügigen Innenhof blickt, der ahnt, dass der Firmen­ sitz des IT­Dienstleisters GFT mehr sein will als nur ein Bürogebäude. Für Ulrich Dietz, Chef von GFT und kreativer Querdenker, ist das Umfeld kein Nachteil, sondern für sein Start­up­Projekt ein Trumpf. „Wir haben uns bewusst einen gewissen Unort gesucht, der auf den ersten Blick eher langweilig ist: ein Gewerbegebiet aus den achtziger Jahren, das zwei, drei schöne Gebäude hat und sonst aussieht wie die Vereinigten Hüttenwerke“, sagt er. Dass man an der Peripherie liege, sei relativ: „Stuttgart ist ein kleines Städtle.“ Mit dem Umzug seiner Firmenzentrale von einem Gebäude auf dem Gelände der Universität Hohenheim in das Gewerbege­ biet am Fasanenhof konnte er eine Vision verwirklichen: ein kreativ gestaltetes Büro­ biotop, in dem Menschen in offener Atmo­ sphäre arbeiten und zusammenfinden kön­ nen. Kombiniert werden soll das mit einem für die Öffentlichkeit zugänglichen Restau­ rant, Netzwerkveranstaltungen, Vorträgen und kulturellen Events. Benannt ist das „Code­n Spaces“ getaufte Konzept nach einem von GFT 2011 angestoßenen Start­ up­Wettbewerb, an den die Büros in Stutt­ gart und bald auch am großen GFT­Stand­

ort Barcelona angedockt werden. Vier Zielgruppen sind im Visier: erstens Menschen, die mit einer Idee ganz am An­ fang stehen; zweitens vielversprechende Start­ups, die an der Entwicklung ihres Geschäftsmodells arbeiten. Drittens Inno­ vationsteams von Firmen, die in einer offe­ nen, weniger hierarchischen Atmosphäre auf neue Ideen kommen sollen. Und vier­ tens erfahrene Manager, die beispielsweise ein Start­up als Mentor betreuen. Zwei Etagen mit jeweils 600 Quadrat­ metern sind dafür reserviert. Eine mit kon­ ventionellen Büroräumen, in denen erfah­ rene Manager und Firmenvertreter Platz finden sollen. Der Clou ist aber die Etage darunter, die mit bunten Farben und leicht verschiebbaren, mobilen Papptrennwän­ den eine radikal andere Arbeitsatmosphäre ermöglichen soll. „Unsere Besonderheit ist genau diese Mischung, die dazu dienen soll, dass man sich gegenseitig inspiriert“, sagt Dietz: „Wir wollen auch etablierten Firmen den Zugang zu Start­ups ermöglichen.“ GFT wird einen Teil der Firmen etwa durch mietfreie Büros und Gratis­Logistik unterstützen, bei anderen vielleicht als Investor einsteigen und für wieder andere schlicht als Vermieter eines interessanten Büroumfeldes fungieren. Eine Betreuung durch GFT jenseits von logistischer Unterstützung und begleitenden Veran­ staltungen wird es nicht geben. Nur wenn der IT­Dienstleister selbst in ein Start­up investiert oder die betreffende Firma als Partner gewinnen möchte, wird GFT als Mentor agieren. Ambiente, persönliche

GFT UND DER IT­WETTBEWERB CODE­N

Harald Amelung hat sich das Prinzip des sogenannten Coworking in Berlin abgeschaut. Nun will er auf dem neuen Start­up­Campus bei der Merz­Akademie seinen zweiten Standort eröffnen.

Accelerate Stuttgart will Start­ups in der kommerziellen Anschubphase den richtigen Raum bieten. Büroprojekt

N

Auch Einzelkämpfer finden Anschluss as in Berlin geht, das müsste doch auch in Stuttgart funktionieren: Büros für Einzelkämpfer, die das Alleinsein satthaben und die mehr wollen, als in einem sterilen Gemeinschaftsbüro nur nebeneinanderher zu arbeiten. „Coworking“ heißt das Konzept, das flexibel und billig zu mietende Büroarbeitsplätze mit Fortbil­ dungsveranstaltungen und Gelegenheiten zum Netzwerken kombiniert. Vor fünf Jah­ ren stieß Harald Amelung, der als Berater und Dienstleister im Internet­Umfeld tätig ist und schon einige Jahre von zu Hause ge­ arbeitet hat, auf die Idee, die in Deutschland zuerst im Berliner Start­up Biotop auspro­ biert wurde. Als Amelung wegen eines Arbeitsplatzwechsels seiner Frau von Erfurt nach Stuttgart umzog und merkte, dass es dort noch keine solchen Angebote gab, be­ schloss er einfach, selbst einen entsprechen­ den Büroraum für Coworking anzubieten. „Die wichtigste Investition ist eine gute Kaffeemaschine“, sagt Amelung schmun­ zelnd. „Da trifft man sich.“ Das ganze Am­ biente in einem Hinterhof im Stuttgarter Westen ist auf eine lockere, entspannte At­ mosphäre hin angelegt. Hier „Die wichtigste gibt es keine Designerstühle, dafür Bio­Snacks. Die Kon­ Investition ist eine ferenzräume sind in Knall­ gute Kaffeemaschine. orange und intensivem Grün Da trifft man sich.“ gehalten. Wenn die Aushilfs­ sekretärinnen nicht da sind, Harald Amelung, Gründer des Büroanbieters Coworking0711 nimmt Amelung persönlich die Päckchen an – schließlich verbringt er ebenfalls viel Zeit im „Cowor­ king0711“, um weiterhin seine IT­Aufträge abzuarbeiten. Angefangen hat er mit Unterstützung der Stuttgarter Wirtschaftsförderung, die bei­ spielsweise dafür sorgte, dass das neue Ange­ bot in Stuttgart bekannt wurde. Doch ökono­ misch trägt sich das Konzept selbst. Nach einer Anlaufphase, in der das Angebot erst allmählich an Akzeptanz gewann, steht nun angesichts der gewachsenen Nachfrage ein zweiter Standort im Stuttgarter Osten am Start. Auf dem Ende Juni in der Nähe des Kulturparks Berg eröffneten Start­up Cam­ pus entsteht ein weiterer Coworking­Space. Dort kommen zu den 35 Plätzen im Stuttgar­ ter Westen weitere zehn dazu. Beim Start­up Campus haben sich Akteu­ re der Stuttgarter Gründerszene mit der Merz­Akademie zusammengeschlossen und bieten unabhängig von „Coworking0711“ auf den 600 Quadratmetern auch reguläre Büros an. Ergänzend wird es dort weitere Angebote

Turbo­Startrampe mit Sponsorenhilfe

Unternehmen Die GFT Gruppe mit Sitz in Stuttgart wurde 1987 vom heutigen Vorstandsvorsit­ zenden Ulrich Dietz gegründet. Das Unternehmen erzielte 2014 einen Umsatz von 365 Millionen Euro und zählt sich zu den welt­ weit führenden IT­Dienstleistern im Finanzsektor. Die Gruppe ist in elf Ländern präsent und hat mehr als 3200 Mitarbeiter, wozu 1200 freiberufliche Spezialisten kom­ men. Seit 2011 hat sich die Zahl der Beschäftigten unter anderem auch durch Zukäufe um das Zweieinhalbfache erhöht.

Wettbewerb Der den neuen Bü­ roräumen in Stuttgart seinen Na­ men leihende Wettbewerb Code­ n ist eine internationale Initiative, die Pioniere im digitalen Bereich unterstützen soll. Lanciert wurde der Wettbewerb von GFT im Jahr 2011. Er fand bisher auf der Com­ putermesse Cebit in Hannover statt und soll den Dialog zwi­ schen jungen und etablierten Fir­ men intensivieren. 2016 wird er nach einem neuen Konzept und womöglich an einem anderen Ort stattfinden. Details dazu gibt es aber erst im Herbst. age

Ein erstes schrilles Graffito ist am Eingang schon einmal auf den Spiegel gesprüht.

Chemie, offenes Umfeld – das sind Schlüs­ stellen stattfinden, die sich solchen selworte für das ungewöhnliche Projekt. thematischen Überschriften entziehen. Die einzige feste Rahmenbedingung: in „Uns geht es um die Persönlichkeiten. der Kreativetage wird es in den Büros Interessante Menschen zusammenbringen Platz für 60 bis 70 Menschen geben. „Es ist das Wichtigste“, sagt Dietz. Das ist für wird Zeit, dass man in Stuttgart Gas gibt“, manche Firmen und viele Mittelständler sagt Dietz, der die anderen in der Stadt aus der Region noch fremd. „Die größeren laufenden Initiativen als Bereicherung Unternehmen müssen erst einmal verste­ und nicht als Konkurrenz sieht: „Ob wir hen, wie sie das nutzen können“, sagt Dietz: mit den Code­n Spaces ein paar Euro mehr „Es ist für die ein ganz neuer Ansatz, Mit­ oder weniger an Miete einnehmen, darauf arbeiter einmal für eine gewisse Zeit aus kommt es uns nicht an.“ ihren Strukturen herauszulösen, um be­ Ab sofort kann sich jeder, der an einem wusst neue Wege einzuschlagen.“ Mit dem Platz auf dem Campus interessiert ist, Energieunternehmen EnBW ist ein großer unter www.code­n.org/spaces direkt be­ Partner schon dabei. werben. „Wir sind gespannt, was auf uns Dietz vertraut bei der Auswahl der künf­ zukommt“, sagt Dietz. Die Bewerber könn­ tigen Bürobewohner auf die Erfahrung sei­ ten vom Studenten mit einer nes Teams, das jeden Finalis­ kreativen Idee bis zur Innova­ „Uns geht es um ten bei der Auswahl persönlich tionsabteilung eines etablier­ Persönlichkeiten. unter die Lupe nehmen wird. ten Unternehmens reichen. Interessante Über den internationalen „Sie müssen nicht gleich Start­up­Wettbewerb Code­n , einen detaillierten Geschäfts­ Menschen durch den in den vier Jahren plan vorlegen – wir suchen zusammenbringen seines Bestehens insgesamt nach ambitionierten Pionie­ ist das Wichtigste.“ 2500 Start­ups durchge­ ren mit Unternehmergeist.“ schleust wurden und der jedes Es geht im wahrsten Sinn des GFT­Chef Ulrich Dietz über Jahr 50 Finalisten zur Endaus­ wichtigste Kriterium bei Wortes um einen Freiraum, in das wahl auf die Computermesse der Auswahl der Gründer dem sich Ideen erst einmal Cebit gebracht hat, ist bei GFT entfalten können. Die Rah­ ein großer Erfahrungsschatz menbedingungen sind deshalb bewusst bei der Bewertung von Innovationen ent­ sehr offen gestaltet. standen. „Aus unserer mehrjährigen Erfah­ Wann werden die Büroräume vergeben rung mit dem Wettbewerb Code­n wissen sein? „Wir setzen bewusst auf Bewegung wir, dass am Ende die richtigen Ideen auf und Rotation anstelle eines starren Kon­ uns zukommen. Da muss man ein bisschen zepts – einen in Stein gemeißelten Bele­ Geduld mitbringen,“ sagt der GFT­Chef. gungsplan wird es nicht geben.“ An wel­ Helmut Mahler vom Sicherheitsdienst­ chem Punkt des Gründungsprozesses sol­ leister Code White ist stolz darauf, seit Juni len die Start­ups sein? „Kommt darauf an.“ mit zwei anderen Firmen in der Etage mit Wie viele verschiedene Firmen werden in den konventionelleren Büroräumen die den Büros Platz finden? Wie lange können Vorhut des Projekts zu sein. Mit seinen sie die Büroräume nutzen? „Jetzt gucken 58 Jahren ist er ein Beispiel dafür, dass es wir mal. Es gibt keine starren Fristen. nie zu spät für einen neuen Aufbruch ist. Wenn bei denen nach einem Jahr nicht viel Zehn Jahre lang leitete Mahler zuletzt passiert, dann ist das sicher nicht der rich­ die IT­Abteilung eines Nutzfahr­ tige Ort.“ Flexibilität ist der Kern des Kon­ zeugherstellers. Seit Anfang Januar zepts: „Innovative Geschäftsmodelle fal­ ist er sein eigener Chef. len nicht vom Himmel. Da kann man nicht „Wir haben gleich gedacht, alles von vorne bis hinten durchplanen“, dass wir hier reinpassen“, sagt sagt der GFT­Chef. „Wir haben hier die Ba­ er. „Was uns am meisten an­ sis geschaffen für alle möglichen Konstel­ zieht, ist das Netzwerken. Es lationen. Nun müssen wir sehen, was sich ist eben hier nicht nur der tut.“ Dietz will in den neuen Büros eine Raum, sondern das ganze ganz andere, in der digitalen Welt erfolg­ Konzept – die Vorstellung, reiche Innovationskultur nach Stuttgart Ideen gemeinsam zu entwi­ bringen. Ihm geht es um neue Geschäfts­ ckeln.“ Die besten Begegnun­ modelle. gen fänden schon jetzt in der Im Lauf der Zeit ist das Konzept sogar Kaffeeküche statt. Er kann es noch offener geworden. Sollte der Campus deshalb kaum erwarten, bis wei­ zunächst ganz unter die Überschrift Mobi­ ter unten die „Jungen Wilden“ ein­ lität gestellt werden, so führten die Diskus­ ziehen. „Wir brauchen unbedingt auch sionen zur Erkenntnis, dass die spannends­ den Stockwerkschlüssel für die Etage da ten Innovationen gerade an den Schnitt­ unten“, sagt er. age

och sind ein paar gelbe Plakate mit aufmunternden Sprüchen das Ein­ zige, was im Hinterhof der ehemali­ gen Waldbaur­Fabrik am Stuttgarter Feu­ ersee an den Gründergeist erinnert, der dort in wenigen Wochen Einzug halten wird. „Start­ups frei!“ oder „Beginn deiner unternehmerischen Freiheit“ ist dort zu lesen. Doch für Johannes Ellenberg von der Start­up­Betreuung Accelerate Stuttgart sind die hinter ihm aufgereihten sieben Büroräume einer der Schlüssel dazu, dass auch in Stuttgart endlich die in vielen Sonntagsreden beschworene neue Grün­ derkultur Platz finden kann. Noch sind die Wände weiß und die Zim­ mer leer. „Das hier so kreativitätsfördernd wie möglich zu gestalten, ist die nächste Herausforderung für uns“, sagt Ellenberg. Accelerate Stuttgart selbst ist erst 2012 ge­ gründet worden. Erstes Standbein waren Start­up­Events im Auftrag von Wirt­ schaftsförderern, daraus sind dann als zweiter Pfeiler eigene Fortbildungs­ und Netzwerkveranstaltungen zum Thema Gründen hervorgegangen – und nun steht im Stuttgarter Westen ein eigenes, privates Gründerzentrum am Start. Im September sollen die ersten Start­ups einziehen. Auf dem abgegrasten, teuren Stuttgarter Immobilienmarkt tun sich junge Gründer nämlich schwer, preiswerte und flexible Räumlichkeiten zu finden. Aber ihnen fehlt vor allem ein Umfeld, wo sie sich mit ande­ ren Firmen in einer ähnlichen Situation austauschen können. Es sind deshalb mehr als nur Büros, die hier entstehen: das Herz des Komplexes ist ein großer Raum, in dem regelmäßig Schulungen, Treffen und Events stattfinden sollen. Accelerate Spaces, das in ehemaligen Büroräumen des Klett­Verlages beheimatet ist, will maximal sieben Start­ups, die in der entscheidenden Anschubphase stecken, kostenlose Büro­ räume zur Verfügung stellen. Sie werden von Partnerunternehmen aus der Wirt­ schaft finanziert, die sich für die Ideen der Gründer interessieren. Wie sehr die regionale Wirtschaft an der Förderung von mehr Gründergeist in­ teressiert ist, zeigt auch die Tatsache, dass der direkt neben der Büroetage tätige Klett­Verlag ebenfalls einen eigenen Start­ up­Bereich buchstäblich andocken will. „Hier drüben wird eine Brandschutztür verschoben – und dann landet eine Abtei­ lung, die bisher noch Teil der Klett­Büros ist, bei uns“, sagt Ellenberg. Die Geschäfts­ idee von Accelerate Spaces ist es, die Brücke zwischen Start­ups und etablierten Unternehmen zu schlagen, die zunehmend von innova­ tiven Ideen junger Firmen profitieren wollen. Große Stuttgarter Konzerne, aber auch mittelständische Be­ triebe sollen ausgewählten Start­ups die sechsmonatige Anschubphase in den Acce­ lerate Spaces finanzieren. Die Betreiber wollen dabei als Unternehmensscouts fungieren und entsprechen­ de Start­ups vorschlagen. El­ lenberg: „Unser Netzwerk ist inzwischen so groß, dass wir überall auf neue Geschäfts­ ideen stoßen.“ Das „Accelerate“ (Be­ schleunigen) im Namen ist Programm: Sechs Monate lang sollen hier vielver­ sprechende Start­ ups nicht nur Räu­ me zur Verfü­ gung haben, sondern sie werden auch intensiv bera­ ten und be­ treut, um kom­ merziell auf Tou­ ren zu kommen. „Wir wollen den Gründern dabei durchaus auch mal in den Hintern treten“, sagt Ellenberg. „Vielleicht sind ja manche froh, wenn sie nach sechs Monaten hier wieder raus dürfen“, sagt er lä­

