Page 1

Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 4 | 2016

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Technische Textilien Textilbranche wandelt sich zum gefragten Zulieferer. SEITEN 1 – 8

Wirtschaft & Karriere Psychologin Thordis Bethlehem erläutert das Für und Wider von Feel­Good­Managern. SEITE 10

Kreativwirtschaft

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Eine unterschätzte Branche im Südwesten SEITEN 18, 19, 23 – 26

Textilhersteller in neuem Gewand Bei Textilien denken die meisten an Bekleidung, nicht aber an Airbags, Reifen, Stadiondächer oder Gefäßprothesen. Doch solche Materialien sind der Wachstumsmotor der Branche, die innovativ ist, aber ein verstaubtes Image hat. Von Imelda Flaig

Technologietransfer

4 198763 903204

16004

T

extile Hightech­Werkstoffe sind in vielen Anwendungen des all­ täglichen Lebens zu finden – in der Autoindustrie, in der Um­ welttechnik, in der Luftfahrt, im Energiesektor oder im Medizinbereich. „Technische Textilien sind der Wachstums­ motor der deutschen Textilindustrie“, sagt Stefan Schmidt vom Fachverband Techni­ sche Textilien (IVGT) mit Blick auf die viel­ fältigen Eigenschaften. Den Gesamtmarkt in Deutschland, dem Weltmarktführer bei technischen Textilien, beziffert er auf knapp 6,7 Milliarden Euro Umsatz. Schwerpunktzentren sind der Südwes­ ten, Nordrhein­Westfalen und Südsachsen, wo die Textilindustrie Tradition hat. „Wir sind in Baden­Württemberg super aufge­ stellt und im bundesweiten Vergleich ganz vorn“, sagt auch Bodo Bölzle, Präsident des Branchenverbands Südwesttextil, im Interview mit unserer Zeitung. Technische Textilien machen hier gut 50 Prozent der Textilproduktion aus, wobei der Automo­ bilbau die wichtigste Abnehmerbranche ist. Auch in der Bauindustrie gewinnt die Textiltechnik an Bedeutung. In Albstadt auf der Schwäbischen Alb etwa steht die längste Textilbeton­Brücke der Welt. Sie ist

wetterfest, im Gegensatz zu Stahlbeton korrosionsbeständig auch bei häufigem Streusalzeinsatz. „Die Textilbranche hat aus der Not he­ raus eine Nische gefunden“, sagt Bölzle. Einstige Hochburgen der klassischen Tex­ tilindustrie sind Zulieferer für andere Branchen geworden – das gilt für Stoffhersteller genauso wie für Garnproduzenten oder Nähnadel­ spezialisten. Beispiele gibt es viele: Global Safety Textiles in Maulburg am Rhein, einstiger Seidenbänder­ produzent, ist heute Weltmarkt­ führer für Airbaggewebe. Neue Technologien und Ver­ fahren sind der Treiber der Branche. Fasern, egal ob natürlich oder chemisch erzeugt, sind der Rohstoff für neue Produkte, die alte ersetzen oder ganz neue Anwendungsmöglichkeiten und Märkte eröffnen. Beispiel Carbonfasern: Sie gelten heute als Inbegriff des Leicht­ baus, was vor allem im Flugzeug­ und Auto­ mobilbau immer wichtiger wird, um Ge­ wicht zu reduzieren, Sprit und Emissionen zu sparen. Gleichzeitig ist Carbon ein hoch­ fester Werkstoff. Die A380 und der Boeing­ Dreamliner bestehen etwa zu mehr als 50

Prozent aus textilen Werkstoffen. Auch der BMW i3 ist dafür ein Beispiel. Neue An­ wendungen bedeuten neue Herausforde­ rungen: Um ein Produkt mit den erwünsch­ ten Eigenschaften herzustellen, müssen die Fasern irgendwie zusammengefügt werden – zum Beispiel zu Garn gesponnen, das dann verwoben, verstrickt, ge­ tufft oder gefilzt und dann noch be­ handelt wird. „Bei technischen Textilien geht es um Querschnittstechnologien“, sagt Schmidt. Gerade im Südwes­ ten profitieren die Firmen von Clustern, die Unternehmen aus verschiedenen Branchen zu­ sammenbringen und sich gegen­ seitig befruchten, von Hochschulen und den Forschungsinstituten in Denkendorf und Hohenstein, die auf dem Gebiet der technischen Textilien führend in Europa sind. Doch die Textilbranche leidet unter einem rückständigen Image. Bei jungen Leuten gelte sie nicht gerade als sexy, sagt Bölzle. „Wir suchen dringend Nachwuchs.“ Kaum einer ahnt wohl, dass man als Tex­ tilingenieur heute tendenziell eher beim Flugzeugzulieferer landet als beim Hem­ denproduzenten.

Kreative Firmen pochen auf ihre Rolle Die Kreativbranche stand im Mittelpunkt eines Round­Table­Gesprächs für das In­ novationsportal IdeenwerkBW.de für die Wirtschaftszeitung. Die Teilnehmer haben selbstbewusst über die in den vergangenen Jahren wichtiger gewordene Rolle der Firmen aus der Animations­ und Werbe­ branche, über Kreativagenturen und die Szene insgesamt für die Stadt Stuttgart gesprochen.

In einem Standortporträt wird diesmal der Gründerstandort Ulm beleuchtet, da­ neben stehen wieder kreative Start­ups und innovative Mittelständler im Mittel­ punkt, die Telefonwarteschleifen verkür­ zen beziehungsweise Feuerwehrleuten per Handschuh wichtige Temperaturinforma­ tionen übermitteln. age


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Inhalt Interview

„Wir sind super aufgestellt“ Südwesttextil­Verbandspräsident Bodo Bölzle sieht gute Zukunftsperspektiven bei Highttech­Textilien. SEITE 3

Anwendungsbeispiele

Fasern als Innovationstreiber Sie sind nicht im Bewusstsein, prägen aber den Alltag – egal ob im Auto, im Flugzeug oder in Bauwerken. SEITEN 4, 5

Strukturwandel

Hightech soll Rettung bringen Die Krisenzeiten sind vorbei. Textil – das bedeutet auch eine künstliche Haut für Verbrennungsopfer. SEITE 6

Baumaterial

Textile Betonbrücke Mit Textilbeton können Brücken für Radfahrer und Fuß­ gänger länger halten. SEITE 7

Coaching

Geduld zählt mehr als Effizienz Wer in China erfolgreich sein will, muss manche Manager­ Weisheit über Bord werfen. SEITE 9

Finanzen

Das Gesamtpuzzle muss stimmen Bei der Vermögensnachfolge müssen familiäre und unter­ nehmerische Aspekte berücksichtigt werden. SEITE 11

Arbeitsrecht

Wer trägt das Wegerisiko? Wer wegen höherer Gewalt wie Über­ flutung zu spät kommt, den bestraft im Zweifel das Arbeitsrecht. SEITE 12

Fragebogen

Der Extrovertierte Bedingungsloser Einsatz und das Quäntchen Glück gehören für Südwestbank­Chef Wolfgang Kuhn zum Erfolg. SEITE 14

Ulrike Möller

Werner Sobek

Die Netzwerkerin

Der Leichtbauexperte

„Ich kenne keine innovativere Bran­ che als die Textilindustrie“, sagt Ulri­ ke Möller. Die Bekleidungstechnike­ rin, die vor 26 Jahren bei Gerry Weber ihre Berufslaufbahn begonnen hat, kennt die Branche von der Pike auf, weiß um den dramatischen Aderlass der vergangenen Jahre wegen der Bil­ ligkonkurrenz aus Asien. Doch ihr wird nicht bang. Sie schwärmt von in­ telligenten Fasern und textilen High­ tech­Werkstoffen, die in Autos, Flug­ zeugen oder Bauwerken genauso zu finden sind wie in der Matratze, im Windrad oder als Implantat in der Medizintechnik. Bei Ulrike Möller laufen die Fäden zusammen. Sie bringt Textiler und

Unternehmen aus anderen Branchen an einen Tisch. Die 43­Jährige ist Netzwerkmanagerin der AFBW, der Allianz faserbasierter Werkstoffe Ba­ den­Württemberg, einer Plattform für Technologietransfer rund um die Faser. Hier können sich Firmen bran­ chenübergreifend austauschen. Mitt­ lerweile hat das Netzwerk rund 130 Mitglieder, darunter auch Einrich­ tungen aus Forschung und Wissen­ schaft. Für viele Firmen fungiert Möl­ ler als Türöffner. Es gehe auch um das Erkennen und Aufspüren neuer Wertschöpfungsketten, um die Bran­ che voranzubringen, sagt sie. Denn die textilen Hightech­Werkstoffe sind ein Wachstumsmotor. imf

„Was mich an Stoff als Baumaterial fasziniert?“ Werner Sobek, weltweit agierender Leichtbauexperte, nimmt einen Stift und zeichnet drei Bögen übereinander. „Die unendlichen Möglichkeiten“, sagt er. „Die Möglich­ keit etwa, einen Flughafen zu bauen, in dem man auf künstliches Licht fast gänzlich verzichten kann und der auch klimatisch beste Ergebnisse bringt.“ In Bangkok hat der 1953 in Aalen geborene Sobek, in Stuttgart Leiter des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren der Uni­ versität Stuttgart, das gesamte Dach des 2006 eröffneten Flughafens mit Stoff überspannt. 3,2 Kilometer misst die Fläche, jeweils 50 Meter die ein­

zelnen Stoffbahnen, in 30 Zentimeter Abstand sind die drei Materiallagen angebracht. „Schon seit dem 2. Semester als Student fasziniert mich dieses Mate­ rial“, sagt Sobek. Mit seinem eigenen Büro mit Niederlassungen in Stutt­ gart, Frankfurt, London, Moskau, New York und Dubai leistet Sobek Pionierarbeit. „Wir haben“, sagt der auch auf dem Gebiet der Green Technology führende Architekt und Ingenieur, „den Charme des gefalte­ ten Stoffes in das Bauen zurück­ gebracht.“ Was mit diesem Material möglich ist? „Alles“, sagt Sobek, „eines Tages auch eine komplette Hochhausfassade.“ nbf

Macher einer innovativen Branche Sie denken Stoff neu. Für textile Materialien eröffnen sich immer neue Anwendungsmöglichkeiten. Das ist wichtig für das Überleben der Branche. Wir stellen einige Macher vor, die auf unterschiedlichen Gebieten Innovationstreiber sind.

Porträts

Wirtschaftsethik Fotos: AFBW, Mattes&Ammann, Rösch Fashion, Südwesttextil, Lichtgut/Leif Piechowski

Der moralische Kapitalist Eine Wirtschaft ohne Moral erstickt an sich selbst und am Egoismus einiger weniger Profiteure. SEITE 15

Interview

„Nicht jede Verlagerung lohnt sich“ Berater Brun­Hagen Hennerkes rät, Steuervorteile zu nutzen, aber der Betriebswirtschaft den Vorrang zu geben. SEITE 16

Generation Y

Anspruchsvoll und wechselbereit Der Job muss Erfüllung bringen: So lautet das Mantra junger Berufseinsteiger. SEITEN 21, 22

Werbung

Die Kunst des Storytelling Kreative Werbung überschreitet Grenzen, sagt der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. SEITE 24

Unternehmen als Marke

Eine Geschichte, nicht nur ein Logo Anbieter wie Nike oder Google haben es geschafft: Sie haben so etwas wie eine visualisierte Identität. SEITE 25

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen Wirtschaft in Baden­Württemberg? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E­Mail an redaktion@wirtschaft­in­bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Peter Haas

Christoph Larsén­Mattes

Arnd­Gerrit Rösch

Der Tausendsassa

Der Innovationsfreudige

Der Umtriebige

Peter Haas, ein Ex­Metaller aus dem Norden, ver­ tritt seit Februar als Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands Südwesttextil die Interessen von rund 200 Textil­ und Bekleidungsfirmen im Land. Er ist von der Vielfalt der Branche angetan und will ihr neues Gehör verschaffen. „Textil ist ja nicht nur, was wir auf der Haut tragen“, schwärmt der 45­Jährige, schließlich stecke Textil überall im Auto, in der Medizintechnik und spiele selbst beim Bauen eine zunehmend wichtige Rolle. Textil sei das neue Metall, sagt er sogar, wenn er an Bauten aus textilem Beton denkt. Baden­Württemberg gilt als Deutschlands stärkster Textilstandort – nicht zuletzt, weil hier Unternehmen entlang der ge­ samten textilen Wertschöpfungskette angesiedelt sind. Von der Spinnerei bis zum Airbag­Hersteller. Vor seinem Wechsel zu Südwesttextil war der zweifache Familienvater Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Nordmetall und verantwort­ lich für die Bereiche Wirtschaftspolitik, Kommu­ nikation und Mitgliedermanagement. Zugleich führte er die Geschäfte einer verbandseigenen Kommunikationsagentur und war Sprecher des ersten Arbeitgebernetzwerks der Windkraft­ industrie „Nordwindaktiv“. imf

Der 57­jährige Textilunternehmer mit schwedi­ schem Pass hat das 1951 gegründete Familien­ unternehmen von seiner Mutter übernommen. Die Mattes & Ammann GmbH & Co. KG in Meß­ stetten­Tieringen auf der Schwäbischen Alb gilt als einer der führenden Stoffhersteller in Europa im Bereich technische Textilien. Jährlich werden über 55 Millionen Quadratmeter Stoff produziert – auf über 500 Maschinen. Wichtigste Abnehmer sind Autobauer wie Daimler oder BMW, vor allem für Autositze und Innenverkleidungen. Kunden gibt es auch in anderen Branchen – vom Motor­ sport über die Elektronik bis zum Schiffsbau. Etliche Projekte sind in der Pipeline des experi­ mentierfreudigen Unternehmers, der sich auch im Netzwerken für die Branche engagiert. Zudem treibt er ein Forschungsprojekt besonderer Art vo­ ran. Stoffe aus Brennnesseln zu fertigen: mit der Fasernessel „Marlene“ als Alternative zur Baum­ wolle. Larsén­Mattes liebt den schwäbisch­ländli­ chen Menschenschlag, weil es naturverbundene, ehrliche Leute seien mit einer Wertschätzung für Arbeit. Das Geld steckt er in die Firma. Auch die 275 Beschäftigten liegen ihm am Herzen – Multi­ kulti aus 16 Nationen und neun Religionen. imf

Bademoden und Nachtwäsche für Damen und Textilien für die Autoindustrie wie etwa Dachhim­ mel, Beschattungen für Glasdächer und Rollos sind Produkte, die schwer miteinander zu verglei­ chen sind. Textilunternehmer Arnd­Gerrit Rösch kennt sich in beiden Produktbereichen aus. Der studierte Betriebswirt leitet seit 2009 das gleich­ namige Familienunternehmen in Tübingen in dritter Generation. Technische Textilien sind bei der Rösch­Tochter Rökona gebündelt. Die Auto­ industrie macht den Großteil des Umsatzes aus. Ganz neue Aufgaben für Textilien ergeben sich aus der Elektromobilität. Wenn kein Verbrennungs­ motor mehr Wärme liefert, könnten beheizbare Textilien für angenehmes Fahren im Winter sor­ gen – Ideen gibt es zuhauf, weiß der umtriebige Textilunternehmer. Beliefert wird auch die Medi­ zinbranche – von der OP­Bekleidung bis zu Netzen für Leistenbrüche. Auch beim Schnittschutz in den Arbeitshosen der Waldarbeiter ist die Rösch­ Tochter mit von der Partie. Bei dem 40­jährigen Familienvater laufen die Fäden für die gesamte Unternehmensgruppe zusammen. Seine Frau Anna­Evita steuert die Geschicke von Marketing und Design. imf

Impressum

Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Anne Guhlich Redaktion Imelda Flaig, Walther Rosenberger Gestaltung/Produktion Anna­Lena Wawra, Bernd Fischer, Sebastian Ruckaberle, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger E­Mail: redaktion@wirtschaft­in­bw.de Telefon: 07 11 / 72 05 ­ 12 11 und 07 11 / 72 05 ­ 74 01 Internet: www.wirtschaft­in­bw.de „Wirtschaft in Baden­Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Marc Becker (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 ­ 16 03 Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 ­ 0

Index Personen Albach, Horst 15 Andersen, Nicolai 21 Bethlehem, Thordis 10 Beuß, Carsten 14 Blum, Hans Christian 11 Brambach, Harry 14 Bölzle, Bodo 2, 3 Buchmeister, Michael 4, 5 Cabanis, Julia 14 Czsisch, Gunter 17 Diestel, Stefan 21 Gresser, Götz 6 Gutfleisch, Jens 18, 19 Gutsch, Andreas 14 Haas Peter 2 Haller, Michael 22 Hanitsch, Jutta 6 Hengsbach, Friedhelm 15

Hennerkes, Brun­Hagen 16 Hofmann, Robin 18, 19 Hortig, Peter 14 Hudelmaier, Ulrike 17 Jäger, Achim 18, 19 Karle, Roland 7 Kleymeyer, Johannes 9 Kollmer­von Oheimb­ Loup, Gert 6 Kantak, Ralf 14 Kleber, Claus 14 Kuhn, Wolfgang 14 Kühnapfel, Ulf 17 Larsén­Mattes, Christoph 2 Liebisch, Jens 17 Liebisch, Niels 17 Lindner, Thomas 7 Link, Christian 14 Malessa, Christoph 18, 19

Mutter, Anne­Sophie 14 Möller, Ulrike 2 Munkwitz, Janusch 18, 19 Nägele, Arthur 17 Ochs, Christine 11 Oettinger, Günther 18, 19 Ott­Göbel, Birgit 9 Planck, Heinrich 6 Pörksen, Bernhard 24 Rederer, Florian 18, 19 Ricardi, Jörg 12 Rösch, Rand­Gerrit 2 Schauer, Dirk 11 Schmeing, Benno 14 Seiz, Rainer 20 Sobek, Werner 2, 4, 5 Soros, George 15 Straub, Matthias 18, 19 Ünal, Ahmet 4, 5

Vogt, Kai 4, 5 Wegenast, Urlich 18, 19 Westerkamp, Arved 6 Zimmermann, Uwe 6 Firmen/Organisationen Airbus 4, 5 Alpirsbacher Klosterbräu 14 Amann­Gruppe 3 BMW 4, 5 Boeing 4, 5 CMS Hasche Sigle 11 Deloitte 21 Filmakademie BW 26 FischerAppelt 18, 19 Friedrich Seiz GmbH 20 Gerry Weber 2 GFT Technologies 18, 19 Global Safety Textiles 6

Google 18, 19, 25 Groz­Beckert 7 Haber & Mailänder 12 Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd 26 HearDis 18, 19 Hochschule der Medien 26 Hochschule Pforzheim 26 Hochschule Reutlingen 4,5 Hohenstein­Institute 4, 5, 6 Hyosung 6 ITV Denkendorf 4, 5, 6 Jung und Matt 18, 19 M+W Groupe 14 Mattes & Ammann 2 Mey 6 MFG 18, 19 Nike 25 Paul Hartmann 6

Pixomondo 18, 19 Popakademie BW 26 Recaro 6 Rökona 2 Rösch 2, 6 RWTH 7 Schiesser 6 Schokolade Filmproduktion 18, 19 Solidian 7 Stiftung Familien­ unternehmen 14 Südwestbank 14 Südwesttextil 2, 3 Trigema 6 Universität Stuttgart 6 Vaude 4, 5 Virtual Q 17 WRS 18, 19, 23


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

„Wir sind super aufgestellt“ Bodo Bölzle, Präsident von Südwesttextil, sieht große Marktchancen für technisch anspruchsvolle Textilien. Interview

D

ie Zeit der schlechten Nachrich­ ten sei vorbei. „Die Textilbran­ che hat aus der Not heraus eine Nische gefunden“, sagt Bodo Bölzle, Präsident von Südwest­ textil, angesichts des Strukturwandels der vergangenen Jahre. Viele klassische Textil­ unternehmen haben sich umorientiert und sind mit Hightech­Textilien in unter­ schiedlichsten Branchen erfolgreich. Herr Bölzle, Gefäßprothesen, Windräder oder Airbags – was hat das mit Textilien zu tun? Vieles, denn überall steckt Textil drin. Doch die wenigsten können damit etwas anfan­ gen, weil bei Textilien jeder erst mal an Kleidung denkt. Für viele ist es einfach nicht vorstellbar, dass textile Produkte in anderen Anwendungen zu finden sind. Im Auto fühlt man es vielleicht noch. Der Sitz ist genäht, Sicherheitsgurt und Dachhim­ mel sehen nach Textil aus. In der Medizin­ technik oder in der Baubranche wird es schon schwieriger. Dabei ist Deutschland in Europa führend, was technische Texti­ lien angeht.

Können Sie Beispiele für technische Textilien nennen? Das ist beispielsweise der chirurgische Näh­ faden, der sich bei Bedarf sogar selbst auflö­ sen kann, die Gefäßprothese oder das Netz für Leistenbrüche. Vieles gehört schon zum Standard in der Medizin. Dass „Wir haben einen großen in Betonkonstruktionen Texti­ lien enthalten sind oder im Know­how­ und einen intellektuellen Vorsprung. Carbongelege, ist für viele schon weit weg. Nehmen Sie Wir sind innovativ. China mal den Straßenbau: Als die muss noch viel aufholen.“ A 8 gebaut wurde, sah man lange Zeit große Vliesrollen Bodo Bölzle, Präsident von entlang der Fahrbahn liegen. Südwesttextil, über die Konkurrenz Die befinden sich unterm Be­ aus China ton als Dränageschicht gegen die Feuchtigkeit. Textilien werden auch bei Stadiondächern eingesetzt. Das Dach der Mercedes­Benz­Arena besteht aus PVC­be­ schichtetem Polyestergewebe. Auch im Flugzeug stecken Textilien drin – nicht nur im Sitz, auch in den Druckkapseln beim Air­ bus, die den Innendruck halten. Selbst die Fensterrahmen vom Airbus sind vernäht. Und sogar in der Autobatterie steckt Textil. Wo liegen denn die Vorteile von Textil? Das Gewicht ist ein großes Thema und die Steifigkeit. Im Flieger zählt jedes Kilo – auch wegen der Emissionen, ebenso im Fahrzeug. Also Leichtigkeit, Steifigkeit und Vielfältigkeit. Sie können vielfältige Formen darstellen. Mit anderen Materia­ lien, egal ob beispielsweise Kunststoff oder Metall, wird das sehr aufwendig. Textil ist flexibel und biegsam, kann sich leicht an die Umgebung anpassen. Das ist beispiels­ weise in der Medizin wichtig. Wo tun sich neue Geschäftsfelder auf ? Es gibt schon etliche Produkte und viele, viele Ideen. Es gibt Kissen, die nachts den Gesundheitszustand messen – im Grunde steht der Notarzt schon da, bevor sie den Herzinfarkt haben. Das ist machbar. Der medizintechnische Bereich ist ein Riesen­

markt, denken Sie an Pflege und Überwa­ chung. Aber es funktioniert ja nicht so, dass Ideen in den Unternehmen am grünen Tisch geboren werden. Sie brauchen Kun­ den oder jemand, der mit einem Problem kommt und eine Lösung haben will. Daraus können Sie dann etwas entwickeln, also vorhandenes Know­how auf neue Anwen­ dungen übertragen. Es ist ein innovatives, aber kein einfaches Geschäft. Wie ist Baden­Württemberg bei technischen Textilien aufgestellt? Wir sind in Baden­Württemberg super auf­ gestellt und im bundesweiten Vergleich ganz vorn. Innovationen wie intelligente Fasern oder nachhaltige Bekleidung bewei­ sen das. Mit über 30 Prozent hat die Indus­ trie im Land einen höheren Anteil an der Bruttowertschöpfung als in allen anderen Bundesländern, als ganz Deutschland und Großbritannien zusammen. Technische Textilien machen rund 50 Prozent der Tex­ tilproduktion aus. Und die Umsätze? Die Hersteller technischer Textilien in Ba­ den­Württemberg machen rund 2,5 Mil­ liarden Euro Umsatz. Sie können nicht im­ mer so genau abgrenzen, in welche Anwen­ dung das geht. Ist jetzt ein gestrickter Schuh oder eine Carbonsohle Bekleidung oder nicht? Viele klassische Textilunter­ nehmen haben sich umorientiert in Rich­ tung technisch anspruchsvoller Textilien und der Markt für diese Produkte wächst in Deutschland. Und die Unternehmen haben so den Struk­ turwandel geschafft, der in den letzten Jah­ ren Tausende Arbeitsplätze gekostet hat? Ja, die Textilindustrie hat sich zu einer in­ novativen Hightech­Branche entwickelt, deren Produkte am Bau, im Energiesektor, Gesundheitswesen, im Umweltschutz und rund um die Mobilität zu finden sind. Man wächst aber nicht in Dimensionen rein. Die Branche hat aus der Not heraus eine Nische gefunden und besteht vor allem aus vielen kleinen Mittelständlern – wenn man von Paul Hartmann, dem Leuchtturm der Branche, absieht. Auch Boss als Beklei­ dungshersteller muss man außen vor las­ sen. Bekleidung fertigt heute in Deutsch­ land fast keiner mehr. Weil die ganze Produktion nach Osteuropa und Asien abgewandert ist. Bei Bekleidung. Bei technischen Textilien ist das ganz anders. Die Ware wird hier pro­ duziert. Das Know­how sitzt hier, der Er­ findergeist, der in Baden­Württemberg extrem vorhanden ist. Die Leute kennen sich im Technischen aus, bei Textil und Chemie. Das ist unser Vorteil. Deshalb wird die Branche auch hierbleiben müssen. Aber die Chinesen setzen auch zunehmend auf technische Textilien. Müssen sich hiesige Unternehmen jetzt warm anziehen? Wir haben einen großen Know­how­ und einen intellektuellen Vorsprung. Wir sind innovativ. China muss noch viel aufholen. Know­how wird meist durch Zukauf ins eigene Land geholt wie das Beispiel Kuka zeigt. In Deutschland gibt es Netzwerke und Cluster aus Unternehmen und Institu­ tionen, aus Wissenschaft und Forschung, die eng zusammenarbeiten – so entsteht Innovation. Wie auch aus den vielen mit­ telständischen und hochspezialisierten Unternehmen, die wir in Baden­Württem­ berg haben. Dazu gehört auch die exzellen­ te Ausbildung bei uns, ob Lehre oder Hoch­ schule. In China gibt es beispielsweise kei­ ne Lehre und auch kein duales Studium. Insofern sehe ich das gelassen. In China gibt es zwar große Universitäten, die jedes Jahr Hunderttausende Absolventen auf den Arbeitsmarkt entlassen, aber das Bil­ dungsniveau ist noch nicht mit unserem vergleichbar.

ZUR PERSON Präsident von Südwesttextil Seit Juni 2014 ist der diplomierte Kauf­ mann Präsident des Verbands der Südwestdeutschen Textil­ und Be­ kleidungsindustrie (Südwesttextil mit Sitz in Stuttgart). Der Verband vertritt die Interessen von rund 200 Unternehmen in Baden­Württem­ berg mit knapp 7,4 Milliarden Euro Umsatz und rund 24 000 Beschäf­ tigten. Bodo Bölzle, Vater von drei Kindern, ist vor 19 Jahren zum ers­ ten Mal mit der Textilbranche in Be­ rührung gekommen. „Und die hat mich seither nicht mehr losgelas­

sen“, sagt er selbst. Erst im April 2016 ist der 53­Jährige wieder für zwei weitere Jahre im Präsidenten­ amt bestätigt worden. Chef der Amann­Gruppe 1997 steigt Bölzle als Geschäftsführer beim Nähgarnhersteller Amann & Söhne in Bönnigheim ein, 2008 wird er Vorsitzender der Geschäfts­ führung des 1854 gegründeten Unternehmens. Dass ihn die Bran­ che fasziniert, daraus macht er kei­ nen Hehl. „Nähgarn ist viel mehr als das, was man vom Knöpfeannähen

kennt“, sagt er lachend und erinnert sich noch genau, dass er mit Faden nicht allzu viel anfangen konnte. Damals wenigstens, zu seinen An­ fangszeiten bei Amann. Das hat sich freilich längst geändert. Egal ob im Auto oder im Airbus – Amann beliefert viele Branchen. Das Unter­ nehmen mit weltweit rund 1900 Mitarbeitern – davon 560 in Deutschland – produziert täglich weltweit etwa eine Million Kilome­ ter Garn. Das reicht 25­mal um die Erde oder für die Herstellung von zwei Millionen Herrenanzügen. imf

Bodo Bölzle, Verbandspräsident von Südwesttextil und Geschäftsführer des Nähgarnherstellers Amann & Söhne, schwärmt von Innovationen, die den Textilfirmen neue Marktchancen eröffnen. Fotos: factum/Weise Welche Rolle spielen technische Textilien beim Thema Umwelt? Der Anwendungszweck ist entscheidend. Technische Textilien sind beispielsweise flexibler und leichter als Stahl oder Beton und sparen somit Energie, Zeit und Kosten. In der Luft­ und Raumfahrt, wo jedes Gramm zählt, sind sie nicht mehr wegzu­ denken. Zudem werden hocheffiziente Textilien zur keimfreien Wasseraufberei­ tung genutzt. Auch die Kanalsanierung ist ein gutes Beispiel: Dafür müssen keine Straßen mehr aufgerissen werden, das wäre zu teuer. Durch den undichten Kanal wird ein mit Kunstharz getränkter und wasserdicht beschichteter Textilschlauch gezogen und dort ausgehärtet. Es geht im­ mer darum, einen Mehrwert zu generieren, zu optimieren und auch zu sparen. Die Branche ist auch getrieben, bestehende Produkte durch bessere zu ersetzen. Dennoch leidet die Branche unter einem ver­ staubten Image. Ja, leider. Es ist uns deshalb als Verband be­ sonders wichtig, dass wir die Branche noch stärker in das Bewusstsein junger Men­ schen bringen und ihnen dabei deutlich ma­ chen, welch ein aufstrebender Bereich die Textilindustrie ist mit interessanten Arbeitsplätzen und persönlichen Entwick­ lungsmöglichkeiten. Die Textilindustrie bietet weitaus mehr, als viele denken. Des­ halb unterstützen wir beispielsweise auch die Hochschule Reutlingen und haben dort

eine Stiftungsprofessur für Industrie­ und Materialdesign eingerichtet. Der zu erwer­ bende Abschluss heißt „Interdisciplinary Master of Material Science“.Wesentlicher Bestandteil ist hier die enge Zusammen­ arbeit mit den Unternehmen und deren An­ forderungen. Es geht um das Interdisziplinäre. Es gibt auch „Doch das Image der Cluster wie die AFBW, die Branche zu wandeln, unterschiedliche Branchen ist ein langer Prozess. zusammenbringen, so dass sich Unternehmen gegenseitig Wir suchen dringend befruchten. 118 Unternehmen Nachwuchs.“ sind im Boot. Ein Metaller Verbandschef Bodo Bölzle über das denkt nicht darüber nach, dass verstaubte Image der Textilbranche er einen Textiler für ein Prob­ lem nutzen könnte. Da hat sich viel getan. Die Textilindustrie hat die schweren Zeiten hinter sich gelassen. Die Zeit der schlechten Nachrichten ist vorbei. Doch das Image der Branche zu wandeln, ist ein langer Prozess. Wir suchen dringend Nachwuchs. Was verdient denn ein Textiler nach dem Studium beziehungsweise nach der Lehre? Ein Studienabsolvent, also ein Textilinge­ nieur, steigt in der Industrie mit einem Anfangsgehalt zwischen 3500 und 4000 Euro ein. Einer, der eine dreijährige Ausbildung beispielsweise zum Produk­ tionsmechaniker Textil absolviert hat, kann mit rund 2300 Euro Einstiegsgehalt im Monat rechnen. Das Gespräch führte Imelda Flaig.


