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Wirtschaft tschaftt in Baden-Württemberg

Ausgabe 3 | 2017

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Finanzplatz Baden-Württemberg Die Verflechtung mit der Realwirtschaft, die Vernetzung der Akteure und die Vielfalt der Institute zahlen sich aus. SEITE 1–8

Wirtschaft & Erfolg Diskretion und Doktortitel – worauf Firmen achten bei der Besetzung von Managementposten. SEITE 12

Wirtschaft & Debatte

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Ist die Energiepolitik eine Chance für den Mittelstand oder vor allem Spielfeld für Lobbyisten? SEITE 17–18

Ein vielseitiger Marktplatz Baden-Württemberg ist ein wichtiger Standort für Banken, Versicherungen, Bausparkassen und Anleger. Das Land weist dabei einige Besonderheiten auf und zeichnet sich durch seine enge Verbindung zur starken Realwirtschaft im Südwesten aus. Von Gerhard Bläske

Finanzbranche

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er Finanzplatz Baden-Württemberg wird im übrigen Deutschland oft belächelt und unterschätzt. Dahinter stecken oft Unkenntnis und Überheblichkeit. Das liegt auch daran, dass im Südwesten nicht allzu viel Aufhebens von dieser Stärke gemacht wird. Dabei kann das Land eine ganze Reihe von Finanzinstituten aufweisen, die deutschlandweit führend sind. Mit der LBBW etwa verfügt Baden-Württemberg über die größte deutsche Landesbank. Bei den Bausparkassen ist die Dominanz geradezu erdrückend: Mit Schwäbisch Hall, Wüstenrot und der LBS Südwest kommen die drei größten Institute dieser Art aus dem Südwesten. Die in Stuttgart beheimatete Allianz Leben ist die größte Lebensversicherung Deutschlands, die SV Sparkassenversicherung gehört zu den größten öffentlichen Versicherern und die L-Bank ist bundesweit eine der bedeutendsten Förderbanken. Die Börse Stuttgart schließlich ist der zweitgrößte deutsche Handelsplatz. Sie ist die führende deutsche Privatanlegerbörse sowie die größte Plattform für den börsennotierten Handel mit verbrieften Derivaten in Europa.

Doch Baden-Württemberg weist nicht nur einige große Finanzinstitute auf, sondern auch viele kleine Akteure – Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken, Privatbanken, Versicherungen und weitere Förderinstitute wie die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg und die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft (MBG). Eine Besonderheit im Land ist auch die enge Verknüpfung mit der sehr stark exportorientierten Realwirtschaft. Auch da werden viele Finanzexperten beschäftigt. In vielerlei formellen oder informellen Netzwerken sowie bei regelmäßigen Veranstaltungen wie der Finanzwoche Stuttgart, den Fintech-Days oder dem alljährlichen Börsenempfang kommen die verschiedenen Akteure immer wieder zusammen und tauschen sich aus. In diesem Zusammenhang spielt auch die Universität Hohenheim mit ihrem Lehrstuhl für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen eine wichtige Rolle. Lehrstuhlinhaber Hans-Peter Burghof begleitet die Entwicklung nicht nur wissenschaftlich. Er spielt auch eine zentrale Rolle in dem Netzwerk.

Ein weiteres Spezifikum des Finanzstandorts ist, dass einige Unternehmen sogar eigene Banken haben. Die größte davon ist die Mercedes-Benz Bank, eine der größten Autobanken Deutschlands. Doch auch der Baden-Badener Finanzdienstleister Grenke und der Ditzinger Maschinenbauer Trumpf sind mit eigenen Finanzinstituten unterwegs. Die Beispiele zeigen: BadenWürttemberg ist ein sehr vielseitiger Finanzplatz, der auf vielen starken Beinen steht. Das sorgt für eine gewisse Krisenresistenz. Allerdings gilt diese Aussage nur mit Einschränkungen. Denn auch die Sparkassen und Banken sowie Versicherungen und Bausparkassen sind nicht immun gegenüber den makroökonomischen Rahmenbedingungen. Sie leiden sehr unter der anhaltenden Niedrigzinsphase und der zunehmenden Regulierungsdichte. Gleichzeitig müssen sie hohe Summen für die Digitalisierung aufbringen. Das hat zur Folge, dass vor allem auf dem flachen Land immer mehr Geschäftsstellen geschlossen und Mitarbeiter abgebaut werden. Es gibt also keinen Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen.

Geheimtipp Medizintechnik Der Innovationsschwerpunkt IdeenwerkBW widmet sich einer Branche, für die Baden-Württemberg ein wichtiger Standort ist, die aber dennoch gelegentlich im Windschatten der Industrie im Land steht: die Medizintechnik. Wir stellen die auf

diese Branche spezialisierten Tübinger Investoren von SHS sowie Startups aus Tuttlingen und Reutlingen vor. Ein weiteres Thema ist die Innovationsstrategie des Sägenherstellers Stihl, die inzwischen Startup-Kooperationen in vielfältiger Form einschließt und Platz für ganz neue Geschäftsmodelle schafft. In der Serie der baden-württembergischen Standortporträts geht es diesmal um Lörrach – einem Hightech-Standort im Dreiländereck mit einigen Besonderheiten. age


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Inhalt Interview

„Vielfalt schützt vor Krisen“ Professor Hans-Peter Burghof sieht Stuttgart als potenziellen Brexit-Gewinner. SEITE 3

Finanzsektor

Viele starke Beine Baden-Württemberg weist sowohl große als auch jede Menge kleine Akteure in diesem Sektor auf. SEITE 4, 5

Vernetzung

Der Brückenbauer Unter der Leitung von Ulli Spankowski will Stuttgart Financial die Akteure am Standort zusammenbringen. SEITE 8

Fitness

Sportlich, fit – Führungskraft Führungskräfte achten mehr als andere auf ihre Gesundheit und halten sich bewusst in Form. SEITE 9

Uni-Abschlüsse

Die hohe Kunst des Datenlesens Der Ulmer Studiengang Business Analytics ist vor allem bei Studenten aus den Management-Etagen gefragt. SEITE 10

Personalvermittlung

Blaues Blut spielt keine Rolle Headhunter Jens Siegloch beschreibt, worauf es bei der Besetzung von Führungspositionen ankommt. SEITE 12

Arbeitszeitrecht

Dringender Reformbedarf

Reinhard Klein

Rainer Neske

Der Bausparkönig

Der Platzhirsch

Seit er Mitte 2014 Chef von Schwäbisch Hall, der größten deutschen Bausparkasse, wurde, weht Reinhard Klein scharfer Wind entgegen. Angesichts der Niedrigzinsen musste er Kosten reduzieren, Mitarbeiter abbauen und teure Altverträge kündigen. Das sorgte für viele negative Schlagzeilen. Zudem brach der Gewinn 2016 wegen Sonderrückstellungen auf die Hälfte ein. Bausparen ist derzeit nicht gerade populär. Jede Bank bietet günstige Immobiliendarlehen und die wenigsten Kunden wollen heute warten, bis ihr Vertrag zuteilungsreif ist. Doch den 57-jährigen Klein ficht das nicht an. Er sieht Schwäbisch Hall „gut

Die Digitalisierung führt das Arbeitszeitgesetz ad absurdum, meint Arbeitsrechtler Stefan Nägele. SEITE 13

Etikette

Jeans statt feiner Zwirn

gerüstet“ und hält Bausparen nach wie vor für sinnvoll. Damit ließen sich niedrige Zinsen sichern. Überdies sieht Klein, der im hessischen Friedberg geboren wurde, aber am Starnberger See aufwuchs, einen hohen Bedarf an Wohnraum in Deutschland. Bausparen und Baufinanzierung würden weiter gebraucht. Beruflich ist Klein gut vorbereitet auf die Herausforderungen. Nach Banklehre und BWL-Studium in München startete er seine Karriere bei der Bayerischen Vereinsbank. Bevor er 2008 als Privatkundenvorstand zur Hamburger Sparkasse ging, war er von 2002 bis 2008 schon einmal bei der genossenschaftlichen Schwäbisch Hall. bl

Die Digitalisierung verändert „mehr oder weniger alles“, sagt der neue Chef der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Als Diplom-Informatiker weiß Rainer Neske ganz besonders, wovon er spricht. Der 52Jährige, der seit November die größte deutsche Landesbank mit knapp 11 000 Mitarbeitern führt, treibt die Digitalisierung des Geldinstituts mit Schwung voran. Das werde „enorme“ Zukunftsinvestitionen erfordern, hat der Neue schon mal vorausgeschickt. Mit Neske hat die LBBW einen Generationswechsel an der Spitze eingeläutet. Der gebürtige Münsteraner hatte zuvor eine steile Karriere bei der Deutschen Bank hingelegt. 2015

ist er dort als langjähriger Privatkundenchef ausgeschieden – im Streit um die richtige Strategie. Ein Jahr später heuerte er bei der öffentlich-rechtlichen LBBW an, zunächst als einfaches Vorstandsmitglied. Wenige Monate später übernahm er den Chefposten. In Stuttgart fühle er sich „ausgesprochen wohl“, sagt Neske. Die Familie bleibt vorerst noch im Taunus, weil dort das jüngste von drei Kindern noch zur Schule geht. Nach Jahren des Gesundschrumpfens soll die Landesbank nun wieder auf Wachstum schalten – allerdings will Neske dabei mit Bedacht vorgehen. Die Anteilseigner – Sparkassen, Land und Stadt Stuttgart – werden es gern hören. sam

Die großen Strippenzieher Porträts

Krawatten bleiben im Schrank und in Firmen duzt man sich. Stilvolles Auftreten ist dennoch wichtig. SEITE 15

Die Manager an der Spitze der wichtigsten Institute in Baden-Württemberg prägen den Finanzplatz in besonderer Weise. Sie haben häufig über den Tellerrand geblickt und bringen Expertise von außerhalb des Landes ein.

Porträt

Ein Mann mit Ecken und Kanten Heideldruck-Chef Rainer Hundsdörfer will den angeschlagenen Konzern wieder auf Kurs bringen. SEITE 16

Fotos: Bartsch, Getty, Lg/Kovalenko (2), Zweygarth

Energiewende

Neue Chancen oder Irrweg? Zwei Beiträge beleuchten die Frage und kommen zu unterschiedlichen Schlüssen. SEITE 17, 18

Lörrach

Hightech-Dreiländereck Die Grenzstadt konzentriert sich als Startup-Standort auf Life Sciences und profitiert von der Nähe zu Basel. SEITE 19 Michael Völter

Marika Lulay

Axel Nawrath

Der Börsianer

Die Visionärin

Der Innovationsförderer

Dem Finanzplatz Stuttgart ist Michael Völter seit Langem verbunden. Schon sein Vater war Bankchef in Esslingen. Da lag es vermutlich nahe, dass der Sohn vor seinem Studium eine Banklehre in der Landeshauptstadt absolviert. Der promovierte Jurist startete seine Laufbahn bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen und wechselte dann zur SV Sparkassenversicherung, wo er 2006 zum Finanzvorstand berufen wurde. Seit 2015 leitet Völter die Geschicke der Börse Stuttgart, die ihr Angebot konsequent auf Privatanleger ausgerichtet hat. Der gebürtige Stuttgarter ist Italien-Fan und begeistert sich für Opern. Er liebt sportliches Fahrradfahren und wandert sehr gerne in den Bergen. An der Börse liegen dem Vater von vier Kindern besonders die Bildungsangebote am Herzen. Er möchte mehr Menschen für Aktien begeistern und sieht im neuen Schulfach Wirtschaft einen Schritt in die richtige Richtung. „Nur wer die Märkte versteht und auf sein Wissen vertraut, kann Marktschwankungen für seine Investments erfolgreich nutzen“, sagt der 54-Jährige. Mit ihren Bildungs- und Informationsangeboten will die Börse zu diesem Verständnis beitragen. sam

Marika Lulay leitet vom 1. Juni an den Stuttgarter IT-Dienstleister GFT. Das Unternehmen steht an der Schnittstelle zwischen Finanzbranche und Digitalisierung. Hier arbeitet man an den Zahlungssystemen und den Finanzdienstleistungen der Zukunft. Und aus der Sicht einer IT-Spezialistin ist es da egal, ob man die Produkte nun noch einer etablierten Bank verkauft oder einem aufstrebenden Startup. Tempo und Anpassungsfähigkeit seien in der sich rasant verändernden Branche der Schlüssel, sagt sie: „Wenn Sie etwas als relevant erkannt haben, kommt schon die nächste Welle.“ Innovationen gibt es binnen Monaten, nicht erst nach Jahren. In Deutschland, findet die 54-Jährige, werde das noch unterschätzt. Die bisherige Infrastruktur mit zahllosen Banken, Geldautomaten und einer überall akzeptierten EC-Karte sei für die Kunden sehr bequem. „In anderen Ländern ist das so nicht der Fall“, sagt sie. Hier setzten sich radikale, innovative Lösungen deshalb schneller durch. Sie als Visionärin sieht deshalb schon ein Finanzsystem voraus, in dem die bisherigen Akteure, die Banken und Zentralbanken, ja auch das Geld, eine ganz andere Rolle spielen werden als heute. age

Die Förderung von Unternehmensgründern liegt dem Chef der L-Bank, der Förderbank des Landes Baden-Württemberg, besonders am Herzen. Eine effektive Gründungsförderung, sagt Axel Nawrath, „motiviert und gibt einen Anreiz, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen“. Für Baden-Württemberg sei das wichtig, denn „die Existenzgründer von heute setzen nachhaltige Wachstumsimpulse für die Zukunft“. Die Führung der L-Bank hat Nawrath 2014 übernommen. Der gebürtige Hannoveraner, der in Karlsruhe gern mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, ist gut angekommen in Baden-Württemberg und hat hier viele Freunde. Vor seinem Engagement bei der L-Bank war der promovierte Jurist fünf Jahre Mitglied des Vorstands der staatlichen Förderbank KfW und dort für das Fördergeschäft im Inland zuständig. „Ich bin Förderbanker und möchte gar nichts anderes sein“, sagte er bei seinem Start in Baden-Württemberg. Seine Karriere begann der 63-Jährige bei der Bundesfinanzverwaltung. Weitere Stationen waren der Bundesrechnungshof, das Bundesfinanzministerium und die Deutsche Börse in Frankfurt. Nawrath sammelt moderne und junge Kunst sowie Autos. sam

Innovation

Herausforderung Medizintechnologie Wir stellen Unternehmen aus Tuttlingen und Reutlingen vor sowie einen Tübinger Investor. SEITE 20–21

Alterung

Demografie bietet Chancen Der wachsende Anteil älterer Menschen in den Industriestaaten muss uns nicht Angst machen. SEITE 23

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen „Wirtschaft in Baden-Württemberg“? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mehrfach mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Index Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Anne Guhlich Redaktion Imelda Flaig, Sabine Marquard, Andreas Geldner, Gerhard Bläske Gestaltung/Produktion Bernd Fischer, Sebastian Klöpfer, Sebastian Ruckaberle, Anna Wawra, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11 / 72 05 - 12 11 und 07 11 / 72 05 - 74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Tanja Dehner (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 16 03 E-Mail: anzeigen@wirtschaft-in-bw.de Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 0

Personen Bielmeier, Stefan Blum, Christian Brodbeck, Thomas Buescher, Arnold Burghof, Hans-Peter Butz, Andreas Danninger, Christian Dettmers, Sebastian Diehm, Curt Dietz, Ulrich Duttlinger, Michael Esser, Lukas Giegold, Sven Grospietsch, Hans-D. Haucap, Justus lHesselbarth, Tilmann Hettich, Martin

24 11 23 16 3, 5 9 16 15 9 8 8 10 24 15 18 4, 8 4

Hucko, Markus 16 Hundsdörfer, Rainer 16 Jochmann, Walter 15 Kelsch, Michaela 15 Kienbaum, Jochen 12 Klein, Reinhard 2 Krämer, Jörg 24 Leonhardt, Hubertus 20 Lulay, Marika 2 Meidert, Moritz 9 Müller, Rolf 17 Nägele, Stefan 13 Nagelsmann, Julian 16 Nawrath, Axel 2 Neske, Rainer 2, 6 Priebe, Volker 4, 5 Rubow, Reinhard 21 Schauer, Dirk 11 Schneider, Peter 4, 6

Schwarz, Stephan 10 Seiter, Mischa 10 Siegloch, Jens 12 Smolka, Ernst 16 Spang, Michael 14 Spankowski, Ulli 8 Staudenmaier, Bertram 16 Stegmaier-Hermle, K. 5 Stimpel, Christine 9 Unterrainer, Hilmar 19 Vogler, Raphael 9 Völter, Michael 2 Weißleder, Michael 23 Wesp, Ewald 5 Würth, Thorsten 23 Zahn, Wolfgang 22 Zeisl, Hans Rudolf 4 Zetsche, Dieter 12, 15 Ziegler-Jung, Marion 19

Firmen/Organisationen Allianz Leben 1, 3, 4 Balluff GmbH 5 Betzold 14 Börse Stuttgart 1, 2, 4, 8 Bosch 5, 11, 23 Bundesv. e-commerce 14 Cashlink 8 Chemcon 9 CMS Deutschland 11 Commerzbank 5, 24 Daimler 5, 12, 15, 23 Dr. Richter Heidelberger 15 DZ-Bank 24 EBM-Papst 16 EIT 20 Experconnect Deutschl. 23 GFT 2, 8

Gründerschiff 19 Heidelb. Druckmasch. 16 Heidrick & Struggles 9 Hess 16 IHK Region Stuttgart 23 Innocell 19 Kaufland 15 Kienbaum 12, 15 KoDiTex 15 Lapp 16 Leadec 16 L-Bank 2, 3 LBBW 2, 3, 4, 6 LBS Südwest 4, 6, 8 Lidl 15 Mahle 11 Max-Grundig-Klinik 9 Mercedes-Benz-Bank 1, 5 Nexacor 19

Putzmeister 16 PwC 17 Retina Implant 21 Schwäbisch Hall 1, 2, 3, 6, 8 Solar Cluster B.-W. 17 Sparkasse Worms-A.-R. 15 Stadtspark. München 15 Stepstone 15 Stihl 22 Stuttgart Financial 3, 5, 8 Südwestmetall 23 SV Sparkassenvers. 2, 4 SHS Beteiligungsgesell. 20 Sparda-Bank Baden-W. 4 Steinbeis-Hochschule 14 Universität Ulm 10 VentureZphere 8 Voith 16 Volksbank Stuttgart 4 Wüstenrot & Württ. 4, 5, 6


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

„Vielfalt schützt vor Krisen“ Professor Hans-Peter Burghof sieht Baden-Württembergs Hauptstadt aufgrund der breit gefächerten Akteure und der Verflechtung mit der Realwirtschaft in einer krisenfesten Position. Interview

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er Finanzstandort Stuttgart hat sich bundesweit Respekt verschafft. Er kann zwar nicht mit Frankfurt mithalten, doch mit ihren Versicherungen, Bausparkassen, Banken und Förderbanken sowie der Börse ist Baden-Württembergs Hauptstadt nach Ansicht von Professor Hans-Peter Burghof, Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Stuttgart-Hohenheim, ein ernst zu nehmender Akteur in der Branche und besteche auch durch weiche Faktoren.

Herr Burghof, das Finanzplätzle am Neckar wurde ja außerhalb des Landes immer wieder belächelt. Was hat sich nun nach zehn Jahren Finanzplatzinitiative Stuttgart Financial geändert? Damals wurde einem Topbanker, der von Frankfurt nach Stuttgart wechselte, schnell nachgerufen, er begebe sich aufs Abstellgleis seiner Karriere. Diese Zeiten sind vorbei. Der Standort Stuttgart hat sich bundesweit Respekt verschafft, indem er eine Finanzplatzkultur entwickelt hat, die den Austausch innerhalb der Finanzindustrie, aber auch branchenübergreifend etabliert hat. Denn es sind immer die Kommunikation und die Vernetzung zwischen den Akteuren, die einen Finanzplatz ausmachen. Zunächst verbarrikadiert man sich ja eher vor dem Wettbewerber. An „Für den Finanzplatz einem lebendigen Finanzplatz aber gelingt es, gemeinStuttgart kann sich same Interessen zu formuliedie Chance ergeben, ein, ren und zu artikulieren.

wenn auch bescheidener, Gewinner der BrexitFolgen sein zu können.“

Das heißt, man muss die Leute besser zusammenbringen? Ja, Stuttgart Financial bietet ja Professor Hans-Peter Burghof schon eine Menge an inhaltlichen Veranstaltungen, sowohl für Banken und Versicherungen als auch für Bausparkassen. Außerdem gibt es die Finanzwoche mit dem Finanzplatzgipfel und der Anlegermesse Invest – allesamt Veranstaltungen, die sich gut zum Networking eignen. Aber darüber hinaus würde ich die informellen, sozialen Treffs, die Stuttgart Financial organisiert, nicht unterschätzen. Wenn ich als Finanzexperte eines Unternehmens einen Banker oder Controller aus einem anderen Betrieb bei einem Pub-Quiz oder einem Fußballabend an der Börse kennenlerne, kann dies oft mehr dem Networking dienen als so mancher Arbeitskreis. Dennoch wird auf diese Weise der ehrgeizige, erfolgreiche Absolvent der Finanzwirtschaft, womöglich aus dem Ausland, nicht an den Finanzplatz Stuttgart gelockt. Natürlich ist Stuttgart nicht das richtige Pflaster für jeden ambitionierten Nachwuchsbanker, der den kurzfristigen Erfolg sucht. Viele von denen gehen gleich nach Frankfurt, London oder New York. Aber für einen Finanzexperten, der längerfristig plant und auch einen Ort sucht, wo es sich gut leben lässt und seine Kinder sicher aufwachsen können, ist Stuttgart und seine Region die richtige Wahl. Was zeichnet denn den hiesigen Finanzplatz in Ihren Augen besonders aus? Es ist seine Vielfalt, die den Finanzplatz Stuttgart und Baden-Württemberg charakterisiert. Wir haben hier den Sitz mehrerer Versicherungen, einschließlich den des Marktführers bei Lebensversicherungen, der Allianz Leben. Die vier im Land ansässigen Bausparkassen vereinen einen Marktanteil von bundesweit mehr als 55 Prozent auf sich, darunter der Branchenprimus Schwäbisch Hall. Baden-Württemberg stellt mit der LBBW die größte Landesbank in Deutschland und mit der L-Bank eine der größten Förderbanken in Europa. Hinzu kommt die Börse Stuttgart als Marktfüh-

rer im Handel mit verbrieften Derivaten. Diese bemerkenswerte Vielfalt bereichert nicht nur die interne Diskussion am Platz. Sie ist auch stabilisierender Faktor, der dazu beiträgt, die Finanzwirtschaft vor Krisen zu schützen. Stuttgart ist auf diese Weise innerhalb der Bundesrepublik einer der am besten diversifizierten Finanzplätze und damit in nur sehr geringem Ausmaß von einzelnen Sektoren wie beispielsweise Banken oder Versicherungen abhängig. Heißt das, die Finanzindustrie in Frankfurt ist eher krisenanfällig? Nicht unbedingt, aber in Frankfurt ist die Branche zumindest stark auf den Bankenbereich und die Börse fokussiert. Bei uns herrscht dagegen durch die Vielfalt der Institutionen ein gewisser Reichtum an Themen, so dass man voneinander lernen kann – etwa den Umgang mit der Niedrigzinsphase oder in Fragen der Regulierung. So kann es durchaus sein, dass in einem Sektor der Finanzbranche ein Problem früher wahrgenommen wird als anderswo, weil man von Vertretern eines anderen Sektors dafür sensibilisiert wurde. Und wenn die Alarmglocken früher schrillen, kann ich eben auch früher auf aufkommende Schwierigkeiten am Markt reagieren. Dies macht auch die große Bedeutung von sektorübergreifenden Netzwerken deutlich. Dennoch ist die Region Stuttgart erst recht nach außen hin stark geprägt vom Bild der Automobilindustrie und des Maschinenbaus . . . Das stimmt. Aber genau das macht ja auch wiederum den Finanzplatz stark. Schließlich benötigen all die international tätigen Firmen der Realwirtschaft im Land Finanzspezialisten – etwa für ihre Währungsabsicherung oder den globalen Zahlungsverkehr. Die Vielfalt an guten Finanzjobs am Platz Stuttgart erstreckt sich also nicht nur auf verschiedene Sektoren der Finanzbranche, sondern auch auf die Realwirtschaft. Im Übrigen sind beide, Finanz- und Realwirtschaft, auf dieselben Grundbedingungen angewiesen. Und die wären? Für beide sind die Internationalität und die kulturelle Offenheit von Baden-Württemberg von entscheidender Bedeutung für die Gewinnung von qualifizierten Mitarbeitern. Nur so stellt unsere Vielfalt auch einen Anreiz für Spezialisten aus dem Ausland dar. Finanzplätze wie Frankfurt, Paris oder Dublin bringen sich in Position, um Londoner Banken eine Heimat zu bieten, wenn diese im Zuge des Brexits einen Standort in der EU benötigen. Ist es vorstellbar, dass Stuttgart in diesem Kontext eine Rolle spielt? Es ist denkbar, dass sich Stuttgart hier als 1-b-Standort von Frankfurt ins Spiel bringt. Im Rahmen eines Gesamtkonzepts muss sich Frankfurt ja überlegen, was es alleine machen kann und was die Stadt im Netzwerk anbieten kann. Schließlich ist die Mainmetropole räumlich begrenzt, Stuttgart aber nur eine gute Stunde mit dem ICE entfernt. Das ist weniger als man von London nach Dublin benötigt. Natürlich wäre es die Frage, was für Stuttgart denn bei einem solchen Netzwerk-Konzept übrig bliebe. Ich will eine mögliche Rolle von Stuttgart auch nicht überbewerten. Aber wenn Frankfurt als größter Finanzplatz Deutschlands in großem Stil Finanzinstitute aus London anlocken will, kann die „Filialregion“ Stuttgart durchaus ein Asset sein, das im Wettbewerb mit anderen europäischen Standorten entscheidend ist. Und daraus kann sich für den Finanzplatz Stuttgart die Chance ergeben, ein, wenn auch bescheidener, Gewinner der Brexit-Folgen sein zu können. Das Gespräch führte Thomas Spengler.

STIMME DES FINANZPLATZES Netzwerker Als Hans-Peter Burghof 2003 an der Universität Hohenheim antrat, war die Reputation der Stuttgarter Finanzbranche außerhalb Baden-Württembergs eher die eines „Finanzplätzles“. Seit der umtriebige Volkswirt den Lehrstuhl für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen übernommen hat, konnte er dem Finanzplatz eine neue, akademisch geprägte Stimme verleihen. Dazu beigetragen hat sein starkes Engagement für die Initiative

Stuttgart Financial, die 2007 ins Leben gerufen wurde. Der 53-Jährige weiß, dass Community in der Branche dort stattfindet, wo Fachleute sich treffen und austauschen können. „Deshalb muss man die Leute zusammenbringen, indem man Netzwerke schafft“, so sein Credo. Medien Burghof ist auch Geschäftsführer der Stiftung Kreditwirtschaft und Mitglied des Börsenrats der Börse Stuttgart sowie gern gesehener Gast in Fernsehen und Hörfunk. Er kann komplexe Zusammenhänge der Finanzwirtschaft verständlich erklären, ohne zu simplifizieren, und er scheut nie ein klares Wort. spe

Eine wichtige Rolle für den Finanzplatz spielt die Universität Hohenheim. Wirtschaftsprofessor Hans-Peter Burghof engagiert sich sehr für das Netzwerk Stuttgart Financial. Fotos: Lichtgut/Andreas Engelhard, Baumann


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 3 | Ju

Zentrale Säule im Land

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tuttgart ist einer der wichtigsten deutschen Finanzplätze. Diese Aussage gilt besonders für das Sparkassenlager. Mit der größten deutschen Landesbank, der LBBW, der drittgrößten Bausparkasse Deutschlands, der LBS Südwest, und der SV Sparkassenversicherung haben hier mehrere Institute von nationalem Rang ihren Sitz. Dazu kommen der Deutsche Sparkassenverlag (DSV) und die 51 Sparkassen, die nicht nur für private Sparer und Darlehensnehmer, sondern vor allem für die gewerblichen Kreditnehmer in Baden-Württemberg eine zentrale Rolle spielen. die größte Doch Niedrigzinsen, Regulierungserung und Umbau ni Sa er ich re lg fo nd und der Stadt nach er wut und Aufwendungen für die DigitaliDie LBBW ist auch hland. Eigentümer ist neben dem La sc ut . sierung drücken die Erträge und zwinLandesbank in De den-Württemberg kassenverband Ba gen zu drastischen Sparmaßnahmen. Stuttgart der Spar Mit Hinweis auf die Genossenschaftsspielt auch als Lebensversicherer eine institute, die bei der Vereinheitlichung schon weiter sind, sagt Peter Schneider, Nukleus einer Konsolidierung unter wichtige Rolle. Das auf dem Stuttgarter Pragsattel thronende Institut muss sich Präsident des Sparkassenverbands Ba- den Landesbanken gehandelt. Weiter sind da die Überlegungen bei insbesondere im Lebensversicherungsden-Württemberg: „Wir können uns nicht ausruhen. Unser Hauptwett- den Landesbausparkassen (LBS). LBS bereich an die schwierigen Marktbewerber hat in allen drei Bereichen Baden-Württemberg und LBS Rhein- bedingungen anpassen und entwickelt jeweils nur ein Unternehmen und ist land-Pfalz haben sich gerade zur LBS hier viele neue Produkte. Die noch 51 Sparkassen in Badendamit schlagkräftiger und effizienter. Südwest zusammengeschlossen. Deren Chef, Tilmann Hesselbarth, bezeichnet Württemberg sind eine zentrale Stütze Der Handlungsbedarf steigt daher.“ Wie eine Trutzburg erhebt sich die Niedrigzinsen, die die Erträge mas- und Basis der Wirtschaft des Landes. siv unter Druck setzen, Sie stehen für einen Großteil der privadie LBBW-Zentrale in als „extremste Heraus- ten Einlagen im Land und vergeben Stuttgart über den Bau- „Unser Hauptwettforderung, der sich 30 Prozent der Kredite im Unternehgräben des Bahnpro- bewerber hat in allen die Bausparkassen seit menskundengeschäft. Weitere 18 Projekts Stuttgart 21 am drei Bereichen jeweils ihrer Gründung gegen- zent kommen von der LBBW und der Hauptbahnhof. Die übersehen“. Dabei ist BW-Bank (Sparkasse in Stuttgart). Sie größte deutsche Lan- nur ein Unternehmen die mit einer Bilanz- sind nah dran an den meist mittelständesbank hatte in der und ist damit summe von 17 Milliar- dischen Unternehmen im Land, die sie Finanzkrise tiefe Risse schlagkräftiger und den Euro größte der oft seit Jahrzehnten kennen. bekommen und drohte Angesichts vielfältiger Herausforacht LBS vergleichseinzustürzen. Nur eine effizienter.“ weise stabil und ge- derungen, von den Niedrigzinsen über Finanzspritze der Eig- Peter Schneider, sund. Die Bemühungen die Regulierungswut bis hin zur Konner – Sparkassen, Stadt Sparkassenpräsident um ein einheitliches kurrenz durch Fintechs und den AnforStuttgart und Land – von fünf Milliarden Euro rettete das Produktangebot, Synergien bei der derungen durch die Digitalisierung, Institut vor der Pleite. Im Gegenzug Werbung oder die allmähliche Umset- kämpfen die Institute mit großen Promussten harte Auflagen der EU erfüllt zung einer einheitlichen IT-Plattform blemen. Immer mehr Sparkassen fusiowerden, Aktivitäten veräußert, Risiko- reichen nach Ansicht von Experten auf nieren, immer mehr Geschäftsstellen aktiva verkauft und mehr als 2500 der Dauer nicht aus. „Zusammenschlüsse werden geschlossen, die Gebühren steieinst 13 500 Stellen abgebaut werden. machen Sinn“, sagt Peter Schneider. gen und manchmal werden NegativDie Bilanzsumme schrumpfte um fast „Die LBS stehen unter Druck“, fügt er zinsen verlangt. Und die Beschäftigtendie Hälfte. Nach der schmerzhaften Sa- mit Verweis auf die genossenschaftli- zahlen gehen zurück. Dennoch ist das Sparkassenlager nierung steht die LBBW, die 2008 die chen Institute, die mit Schwäbisch Hall nach wie vor ein Garant für die StabiliSachsen LB und 2005 die Landesbank nur eine Bausparkasse haben, hinzu. Die SV Sparkassenversicherung ist tät und Stärke der Wirtschaft in BadenRheinland-Pfalz geschluckt hat, wieder grundsolide da und weist eine komfor- das Ergebnis der Zusammenschlüsse Württemberg und ein zentraler Pfeiler bl. table Kernkapitalquote von 15,2 Pro- des Versicherungsangebots der Spar- des Finanzstandorts. zent auf. Die Bank, die heute ein stark kassenorganisationen von Badenkundenfokussiertes Geschäftsmodell Württemberg, Hessen, Thüringen und mit geringen Risikopositionen betreibt, Teilen von Rheinland-Pfalz im Jahr muss ein Geschäftsmodell entwickeln, 2004. Der öffentliche Versicherer gedas eine dauerhafte Ertragsbasis si- hört zu den größten deutschen Schachert. Immer wieder wird die LBBW als den- und Gebäudeversicherern und