chelnd. Die sogenannte Beschleunigungs­ phase ist beim Gründen nämlich der Schlüs­ selmoment, an dem das Tüfteln am Unter­ nehmenskonzept ein Ende hat und eine dauerhaft tragfähige Geschäftsidee sich etablieren muss. Schräg gegenüber den Gründerbüros lie­ gen separate Räume, in denen Beauftragte der sponsernden Unternehmen unterkom­ men sollen, um den täglichen Kontakt zu „ihren“ Start­ups zu pflegen. Diese kurzen, unkomplizierten Wege seien der Schlüssel, um die Eingangshürden für junge Unter­ nehmen zu überwinden. Oft verhakten die sich mit ihren Ideen in den bürokratischen Strukturen der etablierten Unternehmen, die ihre potenziellen Kunden sind. „Ein Start­up weiß zum Beispiel nicht, wie die Einkaufsprozesse funktionieren und wer die richtigen Ansprechpartner sind“, sagt Ellenberg. Die sogenannten Mentoren, die direkt im selben Bürogeschoss angesiedelt sind, könnten solche Hürden auf dem kur­ zen Dienstweg aus dem Weg räumen: „Wenn Gründer und Mentoren in den sechs Monaten bei uns einige Dutzend Male mit­ einander zu Mittag essen gegangen sind, dann entstehen Verbindungen, die für das künftige Geschäft „Gründer brauchen den absolut wertvoll sind.“ Austausch mit Leuten, die In einer Art Vorlaufbetrieb in einer ähnlichen Situation betreut Accelerate seit Anfang des Jahres zwei Unterneh­ sind wie sie selbst.“ men. Sie werden in Kürze als Michael Bierhahn vom Stuttgarter erste in die neuen Büros ein­ Start­up Exit Games ziehen. Michael Bierhahn vom Start­up Exit Games, das sich in Stuttgart bereits mit vier Standorten etabliert hat, in denen Gruppen als Freizeitspaß einen Rät­ selparcours absolvieren, sieht in Stuttgart einen wachsenden Bedarf für speziell auf Gründer zugeschnittene Räumlichkeiten. Zentrale Lage, urbanes Umfeld, flexible Mietverträge, seien aber Konditionen, die für Gründer in der Regel nicht zu finden oder nicht bezahlbar seien, sagt er. „Sie brauchen unbedingt den Austausch mit Leuten, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie selbst.“ Accelerate stelle nicht nur Büroräume zur Verfügung, sondern schaffe auch das alles entscheidende fach­ liche und soziale Umfeld. „In Stuttgart ist zurzeit einiges in Bewegung“, sagt Johan­ nes Ellenberg, der optimistisch ist, dass die Aufholjagd der Landeshauptstadt gegen­ über bekannten deutschen Gründermet­ ropolen wie Berlin, München oder Ham­ burg begonnen hat. age

Bietet Gründern ein Zuhause: Johannes Ellenberg von der Start­up­Betreuung Accelerate in den neuen Büros im Stuttgarter Westen.


22 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Illustration: cartoonstock

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Baden­Württemberg prescht vor Der Südwesten will das Fach Wirtschaft auf den Stundenplan aller Schularten setzen. Mit dem bisherigen Angebot sind Schüler, Arbeitgeber und Politiker unzufrieden. Von Renate Allgöwer Schule

S

chüler sollten wissen, wie man einen Vertrag abschließt, und auch, wie man wieder raus­ kommt“, findet Martin Frädrich von der IHK Region Stuttgart. Bis­ her tun sich in der wirtschaftlichen Bildung seiner Ansicht nach hauptsächlich Lücken auf. Dabei gibt es seit Langem in allen Bun­ desländern Kooperationen von Schule und Wirtschaft. In Baden­Württemberg sollen Lehrer an Gymnasien in Gemeinschafts­ kunde, Wirtschaft und Geografie Themen der Ökonomie und der Berufsorientierung behandeln. In der Kursstufe hat sich seit 2003 das Neigungsfach Wirtschaft eta­ bliert. An Realschulen heißt der einschlägi­ ge Fächerverbund Erdkunde, „Schüler sollten wissen, Wirtschaftskunde, Gemein­ schaftskunde – an den Haupt­ wie man einen Vertrag schulen Wirtschaft­Arbeit­ abschließt, und auch, wie Gesundheit. man wieder rauskommt.“ Im seit 2004 gültigen Bil­ dungsplan finden sich allerlei Martin Frädrich, IHK Region Stuttgart praktische Beispiele, die Leh­ rer im Unterricht durchneh­ men können. Oft liefern auch Unterneh­ men selbst Unterrichtsmaterialien. Zum Beispiel beim Thema finanzielle Allge­ meinbildung. Wie finanzieren wir unsere Anschaffung, was ist ein Dispokredit, wozu gibt es Lastschriften, wie füllt man eine Überweisung aus, und wie geht überhaupt Online­Banking? Das sind Fragen, denen Schüler aller Schularten nachgehen. Es wird über Anlagemöglichkeiten informiert und vor Überschuldung gewarnt. Berufs­ orientierungen und Praktika sind seit Jah­ ren Bestandteil des Unterrichts. Doch das reiche nicht, klagen die Schüler, und die Wirtschaft ruft seit Jahren nach einem eigenen Schulfach.

„Heute unterliegt es der Beliebigkeit, ob ein Schüler ökonomische Grundbildung er­ hält, weil es in der Sekundarstufe I weder ein eigenes Fach noch ein verbindliches Stun­ denkontingent gibt“, formuliert Stefan Küp­ per vom Arbeitgeberverband Südwestmetall die Grundsatzkritik an der gegenwärtigen Situation. Das Kultusministerium selbst räumt unter Berufung auf unterschiedliche Studien ein, „dass die ökonomische Per­ spektive von den Lehrkräften weitgehend außen vor gelassen wird, wenn sie curricular in bestehende Fächer integriert ist“. Im Herbst 2016 wird das neue Fach Wirtschaft, Berufs­ und Studienorientie­ rung in den Lehrplänen der baden­würt­ tembergischen Schulen verankert. Den Gymnasien stehen für die Klassen acht bis zehn drei Wochenstunden zur Verfügung, an den Werkreal­, Haupt­, Real­ und Ge­ meinschaftsschulen sind es von Klasse sie­ ben bis zehn insgesamt fünf Unterrichts­ stunden pro Woche. Den Schulen steht es frei, Schwerpunkte zu bilden und zum Bei­ spiel in den Klassen acht und neun jeweils zwei Stunden Wirtschaft zu unterrichten. Dafür in Klasse sieben nicht. Der Arbeitgeberverband im Land lobt das eigenständige Schulfach als „Meilen­ stein“. Die Gewerkschaften befürchten da­ gegen einseitige Informationen aus dem Unternehmerlager und unzulässige Ein­ flussnahme. Die Gefahr sieht das Kultusmi­ nisterium nicht. Es gebe Verwaltungsvor­ schriften, um illegitime Beeinflussungs­ versuche auszuschließen. Darüber hinaus steht eine gemeinsame Erklärung kurz vor dem Abschluss. Darin verständigen sich Schule, Wirtschaft, Wohlfahrtspflege, So­ zialpartner und Kammern darauf, „trans­ parente und lautere Aktivitäten“ zwischen

Schule und außerschulischen Bildungs­ partnern zu ermöglichen. Inhaltlich geht es bei dem neuen Schul­ fach zum einen um Praktisches. „Der Unter­ richt vermittelt die notwendigen Kompeten­ zen anhand von Alltagssituationen“, heißt es im Bildungsplan. Die Schüler sollen sich in die Rolle des Verbrauchers, des Steuerzah­ lers oder Leistungsempfängers hineinver­ setzen. Und sie sollen auch überlegen, wel­ che Entscheidungen ein Arbeitnehmer, ein Arbeitgeber oder ein Unternehmensgründer zu treffen hat. Diese Perspektivenvielfalt kommt bei Martin Frädrich ebenso gut an wie bei Stefan Küpper. Dass auch Gymna­ siasten die duale Arbeitswelt kennenlernen sollen, lobt Frädrich ausdrücklich. Er hofft, dass durch den Unterricht Schüler „auch da­ ran denken, sich selbstständig zu machen. Das ist ja nicht gerade ein deutsches Gen.“ Vorbilder sollen die Schüler überzeu­ gen. Es ist gewünscht, dass Praktiker aus der Wirtschaft im Unterricht auftreten. „Regionale Beispiel und Akteure tragen bei vielen Themen des Faches zu einem Le­ bensbezug bei“, erklärt das Kultusministe­ rium. Alle Schulen unterhalten Bildungs­ partnerschaften mit Betrieben. Das Heft sollen aber die Lehrer in der Hand behalten. Wenn es erst ein ordentli­ ches Schulfach gebe, so könnten auch die Lehrer entsprechend aus­ und fortgebildet werden, erwartet Martin Frädrich. Noch gebe es zu wenig ökonomisch geschulte Lehrer. Den Verdacht, Pädagogen hätten Berührungsängste mit der Wirtschaft, wi­ derlegen jedoch die Zahlen. Stefan Küpper verzeichnet seit Jahrzehnten eine große Resonanz bei den Lehrerfortbildungen des Arbeitskreises Schule­Wirtschaft. Allen­ falls ganz wenige ganz überzeugte Alt­68er hätten vielleicht grundsätzliche Bedenken, scherzt der Arbeitgebervertreter. Allein in den vergangenen drei Jahren zählt eine Sprecherin von Kultusminister Andreas Stoch mehr als 400 Fortbildungs­ angebote zu Wirtschaftsthemen für die

Klassen fünf bis zehn. Jedes Jahr gebe es zu­ dem zweieinhalbtägige Lehrgänge zur Be­ rufs­ und Studienorientierung und das Ent­ scheidungstraining zur Berufs­ und Studien­ wahl an Gymnasien. Studenten können sowohl für das Lehramt an Gymnasien als auch für Haupt­, Werkreal­ und Realschulen das Studienfach Wirtschaft belegen. Im Stu­ dienjahr 2013/14 zählte man 288 Studienan­ fänger. Für Wirtschaft für das Gymnasium haben sich 249 Anfänger eingeschrieben. Ökonomische Bildung betrachtet auch die Kultusministerkonferenz als einen „un­ verzichtbaren Bestandteil der Allgemein­ bildung“, die zum Bildungsauftrag der all­ gemeinbildenden Schulen in Deutschland gehöre. Die Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft sollte intensiv fortgeführt werden. Praxisorientiertes Lernen ermög­ liche es, bei den Schülern „nachhaltig Ver­ ständnis für wirtschaftliche Zusammen­ hänge und ökonomisches Handeln zu we­ cken und sie zu selbstständigem Handeln anzuleiten“. Als eigenes Schulfach in allen Schularten ist Wirtschaft jedoch gegenwär­ tig nur in Baden­Württemberg vorgesehen.

VIELE BERÜHRUNGSPUNKTE Bildungspartnerschaften Das Kul­ tusministerium zählt 1700 öffentli­ che allgemeinbildende Schulen in Baden­Württemberg, die mit 3800 Unternehmen Bildungspartner­ schaften geschlossen haben. Das sind alle 782 Haupt­ und Werkreal­ schulen, alle Realschulen (429), alle 209 Gemeinschaftsschulen und alle 378 Gymnasien. Die Ausge­ staltung der Kooperationen wird schriftlich fixiert. So sollen Kontinui­ tät und Verlässlichkeit gesichert werden. Möglich sind Betriebs­ erkundungen, Praktika oder Bewer­ bertraining. In Firmen und Schulen gibt es feste Ansprechpartner.

Schule­Wirtschaft Die Arbeitge­ berverbände Baden­Württemberg bilden zusammen mit dem Kultus­ ministerium die Arbeitsgemein­ schaft Schule­Wirtschaft. Sie fördert mit Veranstaltungen und Projekten die Berufs­ und Studien­ orientierung von Schülern, entwi­ ckelt Unterstützungsinstrumente für Schulen, Schulleitungen und Lehrkräfte, bietet Fortbildungen an und verfügt über ein landesweites Beratungsnetzwerk. Solche Arbeitsgemeinschaften gibt es in allen Bundesländern. Zusammen bilden sie die Bundesarbeitsge­ meinschaft Schule­Wirtschaft. ral

WICHTIGE TEILE DER WIRTSCHAFT BLEIBEN IN DEN SCHULBÜCHERN AUSSEN VOR Ökonomischer Flickenteppich

In so viel Prozent der Schulbücher kommen diese ökonomischen Themen vor am wenigsten 10%

12%

16%

17%

18%

18%

18%

Arbeitsmarkt (Funktionsweise)

Was ist Geld?

Arbeitsrecht

Unternehmensformen

Marktversagen

Unternehmerische Selbstständigkeit

82%

77%

77%

74%

73%

73%

72%

Strukturwandel

Verteilungsgerechtigkeit

Arbeitslosigkeit

Handel

Wirtschaftsordnungen/ -systeme

Ökologie

Globalisierung

25 %

28%

28%

Leistungsprinzip

Wirtschaftskreislauf

68%

67%

65%

Soziales Sicherungssystem

Markt

Soziale Marktwirtschaft

Eigenverantwortliche Kündigungsschutz Finanzplanung/ Vorsorge

am häufigsten

StZ-Grafik: zap

Quelle: IW Köln


Wirtschaft in Baden-Württemberg 23

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Lehrer profitieren von Experten Gymnasiasten wählen gerne das Fach Wirtschaft. Und den Pädagogen ist nicht bang vor unerwünschter Einflussnahme durch Unternehmen und deren Interessenvertreter – sie schätzen den zusätzlichen Input durch externe Bildungspartner. Von Inge Jacobs Schule

H

ans Gaffal regt sich noch immer auf über jene Twitter­Nach­ richt einer Kölner Schülerin, die bundesweit die Runde ge­ macht hat: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ne Ge­ dichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Trifft diese Aussage auch für Gymnasiasten in Baden­Württemberg zu? Gaffal ist beim Regierungspräsidium Stuttgart Fachrefe­ rent für Gemeinschaftskunde und Wirt­ schaft und unterrichtet selbst am Theodor­ Heuss­Gymnasium in Esslingen. Für ihn ist klar: „Die Schule hat nicht den Anspruch, Versicherungsverträge ausfüllen zu leh­ ren – aber grundlegende ökonomische Zu­ sammenhänge kriegen die Schüler bei uns am Gymnasium sehr wohl vermittelt.“ Einschränkend muss man sagen: Vertie­ fend findet das hierzulande flächen­ deckend erst seit 2008 statt, und zwar als vierstündiges Neigungs­ oder Wahlkern­ fach Wirtschaft in der Kursstufe, also in den Klassen 11 und 12. „Das Fach hat unheim­ lich zugelegt, die Resonanz ist groß“, be­ richtet Gaffal. Das bestätigt auch Andreas Hamm­Reinöhl. Der Politologe und Gemein­ schaftskundelehrer ist stell­ vertretender Schulleiter des Geschwister­Scholl­Gymna­ siums in Stuttgart­Sillenbuch. Es gehört zu den 33 Pionier­ schulen im Land und bietet seinen Kursstuflern bereits seit 2003 dieses Fach an. Seit­ her entscheiden sich zwischen „Es gestalten immer noch 30 und 40 Prozent der Schüler Lehrer den Unterricht. dafür, stets kamen zwei Kurse Vom Gemeinschaftskunde­ zustande. Unterrichtet wer­ den sie von Lehrern, die dafür lehrer muss ich Ausgewo­ zusätzlich ein Online­Stu­ genheit erwarten.“ dium absolviert haben. Irmgard Brendgen, Schulleiterin des „Am Anfang war bei man­ Geschwister­Scholl­Gymnasiums chen Schulen die Sorge: Nimmt die Wirtschaft der Gemeinschaftskunde die Schüler weg?“, sagt Hamm­Reinöhl. Dahinter stehe die Frage, ob der mündige Wirtschaftsbürger überhaupt gleichwertig sei zum mündigen Staatsbürger. Die Schulleiterin Irmgard Brendgen meint hierzu: „Wir haben aktiv daran gearbeitet, dass nicht die Gemein­ schaftskunde deshalb unter den Tisch fällt – bei uns leidet eher die Geschichte unter dem Wahlverhalten.“ Seit 2010 arbeitet das Geschwister­Scholl­Gymnasium mit zwei festen Bildungspartnern aus der Wirt­ schaft zusammen: mit dem Autozulieferer Mahle und mit dem Ulmer Verlag. „Mit denen wollen wir möglichst viel umsetzen“, sagt Brendgen. Es gibt feste Ansprechpart­ ner. Mit ihnen wird bei der Jahresplanung besprochen, welche Themen in welcher Klassenstufe wie präsentiert werden. Zum Beispiel: „Was heißt Marketing bei einem Buch? Was muss bei Layout, Titel und Bildgestaltung beachtet werden? Welche Feinheiten gibt es beim Urheberrecht?“ Dabei erführen nicht nur die Schüler, son­ dern auch die Lehrer von den Fachleuten