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Ein Vlies leuchtet am Autohimmel Ohne Textilien rollt ein Auto erst gar nicht vom Produktions­ band. Gewebe, Vliese und Fasern stecken in jedem Fahrzeug – und haben dort die vielfältigsten Funktionen. Selbstverständlich sind Auto­ sitz, Autohimmel, Seitenver­ kleidung, Gurte und Airbags ge­ strickt, gewebt oder geflochten. Doch auch jeder Reifen verfügt über ein textiles Innenleben, den Reifencord. Luft­ und Mi­ krofilter sowie Luft­ und Öl­ schläuche kommen ohne Gewe­ be nicht aus. Bei den Erstge­ nannten dienen Vliese als Filterelement. Bei Schläuchen verstärken Strick­ und Flecht­ stoffe die Kunststoffhülle, die ansonsten schlicht kaputtgehen würde. Textilien sorgen zudem für Schalldämmung und schir­ men etwa den Fahrgastraum vor

ebe h aus PVC­beschichtetem Polyestergew Mercedes­Benz­Arena mit einem Dac

Denkmalpflege und Hochhausfassaden Carbontextilien. Die Gründe für Sanierung und Umbauten sind unterschiedlich; das kön­ nen erhöhte Belastungen, die Änderung von Gesetzen und Normen oder Korrosionsschä­ den sein, etwa an Tragwerken. Als Stahlersatz werden immer häufiger technische Textilien im Beton eingearbeitet. Textile Architektur nutzt auch Flä­ chen aus Fasermaterial als Vor­ hang, Schirm, Dach, Zelt oder Luftblasen – pneumatische Bauten wie Traglufthallen oder begehbare Pavillons. Immer neue Anwendungsmöglichkei­ ten tun sich auf. Der Stuttgarter Architekt Werner Sobek denkt in Zukunft sogar an komplette Hochhausfassaden. Erste Schritte auf diesem Weg hat die Firmengruppe Werner Sobek schon hinter sich: Den im Roh­ bau fast fertiggestellten Beton­ schaft des 246 Meter hohen Fahrstuhltestturms von Thys­ sen­Krupp in Rottweil wird eine Stoffhülle aus Glasfaserge­ webe verkleiden. imf/nbf

Von Stents bis zum Hirnhautersatz

Technische Textilien erobern viele Branchen

Motorengeräuschen ab. „Zwi­ schen 25 und 40 Kilo technische Textilien stecken in jedem Auto“, sagt Ahmet Ünal, Profes­ sor an der Fakultät Textil & De­ sign an der Hochschule Reutlin­ gen. „Tendenz steigend.“ So besteht die Fahrgastzelle des Elektroautos i3 von BMW aus kohlenstofffaserverstärk­ tem Kunststoff; andere Her­ steller folgen. Kohlefasern sind besonders stabil und zudem ein Drittel leichter als Aluminium. Aber es geht nicht nur um sach­ liche Vorteile wie Leichtbau. So könnten künftig selbstleuch­ tende Vliesstoffe im Autohim­ mel oder an der Seitenverklei­ dung für ein Wohlfühllicht sorgen. Und über in Textilien integrierte Sensoren könnte etwa der Puls während des Fahrens gemessen werden. ino

Hightech­Textilien sind nicht so im Bewusstsein, prägen aber den Alltag, egal ob im Auto, im Flugzeug oder in Bauwerken. In vielen Bereichen werden technische Textilien auch in Zukunft eine Rolle spielen: Kleidung etwa, die im Notfall Alarm auslöst. Anwendungsbereiche

Prothesen aus Carbonfasern

Etliche dieser Entwicklungen kommen aus den Textilfor­ schungsinstituten in Deutsch­ land. Den Hohenstein­Institu­ ten in Bönnigheim ist es gelun­ gen, Stammzellen auf textilen Trägerschichten wachsen zu lassen – ein Schritt hin zu der sich selbst regenerierenden Herzklappe. Es tut sich viel in Sachen technische Textilen und Medi­ zin. Carbonfasern etwa werden für Prothesen eingesetzt, weil sie leichter, flexibler und stabi­ ler als Holz oder Kunststoff sind. Es gibt Wundauflagen, die Wirkstoffe zur Wundheilung freisetzen, oder Spezialpflaster für Verbrennungsopfer, um schmerzhafte Verbandswech­ sel zu vermeiden. imf

Eisbär und Käfer als Vorbild Auch bei der Entwicklung tech­ nischer Textilien nehmen sich Menschen die Natur als Vor­ bild. Bionik heißt das Zauber­ wort. Der Eisbär etwa ist ein Paradebeispiel für wirkungs­ volle Wärmeisolierung. Der geschlossene Pelz besteht aus hellen, durchsichtigen Haaren, aber die Haut ist schwarz. Wenn Licht durch den Pelz auf die Haut fällt, wird es absor­ biert, die Haut erwärmt sich. Davon ließen sich Forscher des ITV in Denkendorf inspirieren bei einem textilen Wärme­ dämmstoff für viele solar­ thermische Anwendungen: der sogenannte Eisbärbau. Um Wasser in der Wüste zu generieren, stand der namibi­ sche Schwarzkäfer Pate. Er kann in der Trockenwüste in

rke den USA – Keramikfasern für Triebwe Flugzeugproduktion von Boeing in

Jets und Raketen „Ohne technische Textilien würden weder Raketen starten, noch Kampfflugzeuge abheben noch Gasturbinen in Kraftwer­ ken Strom erzeugen können“, sagt Michael R. Buchmeiser, Direktor am Forschungsinsti­ tut ITCF in Denkendorf. So­ genannte Oxid­Keramik­Ver­ bundwerkstoffe sind überall dort das Mittel der Wahl, wo hohe Festigkeit zusammen mit hoher Hitzebeständigkeit ge­ fragt ist. Das ist beispielsweise der Fall bei Hochleistungs­ triebwerken, wie sie im militä­ rischen Bereich eingesetzt wer­ den – etwa bei Atomraketen, Boden­Luft­Flugkörpern, aber auch bei zivilen Großraumjets oder der Ariane­Rakete, die hohe Nutzlasten ins Weltall

Auto: das Gewebe der Airbags Beispiel für technische Textilien im

befördert. Während selbst bes­ te Stähle bei Temperaturen über einigen Hundert Grad verzundern, halten Keramik­ Verbundwerkstoffe in Trieb­ werken größter Hitze stand. Die Werkstoffe sind zwar teuer, ermöglichen aber auch ganz neue Einsatzzwecke. In Trieb­ werken eingesetzt lassen sich die Verbrennungstemperatu­ ren erheblich steigern. Das wie­ derum erhöht die Effizienz und senkt somit den Kraftstoffver­ brauch. Flugzeugbauer wie Air­ bus und Boeing, die unter gro­ ßem Druck stehen, den Sprit­ verbrauch ihrer Jets zu senken, setzen daher voll auf diese Ma­ terialien. Laut Buchmeiser las­ sen sich die Spritkosten so um bis zu 20 Prozent senken. wro

Rotoren und Drachen

Wetterfest auf jeder Expedition

Eine der größten deutschen Er­ folgsgeschichten der vergange­ nen zwei Jahrzehnte wäre ohne technische Textilien nicht möglich gewesen: Der Boom erneuerbarer Energien, insbe­ sondere von Windkraftanla­ gen, geht maßgeblich auf den Einsatz von Textil­Materialien zurück. Sogenannte Faserver­ stärkte Kunststoffe (FVK) sind der Ausgangsstoff für Rotor­ blätter und Anlagenteile in der gesamten Windenergiebran­ che. Als Ausgangsstoffe dienen dabei Glas, Carbon oder Ara­ mid. Zu Matten gesponnen und mittels Kunstharzen gehärtet entstehen so tragende und be­ wegliche Teile der bis zu 200 Meter hohen Windanlagen. Auch eine relativ neue Idee der Energiegewinnung aus

Das Hauptproblem ist nicht der Wind, sondern die Sonnenein­ strahlung. „Bei einem günsti­ gen Zelt vom Discounter kön­ nen schon acht Wochen Sonne ausreichen, um das Material spröde zu machen“, sagt Kai Vogt. Dann genüge ein heftiger Windstoß und der Stoff zer­ reißt. Der Produktmanager ist Experte für Zelte beim Out­ door­Ausstatter Vaude. In der Branche ist der Anteil techni­ scher Textilien hoch – alles muss wetterfest gemacht wer­ den. Seit Februar dieses Jahres hat der Outdoor­Pionier ein neues Angebot, das nicht nur mit seinem Preis von 1000 be­ ziehungsweise 1500 Euro (für zwei oder drei Personen) das Gegenmodell zur Discount­ ware darstellt: „Sphaerio“ hei­

Windräder an der Küste

nische Textilien Auch in Schlafsack und Zelt sind tech

ßen die Zelte, mit deren Beschaf­ fenheit die Oberschwaben sich von der Konkurrenz abheben wollen. In mehreren Entwick­ lungsschritten wurde Polyester zunächst mit reißfesteren, di­ cken Polyamidfäden (Nylon) verwebt und später gegen UV­ Einstrahlung mit Silikon be­ schichtet. Im Verfahren hält Vaude den sogenannten Blue­ sign­Standard ein, ein Umwelt­ label, das auch andere techni­ sche Textilien tragen. Vaude setzt den schadstoffarmen Pro­ zess aber als erster Bergsport­ ausrüster bei Zelten ein. „Die Zelte sind ideal für alpine Ex­ peditionen und zum Winter­ camping geeignet, sowohl im Basislager als auch beim Auf­ stieg am Berg“, sagt Vogt. tht

einer einzigen Nebel­ nacht bis zu 34 Prozent seines Eigengewichts an Kondenswasser ein­ fangen. Das gelingt ihm durch Millionen klei­ ner, feiner Härchen auf seinem Rückenpanzer, an denen der Nebel kon­ densiert. Das Prinzip des Käfers diente als Vorbild für Nebelschei­ der, die aus technischen Textilien bestehen – da­ mit gibt es Wasser in der Wüste. Nach dem Klappme­ chanismus der Blüten­ blätter der Paradies­ vogelblume – eine Streli­ zienart – funktionieren übrigens Jalousien und Beschattung. imf

ungsvolle Wärmeisolierung Eisbär – ein Paradebeispiel für wirk

Schutz für Ufer und Böschungen

Geotextilien kommen an Ufern zum Einsatz.

Wind greift auf technische Tex­ tilien, insbesondere auf Kevlar­ fasern, zurück. Dabei sollen mehrere Hundert Quadratme­ ter große und sehr leichte Lenk­ drachen zum Einsatz kommen. Sie beschreiben als Flugbahn eine Art liegende Acht. Im Ver­ lauf des Fluges bietet der Dra­ chen dem Wind unterschied­ lich große Angriffsflächen. Die­ ses Phänomen machen sich die Entwickler, etwa der niederlän­ dischen Universität Delft, zur Energiegewinnung zunutze. Beim Aufsteigen erzeugen die Drachen über eine Winde und einen Generator Strom. Das Rückholen des Schirms kostet zwar auch Energie, aber nicht so viel. Energieausbeute im Megawatt­Bereich soll so mög­ lich sein, heißt es. wro

Charly ist ein Skelett im Glas­ kasten, bei dem Dutzende Punkte markiert sind, was an technotextilen Entwicklungen in der Medizin möglich ist. Da­ runter Knorpelimplantate bis zur Modellierung neuer Ohr­ muscheln, Halteschrauben und ­platten, die sich nach dem Hei­ lungsprozess im Körper auflö­ sen, oder textiler Hirnhauter­ satz. In der Biomedizintechnik entstehen in interdisziplinärer Zusammenarbeit immer mehr Biomaterialien und Medizin­ produkte auf Polymerbasis, et­ wa für Implantate. Ein Beispiel dafür sind Stents zur Gefäß­ erweiterung oder kettenge­ wirkte Gefäßschläuche aus Polyester, mit denen Chirurgen kranke Blutgefäße ersetzen.

Strampler wacht über Säuglinge Technik und Stoff miteinander zu verknüpfen, ist ein Trend. Das Institut für Textil­ und Ver­ fahrenstechnik (ITV) in Den­ kendorf hat einen Babystramp­ ler entwickelt, der mit in den Stoff integrierten Sensoren Herzschlag und Körpertempe­ ratur eines Säuglings misst und die Werte auf einen Computer überträgt. Bei Abweichungen löst der Computer Alarm aus. So überwacht das System zum Beispiel Frühgeborene oder Kinder mit erhöhtem Risiko für den plötzlichen Kindstod. Solche intelligenten Texti­ lien – Smart Textiles – sind vor

allem im Gesundheits­ wesen interessant, da es immer mehr ältere und pflegebedürftige Menschen gibt. Es geht um AAL­Technologien (Ambiente Assisted Living), also alters­ gerechte Assistenzsys­ teme, damit diese Men­ schen möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. Senioren tes­ ten bereits Achselhem­ den mit integrierten Sensoren für den Not­ fall. imf

Extremes Wetter führt immer mehr zu Hochwasser und im schlimmsten Fall zu Überschwemmungen. Deshalb bekommt der Deichbau eine immer größere Bedeutung. Durch Einbau textiler Elemente lassen sich beispielsweise die Dei­ che beständiger ma­ chen. Auch Böschungen und Ufer lassen sich mit groben Geogittern sichern. Zur Herstellung solcher Gitter sind eigens Wirkmaschinen entwickelt worden, mit denen

chungsfunktion Intelligenter Baby­Body mit Überwa

sich bis zu 25 mm dicke Fäden verarbeiten lassen – auch unterschiedlichste textile Roh­ stoffe sind im Einsatz, selbst Recyclingmaterial für kosten­ günstige Lösungen. Im Bö­ schungsbau sind solche Geogit­ ter wegen ihrer Dränagefunk­ tion, Wasserspeicherung und Rutschsicherung gang und gä­ be. Technische Textilien spie­ len in Sachen Umweltschutz eine immer größere Rolle. Beispiel Filtration: Um die fünfte Klärstufe zu erreichen, laufen mittlerweile Tests, um Hormone und Bakterien aus dem Wasser in den Klärbecken zu filtern. imf

Fotos: AP, Daimler, dpa (2), factum / Jürgen Bach, ITV Denkendorf, Manfred Storck, Vaude, Windhösel GmbH

Der Einsatz technischer Texti­ lien im Hoch­ und Tiefbau nimmt stetig zu. Ein Zehntel der fast 13 Milliarden Euro Jah­ resumsatz deutscher Unter­ nehmen mit technischen Texti­ lien entfällt auf Fassaden und Brücken aus Textilbeton, auf Geotextilien etwa für Dränage­ zwecke oder zum Uferschutz, Membranen im Stadionbau so­ wie textil gestützte Gebäudesa­ nierung. Das Bauen mit Fasern gewinnt an Bedeutung, heißt es beim Forschungskuratorium Textil und dem Verband Ge­ samttextil. Jährlich steigt die Nachfrage für Bautextilien um bis zu acht Prozent. Auch in der Denkmalpflege und bei der Sanierung von Alt­ bauten sowie der Wärmedäm­ mung kommen textile High­ tech­Werkstoffe zum Einsatz, denn damit lassen sich Ener­ gieverbrauch und CO2­Emis­ sionen senken. Und sie halten dicht. Ein Beispiel dafür ist die Instandsetzung am Wehr Horkheim bei Heilbronn mit

Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Hightech soll die Rettung bringen Anders als vielfach bei der Bekleidungsindustrie lohnt sich auch eine Produktion in Deutschland noch. Doch wer etwa die Autoindustrie als Kunden hat, muss dem Trend zur Globalisierung Rechnung tragen – und auch in Fernost produzieren. Von Ulrich Schreyer Branche

D

ie Zukunft ist Textil“, prophezeit Götz Gresser, der Leiter des Insti­ tuts für Textil­ und Verfahrenstech­ nik in Denkendorf. Vor allem tech­ nische Textilien würden immer wichtiger, meint Gresser, der auch auf einem Lehrstuhl an der Universität Stuttgart sitzt. Landläufig aber richtet sich der Blick eher zu­ rück – zumindest, wenn über die Herstellung ge­ sprochen wird. Regelrecht „old fashioned“ sei die Branche, meinen viele. Und an dieser Sichtweise ist auch etwas dran: Selbst die von ihren Protagonisten hoch geprie­ senen technischen Textilien werden eher im Windschatten ihrer Kunden wie etwa der Auto­ industrie und Flugzeugbauer gewoben. Früher war dies alles anders: „Die Textil­ industrie war die Leitindustrie bei der Industria­ lisierung in Baden­Württemberg,“ sagt Gert Kollmer­von Oheimb­Loup, der Leiter des Wirt­ schaftsarchivs in Stuttgart­Hohenheim. Vom Aufkommen der ersten Fabriken im deutschen Südwesten bis etwa in die 1870er Jahre war sie die wichtigste Industrie, stellte die meisten Großbetriebe. Allerdings: Ein Unternehmen mit 300 bis 500 Beschäftigten galt schon als solcher. Ihre Maschinen kauften die Textiler in England, Frankreich oder der Schweiz. Dass sie wichtig waren, zeigte sich schon an ihren repräsentati­ ven Bauten: „Die fühlten sich noch als richtige Herren“, meint Kollmer­von Oheimb­Loup. Der Garnhersteller Adolff in Backnang hatte zu sei­ nen Glanzzeiten 10 000 Mitarbeiter, natürlich nicht alle in der alten Gerberstadt. Doch andere Industrien entwickelten sich schneller: Maschi­ nenbauer und Autohersteller fuhren auf die Überholspur. Das Ende des textilen Wirtschaftens im Süd­ westen war dies aber noch lange nicht: „Der große Einbruch kam erst in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts“, meint Kollmers Stellver­ treterin Jutta Hanitsch. Das galt für den Südwes­ ten insgesamt, besonders aber für die Schwäbische Alb oder das südbadische Wiesental, die bis dahin fast reine Textilregionen gewesen waren. Doch den Billigangeboten aus TECHNISCHE TEXTILIEN dem Fernen Osten hielten viele Wichtigste Abnehmerbranchen Unternehmen nicht stand: Die eins­ 1. Auto, Bahn, Flugzeug tigen „Herren“ waren nun endgültig 2. Industrie Firmenchefs in einer Krisenbranche. 3. Sport Dass auch die frühere Industriege­ 4. Medizin werkschaft IG Textil zu einem An­ 5. Haus, Heim, Bau hängsel der IG Metall geworden ist, Quelle: Südwesttextil zeigt, wohin die Reise ging. Was ge­ blieben ist, sind Erinnerungen etwa an das Matrosenanzügle von Bleyle oder an ein paar einst bekannte Namen wie Merkel und Kien­ lin in Esslingen, Gminder in Reutlingen oder Zoep­ pritz in Heidenheim – und einige wenige Herstel­ ler wie etwa Mey, Trigema oder Schiesser. Und geblieben ist die Hoffnung, „Textil“ sei wirklich Zukunft, auch im deutschen Südwesten. „Technische Textilien“ lautet das Zauberwort, unter dem die Branche sich ihr Überleben si­ chern will. Etwa die Hälfte des textilen Umsatzes in Baden­Württemberg, also rund 2,5 Milliarden Euro, werden nach den Angaben des Branchen­ verbandes Südwesttextil mit technischen Texti­ lien umgesetzt, Tendenz steigend. Beschäftigt werden etwas mehr als 11 000 Mitarbeiter. Die Abgrenzung zu „normalen“ Textilien allerdings ist sowohl beim Umsatz als auch bei den Beschäf­ tigtenzahlen schwierig, da beides häufig mitei­ nander verwoben ist. Die Rösch GmbH in Tübingen mit ihren 600 Beschäftigten in der Gruppe ist auf beiden Fel­ dern aktiv. Rund 230 Mitarbeiter sind in der Uni­ versitätsstadt bei der Tochtergesellschaft Röko­ na mit der Herstellung technischer Textilien be­ schäftigt. „Der größte Teil unseres Umsatzes geht ins Auto“, sagt Geschäftsführer Arved Wester­ kamp – etwa für Autohimmel oder Hutablagen. „In technischen Textilien steckt viel Hightech, das macht den Reiz aus“, meint Westerkamp: „Ein Auto läuft 15 Jahre. In dieser Zeit dürfen sich Himmel und Hutablage nicht verfärben, aber ein Hemd trägt niemand 15 Jahre lang.“ Doch auch bei technischen Textilien, die anders als viele Bekleidungsstücke auch noch in einem Hochlohnland wie Deutschland produziert wer­ den können, nimmt der Druck zur Globalisie­ rung zu. Nicht unbedingt wegen der Lohnunter­ schiede, aber Kunden aus der Autoindustrie ver­ langen eine lokale Präsenz – für Rökona Grund genug für ein zweites Werk in China. Dies aber bedeutet keineswegs ein Ende der Produktion in

Auf dem Weg nach morgen: Polymedics in Denkendorf hat eine künstliche Haut entwickelt, die bei Verbrennnungen den Schmerz lindert und die Heilung beschleunigt. Das Matrosenanzügle von Bleyle dagegen ist eher eine Reminiszenz an die Vergangenheit. Hoch hinauf geht es dagegen mit Flugzeugsitzen von Recaro Aircraft Seating in Schwäbisch Hall. Auch in diesen sind technische Textilien. Fotos: Polymedics, Recaro Repro: Wirtschaftsarchiv Deutschland: Auch dort nämlich muss schnell gelie­ fert werden können. „Et­ was über den Ozean zu schippern wird schwierig“, sagt Westerkamp. Auch für die zum südko­ reanischen Hyosung­Kon­ zern gehörende Global Sa­ fety Textiles im südbadi­ schen Maulburg sind die Autobauer wichtige Kun­ den, die „für globale Pro­ dukte eine lokale Produk­ tion in der Nähe ihrer Standorte wollen“, wie Ge­ schäftsführer Uwe Zim­ mermann sagt. Global Sa­ fety Textiles produziert in erster Linie Airbags. Die Gewebe werden im Wie­ sental gewoben, die weite­ re Verarbeitung findet in eigenen Werken in Ost­ europa statt. „Die Kunden wollen, dass auch in Nied­ riglohnländern die deut­ sche Qualität eingehalten wird“, so Zimmermann. Der Stoff von Global Safe­ ty Textiles habe ohnehin stets dieselbe Qualität: „Da gibt es keine billige oder teure Lösung. Gelie­ fert werden die Airbags vom Fiat Punto bis hin zum Ferrari.“ Das Werk in Maulburg übrigens ist ein Beispiel dafür, wie sich auch ein Traditionsunternehmen in die Zukunft aufmachen konnte: Heute setzt das vor 170 Jah­ ren als Seidenbandfabrik gegründete Unterneh­

IN BADEN­WÜRTTEMBERG GIBT ES ZWEI WICHTIGE INSTITUTE Denkendorf Die Deutschen Institute für Textil­ und Fa­ serforschung wurden be­ reits 1921 gegründet und be­ schäftigen heute 310 Mit­ arbeiter. Der Umsatz der von Professor Götz Gresser geleiteten Institute liegt bei etwas mehr als 30 Millionen Euro. Davon werden 42 Pro­ zent durch Forschung für die Industrie erwirtschaftet, 46 Prozent durch öffentliche Forschung, zwölf Prozent entfallen auf anderweitige Einnahmen. Von den Indus­

triegeldern kommen 38 Pro­ zent aus Baden­Württem­ berg, 46 Prozent aus dem übrigen Deutschland und immerhin 16 Prozent aus dem Ausland. Die Institute arbeiten auch mit der Uni­ versität Stuttgart zusam­ men. Aktiv sind die Institute bei der Erforschung von Fasern und Garnen, beim Flechten, Wirken und Stri­ cken. Eines der Institute ist das Institut für Textil­ und Verfahrenstechnik (ITV), das sich auch mit Textil­

maschinen beschäftigt. Auf dem Programm stehen aber auch Forschungen beim Leichtbau sowie in den Bereichen Medizin, Energie und Umwelt. Nach den Angaben von Gresser gibt es mehr als 200 aktuelle Forschungsprojekte. Bönnigheim Die 1946 ge­ gründeten Hohenstein­Insti­ tute werden in dritter Gene­ ration von Professor Stefan Mecheels geleitet. Sie sind sowohl Prüflabor als auch

eine Forschungseinrichtung. Sie prüfen und zertifizieren Textilien. Die Untersuchun­ gen reichen von der Mate­ rialprüfung über die Quali­ tätsbeurteilung bis hin zur Untersuchung verschiede­ ner Einsatzbereiche. Am Stammsitz Bönnigheim sowie in den Laboren und Büros im Ausland sind ins­ gesamt rund 800 Mitarbeiter beschäftigt. Mehr als 4500 Kunden weltweit profitieren von dem textilen Know­how aus Bönnigheim. ey

men mit weltweit 5400 Mitarbeitern rund 370 Millionen Euro um. Von der Menge her ist die Autoindustrie der größte einzelne Abnehmer technischer Textilien, doch die Anwendungen sind vielfältig – nicht nur dort, wo wie bei Autos Flugzeugen ein möglichst geringes Gewicht immer wichtiger wird und des­ halb zunehmend Carbon verbaut wird. Die Medi­ zintechnik ist einer der Bereiche, denen schon wegen der ständig älter werdenden Bevölkerung ein weiteres Wachstum relativ risikolos vorher­ gesagt werden kann. Und dabei haben nicht nur Milliardenunternehmen wie der Heidenheimer Verbandsstoffhersteller Paul Hartmann AG eine Chance, sondern auch zahlreiche kleine Unter­ nehmen – so wie etwa Polymedics aus Denken­ dorf. Dem 2001 von Heinrich Planck, dem frühe­ ren Leiter des Denkendorfer Instituts für Textil­ und Verfahrenstechnik, gegründeten Unterneh­ men ist in seiner Nische ein Coup gelungen: Poly­ medics stellt eine künstliche Haut her, die bei Verbrennungen den Schmerz lindert und die Heilung beschleunigt. Produziert wird diese seit

2010 in eigener Regie. Die Zahl der Mitarbeiter ist in den vergangenen drei Jahren von 13 auf 18 gestiegen. Der Umsatz dürfte dieses Jahr etwa drei Millionen Euro erreichen, exportiert wird in 30 Länder. „Das ist etwas, das in Deutschland bleibt“, sagt Planck – und meint damit nicht nur technische Textilien für den Medizinbereich. Auch der Sohn glaubt offenbar an die Zukunft technischer Textilien – schließlich ist er als Pro­ kurist in die Firma eingestiegen. „Technische Textilien sind ein Wachstums­ markt“, sagt der heutige Leiter des Denkendorfer Instituts für Textilforschung, Götz Gresser. In Deutschland steige der Umsatz in diesem Be­ reich im Jahr zwischen sechs und acht Prozent, bei Bekleidungstextilien werde dagegen nur ein jährliches Plus um zwei Prozent erzielt: „Das bie­ tet auch Chancen, Arbeitsplätze in Deutschland zu halten.“ Gerade hier säßen „die Hightech­Fir­ men, die die Entwicklung vorantreiben“. Eines jedenfalls ist für ihn sicher: „Die Textilindustrie in Deutschland wandelt sich von der Bekleidung hin zu technischen Anwendungen.“


Wirtschaft in Baden-Württemberg 7

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Die mit 100 Metern längste Textilbetonbrücke in Albstadt­Lautlingen verbindet zwei Ortsteile. Sie führt über ein schmales Tal, durch das ein kleiner Bach fließt, überquert im weiteren Verlauf aber auch eine viel befahrene Bundes­ straße. Das 2010 eingeweihte Bauwerk soll 80 Jahre lang halten. Die frühere Stahlbetonbrücke war nach 30 Jahren einsturzgefährdet und musste gesperrt werden. Foto: Solidian

Albstädter laufen über Textilbeton Mit Textilbeton können Brücken für Fußgänger und Radfahrer länger halten. Solidian, eine Tochtergesellschaft von Groz­Beckert in Albstadt, liefert die textilen Gewebe, mit denen der Beton verstärkt wird. Der Markt sei riesig, meint das Unternehmen. Von Ulrich Schreyer Brückenbau

D

ie Brücke ist vieles gleichzeitig: ein Übergang, das neue Ge­ schäftsfeld eines Traditions­ unternehmens und ein Leucht­ turm, der über die lokalen Grenzen hinausstrahlen soll. „Wir sind froh, dass es die Brücke gibt“, sagt eine Mutter mit ihrem kleinen Kind an der Hand. „Ja klar“, meint eine andere, die ebenfalls ihre Kinder bei sich hat, auf die Frage, ob man denn das Bauwerk schätze. Die Lautlinger mögen ihre 100 Meter lange Brücke für Fußgänger und Radfahrer – die längste Textilbetonbrücke der Welt. Viel hat der Ortsteil von Albstadt nicht zu bieten, was ihn außerhalb bekannt ma­ chen könnte, allenfalls noch das Schloss des Grafen Stauffenberg oder den Wäsche­ hersteller Mey. Irgendjemand hat am Hang auf einer Wiese große Buchstaben aufge­ stellt, von der Brücke aus liest man den Na­ men des Ortsteils: Lautlingen. „Das sieht fast aus wie die Schriftzeichen in Holly­ wood“, sagt Roland Karle lächelnd. Ganz so bekannt ist Lautlingen zwar noch nicht – doch die Brücke, so sagt der Geschäftsfüh­ rer von Solidian, sei „ein Leuchtturm“, der den kleinen Teilort überregio­ „Wer auf die gesamte nal bekannt gemacht habe. Und für Karle ist sie vor allem Lebensdauer eines „ein neues Geschäftsfeld“. Bauwerkes schaut, steht Solidian ist eine hundert­ mit Textilbeton schon prozentige Tochtergesellschaft der Albstädter Groz­Beckert­ heute wesentlich besser Gruppe, eines Herstellers von da als mit Stahlbeton.“ Nähnadeln für Textilmaschi­ Solidian­Geschäftsführer nen. Als die Brücke saniert wer­ Roland Karle den musste, fragte sich Thomas Lindner, geschäftsführender Gesellschafter von Groz­Beckert, „ob man da nicht etwas mit Textil machen“ könne. Mit „Textil“ nämlich kennt sich das Unter­ nehmen aus, werden seine Nähnadeln doch auch für die Herstellung technischer Texti­ lien verwendet, die etwa im Medizinbereich genutzt werden. Eigenen Kunden wollte man mit dem Einstieg ins Textilgeschäft aber keine Konkurrenz machen. Doch da die reparaturbedürftige Brücke fast vor der Haustür stand, griff man die naheliegende Idee auf, sich in Textilbeton zu versuchen. Bei einer einmaligen Sanierung einer Brü­ cke aber sollte es nach Meinung von Lindner nicht bleiben: „Wir haben deshalb eine Tochtergesellschaft gegründet, die sich mit Produkten aus Textilbeton beschäf­ tigt“, berichtet Lindner. Am Markt ist diese seit 2013, die für Lautlingen so wichtige Brücke wurde noch unter der Regie der Muttergesellschaft zusammen mit einem Bauunternehmen aus der Gegend und Ex­ perten von der Rheinisch­Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen fertiggestellt. Diskutiert und geplant wurde vier Jahre lang. Mit der Stadtverwaltung wurde ein Vertrag ausgehandelt, wonach diese nur so viel zahlen sollte, wie eine normale Stahlbetonbrücke kosten würde, nämlich

600 000 Euro. Die Textilbetonbrücke in­ des war um eine Million Euro teurer – die Mehrkosten übernahm Groz­Beckert. „Das haben wir in zwei Wochen aufgestellt“, sagt Karle und blickt auf den Verkehr, der un­ aufhörlich unter dem bis zu 16 Meter hohen Bauwerk durchfließt – Einheimische, die Einkäufe machen oder dem Feierabend zu­ streben, aber auch schwere Lastwagen. „Die Bundesstraße hier ist eine wichtige Verbindung von Balingen nach Ravens­ burg, es war gut, dass es nicht lange Behin­ derungen für den Verkehr gab.“ Wer etwas aus dem Vorland westlich der Zollernalb ins Oberland transportieren will, muss unter dieser Brücke durch. Die einzelnen Module der Brücke ka­ men vorproduziert als Fertigteile an die Baustelle – mit ein Grund, weshalb die Bundesstraße so rasch wieder überspannt werden konnte. Die Form, in die der Beton gegossen wurde, musste berücksichtigen, dass Anfang und Ende nicht auf gleicher Höhe liegen – und sie musste berücksichti­ gen, dass die Brücke auch leicht geneigt

die 50 000 Euro koste, habe damit noch längst nicht alle Kosten abgedeckt: „Alle 20 Jahre müssen nochmals 50 000 Euro für Reparaturen ausgegeben werden“, rechnet Karle vor – anders als der für die Festigkeit in Beton eingebaute Stahl rostet ein textiles Gewebe nicht. Seit sechs Jahren schon laufen die Lautlinger nun über Tex­ tilbeton – Abnutzungserscheinungen sind der Brücke nicht anzusehen. „Der Markt ist riesig“, sagt Karle. Und beim Blick auf den unten durchrauschen­ den Verkehr meint er, in zehn Jahren könn­ ten auch Straßen oder sogar Autobahnen mit Textilfasern statt mit Stahlgeflechten versehen werden. „Wer nicht nur auf die In­ vestitionen blickt, sondern auf das ganze Leben eines Bauwerkes, der steht mit Textil schon jetzt wesentlich besser da“, sagt der Geschäftsführer. Zudem sänken die Preise, wenn mehr mit Textilbeton gebaut werde. Möglichkeiten gäbe es viele: In Albstadt hat Solidian im vergangenen Jahr eine 15 Me­ ter lange, rein mit Carbonfasern verstärkte Brücke hingestellt – weltweit die erste.

sein muss, um bei Regen das Wasser abflie­ ßen zu lassen. Mit Textilbeton war dies kein Problem: Das Gewebe aus mit Epoxidharz getränkten Glasfasern lässt sich in jede Richtung biegen. In seinem Büro hat Karle ein Gewebe stehen, das aussieht wie ein Stuhl, ein anderes ist rund wie ein Türm­ chen und könnte als Tischbein dienen. Dass textile Gewebe wie etwa Glasfasern fast jede Form annehmen können, ist aber nicht der einzige Vorteil gegenüber Stahl­ beton – sie halten auch länger und Bauten können leichter werden, da oft weniger Be­ ton benötigt wird. Die alte Brücke in Laut­ lingen war nach 30 Jahren einsturzgefähr­ det und musste zum Ärger der Bewohner gesperrt werden. Wollten sie von einem Ortsteil in den anderen, mussten sie die Bundesstraße überqueren. Für die neue Brücke hat Groz­Beckert schon einmal 20 Jahre Garantie gegeben, doch Solidian­ Chef Karle ist davon überzeugt, dass sie wenigstens 80 Jahre hält: „Und man muss nicht alle zehn Jahre etwas reparieren.“ Wer etwa eine traditionelle Brücke baue,

Selbstständig

Vertrauen erfahren.

