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Wirtschaft tschaftt in Baden-Württemberg

Ausgabe 2 | 2017

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Maschinenbau 4.0 Die Digitalisierung schafft neue Berufe und neue Geschäftsfelder für innovative Unternehmen. SEITEN 1–7

Wirtschaft & Erfolg Mittelständler mit Firmensitz auf dem Land locken ihr Personal mit Ideen in die Provinz. SEITE 9

Wirtschaft & Region

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Hightech und Bodenständigkeit – Kontraste prägen den Rems-Murr-Kreis. SEITEN 29–40

Die Fabrik wird intelligenter Die zunehmende Vernetzung von Menschen, Maschinen und Werkstücken verändert die Produktion massiv. Bisherige Wertschöpfungsketten geraten unter Druck, gleichzeitig entstehen neue Geschäftsfelder für innovative Unternehmen. Von Imelda Flaig

Maschinenbau 4.0

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D

er Maschinenbau ist im Umbruch. In der Branche, die bislang vor allem auf Mechanik spezialisiert ist, spielt zunehmend Software eine Rolle. Die vernetzte Fertigung mit digitalisierten Prozessabläufen (Stichwort Industrie 4.0) betrachten viele Experten gar als vierte industrielle Revolution – nach Dampfmaschine, Fließband und Elektronik. Die Fabrik der Zukunft ist vernetzt und intelligent. Mit Sensoren ausgerüstete Maschinen und Werkstücke tauschen via Internet permanent Informationen aus. Die Produktion wird flexibler und effizienter werden. Maschinen können vollautomatisch zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln oder Monteure bei ihrer Arbeit unterstützen und teils sogar aus eigenen Fehlern lernen. 3-D-Druck, intelligente Sensoren und Robotik eröffnen ganz neue Perspektiven für Unternehmen und Beschäftigte. Sogar Maßanfertigungen werden ohne hohe Mehrkosten möglich sein. Die Digitalisierung und der damit einhergehende Veränderungsprozess hat nicht nur Auswirkungen auf die Produktion, sondern aufs gesamte Unternehmen – beispielsweise auf Entwicklung, Vertrieb

oder Service und ist mit ganz neuen Geschäftsmodellen verbunden, wie TrumpfGeschäftsführer Mathias Kammüller aus eigener Erfahrung weiß. Ein Beispiel dafür ist die Trumpf-Tochter Axoom, eine Online-Plattform, mit der der Ditzinger Maschinenbauer auch zum IndustrieDienstleister im IT-Bereich wird. Im Maschinenbau, der vor allem Ausrüster für Industrie 4.0 ist, mische sich produktionstechnologisches Know-how zunehmend mit IT-Kenntnissen, sagt die Hohenheimer Soziologie-Professorin Sabine Pfeiffer im Interview mit unserer Zeitung. Geht es nach ihr, dürfte damit sogar ein positiver Jobeffekt verbunden sein. Die Digitalisierung mache zwar einfach strukturierte Tätigkeiten anfällig für eine Verlagerung oder Automatisierung, aber „gehen wir von weitgehend stabilen Konjunkturbedingungen aus, wird der Maschinenbau in den nächsten Jahren eher einen erhöhten Bedarf an Beschäftigten haben“, sagt sie. Die Digitalisierung führe dazu, dass mehr Menschen gebraucht würden, die unterschiedliche technologische Stränge gemeinsam beherrschten. Die Ansprüche

an die Auszubildenden stiegen, weil der Maschinenbau noch vielfältiger und anspruchsvoller werde. Viele Firmen haben sich darauf eingestellt. An der Technischen Schule Aalen etwa sollen bald 1000 Schüler im Jahr auf den Umgang mit der digitalisierten Produktion vorbereitet werden: „Cyber-Physical Factory“, heißt das Zauberwort. Eine Tochter des Esslinger Pneumatikspezialisten Festo hat mehrere solche Lernfabriken eingerichtet, um Azubis fit für die Industrie 4.0 zu machen. „Die Fabrik der Zukunft wird transparenter, schneller, individueller: So verdoppelt sich zum Beispiel die Zahl verkaufter Sensoren von 2015 bis 2020“, sagt Thomas Rinn, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger. Industrie 4.0 zahlt sich nach einer aktuellen Studie von Roland Berger für die Unternehmen aus, sie können ihre Profitabilität dadurch mehr als verdoppeln, wenn die Effekte nicht weitergegeben werden. Dennoch seien viele Mittelständler immer noch unzureichend auf Industrie 4.0 vorbereitet und riskierten so, dass die rasante technologische Entwicklung ihre bestehenden Geschäftsmodelle überrolle.

Gibt es genügend Risikokapital im Land? Bekommen Gründer im Land genug Risikokapital? IdeenwerkBW, die Innovationsplattform von Stuttgarter Zeitung/ Stuttgarter Nachrichten, hat dazu ein Round-Table-Gespräch mit Gründern, Experten und der baden-württembergischen

Wirtschaftsministerin Nicole HoffmeisterKraut veranstaltet. Die Ergebnisse der Diskussion sind ausführlich in dieser Ausgabe der Wirtschaftszeitung nachzulesen. Fazit: Die Förderprogramme sind solide, aber es braucht neue Instrumente, um Kapital in größeren Dimensionen zu mobiliseren. Im Themenschwerpunkt stellen wir zudem den Gründerstandort Ravensburg vor und präsentieren unter anderem ein Start-up, das den Handel mit gebrauchten Maschinen digitalisiert. age


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Inhalt Interview

„Bedarf an Beschäftigten wächst“ Soziologie-Professorin Sabine Pfeiffer über ArbeitsplatzChancen und Risiken durch Automatisierung. SEITE 3

Automatisierung

Maschinenbau 4.0 macht vieles möglich Sensoren, Roboter, 3-D-Druck – die digitale Zukunft ist in vielen Unternehmen schon Realität. SEITEN 4, 5

Lernfabriken

Lernen für neue Arbeitswelt Bald 1000 Schüler pro Jahr sollen in Aalen fit für den Umgang mit Industrie 4.0 gemacht werden. SEITE 6

Digitales Geschäft

Axoom will Stromverbrauch steuern Eineinhalb Jahre nach der Gründung hat das TrumpfStart-up bereits 20 Projekte mit Kunden realisiert. SEITE 7

Studiengang

Master of Business Administration Der berufsbegleitende Masterstudiengang in Heilbronn wird in Englisch unterrichtet. SEITE 10

Finanzen

Gute Zahlen allein reichen nicht Auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Geldanlagen werden immer öfter nachgefragt. SEITE 11

Gespräch

„Rhetorik ist Übungssache“

Neue Regeln für die Leiharbeit Die Reform der Arbeitnehmerüberlassung soll Missbrauch minimieren und Flexibilität für Firmen erhalten. SEITE 13

Jivka Ovtcharova

Der Automatisierungs-Treiber

Die Informationsexpertin

Die neue Arbeitswelt ist kein Zukunftsthema mehr, Industrie 4.0 ist längst da. Thomas Bauernhansl wird nicht müde, die Bedeutung dieser technologischen Entwicklung hervorzuheben. Erst vor Kurzem wieder, bei der Eröffnung des Mittelstand-4.0Kompetenzzentrums in Stuttgart, hat der umtriebige Maschinenbauer mahnende Worte gefunden. „Dieses Zentrum ist enorm wichtig, weil insbesondere kleine Unternehmen bei der Einführung von Industrie 4.0 noch sehr zurückhaltend sind“, sagte der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) und des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb (IFF)

Wer überzeugend sein will, muss sich gut vorbereiten, sagt der Tübinger RhetorikProfessor Olaf Kramer. SEITE 12

Arbeitsrecht

Thomas Bauernhansl

der Universität Stuttgart. Bauernhansl ist 1969 im fränkischen Miltenberg geboren. Nach der Ausbildung zum Reserveoffizier hat er in Aachen Maschinenbau studiert. Promoviert hat er über das Thema „Bewertung von Synergien im Maschinenbau“ und seine Karriere startete beim Mischkonzern Freudenberg, zunächst als Assistent der Unternehmensleitung. Nach diversen Führungspositionen, zuletzt war er für die Produktion an weltweit 50 Standorten zuständig, wechselte Bauernhansl 2011 in die Spitzenposition von IPA und IFF. Mit 1100 Mitarbeitern ist das IPA „weltweit eines der größten Institute für ino Automatisierung“.

Für Jivka Ovtcharova ist Industrie 4.0 keine Veranstaltung allein für Maschinen. Auch wenn diese intelligenter werden und miteinander „sprechen“, steht für die Leiterin des Instituts für Informationsmanagement im Ingenieurwesen (IMI) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) eines fest: Die menschenleere Fabrik ist eine Utopie. „Der Mensch muss die Kreativität bringen und die Maschinen befähigen, miteinander zu kommunizieren“, sagt Ovtcharova. Allerdings: Mehr als bisher müssten die Menschen künftig auch selbst mit Maschinen kommunizieren, meint sie. Roboter übernähmen dabei eher Routine-

aufgaben, während die Menschen Wissen und Erfahrungen einbrächten. Diese müssten die Maschinen und Anlagen dann auch in die Lage versetzen, etwa selbst mitzuteilen, ob sie beispielsweise noch Bearbeitungskapazitäten für Werkstücke frei hätten. Jedes Jahr, so Ovtcharova, könne die Produktivität durch Industrie 4.0 um etwa zwei Prozent gesteigert werden. Die Professorin legt Wert auf praktische Anwendungen: Unter dem Motto „Mittelstand trifft Forschung“ hat sie deswegen auch ein „Industrie 4.0 Collaboration Lab“ gegründet. Geboren wurde sie in Sofia, studiert hat sie unter anderem in Moskau, seit 2003 ist sie in Karlsruhe tätig. ey

Die Umsetzer der Digitalisierung Dass Maschinenbau 4.0 in Baden-Württemberg nicht bloße Zukunftsmusik ist, das zeigen die Entscheidungsträger, die wir im Folgenden vorstellen. Sie tragen auf verschiedene Weise dazu bei, das Land fit für die Zukunft zu machen.

Porträts

Porträt Fotos: dpa, KIT/Markus Breig, Lg/Zweygarth (2), Staatsministerium Baden-Württemberg

Ein barmherziger Chef Generalvikar Clemens Stroppel richtet seinen Führungsstil am Evangelium aus. SEITE 14

Wirtschaft & Debatte

Wer hat, dem wird gegeben Warum das Vermögen der Deutschen so ungleich verteilt ist und sich daran auch wenig ändert. SEITEN 15, 16

Venture Capital

Kapital für Innovationen Im Vergleich zu den USA ist hierzulande Risikokapital nicht weitverbreitet. Aber seine Bedeutung steigt deutlich. SEITE 23 Christopher Essert

Wilhelm Bauer

Mathias Kammüller

Der Praktiker

Der Übermorgen-Mann

Der Digitalstratege

Christopher Essert hat als Praktiker angefangen: Studiert hat der Gründer aus dem badischen Ubstadt-Weiher nämlich nicht IT, sondern er hat klassische Automatisierungstechnik gelernt. Schon mit 21 Jahren, direkt nach der Ausbildung, hat der heute 29-Jährige ein Beratungsunternehmen gegründet, bevor er im Jahr 2014 auf den Bereich der Robotertechnik und der sogenannten Augmented Reality, also der Kombination von Realität mit virtuellen Elementen, umsattelte. Mit der Gründung der Essert GmbH traf er voll den Trend in Richtung Industrie 4.0: Die Essert Datenbrille erlaubt es beispielsweise einem Wartungstechniker, aus der Distanz Anweisungen zu geben. Die Essert-Roboter, die nur etwa die Hälfte bisheriger Exemplare kosten, sind auf die Kollaboration von Mensch und Maschine ausgerichtet und auch für kleinere und mittlere Unternehmen bezahlbar. „Wir haben viele Kunden vor der Haustür,“ sagt Essert. Auch wegen des Fachkräftemangels seien die Firmen offen für neue Wege zur Effizienzsteigerung. Innovative Technologien stünden vor dem großen Durchbruch. 2017 und 2018 sind für ihn die Jahre, in denen sich etwa Augmented Reality einen festen Platz sichern wird. age

2012 zeichnete Baden-Württemberg Wilhelm Bauer als „Übermorgenmacher“ aus. Inzwischen bestellte man den promovierten Maschinenbauingenieur zum Technologiebeauftragten des Landes – damit dieses auch übermorgen zu den Machern gehört. Für die Aufgabe bringt Bauer eigentlich alles mit: Als Institutsleiter am Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement IAT der Universität Stuttgart und am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, Stuttgart, verantwortet er Projekte in den Bereichen Innovationsforschung, Technologiemanagement, Leben und Arbeiten in der Zukunft, Smarter Cities und Mobility Innovations. Darüber hinaus berät er in einer Reihe von Gremien Politik und Wirtschaft, ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher und technischer Veröffentlichungen und unterrichtet an den Universitäten Stuttgart, Hannover und im rumänischen Klausenburg. Seine Aufgaben als Technologiebeauftragter des Landes sind so anspruchsvoll wie vielfältig: Digitalisierung der Wirtschaft, Steigerung der Innovationsfähigkeit und Verbesserung des Technologietransfers speziell auch für kleine und mittlere Unternehmen sind die wichtigsten Stichworte. bb

Industrie 4.0 ist für ihn kein abstraktes Schlagwort, sondern gelebte Praxis – in den Pilotfabriken in der eigenen Fertigung. Mathias Kammüller, Geschäftsführer und Vorsitzender des Geschäftsbereichs Werkzeugmaschinen beim Ditzinger Maschinenbauer Trumpf, will mit der Umsetzung von Industrie 4.0, also der vernetzten Fertigung mit digitalisierten Prozessabläufen, die Produktivität in den nächsten Jahren um mehr als 30 Prozent steigern. Die digitale Transformation, wie er den Veränderungsprozess gerne nennt, habe Auswirkungen auf das gesamte Unternehmen – mit ganz neuen Geschäftsmodellen. Dem trägt er Rechnung. Vom 1. Juli an wird er als Chief Digital Officer die Gestaltung digitaler Geschäftsmodelle verantworten und sich um Wachstumsthemen kümmern. Kammüller ist 1958 in Schwäbisch Hall geboren, hat Maschinenbau in Stuttgart studiert und promoviert. Dann arbeitete er für Bosch in Stuttgart und Japan. 1990 wechselte er zu Trumpf, wo er seit 1993 Geschäftsführer ist. Seit 2016 ist er Vorsitzender des Maschinenbauverbands VDMA Baden-Württemberg. Zudem ist er japanischer Honorarkonsul. Kammüller ist mit Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller verheiratet. imf

Mezzanine

Wachstum finanziert Die Karlsruher Firma Brandmaker hat ihre Expansion maßgeblich mit Mezzanine-Kapital finanziert. SEITE 26

Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Komfortable Lage Michael Prochaska, Personalvorstand bei Stihl und Südwestmetaller, spricht im Interview über Standortfragen. SEITE 31

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen „Wirtschaft in Baden-Württemberg“? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mehrfach mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Index Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Anne Guhlich Redaktion Gerhard Bläske, Imelda Flaig, Sabine Marquard, Andreas Geldner, Achim Wörner, Norbert Burkert, Frank Rodenhausen Gestaltung/Produktion Anna-Lena Wawra, Sebastian Ruckaberle, Bernd Fischer, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11 / 72 05 - 12 11 und 07 11 / 72 05 - 74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Tanja Dehner (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 16 03 E-Mail: anzeigen@wirtschaft-in-bw.de Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 0

Personen Bauer, Wilhelm 2 Bauernhansl, Thomas 2 Demharter, Martin 4 Döring, Hilmar 14 Egenter, Thomas 9 Engemann, Olaf Axel 14 Essert, Christoph 2 Fürst, Gebhardt 14 Gebhardt, Rainer 4 Grabka, Markus 16 Groß, Christoph 11 Grüttinger, Holger 17 Hahn, Frank 13 Heilig, Markus 11 Hoffmeister-Kraut, N. 18 Hölz, Hans-Joachim 17 Jenner, Hartmut 32 Jorberg, Thomas 11

Jost, Jürgen Kammüller, Mathias Karimpour, Sascha Kekeisen, Thomas Kleinert, Uwe Köhler, René Marius Kramer, Olaf Kuhn, Wolfgang Lämmlein, Andreas Maiser, Eric Maurer, Jürgen Meidert, Moritz Moebius, Marian Müller, Christoph Nachbauer, Stefan Niehues, Judith Paal, Claus Pfeffer, Michael Pfeiffer, Sabine

5 2, 7 19 17 33 18 12 14 9 5 33 17 5 5 16 15 29 17 3

Peichl, Andreas 15 Pilz, Thomas 5 Porschen, Stephanie 21 Prochaska, Michael 31 Rauschenbusch, Alec 18 Rose, Philipp 19 Ruf, Benedikt 20 Schillig, Miriam 9 Schmauder, Frank 4 Seeger, Thomas 9 Siebert, Christof 19 Soder, Johann 4 Spannagel, Dorothee 15 Stroppel, Clemens 14 Thoma, Adrian 18 Vodosek, Markus 10 Völter, Michael 18 Wehrle, Martin 21 Weigmann, Florian 7

Wiedmann, Bernd Winkler, Christoph Zeisl, Hans Rudolf Ziegler, Michael Zühlke, Detlef

6 18 36 18 5

Firmen/Organisationen Adidas 4, 12 Axoom 7 Alfred Giesser 35 Bernd Kußmaul 34 Bethmann Bank 11 Bosch 2, 5, 18 Daimler 4, 18 Deka Investment 11 DIW 15, 16 Dürr 5 Festo 4, 6 German Grad. School 10

Gindumac 20 GLS 11 Grillido 18 Handwerksk. Rg. Stgt. 33 Hansgrohe 9 Harro Höfliger 34 Hermann Blechtechnik 40 Hochsch. Ravensburg 16 Hypo-Vereinsbank 14 IHK Bodens.-Oberschw. 17 IHK Region Stuttgart 32 Kärcher 34 Kasper Knacke 13 Koehler 18 Kreisspark. Waiblingen 36 Kuka 4 Landkreis Ravensburg 17 Lapp 5, 14 L-Bank 18, 24

Leuze Electronic 5 Manz 4 Menold Bezler 18 Original Unverpackt 20 Pilz 5 Ritter Sport 9 Sadex 40 Schwegler 40 SEW-Eurodrive 4 Sick 4 Stihl 31 Südwestbank 14 Techn. Schule Aalen 6 Trumpf 2, 4, 5, 6, 18 Universität Stuttgart 2 Vaude 9 VDMA 2, 4, 5 Voith 5 Volksbank Stuttgart 36


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

„Bedarf an Beschäftigten wächst“ Die Digitalisierung macht nach Auffassung der Hohenheimer Soziologie-Professorin Sabine Pfeiffer zwar einfach strukturierte Tätigkeiten im Maschinenbau anfällig für Verlagerung oder Automatisierung, insgesamt sei der beschäftigungspolitische Effekt aber eher positiv. Interview

N

ach Ansicht von Sabine Pfeiffer hat der Maschinenbau die Bedeutung der Digitalisierung schon lange erkannt. Als Ausrüster sei die Branche jedoch von der Innovationsfähigkeit und -willigkeit ihrer Kunde abhängig, meint die Inhaberin eines Lehrstuhls für Soziologie an der Universität Hohenheim. Pfeiffer erwartet im Übrigen keinen personellen Kahlschlag durch den Maschinenbau 4.0. Der Bedarf an Hochqualifizierten werde weiter zunehmen. Das bedeute jedoch nicht, dass jeder Abitur haben müsse.

Die Digitalisierung verändert den Maschinenbau rasant. Wie wirkt sich das aktuell auf die Arbeitsplätze aus? Der Maschinenbau ist vor allem Ausrüster für Industrie 4.0, die Branche verändert also vor allem Arbeitsplätze ihrer Kundenbranchen. Um dies zu tun, werden im Maschinenbau vor allem Trends weiter zu beobachten sein, die sich in den letzten Jahren schon gezeigt haben: Produktionstechnologisches Know-how mischt sich mit IT-Kenntnissen, Facharbeit und Engineering arbeiten zusammen an praxistauglichen Innovationen, technologisch anspruchsvolle Lösungen werden gekoppelt mit neuen Serviceange„Vieles, was heute unter boten und eingebunden in neue Geschäftsmodelle. dem Stichwort

Digitalisierung als neu diskutiert wird, hat Vorläufer.“

Können Sie das bitte an einem Beispiel erläutern? Vieles, was heute unter dem Stichwort Digitalisierung als neu diskutiert wird, hat Vorläufer. Schon seit Jahren ist in vielen Anlagen und Maschinen, die der Maschinenbau konzipiert, baut und betreibt, der Anteil von intelligenter Sensorik oder sogenannten Embedded Systems innovationsentscheidend. Denken Sie an Teleservice oder Betreibermodelle. Bei beiden Themen hat der Maschinenbau die Bedeutung der Digitalisierung schon lange erkannt – als Ausrüster ist die Branche aber auch von der Innovationsfähigkeit und -willigkeit ihrer Kunden abhängig. Damit solche Ansätze sich für beide Seiten rechnen, muss der Facharbeiter aus dem Service mit dem Vertriebsingenieur und den Fachleuten aus der Applikation eng zusammenarbeiten – und auf Kundenseite nicht nur mit der Beschaffung sprechen, sondern auch mit der Instandhalterin und der IT-Abteilung.

Sabine Pfeiffer, Universität Hohenheim

Welche Arbeitsplätze werden denn künftig wegfallen? Ich halte nichts von solchen Prognosen, weil sie unterstellen, eine bestimmte Technologie würde einen bestimmten Arbeitsplatz ersetzen oder eben nicht. Technologien allein sind aber nicht ausschlaggebend, mit ihnen ändern sich Geschäftsmodelle und Arbeitsabläufe und damit entstehen neue Tätigkeitsschnitte. Sicher ist nur: Globalisierung und Digitalisierung machen einfach strukturierte Tätigkeiten anfälliger für Verlagerung und für Automatisierung. Wenn wir nur über den Maschinenbau reden, muss man sich weniger Sorgen machen – hier ist der Anteil von einfachen Tätigkeiten und wenig qualifizierten Arbeitsplätzen gering.

Sind in den nächsten zehn Jahren weniger Beschäftigte notwendig? Gehen wir von weitgehend stabilen Konjunkturbedingungen aus, wird der Maschinenbau in den nächsten Jahren eher einen erhöhten Bedarf an Beschäftigten haben. Die Digitalisierung wird dazu führen, dass mehr Menschen gebraucht werden, die unterschiedliche technologische Stränge gemeinsam beherrschen – die den Anwendungskontext der Kunden ebenso verstehen wie digitale Technik und all dies verbinden können mit fundiertem produktionstechnologischen Know-how.

Wie groß ist denn der künftige Bedarf an Arbeitsplätzen? Wer Ihnen auf diese Frage heute konkrete Zahlen nennt, sieht in die Glaskugel. Wie die Arbeitsmärkte der nahen Zukunft aussehen, entscheidet nicht nur die Digitalisierung. Als Ausrüster der Welt ist der deutsche Maschinenbau extrem abhängig von der Weltkonjunktur.

Ist die Fabrik der Zukunft menschenleer? Dass die Fabrik menschenleerer wird, diesen Prozess beobachten wir seit Beginn der Industrialisierung. Komplett menschenleer aber wird sie nicht werden. Gerade die neuen Optionen der Digitalisierung erhöhen auch die Komplexität und die Anfälligkeit der Gesamtsysteme. Störungen werden zwar seltener, bei ihrem

Soziologie-Professorin Sabine Pfeiffer glaubt, dass menschliche Arbeit weiterhin quantitativ abnehmen, aber qualitativ wichtiger werden wird.

HIER SIND SPEZIALISTEN GEFRAGT Zahl der 4.0-Projekte in der Region Stuttgart

BietigheimVaihingen Bissingen a. d. Enz

Die Region um Stuttgart ist das größte Zentrum der Industrie 4.0 in Deutschland. Die fortschreitende Entwicklung verändert die Rolle des Menschen in der Wertschöpfungskette.

Backnang 1

Ludwigsburg 3

1

Leonberg 1

1

1

Stuttgart 1

1 Böblingen 81

Waiblingen Schorndorf

1

3

Sindelfingen

1 2

2 Esslingen

1 1 1

Göppingen

1 Kirchheim u.T.

1 Nürtingen

8

Geislingen a. d. Steige

Herrenberg

StZ-Grafik: zap

Quelle: Plattform Industrie 4.0

Foto: Andreas Amann

Auftreten aber haben sie dramatischere Folgen. Menschliche Arbeit wird weiterhin quantitativ abnehmen, aber qualitativ wichtiger werden. Auch das aber ist kein Automatismus. Auch heute sehen wir: Oft entscheiden Unternehmen sich aus ökonomischen Gründen dafür, mit weniger Technologieeinsatz an anderen Orten der Welt auf dem Niveau der Industrie 1.0 zu fertigen.

che an Auszubildende in der Branche werden in Zukunft eher noch steigen. Wie Beispiele in der Branche zeigen, heißt das aber nicht, dass nur noch junge Menschen mit Abitur infrage kommen. Denn obwohl noch mehr IT und Kundenorientierung hinzukommen werden, bleibt für die Branche der praktische Anwendungsbezug von Hightech „Der Maschinenbau wird entscheidend. noch vielfältiger und

Welche neuen Berufsbilder werden denn entstehen? Aktuell sind sich die Akteure in der Branche einig, dass die bestehenden Berufsbilder weitgehend ausreichen. Es sind ja immer wieder neue Berufsbilder entstanden, das Berufsbildungsgesetz gibt einen gut funktionierenden Rahmen ab, um neue Bedarfe zu identifizieren und schnell in bestehende Berufe zu integrieren oder in neuen Berufsbildern abzubilden. Der Produktionstechnologe ist solch ein relativ junges Berufsbild. Hier sind die neuen Herausforderungen durch Industrie 4.0 schon ganz gut vorausgedacht.

Bei Industrie 4.0 müssen die Maschinen auch kommunizie- die Ansprüche an ren können. Geht diese wichtige Auszubildende werden Aufgabe nicht an die Software- eher noch steigen.“ hersteller wie SAP? Wenn es um die reine Infra- Sabine Pfeiffer, struktur geht, um Server- Universität Hohenheim bereitstellung und Ähnliches, sind klassische IT-Anbieter gefragt. Die Sprache der Maschinen aber braucht wie jede andere Sprache auch nicht nur eine Grammatik, sondern auch Semantik, das bedeutet Inhalte und Bedeutung. Maschinen sind unterschiedlich darin, was auf oder in ihnen passiert. Davon weiß ein reiner IT-Anbieter wenig. Das Referenzarchitekturmodell RAMI ist diese Sprache. Sie wird gerade entwickelt, und zwar von den Unternehmen und Verbänden, die Maschinen und die damit verbundenen produktions- und verfahrenstechnologischen Anforderungen verstehen.

Und was bedeutet das für die Berufsschulen? Muss sich denn etwas bei der Ausstattung und der Ausbildung der Berufsschullehrer ändern? Berufsschulen haben ähnliche Probleme wie andere Schulen und teils auch die Hochschulen: Die Ausstattung ist technisch oft nicht auf der Höhe der Zeit, Lehrer und Lehrerinnen sind in den neuen Technologien oft zu wenig geschult und zudem oft sehr weit weg von den aktuellen Anforderungen im betrieblichen Alltag. Hinzu kommt: Lernen wird allzu oft als reine Wissensvermittlung organisiert. Gebraucht wird aber zunehmend das Lernen am Gegenstand, in Projekten und vor allem in der konkreten Zusammenarbeit mit anderen – also auch interdisziplinär und qualifikations- und hierarchieübergreifend. Werden sich die Anforderungen an die Auszubildenden ändern? Der Maschinenbau wird noch vielfältiger und anspruchsvoller werden, die Ansprü-

anspruchsvoller werden,

Das Gespräch führte Oliver Schmale.