Auch jüngere Schüler erhalten durch die Einbindung der Bildungspartner aus Unternehmen in den Unterricht wichtige Einblicke. aus den Unternehmen etwas über Markt­ segmente oder Zielgruppen. „Das kann man nur mit Leuten machen, die wissen, wie’s geht. Das kann ein Lehrer nicht“, räumt die Schulleiterin ein. So erzähle eben der Herr Ulmer, wie man einen Verlag führt. Die Formate der Zusammenarbeit mit den Unternehmen können dabei ganz unterschiedlich aussehen und umfassen weit mehr als nur Betriebsbesichtigungen oder Vorträge. Bei dem Angebot habe man nicht nur die Kursstufler im Visier, sondern auch jüngere Schüler. „Es geht auch darum, Schülern Berufsfelder zu zeigen und Kon­ takte zu ermöglichen“, sagt Irmgard Brend­ gen. So arbeiten die Zehntklässler in Natur­ wissenschaft und Technik jedes Jahr drei Tage lang mit den Azubis und Ausbildern von Mahle an einem gemeinsamen Projekt in der Lehrwerkstatt. Die Kursstufler grün­ den als Projekt eine Schülerfirma – „das zieht auch“, sagt Hamm­Reinöhl. Alterna­ tiv gingen die Schüler auch in ein echtes Unternehmen und organisierten dort ein Nachhaltigkeitsprojekt. So hätten einige Kursstufler sich mit dem Marketing von Hochland­Kaffee auseinandergesetzt und es auf Nachhaltigkeit abgeklopft – nach­

dem sie zuvor via Skype mit Kaffeebauern gesprochen hatten. Das kann auch Pädagogen begeistern: „Ich hätte nie gedacht, dass es da so span­ nende Themen gibt – davon profitieren wir Lehrer ganz breit“, so Brendgen. Und die Schüler erlebten so ganz unterschiedliche hierarchische Ebenen, aber auch Abteilun­ gen und Aufgabenteilungen. Andreas Hamm­Reinöhl ergänzt: „Mit der Einfüh­ rung des Faches Wirtschaft hat sich die Schule nach außen geöffnet. Wir laden re­ gelmäßig Experten aus Unternehmen ein, die im Unterricht aus ihrem Alltag berich­ ten.“ Das betreffe auch andere Unterneh­ men – „da profitieren wir von den Kontak­ ten unserer Elternschaft“. Die Sorge der Gewerkschaften wegen einer möglichen Einflussnahme der Unter­ nehmen auf die Schüler teilen die Pädago­ gen im Geschwister­Scholl­Gymnasium nicht. „Es geht bei uns um Bildungspartner, nicht um Geldflüsse“, versichert Brend­ gen – „Sponsoring ist bei uns kein Thema“. Natürlich gebe es aber „viel Material, wo Interessengruppen dahinter stehen“, räumt Hamm­Reinöhl ein. Und im Bereich Ökonomie gebe es wenig Schulbücher. Er traue es den Kollegen aber zu, aus dem be­

Fotos: Judith Sägesser, privat (2)

reit gestellten Material eine ausgewogene und vernünftige Auswahl zu treffen. Und Brendgen versichert: „Es gestalten immer noch Lehrer den Unterricht. Vom Gemein­ schaftskundelehrer muss ich Ausgewogenheit erwarten.“ Seit 1976 legt der soge­ nannte Beutelsbacher Kon­ sens drei Leitlinien für den Politikunterricht fest: Über­ wältigungsverbot (keine In­ doktrination); Beachtung kontroverser Positionen in Wissenschaft und Politik; Be­ fähigung der Schüler, in politi­ schen Situationen ihre eige­ „Mit der Einführung nen Interessen zu analysieren. des Faches Wirtschaft „Um die Welt zu verstehen, brauchen unsere Schüler hat sich die Schule durchaus Kenntnisse in der nach außen geöffnet.“ Wirtschaft“, sagt Brendgen. Es Andreas Hamm­Reinöhl, gehe darum, ihnen Marktme­ Vizeschulleiter am Scholl­Gymnasium chanismen klarzumachen, und immer auch um die Frage, wer die Macht habe in diesem Markt, sagt Hamm­Reinöhl. Die Schüler müssten auch etwas von Steuern verstehen. „Wir züchten aber keine BWLer.“ Es gehe darum, dass Schüler eine Haltung entwickeln.

„Schüler wollen bei Wirtschaftsthemen mitreden“ Luis Ennerst hat bewusst das vierstündige Fach Wirtschaft in der Kursstufe gewählt – und bereut es auch nach dem Abitur nicht. Interview

W

erden Schüler im vierstündigen Fach Wirtschaft ausreichend auf ökonomische Zusammenhänge und verbrauchernahe Themen vorberei­ tet? Ja und nein, findet der 18­jährige Luis Ennerst, der im Geschwister­Scholl­Gym­ nasium in Stuttgart sein Abi gemacht hat.

Der Fächerverbund GWG soll in Einzel­ fächer aufgeteilt werden. Mittelstuf­ ler haben dann drei Stunden Wirtschaft.

Herr Ennerst, immer mehr Schüler wählen in der Kursstufe das Fach Wirtschaft. Kön­ nen Sie erklären, warum? Ich hab’s ja auch gewählt, weil ich mich ge­ nerell für Wirtschaft interessiere. Ich glau­ be, dass es in der Schülergesellschaft ein zunehmendes Bedürfnis gibt, wirtschaftli­ che Prozesse zu verstehen und auch mitzu­ reden – zum Beispiel über das, was da alles in Griechenland passiert.

Es scheint, dass dieses Bedürfnis bei den jun­ gen Leuten zunimmt. Warum? Ich kann mir vorstellen, 24 Mathematik dass man durch die Glo­ Gesellschaftswissenschaftliches Stundenbalisierung ein größe­ gent kontin Fächerfeld res Bedürfnis hat, mehr 10 Geschichte zu verstehen, auch weil 7 es einen mehr betrifft. Geographie Früher war vieles auf 4 Gemeinschaftskunde die Grenzen Deutsch­ 3 Wirtschaft/Berufs- und lands, beziehungsweise Studienorientierung Europas, beschränkt, heutzutage geht es auch

Repro: Zapletal

um China, Indien und die USA und die da­ zugehörigen Freihandelsabkommen. Welche Inhalte im Fach Wirtschaft waren für Sie besonders wichtig? Von den beiden Sektoren Ausland und Unternehmen war für mich der Sektor Aus­ land interessanter, weil wir viele geopoliti­ sche Themen behandelt haben, zu Globali­ sierung, zu Menschenrechten und zu Arbeitsbedingungen in Ländern wie Indien und China. Ich bin politisch interessiert, und so hatte ich einen besseren Zugang. Was fanden Sie überflüssig? Eigentlich nichts. Wir haben gelernt, wie der Homo oeconomicus aussieht, also der perfekt wirtschaftende Mensch. Haben auch Plan­ und Marktwirtschaft behandelt. Im Bereich Unternehmen haben wir viel ge­ lernt, zum Beispiel, wie man eines gründet. Das wird oft beklagt, dass einem das in der Schule nicht beigebracht wird. Aber ich seh mich sehr gut drauf vorbereitet. Wir haben viel dazu gemacht, auch Bilanzen. Auch ak­ tuelle Themen haben wir besprochen, wie zum Beispiel die Finanzkrise, die Griechen­ land­Krise. Da liegen Politik und Wirtschaft sehr nah beieinander, deshalb ist es wichtig, das gemeinsam zu besprechen. Wie hilfreich war der Praxisbezug durch die Experten aus den Unternehmen?

Wir hatten gar keinen Unternehmensver­ treter in der Schule. Allerdings haben wir als Wirtschaftsprojekt ein Unternehmen selbst gegründet: Konkret war das eine Fir­ ma, die Pullis und Jutebeutel mit individu­ ellen Sprüchen bedruckt hat. Da hat man viel über Bilanzbildung gelernt. Wir waren aber auch mal in einem Unternehmen, und zwar bei Daimler. Das war spannend, weil man gesehen hat, wie so eine Produktion abläuft, wie die Hierarchien sind. Ich fand es auch wichtig, dass wir nicht nur durch den Lehrer was gelernt haben, sondern auch durch andere Leute. Wie haben Sie das Miteinander von Lehrer und Experten erlebt? Ich fand schon, dass unsere Lehrer einen gewissen Bezug zur Wirtschaft hatten und auch die Komplexität erkannt haben. Aus meiner Sicht war da kein großer Unter­ schied zwischen Lehrer und Experte – auch wenn die Experten auf ihrem Gebiet natür­ lich viel mehr Erfahrung haben. Können Sie die Kritik der Gewerkschaften nachvollziehen, die an den Schulen eine Ein­ flussnahme durch die Wirtschaftsunterneh­ men befürchten. Nein, nicht wirklich.

mit anderen Themen beschäftigen, mit etwas Ingenieurmäßigem und mit Politik. Vor einiger Zeit hat ein Tweet einer Schüle­ rin Wellen geschlagen, die gesagt hat: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steu­ ern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Hab ich mitgekriegt (lacht). Fühlen Sie sich ausreichend vorbereitet darauf, sich mit Steuern, Miete oder Versicherungsverträgen auseinander­ zusetzen? Ich finde, es ist nicht Aufgabe des Fachs Wirtschaft, einem das beizubringen. Aber auf der anderen Seite fühle ich mich nicht ausreichend vorberei­ tet darauf. Da sollte man den Schülern noch mehr beibrin­ gen. Vielleicht müsste man im Fach Wirtschaft noch Freiraum schaffen für auf das Leben bezogene Dinge. Andererseits müsste man als Abiturient so weit ge­ bildet sein, dass man sei­ nen Handyvertrag selbst unterschreibt.

Hat das Fach Wirtschaft dazu beigetragen, Das Gespräch führte Ihnen bei der Studienwahl zu helfen? Inge Jacobs. Ich möchte Wirtschaftsingenieur studie­ ren. Das Schulfach hat mir insofern gehol­ fen, dass ich nun weiß, dass ich nicht nur Luis Ennerst fühlt sich auf BWL oder VWL studieren möchte. Das ist ökonomische Zusammenhänge mir zu trocken. Ich möchte mich auch noch gut vorbereitet. Foto: privat


24 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2015

Praxisbezug oder Interessenpolitik? Die Wirtschaft bestimmt unser Leben in vielen Bereichen. Doch wie sollten wirtschaftliche Themen im Unterricht behandelt werden – und wie stark dürfen sich dabei Unternehmen und Verbände beteiligen? Darüber debattieren Andreas Richter (IHK) und Doro Moritz (GEW).

Bildung

Pro

Kontra

Die Gegensätze schwinden

Wider die Ökonomisierung der Schule

Kooperationen Der Einsatz von Wirtschaftsvertretern in der Schule bringt Unternehmen und künftige Fachkräfte enger zusammen. Die Angst vor einseitiger Beeinflussung ist unbegründet. Von Andreas Richter

Lehrplan Die Vermittlung wirtschaftlicher Zusammenhänge gehört zum Bildungsauftrag. Deshalb sollte es selbstverständlich sein, dass diese Inhalte von ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden. Von Doro Moritz

W

irtschaftswissen gehört zur Allgemeinbil­ dung und ist Voraussetzung für ein selbst­ ständiges Leben. Wir begrüßen es daher sehr, dass die Landesregierung ab dem Schuljahr 2016/2017 das Schulfach Wirtschaft, Berufs­ und Stu­ dienorientierung einführt. Dadurch wird die Qualifi­ kation der Schüler im Hinblick auf ökonomische Grundbildung verbessert. Die Zusammenarbeit der Schulen mit Wirtschaft und Arbeitswelt leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Praxisbegegnungen geben dem Unterricht eine realitätsnahe Basis und fangen den Fortbildungsbedarf der Lehrer, der besonders in der Anfangsphase der Einführung des Unterrichts­ faches groß sein wird, auf. Der Praxisbezug hilft Jugendlichen zudem bei der beruflichen Orientierung. Trotz diverser Beratungsangebote fällt laut einer Umfrage des Allensbacher Instituts aus dem vergange­ nen Jahr jedem zweiten Jugendlichen die Berufswahl am Ende der Schulzeit schwer. Für viele Abiturienten ist zudem nach wie vor der Weg an die Hochschulen naheliegend. Aber ein Studium ist nicht für jeden unbedingt der richtige Weg. Das zeigt schon allein die Rekord­Abbrecherquote von fast 30 Prozent bei Ba­ chelorstudenten. Den Schülern müssen Alternativen aufgezeigt werden. Begegnungen mit der Arbeits­ und Wirtschaftspra­ xis könnten in Form von Betriebspraktika, Betriebs­ erkundungen sowie Vorträgen, Fallbeispielen und Dis­ kussionen mit Fachleuten stattfinden. Sie zielen auf eine Überprüfung, Erweiterung und Differenzierung des bisherigen Wissens und theoretischer Erklärun­ gen. Auch für die Unternehmen ergeben sich Vorteile. Bei einem bestehenden Mangel von knapp über 30 000 Fachkräften in der Region Stuttgart und fast 80 000 in Baden­Württemberg ist eine Kooperation von Unternehmensvertretern mit Schulen eine gute Möglichkeit, schon heute mit den potenziellen Fach­ kräften von morgen in Kontakt zu treten. In diesem Zusammenhang wird ja gern vor der ein­ seitigen Beeinflussung durch die Wirtschaft gewarnt.

Der Vorwurf der möglichen Ideologisierung durch Wirt­ schaftsvertreter erschließt sich mir jedoch nicht. Schule und Unterricht stehen nach wie vor unter der Aufsicht des Landes und des Kultusministeriums. Die Lerninhal­ te sind zudem klar im Bildungsplan festgelegt. Er sieht vor, dass die Schüler lernen, ökonomisches Verhalten unter sozialen und ökologischen Nachhaltigkeitsaspek­ ten zu beurteilen. Natürlich gehören gesellschaftspoli­ tische Themen und soziale Verwerfungen auf den Lehr­ plan einer Schule im 21. Jahrhundert. Und natürlich müssen Fragen des Verbraucherschutzes im Unterricht behandelt werden – gerade, um junge Menschen zu mündigen Verbrauchern zu erziehen. Wer Unternehmen leichtfertig unter den Verdacht stellt, nur ideologisch unterwegs zu sein, sollte zugleich die Frage beantworten, ob Gewerkschaften nicht eben­ so ideologisch unterwegs sind. Die Realität in den Schu­ len ist indes schon längst eine andere. Gegenseitige Vorurteile auf Seiten der Lehrer und der Betriebe schwinden auf dem Weg vielfältiger Begegnungen und Gemeinsamkeiten immer mehr. Bei den Partnerschaf­ ten zwischen Schule und Betrieb ist ein Verhaltens­ kodex Pflicht. Dessen Vereinbarungen beruhen auf lan­ desrechtlichen Regelungen und den Regelungen zu Werbung und Sponsoring an Schulen und orientieren sich an den jeweils geltenden Bildungsplänen. Ich hoffe umso mehr, dass die Einführung des Schulfaches Wirtschaft, Berufs­ und Studienorientie­ rung in Baden­Württemberg Schule macht und in nicht allzu weiter Ferne bundesweit eingeführt wird. Wünschenswert bleibt, dass auch die Informatik als Unterrichtsinhalt gestärkt und als eigenständiges Unterrichtsfach in den Bildungsplänen etabliert wird.