Steigern Sie Ihr Potenzial. Mit Professional Class. Volkswagen für Selbstständige. Ihr täglicher Antrieb sind maßgeschneiderte Lösungen, die Sie Ihren Kunden garantieren. Und genau das bieten wir Ihnen auch – mit Professional Class. Profitieren Sie von der attraktiven, modellabhängigen Prämie1 und kommen Sie in den Genuss zahlreicher Vorteile beim GeschäftsfahrzeugLeasing.2 Das Plus zu Ihrem Leasingvertrag sind folgende komfortable Mobilitätsmodule: • Wartung & Verschleiß-Aktion3 • Europa Tank & Service Karte Bonus3

• KaskoSchutz3 • ReifenClever-Paket3

• HaftpflichtSchutz3

Kraftstoffverbrauch des Golf Variant in l/100 km: kombiniert 5,4–3,5, CO2–Emissionen in g/km: kombiniert 125–92. 1 Prämie erhältlich bei nahezu jeder Neuwagenbestellung. Professional Class ist ein Angebot für alle Selbstständigen. Einzelheiten zur jeweils erforderlichen Legitimation erfahren Sie bei Ihrem teilnehmenden Volkswagen Partner. 2 Ein Angebot der Volkswagen Leasing GmbH, Gifhorner Str. 57, 38112 Braunschweig, für gewerbliche Einzelabnehmer mit Ausnahme von Sonderkunden für ausgewählte Modelle. Bonität vorausgesetzt. Alle Werte zzgl. gesetzlicher Mehrwertsteuer. 3 Wartung & Verschleiß-Aktion, KaskoSchutz, HaftpflichtSchutz (Leistungen gem. Bedingungen der HDI Versicherung AG), ReifenClever-Paket (verfügbar für ausgewählte Modelle), Europa Tank & Service Karte Bonus jeweils nur in Verbindung mit GeschäftsfahrzeugLeasing der Volkswagen Leasing GmbH. Abbildung zeigt Sonderausstattungen.

TRADITIONSUNTERNEHMEN AUF DEM WEG ZU NEUEN UFERN Muttergesellschaft Die Groz­ Beckert KG geht bis auf das Jahr 1852 zurück.In diesem Jahr eröffnete Theodor Groz in Ebingen ein Geschäft für Spiel­ und Galanteriewaren. Der heutige Weltmarktführer von Nadeln für Textilmaschi­ nen setzte 2015 mit weltweit

7800 Mitarbeitern rund 628 Millionen Euro um. Tochtergesellschaft Die 2013 gegründete Solidian GmbH setzt zusammen mit einer 2014 übernommenen Gesell­ schaft in Kroatien mit 180 Mitarbeitern 15 Millionen Euro

um. Gewebe wurden auch für eine Textilbetonfassade in Mannheim geliefert. Da der Beton keinen Stahl vor Rost schützen muss, konnte die Fassade dünner werden und wiegt nur 950 Kilogramm – bei Stahlbeton wären es 2900 Kilogramm gewesen. ey

Volkswagen Automobile Stuttgart GmbH Stuttgart Ost Wangener Str. 66, 70188 Stuttgart Tel. 0711 / 4602-1901

Stuttgart Vaihingen Hauptstr. 166, 70563 Stuttgart Tel. 0711 / 737300-222

www.volkswagen-automobile-stuttgart.de Stuttgart Degerloch Schöttlestr. 26, 70597 Stuttgart Tel. 0711 / 76986-45

Stuttgart Weilimdorf Rutesheimer Str. 1, 70499 Stuttgart Tel. 0711 / 13893-81


AMANN intelligent threads. Not only for sewing.

thinking solutions. Als international führendes Unternehmen für hochwertige Nähfäden und technische Innovationen bietet AMANN u. a. maßgeschneiderte Ausrüstungen für Garne und Zwirne in Faserverbundanwendungen. Die Comphil Finishing Technologie trägt zu einer besseren Faser-Matrix-Haftung, optimierten Verarbeitbarkeit sowie erhöhten Produktivität bei. AMANN Group | D-74357 Bönnigheim | Phone +49 7143 277-0 | E-Mail: service@amann.com | www.amann.com


Wir Wirtschaft tschaft & Karriere

August 2016

Vertrauen schaffen beim gemeinsamen Essen: Wer eine solche Einladung in China ausschlägt, stößt seine Verhandlungspartner vor den Kopf.

9

Foto: Mauritius

Geduld zählt mehr als Effizienz Wer in China erfolgreich sein möchte, muss manche Management­Weisheit über Bord werfen. Welche – das können Ex­Pats bei interkulturellen Trainings lernen. Der erste Lerneffekt ist meistens die Erkenntnis, wie deutsch man eigentlich ist. Von Dorothee Schöpfer Coaching

E

s hätte alles perfekt sein können. Zwei Tage lang sitzen die deutschen und die chinesischen Partner am Verhandlungstisch in Peking. Tags­ über wird am Vertrag gefeilt, am Abend mündet der Arbeitstag in einem Res­ taurantbesuch. Am dritten Tag ist man sich so gut wie handelseinig. Der deutsche Ab­ teilungsleiter gibt seinem dringenden Be­ dürfnis nach, endlich einen Knopf an die Sa­ che zu machen. Er will die Vereinbarung am Abend noch unterschriftsreif verhandeln. „Wir könnten doch eine Pizza bestellen, statt auswärts zu essen“, schlägt er vor. Die chinesischen Gastgeber sind leicht irritiert, willigen aber ein. Die deutsche Delegation feiert den Abschluss später noch in der Ho­ telbar. Sie haben sich zu früh gefreut. Nein, der Vorgesetzte sei nicht einverstanden mit dem Ergebnis, das Agreement hinfällig, lautet die Hiobsbot­ schaft von chinesischer Seite am nächsten Morgen. Brigitte Ott­Göbel erinnert sich noch sehr gut an dieses Fiasko, das sie vor vielen Jah­ ren miterlebt hat. Sie war lan­ ge bei einem deutschen Auto­ konzern im internationalen Vertrieb tätig und hat die Foto: privat Strategie für das chinesische „Es hilft einem erst einmal Händlernetz mit entwickelt. Heute arbeitet sie als Berate­ immens, wenn man weiß, rin und systemischer Coach wo die Fettnäpfchen und gibt als China­Expertin lauern.“ auch interkulturelle Trai­ nings. Eine Einladung zum Johannes Klemeyer, Geschäftsführer Abendessen ausschlagen – das der Crossculture Academy, über interkulturelle Trainings sei ein absolutes No­Go. Denn diese informellen Abende sind aus chinesischer Sicht in keiner Weise ver­ zichtbar, sie dienen der Beziehungspflege, dem „guanxi“. „Bevor man in China mitei­ nander ins Geschäft kommt, muss man sich kennenlernen, ein Vertrauensverhältnis aufbauen“, sagt Ott­Göbel. Deutsche Manager, die Effizienz mit Schnelligkeit gleichsetzen, geraten in China schnell an ihre Grenzen. Einfliegen, unter­ schreiben, abreisen, so funktioniert das

nicht. „Wer in China erfolgreich sein will, der braucht Geduld“, so Brigitte Ott­Göbel. Was im Übrigen amerikanische Manager, die nach dem Grundsatz „time is money“ verfahren, noch mehr stresst als ihre deut­ schen Kollegen. Chinesische Verhandlungs­ partner haben grundsätzlich mehr Zeit als ihre eingeflogenen Gegenüber. Doch dem Gesprächspartner über den Mund zu fah­ ren, wenn er vermeintlich vom Thema ab­ kommt, das führt in China auf direktem Weg in die Sackgasse. Wenn bei einem Meeting ein Thema immer wieder angesprochen wird, obwohl dieser Punkt auf der Agenda aus deutscher Sicht schon längst abgehakt war, dann hat das nichts mit Zermürbetaktik oder mangelnder Konzentration zu tun, sondern damit, dass das chinesische Denken nicht linear verläuft, sondern sich dem Gegenstand kreisend nähert und dabei im­ mer wieder neue Facetten zutage treten. Auch die Vorliebe für Hierarchien in China hat einen kulturellen Hintergrund: Die Leh­ re von Konfuzius besagt, dass jeder einen fest gefügten Platz im System hat. Die Hie­ rarchie bestätigt dieses Gefüge. Brigitte Ott­Göbel weiß das alles, weil sie sich mit der Philosophie genauso beschäftigt hat wie mit den Verkaufsstatistiken von Lkws im Reich der Mitte. Die Faszination Chinas hat für sie seit dem ersten Aufenthalt, der noch im letzten Jahrtausend stattfand, nicht nachgelassen. Heute unterrichtet sie als Lehrbeauftragte an Universitäten in den Provinzen Shanxi und Shandong und hat jüngst ein Buch über Führen, Lehren und Lernen im modernen China geschrieben. Solch tiefes Interesse bringt ganz be­ stimmt nicht jeder Ex­Pat mit, der sich mit­ hilfe der in Stuttgart ansässigen Crosscul­ ture Academy auf einen Auslandsaufent­ halt vorbereitet. 250 Trainer sind in dem Netzwerk des Weiterbildungsunterneh­ mens vertreten, die ihre Klienten bei einem ein­ oder zweitägigen Training darüber aufklären, dass ein Meeting in Russland, Frankreich, Kenia oder Japan eigenen Regeln folgt. Johannes Klemeyer ist Geschäftsführer der Crossculture Acade­ my und weiß, dass der erste Lerneffekt bei

einem solchen interkulturellen Training darin besteht, sich über die eigenen Nor­ men und Werte klar zu werden – und zu erkennen, wie deutsch man eigentlich ist. „Wir sind weltweit betrachtet mit unse­ rer extremen Sachorientierung ziemliche Exoten“, sagt Klemeyer. Statistisch be­ trachtet, wollen Deutsche nach drei Minu­ ten Small Talk auf den Punkt kommen. Die Briten reden dagegen erst mal zehn Minu­ ten lang über das Wetter oder über Sport, in Frankreich dauert das Vorgeplänkel im Schnitt 15 Minuten. In Südamerika geht es frühestens nach einer halben Stunde um das eigentliche Thema. Wer solche Statisti­ ken kennt, verhält sich auf internationaler Ebene vermutlich höflicher und geduldiger. Allerdings: Wer sensibilisiert ist für die Vielzahl von Fehlern, die man machen kann, ist der nicht erst recht verunsichert? „Es hilft einem erst einmal immens, wenn man weiß, wo die Fettnäpfchen lauern. Aber interkulturelle Kommunikation ist keine Mathematik und bedeutet mehr als das Wissen, ob man die Visitenkarte mit einer oder zwei Händen überreicht“, sagt Johan­ nes Klemeyer dazu. Es brauche Offenheit und Empathie, um im Ausland erfolgreich eine Filiale aufzubauen oder ein Unterneh­ men zu führen. Die Klienten der Crosscul­ ture Academy sind oft IT­Experten oder Ingenieure – die erst mal lernen müssen,

dass Soft Skills wie Kommunikationsfähig­ keit tatsächlich wichtig sind. Sie bekommen erst einmal ein Zitat des langjährigen IBM­ Managers und Sachbuchautors Gunter Dueck vorgesetzt: „Internationale Projekte scheitern nicht an Fakten, son­ dern an missglückter Kommu­ nikation.“ Interkulturelle Kompetenz ist allerdings längst nicht nur bei Ex­Pats oder viel fliegen­ den Managern gefragt. Wer von Deutschland aus in einem internationalen Team arbeitet, sich mit E­Mails oder in Skype­ Konferenzen mit Kollegen aus Foto: privat Polen, Indien und Frankreich austauscht, sollte ebenfalls die „Bevor man in China Kommunikationsgepflogen­ miteinander ins Geschäft heiten der Beteiligten kennen. Das kann auch mittels E­Lear­ kommt, muss man ein ning­Modulen passieren, in Vertrauensverhältnis denen auf Videoclips oder in aufbauen.“ einzelnen Artikeln besondere Situationen angesprochen China­Expertin Brigitte Ott­Göbel über das Verhalten bei Verhandlungen werden, findet Johannes Kle­ meyer. Sein Unternehmen bie­ tet jedenfalls verschiedene Systeme an, um kulturelle Missverständnisse gar nicht erst entstehen zu lassen. Damit einen die Pizza am Ende nicht teurer zu stehen kommt als die gesamte Reise.

BUSINESS­KNIGGE – ANDERE LÄNDER, ANDERE SITTEN Schweden Ein bei uns als kompetent und profes­ sionell geltender Kom­ munikationsstil wird in Skandinavien schnell als besserwisserisch wahrgenommen. Wer dort seinen akademi­ schen Titel auf die Visi­ tenkarte schreibt, gilt als eitel. Polen Wer wissen möch­ te, wo das Projekt steht,

sollte die Initiative ergrei­ fen und nicht darauf war­ ten, von polnischen Mit­ arbeitern darüber infor­ miert zu werden. Es gilt die Holschuld – nicht die Bringschuld. Mexiko Schwierigkeiten werden in Mexiko nicht gerne direkt angegangen. Die Aussage „No te pro­ cupes“ (übersetzt heißt das: Mach dir keine Sor­

gen) kann durchaus Anlass zur Sorge geben. Kritische Themen sind oft die, die nicht sofort besprochen werden. Arabische Golfstaaten Emotionen gehören ein­ fach zur Kommunikation dazu. Auch wenn der Gesprächspartner heftig wird: immer gelassen und freundlich bleiben. Unter­ brechungen in einem

Meeting sind völlig normal. China Kritik sollte nie­ mals vor Publikum, son­ dern nur in einem Vier­ Augen­Gespräch geäu­ ßert werden, da sonst der Kritisierte sein Ge­ sicht verliert. Auch laut zu werden und die Stim­ me zu erheben, ist ein Fehler, der kaum wieder­ gutzumachen ist. hee


10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

„Fürs Vertrauen der Mitarbeiter“ Viele Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass gute Stimmung im Unternehmen nachhaltig den Erfolg der Firma beeinflusst. Jetzt stellen sie sogar Feel­Good­Manager ein. Interview

E

rfunden wurde der Feel­Good­ Manager in US­amerikanischen Start­ups, die in Rekordzeit von der Garagenfirma zum Weltunterneh­ men heranwuchsen. Inzwischen in­ vestieren auch immer mehr deutsche Fir­ men in Fachkräfte, die sich ums Wohlgefühl der Mitarbeiter kümmern. Arbeits­ und Or­ ganisationspsychologin Thordis Bethlehem bezweifelt aber, dass ein einzelner Mensch weit verbreitete Defizite ausräumen kann. Frau Bethlehem, Sie beraten Firmen im Umgang mit ihren Mitarbeitern. Gibt es da Probleme? Ja, denn die psychischen Erkrankungen nehmen zu und das schlägt sich in Fehlzei­ ten nieder. Außerdem kann sich im harten Konkurrenzkampf um Fachkräfte keiner mehr unzufriedene Mitarbeiter leisten. Wann sind Mitarbeiter zufrieden? Bei guter Arbeit. Gute Arbeit ist ordentlich bezahlt und unbefristet. Sie ist sinnvoll und kreativ und die Leistung wird anerkannt. Gute Arbeit schafft soziale Beziehungen und erhält die Gesundheit.

Und dafür sorgt ein Feel­Good­Manager? Schön wär’s. Aber dafür hat er oder sie we­ der die Kompetenzen noch die Möglichkei­ ten. Unternehmenskultur muss von der Führungsebene kommen und dort auch vorgelebt werden, nicht nur in ein Leitbild gefasst und auf Hochglanz gedruckt. Wenn Mitarbeiter klagen, dass sie keine Rückmel­ dung vom Vorgesetzten be­ „Wenn die Kultur in kommen, hilft auch kein Feel­ Good­Manager. einem Unternehmen

hundsmiserabel ist, kann ich einem Bewerber nur raten, dort nicht hinzugehen.“ Thordis Bethlehem, Psychologin

Und wobei hilft ein Feel­Good­ Manager? Bei Dingen, die früher auf viele Schultern verteilt waren: die Suche nach einem fremdspra­ chigen Arzt oder die Hilfe bei Amtsgängen für Mitarbeiter aus dem Ausland – das hat eine Relocation­ Agentur gemacht. Für Finanzprobleme war die Sozialabteilung da – hier sind vor allem Familienunternehmen gut aufgestellt. Ein Sportangebot haben die meisten Firmen und den Stimmungsmacher, der alle auf­ muntert, oder die Sekretärin, die Kranken eine Karte schreibt und Geburtstagsblu­ men besorgt, gibt es überall. Mit einem Feel­Good­Manager ist die Gefahr groß, dass jegliche Initiative flöten geht. Es scheint dann nicht mehr nötig, dass sich jeder ein bisschen um seine Kollegen kümmert. Feel­Good­Manager findet man häufig in Start­ups, die schnell wachsen und Mitarbei­ ter aus aller Welt beschäftigen. Da hilft es doch sehr, wenn jemand das Kennenlernen organisiert mit Namensspielchen und Frei­ zeitaktivitäten? Auf jeden Fall ist es gut fürs Image, wenn ich sagen kann, „Schaut her, wir haben einen Feel­Good­Manager“. Es ist ein Signal an die Bewerber, dass ich mich für sie interes­ siere, und gibt ihnen ein diffus gutes Gefühl. Das Problem bei den Start­ups ist, dass ir­ gendwann nicht mehr nur ein paar Tüftler rund um die Uhr schuften, sondern viele

AUSFALLZEITEN Fehltage wegen psychischer Erkrankung bezogen auf 100 ganzjährig Versicherte 243,7

200

100 76,7

1997 99 2001 03 05 07 09 StZ-Grafik: zap

11

13 15 Quelle: DAK

Mitarbeiter mit unterschiedlichen Bedürf­ nissen da sind und Führung brauchen. Eine Feel­Good­Managerin hat sich selbst definiert als eine Mischung aus Team­ und Eventmanagerin, Chefassistentin und Be­ triebsseelsorgerin. Das sind alles wichtige Aufgaben, oder? Es ist eine große Rollenvielfalt in engem Rahmen. Der Feel­Good­Manager soll einerseits das Vertrauen der Mitarbeiter ge­ winnen und andererseits den Chefs flüs­ tern, wo es brennt. Er weckt allein durch seine Existenz Ansprüche und bekommt Druck, wenn Wünsche nicht erfüllt werden. Außerdem ist die Frage, wie wirksam ge­ meinsames Kaffeetrinken oder Billardspie­ len oder ein gesundes Obstangebot sind. Wo bleibt da die Freiwilligkeit und was ent­ spricht dem Bedarf der Mitarbeiter? Wenn Verweigerer als nicht teamfähig abgestem­ pelt werden und genau beobachtet wird, wer Äpfel isst und wer nur Fast Food, ist es schnell vorbei mit dem Feel­good. Also ist es eigentlich keine gute Idee, einen Feel­Good­Manager zu installieren? Ende der 1990er hätte ich gesagt, es ist Vor­ gesetztenaufgabe, sich um die Mitarbeiter zu kümmern. Heute kriegen viele Füh­ rungskräfte das offensichtlich nicht mehr hin. Sei es, weil sie zu viele Mitarbeiter ha­ ben oder zu viele andere Aufgaben. Eigent­ lich ist ein Feel­Good­Manager eine Ban­ krotterklärung von Führungskräften. Trotzdem begrüße ich es, wenn eine Firma über die Einrichtung eines Feel­Good­Ma­ nagers nachdenkt. Denn es bedeutet, dass das Unternehmen das Gefühl hat, etwas für seine Mitarbeiter tun zu müssen, und das ist ja grundsätzlich positiv. Man muss nur sehr genau schauen, was er tun soll. Die Frage ist immer, ob ein Konzept dahintersteht oder der Feel­Good­Manager ein Feigenblatt ist für eine fehlende Unternehmenskultur. Funktionieren kann er nur, wenn er gehört wird und etwas ausrichten kann. Was kann ein Feel­Good­Manager ausrich­ ten? Er kann helfen, Bedarfe zu ermitteln, und schauen, woran es hakt. Aber er kann nicht zum Chef sagen, „Sei netter zu den Mitarbei­ tern“. Wenn die Kultur in einem Unterneh­ men hundsmiserabel ist, kann ich einem Bewerber nur raten, dort nicht hinzugehen. Ein Feel­Good­Manager kann keine Wun­ der bewirken. Damit er etwas ausrichten kann, müssen ein Ziel und eine Strategie vorhanden sein. Dann kann er helfen, sie mit Leben zu erfüllen. Er kann außerdem als Antenne in die Belegschaft wirken, wobei er Sender­ und Empfängerfunktion hat. Die meisten der geschätzt 100 Feel­Good­ Manager in Deutschland kommen aus den Bereichen Personal und Betriebswirtschaft, Psychologie und Pädagogik oder Event und Sport. Wer ist der Idealkandidat? Bisher gibt es kein einheitliches Berufsbild und keine definierten Fortbildungsinhalte, also lässt es sich allein von der Ausbildung her nicht sagen. Es kommt ein bisschen auf die Belegschaft an, ob sie jung oder alt ist, ob das Unternehmen ein technisches oder ein soziales ist. Ein Feel­Good­Manager muss auf jeden Fall offen und kommunika­ tiv sein, sollte Berufserfahrung haben und am besten eigene Erfahrungen mit Arbeit im Ausland oder mit wechselnden Arbeits­ orten. Er oder sie muss pragmatisch und zugleich zupackend sein und gut zuhören und Bedürfnisse erfassen können. Und auf jeden Fall muss er sich und die Aufgabe abgrenzen können – sonst wird er leicht vereinnahmt. Laut einer Kienbaum­Studie entscheidet das Wohlbefinden maßgeblich über das Engage­ ment am Arbeitsplatz. Wie wichtig sind da­ für Billardtische oder Schlafecken oder eine Großbildleinwand? Wenn die Mehrheit der Mitarbeiter diese Dinge gerne und freiwillig nutzt, wirken sie positiv. Das entbindet die Führung aber nicht davon, ihre Leute auch mal heimzu­ schicken. Mitarbeiter lassen sich heute ganz grob in zwei Gruppen einteilen. Die einen arbeiten viel und haben viel Output. Die anderen sind die sogenannten Infrage­ steller. Sie definieren Leistung nicht (nur) in Zeit oder Menge oder Anwesenheit. Arbeitszeit ist auch Lebenszeit und kann

Geht es nach Arbeitspsychologin Thordis Bethlehem, sollte die Führungsriege in der Firma Zeichen der Wert­ schätzung für die Mitarbeiter setzen, dann wären Feel­Good­Manager überflüssig. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

ZUR PERSON Die Psychologin Thordis Bethlehem wurde 1979 im westfälischen Halle geboren. Nach einer Ausbildung zur Industriekauffrau studierte Bethle­ hem Psychologie und Pädagogik in Bielefeld und war in verschiedenen Unternehmen in den Bereichen Personalbetreuung und ­entwick­ lung tätig.

Die Personalentwicklerin 1999 kam Thordis Bethlehem nach Stuttgart, um in einer Unternehmensberatung den Bereich Personalentwicklung aufzubauen. Die Beraterin Seit 2002 ist die Arbeitspsychologin selbstständig und berät kleine und mittelständi­

Glücksmomente und Erfüllung bringen. Die Herausforderung ist, eine Balance zwi­ schen fordernden, aufregenden und ruhi­ gen, entspannenden Tätigkeiten zu finden. Dazu können solche Angebote im Büro bei­ tragen. Das Wichtigste fürs Wohlbefinden der Mit­ arbeiter . . .? . . . ist und bleibt eine Unternehmenskul­ tur, die von der Führungsriege gelebt wird. Sie muss Zeichen der Wertschätzung set­ zen, Interesse an den Mitarbeitern haben, überzeugt davon sein, dass ihre Mitarbeiter wichtig sind. Sie muss signalisieren, dass ihr die Entwicklung der Mitarbeiter am Herzen liegt und Zuwendung und Offen­ heit ausstrahlen.

sche Unternehmen. Seit 2007 ist sie im Vorstand der Landesgruppe Baden­Württemberg im Berufsver­ band Deutscher Psychologinnen und Psychologen, dessen Vizepräsi­ dentin sie von 2008 bis 2010 war. Seit 2010 ist siefür Moldzio & Part­ ner tätig, ein Institut für Personal­ auswahl. bb

Kann man das lernen? Eine Belegschaft ist heute nicht mehr die große homogene Masse, die von 9 bis 17 Uhr gesteuert werden will. 100 Mitarbeiter be­ deutet 100 individuelle Bedürfnispakete. Um ihnen gerecht zu werden, braucht man Vorbilder, dafür muss man Führungskräfte sensibilisieren, schulen und sichtbar ma­ chen. Zu diesem Zweck gibt es Seminare, beispielsweise für Feedback, Gesprächs­ technik oder auch individuelles Coaching. Es ist fahrlässig, wie oft Führungskräfte oh­ ne Vorbereitung in diese wichtige Aufgabe hineingeworfen werden. Da darf man sich nicht wundern, wenn viele Mitarbeiter sich gar nicht gut fühlen. Das Gespräch führte Bettina Bernhard.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 11

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Na ch fo lge

n tie Ak

g n u it ft S

kt e p s a r e Steu

Kompliziertes Puzzle Bei der Vermögensnachfolge gilt es, Regelungen des Gesellschaftsvertrags und des Testaments harmonisch zusammenzuführen. Oft wird das Gesamtbild aus den Augen verloren. Von Thomas Spengler

Vererben

B

Fo nd s

tenverfügungen ergänzt wird. Während die Verfügung des Familienvermögens oft ein­ fach geklärt werden kann, ist die Frage nach der Übernahme der Unternehmens­ verantwortung in der Regel komplexer und sehr individuell zu lösen. „Es kommt darauf an, wem der Pa­ triarch die Leitung der Firma zu welchem Zeitpunkt zutraut“, sagt Blum, der dazu rät, dass sich die Familien aktiv mit solchen Nachfolgefragen befassen. Dies, so sein Credo, bietet die Chance, dass sich die nächste Generation rechtzeitig mit Unter­ nehmens­ und Vermögensthemen vertraut macht. Einen allgemeingültigen Weg gibt es hierzu nicht, vielmehr sind die Lösungen so individuell, wie es die Familien sind. Je­ doch sieht Blum eine Gemeinsamkeit: „Der Weg ist das Ziel; je mehr der Unternehmer mit seinen Kindern die Nachfolge be­ spricht und ihnen erklärt, aus welchen Gründen er welche Bedingung vorgibt, wel­ che Erfahrung er gemacht hat, warum er bestimmte Maßgaben macht, desto größer ist der Familienzusammenhalt und desto eher gelingt die Nachfolge.“ Individuelle Lösungen gelten auch für die private Vermögensübertragung, die sinnvollerweise in Schritten erfolgen sollte. Hier hat der Gesetzgeber einige Möglich­ keiten geschaffen, um über Jahrzehnte hinweg Vermögen an die nächste Genera­ tion oder auch zwischen den Ehepartnern zu verschenken, ohne sich der Schen­ kungsteuer auszusetzen. Alle zehn Jahre ist eine solche Übertragung steuerfrei mög­ lich, was helfen kann, spätere „Steuerbom­ ben“ zu vermeiden. Hinterlässt etwa ein Erblasser seinem einzigen Kind ein Vermö­ gen von 1,2 Millionen Euro, wird der Frei­ betrag um 800 000 Euro überschritten, so dass diese Summe voll nach dem Erbschaft­ steuergesetz versteuert werden muss. In diesem Fall fällt fast ein Fünftel als Erb­ schaftsteuer an, was dazu führt, dass ein spürbarer Teil des Vermögens zur Beglei­ chung der Steuerschuld aufgewendet wer­ den muss. Eine strategische Planung lebzei­ tiger Schenkungen hätte dies verhindern können. Hierzu kann das Nießbrauchrecht ein probates Instrument sein. Dabei wird ein Wert, meistens eine Immobilie, an den neuen Eigentümer übertragen, aber der Alteigentümer behält ein lebenslanges Nutzungsrecht. Dadurch kann die Be­ rechnungsgrundlage der Schenkungsteuer deutlich gesenkt werden. Wie man bei CMS immer wieder beob­ achtet, kommt es mitunter vor, dass Unter­ nehmer zwar durchaus willens sind, Ver­

mögen und Unternehmensverantwortung zu übertragen, aber der Nachfolger in der Familie fehlt. „In solchen Fällen können Stiftungen als Auffangbecken dienen“, sagt Blums Kollege Dirk Schauer, Stif­ tungsspezialist bei CMS. Der Stifter einer Familienstiftung möchte in der Regel erreichen, dass sowohl das Vermögen nicht durch Erbgänge zer­ splittert als auch die Versorgung der Nach­ kommen gesichert wird. Insbesondere kann es ihm darum gehen, mit der Stiftung die Unternehmenskonti­ nuität zu bewahren. Hierzu kann der Stifter verbindliche Regelun­ gen festlegen, die nicht einfach zu umgehen sind. „Der Stifterwille, das heißt, der Wil­ le, den der Stifter im Zeitpunkt der Errich­ tung der Stiftung hatte, ist das bestimmen­ de Element einer Stiftung“, macht Blum klar. Mit der Übertragung einer Unterneh­ mensbeteiligung auf eine Familienstiftung gehen auch die Stimm­ und Vermögens­ rechte auf die Stiftung über, so dass diese fortan durch die Stiftung ausgeübt werden. „Mit der Zuwendung an die Stiftung entäu­ ßert man sich des gestifteten Vermögens – das sollte man sich klarmachen“, sagt Schauer. Durch eine gezielte Gestaltung und Besetzung der Stiftungsorgane kann der Stifter dann die Fortführung des Unternehmens, die Mitsprache des Stifters und seiner Familie sowie die Einbeziehung familien­ externer Experten nach seinen Vorstellungen dauerhaft gestalten. Die laufenden Erträge fließen den Familienmitgliedern auf­ grund ihrer Stellung als Destinatäre der Stiftung zu. Ob und inwieweit die Familie und der Stifter auch in die Lei­ tung der Stiftung und des Unternehmens ein­ bezogen werden, hängt von den Gestaltungswünschen des Stifters ab. Mit der Gründung einer Familienstif­ tung, auf die eine wesentliche Unterneh­ mensbeteiligung übertragen wird, können somit zwei Fliegen mit einer Klappe ge­ schlagen werden: Sie soll sowohl ein fähiges Management zum Wohle des Unterneh­ mens als auch eine fähige Stiftungsverwal­ tung zum Wohle der Familie gewährleisten.