SABINE PFEIFFER Werdegang Sabine Pfeiffer hat die Digitalisierung von Arbeit hautnah miterlebt. Die 1966 im nordrhein-westfälischen Unna geborene Soziologin, die auf Frauenchiemsee sowie in Fürth zur Schule ging, hat nach der mittleren Reife eine Ausbildung als Werkzeugmacherin gemacht. Nachdem sie länger in der Industrie gearbeitet hatte, schlug sie über den zweiten Bildungsweg die akademische

Laufbahn ein. „Werkzeugmacherin und Soziologin sind für mich kein Widerspruch: Beide Tätigkeiten erfordern analytische Präzision und Hingabe, planvolles Vorgehen und Gefühl für den Gegenstand“, erklärt Pfeiffer. Nachdem sie von 2010 bis 2014 Professorin für „Innovation und kreative Entwicklung“ an der Hochschule München war, wurde sie 2014 zur Professorin für Soziologie in Hohenheim ernannt. os


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 2 | M

Auf den Fuß genäht

M

aßgeschneiderte und individuelle Lösungen – und das günstig und schnell. Was nach einem unlösbaren Widerspruch klingt, das macht Maschinenbau 4.0 möglich, weil Maschinen, die kleine Computer enthalten, miteinander vernetzt sind und kommunizieren und so neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Dass dies keine Zukunftsmusik ist, zeigen drei Beispiele aus Baden-Württemberg. In der Speedfactory im bayerischen Ansbach werden seit Kurzem wieder Sportschuhe produziert – ausgerechnet im Hochlohnland Deutschland. Mittelbis langfristig will das Unternehmen 500 000 Sneakers an Standorten wie Ansbach oder im amerikanischen Ater in DeutschSportschuhe wied st lb se en nn kö g lanta herstellen. Der kostspielige und dabei auch noch tomatisierun Dank flexibler Au en – individuell, kostengünstig und zeitaufwendige Transport aus südostrd land produziert we asiatischen Billiglohnländern könnte d. en ar lsp ia mater damit zumindest zum Teil entfallen, sein Team die „Übermaschine“ Tru Fertigung nach Deutschland zurückDas Verfahren lasse sich etwa auch für Laser Center 7030 entwickelt: Sie ist der geholt werden. Dass dies keine weltfernen Hirnge- die Produktion von Skiern oder Helmen erste Vollautomat unter den Laserschneidmaschinen. Die Maschine kann spinste sind, bestätigt Axel Bartmann, anwenden. Das Vorzeigewerk für Industrie 4.0 alles allein, vom Einladen des Blechs Sprecher des Spezialmaschinenbauers Manz. Das Reutlinger Unternehmen steht in Graben-Neudorf, ganz in der über das Ausschneiden verschiedenster hat das Verfahren der Speedfactories Nähe des badischen Bruchsal. Bei dem Teile bis zum Sortieren und Stapeln der entwickelt. „Ziel der flexiblen Automa- Antriebsspezialisten SEW-Eurodrive unterschiedlichsten Aufträge, und das tisierung in einer lokalen vernetzten helfen sich selbst organisierende Syste- viel sicherer und schneller als früher. me, die miteinander Die Tru Laser 7030 gilt als Prototyp Produktion nach dem Industrie-4.0-Maschine: vernetzt sind, der Be- einer Vorbild der Industrie „Ziel der flexiblen legschaft bei der Ferti- Dass sie sich problemlos fern4.0 ist die Rückverlage- Automatisierung ist gung elektrischer Ge- steuern und fernwarten rung der Fertigung an die Rückverlagerung triebemotoren – indivi- lässt, Codes mit Informaden Ort des Verbrauder Fertigung an den Ort duell zugeschnittene tionen zu den nächsten chers“, erklärt er. Produkte zu den Kos- Prozessschritten in„Mit unserer Tech- des Verbrauchers.“ ten einer Massenferti- nerhalb von Sekunnologie setzt man klei- Axel Bartmann, gung. Antreiber dieser den auf die Blechteile ne Teile, etwa aus Car- Sprecher von Manz Entwicklung ist SEW- aufträgt und Prozessbon, Kunststoff oder Textilien, aneinander, die dann die Technikvorstand Johann Soder: „Wir daten einfach und siForm ergeben“, so Unternehmensspre- verbinden in dieser Fertigung die Um- cher in lokale Systeme cher Axel Bartmann. Das spart Rohstof- setzung von Lean in höchster Perfek- oder Cloud-Anwenüberträgt, fe und Kosten. „Es gibt fast keinen Ma- tion mit den Ansätzen von Industrie 4.0. dungen terialverschnitt, verschiedene Materia- Auf Basis einer fraktalen Fabrik verbin- unterstreicht das Ganlien und Farben lassen sich den intelligente, autonome Assistenten ze. So lassen sich nicht kombinieren, ohne dass die Maschine die Prozesse.“ Es gehe um eine „sinn- nur Bearbeitungskosten aufwendig umgerüstet werden muss“, volle Verbindung und Unterstützung um bis zu 30 Prozent senken: Auch Störungen erklärt er. Im Prinzip werden Kunden- der Mitarbeiter“. Soder sieht den Prozess eher als Evo- und Stillstand sind seltener wünsche in Produktionsdaten übersetzt. Damit wird der Prozess in der lution denn als eine Revolution. Natür- und auch kleinere FertigungsaufFabrik flexibel losgetreten“, ergänzt er. lich entstünden „neue Geschäftsfelder träge können sicher und wirtschaftÄhnlich wie beim Flicken, englisch und -modelle“. Auch würden Unterneh- lich bearbeitet werden. Mit der Trumpf-Maschine können Patch. Die Fertigung von Endproduk- men von neuen Wettbewerbern verten im Markt bei gleichzeitiger Flexibi- drängt. Aber das habe es auch schon frü- nach Angaben des Unternehmens auch lisierung der Produktion sei wahre Pio- her gegeben, als etwa vor zehn, 15 Jah- Aufträge angenommen und produziert klassische Versandhäuser werden, die man früher gar nicht im nierarbeit. Das Projekt mit Adidas sei ren Portfolio hatte. Sie ist damit ein Beispiel der erste Serienauftrag. Man befinde verschwanden. sich aber „in vielversprechenden GeBeim Ditzinger Maschinenbauer dafür, dass Maschinenbau 4.0 auch ganz bl sprächen“ mit anderen Unternehmen. Trumpf haben Frank Schmauder und neue Geschäftsfelder eröffnet.

Greifarm und Ersatzteil aus dem Drucker

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ahnkronen, Hörgeräte, Implantate, Robotergreifarme, Ersatzteile für die Luftfahrt- und Automobilindustrie – für Produkte aus dem 3-D-Drucker gibt es bereits etliche Anwendungsbeispiele. Wenn von Digitalisierung und Industrie 4.0 die Rede ist, spielt der 3-D-Druck zunehmend eine Rolle. Bei dem Verfahren entstehen auf Grundlage digitaler Baupläne dreidimensionale Produkte beziehungsweise Werkstücke. Bislang wurden Produkte vor allem durch Abtragen von Material geformt, also durch Bohren, Fräsen, Schleifen oder Meißeln. Beim 3-D-Druck wird die Herstellung von Produkten umgekehrt – indem Material Schicht für Schicht aufgetragen wird. Fachleute sprechen daher von „Additive Manufacturing“. „3-D-Druck ist auch für die deutschen Maschinenbauer ein spannendes Thema, bei dem es viel zu entdecken gibt“, sagt Rainer Gebhardt, Projektleiter der Arbeitsgemeinschaft Additive Manufacturing im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Der vor drei Jahren gegründeten Arbeitsgemeinschaft gehören nicht nur Anlagenbauer, sondern auch Zu-

Robotergreifarm, ialist Festo hat bei diesem pez gss run sie ati tom Au Der Esslinger k gesetzt. sel ähnelt, auf 3-D-Druc der einem Elefantenrüs

lieferer, Dienstleister, Forschungsinstitute ziert die Reparaturzeit bestimmter Modelle und viele Nutzer von Bauteilen an, weil um 90 Prozent, die Reparaturkosten um 30 man Know-how über die gesamte Prozess- Prozent. Flugzeughersteller Airbus nutzt kette zusammenbringen wolle. Gebhardt das additive Verfahren sogar zur Produktion will im Zusammenhang mit 3-D-Druck von Kabinenteilen in Passagierflugzeugen. zwar nicht von einer Revolution sprechen, Gerade im Flugzeugbau spielen Gewicht die herkömmliche Herstellungsverfahren und Komplexität eine wichtige Rolle. Unter ablöst, aber er sieht es als wichtige Ergän- dem Stichwort Bionik werden komplexe zung. Es werde die industrielle Fertigung Strukturen aus der Natur auf die Teilekonstverändern, sagt Gebhardt. ruktion übertragen. Solche Bauteile können Beim industriellen 3-D-Druck bzw. dem erst durch die 3-D-Technik aus einem EleAdditive Manufacturing werden beispiels- ment hergestellt werden. Zu den Vorreitern weise Metall- oder Kunststoff-Pulver beim Einsatz des 3-D-Drucks gehört auch Schicht für Schicht verschmolzen und Festo. Die Esslinger haben etwa einen Greifübereinandergelegt und so arm entwickelt, der einem Bauteile hergestellt. Damit „3-D-Druck ist auch Elefantenrüssel nachempkönnen, im Vergleich zu für die deutschen funden ist. Der komplexe bisherigen Verfahren, bei Maschinenbauer ein Hightech-Greifer, dessen denen Teile aus einem Produktion nur durch AdBlock gesägt und gefräst spannendes Thema, ditive Manufacturing mögwurden, komplexe Geo- bei dem es viel zu lich war, wiegt rund 80 Prometrien mit geringem Ma- entdecken gibt.“ zent weniger als herkömmterialeinsatz gebaut werliche Greifer aus Metall. den. Kleine Stückzahlen VDMA-Experte Auch die Lkw-Sparte ließen sich kosteneffizient Rainer Gebhardt von Daimler produziert und schnell herstellen – im seit Herbst 2016 ErsatzteiPrinzip sogar an jedem Ort, womit sich le mit 3-D-Druckern – mittlerweile 30 Proauch Lager- und Transportkosten sparen dukte, vom Abstandshalter bis zum Kabellassen. Die Zukunftsaussichten für das Ad- kanal. Und die Fertigung solle zügig ausgeditive Manufacturing sind rosig. Nach einer baut werden, sagt Andreas Deuschle, Studie der Unternehmensberatung Roland Marketingchef des Kundendienstes und Berger ist mit Wachstumsraten von 30 Pro- Ersatzteilgeschäfts von Daimler Trucks. zent für die nächsten Jahre zu rechnen, Vor allem Ersatzteile für nicht mehr aktueldenn immer mehr Branchen machen sich le Baureihen könnten günstiger hergestellt die Vorteile des 3-D-Drucks zunutze. Der werden. Deren Produktion sei meist unWeltmarkt für 3-D-Anlagen und zugehöri- wirtschaftlich, weil Anlagen und Werkzeuge Dienstleistungen hatte laut dem in der ge lange Zeit vorgehalten und gewartet werBranche wichtigen Wohlers Report 2015 den müssten. ein Volumen von fünf Milliarden Dollar 3-D-Drucker galten lange als Spielerei (rund 4,6 Milliarden Euro). Bis 2020 wird für Hobbytüftler. Neue Maschinen und eine Zunahme auf 20 Milliarden Dollar Druckverfahren machen sie zunehmend (knapp 19 Milliarden Euro) erwartet. für die Industrie attraktiv. Nicht zuletzt Viele Firmen nutzen 3-D-Drucker in deshalb sehen Werkzeugmaschinenbauer der Prototypen-Entwicklung – etwa in der wie Trumpf oder DMG Mori im 3-D-Druck Luft- und Raumfahrt, der Autoindustrie, großes Potenzial. Trumpf etwa bietet verim Maschinenbau oder in der Medizin- schiedene Maschinentypen für den 3-Dund Zahntechnik. Immer häufiger wird Druck an und stellt in dem Bereich kräftig der 3-D-Druck aber auch in der Produk- Mitarbeiter ein. Und wer weiß, vielleicht tion genutzt. Siemens druckt sogar soge- gibt es nicht nur bald den maßgefertigten nannte Brennerspitzen aus Stahlpulver Laufschuh aus dem Drucker, sondern auch als Ersatzteile für Gasturbinen. Das redu- den individuellen Autoscheinwerfer. imf

Maschi biet Mögl

Übertriebene Ängste vor V eingeleitet und erfolgt eher evolutionär a eröffnen ganz neue Perspektiven für Un von Fertigungen, die einst aus Koste Evolution

Sensoren ste

D

ie Digitalisierung industrieller Fertigungsprozesse und die Vernetzung aller Tätigkeiten innerhalb einer Wertschöpfungskette vom Zulieferer über den Hersteller bis zu den Kunden nimmt in rasantem Tempo zu. Mensch und Maschine arbeiten dabei immer enger zusammen. Sogenannte kollaborative Leichtbauroboter wie der einarmige „LBR iiwa“ von der Augsburger Kuka übernehmen in Zukunft Hand in Hand mit dem Menschen alle möglichen unterstützenden Tätigkeiten. Eine zentrale Rolle bei den digitalen Fertigungsprozessen spielen Sensoren (Messgeräte), deren Entwicklung exponentiell zugenommen hat und die heute Fertigungsdaten in einer Genauigkeit aufnehmen können, die noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien. Der Trend geht zur Dreidimensionalität. Einer der führenden Produzenten solcher Sensoren ist die badische Sick AG, deren Sensoren immer robuster und leistungsfähiger, vor allem aber intelligenter werden. Nur so können die riesigen Datenmengen verarbeitet werden. Je kompakter und aussagekräftiger eingespeiste Daten sind, desto effizienter können Ressourcen genutzt werden und desto genauer fällt die Analyse aus. „Im Sinne der intelligenten Fabrik müssen sich einzelne Elemente innerhalb der Produktion miteinander vernetzen. Die Voraussetzung dafür sind zuverlässige Daten, wie sie von Sensoren erfasst, ausgewertet und übermittelt werden“, sagt etwa Martin Demharter, Key-Account-Manager Automotive Industry bei Sick. Eine immer zentralere Bedeutung für die Industrieproduktion und Robotik spielen Bildverarbeitungssysteme, die Qualität prüfen, Maschinen und Abläufe steuern, Bauteile identifizieren, Codes lesen und wertvolle Daten zur Optimierung der Produktion liefern. Vor allem in der Montage werden Bildverarbeitungssysteme zur Vollständigkeitskontrolle eingesetzt. Kameras überprüfen etwa, ob alle Bauteile korrekt montiert und positioniert sind, und messen berührungsfrei. So müssen nicht mehr einzelne Stichproben entnommen werden. Jedes einzelne Werkstück wird dank eines im Produktionsprozess integrierten Bildverarbeitungssystems gemessen – ohne dass die Produktionsgeschwindigkeit verringert wird. Roboter intellige


Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

tuttgarter Nachrichten Mai 2017

Die Realität ist nicht genug

D

inge sehen und fühlen, die Hunderte „Drop & Cut“, um Blechteile schnell nachKilometer entfernt sind; mithilfe zuproduzieren. Eine virtuelle Bedienobereines Tablets eine Maschine warten, fläche wird auf das Live-Bild des Maschivor der man erstmals steht: Das sind die neninnenraums gelegt, mit der Form und neuen Realitäten, die den Maschinenbau Lage der gewünschten Blechtafel ausgeverändern. Mit der virtuellen Realität (VR) wählt werden können. Danach lässt sich die können Menschen mithilfe von Brillen und Produktion sofort starten. „Die virtuelle Sensoren in Echtzeit in computergenerier- Abbildung der Teilekontur im Live-Bild te Welten eintauchen und diese als real er- macht die Nachproduktion schneller und leben. Mit der erweiterten Realität (AR, sicherer“, so eine Sprecherin. In den USA vom Englischen Augmented Reality) wer- setze Trumpf Datenbrillen für die erweiden live digitale Informationen über ein terte Realität zur Wartung ein. Ein Arbeiter real erfasstes Bild gelegt. „Vor allem das zieht eine Datenbrille plus Kopfhörer auf, Potenzial von AR ist im Maschinen- und deren Videobilder zu einem Angestellten Anlagenbau riesig. Diese Technologie för- aus dem Servicebereich übertragen werdert die intuitive Mensch-Maschine -Inter- den. Der dirigiert den Arbeiter aus der Feraktion“, sagt Eric Maiser, Leiter des Com- ne und blendet auf dem Bildschirm der Brille die dafür nötigen petence Center Future Informationen ein. Business beim Verband „Viele Anwendungen Laut VDMA verbessern Deutscher Maschinen- werden wir in den sich durch die erweiterte und Anlagenbau (VDMA). nächsten Jahren erst Realität nicht nur die WarDie Maschinenbauer im tung und Produktion, sonSüdwesten versprechen noch erschließen.“ dern auch die Fähigkeiten sich von den neuen Tech- Wolfgang Dorst, Bereichsleiter der Arbeiter rasant. Denn nologien nicht nur eine Industrial Internet beim Bitkom AR zeige die Bedienung dikostengünstigere, schnellere und flexiblere Produktion, sondern rekt am Objekt als Animation, betont auch ein völlig neues Zusammenspiel zwi- Maiser. „Die AR reagiert sogar nur auf ein schen Mensch und Maschine. Sie stellt dem Bild der Maschine, braucht also noch nicht Arbeiter die nötigen Daten in Echtzeit da einmal die echte Maschine.“ Lange Bediezur Verfügung, wo er sie braucht – eine nungsanleitungen und Schulungen gehörwichtige Voraussetzung in der vernetzten ten ebenso wie Übersetzungen für ausFabrik. So setzt Voith aus Heidenheim AR ländische Kunden der Vergangenheit an. zur Instandhaltung der Maschinen ein. Ein Maiser geht davon aus, dass in den FabriMonitoring-System blendet die Informa- ken vor allem Smartphones und Tablets für tionen über Maschinenzustand, Prozess die AR-Anwendungen eingesetzt werden. Auch die virtuelle Realität findet immer und Endprodukt auf ein Tablet ein, während dessen Kamera die Maschine fokus- mehr Verbreitung. Der Maschinenbauer siert. Aufkommende Störungen und ihre Dürr nutzt im Lackieranlagenbau vom AnUrsachen würden dabei frühzeitig erkannt gebot bis zur Inbetriebnahme beim Autound könnten vor Ort eingegeben werden. bauer digitale Modelle. Für das Angebot „Dadurch können Maschinenschäden und wird ein 3-D-Modell der kompletten AnlaProduktionsausfälle verhindert werden“, ge erstellt, das die Kunden virtuell begehen können. In der Engineeringphase wird die sagt Produktmanager Marian Moebius. Die Ditzinger Firma Trumpf bietet bei Lackiererei virtuell in Betrieb genommen. den Laserschneidmaschinen die Funktion „Somit können Fehler erkannt und korrigiert werden, bevor wir auf die Baustelle gehen und die Anlage errichten“, sagt Jürgen Jost, Leiter Forschung und Entwicklung der Dürr-Division Paint and Final Assembly Systems. „Bei der finalen Inbetriebnahme auf der Baustelle sind wir immer online mit unserem Hauptsitz in Bietigheim verbunden, um die virtuelle mit der realen Welt ständig abzugleichen.“ Da die Industrie stärker mit virtueller und erweiterter Realität plant, entwickelt, produziert und wartet, investieren deutsche Unternehmen. Bis 2020 sollen laut einer Studie 850 Millionen Euro in innovative Anwendungen aus diesen Bereichen fließen. Wolfgang Dorst, Bereichsleiter Industrial Internet beim IT-Branchenverband Bitkom, glaubt, dass die Technologien den Maschinenbau revolutionieren. „Wir wissen noch gar nicht alles, was wir damit über bei Voith Informationen machen können. Viele Anwendungsmögn rde we tät ali Re en ert man dieses auf die Mithilfe der erweit nd hre wä t, lichkeiten werden wir in den nächsten Jaheig gez an t Table die Maschinen auf einem ren erst noch erschließen.“ dag Anlage richtet.

inenbau 4.0 tet neue lichkeiten

Veränderungen sind unbegründet. Der Wandel ist längst als revolutionär. 3-D-Druck, intelligente Sensoren und Robotik nternehmen und ihre Beschäftigten – bis hin zur Rückholung engründen in Billiglohnländer verlagert worden waren.

euern intelligente Fabrik Die Leuze Electronic aus Owen im sorik für alle Anwendungsfälle werde es Kreis Esslingen ist in der sogenannten auch künftig nicht geben, meint ThoOpto-Sensorik einer der weltweiten In- mas Pilz, geschäftsführender Gesellnovationsführer. „Wir stellen alle aus schafter des Unternehmens: „Die Anunserer Erfahrung relevanten Informa- forderungen an die Sicherheitstechnik tionen zur Verfügung und erfüllen so hängen immer von der Applikation ab. bereits heute viele Kundenbedürfnisse. Um das Schutzziel zu erreichen, werden Trotzdem steckt Industrie 4.0 noch in oft Kombinationen nötig sein, die dann den Kinderschuhen, so dass viele neue zum Beispiel aus unserem sicheren 3Anforderungen hinzukommen werden, D-Kamerasystem „SafetyEYE“ und taktiler Sensorik bedie im intensiven Konstehen. Voraussetzung takt mit den Anwen- „Im Sinne der dafür sind aber nicht dern optimiert werden, intelligenten Fabrik nur taktile Roboter und um neue Marktanfor- müssen sich einzelne intelligente, dynamiderungen optimal zu bedienen“, heißt es bei Elemente innerhalb der sche Sensoren, sondern dem Unternehmen. Produktion vernetzen.“ auch die normativen Grundlagen“, sagt er. Christoph Müller, Martin Demharter, Denkende Sensoren Leiter Global Marke- Sick AG braucht es beispielsting & Communication bei Sick, hält die industrielle Bildver- weise auch für selbstfahrende Autos arbeitung für „eine der automatisie- oder landwirtschaftliche Maschinen, rungstechnischen Schlüsseltechnolo- die Dünger präzise platzieren und gien für die industrielle Produktions- Pflanzenschutzmittel genau dosieren steuerung und Qualitätskontrolle“. können müssen. Das gelingt genauso Roboter würden dadurch erst hochleis- dank Laserscannern und Ultraschalltungsfähig, könnten sehen und flexibel sensoren oder 3-D-Stereokameras von auf die Umwelt reagieren und etwa un- Sick wie etwa die Steuerung der geordnet in Kisten angelieferte Bautei- Schwerlastplattform „OmniMove“ von le entladen oder Fenster bzw. Türen Kuka, die dank des Zusammenspiels des passgenau in die Karosserie von Autos Sicherheits-Laserscanners S 3000 von Sick mit der Navigationssoftware von einsetzen. Mit dem Automatisierungstechnik- Kuka bis zu 90 Tonnen bewegen kann. Damit die Sensoren und Aktoren die experten Pilz GmbH aus Ostfildern spielt ein weiteres Unternehmen aus Signale übertragen können, braucht es Baden-Württemberg eine führende übrigens ein weiteres Unternehmen Rolle in der Sensorik und beim sicheren aus Baden-Württemberg: Der VerEinsatz von Robotern. Den einen siche- bindungsspezialist Lapp Gruppe aus ren Roboter oder die eine sichere Sen- Stuttgart liefert entsprechende Sensorleitungen. bl

E

Fotos: Bosch/Mayfield Robotics, dpa, Festo, Manz , Mauritius, Voith/Dawin Meckel

r übernehmen immer me hr unterstützende Tätig keiten für den Menschen ente Sensoren notwendig. . Dafür

Die lernende Maschine

sind

ine Maschine, die aus ihren Fehlern dass ein Gerät zehn Minuten, lernen kann – so kann man das wich- nachdem es angeschaltet wurde, tigste Potenzial der Künstlichen Intel- weiß, was es machen soll. So wie ligenz für den Maschinenbau zusammen- der Mensch müssen auch Geräte fassen. Der Begriff bedeutet mehr als nur neue Erkenntnisse aus vielen eine clevere Programmierung von Compu- durchlebten Situationen lernen – tern. Eine intelligente Maschine kann ihre das kostet Zeit“, sagt Zühlke. Ein weiterer möglicher AnUmwelt wahrnehmen und analysieren. Sie kann dabei situationsabhängig flexibel wendungsbereich ist in der Zuhandeln, um ihre Ziele optimal zu errei- sammenarbeit von Menschen mit chen. Bild- und Sprachverständnis, Lern- Robotern denkbar. Um gefahrlos und effizient refähigkeit und Problemagieren zu könlösungsfähigkeiten sind „Fehlentscheidungen nen, muss eine ebenfalls Eigenschaften, gehören in der die mit Künstlicher Intelli- Künstlichen Intelligenz Maschine, in der Lage sein, auch in genz in Verbindung gezu einem Lernprozess einem unter Umbracht werden. ständen komple„Künstliche Intelligenz dazu.“ xen Umfeld ihre erobert Märkte und Ma- Detlef Zühlke, Experte für Umgebung zu schinenbau“, so über- Künstliche Intelligenz interpretieren, schrieb die IT-Messe in diesem Jahr eine Themenankündigung. Im Bilder und Muster zu erkennen, Rahmen der sogenannten Industrie 4.0 be- ganz in der Art und Weise, wie etdeutet dies beispielsweise Maschinen, die wa ein autonomes Fahrzeug auf nicht nur auf Daten von außen warten müs- Geschehnisse im Straßenraum sen, sondern selbsttätig Produktionspro- reagiert. Auch dies ist eine klassische Domäne der Künstlichen zesse anpassen und variieren können. Allerdings sind dem Prinzip in einem Intelligenz. Zwar ist man inzwischen in realen Fertigungsprozess Grenzen gesetzt. „Einer Produktionsanlage, die selbststän- der Lage, die nötige Rechenleis- Eher Zukunftsmusik: Familienfreund und -helfer dig lernen und sich verbessern soll, müsste tung auf kleinem Raum unter- Kuri, von Bosch entwickelt gestattet werden, Fehler zu machen, und zubringen, dennoch ist eine flädas heißt, gegebenenfalls auch Ausschuss chendeckende Nutzung von Künstlicher sie sinnvoller einzusetzen sind als im Mazu produzieren, denn Fehlentscheidungen Intelligenz im Maschinenbau bisher noch schinenbau, etwa bei automatisierten gehören zu einem Lernprozess dazu“, sagte eine Vision. Zunächst wird man seine Auf- Sprachdialogen für Kundenanfragen, den jüngst Detlef Zühlke, Experte des Deut- merksamkeit stärker darauf richten, die sogenannten Chatbots, oder bei der Geschen Forschungsinstituts für Künstliche Maschinen mit den passenden Daten zu sichtserkennung. In der Industrie 4.0 wird Intelligenz (DFKI), in einem Interview mit füttern, bevor man ihnen in einem nächs- also die Künstliche Intelligenz zunächst ten Schritt gleich die Autonomie zugesteht, weniger in den Maschinen selbst stecken, der Fachzeitschrift „Produktion“. Ein Computer, der mit Künstlicher In- die nur mit Künstlicher Intelligenz zu er- sondern sie werden mit Daten gefüttert werden, die immer öfter Ergebnis dieser telligenz arbeitet, ähnelt dem Menschen reichen ist. Eine Produktionshalle ist eine zudem Computertechnologie sein werden – wenn nämlich auch insofern, dass er erst Erfahrungen sammeln muss, bevor er daraus vergleichsweise überschaubare, klar zu es etwa darum geht, die Nachfrage vorherSchlüsse ziehen und seine Reaktion anpas- strukturierende Umgebung. Es gibt des- zusagen und dann die Produktion entspresen kann. „Es wird gerne angenommen, halb erst einmal andere Bereiche, in denen chend hochzufahren oder zu senken. age