Wirtschaftsvertreter Andreas Richter ist Hauptgeschäftsführer der Industrie­ und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart.

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ooperationen der Wirtschaft mit der Schule ha­ ben eine lange Tradition. Insbesondere an den Werkrealschulen und Realschulen sind vielfälti­ ge Kontakte und Bündnisse im Rahmen der Berufs­ orientierung und von Schülerpraktika nichts Neues. Die GEW hat eine so verstandene Öffnung der Schulen hin zu gesellschaftlichen Akteuren immer begrüßt. Eine ganz andere Qualität haben Tendenzen in den letzten Jahren: Auch auf Drängen der Arbeitgeberver­ bände soll jetzt ein eigenständiges Fach Wirtschaft in den baden­württembergischen Bildungsplan einge­ führt werden. Banken, Industrie und Handel überhäu­ fen Schulen mit Unterrichtsmaterial. Die Schule wird zunehmend Teil des globalen Wirtschaftswettbe­ werbs, Bildung wird immer mehr zur bloßen „Ressour­ ce“, deren Qualität sich vor allem unter dem Aspekt der Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt und der Brauch­ barkeit für die Wirtschaft bemisst (employability). Wirtschaftliche Themen gehören in die Schule ebenso wie eine gute Berufs­ und Studienorientierung. Das Wissen über die Grundlagen wirtschaftlicher Sys­ teme und Zusammenhänge sowie des wirtschaftlichen Handelns ist Teil der Allgemeinbildung und gehört da­ mit zum Bildungsauftrag der Schule. Deshalb ist es selbstverständlich, dass diese Inhalte auch von dafür ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden. Allerdings ist in den letzten Jahren immer stärker zu beobachten, dass der Allgemeinbildungs­ auftrag der Schule im Hinblick auf wirtschaftswissen­ schaftliche Inhalte verengt werden soll. Industrie und Handwerk klagen über zu geringes „Wissen über die Wirtschaft“ und daraus resultierende mangelnde Aus­ bildungsfähigkeit. Die Klage einer Schülerin, die Schu­ le hätte versäumt, ihr beizubringen, wie man eine Ein­ kommensteuererklärung macht, erhält deutschland­ weit Aufmerksamkeit. An diesen Beispielen wird das Missverständnis einer ökonomischen Bildung in der Schule deutlich: Es geht dort nämlich nicht um die direkte Anwendbarkeit oder um eine wie auch immer verstandene berufsvor­

bereitende Bildung, sondern um die Fähigkeit, grund­ legende wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und als wesentlichen Teil gesellschaftlicher Zusam­ menhänge zu begreifen. Schülerinnen und Schüler sol­ len etwas über die sozialen und individuellen Mecha­ nismen des wirtschaftlichen Geschehens erfahren, etwas darüber, was sie selbst als Akteure betrifft. Erst dieses umfassende Verständnis führt zu wirtschaft­ licher Kompetenz, wie sie die Schule zu vermitteln hat. Deshalb muss „Wirtschaft“ in Verbindung mit Gemeinschaftskunde stehen. Aufgabe der Schule ist es, junge Menschen für das Leben eigenverantwortlich, handlungs­ und entschei­ dungsfähig zu machen. Der künftige Fächerzuschnitt nach der Bildungsplanreform mit der Einführung des Faches Wirtschaft erfüllt den Anspruch der Hand­ lungsfähigkeit nicht. Am Gymnasium werden Ge­ meinschaftskunde und Erdkunde gekürzt. Das Fach Wirtschaft hat dann genauso viele Stunden wie Ge­ meinschaftskunde mit den Disziplinen Politikwissen­ schaft, Rechtswissenschaft, Soziologie und Medien­ wissenschaft. Die Themen Recht und Technologie fehlen in der Schule. Dabei sind zum Beispiel Recht, Technologie, Datenschutz und Urheberrecht elemen­ tare Grundlagen, die man bei jedem Handyvertrag braucht. Braucht die Schule ein verstärktes Engagement der Wirtschaft? Muss „die Wirtschaft“ in die Schule he­ reingeholt werden? Hierzu ein klares „Nein!“. Die oben erwähnten Kooperationen ermöglichen Praxiskontak­ te und Einblicke in Betriebe. Sie unterstützen die Berufsorientierung. Den Allgemeinbildungsauftrag der ökonomischen Bildung können sie nicht leisten.

Gewerkschafterin Doro Moritz ist Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Neue Impulse. Neue Perspektiven.

Denkanstöße 2015 Vorträge, die Sie inspirieren werden. Anregungen, neues Wissen und viel Inspiration – bei der Vortragsreihe „Denkanstöße“ geben Ihnen renommierte Referenten spannende Einblicke in relevante Themen rund um Begeisterungsfähigkeit, Kommunikation, Motivation und Persönlichkeitsentwicklung. Seien Sie mit dabei und erfahren Sie, wie Sie Ihr Potenzial voll entfalten und Ihr Berufs- und Privatleben erfolgreicher gestalten können.

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Paul Johannes Baumgartner

Johannes Warth

Dr. Denis Mourlane

Kommunikationsexperte, Moderator, Autor

Ermutiger, Überlebensberater

Diplom-Psychologe, Unternehmensberater, Coach

Das Geheimnis der Begeisterung

Mut tut gut – sieben Schritte zum Erfolg

Resilienz – gelassen mit Druck und Stress umgehen

17. September 2015

08. Oktober 2015

19. November 2015

Begeisterung ist für alle da! Egal, ob Sie im Berufsleben ein Produkt verkaufen oder im Privatleben eine Idee, das Prinzip ist immer dasselbe: Sie haben etwas, was Sie einem anderen gerne schmackhaft machen möchten. Die Frage ist: Wie können Sie Ihr Gegenüber am schnellsten für Ihre Idee, Ihr Produkt, Ihre Dienstleistung begeistern? Paul Johannes Baumgartner zeigt, welche Faktoren bei einem Gesprächs- oder Verhandlungspartner Begeisterung auslösen. Er rüttelt an Gewohnheiten, hält den Spiegel vor und lenkt altes Denken in neue Bahnen.

Kennen Sie das Gefühl, dass Sie gerne etwas Neues angehen möchten, doch es fehlt Ihnen der Mut? In den meisten Fällen benötigen wir lediglich einen mutigen Gedanken, um den ersten Schritt zu tätigen. Aber oft hindern wir uns selbst mit Sätzen wie „Du kannst das nicht!“ am Losgehen. Mit klaren Botschaften und Witz ermutigt Johannes Warth Sie zu freiem unternehmerischen Denken und Handeln. Die eigene Einstellung ist und bleibt einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Denn wer die Dinge gelassen angeht, wagt den nächsten Schritt und kommt im Beruf und Privatleben umso leichter voran.

Warum meistern manche Personen schwierige Situationen mit Leichtigkeit, bringen selbst unter hohem Druck Höchstleistungen und lassen sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen? Fähigkeiten, nach denen sich viele Menschen sehnen und die in unserer heutigen Zeit immer bedeutender werden. Resilienz macht stark gegen Stress und verhilft zu mehr Gelassenheit. Der Psychologe Denis Mourlane führt Sie in das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft ein und zeigt Ihnen, wie Sie Ihre Resilienz weiterentwickeln und trainieren können.

Eine Vortragsreihe von Stuttgarter Zeitung und Süddeutscher Verlag Veranstaltungen Servicetelefon: 089 2183-7303 | E-Mail: stz-denkanstoesse@sz.de

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B E S S E R

L E S E N .


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

DA S MODERNE BÜRO JULI 2015

Richtige Beleuchtung

Richtiges Sitzen

Immer mehr Menschen arbeiten außerhalb des Büros – im Homeoffice oder unterwegs. Die richtige Ausstattung ist dafür essenziell.

Großraumbüros bedingen eine völlig andere Ausleuchtung als Einzelbüros. Dank moderner LED-Technik gibt es mehr Gestaltungsspielraum.

Der ideale Bürostuhl unterstützt Wirbelsäule und Muskulatur und hilft dadurch, eine gesunde Körperhaltung einzunehmen.

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Foto: Rawpixel/Fotolia

Richtige Ausstattung

Wem gehört die Kaffeetasse? D e s k - S h a r i n g : J e d e n Ta g e i n a n d e r e r S c h r e i b t i s c h

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ibt es mehr Mitarbeiter als Arbeits- bereich ist für viele Mitarbeiter äußerst geschäft. „Sie verlieren beim Desk-Sharing plätze im Büro, spricht man vom wichtig, um den Kontakt zum Team zu hal- zwar ihren persönlich zugewiesenen Desk-Sharing. Doch welche Vorteile ten und sich auf dem kurzen Dienstweg aus- Arbeitsplatz, bekommen aber die Möglichhat die moderne Organisationsform, und tauschen zu können. „Auch das Vorhanden- keit, an zwei oder drei Tagen von zu Hause was müssen Unternehmen bei der Umset- sein verschiedener Arbeitsplätze gehört zum aus zu arbeiten“, beschreibt der Experte die zung beachten? Konzept des Desk-ShaIdee, „natürlich auf In vielen Büros bleiben tagtäglich ring“, weiß Dennis Stolfreiwilliger Basis und JEDER FÜNFTE Schreibtische leer, weil die Mitarbeiter beim ze. „Es werden Orte ohne ständige Erreich„TEILT“ BEREITS Kunden im Einsatz sind oder von zu Hause gebraucht, an denen barkeit.“ Sind die Vooder von unterwegs aus arbeiten. Auch man konzentriert allein raussetzungen und die durch Urlaubs- und Krankheitstage bleiben arbeiten kann, aber auch Besprechungs- Unterstützung der Mitarbeiter gegeben, die Plätze an vielen Tagen im Jahr verwaist. ecken für Teamarbeit oder Orte für den kom- geht es an die Umsetzung des Desk-SharingLeere Büroräume strapazieren die Firmen- munikativen Austausch, wie eine großzügi- Konzepts. kasse, doch Bürokonzepte wie Desk-Sharing ge Kaffeeküche mit Aufenthaltsqualität, wo Laut der aktuellen Studie „Office Setkönnen Immobilienkosten senken. Beim man sich auch mal mit dem Laptop hinset- tings“ des IAO in Stuttgart arbeitet bereits modernen „Schreibtischteilen“ stehen inner- zen kann.“ Die Vorteile für die Mitarbeiter jeder Fünfte ohne fest zugewiesenen halb eines Organisationsbereichs weniger liegen auf der Hand. Denn für die unter- Arbeitsplatz. „Wir konnten feststellen, dass Arbeitsplätze zur Verfügung, als Mitarbeiter schiedlichen Tätigkeiten des Tages bietet das es bei einem fixen Arbeitsplatz und bei flediesem Bereich zugeordnet sind, und so su- Desk-Sharing-Konzept nicht nur den übli- xiblen Bürokonzepten zunächst keine chen sich die Beschäftigten einen freien und chen Standardarbeitsplatz am persönlichen Unterschiede hinsichtlich der Motivation passenden Ort für ihre anstehende Büro- Schreibtisch, sondern eine Vielfalt an geeig- oder der Produktivität gibt“, fasst IAO-Wistätigkeit. neten Orten innerhalb der Firma. senschaftler Dennis Stolze zusammen. „Al„Wenn der Begriff Desk-Sharing fällt, beDamit Schreibtische problemlos zwi- lerdings zeigen unsere Forschungen auch, fürchten viele Menschen, dass sie morgens schen den Mitarbeitern geteilt werden kön- dass sich die Freiheit bei der Wahl von zur Arbeit kommen und sich irgendwo im nen, sollten zunächst die Arbeitsweisen der Arbeitsort und Arbeitszeit und die ZufrieGebäude einen Platz suchen müssen“, be- Mitarbeiter analysiert werden. „Die Grund- denheit mit der Büroumgebung positiv auf schreibt Dennis Stolze die Vorbehalte. Der lage eines erfolgreichen Desk-Sharing ist die die genannten Erfolgsfaktoren auswirken.“ Projektleiter forscht inhaltliche Notwendig- So hat die Vielfalt der Arbeitsmöglichkeiten am Fraunhofer-Institut keit, die sich grob beim Desk-Sharing einen entsprechenden HEIMATZONEN für Arbeitswirtschaft unterteilt aus zwei Einfluss auf die Mitarbeitermotivation. Auch ERLEICHTERN KONTAKT und Organisation IAO Gründen ergibt“, er- die Abwechslung im Büroalltag und das Zuin Stuttgart zur zukünfklärt Peter Martin. Der sammenarbeiten mit wechselnden Kollegen tigen Entwicklung der Büro- und Wissens- Arbeitswissenschaftler berät Unternehmen fördern die Kreativität. „Desk-Sharing soll arbeit. „Heute sitze ich im zweiten Ober- in Fragen des präventiven Arbeits- und Ge- jedoch hauptsächlich zur Senkung der Imgeschoss und morgen auf Etage 24 zwischen sundheitsschutzes und erarbeitet Bürokon- mobilienkosten beitragen“, nennt Arbeitsfremden Kollegen? So funktioniert Desk- zepte. „Wenn die Beschäftigten entweder wissenschaftler Martin das wesentliche ArSharing aber in der Realität nicht“, gibt der häufig beim Kunden sind oder aber in alter- gument für die Umsetzung des Konzepts. Experte Entwarnung. „Es werden sogenann- nierender Telearbeit vielfach von zu Hause „Allerdings muss die Sharing-Rate zum tatte Home-Zones für einzelne Abteilungen de- arbeiten, bleiben viele Arbeitsplätze unge- sächlichen Bedarf passen, und die Beschäffiniert, und nur in diesem abgegrenzten Be- nutzt und können geteilt werden.“ Gerade tigten müssen an ihren Büroarbeitstagen in reich teilen sich die Kollegen untereinander die Homeoffice-Regelung ist für viele Mit- der Nähe ihres Teams einen Platz finden, verschiedene Arbeitsplätze.“ Dieser Heimat- arbeiter ein lohnenswertes Kompensations- sonst überwiegen die Nachteile“, warnt der

Experte. Werden beispielsweise 100 Beschäftigten 80 Arbeitsplätze angeboten, so ergibt sich eine Rate von 0,8. Diese Quote ist ausschlaggebend für eine ergonomische Gestaltung des Büros, da nur bei einem ausreichenden Verhältnis die unnötige Suche nach einem freien und geeigneten Arbeitsplatz vermieden wird. Arbeiten die Mitarbeiter im Vertrieb oder im Kundendienst und sind häufig außer Haus, so bietet sich für die Abteilung das Desk-Sharing an. Auch Teilzeitbeschäftigte oder Kollegen, die oft von zu Hause aus arbeiten, können am Modell teilnehmen. Das Unternehmen muss jedoch dafür sorgen, dass den Mitarbeitern alle notwendigen Informationen an jedem Ort bereitstehen SCHREIBTISCH und jeder einen Platz für seine zugewieseHOMEOFFICE nen Arbeitsmittel und Unterlagen erhält. Oftmals werden diese in persönlichen Caddys SHARING-RATE aufbewahrt, die von den Beschäftigten an ARBEITSZEIT den jeweiligen Arbeitsplatz gefahren werden. Entsprechende Sharing-Richtlinien legen fest, wie ein Arbeitsplatz nach der Nutzung hinterlassen werden soll. Doch das Teilen der Schreibtische hat auch seine Grenzen, denn nicht jede Tätigkeit eignet sich für das Konzept. „Bei einigen Funktionen kann ein fester Anlaufpunkt sinnvoll sein, beispielsweise bei Arbeitsplätzen von Assistenzen“, erklärt Dennis Stolze. „Die Grundlage für die erfolgreiche Einführung eines Desk-SharingSystems muss somit immer eine Tätigkeitsanalyse sein.“ Brigitte Bonder

ARBEITEN

VERTRIEB

GEBÄUDEKOSTEN CADDY

MOTIVATION

PRODUKTIVITÄT IMMOBILIEN ANALYSE


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DAS MODERNE BÜRO

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Zum Mitnehmen Arbeiten von zu Hause aus oder unterwegs