itz es db un Gr

Imm obil ien

eim Vererben muss das Gesamt­ puzzle stimmen. Christine Ochs weiß, wie sensibel sie vorzugehen hat, wenn es um Regelungen geht, die für den Todesfall etwa eines vermögenden Unter­ nehmers getroffen werden sollen. „Dabei handelt es sich um Themen, die in der Regel hinausgeschoben oder verdrängt werden“, sagt sie, die als Beraterin der Volksbank Stuttgart in solchen Fällen moderierend einzugreifen versteht. „Als Bank haben wir aus der Hub­ schrauberperspektive den Blick auf das gesamte Vermögen“, sagt sie. Ochs unterstützt die Kunden des Instituts bei der Planung der Ver­ mögensnachfolge. Dabei gilt es, sowohl die fami­ liären als auch die unternehme­ rischen Aspekte in einer Vermö­ gensnachfolgeplanung zu be­ rücksichtigen. „Dies kann bei vermögenden Privatkunden eine höchst komplexe Sache sein“, weiß Dietrich Mang, Bereichsleiter Private Ban­ king bei der Volksbank Stutt­ gart. Als größte Herausforderung sieht er es vor diesem Hintergrund, einen großen Plan zu entwickeln, der sämtliche Einzelregelungen des Gesellschaftsver­ trags und des Testaments zu einem harmo­ nischen Puzzle zusammenführt. „Wir erle­ ben es häufig, dass einzelne Themen zu sehr en détail geplant werden. Aber das Ge­ samtbild wird oft aus den Augen verloren“, sagt Mang. An dieser Stelle treten dann die Steuer­ berater und Rechtsanwälte der Bankkun­ den auf den Plan – so wie Hans Chris­ tian Blum, Partner der Anwaltskanzlei CMS Hasche Sigle in Stuttgart. Wie er aus der Praxis weiß, neigen viele Unternehmer dazu, sich erst mit dem Thema „Nachfolge und Ver­ erben“ zu befassen, wenn durch gesetzliche Änderungen Nachteile eintreten würden, so wie jetzt durch die Erbschaftsteuer­ reform. „Dabei ist eine Nachfol­ geplanung auf Langfristigkeit ausgelegt. Letztlich geht es um die Familie und das Familien­ unternehmen“, sagt der Spe­ zialist für Vermögens­ und Unternehmensnachfolge. Es muss also ein Notfalltestament entwickelt werden, das zur Familie passt und durch entsprechende Vollmachten und Patien­

ent m a t s Te

: gen nta Mo

r che Fis

RICHTEN SIE SICH AUF DAS BESTE EIN. Unsere Teams entwickeln maßgeschneiderte Interiorkonzepte für Privatkunden, Gastronomie und den Büro- / Objektbereich. Von der Planung bis zur Umsetzung bieten wir exzellente internationale Einrichtungen aus einer Hand. Standort Stuttgart – Fleiner Möbel by architare Stresemannstraße 1 . Killesberghöhe . 70192 Stuttgart . Telefon 0711 - 63500 Standort Nagold – architare barbara benz einrichten Vordere Kernenstraße 2 . 72202 Nagold . Telefon 07452 - 8475080 www.architare.de

Healey Lounge und Lead Chair von Walter Knoll

WOHNEN. OFFICE. OBJEKT


12 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Höhere Gewalt, die ein pünktliches Erscheinen am Arbeitsplatz verhindert, hat viele Gesichter: Das kann eine Überschwemmung sein, das können Zugausfälle sein oder gar annullierte Flüge, wie dies nach einem Vulkanausbruch in Island der Fall war. Damals waren wegen der Aschewolken international etliche Flüge ausgefallen. Für betroffene Mitarbeiter und Firmen hat das unterschiedliche Folgen. Fotos: dpa(4), privat

Wer trägt das Wegerisiko? Gastbeitrag

Bahnstreiks, Flugausfälle, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen – wer wegen höherer Gewalt zu spät zur Arbeit kommt, den bestraft im Zweifel das Arbeitsrecht. Grundsätzlich gilt: ohne Arbeit kein Lohn. Von Jörg Ricardi

D

ie Bahn streikt und Tausende Berufstätige kommen deshalb während der Streiktage zu spät, schlimmstenfalls sogar gar nicht zur Arbeit. Ein Vulkan­ ausbruch auf Island legt weite Teile des Flugverkehrs in Nord­ und Mitteleuropa lahm. Sintflutartige Regenfälle führen zu Überschwemmungen auf den Zufahrts­ straßen zum Arbeitsplatz, sie werden un­ passierbar. Smogalarm lässt die Nutzung von Kraftfahrzeugen in einer Region nicht zu, welche mit dem öffentlichen Nah­ oder Fernverkehr schwierig bis gar nicht zu er­ reichen ist. Ein Großbauprojekt führt zu massiven Beeinträchtigungen im Straßen­ verkehr, wodurch unzählige Berufstätige staubedingt zu spät am Arbeitsplatz ein­ treffen. Ein Brand im Lager des Unter­ nehmens verhindert jegliche Arbeit der dort tätigen Logistikmitarbeiter. Die Liste der Ursachen, die zu Aus­

GASTAUTOR Jurist Dr. Jörg Richardi ist Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Mitglied des Vor­ stands sowie Pressesprecher der Rechtsanwaltskammer Stuttgart. Er ist Dozent an der Hochschule für Technik Stutt­

gart (HFT) und Partner in der wirtschaftsrechtlich ausgerichteten Stuttgarter Kanzlei Haver & Mailänder. Laut dem Magazin „Focus“ gehört er zu Deutschlands Top­Anwälten. red

fällen am Arbeitsplatz und Einbußen der Produktivität des Unternehmens führen, ist vielfältig und schier unerschöpflich. Damit aber nicht genug. Tritt eine die­ ser erfahrungsgemäß weder vorherseh­ noch planbaren Unwägbarkeiten ein, wirft dies eine Vielzahl arbeitsrechtlicher Fra­ gen auf. Wer trägt das Lohnrisiko für die ausfallende Arbeitszeit? Kann in Wieder­ holungsfällen am Ende gar eine Kündigung stehen? Muss die Ausfallzeit nachgearbei­ tet werden? Kann der Mitarbeiter auf an­ dere Verkehrsmittel verwiesen werden, um Ausfallzeiten zu vermeiden oder zu verringern? Es überrascht nicht, dass diese Fragen mit dem klassischen juristischen Hinweis „Es kommt darauf an“ zu beant­ worten sind. Im Ausgangspunkt steht der arbeits­ rechtliche Grundsatz „Ohne Arbeit kein Lohn“. Wie man jedoch beispielsweise aus den Regeln zum Erholungsurlaub und zur Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall weiß, kennt das Arbeitsrecht mannigfache Ausnahmen von dieser Grundregel, so auch hier. Die seit 1. Februar 2002 bestehende Vorschrift des § 615 Satz 3 BGB normiert das sogenannte Betriebsrisiko. Abwei­ chend von § 326 BGB, wonach beide Ver­ tragsparteien leistungsfrei werden, wenn keine von ihnen die Unmöglichkeit der Leistung zu vertreten hat, hat der Arbeitge­ ber für das „Funktionieren“ seines Betriebs einzustehen. Er schuldet dem Mitarbeiter auch dann den vereinbarten Lohn, wenn dieser wegen einer Betriebsstörung seine Arbeitsleistung nicht erbringen kann und dies nicht von ihm verschuldet wurde. Der Arbeitsausfall kann auf jedem von außen einwirkenden Umstand beruhen. In Be­ tracht kommen technische Betriebsstö­ rungen, Unterbrechungen der Energiever­ sorgung, ein Brand, Witterungsbedingun­ gen wie Hochwasser oder Erdbeben, aber auch Rohstoff­ oder Auftragsmangel. Abweichend hiervon stellt sich die Situ­ ation im Falle der Verwirklichung des Wegerisikos dar. Allein der Umstand, dass der Arbeitgeber das Betriebsrisiko trägt, bedeutet nicht, dass er die Folgen anderer Ursachen, welche den Mitarbeiter hindern, an seinen Arbeitsplatz zu gelangen, zu tragen hat. Eine Nachholung der Arbeits­ leistung kommt nicht in Betracht, die

Nachholung der „verpassten“ Arbeitszeit ist dem Mitarbeiter juristisch betrachtet unmöglich. Kann der Mitarbeiter infolge von Ver­ kehrsstörungen, beispielsweise Verkehrs­ sperrungen, Staus, Verkehrsverboten etwa wegen Smogalarm, Hochwasser, Eisglätte, Schneeverwehungen oder Streiks in den Verkehrsbetrieben die Arbeit nicht oder nicht rechtzeitig aufnehmen, schuldet der Arbeitgeber für die dadurch ausgefallene Arbeitszeit keine Arbeitsvergütung. Der Mitarbeiter trägt insoweit das We­ gerisiko, er ist verantwortlich dafür, dass er pünktlich zur Arbeit erscheint, um seiner Arbeitspflicht nachkommen zu können. Dabei liefert auch der vorhersehbare Bahn­ streik keine Ausrede. Diese Art von Beein­ trächtigung wird zum allgemeinen Lebens­ risiko gerechnet, welches der Mitarbeiter zu tragen hat. Der Arbeitgeber darf beispielsweise von seinen Angestellten erwarten, dass sie die Nachrichten verfolgen und sich auf einen avisierten Streik einstellen. Wird ein sol­ cher in den Medien angekündigt, muss der Arbeitnehmer zumutbare Vorkehrungen treffen, um trotzdem nicht zu spät zur Arbeit zu kommen, zum Beispiel andere Verkehrsmittel wie etwa das Auto nutzen, mit Kollegen Fahrgemeinschaften bilden oder eben früher losfahren. Sollten hier­ durch Mehrkosten für ihn entstehen, fällt dies gleichsam in seine Risikosphäre, eine Erstattung durch den Arbeitgeber wird in aller Regel nicht in Betracht kommen. Die Rechtsprechung erwartet vom Mitarbeiter auch eine unverzügliche Mitteilung an den Arbeitgeber, damit dieser geeignete Maß­ nahmen wie den Einsatz einer Ersatzkraft ergreifen kann. Auf die Kenntnis, Vorhersehbarkeit oder Verhinderbarkeit des Leistungshin­ dernisses kommt es hingegen nicht zwin­ gend an. Das Lohnrisiko liegt beim Mit­ arbeiter auch im Falle von Naturkatastro­ phen. Selbst als ein vom Unternehmen eingesetzter Werksbus infolge Eisglätte nicht verkehren konnte, verweigerte der Arbeitgeber zu Recht die Lohnzahlung für die Dauer des Zuspätkommens. Besondere Aufmerksamkeit erlangte der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull auf Island im März 2010. Aufgrund der aus­ getretenen Vulkanasche wurde der Flug­

verkehr in weiten Teilen Nord­ und Mittel­ europas eingestellt, was eine bis dahin beispiellose Beeinträchtigung des Luft­ verkehrs in Europa infolge eines Natur­ ereignisses darstellte. Damit kehrten un­ zählige Mitarbeiter teilweise ganz erheb­ lich zu spät an ihren Arbeitsplatz zurück, bei ihnen hatte sich durchgängig das Wege­ risiko verwirklicht. Im Grundsatz gilt auch in einer solchen Situation die Annahme, dass der Arbeitnehmer das Wegerisiko zu tragen hat. Noch nicht höchstrichterlich geklärt ist jedoch die Konstellation, bei der die Ver­ wirklichung des Wegerisikos auf einer Dienstreise beruht, der Arbeitgeber somit mit deren Anordnung die Grundlage für die verspätete Rückkehr an den Arbeitsplatz gesetzt hat. So mutet es durchaus fraglich an, den Mitarbeiter, der bei­ spielsweise nach einer Dienst­ Eine Ermahnung, reise infolge eines Fluglotsen­ Abmahnung oder gar streiks den Heimflug nicht Kündigung wird für antreten und damit seine Arbeitsleistung am Arbeits­ den Arbeitgeber wohl platz nicht rechtzeitig anbie­ nur in Ausnahmefällen ten kann, mit dem gesamten in Betracht kommen. Lohnrisiko zu belasten. Na­ türlich wird man dem Mit­ arbeiter in jedem Fall andere angemessene Reisemöglichkeiten zumuten können, um die Dauer der Verspätung zumindest so gering wie möglich zu halten. Kompliziert erscheint die Situation auch dann, wenn durch die Beeinträchti­ gung, beispielsweise durch eine hochwas­ serbedingte Überschwemmung, sowohl der Weg zum Arbeitsplatz unpassierbar als auch der Arbeitsplatz selbst nicht nutzbar wird. Hier realisieren sich sowohl Betriebs­ als auch Wegerisiko, wobei die herrschende Meinung hier das Wege­ und damit das Lohnrisiko zulasten des Mitarbeiters als maßgeblich erachtet, zumindest bis er den Arbeitsplatz erreicht hat. Eine Ermahnung, Abmahnung oder gar – verhaltensbedingte – Kündigung wird für den Arbeitgeber wohl nur in Ausnah­ mefällen in Betracht kommen. In aller Re­ gel wird es an dem hierfür erforderlichen Verschuldensmoment beim Mitarbeiter fehlen. Ausnahmen sind denkbar im Be­ reich notorischer Verspätungen und bei fehlender Vorbeugung und Planung trotz Kenntnis der zu erwartenden Verspätung.


– Anzeige –

– Anzeige –

In Zeiten der Globalisierung sind es besonders die Flughäfen, die sich zu immer bedeutenderen Büro- und Dienstleistungsstandorten entwickeln. Auch in Stuttgart entsteht derzeit eine Airport City zwischen den Terminals und der Landesmesse als Tor zur Welt und als Tür zur Industrie- und Wissenschaftslandschaft Baden-Württemberg.

Das neue Business-Quartier am Flughafen

Stuttgart Airport City Der Flughafen Stuttgart belegt mit etwa 400 Starts und Landungen täglich und über zehn Millionen Passagieren pro Jahr den sechsten Rang unter den deutschen Flughäfen. Hier starten Urlauber in die Ferien und Geschäftsreisende landen in einer der leistungsstärksten Wirtschaftsregionen der Welt – im Großraum Stuttgart. Rund 160 000 Unternehmen und 1,4 Millionen Erwerbstätige erwirtschaften jährlich 100 Milliarden Euro – darunter sind Global Player wie Daimler, Porsche, Bosch, IBM oder HP, aber auch etablierte Mittelständer, Kleinunternehmen und Start-ups. Mit dem neuen Business-Hub der Stuttgart Airport City ist jetzt auch direkt vor den Terminals des Flughafens viel in Bewegung. Der Büro- und Dienstleistungsstandort bietet nationalen und internationalen Unternehmen alle Voraussetzungen für erfolgreiche Geschäfte – von besten Wachstumsmöglichkeiten über eine repräsentative Lage bis zur perfekten Vernetzung nach Deutschland und in die Welt zu Lande und in der Luft. Das Angebot der Stuttgart Airport City ist breit gefächert, Messe und Meetings, Kongresse und Übernachtungen sowie modernste Bürogebäude liegen im neuen Geschäftsquartier nur wenige Gehminuten voneinander entfernt.

Echter Landmark-Charakter in bester Lage: das neue Bürogebäude SkyLoop

Verkehrsknotenpunkt mit hervorragender Infrastruktur Kurze Wege zu den Terminals und eine perfekte Anbindung an Stuttgart und in die Region – die uneingeschränkte Erreichbarkeit der Stuttgart Airport City zählt zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren des neuen Quartiers. Autofahrer profitieren vom geringeren Verkehrsaufkommen im Vergleich zur Innenstadt und können die Stuttgart Airport City nahezu ohne Stau erreichen. Im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart 21 entsteht darüber hinaus eine

für das Land einmalige Verkehrsdrehscheibe mit einer konkurrenzlos guten Infrastruktur und so wird die Stuttgart Airport City neben der internationalen Anbindung per Flugzeug ab voraussichtlich 2021 über den neuen, unterirdischen ICE-Fernbahnhof auch für den länderübergreifenden Schienenschnellverkehr gerüstet sein. Verbindungen führen dann nach Frankfurt, Köln, München, Basel oder Wien, durch ein drittes Gleis im Terminalbahnhof wird außerdem die Infrastruktur für S-Bahn sowie Regional- und Fernzüge verbessert. Mit dem für Ende 2019 geplanten Anschluss an die

Stadtbahn U 6 und dem bereits Ende April fertiggestellten Fernomnibusbahnhof, dem Stuttgart Airport Busterminal (SAB), entwickelt sich das Geschäftsquartier immer mehr zum Verkehrsknotenpunkt und gewinnt zunehmend an Attraktivität als Unternehmensstandort.

Raum für Visionen Die Stuttgart Airport City bietet viel Raum für weiteres Wachstum, derzeit stehen noch rund 60 000 Quadratmeter für eine Bebauung zur Verfügung. In diesem Jahr wurden das Bürogebäude SkyLoop, das

Die neue Flughafenzentrale im DGNB-zertifizierten Bürogebäude SkyPort

Foto: Axel Schmidt

Foto: Wilhelm Mierendorf

als Flaggschiff des ganzen Standorts gilt, und das architektonisch ebenfalls sehr attraktive SkyPort fertiggestellt. Die Entwicklung der neuen Stadt am Flughafen ist absolut zukunftsfähig: Als weltweit erster erhielt der Stuttgarter Flughafen von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen eine Vorzertifizierung in Gold für ein ganzes Business-Quartier. Das für Firmenmitarbeiter und Reisende reizvolle Umfeld mit Hotels, Konferenzräumen, Einkaufsund Gastronomieangeboten wächst ebenfalls ständig. Neben den bereits etablierten Hotels Mövenpick Airport Messe und dem Wyndham ist direkt gegenüber den Terminals ein weiteres 4-Sterne-Superior-Kongresshotel geplant. Ein neuer EdekaMarkt wird ab August sieben Tage die Woche die alltäglichen Konsumbedürfnisse decken, die Öffnungszeiten orientieren sich am Flugbetrieb. Insgesamt gibt es in der Stuttgart Airport City bereits jetzt landund luftseitig an die 30 Geschäfte, viele Serviceeinrichtungen wie zum Beispiel Apotheke, Friseur oder Reisebüros und über 20 Restaurants, Cafés und Bars, darunter das einzige mit einem Stern gekrönte Restaurant an einem Flughafen, das Top Air im Terminal 1 mit Blick auf das Rollfeld. bon

Ein Projekt der Flughafen Stuttgart GmbH

STUTTGART AIRPORT CITY Der neue Spitzenstandort für globales Business Der neue Busterminal in der Stuttgart Airport City bietet auf 18 Bussteigen innerdeutsche Verbindungen unter anderem nach München, Frankfurt, Dortmund, Düsseldorf, Berlin und Hamburg sowie zahlreiche internationale Verbindungen zum Beispiel nach Zürich, Paris, Moskau, Bukarest, Budapest, Turin, Zagreb, Wien und Venedig. Foto: Flughafen

Moderne Büroarchitektur SkyLoop und SkyPort in der Stuttgart Airport City Im Herzen der wachsenden Stuttgarter Airport City liegt das SkyLoop – ein repräsentativer Neubau, der bereits heute als das Flaggschiff des gesamten Geschäftsquartiers gilt. Das Bürogebäude ist nach aktuellsten Standards ausgestattet und bildet eine perfekte Basis für die globale Vernetzung von Unternehmen. Auf rund 33 000 Quadratmeter Mietfläche ist zeitgemäßes Arbeiten an der Tagesordnung, denn das SkyLoop-Gebäude bietet moderne und repräsentative Büroräume, die äußerst flexibel nutzbar und dank der hervorragenden Infrastruktur der Stuttgart Airport City sehr gut erreichbar sind. Bereits Anfang des Jahres hat die Wirtschaftsprüfungsund Unternehmensberatungsgesellschaft EY (Ernst & Young GmbH) hier ihre neue Deutschland-Zentrale bezogen. Derzeit steht noch Raum zur Anmietung in dem architektonisch außergewöhnlichen Gebäude zur Verfü-

gung. Mit seiner geschwungenen Elementfassade und den Aluminiumlinsen in vielfältigen Blau- und Grüntönen präsentiert sich das SkyLoop ungewöhnlich und modern zugleich, begrünte Innenhöfe bringen Natur und viel Licht in die Schlaufen der liegenden Acht, die durch die drei ineinandergreifenden Baukörper des SkyLoop entstanden ist. Auch das SkyPort an der Flughafenstraße 32 ist bereits fester Bestandteil der Stuttgart Airport City. Das neue, sechsstöckige Verwaltungsgebäude der Flughafen Stuttgart GmbH wurde von den Stuttgarter Architekten Arat, Siegel + Partner als U-förmige Gesamtanlage mit Atrium entworfen und im Februar 2016 eröffnet. Mit seiner transparenten, vollverglasten Fuge sorgt es für helle Büroräume zum Innenhof und ermöglicht einen weiten Blick Richtung Westen. Von den 11 000 Quadratmetern sind in der attraktiven obersten Etage noch knapp 600 Quadratmeter zu vermieten. bon

Mit der Stuttgart Airport City entsteht inmitten einer der wirtschaftsstärksten Metropolregionen Deutschlands ein neuer leistungsstarker Büro- und Dienstleistungsstandort. Hier finden nationale und internationale Unternehmen alle Voraussetzungen für erfolgreiches, globales Business: beste Wachstumsmöglichkeiten durch große Flächenpotenziale, eine repräsentative Lage und perfekte Vernetzung. Mehr Infos unter: www.stuttgart-airport-city.com


14 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Der Extrovertierte Seit 2008 steht Wolfgang Kuhn an der Spitze der Südwestbank. Zum Erfolg gehört für ihn bedingungsloser Einsatz, aber auch das notwendige Quäntchen Glück. Wohl auch deshalb fasziniert ihn Spitzensport. Von Sabine Marquard

Banker

Ausgefragt

Immer eine gute Idee Wo lfga ng Kuh n

Der Südwestbank­Chef kann gut mit Me nschen umgehen. Dieses Talent setzt er erfolgreich zum Wohle der Bank ein . Box­Legende Muhammad Ali beeind ruckte ihn. Was macht einen guten Chef aus

? Ganz allgemein Freude an der Zus ammenarbeit mit Menschen. Und dann sollten die Mitarbeiter immer sein, mit Respekt behandelt zu wer sicher den. Ein Chef tut gut daran, verlässl ich und berechenbar zu sein.

Und welche Eigenschaften davon

haben Sie? Ich zeige Respekt – und dass ich Freu de am Umgang mit Menschen habe, spürt man, glaube ich. Ob ich imm ausreichend berechenbar bin, das er sollten andere beantworten. Wie kommt man so weit wie Sie?

Durch bedingungslosen Einsatz und viel

enorme Rolle gespielt in meinem Wer degang: Immer, wenn Stillstand hätt können, bin ich in eine neue, spannen e drohen de Position gerufen worden.

Haben Sie Vorbilder?

In Jugendzeiten war das Professor Joachim Zahn, der frühere Vorstan dsvorsitzende von Daimler­Benz. mit seinem Weitblick beeindruckt. Er hat mich Auch Muhammad Ali, seine Box­Erf olge und seine legendären Worte fand „Schweben wie ein Schmetterling ich gut: und stechen wie eine Biene“, das war „echt stark“.

Was ist typisch für Ihren Arbeits alltag?

Genie überblickt das Chaos.

Was würden Sie heute anders ma

chen? Glücklicherweise ist immer alles gut gegangen, beruflich und privat. Wir klich zu bedauern habe ich also nich Aber aus heutiger Sicht würde ich ts. die Entwicklung der Kinder enger begleiten.

Von wem können Sie am ehesten

Mir macht Kritik nichts aus, solange

Li­Tec­Mann geht zu Solarwatt Der Dresdner Solarmodul­ und Speicherbauer Solarwatt holt sich prominente Verstärkung aus Baden­Württemberg. Wie das Unterneh­ men mitteilte, ist Andreas Gutsch neuer Ge­ schäftsführer des Kölner Technologiezentrums „Solarwatt Innovation“. Gutsch gilt als einer der führenden Experten für Lithium­Ionen­Batterien in Europa. Der 51­Jähri­ ge, der seine berufliche Laufbahn bei Degussa startete, baute später als Mitgründer und Geschäftsführer den bislang einzigen deut­ schen Hersteller von Lithium­Ionen­Batterien für Autos – die Daimler­Tochter Li­Tec Battery in Kamenz – auf. Noch vor dem Aus für Li­Tec wechselte Gutsch 2011 als Leiter des Projekts „Competence­E“ ans Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Bei Solarwatt soll Gutsch nun die Entwicklung von Produkten für den boomenden Markt für stationäre Stromspei­ cher für Eigenheime vorantreiben. wro

Peter Hortig

Neuer Manager bei M+W

Glück.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr er Karriere? Glück hat tatsächlich eine

Der kleine Geist hält Ordnung, das

Andreas Gutsch

Foto: Solarwatt

A

Kritik einstecken?

sie sachlich ist.

Womit können Kollegen Sie nerven ?

Peter Hortig (49) ist neuer Geschäftsführer des Fabrikbauers und ­ausrüsters M+W Cen­ tral Europe mit Sitz in Stuttgart. Damit ist das M+W Managementteam für die Regionen Europa, Afrika und Mittlerer Osten nun voll­ ständig besetzt. Hortig ist der vierte Mann in dem vierköpfigen Gremium, neben Andreas Wortmann, Josef Kriegl und Gerald Schneider. Peter Hortig übernimmt die Verantwortung für die Geschäftsaktivitäten in Deutschland, der Schweiz und Belgien. Hortig arbeitete vor dem Eintritt in die M+W Group beim Industrie­ gasehersteller Linde sowie beim Automatisie­ rungsspezialisten ABB. Hortig verfügt über 20 Jahre Erfahrung in leitenden Engineering­ und Managementfunktionen im chemischen und petrochemischen Anlagenbau. Zuletzt lei­ tete der 49­Jährige den Geschäftsbereich Öl, Gas und Chemie der ABB Automation GmbH in Deutschland. wro

Mit wehleidigen Überlastungsreaktio nen.

Julia Cabanis

Und umgekehrt?

Frau steuert Kfz­Gewerbe

Ich vermute, mit zu viel Vorschlägen

und Ideen. Das kann auch mitunter

Was raten Sie Berufsanfängern?

lästig sein.

Hohes Engagement, Rückschläge verk raften – und an sich selbst glauben .

Was macht Sie leistungsfähig?

Ich habe einen großen Vorteil: Ich kann überall schlafen, auch unterwe gs und auf Reisen. Das gibt mir Energie. Und heute mache ich im Gegensatz zu früheren Jah ren konsequent Urlaub, um abzuschalten.

Die 32­jährige Juristin Julia Cabanis ist vom Verband des Kraftfahrzeuggewerbes Baden­ Württemberg zur Geschäftsführerin bestellt worden. Cabanis leitet bereits die Rechtsabtei­ lung des Verbandes. Zu­ sammen mit Hauptge­ schäftsführer Carsten Beuß (42) obliegt ihr seit 1. Juli nun die opera­ tive Leitung des Verban­ des, der rund 4300 Autohäuser, Kfz­Meis­ terbetriebe und Tank­ stellen mit rund 55 000 Beschäftigten und über 9000 Auszubildenden in Baden­Württemberg vertritt. Ihr Aufgabenbereich erstreckt sich über die Bereiche Recht, Tankstellen und Ver­ anstaltungen. Technik und Betriebswirtschaft sollen folgen. Präsident des Verbands ist Harry Brambach. wro Foto: KfZ­Gewerbe

ngst vor der Zukunft hat Wolf­ gang Kuhn nicht. Obwohl das für den Chef einer mittelstän­ dischen Privatbank in Zeiten extrem niedriger Zinsen und überbordender gesetzlicher Vorgaben nichts Ehrenrühriges wäre. „Aber es wird rauer“, sagt der 59­Jährige. Doch Kuhn wä­ re nicht Kuhn, wenn er nicht schon den Sil­ berstreif am Horizont entdeckt hätte. Er sei zuversichtlich, dass die Regulierung den Höhepunkt erreicht und Politiker verstan­ den hätten, dass wachsende Auflagen dazu führten, Banken zu überfordern. Kuhn, der vor zehn Jahren in den Vor­ stand der Südwestbank eintrat und seit 2008 Sprecher des Vorstands ist, bezeich­ net sich selbst als Optimist: „Für mich ist das Glas immer halb voll“, sagt er. „Ich kann doch nicht Trübsal blasen, wenn ich Ver­ antwortung für 650 Mitarbeiter habe.“ Der extrovertierte Bankmanager hat in der Südwestbank viel bewegt, sie in eine neue Ära geführt. Geholfen hat, dass die Eigentümer, die Strüngmann­Brüder, Ende 2013 zusätzlich fast 400 Millionen Euro Eigenkapital in die Bank gesteckt haben. Von einem „großen Vertrauensbeweis“ spricht Kuhn, der sich für seine Bank ins Zeug legt. Fast jeden Abend ist er geschäft­ lich unterwegs, pflegt Kundenkontakte. Ziel sei, die „Wachstumsstory“ der letzten Jahre weiterzutragen. Doch sei es an der Zeit, vom Sprint in den Dauerlauf zu wechseln. Der Vergleich aus dem Sport passt. Der gebürtige Biberacher ist fasziniert vom Spitzensport, vom Pensum, das sich Sport­ ler auferlegen, auch in Sportarten, die nicht im Rampenlicht stehen. Im Sport sucht der Bankmanager den Ausgleich zum anstren­ genden Arbeitstag. Mit dem Familienhund, einem Entlebucher Sennenhund, geht Kuhn morgens vor der Arbeit im Wald jog­ gen – „ohne Kopfhörer, um Ruhe zu haben“. Kuhn wollte eigentlich Schauspieler werden und vorzeitig von der Schule abge­ hen. Sein Vater, ebenfalls Bankchef, mach­ te das Abitur zur Bedingung. Doch nach be­ standener Reifeprüfung wollte der Vater die „brotlose“ Kunst nicht finanzieren. Rei­ bungslos lief die Auseinandersetzung im Hause Kuhn nicht ab, erinnert sich der 59­Jährige. Er habe sich dann für ein BWL­ Studium samt Promotion entschieden und es nicht bereut. Auch, weil sein Berufs­ einstieg bei der Stuttgarter Bank über ein Traineeprogramm erfolgte, das ihn nach London, Zürich und Berlin führte.

Persönliches

Südwestbank­Chef Wolfgang Kuhn will die mittelständische Privatbank mit über 7 Milliar­ den Euro Bilanzsumme auch in stürmischen Zeiten auf Erfolgs­ kurs halten. Fotos: Südwestbank

Christian Link

Alpirsbacher holt sich Vertriebsspezialisten

Foto: Alpirsbacher

Freundschaftlich verbu nden: Kuhn mit der Sta rgeigerin Anne­Sophie Mutter

Mit Wirkung zum 1. August übernimmt Volks­ wirt Christian Link die Verkaufsleitung Gastro­ nomie bei Baden­Württembergs drittgrößter Privatbrauerei Alpirsbacher Klosterbräu. Die Schwarzwälder, die rund 40 Prozent ihres Bieres direkt an die Gastrono­ mie liefern, verstärken damit ihren wichtigsten Absatzkanal personell. Link ist in Ingolstadt in Bayern geboren und war viele Jahre im Vertrieb bei Scottish & Newcastle und Heineken in Baden­ Württemberg. Alpirsbacher Klosterbräu mit Sitz im Landkreis Freudenstadt ist in den letz­ ten Jahren deutlich über der Marktentwicklung gewachsen. wro

Benno Schmeing

Neuer SDK­Vorstand

st: Kuhn und der Banker trifft Journali Kleber (l.) ZDF­Moderator Claus

Benno Schmeing (56) wird Vorstand der Süddeutschen Krankenversicherung, der Süddeutschen Lebensversicherung und der Süddeutschen Allgemeinen Versiche­ rung. Schmeing ist seit über 20 Jahren als Versicherungsmathematiker im Gesundheits­ wesen tätig, in den vergangenen zehn Jahren als Bereichsleiter Produktentwicklung bei der Versicherung Ergo. Voraussichtlich ab Anfang 2017 wird er als Vorstand der SDK die Bereiche Versicherungstechnik, Betrieb und Kapital­ anlage verantworten. „Wir freuen uns, in Benno Schmeing nicht nur einen Kenner des Wett­ bewerbsumfelds der gesamten Versicherungs­ branche, sondern insbesondere einen erfah­ renen Produktentwickler gefunden zu haben“, sagte der SDK­Vorstandsvorsitzende Ralf Kantak. red


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

August 2016

Wirtschaft & Debatte

Lesen Sie in dieser Ausgabe

In der Wirtschaft gibt es viele Themen und Trends, über die es sich lohnt zu diskutieren. Die Seiten „Wirtschaft & Debatte“ liefern Argumente und Hintergründe zum Mitdenken und Mitreden.