Fusionskarussell dreht sich

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ass sich das Fusionskarussell im genossenschaftlichen Bankenbereich in den nächsten Jahren weiterdrehen wird, daran lässt Hans Rudolf Zeisl keinen Zweifel. „Wir müssen unsere Kräfte weiter bündeln“, macht der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Stuttgart klar. Es ergebe keinen Sinn, wenn Volks- und Raiffeisenbanken vor Ort als direkte Konkurrenten aufträten. Zwar stehe für sein Institut aktuell keine weitere Fusion an, „aber irgendwann in absehbarer Zeit wird es wieder so weit sein“, sagte Zeisl auf der Vertre-

Die genossenschaftliche Schwäbisch Hall ist die größte Bausparkasse Deutschlands.

terversammlung der Bank im April. Zuletzt Die Bandbreite der Volks- und Raiffhatte sein Institut, das mit einer Bilanz- eisenbanken im Land reicht von der Volkssumme von 6,5 Milliarden Euro als größte bank Stuttgart bis hin zur Raiffeisenbank Volksbank im Land gilt, mit den Genossen- Maitis im Kreis Göppingen, die mit einem schaftsbanken in Kernen, Weinstadt (beide Geschäftsvolumen von 22,4 Millionen 2016) und Korb (2015) fusioniert. Euro zu den kleinsten Banken DeutschDie Entwicklung bei der Volksbank lands zählt. Bestandteil des genossenStuttgart spiegelt einen Trend wider, der schaftlichen Finanzverbunds ist die Bausowohl für Baden-Württemberg als auch sparkasse Schwäbisch-Hall, die mit einem für den Bund repräsentativ ist. 193 Genos- eingelösten Neugeschäft von 28 Milliarden senschaftsbanken gibt es aktuell im Land. Euro (2016) einen Marktanteil von 30 ProVor zehn Jahren waren es noch 252. Wäh- zent erreicht und damit bundesweiter rend der Südwesten seit 2006 durch- Branchenprimus ist. Ebenfalls als Genosschnittlich fünf Zusenschaft organisiert sind sammenschlüsse von „Fusionen sind ein die bundesweit agierende genossenschaftlichen möglicher Weg BB Bank (Badische BeamInstituten pro Jahr von vielen, um tenbank) in Karlsruhe mit erlebt hatte, ist diese einer Bilanzsumme von Zahl 2016 auf elf ge- auf veränderte zehn Milliarden Euro stiegen – eine Grö- Rahmenbedingungen sowie die Sparda-Bank ßenordnung, die in zu reagieren.“ Baden-Württemberg in der Branche auch für Stuttgart, mit einer Bilanzdieses Jahr erwartet Roman Glaser, BWGV-Präsident summe von 13,6 Milliarden wird. Die Gründe für Euro die größte ihrer Art in das erhöhte Fusionstempo sieht man Deutschland. „Gestiegene Kosten können beim Baden-Württembergischen Ge- wir mit Effizienzsteigerungen und Kostennossenschaftsverband (BWGV) in disziplin ausgleichen“, antwortet der Vorder lang anhaltenden Niedrigzins- standsvorsitzende der Sparda-Bank, Marphase und der zunehmenden Regula- tin Hettich, auf die Frage, wie das Institut torik, die die Institute sowohl auf der auf die Herausforderungen der FinanzErtrags- als auch auf der Kostenseite branche reagiere. Das gebührenfreie Giroin die Zwickmühle nähmen. „Fusio- konto soll dabei unangetastet bleiben, sei nen sind ein möglicher Weg von es doch eine wichtige monetäre Förderung vielen, um auf veränderte Rahmen- der rund 505 000 Mitglieder, wie Hettich bedingungen zu reagieren, aber auch sagt. „Es wird daher weiterhin Kern unseKooperationen zwischen Banken res Geschäftsmodells bleiben“, so der Chef oder die zukunftsfähige Aufstellung der Sparda-Bank Baden-Württemberg, die von Instituten in Eigenregie stellen seit Ende 2016 als mitgliederstärkste Gemögliche Lösungen dar“, sagt BWGV- nossenschaftsbank Deutschlands gilt. HetPräsident Roman Glaser. Ganz im tich sieht darin keinen Grund, sich zurückSinne der genossenschaftlichen zulehnen: „Wir überlegen ständig, wie wir Selbstverwaltung müsse jede Bank noch digitaler und durch neue Dienstleisden richtigen Weg selbst finden, tungen für die Kunden noch attraktiver werden können“, so der Sparda-Chef. spe betont Glaser.

Baden-Wür Finanzsekto vielen stark

Das Land weist mehrere Akteure auf, in Deutschland spielen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl zur starken Realwirtschaft machen die Stärke des Finanz macht die Region wenig Aufheben davon, weshalb die St Diversifikation

Bedeutender

B

aden-Württemberg zählt zu den großen Versicherungsstandorten in Deutschland. Namhafte Unternehmen haben in der Landeshauptstadt Stuttgart ihre Zentrale – vom Finanzkonzern bis hin zum klassischen Lebensversicherer oder Spezialanbieter. Branchenprimus Allianz Leben hat in der Schwabenmetropole seinen Hauptsitz. Für Vorstand Volker Priebe hat der Standort folgende Bedeutung: „Der Finanzplatz Stuttgart zeichnet sich durch die Kombination von Bodenständigkeit, gut ausgebildeten Fachkräften und Innovationskraft aus.“ Die Allianz Deutschland zählt 5000 Mitarbeiter im Land, davon um die 4000 in Stuttgart. Hier haben auch der Finanzkonzern Wüstenrot & Württembergische AG, die SV Sparkassen-Versicherung, die im Lebens- und Sachversicherungsbereich bundesweit die Nummer zwei unter den öffentlichen Versicherern ist, sowie die Württembergische Gemeinde-Versicherung a. G. (WGV) ihren Sitz. Alle haben seit Jahren mit zwei Problemen zu kämpfen: Niedrigzinsphase und die verschärften Regeln der Aufsichtsbehörden in Deutschland und Europa. „Wir gehen davon aus, dass die Phase der niedrigen Zinsen nicht so bald endet. Damit gehen die langlaufenden Garantien der klassischen Lebensversicherung zulasten der Rendite“, sagt Allianz-Vorstand Priebe. Je länger die Niedrigzinsphase anhalte, desto stärker würden die Versi-

Bran ist ei

Fotos:


Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

tuttgarter Nachrichten uni 2017

Der Schattenfinanzplatz

D

rttembergs or steht auf ken Beinen

die in ihrem jeweiligen Segment eine führende Rolle von kleinen Instituten. Dies sowie die sehr enge Verbindung zplatzes aus, der als relativ krisenresistent gilt. Wie so oft Stärken dieses Standorts bundesweit kaum bekannt sind.

Versicherungsstandort Die SV Sparkassen-Versicherung ist cherungsunternehmen belastet, gibt ein öffentlich-rechtlicher Versicherer. ein WGV-Sprecher zu bedenken. Und der Sprecher des Konzerns Von 1960 bis 1994 gab es die MonopolWüstenrot & Württembergische fügt und die Pflichtversicherung in der Gehinzu: „Die Branche muss gerade in die- bäudeversicherung und in der Eleser Zeit konsequent vom Kunden her mentarschadenversicherung. Das ist denken. Sie muss einzelne Produkte auch der Grund dafür, dass heute die und ihr gesamtes Produktsortiment auf meisten Gebäudebesitzer in Badendie Zins- und Kapitalrelevanz anpas- Württemberg gegen Unwettergefahsen. Sie muss Kosten senken, ihre Kapi- ren abgesichert sind – etwa zwei Drittalanlagestrategie ändern und zusätzli- tel davon mit einem Vertrag bei der SV. che Reserven bilden.“ Eine Sprecherin Das Institut hat neben seinem Hauptder SV Sparkassen-Versicherung sagt, sitz auf dem Stuttgarter Pragsattel auch in Mannheim die zunehmende Reguund Karlsruhe Standlatorik binde immer „Der Finanzplatz orte. In Stuttgart mehr Ressourcen und zeichnet sich durch arbeiten 1260, in habe erhebliche Aus- die Kombination von Mannheim 558 und in wirkungen auf die GeKarlsruhe 158 Mitschäftspolitik der Fir- Bodenständigkeit, arbeiter im Innenmen. „Der Grat zur gut ausgebildeten dienst. Überregulierung ist Fachkräften und Der Finanzkonzern sehr schmal.“ Wüstenrot & WürtDie WGV wurde im Innovationskraft aus.“ tembergische-Gruppe Jahr 1921 in Stuttgart Volker Priebe, Allianz Leben hat im Südwesten seials Kommunalversicherung für die Städte und Gemeinden ne drei wichtigsten Standorte – Stuttim ehemaligen Land Württemberg ge- gart, Ludwigsburg/Kornwestheim und gründet. Alle Kommunen und mehr Karlsruhe. Knapp 7000 Personen sind als 60 Prozent aller im öffentlichen hier bei der ganzen W&W-Gruppe beDienst Beschäftigten in Württemberg schäftigt. Aber auch hinsichtlich der sind bei ihr versichert. Insgesamt Anteile am Versicherungsmarkt ist Bastammen noch heute etwa 80 Prozent den-Württemberg laut einem Unterder Konzernbeitragseinnahmen von nehmenssprecher für die Württem720 Millionen Euro aus dem Land. bergische besonders wichtig: Fast jeDie WGV beschäftigt bundesweit der achte Haushalt hier besitzt etwa 950 Mitarbeiter, davon 920 an mindestens ein Produkt der Württembergischen. os den Standorten in Württemberg.

nchenprimus Allianz Le ben hat seinen Hauptsi tz in der Landeshauptstad ines der Aushängeschilder t. Die Versicherung des Finanzplatzes. : dpa, Lg/Kovalenko, Piechowski, Steinert, blue

design/Adobe Stock

Ein Beispiel dafür bietet ein Mittelie Realwirtschaft in Baden-Württemberg produziert nach dem Bild von ständler wie die Firma Balluff GmbH, einer Angebot und Nachfrage nicht nur der weltweit führenden Hersteller von einen Bedarf an Finanzdienstleistungen, Sensortechnik, in Neuhausen. „Wir sind als die von Banken, Versicherungen oder Wirt- Familienunternehmen sehr global aufgeschaftsprüfern erbracht werden. Nein, die stellt“, erläutert Geschäftsführerin Katrin Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft Stegmaier-Hermle. So wickelt Balluff rund kreieren auch noch eine Nachfrage nach 16 Prozent der Zahlungseingänge der 31 hochqualifizierten Finanzexperten. „Durch ausländischen Tochtergesellschaften in die Stärke der Realwirtschaft in der Region Fremdwährungen ab. „Wir haben daher Expertise aufgebaut, um haben wir es daher mit so unser Währungsrisiko in etwas wie einem Schatten- „Es ist zu kurz den Griff zu bekommen finanzplatz bei den Unter- gesprungen, wenn und Währungsverluste nehmen der gewerblichen man beim Thema möglichst zu reduzieren“, Wirtschaft selbst zu tun“, berichtet Stegmaiersagt Professor Hans-Peter Finanzplatz Stuttgart Hermle. Damit erreicht Burghof, Inhaber des Lehr- nur an Finanzdienstdas Unternehmen eine hostuhls für Bankwirtschaft leister im eigentlichen he Kalkulationssicherheit. und FinanzdienstleistunIn der Praxis ist bei Balluff gen an der Universität Sinne denkt.“ für die WährungsabsicheStuttgart-Hohenheim. Die Professor Hans-Peter Burghof rung mit Claudia Schott dortigen Finanzabteiluneine ausgewiesene Finanzgen unterhalten bankähnliche Strukturen, für die sie natürlich auch expertin verantwortlich, die mithilfe einer jede Menge Finanzexperten benötigen. der Hausbanken des Unternehmens, der „Daher ist es zu kurz gesprungen, wenn man BW-Bank, regelmäßig Termingeschäfte beim Thema Finanzplatz Stuttgart nur an in den relevanten Fremdwährungen Finanzdienstleister im eigentlichen Sinne abschließt. Die Zahl der Finanzspezialisten geht denkt“, macht Burghof klar. Vielmehr fänden tagtäglich Geschäfte zwischen den also weit über die rund 137 000 BeschäftigAkteuren der Banken, Versicherungen oder ten hinaus, die laut einer neuen Studie von Wirtschaftsprüfer einerseits und ihren Stuttgart Financial im eigentlichen badenPendants in den Finanzabteilungen der württembergischen Finanzsektor tätig sind. Wie viele Experten für WährungsabRealwirtschaft andererseits statt. sicherung oder internationalen Zahlungsverkehr in der Realwirtschaft tatsächlich beschäftigt werden, lasse sich aber nicht beziffern, sagt Ulli Spankowski, Leiter der Finanzplatzinitiative Stuttgart Financial. Als Indikation nennt er die rund 7500 Jobs, die derzeit auf dem Karriereportal www.financial-career-bw.de zu finden sind. „Neben den offenen Jobs in der Finanzwirtschaft werden darunter jede Menge vakante Stellen bei Daimler, Bosch, Trumpf oder anderen realwirtschaftlichen Unternehmen angeboten“, sagt Spankowski. So finden sich auf dem Portal regelmäßig mehr als jeweils 100 Stellenangebote mit Bezug zur Finanzwirtschaft allein von Daimler und Bosch. Und die meisten davon hätten eines gemeinsam: Es handele sich um hochqualifizierte Arbeitsplätze. „Damit“, so Spankowski, „erweitern sich die Perspektiven, die Topleute bei uns geboten bekommen, über den eigentlichen Finanzen uch bra – rei ttle r im Bild die Sa hie – he rsc Po e sektor hinaus.“ Und das, so sein Resümee, wi ler tel g zwischen Auch Autohers ttgart ist die Verbindun Stu in e spreche wiederum für den Finanzplatz rad Ge . ten per Finanzex irtschaft sehr eng. Stuttgart als Ganzes. spe Finanzbranche und Realw

Große Vielfalt auf privater Seite

B

aden-Württemberg gehört zu den wirtschaftsstärksten Bundesländern. Hier sind zahlreiche mittelständische Firmen und namhafte DaxKonzerne zu Hause. Die Dichte der Millionäre und gut verdienender Manager ist hoch. Mit diesen Rahmenbedingungen ist Baden-Württemberg ein lukratives Geschäftsgebiet für private Kreditinstitute. „Für die privaten Banken im Land mit ihren 10 000 Beschäftigten ist es attraktiv, den Unternehmens- und Privatkunden ein verlässlicher Partner zu sein“, sagt Ewald Wesp, Geschäftsführer des baden-württembergischen Bankenverbands. Die Bandbreite der hier vertretenen Banken reicht von weltweit tätigen Großbanken über regional verankerte Banken bis hin zu lokalen Instituten mit ausgeprägter Spezialisierung. Unter den privaten Banken mit Sitz im Land ist die Mercedes-Benz Bank in Stuttgart, eine der deutschlandweit führenden Autobanken, zu nennen. Ihr Angebot rund ums Fahrzeug reicht von der Finanzierung bis zur Versicherung, im Direktbankgeschäft bietet sie Tagesund Festgeldkonto an. Die Bank beschäftigt 2000 Mitarbeiter, die Bilanzsumme erreicht 26,4 Milliarden Euro. Zu den größten unabhängigen Privatbanken im Land gehört die Südwestbank, deren Geschäftsgebiet BadenWürttemberg ist. Das mittelständische Geldhaus, das den Unternehmern Andreas und Thomas Strüngmann gehört, betreibt hier 28 Filialen und ist spezialisiert auf den Mittelstand und vermögende Privatkunden. Die Bilanzsumme liegt bei 7,4 Milliarden Euro. Die Wüstenrot Bank in Ludwigsburg ist die kleine Schwester der Wüstenrot Bausparkasse. Mit einer Bilanzsumme von 9,5 Milliarden Euro konzentriert sich die Direktbank auf das Privatkundengeschäft mit Fonds, Kreditkarten und Girokonten. Das Internationale Bankhaus Bodensee (IBB) in Friedrichshafen konzentriert sich auf Vermögende und mittelständische Unternehmenskunden. Die Bilanzsumme liegt bei 1,3 Milliarden Euro. Das

Bankhaus mit seinen 177 Mitarbeitern gehört zum Würth-Konzern. Ellwanger & Geiger ist eine kleinere Privatbank in Stuttgart. Die Geschäfte führen zwei persönlich haftende Gesellschafter. Das Bankhaus betreibt das Immobiliengeschäft und die Vermögensverwaltung. Manche traditionsreiche Häuser sind in den letzten Jahren verkauft worden. Die Schwäbische Bank gehört seit 2015 ganz zu M.M.Warburg, seit Herbst 2016 ist sie Zweigniederlassung der Hamburger Privatbank. Zu den Kernbereichen zählen die Vermögensverwaltung und die Betreuung gehobener Privatkunden. Ein kleineres Institut ist das in Stuttgart gegründete Bankhaus Bauer. Nach schwierigen Jahren und mehreren Eigentümerwechseln hat die Bank, die nun zur BB Beteiligungs GmbH in Essen gehört, ihre Nische gefunden. Neben Privat- und Firmenkunden spezialisiert sie sich auf Factoring und Leasing. Das Bilanzvolumen liegt bei 220 Millionen Euro und soll bis in fünf Jahren auf 500 Millionen Euro „Für die privaten steigen. Die Hoerner Bank in Banken ist es attraktiv, Heilbronn hat sich als Pri- den Unternehmensvatbank auf die Ermittlung und Privatkunden ein von Erben spezialisiert. Großbanken wie Deut- verlässlicher Partner sche Bank oder Commerz- zu sein.“ bank haben nicht ihren Sitz im Land, sind hier aber sehr Ewald Wesp, Bankenverband erfolgreich – sowohl im Geschäft mit Privatkunden als auch mit Firmenkunden und Vermögenden. Für sie ist Baden-Württemberg ein bedeutender Standort. Die Commerzbank hat 100 Filialen landesweit und beschäftigt 2000 Mitarbeiter, die Kunden der Deutschen Bank werden in der Region Südwest von über 1700 Mitarbeitern in 54 Filialen betreut, die Hypovereinsbank ist mit 15 Filialen vertreten. Auch wenn es landläufig heißt, hier verdient man Geld, aber man spricht nicht darüber, so lassen die zahlreichen hier vertretenen Vermögensverwalter wie die Berenberg Bank, die Bethmann Bank oder das Bankhaus Metzler auf sehr große Vermögen schließen. sam


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Institute ächzen unter Regulierung Immer neue Anforderungen führen zu einem erheblichen Mehraufwand und steigenden Kosten. Von Oliver Schmale

Belastungen

D

Ältere Menschen sind heute fitter und gesünder als früher. Das stellt die Altersvorsorge gerade angesichts der NiedFoto: Maxal Tamor/Adobe Stock rigzinsen vor ganz neue Herausforderungen.

WICHTIGE SCHRITTE ZU EINEM GEMEINSAMEN FINANZMARKT Einlagensicherung Der im Januar 2015 von der EU-Kommission vorgelegte Verordnungsentwurf zur Schaffung einer europäischen Einlagensicherung sah die stufenweise Vergemeinschaftung der Einlagensicherung in Europa bis zum Jahr 2024 vor. Die deutschen Finanzinstitute wehren sich massiv gegen eine Vergemeinschaftung von Bankrisiken anderer Länder zulasten der deutschen Sparer. Die ursprünglichen Pläne werden in dieser Form wohl nicht umgesetzt. Insbesondere die Bundesregierung lehnt zu weitreichende Pläne ab.

EU-Prospektverordnung Ziel dieser Pläne ist es, auf dem Weg zur Kapitalmarktunion voranzukommen. Durch mehr Vereinheitlichung und eine Offenlegungspflicht sollen Prospekte künftig die wesentliche Informationsquelle für potenzielle Anleger sein. Mit einer Art europäischem Pass sollen genehmigte Prospekte dann in allen EU-Ländern gelten. Die Prospektverordnung soll vermutlich 2017 in Kraft treten. Mifid 2 Anfang Januar 2018 soll die Richtlinie 2014/65/EU (Mifid 2) die bisher gültige

Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente ersetzen. Schon die erste Richtlinie dieser Art von 2007 zielte auf eine Harmonisierung der Finanzmärkte im europäischen Binnenmarkt ab. Mifid steht für Markets in Financial Instruments Directive. Mit der beim G20-Treffen 2009 in Pittsburgh beschlossenen Mifid-2-Regelung wird der Verbraucherschutz gestärkt, indem die Europäische Finanzaufsicht (ESMA) Finanzprodukte verbieten kann. Die Kosten eines Finanzprodukts müssen transparent ausgewiesen werden. bl

EINLADUNG ZUR PODIUMSDISKUSSION

Chinas Wirtschaftswachstum: zu stabil, um wahr zu sein ? 26. Juni 2017 von 17.00 bis 18.30 Uhr im Haus der Wirtschaft, Bertha-Benz-Saal, Willi-Bleicher-Str. 19, 70174 Stuttgart Es diskutieren unter der Moderation von SWR1-Hörfunkleiter Peter Heilbrunner: Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut MdL, Bosch-Chefvolkswirt Dr. Thomas Hueck, Freudenberg-Regionalrepräsentantin und AHK-Präsidentin Shanghai Bettina Schön-Behanzin, DIHK-Außenwirtschaftschef Dr. Volker Treier und ZEW-Präsident Prof. Achim Wambach, PhD. Die Teilnahme ist kostenlos. Wir freuen uns über Ihre Anmeldung bis spätestens zum 19. Juni 2017 unter www.wm.baden-wuerttemberg.de/podiumsdiskussion

MINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT, ARBEIT UND WOHNUNGSBAU

ie seit der Finanzkrise verschärften Regeln für Banken und Versicherungen treiben die Branche um – und das natürlich auch in Baden-Württemberg. Die seit Jahren anhaltende Niedrigzinsphase macht den Instituten das Leben nicht leichter. Sie müssen deshalb sparen. Denn gleichzeitig steigen die Kosten für die Regulierung stetig an. Und bald steht schon wieder ein neues Regelwerk ins Haus, das in der Branche Basel IV genannt wird. Hauptgrund dafür ist ein Streit zwischen Europäern und den USA über die Frage, in welchem Umfang Banken interne Modelle benutzen dürfen, um die Kapitalunterlegung bestimmter Geschäfte zu berechnen. „Die Regulierung führt in ohnehin herausfordernden Zeiten zu einer weiteren Belastung insbesondere mittlerer und kleinerer Banken – finanziell und vom personellen Aufwand her“, sagt ein Sprecher des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV). Die relativ stärkere Belastung kleinerer Banken könne nicht gewollt sein – dagegen wehre sich der Verband. Der Druck nimmt also zu. Die Zahl der Fusionen unter den Volks- und Raiffeisenbanken im Südwesten hat mittlerweile spürbar zugenommen. Während es von 2006 bis 2015 im Durchschnitt etwa fünf Fusionen pro Jahr gab, waren es 2016 schon elf. „Im laufenden Jahr rechnen wir ebenfalls mit elf Zusammenschlüssen“, so der Sprecher. Im Land gibt es 193 genossenschaftliche Kreditinstitute und 51 Sparkassen. Auch Letztere klagen. „Wir erleben hier eine ungebremste Welle von immer neuen Vorschriften“, so Peter Schneider, Präsident des Sparkassenverbands BadenWürttemberg. Besonders in der Kritik stehen zudem die Pläne der EU-Kommission zur Einlagensicherung. Die Vorschläge zur Schaffung eines vergemeinschafteten Systems der Einlagensicherung in der Eurozone lehnen die Sparkassen – ebenso wie die Volks- und Raiffeisenbanken sowie die deutschen Privatbanken – entschieden ab. „Die zurückgelegten Mittel für die Absicherung der Sparer in Baden-Württemberg und Deutschland dürfen nicht als Haftungsmasse für Banken in anderen Ländern zweckentfremdet werden“, warnt Schneider. Er und andere Verbandsvertreter versuchen, die Pläne nachhaltig durch eine entsprechende Einflussnahme auf die Politik zu durchkreuzen. Und der neue LBBW-Vorstandschef Rainer Neske führt zum Thema Regulatorik aus: „Die immer höheren Anforderungen an Banken sind als Reaktion auf die Finanzmarktkrise absolut nachvollziehbar – und zum überwiegenden Teil auch richtig und notwendig.“ Aber für die Branche bedeuteten sie einen massiven Mehraufwand, den auch die größte deutsche Landesbank bewältigen müsse. Ein weiteres Problem sind natürlich die niedrigen Zinsen. Bei der LBS Südwest führe die politisch motivierte Niedrigzinsphase zu einem spürbaren Druck auf die Erträge, insbesondere durch zurückgehende Zinserträge, so eine Sprecherin. „Sie ist die extremste Herausforderung, der sich die Bausparkassen seit ihrer Gründung gegenübersehen. Die negativen Folgen der EZB-Zinspolitik werden umso gravierender ausfallen, je länger dieser Ausnahmezustand anhält.“ Grundsätzlich geraten durch die Niedrigzinsphase jahrzehntelang bewährte Modelle zur Vermögensbildung und Altersvorsorge in Bedrängnis – mit entsprechend gravierenden Folgen für die Vermögensbildung. Es gibt kaum noch Zinsen fürs Sparen, auf der anderen Seite sind Kredite so günstig wie selten zuvor. „Niemand kann vorhersehen, wie lange diese Situation anhält. Mit Blick auf die Immobilienfinanzierung sehen die Menschen die Notwendigkeit, sich gegen mögliche Zinsanstiege in der Zukunft abzusichern.“ Das funktioniere mit Bausparen. Das aus einer Fusion neu hervorgegangene Institut hat genauso wie Branchenprimus Schwäbisch Hall oder die auf Platz zwei folgende Bausparkasse Wüstenrot folgende Erfahrung in der Vergangenheit gemacht: „Wir stellen fest, dass es für unsere Kunden aus der Mittelschicht zunehmend schwieriger wird, bezahlbares Wohneigentum in der Nähe des Arbeitsplatzes zu finden. Hier sollte die Politik durch die Ausweisung zusätzlicher Bauflächen, schnellere Genehmigungsprozesse und einfachere Bauvorschriften für Abhilfe sorgen“, so die Sprecherin der LBS Südwest. Die Niedrigzinsphase bringt auch die private Altersvorsorge in Gefahr. „Sinkende Renten in der gesetzlichen Rentenversicherung lassen sich immer schwerer durch Eigenvorsorge abfangen“, heißt es bei der SV Sparkassenversicherung. Hinzu komme

der demografische Wandel. Somit treffe die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank alle Vorsorgesparer und diejenigen mit niedrigeren Löhnen besonders hart. Dringliche Aufgabe der Politik sei es daher, einen Rahmen zu schaffen, der eine planbare Altersvorsorge wieder ermöglicht. „Dazu gehört auch, konsequent auf ein Ende der Niedrigzinsphase hinzuarbeiten.“ Die Geschäfte der Stuttgarter Börse hingegen hängen nicht vom Kapitalmarktzins ab: Der Wertpapierhandel steht im Mittelpunkt, nicht die Kapitalanlage. Dabei wird der Handel mit Aktien und Exchange Traded Funds (ETFs) durch das Niedrigzinsumfeld eher belebt. Wer bereit ist, ein höheres Risiko einzugehen, kann durchaus auch höhere Renditen erzielen. Beispielsweise an der Börse. Hier zog die Regulatorik in den vergangenen Jahren auch an. Im nächsten Jahr kommen neue Vorgaben hinzu. Detaillierte zusätzliche Anforderungen bringen auch „Die zurückgelegten die EU-Richtlinie Mifid II so- Mittel für die Absicherung wie die zugehörige Verord- der Sparer dürfen nicht nung MiFIR mit sich, die von Januar 2018 an praktische An- als Haftungsmasse für wendung finden werden, wie Banken in anderen ein Sprecher berichtet. „Sie Ländern zweckentfremdet bilden eine Art europäisches Grundgesetz der Wertpapier- werden.“ märkte.“ Die Börse Stuttgart Peter Schneider, Sparkassenpräsident arbeitet derzeit an der technischen Umsetzung, beispielsweise beim Datenaustausch mit Handelsteilnehmern. Auch interne Prozesse, Verträge mit Geschäftspartnern sowie die Regelwerke der Börse werden angepasst. Die Regulierung betrifft auch Finanzprodukte, die an der Börse gehandelt werden. Ein Beispiel ist die EU-Prospektverordnung, die derzeit überarbeitet wird. Da laut der Verordnung für Anleihen mit einer Mindeststückelung von 100 000 Euro oder mehr kein Wertpapierprospekt erstellt werden muss, geben immer mehr Unternehmen solche Anleihen aus. „Damit sind Privatanleger de facto von diesen Wertpapieren ausgeschlossen, weil sie eine Mindestanlagesumme von 100 000 Euro in der Regel nicht aufbringen können. Hier setzt sich die Börse Stuttgart für eine sinnvolle Überarbeitung ein“, so der Börsensprecher weiter.