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Lernen für die neue Arbeitswelt An der Technischen Schule Aalen sollen bald 1000 Schüler im Jahr auf den Umgang mit der digitalisierten Produktion vorbereitet werden. Den künftigen Nachwuchskräften gefällt ihre abwechslungsreiche Ausbildung. Von Ulrich Schreyer

Industrie 4.0

D

as ist eine super Anlage“, schwärmt Felix Fuchsloch. Was für viele eher noch unbekanntes Terrain oder Zukunftsmusik sein mag, ist bei Fuchsloch Teil der Ausbildung. Die „super Anlage“ ist in bläuliches Licht getaucht. Schon wer das Foyer der Technischen Schule in Aalen betritt, soll wohl erkennen, dass hier irgendetwas Modernes präsentiert wird. Den Raum, in dem das Wunderwerk steht, hat man denn auch „Showroom“ getauft. Der Name indes ist kein Gag ohne Inhalt – die Schüler dort sollen schließlich lernen, wie eine Cyber-Physical Factory funktioniert und wie sie mit dieser umgehen können. Was auf der Ostalb präsentiert wird, ist nicht nur eine von 15 „Lernfabriken“ in Baden-Württemberg, sondern auch die größte. Die Miniaturausgabe einer Fabrik besteht aus 17 einzelnen Modulen, die auf einer Länge von zehn Metern hintereinander aufgebaut sind. Es gibt alles, was man auch in einer richtigen Fabrik braucht: ein Hochregallager, in dem Werkstücke auf ihre Bearbeitung warten, einen kleinen Roboter, der sie auf ein Förderband legt. „Wir haben hier eine ganze Reihe von Stationen eingerichtet“, sagt Raphael Hörner, Lehrer an der Technischen Schule Aalen. An den einzelnen Stationen gibt es einen kurzen Stopp, dann wird beispielsweise ein Etikett auf das Werkstück angebracht. Anderswo wird gebohrt, gedreht oder gefräst: „Durch einen Code sagt das Werkstück an den einzelnen Haltepunkten, was mit ihm geschehen soll“, erklärt Hörner. All dies geschieht vollautomatisch, früher hätte man gesagt, „wie von Geisterhand“ – aber wir haben es in Aalen mit Industrie 4.0 zu tun. Ein Geist ist nicht mit im Spiel, wohl aber eine gute Steuerung. Das Werkstück, das Hörner auf „Wir haben die Idee, kleinen Metallblättchen durch die Anlage schleust, hat in unserer Anlage auch etwa die Größe einer Handykleinere Messgeräte hülle. „Da ist eine Soundbox zu montieren.“ drin“, sagt Hörner zu seinem Demonstrationsstück mit Raphael Hörner, Lehrer an der Lernfabrik Aalen Leiterplatten und Verdrahtungen. Das Werkstück kann gewendet werden, Weichen können es an verschiedene Plätze lenken. Ist alles fertig, fährt es durch einen Ofen. Bei etwa 40 Grad kommt dann der Deckel drauf. Bei der Demonstrationsanlage verschmilzt dieser durch die Erwärmung mit der Hülle – in einer wirklichen Fabrik würde nur der Klebstoff, der Hülle und Deckel zusammenhält, schmelzen. „Was wir hier machen, kann bei jedem Bauteil anders sein“ , sagt Hörner. Traditionell lohnen sich in Unternehmen hochautomatische Anlagen erst bei einer Bearbeitung großer Stückzahlen. Industrie 4.0 dagegen macht Anlagen flexibel, selbst Einzelstücke können so bearbeitet werden, ohne dass immer die ganze Anlage umgebaut werden muss, weil das nächste Stück anders aussehen soll als das vorherige. Durch den Ofen aber fährt das fertige Stück erst, nachdem es kontrolliert wurde: Eine Kamera erkennt so etwa, ob die Platinen richtig eingesetzt wurden. Ist dies nicht der Fall, wird eine Weiche umgestellt, das Werkstück wandert nicht weiter durch die Anlage, sondern auf eine Art Abstellgleis. Dann ist sogar Handarbeit gefragt – ein Schüler nimmt das für die Produktion unbrauchbare Stück aus der Anlage. In dieser indes werden die Werkstücke nicht nur einfach bearbeitet. Ein Code auf jedem dieser Teile meldet der nächsten Station, was bereits mit dem Werkstück gemacht wurde und was nun zu tun ist. „Wir können so alle Schritte zurückverfolgen“, sagt Hörner. „Wir sehen, wann das Teil bearbeitet wurde, wo dies gemacht wurde und zu welcher Charge es gehört.“ Und natürlich sagt ein Werkstück auch, aus was für einer Stahlsorte es beispielsweise besteht und wie hart das Metall ist. Das wiederum kann entscheidend dafür sein, wie gebohrt wird. Gibt es dazu vom Werkstück einen Hinweis, reduziert dies den Ausschuss. „Wir haben und brauchen eben die kompletten Produktionsdaten“, meint Hörner.

Der Auszubildende Felix Beck ( links) und sein Mitschüler Felix Fuchsloch lassen sich von ihrem Lehrer Raphael Hörner im so genannten „Showroom“ die Cyber-Physical Factory erklären. Fotos: TS Aalen, Thomas Siedler

Die Technische Schule Aalen ist die größte der 15 „Lernfabriken“ im Land. Diese stecken in einem Server, vor dem ein großer Bildschirm hängt. „Das ist das Herz der Anlage“, erläutert der Lehrer. Dort laufen alle Daten zusammen – auch diejenigen für den Roboter, der das Werkstück aus der Anlage nimmt und in ein Transportkästchen legt. „Wir haben die Idee, in unserer Anlage auch kleinere Messgeräte zu montieren“, sagt Lehrer Raphael Hörner. „Am Computer würden wir theoretisch sehen, wie so etwas funktioniert. Hier sehen wir es in der Praxis“, meint der 23 Jahre alte Schüler Felix Beck. Beck ist bereits staatlich geprüfter Techniker und hat eine Ausbildung als Elektroniker absolviert. „Mit dem, was ich hier lerne, habe ich einen guten und sicheren Beruf“, meint er zu seiner Motivation für die Weiterbildung. „Es ergibt mehr Sinn, wenn man etwas wie diese Anlage bei der richtigen Arbeit sehen kann.“ Das nämlich kann auch später helfen: „In der Industrie gibt es ähnliche Komponenten. Was wir hier machen, ist deshalb eine gute Vorbereitung.“ Und gemacht werden muss tatsächlich auch noch etwas von Hand. Nicht nur,

DIE LERNFABRIK – HERSTELLER UND LEHRENDE Herstellung Die Cyber-Physical Factory an der Technischen Schule Aalen wurde von Festo Didactic entwickelt. Das zur Esslinger FestoGruppe gehörende Unternehmen hat neun der 15 Lernfabriken ausgerüstet, die im Rahmen der Landesinitiative Industrie 4.0 in BadenWürttemberg eingerichtet wurden. Deutschlandweit hat Festo Didactic mehr als ein Dutzend Lernfabriken geliefert. Das Unternehmen richtet auch im Ausland Lernfabriken ein.

Diese werden verkauft, nicht gespendet. Festo Didactic beschäftigt 950 Mitarbeiter, in der gesamten Festo-Gruppe arbeiten 18 500 Beschäftigte, der Umsatz lag zuletzt bei mehr als 2,5 Milliarden Euro. Lehrende Raphael Hörner und Bernd Wiedmann sind zur Zeit die beiden Lehrer an der Lernfabrik. Weitere sollen allerdings hinzukommen. Beide versuchen, das Thema Industrie 4.0 an Schulen weiter

voranzutreiben. So ist Hörner etwa verantwortlich für die Lehrerfortbildung im Bereich Automatisierungstechnik und Industrie 4.0 in BadenWürttemberg. Außerdem ist er Fachberater beim Regierungspräsidium Stuttgart. Wiedmann ist dort Fachberater für Mechatronik und ebenfalls für Lehrerfortbildung bei Industrie 4.0 verantwortlich. Beide haben an der „Handreichung für Industrie 4.0“ für Schulen im Lande mitgewirkt. ey

wenn es Probleme mit einem bestimmten Werkstück gibt. „Die Schüler warten die Anlage. Sie können auch eine Lichtschranke herausschrauben und eine neue einsetzen, wenn etwas kaputt ist“, sagt Bernd Wiedmann, ebenfalls Lehrer an der Technischen Schule Aalen. Und natürlich beschäftigen die Schüler sich auch mit den Steuerungen. Diese sorgen auch dafür, dass die Anlage Nachschub bekommt und die fertigen Teile herausgenommen werden. Einem autonom fahrenden Roboter gibt die Steuerung den Befehl, an die Anlage zu fahren und dort weitere Werkstücke abzuliefern, aber auch, die fertigen Teile abzuholen. Steuerung und Lichtschranken sorgen dafür, dass sich der Roboter an der Ablage am jeweils richtigen Platz andockt. „Der kennt seinen normalen Weg, aber er kann auch Hindernisse umfahren“, erklärt Hörner. Felix Fuchsloch hat bereits eine Ausbildung als Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik hinter sich, jetzt will er sich „beruflich breiter aufstellen“ und macht deshalb die Ausbildung zum Anlagentechniker. Die Anlage sei zwar auch sehr abwechslungsreich mit all ihren Facetten, meinen die beiden Schüler, „aber das ist nicht unsere Spielzeugeisenbahn, es ist sehr praxisnah“. Seit September 2016 steht die CyberPhysical Factory auf der Ostalb, gekostet hat sie nicht weniger als runde 900 000 Euro. Dass das Geld nach Aalen floss, ist einer gemeinsamen Kraftanstrengung zu verdanken: Die Schule musste bei der Ausschreibung ein didaktisches Konzept vorlegen, bei dem es vor allem um Praxisnähe ging – und das man auch weiterentwickeln könnte, wenn neue Anforderungen zu bewältigen wären. „Auch in der Industrie geht es ja immer weiter“, sagt Wiedmann dazu. Auch ohne sich in die Details zu ver-

tiefen, ist eines schon beim Betreten des Showrooms klar: Es gibt noch reichlich Platz, um an die Anlage weitere Module anbauen zu können. Da das Konzept offenbar überzeugte, steuerte das Land BadenWürttemberg 40 Prozent zu den Kosten bei, 50 Prozent kamen vom Ostalbkreis, mit zehn Prozent beteiligte sich die regionale Wirtschaft. Zum Anteil der heimischen Wirtschaft hat auch die Denkendorfer Festo Didactic etwas beigesteuert. Diese Tochtergesellschaft der Esslinger Festo AG hat die Lernfabrik gebaut und an die Schule verkauft. Festo gilt als einer der weltweit führenden Anbieter von Automatisierungslösungen, Festo Didactic betrachtet sich als führend bei Trainings auf solchen Anlagen, die gesamte Gruppe als einer der Pioniere bei Industrie 4.0. „Es gibt einen enormen Bedarf an Orientierung darüber, welche Methoden und Technologien Kunden in der Produktion, aber auch in der Entwicklung und im Service helfen können“, meint Enrico Ruehle, Vorstand bei Festo Didactic. Dabei sei klar, dass die Qualifikation der Mitarbeiter „bei der Digitalisierung die entscheidende Rolle spielen wird. Und gerade diese Qualifikation soll den Schülern an der Technischen Schule in Aalen beigebracht werden. In der Anfangsphase sind erst wenige Schüler in der Lernfabrik am Werk, später sollen in jedem Schuljahr bis zu 1000 in die Geheimnisse von Industrie 4.0 eingeweiht werden. Für die Abschlussarbeit, die in Zweierteams gemacht werden kann, werden für eine Schule durchaus hohe Ansprüche gestellt: „Das liegt auf dem Niveau eines Bachelorabschlusses“, „Wer in Zukunft sagt Wiedmann. Und dass das Konzept der Industrie 4.0 nicht Schule, wie für den Wettbe- mitmacht, ist raus.“ werb um den Zuschlag für die Lernfabrik verlangt, nachhal- Bernd Wiedmann, Ausbilder tig ist, zeigt sich nicht nur im an der Technischen Schule freien Platz für weitere Module der Cyber-Physical Factory. Noch im Laufe des Jahres soll eine Datenleitung von Aalen ins knapp zehn Kilometern entfernte Oberkochen stehen. Dort produziert Zeiss die Platinen, die in der Anlage in Aalen verarbeitet werden. Die Leitung nach Oberkochen soll über Internet und eine Cloud realisiert werden: „Die Schüler können sich die nötigen Daten dann direkt von Zeiss holen“, sagt Wiedmann, „Bestell- und Auftragsdaten ebenso wie Online-Produktionsdaten.“ Doch nicht nur mit der Datenleitung blickt man über das eigene Schulgelände hinaus: „Gerade kleinere Betriebe hinken bei Industrie 4.0 noch hinterher“, so die Erfahrung von Wiedmann. Deshalb gibt es für Beschäftigte solcher Unternehmen immer wieder Führungen durch die Lernfabrik. Denn eines ist für Wiedmann klar: „Wer Industrie 4.0 nicht macht, ist raus“ – sei es als Beschäftigter, sei es als Firma.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Axoom denkt Maschinenbau neu Der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf hat mit seinem Startup ein ganz neues Geschäftsmodell entwickelt – und rückt damit näher an IT- und Internetunternehmen heran. Von Inge Nowak

Porträt

E

in bisschen Spielerei gehört schon dazu. Etwa mit dem Kaffeeautomaten. Wer bei der Firma Axoom auf das Knöpfchen drückt, wird registriert. Das habe nichts mit Kontrolle zu tun, versichert Axoom-Chef Florian Weigmann. Erfasst würden vielmehr die Laufzeit des Automaten, seine Stillstandszeit und die Auszeit. Man erfährt, wie viel Cappuccino im Vergleich zu Espresso getrunken wird. „Wir wissen, ob auf einer Messe in Amerika oder einer in Europa mehr Kaffee getrunken wird“, erläutert Weigmann schmunzelnd. Was fängt er mit dieser Information an? „Wir wissen, ob auf einer Die Daten sind die Grundlage für die Bestellung der Milch. Messe in Amerika oder Was auf den ersten Blick einer in Europa mehr als reine Spielerei am KaffeeKaffee getrunken wird.“ automaten abgetan werden könnte, ist nicht weniger als Florian Weigmann, Axoom-Geschäftsführer, über Erfahrungen mit ein anschaulicher Blick in die dem firmeneigenen Kaffeeautomaten Zukunft. Das Start-up Axoom ist salopp formuliert so etwas wie eine Spielwiese des Ditzinger Familienunternehmens, um ganz neue Geschäftsmodelle rund um die digital vernetzte Produktion zu entwickeln. Mit Axoom stellt der Werkzeugmaschinenhersteller anderen Unternehmen eine neuartige Plattform zu Verfügung, um digital Kunden und Lieferanten zu vernetzen. Möglich ist über diese Plattform auch, dass Firmen aus der Ferne Informationen aus ihren weltweit aufgestellten Maschinen abrufen können. Damit rückt Trumpf ganz nahe an IT- und Internetunternehmen heran. Eineinhalb Jahre ist Axoom jung – und kann sich mittlerweile vor Kundenanfragen aus dem In- und Ausland kaum retten, freut sich Weigmann. Die Zahl der realisierten Projekte liege mittlerweile „im niedrigen zweistelligen Bereich“, so der Geschäftsführer. Es sind wohl um die 20 Projekte. In drei Jahren sollen es dann bereits 4000 Kunden sein, hat er die Latte hochgelegt. Der Markt scheint grenzenlos

zu sein; drei Millionen potenzielle Kunden gibt es anscheinend. Den derzeitigen Kunden – dazu gehören der Sensorhersteller Sick, der Optikkonzern Zeiss oder der Gasehersteller Linde – geht es um Informationen über Stillstandsund Durchlaufzeiten ihrer Maschinen. Ihr Ziel ist es, die Auslastung der Anlagen zu erhöhen – und die Stückkosten zu senken. Das seien häufig erste Schritte in Richtung Industrie 4.0, so Weigmann. Dabei sieht er im Maschinenalter eigentlich keinen Hinderungsgrund für den Einstieg in Industrie 4.0. Bei jeder Maschine, „die am Strom hängt“, könnten Profile erstellt werden, sagt der Axoom-Chef. Erfasst werden könnten die Durchlaufzeit eines Produktes oder die Auslastung der Maschine. Wer Erfahrung hat, wagt sich an den Produktionsprozess heran. Es geht dann um die Optimierung des gesamten Ablaufs – von der Auftragsvergabe bis hin zur Auslieferung beim Kunden. Weigmann nimmt Stichworte wie Durchlaufzeiten, Materialbeschaffung und Transportrouten in den Mund – all dies wird aufeinander abgestimmt, um Kundenaufträge schneller und zu nierigeren Kosten zu bearbeiten. Und gleichzeitig sollen möglichst neue Kunden gewonnen werden. Eine Effizienzsteigerung von „reichlich 30 Prozent“ sei möglich, verspricht Weigmann. Wer alle Informationen hat und aufeinander abstimmt, müsse keine Zeitpuffer mehr einbauen. Und demnächst wird Axoom die Vorteile der digitalen Vernetzung auch außerhalb der Produktionshalle testen. Auf der Industriemesse in Hannover wird die Trumpf-Tochter eine Zusammenarbeit mit dem Energieversorger EnBW bekannt geben. Die Kooperationspartner wollen Wege suchen, um den Stromverbrauch in Unternehmen zu senken. Dabei soll die Idee, die für private Haushalte bereits fortgeschritten ist – die Waschmaschine schaltet sich ein, wenn der Strompreis niedrig ist –, quasi auf Unternehmen übertragen werden.

Locker und leger ist die Atmosphäre beim Karlsruher Start-up Axoom, einer Tochter des Ditzinger Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf. Foto: Cira Moro Damit Kundenaufträge termingerecht ausgeführt werden können, müssen diese nämlich detailliert geplant werden – damit beispielsweise die nötigen Rohstoffe zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, damit die Maschinenkapazität vorhanden ist und hinterher die Lastwagen für den Abtransport. Künftig wird also auch noch die Energie als Parameter berücksichtigt. 100 Mitarbeiter stehen auf der Gehaltsliste des Karlsruher Start-ups, doppelt so viele wie vor einem Jahr. Probleme, Fachkräfte zu finden, hat Weigmann wohl eher nicht – auch wegen der räumlichen Nähe zum KIT, dem Karlsruher Institut für Technologie. Er bezirzt junge Mitarbeiter mit neuesten Technologien. Das Umfeld erinnert in keiner Weise an die Steifheit alteingesessener Traditionsunternehmen.

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Bei Axoom geht es leger zu. Der Chef trägt schwarzes Shirt mit gelbem AxoomNamenszug sowie knallgelbe Turnschuhe, die Mitarbeiter teilweise kurze Hosen. Und statt Kantine werden im Innenhof mittags auch mal Würstchen gegrillt. Dank der Verbindung zum TrumpfKonzern entfallen etliche unerwünschte Aufgaben. „Wir sind ein Start-up, das keine Angst haben muss, permanent Finanzierungsrunden zu fahren“, erläutert der Chef. Trumpf sei eine verlässliche Mutter, die „nachhaltige Innovationen lebt“. Seit Kurzem kümmert sich Geschäftsführer Peter Leibinger um die Erschließung neuer Technologien. Sein Schwager Mathias Kammüller ist zuständig für die digitalen Geschäftsmodelle von Trumpf. „Ich bin überzeugt, das hilft uns“, so Weigmann.


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Wir Wirtschaft tschaft & Erfolg

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Mai 2017

Karriere auf dem Land Tettnang ist nicht München und Waldenbuch nicht Berlin. Doch Mittelständler haben ihren Standort oft fernab der Metropolen. Wie gelingt es, Personal in die Provinz zu locken? Von Thomas Thieme Fachkräfte

A

ls hätte es noch eines Beweises bedurft, wo man sich befindet: Da röhrt doch tatsächlich ein Traktor mit lautem Grollen am Büro von Miriam Schilling vorbei. „Wir sind halt auf dem Land“, entschuldigt sich die junge Frau, während sie das Fenster schließt. Draußen, das ist Obereisenbach, ein Ortsteil von Tettnang (Bodenseekreis, 19 000 Einwohner). Die Kleinstadt zwischen Ravensburg, Friedrichshafen und Lindau ist bekannt für ihre Hopfenfelder – und für den international erfolgreichen Outdoor-Ausrüster Vaude. Als dessen Personalleiterin ist es Miriam Schillings Job, gut qualifizierte Fachkräfte an den Standort zu locken. Das gelinge mal leichter und mal weniger leicht, erklärt die Personalerin, die selbst Ende 2015 die Metropole München gegen die Provinz eingetauscht hat. Auf eine ausgeschriebene Stelle in der Verwaltung lande schon mal eine dreistellige Zahl an Bewerbungen auf ihrem Schreibtisch. Sucht das Unternehmen, das rund 450 Mitarbeiter am Stammsitz beschäftigt, dagegen einen Spezialisten, etwa einen Designer oder Techniker, lässt sich „Wir versuchen, unseren die Zahl der eingegangenen Bewerbungen manchmal an Mitarbeitern den Alltag einer Hand abzählen. „Für so leicht wie möglich eine Stelle als IT-Fachmann zu machen.“ hatten wir sogar nur einen passenden Kandidaten“, sagt Miriam Schilling, Personalleiterin Vaude Schilling. Der gefragte Bewerber trete die Stelle demnächst an, freut sich die Personalerin. In diesem Fall hat sich das Werben gelohnt. Wie geht das Unternehmen bei der Rekrutierung von neuem Personal vor und womit wirbt Vaude für sich? „Wir versuchen unseren Mitarbeitern den Alltag so leicht wie möglich zu machen“, sagt Schilling. Dann zählt sie eine Vielzahl von Angeboten auf, die der Mittelständler seinen Beschäftigten macht: Das reicht von verschiedenen Sportkursen und -gruppen über die moderne Betriebskantine und das Kinderhaus am Standort bis hin zu flexiblen Arbeitszeitmodellen. Außerdem ermöglicht Vaude seiner überwiegend jungen Belegschaft – das Durchschnittsalter liegt bei 38 Jahren – mehrmonatige Auszeiten vom Job. Wenn ein Mitarbeiter für drei Monate durch Pakistan wandere oder ein anderer mit seiner Familie durch Australien toure, profitiere davon auch das Unternehmen, ist Schilling überzeugt. Von rein finanziellen Anreizen hält die Personalleiterin dagegen nichts. Die Gehälter seien transparent. Über den vorgegebenen Rahmen könne „Wir können rein pekuniär sie nicht hinausgehen. „Da passiert es auch schon mal, nicht mit den Großen aus der Industrie und dem dass wir einem guten Bewerber sagen müssen, wir komIT-Bereich mithalten.“ men nicht zusammen.“ Mit Anreizen wie individuThomas Seeger, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Recht ellen Arbeitszeitmodellen, der bei Ritter Sport Beteiligung am Unternehmenserfolg, einer überdurchschnittlichen betrieblichen Altersvorsorge oder Kinderbetreuung während der Ferien wirbt Thomas Egenter, stellvertretender Personalchef des Brausen- und Armaturenherstellers Hansgrohe aus Schiltach (Landkreis Rottweil, 3800 Einwohner), um Personal. „Erfolgreiches Recruiting bedeutet für uns, möglichst viele eingestellte Bewerber auch nach zwei Jahren noch im Unternehmen zu haben.“ Neue Mitarbeiter erwarte eine familiäre und zugleich internationale Arbeitsatmosphäre. Hansgrohe beschäftigt 4800 Mitarbeiter, 60 Prozent davon an den deutschen Standorten Schiltach, Offenburg und Alpirsbach, also im Schwarzwald oder wie Egenter sagt: „Dort, wo andere Menschen Urlaub machen.“

Weniger mit der Nähe zu Bodensee und Allgäu wie Vaude oder zum Schwarzwald wie Hansgrohe als vielmehr mit dem kurzen Weg in die baden-württembergische Landeshauptstadt kann der Schokoladenhersteller Ritter Sport aus Waldenbuch (Landkreis Böblingen, 8500 Einwohner) werben. Die Lage im Stuttgarter Speckgürtel könne allerdings auch ein Nachteil sein, erklärt Thomas Seeger, der bei Ritter für Öffentlichkeitsarbeit und Rechtsfragen zuständig ist. Immerhin kämpfe in der Region eine Vielzahl von namhaften Unternehmen um qualifiziertes Personal: „Wir können rein pekuniär nicht mit den Größen aus der Industrie und dem IT-Bereich mithalten“, sagt Seeger. Der Schokoladenproduzent lockt potenzielle neue Mitarbeiter denn auch lieber mit Karrierechancen, die im Zuge der Internationalisierung deutlich zugenommen hätten. Das Familienunternehmen hat seinen Umsatz seit 2009 nahezu verdoppelt. In dieser Zeit seien mehrere Tochtergesellschaften im Ausland gegründet worden: „Wir können Mitarbeitern heute die Möglichkeit anbieten, für eine bestimmte Zeit oder dauerhaft nach Moskau, Brescia, Wien oder Nicaragua zu gehen“, sagt Seeger. Agraringenieure und Projektentwickler von Ritter seien zudem regelmäßig in den Ländern Westafrikas unterwegs, von wo ein großer Teil des Kakaos kommt. Für die rund 1000 Beschäftigten in Waldenbuch bietet das Unternehmen umfangreiche Zusatzleistungen an, die weit über das obligatorische „Freitagspäckle“, eine große Portion Schokolade zum Wochenausklang, hinausgehen: Das reicht von Kitaplätzen und Zuschüssen zur Kinderbetreuung für jüngere Mitarbeiter über Gesundheits- und Sportangebote für alle Beschäftigten bis hin zu attraktiven Altersteilzeitregelungen für ältere Arbeitnehmer. „Das ist alles nicht selbstverständlich für einen Mittelständler“, sagt Seeger. Auch ehrenamtliches Engagement von Mitarbeitern werde gefördert. Nicht zuletzt sei die gleiche Bezahlung für männliche und weibliche Beschäftigte schon lange Standard im Unternehmen. Während sich Ritter Sport geografisch eher „am Rande der Provinz“ gelegen fühlt, ist die Paul Hartmann AG aus Heidenheim an der Brenz (48 000 Einwohner) mittendrin. Hartmann stellt Medizin- und Pflegeprodukte her und beschäftigt gut ein Fünftel seiner weltweit 10 000 Mitarbeiter auf der Ostalb: in Heidenheim und im benachbarten Herbrechtingen. Verantwortlich für Personalentwicklung bei Hartmann ist Andreas Lämmlein: „Mitarbeiter wollen Perspektiven haben“, sagt er. Daher biete man Neueinsteigern im Rahmen des 18monatigen Programms „International Graduate“ die Möglichkeit, in verschiedene Abteilungen an unterschiedlichen Standorten des Unternehmens hineinzuschauen. Auslandseinsätze seien etwa in Frankreich, Spanien oder in der Schweiz möglich. Im Zuge einer Kooperation mit der Hilfsorganisation Care dürfen HartmannMitarbeiter darüber hinaus an Gesundheitsprojekten in Afrika oder Südamerika teilnehmen. Zuletzt schickte Hartmann fünf Beschäftigte für zehn Tage in eine Krankenstation in Kenia, erläutert Lämmlein. Jeder Mitarbeiter könne sich für das Projekt bewerben. Bei der Suche nach neuem Personal profitiere das Unternehmen davon, dass die von Hartmann hergestellten Gesundheitsprodukte einem positiven Zweck dienten, so der Personalentwickler: „Es geht uns darum, Menschen das Leben wieder lebenswert zu machen“, sagt Lämmlein. Dafür könnten sich viele Bewerber begeistern.