Wie viel Moral braucht die Wirtschaft? SEITEN 15, 16 IdeenwerkBW.de – die Innovationsplattform für Gründer SEITEN 17 – 20 Generation Y – Der Job soll Erfüllung bringen. SEITEN 21, 22

15

Der moralische Kapitalist Eine Wirtschaft ohne Moral erstickt an sich selbst und am Egoismus einiger weniger Profiteure. Von Markus Brauer Wirtschaftsethik

D

ie Ökonomie dient der planvol­ len Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Je planvoller, ge­ regelter und geordneter dies ab­ läuft, desto besser für die Betei­ ligten – kleine und große Unternehmen, private und öffentliche Haushalte. Wirt­ schaft ist wichtig, sehr wichtig, unentbehr­ lich sogar. Aber sie ist nicht für alles zustän­ dig und kann nicht alles leisten. Sie braucht Grenzen und Schranken, Normen und Wer­ te. Sie muss eingebettet sein in eine tragfä­ hige Kultur des Gebens und Nehmens, eine soziale Ordnung, die rationalen Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens folgt. Für Aristoteles (384–322 v. Chr.), der der Ökonomie ihren Namen „Oikonomia“ (Wirtschaft des ganzen Hauses) gab und sie als eigenständige Disziplin auf den Weg brachte, ist diese Einsicht grundlegend. Der griechische Philosoph versteht „Oikonomia“ im umfassenden Sinne als Gesellschaftsleh­ re, die moralischen Prinzipien folgt. Der „Homo oeconomicus“ steht nicht über dem „Homo politicus“, genauso wenig wie die Wirtschaft total einer politischen Ideologie unterworfen werden darf. Wohin dies führt, hat sich am Aufstieg und Fall des Sozialismus gezeigt. „Oíkos“ und „nomos“, Haus und Gesetz, bedingen einander, bau­ en aufeinander auf, greifen ineinander, er­ gänzen sich. Selbstverständlich ist diese Sichtweise nicht, dass die Wirtschaft kein moralfreier Raum ist. Immer noch glauben einige, sie müsse sich ausschließlich an den Maß­ stäben der Effizienz und der Gewinnmaxi­ mierung orientieren, wie der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach erklärt. „Dieser Meinungsstreit hat eine lange Geschichte. Manche behaupten, dass die Wirtschaft wie ein System funktioniere, in dem die Moral möglichst ausgeschaltet sein sollte. Moralische Interaktionen würden das Wirtschaftsleben nur unnötig stören. Die Welt der ökonomischen Tatsachen sei das eine, das Universum der Werte das andere. Beide haben nach dieser Theorie nichts oder nur wenig miteinander zu tun.“ Die Wirtschaft als Realität „sui generis“ – eine eigene, abgeschlossene, wertfreie Zone. Kann das funktionieren? Nein, sagt der 79­jährige Jesuitenpater, der von 1985 bis zu seiner Emeritierung 2005 als Profes­ sor Christliche Gesellschaftslehre an der Philosophisch­Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main lehrte. In der Theorie der Wirtschaftsliberalen werde der Markt als ein evolutionäres Sys­ tem verstanden, das sich wie die Natur ent­ wickelt und in dem die Interes­ „Wenn es um Menschen sen der beteiligten Tausch­ partner ausgeglichen werden, geht, die unterschiedlich so Hengsbach. leistungsfähig sind, Evolution bedeutet in der muss es solidarische Biologie „Survival of the Fit­ test“. Überleben werden nur Leistungen jenseits die am besten angepassten In­ von Angebot und dividuen. In diesem Sinne hat Nachfrage geben.“ der britische Sozialphilosoph Herbert Spencer (1820–1903) Friedhelm Hengsbach, katholischer Sozialethiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Dar­ win’sche Evolutionstheorie für das Gesell­ schafts­ und Wirtschaftsleben umgedeutet. „Andere Wirtschaftstheorien sagen das ge­ naue Gegenteil“, sagt Hengsbach. „Es gibt nicht das freie Spiel der Kräfte. Wenn jeder nur seinen eigenen Nutzen sucht, kommt das Gemeinwohl irgendwann unter die Räder.“ Kann es, um einen Slogan des Ökonomen Horst Albach zu verwenden, eine „Betriebs­ wirtschaftslehre ohne Unternehmens­ ethik“ geben? Ist der Glaube an die reini­ genden Marktkräfte eine ökonomistische Fiktion? Ist eine Wirtschaft ohne ethisch agierende Individuen wünschenswert? Nein, sagt der Ökonom Hengsbach. In Deutschland sei das Konzept der sozialen Marktwirtschaft aus gutem Grund entwor­ fen worden. Der Wettbewerb soll dafür sorgen, dass sich die Preise frei bilden. Aber der Wettbewerb allein würde sich selbst aufheben. Es käme schnell zur Ver­ machtung der Wirtschaft, so dass am Ende ein Monopol übrig bliebe. „Damit dieser Wettbewerb überhaupt funktioniert,

Der Sozialtheoretiker Bernard Mandeville (1670–1733) beschreibt in seinem Hauptwerk „The Fable of the Bees“ (Die Bienenfabel, 1724) die Wirtschaft als Kreislaufsystem, in dem nicht die Tugend, sondern das Laster die Quelle des Gemeinwohls ist. Mandevilles These, dass persönliche Moral für die Gesellschaft weniger förderlich sei als Verschwendung und Ausbeutung, erregte heftigen Widerspruch. Foto: Mauritius braucht es eine rechtliche und politische Regulierung.“ Vollblut­Kapitalisten wie George Soros sehen in der Beziehung zwischen Wirt­ schaft und Ethik einen unaufhebbaren Selbstwiderspruch. „Profitmaximierendes Verhalten folgt dem Diktat der Zweckmä­ ßigkeit und ignoriert die Forderungen der Moral. Finanzmärkte sind nicht unmora­ lisch, sondern amoralisch“, betont der Fonds­Manager. Menschen mit Skrupeln hätten keine Chance. Das bestätigte auch ein Manager eines internationalen Unter­ nehmens einmal gegenüber dem Tübinger Theologen Hans Küng. „In unserem Unter­ nehmen ist das Wort Ethik verboten.“ Dass Markt und Wirtschaft sozial und trotzdem erfolgreich sein können, beweist das Konzept der sozialen Marktwirtschaft. Mit ihr im Gepäck mauserte sich das vom Krieg und NS­Regime total verwüstete Deutschland von der „Stunde null“ zum „Wirtschaftswunderland“. Soziale Markt­ wirtschaft bedeute auf der einen Seite funk­ tionsfähiger, dynamischer Wettbewerb in der entsprechenden Rahmenordnung, auf der anderen Seite sozialer Ausgleich, erläu­ tert Hengsbach. „Wenn es um Menschen geht, die unterschiedlich leistungsfähig sind, muss es solidarische Leistungen jen­ seits von Angebot und Nachfrage geben.“ Als komplexer, weltweit vernetzter Me­ chanismus funktioniert die Ökonomie nach bestimmten Regeln. Trifft das zu, was Soros behauptet, wäre Wirtschaft ethischem Den­ ken gegenüber abgeschlossen. Was zählt, wäre der maximale Gewinn der miteinan­ der rivalisierenden Individuen, wie es der liberale Manchester­Kapitalismus des 19. Jahrhunderts propagierte. Nach dem Mot­ to: Was uns nicht umbringt, härtet uns ab. Anders als in diesem „Brutalo­Evolutio­ nismus“ ist der „Homo oeconomicus“ von Adam Smith (1723–1790), dem Vater der Nationalökonomie und Autor einer „Theo­ rie der moralischen Gefühle“, gekennzeich­ net. Wie durch eine unsichtbare Hand wer­ den die Einzelnen dahin gelenkt, dass sie, indem sie der Triebfeder des Eigennutzes folgen, zugleich dem Gemeinwohl dienen. Auf dieser sozio­ökonomischen Grund­ lage hat sich die Ethik des Utilitarismus ent­ wickelt, die gegen den enthemmten Man­ chester­Kapitalismus als Ziel der Wirt­ schaft das höchstmögliche Glück der höchstmöglichen Zahl postuliert. Der weit­ sichtige „Homo oeconomicus“ folgt auch moralischen Prinzipien, sobald er die Fol­ gen seines Handelns in seine Entscheidun­ gen einbezieht. Er strebt nicht die isolierte Gewinnmaximierung um jeden Preis und

auf Kosten anderer an, sondern einen höchstmöglichen und nachhaltigen Ge­ samtnutzen seines Handelns. Regeln und Tugenden seien Verhaltens­ standards, die für alle gleichermaßen gel­ ten, unterstreicht der Stuttgarter Unter­ nehmensberater und Autor Rudolf X. Ruter. „Unternehmerische Führung ist die Kunst, Menschen zu überzeugen und sie zur Ge­ folgschaft einzuladen, so dass sie freiwillig das tun, was ich, die Führungskraft, für das Richtige halte für mein Unternehmen.“ Und er fügt hinzu: „Führung ist der Lack­ mustest der inneren Werte­Orientierung und des eigenen Moralkompasses.“ Welcher Ethik soll man nun folgen? Einer Tugendethik, in der man das Handeln des Einzelnen beurteilt? Dies führt zu einem Fehlschluss, wenn man ihn für Sys­ temfehler haftbar macht. Wenn etwa, so Friedhelm Hengsbach, die hohe Arbeits­ losigkeit auf jene zurückgeführt wird, die arbeitslos sind – oder man die Ursache der Finanzkrise auf die Gier der Banker und Devisenhändler schiebt. Also doch besser eine Verantwortungsethik? „Von Unterneh­ mern wird sie verständlicherweise vertre­ ten. Sie sagen: Wir sind dafür verantwort­ lich, dass sich die Firma am Markt behaup­ tet und einen Gewinn erzielt, sonst ist das Unternehmen pleite.“ „Weder noch“, sagt Sozialethiker Hengs­ bach, „weil beide Konzepte zu kurz greifen.“ Wie die Ökonomie sei auch die Ethik das Ergebnis einer gesellschaftlichen Verstän­ digung. „Normative Überzeugungen und allgemein verbindliche Regeln fallen nicht vom Himmel. Moderne, weltanschaulich neutrale und plurale Gesellschaften müs­ sen durch einen kollektiven Prozess der Entscheidungsfindung festlegen, was für sie als moralisch richtig und allgemein ver­ bindlich zu gelten hat.“ Moral braucht Regeln, Instrumente und Akteure, die dafür sorgen, dass sie eingehal­ ten und umgesetzt wird. Moral in der Wirt­ schaft ist kein Ist­Zustand, sondern ein Pro­ zess des Werdens. Wirtschaftsethik, sagt Hengsbach, sei das Ergebnis eines Suchver­ fahrens, das auf wechselseitiger Verständi­ gung beruht. „Das Ergebnis seien allgemein verbindliche Regeln – das Grundgesetz oder andere freiheitliche, soziale und demokrati­ sche Verfassungen, die Menschenrechte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, der Respekt vor der natürlichen Umwelt.“ Moralische Normen entstehen durch ge­ sellschaftliche Verständigung. Sie verkör­ pern sich in politischen Prozessen, gesetzlichen Regelungen und zivilgesell­ schaftlichen Initiativen. Produzenten,

Arbeitnehmer und Konsumenten passen sich an veränderte normative Regeln flexibel an. Das bedeutet aber auch: Der Staat muss die Regeln festlegen, damit der einzelne Unternehmer nicht von anderen „platt“ ge­ macht wird oder der Arbeitnehmer nicht unter die Räder kommt, wenn sie sich ver­ antwortlich und moralkonform verhalten. Hengsbach: „Darin liegt die Stärke einer Re­ gel­ und Normenethik. Nor­ men unterscheiden sich klar „Profitmaximierendes von Werten, Tugenden und Verhalten folgt dem Diktat persönlicher Verantwortung.“ der Zweckmäßigkeit und Normen sind gesellschaft­ liche Vereinbarungen, die als ignoriert die Forderungen allgemein verbindlich gelten – der Moral. Finanzmärkte wie die Norm moralischer sind nicht unmoralisch, Gleichheit: Wer als Gleicher an­ erkannt und behandelt werden sondern amoralisch.“ will, muss anderen das gleiche George Soros, US­Fonds­Manager Recht zuerkennen. Der Mensch und Multimilliardär ist niemals nur ein bloßes In­ strument zur Gewinnmaximierung, sondern muss immer auch als Zweck in sich selbst an­ erkannt werden. „Die Menschenrechte sind die Verkörperung einer solchen Grundnorm der Gerechtigkeit. Werte sind zu subjektiv, Tugenden zu individuell, Verantwortung gibt es nur im Rahmen der jeweiligen Handlungs­ möglichkeiten“, erläutert Hengsbach. Diese Erkenntnis scheint vielfach verlo­ ren gegangen zu sein. Das gilt umso mehr in Zeiten einer entfesselten Globalisierung, die alle moralischen Fesseln zu sprengen scheint. Sind das Gerechtigkeitspostulat und der kategorische Imperativ des Aufklä­ rungsphilosophen Immanuel Kant zur hoh­ len Phrase ausgehöhlt worden? Wird es in Zukunft mehr oder weniger Moral in der Wirtschaft geben? „Ich glaube“, sagt Fried­ helm Hengsbach optimistisch, „dass die Menschheit und die jeweiligen Gesellschaf­ ten auch moralisch lernfähig sind.“

MORAL ODER GIER? Wirtschaftsleben Was schmiert den Motor der Wirt­ schaft besser? Ein regelloses Hauen und Stechen, an dessen Ende der Stärkste, Brutalste und Skrupelloseste obsiegt? „Homo homini lupus“ – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, sein gefährlichster Feind. Diese Prämisse vertritt der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679). Oder gilt das, was Immanuel Kant (1724–1804)

auf die Frage „Was soll ich tun?“ antwortete: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jeder­ zeit zugleich als Prinzip einer all­ gemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Für den deutschen Auf­ klärungsphilosophen ist dieser Satz die oberste und allgemeins­ te Handlungsanweisung in der Philosophie, das höchste, zeitlos und allgemeingültige Prinzip der Moral – ein kategorischer Impe­ rativ. mb


16 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

„Nicht jede Verlagerung lohnt sich“ Der Berater Brun­Hagen Hennerkes rät, Steuervorteile zu nutzen – aber der Betriebswirt­ schaft den Vorrang zu geben. Interview

D

ie Steuerpraktiken von vorran­ gig amerikanischen Konzernen bringen die gesamte Unterneh­ merschaft in Verruf. Der Bera­ ter Brun­Hagen Hennerkes, Gründer der Stiftung Familienunterneh­ men, teilt die Kritik an Steuerdeals à la Lu­ xemburg, hält andererseits aber nichts da­ von, legale Möglichkeiten zur Steuermin­ derung auszulassen. Der 76­Jährige weiß im Übrigen aus jahrzehntelanger Erfah­ rung, dass das Thema Steuern zumindest für Familienunternehmen nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher hat. Herr Hennerkes, Unternehmen haben große Gestaltungsspielräume, zum Beispiel bei der Bilanzierung und bei der Steuererklärung. Wie weit sollte ein Unternehmer diese Spiel­ räume ausnutzen? Von großen Gestaltungsspielräumen kann gar keine Rede mehr sein. So sind im Be­ reich der Bilanzierung die Wahlmöglich­ keiten immer mehr eingeschränkt worden. Bei Rückstellungen oder Bewertungen ha­ ben wir ebenso wie bei Verrechnungsprei­ sen sehr viel strengere Regeln als früher. Die Unternehmen haben aber ein anderes Problem: In vielen Fällen ist es so, dass das örtliche Finanzamt bestimmte Vorgehens­ weisen akzeptiert, aber dann kommt das Bundeszentralamt für Steuern, das dem Bundesfinanzministerium untersteht, und korrigiert das. Vermutlich geht es darum, dass der Staat mehr Geld braucht. Wir ha­ ben jedenfalls immer häufiger Beispiele da­ für, dass das, was mal mit der Finanzver­ waltung vereinbart wurde, nicht mehr gilt.

Welchen Stellenwert hat für ein Unterneh­ men die steuerliche Optimierung? Das hat sich stark gewandelt. Früher, in den sechziger Jahren, da hat intern das Steuer­ recht eine große Rolle gespielt. Heute ist es ganz eindeutig so: Betriebs­ „Die Konzerne mit ihren wirtschaft geht vor Steuer­ recht. Auslandstöchtern haben

andere Möglichkeiten als Familienunternehmen.“

Wo liegen die Grenzen? Ist al­ les erlaubt, was das Gesetz nicht verbietet? Berater Brun­Hagen Hennerkes über die Verteilung der Steuerlast Der Präsident des Bundesfi­ nanzhofs, Rudolf Mellinghoff, hat dem Steuerpflichtigen das Ausnutzen von Gesetzeslücken ausdrücklich ans Herz gelegt. Er hat vom Recht auf die Minimie­ rung der Steuerlast gesprochen, und zwar bis an die Grenze des Missbrauchs. In die­ ser Schärfe ist das nicht meine Meinung, und ich glaube auch nicht, dass die Fami­ lienunternehmen das so sehen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass es im Steuer­ recht nur noch wenige Bereiche gibt, die nicht komplett durchgeregelt sind. Der Einzelne bekommt immer mehr Vorschrif­ ten, in Deutschland ebenso wie in der EU, und wird leider immer mehr reguliert. Gerade der Mittelstand klagt immer wieder darüber, dass die Steuern erstens zu hoch sind und zweitens das Steuerrecht nach den Vorstellungen der Konzerne gemacht ist. Stimmt das? Tragen die Kleinen die Steuer­ lasten für die Großen? Wer ist schuld daran? Die Konzerne mit ihren Auslandstöchtern haben völlig andere Möglichkeiten als die Familienunternehmen. Nicht nur die Ge­ staltung, die Kontrolle ist in Ländern wie dem früheren Ostblock oder in Indien ganz anders als bei uns, und es gibt Verlage­ rungsmöglichkeiten. Jean­Claude Juncker hat es uns ja in Luxemburg mit den Sonder­ regeln für Konzerne vorgemacht. Das geht eigentlich gar nicht, das ist ethisch­mora­ lisch unmöglich. Und dass die großen, ano­ nymen Konzerne da absahnen, das ist na­ türlich auch nicht richtig. Das Recht muss für alle gleich gelten. Also ist die Politik schuld? Viele Länder verhalten sich nicht korrekt. Nehmen Sie England, da wird nur nach dem Verbrauch in England selbst besteuert, was

BRUN­HAGEN HENNERKES Berufsweg Der promovierte Jurist, geboren am 4. Oktober 1939, gehört zu den einfluss­ reichsten Beratern von familien­ geführten Unternehmen. Von Gerichtssälen hat er sich trotz der Studienwahl (der zweiten, nach ein paar Semestern alte Sprachen) stets ferngehalten. Nach der Promotion führte ihn der Weg in die Wirtschaft: zunächst zur Wirtschaftsver­ einigung Eisen & Stahl, dann zum Mannesmann­Konzern, beides in Düsseldorf.

Berater Hennerkes trat 1971 in die Stuttgarter Anwaltskanzlei von Conrad Böttcher ein. Damit hatte er seine Berufung gefun­ den: die Beratung von Familien­ unternehmen. Zehn Jahre später wurde er Seniorpartner der Kanzlei, die jetzt Hennerkes, Kirchdörfer & Lorz heißt. 2002 gründete der Honorarprofessor die Stiftung Familienunterneh­ men, die seitdem mit Erfolg die Interessen dieser Betriebe stärker zur Geltung zu bringen versucht. mih

Leitlinie ist für Hennerkes stets das Gesetz. Deshalb mag er zum Beispiel legale Wege zur Vermeidung der Mitbestimmung nicht kritisieren. sich außen abspielt, interessiert niemanden. Die Engländer haben in Gibraltar unter ihrer Steuerhoheit zehn Prozent Umsatz­ steuer und zehn Prozent Einkommensteuer eingeführt. Wo gibt es denn so etwas in der EU? In den USA ist es noch schlimmer. Die Vereinigten Staaten haben eine Vielzahl von Bundesstaaten, die regelrechte Steueroasen sind. Die Länder halten sich nicht an die Maßgaben, wie wir sie in Deutschland ha­ ben. Das Ergebnis ist, dass wir im oberen Drittel bei der Steuerbelastung liegen. Wie stark sind die Familienunternehmen be­ lastet? Die Unternehmen insgesamt sind die stärkste Säule der Finanzierung. Alle Fami­ lienunternehmen zusammen erbringen mehr als 40 Prozent des gesamten Ertrag­ steueraufkommens in Deutschland. Lohnt sich der Aufwand, allein aus steuer­ lichen Gründen die Struktur des Unter­ nehmens zu ändern? Nein. Es gilt der Grundsatz: Betriebswirt­ schaft geht vor Steuerrecht. Die Regulie­ rung schmerzt im Übrigen viel mehr als die Steuerbelastung. Ein Unternehmer kommt sehr schnell in die Situation, dass er aufgrund der Komplexität der Materie selbst gar nicht mehr entscheiden kann, ob eine Maßnahme rechtlich fragwür­ dig ist oder nicht. Kann er sich absichern oder muss er seinem Berater vertrauen? Da geht es in der Tat schnell um sehr kom­ plexe Fragen. Nehmen Sie das Thema steuerliche Verrechnungspreise, da füllt die Literatur ganze Bibliotheken. Klar ist, der Inhaber muss immer Herr des Verfah­ rens bleiben. Er hat sich über mögliche Ri­ siken von seinem Berater ins Bild setzen zu lassen und muss die Entscheidung selbst in die Hand nehmen. Unternehmen tun teilweise Dinge, die nicht illegal sind, aber trotzdem gesellschaftlich nicht akzeptiert sind – zum Beispiel Verlage­ rungen ins Ausland. Raten Sie in solchen Fällen zu einer strikt betriebswirtschaft­ lichen Entscheidung? Die deutschen Unternehmen bleiben in der Regel im Inland. Aber dem Globalisie­ rungstrend können sie sich natürlich nicht entziehen. Ein Automobilzulieferer ist heutzutage gezwungen, ins Ausland zu ge­ hen. Da geht es aber in der Regel nicht um die Kosten und erst recht nicht um die Steuern, sondern um die Märkte. Ich rate den Unternehmen immer, vorsichtig damit umzugehen. Familienunternehmen haben häufig, anders als Konzerne, keine Erfah­ rung in der Frage, ob sie nun mit oder ohne Partner ins Ausland gehen sollen oder wen sie zum Geschäftsführer bestellen sollen. Nicht jede Verlagerung lohnt sich. Unter Umständen sind die Nachteile durch Koor­ dinationskosten und Kontrolle der Quali­ tät höher als die Vorteile. Nicht umsonst ist heutzutage bisweilen von „Re­shoring“ die Rede, also der Rückverlagerung von Pro­ duktion ins Inland. Es gibt doch auch echte Verlagerungen wie im Fall des Molkereiunternehmers Theo Müller, der in die Schweiz gezogen ist. Zu den Einzelheiten müssen Sie Herrn

Müller selbst befragen. Grundsätzlich gilt die Freizügigkeit des Einzelnen. Aber noch einmal: Es gibt nur ganz wenige, die diesen Weg gegangen sind. Das deutsche Steuer­ recht gibt da im Übrigen keinen Zentime­ ter seines Spielraums auf. Bei einer Kapi­ talgesellschaft gibt es die Wegzugsbesteue­ rung. Handelt es sich um eine Personengesellschaft, dann unterliegt sie – auch wenn der Inhaber ins Ausland ver­ zieht – nach dem sogenannten Belegen­ heitsprinzip weiterhin voll der Besteue­ rung im Inland.

Foto: Lichtgut/A. Zweygarth

Wenn es legale Möglichkeiten gibt, die Mitbestimmung zu vermeiden, dann kann ich keinem Unternehmer verübeln, wenn er diesen Weg geht. Welchen Stellenwert hat Moral für unter­ nehmerisches Handeln, das sich ja nach der Rentabilität zu richten hat und rechtliche Beschränkungen beachten muss. Ist da noch Raum für die Kategorie Moral? Ja, das spielt eine große Rolle. Der Schuh­ händler Deichmann prüft zum Beispiel, ob die sozialen Standards eingehalten werden, die für Zulieferer im Ausland gelten. Über den Einzelfall hinaus gibt es hierfür so viele Beispiele, dass die Stiftung Familienunter­ nehmen hierzu eine ganze Dokumentation erstellt hat.

Herrscht bei Verlagerungen Transparenz oder dominiert die Heimlichtuerei? Ich glaube nicht, dass es pauschal zutrifft, dass die Unternehmen etwaige Verlagerun­ gen nicht erläutern. Ich rate in jedem Fall ganz klar zu Transparenz. Wenn das, was ein Unternehmen tut, keine gesellschaft­ liche Akzeptanz findet, dann ist das Unter­ nehmen verloren.

Letztlich geht es aber um wirtschaftliche Vorteile, denn ein Unternehmen muss mit Problemen rechnen, wenn bekannt wird, dass bei seinem Zulieferer etwas nicht stimmt. Das stimmt. Aber in Familienunternehmen herrscht eine andere Stimmung. Diese Be­ triebe sind häufig auf dem Land zu Hause, engagieren sich für den Sportverein, den Gesangverein und die Kirche. Das ist für viele Unternehmer eine Herzensangele­ genheit und kein Mittel, um in der Öffent­ lichkeit möglichst gut dazustehen. Das sieht man daran, dass es diese Engage­ ments in vielen Familienunternehmen schon sehr, sehr lange gibt – schon zu Zei­ ten, als das noch gar nicht modern war. An­ ders als im Großkonzern gilt im Familien­ unternehmen der Grundsatz „Tue Gutes und rede nicht darüber“.

Reicht es, dem Wortlaut der Steuergesetze zu folgen? Muss nicht auch berücksichtigt wer­ den, was der Gesetzgeber beabsichtigt hat? Viele Unternehmen entziehen sich zum Bei­ spiel der Mitbestimmung. Nach einer Umfra­ ge der gewerkschaftsnahen Böckler­Stiftung sind darunter viele Familienunternehmen. Ein Unternehmer muss sich zwingend an das Recht halten. In den wenigen Fällen, in denen das nicht wortgetreu beachtet wird, da wollen die Mitarbeiter häufig keine Mitbestimmung, weil sie mit ihrer Situa­ tion sehr zufrieden sind. Sobald es in Unternehmen über die Drittelparität hinaus hin zur Parität geht, haben viele Eigentümer Bedenken, dass betriebliche Vorgänge womöglich blockiert werden.

Das Gespräch führte Michael Heller.

BEI DEN LIEFERANTEN WOLLEN DIE UNTERNEHMEN KÜNFTIG GENAUER HINSCHAUEN Engagiert sich Ihr Unternehmen für die Gesellschaft über die gesetzlichen Anforderungen hinaus? Wenn ja, in welchen Bereichen? Online-Umfrage der Industrie- und Handelskammern unter knapp 2000 Unternehmen in Deutschland. 98 Prozent der Betriebe mit mindestens 20 Mitarbeitern engagieren sich über die gesetzlichen Anforderungen hinaus für die Gesellschaft. ja, in Zukunft noch stärker

ja, so stark wie bisher

nein, aber zukünftig

Mitarbeiter in besonderem Maße fördern und qualifizieren

38

Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen

36

59

Gesundheitsvorsorge fördern

35

55

schonend mit natürlichen Ressourcen umgehen

41

Jugendarbeit/Bildung in der Region unterstützen

21

kulturelle Vielfalt und Toleranz innerhalb des Betriebes fördern

19

Kultur in der Region unterstützen

12

Sport in der Region unterstützen

11

Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements der Mitarbeiter

18

Korruptionsbekämpfung fördern

18

Lieferanten wählen, die sozial und ökologisch verantwortlich produzieren

28

Projekte in Entwicklungsländern unterstützen

6

StZ-Grafik: zap

nein, auch zukünftig nicht

22

58

32 6 5

49 5

65

6

65 4

67

5 9 10 17

3

21

58

8

16

58

5

19

65

41 20

4

5

16

15 69 Quelle: IHK


Tradition und Moderne – unter dem Ulmer Münster liegt das dicht beieinander (links). Und dass in der einstigen Reichsstadt jeder mit jedem auskommen muss, belegt auch das traditionelle „Nabada“ auf der Donau im Rahmen des Schwörmontags (oben rechts). Kreative Ideen gibt es für das an junge „IT­Wilde“ gerichtete neue „Stadtlabor“ (Mitte) und für den Ausbau der Gründerförderung an der Universität (unten rechts). Fotos: dpa (2), Hudelmaier, Universität Ulm

In Ulm ist kein Platz für Eigenbrötler In Ulm sind viele neue Projekte zum Thema Innovation am Start, von einem „Stadtlabor“ für IT­Hacker über Innovationspartnerschaften für Mittelständler bis zu neuen Hochschul­Lehrformaten. Von Andreas Geldner Standortporträt

E

s gibt in Ulm gerade keinen besseren Ort, um die Offenheit gegenüber neuen Ideen zu symbolisieren, als das graue, ehemalige Verwaltungsgebäude der ört­ lichen Sparkasse im Herzen der Stadt. Noch klebt die Folie mit der knallroten Sparkas­ senwerbung („Gut für die Region“) neben dem Eingang. Im hinteren Teil des Erdgeschosses ver­ sprühen Ledersessel und Furnierschreibtische spießigen Charme. Doch an die Werbewand ha­ ben die künftigen Nutzer schon andere Verspre­ chen gepinselt („Roboter bauen“). „Das Schlimmste ist doch Die Schaufenster sind leer geräumt für ein Projekt, wenn es in und dafür mit Plakatwänden voller Schubladen gesteckt wird.“ Ideen bestückt. „Stadtlabor“ heißt das erst vor wenigen Tagen gestarte­ Ulrike Hudelmaier, die Leiterin des te Projekt offiziell. Doch die Einge­ Technologie­Transferzentrums TFU, weihten sagen „Verschwörhaus“, über notwendige Freiräume weil das Gebäude gleich um die Ecke des Platzes liegt, wo der Ulmer Oberbürgermeister am Schwörmontag seinen Eid ablegt. Kreativität und Gründergeist fangen ganz unten an – das ist hier Programm. Im Stadtlabor geht es erst einmal nicht um Geschäftsmodelle, sondern um offene Innovation – auch wenn ein das Projekt unterstützender Unternehmerver­ ein es auch als Plattform zur Nachwuchsgewin­ nung sieht. „Ich hoffe, dass es nie allzu sehr ernst wird“, sagt hingegen die junge Medieninformati­ kerin Juliane Wessalowski, die das Projekt mit betreut. „Da sind natürlich produktive Reibungs­

flächen angelegt“, sagt Ulrike Hudelmaier, die das Projekt als Beispiel für den Gründerstandort präsentiert. Sie leitet nicht nur das bei der Uni­ versität angesiedelte Gründer­ und Technologie­ zentrum der Region Ulm/Neu­Ulm (TFU). Die beim lockeren Netzwerken auch von ihrer Zeit in den USA geprägte Gründer­Managerin hat Spaß daran, Menschen aller Couleur zusammenzu­ bringen – und dann zu schauen, was passiert. Der erst seit Kurzem amtierende neue Ober­ bürgermeister Gunter Czsisch (CDU), in seiner Freizeit Jazzmusiker, hat beim Gemeinderat für die kreative Improvisation im Stadtlabor nach­ drücklich geworben. „Das Schlimmste wäre doch für solch ein Projekt, wenn es in irgendwelche Schubladen gesteckt wird“, sagt Hudelmaier. Ulm mit seinen 118 000 Einwohnern, zu des­ sen städtischem Raum man auch das bayerische Neu­Ulm mit 53 000 Menschen zählen muss, er­ hebt für sich nicht den Anspruch, mit den großen Start­up­Zentren im Land, wie Stuttgart, Karls­ ruhe oder Rhein­Neckar, zu konkurrieren. Hier muss jeder mit jedem zusammenarbeiten – für Eigenbrötlerei ist man zu klein. Anderseits ist die Stadt mit der Universität und den Universitäts­ kliniken groß genug, um die nötige kritische Mas­ se an kreativen Menschen zusammenzubringen. So hat Florian Bischof beispielsweise seine Dating­App Mingl von Ulm aus lanciert – obwohl er zuvor im viel größeren München studiert hat. Sicherlich gebe es dort eine große, gut dotierte Start­up­Infrastruktur. „Da gehen sie unter den

vielen Projekten aber ganz schnell unter“, sagt er. In Ulm sei man hingegen gleich wer. Trotz seines modernen, digitalen Geschäftsmodells empfand er beispielsweise die traditionelle Gründerbera­ tung der IHK als sehr hilfreich. Die Industrie­ und Handelskammer sucht beim Thema Innovation neue Wege. So betreut man beispielsweise intensiv die Schülerfirmen an den Schulen der Region. Und ganz aktuell wol­ len das Transferzentrum TFU und die IHK den Mittelständlern der Region mit einer „Innova­ tionspartnerschaft“ systematisch Ansätze aus der Start­up­Methodik beibringen. „Sie müssen da nicht gleich jedes Unternehmen mit einem Start­up verknüpfen. Es reicht auch schon, intern die Leute mal eine Weile raus aus dem Tagesgeschäft zu holen, um strukturiert neue Geschäftsmodelle zu finden“, sagt Hudelmaier. Von zwei Tagen die Woche bis zu zwei Jahren sei da alles möglich. Es gebe unter den Mitarbei­ tern der kleinen und mittleren Firmen viel Potenzial: „Eigentlich denken doch Mittelständ­ ler von Natur aus wie Start­ups. Ein Projekt an­ zuschieben und dann ganz offen zu schauen, ob es klappt, das ist ja eigentlich total mittelstän­ disch.“ Kurze Wege, wenig Hierarchien, schnelle Entscheidungen und der permanente Drang zur Innovation seien schon heute fest verankert. „Ein Mittelständler kann dafür aber nicht wie Bosch einen eigenen Start­up­Campus grün­ den“, sagt Hudelmaier. Artur Nägele, der Leiter des Starter­Center der IHK, sieht das erst einmal als offenes Experi­ ment: „Ich bin selber mal gespannt, wie dies an­ genommen wird“, sagt er. In Baden­Württem­ berg ist dieser auf den Mittelstand fokussierte Ansatz Neuland. Doch aus Sicht von Hudelmaier hat das vor allem aus Sicht der Unternehmen im eher ländlich geprägten Umfeld Charme. Bisher

klinge für sie das Thema Start­up­Methodik nach Metropole. „Mit diesem Konzept merken sie: Die tun ja auch etwas für uns“, sagt Hudelmaier. Bei der Zahl der Gründungen im Verhältnis zur Ein­ wohnerzahl liegt Ulm etwa im baden­württem­ bergischen Durchschnitt. Start­ups etwa in den Bereichen Medizintechnik und Biotechnologie haben gute Chancen. An der Hochschule baut beispielsweise das Start­up Manus an einer Unterstützungsprothese, die Patienten mit ein­ geschränkter Funktion der Hände helfen soll. Auch an der Hochschule ist einiges in Bewe­ gung. Der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Schallmo, der neu zur Fakultät gestoßen ist, will auch ohne einen speziellen Lehrstuhl für Unter­ nehmertum die Gründer­Thematik seinen Stu­ denten der Wirtschaftswissenschaften ganz praktisch vermitteln. „Es geht darum, den Grün­ dergeist zu fördern und zu zeigen, dass das auch Spaß macht“, sagt er. Das müsse früh ins Studium eingebaut werden – bevor der Examensstress die Oberhand gewinne. Nach dem Ende seines Semi­ nars sollen die Studenten eine realistische Ge­ schäftsidee präsentieren können – noch nicht mit dem gnadenlosen Zeitdruck eines sogenann­ ten Start­up­Pitches, als Seminarreferat. Testweise haben die Studierenden ihre Ideen auch schon einmal auf dem Crowdfunding­Por­ tal Kickstarter platziert. Die Idee eines ökologi­ schen Supermarktes, bei dem man konsequent auf Verpackungen verzichtet, fand binnen weni­ ger Tage willige Anleger, die dafür gleich 1800 Euro locker gemacht hätten. 50 Euro schmiss der Professor persönlich in den Topf: „Mich hat sogar ein Student ganz erschrocken gefragt: Was ist, wenn das Geld tatsächlich kommt?“ Entschei­ dend sei es, die Berührungsängste bei dem The­ ma zu nehmen: „Dafür müssen wir nicht gleich Silicon Valley werden.“