SO WICHTIG IST DER FINANZPLATZ Bruttowertschöpfung der Finanz- und Versicherungsdienstleister Angaben in Millionen Euro

15,3

Baden- 2015 Württemberg 2008

12,2 20,9

Bayern

18,2 3,6

Berlin

Brandenburg

Bremen

3,3 1,2 0,9 0,8 0,8 5,5

Hamburg

5,2 17,6

Hessen MecklenburgVorpommern

16,3 0,7 0,6 8,8

Niedersachsen

7,2 23,9

NordrheinWestfalen

19,7 4,2

RheinlandPfalz

Saarland

Sachsen SachsenAnhalt SchleswigHolstein

Thüringen StZ-Grafik: oli

3,2 1,3 0,9 2,3 2,2 1,0 0,9 2,7 2,4 1,1 0,9 Quelle: VGRdL


Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg 7

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Gehälter in der Finanzbranche

Finanzbranche als Arbeitgeber

nach Bundesländern, in Euro (die Gehälter beziehen sich auf das durchschnittliche Bruttojahresgehalt inklusive variabler Anteile)

SchleswigHolstein

MecklenburgVorpommern

61 928

Hamburg

43 658

63 368

Die Sparkassen sind innerhalb des Finanzsektors in Baden-WĂźrttemberg der grĂśĂ&#x;te Arbeitgeber, gefolgt von Versicherungen und Volks-und Raiffeisenbanken. Die Gehälter in der Finanzbranche liegen nur in Hessen hĂśher.

Beschäftigung

Bremen

59 422

Brandenburg

SchleswigHolstein

45 500 MecklenburgVorpommern

Niedersachsen

Hamburg Bremen

56 009

Brandenburg

Niedersachsen

Berlin

49 830 Berlin

Mitarbeiter der Finanzinstitutionen Baden-WĂźrttembergs

NordrheinWestfalen

64 585

33 835

NordrheinWestfalen

â‚Ź

32 200

SachsenAnhalt

SachsenAnhalt

Sachsen Hessen RheinlandPfalz 23 433

ThĂźringen

RheinlandPfalz

60 507

39 044

Sachsen

44 489

Saarland

BadenWĂźrttemberg

53 175

10 800

10 000

ThĂźringen

Bayern

45 100

Hessen

68 520 â‚Ź

5550

300

BadenWĂźrttemberg

BĂśrse

67 511

1356

StZ-GraďŹ k: zap

Versicherungen*

Volks- und Raiffeisenbanken

LBBW

*plus 33 700 selbständige Mitarbeiter

Privatbanken**

Bausparkassen

FĂśrderbanken

**davon haben 10 ihren Hauptsitz in Baden-WĂźrttemberg

â‚Ź

66 222 ₏ Quelle: Stepstone Gehaltsreport 2017 fßr Fach- und Fßhrungskräfte

   

            



  

     

      

       

       

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Sparkassen

Bayern


8 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Brückenbauer am Finanzplatz

D

ie Trommeln, die Stuttgart Financial seit nunmehr zehn Jahren für die heimische Finanzbranche schlägt, werden inzwischen offenbar auch in Brüssel gehört. So war Stuttgart als einer der vier wichtigsten Finanzplätze in Deutschland anlässlich der Feier zum 60-jährigen Bestehen der Römischen Verträge in die italienische Hauptstadt eingeladen. Das wäre ohne das fortwährende Engagement von Stuttgart Financial, der Initiative zur Bündelung finanzplatzrelevanter Interessen, nicht selbstverständlich gewesen. Im Jahr 2007 von der Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse, dem baden-württembergischen Wirtschaftsministerium und der Stiftung Kreditwirtschaft der Universität Hohenheim aus der Taufe gehoben, organisiert und unterstützt Stuttgart Financial eine Reihe von regelmäßig wiederkehrenden Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen. Da treffen sich Repräsentanten „Die Industrie muss der Finanzbranche zum Erfahrungsaustausch. Immer verstehen, was die häufiger kommen auch VerFinanzwirtschaft tut treter der Realwirtschaft. und andersherum.“ „Wir bringen die Leute fachspezifisch zusammen“, sagt Ulrich Dietz, CEO GFT Technologies dazu Ulli Spankowski, Leiter von Stuttgart Financial. Wie wichtig dieses Netzwerken ist, macht auch Ulrich Dietz klar. „Die Industrie muss verstehen, was die Finanzwirtschaft tut und andersherum. Nur so können beide Parteien erfolgreich zusammenarbeiten“, sagt der Eigentümer und Gründer des Stuttgarter IT-Dienstleisters GFT Technologies SE. Stuttgart Financial baue diese Brücke, so Dietz. Von der Fachveranstaltung über das Pub-Quiz bis zu den Fintech-Days vernetzten sich relevante Akteure am Finanzplatz Stuttgart auf unterschiedlichsten Ebenen. Als Blaupause für eine Netzwerk-Veranstaltung gilt dabei die BausparkassenLounge, die 2009 von der Arbeitsgemeinschaft Baden-Württembergischer Bau-

sparkassen (ARGE), der Badenia, LBS Südwest, Schwäbisch Hall und Wüstenrot angehören, gemeinsam mit Stuttgart Financial ins Leben gerufen wurde. Längst hat sich die Bausparkassen-Lounge zu einer „wichtigen Kommunikationsplattform zwischen Politik und Bausparbranche“ entwickelt, wie Tilmann Hesselbarth, der Vorstandsvorsitzende der LBS Südwest, sagt. Hesselbarth beschreibt damit, wie es, unter Beteiligung von Stuttgart Financial, für seine Branche gelungen ist, ein Fachforum zum Erfahrungsaustausch und zur Kontaktpflege zu etablieren. Neben der Bausparkassen-Lounge gibt es inzwischen etablierte Veranstaltungen wie den jährlichen Finanzplatzgipfel im Rahmen der Finanzwoche, das Stuttgarter Versicherungsforum oder – in Kooperation mit der baden-württembergischen Landesregierung – ein Venture-Capital-Pitch, bei dem Risikokapitalgeber mit Jungunternehmen zusammengebracht werden. „Mit diesen Netzwerken tragen wir dazu bei, die vorhandenen Potenziale in der Finanzwirtschaft besser sichtbar zu machen und mit der Realwirtschaft zu verknüpfen“, erläutert Spankowski. Außerdem habe sich Stuttgart Financial immer mehr zum Ansprechpartner für den Finanzplatz selbst entwickelt, wenn es um neuartige Veranstaltungskonzepte oder neue Thematiken gehe. Hinzu kommt ein neues Karriereportal im Internet, das unter www.financialcareer.bw.de Stellenangebote aus der Finanzbranche und der gewerblichen Wirtschaft umfasst. Ziel ist es, die Attraktivität des Standorts für Jobsuchende sichtbar zu machen. Eine neue Veranstaltungsform wurde mit der Reihe „Meet the CEO“ geschaffen, bei der ausgewählte Studenten in einer Art Kamingespräch mit den Chefs großer Finanzunternehmen auf Tuchfühlung gehen können. „Das Format ist eine tolle Sache für beide Seiten“, sagt dazu Reinhard Klein, Vorstandsvorsitzender der Bausparkasse

Schwäbisch Hall AG, der bei einem solchen Kamingespräch dieses Jahr bereits zu Gast war. Für Studenten bietet es nach seiner Überzeugung eine besondere Möglichkeit, Einblicke und Informationen aus erster Hand zu bekommen. Für ihn selbst sei es die Chance gewesen, gezielt mit interessierten jungen Menschen ins Gespräch zu kommen und mitzukriegen, was die junge Generation bewege. Wie die Netzwerke am Finanzplatz funktionieren können, zeigt auch das Beispiel des Fintech Cashlink in Frankfurt, für das sich der Besuch des VC Pitches im Januar 2016 in Stuttgart im wahren Sinne des Wortes „ausgezahlt“ hat. Obwohl die Jungunternehmer dort ihre Geschäftsidee gar nicht aktiv präsentiert hatten und nur mit einem Werbestand präsent waren, ist ein sogenannter Business Angel auf Cashlink aufmerksam geworden und hat sich schließlich mit einem fünf- bis sechsstelligen Betrag an dem Unternehmen beteiligt. Damit unterstützt er einen aktuellen Finanzierungsschritt von Cashlink, der Teamaufbau und Marketing vorsieht. „Unabhängig davon schätzen wir sehr die Atmosphäre einer Veranstaltung wie dem VC Pitch, bei der man Kontakte zu anderen Startups pflegen und voneinander lernen kann“, sagt Michael Duttlinger, Chef und Mitgründer von Cashlink. Dennoch sieht Dietz von GFT noch Defizite bei der Finanzierung von Jungunternehmen in der Region. „Gerade im Bereich des Risikoinvestments müssen wir einiges aufholen“, sagt er, der selbst als StartupInvestor tätig ist. Ein Unternehmen in der Region zu gründen, müsse wieder attraktiv sein, die Anforderungen dafür überschaubar werden. Um einen Beitrag in diese Richtung zu leisten, hat Stuttgart Financial im vergangenen Monat eine Partnerbörse für innovative Jungunternehmen und Investoren ins Leben gerufen. So können sich auf der Online-Plattform www.venturezphere.com Startups kostenfrei präsentieren und sich mit ihren potenziellen Geldgebern vernetzen. „Damit möchten wir einen Beitrag zur Förderung und Weiterentwicklung der deutschen Startup-Kultur leisten“, sagt Spankowski über die neue Plattform, die auch Mittelstandsunterneh-

Synergien, die bewegen. 11. – 15. 9. 2018 Ab 2018 findet die REIFEN parallel zur Automechanika statt. Automotive Aftermarket und Reifenindustrie präsentieren sich erstmals an einem Ort. Nutzen Sie die Synergien zweier Weltleitmessen am internationalsten Messestandort Deutschlands. Erschließen Sie sich neue Märkte und Zielgruppen: Fachbesucher aus Industrie, Werkstatt und Handel aus 170 Ländern erwarten Sie! www.reifen-messe.de

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men offensteht, die in junge Unternehmen und neue Technologien investieren wollen oder nach Kooperationspartnern suchen. Venturezphere verfolgt dabei das Ziel, ein transparentes Umfeld und stabile Netzwerke zwischen Startups, Investoren und Mittelständlern zu schaffen. Damit will man einer Zersplitterung der Gründerszene nach Themen, Branchen, Regionen und Finanzierungsthemen entgegenwirken. „Hier besteht Handlungsbedarf“, so Spankowski. Daher können bei der neuen Plattform alle bereits gegründeten innovativen Unternehmen mitmachen – von sehr jungen bis zu etablierten Startups. Venturezphere versteht sich hier als Wegbegleiter in jeder Unternehmensund Finanzierungsphase, und zwar im gesamten deutschsprachigen Raum. Damit reicht die neue Plattform über das bereits 2011 zusammen mit dem Land gegründete Netzwerk für Beteiligungskapital VC-BW hinaus, das nur in BadenWürttemberg aktiv ist.

Ulli Spankowski will Leute zusammenbringen.

Foto: Stuttgart Financial

Stuttgart Financial bündelt Know-how, ist Sprachrohr nach außen und stellt viele Kontakte her. Von Thomas Spengler

Vernetzung

INTERESSENVERTRETUNG Plattform Stuttgart Financial bezeichnet sich selbst als Plattform für Finanzthemen in Baden-Württemberg. Ziel ist es, die Sichtbarkeit der Landeshauptstadt als Standort für Finanzdienstleistungen in Deutschland zu erhöhen sowie die großen und kleinen Akteure am Finanzplatz Stuttgart miteinander zu vernetzen. Die Geschäftsstelle wird ausgebaut.

Bündelung Unter der Leitung von Ulli Spankowski werden Fachveranstaltungen durchgeführt, Forschungsprojekte unterstützt und finanzplatzrelevante Informationen zusammengestellt. Gegründet wurde Stuttgart Financial 2007 von der Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse als Zentralstelle zur Bündelung der finanzpolitischen Interessen. bl


Wir Wirtschaft tschaft & Erfolg

Juni 2017

Wirtschaft & Erfolg

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Die Seiten „Wirtschaft & Erfolg“ befassen sich mit unterschiedlichsten Aspekten rund um Karriere und Erfolg – das reicht von Themen aus dem Arbeitsrecht über Fortbildung bis zum persönlichen Porträt.

Neuer Masterstudiengang – Business Analytics in Ulm. SEITE 10 Interview – Ein Headhunter plaudert aus dem Nähkästchen. SEITE 12 Porträt – Was Heideldruck-Chef Rainer Hundsdörfer bewegt. SEITE 16

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Sportlich, fit – Führungskraft Neun von zehn Chefs treiben Sport, jeder zehnte Manager läuft Marathon. Nur wer körperlich topfit ist, hält dem stressigen Führungsjob auf lange Sicht stand. Von Stefanie Köhler Fitness

Laufen ist der Lieblingssport von Managern – etwa jeder zehnte läuft Marathon.

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indestens einmal pro Woche läuft Raphael Vogler zur Arbeit. Das Freiburger Pharmaunternehmen Chemcon, das der promovierte Chemiker vor 20 Jahren zusammen mit seinem Studienkollegen Peter Gockel gegründet hat, liegt etwa zwölf Kilometer entfernt von seinem Haus. „Wenn ich im Herbst den Marathon in New York unter drei Stunden laufen will, muss ich pro Woche fünf-, sechsmal laufen plus zwei-, dreimal einen anderen Sport machen“, sagt Vogler. Mit „einem anderen Sport“ meint der 49 Jahre alte CEO Tennis. Das spielt Vogler regelmäßig, seitdem er die Kampfkunst, den Paartanz und das Frisbeespielen aufgegeben hat. Er habe schon immer viel und intensiv Sport getrieben. Dass er im Jahr 2010 in Freiburg seinen ersten Halbmarathon und wenige Monate später in New York seinen ers„Ich achte beim Laufen auf ten Marathon gelaufen ist, dafür ist allerdings Voglers Brudie Natur und schalte ab. Da kommen die Lösungen der verantwortlich, ein ambitionierter Triathlet. „Mein manchmal automatisch.“ Bruder hat mich mitgezogen und das Maximum aus mir Raphael Vogler, CEO beim Unternehmen Chemcon herausgeholt“, erinnert sich Vogler, der in Freiburg nach zwei Stunden und acht Minuten „japsend“ das Ziel erreicht hat. Eine ordentliche Leistung angesichts eines geringen Trainings. Die Zeiten der Schnappatmung sind längst vorbei. Vogler hat auch beim Laufsport der Ehrgeiz gepackt. Er setzt sich bei einem (Halb-)Marathon inzwischen eine Zeit als Ziel. „Ein Wettlauf macht nur mit systematischer Vorbereitung Spaß“, sagt er. Geschäftsreisen – im Schnitt alle vier bis sechs Wochen – verbindet der CEO nach Möglichkeit mit einem Wettkampf. Das sei immer ein intensives und nachhaltiges Erlebnis. „Zu 95 Prozent verbringt der Läufer seine Zeit allein“, sagt Vogler. Sport im Allgemeinen nutzt er als Ausgleich zum stressigen Job. Hin und wieder löst er dabei sogar Probleme. „Ich achte beim Laufen auf die Natur und schalte ab. Da kommen die Lösungen manchmal automatisch.“ Raphael Vogler ist mit seiner Leidenschaft für Sport in bester Gesellschaft. „Fitness ist das neue Statussymbol der Manager“, sagte Christine Stimpel, Partnerin bei der Personalberatung Heidrick & Struggles, im Juli 2013. Damals stellten die Headhunter in einer Umfrage unter Managern fest, dass neun von zehn Führungskräften Sport treiben. Eine aktuelle Umfrage unter 25 jungen Dax- und MDax-Vorständen bestätigt die Ergebnisse. Nur eine

Foto: nd3000/Adobe Stock

der befragten Personen bezeichnete sich als unsportlich, sagt Stimpel. „Sport zu treiben und fit zu sein, gehört zum Lebensstil vieler Manager.“ Zu einem ähnlichen Schluss kommt Curt Diehm, Ärztlicher Direktor der Max Grundig Klinik in Bühl im Schwarzwald, in der Prominenz aus Wirtschaft und Politik verkehrt. „In der Tat ist der Hang des modernen Managers zum Sport gewaltig – ein Megatrend, bei dem viele dabei sein möchten. Sich beispielsweise über Marathon, Skitouren oder Mountainbiken austauschen zu können, hat auch etwas mit Status zu tun.“ Laut einer aktuellen Umfrage der Luxusklinik unter 1000 deutschen Führungskräften setzt fast jede zweite einen Personal Trainer ein, um an der körperlichen Fitness zu arbeiten. Lange Arbeitstage, die mit Geschäftsessen enden, viele Meetings und Dienstreisen rund um den Globus, Jetlag inklusive: In erster Linie rüsten Manager sich mithilfe von Sport für ihren auslaugenden Job. Wer körperlich fit ist, ist belastbarer, leistungs- und widerstandsfähiger. „Es ist das Bewusstsein gereift, dass man mit einem gesunden Körper die Herausforderungen des beruflichen Alltags und damit auch die Karriere besser meistert“, sagt Diehm. Insgesamt würden Führungskräfte mehr als andere Gruppen auf sich und ihre Gesundheit achten. Zum Beispiel ernähren sie sich auch gesund. Das zahlt sich aus. Laut Diehm sind Führungskräfte gesünder als der Durchschnitt der Bevölkerung. „Die High Performer haben gelernt, mit Stress umzugehen. Sie delegieren Aufgaben. Oft sind sie in ihrer Position auf einem derartigen Hoch, dass ihnen dies meist eine Stabilität und Immunität gegenüber psychi-

schen Erkrankungen gibt“, sagt Diehm. Diese seien eher ein Phänomen der zweiten und dritten Führungsebene. Auch der Zusammenhang zwischen Sport und kognitiver Leistungsfähigkeit dürfte sich herumgesprochen haben. „Die Hypothese, dass körperliche Aktivität die kognitive Leistungsfähigkeit erhöht, ist belegt“, sagt Diehm. So könne körperliche Aktivität die Neubildung von Nervenzellen bewirken, ebenso von Synapsen – Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn. „Sport führt zu einer Verbesserung der Hirndurchblutung um bis zu 30 Prozent“, sagt Diehm. Der Laufexperte Andreas Butz, zu dessen Kunden Topmanager zählen, sieht sogar besonders zwischen dem Laufen und beruflichem Erfolg einen Zusammenhang. „Laufen ist der Lieblingssport von Managern. Jeder zehnte Vorstand eines börsennotierten Unternehmens läuft Marathon“, sagt Butz. Ein Marathon schmeichle einem Manager. Er pflege das Image des erfolgreichen Mannes, das er nach außen tragen will. Für Führungskräfte gibt es beim Frankfurter Marathon seit 2008 eine eigene Wertung. Dagegen rafft sich laut Butz nur jeder 600. Deutsche zu den 42,195 Kilometern auf – und schneidet im Schnitt schlechter ab als ein Manager. Der Laufcoach erklärt das damit, dass Chefs schon ihrer Position wegen stringenter und konsequenter seien als andere Menschen. Sie fragten sich: Wie kann ich mich sportlich betätigen? Und machten es dann. Dabei ist der Laufsport äußerst praktikabel und effizient. „Laufen ist überall und jederzeit möglich“, sagt Butz. In vergleichsweise kurzer Zeit verbrenne man auch noch viele Kalorien.

HÖHERES EINKOMMEN DANK SPORTLICHER AKTIVITÄT Nicht übertreiben Sport fördert die Gesundheit ebenso wie die kognitiven und die nicht-kognitiven Fähigkeiten. Man sollte es aber nicht übertreiben. „Pro Woche eine Stunde Tennis, 45 Minuten Joggen, eine schöne Bergwanderung – diese Intensität reicht aus, um sich fit zu halten“, sagt Curt Diehm, Ärztlicher Direktor der Max Grundig Klinik im Schwarzwald. Optimal sei wöchentlich vier- bis fünf-

mal eine Stunde Sport. Vor allem nach intensivem Sport sollte man sich regenerieren. „Menschen müssen nach Höchstleistungen auch Phasen der Entspannung einlegen, um langfristig einen guten Job zu machen“, sagt Diehm. Besonders bei älteren Menschen können zu starke körperliche Belastungen die Immunabwehr schwächen oder Herzrhythmusstörungen auslösen.

Mehr Einkommen Verschiedene Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen sportlicher Aktivität und Einkommen. Am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) etwa fanden Forscher heraus, dass Sport „in aller Regel eine gesteigerte individuelle Leistungsbereitschaft und Produktivität“ zur Folge hat. Bei Erwerbstätigen könne dies zu Lohnsteigerungen zwischen 4 und 17 Prozent führen. sk

Attraktive Menschen gelten als erfolgreicher als weniger attraktive, sagt Butz. „Sportlich, schlank und drahtig zu sein, ist ein Teil dieser Attraktivität.“ Läufer entwickelten viele positive Eigenschaften, vor allem Marathonläufern würden durchweg positive Merkmale zugeschrieben: ehrgeizig, zielstrebig, diszipliniert, ausdauernd, willensstark, leistungsfähig, fit. „Das sind alles Fähigkeiten, die auch für die Karriere wichtig sind. Laufen macht erfolgreich“, ist Butz deshalb überzeugt. Auch der Freiburger CEO Vogler stellt Parallelen zwischen Marathonläu- „Der Wille, Leistung zu fern und Chefs fest. „Beide zeigen, ist früh angelegt. müssen sich starke Fernziele Manager sind in jeder setzen, von denen sie sich Hinsicht ehrgeizig.“ motivieren lassen“, sagt er. Die Anerkennung, die Ma- Christine Stimpel, Partnerin bei der rathonläufer erhalten, macht Personalberatung Heidrick & Struggles sie stolz und selbstbewusst. Ein Umstand, der sie wiederum im Beruf antreibt. „Läufer ziehen Kraft und Energie aus ihrem Erfolg. Die positiven Auswirkungen des Sports übertragen sich auf Alltag und Beruf. Und wenn ich in der Wirtschaft erfolgreich bin, will ich zeigen, dass ich anderswo auch erfolgreich bin“, sagt Butz. Was nun aber nicht heißt, dass bloß durchtrainierte Menschen belastbar und leistungsfähig sind und die Karriereleiter hochklettern. Sportskanonen können im Beruf ebenso erfolglos sein wie Sportmuffel erfolgreich. „Auch Menschen mit einer anderen Konstitution schaffen es nach oben“, betont Personalberaterin Stimpel. Jedoch sei der fitte Typus in den oberen und mittleren Chefetagen überproportional oft zu finden. „Menschen, die sichtbar fit sind, wird mehr zugetraut“, vermutet Stimpel. Zahlreiche Bewerber für Posten im oberen Management seien früher in kompetitiven Sportarten bis hin zum Leistungssport aktiv gewesen. „Der Wille, Leistung zu zeigen, ist früh angelegt. Da liegt es nahe, dass man im Berufsleben ein wettbewerblich gestaltetes Umfeld bevorzugt. Manager sind in jeder Hinsicht ehrgeizig “, sagt Stimpel. Raphael Voglers Gesundheitsbewusstsein wirkt sich auf sein Unternehmen aus. Er hat eine betriebseigene Laufgruppe gegründet, veranstaltet Klettertage mit Mitarbeitern, mietet die örtliche Sporthalle, damit die Angestellten Fußball spielen können. Vogler weiß, wie wertvoll gesunde Mitarbeiter sind. Trotzdem hätten Sportmuffel dieselben Chancen wie Sportskanonen. „Mir ist soziale Qualifikation wichtig. Ob ein Mitarbeiter oder Bewerber sie im Sport mitbringt oder nicht, ist mir egal. Hauptsache, er engagiert sich“, sagt Vogler.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Die hohe Kunst des Datenlesens An der Universität Ulm ist der berufsbegleitende Masterstudiengang Business Analytics aufgebaut worden. Die Studenten kommen häufig aus den Management-Etagen. Von Rüdiger Bäßler

Abschlüsse

D

er Begriff Business Analytics „beschreibt den Prozess der so genannten Datenveredelung. Er ist ein strategisches Werkzeug für Entscheidungsträger in Unternehmen“. So steht es in der Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik. Weiter heißt es: „Ziel ist es, Antworten nicht nur auf die Frage: ,Was war?’, sondern auch: ,Was wird sein?’ zu finden.“ Dass es in Unternehmen häufig am fachlichen Verständnis für die Deutung von Daten fehlt, ist bekannt. Neu ist, was die Universität Ulm dagegen tut. Sie startete im Wintersemester den berufsbegleitenden Studiengang Master of Science in Business Analytics. Mit aufgebaut hat ihn der Studiengangsleiter Professor Mischa Seiter vom Institut für Technologie- und Prozessmanagement. Der Foto: Uni Ulm Wissenschaftler sagt, was in keinem Lexikon älteren „Die größte Angst Drucks steht: dass die Digitalider deutschen sierung innerhalb von UnterMaschinenbauer ist es, nehmen hoch dynamisch ist und in kürzester Zeitspanne dass sich irgendwer zu einer „gigantisch höheren zwischen sie und ihre Datenverfügbarkeit“ führte. Kunden stellt.“ Allein die Verbreitung von Sensortechnik in Maschinen Professor Mischa Seiter bewirke, dass „sekündlich Daten geliefert werden“. Auch die sich ausbreitende Möglichkeit für Kunden, ihre Meinung über Bewertungsportale zu äußern, ein Feedback zu geben oder sich mit anderen Verbrauchern über soziale Medien auszutauschen, stelle eine Herausforderung dar. „Wie reden meine Kunden über mein Produkt?“ – das sei für immer mehr Unternehmen eine drängende Frage, sagt Seiter. Wer Daten richtig sammeln, deuten und daraus womöglich neue Geschäftsideen oder interne Handlungsanleitungen entwickeln will, muss hoch spezialisiert sein. Gefragt sind der professionelle Umfang mit Datenbanksystemen, profunde Kenntnisse in angewandter Statistik, über Finanzinstrumente, numerische Verfahren im Zusammenhang mit Big Data oder in Stochastik, der so genannten „Kunst des Vermutens“. Solche Leute sind rar. Und wenn sie sich doch finden, sind sie teuer. Vor etwa drei Jahren habe ein in Ulm versammelter Unternehmerarbeitskreis mit dem Titel „Industrie 4.0“ inFoto: Bäßler tensiv über diese Problematik „Datenanalyse in jeglicher diskutiert, erzählt Studienleiter Seiter. „Die Unternehmen Dimension halte ich haben gesagt, es gibt diese für ein unheimliches Leute am Markt nicht.“ So sei die Idee gewachsen, interesWachstumsthema.“ sierte Führungskräfte weiterStudent Stephan Schwarz, der sich via zubilden. Mit Fördermitteln Studium parallel zum Job weiterbildet. von Land und Bund wurde der Studiengang Business Analytics entwickelt. Das neue Fach ist gerade von der in Düsseldorf ansässigen Hochschul-Akkreditierungsagentur ASIIN zertifiziert worden. Die Abschlüsse der Ulmer Studentinnen und Studenten – neben dem Master-Abschluss ist auch der Erwerb eines Diploma of Advanced Studies (DAS) möglich – sind damit voll anerkannt. Stephan Schwarz, 45, Elektroingenieur bei dem Stuttgarter Autobauer mit dem Stern und dort für die Fahrzeuganalyse zuständig, ist einer der Studenten, die im Wintersemester angefangen haben. Datenanalyse „in jeglicher Dimension“, das halte er „für ein unheimliches Wachstumsthema“, sagt er. Er hat sich nicht auf Geheiß des Arbeitgebers, sondern aus eigener Initiative eingeschrieben. Nun opfert er viele Stunden und Tage für seine Weiterbildung.

„Ich kann mir vorstellen, dass ich den Master machen werde“, sagt er. Ein Muss gibt es nicht, und genau so sei der Studiengang konzipiert, berichtet Studienleiter Seiter. Alle Module können einzeln belegt werden, für jedes abgeschlossene ist ein gesondertes Zertifikat erhältlich, und dazu gibt es sechs Leistungspunkte. Bis zu sechs Jahre haben Studenten Zeit, Stück für Stück auf die Punktzahl zu kommen, die es für den Master-Abschluss braucht. Nur wenige „Präsenztage“ in Ulm fordert die wissenschaftliche Leitung von den Studenten; die Hauptarbeit wird über eine IT-Lernplattform erledigt, die mit multimedial aufgearbeiteten Skripts und Videos aufgepeppt ist. Zu bearbeiten sind fast ausnahmslos Lernbeispiele aus dem realen Wirtschaftsleben. Zudem haben Studenten die Möglichkeit, im Rahmen des Studiums ganz eigene, firmenspezifische Aufgabenstellungen mit einzubringen. Etwa 20 Ulmer Professoren sind mit ihren Spezialkenntnissen in den Studiengang einbezogen. Die Aufgaben lassen sich immer wieder auch offline erledigen, zum Beispiel während einer Zugfahrt oder eines Aufenthalts im Ausland – und im Hintergrund wacht ein Tutor, der hilft, Denkhürden binnen 24 Stunden zu überwinden. Einer davon ist Lukas Esser, der sich, wie er sagt, als „Helfer und Diskussionspartner“ der Studenten während des Lernprozesses versteht. Er selber sitzt derzeit an einer Doktorarbeit zum Thema industrielle Dienstleistungen und greift korrigierend ein, falls es am „Skriptverständnis“ fehlen sollte. Zudem versucht er, den Gemeinsinn der studentischen Gruppe anzufachen und zu fördern, denn das erhöht die Chancen auf Abschlüsse für alle Beteiligten: „Ich achte drauf, dass sich die Studenten auch untereinander antworten.“ Wie so ein Präsenztag aussieht, lässt sich im Hotel Meinl in Neu-Ulm beobachten, dessen Konferenzräume die Universität Ulm für zwei Tage angemietet hat. 28 Teilnehmer arbeiten aktiv an der Steigerung ihres „Kompetenzniveaus“, wie Seiter das nennt. Kleine Gruppen stellen im Plenum vorgegebene Projektarbeiten vor, alle anderen müssen reagieren – in drei Stufen. Seiter: „Erstens: Ich habe den Stoff verstanden. Zweitens: Ich kann den Stoff erklären. Drittens: Ich kann den Stoff kritisieren.“ Wer mitkommen will, braucht fundierte Kenntnisse der Mathematik. Ein fachspezifischer Bachelor-Abschluss gehört zu den Voraussetzungen für die Zulassung zum Studiengang. „Die eigentliche Hürde, um in den Kurs hineinzukommen, sind mathematische Vorkenntnisse“, bekräftig Seiter. Für den „klassischen Betriebswirt“, sei das nichts, sehr wohl aber für Absolventen der Ingenieurs-, Natur- oder Mathematikwissenschaften. Und Berufserfahrung braucht es. Im Ausschreibungstext auf der Homepage der Universität Ulm steht ausdrücklich: „Der Studiengang richtet sich an Führungskräfte des mittleren und des Top-Managements, die dazu befähigt werden sollen, betriebliche Problemstellungen mit Hilfe von datenbasierten Erkenntnissen zu lösen.“ Das beschriebene Ziel ist „die Verbesserung von Prozessen, die quantitative Fundierung von Entscheidungen sowie die Weiterentwicklung der Strategie und des Geschäftsmodells“. Nichts für Frischlinge in Unternehmen, und so sagt Seiter über seine Studentengruppe: „Die meisten haben drei bis zehn Jahre Berufserfahrung.“ Viele Unternehmen schickten ihre besten Leute – nicht nur wegen der Chancen, sondern auch aus dem unbehaglichen Gefühl heraus, das der Begriff Big Data auslösen kann. „Die größte Angst der deutschen Maschinenbauer ist es, dass sich irgendwer zwischen sie und ihre Kunden stellt“. Profunde Kenntnisse in Business Analytics schützen mutmaßlich auch vor Datenklau.