Sportangebote können Bewerbern die Entscheidung für ein Unternehmen erleichtern: Bei Vaude in ObereisenFotos: Vaude, Hartmann bach können die Mitarbeiter zum Beispiel in der Mittagspause die Wände hochklettern.

Hartmann-Mitarbeiter können an internationalen Hilfsprojekten wie hier in Kenia teilnehmen.

NOCH VIEL NACHHOLBEDARF Wo Wunsch und Wirklichkeit am weitesten auseinanderklaffen Angaben in Punkten. Befragt wurden Arbeitnehmer ab 18 Jahren in Deutschland nach der Bewertung der Wichtigkeit und Zufriedenheit auf einer Skala von 1 („überhaupt nicht wichtig/zufrieden“) bis 5 („äußerst wichtig/zufrieden“). Wichtigkeit

München immer noch finanzierbar. Wer wiederum eine Hochschule in der Nachbarschaft habe, sollte diese Nähe für sich nutzen und selbst auf potenzielle Bewerber zugehen. „Unternehmen müssen dafür sorgen, dass die Studenten gar nicht erst wieder weggehen“, sagt Eger. Standorte Aktives Standortmarketing, im Idealfall gemeinsam mit der

jeweiligen Kommune, werde nach Ansicht des Experten noch zu wenig betrieben. Als „letztes Mittel“ würden Unternehmen, die es sich leisten können, einzelne Bereiche auslagern. So gründeten Textilhersteller Design-Hubs in Modemetropolen wie Mailand oder Paris und Industriekonzerne SoftwareEntwicklerbüros in Berlin oder San Francisco. tht

Unterschied

4,52

Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben sowie persönlichem Wohlbefinden

3,85 4,35

Hervorragende Führungskraft

WAS EIN PERSONALBERATER UNTERNEHMEN IN DER PROVINZ EMPFIEHLT Zielgruppen Michael Eger, Partner bei der Personalberatung Promerit, rät Firmen dazu, statt nur nach Hochschulabsolventen zu suchen, auch auf Bewerber in den Dreißigern zu setzen. In ihrer aktuellen Lebenssituation seien sie eher bereit, ihren Lebensmittelpunkt aufs Land zu verlagern. Schließlich ist das eigene Haus dort im Gegensatz zu Großstädten wie Stuttgart oder

Zufriedenheit

3,77 4,12

Bezahlung oder Verdienstmöglichkeiten

Angebote zur Kinderbetreuung

Möglichkeit, das tun zu können, was Sie richtig gut können StZ-Grafik: zap

3,56 3,05 2,54 4,45 3,96 Quelle: Gallup


10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

So freuen sich Gewinner: Martin Krenz, Muhammed Aamir Riaz, Maria Wangler und Nils Bergner haben mit ihrem Team einen Wettbewerb beim Studiengang für sich entschieden.

Fotos: German Graduate School

Ein Sieg dank guter Seele An der German Graduate School in Heilbronn machen Berufstätige den Master of Business Administration. Damit bereiten sie sich auf Führungsaufgaben vor. Dass die Unterrichtssprache Englisch ist, muss einem nicht spanisch vorkommen. Von Ulrich Schreyer

Studium

N

ils Bergner hatte den Wunsch, „noch mehr zu lernen“, und sagt jetzt Folgendes: „Ich habe hier Freunde gefunden, nicht nur Kommilitonen.“ Bergner studiert an der German Graduate School (GGS) in Heilbronn. Dort macht er den Master of Business Administration (MBA) und hat einen Sieg errungen: Das Team, zu dem noch drei weitere Studierende gehörten, hat sich vor den Augen einer gestrengen Jury gegen zwei andere Gruppen durchgesetzt – ein Sieg dank guter Seele. Zum Abschluss ihres Moduls „Entrepreneurship and Start-up-Management“ mussten die Teams ein Geschäftsmodell entwerfen. „Die gute Seele“ hieß das virtuelle Start-up, das auf dem ersten Platz landete. Der Inhalt: Ältere Menschen, eben die „guten Seelen“, sollten jungen „Wir hatten schon Ärzte, Familien bei der Bewältigung promovierte Physiker ihrer Alltagsprobleme helfen. und Rechtsanwälte.“ Dafür sollten die Jungen zahlen, die älteren etwas entlohnt Professor Markus Vodosek, Leiter des Studiengangs werden – und das Start-up Master of Business Administration eine Provisionsgebühr für die Vermittlung durch seine selbst entwickelte App einstreichen. „We simplify life of young families, we enrich life of ‚gute Seelen‘“, so das Motto des Jungunternehmens. Dass sie dies auf Englisch propagierten, war nicht einfach nur ein Gag, sondern vorgeschrieben. Die Unterrichtssprache ist durchweg Englisch. „Die Studierenden sollen ihre Ideen auf Englisch präsentieren“, sagt Studienleiter „Ich möchte mehr über Markus Vodosek. „In der glodas Management balisierten Welt ist dies Vovon Prozessen in raussetzung für einen Erfolg in Führungspositionen.“ Das Unternehmen erfahren.“ berufsbegleitende Studium Muhammed Aamir Riaz über dauert 24 Monate, Unterricht sein Motiv zum Studium ist an 18 Wochenenden freitags bis sonntags, dazu kommen vier Studienwochen. Zum Abschluss gibt es eine Hausarbeit, die natürlich auch in englischer Sprache gemeistert werden muss. Für den Sieg der „guten Seelen“ im Dreikampf mit zwei anderen Teams war nicht nur perfektes Englisch nötig – dies ist eine Voraussetzung, um überhaupt antreten zu können. „Wir schauen, ob die Studierenden sich Gedanken über die möglichen Märkte gemacht haben“, definiert der Studienleiter die Kriterien für den Gewinn. „Wir prüfen

aber auch, ob sie an die Wertschöpfungskette gedacht, also überlegt haben, ob es gute Seelen gibt, die mitmachen würden.“ Dies indes ist noch nicht alles: „Und natürlich kommt es darauf an, ob sie für ihr Start-up eine realistische Finanzierung vorschlagen.“ In den ersten 16 Monaten sind zehn Module zu absolvieren. Dabei geht es unter anderem um Management und Leitung in Organisationen, um Marketing und Verkauf, aber auch um Finanzfragen, Informationsmanagement oder den Umgang mit Mitarbeitern. All dies ist Pflichtprogramm. Im 17. bis zum 20. Monat kommt dann die Kür. Die Studierenden können aus sieben Modulen zwei nach persönlichem Gusto auswählen. Dabei geht es dann etwa um Innovation Management oder Germany’s Mittelstand-Companies. Die restlichen vier Monate stehen dann ganz im Zeichen der schriftlichen Hausarbeit. Die Belastung, das räumt auch Vodosek ein, ist nicht gerade gering. „Die jungen Leute sind oft nicht nur berufstätig, sie sind auch in dem Alter, in dem sie möglicherweise eine Familie gründen, Kinder bekommen oder ein Haus bauen.“ Und am Wochenende wird dann, oft von 8 Uhr morgens bis 21 Uhr am Abend, studiert. Dass jemand am Ende durch die Prüfung rauscht, ist eher selten, ebenso der Abbruch des Studiums. Aber auch das kommt vor: „Manche haben die Belastung vielleicht unterschätzt“, sagt der Studienleiter. Angeboten wird der Studiengang zweimal im Jahr, Start ist jeweils im März und im Oktober. Für die 15 Plätze bewerben sich in der Regel 30 Interessenten, der ganz überwiegende Teil der Studierenden ist männlich. So auch Martin Krenz, ein Mit-

glied des Siegerteams. Der 29-Jährige ist derzeit Bereichsleiter bei der Lidl-Stiftung des gleichnamigen Einzelhandelsriesen, hat bei Lidl auch schon ein duales Studium, eine Mischung aus Lehre und Berufsschule, absolviert und war Assistent des Stiftungsvorstands. Irgendwann hat Krenz dann festgestellt, „dass es noch mehr gibt“. Dabei ging es ihm nicht in erster Linie um mehr Geld. Interessant sei vielmehr gewesen, „den Blick zu erweitern, persönlich zu wachsen, andere Unternehmen und Branchen kennenzulernen“. Auch Praktiker aus den unterschiedlichsten Firmen treten nämlich bei dem Studiengang in Heilbronn auf. Viel stärker als an der Universität, wo es um die schönsten Denkmodelle geht, steht hier der Bezug zur Praxis in den Unternehmen im Vordergrund. Möglicherweise kann dies für Krenz ein Ansporn sein, selbst ein Unternehmen zu gründen: „Wenn man eine gute Idee hat und ein Investor da ist, könnte man irgendwann mal darüber reden“, meint er. Auch der 33 Jahre alte Muhammed Aamir Riaz gehört zum Siegerteam. Riaz arbeitet im Qualitätsmanagement bei Kaufland und will an der Graduate School „Strategie, Management und Analyse von Unternehmensprozessen“ lernen sowie „auf neue Ideen kommen“. Siegreich dank der „guten Seelen“ war auch Maria Wangler aus Mannheim. Sie ist als Architektin beim Ludwigshafener Chemiekonzern BASF tätig und hat schon ein erfolgreiches Ingenieurstudium hinter sich gebracht. Ein abgeschlossenes Studium an einer Universität, einer Fachhochschule oder der Dualen Hochschule ist eine der Voraussetzungen für die Zulassung zum

DER STUDIENGANG ZUM MASTER OF BUSINESS ADMINISTRATION Die Graduate School Die private Hochschule besteht seit 2005, Gesellschafter ist die DieterSchwarz-Stiftung. Beschäftigt werden rund 70 Mitarbeiter, darunter 15 eigene Professoren. Dazu kommen 55 Gastdozenten. Aktuell sind rund 300 Studierende eingeschrieben, darunter etwa 60 im Studiengang Master of Business Administration. Weitere Studiengänge an der Graduate School sind beispielsweise Master of Laws in Business Law oder Master

of Science in Technologie und Innovationsmanagement. Bei vielen Studiengängen ist in erster Linie Deutsch Unterrichtssprache. Getragen wird die Stiftung von der LidlStiftung und KauflandStiftung. Anmeldung Der Studiengang beginnt jeweils im März und im Oktober. Bewerbungen müssen bis zum 15. Februar sowie bis zum 31. August abgegeben werden. Bewerbungen sind auch online möglich. Bestimmte Teile des Stu-

diengangs können auch an Partnerhochschulen absolviert werden. Da der Studiengang berufsbegleitend ist, kommt dies aber kaum infrage. Dozenten Ein großer Teil der Dozenten sind an der German Graduate School angestellte Professoren. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Gastdozenten von Business Schools aus anderen Ländern. ey Mehr Infos unter wws.ggs.de

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Studium des Master of Business Aministration. Die Fachrichtung spielt dabei keine Rolle: „Wir hatten schon Ärzte, promovierte Physiker oder Rechtsanwälte“, berichtet Vodosek. Eine weitere Voraussetzung ist eine mindestens dreijährige Berufserfahrung. Dann aber müssen sie nicht nur kräftig pauken, sondern auch einen Batzen Geld auf den Tisch legen. Das Studium kostet nämlich nicht weniger als 29 500 Euro – der Preis für ein durchaus flottes Auto. Doch wer nach Heil- „Finanziell und in der bronn kommt, bekommt auch Hierarchie will ich eine Entlastung: Die DieterSchwarz-Stiftung gibt jedem beruflich noch etwas zugelassenen Bewerber ein weiterkommen.“ Stipendium von 40 Prozent Maria Wangler will wissen, wie der Studiengebühren, der die Wirtschaft funktioniert. Eigenanteil reduziert sich dadurch auf 17 700 Euro. Die Unternehmen, aus denen die Studierenden kommen, beteiligen sich manchmal auch an den Kosten, geben mitunter auch einige Tage frei. In der Regel aber muss Urlaub genommen werden – wobei der baden-württembergische Bildungsurlaub von einer Woche durchaus lobend erwähnt wird. Für die 30 Jahre alte BASF-Architektin „Den Blick möchte ich Wangler geht das Studium über den bisherigen langsam zu Ende. Was sie noch vor sich hat, sind die Tellerrand hinaus Masterarbeit und deren Ver- noch erweitern.“ teidigung bei der Abschluss- Martin Krenz will nicht unbedingt prüfung. Nicht nur, um über immer Angestellter bleiben. die Wirtschaft mehr zu erfahren, als es bei Ingenieuren üblich ist, hat sie sich dazu entschlossen: Die Architektin will „in der Hierarchie und beim Gehalt noch etwas weiterkommen“. Auch für Nils Bergner rückt der Abschied aus Heilbronn näher. Nach all dem, was er dort gelernt hat, kann er sich nun vorstellen, eines Tages bei der Telekom aufzuhören und sich selbstständig zu machen – mit Ideen „Möglicherweise gründe für ein Start-up, das etwa mit ich nach dem Studium Lernen oder Sport zu tun hat. Wegen der zusätzlichen Belas- irgendwann einmal tung durch das Studium ist der eine eigene Firma.“ 34-Jährige „froh, wenn es vor- Nils Bergner denkt heute schon bei ist, aber auch ein bisschen an seine Zukunftspläne. traurig“.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 11

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Gute Finanzzahlen allein reichen nicht Mit ihrem auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Ansatz galt die GLS Gemeinschaftsbank lange als Exot in der Branche. Heute zahlt sich der werteorientierte Umgang mit Kapital aus. Von Thomas Spengler

Anlage

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as Institut mit Sitz in Bochum gilt als Vorreiter in Sachen nachhaltiger Geldanlage: Für die im Jahr 1974 ins Leben gerufene GLS Gemeinschaftsbank gehört der werteorientierte Umgang mit Kapital zu den Gründungsgenen. „Wer bei uns sein Geld anlegt, weiß, dass wir Kredite nur nach strengen sozialen und ökologischen Regeln vergeben“, macht Thomas Jorberg, Vorstand des anthroposophisch geprägten Instituts, klar. Sprich: Die Bank finanziert nur Projekte, die ihr zukunftsweisend erscheinen: Freie Schulen etwa, Biosupermärkte oder Vorhaben im Bereich regenerative Energien. GLS war lange ein Exot in der Finanzbranche. Doch das zarte Pflänzchen von Geldanlagen, die für verantwortliches, ethisches, soziales, ökologisches Investment stehen, hat 2015 eine ordentliche Wässerung erfahren, als 196 Staaten auf der UN-Klimakonferenz in Paris einen bis dahin einmaligen Vertrag mit ehrgeizigen Klimazielen ausgehandelt hatten. In der Folge gingen institutionelle Investoren verstärkt dazu über, ihre Investments unter den Aspekten Klimarisiken und fos-

ESG-KRITERIEN E steht für environmental, also für das ökologische Wirtschaften. Dieser Themenkomplex untersucht etwa den ökologischen Fußabdruck, aber auch die nachhaltige Beschaffung oder die Einbeziehung ökologischer Faktoren bei der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen. S steht für social, also die gesellschaftliche Verantwortung. Das beinhaltet die Beziehung eines Unternehmens zu seinen

Kunden, Zulieferern und Mitarbeitern sowie sein philanthropisches und gesellschaftliches Engagement. G steht für Governance, sprich Unternehmensführung. Bewertet werden Aspekte wie Vorstands- und Managementvergütung und die Transparenz in der Führung. ts Eine Übersicht der Börse Frankfurt finden Sie unter www.boerse-frankfurt.de

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sile Brennstoffe unter die Lupe zu nehmen. Exemplarisch stehen dafür der Rückzug des Norwegischen Pensionsfonds von Anlagen aus dem Bereich der fossilen Energiegewinnung und die Entscheidung der Allianz, ihre Investments in der Kohleindustrie auf null herunterzufahren. „Diese Entwicklung hat die Sensibilität für nachhaltige Anlagen, die dazu beitragen können, den ökologischen Fußabdruck zu mindern, deutlich erhöht,“ sagt Christoph Groß, Fondsmanager der LBBW Asset Management. Hätten doch die Investoren mittlerweile erkannt, dass Klimarisiken spürbare Auswirkungen auf ihre Kapitalanlagen haben können. Groß, dessen Asset Management für 2017 eine Verdopplung ihrer nachhaltig investierten Kundengelder auf rund zwei Milliarden Euro erwartet, beschreibt Nachhaltigkeit als eines der „beherrschenden Themen unserer Zeit“. Die Maßstäbe, die Anbieter von nachhaltigen Anlageprodukten anlegen, definieren in der Regel hohe ökologische und soziale Anforderungen sowie eine verantwortungsvolle Unternehmensführung nach den ESG-Kriterien (siehe Kasten) als Voraussetzung für ein Investment. Darüber hinaus werden bestimmte Industrien oft automatisch ausgeschlossen. So haben etwa Produzenten von Streubomben von vornherein keine Chance, in die Nachhaltigkeitsfonds der führenden Anbieter aufgenommen zu werden. Oder können Branchen wie Atomkraft und Glückspiel bei den Instituten auf dem Index stehen. Dasselbe kann für Produkte gelten, die die Preisentwicklung von Grundnahrungsmitteln abbilden, wie etwa bei der Deka Investment. Bei der konkreten Auswahl von Anlagen, die den Anforderungen der Institute genügen, durchlaufen diese im Prinzip zwei Filter. Zum einen erfolgt eine Titelauswahl nach den definierten Nachhaltigkeitskriterien, zum anderen muss die fundamentale Analyse stimmen. „Gute Finanzdaten allein reichen aber für nachhaltige Invest-

Sonnige Zeiten für nachhaltige Investitionen: Ökologische und soziale Projekte sind gefragt. ments nicht aus“, macht Markus Heilig, Stuttgarter Niederlassungsleiter der Bethmann Bank, klar. Zwar bewegen sich die Anteile derartiger Investments am gesamten verwalteten Vermögen im einstelligen Bereich, doch spiegeln die zum Teil hohen Zuwachsraten eine stark steigende Nachfrage wider. So verzeichnete die Union Investment der genossenschaftlichen Bankengruppe binnen fünf Jahren mehr als eine Verfünffachung der nachhaltigen Geldanlagen auf 25,3 Milliarden Euro bis Ende 2016. Ebenso verläuft die Entwicklung bei der Fondsgesellschaft der Sparkassen, der Deka Investment, die für nachhaltige Wertpapierfonds per Ende 2016 einen Zuwachs von 8,9 Prozent auf 10,1 Milliarden Euro registrierte, was rund drei Prozent des verwalteten Vermögens der DekaGruppe im Wertpapierbereich entspricht. Trotz der Zuwächse müssen die Anbieter aber immer wieder gegen das Vorurteil ankämpfen, nachhaltige Anlagen würden

Foto: dpa

eine schlechtere Rendite erwirtschaften. Fondsmanager und Berater versichern, das Gegenteil sei der Fall. Dies unterstreicht eine Untersuchung der Steinbeis-Hochschule Berlin aus dem Jahr 2013, für die 195 wissenschaftliche Studien ausgewertet wurden. Ergebnis: Der Mehrheit der Untersuchungen zufolge wiesen nachhaltige Anlagen kein schlechteres Rendite-RisikoProfil auf als traditionelle Investments. Im konkreten Fall der Bethmann Bank kann deren Vermögensverwaltung mit nachhaltigen Konzepten Ertragszuwächse bis zu 40 Prozent jährlich aufweisen. „Gerade weil nachhaltig orientierte Unternehmen über den Tag hinaus denken, steigt die Wahrscheinlichkeit für eine bessere Performance“, sagt Niederlassungsleiter Heilig. Dazu kommt die starke Reduzierung bestimmter Risiken in streng nachhaltigen Portfolios. „Deshalb sind solche Investments weniger anfällig für negative Schocks“, resümiert Fondsmanager Groß.

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12 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

„Rhetorik ist Übungssache“ Wer überzeugend sein will, muss sich gut vorbereiten, sagt Rhetorik-Professor Olaf Kramer. Wichtig ist nach seiner Ansicht vor allem Natürlichkeit. Und wer sich mit einem Thema gut auskennt, hält eher eine gute Rede. Interview

Visualisierung wird laut Kramer wichtiger. Fotos: Gerhard Kopatz

R

hetorik spielte schon in der Antike eine wichtige Rolle. Auch für Manager von heute ist es unerlässlich, überzeugend reden zu können. Zwar sei nicht jeder ein begnadeter Redner, doch vieles könne man lernen, sagt der Tübinger Rhetorik-Professor Olaf Kramer.

Herr Kramer, Rhetorik gab es schon in der Zeit der Antike, bei den alten Griechen und Römern. Hat sich da seitdem eigentlich viel geändert? Ja und nein. Die technischen Möglichkeiten haben sich geändert sowie die Redepraxis und die Präsentationstechniken. Die Verwendung eines Mikrofons und einer Lautsprecheranlage verändern das Reden. Außerdem wird oftmals ein Video oder eine Präsentation mit eingebaut. Konstant seit der Antike ist, dass eine Rede „Eine etwas längere auch Interaktion ist. Sie richtet sich immer am Zuhörer Pause kann ein wichtiges aus. Auch heute lässt sich noch Stilmittel sein, die Aussage von Cicero nutum Aufmerksamkeit zen, der sagte, eine gute Rede bestehe aus drei Elementen – einzufordern.“ sie soll informieren, bewegen Olaf Kramer, und unterhalten. Rhetorik-Professor Und wie lässt sich das auf die Manager von heute übertragen? Auch für Manager spielt Rhetorik eine große Rolle. Sie führen ihr Unternehmen und ihre Mitarbeiter mithilfe von Kommunikation. Da kommt es natürlich auf den Anlass an, bei dem geredet werden muss. Was meinen Sie damit? Es wird zwischen interner und externer Kommunikation unterschieden. Da gibt es verschiedene Varianten, wie sich der Mensch dann ausdrückt. Bei einer Bilanzpressekonferenz ist meistens ein ganz anderer Inhalt bestimmend, als wenn der Redner etwas in der Öffentlichkeit vor großem Publikum präsentiert. Nennen Sie doch einmal ein Beispiel? Die Art und Weise, wie Manager reden, hat sich im Laufe der Zeit geändert. War es einst doch sehr staatstragend, spielen seit Jahren die technischen Innovationen eine immer größere Rolle. Als ein Beispiel ist hier der Apple-Manager Steve Jobs zu nennen. Er hat mit den Trend gesetzt, dass eine Rede zum Event wird und dass sie inszeniert wird. Es spielt nicht mehr nur das Wort eine Rolle, sondern die Visualisierung nimmt einen immer größeren Platz ein. So hat Apple die Massenmedien und SocialMedia-Kanäle eingesetzt. Auch der Sport-

artikelhersteller Adidas setzt zum Beispiel auf ähnliche Formen der Inszenierung, wenn er seine Manager präsentiert oder in der Öffentlichkeit ein neues Produkt vorstellt. Kann das jeder Redner so einfach, sich in Szene zu setzen? Nein, das muss schon gut geplant und geübt werden. Manch einer kann es leichter haben, wenn er dafür ein gewisses Talent mitbringt. Aber generell ist so etwas erlernbar. Eine große Inszenierung muss eine entsprechende Bühnenpräsenz haben. Und dafür muss man gut mit dem Teleprompter umgehen können. Das ist vollkommen anders, als wenn man einen anspruchsvollen Text abliest. Dabei hat das gute alte Rednerpult zumeist ausgedient. Wie wichtig ist die Kunst des Schweigens? Eine etwas längere Pause kann ein wichtiges Stilmittel sein, um Aufmerksamkeit einzufordern. Dadurch kann auch Atmosphäre hergestellt werden. Die wird aber nicht vom Redner geschaffen, sondern vom Zuhörer, wenn er vom Sprecher in den Bann gezogen wird. Welche Fehler sollten vermieden werden? Wichtig ist vor allem Natürlichkeit. Wenn sich jemand einem Produkt oder einem Thema über Zahlen nähert, kann er das nicht im Apple-Stil kommunizieren. Dann ist eher Sachlichkeit gefragt. Schreibt eine fremde Person einen Text, sollte sie sich auf jeden Fall intensiv mit dem Redner austauschen. Sonst besteht die Gefahr, dass das richtig schiefgehen kann. Der Vorbereitungsaufwand für eine gute Rede ist enorm. Das darf nicht unterschätzt werden.

ventionell sein, etwa, indem man eine Anekdote erzählt. Wichtig dabei: Sie muss zum Thema passen, denn der Anfang eines Vortrags ist mit die kritischste Phase. Viele Menschen bezeichnen sich als gute Autofahrer, als gute Redner eher wenige. Was kann man denn alles lernen? Einen großen Teil kann man lernen und auch trainieren. Das kommt nicht von heute auf morgen. Das braucht eine gewisse Zeit. So kann der Aufbau eines Textes geübt werden und auch der Einsatz von sprachlichen Mitteln. Da kommt es auch auf die Intonation und Haltung an. Technische Mittel sind nicht immer unbedingt notwendig. Zu viel Powerpoint kann einen Vortrag auch kaputt machen. Das muss den Leuten auch hin und wieder einmal gesagt werden. Natürlich fällt es dem ein oder anderen leichter, vor einem größeren Publikum zu sprechen. Aber Rhetorik lässt sich trainieren. Wichtig ist vor allem immer wieder Feedback. Ein guter Redner lernt mehr durch die Kritik als durch Lob. Es gibt ein großes Angebot an Schulungen im Bereich Rhetorik. Was sollte bei der Auswahl beachtet werden? Dichter werden geboren, Redner gemacht, heißt es. Das bedeutet, dass bei der Auswahl

eines Kurses aus dem riesigen Angebot schon genau hingeschaut werden soll. Denn oftmals wird den Teilnehmern zu viel versprochen. Wenn man als Anfänger einen auf zwei Tage angesetzten Kurs besucht, kann man nicht erwarten, dass man dann als Obama rauskommt. Die Erfolge kommen schrittweise und das dauert seine Zeit. Ein Training von der Stange ist zumeist schwierig. Die Teilnehmerzahl darf auch nicht zu groß sein. Je weniger Teilnehmer ein Kurs hat, desto besser ist es. Massenveranstaltungen bringen in der Regel gar nichts. Das Gespräch führte Oliver Schmale.