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raktische Business-Tools und eine professionelle Ausstattung sorgen für produktives Arbeiten auch außerhalb des Büros. Das mobile Büro schafft neue Freiräume, stellt jedoch Mitarbeiter und Arbeitgeber gleichzeitig vor neue Herausforderungen. Der klassische Schreibtisch hat in vielen Firmen nahezu ausgedient, denn immer mehr Menschen verbringen einen Teil ihrer Arbeitszeit außerhalb des Büros und sind im Homeoffice oder von unterwegs aus für ihr Unternehmen tätig. „Eine Möglichkeit, von verschiedenen Orten aus zu arbeiten, ist ein großer Segen für viele Arbeitnehmer. Die Herausforderung besteht jetzt in der Suche nach der richtigen Arbeitsumgebung außerhalb des Büros“, sagt Michael Barth, Deutschland-Geschäftsführer bei Regus. Das Unternehmen stellt voll ausgestattete Büroräume zur Verfügung und kennt die Bedürfnisse der Arbeitnehmer. Langsame Internetverbind u n g , leistungsschwache Hardware oder spielende Kinder nebenan – laut einer aktuellen Studie von Regus wirkt sich die Arbeit im Homeoffice nur bei 40 Prozent der Befragten positiv auf die Produktivität aus. Anders ist die Situation bei denen, die zu Hause über eine professionelle Arbeitsausstattung verfügen – hier können sich rund drei Viertel frei entfalten. „Für die mobile Arbeit reichen in der Regel ein Smartphone, ein Laptop, ein Internetzugang

SMARTPHONE

ein separates Büro Pflicht, so dass die Bereiche Arbeit und Freizeit voneinander getrennt werden können. Notwendige Bestandteile eines gut ausgestatteten Heimarbeitsplatzes sind Notebook, Handy und schnelles Internet. Wer den Großteil der Arbeitszeit am Computer verbringt, sollte zudem in einen großen Monitor und eine leise, externe Tastatur samt Maus investieren. Dabei belastet das Heimbüro oftmals die eigene Kasse, denn es ist leider nicht selbstverständlich, dass sich der Arbeitgeber an den Kosten beteiligt. Häufig verläuft die Kommunikation über das private Telefon und den bereits vorhandenen Internetanschluss, oft wird auch der eigene Laptop für die berufliche Tätigkeit genutzt. Dabei müssen Firmen, die Heimarbeit

Wer nicht einfach auf wichtige Projektund Firmendaten auf dem zentralen Server zugreifen kann, nutzt unterwegs oder im Homeoffice eine Vielzahl an Business-Tools. Besonders beliebt sind laut einer Regus-Studie Anwendungen zum Austausch von Dokumenten. Dabei hat der File-Sharing-Dienst Dropbox die Nase vorn, gefolgt vom Programm Teamviewer, mit dem Kollegen aus aller Welt auf einen gemeinsamen Bildschirm blicken können. „Tools wie Dropbox oder Google Drive helfen Berufstätigen, klassische Hürden flexibler Arbeitsmodelle zu überwinden“, sagt Regus-Geschäftsführer Barth. Doch wer von unterwegs arbeitet, muss nicht nur Dokumente

LAPTOP

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Berlin Chair, Design: Meinhard von Gerkan / Lox, Design: PearsonLloyd © Walter Knoll

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VIDEOTELEFONIE

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und der Zugriff auf das betriebsinterne Netz“, weiß WLAN Christine Thomas, Expertin für mobiles Arbeiten bei der IG Metall. Für die technische Ausstattungen sind in den Betrieben interne IT-Abteilungen oder externe Dienstleister zuständig, die wiederum an entsprechende Sicherheitsstandards gebunden sind. „Daneben gibt es in vielen Unternehmen auch Regelungen zur dienstlichen Nutzung privater Geräte, bei der naturgemäß noch mehr auf datenschutzrechtliche und sicherheitstechnische Belange geachtet werden muss“, erklärt Thomas. Arbeiten Beschäftigte regelmäßig von zu Hause aus, ist

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VPN PRIVATANSCHLUSS VERSICHERUNG MESSENGER

EINBINDUNG

Laptop – sensible Daten können schnell in falsche Hände geraten. „Datenschutz ist ein ernstes Anliegen für Arbeitnehmer, die unterwegs Aufgaben erledigen wollen“, sagt Barth. „Mobilgeräte wie Laptops haben zwar dazu beigetragen, dass wir überall erreichbar sind und produktiv arbeiten können, gleichzeitig laufen wir damit aber Gefahr, sensible Informationen den neugierigen Augen und Ohren Dritter auszusetzen. Nach Möglichkeit sollten Berufstätige auch unterwegs auf eine professionelle Umgebung zurückgreifen, in der sie unbehelligt arbeiten können.“ Gegen gezielten Diebstahl von Daten sollten Unternehmen Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Notebooks können mit einem Schloss an unbewegliche Gegenstände im Raum angeschlossen werden, ein Systempasswort verhindert das schnelle Auslesen von Daten. Zudem sollten Nutzer ihr Notebook immer sperren, wenn Sie den Raum verlassen. Sensible Daten müssen auf dem mobilen Gerät verschlüsselt und regelmäßig gesichert werden. Durch die drahtlose Internetverbindung lauern auch unterwegs Gefahren aus dem Internet. Entsprechende Sicherheitsprogramme sind stets auf dem neuesten Stand zu halten, eine Firewall wehrt unerlaubte Fernzugriffe ab. Das heimische Wlan muss darüber hinaus verschlüsselt sein, da sämtliche Aktionen ansonsten einfach „mitgelesen“ werden können. Ein starkes Kennwort ist dabei Pflicht. Für die Übermittlung von sen-

erlauben, die Einhaltung von Gesundheits- und Sicherheitsstandards auch im Homeoffice gewährleisten und sich über den Versicherungsschutz Gedanken machen. „Beim mobilen Arbeiten gilt für die Arbeitsgestaltung das Arbeitsschutzgesetz wie für alle Beschäftigen“, merkt Christine Thomas von der IG Metall an. „Ist der Computer dabei ständiges Arbeitsmittel im Heimbüro, gilt zusätzlich auch die Bildschirmarbeitsverordnung.“

jederzeit griffbereit haben, sondern läuft durch die fehlende Präsenz im Büro auch Gefahr, im Arbeitsalltag übersehen zu werden. „Mit den passenden Lösungen können Berufstätige ohne Produktivitätseinbußen arbeiten – ohne sich an den Bürostuhl zu binden.“ Zum Einsatz kommen hier Kommunikationswerkzeuge von Whats App, Skype oder Facebook, über die sich die Arbeitnehmer jederzeit mit Kollegen austauschen können. Mitarbeiter gefährden den Schutz von Firmendaten, wenn Sie außerhalb des Büros arbeiten. Ob ausgedruckte Papiere, die zu Hause oder im Café herumliegen, oder ein Blick von Unbefugten auf den geöffneten

siblen Daten über das Internet kommen verschlüsselte Verfahren wie VPN, das Virtual Private Network, zum Einsatz. Auch Smartphones können mit Schadsoftware infiziert werden, unseriöse Apps aktivieren ungefragt Funktionen oder speichern Daten, die für die Nutzung der Dienste nicht notwendig sind. Daher sollte jeder Smartphone-Besitzer vor dem Herunterladen und Installieren einer App prüfen, ob es sich um ein seriöses Angebot handelt. Spezielle Virenscanner für die intelligenten Telefone schützen vor Schadsoftware. Und wer sein Handy noch nicht mit einem Kennwortschutz versehen hat, sollte diesen umgehend aktivieren, um schnelle Zugriffe durch Unbefugte zu verhindern. Befinden sich sensible Unternehmensdaten auf dem Gerät, so ist eine Verschlüsselung in Betracht zu ziehen – wie bei Laptops und Tablets auch. Brigitte Bonder

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DAS MODERNE BÜRO

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LEUCHTSTOFFRÖHRE WALLWASHER

BESCHATTUNG

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Gerade am Arbeitsplatz ist eine gute Beleuchtung wichtig – gestalterischer Spielraum mit regelbaren LED-Lampen

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Für eine gute Allgemeinbeleuchtung ist eine Kombination aus direkt und indirekt strahlendem Licht die optimale Lösung. „Wichtig ist, dass es unterschiedliche Lichtlösungen für die vielen Tätigkeiten in einem offenen Büro gibt“, empfiehlt Iris Vollmann. Im Trend liegen sogenannte Wallwasher, die das Licht an die Wände werfen, das dann von dort in den Raum zurückreflektiert wird. Auch großflächige Lichtdecken sorgen für eine gleichmäßige, wirksame Beleuchtung. „Ausrichtbare Strahler und Downlights mit asymmetrischer Lichtverteilung setzen zudem schöne Akzente und bringen Abwechslung.“ Im Einzelbüro hingegen werden Lampen am besten parallel zum Fenster aufgestellt oder angebracht, für die direkte und indirekte Lichtverteilung sorgen Pendel- oder Stehleuchten. Moderne LED-Beleuchtungstechnik ist klein und gibt im Verhältnis zu herkömmlichen Leuchtmitteln deutlich weniger Wärme ab. „Darüber hinaus hat die Technik den Vorteil, unterschiedliche Lichtfarben auf kleinster Fläche zu kombinieren und so das Tageslicht immer wirklichkeitsnaher nachbilden zu können“, erklärt Jan Ewald, General Manager bei der Lutron GmbH, einem Hersteller von energieeffizienten Lichtsteuerungssystemen. „Die Lichtausbeute pro Watt

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NICHT NUR DIREKTE BELEUCHTUNG

steigt mit jeder neuen Generation LEDChips, die Zyklen werden kürzer, und die Hauptaufgabe für die Hersteller von Leuchten ist es, das Licht gezielt zu lenken, um eine Gleichmäßigkeit zu erzielen, wie es vor ein paar Jahren noch Leuchtstoffröhren vorbehalten war.“ Wer sich für LEDTechnik entscheidet, sollte sich von einem TAGESLICHT Fachmann beraten lassen – insbesondere DOWNLIGHTS wenn eine tageslichtähnliche Beleuchtung gewünscht wird und/ AUSBEUTE oder die Beleuchtung an verschiedene TätigJAHRESZEIT keiten angepasst werden soll. „RePENDELLEUCHTE gelbare LEDEinheiten mit BERATUNG einem eigenen Treiber, FARBTEMPERATUR steuerbar über das WOHLBEFINDEN WARMWEISS DALIo d e r das Eco-System-Protokoll, sind der Stand der Technik“, weiß Jan Ewald. „Wer noch weitergehen möchte, steuert mit dem sogenannten Tunable White die Farbtemperatur von Kaltweiß auf Warmweiß und fragt nach einer integrierten Beschattungslösung, um allen Belangen einer modernen Bürobeleuchtung gerecht zu werden.“ Viele Lichtsteuergeräte berücksichtigen zudem das einfallende Tageslicht und die Präsenz der Mitarbeiter. „Mehr noch als der Spareffekt steht dabei das Wohlbefinden des Menschen im Fokus“, erklärt Iris Vollmann von Licht.de. Lichtmanagement in Verbindung mit biologisch wirksamer Beleuchtung kann den Verlauf des natürlichen Tageslichts und der passenden Jahreszeit nachbilden. „Tagsüber macht es uns mit hohen Blauanteilen fit, lässt aber später unseren Körper mit warmen Lichtfarben bis 3300 Kelvin zur Ruhe kommen. Das“, so Vollmann, „fördert einen guten Schlaf.“ Brigitte Bonder

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ie Zeit der stillen Einzelbüros ist in vielen Unternehmen vorbei, und Angestellte arbeiten immer häufiger in offenen Büroformen. Das klappt allerdings nur, wenn die großen Räume entsprechende Angebote zur Teamund Einzelarbeit vorsehen und eine hohe Lichtqualität bieten. Denn bei entsprechender Helligkeit wird nicht nur das Sehen erleichtert, Licht wirkt auch auf die Psyche und ermöglicht die nötige Konzentration und damit die Produktivität. „80 Prozent aller Informationen erreichen uns über das Auge, gutes Licht ist daher gerade am Arbeitsplatz unverzichtbar“, weiß Iris Vollmann, Pressesprecherin für Licht.de. Die Brancheninitiative ist seit mehr als 40 Jahren Ansprechpartner für Beleuchtungsfragen in Deutschland. „In Büroräumen ist gleichmäßiges und schattenarmes Licht wichtig, 500 Lux sind nach der DIN-Norm für die Beleuchtung von Arbeitsstätten richtig.“ Es darf aber ruhig mehr Licht sein, und so sind gerade für anspruchsvolle Sehaufgaben 750 Lux besser geeignet.

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DAS MODERNE BÜRO

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Von der Last des Sitzens Der ideale Bürostuhl ist eine individuelle Angelegenheit zusätzliche Nutzung von motorisch verstellFür Bürostühle gibt es keine Prüfpflichbaren Schreibtischen ermöglicht es, wäh- ten, es gelten aber die Regeln der allgemeirend des Tages die Haltung zu wechseln. nen Kennzeichnungspflicht nach dem ProTrotz aller Bemühungen, Bewegung in duktsicherheitsgesetz. „So muss der Name den Büroalltag zu bringen, sitzen die Mit- des Herstellers inklusive Adresse und Proarbeiter tagtäglich die meiste Zeit und brau- duktidentifikation dauerhaft am Produkt chen einen ergonomisch sinnvollen Büro- angebracht sein“, erklärt Weber. Darüber histuhl. Denn der Körper benötigt beim Sitzen naus gibt es verschiedene Zertifizierungen Halt und gleichzeitig Bewegung, um die Rü- wie das GS-Zeichen oder Siegel des Tüv Süd. cken- und Bauchmuskulatur zu trainieren. Der bso-Verband für Büro-, Sitz- und Ob„Die Rückenlehne sollte mindestens bis zu jektmöbel hat darüber hinaus eine eigene den Schulterblättern reichen“, empfiehlt Leitlinie erarbeitet, die Qualitätskriterien für Michael Weber vom Tüv Süd. Der Leiter des Büroarbeitsplätze festlegt. Dabei müssen die Möbelprüflabors weiß, worauf es ankommt. Möbel eine Reihe von Anforderungen erfül„Durch eine ergonomische Form der Rü- len, die sich vorwiegend um die ergonomickenstütze wird die natürliche Vorwölbung sche Qualität der Produkte drehen. „Bei Büder Lendenwirbelsäule unterstützt, was für roarbeitsstühlen heißt das auch, dass sie für eine ergonomische Sitzhaltung sorgt und dynamisches Sitzen geeignet und an die Kördas Rückgrat entlastet.“ Moderne Bürostühle permaße des jeweiligen Nutzers anpassbar verfügen heute zudem über eine Synchron- sein müssen“, erläutert Thomas Jünger, Gemechanik, die dafür schäftsführer des bsosorgt, dass sich je Verbands. „Hinzu komUNTER 450 EURO NETTO nach Körpergewicht men Anforderungen an GIBT ES NICHTS GUTES und Haltung das richtidie Sicherheit, Funktioge Verhältnis von Sitznalität, Langlebigkeit und Rückenlehnenneigung automatisch er- und Umweltfreundlichkeit der Produkte.“ gibt. „Über einen Drehknopf kann der Derzeit stellen 44 Unternehmen als „Quality Gegendruck reguliert werden und ermög- Office“ zertifizierte Produkte her. Alle Prolicht so eine individuelle Einstellung, die das dukte können auf der Website von Quadynamische Sitzen unterstützt“, erklärt der lity Office abgerufen werden, der Experte. Auch verstellbare Armlehnen tra- schnellste Weg zu zertifigen zur Entlastung des Schultergürtels bei. zierten Produkten Um Unfälle zu vermeiden, muss das Fuß- führe jedoch kreuz des Bürostuhls ausreichend groß sein. über den „Damit es aber nicht zur Stolperfalle wird, l o k a l e n darf es auch nicht zu weit über die Außen- F a c h maße des gesamten Stuhls hinausragen“, h a n d e l , warnt Michael Weber. Für den sicheren so JünStand sind Gestaltung und Qualität der Rol- ger. len wichtig. „Diese müssen gewichtsabhängig gebremst sein, das heißt, bei Entlastung bremsen die Rollen den Stuhl so weit, dass er nicht unbeabsichtigt wegrollen kann.“ Beim Stuhlkauf sollte man zudem den Bodenbelag berücksichtigen. „Harte, einfarbige Rollen sind für weiche Böden wie Teppich geeignet“, erklärt Weber. „Weiche, zweifarbige Rollen passen zu einem harten Untergrund.“

Vor dem Kauf eines Bürostuhls ist zu überlegen, wie der Stuhl später genutzt werden soll. Muss er für einen vollen Arbeitstag geeignet sein, oder wird auf ihm nur HALTUNG kurz und unregelmäßig Platz genommen? ERGONOMIE „Abgesehen von den grundlegenden QualiMUSKULATUR tätsanforderungen BEWEGUNG unserer Leitlinie ist die Eignung eines Bürostuhls immer eine individuelle Angelegenheit“, weiß Jünger. „Dabei kann ein Bürostuhl für 500 Euro im Einzelfall genauso gut passen wie einer für mehr als 1000 Euro.“ Unter 450 Euro netto, so Jünger weiter, sei jedoch kaum ein geeigneter Stuhl zu bekommen. Brigitte Bonder