Daten spielen eine wichtige Rolle. An der Uni Ulm ist der Masterstudiengang Business Analytics aufgelegt worden, der sich mit der Kunst des Datenlesens befasst. Unten ein Blick auf den Campus: die Bibliothek. Fotos: Uni Ulm

DIE UNI ULM SAGT „FUNDAMENTALE VERÄNDERUNGEN“ DURCH DATENFLUTEN VORAUS Fristen Für den Studiengang Business Analytics gibt es über die Homepage der Universität Ulm die Möglichkeit der Online-Bewerbung. Für das Wintersemester gilt die Bewerbungsfrist 1. April bis 15. Juni. Für ein Sommersemester kann man sich vom 1. November bis zum 15. Januar anmelden. Gefragt sind unter anderem eine Bachelorurkunde und ein so genanntes „Motivationsschreiben“.

Kosten Die Kosten für die Module im Studiengang Business Analytics variieren. Sie reichen von 1140 Euro (Strategisches Management oder Controlling) über 1230 Euro (Data & Process Mining oder Grundlagen von Datensystemen) bis zu 1800 Euro (Angewandte Operations Research oder Statistik und prädiktive Methoden). Die Masterarbeit kostet weitere 1800 Euro.

Ziele Laut der Universität Ulm kommt es im Rahmen der Digitalisierung der Wirtschaft „zu fundamentalen Veränderungen innerhalb von Produktionsund Dienstleistungsprozessen“. Wer in der Lage sei, große Datenmengen zu analysieren, könne „bessere Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle“ entwickeln, heißt es. Studienabsolventen sollen das auf jeden Fall lernen. rub


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Renaissance der Familienstiftung Die Weitergabe von größeren Betriebsvermögen ohne hohe Zahlungen ist schwieriger geworden. Es gibt individuelle Lösungen, aber keinen Königsweg. Von Thomas Spengler Erbschaftsteuer

B

ei der Gestaltung der Unternehmensnachfolge steht die Rechtsform der nicht gemeinnützigen Familienstiftung vor ihrer Neuentdeckung. Grund dafür ist die Änderung des Erbschaftsteuerrechts 2016. Die darin vorgesehene „Verschonungsbedarfsprüfung“ kann die Familienstiftung als Bestandteil eines Steuersparmodells attraktiv machen. Mit der Neuregelung des Erbschaftsteuergesetzes (ErbStG) im November 2016 war der Bundestag einer Aufforderung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) gefolgt, das Ende 2014 das geltende Erbschaft- und Schenkungsteuerrecht für verfassungswidrig erklärt hatte. Insbesondere die Verschonungsregeln für Betriebsvermögen bei großen Vermögen wurden von dem obersten Gericht als zu weitgehend betrachtet. Das Erbschaftsteuerrecht sah bis dahin für Betriebsvermögen unabhängig von dessen Höhe unter bestimmten Bedingungen eine Verschonung des Betriebsvermögens in Höhe von 85 Prozent („Regelverschonung“), beziehungsweise 100 Prozent („Optionsverschonung“) vor. Das neue Erbschaftsteuerrecht sieht eine Einschränkung der Verschonungsmöglichkeiten vor. So wird die bisherige Begünstigung des Betriebsvermögens ohne Einschränkung nur noch für kleinere und mittlere Unternehmenserwerbe gewährt. Bei Großerwerben schmilzt entweder die Verschonungsmöglichkeit sukzessive ab, oder der Erwerber muss nachweisen, dass er außerstande ist, die anfallende Erbschaftsteuer zu bedienen. „Soweit ein sogenannter Großerwerber nachweisen kann, dass sein ‚verfügbares Vermögen‘ zur Steuerbegleichung nicht ausreicht, kann die Erbschaftsteuer auf das begünstigte Betriebsvermögen komplett erlassen werden“, erläutert Christian Blum, Rechtsanwalt bei CMS Deutschland. Als verfügbares Vermögen gelten dabei das gesamte Privatvermögen und nicht begünstigtes Betriebsvermögen, das beim Erwerber bereits vorhanden ist oder miterworben wird. Die Größengrenze für die dafür eingeführte Verschonungsbedarfsprüfung „Die Wirkungen einer wird bei einem Wert von 26 Millionen Euro begünstigtem Stiftungskonstruktion Betriebsvermögen gezogen – müssen zum konkreten und gilt pro Erwerber. Es hanFall passen.“ delt sich also um eine Freigrenze. Das heißt: auch bei Dirk Schauer, Rechtsanwalt bei CMS Deutschland nur geringfügigem Überschreiten muss sich das Unternehmen in vollem Umfang der Bedürfnisprüfung stellen. Was dies bedeutet, macht ein Beispiel klar: Will etwa ein Unternehmer sein Unternehmen mit einem begünstigten Betriebsvermögen von 100 Millionen Euro auf seine beiden Kinder übertragen, würde jedes Kind ein begünstigtes Betriebsvermögen von 50 Millionen Euro erhalten. Dafür müsste jeder Erwerber zwischen 4,3 Millionen (Optionsverschonung) und 6,3 Millionen (Regelverschonung) an Erbschaftsteuer auf das Betriebsvermögen bezahlen. Oder aber die Kinder optieren für die sogenannte Verschonungsbedarfsprüfung. Dann jedoch müsste jeder der beiden Erwerber zunächst bis zu 50 Prozent seines vorhandenen und seines erworbenen „verfügbaren Vermögens“ zur Begleichung einer Erbschaftssteuer für das Betriebsvermögen ohne jegliche Begünstigung in Höhe von 15 Millionen Euro einsetzen. „Dadurch kann das Privatvermögen des Großerwerbers in Gefahr geraten“, warnt Blum. Um dieses Szenario zu verhindern, kann eine Familienstiftung ins Spiel gebracht werden, die ihrerseits der Versorgung der Familie dient und die als weiterer Erwerber des Betriebsvermögens fungiert, sodass der persönliche Erwerb der Kinder jeweils unter 26 Millionen Euro rutscht. Entscheidend ist dabei, dass die Familienstiftung „arm“ gestaltet wird und mit keinerlei „verfügbarem Vermögen“ ausgestattet ist, das die Stiftung bei Wahl der Verschonungsbedarfsprüfung zur Begleichung der Erbschaftssteuer einsetzen müsste. „Bei mittleren bis großen betrieblichen Vermögen

STIFTEN BLEIBT BELIEBT Anzahl In Deutschland gibt es laut Bundesverband Deutscher Stiftungen 21 806 Stiftungen; allein im Jahr 2016 sind 582 neu hinzu gekommen. Stiften bleibt also beliebt. Bandbreite Sie reicht von Milliardenstiftungen wie Bertelsmann oder Volkswagen bis zu kleinen Bürger- oder Privatstiftungen, die zum Beispiel den Erhalt eines Friedhofs, eines Denkmals oder auch die Sportförderung als Zweck verfolgen.

Besonderheit Eine Stärke BadenWürttembergs sind stiftungsgetragene Unternehmen. Die Stiftung ist hier Eigner einer Firma. Nur das Kapital, das am Ende des Jahres nicht für den Betrieb, für Investitionen oder Rücklagen benötigt wird, geht an die Stiftung. Beispiele sind etwa Bosch, ZF Friedrichshafen oder Mahle. Der Stuttgarter Autozulieferer gehört zu 99,9 Prozent einer gemeinnützigen Stiftung, die unter anderem das anthroposophische Krankenhaus auf den Fildern fördert. red

Eindrücke aus dem antroposophischen Krankenhaus auf den Fildern, das von der Mahle-Stiftung gefördert wird. von mehr als 26 Millionen Euro begünstigtem Vermögen pro Erwerber kann der richtige Einsatz einer Familienstiftung künftig weitgehende Steuerverschonungen eröffnen“, erklärt Dirk Schauer, Rechtsanwalt bei CMS Deutschland. Oder anders ausgedrückt: Durch die neu eingeführte „Verschonungsbedarfsprüfung“ kann in der Erbschaft- und Schenkungsteuer eine vollständige Befreiung des begünstigten Betriebsvermögens erreicht werden. Dieser Kniff dürfte die Basis für eine Renaissance der Familienstiftung sein, die sich ohnehin schon wachsender Beliebtheit erfreut. „Wir erwarten daher einen Boom bei Familienstiftungen, wenn es um die Regelung der Unternehmensnachfolge geht“, so Blum. Im Ausgangsfall könnten also jedem Kind ein Anteil von 25 Millionen Euro und der Stiftung 50 Millionen Euro begünstigtes Betriebsvermögen zugewendet werden. Die Kinder könnten somit uneingeschränkt die sogenannte Regel- oder Optionsverschonung in Anspruch nehmen

und das begünstigte Betriebsvermögen zu 85 beziehungsweise 100 Prozent schenkungssteuerfrei erwerben. Aber auch die Stiftung, ohne verfügbares Vermögen, würde das ihr zugewendete begünstigte Betriebsvermögen vollständig schenkungssteuerfrei erwerben können. Obgleich der Einsatz einer Familienstiftung auf diese Weise vielen Unternehmern bei der Regelung ihrer Nachfolge attraktiv erscheinen mag, sollte eine Familienstiftung nach Ansicht von CMS grundsätzlich nur in Betracht gezogen werden, wenn diese den Bedürfnissen des Unternehmens und der Familie insgesamt entspricht. „Steuerliche Gesichtspunkte allein sollten grundsätzlich nicht maßgeblich sein“, sagt Schauer. Denn die Familienstiftung bleibt ein besonderes Gestaltungsmittel in der Vermögens- und Unternehmensnachfolge, mit dem sich der Stifter langfristig festlegt. „So ermöglicht sie es dem übergebenden Unternehmer, die Fortführung des Unter-

JAZZ IM OLYMP 14.-15. JUNI 2017

Fotos: Filderklinik

nehmens nach seinen Wertvorstellungen sicherzustellen und die Verbindung zwischen Unternehmen und Familie langfristig zu gestalten“, erläutert Blum. Durch Einbindung einer Stiftung kann zudem das Unternehmen vor einer Zersplitterung der Beteiligungsverhältnisse und einer Gefährdung durch Pflichtteilsansprüche, Scheidungsfolgen oder feindlichen Übernahmen bewahrt werden – und das über Generationen hinweg. Für den Stifter bedeutet die Vermögensüberführung auf die Stiftung aber auch eine erhebliche Einschränkung: im Grundsatz entäußert er sich nämlich dauerhaft des gestifteten Vermögens. Eine Stiftung dieser Art ist kein Königsweg, der für jeden passt. Die Entscheidung dafür muss wohl durchdacht sein. „Die Wirkungen einer Stiftungskonstruktion müssen zum konkreten Fall insgesamt passen, nur dann macht diese Sinn. Die Errichtung einer Familienstiftung sollte daher stets sorgfältig geprüft und individuell gestaltet werden“, rät Schauer.

INTERNATIONAL JAZZ-FESTIVAL NO16

14. JUNI 18.00 – 1.00 UHR ACUSTIC TRIO JOACHIM KUNZ MUNICH SWING STARS WOLFGANG SELJÉ UND DIE TOBIAS BECKER BIGBAND RAFAEL – THE PIANO & THE VOICE THE SAZERAC SWINGERS

15. JUNI FRONLEICHNAM 11.00 – 18.00 UHR ACUSTIC TRIO JOACHIM KUNZ

DOC’S BIG BAND FEAT. SABINE PETRICH OLYMP ALL STARS 2017 SASCHA KOMMER DIE CUBABOARISCHEN MARCO MARCHI & THE MOJO WORKERS OLYMP AREAL HÖPFIGHEIMER STRASSE 19 BIETIGHEIM-BISSINGEN WWW.OLYMP.COM TAGESTICKET 14. JUNI 2017 EUR 8,TAGESTICKET 15. JUNI 2017 EUR 14,KOMBITICKET FÜR BEIDE TAGE EUR 19,DER EINTRITT GEHT AN DIE OLYMP-BEZNER-STIFTUNG: WWW.OLYMP-BEZNER-STIFTUNG.DE


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

„Adelstitel spielt keine Rolle“ Headhunter Jens Siegloch hält bei Bewerbern um eine Führungsposition das Auftreten für einen wichtigen Faktor. Interview

W

enn Unternehmen Führungskräfte suchen, kommt oft auch die Personalberatung Kienbaum Consultants International ins Spiel. Jens Siegloch, der Leiter der Stuttgarter Niederlassung, spricht im Interview über die Anforderungen an die Kandidaten. Die Anzugsordnung ist zwar legerer als früher, doch das Auftreten spielt immer noch eine große Rolle – und natürlich muss ein Auswahlverfahren in aller Stile über die Bühne gehen.

Herr Siegloch, woran denken Sie, wenn Sie das Wort Headhunter hören? Was fällt Ihnen dazu ein? Zunächst ist das ein Ausdruck für meinen Berufszweig, gegen den ich „Je höher die Ebene auch nichts einzuwenden habe. Der Ausdruck wird interin der Hierarchie, um so national verstanden und ist mehr Konzernmanager für meinen Geschmack auch tragen einen Doktortitel“. nicht anrüchig. Wenn man Personalberater sagen würde, Jens Siegloch über die Bedeutung von formalen Abschlüssen könnte das vielerlei bedeuten. Da müsste man dann ganz genau erklären, was man tut. Bei Headhunter versteht in aller Regel jeder, worum es geht. Sie haben ja schon sehr viele Kandidaten für Stellen in Unternehmen vermittelt. Welche Rolle spielen eigentlich „weiche Faktoren“, wie etwa Doktortitel oder Adelstitel? Eine Promotion spielt tendenziell eher in Konzernen eine Rolle oder wenn es um Forschungs- und Entwicklungsaufgaben geht. Bei Konzernen gibt es um so mehr Manager mit Doktortitel, je höher die Ebene in der Hierarchie ist. Das ist auffällig. Kann jemand, der eine Duale Hochschule besucht hat, auch Vorstandschef werden? Klar, das geht auch. Und welche Rolle spielen traditionelle Titel wie Adelstitel? Bei vielen hundert Besprechungen von Kandidatenprofilen hat bisher noch kein Kunde gesagt, wir hätten gerne jemand mit einem Adelstitel. Vorstellbar wäre dies aber bei Banken oder im gehobenen Immobilienbereich. Wenn jemand einen Landsitz verkaufen will, ist solch ein Titel vielleicht nicht störend. Aber für die bei uns üblichen Stellenbesetzungen in Industrie und Handel spielt es keine Rolle.

„Im Mittelstand kann es vorkommen, dass der Firmenchef sagt, jemand mit Promotion ist mir zu kopflastig.“

Gibt es denn bei den Anforderungen an Kandidaten für eine Stelle Unterschiede zwischen Konzernen und Familienunternehmen? Tendenziell werden in Konzernen für die oberen HierarJens Siegloch über den Hang der chieebenen eher Kandidaten Mittelständler zu Praktikern mit Universitätsabschluss bevorzugt gegenüber solchen, die eine Fachhochschule oder die Duale Hochschule besucht haben. Zudem wird der formale Abschluss in Konzernen eher für wichtig gehalten als im Mittelstand. Dort geht es meist schlichtweg um die Eignung für die jeweilige Stelle. Kann es sein, dass ein Doktortitel eher sogar eher hinderlich ist? Etwa weil ein Firmenchef sich als gutes Beispiel dafür hält, dass ein Unternehmen auch ohne Promotion vorangebracht werden. In seiner Vorstellung könnte ein „Theoretiker“ ja vielleicht eher schädlich sein. Im Einzelfall ist das durchaus möglich. Viele Unternehmen wollen einen „Praktiker“. Wir gehen in unserem Geschäft mit Menschen um, und da menschelt es eben durch die Bank.

DER STATTHALTER IN STUTTGART Berufsweg Jens Siegloch wurde 1972 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur studierte er in Konstanz Verwaltungswissenschaften. Seine ersten beruflichen Sporen verdiente er bei der Personalberatungsgesellschaft Steinbach & Partner. Seit 2004 arbeitet Siegloch für die Personalberatung Kienbaum Consultants International GmbH mit Firmensitz in Köln. Zehn Jahre nach dem Eintritt wurde er zum Leiter des Standortes

Stuttgart und als Mitglied der Geschäftsleitung berufen. Seit 2015 trägt er außerdem den Titel Vice President. Privatleben Siegloch ist verheiratet und hat vier Kinder.Falls ihm seine Arbeit Zeit lässt, pflegt er seine Hobbies: Sport, Reisen, Essen und Kochen. Mit dem VfB Stuttgart hat er lange gelitten, jetzt freut er sich über den Wiederaufstieg in die Bundesliga. red

Wenn unser Auftraggeber sagt, was er nicht will, müssen wir dies bei der Suche nach einem Kandidaten berücksichtigen. Und es kann durchaus sein, dass ein Firmenchef sagt, jemand mit Promotion ist „verkopft“, das passt nicht zu mir. Welche Rolle spielen bestimmte Abschlüsse im Vergleich mit dem Auftreten eines Kandidaten? Das Auftreten spielt eine ziemlich große Rolle. Besonders wichtig ist es, wenn jemand mit Kunden und Lieferanten umgehen muss. Sympathisches Auftreten, das Äußere und die Kinderstube sind in solch einem Fall entscheidender, als bei jemand, der in der Forschung tätig ist. Aber grundsätzlich ist das Auftreten in allen Managementfunktionen und Hierarchieebenen wichtig. Formale Abschlüsse haben zumindest auf den ersten Blick etwas Verlässliches. Beim Auftreten könnte man auch auf einen Blender reinfallen. Es gehört zu unseren Aufgaben, das zu verhindern. Wir müssen dem Blender alle Maskerade wegziehen und den Menschen, seine Persönlichkeit, seine Qualifikation und seine künftigen Entwicklungsmöglichkeiten klar im Blick haben. Hat sich bei den Anforderungen an Bewerber in den letzten Jahren etwas verändert? Grundsätzlich hat sich nichts Gravierendes verändert. Momentan haben wir aber eine Reihe an Megatrends, wie beispielsweise die Digitalisierung oder das Zusammenspiel mehrerer Generationen in Unternehmen. Die Generationen XYZ sind jeweils unterschiedlich geprägt und mit verschiedenen IT- und Telekommunikationswelten aufgewachsen. Wir haben viele Generationen, die in der Arbeitswelt aufeinander stoßen und miteinander kooperieren müssen. Und wie sieht es beim Auftreten aus? Es ist doch schon typisch, dass es etwa bei Startups keine Krawatten mehr gibt. Selbst Daimler-Chef Dieter Zetsche tritt gerne ohne Schlips auf. Lockern sich die Sitten? In eher traditionsgeprägten oder konservativen Branchen wie etwa bei Banken sind Krawatten durchaus noch üblich. Aber im Mittelstand hat man auch schon vor zehn Jahren Kundengespräche ohne Krawatte geführt. Der Trend, dass es äußerlich nicht mehr so formell zugeht wie in den achtziger oder neunziger Jahren, ist aber klar erkennbar. Was erwarten Sie für die Zukunft? Was wird wichtig werden, wenn Sie sich Kandidaten anschauen? Der Bewerber muss etwas von der digitalen Transformation in seiner Branche und generell verstehen und vor allem Offenheit und die entsprechende Einstellung mitbringen. Und beim Generationswechsel in Unternehmen müssen wir berücksichtigen, dass die jungen Leute heute oft andere Prioritäten haben als frühere Generationen. Das gilt etwa für die Verbindung von Beruf und Privatleben. Für alle Unternehmen wird es deshalb wichtig, z.B. ihre Arbeitszeiten ein Stück weit zu flexibilisieren oder die Möglichkeit einzuräumen, auch mal zu Hause oder einfach nicht im üblichen Büro zu arbeiten. Dabei gibt es natürlich keine Patentlösung. Jedes Unternehmen muss schauen, was jeweils das Beste ist. Wer sind denn eigentlich Ihre Kunden? Sind das Unternehmen, die Manager suchen oder sind es eher Manager, die das Gefühl haben, mein Stuhl wackelt gerade ein bisschen? Unsere Kunden sind in erster Linie Unternehmen, die einen Managementposten zu besetzen haben. Wir werden aber auch von wechselwilligen Managern kontaktiert. Diese aktiv zu begleiten ist dann aber das Geschäft unseres Schwesterbereiches Kienbaum New Placement. Bei der Besetzung von Spitzenpositionen spielt Diskretion eine große Rolle. Lässt sich das denn durchhalten? In Stuttgart hat man manchmal den Eindruck, alle kennen alle. Es lässt sich durchaus durchhalten. Wir haben sehr strenge Diskretionsrichtlinien für unsere Kunden und Kandidaten, an die wir uns halten. Aber auch wir diskutieren intern, ob es nicht sinnvoll wäre, auf der einen oder anderen Online-Plattform mit der erfolgreichen Vermittlung prominenter Manager oder für namhafte Unternehmen Marketing in eigener Sache zu betreiben. In Amerika wird das schon gemacht. Aber das geht nur mit dem klaren Einverständnis unseres Auftraggebers und des Kandidaten.

Personalberater können eine wichtige Rolle beim beruflichen Aufstieg spielen. Denn auf dem Weg nach oben gilt oft dasselbe Motto wie im Fantasyfilm „Highlander“ – es kann nur einen geben. Foto: Wagner Illustration: Singkham/Adobe Stock

KIENBAUM CONSULTANTS INTERNATIONAL: VERMITTLER FÜR FÜHRUNGSKRÄFTE Geschichte Gegründet wurde die heute rund um den Globus tätige Personal- und Unternehmensberatungsgesellschaft Kienbaum International Consultants International 1945 von Gerhard Kienbaum. Kienbaum war damals gerade 26 Jahre alt, Personalberatung in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Mit seiner Firma in Gummersbach beriet er zunächst Mittelständler aus dem umgebenden

Oberbergischen Land. Von 1962 bis 1966 war das FDP-Mitglied Nordrhein-Westfälische Wirtschaftsminister, 1975 trat er in die CDU ein. Gegenwart Seit 1985 führt Jochen Kienbaum, der Sohn des 1998 verstorbenen Gründers, das Familienunternehmen. Der Sitz des Unternehmens wurde zu Beginn des Jahres von Gummersbach nach Köln verlegt. Mit

Haben Sie keine Angst davor, dass bei Verhandlungen etwas durchsickert? Was Leute miteinander sprechen, hat man natürlich nicht immer im Griff. Aber wir sprechen über unsere Mandate nicht. Das gehört zu unserem Berufsethos. Und bei Suchen mit sehr hohem Diskretionsgebot unterschreiben uns alle Kandidaten zu Beginn des persönlichen Interviews eine Vertraulichkeitserklärung.

650 Beschäftigten wurde zuletzt ein Umsatz von rund 110 Millionen Euro erzielt. In Deutschland ist das Unternehmen an elf Standorten vertretenDarunter neben Köln Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und München. Mit Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg sitzen drei Niederlassungen in BadenWürttemberg.Im Ausland gibt es Niederlassungen in Europa, aber auch in Amerika und Asien. red

Wie hoch ist das Honorar für eine Vermittlung? Üblicherweise wird in unserer Branche das Honorar mit einem Prozentsatz des Jahresgesamteinkommens der zu besetzenden Position kalkuliert. Bei Führungskräften ist ein Honorar von einem Drittel des Jahresgehalts nicht unüblich. Das Gespräch führte Ulrich Schreyer.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Dringender Reformbedarf – das Arbeitszeitrecht Der Gesundheitsschutz ist heute überwiegend eine Frage des Schutzes vor psychischer Überanstrengung. Von Stefan Nägele

Gastbeitrag

D

as Arbeitszeitrecht und das Straßenverkehrsrecht haben eines gemeinsam: Kaum jemand hält sich daran. Beide Rechtsbereiche unterscheiden sich aber durch die Kontrollen und Sanktionen. Die Regeln im Arbeitszeitgesetz sind einfach und leicht verständlich. Die werktägliche Arbeitszeit eines Arbeitnehmers darf acht Stunden nicht überschreiten. In Ausnahmefällen kann die Arbeitszeit auf zehn Stunden verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Monaten ein Ausgleich erfolgt, sodass im Durchschnitt nicht mehr als acht Stunden am Tag gearbeitet wird. Zehn Stunden ist die absolute Höchstgrenze. Das Gesetz schreibt zwingende Ruhepausen vor und, ganz wichtig, eine Ruhezeit von elf Stunden. Die Ruhezeit ist die Zeit zwischen dem Arbeitsende und dem nachfolgendem Arbeitsbeginn. Arbeitgeber riskieren ein Bußgeld bis zu 15 000Euro, wenn diese Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes nicht beachtet werden. Wird der Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz vorsätzlich begangen und die Gesundheit eines Arbeitnehmers gefährdet oder erfolgt der Verstoß beharrlich, ist es mit einer Geldbuße nicht mehr getan. Der Tatbestand kann mit mehreren Freiheitstrafen bis zu einem Jahr geahndet werden. Für den Verstoß der Arbeitsgebers ist es nicht nötig, dass die Überschreitung „Anders als im der Arbeitszeit ausdrücklich angeordnet wurde. Es reicht schon Straßenverkehr aus, dass sie stillschweigend gegibt es kaum duldet oder die Einhaltung der Kontrollen.“ höchst zulässigen Arbeitszeiten nicht überwacht wurde. Arbeitsrechtler Stefan Nägele über Verstöße gegen Ordnet ein Arbeitgeber das Arbeitszeitgesetz Arbeitsleistung über die höchst zulässigen Arbeitszeitfenster hinaus an, hat der Arbeitnehmer ein Leistungsverweigerungsrecht. Täter im Sinne des § 22 ArbZG ist nicht nur der Arbeitgeber, sondern auch deren Beauftragte, also Vorstand und Geschäftsführer. Daneben kommt aber auch eine strafrechtliche Haftung von Abteilungsleitern, Werk- und Betriebsleitern oder anderen Beauftragten des Arbeitgebers in Betracht. Gegen die Vorgabe des Arbeitszeitgesetzes wird allerorts verstoßen, nicht nur gelegentlich sondern vorsätzlich und zielgerichtet. Es sind nicht nur Anwaltskanzleien, die ihre angestellten Rechtsanwälte bis in die Nacht hinein beschäftigen, es sind Servicetechniker, die frühmorgens von Zuhause aus starten und spät am Abend von der Montage zurückkehren, es sind Mitarbeiter die im Vertrieb oder in der IT beschäftigt sind oder Mitarbeiter in der Buchhaltung, wenn der Jahresabschluss zu erstellen ist. Arbeitgeber, die Angst vor Kontrollen haben, weisen ihre Arbeitnehmer an, ihre Reiseberichte entsprechend den gesetzlichen Vorgaben zu korrigieren oder sich rechtzeitig im Arbeitszeitsystem abzumelden, um dann außerhalb der Kontrollsysteme weiterzuarbeiten. Anders als im Straßenverkehr gibt es jedoch kaum Kontrollen. Zuständig für diese Kontrollen sind die Gewerbeaufsichtsämter. Wenn nicht gerade ein Arbeitsunfall mit tödlichem Ausgang zu beklagen ist oder eine Anzeige erstattet wird, ist die Gefahr, entdeckt zu werden, gering. Dennoch besteht dringender Reformbedarf. Schon die Ausnahmen, die das Gesetz vorsieht, sind nicht mehr logisch und vom Zweck des Gesetzes gesehen nicht praktikabel. Die Digitalisierung der Arbeitwelt führt das Arbeitszeitgesetz ad absurdum. Foto: privat

Der Gesetzgeber schreibt genaue Ruhepausen vor. Nicht immer werden sie eingehalten. Foto: shoot4u/Adobe Stock

Das Gesetz differenziert zwischen normalen Arbeitnehmern und leitenden Angestellten. Leitende Angestellte sind von den Arbeitszeitgrenzen und den vorgegebenen Ruhezeiten nicht tangiert. Das ist der Grund, weshalb viele Arbeitgeber versuchen, ihren Mitarbeitern den Status eines leitenden Angestellten zu verschaffen. Überwiegend sind diese Versuche zum Scheitern verurteilt, weil das Gesetz im Einzelnen regelt, unter welchen Voraussetzungen ein Mitarbeiter ein leitender Angestellter ist. Jedenfalls kann dieser besondere Status nicht im Arbeitsvertrag vereinbart werden. Die Höchstarbeitszeiten und die Ruhezeiten dienen nach dem Willen des Gesetzgebers dem Gesundheitsschutz. Es sollen gerade keine japanischen Verhältnisse herrschen. Dort sind 80 Arbeitsstunden pro Woche keine Seltenheit. Es ist aber ein Widerspruch, wenn der Gesetzgeber für leitende Angestellte keine Höchstarbeitszeiten für notwendig erachtet, aber dies bei allen anderen Arbeitnehmern für geboten hält. Es macht keinen Unterschied, ob ein angestellter Wirtschaftsprüfer mit Prokura und damit in der Funktion des leitenden Angestellten mehr als zehn Stunden an einem Tag über der Bilanzprüfung sitzt oder dessen Kollege, der nur Prüfungsassistent ist und deshalb kein leitender Angestellter. Gleiches gilt wenn der Entwicklungschef und dessen Team bis spät in die Nacht ein Projekt vorantreiben. Der Gesundheitsschutz ist heute überwiegend nicht mehr eine Frage der körperlichen Belastung sondern muss als Schutz vor psychischer Überanstrengung, vor Stress und einer Burn-out-Gefahr gesehen werden. Gerade die Führungskräfte eines

Werden Sie Safety Champion DEKRA Award 2017 Sicher in die Zukunft starten. Mit Ihren exzellenten Ideen, Initiativen und Prozessen werden Unfälle verhindert und die Welt wird dadurch ein Stück sicherer. Der DEKRA Award 2017 prämiert Spitzenleistungen in drei Kategorien: Sicherheit im Verkehr, Sicherheit bei der Arbeit und Sicherheit zu Hause. Bewerben Sie sich bis zum 15. September 2017. Informationen und Teilnahmeunterlagen finden Sie unter www.dekra-award.de

GASTAUTOR Arbeitsrechtler Stefan Nägele – 1955 in Stuttgart geboren – sagt über sich: „Ich bin Rechtsanwalt, weil dieser Beruf die Abstraktion des Mathematikers und die Kreativität des Künstlers in sich vereint.“ Er berät Vorstände, Geschäftsführer, Aufsichtsräte und leitende Führungskräfte.