Stuttgarter Start­up will die Warteschleife abschaffen Drei Jungunternehmer haben eine Software entwickelt, die dem Anrufer das Warten am Telefon abnimmt. Von Nora Chin Callcenter

I

n vielen Callcentern gehören Warte­ schleifen dazu. Diese leidvolle Erfahrung musste auch Ulf Kühnapfel mehrfach machen. Nachdem der 31­Jährige mal wie­ der minutenlang in der Wartschleife seines Internetanbieters gehangen war, kam ihm eine Idee: warum nicht ein System ent­ wickeln, das dem Anrufer das Warten am Telefonhörer abnimmt? So gründete Kühnapfel Ende 2014 gemeinsam mit sei­ nem Bruder Jens und Niels Liebisch in Stuttgart das Start­up Virtual Q. Die Software Virtual Q – Q wie Queue, englisch für Warteschlange – stellt sich für den Anrufer virtuell in die Wartschlange, ist aber kein Endkunden­Produkt, wie man anfangs vielleicht vermuten könnte. Viel­ mehr richten sich die drei Stuttgarter Start­up­Gründer mit ihrer Applikation an Unternehmen. Zu den Kunden zählen beispielsweise Energieversorger, Versiche­

rungen und Banken oder Telekommunika­ tionsunternehmen. Diese zahlen laut Ulf Kühnapfel eine Installationsgebühr und eine jährliche Lizenzgebühr für die Nut­ zung der Software. Für die Anrufer ist der Service kostenlos. Das Start­up bietet den Service für ver­ schiedenste Kanäle an: Bei der sogenann­ ten Call­Back­Funktion nenne die Soft­ ware dem Anrufer die Wartezeit, halte ihm die Warteposition – und rufe den Kunden dann zurück, wenn seine Wartezeit verstri­ chen ist, wie der studierte Produktdesigner Kühnapfel erklärt. Zudem gebe es auch eine Call­In­Lö­ sung als Alternative zur Rückruffunktion. Der Anrufer wird bei längerer Wartezeit per Anzeige auf der Unternehmens­Web­ seite informiert, dass er durch die Eingabe seiner Telefonnummer und das Drücken eines integrierten Buttons virtuell warten

kann. Er wird dann per SMS­ und Web­Be­ nachrichtigung informiert, sobald er an der Reihe ist. „Der Anrufer hat dann ein gewis­ ses Zeitfenster, um eigenständig zurückzu­ rufen und direkt zu dem nächsten freien Servicemitarbeiter durchgestellt zu wer­ den“, erläutert Kühnapfel das Prinzip. Mit der Idee scheint das Team um Kühnapfel einen Nerv getroffen zu haben: Laut einer aktuellen Umfrage des Mei­ nungsforschungsinstituts Forsa sind rund 55 Prozent der deutschen Konsumenten unzufrieden mit dem Kundenservice von Kommunikationsdienstleistern. Be­ schwerdegründe sind unter anderem die langen Wartezeiten in Service­Hotlines. Die Vorteile von Virtual Q für den Anru­ fer liegen also auf der Hand – und was ha­ ben die Unternehmen davon? „Wir helfen Unternehmen dabei, ihre Ressourcen opti­ mal zu nutzen und dadurch Kosten zu sen­ ken“, sagt Kühnapfel. So könne man mit der gleichen Anzahl an Callcenter­Mitarbei­ tern mehr Kundenanfragen abarbeiten. „Zudem sorgen wir für Kundenzufrie­ denheit und Kundenbindung“, sagt der stu­

dierte Produktdesigner Kühnapfel. Eine höhere Kundenzufriedenheit reduziere auch Beschwerden im Gespräch. Die An­ rufdauer werde dadurch verkürzt, dadurch wiederum Kosten reduziert. Und wer zu­ frieden sei, der kaufe mehr oder empfehle das Unternehmen und dessen Produkte weiter, so Kühnapfel. Für die Zukunft hat sich das Virtual­Q­ Team, das inzwischen aus zehn Mit­ arbeitern besteht und neben dem Sitz in Stuttgart auch noch ein Büro in Berlin unterhält, Gro­ ßes vorgenommen. „Wir wol­ len unsere Dienste nicht nur in Deutschland anbie­ ten“, sagt Kühnapfel. Den Weg zu ihren Zielen haben die Jungunternehmer be­ reits geebnet: Erst gewann das Start­up den IKT­Innova­ tivpreis, jüngst investierte der Risikokapitalgeber High­ Tech­Gründerfonds (HTGF) in die virtu­ elle Warteschleife.

Warteschleifen am Telefon sind oft ein Albtraum für Kon­ sumenten. Foto: fotolia


18

19

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Stuttgarter Animationsfirmen wie Pixomondo sind auch bei der Pro­ duktion von Erfolgsserien dabei – wie „Game of Thrones“ des US­Fernsehsenders HBO.

Überlebensfrage Glasfaser Wirtschaftsförderung hin oder her – unzureichende Internetanschlüsse sind für viele Firmen ein dramatisches Problem. Infrastruktur

D Was gehört zur leben­ digen Kreativszene? Das sind auch Treffpunkte wie die Bar Paul & George im Stuttgarter Heusteigviertel.

Die Teilnehmer Redakteure der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten haben auf dem Code­n­Innovations­ campus des Stuttgarter IT­Dienstleisters GFT Technologies mit Vertretern der baden­württembergischen Kreativwirt­ schaft über Chancen und Herausforderungen in der Branche diskutiert. Teilgenommen haben (v. l. n. r.): Andreas Geldner (Redakteur, Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten), Matthias Straub (Chefredakteur, FischerAppelt), Florian Rederer (Geschäftsführer, Schokolade Filmproduktion), Robin Hofmann (Geschäftsführer, HearDis), Ulrich Wegenast (Künstlerischer Geschäftsführer, Film­ und Medienfestival), Ester Petri (Leiterin, Förderung Medien­ und Kreativwirt­

schaft bei der MFG), Anja Raiser (Gesellschafterin, Schokolade Filmproduktion), Christoph Reisinger (Chefredak­ teur, Stuttgarter Nachrichten), Achim Jäger (Geschäftsführer, Jung v. Matt /Neckar), Jens Gutfleisch (Leiter, Film Commission Region Stuttgart), Christoph Malessa (Standortleiter, Pixomondo in Stuttgart), Janusch Munkwitz (Architekt und Gastronom), Marc Becker (Leiter, Werbervermarktung STZW), Anne Guhlich (Wirtschaftsressort­ leiterin, Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten), Joachim Dorfs (Chefredakteur, Stuttgarter Zeitung), Ingmar Volkmann (Titel­Autor, Stuttgarter Zeitung).

Stuttgart soll sexy werden

ie Politik soll von vielem die Finger lassen, das war der Tenor in der gene­ rellen Debatte über den Kreativ­ standort. Doch an einem Punkt hat der Staat auch für die Kreativen in der Stadt eine ganz entscheidende Rolle: Wenn sich am Niveau der Breitbandversorgung in der Region und in Deutschland nicht schnell etwas ändere, dann seien gravierende Nachteile zu be­ fürchten, hieß es am Runden Tisch unisono. „Ich weiß von einigen in der Branche in Stuttgart, dass sie Mühe haben, ein genü­ gend schnelles Internet zu bekommen“, sagte Christoph Malessa von Pixomondo, einem Anbieter, der selbst mit sehr hohen Datenmengen umgeht. Er berichtete von den Mühen, den Internetanbieter zu wech­ seln: „Dazu muss man an Schächte heran­ kommen. Wir haben schon drei beantragt, doch das Verfahren ist überhaupt nicht transparent. Mit einem Schacht anzufan­ gen, dauert schon drei Monate. Das sind noch die alten Strukturen, als man viel­ leicht noch Brieftauben benutzt hat.“ Man warte zurzeit auch auf einen genügend dimensionierten Glasfaseranschluss, sagte Florian Rederer von der Filmproduktion Schokolade: „Es wird immer verschoben, verschoben und verschoben.“ Noch fehle

teilweise das Verständnis, wie absolut es­ senziell dieser Standortfaktor sei, sagten die Teilnehmer der Runde. Jens Gutfleisch von der Wirtschaftsför­ derung Region Stuttgart (WRS) berichtete von einer aktuellen Studie der Wirtschafts­ förderer, die ausloten sollte, wie sich für die Animationsbranche ein schneller An­ schluss zum Höchstleistungsrechenzen­ trum der Universität Stuttgart aufbauen ließe. Der Schlüssel dazu sei, gemeinsam Verantwortung für den Standort zu über­ nehmen: „Was muss die Branche leisten? Was muss die öffentliche Hand leisten? Was müssen die Anbieter von Glasfaser leis­ ten?“ Überall explodierten die Gigabyte­ Zahlen bei der Übertragung, man komme aber nicht von einem Standort an den ande­ ren. Ein Datentransport per Festplatte und mit S­Bahn­Ticket, wie er bisher noch not­ wendig ist, ließe sich so vermeiden. Die Politik denke bei Infrastruktur noch in der Kategorie Autobahnauffahrten. Ulrich Wegenast gab dem Digitalkom­ missar Günther Oettinger recht – aus­ nahmsweise, wie er sagte. Der habe es vor Kurzem auf einer Veranstaltung auf eine griffige Formel gebracht: „Lieber Schlag­ löcher als Funklöcher.“ age

Jammern gehört bei der dynamischen Kreativbranche in der Region nicht zum Handwerk: Weniger Bürokratie, eine Prise mehr Offenheit und Gelassenheit in der Stadt stehen weiter oben auf dem Wunschzettel als der Ruf nach der Politik. Von Andreas Geldner Round­Table­Gespräch

I

st man eigentlich in einem Zeitalter von Snapchat, Facebook und anderen sozia­ len Medien, wo jeder eigentlich für sich selber werben kann, einer großen Konkur­ renz ausgesetzt?“ Mit dieser Frage leitete der StZ­Titel­Autor Ingmar Volkmann den Themenblock Zukunftsfragen ein. Doch Fortschrittsangst ist der Kreativ­ branche eher fremd. „Das ist einfach eine Tatsache – mit der wir auch gerne und gut umgehen“, sagte Achim Jäger von Jung und Matt über die neuen Möglichkeiten, die jeden zum PR­Manager seiner selbst machen. „Die neuen Möglichkeiten sind doch wunderbar: Man kann sich einen Fachmann suchen und den seine Werbe­ botschaft verbreiten lassen“, sagte er. „Die besten Leute, die ich in den ver­ gangenen Jahren eingestellt habe, waren fast ausschließlich Techniker“, sagte Robin Hofmann von der Akustikagentur HearDis: „Coder, Webentwickler, das sind auch krea­ tive Menschen, aber eben nicht im klassi­ schen Sinn.“ Die kreative Arbeit werde technischer. „Man muss schon auch ehrlich sein“, sagte Florian Rederer von der Scho­ kolade Filmproduktion. „Es ist anstren­ gend, jeden Tag mit einer neuen Herausfor­ derung konfrontiert zu werden – auch mit einer technischen.“ Insgesamt habe Tech­ nologie die Arbeit vereinfacht.

Probleme schaffe die immer größere Zersplitterung der Kanäle und des Publi­ kums, sagte Ulrich Wegenast von Film­ und Medienfestival: „Jetzt gibt es Snap­ chat und Instagram, dann hast du noch einen Videokanal. Man muss alle Kanäle bedienen und hat manchmal dafür gar nicht die Ressourcen. Man kommt nicht so richtig hinterher.“ Allerdings mache gera­ de diese neue Unübersichtlichkeit die Pro­ fis noch relevanter, hier waren sich die Be­ teiligten einig – nicht ganz uneigennützig. Handgestrickten Beiträgen auf den neu­ en Plattformen merke man das auch an. „Manche können aber ihre schlechte Quali­ tät gut verkaufen. Und auch manchen Kun­ den fehlt das richtige Qualitätsbewusstsein“, sagte Robin Hofmann. „Man muss auch mit den neuen Medien kreativ umgehen“, sagte Christoph Malessa von der Animationsfirma Pixomondo: „Es ist schwieriger, für einzelne Leute Schritt zu halten – da hat eine größere Firma mehr Ressourcen, um zu sehen, was da kommt.“ Die Hypes wechselten näm­ lich schnell. „Nicht je­ de Botschaft ist auch für jeden Kanal ge­ eignet“, sagte Matthi­ as Straub von der PR­ Agentur Fischer­ Appelt.

Ein Nachteil der Werbe­ und Kreativ­ branche sei, dass die Unternehmen in der Regel nicht groß genug seien für eigene Forschung und Entwicklung, meinte Ul­ rich Wegenast: „Man kann kein Team vier Jahre mal an einem Produkt arbeiten las­ sen, ohne dass es etwas abwirft.“ Für solche Projekte brauche es etwa von der EU geför­ derte Vorhaben, wo auch mal fünf bis zehn Leute etwas entwickeln könnten. Robin Hoffmann berichtete, dass man sich ein solches Projekt geangelt habe – was aber auf einmal ganz neue, für seine Firma völ­ lig ungewohnte Herausforderungen beim Thema Bürokratie mit sich bringe: „Auf einmal müssen wir uns mit dem Thema Arbeitszeiterfassung auseinandersetzen.“ Die großen IT­Firmen wie Google bräch­ ten unterdessen immer neue technische Features auf den Markt, mit denen sich dann die Kreativen auseinandersetzen müssen, sagte Matthias Straub: „Google probiert zum Beispiel gerade 360­Grad­Fil­ me aus.“ Natürlich sei die Interaktion der Nutzer erst einmal größer gewesen als bei einem normalen Videofilm. Aber alle ande­ ren Parameter wie die Verweildauer seien miserabel gewesen. „Nicht jede neue Tech­ nologie bringt etwas“, sagt er. „Man muss trotzdem aufpas­ sen, dass man echte Trends er­ kennt“, sagte Robin Hofmann. Die Musikindustrie habe den Medien­ wandel unterschätzt. „Der große Fehler ist es, wenn man sich zu sicher in seiner Rolle fühlt.“ age

W

enn man ein buntes ist“, sagte Robin Hofmann von der Akustik­ Team an Akteuren aus Agentur HearDis, die sich darauf speziali­ der Stuttgarter Kreativ­ siert hat, Unternehmensidentität und Wer­ branche zusammenwür­ bebotschaften mithilfe von Klängen und felt und an einem Run­ Musik zu verkörpern. „Ich erwarte von der den Tisch zusammenbringt, dann ist man­ Politik, dass sie mir keine großen Steine in ches anders. Das liegt nicht nur daran, dass den Weg legt.“ Krawatten und Businessanzüge Fehlanzei­ Die am Tisch präsenten Branchenver­ ge sind. Es wird auch klar, dass dies eine treter zeigten aber auch, wie heterogen der Branche ist mit relativ kleinen Unterneh­ Begriff Kreativwirtschaft ist. Gegenüber men, mit Leuten, die es gewohnt sind, ihr von Robin Hofmann saßen Vertreter klassi­ eigenes Ding zu machen, nach ihren eige­ scher Werbeagenturen wie Achim Jäger nen Regeln. Man duzt sich und man kennt Jung von Matt und Matthias Straub von sich in der trotz ihres Wachstums in FischerAppelt. Ulrich Wegenast vom Film­ den vergangenen Jahren und Medienfestival ist in noch überschaubaren „Das Jammern, dass in einem Bereich tätig, in Szene. Die einen oder an­ Stuttgart die Bedingungen dem es weniger ums Ge­ deren kennen sich schon als um die Kultur angeblich so schlecht sind, schäft aus Praktikantenzeiten. geht. Als die Moderatorin das ist doch Quatsch.“ Ester Petri von der Anne Guhlich, Ressort­ Florian Rederer von der Schokolade Medien­ und Filmgesell­ leiterin Wirtschaft für Filmproduktion zur Rolle der Politik schaft Baden­Württem­ Stuttgarter Zeitung/ berg (MFG) und Jens Stuttgarter Nachrichten, danach fragte, Gutfleisch von der Wirtschaftsförderung was die Kreativwirtschaft von der neuen Region Stuttgart (WRS) standen für Orga­ Landesregierung erwarte, biss niemand so nisationen, die im öffentlichen Auftrag die recht bei diesem oft doch so willkommenen Kreativbranche voranbringen wollen. Wei­ Köder für Lobbyismus in eigener Sache an. tere Teilnehmer waren Christoph Malessa „Diese Standortdiskussion finde ich gar von der auf visuelle Effekte spezialisierten nicht so wichtig. Die Politik kann da doch Firma Pixomondo, Florian Rederer von der nichts machen“, sagte Achim Jäger von der Schokolade Filmproduktion sowie Janusch Werbeagentur Jung und Matt. Munkwitz, der nicht nur Inhaber der Sze­ „Aufstehen morgens, fleißig sein, einen ne­Bar Paul & George, sondern auch noch guten Job machen – dann kommt es von Architekt ist. selber.“ Die Kreativen in Stuttgart sind al­ Es sind für die meist kleineren Unter­ lerdings ziemlich selbstbewusst, was das nehmen die kleinen Probleme, die das Le­ Potenzial der Szene angeht. Man möge die ben schwer machen. Die Kreativbranche in Leute mit Ideen doch bitte schön einfach Stuttgart wünscht sich eine Politik und machen lassen, hieß es. eine Bürokratie, die lieber weniger tut als Selbst Subventionsgelder bezeichnete mehr. Ob eine Stadt für Kreative attraktiv Florian Rederer von der Schokolade Film­ sei, entscheide sich oft an der Atmosphäre produktion als „kleine Nettigkeiten“: „Das in der Stadt, hieß es unisono. Robin Hof­ Jammern, dass hier die Bedingungen an­ mann nannte das Beispiel einer Rikscha geblich so schlecht sind, ist Quatsch.“ Es mit Kaffeeverkauf, die sich in der Stadt ge­ gebe eben viele Leute, die sich beschwer­ rade im Genehmigungsdschungel verhed­ ten, dass sie nichts geschenkt bekommen. dere. „Kann man im Umgang mit der Sub­ Selbst die viel gelobte, staatlich geförderte kultur nicht lockerer werden?“ Die Offen­ Filmakademie, sagte Jäger, sei ohne das heit einer Stadt zeige sich auch an der hartnäckige Engagement von Einzelnen Flexibilität, den Straßenraum auch einmal nicht entstanden. „Ich glaube auch, dass für Aktivitäten zu nutzen – und dafür ein der Unternehmergeist die treibende Kraft paar Parkplätze zu opfern. Wenn die Knei­

pen nachts um eins zumachen und beliebte Region, die sich inzwischen viel kreative Treffpunkte wie das Zollamt in Bad Cann­ Expertise von außen einkaufen, sorgen statt nach Anwohnerbeschwerden schlie­ für einen lukrativen Markt. „Der Grund, ßen müssten, treffe dies das für die Branche warum wir hier sind? Hier sitzt das Geld“, wichtige Image der Stadt, hieß es. sagte Robin Hofmann. „Und Nähe ist wich­ Man müsse der Stadt „das Schwerbür­ tig. Man hätte zwar gern die Agentur aus gerliche“ austreiben, meinte Jäger. Neben London oder Paris – aber dann will man den beiden Faktoren Technologie und doch, dass die Verantwortlichen jeden Tag Talent gebe es für kreative Standorte ein bei einem antanzen.“ Und wenn man dann drittes, entscheidendes T, sagte Matthias die Leute erst mal einfliegen müsse, werde Straub: „Das ist die Toleranz.“ Stuttgart ha­ es teuer. be bei den beiden ersten Faktoren viel zu Die Überschaubarkeit sei nicht unbe­ bieten. An Nummer drei müsse man noch dingt immer ein Nachteil, sagte Janusch arbeiten: „Die Leute gehen am liebsten Munkwitz von Paul & George: „Es passiert dorthin, wo sie eine tolerante und freie immer wieder, dass man sich bei einer Umgebung vorfinden.“ Tasse Espresso über den Weg läuft. Hier Wer junge Talente in der Stadt haben kannst du in Echtzeit netzwerken.“ Viel­ wolle, müsse ihnen auch die Gelegenheit leicht solle Stuttgart ein wenig am schwäbi­ geben, sich auszuprobieren, sagte Janusch schen Minderwertigkeitskomplex arbei­ Munkwitz von Paul & George: „Wie viele ten, sagte Ulrich Wegenast vom Film­ und Lebensformen sind denkbar und möglich?“ Medienfestival: „Wir sind überall die Um begabte junge Leute zu den Unterneh­ Zweitbesten. Und wir haben dabei eine ge­ men nach Stuttgart zu locken, genüge wisse Selbstzufriedenheit. Das ist gemüt­ die Qualität des Arbeitsplatzes nicht. „Der lich und angenehm. Wir machen aber bes­ Partner, der nachziehen sere Butterbrezeln – das soll, findet die Stadt viel­ „Die Leute gehen am kann man doch auch ein­ leicht nicht so toll, auch liebsten dorthin, wo sie mal sagen!“ wenn das Arbeitsklima eine tolerante und freie Im Vergleich zu den stimmt“, sagte Christoph großen Konzernen etwa Malessa von Pixomondo. Umgebung vorfinden.“ aus der Automobil­ Ulrich Wegenast vom Matthias Straub von der PR­Agentur industrie sei es schwierig, Film­ und Medienfestival FischerAppelt über die Talentsuche die Branche in ihrer warnte allerdings, davor Kleinteiligkeit nach die Rolle öffentlich gesetzter Rahmen­ außen wahrnehmbar zu machen, sagte Es­ bedingungen einfach so wegzuwischen: ter Petri von der Medien­ und Filmgesell­ „Ich möchte doch auch einmal eine Lanze schaft Baden­Württemberg (MFG). „Das für die Bedeutung von Politik brechen. So ist viel schwieriger, wenn ich so eine klein­ einfach ist die Welt doch nicht gestrickt.“ teilige Branche habe, als wenn ich ein paar Weltweit greife die Politik etwa durch ihre große Firmen wie Daimler, Porsche und Steuerpolitik in den Wettbewerb der Bosch habe.“ Branche ein. „Ohne Filmakademie gäbe es Die Teilnehmer am Runden Tisch waren unser Unternehmen nicht“, so pflichtete sich am Ende einig, dass sich die Rolle der ihm Florian Rederer bei. Kreativbranche nicht nur an den im Ver­ Bei einem waren sich die Beteiligten gleich zu anderen Firmen kleinen Umsatz­ trotz aller Gegensätze einig: Die Kreativ­ und Beschäftigtenzahlen messen lasse, branche in Stuttgart hat sich in den letzten sondern auch an der belebenden Funktion zehn bis 15 Jahren enorm entwickelt. Man für das Klima in der Stadt. „Die klassische mag vielleicht in der breiten Öffentlichkeit Wirtschaftspolitik kann sich da nur müh­ nicht ganz die Strahlkraft haben wie Ham­ selig andocken“, sagte Ulrich Wegenast. burg, München oder Berlin, doch insbeson­ „Mercedes wird der rote Teppich ausge­ dere die potenten Unternehmen in der rollt – aber nicht den anderen.“

Tüftler - Gründer - Startups Auf www.ideenwerkBW.de und in Ihrer Wirtschaftszeitung „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten.

Wirtschaft tschaft in Baden­Württemberg

In Kooperation mit:

George, StN, StZ, Snapch at

Die Kreativen sind gegenüber neuen Technologien aufgeschlossen – und sehen ihre eigene Rolle nicht bedroht. Innovation

Fotos: dp a(2), In stagram , Lichtgu t/Achim Zweyga rth, Pixo mondo, Paul &

Keine Angst vor neuen Kanälen


20

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Das Gerät auf dem Handschuh misst die Hitze an einem Gegenstand, der berührt wird. Die Temperatur wird auf zwei Displays angezeigt: mit Zahlen wie bei einem Thermometer und mit blinkenden LEDs.

Fotos: Marks/Seiz

Ein Handschuh misst die Hitze Rainer Seiz aus Metzingen hat die Gerberei gelernt. Doch heute sind eher Hightech­Fasern als Leder sein Metier. Sein neuestes Produkt ist ein Handschuh mit Thermometer. Von Ulrich Schreyer Innovation

W

as viele aus Filmen ken­ nen, ist für die Feuer­ wehren ein Problem: In schwerer Montur kriecht ein Feuerwehrmann durch rauchige, dunkle Gänge, geht in die Hocke, tastet an einer Tür. Ist diese heiß, lauert dahinter Gefahr. Rainer Seiz, Unter­ nehmer aus dem Metzinger Ortsteil Glems, kennt solche Situationen. Der gelernte Gerbermeister war 32 Jahre lang selbst bei der Feuerwehr: „Die Feuerwehr muss oft schweres Gerät schleppen, vor der Türöff­ nung den Schutzhandschuh ausziehen, ab­ legen, nach der Tür tasten, um zu sehen, ob diese heiß ist, dann den Handschuh wieder anziehen.“ Dies alles ist nicht nur umständ­ lich – dabei vergeht auch kostbare Zeit. Der geschäftsführende Gesellschafter der Friedrich Seiz GmbH überlegte lange, wie sich dies ändern ließe. Er hatte eine

Idee: Ein in den Handschuh integriertes Thermometer war die Lösung. Das kleine Gerät kann entweder mit Druckknöpfen oder mit einem Kreppband am Hand­ schuh befestigt werden. „So hat der Feuer­ wehrmann auch die Hände frei“, sagt Seiz. Auch mit einer Wärmebildkamera könnte dieser sich ein Bild davon machen, was hinter der Tür passiert. Nur: Die Kamera muss er tragen, was durchaus hinderlich sein kann. Und sie ist etwa zehnmal so teu­ er. Das Gerät aus Glems kostet knapp 200 Euro, für eine Wärmebildkamera müssen gut und gerne 2000 Euro auf den Tisch ge­ legt werden. Zwei Displays signalisieren Frauen und Männern von der Wehr, was Sache ist: Eines zeigt die Temperatur an der Tür, die abgetastet wird, auf dem ande­ ren signalisieren Leuchtdioden die Situa­ tion. Ist der Gegenstand, den der Hand­ schuh berührt, weniger als 60 Grad warm,

leuchten sie grün, bei einer Temperatur bis 370 Grad rot, bei einer noch höheren Temperatur fangen die Leuchtdioden rot an zu blinken. Die Lichtsignale sind auch in verrauchten, dunklen Räumen zu er­ kennen, wenn die Zahlen kaum noch ab­ zulesen sind. Seiz zieht sich einen Handschuh an, schüttelt den Arm kräftig und zeigt damit einen weiteren Vorteil des Handschutzes mit Display: „Durch die Schüttelbewegung wird das Gerät aktiviert“, erklärt der Unter­ nehmer, „ganz ohne Schalter und Knöpfe.“ Damit kann von dem Gerät, anders als bei­ spielsweise beim Druck auf einen Schalter, keine Explosionsgefahr ausgehen. Doch nicht nur die Feuerwehr interes­ siert sich für den Thermometerhandschuh: Auf einer Messe kam auch mal ein Profes­ sor, seines Zeichens Klimatologe, bei Seiz vorbei. Auf Hawaii kann dieser nun mit dem Gerät am Handschuh Temperaturen messen und versuchen herausfinden, ob ein Vulkan bald wieder ausbricht. Zudem kann er sich mit dem Handschuh an hei­ ßem Gestein abstützen, wenn er klettern muss. Der Vorteil: Er muss kein Messgerät tragen, sondern hat die Hände frei.

Tüftler - Gründer - Startups Sie interessieren sich für Ideen, Innovationen und Inspirationen rund um Startups, etablierte Firmen, Hochschulen und Trends aus der Technologieentwicklung in Baden-Württemberg? Auf www.ideenwerkBW.de und in Ihrer Wirtschaftszeitung „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte.

In Kooperation mit:

Wirtschaft tschaftt in Baden-Württemberg

Der Handschuh, der die Hitze misst, ist nicht die erste Innovation am Fuße der Schwäbischen Alb. Als der gelernte Gerber­ meister Rainer Seiz 1984 in das 1961 in einer Waschküche gegründete Unternehmen sei­ ner Eltern einstieg, war eine Neuerung in der Produktpalette geradezu zwingend. Ausgerechnet der Gerber musste weg vom Leder. Aus dem fernen Osten setzten Billig­ anbieter zur Eroberung des Marktes an. „Wir mussten etwas anderes machen als Le­ derhandschuhe, sonst hätten wir nicht überlebt“, sagt Seiz. Die Reut­ linger Feuerwehr gehörte zu „Wir nutzen unser Wissen den ersten Kunden, die sich für über Handschuhe für die Handschuhe aus Hightech­Fa­ Feuerwehr künftig auch sern begeistern ließen. Dass er damals mit seiner Idee von an­ bei der Produktion von deren verlacht wurde, darüber Sporthandschuhen.“ kann er nun selbst lachen Rainer Seiz, Chef der Friedrich Seiz Und natürlich produziert GmbH in Metzingen das Unternehmen inzwischen aus solchen Fasern nicht nur Feuerwehrhandschuhe, sondern auch sol­ che für die Industrie. Diese sind beispiels­ weise besonders schnittfest – wer mit dem Taschenmesser drüberfährt, muss keine Angst haben, dass Blut fließt. Der Abschied vom Leder hat sich ausge­ zahlt: Vor 20 Jahren lag der Umsatz bei etwa fünf Millionen Euro, heute „nähert er sich 20 Millionen Euro“, wie Seiz sagt. Beschäf­ tigt werden 35 Mitarbeiter in Metzingen, an zwei Standorten in Ungarn und Rumänien sind zusammen etwas mehr als 200 Be­ schäftigte tätig. Und beim Handschuh, der die Hitze misst, soll es keineswegs bleiben. Der Unternehmenschef wagt sich auf einen heftig umkämpften Markt: Von der kom­ menden Wintersaison an bietet Seiz auch Sporthandschuhe an – etwa für die deut­ sche Bob­ und Rodelnationalmannschaft sowie für die tschechische Nationalmann­ schaft im Skispringen. „Wir wollen die Handschuhe der Wintersportler besser ma­ chen“, sagt der Firmenchef, „dabei nützt uns unser Wissen über Handschuhe für Feuerwehren und die Industrie.“ Doch auch an Ski­Amateure will Seiz sich wenden: „Unsere modernen Materialien sind dün­ ner und sorgen dennoch für warme Hände.“ Zur Wintersaison indes gibt es noch eine weitere Neuigkeit – einen beheizbaren Handschuh mit einer kleinen Tasche für einen Akku: „Dieser bleibt selbst bei minus 30 Grad etwa acht Stunden lang warm“, sagt Seiz. Kälte, Hitze, Feuer und Eis – aus Glems kommen bald Handschuhe für alle Fälle. Mit dem Tempe­ raturmessgerät am Handschuh rückt ein Feuerwehr­ mann gegen einen Brand vor.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 21

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Sie sind in einer digitalen Welt aufgewachsen – und bringen nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch neue Ansprüche mit in die Berufswelt: Vertreter der sogenannten Generation Y, der heute Um­die­dreißig­Jährigen.