ZUR PERSON Wissenschaftler Olaf Kramer ist Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die „Politische Kommunikation und strategische Positionierung“ sowie Rhetoriktraining und die Rhetorik des Digitalen – und die Kommunikation in Bildung und Wissenschaft. Der Mittvierziger arbeitet

außerdem als Trainer für Verbände und Unternehmen, das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland sowie für die Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Kramer ist an der Hochschule in Tübingen Leiter der Forschungsstelle Präsentationskompetenz. Er habilitierte 2015 mit einer Arbeit zum Thema Virtuelle Realität. os

Wer redet gut? Nur derjenige, der sich in seinem Metier gut auskennt? Substanz ist auf jeden Fall wichtig. Wer sich gut auskennt, ist potenziell in der Lage, eine gute Rede zu halten. Davon sollte man sicherlich die Wirkung trennen. Sie bringt dann die Substanz zur richtigen Entfaltung. Wie wichtig ist ein guter Anfang eines Vortrags? Das Publikum hat immer eine bestimmte Erwartung. Der Anfang einer Rede ist sicherlich mitentscheidend, ob das Gegenüber mit ins Boot geholt wird und man sympathisch gefunden wird. Am Anfang ist es wichtig, eine positive Atmosphäre zu schaffen. Klappt das, ist eine wichtige Hürde geschafft. Und da kommt es wieder auf die Vorbereitung an. Ein Einstieg in ein Thema darf durchaus auch einmal unkon-

Aller Anfang ist schwer: Öffentliches Reden will gelernt sein. Worauf es dabei besonders ankommt, erklärt Professor Olaf Kramer den Studenten.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Neue Regeln für die Leiharbeit Mit der Reform der Arbeitnehmerüberlassung soll einerseits Missbrauch minimiert werden, andererseits die Flexibilität dieser Form von Personaleinsatz erhalten bleiben. Von Frank Hahn

Gastbeitrag

N

ach langem Prozess wird mit Wirkung ab 1. April 2017 die Arbeitnehmerüberlassung reformiert. Ziel ist es, den Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen zu verhindern, aber auch die Arbeitnehmerüberlassung als flexibles Instrument des Personaleinsatzes zu erhalten. Zugleich soll die Stellung von Leiharbeitnehmern gestärkt werden. Bei der Arbeitnehmerüberlassung stellt ein Verleiher einem Dritten (Entleiher) Leiharbeitnehmer zur Verfügung. Diese werden in den Betrieb des Entleihers eingegliedert. Sie arbeiten nach dessen Weisungen und in dessen Interesse. Maßgebend für das Vorliegen von Arbeitnehmerüberlassung ist also die Eingliederung des Arbeitnehmers in die Arbeits„Die Arbeitnehmerüber- organisation des Entleihers und lassung muss künftig im der Übergang des Weisungsrechts auf diesen. Vertrag bereits vor der Demgegenüber wird ein Überlassung ausdrücklich Werkunternehmer oder Dienstals solche gekennzeichnet leister für einen anderen tätig. Er bleibt für die Erfüllung der im sein.“ Vertrag vorgesehenen Dienste Frank Hahn zur Frage von oder für die Herstellung des geVertragsänderungen schilderten Werks gegenüber seinem Auftraggeber voll verantwortlich. Die vom Werkunternehmer oder Dienstleister eingesetzten Arbeitnehmer unterliegen den Weisungen des Werkunternehmers oder Dienstleisters und gerade nicht denjenigen des Auftraggebers wie bei der Arbeitnehmerüberlassung. Die Abgrenzung Arbeitnehmerüberlassung einerseits und Werk-/Dienstvertrag andererseits ist im Einzelfall naturgemäß schwierig. Maßgebend ist, so jetzt die ausdrückliche gesetzliche Neuregelung, die tatsächliche Durchführung, also nicht die Bezeichnung als Werk- oder Dienstvertrag. Die Arbeitnehmerüberlassung muss nach der jetzigen Gesetzesänderung künftig im Vertrag zwischen Verleiher und Entleiher bereits vor der Überlassung ausdrücklich als solche gekennzeichnet sein. Ferner muss die Person des „Leiharbeitnehmer dürfen Leiharbeitnehmers im Vertrag konkretisiert sein. nicht als Streikbrecher Es bleibt also kein Raum eingesetzt werden. Ein mehr für eine vorsorgliche Verstoß kann ein Bußgeld Arbeitnehmerüberlassungserlaubnis, die sich Arbeitgeber von bis zu 500 000 Euro für den Fall, dass ein Werkzur Folge haben.“ oder Dienstvertrag im NachFrank Hahn zum Thema hinein doch als ArbeitnehStreikarbeitsverbot merüberlassung gewertet wurde, beschaffen konnten, um nachteilige Rechtsfolgen zu vermeiden. Wird gegen die Kennzeichnungs- und Konkretisierungspflicht verstoßen, drohen zum einen Bußgelder. Ferner ist der Arbeitsvertrag zwischen Verleiher und Leiharbeitnehmer unwirksam. Es gilt dann ein Arbeitsverhältnis zwischen Entleiher und Leiharbeitnehmer zu dem für den Beginn der Tätigkeit vorgesehenen Zeitpunkt als zustande gekommen, falls nicht der Leiharbeitnehmer auf der Fortsetzung seines Arbeitsverhältnisses zum Verleiher besteht und eine entsprechende „Festhaltenserklärung“ abgibt. Ursprünglich war Arbeitnehmerüberlassung nur für die Dauer von drei Monaten zulässig. Dies wurde dann ab den 80er Jahren schrittweise erhöht. Im Rahmen der 2003 in Kraft getretenen Hartz-Reform wurde die Überlassungsdauer ganz gestrichen. 2011 wurde gesetzlich geregelt, dass die Überlassung von Arbeitnehmern „vorübergehend“ erfolgt, was immer damit auch gemeint war. Im Rahmen der AÜG-Reform 2017 gilt nunmehr grundsätzlich wieder eine Überlassungshöchstdauer von 18 Monaten. Davon kann aufgrund eines Tarifvertrags wieder abgewichen werden. Frühere Überlassungen des Leiharbeitnehmers an den Entleiher sind anzurechnen, wenn zwischen den Einsätzen jeweils nicht mehr als drei Monate liegen. Zulässig ist auch eine Rotation des Leiharbeitnehmers zwischen verschiedenen Entleihern.

Wird gegen die Überlassungshöchstdauer verstoßen, ist der Arbeitsvertrag zwischen Verleiher und Leiharbeitnehmer unwirksam. Es entsteht dann ein Arbeitsverhältnis zwischen dem Leiharbeitnehmer und dem Entleiher, es sei denn, der Leiharbeitnehmer gibt erneut eine „Festhaltenserklärung“ ab und besteht auf der Fortsetzung seines Arbeitsverhältnisses zum Verleiher. Während bislang tarifliche Abweichungen vom Equal-Pay-Grundsatz zeitlich unbegrenzt möglich waren, müssen künftig Arbeitgeber Leiharbeitnehmern nach neun Monaten das gleiche Entgelt zahlen, das ein vergleichbarer Stammarbeitnehmer im Entleiherbetrieb erhält. Eine Ausnahme gilt, wenn ein Tarifvertrag Lohnaufstockungen schon nach höchstens sechs Wochen vorsieht. Dann muss Equal Pay erst nach 15 Monaten gewährt werden. Verstößt der Verleiher gegen diese Equal-Pay-Regeln, drohen Bußgelder bis zu 500 000 Euro. Ferner sind die Vertragsklauseln unwirksam, die für den Leiharbeitnehmer schlechtere Arbeitsbedingungen vorsehen. Die Arbeitnehmerüberlassungserlaubnis kann widerrufen werden, so dass wieder ein Arbeitsverhältnis zwischen Leiharbeitnehmer und Entleiher begründet wird. Der Leiharbeitnehmer kann aber auch hier auf sein Arbeitsverhältnis zum Verleiher bestehen. Leiharbeitnehmer dürfen auch nicht als Streikbrecher eingesetzt werden. Die Auswirkungen von Streiks können künftig grundsätzlich nicht mehr durch den Einsatz von Leiharbeitnehmern gemildert werden. Denn es gilt ein Verbot der Streikarbeit für Leiharbeitnehmer. Bislang waren Leiharbeitnehmer bei einem Streik nur nicht verpflichtet zu arbeiten, durften es aber. Eine Ausnahme vom Streikarbeitsverbot gilt für Leiharbeitnehmer, die bereits bei Beginn des Arbeitskampfes beim Entleiher tätig waren und ihre bisherige Tätigkeit fortführen. Sie haben jedoch ein Leistungsverweigerungsrecht, auf das sie der Verleiher, also ihr Arbeitgeber, hinweisen muss. Ein Verstoß gegen das Streikbrecherverbot kann ein Bußgeld von bis zu 500 000 Euro zur Folge haben. Es ist nunmehr gesetzlich geregelt, dass der Entleiher den Leiharbeitnehmer nicht an einen anderen Entleiher weiterverleihen darf. Wird hiergegen verstoßen, wird ein Arbeitsverhältnis zum letzten Entleiher fingiert, wenn der Leiharbeitnehmer nicht Arbeitnehmer seines Verleihers oder des ersten Entleihers sein will. Ferner drohen beim Verstoß gegen das Kettenverleihverbot wiederum drastische Bußgelder für Verleiher und Entleiher. Bereits nach der Rechtsprechung wurden Leiharbeitnehmer bei der Frage, ob bestimmte Sachverhalte im Betriebsverfassungsgesetz erfüllt sind, etwa bei Betriebsratswahlen oder Freistellung von Betriebsratsmitgliedern, berücksichtigt und gezählt. Das ist nun gesetzlich ebenso normiert wie der Umstand, dass Leiharbeitnehmer bei der Unternehmensbestimmung, also zum Beispiel bei Aufsichtsratswahlen zu berücksichtigen sind. Die Neuregelungen des Betriebsverfassungsgesetzes sehen vor, dass sich die Unterrichtungspflicht des Arbeitgebers auch ausdrücklich auf den zeitlichen Umfang des Einsatzes, den Einsatzort und die Arbeitsaufgabe des Leiharbeitnehmers bezieht. Dem Betriebsrat ist auf sein Verlan-

„Unternehmen müssen bestehende und künftige Verträge überprüfen“, sagt Frank Hahn.

Leiharbeit ist oft ein Balanceakt für alle Betroffenen. Das soll jetzt besser werden. gen auch der Arbeitnehmerüberlassungsvertrag mit dem Verleiher vorzulegen. Bei der Personalplanung hat der Arbeitgeber den Einsatz von Fremdpersonal mit dem Betriebsrat zu beraten. Wie schon bisher muss bei beabsichtigter Einstellung von Leiharbeitnehmern die Zustimmung des Betriebsrats eingeholt werden. In das BGB wurde eine Legaldefinition des Arbeitnehmerbegriffs eingeführt, die sich allerdings in der bloßen Wiedergabe der Rechtsprechung erschöpft. Die Rechtslage bleibt also unverändert. Ob ein Beschäftigter Arbeitnehmer oder freier Mitarbeiter oder Scheinselbstständiger

ist, muss weiterhin nach wertender Betrachtung der Gesamtumstände beurteilt werden. Da die neue gesetzliche Regelung der Arbeitnehmerüberlassung wesentliche Änderungen enthält, müssen Unternehmen bestehende und künftige Verträge über den Einsatz von Fremdpersonal überprüfen und ihre Organisation auf die Änderungen einstellen. Liegt nämlich tatsächlich Arbeitnehmerüberlassung vor und ist der Vertrag nicht als solcher gekennzeichnet, ist zum einen mit der Zahlung drastischer Bußgelder, zum anderen mit weiteren Sanktionen zu rechnen.

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GASTAUTOR Arbeitsrechtler Der Stuttgarter Frank Hahn ist seit 1990 als Rechtsanwalt tätig, zunächst bei Gleiss Lutz, dann bei Kasper

Knacke. Er studierte in Tübingen, promovierte 1991 und ist Fachanwalt für Arbeitsrecht seit 1992. Der Marathonläufer engagiert

sich als Vorsitzender des Prüfungsausschusses Fachanwalt für Arbeitsrecht der Rechtsanwaltskammer Stuttgart. bb

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14 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Fragebogen

Von der Sinnhaftigkeit des Tuns üb

erzeugt

Cle me ns Stropp el

ist Verwaltungschef der Diözese Rot tenburg-Stuttgart und Stellvertreter des Bischofs. Im Fragebogen erklärt er, worauf sich sein Führungsstil stützt. Was macht einen guten Chef aus

? Wichtig sind die Fähigkeit und die Bereitschaft, Entscheidungen zu fällen. Dabei sollte man die Beschlü parent machen, offen sein für die sse transArgumente sowie die Sensibilität en der Mitarbeiter. Ein guter Che eigene Fehler erkennen und sie eing f sollte auch estehen können. Und welche Eigenschaften davon

haben Sie? Ich bin kommunikationsfähig, kan n Argumente anhören und gewicht en. Ich bin auch entscheidungsfreud dem prägt mein spiritueller Hinterg ig. Zurund, die Orientierung an Barmhe rzigkeit und Gerechtigkeit, meinen mit den Mitarbeitern. Umgang Wie kommt man so weit wie Sie?

Man kommt so weit, weil ein Bischof einen kennt, sieht und auswählt. Man fällt dem Bischof auf, wenn man sein gaben gewissenhaft erledigt und die e AufBereitschaft mitbringt, Verantwortu ng auch dann noch zu übernehmen schwieriger wird. , wenn es

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Mein größtes Glück dabei ist die groß e Familie, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe dort gelernt, mich auf einzustellen, mich mit ihnen zu vere andere inbaren und Zusammenarbeit zu übe n.

Haben Sie Vorbilder?

Ein Vorbild dafür, wie man in schw ierigen Zeiten führt, ist für mich die Bundeskanzlerin. Ihre Gelassenheit dität, ihre Nüchternheit und ihre unp , ihre Solirätentiöse Art beeindrucken mich.

Was ist typisch für Ihren Arbeits

alltag? Ich stehe stets um 6.15 Uhr auf, bin spätestens um 8.15 Uhr im Büro ansp rech- und sichtbar. Bis 17 Uhr steh Besprechungen und Sitzungen an. en dann Hernach folgt die Schreibtischarb eit bis weit nach 20 Uhr. Um 0.30 schließlich ins Bett. Uhr gehe ich Was würden Sie heute anders ma

chen? Ich würde vielleicht als Priester doc h lieber Pfarrer sein. Da ist man stär ker in der Gemeinde eingebunden.

Von wem können Sie am ehesten

Kritik einstecken? Am leichtesten fällt mir das bei mei nem familiären Umfeld: bei den Elte rn, Geschwistern, Nichten und Nef weiß ich, dass die Kritik von einer hoh fen. Da en Grundsympathie getragen ist. Ähn lich geht es mir mit den Beschäftigte denen ich in meinem Bereich eng und n, mit vertrauensvoll zusammenarbeite.

Womit können Kollegen Sie nerven

? Wenn sie nur die Probleme sehen und nicht nach Lösungen suchen. Mich nervt auch die Scheu, schwierige Pro anzupacken, die Flucht vor der Vera bleme ntwortung und eine Rhetorik, die auf ein Sieger-Verlierer-Schema hinauslä uft. Und um gekehrt?

Vielleicht damit, dass ich zuweilen sehr tief in Themen einsteige, die Details prüfe und dadurch Fragen tauchen, die meine Mitarbeiter läng wieder aufst für erledigt und abgearbeitet geh alten haben.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Startet mit offenen Ohren und offenem Intellekt die Laufbahn. Nehmt so viel an Erfahrung mit wie möglich. Geb euren Verstand, schaut auch nach rech raucht ts und links und geht den Dingen auf den Grund.

Was macht Sie leistungsfähig?

Mein Glaube und meine Hoffnung sind da wesentlich. Ich fühle mich getragen, gewollt und gemocht. Bedeutsam ist auch, dass ich von der Sinnhaftigke it meines Tuns überzeugt bin, dass ich konkrete Menschen vor Augen hab e, für die ich mich engagiere.

Die Zusammenarbeit mit Bischof Gebhard Fürst ist sehr eng. Fotos: Diözese RottenburgStuttgart

Olaf Axel Engemann (52) wird zum 1. Juli Vorstand der Süddeutsche Krankenversicherung, der Süddeutsche Lebensversicherung und der Süddeutsche Allgemeine Versicherung. Der Diplom-Volkswirt ist seit fast 25 Jahren in der Versicherungsbranche tätig, davon 13 Jahre im Generali-Konzern. Dort war er in den letzten drei Jahren als Bereichsvorstand für die Unabhängigen Vertriebspartner der Generali in Deutschland sowie parallel seit einem Jahr als Generalbevollmächtigter für den Vertrieb Deutschland der Dialog Lebensversicherung verantwortlich. In diesen Positionen verantwortete er neben der strategischen Weiterentwicklung die Wachstums- und Ertragsentwicklung. Engemann wird als Vorstand für Marketing und Vertrieb zuständig sein. Der SDK-Vorstand setzt sich damit künftig zusammen aus Ralf Kantak (Vorsitzender), Olaf Axel Engemann (Vertriebsvorstand) und Benno Schmeing (Betriebsvorstand). bl

Thomas Jakob

Zurück zur Hypo-Vereinsbank Zurück zu seinen beruflichen Wurzeln bei der Hypo-Vereinsbank kehrte jetzt Thomas Jakob (51). Der Experte im Firmenkundengeschäft war in den vergangenen neun Jahren stellvertretender Vorsitzender des Vorstands bei der Kreissparkasse Biberach. Dort verantwortete er das Firmenkunden- und Kapitalmarktgeschäft. Die Hypo-Vereinsbank ernannte Jakob zum neuen Leiter der Unternehmer-Bank in der Region Südwest, die sich um Firmenkunden in Baden-Württemberg, Hessen, Saarland und Rheinland-Pfalz kümmert. Er folgt auf Robert Schindler, der in den Vorstand der Bank berufen wurde. Jakobs Laufbahn führte 1993 von der Bayerischen Vereinsbank ins internationale Investmentbanking der Hypo-Vereinsbank, weiter zur Kreissparkasse und nun erneut zur Hypo-Vereinsbank. bb Foto: HVB

C

lemens Stroppel ist augenscheinlich ein glücklicher Mensch, der in seinem Job ungewöhnliche Erfüllung findet: „Es hat noch keinen Tag gegeben, an dem ich ungern ins Büro gegangen bin.“ Das sagt der Generalvikar der Diözese Rottenburg-Stuttgart aus vollem Herzen, obwohl er sein Amt eigentlich nicht angestrebt hat und vielleicht sogar hin und wieder damit hadert. Zwar hat nach der reinen Lehre stets der Bischof eines Bistums das letzte Wort in einer Diözese, in der Praxis steht aber der Generalvikar an der Spitze der kirchlichen Verwaltung. Er nimmt die Verantwortung für 450 Mitarbeiter des Ordinariats in Rottenburg wahr, er trifft letztlich schwierige Entscheidungen – wie notfalls sogar Kündigungen. Er muss Umstrukturierungen planen und Innovationen anstoßen. Stroppel scheint diese Aufgabe auf den Leib geschneidert. Er hat Einfühlungsvermögen, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einen tiefen Glauben, der auch seinen Umgang mit Mitarbeitern prägt: „Ich nehme sie ernst, bringe ihnen Respekt und Geduld entgegen und orientiere mich an Barmherzigkeit“, sagt der Priester. Der 57-Jährige hat aber auch Qualitäten, die einem Theologen nicht ohne Weiteres zugeschrieben werden: „Managementkompetenz, Durchsetzungs- und Teamfähigkeit“ bescheinigt ihm Bischof Gebhard Fürst zum Beispiel. Die beiden arbeiten vertrauensvoll zusammen. Schließlich hat Fürst den damaligen Leiter des Priesterseminars vor rund zwölf Jahren mit der herausgehobenen Führungsposition, die auch die Stellvertretung des Bischofs mit sich bringt, betraut. Eine solche Karriere hat Stroppel nie geplant. Aufgewachsen in einer kirchlichen, „aber nicht brav katholischen“ Familie mit fünf Geschwistern, wollte der gebürtige Tuttlinger ursprünglich Bauingenieur werden. Das Talent dafür wurde dem Sohn des Filialleiters eines Sanitär- und Tiefbaugroßhändlers offenbar in die Wiege gelegt. Schon früh half er im Unternehmen des Vaters mit und hatte sich schließlich als Jugendlicher so weit in die Materie eingearbeitet, dass er auch die Inventur machen konnte. Parallel wuchs aber das Interesse an der Theologie. Die kirchliche Jugendarbeit erschloss ihm mit Auslandsreisen – etwa nach Rom oder Burgund – nicht nur neue Horizonte, als Gruppenleiter lernte er auch, Verantwortung zu übernehmen, öffentlich aufzutreten und zu führen. Auch daher rührt seine Treue zur Kirche, die unverbrüchlich ist, aber die Möglichkeit zur Kritik einschließt. „Man kann mitten in der Kirche stehen und trotzdem einen eigenen Kopf haben, man muss auch nicht alles glauben, was der Pfarrer sagt“, sagt Stroppel. Sein Lebensweg erscheint im Rückblick sehr geradlinig. Er studiert Theologie, wird Priester und Vikar in Stuttgart, promoviert und fällt dem Bischof nicht nur als Leiter des Priesterseminars positiv auf. Heute vollführt er eine Art Balanceakt, wenn es gilt, einerseits seinen kräfte- und zeitraubenden Job auszufüllen, andererseits sein Amt als Priester ernst zu nehmen. Stroppel will mindestens einmal die Woche predigen und so seiner eigentlichen Bestimmung folgen. Das wiederum gelingt nur, weil er mit wenig Schlaf auskommt und die Hobbys schleifen lässt. Früher ist er viel Rad gefahren. „Doch jetzt ist mein Trainingszustand schlecht“, sagt Stroppel. Zum Ausgleich geht er in seinen 60 Quadratmeter großen Garten „zum Hacken, Setzen, Pflegen“. Manchmal kommt er dazu aber erst, wenn es längst dunkel ist.

Von Generali zur SDK

Foto: Dialog Lebensversicherung

Clemens Stroppel führt die kirchliche Verwaltung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Seinen Führungsstil gegenüber 450 Mitarbeitern richtet der Geistliche am Evangelium aus. Von Michael Trauthig Generalvikar

Olaf Axel Engemann

Wolfgang Kuhn

Neue Aufgabe in Berlin Der elfköpfige Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Banken hat ein neues Mitglied. Die Delegiertenversammlung wählte jetzt Wolfgang Kuhn (60), seit mehr als zehn Jahren Vorstandssprecher der Südwestbank in Stuttgart, in den Verbandsvorstand. Zu Kuhns Aufgaben in Berlin gehören unter anderem, die Strategie der Verbandspolitik festzulegen und die Richtlinien für die Verbandsarbeit mitzubestimmen. Für die Südwestbank, die sich als konzernunabhängige Privatbank seit 2010 im Bankenverband engagiert, bedeutet die Entsendung ihres Vorstandsmitglieds in die Hauptstadt einen noch engeren Kontakt zu Politik, Aufsicht und Gesellschaft. Wolfgang Kuhn stammt aus Biberach an der Riß, studierte Betriebswirtschaft und promovierte in Nürnberg. Vom Stuttgarter Bankhaus Bauer wechselte er 2006 zur Südwestbank, wo er als Vorstandsmitglied die Bereiche Firmenkundengeschäft und Vermögensberatung übernahm. Er engagiert sich außerdem als Honorarprofessor an der Universität Leipzig. Im Bankenverband wird Kuhn bei seiner auf drei Jahre angelegten Tätigkeit in diversen Ausschüssen, Arbeitskreisen und Gremien mitarbeiten und dort die Interessen des privaten Kreditgewerbes vertreten. bb Foto: Südwestbank

Ein Chef, der Barmherzigkeit übt

Personalien

Hilmar Döring

Neuer Personalchef bei Lapp

Foto: Lapp

es Kirchen-Managers Auch der Schreibtisch ein gründet Clemens ist oft recht voll. Dafür l Gottvertrauen. Stroppels Arbeit auf vie

Hilmar Döring ist bei der Stuttgarter Lapp Holding AG zum neuen Vorstand für Personal- und Organisationsentwicklung ernannt worden. Er ist Nachfolger von Werner Knies, der in den Aufsichtsrat wechselt. Der promovierte Volkswirt Döring verfügt über fast 20 Jahre internationale Erfahrung im Bereich Personalmanagement bei namhaften Familienunternehmen im Maschinen- und Anlagenbau und der Elektroindustrie. Döring solle dabei mitwirken, die richtigen Menschen in die richtige Position zu bringen, sagte der Vorstandsvorsitzende der Lapp Holding AG, Andreas Lapp. Döring selbst meinte, er wolle dabei helfen, dass noch mehr Schlüsselpositionen mit Menschen aus den eigenen Reihen besetzt werden können. Bei Lapp gab es noch eine weitere Veränderung: Boris Katic wurde zum Chief Technical Officer (CTO) der U. I. Lapp GmbH bestellt. Bei diesem Unternehmen ist er in der Region Europa, Südamerika, Mittlerer Osten und Afrika für alle produzierenden Werke verantwortlich. ey


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

Mai 2017

Wirtschaft & Debatte

Lesen Sie in dieser Ausgabe

In der Wirtschaft gibt es viele Themen und Trends, über die es sich zu diskutieren lohnt. Die Seiten „Wirtschaft & Debatte“ liefern Argumente und Hintergründe zum Mitdenken und Mitreden.

Vermögen – warum Hab und Gut so ungleich verteilt sind. SEITEN 15, 16 Ideenwerk BW – Innovationen in Baden-Württemberg. SEITEN 17–20 Meetings – über Sinn und Unsinn von Besprechungen. SEITE 21

Schaufenster mit Luxusangeboten und Betteln auf der Straße – auch das gehört zum Bild in deutschen Großstädten.

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Foto: dpa

Wer hat, dem wird gegeben Das Hab und Gut der Deutschen ist recht ungleich verteilt. Und es ändert sich wenig daran. Wer aus einem reicheren Haushalt stammt, verdient oft auch besser – und kann aus seinem Einkommen weiteres Vermögen bilden. Von Ulrich Schreyer

Vermögensverteilung

D

er Ruf nach mehr Gerechtigkeit wird vor den Bundestagswahlen laut erschallen. Und dabei werden auch die Vermögensverhältnisse zwischen Kiel und Konstanz ins Visier genommen werden. Tatsächlich bestreitet wohl kaum ein Wissenschaftler, dass das Vermögen der Deutschen recht ungleich verteilt ist – doch ist das schon ungerecht? Für höchstes Interesse auf allen Seiten jedenfalls sorgt alljährlich die Liste mit den reichsten Deutschen. Doch wo prominente Namen und ihr geschätztes Vermögen stehen, steht oft nur die halbe Wahrheit. Die Familie Quandt (BMW) soll über ein Vermögen von 31 Milliarden Euro verfügen, die Familien Albrecht und Heistler (Aldi Süd) sollen mehr als 18 Milliarden Euro besitzen, Maria Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg (Conti) knapp 18 Milliarden Euro. Die ärmste Familie unter den 100 reichsten, die Familie Mohn (Medien), kann 1,3 Milliarden Euro ihr Eigen nennen. Diesen Betrag kann ein durchschnittlich gut Verdienender mit einem Monatseinkommen von 5000 Euro auch anhäufen. Startet er bei null und hat keinerlei Ausgaben, schafft er dies in nur 21 666

WEM IN DEUTSCHLAND WAS GEHÖRT Vermögens- und Einkommensverteilung der privaten Haushalte in Deutschland 2014, Anteile in Prozent Lesebeispiel: Das reichste Zehntel besitzt 59,8% des gesamten Netto-Vermögens.

Von den NettoVermögen entfallen auf ...