Ziel Sein Augenmerk gilt der Vermeidung von Konflikten und der Abwehr von Haftungsansprüchen. Bis 2015 war der Fachanwalt für Arbeitsrecht Professor an der WHL Wissenschaftlichen Hochschule Lahr. Nägele ist Vorsitzender vom Förderkreis krebskranker Kinder in Stuttgart. red

Unternehmens sind heute einer Überlastungsgefahr heute in ganz besonderer Weise ausgesetzt. Das Arbeitszeitgesetz nimmt auf sie keine Rücksicht. Die Digitalisierung der Arbeitswelt führt endgültig dazu, dass das Arbeitszeitgesetz ad absurdum geführt wird. Wenn ein Arbeitnehmer nachts, vielleicht weil er nicht schlafen kann, seine E-Mails checkt und Antwort-E-Mails schreibt und seien es nur Terminanfragen, nimmt er eine dienstliche Tätigkeit war. Wenn wir das Gesetz ernst nehmen, darf er, wenn er sich von seinem Laptop und seinem Smartphone verabschiedet hat, erst nach elf Stunden an seinem Arbeitsplatz erscheinen. Wie soll die Einhaltung der Ruhezeit funktionieren, wenn ein Konstrukteur, ein Übersetzer oder ein Schreibdienst vom Homeoffice aus arbeitet und die Arbeitszeit so einteilt, dass Beruf und Familie am besten miteinander vereinbaren kann, dies aber mit den Arbeitszeit- und den Ruhezeitvorgaben des Gesetzes nicht in Einklang zu bringen ist? Wie soll es funktionieren, wenn internationale Projekte zu bearbeiten sind und wegen der Zeitverschiebung Mitarbeiter auf drei Kontinenten gleichzeitig an einem Projekt arbeiten und über eine Telefon- oder Videokonferenz verbunden sind? Homeoffice und Crowd-Working sind die neuen Herausforderungen, die das Arbeitszeitrecht in den Griff bekommen muss. Auch wenn die IBM dem Arbeitnehmer-Homeoffice eine Absage erteilt hat, gehen Unternehmen wie Daimler und Bosch getrennt vor. Mobiles Arbeiten steht im Vordergrund, die Präsenz am Arbeitsplatz entfällt. Bei Daimler soll die Regelung

rund 100 000 Arbeitsplätze betreffen. Die Verantwortung der Arbeitgeber für die Einhaltung der Bestimmungen des Arbeitszeitgesetzes bleibt bestehen, auch wenn diese Arbeitnehmer von ihrem Recht Gebrauch machen und ihre Arbeit am Küchentisch, in der Ferienwohnung oder gar vom Freibad aus erledigen. Da mobiles Arbeiten auch immer digitales Arbeiten bedeutet, ist die Kontrolle der tatsächlichen Arbeitszeit für die Aufsichtsbehörden sehr einfach. Der Gesetzgeber ist gefordert, das Arbeitszeitrecht der modernen Arbeitswelt anzupassen und für flexiblere Regelungen zu sorgen. Arbeitgeber können nur dann mit gutem Ge- „Homeoffice und Crowdwissen die Verantwortung für Working sind die neuen die Einhaltung der Arbeits- Herausforderungen, die zeitbestimmung (ihren Mitarbeitern) übertragen, wenn das Arbeitszeitrecht in den sie der Gefahr einer straf- Griff bekommen muss.“ rechtlichen Sanktion entho- Rechtsanwalt Stefan Nägele ben sind. Alleine die Tatsache, dass die Aufsichtsbehörden gegenwärtig ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen, ist kein geeignetes Lösungsmodell. Große Sprünge wird man vom Gesetzgeber nicht erwarten dürfen, der jedenfalls die Arbeitszeitrichtlinie 93/104/EG zu beachten hat. Dort finden sich die Mindeststandards des Arbeitszeitschutzes, von denen der nationale Gesetzgeber nicht abweichen darf. Zu den Mindeststandards zählt etwa die Mindestruhezeit von elf zusammenhängenden Stunden oder die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden, bezogen auf eine Sieben-Tage-Woche.

Medienkooperation:


14 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Der Kundenversteher E-Commerce-Manager wie Michael Spang haben mehr als bloĂ&#x; die Webseite und den Webshop eines Unternehmens im Blick. Von Stefanie KĂśhler

Berufsprofil

M

ichael Spang (35) lacht zwar etwas erschrocken, muss aber nicht lange Ăźberlegen. Was ein E-Commerce-Manager ist oder macht, zusammengefasst in wenigen Sätzen? „In erster Linie sollte er einen breiten Blick sowohl in gestalterischer als auch technischer Hinsicht haben und alle Online-Kanäle im Blick behalten. Er sollte die Klaviatur des Marketings spielen kĂśnnen und verschiedene Bereiche in Einklang bringen und priorisieren.“ Seit Anfang dieses Jahres leitet Spang die E-Commerce-Abteilung des Ellwanger Versandhändlers Betzold. Das Familienunternehmen bietet Eltern, Kitas, Schulen und Universitäten ein Sortiment von mehr als 13 000 Produkten. Die Käufer beziehen die Lehr- und Lernmittel, Musikinstrumente oder Schulausstattung Ăźber klassische Kataloge – und Webshops. Als E-Commerce-Manager verantwortet und steuert Spang den gesamten E-CommerceAuftritt. Der 35-Jährige fĂźhrt ein Team von zwĂślf Kollegen – sie betreuen die Webshops, verschicken Newsletter, sind in den sozialen Netzwerken präsent oder fĂźr die Suchmaschinenoptimierung (SEO) und Suchmaschinenwerbung (SEA) zuständig –, auĂ&#x;erdem arbeitet er mit vier externen Entwicklern zusammen. Er ist also derjenige, bei dem die Fäden zusammenlaufen, der den Ăœberblick hat und zwischen den einzelnen Fachabteilungen im Unternehmen vermittelt. Besonders eng „Der Super-GAU ist es, arbeitet Spang mit der Gewenn die Webseite offline schäftsfĂźhrung, dem allgemeinen Marketing und der IT ist. Das kann den Betrieb zusammen. viel Umsatz kosten.“ Spang sagt, dass sein Michael Spang, E-Commerce-Manager Arbeitstag sich nicht planen beim Versandhändler Betzold lässt und jeder anders verläuft. „Was bei der Steuerung von vier groĂ&#x;en Online-Shops sowie der Präsenzen beim Online-Versandhändler Amazon und bei dem Online-Marktplatz eBay nicht verwundert“, sagt er. Trotzdem schaut er sich morgens zuerst die Kennzahlen der Shops vom Vortag an. Sie geben Auskunft Ăźber Daten wie Bestellungen und Umsatz. „Gegebenenfalls werden die Daten ausgewertet“, sagt Spang. UmsatzeinbrĂźche etwa muss er analysieren und einordnen, um schnell und präzise zu reagieren. Auch Marketingkonzepte zu erarbeiten, gehĂśrt zu Spangs Kernaufgaben. In den Weiten des Internets ist es wichtig, dass ein Webshop leicht bedienbar ist und bei Suchmaschinen schnell gefunden wird – und dass er aktuelle Kunden bindet und neue gewinnt. „Ich lese grundsätzlich sehr viele

Bei E-Commerce-Manager Michael Spang laufen die Fäden zusammen. Er steuert den E-Commerce-Auftritt seines Arbeitgebers Betzold. Blogs, Zeitungen und BĂźcher, um auf dem Laufenden zu bleiben“, sagt Spang. Bereits ein Update bei Google oder Amazon zu verpassen, kĂśnne verheerende Folgen haben. „Im schlimmsten Fall verliert die Webseite an Bedeutung und landet im Google-Ranking irgendwo weit unten“, sagt Spang. E-Commerce-Manager kennen ihren Arbeitgeber bestens und wissen, was er will, welche Geschäftsziele er hat. Sie verfolgen den Markt, die Trends, die Wettbewerber und ihre Strategien intensiv. Spang besucht auch relevante Messen und Seminare. Die Frage: „Ist das auch etwas fĂźr uns?“, hat er immer im Hinterkopf. RegelmäĂ&#x;ig lädt Spang Kunden nach Ellwangen ein. Sie diskutieren und bewerten die Webseiten von Betzold und die der Konkurrenz. Bedeutsame Erkenntnisse und WĂźnsche der Kunden werden berĂźcksichtigt. Betzold will daher die interne Shop-Suche optimieren. Weil der Kundenkontakt nicht immer so direkt mĂśglich ist, spielt die Webanalyse eine groĂ&#x;e Rolle fĂźr E-Commerce-Manager. Je besser ein Unternehmen seine Kunden aufgrund der Auswertung der Daten kennt, desto eher erfĂźllt es ihre WĂźnsche. Programmieren muss der 35-jährige Spang zwar nicht mehr selbst, „technische Kompetenz ist fĂźr den Job aber trotzdem eine Voraussetzung“, sagt er. Als Ansprechpartner fĂźr technische Umsetzungen im Webshop mĂźsse er Grundkenntnisse in der

Programmiersprache Java mitbringen und wissen, wie ein Online-Shop aufgebaut ist und funktioniert, oder welche Anforderungen er erfĂźllen muss, damit die Kunden bestmĂśglich bestellen und bezahlen kĂśnnen. All diese Informationen muss Spang darĂźber hinaus so vermitteln, dass die Shopmanager sie ebenso verstehen wie die Programmierer. Der Super-GAU ist es, sagt Spang, wenn die Webseite plĂśtzlich offline ist. Das kĂśnne Betzold viel Umsatz kosten. „In einem solchen Fall mĂźssen wir umgehend die richtigen technischen MaĂ&#x;nahmen setzen, damit die Webseite wieder funktioniert.“ Seit Sommer 2008 arbeitet Spang bei Betzold. Damit bestand der Online-Handel dann aus drei Mitarbeitern. Nachdem Spang sich zum Fachwirt fĂźr Online-Marketing weitergebildet hatte, wurde er vor vier Jahren Teamleiter des Online-Marketings. Die Online-Kanäle werden kontinuierlich auf- und ausgebaut. Von seiner bisherigen Berufserfahrung profitiert Spang, da E-Commerce-Manager nicht nur Ahnung von BWL, Marketing und Technik haben sollten. Nach dem Realschulabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Hotelfachmann, danach eine zum GroĂ&#x;- und AuĂ&#x;enhandelskaufmann. Dabei stellte er fest, dass sein Herz fĂźr die Arbeit im Online-Bereich schlägt: FĂźr das Hotel, in dem er tätig war, entwickelte er bereits 1999 die Homepage und sorgte da-

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Foto: Ulrich Lange

fĂźr, dass Gäste Ăźber die Webseite ihr Zimmer buchen kĂśnnen. Die Resonanz der Kunden sei Ăźberwältigend gewesen. Bevor er schlieĂ&#x;lich zu Betzold wechselte, war Spang fĂźr den Webshop eines PapiergroĂ&#x;handels zuständig, den zwei Freunde betreiben. „Das Handwerk lernt man, indem man eigene Projekte realisiert“, sagt Spang. Auf Erfolgen ausruhen dĂźrfe man sich aber nicht. „E-Commerce-Management ist ein anspruchsvoller Job, bei dem man sein Wissen immer wieder erneuern muss. Man braucht eine hohe Bereitschaft, hinzuzulernen, da die Anforderungen sich ständig wandeln“, sagt Spang, dessen Karriere ungewĂśhnlich und doch nicht untypisch ist. Zum E-Commerce-Manager fĂźhren viele Wege, es gibt kein einheitliches Berufsbild. Daher ist die Ausbil- AUSBILDUNG UND AUSSICHTEN dung so vielfältig, wie Ausbildung Rund 70 Hochschulen und die Aufgaben es sind. fast 150 Studiengänge wie Medienwirt„Der Titel ‚E-Com- schaft oder Wirtschaftsinformatik lehren merce-Manager’ ist eine bundesweit E-Commerce-Inhalte. Auch Sammelbezeichnung gibt es Zertifizierungslehrgänge in VerbinfĂźr diejenigen, die ver- dung mit Hochschulen und Stiftungen wie antwortlich fĂźr das On- der Rid-Stiftung in Bayern oder der Steinlinegeschäft sind“, sagt beis-Hochschule in Berlin. Der StudienSusan SaĂ&#x;, Sprecherin gang an der Uni Wedel gilt als praxisnah. des Bundesverbands fĂźr Der Bundesverband E-Commerce und E-Commerce und Ver- Versandhandel (bevh) empfiehlt zudem sandhandel (bevh). die Industrie- und Handelskammern. E-Commerce-Manager Der bevh hat den neuen Ausbildungsberuf arbeiten in allen Betrie- „E-Commerce-Kaufleute“ entwickelt, der ben, die Ăźber das Inter- wohl ab 2018 angeboten wird. Die Ausbilnet Waren oder Dienst- dung soll ab einem guten mittleren Schulleistungen anbieten. abschluss mĂśglich sein. Der Verband verIn kleinen Unter- spricht sich mit der Ausbildung eine breite nehmen mĂźssen sie auf- Fachkräfte-Basis, die – anders als Hochgrund der fehlenden schulabsolventen – alle E-CommercePersonalstärke „eierle- Tätigkeiten selbstständig erledigen kann. gende Wollmilchsäue“ sein, wie Christoph Verdienst E-Commerce-Manager Wenk-Fischer, Haupt- verdienen je nach GrĂśĂ&#x;e und Branche geschäftsfĂźhrer des des Unternehmens monatlich zwischen bevh, sie nennt: Besten- 3197 und 5696 Euro brutto. falls beherrschen sie neben BWL, Marketing Berufsaussichten Der Online-Handel ist und Technik also SEO, ein Wachstumsmarkt. Mehr als die Hälfte SEA, Social Media und der Deutschen kauft regelmäĂ&#x;ig im Interauch die Organisation net ein. E-Commerce-Manager haben auf von Produktdaten und dem Arbeitsmarkt daher glänzende Persdie Steuerung von pektiven. Es fehlen Fachkräfte, vor allem Zahlungsdiensten und die AlleskĂśnner. Schon Positionen im unteLogistik. Sollten Unter- ren und mittleren Management lassen sich nehmen bei Bewerbern nur mit Personalberatern besetzen. sk Abstriche machen (mĂźssen), seien Know-how in BWL, Erfahrung im Projektmanagement und strategische Antennen unabdingbar, da E-CommerceManager in kleineren Betrieben viele externe Dienstleister steuern mĂźssten. E-Commerce-Manager sind letztlich auch Change-Manager: „Wollen Unternehmen ein belastbares Geschäftsmodell Ăźber das Internet aufbauen, geht die Investition Ăźber die Person hinaus“, sagt SaĂ&#x;. Häufig mĂźssten Prozesse auf den Onlinevertrieb ausgerichtet oder dafĂźr neu geschaffen werden. „Das im Unternehmen verantwortlich zu realisieren, ist die Aufgabe des E-Commerce-Managers, der dafĂźr mit internen und externen Partnern zusammenarbeitet“, so SaĂ&#x;. Das sage auch etwas Ăźber die Stellung aus, die der E-Commerce-Manager haben muss: Er mĂźsse das Unternehmen transformieren kĂśnnen, oderzumindest diesen Prozess direkt mit dem GeschäftsfĂźhrer abstimmen kĂśnnen. Michael Spang ist davon Ăźberzeugt, dass Betriebe, die allenfalls eine Webseite und einen Auftritt im sozialen Netzwerk Facebook haben, eines Tages von Amazon ausgebootet werden. Dass Betzold dem Online-Versandhändler erfolgreich Paroli bietet, dafĂźr setzt Spang sich tagtäglich mit Leidenschaft ein.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Jeans statt feiner Zwirn Krawatten bleiben im Schrank und in Firmen duzt man sich. Ob die neue Lockerheit tatsächlich so locker ist, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Von Gerhard Bläske Etikette

D

ie Daimler-Tochter Moovel wirbt in Stellenanzeigen mit einer „gelebten Duz-Kultur ohne Dresscode, die für einen familiären Umgang mit den Kollegen sorgt“. Ob die Mobilitäts-App auch die Führungsriege von Daimler locker gemacht hat, ist Spekulation. Dass jedoch DaimlerChef Dieter Zetsche plötzlich in Sneakers und Jeans oder gar in Cowboystiefeln, anstatt im feinen Zwirn und Krawatte auftritt, das zeigt, dass sich ein neuer Stil in deutschen Chefetagen einschleicht. Sogar die konservative Finanzbranche gibt sich lockerer. Zwei Sparkassen zeigen, wie das gehen kann. Ob die Mitarbeiter künftig die Krawatte zu Hause lassen sollen, dazu befragte die Sparkasse Worms-Alzey-Ried hundert ihrer Kunden. 88 Prozent befürworteten den mit „Business Casual“ bezeichneten Stil, weil er „zeitgemäß“ sei, „Nähe schaffe“ und „nicht so überheblich“ wirke. Noch weiter geht die Stadtsparkasse München. Im Herbst 2016 gab sie allen 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Styleguide an die Hand. Aufgemacht wie ein Modemagazin enthält der Stilführer 47 Seiten Tipps rund um Styling, Businesskleidung und Auftreten im Kundenkontakt. Vorstand und Personalrat propagieren, wie wichtig es ist, einen guten Eindruck zu hinterlassen. „Die Start-ups machen es Gleichzeitig ist auch Individualität erwünscht, die – mit den Etablierten vor, Anleitung – Gemeinschaftsgedass man mit Steifheit fühl und die Zusammengehöund Sie nicht unbedingt rigkeit stärken soll. Bei Lidl und Kaufland wurerfolgreicher ist.“ de die Krawatte schon vor Michaela Kelsch, Personalberaterin Jahren aus der Firmenzentrale in Neckarsulm verbannt. „Die Krawatte schaffte eine zu große Distanz, wenn wir in die Filialen kamen“, sagt Petra W. aus Stuttgart. Die frühere Führungskraft bei Kaufland möchte ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie habe kein Problem damit gehabt, als es im Sommer 2016 plötzlich hieß, dass sich bei Lidl und kurz darauf bei Kaufland alle duzen. „Es war eine klare Anweisung, die wir nicht diskutierten, sondern wie alles, was aus der Zentrale kam, einfach umsetzten“, sagt sie. Nach wie vor sei das Unternehmen sehr hierarchisch. An der Führungskultur habe sich dadurch nichts geändert. Dass das Sie in den Unternehmen bald ausstirbt, davon sind die Personal- und Managementberatung Kienbaum und die Online-Stellenbörse Stepstone überzeugt. Für ihre im Dezember 2016 veröffentlichte Studie haben sie 17 000 Fachkräfte zu Hierarchie und Organisationsstruktur in ihren Unternehmen befragt. Das Ergebnis: Nur drei Prozent der Befragten gaben an, dass sich an ihrem Arbeitsplatz alle Mitarbeiter siezen. Stepstone-Geschäftsführer Sebastian Dettmers glaubt, dass das Du Ausdruck der Revolution sei, die gerade in der deutschen Wirtschaft stattfinde. KienbaumGeschäftsführer Walter Jochmann geht noch einen Schritt weiter. Seiner Meinung

nach müssen sich im Zuge der Digitalisierung auch Großunternehmen und Konzerne wandeln. „Als Arbeitgeber stehen sie mit erfolgreichen Start-ups im Wettbewerb um die besten Köpfe. Starre Strukturen abzubauen, ist daher für viele Arbeitgeber sinnvoll.“ Dass der Weg dorthin noch ein weiter sein dürfte, zeigt die Kienbaum-Stepstone-Studie ebenfalls. Knapp zwei Drittel (63 Prozent) der befragten Fachkräfte sind zwar mit einigen Kollegen per „Du“. Die Führungsebene wird aber gesiezt. Tendenziell ist diese gemischte Umgangsform in größeren Unternehmen häufiger üblich als in kleineren. Auch Zetsche will mit Jeans und Sneakers nicht nur locker und jung wirken, sondern dem einst angestaubten DaimlerImage Coolness einhauchen. Das meint Hans-Dieter Grospietsch. „Dieter Zetsche zeigt damit, der Mercedes ist nicht das ‚OpaAuto‘, auf dessen Ablage die umhäkelte Toilettenpapierrolle liegt. Er ist ein modernes und mit viel Technik ausgestattetes Auto für alle Generationen“, sagt der Inhaber der Stuttgarter Agentur KoDiTex im Interview. Natürlich färben die Start-ups mit ihren digitalen Geschäftsmodellen auf die etablierten Unternehmen ab, meint Personalberaterin Michaela Kelsch. Wenn Bosch Start-ups kaufe, bleibe das nicht ohne Folgen für die Kultur des Unternehmens. „Die Start-ups machen es den Etablierten vor, dass man mit Steifheit und Sie nicht unbedingt erfolgreicher ist.“ Als Partnerin der Personalberatung Dr. Richter Heidelberger in Stuttgart besetzt Kelsch im Auftrag ihrer Kunden Führungspositionen. Ihren Kandidaten rät sie, sich auf jeden Fall der Firmenkultur anzupassen, „sonst wirkt man distanziert. Wer auf das Sie beharrt, gilt darüber hinaus als steif und unnahbar.“ Dass ein wenig alte Schule hilfreich sein kann, davon ist Grospietsch fest überzeugt. „Wer weiß, wie er sich vor allem bei einem Geschäftsessen verhalten muss, ist nicht unsicher“, sagt er. Und möglicherweise sei der neue Kleidungsstil ein Zeichen dafür, dass Mitarbeiter genauso willkommen sind, wie sie sind. „Die legerere Kleidung signalisiert, dass neue Mitarbeiter nicht erst einmal eingenordet werden“, sagt er. Dennoch ist der Kommunikationsprofi davon überzeugt: „Wer gut erzogen ist, stilvoll auftritt und mit anderen emotional umgeht, dem stehen Tür und Tor offen. Eine gute Erziehung kostet nichts und ist immer noch das A und O im Leben.“

Die Kleidungsvorschriften sind legerer geworden, aber auch da ist nicht alles erlaubt. Und: die Führungskultur hat sich nicht unbedingt in gleichem Maße verändert. Fotos: dpa (3), Mauritius, privat, Lulu Berlu/Adobe Stock

„Kleidung als Statussymbol hat ausgedient“ Hans-Dieter Grospietsch, Inhaber von KoDiTex in Stuttgart, über die richtigen Worte in Texten und gegenüber Kunden. Interview

T

rotz der neuen Lockerheit im Hinblick auf Kleidung und Formen sind Stilfragen nach wie vor wichtig. Dieser Ansicht ist zumindest Hans-Dieter Grospietsch.

Herr Grospietsch, Sie und Trigema-Chef Wolfgang Grupp tragen Zweireiher und Krawatte. Ist das nicht altmodisch? Da sage ich nur, Grupp und Grospietsch haben Stil – auch in Königshäusern tragen die Herren oft Zweireiher. Im Ernst: Ein Hersteller von Berufsbekleidung sagte mir, dass Zweireiher wieder mehr „Man sollte einen nachgefragt werden. Ob es wieder einen richtigen Trend Dresscode nicht zu ernst nehmen. Aber bin ich nicht gibt, weiß ich nicht. Ich habe diesen Stil nie verlassen.

entsprechend angezogen, fühle ich mich nicht wohl.“ Welche Vorteile bieten Dress-

codes? Dresscodes vereinfachen das Leben – man weiß dann, wie man angezogen sein sollte: nicht over- und nicht underdressed. So zeigt man mit der Kleidung Respekt seinem Gastgeber und dem Anlass gegenüber.

Hans-Dieter Grospietsch, KoDiTex

Und die Nachteile? Man sollte einen Dresscode nicht zu ernst nehmen. Aber bin ich nicht entsprechend angezogen, fühle ich mich nicht wohl. Doch Vorsicht, er verunsichert auch, denn im-

mer neue Begriffe, die nicht genau definiert sind, finden wir bei Einladungen: Smart Casual, Business Casual, Creative Casual . . . Daimler-Chef Dieter Zetsche tritt nur noch in Sneakers, Jeans, Hemd und Sakko auf – ohne Krawatte. Bei Bosch ist die Krawatte ebenfalls in den Kleiderschrank verbannt. Was tut sich da aktuell? Mit dem Erfolg der Kreativen und Startups in der Wirtschaft kommen neue Wörter und in der Kleidung neue Trends. Was ist die Folge? Die Grenzen verschwimmen: TShirt unter dem Blazer, Sneaker zum Smoking – alles scheint möglich. Doch bitte sagen Sie den Lesern: Kleidung ist die Visitenkarte und damit unterstreichen wir unsere Persönlichkeit. Eine Frau wird nicht durch Kleidung zu einer Dame und ein Mann nicht durch den tollen Anzug zum Gentleman. Dazu gehört schon etwas mehr. Und: Die Kleidung muss zum Anlass passen. Ist der legere Stil eine neue Lockerheit oder will man da den enorm erfolgreichen Unternehmen im Silicon Valley nacheifern, wo der der Erfolg nicht an Statussymbolen wie teuren Anzügen hängt? Und wer ein junges Produkt verkauft, muss sich auch jung darstellen. Dieter Zetsche zeigt, der Mercedes ist nicht das „OpaAuto“, auf dessen Ablage die umhäkelte To-

ilettenpapierrolle liegt. Er ist ein modernes und mit viel Technik ausgestattetes Auto für alle Generationen. Ich bin mir sicher, dass auch ein Unternehmer aus dem Silicon Valley bei einer Nobelpreisverleihung in Anzug oder Frack kommen würde. Die Generation Y legt mehr Wert auf ein gutes Leben. Haben die alten Statussymbole, die sich auch in einem bestimmten Kleidungsstil zeigen, jetzt ausgedient? Kleidung als Statussymbol hat ausgedient. Ein legererer Kleidungsstil signalisiert: Neue Mitarbeiter sind willkommen und werden nicht erst eingenordet. Marc Zuckerberg trägt immer das gleiche graue T-Shirt. Steve Jobs trug immer den schwarzen Rolli. Wie wichtig finden Sie das richtige Outfit im Beruf ? Ich kenne ein Callcenter, in dem die Mitarbeiter im Anzug arbeiten. Auf mein Warum antwortete mir der Geschäftsführer, wer im Anzug telefoniert, verhält sich anders als wenn er T-Shirt und Jogginghose trägt.

nach enorm wichtig. Wer gute hat, kann sich auf den Brettern der Welt bewegen. Auch wenn ich alleine zu Hause esse und trinke, sollte ich nicht vor dem Teller liegen und mir das Essen reinschaufeln. Gute Manieren helfen immer; man kann sich dann voll und ganz auf die Gespräche konzentrieren. Was passiert aktuell in der Kommunikation? ‚In der Anlage‘ senden wir oder das ‚Anbei‘ haben Sie ja aus Ihren Briefen verbannt. Was kommt nach seltsamen und überalterten Formeln? Wir schreiben auch geschäftlich zunehmend in Chats und nutzen Stummelsätze, Emojis und Emoticons. Subjekt oder Prädikat fehlen. Ob das gut ist, möchte ich nicht beurteilen. Wohin das führt, bleibt abzuwarten. Doch ein liebevolles Stellengesuch auf schwäbisch für einen Baggerfahrer hat vor kurzem zu einer Bewerberflut geführt. Die Menschen suchen emotionale Nähe und eine Arbeit, in der sie als Mensch geachtet werden. Das Gespräch führte Gerhard Bläske.

Mit dem äußeren Stil sind auch andere Stilfragen verbunden. Tischmanieren zum Beispiel. Sind sie noch wichtig? In Kindergärten, Schulen und Universitäten werden Stil- und Etikette-Seminare angeboten. Tischmanieren sind meiner Meinung

DER FACHMANN IN FRAGEN DER ETIKETTE Stilexperte Nach dem Studium der Soziologie, BWL und Psychologie promovierte Hans-Dieter Grospietsch 1980. Er arbeitete zunächst als Dozent, dann als Schulleiter. Mit

seiner 1984 gegründeten Kommunikationsagentur KoDiTex macht er Banken und Verbände fit in Sachen Kommunikation. Aus den „schöneren und persönlicheren Briefen“ entwickelte sich ein größeres Angebotsspektrum, so dass der 74-Jährige auch in Sachen Stil und Etikette schult. bl.


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Fragebogen

Die beste Idee zählt – egal von wem

sie kommt

Rai ner Hun dsd örfer

ist Vorstandsvorsitzender der Heidelbe rger Druckmaschinen AG. Im Fragebogen verrät er, wer seine Vor bilder sind. Was macht einen guten Chef aus

? Ich definiere meine Rolle als eine Art Spielertrainer. Er ist für Strategi e und Motivation der Mannschaft steht aber auch mit dem Team auf zuständig, dem Platz. Grundsätzlich sollte man als Chef gut zuhören und analysie nen, Entscheidungen herbeiführen ren könoder auch treffen, Orientierung geb en und aus Überzeugung kommun und begeistern können. Und ganz izieren wichtig, Verantwortung übernehmen und dafür einstehen.

Und welche Eigenschaften davon

Darauf können meine Kolleginnen und

haben Sie?

Kollegen sicherlich besser antworte n.

Wie kommt man so weit wie Sie?

Meine berufliche Laufbahn habe ich nicht exakt durchgeplant, jedoch war en mir Ziele für die Orientierung rufsleben immer wichtig. Dadurch im Behabe ich mich mit jeder neuen Auf gabe voll und ganz identifiziert. Ich für alle Themen begeistert und imm habe mich er Spaß an der Arbeit gehabt. Und dies jeweils so erfolgreich, dass mir alle fünf Jahre die nächstgrößere Herausf vier bis orderung angeboten wurde, die ich immer ohne großes Zögern ergriff.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Neben dem Glück, immer wieder zum richtigen Zeitpunkt am richtige n Ort zu sein und eine Karrierech boten zu bekommen, hatte ich auc ance angeh Vorgesetzte, die mir Freiräume zur Entfaltung meiner Person und Fähigkeiten gewährt haben. meiner Haben Sie Vorbilder?