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QUALITÄT

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KOSTEN ARMLEHNEN

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b bei der Arbeit, im Auto, vor dem Fernseher oder beim Online-Shopping – die Deutschen sitzen im Mittel siebeneinhalb Stunden pro Tag, junge Erwachsene sogar neun Stunden. Das zeigt der DKV-Report „Wie gesund lebt Deutschland“, der in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Gesundheit durch Bewegung und Sport der Deutschen Sporthochschule Köln entwickelt wurde. „Im Bundesdurchschnitt sitzen die Menschen am längsten vor dem Fernseher“, stellt Ingo Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule und wissenschaftlicher Leiter des DKV-Reports, fest. Der zweithäufigste Grund für das Sitzen ist die Arbeit am Schreibtisch, und hier sind laut Froböse die Arbeitgeber gefragt. „Es gibt Möglichkeiten, das Sitzen zu begrenzen, etwa Meetings im Stehen, verstellbare Schreibtische und aktive Büropausen.“ Viele Arbeitnehmer verbringen den Großteil FI TN ESS BEI DE R A RBE I T ihrer mehr als 200 Werktage im Jahr Kein Tabu mehr sitzend, oft mehr als acht Stunden In vielen Büros stehen heute Crosstraiam Tag. Doch der ner, Ergometer oder Laufband. SportBewegungsmangel geräte am Arbeitsplatz sind angesagt. schadet der GeDabei kommt es zunächst auf die Raumsundheit, Sitzen gestaltung an. Denn das Ambiente ist gilt als eigenstänlaut Sven Grauer, Experte für betriebdiger Risikofaktor liche Gesundheitsförderung, wichtig für für Herz-Kreislaufdie Akzeptanz einer Fitnessecke im Büro Erkrankungen. So oder eines Fitness-Studios in der Firma. empfehlen ExperDunkler Naturholzboden und weiß geten, während der tünchte Stützpfeiler etwa sorgten für Arbeit so oft wie eine exklusive Atmosphäre. Sebastian möglich aufzusteCampmann, Geschäftsführer von Sporthen. „GrundsätzTiedje, einem Fachhändler für Heimlich muss man so fitnessgeräte, empfiehlt Räumlichkeiten viel Bewegung wie „mit viel Licht, Möglichkeiten zum Lüfmöglich in seinen ten und Duschen“. 500 Kilo Last muss sitzenden Arbeitsder Boden pro Quadratmeter tragen alltag integrieren“, können, damit die Geräte stabil stehen. rät Michael Weber Und dann kommt es natürlich auf vom Tüv Süd und die Geräte an. „Die Versicherungen akgibt Tipps für zeptieren im Büro nur Profi-Ausstatden Alltag: „Bürotung“, so Campmann. Das gelte für das angestellte sollten Cardiogerät zur Steigerung der Ausdauer zum Telefonieren und zum Abnehmen in der Vorstandsaufstehen und bei etage genauso wie für die Multikraftstaden Kollegen vortion mit Gewichtsblock im Erdgeschoss: beischauen, statt „Ohne Beratung eines Fachmanns, Ernur anzurufen arbeitung eines Fitnessplans und Einfühoder eine E-Mail zu rung in die Nutzung der Geräte sollte schreiben. Stehen man auch im Betrieb nicht loslegen.“ Ein Drucker und Kokomplettes kleines Fitness-Studio kann pierer in anderen man sich schon ab einer Spanne von Räumen, so sorgt 5000 bis 15 000 Euro einrichten, teils mit dies automatisch Krankenkassenzuschuss. jh für Bewegung.“ Die

Auf und ab Höhenverstellbare Schreibtische

beaufort8.de

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itzen sei das neue Rauchen, sagen Arbeitswissenschaftler – und meinen damit die gesundheitsgefährdende Wirkung der durchschnittlich 7,5 Stunden, die jeder Bundesbürger täglich sitzt. Die sitzende Haltung führt zu starken Druckbelastungen in den Bandscheiben der unteren Lendenwirbelsäule. Deshalb wird bei der Büroarbeit ein häufiger Haltungswechsel empfohlen. Das heißt neben Sitzen auch Stehen und Gehen. „Diese Vielfalt sollten die Arbeitsbedingungen unterstützen“, sagt Lars Adolph, Wissenschaftlicher Bereichsleiter Arbeitssysteme bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA). Er rät zu höhenverstellbaren Tischen. In der Praxis gibt es bisher nur in jedem dritten Betrieb für die Angestellten Tische, an denen sowohl im Sitzen als auch im Stehen gearbeitet werden kann, so eine Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Die BAUA empfiehlt Tische, deren Höhe sich mindestens zwischen 68 und 118 Zentimetern verstellen lässt. Dann könne man abwechselnd sitzen und stehen und schone Rücken und Gelenke. Erwiesen ist auch: Bewegung ist nicht nur gut für den Körper, sondern auch für den Geist. Regelmäßige Haltungswechsel fördern Konzentrationsund Denkfähigkeit, unterstützen die Kommunikation, tragen zur Motivation und Leistungsfähigkeit bei. Arbeitsmediziner halten es für sinnvoll, pro Stunde mindestens zehn Minuten im Stehen zu arbeiten. Wer nicht im Stehen schreiben oder telefonieren möchte, sollte einen Tisch wählen, dessen Höhe zwischen 68 und 76 Zentimetern variiert werden kann. Die Schreibtischplatte sollte mindestens 160 Zentimeter breit und 80 Zentimeter tief sein,

Die Industrie bietet höhenverstellbare Arbeitstische und sogenannte Steh-SitzTische mit unterschiedlicher Technik an. So gibt es Modelle mit manueller Höheneinstellung – oft per Handkurbel oder per Gasdruckfeder meist problemlos ohne großen Kraftaufwand oder mit einem ein- oder zweistufigen Motor. Natürlich variieren auch die Preise entsprechend. Man kann einen guten höhenverstellbaren Schreibtisch schon für 300 oder 350 Euro bekommen. „Ergodynamische“ Sitz-Steh-Kombinationen kosteten früher zwischen 2000 und 3000 Euro, mittlerweile gibt es Nachfolgemodelle auf Pneumatikbasis bereits für 1000 bis 1200 Euro. Optisch und technisch etwas schlichtere Lösungen sind schon für 500 bis 1000 Euro zu haben. Wichtig: Beine und Arme sollte man bei der Arbeit bequem ausstrecken können. Deshalb gehören Hindernisse unter dem Schreibtisch und Regalbretter unmittelbar über dem Schreibtisch entfernt. Als Farben für die Schreibtischplatte empfiehlt die BAUA matte Braun-, Beige- oder Grautöne. Diese Farben schonen die Augen, da sie harte Kontraste und Spiegelungen vermeiden. Höhenverstellbare Tische helfen, Erkrankungen und Arbeitsunfähigkeit zu verhindern. Die Investitionen zahlen sich für den Arbeitgeber auf jeden Fall aus. Für anpassbare Büromöbel spreche auch, so Udo-Ernst Haner, Leiter Competence Team Information Work Innovation beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, dass Unternehmen dadurch „in der Gestaltung ihrer Arbeitssituationen flexibler“ werden und so Projektarbeit sowie wechselnde Teamzusammenstellungen erleichtern. Jürgen Hoffmann

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Partner der Automobil­ und Prozessindustrie Foto: Allgaier

Die Basis im Schwäbischen, die Kunden in aller Welt. Vom Knowhow der Allgaier-Group profitieren viele Branchen.

Qualität – gepaart mit Kompetenz L

Das hätte Georg Allgaier sicher nicht zu träumen gewagt. Er gründete im Jahr 1906 in einer Waschküche eine kleine Firma für Schnitt- und Stanzwerkzeuge – als klassischer Einmannbetrieb. Heute, fast 110 Jahre später, ist daraus ein globaler Player geworden. Mit Dependancen in allen wichtigen Industrieländern. Mit annähernd 1800 Mitarbeitern. Mit einer Geschäftsbasis, die auf zwei Säulen ruht – Automotive und Process Technology. Mit besten Zukunftsaussichten, denn Allgaier verbindet Tradition und Fortschritt.

Foto: Allgaier

Geschichte Tradition zu wahren bedeutet, sich seiner Wurzeln bewusst zu sein. Allgaier hat eine fast 110-jährige Tradition, die auch gepflegt wird – ohne im Gestern zu verharren. Aus Kleinem kann Großes erwachsen, wie bei Allgaier. Seine 1906 in Göppingen gegründete Firma für Schnitt- und Stanzwerkzeuge profitiert damals von der fortschreitenden Entwicklung des Automobils und gewinnt rasch an Fahrt. Etwa ein Jahr nach der Gründung folgt der Umzug nach Uhingen. Bis heute ist dort der Stammsitz der Allgaier Unternehmensgruppe. Bereits Ende der 1920er Jahre fertigt Allgaier erstmals in serieller Produktion Pressteile für die Autoindustrie. Hier verbinden sich Tradition und Fortschritt, denn immer noch ist dieser Firmenbereich wichtiger Teil des Produkt-Portfolios von Allgaier. Nach dem Zweiten Weltkrieg stirbt Firmengründer Georg Allgaier, die Familie führt die Geschäftstätigkeiten in seinem Sinne weiter. Ein neues Geschäftsfeld wird erobert: die Fertigung von Schleppern und Dreschmaschinen für die Landwirtschaft. Ende der 1950er Jahre ein aus heutiger Sicht weiterer wichtiger Einschnitt: Allgaier stellt Siebmaschinen her, der Geschäftsbe-

„Zwei Geschäftsbereiche, eine Kernkompetenz – Qualität“. So lautet der wichtige Slogan der Allgaier Werke GmbH mit dem Stammsitz in Uhingen. Bekannt ist das Unternehmen vor allem als Autozulieferer für deutsche Premium-Hersteller. Aber in dem 1800 Mitarbeiter starken Mittelständler steckt mehr. Im Geschäftsbereich Automotive gilt Allgaier als weltweit führend in der Blechumformung und setzt Maßstäbe beim Leichtbau. In der Process Technology werden Anlagen und Systeme zum Waschen, Trocknen, Kühlen, Sieben und Sortieren für die Industrie gefertigt. Der direkte Draht zum Auftraggeber garantiert innovative Lösungen. reich Verfahrenstechnik ist geboren. Dann, im Jahre 1975, übernimmt Professor Dr. Dieter Hundt als alleiniger geschäftsführender Gesellschafter die Aufgabe, die Firma zu lenken. Ein Manager, der nicht aus der Allgaier-Dynastie stammt. Hundt treibt die Internationalisierung voran. Mehr als 30 Jahre prägt er das Unternehmen. Sein Nachfolger Helmar Aßfalg, seit 2008 an der Spitze stehend, weitet die Wachstumsstrategie ebenso konsequent wie erfolgreich aus. Professor Dr. Dieter Hundt wird zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats ernannt. Die Organisation Allgaier ist ein klassischer Mittelständler, einer von denen, die in Deutschland das Herzstück einer prosperierenden Ökonomie ausmachen. Was macht die Besonderheit der Allgaier-Group aus? Die Kombination zweier unterschiedlicher Geschäftsbereiche – Automotive und Process Technology. Die Allgaier Werke GmbH mit dem Stammhaus in Uhingen ist die Holding, unter deren Dach die Geschäftsbereiche angesiedelt sind. Eine der großen Stärken: Allgaier bietet Komplettlösungen aus einer Hand. Das beginnt mit der Entwicklung, geht über Planung und Konstruktion bis hin zur Validierung und Prototypfertigung, ehe in eine Serienproduktion eingestiegen werden kann. Automotive „Wir sind zu 70 Prozent Automobilzulieferer, das ist unser wichtigstes Geschäftsfeld“, sagt Helmar Aßfalg, Vorsitzender der Geschäftsführung des Unternehmens. Allgaier ist „Systemlieferant“ für die internationale Automobilindustrie und nimmt für sich in Anspruch, in der Blechumformung weltweit führend zu sein. Aus den Hallen von Allgaier kommen Werkzeuge, Pressteile, Komponenten oder Kraftstoffsysteme. Wer in ein Fahrzeug eines deutschen Pre-

mium-Herstellers einsteigt – sei es nun Audi, Mercedes, BMW, VW oder Porsche – kann sicher sein, dass da auch Allgaier drinsteckt. Beispiele gefällig? Im Geschäftsfeld „Presswerk“ etwa werden komplexe Außenhaut- und Strukturteile für die internationale Automobilindustrie produziert. Oder der „Karosseriewerkzeugbau“: Der Schwerpunkt liegt auf der Fertigung anspruchsvoller Karosseriewerkzeuge zur Fabrikation von Außenhautund Strukturteilen. Besondere Herausforderung ist der Einsatz neuer Werkstoffe, um das Fahrzeuggewicht zu reduzieren. Der Grund ist einfach: leichtere Autos verbrauchen weniger Kraftstoff. Mehr als 80 000 Tonnen Stahl und Aluminium (auf Lastwagen verteilt, würde sich daraus eine Schlange von 2000 40-Tonner-Trucks bilden) werden in Tochterunternehmen und Vertretungen in Deutschland, Frankreich, Mexiko und China verarbeitet. Sind aus dem Rohmaterial Teile für ein neues Auto entstanden, werden diese mit Hilfe exakt abgestimmter Logistik passgenau geliefert.

Internationalisierung Allgaier ist dort, wo die Kunden sind. Zum Beispiel in Mexiko. Dort wird 2011 Allgaier de Puebla gegründet. Nur eine kurze Distanz trennt den Autozulieferer von seinem Kunden, in diesem Fall Volkswagen. Doch bereits 1975 wird entschieden, das Unternehmen auch außerhalb Deutschlands zu positionieren. In Frankreich entsteht die erste Tochtergesellschaft (Ateliers d’Emboutissage de Faulquemont S.à.r.l.). Allgaier zeigt über Firmen oder -beteiligungen auch in China, Schweden, Indien, Spanien und den USA Präsenz. Dahinter steht die Philosophie,

Ausbildung Fördern und fordern: mit diesem Motto lässt sich die Ausbildung bei Allgaier in kurzen Worten skizzieren. Wer eine Lehre bei Allgaier macht, den erwarten neben klassischen Ausbildungsinhalten spannende zusätzliche Aufgaben und Projekte. „ALLGolino“ zum Beispiel: Dabei besuchen Auszubildende einen Kindergarten oder eine Grundschule und bringen Kindern Technik spielerisch nahe. Oder der seit 15 Jahren verliehene Schulpreis von Allgaier. Damit zeichnet das Unternehmen kreative Tüftler aus und will so die Begeisterung für Naturwissenschaft und Technik wecken. Und durch eine Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) und der Hochschule Ulm haben Studenten Gelegenheit, ihr theoretisches Studium mit Erfahrungen in der Praxis zu vertiefen. Reimund Abel

Allgaier-Group ALLGAIER WERKE GmbH Holding Deutschland

AUTOMOTIVE

Process Technology Der Fokus liegt auf dem Maschinen- und Apparatebau für die Verfahrenstechnik. Waschen, Trocknen, Kühlen, Sieben, Sortieren, Fördern: wo es um solche industriellen Anforderungen geht, kommt Allgaier ins Spiel. Die Kernmarken Allgaier, Mogensen, Gosag und Mozer haben wohlklingende Namen in der Branche, in mehr als 30 Ländern ist der Geschäftsbereich präsent. Für die Process Technology gilt dasselbe wie für den Geschäftsbereich Automotive: Allgaier ist überzeugt, hohe Qualität und höchste Leistungsfähigkeit zu vereinen. Diese Überzeugung wird auch zielbewusst vertreten. „Wir ermitteln die passende Maschine für die Produkte. Wenn es sie noch nicht gibt, dann bauen wir dem Kunden eine“, heißt es in einer Firmenbroschüre über den Geschäftsbereich Process Technology. Daraus spricht das Selbstbewusstsein eines Unternehmens, das jedes Jahr eine Vielzahl neuer Patente anmeldet. Auch das hätte sich Firmengründer Georg Allgaier damals, im Jahre 1906, so vermutlich nicht vorstellen können.

den eigenen Absatzmarkt sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU auszurichten.

PROCESS TECHNOLOGY

ALLGAIER Automotive GmbH Deutschland

ALLGAIER Process Technology GmbH Deutschland

Ateliers d‘Emboutissage de Faulquemont S.à.r.l. Frankreich

Mogensen GmbH & Co. KG

ALLGAIER DE PUEBLA S.A.P.I.