59,8

Von den NettoEinkommen entfallen auf ...

das reichste Zehntel

das 6. bis 9. Zehntel

36,8

40,6

37,7 22,6 2,5 Grafik: oli

die unteren 5 Zehntel Quelle: Deutsche Bundesbank

Jahren. Hätte er in der letzten Eiszeit angefangen und alles gehortet, könnte er der Familie Mohn mit seinem Vermögen anno 2017 Paroli bieten. Experten warnen allerdings davor, die Vermögen der Reichen zu hoch einzuschätzen. Auch diese nämlich hätten beispielsweise Verbindlichkeiten, die aber nicht in den Statistiken auftauchen. Dennoch sind die vorhandenen Zahlen erstaunlich: Ein Prozent der reichsten Haushalte, so eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, besitzt mehr als ein Drittel des Vermögens in Deutschland. Und die reichsten zehn Prozent können rund zwei Drittel des gesamten Nettovermögens ihr Eigen nennen. Die Berliner Forscher aber haben noch mehr herausgefunden: Rund 80 000 Personen, so ihre Angaben, gehört fast ein Viertel des Privatvermögens zwischen Kiel und Konstanz. Immerhin aber, so Judith Niehues, Expertin beim industrienahen Kölner Institut der Wirtschaft (IW), habe sich die Ungleichheit in den vergangenen Jahren nicht noch weiter verstärkt. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch das DIW und das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Andererseits aber bedeutet dies auch: Aus Sicht derer, die eine solche Verteilung für ungerecht halten, hat sich eben auch nichts verbessert: Die Verhältnisse sind zementiert. Und tatsächlich hat die ungleiche Verteilung auch ihren Grund: Ein großer Teil des Vermögens der Deutschen ist Produktivvermögen, Maschinen und andere Anlagen, die in Fabriken stehen und die Wirtschaft am Laufen halten. Und außerdem, so etwa Niehues, sei das Vermögen von Selbstständigen auch schon deswegen höher, weil diese selbst für das Alter vorsorgen, also Vermögen bilden müssten. Die Ansprüche der Arbeitnehmer gegenüber der gesetzlichen Rentenversicherung – in die sie ja auch eingezahlt haben – „tauchen in keiner Vermögensstatistik auf“, so die IW-Expertin. Niehues warnt auch vor zu starker staatlicher Umverteilung: Wer Geld aus dem Sozialhaushalt bekomme, habe weniger Anreiz, selbst zu sparen und damit eigenes Vermögen zu bilden. Tatsächlich aber fehlt das Geld zum Sparen auch deswegen, weil die Einkommen niedrig sind: Das Vermögen der Reichen besteht aus Fabriken, Grundbesitz

und Immobilien mit Wertzuwachs – das der Ärmeren eher aus einem Auto, das im Laufe der Jahre allerdings immer mehr an Wert verliert. „Die Vermögensungleichheit“, so Dorothee Spannagel vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, „ist in kaum einem europäischen Land so groß wie in Deutschland.“ Erstaunlich, dass die deutsche Wirtschaft dennoch besser läuft als die aller anderen großen europäischen Länder: Die Reichen sparten, legten ihr Geld einfach auf die hohe Kante, lautet ein von Gewerkschaftsseite gerne verwendetes Argument für die wirtschaftliche Bremswirkung der Ungleichheit bei den Vermögen. Die Ärmeren gäben ihr Geld eher für den Konsum aus und kurbelten damit die Wirtschaft an. „Da ist was dran“, sagt Spannagel zu diesem Argument. „Im Vergleich zu den Armen sparen die Reichen einen größeren Anteil ihres Geldes.“ „Diese These ist wissenschaftlich umstritten“, meint dagegen ZEW-Forscher Andreas Peichl zu dem Hinweis, dadurch werde das wirtschaftliche Wachstum gehemmt. Unklar sei etwa schon, „ob höhere Ungleichheit tatsächlich zu einer höheren Sparquote führt“. Und außerdem zeigten Studien, dass höhere Ungleichheit „zu höheren Konsumausgaben mittlerer und unterer Einkommensschichten führt“ – selbst wenn die Reichen enorm viel sparten, könnte also gerade die ungleiche Verteilung des Vermögens die Wirtschaft ankurbeln. Dass die großen Vermögen eine gute Voraussetzung sind, weiteren Reichtum zu schaffen, ist seit biblischen Zeiten kaum umstritten: „Wer hat, dem wird gegeben“, heißt es schon im Matthäusevangelium. Jüngere Studien, so Peichl, hätten gezeigt, dass sich die Vermögen der deutschen Privathaushalte „zu einem Drittel aus Erbschaften speisen“. Und Personen, „die aus Haushalten mit hohem Vermögen stammen, erzielen auch höhere Einkommen“ – wiederum eine gute Voraussetzung für weitere Vermögensbildung. „In den letzten Jahren sind die Reichen immer häufiger dauerhaft reich und die Armen dauerhaft arm geblieben, das ist ein erkennbarer Trend“, meint auch Spannagel. Dass höhere Investitionen in die Bildung – vor allem im frühkindlichen Bereich – eine Möglichkeit sein könnten, Auf-

stiegschancen zu schaffen, darin sind sich die Experten vom IW über das ZEW bis hin zum WSI durchaus einig. Doch schon vor mehr als 50 Jahren hat der Soziologe und linksliberale FDP-Politiker Ralf Dahrendorf mit dem Ruf „Bildung ist Bürgerrecht“ eine Reformdebatte in der Republik angestoßen. Allerdings: Die Studentenzahlen sind rapide gestiegen, die Vermögensungleichheit blieb. Wenig überraschend ist, dass das Institut der Wirtschaft davor warnt, mit Plänen für höhere Steuern hausieren zu gehen. Höhere Steuern könnten nicht zuletzt den Mittelstand belasten, den „zentralen Treiber für den Wirtschaftsstandort Deutschland“, warnt Niehues. ZEW-Forscher Peichl führt ins Feld, gerade bei der Besteuerung von Arbeitseinkommen sei „Deutschland ein Hochsteuerland“, eine Umverteilung durch höhere EinFoto: ZEW kommensteuern sei also nicht sinnvoll. Erbschaften und „Bei einer VermögenSchenkungen, „Faktoren, die steuer kämen wir besser nicht von der eigenen Leistung abhängen“, würden da- an die Daten heran. gegen „wenig bis gar nicht Die Steuer könnte auch besteuert“. Gerade das aber bei null liegen.“ „trägt zur Zementierung der Ungleichheit bei“, sagt Peichl. Andreas Peichl, Professor beim Zentrum für Europäische Diese ist, trotz aller Vor- Wirtschaftsforschung (ZEW) sicht mit Schätzungen über die Vermögen der besonders Reichen, möglicherweise noch höher, als es die bisher vorliegenden Zahlen vermuten lassen. „Wir wissen immer noch viel zu wenig über die Spitze der Verteilung“, sagt Spannagel. „Das Problem mit Vermögensdaten ist, dass die Reichen und vor allem die Superreichen in Umfragedaten nur unzureichend erfasst werden.“ Hilfreich wären deshalb Daten zur Vermögensteuer – die in Deutschland aber derzeit nicht erhoben wird. Dabei könnten Wissenschaftler und andere Interessierte an die gewünschten Angaben selbst dann kommen, wenn niemand die Steuer bezahlen müsste: „Auch eine Vermögensteuer von null Prozent würde die Erhebung dieser Daten erlauben“, meint Peichl. Doch dass gerade der besonders große Reichtum ein besonders großes Geheimnis ist – das liegt nach Meinung von Spannagel „auch am mangelnden politischen Willen“.


16 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

D

ie Daten von Oxfam zum VermĂśgen geben etwas Einblick in das Reich des Reichtums. Doch tatsächlich sind die VermĂśgensverhältnisse auf dieser Welt ein Buch mit sieben Siegeln. Das gelte auch fĂźr Deutschland, sagt Markus Grabka, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim DIW in Berlin, im Gespräch mit â&#x20AC;&#x17E;Wirtschaft in Baden-WĂźrttembergâ&#x20AC;&#x153;. Herr Grabka, die Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam gibt jedes Jahr alarmierende Zahlen zur weltweiten VermĂśgenskonzentration bekannt. Was ist von diesen Angaben zu halten? Diese Zahlen sind eher fragwĂźrdig. Oxfam macht ja selbst die Schätzungen nicht, sondern beruft sich auf Schätzungen der Zeitschrift â&#x20AC;&#x17E;Forbesâ&#x20AC;&#x153;. Diese greift nur auf Ăśffentlich zugängliche Informationen zu. Das bedeutet, dass auch diese Schätzungen letztlich nicht das genaue VermĂśgen der Reichsten wissen kĂśnnen. Ă&#x153;ber die NettovermĂśgen der unteren Hälfte der WeltbevĂślkerung wissen wir so gut wie nichts. Nicht einmal in Europa gibt es dazu verlässliche Angaben. Es ist also recht mutig, solche Schätzungen vorzulegen.

Wissen wir Ăźber die Verhältnisse in Deutschland mehr? Es gibt verschiedene Studien zur VermĂśgensverteilung in Deutschland. Dabei gibt es allerdings das Problem, dass gerade die VermĂśgen der besonders Reichen nicht erfasst werden. So ist schlicht die Wahrscheinlichkeit bei einer repräsentativen Zufallsstichprobe ausgesprochen gering, dass die Adresse von jemand wie Frau Klatten gezogen wird. Ferner benĂśtigt man eine hinreichend groĂ&#x;e Zahl von VermĂśgenden, um belastbare Analysen durchzufĂźhren. Bislang ist nur sicher, dass die VermĂśgenskonzentration eigentlich noch hĂśher ist, als in den Statistiken ausgewieâ&#x20AC;&#x17E;Die Reichsten verfĂźgen sen. Die VermĂśgenskonzentration am oberen Rand wird typischerweise Ăźber also unterschätzt. VermĂśgen in

Unternehmen. Das ist oft sehr verschachtelt.â&#x20AC;&#x153;

Die Ă&#x2013;ffentlichkeit erfährt nichts, dafĂźr wissen aber wenigstens die Reichen, was sie in Markus Grabka Ăźber das Dunkel der Hinterhand haben. bei vielen VermĂśgensanlagen Die Reichsten verfĂźgen typischerweise Ăźber UnternehmensvermĂśgen. Dieses ist oft durch Unternehmensbeteiligungen sehr verschachtelt. Dies macht es gerade fĂźr AuĂ&#x;enstehende schwer, das VermĂśgen der Reichsten genau zu bewerten. Hätten sie nur Geld in bĂśrsennotierten Unternehmen angelegt, kĂśnnte es errechnet werden, indem man den BĂśrsenwert des Unternehmens als Grundlage nimmt. Aber typischerweise ist das VermĂśgensportfolio der Reichen komplex. Anders sieht es bei den Armen aus? Arme kĂśnnen leichter Ăźber ihr VermĂśgen berichten, insbesondere dann, wenn sie nichts haben. Es gibt zudem die Tendenz, dass die Ă&#x153;berschuldung zwischen 2002

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

â&#x20AC;&#x17E;Man kĂśnnte Ăźber einen Staatsfonds nachdenkenâ&#x20AC;&#x153; Die schwache Entwicklung der ReallĂśhne in den letzten 20 Jahren hat laut Markus Grabka dazu beigetragen, dass die VermĂśgensverteilung so ungleich geblieben ist. Helfen kĂśnne ein Staatsfonds, der Gelder fĂźr die BevĂślkerung anlegt. Interview

Auch eine Beteiligung von Beschäftigten am ProduktivvermÜgen kÜnnte nach Ansicht von Markus Grabka sinnvoll sein. Doch sie wäre nicht ohne Risiko. und 2012 zugenommen hat. Es ist durchaus attraktiv geworden, Schulden zu machen. Nicht zuletzt wegen der Nullzinskredite, die im Handel angeboten werden. Gibt es einen Trend zur Inflation, kann man damit sogar ein gutes Geschäft machen. Wie sieht es mit VermÜgen im Ausland oder auf hoher See aus. Auch Jachten kÜnnen ja recht teuer sein? Die vorliegenden Statistiken verwenden das Inländerprinzip. Das bedeutet, dass Personen, die in Deutschland leben, ßber ihr gesamtes VermÜgen befragt werden, unabhängig davon, ob es in Deutschland oder im Ausland angelegt ist. Man muss allerdings einräumen, dass es in bestimmten Ländern VermÜgen gibt, die wohl nicht angegeben werden. Es ist ja gerade der Sinn der Anlage in solchen Ländern, das VermÜgen vor dem Fiskus geheim zu halten.

Als einer der GrĂźnde fĂźr die hohe VermĂśgenskonzentration wird immer wieder darauf hingewiesen, die Wirtschaft in Deutschland sei mit ihren Familienunternehmen sehr stark mittelständisch geprägt. Der hohe Anteil des in Firmen angelegten Kapitals schaffe zwangsläufig Ungleichheit. Das ist so richtig. Anders sieht es aber etwa in GroĂ&#x;britannien oder den USA aus. Dort wird BetriebsvermĂśgen seltener nur von Privatpersonen allein gehalten, sondern in Form von Aktiengesellschaften, an denen andere Menschen beteiligt sein kĂśnnen. Wie kĂśnnte man denn gegen die Ungleichheit bei der VermĂśgensverteilung vorgehen? Die mittleren NettovermĂśgen in Deutschland sind neben der Slowakei die geringsten im gesamten Euro-Raum. Um die VermĂśgensungleichheit zu reduzieren, sollte daher darĂźber nachgedacht werden, wie

Wirtschaft tschaftt in Baden-WĂźrttemberg

Die Wirtschaftszeitung der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten fĂźr Stuttgart und die Region

â&#x20AC;&#x17E;Wirtschaft in Baden-WĂźrttembergâ&#x20AC;&#x153; bietet zielgruppengenaue Werbung in einem

Foto: DIW

die breite Mehrheit der BevĂślkerung in die Lage versetzt wird, VermĂśgen aufzubauen. Man kĂśnnte beispielsweise Ăźber die Einrichtung eines Staatsfonds wie in Norwegen nachdenken. Dieser erzielt jedes Jahr eine Rendite von mehr als fĂźnf Prozent. In Norwegen wird er hauptsächlich aus den Ă&#x2013;leinnahmen gespeist, die uns in Deutschland fehlen. Es wäre aber denkbar, die VermĂśgensbildungsprogramme in Deutschland auf den PrĂźfstand zu stellen und frei werdende â&#x20AC;&#x17E;Ein normaler Gelder dann in einen Staats- Arbeitnehmer hat nach fonds umzuleiten. Abzug der Inflation Was ist die Ursache dafĂźr, dass heute so viel Einkommen die VermĂśgen in Deutschland wie 1991. Das Geld fĂźr so gering sind? den Aufbau von VermĂśgen Neben historischen Ursachen wie zwei verlorenen Weltkrie- fehlt ihm.â&#x20AC;&#x153; gen spielt auch die schwache Grabka zur Ungleichheit Entwicklung der ReallĂśhne in der VermĂśgensverteilung den vergangenen 20 Jahren eine wichtige Rolle. Denn ein normaler Arbeitnehmer erzielt heute nach der BerĂźcksichtigung der Inflation das gleiche Einkommen wie 1991. Es fehlt also am Geld, um VermĂśgen aufzubauen. Hinzu kommt, dass der Deutsche ungern in risikobehaftete Anlagen wie Aktien investiert, die auf lange Sicht im Durchschnitt ordentliche Renditen abwerfen. Auch hier kĂśnnte ein Staatsfonds das Risiko besser streuen und zu einem besseren VermĂśgensaufbau beitragen. Wird in den Statistiken wirklich wenigstens das erfasst, was man weiĂ&#x;? Gesprochen wird immer nur vom Geldund von SachvermĂśgen. Dabei wird vernachlässigt, dass die Menschen auch AnsprĂźche an die Alterssicherungssysteme haben, also die gesetzliche Rentenkasse, Betriebsrenten oder Pensionen. Bezieht man diese mit ein, wĂźrde sich das VermĂśgen in Deutschland praktisch verdoppeln. AuĂ&#x;erdem erschiene auch die Ungleichheit nicht so hoch.

Werbung, die trifft

B2B-Qualitätsprodukt im GroĂ&#x;raum Stuttgart und den angrenzenden Landkreisen direkte Lieferung auf die Entscheider-

MĂźssten die Beschäftigten nicht stärker vom wirtschaftlichem Wachstum profitieren? Etwa, indem sie am wachsenden Wert des ProduktivvermĂśgens beteiligt werden? Das ist grundsätzlich zu begrĂźĂ&#x;en. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass der Wert des ProduktivvermĂśgens nicht nur steigen, sondern auch sinken kann, etwa wie zuletzt in einer Krise. Das ist also ein Risiko. Und da der typische Deutsche das Risiko scheut, ziehen viele immer noch das Sparbuch vor.

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in der Kategorie Konzept und Innovation

Das Gespräch fßhrte Ulrich Schreyer.

ZUR PERSON Markus Grabka ist seit 1999 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut fĂźr Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehĂśrt die personelle Einkommens- und

VermÜgensverteilung. Im Jahr 2004 legte er seine Promotion zum Doktor der Gesundheitswissenschaften an der Technischen Universität Berlin an der Fakultät fßr Wirtschaft und Management ab. Zuvor war er

unter anderem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Zentrum Public Health. In den Fächern Informatik und Soziologie hat er seinen Magister Artium gemacht. Geboren wurde Grabka 1968 in Berlin. ey


Oberschwaben ist kein Magnet für hippe Start-ups. Ravensburg-Weingarten geht mit einem neuen Zentrum ganz eigene Wege zur Gründerkultur. Von Holger Güttinger und Moritz Meidert

Unternehmensgruppe, privat (2) Fotos: Mauritius, Michael Pfeffer, Prisma

Ravensburg will ganz anders gründen

Ravensburgs Altstadt bietet oberschwäbisches Idyll (Mitte). Doch 2018 geht das Innovationszentrum „kup“ an den Start (l.) und auch die Hochschule Ravensburg-Weingarten (r.) engagiert sich für Gründer.

Gastbeitrag

W

er mit dem Auto nach jekte von regionalen Unternehmen und InRavensburg fährt, formations- und Beratungsangebote zu durchquert Felder, Wäl- einer speziell oberschwäbischen Gründerder, Obst- und Hopfen- kultur zusammenfinden. Neben diesen speziellen Flächen für plantagen. Die Gegend rund um Ravensburg, die Stadt der Türme junge Unternehmen und einer Werkstatt und Tore, und ihre Nachbarstadt Weingar- für Menschen mit Behinderung der Stiften ist überwiegend ländlich geprägt. Den- tung Liebenau sind auch Räume für Grünnoch schwärmt Jürgen Kuhn, Gründungs- derkulturveranstaltungen und weitere berater bei der IHK Bodensee-Oberschwa- technologieorientierte Informationsangeben: „Wir haben hier eine der höchsten bote geplant. Der Spatenstich für das kup Gründerquoten außerhalb der Städte in erfolgte bereits im Sommer 2016. Stefan Nachbaur, Geschäftsführer des StandortBaden-Württemberg.“ Damit liegt er richtig. Mit 6,7 Gründun- entwicklers Prisma, lobt die breite Untergen pro 1000 Einwohner ist die Region stützung, die er für sein Projekt bei den berund um Ravensburg tatsächlich sehr grün- teiligten Partnern erfahren hat. Die Frage, ob das kup denn jetzt als dungsintensiv, zumindest was die Gewerbeanmeldungen betrifft. Dabei nicht be- Gründungszentrum zu bezeichnen sei, verrücksichtigt sind die freiberuflichen Grün- neint Nachbaur vehement: „Wir können mit dem kup und seinem dungen. Oberschwaben ist ohnehin eher für seine „Wir können nicht in die Konzept nicht in die bereits 30 Jahre alte Schublatechnische Orientierung bereits 30 Jahre alte bekannt. Schublade für klassische de für klassische Gründerzentren gesteckt werden. Zahlreiche kleine und Auch eine Assoziation mit mittelständische Unter- Gründerzentren Innovations- oder Startnehmen in und um Ra- gesteckt werden.“ up-Centern passt weder vensburg prägen diesen Stefan Nachbaur, Geschäftsführer für das Konzept noch für Wirtschaftsstandort. „Die des Standortentwicklers Prisma diese Region so wirklich. Absolventen unserer Hochschule finden zumeist gute Arbeits- Für uns“, sagt Nachbaur, „ist das kup einplätze im Umkreis von Ravensburg“, sagt fach das kup.“ Mit dem Zentrum, sagt WirtMichael Pfeffer, Prorektor der Hochschule schaftsförderer Hölz, wolle man auch das Ravensburg-Weingarten. Die Hochschule eine oder andere neue Unterstützungsist der wichtigste akademische Knoten- angebot ausprobieren. Wolfgang Heine, punkt der Region und mit ihren techni- Bereichsleiter Standortpolitik und Unterschen und betriebswirtschaftlichen nehmensförderung bei der IHK BodenseeSchwerpunkten eng an deren Bedürfnissen Oberschwaben, hält das kup für eine gute orientiert. „Umso schwerer fällt es, Studie- Ergänzung der Angebote der IHK. Nachholbedarf gibt es. Erst vor Kurzem rende und Absolventen zu Unternehmensgründungen zu motivieren. Wir brauchen musste das App-Start-up Socialbit im behier eine andere Gründungskultur als die nachbarten Markdorf Insolvenz anmelden. Das zwischenzeitlich auf über 15 Mitarbeigroßen Städte“, sagt Pfeffer. Hans-Joachim Hölz, Geschäftsführer ter gewachsene Unternehmen musste Fehder Wirtschafts- und Innovationsförde- lern aus der Anfangszeit, einem schnellen rungsgesellschaft Landkreis Ravensburg Wachstum und vor allem hoher personeller GmbH (WiR), sagt dazu: „Aufgrund der ak- Fluktuation Tribut zollen, wie Mitgründer tuell noch ausbaubaren Gründungsquote Thomas Kekeisen erzählt. Socialbit hat er aus den Hochschulen heraus wollen wir ge- zwar zusammen mit erfahrenen Gründern zielt Ausgründungen aus kleinen und mit- gestartet, aber ohne wirklich unterstützentelständischen Unternehmen unterstüt- de Beratung. „Die Angebote vor Ort waren zen.“ Dazu hat die Wirtschaftsförderungs- für uns nicht das Richtige“, sagt Kekeisen. gesellschaft gemeinsam mit dem „Ausschlaggebend für die StandortentStandortentwickler Prisma sowie weiteren scheidung war, dass wir Gründer eben in Partnern wie Steinbeis, Bwcon –Baden- Markdorf bei Ravensburg gewohnt haben. Württemberg Connected, der Stadt Ra- Unseren Kunden war der Standort egal. vensburg, der Hochschule Ravensburg- Wir haben ja über das Internet gearbeitet.“ Ravensburg-Weingarten könne man, so Weingarten sowie der Stiftung Liebenau der Hochschul-Prorektor Pfeffer, „als ein neues Konzept entwickelt. „Das ,kup. Ravensburg‘ soll ab Frühjahr durch die ansässigen Unternehmen und die 2018 der erste ,Gründungshub‘ im Land- Hochschulen äußerst spannende, aber sich kreis werden, wobei die Wortschöpfung noch am Anfang ihrer Entwicklung befin(k)up einerseits auf die örtliche Nähe des dende Jungunternehmerregion betrachZentrums zum Kuppelnauparkplatz hin- ten“. Ihr Schwerpunkt werde aus seiner weist und andererseits eine Anlehnung an Sicht vermutlich nicht auf coolen Start-ups ,hub‘ für Netzwerkknoten beinhaltet“, sagt liegen, sondern eher auf technologieorientierten Mittelstandsgründungen. Die PartStefan Nachbaur von Prisma. Im kup sollen sich Hochschulgründun- ner in Oberschwaben sind bereit dafür. gen oder beispielsweise Innovationspro- Jetzt müssen es nur die Gründer noch sein.

DIE GASTAUTOREN VOM KONSTANZER GRÜNDERSCHIFF Moritz Meidert Er ist „Kapitän“ des bundesweit tätigen Gründerservice-Unternehmens Gründerschiff mit Sitz in Konstanz (Bild links). Nach dem Studium in Konstanz und Friedrichshafen hat er nach einer gescheiterten Unternehmensgründung, mehreren weiteren Gründungen sowie einiger Erfahrung als Gründungsberater im Jahr 2014 das Gründerschiff gestartet. Holger Güttinger Er ist einer der sogenannten Gründerschiff-Lotsen für die Region Bodensee und damit einer der Ansprechpartner für Gründer in und um Ravensburg. Er verfügt über Erfahrungen aus der Wirtschaft

sowie aus Tätigkeiten in der öffentlichen Wirtschaftsförderung. Gründerschiff Das Gründerschiff begleitet mit regionalen, sogenannten Gründerschiff-Lotsen neben Unternehmensgründern auch kleine und mittlere Unternehmen bei Innovationsprojekten sowie Vorhaben, die den Gründergeist der eigenen Mitarbeiter fördern sollen. Außerdem bestehen Kooperationen mit Hochschulen, Kommunen und Landkreisen. Ziel ist es, Angebote für Gründer auch in der Fläche besser zu verbreiten. Angebote Das Gründerschiff macht nach eigenen Angaben mehr als

8000 Angebote im Jahr für Gründer in BadenWürttemberg. Man versucht dabei auch Regionen abseits der Metropolen abzudecken. Dazu gehören Städte wie Sigmaringen, Balingen, Lörrach oder Friedrichshafen. Den aktuellen Fokus im Land auf die sogenannte Start-up-Kultur sieht man kritisch. Als Gastautoren werden lokale Experten in loser Folge für IdeenwerkBW über weitere Standorte berichten. Hinweis: Gründerschiff ist geschäftlich auch in Oberschwaben aktiv und kooperiert mit mehreren der im Beitrag genannten Institutionen und Personen. red

Tüftler – Gründer – Startups Sie interessieren sich für Ideen, Innovationen und Inspirationen rund um Startups, etablierte Firmen, Hochschulen und Trends aus der Technologieentwicklung in Baden-Württemberg? Auf www.ideenwerkBW.de und in Ihrer Wirtschaftszeitung „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte.

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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg


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Stuttgarter Zeitung | St Nr. 2 | M

Der Südwesten braucht

Das Podium

Die Nachricht ist positiv: Die Zahl der Gründungen in Baden-Württemberg ist 2016 gestiegen. 12,4 Prozent der Jungunternehmer haben sich für den Sitz im Südwesten entschieden, ist im „Deutschen Startup Monitor 2016“ der Unternehmensberatung KPMG nachzulesen. Im Jahr zuvor waren es knapp zehn Prozent. Doch bei Finanzierung Round Table

René Marius Köhler

„Wann hat Ihnen das Geld am schmerzlichsten gefehlt?“ „Das war in einer Nacht im März 2012“, sagt René Marius Köhler, heute Gründer und Investor der Koehler Group in Stuttgart. Damals, als Betreiber einer Online-Plattform rund ums Fahrrad, hatte er zwei Insolvenzanwälte neben sich sitzen, die ihn ständig begleiteten, um keine Fristen zu versäumen. „Ich hatte zwei Notartermine mit zwei Investoren übers Wochenende. Ich hatte für 7,5 Millionen Euro privat gebürgt und hatte 5000 Euro auf dem Girokonto. Hätte ich in der Nacht keine Lösung gefunden, hätte ich montags Insolvenz anmelden müssen.“

Adrian Thoma

„Was war Ihre bislang schlechteste Geschäftsidee?“ „Wir hatten einmal die Idee, dass man E-Commerce und Social Media zusammenbringen kann, und sind damit furchtbar gescheitert“, sagt der Seriengründer Adrian Thoma.

Gespräch Finden Gründer im Land genügend Kapital? Lässt sich das Klima für Investitionen in Start-ups verbessern? Diesen Fragen hat sich ein Round-Table-Gespräch von Stuttgarter Zeitung (StZ) und Stuttgarter Nachrichten (StN) in Stuttgart gewidmet. Die Teilnehmer (v. l. n. r): Christoph Winkler (Managing Partner,

Menold Bezler Rechtsanwälte), Sascha Karimpour (Start-up-Experte von Plug & Play Germany/Start-up Autobahn), Philipp Rose (Leiter von Robert Bosch Venture Capital), Michael Völter (Vorstandsvorsitzender Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse), Anne Guhlich (Ressortleiterin Wirtschaft StZ/StN),

Es gibt Fördertöpfe für Gründ Michael Ziegler

Kapital

„Was würden Sie Frank Thelen von der Vox-Show sagen?“ „Hätte Frank Thelen etwas weniger gefordert, hätten wir den Deal gemacht“, sagt Michael Ziegler, Gründer des Start-ups Grillido, rückblickend. Thelen hatte bei der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“, bei der sich Gründer Investoren vorstellen, 100 000 Euro für 20 Prozent der Anteile geboten. Der Kontakt ist nach der Sendung allerdings nichts abgebrochen.