Ein prägendes Vorbild waren für mic h Professor Berthold Leibinger und der Entwicklungschef von Trumpf Klingel. Ich habe viel von ihnen gele , Hans rnt. Beeindruckt bin ich aber auch von Menschen wie dem jungenHoffe Trainer Julian Nagelsmann, der eine nheimer abstiegsbedrohte, völlig demotiviert aufgebaut und zu einer Spitzen-Bu e Mannschaft in kürzester Zeit wied ndesligamannschaft geformt hat. er

Was ist typisch für Ihren Arbeits

alltag? Die erste Zeit bei Heidelberg war ich „ Lehrling“, um das Unternehmen und seine Menschen, die Märkte und von Grund auf zu verstehen. Nun Kunden geht es darum, Heidelberg wieder nachhaltig erfolgreich zu machen. liches Element für zukünftiges Wac Ein wesenthstum ist die digitale Transformation , die uns hilft, unsere Kunden auch tig erfolgreicher zu machen. Und das zukünfbedeutet für mich jede Menge Kom munikation – nach innen und nach auß en. Was würden Sie heute anders ma che n? Ich habe mich, wie übrigens die mei sten Führungskräfte, für absolut une ntbehrlich gehalten und damit man wichtigen Moment im Leben meiner chen Kinder verpasst. Die Zeit würde ich mir in einem zweiten Leben nehmen bin sicher, es hätte meiner Karrier und ich e nicht geschadet. Von wem können Sie am ehesten

Kritik einstecken? Die kritische Auseinandersetzung ist ein wesentliches Erfolgselement. Es zählt die beste Idee und es mus von wem sie kommt. Mit Ja-Sagern s egal sein, wird kein Unternehmen erfolgreich!

Womit können Kollegen Sie nerven

? Mit fehlendem Entscheidungswillen und mangelnder Verantwortungsb ereitschaft und darüber hinaus mit len von Optimismus und Begeisterun dem Fehg: Wenn das Glas ständig halb leer und nicht halb voll gesehen wird. Mit kenträgern tue ich mich grundsätzlich Bedenschwer.

Neuer Leadec-Geschäftsführer Leadec (ehemals Voith Industrial Services) hat die Geschäftsführung erweitert und die Position eines Chief Operations Officers geschaffen. Damit besteht die Firmenspitze aus drei Managern: Leadec-Chef Markus Glaser-Gallion, Finanzchef Christian Geißler und Markus Hucko (44), der Mitte Mai den Bereich IT, Systems & Operations übernommen hat. Zuvor war er in der CWS-Boco Gruppe tätig, zuletzt beim Schweizer Konzernbereich CWS-Boco Suisse S.A. als Sprecher der Geschäftsführung. Hucko hat BWL studiert. Leadec stellt sich neue auf: Der Industriedienstleister ist nun nicht mehr Teilkonzern von Voith, sondern eigenständiges Unternehmen, mit eigener IT- und Systemlandschaft. „Wir sind sehr froh, mit Markus Hucko eine hochqualifizierte Person gefunden zu haben, die diesen wichtigen Bereich vorantreibt und gemeinsam mit uns die Unternehmensführung übernimmt“, so Leadec-Chef Glaser-Gallion. Die LeadecGruppe zählt zu den führenden Anbietern technischer Dienstleistungen für Schlüsselindustrien wie Automotive, Prozess- und Kraftwerksindustrie. 2016 haben die Schwesterfirmen Leadec und Veltec zusammen rund eine Milliarde Euro gemacht. imf

Ernst Smolka

Weichenstellung bei Hess

Und umgekehrt?

Das müssen Sie nun wirklich meine

Markus Hucko

Foto: Leadec

ainer Hundsdörfer ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Einer der sagt, was er denkt - ob zu politischen und gesellschaftlichen Fragen wie dem Freihandel, dem Bildungsnotstand oder der Notwendigkeit qualifizierter Zuwanderung – oder zu unternehmenspolitischen Fragen. Ende April 2016 schmiss er spektakulär beim Mulfinger Ventilatorenhersteller EBMPapst hin: „Wegen unterschiedlicher Auffassungen“ zur Geschäftspolitik zwischen ihm und dem betagten Unternehmensgründer sowie Gesellschafter Gerhard Sturm, der ihm zu viel hineingeredet habe. Der gebürtige Tübinger Hundsdörfer, der seine berufliche Karriere nach dem Studium der Feinwerktechnik und des Wirtschaftsingenieurwesens in Esslingen als Vertriebs- und Projektingenieur beim Maschinenbauer Fife begonnen hatte, blieb im Land. Seit November steht er an der Spitze der traditionsreichen Heidelberger Druckmaschinen AG. Eine große Herausforderung für den 1957 geborenen Vater zweier Kinder. Denn der SDax-Konzern hat schwierige Jahre hinter sich, trägt eine hohe Schuldenlast mit sich herum, ist ertragsschwach und hat eine Eigenkapitalquote von nur sechs Prozent. „Ich will das Unternehmen wieder nachhaltig in die profitable Spur bringen. Die Chancen dafür sind gut“, sagt er nach knapp einem halben Jahr an seiner neuen Wirkungsstätte. Hundsdörfer schätzt Herausforderungen dieser Art. Er setzt auf die Digitalisierung, die schon in den 80er-Jahren begonnen habe. Deutschlands Industrie sei da gut aufgestellt und müsse sich nicht verstecken. Die Digitalisierung biete neue Chancen für Heidelberger Druckmaschinen: „Statt nur rein die Maschinen verkaufen wir ein Endprodukt. Der Kunde muss sich um nichts mehr kümmern. Aufgrund der vielen Daten, die wir haben, können wir den Kunden quasi ein Rundum-SorglosPaket anbieten, mit Verbrauchsmaterialien, Ersatzteilversorgung und Serviceleistungen aus einer Hand“, erklärt er das Geschäftsmodell. Hundsdörfer kennt die Maschinenbaubranche im Land hervorragend. 18 Jahre arbeitete er für das Ditzinger Familienunternehmen Trumpf, davon fünf Jahre in New York. Er war Vorstandsvorsitzender des Holzmaschinenbauers Michael Weinig AG, bekleidete führende Positionen beim Autozulieferer Schaeffler im fränkischen Herzogenaurach und stand von 2012 bis 2016 an der Spitze von EBM-Papst im idyllischen Jagsttal. Zuhause ist Hundsdörfer, der begeisterter Skifahrer ist und schnelle Autos liebt, aber nicht in Baden-Württemberg. Die Wochenenden verbringt er meist in Meerbusch bei Düsseldorf. Aufgrund seines Wechsels nach Heidelberg ist der Weg dorthin jetzt etwas kürzer und die Verbindungen sind besser. In aller Regel kann er jetzt den Sonntagabend im Kreis seiner Familie verbringen. Das ist Hundsdörfer, dessen Freizeit knapp bemessen ist, viel wert.

Christian Danninger ist seit Anfang des Monats neuer kaufmännischer Geschäftsführer des Betonpumpenspezialisten Putzmeister in Aichtal und damit Nachfolger von Renate Neumann-Schäfer. Sie war im Dezember 2009 während der Finanzund Wirtschaftskrise zu Putzmeister gekommen und gemeinsam mit einer Unternehmensberatung für den kaufmännischen Teil des Sanierungskonzepts des Unternehmens zuständig. 2011 schrieb Putzmeister wieder schwarze Zahlen. 2013 wurde Neumann-Schäfer in die Geschäftsführung berufen und war seither für den Finanzbereich zuständig. Ihr Nachfolger Danninger war zuletzt Finanzgeschäftsführer bei der Firma AHC, Oberflächentechnik in Kerpen (Nordrhein-Westfalen). Der gebürtige Österreicher hat Jura und BWL studiert. Putzmeister hat weltweit rund 3000 Beschäftigte und etwa 715 Millionen Euro Umsatz. imf

Kolleginnen und Kollegen fragen.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Es fängt damit an, einen Beruf zu ergreifen, der einem Spaß macht. Man sollte sich mit den gest ellten Aufgaben voll und ganz identifizieren, mutig und krea tiv sein, Freiräume nutzen, Verantwortung übernehmen . Sich vernetzen, die Herausforderungen und Problem e der Kollegen verstehen und über den eigenen Verantw ortungsbereich hinausdenken.

Was macht Sie leistungsfähig?

Ich kann nach der Arbeit gut absc halten, treibe etwas Sport. Skifahren im Winter, Joggen wann immer es passt. Das Wochenende gehört der Familie.

Ernst Smolka (53) wird zum 1. Juli 2017 zum Geschäftsführer der Hess GmbH Licht + form bestellt. der Spezialist für Außenleuchten und Stadtmobiliar mit sitz in vilingen-Schwenningen nimmt damit eine wichtige Weichenstellung für die weitere positive Unternehmensentwicklung vor. Smolka löst Interims-Manager Louis van Uden ab. Smolka hat Physik in Karlsruhe und in den USA studiert und promovierte später. Er hat viel Berufserfahrung in der Lichtbranche und sieht für Hess enormes Potenzial – unter anderem beim Stichwort Smart City. imf

Bertram Staudenmaier

Voith-Geschäftsführer geht Wechsel in der Voith-Geschäftsführung: Bertram Staudenmaier, Mitglied der Konzerngeschäftsführung und Geschäftsführer der Papiersparte , wird seinen zum Jahresende auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Vielmehr wolle er sich nach 13 erfolgreichen Jahren bei Voith noch einmal neu orientieren, teilte Voith mit. Über seine Nachfolge will der Aufsichtsrat im Juni entscheiden. Voith beschäftigt weltweit rund 19 000 Mitarbeiter und bringt es auf 4,3 Milliarden Euro Umsatz. imf

Arnold Büscher

Wechsel bei Lapp-Tochter

( hier im er Julian Nagelsmann Der Hoffenheimer Train von Hundsdörfer. Fotos: Getty, HD lder Foto) ist eines der Vorbi

Arnold Büscher hat die Geschäftsführung für den Vertrieb Deutschland der U.I. Lapp GmbH, einer Gesellschaft der Lapp Gruppe, übernommen. Der Maschinenbauingenieur verantwortete zuletzt als Geschäftsführer der Weidmüller GmbH & Co. KG die Geschäfte in Deutschland und Zentraleuropa. „Wir freuen uns, dass wir einen erfahrenen Manager gewonnen haben, der unseren Markt bestens kennt und unseren Wandel zum Systemanbieter vorantreiben wird“, so Andreas Lapp. Büscher will alle Vertriebskanäle stärken und den Fokus auf die Wachstumsmärkte in der Bahn-, Lebensmittelund Robotik-Industrie legen. imf Foto: Lapp

R

Das Traditionsunternehmen hat mit Rainer Hundsdörfer einen Vorstandsvorsitzenden bekommen, der sagt, was er denkt und klare Vorstellungen davon hat, wo er den Konzern hinführen will. Von Gerhard Bläske

Wechsel bei Putzmeister

Foto: Hess

Heideldruck-Chef

Christian Danninger

Foto: Putzmeister

Ein Mann mit Ecken und Kanten

Personalien


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

Juni 2017

Wirtschaft & Debatte

Lesen Sie in dieser Ausgabe

In der Wirtschaft gibt es viele Themen und Trends, über die es sich zu diskutieren lohnt. Die Seiten „Wirtschaft & Debatte“ liefern Argumente und Hintergründe zum Mitdenken und Mitreden.

Energiewende – Neue Chancen oder Irrweg? SEITEN 17-18 Ideenwerk BW – Innovationen in Baden-Württemberg. SEITEN 19-22 Nationalistische Bestrebungen: Gefahren für den Euro. SEITE 24

Die Leistungsfähigkeit der Komponenten etwa in der Solarenergie verbessert sich rasch, die Preise sinken schnell: Die Montage elektronischer Bauteile.

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Fotos: Manz

Neue Chancen durch neue Energien Viele Mittelständler spüren die steigenden Strompreise. Doch etlichen Betrieben beschert die Energiewende neue Aufträge. Auch die Eigenstromproduktion rechnet sich. Von Werner Ludwig Strom

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ass es die Energiewende nicht zum Nulltarif gibt, spüren nicht nur die privaten Haushalte. Auch für einen Großteil der Unternehmen in Deutschland ist Strom in den vergangenen Jahren teurer geworden. Kein Wunder, denn die schrittweise Umstellung auf erneuerbare Energien ist ein Mega-Projekt, das allein im vergangenen Jahr mit rund 23 Milliarden Euro zu Buche geschlagen hat. Die Kosten der Ökostromförderung werden auf den Strompreis aufgeschlagen und belasten fast alle Verbraucher. Allerdings gibt es Ausnahmen: energieintensive Unternehmen, die besonders viel Strom verbrauchen oder bei denen die Stromkosten einen bestimmten Anteil an der Wertschöpfung übersteigen, sind von der Umlage im Rahmen des ErneuerbareEnergien-Gesetzes EEG fast „Für den badenkomplett befreit. Bei den Netzentgelten, die auch bei württembergischen Gewerbekunden einen erhebMittelstand bringt die lichen Teil des Strompreises Energiewende mehr ausmachen, gibt es ebenfalls Privilegien für besonders Chancen als Risiken. Es energiehungrige Kunden. gibt aber auch Verlierer.“ Mittelständische UnterRolf Müller, PwC nehmen können von derartigen Vergünstigungen nur träumen. Entsprechend kritisch sehen viele von ihnen die Energiewende. Einige Betriebe haben sich vor Gericht gegen die EEG-Umlage gewehrt. Entsprechende Klagen blieben aber ohne Erfolg – auch die der Spinnweberei Uhingen, die seit 2014 zur Ettlin-Gruppe aus Ettlingen gehört. Die Energiewende ist für den Mittelstand aber längst nicht nur ein Kostentreiber. Der Mehrbelastung durch steigende Strompreise stehen neue Chancen gegenüber, die der Umbau des Energiesystems kleinen und mittleren Unternehmen eröffnet. „Das gibt es viele Profiteure“, sagt Rolf Müller, Partner bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC in Stuttgart. Als Beispiele nennt der Energieexperte Projektentwickler, die Wind- und Solaranlagen planen und realisieren, Ingenieur-

dienstleister und Gutachter, die die Projekte begleiten, oder die Firmen, die die Anlagen bauen und warten. Chancen bietet aber nicht nur der Bau größerer regenerativer Stromerzeugungslagen. Wenn ein Hausbesitzer sich eine Fotovoltaik- oder Solarthermieanlage aufs Dach bauen lässt, beschert das kleinen Handwerksbetrieben vor Ort zusätzliche Aufträge. „Auch der Maschinen- und Anlagenbau in Baden-Württemberg profitiert von der Energiewende“, sagt PwC-Partner Müller. Fotovoltaikmodule werden zwar kaum noch in Deutschland produziert, doch Anbieter wie Manz aus Reutlingen liefern Fertigungsanlagen für die asiatischen Modulhersteller. „Es gibt aber auch Verlierer“, so Müller. „Wer Technik für fossile Großkraftwerke liefert, leidet natürlich unter der Energiewende.“ Und kleinere Gewerbebetriebe wie etwa Schreinereien oder Bäckereien müssten wegen der EEG-Umlage mehr für Strom zahlen als noch vor einigen Jahren. Allerdings sieht der Experte Möglichkeiten, gegenzusteuern. „Auch bei gewerblichen Kunden gibt es einen Wettbewerb zwischen den Stromanbietern“. Es kann sich also lohnen, alternative Angebote einzuholen. Die Wechselquote sei allerdings auch im gewerblichen Bereich noch vergleichsweise niedrig, sagt ein Sprecher der Bundesnetzagentur. Eine weitere Stellschraube ist die Senkung des Verbrauchs durch Investitionen in energiesparende Technik. Allerdings hätten viele Betriebe auf diesem Feld „die niedrig hängenden Früchte bereits geerntet“, so Müller. Weitere Verbesserungen seien oft nur mit höherem Aufwand erreichbar. Den genannten Problemen zum Trotz sieht Müller den Umbau des Energiesektors insgesamt positiv: „Für den badenwürttembergischen Mittelstand bringt die Energiewende mehr Chancen als Risiken.“ Eine gute Möglichkeit, die Stromkosten zu drücken und zugleich die Energiewende voranzubringen, ist der Eigenverbrauch von Ökostrom. Dass die Selbstversorgung auch im gewerblichen Bereich attraktiver

DAS ERNEUERBARE-ENERGIEN-GESETZ Prinzip Das Erneuerbare-EnergienGesetz (EEG) garantiert Ökostromproduzenten einen festen Preis für jede eingespeiste Kilowattstunde. Die Belastung des EEG-Kontos hängt von der Zahl der Anlagen und ihrer Stromproduktion ab. Dem stehen Einnahmen aus dem Verkauf des Ökostroms an der Strombörse gegenüber. Da der Börsenpreis für eine Kilowattstunde weit unter den Fördersätzen liegt, bleibt ein jährlicher Fehlbetrag in Milliardenhöhe, der als EEG-Umlage

auf den Strompreis aufgeschlagen wird. Die Konstruktion des EEG bedingt einen folgenschweren Verstärkungseffekt: In wind- und sonnenreichen Zeiten drückt das Überangebot an billigem Ökostrom die Preise an der Strombörse. Dadurch fließt weniger Geld auf das EEG-Konto – und die Umlage steigt. Derzeit liegt sie bei 6,88 Cent pro Kilowattstunde. Studie „Die EEG-Umlage wird unter den hier angenommenen Entwicklun-

gen ansteigen und auch nach 2020, wenn erste Anlagen aus der Förderung fallen, voraussichtlich nicht sinken, sondern tendenziell weiter steigen. Sie liegt 2025 in allen Szenarien bei 7,5 Cent je Kilowattstunde und höher“, heißt es in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Reformen Das EEG wurde immer wieder geändert. Die Fördersätze für Neuanlagen sind dadurch kontinuierlich gesunken. lud

wird, ist im Wesentlichen auf zwei Faktoren zurückzuführen: gestiegene Preise für Strom aus dem öffentlichen Netz und weiter sinkende Kosten für Fotovoltaikanlagen. Nach Angaben des Solar Cluster BadenWürttemberg, der die Interessen der Solarbranche im Südwesten vertritt, liegen die reinen Produktionskosten für Strom aus einer Firmen-Fotovoltaikanlage je nach Größe zwischen fünf und acht Cent pro Kilowattstunde. Der Bezug von Industrieoder Gewerbestrom aus dem Netz koste dagegen 15 bis 18 Cent pro Kilowattstunde. Allerdings müssen Betriebe seit 2014 für selbst verbrauchten Solarstrom aus neuen Anlagen mit mehr als zehn Kilowatt Spitzenleistung 40 Prozent der EEG-Umlage von derzeit 6,88 Cent pro Kilowattstunde bezahlen – rund 2,75 Cent. Netzentgelte fallen dagegen nicht an. Unterm Strich ergibt sich aus den genannten Zahlen immer noch ein Kostenvorteil von rund sieben Cent pro Kilowattstunde. Die Voraussetzungen für einen hohen Eigenverbrauch seien im gewerblichen Bereich besser als im Privathaushalt, heißt es beim Solar Cluster: „Da die Last im Gegensatz zu Privatleuten meist nur tagsüber anfällt und sich das mit dem Solarstromertrag deckt, sind Eigenverbrauchsquoten von 70 Prozent oder mehr bereits ohne Speicher möglich.“ Zudem könnten sich Unternehmen mit dem Bau eigener Erzeugungskapazitäten gegen möglicherweise weiter steigende Strompreise absichern. Am fehlenden Platz wird der Bau neuer gewerblicher Solaranlagen nicht scheitern: Allein in Baden-Württemberg gibt es nach Angaben der Solar-Interessenvertreter 440 000 Nichtwohngebäude mit teilweise großen Dachflächen. Hinzu kämen Freiflächen in Industrie- und Gewerbegebieten. Solarstrom, der nicht selbst verbraucht wird, kann ins Netz eingespeist werden. Dies sei trotz gesunkener Vergütungen nach wie vor attraktiv, betont Carsten Tschamber. „Errichtet ein Unternehmen eine Fotovoltaikanlage und speist den Solarstrom vollständig in das öffentliche Netz ein, sind jährliche Renditen von fünf Prozent möglich“, sagt der Geschäftsführer des Solar Cluster Baden-Württemberg. Auch durch den Bau eines Blockheizkraftwerks zur effizienten Strom- und Wärmeerzeugung können Unternehmen von der Energiewende profitieren. „Besonders interessant sind solche Anlagen für Betriebe, die einen hohen Bedarf an Prozesswärme haben“, sagt PwC-Experte Müller. Insgesamt verfügen laut dem Energiewende-Barometer 2016 des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) 19 Prozent der befragten Unternehmen über eigene Erzeugungskapazitäten. Dabei wurden sowohl konventionelle Kleinkraftwerke als auch die regenerative Stromproduktion berücksichtigt. Während bei den erneuerbaren Energien die Zahl der Projekte in Planung oder Umsetzung gegenüber dem Vorjahr weiter gestiegen ist, sind die Zahlen bei konventionellen Anlagen rückläufig. Das hängt nach Einschätzung

RECHENBEISPIEL 1: SELBSTVERSORGUNG Rechenbeispiel 1: Selbstversorgung Eine Schreinerei mit fünf Beschäftigten verbraucht im Jahr 30 000 Kilowattstunden Strom. Mit einer eigenen Fotovoltaikanlage spart der Betrieb gegenüber dem Strombezug aus dem Netz pro Kilowattstunde etwa sieben Cent ein. Dabei ist bereits berücksichtigt, dass der Eigenverbrauch mit 40 Prozent der EEG-Umlage belastet wird. Bei einer Eigenverbrauchsquote von 70 Prozent könnte die Schreinerei durch die Nutzung selbst produzierten Solarstroms im Jahr knapp 1500 Euro einsparen.

Rechenbeispiel 2: Einspeisung ins Netz Leistung 200 Kilowatt Investitionskosten 925 Euro pro Kilowatt – insgesamt 185 000 Euro Nutzungsdauer 25 Jahre Gesamtkosten inklusive Finanzierung und laufendem Aufwand: 234 000 Euro Vergütung 8,53 Cent/kWh Einnahmen über 25 Jahre: 494 000 Euro. Amortisationszeit neun Jahre Zusätzlicher Eigenverbrauch erhöht die Wirtschaftlichkeit

Quelle für beide Beispiele: Solar Cluster Baden-Württemberg

Lithium-Ionen-Batterien speichern Energie. des DIHK auch mit verschlechterten gesetzlichen Rahmenbedingungen zusammen. So wird beispielsweise auch Strom aus Wärme-Kraft-Kopplung mit einem Teil der EEG-Umlage belastet. Die Eigenerzeugung von Strom kann Unternehmen auch helfen, ihre Spitzenlast zu drücken und damit in einen günstigeren Tarif für den aus dem Netz bezogenen Strom zu kommen. Von Vorteil ist hier auch ein intelligentes Verbrauchsmanagement, das zum Beispiel dafür sorgt, dass große Stromverbraucher nicht gleichzeitig ans Netz gehen. Die meisten Versorger haben mittlerweile entsprechende Beratungsangebote für ihre Kunden im Programm. Noch mehr Unabhängigkeit und eine weitere Steigerung des Eigenverbrauchs ermöglichen Speicherbatterien. Vollständige Autarkie sei aber kein sinnvolles Ziel, meint Müller. Dazu seien die Speicherkosten aber noch zu hoch. Die Attraktivität von Stromspeichern könnte indes deutlich zunehmen – nicht nur weil diese immer billiger werden. „Wenn in den nächsten Jahren nach und nach alte Anlagen aus der EEGFörderung fallen, müssten die ihren Strom für drei Cent ins Netz einspeisen.“ Da sei es aber oft rentabler, in Speicher zu investieren und so den Eigenverbrauch zu erhöhen, so der Experte..


18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

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eutschland geht international einen energiepolitischen Sonderweg. Der Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wie Sonne und Wind wird in einem Ausmaß finanziell gefördert wie in keinem anderen Land der Erde. Das reine Subventionsvolumen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beträgt mittlerweile mehr als 25 Milliarden Euro im Jahr, also mehr als 300 Euro je Bundesbürger jährlich. Hinzu kommen Kosten für den Netzausbau, den erhöhten Ausgleichsenergiebedarf, Offshore-Haftungsumlagen, Investitionsförderungen und vieles mehr. Bis 2015 beliefen sich die Kosten der Energiewende insgesamt auf rund 150 Milliarden Euro, also etwa zehn Euro je Monat und Einwohner seit dem Jahr 2000. Aufgrund bereits eingegangener Verpflichtungen und des Netzausbaubedarfs werden diese Kosten in den nächsten zehn Jahren um ein Vielfaches auf insgesamt 520 Milliarden Euro steigen, so das Ergebnis einer von Ina Loebert, Susanne Thorwarth und mir erstellten Analyse. Von 2016 bis 2025 ist mit Kosten von rund 37,50 Euro je Monat und Einwohner zu rechnen. Da Haushalte nur einen Teil der Kosten direkt über ihre Stromrechnung bezahlen (rund ein Drittel der Kosten), während zwei Drittel von Industrie, Gewerbe, Landwirtschaft etc. getragen werden, fällt das ganze Ausmaß der erhöhten Energiekosten den Bürgern nicht direkt ins Auge. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Industrie, Handel und andere ihrerseits die höheren Energiekosten über die Preise für Waren und Dienstleistungen weiterreichen, so dass die Bürger in Deutschland ultimativ die Kosten tragen, auch wenn sie nicht alle direkt in ihrer persönlichen Stromrechnung auftauchen. Die exorbitanten Kosten für die Förderung erneuerbarer Energien werden von vielen Ökonomen schon lange aus zwei Gründen kritisiert. Zum einen führt die massive Förderung erneuerbarer Energien – paradoxerweise – nicht zu einer Reduktion der Treibhausgasemissionen in Deutschland oder der Europäischen Union. In Deutschland hat sich zwar die EEG-Umlage über die letz„Die Energiepolitik ist ten beiden Legislaturperioden, also von 2009 bis 2017, komplett von Lobbyisten mehr als verfünffacht, sie unter dem Deckmantel ist von 1,3 Cent je Kilowattdes Klimawandels stunde auf aktuell 6,88 Cent je Kilowattstunde vereinnahmt.“ (Cent/kWh) gestiegen. Die Justus Haucap Treibhausgasemissionen lagen jedoch in Deutschland im Jahr 2016 über dem Niveau des Jahres 2009, auch im Energiebereich. Der Grund liegt in der fehlenden Rückkopplung zwischen der im Rahmen des EUEmissionshandelssystems EU-weit festgelegten Obergrenze für Treibhausgasemissionen einerseits und der Förderung und dem Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien andererseits. Werden in Deutschland die Emissionen reduziert, so können – über den Handel der EUEmissionsrechte – Unternehmen in anderen EU-Ländern ihre Emissionen erhöhen. Der massive Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in Deutschland führt daher nur dazu, dass die deutschen Energieversorgerunternehmen weniger Emissionsrechte nachfragen und verbrauchen und so der Preis für Emissionsrechte sinkt. Ohne eine Stilllegung von Emissionsrechten oder eine anderweitige Kopplung zwischen dem Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und der Mengen an Emissionsrechten verpufft die Förderung der erneuerbaren Energien klimapolitisch komplett. Mit den Milliarden-Förderungen wird bisher keine einzige Tonne CO2 in Deutschland oder der EU eingespart. Zum anderen kritisieren viele Ökonomen schon lange den in der Energiewende verfolgten planwirtschaftlichen Subventions- und Förder-Ansatz, das Ausschalten jeglicher Markt- und Wettbewerbsmechanismen. Mit einem System von inzwischen mehr als 5000 verschiedenen Einspeisevergütungen, also staatlich garantierten Abnahmepreisen, die den Erzeugern von EEG-Strom in der Regel für zwanzig Jahre sicher gewährt werden, wurden aufgrund der in den Vergütungen enthaltenen Traumrenditen sehr starke finanzielle Anreize gesetzt, in den Ausbau erneuerbarer Energien zu investieren. In der Tat war diese Politik sehr effektiv. Das Tempo des Aus-

„Irrweg in der Energie- und Klimapolitik“ Die Förderung der erneuerbaren Energien folgt nach Ansicht von Professor Justus Haucap, ehemaliger Vorsitzender der Monopolkommission, nach wie vor dem Ansatz einer zentralen Planwirtschaft.

Energiewende

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

baus der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist seit 2005 atemberaubend. Jedoch explodieren eben die Kosten gleichermaßen. Der Grund dafür lag vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, in der exorbitanten Förderung der Solarenergie. Während die Preise für Solarpanels seit 2005 drastisch fielen, wurden die Einspeisevergütungen nur sehr, sehr langsam und moderat angepasst. Der Grund für den Preisverfall bei Solarpanels liegt im Übrigen keineswegs allein in der deutschen Förderpolitik, wie manchmal suggeriert wird. Vielmehr hat zunächst der Aufbau massiver Überkapazitäten der Panelhersteller – ein Phänomen, das in vielen sehr fragmentierten Branchen zu beobachten ist – zu einer fast ruinösen Konkurrenz insbesondere unter asiatischen Herstellern geführt, bei der jeder Anbieter versucht, länger als die Konkurrenz am Markt zu überleben. Diese scharfe Wettbewerbssituation, die durch erhebliche Überkapazitä- „Insgesamt muss man ten bedingt ist, kann zu von einem energie- und einem guten Teil den Preis- klimapolitischen Irrweg verfall der Solarpaneelen erklären. Zudem entfiel auf sprechen. Es wird zwar Deutschland seit 2009 nur viel für die erneuerbaren noch ein relativ geringer Energien getan, jedoch Teil der weltweiten Nachfrage nach Panels. Von da- paradoxerweise – wenig her ist es unehrlich, wenn für den Klimaschutz.“ die Verfechter des EEG die Justus Haucap zur Energiewende gesamte Kostenreduktion bei Solarpaneelen als Erfolg des EEG reklamieren wollen, mit dem Deutschland die Welt vor der Klimakatastrophe rette. Spätestens seit 2009 – einem Zeitpunkt also, zu dem die Kostendegression bei Solarpaneelen längst eingesetzt hatte – ist die Kostenexplosion bei der Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in Deutschland zu beobachten. Für die Kostenreduktion bei Solarpaneelen sorgte seitdem aber vor allem die Nachfrage aus anderen Ländern (mit mehr Sonnenschein). Die Förderung der erneuerbaren Energien folgt nach wie vor dem Ansatz einer zentralen Planwirtschaft. Wer wann wo wie und wie viel Strom produzieren und verbrauchen soll – das alles wird zentral geplant, so die Grundidee. Verbote, Dirigismus und Bevormundungen werden gepaart mit üppigen Subventionen und einer gigantischen Umverteilungsmaschinerie. Die mangelnde Transparenz dieser unsystematischen Umverteilung ist zugleich ein Einfallstor für die Durchsetzung von Lobby-Interessen. Insgesamt muss man von einem energie- und klimapolitischen Irrweg sprechen. Es wird zwar viel für die erneuerbaren Energien getan, jedoch – paradoxerweise – wenig für den Klimaschutz. Eine automatische Rückkopplung zwischen dem Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und der 2009 festgelegten europaweiten CO2-Obergrenze ist nach wie vor nicht geplant. Die Vorschläge von Monopolkommission, Sachverständigenrat, Expertenkommission für Forschung und Innovation und anderen Experten finden wenig Gehör, die Energiepolitik ist komplett von Lobbyisten unter dem Deckmantel des Klimaschutzes vereinnahmt. Dabei wäre es höchste Zeit für eine wirklich grundlegende Reform der energiepolitischen Rahmenbedingungen. Der nächsten Bundesregierung bleibt hier viel zu tun.