Fredrik Mogensen AB

Mexiko

Schweden

Allgaier Automotive Tool & Die (Beijing) Co., Ltd. China

Allgaier Mogensen S.A.U.

ALLGAIER Sachsen GmbH

ALMO Process Technology, Inc. USA

Deutschland

Deutschland

Spanien

MOZER Process Technology Pvt. Ltd. Indien


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Er führt seit 2008 als Vorsitzender der Geschäftsführung von Allgaier das 1800 Mitarbeiter starke Unternehmen: Helmar Aßfalg. Fotos: Mierendorf

„Wir orientieren uns an morgen“ L

Herr Aßfalg, Allgaier wird nächstes Jahr 110 Jahre alt und ist ein typisches schwäbisches Unternehmen, das ein Tüftler gegründet hat und das heute weltweit agiert. Wie wichtig ist vor diesem Hintergrund Tradition? Sie ist etwas ganz Wesentliches. Viele Mitarbeiter, die sehr lange dabei sind, identifizieren sich noch mit dem Allgaier-Schlepper, obwohl der seit 30 Jahren nicht mehr produziert wird. Da besteht eine hohe Identifikation. Auch ausgeschiedene Mitarbeiter, die in Rente sind, kommen immer wieder zu Treffen zusammen. Das bedeutet: bei Allgaier ist man nicht einfach draußen, sondern bleibt uns verbunden. Das Unternehmen holt sich daraus seine Ruhe. Wir wissen, dass wir eine breite Basis haben.

Ein typischer Mittelständler aus einer der wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands – das ist die Allgaier-Group. Weltweit aufgestellt, mit einem Schwerpunkt als Automobilzulieferer, darüber hinaus mit einem breiten Produktportfolio außerhalb der Kfz-Branche. Welche Herausforderungen sind zu bewältigen, um weiter Erfolg zu haben? Wie sehen die wichtigsten Weichenstellungen für die nächsten Jahre aus? Was wird unternommen, damit gut ausgebildetes Personal an Bord bleibt? Helmar Aßfalg, Vorsitzender der Geschäftsführung der Allgaier Werke GmbH, gibt im Interview Auskunft. den, das Unternehmen in einer schwierigen Lage neu zu strukturieren, hinsichtlich der Prozesse, aber auch hinsichtlich der Produkte. Aus jetziger Sicht würde ich sagen, wir haben einen Großteil richtig gemacht. Wir sind, was das Produktportfolio und die Wirtschaftlichkeit angeht, heute da, wo wir hingehören. Die ganze Mannschaft – und ich – ist stolz darauf, was da geleistet wurde.

Wie relevant ist für Sie als Vorstandschef Tradition im täglichen Prozess ökonomischer Entscheidungen? Wer stehen bleibt, hat bereits verloren, Da spielt Tradition keine große Rolle. heißt es. Wo sehen Sie Allgaier in fünf Wir orientieren uns an morgen, an tech- oder zehn Jahren? nologischen Herausforderungen. Ein Wir haben uns ganz klar vorgenomBlick zurück hemmt da nur. Wichtiger ist, men, dass wir im Jahr 2020 die Umsatznach vorne Ausschau zu halten, zu prü- marke von 500 Millionen Euro knacken. fen, was auf uns zukommt, was verändert Wir wollen beide Geschäftsbereiche – werden muss, um die Herausforderun- Automotive wie auch Process Technologen zu bestehen. Ein Vorgehen nach dem gy – weiterentwickeln und sehen in beiPrinzip „Das haben den Segmenten noch wir immer schon so großes Potenzial. „AUSBILDUNG GENIESST gemacht“ ist ein Fehler, der häufig EXZELLENTEN RUF“ Was macht Sie zugemacht wird. versichtlich, dass Sie die Marke von einer halben Milliarde Wie steht Allgaier heute wirtschaftlich Euro Umsatz schaffen? da? 2012 und 2013 waren keine einIm Bereich Automotive sind wir von fachen Jahre für Sie. den Kunden – in dem Fall die deutschen Wir sind sehr zufrieden mit der wirt- Premium-Hersteller – abhängig, davon, schaftlichen Situation. Natürlich haben wie erfolgreich sie ihre Produkte verkauwir – wie alle in der Branche – in der Kri- fen. Wenn die Autofirmen ihre Fahrzeuge se stark gelitten. Wir haben uns entschie- nicht an den Mann bringen, kann ich so viele Strategien entwickeln, wie ich will. Aber es sieht zurzeit gut aus. Die deutschen Hersteller haben hervorragende Verkaufszahlen. Daran partizipieren wir, weil wir auf die richtigen Technologien gesetzt haben. Beim zweiten Standbein Process Technology bieten wir interessante Produkte, die in den vergangenen Jahren weiterentwickelt wurden und die wir verstärkt in den Markt bringen. Firmen wie Allgaier profitieren von gut ausgebildeten Mitarbeitern. Was machen Sie besser als andere? Wir gehen fair miteinander um. Wir halten Regeln, die wir uns für den täglichen Umgang gegeben haben, konsequent ein. Hören Sie dafür auch Lob? Na ja, wir sind in Baden-Württemberg. Da heißt es ja, nedd gschimpft isch

gnug globt. Aber im Ernst: mein Eindruck ist, dass honoriert wird, wie am Standort Uhingen agiert wird. Das lässt sich mit Zahlen belegen. So erreichen uns pro Monat zwischen 90 und 100 OnlineBewerbungen. Das lässt den Schluss zu, dass wir einiges richtig machen. Wenn ich in der Produktion oder im Werk unterwegs bin, gewinne ich das Gefühl, dass wir zusammen auf einem guten Weg sind.

„WIR

Hintergrund ist, dass Lithium-IonenPackages in E-Autos sehr empfindlich sind. Einige der Fahrzeuge sind bereits in Brand geraten, da unkontrollierte chemische Reaktionen stattgefunden haben. Allgaier hat für Daimler und BMW Gehäuse gefertigt, die gewährleisten, dass dieses Fahrzeug nie wegen der Batterie brennen wird. Diese Technologie entstand aus unserer Kompetenz für komplizierte Umformverfahren, in diesem Fall SOLLTEN VON von Edelstahl.

Was tun Sie gegen DER POLITIK NICHT Fachkräftemangel? Wir haben kein ALLZU VIEL ERWARTEN“ Wie wichtig wird die Problem, junge MitElektromobilität? arbeiter zu finden. Allgaier richtet Die Ausbildung bei Allgaier genießt sich konsequent nach den Kundenwüneinen exzellenten Ruf. Im Umkreis unse- schen aus. Setzten die Automobilherstelres Unternehmens ist bekannt, dass eine ler andere Schwerpunkte, wird es für uns Berufsausbildung bei Allgaier ein ganz, notwendig, sehr schnell zu reagieren, um ganz wichtiger Baustein der beruflichen die Kunden darin unterstützen zu könKarriere ist. nen. Allgaier ist kein Hersteller von Elektromobilen, aber klar ist, die Fahrzeuge Lassen Sie uns auf den Bereich Auto- müssen leichter werden. Wir haben damotive eingehen. Was wird unternom- her einen Fokus auf Leichtbau gelegt und men, um die bestehende Abhängigkeit ein Verfahren zur Kaltumformung entals Automobilzulieferer abzufedern? wickelt, nämlich Variotempo. Ein VerfahMit einem Anteil von 70 Prozent am ren, das die Umformbarkeit von hochUmsatz ist Automotive das wichtigste festen Materialien deutlich verbessert. Es Geschäftsfeld. Es wäre illusorisch zu glau- ermöglicht den Kunden, das Gewicht der ben, das ließe sich verändern. Wir sind Autos spürbar zu reduzieren. Automobilzulieferer und werden das auch bleiben. Die Aufgabe lautet, sich so Mittelständler wie Allgaier haben groweiterzuentwickeln, dass wir dauerhaft ßes ökonomisches Gewicht, werden für die Kunden interessant bleiben. Wir aber nicht von der Politik wahrgenomhaben uns davon verabschiedet, eine so- men wie die Schwergewichte. Warum? genannte verlängerte Werkbank zu sein. Wir sollten nicht zu viel von der Politik erwarten. Ich bin schon froh, wenn Warum? die Rahmenbedingungen wenigstens Wäre das nicht passiert, wären wir bleiben, wie sie sind. Auch dazu kann ich heute im Wettbewerb mit Firmen in Ost- ein Beispiel geben: Wir leiden extrem europa, Asien oder wo auch immer aus- unter der Energiepolitik der vergangetauschbar. Wenn wir jedoch einen tech- nen Jahre. An unserem Standort in Franknologischen Mehrwert bieten, agieren reich bezahlen wir nur 50 Prozent der wir auf einem anderen Level und sind Stromkosten hierzulande. Ein entscheieben nicht so leicht austauschbar. dender Faktor. Da wir zum Teil energieintensive Produktionen haben, ging die E-Mobilität gilt als wichtiges Zukunfts- letzte Investition in unser Nachbarland. thema: Was macht Allgaier da? Ein weiteres Ärgernis ist die zunehmenIch nenne Ihnen konkrete Beispiele, de Regulierungswut. wo wir am Elektroauto von morgen mitarbeiten. Zum Beispiel wurde sehr Wie meinen Sie das? früh damit begonnen, Batteriegehäuse Wir wollen in Uhingen ein Verwalfür Plug-in-Hybridfahrzeuge zu bauen. tungsgebäude bauen. Uns wird inzwi-

Z U R P ER S O N Helmar Aßfalg Wichtige Stationen: 1960 in Tettnang geboren Studium zum Wirtschaftsingenieur an TU München und FH München 1990–1993 Projektleiter bei Müller Weingarten AG 1998–2003 Geschäftsbereichsleiter Produktion Müller Weingarten AG 2003–2006 Vorstand für die Ressorts Konstruktion, Materialwirtschaft und Produktion bei Müller Weingarten AG 2007 bis heute Geschäftsführer Allgaier Werke GmbH 2008 bis heute Vorsitzender der Geschäftsführung Allgaier Werke GmbH

schen nicht nur vorgeschrieben, eine bestimmte Zahl Fahrradabstellplätze mit speziellen Fahrradständern anzubringen, sondern auch die Ausführung. Ihr Vertrag als Vorsitzender der Geschäftsführung läuft noch bis Juni 2016. Wollen Sie weitermachen? Die Arbeit hier macht mir nach wie vor sehr großen Spaß. Im Laufe dieses Jahres werden wir entscheiden, ob der Vertrag verlängert wird. Die Aufgabe eines Vorsitzenden der Geschäftsführung ist jedoch, dafür zu sorgen, dass der wirtschaftliche Erfolg nicht an einer Person festzumachen ist. Es müssen Strukturen etabliert und eine Strategie geschaffen werden, die unabhängig von einem Menschen funktionieren. Ohnehin sollte man sich selbst nicht allzu wichtig nehmen. Die Fragen stellte Reimund Abel.


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Begutachtung eines im Variotempo-Verfahren gefertigten Schiebedachrahmens Foto: Allgaier

Die Revolution im Verborgenen L

Pizzabäcker sind Künstler. Mit einer Leichtigkeit wirbeln sie den Teig über ihre Hände und formen aus einem Klumpen einen flachen Boden. Wenn Michael Wolf die neueste Innovation in der Blechbearbeitung erklärt, dann macht er Anleihen beim Pizzabäcker. Wolf ist gelernter Werkzeugmacher und seit fast 30 Jahren bei der Allgaier-Group. Er arbeitet als Methodenplaner in der Konstruktionsabteilung des Unternehmensbereichs Automotive, in dem unter anderem Presswerkzeuge für die Herstellung von Fahrzeugteilen entwickelt und gefertigt werden. Experten wie Wolf tüfteln bei Allgaier immer wieder an neuen Techniken, um ihren Kunden noch mehr Innovation zu bieten. Das neue, „Variotempo“ genannte, Verfahren für Kaltumformung ist so ein Beispiel dafür. Ein Team junger Ingenieure brütete mehr als vier Jahre an der Technologie. Ziel war es, Blech oder Stahl in einer Art und Weise zu verarbeiten, die zuvor als technisch nicht realisierbar galt. Helmar Aßfalg, Vorsitzender der Geschäftsführung der AllgaierGroup, war daher skeptisch, ob die Truppe Erfolg haben würde. „Was meine Mitarbeiter vorhatten, widersprach allem, was dazu in den Lehrbüchern steht“, sagt er. Geschafft haben sie es dennoch, mit einigen vergleichsweise einfachen Kunstgriffen. Der gewünschte Prozess wurde

Mit Variotempo hat der Zulieferer Allgaier ein neues Pressverfahren für die Automobilindustrie entwickelt. Es ermöglicht, sehr komplexe Blechgeometrien in nur einem einzigen Arbeitsgang zu erzeugen. Variotempos Serienreife ist inzwischen belegt. Die Verantwortlichen bei Allgaier gehen davon aus, dass das Umformverfahren Einschränkungen beseitigen kann, mit denen Automobilhersteller bei etablierten Pressverfahren derzeit leben müssen. zunächst mit Hilfe von Simulationen nachgestellt, erst danach wagten es die Tüftler, ihre Ideen mit realen Bauteilen zu überprüfen. Die laut Lehrmeinung zu erwartenden Risse in den Blechen oder Stählen blieben aus. Kein Wunder, dass Aßfalg Variotempo eine „Revolution in der Kaltumformung“ nennt.

BLECHE ALS AUSGANGSMATERIAL Allgaier ist einer der wichtigsten Zulieferer für deutsche Kfz-Hersteller. Das Ausgangsmaterial für Pressteile, wie sie im Automobilbau und bei Allgaier Verwendung finden, sind dünne Platten aus metallischen Legierungen, kurz „Bleche“ genannt. Mit Hilfe von Presswerkzeugen entsteht daraus in mehreren Arbeitsschritten das gewünschte Bauteil. Und das geht so: auf einer exakt gefertigten Negativform, Werkzeug genannt, liegt ein geeignetes Blech, auf das von oben ein sogenannter Stempel, die Positiv-

form, mit großer Kraft gleichmäßig herunterdrückt. Das Blech nimmt dadurch die Kontur des Werkzeugs an. „Das funktioniert, weil sich Blech plastisch verformen lässt“, erklärt Wolf. Es gibt verschiedene Bleche: feste, harte, die sich schlecht verformen lassen und daher schnell reißen, und weiche, die sich besser verformen lassen. Übertragen auf den Pizzabäcker ist der Teig das Blech, und die Hände sind Presswerkzeug und Stempel, die den Teig in die gewünschte Form bringen. „Und so wie es beim Formen des Teigs Stellen gibt, die unterschiedlich stark belastet werden, etwa an einer Fingerspitze, so ist es auch beim Pressen eines Blechs“, erklärt Wolf. Muss ein Blech in der Presse an einer Stelle ziemlich stark verformt werden, treten dort sehr große Kräfte auf, so dass das Blech dort reißen kann. Das ist der Grund, warum sich mit Pressen nicht beliebige Blechgeometrien erzeugen lassen – trotz ständiger Weiterentwicklungen bei Material und Technologie. Besonders ärgerlich für jemanden

wie Wolf ist, dass auf große Bereiche des Blechs in der Presse nur sehr geringe Kräfte wirken: „Wir können also die Reserven eines Blechs beim Pressen womöglich nicht voll ausschöpfen, weil wir auf die Stellen mit den hohen Belastungen Rücksicht nehmen müssen.“

PATENTIERTE TECHNOLOGIE Doch die Branche war nicht untätig. Eine seit Längerem existierende Lösung ist das zweistufige Verformen des Blechs: Zunächst werden die Bereiche um die neuralgischen Stellen in der Presse leicht verformt. In einer zweiten Presse entsteht dann erst die Endgeometrie des Blechs. Beim Pizzateig würde also zunächst kein einzelner Finger, sondern die Faust den Teig nach oben drücken. Im zweiten Schritt könnte der Pizzabäcker dann mit dem einzelnen Finger weiterdrücken, ohne dass der Teig so leicht reißt, weil er ja bereits etwas in die rich-

tige Richtung verschoben wurde. Bezogen auf das Blechpressen erfordert das zwei Werkzeuge, zwei Stempel und zwei Arbeitsgänge. Variotempo kommt dagegen mit einem Werkzeug, einem Stempel und einem Arbeitsgang aus. 2012 hat sich das Unternehmen die Technologie patentieren lassen und in der Branche damit für Aufsehen gesorgt. Wie gut Variotempo in der Praxis funktioniert, hat das Uhinger Unternehmen inzwischen bewiesen. Ein deutscher Automobilhersteller aus dem PremiumSegment hat das Verfahren bereits in seriennahen Prototypen erprobt. „Die Ergebnisse waren voll überzeugend“, sagt Wolf. So konnte bei einem Federtopf das Gewicht um 37 Prozent reduziert werden, ein Schiebedachrahmen bringt 27 Prozent weniger auf die Waage als das Vorgänger-Bauteil. Alles das ohne Einbußen in der Qualität. „Die Bauteile haben die Feuertaufe bestanden“, sagt Aßfalg. Mittlerweile könne Variotempo in der Serienfertigung eingesetzt werden. Das ist deshalb wichtig, da Bauteile mit immer komplexeren Geometrien ein Trend in der Automobilindustrie sind. Deshalb ist man bei Allgaier optimistisch, dass Variotempo weitere Verbreitung finden wird. Fahrzeughersteller können wählen zwischen einer Teilefertigung bei Allgaier oder einer Lizenz, um selbst mit Variotempo produzieren zu können. mv

Beitrag zum Abspecken Fahrzeuge müssen leichter werden, um auch künftig die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen – Variotempo von Allgaier hilft dabei.