Illustration: fotolia

Anspruchsvoll und wechselbereit Berufseinsteiger wollen Sinn und Sicherheit zugleich – und stellen Chefs damit vor Herausforderungen. Von Hanna Spanhel Generation Y

S

ie gelten als gut ausgebildet, welt­ gewandt, selbstbewusst und als ständig auf der Suche nach dem Sinn. Der Großteil der Generation Y – der heute Um­die­dreißig­ Jährigen – hat studiert, war im Ausland, hat sich durch unzählige unbezahlte Praktika gekämpft. Seit ein paar Jahren sind die Yp­ siloner auf dem Arbeitsmarkt angekom­ men – mit völlig neuen Ansprüchen an die Arbeitgeber. „Die jungen Leute wollen das Gefühl ha­ ben, etwas Sinnvolles zu tun – und für ein Unternehmen zu arbeiten, das einen Bei­ trag zu einer etwas besseren Welt leistet“, sagt Nicolai Andersen, Leiter Innovation bei Deloitte. Mehr als 90 Prozent der jun­ gen Talente motiviert laut einer aktuellen Befragung des Prüfungs­ und Beratungs­ unternehmens Deloitte die Sinnhaftigkeit

ihrer Arbeit am meisten, beim aktuellen Unternehmen zu bleiben. Der Job soll aber nicht nur sinnstiftend sein, sondern bes­ tenfalls auch gut mit dem Privatleben ver­ einbar sein – und eine auf sie abgestimmte, flexible Arbeitsumgebung bieten: „Berufs­ einsteiger fordern, arbeiten zu können, wo und wie sie möchten“, sagt Andersen. Die Freiheit, sich kreativ einzubringen und Dinge entwickeln zu können, Selbstbe­ stimmung, Flexibilität – das sind offenbar die Erwartungen vieler junger Einsteiger. In der Arbeitswelt prallen diese Ansprüche auf prekäre Rahmenbedingungen. Jahre­ lange Praktikanten­ oder Traineeanstel­ lungen, Zeitverträge und unsichere Zu­ kunftsaussichten sind in vielen Branchen an der Tagesordnung. „Arbeitgeber müssen den jungen Berufseinsteigern nicht nur Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten

gewähren, sondern ihnen gleichzeitig Si­ cherheit geben“, sagt Andersen. Eine faire Entlohnung als Zeichen der Wertschät­ zung der Arbeit gehöre ebenso dazu wie die Förderung bei der beruflichen Weiterent­ wicklung. „Feedback und Wertschätzung durch die Führungskräfte sind für Einstei­ ger extrem wichtig“, sagt Andersen. Doch genau daran scheint es häufig zu hapern. Sind die Berufsanfänger einmal im Unternehmen angekommen, werden sie schnell unzufrieden, zeigt das „Deloitte Millennial Survey 2016“. Mehr als ein Drit­ tel der jungen Talente plant bereits einen Jobwechsel, heißt es in der Studie. „Fühlen sich die jungen Leute nicht fair behandelt, gehen sie aus dem Unternehmen“, sagt An­ dersen. Die Generation sei extrem wechsel­ bereit – schließlich sei sie es gewohnt, un­ zählige Möglichkeiten zu haben. Viele Unternehmen, sagt Stefan Diestel von der International School of Manage­ ment in Dortmund, hätten sich noch nicht auf die Erwartungen der jungen Berufs­ einsteiger eingestellt. „Es fehlt an Wert­

schätzung und Motivation“, sagt der Wirt­ schaftspsychologe. Häufig werde eine feh­ lende moralische Integrität der Arbeitgeber angeprangert, die Intranspa­ renz von Entscheidungen und mangelnder Gestaltungsfreiraum. „Ge­ lingt es den Unternehmen „Gelingt es nicht, die nicht, die jungen Menschen jungen Menschen für die für die eigene, gute Sache zu eigene, gute Sache zu gewinnen, resignieren sie“, gewinnen, resignieren sie.“ sagt Diestel. Die Bedingungen der Be­ Stefan Diestel, rufsanfänger ernst zu nehmen Wirtschaftspsychologe sei notwendig, um junge Ta­ lente zu halten, sagt Diestel – gerade in Zei­ ten eines zunehmenden Fachkräfteman­ gels. Noch eines kommt hinzu: „Die Arbeits­ welt unterliegt durch die Digitalisierung einem gravierenden Wandel.“ Um mit den Anforderungen dieser Arbeitswelt mithal­ ten zu können, brauche man genau das, was die junge Generation mitbringe. Gewähre man den Berufseinsteigern kreative Frei­ räume, könnte sich das auch für Arbeitge­ ber bezahlt machen.


22 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | August 2016

Gebt meiner Arbeit einen Sinn! Der Job muss Erfüllung bringen: So lautet das Mantra junger Berufstätiger. Für manche wird das zur Belastung. Wer im Job nicht ständig Spaß hat, fühlt sich dann wie ein Versager – egal, wie gut die Bezahlung ist. Ein junger Jurist sucht nach dem Sinn seiner Arbeit. Von Siri Bydekarken Generation Y

Grafiken: fot olia Monta ge: Fischer

I

m ersten Berufsjahr jonglierte er gleich mit Mil­ lionen. Ein Anruf bei der Bank genügte und das Geld wechselte den Besitzer, wenn eine Firma die andere kaufte. Am Wochenende, wenn seine Freunde auf der Stuttgarter Königstraße den dritten Cocktail bestellten, stampfte er Verträge aus dem Boden, hirnte über Rechtskonstrukte und rechnete mit den Klienten im Viertelstundentakt ab, weil seine Chefs ihn dazu angewie­ sen hatten. Anton Thom erhielt Einblicke in das Innenle­ ben der größten Unternehmen Deutschlands. Er arbeitete mehreren Vorgesetzten gleichzeitig zu und weinte manch­ mal heimlich im Büro. Immerhin: War sein Lieblingschef gut drauf, gab es Trüffelpasta beim Edel­Italiener zum Mittagessen. Thom hätte auch selbst bezahlen können. Sein Bruttojahresgehalt lag im hohen fünfstelligen Be­ reich – als Berufseinsteiger. Der lukrative Job in einer Wirtschaftskanzlei im Raum Stuttgart reiht sich in Thoms Lebenslauf ein wie eine wei­ tere Perle in einer langen Kette von Erfolgen: als einer der drei besten Schüler des Jahrgangs Preisträger beim Abitur. Ein „voll befriedigend“ im zweiten Staatsexamen. Die Be­ zeichnung ist irreführend: Diese Note schafft seit Jahren nur das beste Fünftel der Studenten. Dagegen liegt die Durchfallquote bei etwa 15 Prozent. Noch härter ist das erste Staatsexamen: 2014 fielen bundesweit 60 Prozent der Prüflinge durch, im Jahr davor 80 Prozent. Thom taucht in dieser miserablen Statistik nur auf der Seite der Gewinner auf. Er kämpfte sich durch. In wenigen Monaten wird er 30. Trotzdem: An diesem Abend schiebt er seinen leeren Teller zur Seite, stützt den Kopf auf dem Tisch auf und sagt: „Ich frage mich heute, warum ich mir die letzten zehn Jahre eigentlich so den Arsch aufgerissen habe.“ Wieso, weshalb, warum, wofür? Diese Fragen haben An­ ton Thom eingeholt, obwohl er jahrelang auf der Überhol­ spur lebte. Anton Thom, der in Wirklichkeit anders heißt, aber nicht erkannt werden möchte, ist 1986 geboren. Da­ mit gehört er zur Generation Y, auf Englisch wie „why“ aus­ gesprochen. Auf Deutsch bedeutet das: warum? Das frage sich Thoms Generation ständig, besonders im Bezug auf die Arbeit, beobachten Wissenschaftler und gaben den jungen Leuten diesen Namen. Die vorangegangene Generation hatte der Journalist Florian Illies in seinem Buch „Generation Golf“ noch ganz anders porträtiert: Unkritisch, konsumorientiert, selbst­ bezogen seien die um 1970 Geborenen. Den Wohlstand, den ihre Eltern erarbeitet haben, wollten sie genießen, schrieb Illies. Gegenüber Menschen, die denken, man könne auf der Welt irgendetwas verändern, empfände die Generation Golf in erster Linie Arroganz. „Etwas für den größeren Der Generation Y dagegen, betonen Forscher, sei es enorm wichtig, mit ihrer Arbeit etwas zu Zweck wollte ich tun, verändern. Eine Antwort auf die Frage nach die Welt ein bisschen dem Warum sei es, was sie motiviere. Warum gerechter machen. also arbeitet Thom als Anwalt in einer Wirt­ schaftskanzlei und berät große Firmen im Fehler nehme ich mir Patentrecht? unglaublich zu Herzen.“ Thom erinnert sich, wie er mit der Uni den Anton Thom (Name geändert), 29, Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag Jurist in einer Wirtschaftskanzlei besuchte. Dort zu arbeiten, war lange sein Traum. Gerechtigkeit schaffen, die Welt ein bisschen besser hinterlassen, als man sie vorgefunden hat. „Etwas für den größeren Zweck zu tun, war meine Vorstel­ lung“, sagt Thom. Nach dem Studium hatte der junge Mann die Wahl. Geht er in den Staatsdienst? Oder zur Kanzlei? „Beim Staat haben sie mir im Vorstellungsgespräch das Gefühl gege­ ben, ich solle dankbar sein, wenn ich dort überhaupt einen Job kriege“, sagt Thom. Sein zukünftiger Chef in der Kanz­ lei dagegen behandelte ihn, als sei er „etwas Besonderes“, sagt Thom, „als hätten sie schon Jahre auf jemanden wie mich gewartet.“ Bei der Entscheidung ging es für Thom „letztlich um die Menschen, die vor mir saßen“. Wertschätzung sei der Stoff, der Ypsiloner auf der Arbeit bei Laune halte, beobachtet der Wissenschaftler Michael Haller. Für sein Buch „Was wollt ihr eigentlich?“ hat Haller die Erwartungen von Thoms Generation

erforscht. Von der Aussicht auf Wertschätzung ließ Thom sich leiten – und entschied sich für den Job in der Kanzlei. Dem Gefühl, mit seiner Arbeit etwas Sinnvolles zu tun, ist er damit aber nicht näher gekommen. Denn manche Ziele, nach denen die Generation Y strebt, widersprechen sich gegenseitig. „Am Ende geht es in meinem Job eigentlich immer nur darum, die Schwächeren in einem Unterneh­ men zu unterdrücken – zum Beispiel, indem Mitbestim­ mungsrechte von Arbeitnehmern gekürzt werden“, sagt Thom. Ein weiteres Beispiel: Die Ypsiloner wollen mit ihrer Arbeit die Welt retten – und zugleich eine gute Ba­ lance zwischen Arbeit und Freizeit. Nur: Wer regiert dann künftig die Bundesrepublik? Der Posten des Bundeskanz­ lers ist nicht für seine gute Work­Life­Balance bekannt. Sein erster Job nach dem Studium brachte Thom jeden­ falls keine Zufriedenheit. Er brachte ihn in die Notaufnah­

me. Weil Thom so motiviert ins Berufsleben gestar­ tet war, setzte er sich ständig selbst unter Druck. „Feh­ ler nehme ich mir unglaublich zu Herzen“, sagt Thom. Oft blieb er länger als andere, arbeitete im Schnitt etwa 85 Stunden pro Woche, wie er sagt. Schlaf steht weit unten auf Thoms Prioritätenliste. Seine Tage begannen meist morgens um 5 Uhr auf der Hantelbank im Fitnessstudio. Gesetze und Gewichte: Fast ausschließlich um diese zwei Pole drehte sich sein Leben. Ab und zu schob er noch ein Blech Müsli in den Ofen. Selbst gemacht, nur aus Nüssen, Haferflocken, Chia­Samen und Agavendicksaft. Schmecke besser als Müsli aus dem Supermarkt, sagt Thom, und we­ niger Fett enthalte es auch. Gesunde Ernährung hin oder her: An einem Sonntag, etwa eineinhalb Jahre nach Thoms Jobstart, brach das System zusammen. „Ich bin im Krankenhaus“, sagte er seiner Schwes­ „In einem ter am Telefon. „Ich glaube, ich habe einen Qualitätsmerkmal Herzinfarkt.“ Falscher Alarm. Was blieb, war sind sich alle einig: die Entscheidung: Es muss sich was ändern. Thom kündigte. Ruck, zuck fand er einen Der Sinngehalt neuen Job, legte vorher sechs Wochen Pause ist der Topwert.“ im Ausland ein. Zwei Wochen lang gönnte Michael Haller, Buchautor Thom sich richtig Urlaub – um die restlichen zur Generation Y vier Wochen freiwillig in einem Theaterpro­ jekt für Kinder zu arbeiten. Während Thom an diesem Abend in seiner Küche über sein Leben spricht, bleibt er meist nur wenige Minuten am Stück auf seinem Stuhl sit­ zen. Zwischendurch: Ein Fleck auf der Arbeitsplatte muss weg, der Teller in die Spülmaschine, das restliche Essen in den Kühlschrank. Warten kann das offenbar nicht. Entspannung, so scheint es, ist nicht Thoms Sache. „Im Urlaub schreibe ich mir manchmal einen Ta­ gesplan“, sagt Thom. Ohne ein Geländer, an dem der Geist sich zu jeder Zeit entlanghangeln kann, gerät er leicht auf Abwege. Nach seiner Rückkehr wechselte Thom zu einer kleine­ ren Kanzlei. Dort, sagt er, arbeitet er nur noch etwa 55 Stunden pro Woche und verdient trotzdem mehr Geld als in seinem ersten Job. Er trage weniger Verantwortung als in der alten Kanzlei. Ist das nicht eine Erleichterung? Thom kann dem kaum Positives abgewinnen. Er vermisst den direkten Austausch mit Mandanten und die Möglich­ keit, seine eigenen Ideen einbringen zu können. Manch­ mal fühlt er sich unterfordert. „Mit meinem alten Traum, Gerechtigkeit zu schaffen, hat der Job nicht viel zu tun. “ Für den frühen Morgen hat Thom jetzt ein neues Hob­ by. Früher trainierte er allein, heute macht er Kampfsport. In einem Studio, das an eine Fabrik erinnert, ballern die Teilnehmer auf harte Säcke vor ihnen ein, drei Minuten am Stück, so doll sie können, das Ganze viermal hintereinan­ der. Dann kommen Kicks dazu, 40 Wiederholungen, zwi­ schendurch 20 Klimmzüge, so geht das eineinhalb Stun­ den ohne Pause weiter, der Schweiß tropft, der Schmerz legt Grimassen in die Gesichter, Thom macht trotzdem weiter, immer das Brüllen des Trainers im Ohr und den Ge­ danken im Kopf, ob es so vielleicht beim Militär zugeht, wo Thom nie gewesen ist. Das neue Training mag er, weil er danach endlich „komplett durch“ sei. Es fällt ihm dann leichter, doch mal eine halbe Stunde still zu sitzen. Auf die Gedanken hat das Training leider nicht densel­ ben Effekt. Lebendig bleibt Thoms Panik, dass er das viel beschworene Glück im Job möglicherweise niemals finden wird. Dass er, sollte er eines Tages doch noch Richter oder Staatsanwalt werden, dann immer noch das Gefühl ver­ missen könnte, etwas Sinnvolles zu tun. Kurz vor Toms 30. Geburtstag ist sein Gehalt fast sechs­ stellig. Das Gute am Geld: Der Betrag lässt sich Stück für Stück steigern. Sinn dagegen sieht man in seinem Tun – oder nicht. Wenn Thom, wie an diesem Abend, niederge­ schlagen ist, versucht er einen Scherz: Sollte ihm alles an­ dere keine Freude machen, könnte er irgendwann das Müslibacken zu seinem Beruf machen, sagt er. Ein Bekann­ ter gab kürzlich die erste Bestellung auf. Die Antwort auf die große Frage, wofür man arbeitet – Thom schließt auch die Möglichkeit nicht aus, sie statt im Wust der Paragrafen eines Tages in einer Tüte Paranüsse zu finden.


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

K R E AT I V W I R T S C H A F T IM SÜDWESTEN AUGUST 2016 Über Marken

Über Talente

Erfolgreiche Werbung müsse nicht kreativ sein, sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Und: Kreativität lasse sich nicht erzwingen.

Unternehmen wie Nike oder Google haben es geschafft: Ihr Logo steht stellvertretend für die Identität des Unternehmens.

Egal ob Design, Film, Medien oder Musik – in BadenWürttemberg gibt es einige renommierte Hochschulen für kreativen Nachwuchs.

Seite 24

Seite 25

Seite 26

Unterschätzte Branche Der Kreativbereich in der Region Stuttgart ist sehr vielfältig

design Europe GmbH in Herrenberg. Das Unternehmen, das nun seit Jahrzehnten in Amerika seinen Sitz hat, hat maßgeblich am Erscheinungsbild von Apples Macintosh mitgewirkt. Die Kreativwirtschaft ist vielfältig und reicht von der Kunst über die Werbung bis hin zum Bereich darstellende Künste. Nach Angaben der Wirtschaftsförderung werden hier in der Region Stuttgart rund 10 000 Unternehmen gezählt mit etwa 60 000 Beschäftigten. Alle Beteiligten zusammen machen einen jährlichen Umsatz von rund sieben Milliarden Euro. Beispiel Verla-

ge: In der deutschen Medienlandschaft hat do Wolf. Da hagelte es vor allem partei- tigsten TV-Preis der Welt („Emmy“) für SpeStuttgart mit rund 400 Verlagen traditionell intern Kritik an dem Konzept. zialeffekte der Stuttgarter Firmen Mackeseinen Platz als Standort für Fachbücher, Daneben sind auch die großen und be- vision und Pixomondo für die internationaFachzeitschriften und wissenschaftliche kannten Namen der Branche hier im Süd- le Fernsehserie „Game Publikationen. Konzerne wie die Ernst Klett westen vertreten. So die Agentur Zum golde- of Thrones“. Hinzu AGENTUR AG, die Verlagsgruppe Georg von Holtz- nen Hirschen. Sie ist beispielsweise für die kommen Oscar-PrämieGAMIFICATION ANIMATION brinck und die Motor Presse Stuttgart haben Landesregierung tätig. Am Neckar gibt es rungen in den verhier ihren Sitz. Wenn man die kleinen Verla- gleichsam einen Ableger von Jung von Matt. gangenen Jahren von RAUMKONZEPT ge noch hinzuzählt, kommt man auf die Dort wird beispielsweise der drittgrößte Filmen, deren visuelle stattliche Anzahl von 700. Für publizistische Energieversorger, die EnBW, betreut, ebenso Effekte unter maßgebVielfalt sorgen in der der Finanzkonzern licher Beteiligung von RUNDFUNK baden-württembergiWüstenrot & Württem- Unternehmen aus der 60 000 BESCHÄFTIGTE, schen Landeshauptbergische. Region zustande ge10 000 UNTERNEHMEN stadt die SüdwestdeutEinen großen An- kommen sind, etwa „Hugo Cabret“, „Grand sche Medienholding teil an der Branche hat Budapest Hotel“ oder in diesem Jahr „Bridge mit der Stuttgarter Zeitung und den Stutt- auch der Bereich Software- und Spiele- of Spies“. garter Nachrichten sowie der Südwestrund- industrie. Der Bereich macht mehr als ein Die Animationsbranche ist zugleich funk. Die zuletzt genannte Einrichtung ist Drittel der Beschäftigten aus, wie Haug be- auch Katalysator für andere Medienbereidie zweitgrößte öf- richtet. Ein unabhängiges Spiele-Studio mit che, wie beispielsweise für die Entwicklung fentlich-rechtliche Animationsfokus ist den Angaben zufolge von den in der Fachsprache als Serious Anstalt im bundes- Chasing Carrots. Es ist unter anderem durch Games bezeichneten Spielen für den Lernweiten Verbund sein aktuelles Spiel „Cosmonautica“ be- bereich, für die anwendungsorientierte Forder ARD. kannt, zudem basteln die Macher gerade am schung im Gesundheitsbereich oder für Die reichhal- Nachfolger ihres Autorennspiels „Pressure“ neue Formen der Werbung. Die Sparte visutige Medien- mit Namen „Pressure Overdrive“. Das Fizbin elle Effekte ist nach Angaben des badenl a n d s c h a f t ist Gewinner des deutschen Computerspiel- württembergischen Wissenschaftsministemacht Stutt- preises für „The Inner World“. Die jungen riums eine der am schnellsten wachsenden gart zudem zu Leute machen aber auch sogenannte Local und technisch innovativsten Postprodukeinem attrakti- Serious Games für Museen. Pixelcloud, tionsleistungen im audiovisuellen Sektor. ven Umfeld für eigentlich eine Kreativagentur, jedoch mit Mit Animationen und visuellen Effekten eine Vielzahl einem Fokus auf Gamification – also der Ver- wird in der Region Stuttgart rund ein Viertel von Dienstleis- knüpfung von Spiel und Information – hat des in Deutschland in diesem Bereich getern der Kom- beispielsweise das Spiel machten Branchenumm u n i k a t i o n s - „Five Minutes“ für die satzes erzielt. INTERNATIONALE branche. Der Me- Uhrenmarke G-Shock Und schließlich BEDEUTUNG d i e n n a c h w u c h s konzipiert. Ein kleines, sollte man nicht verfindet in der Hoch- aber feines Entwicklergessen, dass in der Reschule der Medien, studio aus dem Filmakademie-Umfeld von gion mit Milla & Partner und dem Atelier der Merz Akademie, Ludwigsburg ist Navel. Es hatte einen ersten Brückner auch zwei namhafte Anbieter der Filmakademie Ba- Erfolg mit „Globosome“ und arbeitet derzeit unter anderem für die Erstellung von Raumden-Württemberg in an dem Mobile Game „Mimics“. konzepten ihren Sitz haben. Milla & Partner Ludwigsburg sowie in Auch der Bereich Trickfilm und Anima- ist beispielsweise durch die Konzeption von weiteren Einrichtungen tion ist im Großraum Stuttgart gut vertre- mehreren deutschen Pavillons auf Welthervorragende Ausbil- ten. So gab es in den vergangenen Jahren ausstellungen einem breiteren Publikum dungsmöglichkeiten. mehrfach Auszeichnungen mit dem wich- bekannt geworden. Oliver Schmale

VERLAG

WERBUNG PRODUKTDESIGN TRICKFILM

Zu den klassischen Kreativen zählen aber auch die Werber. Eine der größten inhabergeführten Werbeagenturen in Süddeutschland ist Panama. Das Unternehmen betreut zum Beispiel den Reinigungsmaschinenbauer Kärcher oder die Stuttgarter Brauerei Dinkelacker. Für Letztere hat Panama neben der Gestaltung klassischer Werbeplakate auch die neuen Etiketten auf den Glasflaschen entworfen. Im Bereich der Politik vermarkteten sie zuletzt den gescheiterten baden-württembergischen CDU-Spitzenkandidaten Gui-

Foto: fotogestoeber/Fotolia

A

utoindustrie, Maschinenbau oder auch Elektrotechnik – das sind Branchen, die einem auf Anhieb einfallen, wenn man über den Großraum Stuttgart spricht. Darauf sei die Wahrnehmung von außen konzentriert, so Veit Haug, Leiter des Geschäftsbereichs Kreativwirtschaft bei der Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart. Dass sich diese Wahrnehmung der Menschen ändert, dafür ist der 49-Jährige mit seinen Mitarbeitern zuständig. Um die Bedeutung des Bereichs plastisch darzustellen, greift Veit Haug wahllos ein Beispiel heraus – das der breiten Masse sicherlich nicht so bekannt ist. Es geht um das Thema Produktdesign. So stammt hier aus dem Umland Hartmut Esslinger. Er ist Gründer und war langjähriger Geschäftsführer der frog

Foto: Jaroslav Machacek/Fotolia

Übers Werben


24

KREATIVWIRTSCHAFT IM SÜDWESTEN

August 2016

Erfolgreiche Werbung sei nicht zwingend kreativ, sagt Bernhard Pörksen. Wenn es aber um öffentliche Aufmerksamkeit gehe, löse kreative Werbung ein Maximum an Aufsehen aus.

Fotos: Wilhelm Mierendorf

Dichten in der Zwangsjacke Wie der Medienexperte Bernhard Pörksen über Kreativität und Werbung urteilt Herr Pörksen, ist die lila Kuh kreativ? Als Werbesymbol ist sie der Akt eines kreativen Einfalls. Sie ist bekannt, sie wird auf originelle Weise variiert. Dadurch hat man eine ganze Sammlung von Bildern von Schokolade, von Süßigkeiten im Kopf. Ich würde sagen, es ist eine milde Form der Kreativität, weil es neu war, eine Kuh so zu betrachten, und das wiederum für eine Agentur nützlich war, damit Reklame zu machen. Wie würden Sie Kreativität definieren? Für mich ist es überzeugende, nachhaltig wirksame Originalität. Etwas, was wir als kreativ bezeichnen, ist immer bis zu einem gewissen Grad neu oder es verändert das Eingeführte so, dass wir zwar die Grundlage – in Ihrem Beispiel die Kuh – immer noch erkennen, sie jedoch variiert wird.

AUFMERKSAMKEIT FÜHREN

LANGEWEILE

TABUBRUCH RITUALE FREIHEIT SCHEITERN

KUNST

Wie viel Kreativität braucht Werbung? Die erfolgreichste WerOFFENE RÄUME bung ist nicht notwendigerweise die kreativste. Wenn sie nur verkaufen will, kann es ausreichen, banal über ein Produkt zu sprechen. Wenn es um öffentliche Aufmerksamkeit geht, dann sehen wir, dass eigentlich die kreativen Werbestücke, bei der womöglich das Produkt hinter der Geschichte verschwindet, maximales Aufsehen auslöst. Haben Sie Beispiele? Denken sie an die Edeka-Werbung mit dem alten Mann, der seine Familie zur Weihnachtsfeier mit einer Todesanzeige lockt, weil er Weihnachten nicht allein verbringen

will. Da ist die eigentliche Marke, Edeka, vollkommen zugunsten einer kreativen Inszenierung verschwunden. Kann man Kreativität lernen? Wir können sehr viel tun, sei es als Unternehmer oder als Führungskraft, um Kreativität entstehen zu lassen. Misstrauen, das Verbreiten von Angst, das permanente Kontrollbedürfnis, ein absurder Leistungsdruck, all dies kann Kreativität zerstören. Hingegen Vertrauen in den Wert dessen, was der andere sagt, die Einladung zum Dialog, die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, sich Zeit zu nehmen, einen Umweg zu wagen, nicht ausschließlich ergebnisfixiert zu sein: Alles das sind notwendige Vorbedingungen des kreativen Prozesses. Der Prozess selbst ist eine Mischung aus Kontrolle und Loslassen, aus Transpiration und Inspiration, aus Disziplin und Disziplinlosigkeit. Lässt sich Kreativität auf Befehl verordnen? Nein. Es gibt sicher in der Gesellschaft eine Art Kreativismus, also eine Ideologie der Kreativität, die besagt, dass wir alle permanent kreativ zu sein haben, am besten auf Knopfdruck. Aber das funktioniert nicht. Was man tun kann, ist, offene Räume, feste Zeiten und Rituale zu schaffen. Immer verbunden mit der Möglichkeit, auch ein Scheitern zuzulassen. Nur wer dazu bereit ist, kann kreativ sein.

Fahrt kommen. Natürlich muss eine Führungskraft irgendwann Grenzen ziehen und Ergebnisse einfordern, aber ohne ständig auf die Stechuhr zu blicken. Ist es richtig, dass Kreativität nicht bei jedem gleich wirkt? Unbedingt. Viele Werber können leidend berichten, wie ein Auftraggeber übervorsichtig wird und eine vielleicht ausgeflippte, aber tolle Idee auf dem Weg in die Öffentlichkeit abschießt. Dabei kann kreative Werbung durchaus zur kurzfristigen Irritation führen, ein intellektuelles oder emotionales Schockerlebnis auslösen. Angelsächsische Werbung ist lustig, deutsche dagegen oft dröge: Woran liegt das? Im Angelsächsischen wird die Kunst des Storytelling mit einer ganz anderen Raffinesse und Genialität gepflegt. Die Werbung, die uns wirklich packt, die uns berührt, die uns umtreibt und die wir nicht vergessen, enthält im Kern immer eine emotional berührende archetypische Geschichte. In Deutschland herrscht große Angst vor einer auch nur leisesten Tabuverletzung. Man will geliebt werden und es allen recht machen. Diese Haltung ist der Tod kreativer Werbung.

Braucht Kreativität Führung? Kreativität braucht das Paradox aus Führung und dem Angebot der Freiheit. Was wir brauchen, ist die Organisation der Selbstorganisation. Wir müssen ein Unternehmen so organisieren, dass die Leute selbst in

ZUR PERSON Bernhard Pörksen (Jahrgang 1969) ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen. Zuletzt verfasste er mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun das Buch „Kommunikation als Lebenskunst“. red

MARKENBERATUNG MARKENENTWICKLUNG CORPORATE DESIGN EMPLOYER BRANDING PRODUKTKOMMUNIKATION DIGITALE UND VERNETZTE KOMMUNIKATION VERTRIEBSUNTERSTÜTZUNG

Wie viel Abgebrühtheit verträgt ein Unternehmen, bis die Botschaft ins Gegenteil umschlägt? Es gibt eine Art Grundsatzdilemma der kreativen Form der Werbung; auf der einen Seite droht der Abgrund der Langeweile und auf der anderen Seite die maximale Tabuverletzung, die wirklich schaden kann. Da gilt es immer die Balance zu halten. Das entscheidende Kriterium ist das Image der eigenen Marke. Ob sich eine maximierte Beachtung dann auch ökonomisch niederschlägt, da bin ich aber skeptisch. Lässt sich Kreativität messen? Es gibt die unterschiedlichsten Versuche, Kreativität zu messen, Rezepte zu erfinden, eine Kreativitätstechnik schlechthin zu propagieren. Ich bin nicht davon überzeugt. Wie viele Einflüsse gibt es für die Werbung aus der Kunst? Da ist sicher gegenseitige Inspiration vorhanden. Es gibt ja die These, Werbung ist Kunst. Ich würde trotzdem einen Unterschied machen, der für mich auch nicht verhandelbar ist. Kunst ist im besten Sinne absichtslos, unterstellt sich keinem ökonomischen Primärzweck. Ganz anders die Werbung: Am Ende des Tages muss man verkaufen. Kunst kann sich den Luxus der völligen Absichtslosigkeit und der nicht marktfähigen Irritation leisten. Werbung dagegen ist ein Dichten in der Zwangsjacke des Kapitalismus und seiner Logik der Verwertung. Werden bei kreativen Prozessen nicht immer Grenzen überschritten? Ja, es werden Schemata gebrochen, Grenzen überschritten, Erwartungen enttäuscht. Deshalb muss ein guter Kreativer sehr viel wissen über die Erwartungssysteme und Genres, und es werden eingeführte Kontexte verletzt. Das Urprinzip des Kreativen ist im Grunde genommen, dass man Kontexte, die nichts miteinander zu tun haben, ineinanderschiebt. Es wird immer schillernd sein und wir werden uns nie darüber einigen, was tabuverletzend ist und was großartige Kreativität ist. Es wird immer auch ein Stück weit Spiegel unserer eigenen Position sein. Bricht Werbung heute mehr Tabus? Der Tabubruch in der Werbung, wie von Benetton in den 90er Jahren praktiziert, hat sich abgenutzt. Das würde heute nicht mehr funktionieren. Wir erleben in der geschlossenen Anstalt des Privatfernsehens jeden Tag ab halb vier den institutionalisierten Tabubruch. Mit einem simplen Tabubruch ist heute kein Erfolg mehr garantiert. Es braucht mehr Raffinesse. Ist Werbung raffinierter geworden? Ja. Sie muss es auch, da sie in einer viel stärkeren Aufmerksamkeitskonkurrenz steht. Sie ist zu einer Art Aufmerksamkeitsglücksspiel in der hochelektrischen Welt der digitalen Öffentlichkeit geworden. Was ist Ihnen aus den vergangenen Wochen in der Werbung haften geblieben? (Denkt lange nach.) Da fällt mir tatsächlich nichts ein. Und das ist eine traurige Nachricht für Werbe-Deutschland. Die Fragen stellten Reimund Abel und Ingo Dalcolmo.