EIN MANN KLARER WORTE

Traditionelle Kraftwerke werden stillgelegt, erneuerbare Energien massiv gefördert. Die Kosten der Energiewende sind enorm. Fotos: dpa (2), Mauritius, Universität

Karriere Justus Haucap ist seit 2009 Professor für Volkswirtschaftslehre an der HeinrichHeine-Universität Düsseldorf. Seit 2015 ist er Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Hochschule. Der heute 48-Jährige stammt aus dem niedersächsischen Quakenbrück und studierte unter anderem in Saarbrücken, Ann Arbor (Michigan/USA) und Berkeley (Kalifornien). Nach Abschluss seines Studiums und der Promotion 1997 arbeitete Haucap unter anderem im neuseeländischen Schatzamt.

Tausendsassa Haucap ist national und international viel unterwegs. Er ist Gründungsdirektor des Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) und war lange Mitglied der Monopolkommission, deren Vorsitzender er von 2008 bis 2012 war. Er beschäftigt sich mit vielen Themen und vertritt klare Meinungen. Haucap ist für die Abschaffung der Rundfunkgebühr sowie die Liberalisierung von Drogen wie Cannabis und ist ein vehementer Kritiker des ErneuerbareEnergien-Gesetzes (EEG). bl


Von links oben nach rechts unten: Montage beim Medizintechnik-Unternehmen Livetec; Nachtaufnahme vom Veranstaltungszentrum Burghof; das Leitungsteam der IT-Firma Inteso (Vincenzo De Nicola, Heiko Mückei, Martin Rauscher) mit dem Schornstein der Stoffdruckfabrik KBC im Hintergrund; das Innocel Innovationszentrum Lörrach ist in einem aufwendig umgebauten, historischen Industriehochbau untergebracht worden. Fotos: Livetec, dpa, Moritz Meidert, Thomas Dix, privat (2)

Lörrach: High-Tech-Dreiländereck Die Grenzstadt konzentriert sich unter anderem auf den Bereich der Life Sciences – aber von der Nähe der Schweiz profitiert man als junges Unternehmen erst, wenn man seine Hausaufgaben gemacht hat. Von Moritz Meidert und Hilmar Unterrainer

Start-up-Standort

I

n den letzten Ausläufern des Schwarzwalds hängen tiefe Wolken, es regnet sprichwörtlich Bindfäden als Martin Rauscher und Heiko Mückei zum Fototermin auf dem Fluchtbalkon des Innocel Innovationscenters in Lörrach bitten. Im vergangenen Herbst dauerte es nur wenige Wochen, bis die beiden ihr Unternehmen Inteso GmbH (www.intesogmbh.de) gegründet hatten. Als IT-Systemhaus mit Schwerpunkt auf IT-Sicherheit begleiten Sie mittlerweile Kunden in der Region und weit darüber hinaus. „Das Umfeld hier passt,“ sagt Rauscher. Das historische und Ende der 90er Jahre komplett neu gestaltete ehemalige Textildruckgebäude, in dem das InnovationsCenter Lörrach untergebracht ist, bietet optimale Bedingungen für Gründer. „26 Quadratmeter waren genau unsere Größe,“ meint Mückei, „genau richtig für drei Leute.“ Die vielen anderen Unter„Vor dem Schweizer nehmer, die gegenseitige Unterstützung, das alles hätte ihnen Markt stehen für uns noch einige arbeits- und den Start sehr viel leichter gemacht, sagen Mückei und Raudatenschutzrechtliche scher. Christopher Balke bestätigt das: „Das Innocel ist genau Fragezeichen.“ das Richtige für mich.“ NirgendMartin Rauscher vom IT-Start-up wo anders in Lörrach gäbe es ein Inteso aus Lörrach vergleichbares Arbeitsumfeld. Sein Unternehmen Nexacor (www.nexacor.de) ist auf individuelle Software- und Internetlösungen spezialisiert. Erste Software as a Service (SaaS)-Lösungen hat Balke als Ergänzung im Gepäck. Etwas überraschend: Die Grenznähe ist für die beiden IT-Unternehmen aktuell nicht viel mehr als ein netter Randaspekt. Insbesondere Kunden mit Hardwarewünschen seien durch die Zollpflichten schwierig zu bedienen. „Bei digitalen Produkten wird das nicht leichter,“ sagt Balke. Mittelfristig sieht er es wie die Kollegen von Inteso: „Ja, der Schweizer Markt ist definitiv ein Thema das wir strukturiert angehen möchten. Doch im Augenblick stehen davor noch einige arbeits- und datenschutzrechtliche Fragezeichen,“ sagt Rauscher. Für die Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Lörrach und Leiterin des Innocel Marion Ziegler-Jung ist hingegen die Grenznähe einer der grundlegenden Faktoren für die Innovationskraft im Dreiländereck. Schließlich sei spätestens 1835

mit dem Beitritt Badens zum Deutschen Zollverein für Schweizer Unternehmen, vorwiegend für Textilproduzenten, aber auch für zum Beispiel den Schokoladenhersteller Milka die Notwendigkeit zu Produktionsstätten am Nordufer des Rheins entstanden. Die Industrie ist in Lörrach auch heute noch von Bedeutung. „Obwohl wir hier in den letzten Jahrzehnten mehrere Zäsuren und alle klassischen Elemente des Strukturwandels wie wegbrechende große Arbeitgeber und eine starke Branchenverschiebung erlebt haben, ist das reiche Erbe der Industriekultur in Lörrach noch immer sichtbar,“ sagt Ziegler-Jung aus. Das gut 150 Jahre alte Gemäuer mit der modernen Gestaltung ist ein Beispiel dafür. Deshalb war es schon bei der Gründung des Innocel wichtig, sich auf die beiden Zukunftsbranchen IT und Life Science zu konzentrieren. Die allermeisten der aktuell 26 Unternehmen mit über 160 Mitarbeitern sind in diesen beiden Branchen zu Hause. Und vor allem die Life Science Branche profitiere sehr von der Nähe zu m traditionell in diesem Bereich starken Basel. Auch mit den französischen Nachbarn im Westen bestehe reger Austausch, so Ziegler-Jung: „Der Standort Lörrach ist stark geprägt durch die Lage an der EUAußengrenze“. Die Einkaufsstadt Lörrach profitiere von Kunden aus der Schweiz, und die Schweizer Unternehmen von mehr als 5000 Grenzgängern aus Lörrach. Anders als für die beiden IT-Unternehmer ist für Michael Schirmeier vom Medi-

zintechnikunternehmen Livetec Ingenieurbüro GmbH (www.livetec.de) die Grenze einer der entscheidenden Faktoren. Das auf nicht-invasive elektronische Medizintechnik spezialisierte Unternehmen ist seit der Gründung vor etwa 15 Jahren auf 25 Mitarbeiter gewachsen. Anders als in vielen anderen Gründerzentren ist die Bleibedauer im Innocel nicht begrenzt. Deshalb nutzen auch längst etablierte Unternehmen wie Livetec die Infrastruktur. „Wir konnten uns hier in einer anregenden und angenehmen Umgebung perfekt entwickeln,“ sagt Schirmeier. Der Standort sei zwar historisch begründet, Livetec ist aus einem größeren Unternehmen heraus entstanden, welches seinen Standort in Lörrach aufgegeben hatte. „Aber wir sind sehr gerne hiergeblieben,“ sagt Schirrmeier, „wir haben viele unserer Kooperationspartner hier in der Region.“ Die Enin Pharma GmbH sieht das ähnlich: Die Region hat durch die hohe Dichte an Unternehmen aus dieser Branche sehr viele Anknüpfungspunkte auch und gerade für jüngere und kleinere Unternehmen. „Enin Pharma identifiziert, „Wirkstoffkandidaten für die Krebstherapie,“ sagt Geschäftsführer Thomas Kolzau. Die Nähe zur Schweiz wird für Kolzau aber erst wichtig, wenn die Wirkstoffe soweit sind, dass es „gelingt, eine der ansässigen großen Pharmafirmen dafür zu interessieren.“ Unabhängig voneinander erzählen sowohl Ziegler-Jung als auch die IT-Unternehmer Balke, Rauscher und Mückei von

der jüngsten Initiative in der Region: „Lörrach innovativ“. Diese Gründungsinitiative wird getragen von mehreren Partnern, darunter der Dualen Hochschule DHBW Lörrach und dem „Phaenovum Schülerforschungszentrum Dreiländereck“. Balke, der selbst Schüler am Phaenovum betreut, hofft auf Impulse von dieser Initiative für die Region: „Schließlich gibt es hier noch nicht viel Gründerkultur außerhalb des Innocel.“ Auch für Ziegler-Jung ist die Initiative höchst willkommen. Nur leider bestehe mittlerweile ein gra- „Der Standort Lörrach vierender Mangel an weiteren ist stark geprägt Gewerbeflächen. durch die Lage an der Das bereits erwähnte Phaenovum ist ein weiteres Element der Außengrenze der EU.“ speziellen Lörracher Innova- Marion Ziegler-Jung, Leiterin tionskultur. Erst Ende April wur- der Wirtschaftsförderung de das 10-jährige Jubiläum des Schülerforschungszentrums gefeiert. Es bietet ein ansprechendes Kursprogramm für interessierte Schülerinnen und Schüler an und unterstützt junge Menschen bei eigenen Forschungen in den Bereichen Physik/Nanowissenschaft, Biologie/Chemie/LifeSciences und Informationstechnologie/Robotik. Mit ihren Projekten haben die Lörracher Schülerinnen und Schüler bereits zahlreiche Preise national wie international gewonnen. Das Phaenovum sei ein wichtiger Baustein, um junge Menschen nach einem Studium eventuell wieder in die Region zu holen, sagt ZieglerJung. Und das ist wichtig gerade für einen Standort am Rande der Republik.

DIE GASTAUTOREN VOM KONSTANZER GRÜNDERSCHIFF Moritz Meidert Er ist „Kapitän“ des bundesweit tätigen Gründerservice-Unternehmens Gründerschiff mit Sitz in Konstanz (Bild links). Nach dem Studium in Konstanz und Friedrichshafen hat er nach einer gescheiterten Unternehmensgründung, mehreren weiteren Gründungen sowie einiger Erfahrung als Gründungsberater im Jahr 2014 das Gründerschiff gestartet. (links) Hilmar Unterrainer Er ist Gründerschiff Lotse für die Region Südbaden und damit einer der Ansprechpartner für Gründer in und um Lörrach. Er ist selbst Teil eines Start-ups im Bereich Elektromobilität und hat bereits mehre-

re Gründungen hinter sich.Er ist einer der sogenannten Gründerschiff-Lotsen für die Region Bodensee und damit einer der Ansprechpartner für Gründer in und um Ravensburg. Er verfügt über Erfahrungen aus der Wirtschaft sowie aus Tätigkeiten in der öffentlichen Wirtschaftsförderung. Gründerschiff Das Gründerschiff begleitet mit regionalen, sogenannten Gründerschiff-Lotsen neben Unternehmensgründern auch kleine und mittlere Unternehmen bei Innovationspro-

jekten sowie Vorhaben, die den Gründergeist der eigenen Mitarbeiter fördern sollen. Außerdem bestehen Kooperationen mit Hochschulen, Kommunen und Landkreisen. Ziel ist es dabei, Angebote für Gründer auch in der Fläche besser zu verbreiten. Angebote Das Gründerschiff macht nach eigenen Angaben mehr als 8000 Angebote im Jahr für Gründer in Baden-Württemberg. Man will Regionen abseits der Metropolen abzudecken. Als Gastautoren werden lokale Experten für IdeenwerkBW über weitere Standorte berichten. red


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Stuttgarter Zeitung | St Nr. 3 | Ju

Herausforderung M Knochenersatz aus dem 3-D-Drucker

Es muss nicht immer Industrie 4.0 sein: Süddeutschland und insbe Doch Start-ups in diesem Bereich bewegen sich in einem Umfeld, das viele sp Wir stellen Unternehmen aus Tuttlingen und Reutlingen vor sowie Innovation

Die Firma EIT aus der Nähe von Tuttlingen mischt den Markt für Implantate mit einer neuen Technologie auf. Von Oliver Schmale

Start-up

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er 3-D-Druck ist in aller Munde. Die möglich, wesentlich einfacher komplexere neue Technik kommt im Bereich der Implantate herzustellen, die beispielsweiMedizin noch nicht allzu oft zum se in der Höhe verstellbar sind. Eisen und Einsatz. Die Emerging Implant Technolo- sein niederländischer Partner Eekhof halgies GmbH (EIT) mit Sitz im baden-würt- ten an EIT die Mehrheit der Anteile. Bis tembergischen Wurmlingen bei Tuttlingen September vergangenen Jahres flossen insist ein besonders Start-up. Dahinter ste- gesamt rund 2,5 Millionen Euro an Eigencken der 52 Jahre alte Deutsche Guntmar mitteln und Fremdkapital in das UnternehEisen und sein 60 Jahre alter niederländi- men. Ziel sei es gewesen, mit eigenen Mitteln scher Kompagnon Hans Eekhof. Sie kennen sich schon seit Jahren. Das und mit Hilfe der Bank so weit wie möglich Duo unterscheidet sich deutlich von ande- zu kommen, sagt der 52-Jährige. Der Vorren Unternehmensgründern. Eisen, der teil kleiner Unternehmen sei die Agilität einst Produktentwicklung an der Fach- und Möglichkeit der Verkürzung der Enthochschule Furtwangen studierte, ist prak- wicklungszeit. Doch nun steht der nächste tisch bis auf eine kleine Ausnahme am An- große Schritt an. Es ist die Expansion nach fang seiner beruflichen Laufbahn bisher Amerika geplant. Die Zulassung für die immer im Bereich der Medizintechnik tätig Vereinigten Staaten sei eingereicht worden. Mit einem positiven Votum rechnet gewesen. Er startete einst bei Aesculap in Tuttlin- Eisen Mitte des Jahres. Für die weitere Internationalisierung gen. Die Region rund um die Kleinstadt gilt als Weltzentrum der Medizintechnik mit setzen er und sein Partner auf die Mittelrund 400 entsprechenden Unternehmen. ständische Beteiligungsgesellschaft, die seit Anfang an mit von der Hier kam Eisen 1992 zum ersPartie ist, sowie auf die Wagten Mal mit Medizinproduk- Die Innovation niskapitalgeber VC Fonds Baten in Berührung. „Da bin ich von EIT sind nicht den-Württemberg und den durch Zufall in den Bereich die Produkte privaten Medizintechnik-InWirbelsäule gekommen.“ Und vestor SHS, Gesellschaft für das Thema fasziniert ihn bis sondern deren Beteiligungsmanagement mit heute. So erzählt der Inge- Herstellung. Sitz in Tübingen. Der amerinieur voller Begeisterung von kanische Markt ist für das einer „sagenhaften Zeit im Produktmanagement“, bei der er die vielfäl- Unternehmen mit einem Entwicklungsbudget von aktuell rund 1 Million Euro tigen Aspekte des Geschäfts kennenlernte. Nach acht Jahren bei Aesculap küm- unter anderem aus folgendem Grund atmerte sich Eisen längere Zeit bei einem Ge- traktiv: Dort kann für das Hightech-Promeinschaftsunternehmen, das die Toch- dukt deutlich mehr verlangt werden als in tergesellschaft des Melsunger Medizin- Deutschland. Hierzulande sei der Markt schwieriger, konglomerats B. Braun zusammen mit einem Partner ins Leben gerufen hatte, um sagt Eisen. Krankenhäuser schließen sich Zulassung und Vermarktung einer Band- zu Einkaufsverbänden zusammen und verscheibenprothese mit dem Schwerpunkt suchen so die Anzahl der Zulieferer zu reNordamerika. Das Unternehmen wurde duzieren. Sie seien profitorientiert und hätten zunächst geringes Interesse an neuspäter verkauft. So gründete er 2004 zusammen mit an- en Technologien. „Die Kassen versuchen, deren ein erstes Medizintechnikunterneh- die generelle Erstattung der men namens Paradigm Spine GmbH. Dort neuen Produkte so lange als ist er heute immer noch aktiv. Und im Zuge möglich zu verzögern. Das dessen befasste sich Eisen ab dem Jahr schafft zusätzliches Ge2012 ausführlich mit den Einsatzmöglich- schäftsrisiko und Kapitalkeiten von neuen Technologien im Bereich bedarf“, sagt Eisen. der Wirbelsäulenimplantate. Da ist der Ingenieur dann auf die 3-D-Technologie (3DDruck oder additives Fertigungsverfahren genannt) aufmerksam geworden. „Mit ihrer Hilfe können knöcherne Strukturen nachempfunden werden“, erläutert er. Es Die Implantate von EIT bestehe gleichzeitig eine größere gestalte(links unten) wachsen in rische Freiheit bei der Herstellung der Prodie Wirbelsäule hinein. dukte. Auch sein heutiger Partner - der NieFotos: EIT, Kaulitz/Adobe Stock derländer Hans Eekhof kümmert sich heute aus dem Nachbarland heraus um den Vertrieb - habe sich intensiv mit der Technik auseinandergesetzt. So kam es dann zur Gründung von EIT. Solche Gründungen sind nach Meinung von Eisen schwieriger als andere. So spiele der Kostendruck im Gesundheitswesen eine große Rolle und es gebe zugleich hohe Anforderungen bei der Zulassung von neuen Technologien durch die Medizinprodukteverordnung. Gründer könnten sich auch nicht schrittweise in die Materie einfinden. Insgesamt hat das Unternehmen EIT vier Patente eingereicht und bemüht sich zugleich um ein Patentportfolio. „Wir haben recherchiert, was für Patente es gibt, die zur 3-DTechnik passen“, sagt Eisen und betont: Mit ihrer Hilfe sei es zugleich

EIT – NICHT ENTWICKELN, SONDERN INNOVATIV PRODUZIEREN Unternehmen Die Emerging Implant Technologies GmbH mit Sitz im baden-württembergischen Wurmlingen wurde Anfang 2014 gegründet. Sie stellt im 3D-Druck Implantate für die Wirbelsäulenversteifung her. Dabei konzentriert sie sich auf deren Produktion und nicht auf die Neuentwicklung der Teile.

Produkten im orthopädischen Bereich, der Implantate ausschließlich mit so genannten additiven Fertigungsverfahren produziert. Das filigrane Teil kann demnach anatomisch perfekt angepasst werden, und es ist zudem stabiler. Das gedruckte Gerüst bleibt so langfristig erhalten, und Zellen können hineinwachsen.

Produkt EIT ist den Angaben des Gründers zufolge der erste Hersteller von medizinischen

Fertigung Bisher sind den Angaben zufolge über 10 000 Patienten mit einem entspre-

chenden Wirbelsäulenimplantat versorgt worden. Für das Unternehmen sind aktuell 15 Mitarbeiter tätig. Es setzte im vergangenen Jahr 2,7 Millionen Euro um und liefert bisher in 15 Länder. Bisher werden die Wirbelsäulenimplantate noch bei einem Partner in Belgien gefertigt . Der Druck dauert einen Tag. In den nächsten Monaten soll allerdings auch vor Ort in Wurmlingen gefertigt werden. Schmale

Neben Biotechnologie und Pharmazie ist die Medizintechnologie, die von Diagnosegeräten bis hin zu Implantaten, ein br

Investieren mit viel

Die Tübinger Beteiligungsfirma SHS spezialisiert sich ausschließlich auf Fokussierung auf ein schwieriges, aber nachhaltiges Thema in Deutschland ein Kapital

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as Stichwort Idylle ist nicht vac, in das der Microsoft-Gründer Bill übertrieben. Hubertus Leon- Gates investiert hat. Doch hier und im Behardt, einer der fünf Partner reich Pharma kann es gleich einmal um der Beteiligungsgesellschaft dreistellige Millionenbeträge gehen. „Das SHS hat den ruhig dahinflie- ist für uns nicht geeignet,“ sagt Leonhardt. ßenden Neckar in Tübingen direkt vor der SHS investiert in einzelne Unternehmen Tür. Linker Hand schweift der Blick sogar maximal im zweistelligen Millionenbereich und konzentriert sich auf die Postkartenkulisse an deshalb ganz auf den Bereich der Neckarbrücke. Die Welt der Medizintechnik – und ist der Medizintechnologie ist mit diesem Fokus einmalig in eine andere als die der hippen Deutschland. Konsumenten-Start-ups oder Für Implantate oder medider in die Entwicklungsprozinische Geräte sind die Inzesse der Industrie eingebunvestitionssummen nicht ganz denen Digitalisierungsideen. so hoch und die GenehmiVor zwanzig Jahren hätten Foto: SHS gungsverfahren nicht ganz so die eigentlich anderswo in Deutschland beheimateten „Für die Zulassung lang. Wer an einem der etwa alle vier bis fünf Jahre neu Initiatoren des Fonds den können vier bis aufgelegten Fonds teilhaben Standort Tübingen gezielt ausgewählt, sagt er. Zentral fünf Jahre ins Land will, sollte mindestens ein bis zehn Millionen Euro mitbringenug, um über den Flughafen gehen – erzählen Stuttgart auch die Welt errei- Sie das einer Bank.“ gen. Das sind Beträge, die etwa für die Investmentzweige von chen zu können. Vor allem Mittelständlern, die so geaber innerhalb eines Radius Hubertus Leonhardt, Partner bei der Tübinger SHS nannten „familiy offices“, gelegen, in dem in Südmaßgeschneidert sind. Instideutschland, aber auch in der nahen Schweiz viele Unternehmen und tutionelle Investoren steigen auch mit höStart-ups aus dem Bereich Medizintechno- heren Summen ein. Auch im Bereich der Medizintechnolologie gedeihen. „Sie wollen möglichst binnen zwei bis drei Stunden am Schreibtisch gie sind für Investoren die Herausfordedes Unternehmens sitzen“, sagt Leonhardt. rungen und das notwendige Spezialwissen Im Raum Tuttlingen und Balingen liegt in hoch. Das schnelle Geld ist hier nicht zu Baden-Württemberg traditionell ein machen. Doch das wollen die Anleger, zu Schwerpunkt, die Universität Tübingen hat denen Pensionsfonds und Versorgungsmit ihren Fachleuten und medizinischen werke gehören, auch nicht – sie wollen Einrichtungen ein großes Renommee, etwa Nachhaltigkeit. Es geht um Rendite, nicht um Idealismus – aber ethische Standards für medizinische Studien. Zwar gibt es in Tübingen auch Unter- gehören dazu. Immerhin seien hier die nehmen der Biotechnologie wie etwa Cure- Entwicklungen berechenbarer als im Phar-


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tuttgarter Nachrichten uni 2017

Medizintechnologie

esondere Baden-Württemberg ist auch ein Zentrum für die Medizintechnologie. pezifische Kenntnisse über die besonderen Spielregeln dieses Marktes erfordert. einen Tübinger Investor, der sich auf dieses Thema spezialisiert hat.

Retina Implant hat einen Chip für die Netzhaut entwickelt und bietet Geräte für eine ambulante, mit elektrischen Impulsen arbeitende Stimulationstherapie an. Fotos: Retina Implant

Ein Marathonlauf bis zur Markteinführung Retina Implant aus Reutlingen hat fast 15 Jahre nach der Gründung die Ziellinie erreicht. Von Andreas Geldner

Entwicklung

A

reites Spektrum von Innovationen umfasst, in Südwestdeutschland ein wichtiger Innovationstreiber.

l Geduld

uf Medizintechnologie – und ist mit dieser n Sonderfall. Von Andreas Geldner mabereich, wo es es ein viel größeres Lotteriespiel sei, ob eine Entwicklung am Ende funktioniere, sagt SHS-Partner Leonhardt. „Der Markt wächst, Innovationen werden belohnt und mit neuen Produkten lassen sich Marktanteile gewinnen“, sagt Leonhardt. „Gleichzeitig gibt es im Gesundheitsmarkt einen Kostendruck und den Wunsch nach hoher Qualität.“ All dies sei ein Nährboden für neue Ideen. Am Besten sei es, wenn man die Krankenkassen davon überzeugen könne, dass sie bei mindestens gleichen Standards Kosten sparen könnten. Es geht deshalb nicht nur darum, Bei der Firma Puracon aus dem SHS-P ortfolio ob ein Produkt funktioniert, sondern ob es werden Implantate verpackt. Foto: SHS sich rechnet. „Sie brauchen da auch ein gesundheitsökonomisches Gutachten,“ sagt WO INVESTIERT SHS? Leonhardt. Doch insbesondere Gründer in diesem Gesellschaft Das vor zwei Jahrzehnten gegrünBereich brauchen von vornherein starke dete Beteiligungsunternehmen SHS investiert und auch geduldige Partner. „Die regulato- etwa ein Drittel in Start-ups, ein Drittel in rischen Aufwendungen steigen auch für Unternehmen, die expandieren wollen und ein kleinere Unternehmen. Sie haben einen weiteres Drittel in das Thema Übernahmen. höheren Kapitalbedarf als vor 20 Jahren“, Mit 20 Unternehmen im Portfolio haben die sagt Leonhardt. Man benötige für jedes Tübinger in den vergangenen zwei Jahrzehnten Land, in dem man sein Produkt anbieten rund 300 Millionen Euro investiert. Zwei Börwolle, regulatorische Kompetenz und man sengänge und Verkäufe an Konzerne gehören müsse die Erstattungssysteme verstehen. bisher zur Bilanz. Kleine Firmen und Start-ups stoßen hier schnell an ihre Grenzen. „Bis ein Investments Ein Aushängeschild ist beispielsUnternehmen mal die erste Rechnung weise die Tuttlinger Firma EIT, die mithilfe von schreiben kann, ist viel Wasser den Neckar 3D-Druck Wirbelsäulenimplantate herstellt hinuntergeflossen“, sagt Leonhardt: „Für (siehe Text auf dieser Doppelseite). Ein weiteeine Zulassung können auch einmal vier bis res Unternehmen aus Baden-Württemberg ist fünf Jahre ins Land gehen – erzählen Sie das im vergangenen Jahr von SHS übernomdas einer Bank.“ Der Ausleseprozess ist mene Balinger Unternehmen Medigroba, ein knallhart. Von 300 bis 400 Projekten, die Anbieter von Hilfs- und Pflegemitteln. Daneben sich SHS jedes Jahr anschaut, schaffen es laufen zurzeit auch noch eine ganze Reihe vielleicht 20 in die Endauswahl – investiert von Investments in Bayern, der Schweiz und wird dann am Ende in drei oder vier. Österreich. age

Foto: kentoh/Adobe Stock

m Anfang der Geschichte von Retina Implant stand erst einmal nicht die Geschäftsidee. „Der Impuls war der medizinische Bedarf“, sagt Reinhard Rubow, der schon vor 14 Jahren das Unternehmen gründete, das da bereits eine mehrjährige Vorgeschichte in der Forschung an der Universität Tübingen hatte. Es ging um eine besonders grausame Augenkrankheit. Retinitis pigmentosa, eine genetisch bedingte Degeneration der so genannten Fotorezeptoren im Auge, bedeutet für den Patienten, dass er weiß, er wird eines Tages erblinden. Doch es gibt bisher keinerlei Möglichkeit, dies zu verhindern oder zumindest weniger gravierend zu machen,. „Das ist nicht nur für den Patienten, sondern auch für den Arzt eine schwer erträgliche Situation“, sagt Rubow. Retina Implant hat einen Chip entwickelt, der ins Auge eingepflanzt werden kann und den betroffenen Patienten wenigstens eine gewisse Sehfähigkeit erhält. Für die Technologie hätte es potenziell andere, größere Märkte gegeben – doch der Impuls war es, ein menschlich besonders schmerzliches Gesundheitsproblem zu lösen. Doch die Tatsache, dass erst jetzt, nach mehr als einem Jahrzehnt intensiver Entwicklungstätigkeit, der Schritt zur Vermarktung des Produkts gegangen werden kann, zeigt auch, vor welchen enormen Hürden Neuentwicklungen der Medizintechnologie stehen können, insbesondere, wenn sie im Rahmen eines Start-ups vorangetrieben werden. Mit einer solchen Entwicklungsdauer, die etwa zur Hälfte der Technologie, zu anderen Hälfte aber den notwendigen Zertifizierungen und Genehmigungen geschuldet ist, liegt Retina Implant für die Medizintechnik im oberen Spektrum – aber gleichzeitig in einem Bereich, der etwa bei pharmazeutischen und und biotechnologischen Neuentwicklungen absolut üblich ist. Auch bei der Entwicklung braucht es immer Kontakt zu Hochschulen, vor allem zum Naturwissenschaftlich Medizinischen Institut der Universität Tübingen. „Nein, als ich damit anfing, hätte ich nie gedacht, dass es solch ein langer Weg wird“, sagt Rubow: „Wir haben damals einen tollen Businessplan gehabt, Volumen etwa 15 Millionen Euro. Am Ende hat es die doppelte Zeit gebraucht und das dreifache Geld.“ Er und seine Mitstreiter hatten das Glück, dass er von Anfang an geduldige Investoren im Boot hatte, denen es nicht um das schnelle, große Geld ging, sondern um Nachhaltigkeit. Auf einer ganzen Vortragsfolie kann er die lange, frustrierende Suche nach Geldgebern illustrieren. Banken winkten angesichts des Zeithorizonts und des Risikos gleich ab. Rein auf Rendite hin orientierte Risikokapitalgeber wollten erst

wissen, dass das Ganze im Menschen funktioniert. Technologieunternehmen als mögliche Partner wollten das Produkt erst am Markt sehen, bevor sie einstiegen. Und die Anträge für staatliche Fördermittel charakterisiert man als „furchtbar aufwendig“ schon für Beträge von 50 000 Euro. Staatliche Forschungsförderung von immerhin mehr als zehn Millionen Euro gab es nur bis zum Zeitpunkt der Gründung. Am Ende waren es dann Geldgeber mit einer persönlichen Nähe zu den Gründern und ein risikobereiter Hedgefonds aus New York, die zum Engagement bereit waren. „Sie brauchen Leute, die an die Idee glauben, dann können sie die Durststrecken überwinden“, sagt Rubow. Die bisherigen Investoren gingen im vergangenen Jahr auch den kapitalintensiven Schritt zur Vermarktung des Produktes mit, für den noch einmal 26 Millionen Euro frisches Geld eingeworben wurde.