E

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut kündigt für den Start-up-Gipfel im Juli e Der Investor Alec Rauschenbusch empfiehlt, das bundesweit gelte

s kann doch nicht sein“, sagt Michael Völter, „dass wir eine eigene Start-up-Szene generieren müssen, die die Fördertöpfe sucht.“ Der Vorstandschef der Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse hat mit der provokanten Bemerkung die Lacher auf seiner Seite. Tatsächlich ist die Kapitalbeschaffung für Gründer eine Herausforderung. Die Risikokapitalgeber sitzen nicht in BadenWürttemberg, entsprechend wenig Startups haben Venture Capital. Stattdessen ist das staatliche oder halbstaatliche Fördererangebot für Gründungswillige im Südwesten vielfältig – und unübersichtlich. Darin waren sich die Teilnehmer des Round Table zum Venture Capital einig, der von Wirtschaft in Baden-Württemberg veranstaltet wurde. Völters Idee, ein Start-up zu gründen, das die Förderangebote für Dritte sichtet,

Michael Völter

klingt gut. Nur: Er ist zu spät dran. Die Idee ist bereits umgesetzt, sagt Michael Ziegler, der Gründer von Grillido – und erzählt über ein ihm bekanntes Unternehmen mit exakt diesem Geschäftsmodell. Die Firma floriere und beschäftige 80 Mitarbeiter. Die Stichelei will Nicole HoffmeisterKraut nicht auf sich sitzen lassen. Die EU, Bund, Länder, Kommunen, die Wirtschaft, Kammern und Verbände – sie alle wollen mit von der Partie sein, wenn es darum geht, innovative Gründer zu fördern, zeigt die baden-württembergische Wirtschaftsministerin auf. Die bedeutendsten Ansprechpartner für Gründer im Südwesten sind die L-Bank mit ihrer Startfinanzierung und die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft, die einen Seedfonds im Programm hat. Darüber hinaus bietet das Land Innovationsgutscheine. Die Vielfalt ist aus Völters Sicht durchaus sinnvoll, aber das Angebot müsse kanalisiert werden,

nicht zuletzt um Gründern die Suche zu vereinfachen. Möglicherweise hat Hoffmeister-Kraut die Lösung ja gefunden – und gräbt damit bald einem erfinderischen Jungunternehmer die Grundlagen seiner Geschäftsidee ab. Hoffmeister-Kraut hat der Unübersichtlichkeit den Kampf angesagt – im Juli beim Start-up-Gipfel will sie eine Plattform präsentieren, die mehr Transparenz in die Förderlandschaft bringen soll. „Wir haben interessante Lösungen“, sagt sie – und vertröstet auf den Gipfel. Alec Rauschenbusch begrüßt die Fördermaßnahmen des Landes. Aber, sagt der erfahrene Investor, dies sei doch ein recht langsamer Weg. Er verweist dabei auf die Mühlen der Institutionen. „Wenn Start-ups Geld brauchen, brauchen sie es schnell“, sagt er. Und sie müssen schnell wissen, wie viel Geld ihnen zur Verfügung steht. „Da helfen Fördermittel nur bedingt“, fügt Rau-

„Wie viel Zocker darf im Risikokapitalisten stecken?“ „Maximal 50 Prozent“ – die Antwort von Michael Völter, Chef der Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse, kommt prompt.

Die Suche nach verwandten Technologien Daimler, Bosch und Trumpf stellen bereits Risikokapital zur Verfügung, um in engen Kontakt zu Gründern und ihren Ideen zu kommen. Es ist auch eine Gratwanderung. Von Inge Nowak

Konzerne

P Christoph Winkler

„Welchen Paragrafen würden Sie am liebsten abschaffen?“ „Ich plädiere dafür, dass wir generell einmal ein Start-up-Gesetz bekommen. Es sollte ein eigenes Regularium für Start-ups sein, wo die jungen Firmen wachsen und gedeihen können“, sagt der Rechtsanwalt Christoph Winkler von der Kanzlei Menold Bezler.

hilipp Rose umreißt seine Aufgabe ganz klar: „Wir haben den Auftrag zu schauen, wo Innovationen stattfinden, die für Bosch relevant sind, die disruptiv sein könnten und die Bosch helfen oder auch gefährden könnten“, sagt der Leiter von Robert Bosch Venture Capital. Er schaut sich dafür in Regionen wie den USA, Israel und Europa um. 8000 interessante Start-ups hat Rose in den vergangenen Jahren gefunden. „Gerade einmal 60 davon kommen aus dem Großraum Stuttgart“, erzählt er. Er sieht es nicht als seine primäre Aufgabe an, die Start-up-Szene hierzulande zu fördern: „Wir können uns nicht auf Baden-Württemberg fokussieren und dann wichtige Innovationsansätze in Israel übersehen, die für Bosch aber interessant wären.“

Auch der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf suche auf diesem Wege interessante Technologien, die zum Kerngeschäft passen könnten, sagt Christof Siebert, Leiter des Trumpf-Technologiemanagements. Im Herbst vergangenen Jahres wurde die Trumpf Venture GmbH gegründet; für die nächsten fünf Jahre stehen ihr ein Investitionsportfolio von 40 Millionen Euro zur Verfügung. Wenn es um Venture Capital geht, sind Bosch und Trumpf beileibe keine Ausnahmen. Viele Konzerne engagieren sich in dem Bereich. Doch es ist ein Thema für große Unternehmen, betont Christoph Winkler, Rechtsanwalt in der Kanzlei Menold Bezler. Im Mittelstand sei diese Idee aber noch nicht angekommen. Dabei habe Baden-Württemberg tolle Unternehmen

und viele Hidden Champions, fügt Investor Alec Rauschenbusch hinzu. Auch Sascha Karimpour ist von der Idee begeistert. „Das ist ein super-positiver Trend“, lobt der Start-up-Experte von Plug & Play Germany. Baden-Württemberg sei zwar noch nicht so weit wie das Silicon Valley oder wie Berlin, aber es entwickele sich. Doch, warnt Siebert, vor lauter Technikbegeisterung dürfe man die Auswahlkriterien nicht aus den Augen verlieren. Ansonsten, so befürchtet er, könne es für einen Konzern teuer werden. Das Korsett von Daimler ist weiter. Der Autokonzern stemmt gemeinsam mit Plug & Play und Partnern wie Porsche, ZF und BASF die Start-up-Autobahn. Bei Veranstaltungen stellen sich Gründer vor, um gemeinsam mit Partnern Projekte zu realisieren.


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tuttgarter Nachrichten Mai 2017

ht mutige Kapitalgeber

Das Podium

ist der Südwesten nicht wirklich vorangekommen. Risikokapital meidet nach wie vor das Ländle; gerade mal 13 Prozent der Start-ups haben sich für Venture Capital entschieden, deutlich weniger als andere Hightech-Regionen. Wo liegen die Schwachstellen? Darüber haben Experten beim Round Table der Wirtschaft in Baden-Württemberg diskutiert.

Christof Siebert

„Ein Teddy-Sammler als Technologiepartner?“ Christof Siebert, Leiter Technologie- und Innovationsmanagement bei Trumpf, ist bei der Internetrecherche über Hans Peter Porsche auf dessen Leidenschaft für Teddys gestoßen. Er hat sich davon nicht abschrecken lassen und das Technologie-Joint Venture Xarion gegründet, das das weltweit erste Laser-basierte optische Mikrofon entwickelt und produziert.

Nicole Hoffmeister-Kraut

„Wenn Sie ein Start-up gründen würden, welches wäre es?“ „Ich würde auf jeden Fall in den Bereich der Digitalisierung gehen, denn da passiert unheimlich viel. Da steckt ein großes Potenzial drin“, sagt spontan die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, die sich in ihrem Job intensiv um die Digitalisierung der Wirtschaft kümmert.

Andreas Geldner (Redakteur, IdeenwerkBW), Joachim Dorfs (Chefredakteur Stuttgarter Zeitung), Nicole Hoffmeister-Kraut (Landesministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau), René Marius Köhler (Investor, Koehler Group), Christoph Reisinger (Chefredakteur Stuttgarter Nachrichten), Bernhard H. Reese (Ge-

schäftsführer StZ-Werbevermarktung). Christof Siebert (Leiter Technologiemanagement Trumpf ), Adrian Thoma (verdeckt, Gründer der Innovationsplattform Pioniergeist), Michael Ziegler (Gründer, Grillido), Alec Rauschenbusch (Investor, Fotos: Lichtgut/Achim Zweygarth Grazia Equity).

der, man muss sie nur finden

eine Plattform an, um Transparenz in das finanzielle Angebot für Jungunternehmer zu bringen. ende Programm Invest noch weiter aufzustocken. Von Inge Nowak schenbusch hinzu. Er verweist darauf, dass Deutschland weniger Geld in die Gründerszene stecke als etwa die USA. Er meint nicht die absoluten Werte, die in den USA schon allein wegen der Größe des Landes deutlich höher liegen. Er redet vielmehr von Anteilen gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Selbst im europäischen Vergleich liege Deutschland da nur im Mittelfeld. Dies sieht Adrian Thoma ähnlich. Zum Start setzen Gründer meist eigene Ersparnisse und Innovationsgutscheine ein, erläutert der Gründer der Innovationsplattform Pioniergeist. Wenn es später dann um Risikokapital geht, stießen viele an „die gläserne Decke“. Im Südwesten gebe es zu wenig Risikokapital-Gesellschaften. Zwar kenne Kapital keine Grenzen, räumt er ein, dennoch: Investoren würden sich meist im Umfeld von 80 Kilometern bewegen, um den unmittelbaren Kontakt zu den Gründern zu halten. Um Investoren in den Süd-

westen zu locken, hat Rauschenbusch einen ganz konkreten Vorschlag. Er empfiehlt, das Modell Invest, das der Bund aufgelegt hat und das deutschlandweit gilt, für den Südwesten zusätzlich aufzustocken. Inhalt dieses Förderprogramms, das in überarbeiteter Form seit Anfang des Jahres gilt, ist ein staatlicher Investitionszuschuss. Investoren, die sich mit mindestens 10 000 Euro an einem Jungunternehmen beteiligen, können 20 Prozent der Investitionssumme erhalten. Ansprechpartner für diese nicht zurückzuzahlende Unterstützung ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa). Jeder Investor kann so pro Kalenderjahr bis zu 500 000 Euro an Zuschüssen erhalten. Dieses Programm, das deutschlandweit gilt, habe sich bewährt, so Rauschenbusch. Wolle Baden-Württemberg Innovationen voranbringen, sollte das Programm schlicht erweitert werden. Auch

Ziegler begrüßt den Bafa-Ansatz: „Das hilft auf jeden Fall in der Frühphase.“ Die Ministerin nimmt die Anregungen wohlwollend auf: „Ich schaue es mir an“, verspricht sie und notiert sich die Stichworte. Aber gleichzeitig zeigt sie auch die Grenzen auf: „Die Aufgabe des Landes besteht nicht darin, in Start-ups zu investieren.“ Ziel sei es vielmehr, Impulse zu setzen – und da gebe es ein umfangreiches Angebot. René Marius Köhler, Gründer und Investor der neuen Koehler Group, pflichtet ihr bei und erläutert seine Erfahrungen. Er habe ein Handelshaus gegründet, ein kapitalintensives Geschäft, erzählt er. Unterstützt wurde er dabei von der Bank vor Ort sowie von der Bürgschaftsbank und der L-Bank. Fünf Jahre lang habe er die Gewinne thesauriert. Erst danach habe er sich für einen Investor entschieden – „um nicht zum Spielball von Interessen“ zu werden, wie er sagt.

Der Südwesten steht sich selbst im Weg Baden-Württemberg gilt als das Land der Hidden Champions. Doch bei Start-ups hat die Region keinen guten Ruf. Dabei sind fast alle Voraussetzungen vorhanden. Von Inge Nowak

Mentalität

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aden-Württemberg ist das Land der Hidden Champions, der heimlichen Weltmarktführer. Dennoch hat die Landeshauptstadt Stuttgart keinen guten Ruf bei Start-ups. „Wer will schon von München, Hamburg oder Berlin nach Stuttgart“, fragt René Marius Köhler, Gründer und Investor der neuen Koehler Group. (Zuvor hatte Köhler Internetstores gegründet, einen Online-Shop rund ums Fahrrad.) Köhler lebt in der Region Stuttgart, genauso wie Alec Rauschenbusch. Auch er weiß um den schlechten Ruf der Schwabenmetropole. „Ich liebe Stuttgart“, sagt er. Seine Familie und seine Freunde lebten hier. „Für mich gelten die gleichen Gründe“, so Köhler. „Völliger Wahnsinn“, fügt er spontan hinzu und denkt dabei wohl an den

Ruf des Südwestens in der Szene. Doch warum ist das so? Rauschenbusch glaubt einen Grund zu kennen: „Die Städte in Baden-Württemberg wie Karlsruhe, Ulm und Stuttgart werden möglichst alle gleich behandelt. Doch bei Venture Capital funktioniert das nicht.“ In der Start-up-Szene seien Gründer und Investoren quasi täglich miteinander im Gespräch, man treffe sich. Im Land agiere man hingegen dezentral. Dabei seien die Voraussetzungen vorhanden, das Land habe gute Universitäten. Doch das Lehrfach Unternehmertum scheint keine Priorität zu genießen. Im Hinblick auf Start-ups würden Professoren nach den „falschen Kriterien“ beurteilt, bemerkt Rauschenbusch. Karrierefördernd seien vor allem wissenschaftliche Publikationen, vernachlässigt würde der Umgang

mit Innovationen. Michael Ziegler, der Gründer von Grillido, hatte an der Uni München ein Stipendium für das Gründerzentrum. Eineinhalb Jahre habe er Zeit gehabt, ein eigenes Unternehmen zu gründen, erinnert er sich. „Mich hat das Feuer gepackt“, sagt er. Im Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sei man bereits weiter, wenn es um unternehmerisches Denken gehe, wirft Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister- Kraut ein. Aber es sei auch eine Frage der Risikobereitschaft, so Köhler. Er erläutert es am Beispiel des Kurznachrichtendienstes Snapchat. Obwohl dessen Verlust höher als der Umsatz war, wurden vor Kurzem beim Börsengang 3,4 Milliarden Dollar bei Anlegern eingesammelt. „Wer von uns hätte das durchgezogen?“, fragt er.

Philipp Rose

„Bei welchem Start-up würde Robert Bosch einsteigen?“ Philipp Rose, der Leiter von Robert Bosch Venture Capital, ist sich ganz sicher: „Robert Bosch, der Gründer des gleichnamigen Stuttgarter Technologiekonzerns Bosch, hätte sich finanziell bei einem Start-up engagiert, das ein größtmögliches Kundenproblem für die Menschheit löst.“

Alec Rauschenbusch

„Was war Ihr bisher größtes Risiko?“ „Wer in der Frühphase investiert, geht ein überschaubares Risiko ein“, sagt der Investor Alec Rauschenbusch. Über 18 Jahre hat er mehr als 50 Unternehmen begleitet.

Sascha Karimpour

„Was war der größte Kulturschock beim Wechsel?“ „Die Menschen sind herzlich hier, aber sie sind nicht die aufgeschlossensten“, beschreibt Sascha Karimpour, Start-up-Experte von Plug & Play Germany, seinen Wechsel aus dem Silicon Valley nach Stuttgart. Ein Schock sei es aber nicht gewesen. Zurzeit ist er im Rahmen von Daimlers Innovationsprojekt Start-up-Autobahn in Stuttgart tätig. „Die Maultaschen sind gut“, fügt er lachend hinzu.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Frisch eingezogen auf dem Start-up-Campus auf dem Gelände der Merz-Akademie in Stuttgart: Carolin Eißler und Tom Krug vom neuen Social Impact Lab für soziale und ökologische Start-up-Ideen

B

Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Labor der Weltverbesserer

isher ist der Stuttgarter Start-up Campus an der Merz-Akademie das Zentrum für eine sehr spezifisch südwestdeutsche Gründerkultur gewesen. Etablierte Firmen treffen Gründer, die meistens technologieaffin sind – das war etwa die Philosophie des seither dort beheimateten Programms Activatr. Die neuen Mieter haben eine andere Zielrichtung und bilden damit einen bisher noch fehlenden Mosaikstein im GründerÖkosystem der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Social Impact Lab heißt das 2011 in Berlin nach amerikanischem Vorbild gegründete Programm, das Startups fördert, die sich mehr als nur das Geldverdienen auf die Fahnen geschrieben haben. Tom Krug, der Leiter des Lab, ist für das Projekt aus der Schweiz in seine Heimatstadt Stuttgart zurückgekehrt. Er hat die lokale Start-up-Szene schon länger beobachtet. Sein Lab soll eine Lücke schließen: „Es gab hier in Stuttgart das Problem, dass viele gute Leute nach Hamburg, München und Berlin abwanderten, weil eben nicht jeder technikaffin ist“, sagt er. Nach einer Präsentationsrunde vor einer Jury Ende April werden von Mai an voraussichtlich fünf Start-up-Teams für acht Monate auf den Campus ziehen, um Ideen geschäftsreif zu machen, welche die Welt zumindest ein kleines bisschen besser

re Idee. Dennoch hofft Standortleiter Krug, dass sich auch Technologie-Startups aus der Region für die Herangehensweise des Social Impact Lab erwärmen können. IT-orientierte Gründungen machten inzwischen ein Drittel der Bedas 2014 gegründete Berliner Start-up „Ori- werbungen aus, sagt Krug. „Stuttgart ist ginal Unverpackt“, das sich selbstbewusst ein alteingesessener Industriestandort als Pionier bezeichnet, der das Prinzip des und wird es auch bleiben“, sagt Krug. „Die verpackungslosen Supermarkts etabliert Digitalisierung unserer Arbeitswelt und habe und inzwischen Kurse für Nachahmer die damit leider auch verbundenen negaanbietet. Das ebenfalls in Berlin gegründete tiven Folgen und das Verhältnis Mensch Start-up Soulbottles bietet zur Mobilität, insbesondere Glasflaschen an, mit denen et- Die erste Runde der Auto-Mobilität, sind gewa Firmen Trinkwasser statt mit fünf rade für dem Raum Stuttgart Mineralwasser in ihren Kanti- ausgewählten von hoher Relevanz.“ nen anbieten können, und ist Unternehmen aus der Reauf ein Dutzend Mitarbeiter Start-ups beginnt gion könnten sich als Mentoangewachsen. ren mit ihrem Fachwissen einim Mai. Unter den elf Bewerbern bringen. Als Finanziers will für das im Mai in Stuttgart startende man sich hingegen weiterhin eher auf StifProgramm beschäftigen sich drei mit dem tungen stützen: „Die räumen uns den nötiThema verantwortlicher Umgang mit Le- gen Freiheitsgrad ein“, sagt Krug. Die Rebensmitteln und dem Kampf gegen Ver- gion scheint reif für diese Facette der Startschwendung, zwei haben die Themen up-Kultur. Im Stuttgarter WizemannNachhaltigkeit und Ressourcenschonung Areal hat sich vor Kurzem ein weiteres im Blick, drei suchen nach neuen Konzep- Projekt etabliert, das soziale Start-ups förten zur Finanzierung sozialer und nicht dert. Während das Social Impact Lab Grüngewinnorientierter Projekte und der Rest der in einem frühen Ideenstadium kostenfällt in die Bereiche Bürgerengagement los und über mehrere Monate unterstützt, und Kultur. ist dies eher eine Begegnungs- und InforEs geht hier zumeist weniger um die mationsplattform, kombiniert mit einem Technologie, sondern mehr um die cleve- sogenannten Coworking-Space.

Das neue Social Impact Lab in Stuttgart will eine bisher vorhandene Lücke in der Gründerkultur der Region schließen. Es hilft Start-ups mit sozialen Geschäftsideen. Von Andreas Geldner Förderung

machen sollen. Finanziert wird das Ganze durch Stifter und Sponsoren beziehungsweise über öffentliche Gelder. Reiner Idealismus ist hier aber nicht gefragt. „Für uns ist es wichtig, dass eine Idee tragfähig ist“, sagt Carolin Eißler, die das Social Impact Lab in Stuttgart koordiniert. Geldverdienen, ja selbst eine für Risikokapitalgeber attraktive, saftige Rendite zu erzielen sei natürlich keinesfalls tabu, aber nicht die Regel, sagt Eißler: „Viele Konzepte werden als Verein weitergeführt oder als gemeinnützige GmbH“, sagt sie über die Bilanz des Programms, das seit 2011 an inzwischen mehreren deutschen Standorten schon 300 Start-ups durchgeschleust hat. Die Bereitschaft, seine Ideen offen mit anderen zu teilen, sei dafür eine Grundvoraussetzung. Immerhin 170 Start-ups haben anschließend ein Unternehmen gegründet und davon sind auch immer noch 150 aktiv – was in diesem Bereich eine sehr gute Erfolgsquote ist. Mit dem Konzept zieht man vor allem jüngere Gründer und für den Start-up-Bereich überdurchschnittlich viele Frauen an. Erfolgreiche Projekte waren beispielsweise

E-Commerce für gebrauchte Maschinen

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as Start-up Gindumac erschließt von Ludwigsburg aus einen Markt, den man zunächst nicht mit der Digitalisierung in Verbindung bringt. Gebrauchte Maschinen kaufen und mit einer eigenen Online-Plattform weltweit vertreiben ist das Geschäftsmodell des jungen Unternehmens. Vor zehn Monaten ist das Duo Benedikt Ruf und Janek Andre an den Start gegangen. Zurzeit heben sie das Konzept auf eine innovative digitale Plattform. Der Gedanke zum Start-up für Gebrauchtmaschinen reifte über fünf Jahre. Doch bisher hatten Ruf und Andre, die sich während ihres Studiums an der Hochschule Pforzheim über den Weg gelaufen waren, beruflich andere Verpflichtungen. Schon seit mehreren Jahren sammeln und analysieren die beiden Betriebswirtschaftler und Marketingexperten Daten in der Fertigungsindustrie. „Wenn man bedenkt, was im Foto: Ruf Konsumgüterbereich in Sa„Wir sehen in Sachen chen Digitaltechnologie schon passiert, sahen wir in der Digitaltechnologie in Fertigungsindustrie großes der Fertigungsindustrie Potenzial“, sagt Benedikt Ruf. großes Potenzial.“ Das gab den Ausschlag für die Neugründung im Bereich Der Gindumac-Gründer gebrauchter WerkzeugmaBenedikt Ruf schinen. Die Region BadenWürttemberg mit ihrer Automobilindustrie und den dort ansässigen Zulieferern ist dafür prädestiniert. Dafür braucht es einen Qualitätsmanager vor Ort, der die Maschinen dokumentiert und sich mit Fertigungsunternehmen vernetzt. Der GindumacMitarbeiter Manuel Bonnet hat deshalb

Der Weiterverkauf gebrauchter Maschinen ist bisher komplex. Nun macht ihn ein in Ludwigsburg basiertes Start-up für Anbieter und Kunden besser handhabbar. Von Susanne Roeder Plattform

Ludwigsburg als Basis. Im ehemaligen Areal des Maschinenbauers Getrag hat er, wie er es ausdrückt, „ein sehr schönes Ambiente für ein Start-up, das sich in der Industrie tummelt“. Man komme herein „und schon riecht man die Maschinen“. Andre und Ruf wollten etwas Eigenes aufbauen. Bei ihrer Suche nach einem lohnenden Geschäftsmodell, das am industriellen Markt erfolgreich sein könnte, stießen sie mehr oder minder durch Zufall auf den Handel mit gebrauchten Produktionsmaschinen. Die beiden Studienkollegen, die bereits verschiedentlich zusammenarbeiteten, tauschten sich aus, suchten mithilfe ihres digitalen Know-hows nach dem möglichen Marktpotenzial. Ihr Geschäftsmodell sollte eine Lücke schließen. Ihr Fazit: Es handelt sich um einen sehr fragmentierten Markt, der weitestgehend analog und offline abläuft und darüber hinaus auch sehr intransparent ist. Gleichzeitig ergaben ihre Nachforschungen ein potenziell sehr hohes Umsatzvolumen, weil weltweit eine gewaltige Nachfrage besteht. Der Markt habe viel Wachstumspotenzial. Effizient, transparent, schnell und mit vernünftiger Marge wollen sie am Markt agieren. Das funktioniere nur mit entsprechender Datenintelligenz, sagt der Geschäftsmann, ohne weitere Einzelheiten preisgeben zu wollen. Gindumac will alles aus einer Hand bieten – weltweit. Das G an erster Stelle im Namen des Start-up steht für „global“. Und genau das ist neu.

Digitale Ansätze sind vorhanden im Markt, zusätzlich gibt es Auktionshäuser und durchaus auch Modelle, die dem von Gindumac ähneln. Fundamental anders beim Start-up von Ruf und Andre ist aber, dass Gindumac von vornherein voll auf Digitaltechnologie setzt. Rund um die Gebrauchtmaschinen, die akribisch nach festgelegten Qualitätskriterien katalogisiert und in die Datenbank gestellt werden, wurde ein Angebot konzipiert, das Transport, Verpackung und Versicherung einschließt. Das erspart produzierenden Unternehmen die aufwendige Suche nach Käufern für ihre gebrauchten Anlagen. Die Maschinen kauft Gindumac und kümmert sich anschließend um die ganze Kette zwischen

Verkäufer und Käufer. Dem künftigen Nutzer wird, so er es denn wünscht, die gekaufte Maschine vor Ort auch installiert. Das spart zum Beispiel Asiaten eine Reise nach Europa, um dort verschiedene Maschinen zu begutachten. Deutschland ist für das Start-up ein sehr wichtiger Beschaffungsmarkt. Die von Gindumac erworbenen Maschinen gehen, je nachdem wie alt sie sind, in osteuropäische und asiatische Märkte, sagt der Qualitätsmanager Manuel Bonnet. „Unsere Maschinen haben alle einen festen Preis statt wie sonst üblich einen Preis auf Anfrage“, sagt Firmenchef Ruf. Gemeinsam mit zwei weiteren Gesellschaftern aus Kaiserslautern gründeten Andre und Ruf die Gindumac GmbH. Offizieller Unternehmenssitz ist Kaiserslautern. Das digitale Hirn des jungen Unternehmens sitzt aber in Barcelona. In dieser Metropole finde man in kurzer Zeit Talente aus aller Welt. Außerdem sei man binnen zwei Stunden überall in Europa.

UNTERNEHMENSPROFIL GINDUMAC Gründung Gegründet wurde die Gindumac GmbH im Juli 2016. Dahinter verbergen sich die Worte „Global Industrial Machinery Cluster“. Dass es sich dabei um gebrauchte Werkzeugmaschinen handelt, verrät der Name nicht. Da zwei Gesellschafter in Kaiserslautern ansässig sind, wurde dies als Firmensitz gewählt. Im Anspruch ist das Unternehmen mit seinen bisher vier Gesellschaftern aber europäisch.