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Der Automobilbau der Zukunft ist zur Leichtigkeit verdammt. Energieverbrauch und CO2-Ausstoß sollen bei Fahrzeugen weiterhin deutlich sinken; gleichzeitig nimmt das Fahrzeuggewicht durch zusätzliche elektronische Komponenten für Komfort und Sicherheit stetig zu. Jeder würde gerne das viel beschworene Drei-Liter-Auto fahren, aber auf Infotainment-System, Airbag und ABS will deswegen keiner verzichten. Das Fahrzeuggewicht ist jedoch einer der maßgeblichen Faktoren auf dem Weg zu Autos, die Ressourcen stärker schonen. Mehr Gewicht heißt zwangsläufig mehr Verbrauch. Einen Ausweg aus diesen sich widersprechenden Anforderungen bietet der

Leichtbau. Leichtbau bedeutet, dass massive Teile künftig mit weniger Material auskommen, aber gleichzeitig noch dieselbe mechanische Beanspruchung aushalten wie bislang. Weil die Elektronik im Auto also schwerer wird, soll die Mechanik leichter werden. Leichtbau heißt auch, dass dort, wo bislang mehrere Bauteile Verwendung finden, künftig nur ein – dann jedoch deutlich komplexeres – Bauteil genügen soll. So entfallen Verbindungsstellen und Verbindungstechnik, was wiederum Gewicht einspart. Eine Studie des Instituts für

Kraftfahrzeuge der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen hat zum Beispiel ergeben, dass sich bei einem Mittelklasse-Pkw rund 40 Kilogramm an Gewicht allein durch eine Reduktion der Masse von Massivbauteilen

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in Antriebsstrang und Fahrwerk einsparen ließen. 40 Kilogramm klingen zunächst nicht nach viel, aber der Leichtbau, das ist ein Feilschen um jedes Gramm – natürlich nicht nur, wenn es um Antriebsstrang und Fahrwerk geht, sondern auch bei der Karosserie. Leichtere Bauteile erfordern jedoch auch neue Fertigungsprozesse – und hier kommt die von Allgaier entwickelte Umformtechnologie Variotempo ins Spiel. „Mit diesem Verfahren können wir aus zwei Bauteilen, deren Geometrien bislang zu komplex waren, um sie in einem Arbeitsschritt in der Presse herzustellen, eines machen“, sagt Michael Wolf, der Methodenplaner in Allgaiers Konstruktionsabteilung im Unternehmensbereich Automotive ist. Einmal pressen statt zweimal. Kein Verbinden der beiden Teile durch Schrauben, Schweißen oder Kleben. Keine doppelte Logistik, um die beiden Teile genau rechtzeitig in der genau richtigen Reihenfolge ans Band beim Fahrzeugher-

steller zu liefern. „Und man kann mit Variotempo einfach mehr aus einem Blech herausholen, also mit dünneren Blechen arbeiten“, so Wolf weiter, „denn die Dicke eines Blechs ist der entscheidende Faktor für das Gewicht eines Bauteils.“

KNAPP 30 PROZENT GEWICHTSEINSPARUNG Insgesamt lässt sich mit Variotempo also bei Material, Logistik und Fertigung sparen. Was das zum Beispiel hinsichtlich der Materialeinsparung bedeuten kann, illustriert Wolf mit einem Beispiel aus der Praxis: „Mit Variotempo konnten wir ein Bauteil für den Bereich des Fahrzeugdachs fertigen, das nur noch vier Kilogramm wog. Zuvor waren es fünfeinhalb Kilogramm.“ Trotzdem bestand das gezielt abgespeckte Bauteil klaglos alle Tests. Vier statt fünfeinhalb Kilogramm, knapp 30 Prozent Gewichtseinsparung also – wenn das kein Bewerbungsschreiben für den Leichtbau ist. mv


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Verfahrenstechnik von Allgaier ermöglicht im industriellen Maßstab das Sieben, Waschen, Trocknen, Kühlen und Sortieren. Foto: Allgaier

Fürs Grobe und fürs Feine L

Was haben Kies, Vogelfutter, Tabletten, Zucker und Toner gemeinsam? Alle Materialien müssen während ihres Herstellungsprozesses irgendwann gesiebt werden. Möglicherweise mit Technologien, die aus dem Hause Allgaier stammen. „Das Sieben ist eigentlich trivial“, sagt Klaus Hardt, der als Geschäftsführer der Allgaier Process Technology GmbH für den operativen Bereich verantwortlich zeichnet. „Die Kunst besteht kurz gesagt darin, das Siebgitter möglichst frei zu halten“ – frei von den größeren Teilen, die nicht durch die Löcher des Siebs fallen können und diese blockieren. „Je besser das gelingt, desto höher ist der Durchsatz“, so Hardt. Händisch schaffen das ja schon kleine Kinder im Sandkasten recht gut, aber im industriellen Maßstab bedarf es dafür viel Knowhow. Bei Allgaier hat das Sieben eine jahrzehntelange Tradition, denn die sogenannte Taumelsiebmaschine, eine Allgaier-Erfindung, ist bereits in den 1960er Jahren als Nebenprodukt aus dem Landmaschinenbau entstanden. „Mit unseren Technologien können wir sowohl grobes Gestein sieben, dessen Bruchstücke faustgroß sind, als auch sehr feines Pulver, dessen Körner nur noch vier hundertstel Millimeter messen und das zum Beispiel als Tonerpartikel in Laserdruckern Verwendung findet“, verdeutlicht Hardt die Spanne der Möglichkeiten. Hardt unterscheidet zwischen grobkörnig, feinkörnig und pulverförmig. Ein feinkörniges Schüttgut besteht aus

Neben der Automobilindustrie hat die Allgaier-Group ein zweites Standbein: die Verfahrenstechnik. Waschen, Trocknen, Kühlen, Sieben, Sortieren – das Unternehmen liefert in diesem Bereich Basistechnologien für viele Branchen von der Chemie- und Pharmaindustrie über die Nahrungsmittelbranche bis zum Bergbau und der Holzindustrie. 6000 Kunden in mehr als 30 Ländern setzen auf Verfahrenstechnik von Allgaier. Einzelteilen, die höchstens einen Durchmesser von zwei Millimetern haben, bei einem pulverförmigen Schüttgut sind die Einzelteile sogar kleiner als ein halber Millimeter. So unterschiedlich wie die gewünschte Körnung ist, so vielfältig sind die Branchen, in denen gesiebt werden muss: Chemie und Pharma, Nahrungs- und Futtermittel, Abfall und Recycling, Bergbau und Metallurgie, Holz, Keramik und Kunststoffe sowie Steine und Erden.

OHNE SIEBTECHNIK KEINE TABLETTEN Kieselsteine nach Größen sortiert oder Sande unterschiedlicher Körnung sind zwei eher triviale, weil naheliegende, Beispiele dafür. Dagegen dürfte schon mehr überraschen, dass gesiebter und danach gemahlener Kalkstein in so unterschiedlichen Produkten wie Lebensmitteln, Kosmetika oder Papier zu finden ist. Selbst pulverförmige Materialien, die in der Pharmabranche zu Tabletten gepresst werden, profitieren vom Sieben: Wenn die Materialien zu unter-

schiedliche Korngrößen aufweisen, dann brechen die Tabletten zu leicht auseinander. Bei der Limonadenherstellung wiederum muss sich die zugesetzte Zuckermenge innerhalb einer bestimmten Verarbeitungszeit vollständig auflösen können. Das klappt jedoch nur, wenn die Zuckerkörner einen relativ geringen Größenunterschied von wenigen Zehntelmillimetern haben. Im Lauf der Jahre hat Allgaier durch Firmenübernahmen sein Knowhow sowohl beim Sieben als auch bei den vorund nachgelagerten Prozessschritten deutlich ausgeweitet. Besonders hervorzuheben ist hierbei das umfassende Programm an industriellen Trocknern, das in gleicher Weise für Anwendungen aller Branchen zum Einsatz kommt und in vielen Fällen die Produkte vorbearbeitet, die im nachgeschalteten Prozess gesiebt werden. Vor allem trifft das auf die Pulver und Produkte in der Pharma- und Lebensmittelindustrie zu. Typisch ist diese Abhängigkeit aber auch bei den Spachtelmassen und Fliesenklebern, die in Tüten verpackt im Baumarktregal liegen und bei denen Sand oder Gips zunächst getrocknet, danach gesiebt und nach

weiteren Verfahrensschritten schließlich verpackt werden. Allgaiers Verfahrenstechnik umfasst heute Maschinen für das industrielle Waschen, Trocknen, Kühlen, Sieben und Sortieren. Organisatorisch ist die Verfahrenstechnik in der Allgaier Process Technology GmbH zusammengefasst, die neben der Automobilbranche das zweite Standbein der Allgaier-Group bildet. Dem Geschäftsfeld Processing Technology gehören rund 320 Mitarbeiter an, gut die Hälfte von ihnen am schwäbischen Firmensitz. Neben einem Unternehmen in der Nähe von Hamburg gibt es weitere Tochtergesellschaften in Schweden, Spanien und den USA – das Geschäft ist international ausgerichtet. Der Umsatzanteil der Verfahrenstechnik am Gruppen-Umsatz liegt bei etwa 25 Prozent mit einem Exportanteil von mehr als 70 Prozent. Da die Allgaier-Produkte quasi einer Basistechnologie gleichkommen, ist die Zahl der Kunden, die auf das verfahrenstechnische Knowhow des Unternehmens zurückgreifen, entsprechend hoch: Es sind 6000 Kunden in mehr als 30 Ländern. „In der Verfahrenstechnik gehören

se unter 70 Grad. Anschließend muss sie reifen, der Fachmann spricht von Konditionierung. „Das kann man sich ähnlich wie bei einem Brotteig vorstellen“, erklärt Trojosky. Dann wird die nun schon pulverförmige Kartoffelmasse in einer zweiten Trocknungsstufe mit einem heißen Luftstrom stark verwirbelt. Das geschieht innerhalb von wenigen Sekunden – und trotzdem verliert das Kartoffelpulver dabei bereits den Großteil seiner Feuchte. „In diesem Stadium kann

unsere Anlage auch unerwünschte Partikel, etwa die Kartoffelaugen, aussortieren“, ergänzt Trojosky. Während dieser Trocknungsschritt also sehr rasch abläuft, dauert die nächste Trocknungsstufe mit etwa einer halben Stunde deutlich länger, und zwar bei wesentlich niedrigerer Temperatur, damit die Qualität des Kartoffelpulvers nicht leidet. Mit dieser schonenden Trocknung lässt sich die Restfeuchte des Kartoffelpulvers von 10 bis 15 Prozent erreichen. Aber das Pulver ist immer noch zu warm. Zunächst wird es gesiebt, um gröbere Teile auszusortieren, und gelangt anschließend in eine Kühlstufe, in der es mit kalter Luft angeblasen wird, bis die Temperatur des Pulvers auf 20 Grad gesunken ist. Zum Schluss wird das Pulver nochmals fein gesiebt. „Die Größe der verbleibenden Körner liegt dann unter einem Zehntelmillimeter“, sagt Trojosky. Nun lässt sich die Rohware verpacken und an die Hersteller der Kartoffelchips und weitere Abnehmer liefern. Weltweit. Kartoffelchips sind jedoch nur ein besonders anschauliches Beispiel und bei weitem nicht die einzige Anwendung, bei der Trock-

wir im weltweiten Vergleich zu den führenden Anbietern“, sagt Hardt. Innerhalb des Unternehmens hat sich der Umsatz mit dem Trocknerprogramm deutlich stärker entwickelt, nicht zuletzt, weil sich Allgaier durch die Abdeckung weiterer Verarbeitungsschritte vom Maschinen- zum Anlagenbauer wandelt. „Hier sehen wir eine große Chance für weiteres Wachstum, weil unsere Kunden zunehmend Lösungen statt Maschinen kaufen wollen“, so Hardt.

GROSSPROJEKT IN SÜDAMERIKA Ein Vorzeigeprojekt, das noch in diesem Jahr in den Regelbetrieb gehen wird, ist eine Anlage in Argentinien zur Verarbeitung von Sand, der für das Fracking eingesetzt wird. „Waschen, Trocknen, Sieben – die gesamte Technologie in einem Gesamtwert von acht Millionen Euro kommt von uns“, sagt Hardt. „Das anspruchsvolle Projekt wird von den Ingenieuren der Trocknungsabteilung gemanagt und ausgeführt.“ Ein weiteres Wachstumsfeld sieht der Geschäftsführer im Bereich der optischen Sortierung. „Bislang spielt sie vor allem beim Recycling eine Rolle, etwa bei Altglas“, so Hardt. „Aber wir sehen auch in anderen Branchen viel Potenzial, etwa um seltene Rohstoffe aus großen Gesteinsmengen umweltfreundlich und kostengünstiger zu extrahieren.“ mv

In jeder zweiten Tüte Das Knowhow von Allgaier sorgt für die schonende Herstellung von Kartoffelpulver – Voraussetzung für hochwertige Kartoffelchips.

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Kartoffelchips sollen schön kross schmecken, wenn man sie in den Mund steckt. Dass dem so ist, dazu tragen auch Technologien von Allgaier bei. Dr. Mathias Trojosky, Bereichsleiter Trocknung im Unternehmen, schätzt, dass „in Deutschland in jeder zweiten Chipspackung Knowhow von Allgaier steckt“. Dass das Kartoffelpulver, aus dem die Chips hergestellt werden, genau die richtige Feuchte, Feinheit und Qualität hat, dafür sorgen nämlich bei einem der großen Kartoffelverarbeiter Trocknungs- und Siebverfahren des Uhinger Unternehmens. Die Technologie von Allgaier kommt ins Spiel, nachdem die Kartoffeln gewaschen, geschält und gegart worden sind. „Sie liegen zu diesem Zeitpunkt als ein rund 90 Grad heißer Kartoffelbrei vor“, sagt Trojosky. „Der Kartoffelverarbeiter will seinen Kunden, den Herstellern der Chips, jedoch ein

sehr feines, homogenes Kartoffelpulver liefern.“ Damit das funktioniert, muss die anfänglich in der Kartoffel vorhandene Feuchte von 75 Prozent durch Trocknung auf 15 bis 20 Prozent sinken, ohne dass das Pulver dabei an Qualität verliert. Gleichzeitig muss die Temperatur der heißen Masse auf Umgebungstemperatur sinken. „Die Stärke im Kartoffelpulver darf dabei nicht modifiziert werden, sonst wird das Pulver klebrig“, so Trojosky. Das verhindert Allgaiers Technologie. Zunächst wird der Kartoffelbrei für einige Minuten in einer ersten Trocknungsstufe homogen mit Luft durchströmt. So sinkt die Temperatur der Mas-

Foto: Volff/Fotolia

nungs-, Sieb- und Kühltechnologie von Allgaier zum Einsatz kommt. Mineralstoff-, Chemie-, Düngemittel- und Recyclingindustrie sind Beispiele für Branchen, die Bedarf an solchen Verfahren haben – oft als Komplettlösung, die aus zahlreichen einzelnen Aggregaten besteht. „Bei allen Anwendungen geht es darum, dass die jeweils verwendeten Materialien letztlich die richtige Feuchte und Korngröße aufweisen“, sagt Trojosky. „Das bestmöglich zu erreichen, dabei helfen wir unseren Kunden mit unserem Knowhow.“ mv

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Christine Gnädig, Allgaier Werke GmbH, Adresse s. o.

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