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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

In Kooperation mit:

Marketing und Vertrieb werden 2017 jetzt die Hälfte der geplanten Ausgaben ausmachen. Nun will das Unternehmen mit zwei Produkten an den Markt, dem genannten Chip zur Implantation ins Auge und einem Therapieverfahren, das mit elektrischen Impulsen arbeitet – und das sich im Zuge des Entwicklungsprozesses ergab. Am Beispiel der beiden Produkte kann Reinhard Rubow auch erläutern, wie schwierig die Marktlogik im Gesundheitswesen sein kann. Der Chip schafft es in den Erstattungskatalog der Krankenkassen, die ambulante Therapie bisher nicht. Die Patienten selber jedenfalls sind überzeugt. Der weitaus größte Teil sei bereit, die 5500 Euro – etwa so viel wie ein aufwendiges Hörgerät – aus eigener Tasche zu bezahlen.

RETINA IMPLANT – CHIPTECHNOLOGIE FÜR DAS AUGE Produkte In 15 Jahren Forschung und Entwicklung hat das im Technologiepark Tübingen-Reutlingen angesiedelte Unternehmen Retina Implant zwei Produkte marktreif gemacht: Ein Netzhautimplantat und eine Therapie per Elektrostimulation. Ziel ist es, das Sehvermögen von Menschen mit der degenerativen

Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa länger zu erhalten oder es zumindest teilweise wiederzugewinnen. Entwicklung Seit 1995 wurden für das Projekt rund 52 Millionen Euro für die Forschung, Entwicklung, Erprobung und Zulassung des Retina Implantats ausgegeben. Weitere 7,6

Millionen Euro kostete seit 2009 die Entwicklung der Elektrostimulation. 10,3 Millionen stammten aus staatlicher Forschungsförderung (im Wesentlichen vor der Firmengründung), 49,2 Millionen kamen von privaten Investoren. Im Zuge der Markteinführung hat die Firma die Mitarbeiter von 30 auf 45 aufgestockt. age


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Stihl fördert den Spieltrieb Auf unterschiedlichen Wegen und mit einer großen Offenheit für die Start-up-Kultur sucht der Sägenhersteller nach neuen Produkten für das digitale Zeitalter. Von Susanne Roeder

Innovation

W

olfgang Zahn, der Entwicklungsvorstand bei Stihl hat einen Leitsatz: „Wer Geld investiert, muss eine große Menge seriös investieren. Man braucht aber auch ein wenig Spielgeld – ohne die Gewähr, dass daraus ein Bluechip wird.“ Neben der Digitalisierung des Unternehmens an sich im Sinne von Industrie 4.0 tüftelt Stihl seit etwa drei Jahren auch daran, welche digitalisierten Produkte seinen Kunden zusätzlichen Nutzen schaffen. Die unverändert hohe Eigenkapitalquote von 70 Prozent ermöglicht Stihl langfristiges Planen und langen Atem. Geld für Neues einsetzen, gezielt und spielerisch, lautet das Motto. Produktionsstandorte hat Weltmarktführer Stihl überall: Deutschland, Schweiz, Österreich, als größten Standort Virginia Beach (USA), Brasilien, China mit mehreren

Der Stihl-Entwicklungsvorstand Wolfgang Zahn, blickt über bisherige Produkte hinaus.

Standorten und die Philippinen. Neu dazugekommen als achtes Standbein ist die Start-up-Hochburg Tel Aviv. Wenngleich es bisher nur eine minimale Präsenz gibt, zeigt sie doch: Wir sind dabei, spielen mit im sich rasant entwickelnden Markt der vernetzten Produkte. Die intelligente Beregnung von Gartenanlagen war die logische Fortführung der Angebotspalette bei Stihl. Sie führte zur Beteiligung am israelischen Start-up Green IQ mit rund 35 Prozent im Januar dieses Jahres. In Tel Aviv entwickelt eine kleine Software-Mannschaft, die mittlerweile von neun auf zwölf Personen gewachsen ist, komplett die IT für die Rasenberegnung. Auslöser für die Gespräche mit Odi Dahan, Elektroingenieur und Gründer von Green IQ, war der technikbegeisterte Spieltrieb des Gartenfreundes Bertram Kandziora, Vorsitzender des Vorstandes bei Stihl. Im Sommer des vergangenen Jahres bestellte und testete er privat die ersten von Green IQ erhältlichen Produkte. „Er war so begeistert, dass er mich anrief und fragte: ‚Warum machen wir so etwas nicht?‘“, sagt Zahn. Natürlich könne Stihl ein solches Produkt auch machen. Aber bis man es produziere, vergehe Zeit: „Odi Dahan hat Ideen, wir haben Geld.“ „Wie wir in unserem Kopf macht sich das Gerät ständig Gedanken. Nur dass es noch schlauer ist als wir, weil es die Daten permanent vorliegen hat und übers Internet mit dem aktuellen Wetterbericht verbunden ist“, so beschreibt Zahn die Funktionsweise des tellergroßen Produktes. „Außerdem kaufen sich immer mehr Menschen die eigene lokale Wetterstation. Die kann man ganz einfach integrieren und damit noch akkurater kalkulieren, ob und wie viel es zu beregnen gilt.“ Bestens vernetzt steht das kleine intelligente Gerät dann irgendwo im Haus und kann mit einem Ausgang von 24 Volt, der üblichen Stromstärke von Wasserventilen, bis zu 16 Wasserventile ansteuern, die es öffnet oder schließt. Ein normal großer privater Garten braucht für gewöhnlich ein bis zwei Wasserventile. „Die Intelligenz und die Elektronik dazu stammen aus Israel“, sagt Zahn. Speziell nach den Vorstellungen von Stihl kann sich das Beregnungssystem in der zweiten Evolutionsstufe mit dem Rasenrobotermäher I-mow vernetzen, sodass

Kai Ondratschek (r.) und Ante Hamersmit wollen mit „Växt“ die Pflanzenbewässerung revolutionieren. beispielsweise nicht beregnet wird, wenn das Gerät mäht. Zahn spricht von „unheimlich vielen Möglichkeiten“, die heutige Kleinstcomputer anbieten können. „Mal angenommen, wir haben die Motorsäge auch vernetzt, sie liegt im Garten und das Gerät weiß, dass es demnächst regnet. Dann kann mir die Motorsäge natürlich ein Warnsignal auf mein Smartphone geben.“ Auf die Frage, ob Green IQ dieses Wissen dann nicht auch für Produkte anderer Hersteller einsetzen kann, reagiert Entwicklungsvorstand Zahn gelassen: „Über kurz oder lang wird es nur noch offene Systeme geben. Denn Kunden wollen unterschiedliche Produkte von unterschiedlichen Herstellern und erwarten, dass sie alle

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Fotos: Roeder

miteinander kommunizieren können.“ Man sucht nach Schnellbooten zusätzlich zum erfolgreichen Tanker Stihl. und will mit überschaubarem finanziellem Einsatz möglichst schnell eine Produktidee testen. Deshalb, und nicht zuletzt auch um sich beim Kampf um Talente als junger unkonventioneller Arbeitgeber zu profilieren, hat Stihl unweit der eigenen Werkstore Räumlichkeiten als Spielwiese angemietet. Im Rahmen des zusammen mit den Stuttgarter Start-up-Coaches der Firma Pioniergeist organisierten, mehrmonatigen Programms Activatr arbeiten Stihl-Mitarbeiter in gemischten Teams mit zwei bis drei externen Teammitgliedern zusammen, die Start-up-Erfahrung mitbringen. Die Stihl-Mitarbeiter beziehen weiter ihr Gehalt, werden aber für die Monate ihrer Arbeit am anvisierten neuen Produkt freigestellt. Ausgang ungewiss. Neben der Frage, ob das Produkt letztlich in Serie geht, kann sich auch der Mitarbeiter „Wer Geld investiert, muss eine überlegen, ob er zum große Menge seriös investieren. Unternehmen zu- Man braucht aber auch ein wenig rückkehren oder Start-up- Unterneh- Spielgeld – ohne die Gewähr, mer werden will. dass daraus ein Bluechip wird.“ Mit seinem smar- Der Stihl-Entwicklungsvorstand Wolfgang Zahn ten grünen Daumen zur Frage, warum Risiko zur Innovation gehört. scheint das Start-up ‚Växt‘ ins Schwarze getroffen zu haben. Es ist das erste von derzeit zwei kleinen Start-ups, die Stihl über ein halbes Jahr finanziert. Das vierköpfige Team wird sein Produkt rechtzeitig zu Weihnachten realisieren und seinen Bestellkunden zuschicken können. In den Topf jedweder Pflanze kann ein batterieloser Sensor gesteckt werden. Über die „formschöne“ Mobileinheit, sagt Kai Ondratschek, wird der genaue Gießbedarf jeder vernetzten Pflanze ermittelt. Aufgrund ihrer Intelligenz lernt das System bei jedem Gießen den Wasserbedarf der Pflanzen und das individuelle Gießverhalten seiner Benutzer besser kennen. Schon geht das Programm Activatr in die nächste Start-up Runde, und wieder wer-den zwei Teams von Stihl dabei sein im Bestreben, die eigene Produktpalette noch smarter zu machen.

DIE STIHL-PROJEKTE – VON A WIE ACTIVATR BIS V WIE VÄXT

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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Green IQ Beim israelischen Unternehmen Green IQ geht es um vernetzte Produkte für den Garten. Das Gerät wird zwischen 250 und 500 Euro kosten und soll rund 50% Wasserverbrauch sparen. Kaufen kann man das Gerät vermutlich Ende des Jahres, spätestens aber nächstes Jahr Activatr Neben ihrer Beteiligung an Green IQ machen die Waiblinger mit am Programm Activatr, in dem auf Vermitt-

lung der Stuttgarter Pioniergeist GmbH erfahrene Startup Gründer mit etablierten Unternehmen zusammenarbeiten, um innovative Ideen für die digitale Zukunft schneller zur Marktreife zu bringen. Derzeit fördert Stihl Växt und Freiraum. Växt Nachdem sich das Crowdfunding via Kickstarter übererfüllt hat, beginnt Växt bald mit der Produktion. Ob bis zur Weihnachtszeit schon der

Verkauf über Vertriebspartner gelingt, ist angesichts des ambitionierten Zeitrahmens von Prototyp bis Produktion noch offen. www.växt.de Freiraum Beim Start-up-Team ‚Freiraum‘, der Name ist Programm, sollen digitale Dienste ins-besondere kleinen Betrieben in Forst-, Wald- oder Landwirtschaft die Büroarbeit vereinfachen. Freiraum ist noch in der Aufbauphase: www.freiraum.xyz. roe


Wirtschaft in Baden-Württemberg 23

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Immer mehr ältere Beschäftigte stehen auch in der Industrie noch lange ihren Mann. Dabei hilft, dass der Anteil körperlich anstrengender Tätigkeiten durch die Automatisierung, aber auch technische Hilfsmittel, immer weiter Foto: Audi sinkt. Viele Unternehmen greifen gern auf die erfahrenen und häufig gut ausgebildeten älteren Mitarbeiter zurück.

Die Demografie als Chance sehen Der stark wachsende Anteil älterer Menschen in den Industriestaaten muss uns nicht Angst machen. Von Gerhard Bläske

Alterung

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Die Einsatzmöglichkeiten der Ehemaligen sind vielfältig. Fotos: Daimler

ie deutsche Bevölkerung wird immer älter. Bis 2030 steigt die Zahl der Menschen über 65 von heute etwa 16,3 Millionen auf voraussichtlich mehr als 22 Millionen. Gleichzeitig sinkt die Bevölkerungszahl insgesamt. Immer weniger Jüngeren stehen also immer mehr Ältere gegenüber. Lange Zeit war in diesem Zusammenhang von der „säkularen Stagnation“ die Rede. In der Wirtschaftsforschung wurde mehrheitlich die Meinung vertreten, das nachlassende Bevölkerungswachstum bzw. die schrumpfende Zahl der Erwerbstätigen, eine geringere Produktivität älterer Beschäftigter und eine sinkende Nachfrage führten zu einer dauerhaften Wirtschaftsflaute. Die Realität widerlegte diese These. Der MIT-Ökonom Daron Acemoglu und sein Kollege Pascual Restrepo von der Boston University fanden in einer internationalen Studie sogar heraus, dass es eine postive Korrelation zwischen mehr Alten und dem Wirtschaftswachstum gibt. Denn stark alternde Gesellschaften ersetzten menschliche Arbeitskräfte durch Automatisierung und überkompensierten somit negative Effekte der Alterung. Auch sonst wird das Thema Alter längst nicht mehr nur als „Versorgungsthema“ verstanden. Ältere werden nicht nur als Arbeitskräfte entdeckt, die durchaus etwas

einzubringen haben. Sie werden auch vom Markt entdeckt. Die Zahl neuer Anbieter von Dienstleistungen, Sicherheitstechnik und seniorengerechten Produkten wächst. Die demografische Entwicklung bietet also durchaus Chancen. Zwar wird nicht jeder Senior hundert Jahre alt. Doch das Beispiel des hundertjährigen Marathonläufers Fauja Singh zeigt, dass ältere Menschen in hohem Alter zu erstaunlichen Leistungen fähig sind. Insofern muss uns vor der demografischen Entwicklung in unserem Land nicht bange sein. Die sogenannten silver ager stehen als Beschäftigte, Gründer, Unternehmer und Konsumenten häufig voll im Leben. Ob der Elektro-Rollator Ello oder der interkulturelle Pflegedienst Ikra: „Wir stellen in unserer Praxis fest, dass immer mehr Gründer mit ihren Vorhaben gezielt Senioren ins Visier nehmen“, sagt Michael Weißleder, Gründungsberater bei der IHK Region Stuttgart. Viele Gründer sind selbst schon älter. Nach einer Studie des RKW-Kompetenzzentrums in Eschborn „entspricht der Mythos vom `jungen Gründer`, der direkt aus der Universität ausgründet, schon lange nicht der Realität. Der durchschnittliche High-Tech-Gründer (ohne Informationsund Telekommunikationsbranche, ITKSektor) ist aktuell 45 Jahre alt.“ Weiter heißt es in der Studie: „Die Alterung der deutschen Bevölkerung kann anstatt als Bedrohung als Chance für das Gründungsgeschehen angesehen werden.“ Aus einer höheren Quote älterer Gründer sei „keine geringere Wertigkeit für das Gründungsgeschehen insgesamt“ abzuleiten. Es sei sogar „eher eine qualitative Aufwertung des Gründungsstandorts Deutschland zu erhoffen.“ Auch als Arbeitnehmer gewinnen Ältere an Bedeutung. Die Zahl der Erwerbstätigen jenseits der 55 steigt. Laut Mikrozensus waren 2015 noch 71,6 Prozent der 55- bis 64-Jährigen in Baden-Württemberg er-

DIE NETZWERKE DER SENIOREN Experconnect Etwa 15 Prozent der 5500 Senioren in der Datei des 2005 in Paris gegründeten Netzwerks sind bei der deutschen Tochter in Stuttgart registriert. Vermittelt werden Fachleute aus vielen Bereichen, die ihre Expertise in vielen Ländern oder Branchen einbringen, berichtet Thomas Brodbeck, Geschäftsführer der in Stuttgart beheimateten deutschen Tochter. Zu den Kunden gehören etwa die Deutsche Bahn, die Deutsche Telekom und das Nuklearunternehmen

Areva, aber auch viele Mittelständler. Die Arbeitseinsätze dauern von zweitägigen Schulungen bis zu einem Jahr. Space Cowboys Ehemalige DaimlerMitarbeiter, die im Ruhestand sind, unterstützen im Rahmen dieses Projekts temporär und auf freiwilliger Basis den Autohersteller mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten. Gebraucht werden sie und ihre Fachkenntnis etwa, wenn eine neue Produktionslinie hochgefahren wird.

Senioren der Wirtschaft Ehemalige Spitzenmanager oder Unternehmer nutzen ihr langjähriges Wissen aus dem Berufsleben für die Beratung von Unternehmensgründern, aber auch die Unternehmensentwicklung und Nachfolge. Die Beratung ist gratis. Fällig wird nur eine kleine Aufwandsentschädigung für die Erstberatung. Die etwa 45 Berater arbeiten auch mit der IHK, der Bürgschaftsbank, Gründerzentren, Banken und dem Arbeitsamt in Stuttgart zusammen. bl.

werbstätig, deutlich mehr als im übrigen Bundesgebiet und in den meisten Ländern Europas. Von den über 65-Jährigen sind immerhin 8,7 Prozent beruflich tätig. Die Mobilisierung des großen „Potenzials der Älteren für den Arbeitsmarkt wird in der Zukunft unverzichtbar sein“, schreibt das RKW-Kompetenzzentrum in der Studie „Gründerinnen und Gründer ab dem mittleren Alter: Schlüsselfaktor für die Wirtschaft“. Um die Erwerbsbeteiligung zu erhöhen und die Menschen länger fit zu halten, arbeiten viele Unternehmen an altersgerechteren Arbeitsbedingungen. Neben einem speziellen Generationenmanagement wie bei Daimler gehören dazu auch flexiblere Arbeitszeitmodelle und ein aktives Gesundheitsmanagement. Die Wirtschaft muss auch andere Beschäftigungsreserven heben. So intensiviert etwa die badenwürttembergische Metallund Elektroindustrie ihre Aus- und Weiterbildungskapazitäten, um An- und Ungelernte im Rahmen von Teilqualifizierungsmaßnahmen weiterzubilden. „Wir müssen die Geringqualifizierten mitnehmen“, sagt Thorsten Würth, bei Südwestmetall für Arbeitsmarktpolitik und Weiterbildung zuständig. Ein riesiges Potenzial bietet auch die Mobilisierung von Frauen, die heute oftmals besser ausgebildet sind als Männer. Viele Unternehmen haben Kinderbetreuungsmöglichkeiten wie Betriebskindergärten geschaffen oder bieten flexiblere Arbeitszeiten, die es erlauben, den Beruf und die Familie besser miteinander zu vereinbaren. Unternehmen nutzen das Wissen der Senioren auch auf andere Weise. Ein Beispiel ist Experconnect, ein Netzwerk aus mehr als 5500 Senioren in Europa. „Wir haben Ingenieure, Mathematiker, Psychologen, Rechnungsexperten und viele andere Fachleute in unserer Datei, die über eine oft sehr spezielle Expertise in vielen Ländern und Branchen verfügen“, sagt Thomas Brodbeck, Geschäftsführer von Experconnect Deutschland in Stuttgart. Ihr Wissen ist weltweit gefragt, etwa wenn ein Unternehmer eine neue Fabrik in einem Entwicklungsland baut oder Kontakte zu Entscheidungsträgern in Saudi-Arabien gesucht sind. Auch Großunternehmen nehmen das Potenzial ihrer „Ehemaligen“ in Anspruch. „Viele Senioren wollen nicht komplett runterfahren und geistig fit bleiben“, sagt ein Bosch-Sprecher. Ehemalige Mitarbeiter mit speziellem Know-How werden innerhalb des Unternehmens vermittelt. In der Mitarbeiter-Datenbank finden sich 1600 Ex-Beschäftigte. Bei Daimler unterstützen im Rahmen des Projekts Space Cowboys Mitarbeiter im Ruhestand temporär und auf freiwilliger Basis mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten ihr Unternehmen, etwa wenn eine neue Produk-

tionslinie hochgefahren wird. Auch der Markt hat die kaufkräftigen Senioren längst als Zielgruppe entdeckt. Nach Angaben der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung hatten baden-württembergische Haushalte im Alter von 55 bis unter 65 Jahren 2013 durchschnittlich netto

3689 Euro zur Verfügung, in der Altersgruppe zwischen 65 und 70 waren es immerhin noch 3030 Euro. Modelabels wie Céline setzen Models jenseits der 80 ein. Verlage haben in den letzten Jahren Magazine wie „Meins“, „Brigitte Wir“ oder „Donna“ für Frauen jenseits der 50 oder 60 herausgebracht, die höchst erfolgreich sind. Magazine wie „55 Plus“ und „60plusminus“, aber auch viele Zeitgeist- oder Lifestyle-Magazine, nehmen ebenfalls gezielt ältere Konsumenten ins Visier. Fernsehsender wie ZDF, SAT 1 Gold, RTL Plus oder soziale Medien wie Facebook wenden sich in sehr hohem Maße an die Best Ager. Senioren sind für Unternehmen nicht nur wegen ihrer oft hohen Kaufkraft attraktiv, sondern auch, weil sie häufig noch sehr aktiv sind und höherwertige Produkte anschaffen. Dabei geht es nicht in erster Linie um alterstypische Produkte wie Treppenlifte, Hörgeräte oder Rollatoren. Senioren reisen gern. Viele haben teure Hobbys, leisten sich hochwertige Möbel und Kleidung, komfortable Autos oder PremiumPflegeprodukte. Dass sich Senioren auch in der digitalen Welt gut zurechtfinden, zeigt der Erfolg sozialer Netzwerke, die gezielt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind, wie Seniorbook. Und auch Partnerportale haben diese Zielgruppe längst gezielt ins Visier genommen. Denn beim Thema Liebe und Partnerschaft wollen Senioren nicht zum alten Eisen gehören. Das nutzen nicht nur die Seniorennetzwerke wie feierabend.de, sondern auch klassische Portale wie parship.de Ältere Mitbürger spielen heute auf vielen Gebieten eine aktive Rolle. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollten dieses Potenzial nutzen. Viele Unternehmen haben dies erkannt. Wie wichtig die Silver Ager sind, hat auch die Flüchtlingskrise gezeigt. Ohne ihre Hilfe wäre die Herausforderung wohl kaum zu meistern.

Space Cowboys sind Daimler-Rentner, die bei Bedarf „aushelfen“.


24 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Juni 2017

Die Ruhe ist trügerisch Fast überall in Europa gibt es nationalistische Bestrebungen. Die Reformprozesse in den Mitgliedstaaten verlaufen zäh. Das könnte zur Gefahr für den Euro werden. Von Klaus Dieter Oehler

Krise

Z

Wollen die deutsch-französische Achse stärken: Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Macron.

Unterschiedliche Vorstellungen von Europa: die britische Premierministerin Theresa May und Italiens Ministerpräsident Paolo Gentiloni. Fotos: AFP, Getty (2), tiero/Adobe Stock

DIE STRUKTUR DER EUROPÄISCHEN UNION Gründung In Rom unterzeichneten die sechs Länder Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande am 25. März 1957 die so genannten „Römischen Verträge“, die am 1. Januar 1958 in Kraft traten. Mit der Gründung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) sollte der freie Waren-, Dienstleistungs- und Personenverkehr gesichert werden. Ziel der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom)

war es, Aufbau und Entwicklung der Atomindustrie in den Mitgliedsstaaten zu fördern. Weiterung Der Vertrag über die Europäische Union wurde am 7. Februar 1992 in Maastricht unterzeichnet und trat am 1. November 1993 in Kraft. Der Maastrichter Vertrag hat zum einen die Europäische Union (EU) begründet: Es wurden neue Formen der Zusammenarbeit zwischen den Regierungen der Mitgliedsstaaten in den Bereichen

Außen- und Sicherheitspolitik, Justiz und Inneres eingeführt. Durch die Verknüpfung der Regierungszusammenarbeit mit dem bestehenden Gemeinschaftssystem hat der Vertrag von Maastricht eine neue Struktur geschaffen: Die Europäische Union (EU) verbindet drei Säulen (Europäische Gemeinschaft, Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, Zusammenarbeit in der Innen- und Justizpolitik) und bildet das gemeinsame Dach. kdo

uerst waren es die Griechen, die ein Problem damit hatten, die Vorgaben anzunehmen, die ihnen aus Brüssel geschickt wurden. Weil der Staat während der Schuldenkrise mit Milliarden-Krediten aus dem Topf der Europäischen Union gestützt werden sollte, verlangten die Chefs der EU-Staaten auch, dass sich die Regierung in Athen an Spar- und Reformvorgaben hält. Das „griechische Problem“, so scheint es heute, ist nicht mehr vordergründig, auch wenn das Land im Süden Europas noch weit davon entfernt ist, wieder auf eigenen Füßen zu stehen und die Unterstützung der europäischen Nachbarn nach wie vor benötigt. Der Fall Griechenland aber hat eine Bewegung ausgelöst, die inzwischen fast überall in Europa um sich greift. Nationalistische Bestrebungen gibt es auch in Spanien, in Italien, in Frankreich, ja auch in Deutschland mit der AfD, die immerhin bereits in einigen Landtagen sitzt und sich auch Hoffnung auf einen Erfolg bei der Bundestagswahl im September macht. All das hat die Finanzmärkte immer wieder in Aufruhr versetzt – nichtsdestotrotz hat der deutsche Leitindex Dax auch neue Rekordhöhen erreicht. Letzteres liegt allerdings vor allem daran, dass die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank fast alle anderen Anlageformen außer Aktien unattraktiv macht. Mit Bayer, Daimler und Co. aber lassen sich noch immer ordentliche Dividenden und auch Kursgewinne einstreichen. Aber wie geht es weiter? Anfang Mai gab es ein Aufatmen an den Kapitalmärkten. Der linksliberale, aber europafreundliche Kandidat Emmanuel Macron hat die Stichwahl um den Präsidentenposten in Frankreich gewonnen, die nationalistische Europa-Gegnerin Marine Le Pen hat verloren. Dennoch zeigt das Ergebnis, dass immerhin rund ein Drittel der Wähler der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas die Ideen von Le Pen durchaus teilen – zurück zum Franc, weg mit dem Euro. Das zumindest versuchen nun die Briten, die mit der Europäischen Union über den Brexit verhandeln. Eine Mehrheit der Bevölkerung hat dafür gestimmt, die derzeitige Regierung will dies nun in Verhandlungen mit den bisherigen Partnern durchsetzen. Niemand kann derzeit abschätzen, auf welche Bedingungen sich Großbritannien und die Union für ein künftiges Miteinander einigen werden. Sicher ist nur, dass es nicht wirklich leichter werden wird. Aber auch auf dem Festland sind nach dem Wahlsieg Macrons noch nicht alle Probleme beseitigt. Macron muss erst einmal unter Beweis stellen, dass er im Stande ist, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen in Frankreich zu meistern. Außerdem werden die europafeindlichen Tendenzen nicht nur in Frankreich hoch bleiben. Dort entfielen im ersten Wahlgang Ende April mehr als 40 Prozent der Wählerstimmen auf das rechtsbeziehungsweise linksextreme politische Lager. Unsicherheit auf der politischen Bühne geht auch weiterhin von Italien aus. Dort ist die Zustimmung für Europa niedriger denn je. Die Parlamentswahlen im nächsten Jahr können als ähnlich kritisch wie die in Frankreich eingestuft werden und eine neue Zerreißprobe für die Gemeinschaft bedeuten. Nun kommt es vor allem darauf an, die deutsch-französische Achse wieder zu stärken. Wenngleich Bundeskanzlerin Angela Merkel erste Forderungen des neuen Präsidenten nach einem stärkeren Engagement Deutschlands bereits zurückgewiesen hat. Es wird nach Ansicht von Experten in den kommenden Monaten darauf ankommen, die Zusammenarbeit der europäischen Partner wieder zu intensivieren. In der Flüchtlingsfrage sind hier Gräben sichtbar

geworden, die unterschwellig schon länger vorhanden waren. Die reichen Länder Europas oder der Eurozone wollen nicht für die ärmeren zahlen. Ein „Euro-Budget“ oder gar einen gemeinsamen Euro-Finanzminister, wie der neue Präsident Frankreichs möchte, lehnen die meisten anderen Mitgliedsländer ab. Einen „Länderfinanzausgleich“, wie er sich in Deutschland bewährt hat, ist für die Euro-Zone derzeit nicht vorstellbar. Der EU-Politiker der Grünen, Sven Giegold, kritisiert dabei das Vorpreschen einiger Unionspolitiker. „Wolfgang Schäuble sperrt sich gegen einen Eurozonen-Haushalt, Michael Fuchs erteilt Eurobonds eine Absage und erklärt Macron, dass Geld nicht auf Bäumen wachse. EU-Kommissar Günther Oettinger lehnt einen Euro-Finanzminister ab“. Dies sei ein rüpelhafter Empfang für Macron, meint Giegold. Deutschfranzösische Freundschaft gehe anders. Die Diskussion über die Eurobonds führe in die Irre, zumal sie in den aktuellen Reformvorschlägen von Macron nicht einmal auftauchten. Aus Giegolds Sicht existieren sie durch die EZB-Politik faktisch schon heute. „Ohne die Geldpolitik der EZB wäre der Euro für die wirtschaftlich schwächeren und hoch verschuldeten Mitgliedsländer längst insta- „Italien könnte die bil geworden.“ Sollbruchstelle der Daher kommt es für die Zu- Europäischen kunft Europas und des Euros vor allem darauf an, dass Währungsunion werden.“ Frankreich sichtbare Fort- Jörg Krämer, Chefvolkswirt schritte macht. Macrons Spar- der Commerzbank programm ist aber bislang recht vage, und das ist angesichts der ohnehin hohen Staatsverschuldung problematisch: Frankreich verstößt seit 2008 kontinuierlich gegen die im Euro-Stabilitätspakt festgeschriebene Grenze einer Neuverschuldung von maximal drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Solange Paris damit durchkommt, wird der ohnehin zähe Reformprozess in anderen hoch verschuldeten Ländern zusätzlich erschwert. Zwar wurde der Stabilitätspakt im vergangenen Jahr von allen Euroländern außer Frankreich und Spanien eingehalten. Möglich wurde dies allerdings hauptsächlich durch den Aufschwung, der auch im Süden der Währungsunion endlich Fuß gefasst hat. Eine dauerhafte Überwindung der Schuldenkrise wird aber weitere Reformen erfordern. Wie tief der Widerstand dagegen sitzt, zeigte zuletzt das Nein der Italiener zur Vereinfachung ihres komplizierten parlamentarischen Systems. Für die nähere Zukunft erwartet der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, kaum Fortschritte: „Die im Februar 2018 regulär anstehenden Parlamentswahlen werden durch populäre, aber kontraproduktive Versprechungen und teure Wahlgeschenke zur Gesundung der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone wohl kaum beitragen.“ Sein Kollege Jörg Krämer von der Commerzbank nennt Italien „die Sollbruchstelle der Währungsunion“. Dass nach den Marktturbulenzen der Jahre 2010 bis 2012 vordergründig Ruhe eingekehrt ist, liegt vor allem an der EZB. Ihr Präsident Mario Draghi versprach vor fünf Jahren, „alles Nötige zu tun“ um den Euro zu retten. 2015 startete die EZB dann ein umstrittenes Konjunkturprogramm, indem sie durch den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren die Zinsen senkte und Billionen in die Märkte pumpte. Auch Kritiker gestehen der Notenbank zu, damit den Aufschwung gestützt zu haben. Allerdings sank dadurch auch der Druck auf die Regierungen, Reformen in Angriff zu nehmen. Das Problem: Wenn die Kluft zwischen Süd- und Nordeuropa bestehen bleibt, ist die nächste Krise nur eine Frage der Zeit. Und dann wird irgendwann auch die EZB an die Grenzen ihrer Möglichkeiten geraten.

Wirtschaft in Baden-Württemberg  

Ausgabe 3, 2017

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