Boost your Business Produktkommunikation für TRUMPF. Entwickelt von RTS Rieger Team.

BOOST

Wie führt man erfolgreich eine neue Konstruktions-Software ein, die völlig mit dem bisher Gewohnten bricht? Seit über 40 Jahren liefern wir auf diese und andere Fragen überzeugende Antworten für B2B-Unternehmen. Wir verpacken schwierige Themen in emotionale Geschichten und entwickeln plakative Umsetzungen, die Zielgruppen ansprechen. Mehr zur Produkteinführung von TRUMPF TruTops Boost erzählen wir unter trumpf.rts-riegerteam.de oder rufen Sie uns direkt an: 0711 9752-251

W I E F U N K TI O N IE R T G U T E W E R B U N G ?

Wolfgang Weber, Geschäftsführer Königsteiner Agentur GmbH, Stuttgart Gute Werbung ist grundehrlich, übertreibt nicht, geizt aber auch nicht mit dem Vorzeigbaren. Und sie ist immer da, wo die Zielgruppe ist. Mit der Message, die am besten wirkt. Qualität definiert sich

zuallererst dadurch, dass man das passende Medium findet, sonst verpufft auch die beste Kampagne ungesehen. Gute Werbung geht also auf den gewünschten Rezipienten ein, antizipiert seine Erwartungshaltung und trifft ihn direkt da, wo seine Aufmerksamkeit liegt: auf seinem Vorteil. Gute Werbung speist deshalb nicht ab, sie macht neugierig – und Appetit auf das, was dahintersteckt. Deswegen gilt es, Qualitäten ehrlich zu präsentieren, nicht zu dick aufzutragen, aber ans Limit zu gehen und dabei so authentisch wie möglich aufzutreten. Wissen, was man will und was man kann, das sind die Grundlagen für erfolgreiche Werbeaussagen. Unser Credo: mit besseren Strategien auf Gutes aufmerksam machen.


KREATIVWIRTSCHAFT IM SÜDWESTEN

August 2016

25

Schwer zu fassen Unternehmen brauchen eine dynamische visualisierte Identität

D

er „Swoosh“ – der Begriff meint rauschen oder brausen – braucht keine Worte. Seit ihn 1971 die Grafikdesign-Studentin Carolyn Davidson entwarf, steht er als Symbol für den Schuh- und Sportartikelhersteller Nike. Ein Logo, das Phil Knight, damals Besitzer der Firma Blue Ribbons Sport, entwickeln ließ für einen neuen Sportschuh. Und obschon Knight dieses visuelle Signal, das Geschwindigkeit darstellen sollte, keinesfalls gefiel, zahlte er der Studentin 35 Dollar und nutzte es für sein neues Produkt Nike, benannt nach der griechischen Siegesgöttin. Sein Problem: Er hatte damals schlicht keine Zeit für weitere Alternativen. Der Rest ist bekannt, eine Erfolgsstory begann, der Swoosh ist vom Unternehmen nicht mehr zu trennen. Das Außergewöhnliche: Der Markenkern von Nike soll nie schriftlich fixiert worden sein. Die britische Marketinglegende Paul Feldwick begründet denn auch den Erfolg der Marke weniger mit abstrakten Konzepten, sondern mit der Leidenschaft, Dynamik und Energie der Mitarbeiter und der „imaginativen Kraft visuellen Denkens“. In seinem neuesten Buch „The Anatomy of Humbug:

How to Think Differently About Advertising“ nimmt Feldwick die historischen Positionen unter die Lupe, wie Werbung und damit das Formen einer Marke funktioniert, ohne selbst eine Antwort darauf finden zu wollen. Sein Fazit: Ob Mundpropaganda, Psychoanalyse der Konsumentenmotive, Kennzahlen sammeln, Emotionen oder Erinnerungen bemühen – keine der Methoden ist falsch, aber auch keine ausreichend. „Jeder der Ansätze kann nützlich sein, wenn man ihn nicht dogmatisch als Wahrheit nimmt – sonst schränkt er ein“, so Feldwick. Damit hat der Brite gewissermaßen den Markt des Markenmachens abgezirkelt, ein in Zeiten der Digitalisierung bewegter und viel diskutierter Begriff. Nach Andreas Baetzgen, der an der Hochschule der Medien zu Marken- und Kommunikationsstrategie lehrt und über Marken in dynamischen Medienwelten forscht, steckt die Markenkommunikation in der Wirkungskrise. Vor allem klassische Formate wie Anzeigen, Kino- und TV-Spots verlören an Effizienz. Wenn jemand während eines Krimis wissen will, wer der Mörder ist, nervten Werbespots über Waschmittel oder Hautpflege. „Die meisten

W IE F U NK TIO NI E RT GU T E WER BUN G ?

MARKENKERN

KONTEXT

KOMMUNIKATION

VERHALTEN

DESIGN

WERBEBOTSCHAFT

_ film _ event _ messe _ dialog

artismedia.de

_

wachstum braucht werbung. wir unterstützen sie gerne dabei.

digital

points_of_sale

_

_

kommunikation bewegt

artismedia

Foto: purplequeue/Fotolia

Botschaft die Menschen erreicht, die sie erreichen soll, und dabei keinen Blödsinn erzählt. Puh – über das Thema könnte man Seiten schreiben, echt jetzt. Das Entscheidende aber ist ganz eindeutig die Idee. Die Basis guter Werbung ist immer eine intelligente Idee. Eine Idee, die nicht den Intellekt des Publikums beleidigt (tut Werbung viel zu oft). Eine Idee, die überrascht, Normen bricht, neu, ungewöhnlich, differenzierend wirkt. Eine gute Idee ist pure Energie, sie fesselt, macht Lust auf mehr. Woran Sie eine derartige Idee erkennen? Erstens sollte die Idee bei der Präsentation leichtes Bauchziehen auslösen und die Frage aufwerfen, ob Sie das bringen können. Zweitens kann man eine gute Idee, demnach auch gute Werbung, immer seiner Oma am Telefon erzählen.

print

Hm, wie funktioniert gute Werbung? Lassen Sie mich mal überlegen . . . also eigentlich werde ich für die Beantwortung derartiger Fragen ja bezahlt. Aber gut, zunächst mal ist sie strategisch richtig, sie ist glaubwürdig und wahr. Damit ist gesichert, dass sie mit einer relevanten

bilds oder der Produktgestaltung verbinde sich über die Zeit mit positiven – oder eben negativen – Werten. „In Zeiten der Demokratisierung der Gestaltungsmittel werden die nicht-visuellen Bestandteile einer Unternehmensidentität noch wichtiger: Werte, KomLOGO munikation und Verhalten“, so Soldan. „Inkonsequente Kommunikation und unglaubwürdiges Verhalten können eine Marke ruinieren.“ Märkte und Bedürfnisse seien so stark in Bewegung, dass auch Visualisierungen beweglich sein müssten. „Branding ist heute: Unternehmen – und Organisationen – als kommunizierende Organismen zu begreifen und umzuformen.“ Und dabei seien fast alle Teile eines Unternehmens sichtbare, hörbare, spürbare Repräsentanten der Unternehmensidentität. „Sie wirken – ob sie wollen oder nicht. Sie können nicht nicht kommunizieren, wie es Paul Watzlawick formuliert hat“, erklärt Soldan. Erfolgreiche Markenführung bedeute daher auch eine auf allen Ebenen glaubwürdig und konsistent gelebte Identität, die zu visualisieren sei. „Kommunikationsdesign wird immer mehr prozessgestaltende Disziplin, immer weniger formgebendes Handwerk.“ peix

_

Jörg Dambacher, Geschäftsführer und Gesellschafter, RTS Rieger Team Werbeagentur GmbH, Stuttgart & Düsseldorf

Werbebotschaften verpuffen, weil diese im Kontext des augenblicklichen Erlebens und Handelns unsinnig und mitunter störend sind“, so Baetzgen. Daher plädiert er für kontextbasierte Markenkommunikation, also die Botschaft systematisch am jeweiligen Zusammenhang auszurichten. Zum Beispiel hat Google Voice Search im Londoner U-Bahn-Netz jede Plakatwand nach dem Ort, an dem sie hängt, gestaltet – und zwar phonetisch. So war etwa in der Haltestelle Picadilly Circus in großen Lettern zu lesen „pihka-di-lee sur-khus“, kleiner darunter der Satz „say to get it“, also: Sprich’s aus, um die Info zu bekommen. Nach Angaben des Konzerns wurde die preisgekrönte Kampagne dreimal häufiger wiedererkannt als andere. Alle Experten sind sich freilich einig, dass eine visualisierte Identität weit mehr ist als ein Bild. „Eine Marke ist eine Geschichte und nicht nur ein Logo. Nur wer als Marke etwas Relevantes zu erzählen hat, wird erfolgreich sein“, erklärt Heinrich Paravicini, Mitinhaber von Mutabor, Agentur für ganzheitliches Markendesign in Hamburg. Und Dieter Soldan, Gründer von Soldan Kommunikation in Stuttgart, betont, dass die „oft praktizierte Konzentration auf die Visualisierung in der Kommunikation“ schon immer viel zu kurz gesprungen sei. Marken seien Gefäße, in denen Erfahrungen mit Produkten oder Dienstleistungen gespeichert würden. Die Form des Logos, Erscheinungs-


26

KREATIVWIRTSCHAFT IM SÜDWESTEN

August 2016

Mit Perspektive Hochschulen für Kreative in Baden-Württemberg

D

esign, Film und Musik sind die Aushängeschilder der baden-württembergischen Kultur- und Kreativbranche. Laut dem Datenreport 2014 der Landesregierung zählte die Branche rund 212 000 Erwerbstätige und etwa 31 000 Unternehmen, die einen Umsatz von 23,6 Milliarden Euro erwirtschaftet haben. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Aber eine Trendaussage, die die Dynamik des Marktes beschreibt: Zwischen 2009 und 2013 wurde ein durchschnittliches jährliches Umsatzwachstum verzeichnet, das mit 6,2 Prozent fast dreimal so stark war wie im Bundesdurchschnitt (2,2 Prozent). Die stärksten Umsatzzuwächse gab es im genannten Zeitraum in der Software- und Games-Industrie. 8,7 Prozent sind es in den darstellenden Künsten gewesen, 7,5 im Design und 5,5 in der Musik. Buch-, Presse- und Werbemarkt haben dagegen mit dem digital

Fo

to

:

st M.

i ud

o/

Fo

to

getriebenen Strukturwandel zu kämpfen und verzeichneten Umsatzeinbußen. Die Kreativschaffenden Baden-Württembergs haben häufig auch im Südwesten studiert. Das Angebot ist erstklassig, die Arbeitsmarktchancen sind teilweise hervorragend. Filmakademie Baden-Württemberg: Die Filmakademie in Ludwigsburg zählt weltweit zu den renommiertesten Filmschulen. Absolventen sind erfolgreiche Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren, Experten für Visual Effects, Werbefilmer und Komponisten. „Wir verfolgen von jeher das Konzept einer praxisorientierten Ausbildung, die an keinen festen Lehrkörper gekoppelt ist“, sagt Akademie-Sprecherin Fenja Schnizer. Betreut und unterrichtet werden die 450 Studieren-

lia

den von Fachleuten aus der Film- und Medienbranche, die im Arbeitsleben stehen. Es werden drei Studiengänge mit verschiedenen Schwerpunkten angeboten, die die gesamte Bandbreite aller für einen Film benötigten Bereiche abdecken: Film und Medien, Produktion sowie Filmmusik und Sounddesign. Zudem gibt es ein eigenes Animationsinstitut. Wer aufgenommen werden will, braucht neben der Hochschulzugangsberechtigung erste Praxiserfahrungen in der Film- und Medienbranche im Umfang von mindestens einem Jahr. „Die Arbeitsmarktchancen der Absolventen hängen ein bisschen von dem gewählten Studienschwerpunkt ab“, sagt Schnizer. Der überwiegende Teil habe einen guten Zugang zum Arbeitsmarkt, was mit an den sehr guten Kontakten der Akademie in der Branche liege. Das Studium schließen die Absolventen mit einem Diplom der Filmakademie BadenWürttemberg ab. Hochschule der Medien: An der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) stehen etwa 20 Studiengänge rund um Medien zur Auswahl. Das sind beispielsweise Druck- und Medientechnologie, Werbung und OnlineMedien-Management. „Fast alle unserer Studiengänge bilden für die Kreativbranche aus und das für alle Branchen, so dass die Absolventen flexibel in ihrer Arbeitsplatzwahl sind“, sagt Professor Mathias Hinkelmann, Prorektor Lehre an der HdM. Aktuell sind rund 4800 Studierende eingeschrieben, Abschlüsse sind als Bachelor und Master möglich. Zugelassen zum Bachelorstudium wird, wer die Hochschulzugangsvoraussetzung mitbringt und an einer Studienfachberatung teilgenommen hat. Für das Masterstudium ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium Voraussetzung, in einigen Studiengängen finden zudem Auswahlgespräche statt. Die Arbeitsmarktchancen der Absolventen bezeichnet Hinkelmann als „ausgezeichnet bis sehr gut“. Die Einstiegsgehälter sind branchenabhängig und liegen überwiegend zwischen 35 000 und 50 000 Euro pro Jahr. Popakademie Baden-Württemberg: Die Popakademie in Mannheim ist die einzige staatliche deutsche Hochschule für populäre

Musik. Sie hat zwei Fachbereiche. In Musikund Kreativwirtschaft werden Musikbusiness (Bachelor) sowie Music and Creative Industries (Master) angeboten. Im Fachbereich Populäre Musik sind es Popmusikdesign (Bachelor), Weltmusik (Bachelor) sowie Popular Music (Master). Aktuell sind rund 380 Studierende eingeschrieben. „Kleine Kursgrößen und die Nähe zu den Dozierenden sind Teil unseres Konzepts“, sagt Akademiesprecher Andreas Margara. Neben den üblichen Voraussetzungen für ein Studium müssen Interessenten an der Popakademie für alle Studiengänge eine Aufnahmeprüfung bestehen. Die Absolventen arbeiten als Musiker, Komponisten, Texter, Produzenten oder sind im Management der Musikwirtschaft tätig. Das Einstiegsgehalt im BusinessBereich liegt bei etwa 3000 Euro monatlich, das im künstlerischen Bereich beträgt rund 1700 Euro. Hochschule Pforzheim: An der Hochschule Pforzheim sind etwa 720 Studierende eingeschrieben in sechs Bachelorstudiengängen – Mode, Schmuck, visuelle Kommunikation, Accessoire Design, Transportation Design, Industrial Design – und in zwei Masterstudiengängen: Creative Direction und Transportation Design. Mit diesem Angebot ist die Hochschule eine der vielfältigsten Designschulen Deutschlands. Einzigartig ist die Dualität der Ausbildung: Die Studierenden aller gestalterischen Studiengänge erproben sich in den ersten Semestern in den allgemeinen Künsten und Kunstwissenschaften wie Zeichnen, Skulptur, Fotografie. So wird die Kreativität frei von wirtschaftlichen Zwängen durch disziplinübergreifende Grundlagenfächer gefördert. Wer in Pforzheim Gestaltung studieren will braucht die Hochschulzugangsberechtigung, muss eine Mappe abgeben, eine Aufnahmeprüfung bestehen und im Auswahlgespräch überzeugen. „Dem Klischee, dass ein Designstudium oft in der Arbeitslosigkeit oder im künstlerischen Prekariat mündet, entspricht die Pforzheimer Realität nicht“, sagt Sabine Laartz, Sprecherin der Hochschule. Die Absolventen arbeiten als Designer bei Automobilherstellern, in Modeunternehmen oder KommunikationsagenFILM turen. Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd: Gestaltung wird an der Hochschule Schwäbisch Gmünd als innovative Disziplin mit wissenschaftlichen, sozialen und technischen Bezügen verstanden. Eine künstlerische und kunsthandwerkliche Ausbildung findet daher nicht statt. Es werden vier Bachelorstudiengänge angeboten: Kommunikations-, Produkt- und Interaktionsgestaltung sowie Internet der Dinge – Gestaltung vernetzter Systeme. Zudem gibt es den Masterstudiengang Strategische Gestaltung. Alle Anwärter auf einen Bachelor legen eine Eignungsprüfung ab. Sie besteht aus praktischen Aufgaben und einem Auswahlgespräch. In den Studiengängen Kommunikations- und Produktgestaltung beruht das Gespräch auf einer Mappe, die zwölf bis 16 Arbeiten beinhalten muss, bei der Interaktionsgestaltung und der Gestaltung vernetzter Systeme auf einer vorab gestellten Aufgabe. „Die Arbeitsmarktchancen unserer Absolventen sind sehr gut, insbesondere die der Interaktions- und Kommunikationsgestalter mit Schwerpunkt digital“, sagt die Sprecherin der Hochschule, Carmen Fischer. Das Einstiegsgehalt für Gestalter liegt bei durchschnittlich 32 000 Euro, das von Interaktionsgestaltern noch darüber. Peter Ilg

BACHELOR

MASTER

ARBEITSMARKT DESIGN

MUSIK

GESTALTUNG

MODE

EINSTIEGSGEHÄLTER

W I E F U N K TI O N IE R T G U T E W E R B U N G ?

Olaf Kühl, Geschäftsführer, Artismedia GmbH, Stuttgart

Hinterlassen Sie Eindruck!

EMPLOYER BRANDING FÜR IHREN INDIVIDUELLEN ARBEITGEBERAUFTRITT

Das ist tatsächlich die entscheidende Frage, die uns täglich aufs Neue herausfordert. Unsere Agentur ist seit über 15 Jahren erfolgreich am Markt. Doch nie gab es fertige Rezepte, die man aus der Schublade holen konnte. Jeder Kunde, jede Aufgabe, jede Zielgruppe ist individuell. Das Einzi-

ge, was gleich bleibt, ist das Ziel, dass eine Botschaft – trennscharf definiert und richtig verpackt – die Zielgruppe möglichst direkt und in adäquater Ansprache erreichen muss. Gut funktionierende Werbung zu machen, ist jedes Mal erneut höchst anspruchsvoll. Dabei sind Budgets naturgemäß endlich – gute Ideen hingegen dürfen nie ausgehen. Da ist Kreativität gefragt – und Erfahrung. Was Unternehmen in der Werbe- und Kommunikationsbranche in diesem Zusammenhang extrem herausfordert, sind die immer wieder neuen Kanäle, mit denen die Menschen gezielt erreicht werden können. Was am Ende des Tages aber wirklich zählt, ist der gute, alte rote Faden, der den Sender einer Botschaft mit dem Empfänger verbindet und umgekehrt.

Jedes Unternehmen ist einzigartig. Genauso wie die Menschen, die es bewegen. Wir unterstützen unsere Kunden dabei, die richtigen Mitarbeiter zu gewinnen: durch individuelle Employer-BrandingKonzepte für ein ganzheitliches Recruiting. Bauen Sie Ihre Arbeitswelt zur Arbeitgebermarke aus – und hinterlassen Sie bei potenziellen Mitarbeitern einen bleibenden Eindruck! www.koenigsteiner-agentur.de

IMPRESSUM Redaktion:

STZW Sonderthemen I. Dalcolmo, M. Vogel

Produktion:

Pressehaus Infotechnik

Titelfoto:

Fotolia

Anzeigenverkaufsleitung:

Marc Becker Telefon 07 11 / 72 05 - 16 03

Anzeigen:

Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH Telefon 07 11 / 72 05 - 16 03 Telefax 07 11 / 72 05 - 16 14 svanzeigen@stzw.zgs.de

Druck:

Pressehaus Stuttgart Druck GmbH


BEENKER & KOLLEGEN

Verbinden Sie die reale mit der digitalen Welt.

Mit Augmented Reality (AR) wird Print zum interaktiven Medium. Ob Anzeige, Flyer oder Buch: Auf dem Smartphone oder Tablet lassen sich per App Videos, Voice-Clips oder zusätzliche Texte und Bilder in die LiveAnsicht einblenden. Überraschende Einsichten, neue Blickwinkel und erweiterte Perspektiven werden intuitiv entdeckt. So schaffen Sie auf unterhaltsame Weise informativen Mehrwert und ein innovatives Markenerlebnis für die Sinne. Die WURZEL Mediengruppe schafft professionelle Lösungen für alle Medien: Ob Kunstdruck, Fotografie, Animation oder mobile Apps – wir entwickeln hochwertige Produkte nach Maß. Gedruckt, digital, interaktiv: Wir machen Medien zum Erlebnis. Wir visualisieren für Sie in virtuellen und realen Umgebungen und verknüpfen beide Welten mit Mehrwert: in 3D und 2D, als Bewegt- oder Einzelbild, online wie offline, stets mit System. Erweitern Sie mit uns Ihre medialen Möglichkeiten!

WURZEL Mediengruppe Wir machen Medien zum Erlebnis. Gedruckt | Digital | Interaktiv www.w-mg.com

Präsentieren Sie sich z. B. als „MOTOR“ des Landes Baden-Württemberg. Erstmalig verbindet das repräsentative Buch mit Augmented Reality die reale mit der digitalen Welt zum interaktiven Erlebnis. Sind Sie dabei? Der Status Verlag und WURZEL Medien stellen hier die richtungsweisenden Akteure in Kultur und Bildung, in Forschung und Entwicklung sowie in Produktion und Dienstleistung vor. www.wirtschaftsbuch-bw.de

Das neue Wirtschaftsbuch erscheint im Herbst 2016. Auflage: 7.500 Exemplare in deutscher und englischer Sprache. Vertrieb: Direktversand an Unternehmen und via Buchhandel. Inkl.: Buch, Augmented Reality App, 3 Jahre OnlinePräsenz. Seien Sie dabei: Fon 0711 / 980990-25 n.reutter@beenker.de


Anzeige

Anzeige

Fußball. Komfort. Kontakte. Nachhaltige Kundenpflege mit dem VfB L

Welchen Nutzen bringt ein VIPDauerkarten-Arrangement? Die Merkmale sind vielfältig: Kundenbindung, Neukundengewinnung, Mitarbeitermotivation, Steigerung des Bekanntheitsgrades, Emotionalisierung der Marke und vieles mehr. Durch die Einladung der Geschäftspartner in die VIP-Bereiche wird in sehr angenehmer Atmosphäre schnell eine persönliche Ebene erreicht, so verbessert sich die Kundenbindung nachhaltig. Das gilt ebenso für mögliche Incentives mit Mitarbeitern: Die besten werden an das Unternehmen gebunden, zudem steigern sich über das Werbepaket die Bekanntheit und die Emotionalisierung der eigenen Marke. Zur Neukontaktgenerierung stehen neben den Heimspielen Veranstaltungen eines Partner-Netzwerks von mehr als 500 Business Partnern zur Verfügung. Wie gestaltet sich das Spieltagserlebnis als VIP-Gast beim VfB Stuttgart in den VIP-Bereichen der Mercedes-Benz Arena? Nachdem das Auto auf einem reservierten Parkplatz in unmittelbarer Nähe abgestellt wurde, geht es auf kurzem Weg über den roten Teppich in die VIP-Bereiche. Empfangen von charmanten Hostessen, erwartet die Gäste ein reichhaltig gedecktes Büfett mit kulinarischen Köstlichkeiten und umfangreicher Getränkekarte. Alles das genießen die Gäste am eigens reservierten Tisch oder in einer separaten Business Loge, bevor das Spiel auf gepolsterten und teils beheizbaren Tribünenplätzen mit bester Sicht verfolgt wird. Bei einem gemeinsamen Glas Wein, Sekt oder einem Cocktail lauscht man danach den Spieler- und Trainer-Interviews im VIP-Bereich, bevor der Abend bei Livemusik ausklingt. Welche verschiedenen VIP-Bereiche gibt es in der Mercedes-Benz Arena? Drei verschiedene VIP-Bereiche mit einer Gesamtkapazität von bis zu 3500 Gästen pro Spiel sind verfügbar. Der prominenteste Bereich der Arena, das MercedesBenz Business Center, bildet das Herzstück der Haupttribüne. Vier Ebenen mit über 5500 Quadratmetern, 45 Logen und 2000 Business Seats bilden eine ausgezeichnete Kommunikationsplattform. Jede der Business Logen zeichnet sich durch eine vollverglaste Front in Richtung Spielfeld aus und steht den Gästen bei einer Saisonbuchung auch unter der Woche für Tagungen zur Verfügung. Worin unterscheiden sich die weiteren VIP-Bereiche der Arena? Selbiges gilt auch für die Logen der WÜRTH Soccer Lounge, dem VIP-Bereich der Untertürkheimer Kurve. Zudem darf

Kommunikation ist alles – auch und gerade im Fußball. Denn Fußball ist eben nicht nur Sport. Fußball ist mehr. Einladungen in VIP-Bereiche sind daher elementarer Bestandteil der Kommunikationsstrategie vieler Firmen. Der VfB Stuttgart bietet in seinen VIP-Bereichen das perfekte Umfeld zur Kundenbindung und Kontaktanbahnung. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu den Business Arrangements.

Komfortable Plätze mit bestem Blick: die Business Logen im Mercedes-Benz Business Center

man sich als VIP-Dauerkarteninhaber dieses Bereichs schon heute auch auf die wunderschöne Außenterrasse mit Blick auf das VfB Clubgelände, das MercedesBenz Museum und die Weinberge Untertürkheims freuen. Letztere hat man auch aus der KÄRCHER Field Lounge (VIP-Bereich der KÄRCHER Tribüne) im Blick. Doch nicht nur diese – große Glasfronten ermöglichen als Business Seat Gast aus dem Innenbereich auch den direkten Blick auf das heilige Grün. Letztgenannter Bereich steht in der Saison 16/17 nur bei Abnahme größerer Tageskartenkontingente, etwa im Rahmen einer Firmenfeier, zur Verfügung. Welche Leistungen sind bei Buchung eines VIP-Dauerkarten-Arrangements neben dem Spieltag noch enthalten? Als Business Partner des VfB Stuttgart kann das Business Netzwerk nicht nur am Spieltag, sondern auch im Rahmen von exklusiven Business Partner Events erweitert werden. Ob beim VfB Golf Cup,

dem VfB Neujahrsempfang oder bei weiß-roten Business Events – hier treffen sich Entscheider aus einem der finanzkräftigsten Wirtschaftsräume Europas. Zu den Arrangements gehört auch ein umfangreiches Werbepaket, das zur Bekanntheitssteigerung beiträgt und die steuerliche Absetzbarkeit verbessert. Abgerundet wird die Partnerschaft mit dem Nutzungsrecht am Label „Business Partner des VfB Stuttgart“ im Rahmen der Unternehmenskommunikation. Wie viel kostet ein VIP-DauerkartenArrangement pro Saison und ist es auch möglich, für einzelne Spiele VIPTickets zu erwerben? Die Konditionen eines VIP-DauerkartenArrangements sind stark abhängig von der Anzahl an gebuchten Plätzen, dem gewählten VIP-Bereich und der Wahl zwischen einer eigenen, separaten Business Loge oder Business Seats in einem größeren Lounge-Bereich mit weiteren Gästen. Dadurch ergibt sich eine Preisspanne von

2550 Euro netto bis zu 6690 Euro netto pro Saison und Platz. Es ist auch möglich, bei einzelnen Spielen VIP-Luft zu schnuppern. Tageskarten sind ab 175 Euro netto zu erwerben. Egal ob für die ganze Saison oder für einzelne Spiele – die Buchung ist nicht an eine bestimmte abzunehmende Anzahl von Tickets gekoppelt, sondern flexibel und frei wählbar. Beeinflusst das Thema Compliance die Hospitality-Möglichkeiten? Natürlich sind die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen bei Einladungen zu beachten. Allerdings muss hier klar zum Ausdruck gebracht werden, dass die rechtlichen Vorgaben deutlich mehr Spielraum gewähren, als teils fälschlicherweise angenommen wird. Eine angemessene und transparente Einladungspraxis als Ausdruck einer besonderen Beziehung gehört zu den anerkannten und auch rechtlich problemlosen Vorgängen in unserem Geschäfts- und Gesellschaftsleben.

Foto: Maks Richter

Wie kann man Business Partner des VfB Stuttgart werden? Mit Buchung einer VIP-Dauerkarte wird man Business Partner des VfB Stuttgart. Im gemeinsamen Austausch mit den Mitarbeitern der VfB Stuttgart Marketing GmbH sucht sich ein Gast die geeigneten Business Logen oder Business Seat Plätze aus und entwickelt so sein maßgeschneidertes VIP-Dauerkarten-Arrangement.

INFO Kontakt zum VfB Marketing VfB Stuttgart Marketing GmbH Carl Benz Center Mercedesstraße 73 B 70372 Stuttgart Telefon: 07 11 / 55 00 72 50 Telefax: 07 11 / 55 00 72 51 marketing@vfb-stuttgart.de

Starkes und treues Partnernetzwerk In schwierigen Zeiten zeigt sich, wie stark die Bindung einer Beziehung wirklich ist. Hält man zusammen oder zerbricht man an den aktuellen Problemen?

letzten Wochen und Monate haben gezeigt: Der VfB Stuttgart kann sich auf seine Partner und die Stärke des Netzwerks verlassen. Nur ein einziger Partner der Sponsorenpyramide, von Service-Partner-Ebene bis zum Hauptsponsor, kehrt

dem VfB den Rücken. Viele bleiben sogar zu unveränderten Konditionen an der Seite des Vereins. Bernd Herrmann, Mitglied der Konzernführung der WÜRTH Gruppe, begründet dies mit der Überzeugung, „dass der VfB stärker zurück-

L

Auch wenn man von den starken Beziehungen zu seinen Partnern überzeugt war, hat man sich diese Frage in den letzten Wochen auch beim VfB Stuttgart gestellt: Wer folgt dem Aufruf „Steig in den Ring!“ und bleibt uns treu? Denn auch der Club mit dem roten Brustring durchlebt momentan sicher keine einfache, sondern die wohl schwerste Zeit der Vereinsgeschichte. Bleiben die Sponsoren und Business Partner mit an Bord und stärken dem Club beim schmerzlichen Gang in die zweite Liga den Rücken, um den schnellstmöglichen Wiederaufstieg zu unterstützen? Oder bricht die Sponsorenpyramide in sich zusammen? Die

Bei einem Glas Kessler Sekt wird an den Bars in eine dunkelrote Zukunft geblickt. Foto: Maks Richter

kehrt und wieder eine gute Rolle in der Fußball-Bundesliga spielen wird“. Marion Caspers-Merk, Geschäftsführerin der Staatlichen Toto-Lotto GmbH BadenWürttemberg, meint: „Die Region braucht einfach einen starken VfB.“ Diesen Rückhalt spürt der Verein auch bei den Dauerkarteninhabern sowie den Business Logen und Business Seat Partnern. Wenngleich direkt nach dem Feststehen des Abstiegs viele, teils emotionale Unmutsäußerungen eintrafen, sprechen etwa 24 000 verkaufte Dauerkarten und eine Hospitality-Auslastung von fast 80 Prozent eine mehr als deutliche Sprache. Gerade im Hospitality-Bereich gibt es dafür rationale Gründe, denn die Annehmlichkeiten und der Komfort der VIP-Bereiche bleiben genauso unverändert wie die möglichen Kontakte vor Ort. Das Partner-Netzwerk des VfB lebt also. Es ist stark und zeigt Rückgrat. Denn gerade jetzt heißt es zusammenstehen und gemeinsam „in den Ring zu steigen“. red

Die Heimspiele des VfB Stuttgart in der Mercedes-Benz Arena sind Emotionen pur. Foto: Pressefoto Baumann

Wirtschaft in Baden-Württemberg  
Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you