Geschäftsführer Die beiden Geschäftsführer Janek Andre und Benedikt Ruf ( beide 31 Jahre alt) lernten sich beim Studium der Betriebswirtschaft und Internationales Marketing an der Hochschule Pforzheim kennen. Das Start-up tritt an mit dem Anspruch, intelligenten Handel aus einer Hand weltweit zu betreiben. Standorte Für Gindumac arbeiten momentan 22 Personen, Tendenz

steigend. Der Großteil der Mitarbeiter sitzt wegen der dort vorhandenen IT-Talente inzwischen in Barcelona, Spanien. Am Standort Ludwigsburg agiert der Schwabe Manuel Bonnet als Qualitätsmanager für Süddeutschland und die Schweiz. Auch hier wird das Personal aufgestockt werden. roe // Gindumacs volles Angebot seit Anfang April online unter www.gindumac.com


Wirtschaft in Baden-Württemberg 21

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Die Business-Class der Langeweile Keiner mag sie, notwendig sind sie trotzdem. Es gibt aber auch Tricks und Methoden, damit eine Besprechung nicht zur Schaubühne von Selbstdarstellern verkommt. Von Dorothee Schöpfer

Meetings

A

lles schläft und einer spricht, das Ganze nennt man Unterricht. Ersetzt man Unterricht durch Meeting, ist der Zustand in vielen Konferenzräumen perfekt beschrieben. Dort sitzen Büroarbeiter, die mehr oder weniger heimlich ihre E-Mails checken, Aufmerksamkeit vortäuschen, sich in Wirklichkeit aber darauf konzentrieren, ihren Urlaub zu planen. „Bist du einsam, mach ein Meeting“, ist auch so ein Spruch, der den Überdruss an als sinnlos empfundenen Besprechungen beschreibt. Oder: In der Business-Class der Langeweile wird höchstens das Sitzfleisch trainiert, nicht aber das Rückgrat. Dass es bei Team- und Projektarbeit nicht ohne Besprechungen geht, ist klar. Gerade weil flachere Hierarchien und eine selbstbestimmte Arbeitsorganisation die Struktur der Wissensarbeiter „Wenn eine Frau etwas von heute prägen, sind Absprachen umso wichtiger. Und Kluges sagt, geht ein Raunen durch den Raum, eigentlich ist es doch gut, dass Entscheidungen nicht mehr als hätte ein Goldfisch ohne Diskussionen vom Chef nach unten durchgereicht ,Blubb‘ gemacht.“ werden, sondern gemeinsam Martin Wehrle, verhandelt werden. Wenn Karriereberater Mitarbeiter bei Besprechungen in den Prozess einbezogen werden, ist das ja zu begrüßen. Warum gelten Meetings dennoch als größte Plage der Unternehmenswelt? „In einem Meeting wird viel geredet, aber wenig bewirkt. Das frustriert die Teilnehmer, die den Eindruck bekommen, man sitze nur Zeit ab“, sagt der Autor und Karriereberater Martin Wehrle. Denn die meisten Sitzungen enden ohne Ergebnis – weil es keine konkrete Zielsetzung auf der Agenda gab und die Teilnehmer deshalb nicht zu einem Fazit kommen. „Viel besprochen, aber wenig gelöst“ – so haben die Sozialwissenschaftlerinnen Annegret Bolte, Judith Neumer und Stephanie Porschen in einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung dieses Phänomen beschrieben. Die meisten Meetings blieben

wirkungslos, weil viele Aspekte eines Themas beredet, aber keine Entscheidungen gefällt würden. Dann ist die Problematik aufgefächert, die Lösung aber umso weiter entfernt. Oft dienten Meetings nur der Absicherung von Entscheidungen – die sollen von möglichst vielen Kollegen abgesegnet werden, damit die Verantwortung auf vielen Schultern ruht. So folgt ein Meeting aufs nächste. Martin Wehrle geht noch einen Schritt weiter: „Bei Meetings werden nur Beschlüsse verkündet, die vorher schon ausgekungelt wurden“, so der bekennende MeetingGegner. Wer eine Idee durchsetzen will, sollte schon im Vorfeld seine Truppen sammeln, empfiehlt der Karriereberater. Meetings seien auch deshalb so unbeliebt, weil sie „Bühnen sind, bei denen sich nicht der Klügste, sondern der Lauteste durchsetzt“, so Wehrle. Das sind oft die Selbstdarsteller, die sich gerne reden hören, auch wenn sie nichts zu sagen haben. Ist dann noch ein gehobener Vorgesetzter dabei, werden Scheingefechte geführt, die nicht der Sache, sondern nur dem Ego dienen. Frauen haben es in Meetings besonders schwer. „Wenn eine Frau etwas Kluges sagt, geht ein Raunen durch den Raum, als hätte ein Goldfisch ,Blubb‘ gemacht. Sagt ein Mann fünf Minuten später dasselbe, finden es alle gut“, sagt der Karriereexperte Wehrle. In seinem jüngsten Buch „Der Klügere denkt nach. Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein“ hat er Strategien parat, wie sich zurückhaltende Menschen in Meetings durchsetzen können. Sich zum Beispiel gut vorzubereiten und seine Punkte schon mal in Stichworte zu fassen. Dafür muss man aber wissen, worum es in der anberaumten Besprechung geht. Das ist oft nicht der Fall: Viele Meetings scheitern an mangelnder Vorbereitung durch den Einladenden, der eine ausgearbeitete Agenda rechtzeitig verschicken müsste, damit die Teilnehmer genug Zeit haben, sich dazu Gedanken zu machen. Und es müssen die richtigen Leute am

Tisch sitzen. Für Wehrle ist ein Grundübel aller Meetings, dass meistens viele zu viele Mitarbeiter Präsenz zeigen sollen. „Es müssen nur die dabei sind, die direkt von der Thematik betroffen und Experten fürs Thema sind. Nicht die, die in der Hierarchie weit oben stehen.“ Er fügt dazu ein Beispiel aus einer Spedition ein: Da entschied das Management im Meeting, welche neuen Lastwagenmodelle in die Flotte kommen. Die Fahrer saßen nicht am Tisch. Sie wussten aber vom Buschfunk auf den Rastplätzen, wie pannenanfällig das ausgesuchte Modell war. Entsprechend groß war der Frust über die Entscheidung, entsprechend genüsslich zelebrierten die Fahrer jede Panne. Falsch besetzt und viel zu oft praktiziert: Dass die Zahl der Meetings in den Unternehmen ausgeufert ist, belegen auch diverse Studien. So hat die Managementberatung Bain & Company 2014 das Zeitmanagement von 17 Konzernen untersucht. Ergebnis: Die Belegschaft verbringt rund 15 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Besprechungen. Führungskräfte sind sogar mehr als zwei Tage pro Woche in Sitzungen mit mehr als drei Personen anzutreffen. Für Martin Wehrle ist es Ausweis von guter Unternehmenskultur, wenn die Zahl der Meetings stark begrenzt ist. Denn dann seien die Abläufe organisiert und Kommunikation funktioniere. „Das ist wie in einer Familie: Hier kennt man sich gut und kann direkt ansprechen, was anliegt, ohne gleich eine Konferenz einzuberufen.“ 75 Prozent aller Meetings hält Wehrle für komplett überflüssig und rät, einfach mal zu testen, was passiert, wenn die Sitzung ausfällt. „Man macht das oft nur aus Gewohnheit.“ Wenn schon Meeting, dann mit Spielregeln. Das fängt bei der gleich verteilten Redezeit an – „auch stille Menschen müssen gefragt werden“, sagt Wehrle – und hört beim Ergebnisprotokoll auf. Besprechungen im Stehen haben sich bewährt, um Meetings zeitlich zu begrenzen. Schließlich gilt das Gesetz des britischen Historikers

3. Finanz-Forum Stuttgart

Foto: Fotolia/Rawpixel

Cyril Parkinson. Er hatte erkannt, dass sich Arbeit genau in dem Maße ausdehnt, wie ihr Zeit zur Erledigung zur Verfügung steht. Beginnt ein Meeting um 10 Uhr, wird es höchstwahrscheinlich zum Mittagessen enden. Ein Meeting, das um 11.30 Uhr startet, auch.

SO FUNKTIONIERT EIN MEETING Moderator Ein gutes Meeting braucht einen Moderator – der nicht der Chef sein sollte. Schließlich gilt es, seine persönliche Meinung zurückzuhalten und Beiträge nicht zu bewerten. Ein Moderator sollte anfangs die vorab verschickte Agenda, die die Themen umreißt, vorstellen und die Regeln erklären: ausreden lassen, nicht unterbrechen. Der Moderator sollte ausufernde Redner zügeln, Schweiger in die Diskussion einbeziehen und direkt ansprechen.

Pünktlichkeit ist eine Frage der Höflichkeit und oberstes Gebot. Das gilt für alle, keiner wartet gerne. Der Moderator sollte die Uhr im Blick behalten, denn Pünktlichkeit gilt auch fürs anvisierte Ende. Protokoll Entweder der Moderator oder der Einladende sollte dafür sorgen, dass im Anschluss das Ergebnis der Besprechung festgehalten wird und die Aufgaben zusammen mit einem Zeitplan festgeschrieben sind. ds

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Geschäftsführer Azemos Vermögensmanagement GmbH Thema: Warum man auf Fonds und andere Produkte der Finanzindustrie getrost verzichten kann

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Portfoliomanager, Sand und Schott GmbH Thema: Nullzinsen oder Risiko – was können Sie tun? Erfolgreich anlegen in die weltweit besten Dividendenaktien

Dominik Noizet

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Regionaldirektionsleiter Global Finanz Thema: Vermögen rechtzeitig übertragen und steuern sowie Ärger in der Familie sparen. 10 Punkte, damit der Generationenvertrag gelingt.

LBBW Asset Management, Leiter Private Clients Thema: Gekonnter Umgang mit der neuen Normalität

Geschäftsführer GLOGGER & Partner GmbH Vermögensverwaltung Thema: 5 Schritte: So schützen Sie Ihr Vermögen vor Inflation und Strafzinsen

Fachberater für nachhaltiges Investment im Auftrag der BW-Bank Thema: Nachhaltig anlegen: Gutes Geld verdienen und nebenbei die Welt retten?

Technischer Analyst Commerzbank AG Thema: Ein Blick nach vorne – nicht ohne technische Analyse

o y-N Ke

Chris-Oliver Schickentanz Chief Investment Officer Commerzbank AG Thema: Kapitalmarktperspektiven: Warum auch langfristig kein Weg an Wertpapieren vorbeiführt

18.15 bis 19.00 Uhr Catering/Buffet 19.00 bis 19.30 Uhr Expertenvorträge der Referenten 19.45 bis 20.30 Uhr Key-Note Prof. Dr. Webersinke 20.30 bis 20.45 Uhr Key-Note Talkrunde/Diskussion ca. 21.00 Uhr

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Der Karlsruher IT-Dienstleister Brandmaker hat sein Auslandswachstum auch mit Mezzanine-Kapital finanziert – erfolgreich.

Business Angels spielen bei der Folgefinanzierung eine zunehmend wichtige Rolle. Geschätzt wird vor allem ihre Beratungskompetenz.

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Geld für innovative Gründer A m e r i k a n i s c h e Tr a d i t i o n g e w i n n t h i e r z u l a n d e a n B e d e u t u n g

O

b Künstliche Intelligenz für das autonom fahrende Auto der Zukunft oder Lösungen für die kommunizierenden Maschinen der Industrie 4.0: Die Vorbereitungen für die Welt von morgen laufen auf Hochtouren. Wichtige Bausteine dazu liefern immer häufiger junge Firmengründer, die außerhalb der klassischen Denkprozesse und Strukturen etablierter Unternehmen regelrechte Entwicklungssprünge in Gang setzen können. Nur allzu oft aber fehlt es solchen Gründern an Geld, um ihre gerade im Technologiebereich kapitalintensiven Entwicklungsarbeiten umzusetzen. Banken scheuen in aller Regel die Bereitstellung klassischer Kredite, weil ihnen die Risiken solcher jungen Unternehmen zu hoch sind. Eine Alternative bieten Kapitalbeteiligungen, die große institutionelle und private Investoren in Form von Risikokapital bereitstellen. Diese – aufgrund ihrer angelsächsischen Herkunft kurz Venture Capital genannte – Finanzierungsform richtet sich an junge, innovative und nicht börsennotierte Firmen mit hohem Entwicklungsund Wachstumspotenzial. Solche Start-ups bieten den Investoren wiederum als Entlohnung für das hohe Risiko, die Aussicht auf überdurchschnittliche Renditen. BETEILIGUNGEN „In den vergangeINDUSTRIE 4.0 nen Jahren ist eine deutliche Steigerung KREDIT des Interesses von Kapitalgebern an VentuSTANDORTVORTEIL re-Capital-InvestitioBÖRSENGANG nen zu spüren“, sagt Guy Selbherr, Geschäftsführer der MBG Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg. Einerseits wirke sich da die aktuelle Nullzinspolitik aus mit der Folge, dass Renditen aktuell nur noch mit erhöhtem Risiko erzielbar sind. Andererseits entstehen neue, rein technologiegetriebene Branchen und Geschäftsmodelle wie etwa in den Bereichen der Künstlichen Intelligenz, der Robotik oder Big Data. Trotz mancher Rückschläge ist Venture Capital damit heute in Deutschland wieder im Aufwind. Allerdings war die Stimmung in der noch jungen Geschichte dieses Beteiligungsmarkts auch schon einmal besser. Erst 1975 hatten 27 Kreditinstitute mit der Deutschen Wagnisfinanzierungsgesellschaft (WFG) den Pionier hierzulande gegründet. Vor allem in den 1990er Jahren, als Finanzinvestoren ihre Beteiligungen im Zuge der Euphorie um Technologieaktien und die New Economy mit ansehnlichen Gewinnen an die Börse bringen konnten, war die Euphorie groß. Das Platzen der Dotcom-Blase führte dann aber auch zu einer Marktbereinigung mit danach deutlich weniger Anbietern von Risikokapital. Attraktiv ist das Finanzierungsmodell dennoch nach wie vor. Private Venture-Capital-Gesellschaften sammeln das Kapital in der Regel von großen institutionellen Anlegern wie Banken, Versicherungen und Pensionsfonds ein und investieren es – mit Blick

INVESTOR USA START-UP

RISIKO

FAMILY OFFICE

CHANCEN

auf die Risikostreuung – in ein Portfolio aus schaft in einem Land, in dem auch Weltkonmehreren Unternehmen. Sie bleiben zudem zerne wie Apple oder Google viel Geld für in einem Start-up nur über eine begrenzte aussichtsreiche Start-ups bereitstellen. Zeit von vier bis zehn Jahren engagiert, um In Deutschland ebnen insbesondere von den Anlegern ihr Kapital samt Rendite zu- der öffentlichen Hand initiierte Institute rückzahlen zu können. An Potenzial für inte- den Weg zu Venture Capital. Eine führende ressante Investitionen mangelt es nicht. „In Rolle nimmt dabei der aus Mitteln des BunBaden-Württemberg etwa findet sich die des, der KfW und von Großunternehmen gehöchste Industriedichte Europas in einem speiste High-Tech Gründerfonds (HTGF) ein. Umkreis von 100 Kilometern und die Digita- Hinzu kommen auf Länderebene die öffentlisierung rund um Wirtschaft 4.0 ist für die- lich geförderten Mittelständischen Beteilises industriestarke Land ein Megatrend“, gungsgesellschaften. „Bezogen auf die Ansagt Selbherr. Gleichzeitig sei eine große zahl der mit Beteiligungskapital unterstützDynamik im Bereich der Cluster für Infor- ten Projekte sind wir als MBG in Badenmations- und Kommunikationstechnologie Württemberg der aktivste Investor im (IKT) sowie auch anhaltend im Bereich Me- Bereich der Start-up- und Wachstumsfinandizintechnik zu spüren. Das spiegelt sich im zierung“, sagt Selbherr. Sind öffentlichInteresse an dem aus rechtliche BeteiliMitteln des Landes und gungsgesellschafDIGITALISIERUNG ALS von Versicherungen fiten zu einem MASSGEBLICHER TREIBER nanzierten VC Fonds BW Engagement bewider. Die Anfragen entreit, weckt das Verfallen zu einem Drittel auf ITK-Projekte, zu trauen und es steigen häufig auch andere knapp einem Fünftel auf den Bereich Ma- Wagniskapitalgeber mit ein. „Andererseits schinen-/Anlagenbau/Automation und zu sind private Co-Investoren gefragt, weil sie jeweils zehn Prozent auf E-Business/E-Com- in der Regel viel Know-how für die jeweilige merce sowie Healthcare/Medizintechnik. Branche mitbringen“, sagt Schirmers. Sie „Das in vielen Bereichen hervorragende geben nicht nur Geld, sondern stehen dem Forschungsumfeld und eine starke Industrie Management der Start-ups auch beratend schaffen gute Rahmenbedingungen für die sowie mit dem Zugang zu ihren Netzwerken Entwicklung aussichtsreicher Start-ups“, zur Seite. sagt auch Bernhard Schirmers, geschäftsfühAuch Family Offices und vermögende render Partner der seit mehr als 20 Jahren Privatanleger werfen mangels Investmentauf Medizintechnik und Life Science fokus- alternativen im Niedrigzinsumfeld zunehsierten SHS Gesellschaft für Beteiligungs- mend ein Auge auf Venture Capital. Ohnemanagement in Tübingen. In der Medizin- hin schon längst eine wichtige Rolle im technik etwa würden durch das Zusammen- Markt spielen Business Angels. Das sind führen von neuen Materialien, hoher ehemalige Unternehmer oder SpitzenmanaIngenieurskompetenz und industrieller ger, die die Start-ups über die Finanzierung Software immer wieder innovative Produkte hinaus mit ihren Kontakten auch zu anderen entstehen. potenziellen Kapitalgebern unterstützen. Bundesweit stehen Life Science und IKT „Jeder Investor oder Business Angel fungiert für rund die Hälfte des deutschen Venture- als Wachstumsbeschleuniger“, sagt MBG-GeCapital-Markts. Das Volumen des in schäftsführer Selbherr. Im Idealfall könne Deutschland bereitgestellten Venture Capi- Baden-Württemberg so seine schon sehr tal liegt jedoch, verglichen etwa mit den gute Position als Hightech-Standort USA, noch immer auf einem niedrigen weiter ausbauen. Norbert Hofmann Niveau. Das hat zum einen mit der längeren Historie dieser Finanzierungsform jenseits des Großen Teichs und der entsprechend größeren Anzahl erfahrener Wagniskapitalgeber zu tun. „In den USA eröffnet die Technologiebörse Nasdaq ihnen zudem viel mehr Möglichkeiten, ihre Beteiligungen über einen Börsengang in die nächste Wachstumsphase zu bringen“, sagt Schirmers. Das erhöhe die Investitionsbereit-

Gerade für Unternehmensgründungen mit hohem Risiko sind Kredite nicht die erste Wahl bei der Finanzierung, sondern zunehmend Venture Capital. Den öffentlich-rechtlichen Beteiligungsgesellschaften kommt dabei eine Art Schrittmacherfunktion zu. Foto: Fotolia


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VENTURE CAPITAL

Mai 2017

Schritt für Schritt Start-ups können Risikokapital für jede Unternehmensphase mobilisieren

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s war das Jahr 1997, als die USAnlagegesellschaft Benchmark Capital 6,7 Millionen Dollar in ein kleines Online-Auktionshaus namens Ebay investierte. Gut ein Jahr später ging das Start-up aus dem Silicon Valley an die Börse, wo die Aktie binnen kurzer Zeit zum Höhenflug ansetzte. Für Benchmark Capital war das mehr als nur eine erfreuliche Entwicklung. Denn deren Anteile waren nun fünf Milliarden Dollar und damit mehr als das 700-Fache der ursprünglichen Investitionssumme wert. Die Transaktion ist legendär und außergewöhnlich. Sie zeigt dennoch, was für Großanleger den besonderen Reiz einer Investition in ein ganz am Anfang stehendes Unternehmen ausmacht. Wenn es gut läuft, winken schnell ansehnliche Renditen, die wiederum die üblicherweise auch zu einem Risikokapitalportfolio gehörenden Verluste – oft sogar Totalausfälle – wettmachen. Für die Innovationsfähigkeit und die Etablierung der Gründerin DeutschCROWD kultur land können solche Anreize für Anleger PITCH nur gut sein – und sie stoßen auf InteresINNOVATION ACCELERATOR se. Im vergangenen Jahr haben VentureCapital-Investitionen GROSSANLEGER mit insgesamt 930 Millionen Euro das höchste Niveau seit 2008 erreicht. „Der seit 2012 zu beobachtende Aufwärtstrend in der Start-up-Finanzierung bleibt ungebrochen“, konstatiert Joachim von Ribbentrop, Vorstandssprecher des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). Wahr ist aber auch: Angebot und Bedarf an Wagniskapital passen je nach dem Stadium, in dem sich eine Idee oder ein

SEED CAPITAL

EARLY STAGE

INVESTMENT

FONDS

EBAY

Start-up befindet, bei Weitem nicht immer zusammen. Das beginnt schon vor der eigentlichen Firmengründung in der Phase, in der mit sogenanntem Seed Capital der Samen für die Zukunft gepflanzt wird. In dieser Zeit nehmen die Produkt- und Unternehmenskonzepte konkrete Formen an. Forschungsarbeiten oder etwa die Entwicklung von Prototypen müssen finanziert und die Idee zur Marktreife gebracht werden. Vieles ist noch unklar und mit hohem Risiko behaftet. Andererseits ist der Kapitalbedarf – meist geht es um Summen im fünfstelligen Bereich – auch noch nicht so hoch wie in späteren Phasen. Als Kapitalgeber treten deshalb auch weniger die großen Venture-CapitalGesellschaften auf, sondern eher sogenannte Business Angels. Das sind ehemalige Unternehmer oder Manager, die ihre Erfahrung einbringen und in dieser Phase auch mit den kleineren Beteiligungssummen eines Einzelanlegers helfen können. Für den Kontakt zu diesen Investoren sorgen Veranstaltungen wie etwa der jährlich stattfindende VC-PW-Pitch des Netzwerks für Beteiligungskapital in BadenWürttemberg von Stuttgart Financial. Auch die in jüngster Zeit in deutschen Großstädten entstandenen Acceleratoren können wichtige Partner sein. Das sind oft von großen Konzernen initiierte Mentorenprogramme, bei denen Gründer über Netzwerke Kontakt zu erfahrenen Unternehmern aufnehmen können, einige Monate lang mit Industriepartnern zusammenarbeiten und gleichzeitig eine finanzielle Starthilfe erhalten. Danach können sie sich vor Investoren für die weitere Finanzierung präsentieren. In Baden-Württemberg etwa hat Daimler mit der „Startup Autobahn“ ein solches Accelerator-Programm ins Leben gerufen.

Eine weitere Kapitalquelle für die Früh- titionen klaffen zwischen dem Kapitalbedarf phase bietet seit ein paar Jahren das Crowd- und dem Angebot an Venture Capital im Lainvesting. Dabei stellen private Anleger in ter-Stage-Bereich immer noch große Lücken. Form von Nachrangdarlehen eine Vielzahl Um diese zu schließen, will auch die Fördereher kleinerer Summen über Internetplatt- bank KfW mit ihrem 2015 aufgelegten Förformen wie Companisto und Seedmatch derinstrument ERP-Venture-Capital-Fondsbereit, die sich dann zu einer ansehnlichen investments beitragen. Sie investiert über Finanzierung fügen können. Mit einem im diese Schiene bis zu 400 Millionen Euro in Jahr 2016 für Start-ups bereitgestellten Volu- ausgewählte Wagniskapitalfonds und will men von 16 Millionen damit zudem weitere Euro steht die Crowd alprivate Investoren NÄCHSTE GENERATION lerdings noch für einen mobilisieren. Auch DES MITTELSTANDS sehr kleinen Marktanteil. die L-Bank als FörderZum Vergleich: Insgebank des Landes Basamt wurden in die Frühphase innovativer den-Württemberg will dazu beitragen, dass Gründer 433 Millionen Euro investiert. Zu expandierenden, technologiestarken Startdieser Zeitspanne, im Fachjargon auch Early ups aus der Region ausreichend RisikokapiStage genannt, gehört neben der Seed-Phase tal für den globalen Wettbewerb zur Verfüdas mit einem Volumen von 384 Millionen gung steht. „Wir haben 2016 fast 24 MillioEuro im Jahr 2016 deutlich größere Segment nen Euro neu in Venture Capital investiert der Start-up-Finanzierung. Hier fließt Ven- und sind derzeit in Überlegungen, unser VCture Capital in die eigentliche Unterneh- Angebot schlagkräftig weiterzuentwickeln“, mensgründung, den Start der Produktion betonte der stellvertretende Vorstandsund in die Markteinführung. Wagniskapital- vorsitzende Ulrich Theileis anlässlich des geber investieren in dieser Phase dann, VC-Pitch „Best of Baden-Württemberg“ im wenn Gründer ihnen die Aussicht auf Markt- vergangenen Februar. nachfrage und wirtschaftlichen Erfolg präGroßanleger aus der Wirtschaft stellen sentieren können. ebenfalls Kapital bereit. So haben in diesem Deutlich zugelegt um fast ein Drittel auf Jahr unter anderem die Deutsche Börse und 501 Millionen Euro hat im vergangenen Jahr Zeiss in die 131,5 Millionen Euro schwere das Segment der sogenannten Later Stage, erste Tranche des Digital Growth Fund für mit dem nach Erzielen erster Umsätze das schnell wachsende Firmen investiert, die weitere Wachstum von Start-ups finanziert Software für Firmenkunden entwickeln. wird. Speziell auf die Expansion spezialisier- „Wir wollen innovativen und schnell wachte Venture-Capital-Fonds stellen dann Geld senden Unternehmen, die unverzichtbar für für die Marktdurchdringung, den Ausbau unsere wirtschaftliche Entwicklung sind, des Vertriebs, neue Produktionskapazitäten den Zugang zu Kapital erleichtern“, begrünoder auch Akquisitionen anderer Firmen be- det Carsten Kengeter, Vorstandschef der reit. Gerade in dieser Phase brauchen die Deutschen Börse, die Initiative. Der Fonds jungen Unternehmen besonders hohe Betei- hat sich zum Ziel gesetzt, die „nächste Geneligungssummen von drei bis zehn Millionen ration des deutschen Mittelstands“ aufzuEuro. Trotz des jüngsten Anstiegs der Inves- bauen. Norbert Hofmann

An jede Phase eines Unternehmens, von der Vorgründung bis zur Konsolidierung, muss die Art des Risikokapitals angepasst werden. So kann ein Unternehmen Schritt für Schritt eine trägfähige finanzielle Ausstattung bekommen, um seine Innovationen in den Markt zu bringen. Foto: Fotolia


  

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VENTURE CAPITAL

Mai 2017

Mit digitalem Marketing zum Kundenerfolg Beim IT-Dienstleister Brandmaker begleiten Wagniskapitalgeber das Wachstum

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Das Customer Engagement wiederum tarke Produkte, kompetente Ingenieure und leistungsfähige Mitarbeiter hilft, die moderne IT für fein abgestimmte sind wichtige Bausteine für den Ge- und zielgerichtete Maßnahmen zur Kundenschäftserfolg. Aufgabe der Marketing- und gewinnung zu nutzen. Ein Beispiel macht Vertriebsabteilungen ist es, auch tatsächlich das Potenzial deutlich. Im klassischen VerKunden zu gewinnen. Die besten Chancen trieb knüpft ein Maschinenbauer beispielswinken da wiederum, wenn potenzielle Käu- weise auf Fachmessen Kontakt zu interesfer individuell angesprochen werden: zum sierten Kunden. Ist die Messe vorbei, fassen richtigen Zeitpunkt, mit auf ihre Bedürfnisse die Vertriebsspezialisten des Unternehmens abgestimmten Inhalten und über die pas- nach und bringen sich immer wieder telefosenden Kanäle. Und es kommt darauf an, die nisch in Erinnerung. Doch es geht auch besgesamten Aktivitäten – vom Marketing bis ser. In der digitalisierten Welt von heute ist es effizienter, sich bei zum Vertrieb – so aufeiKunden mittels sogenander abzustimmen, FINANZIERUNG DES nannter Lead Converdass sie optimal wirken. AUSLANDSGESCHÄFTS sion durch die autoDas Unternehmen matisierte und zielgeBrandmaker mit Hauptsitz in Karlsruhe hat dafür die passenden richtete Bereitstellung von Informationen in Lösungen gefunden. Es bietet Software für Erinnerung zu bringen. Brandmaker stellt automatisierte Marketing- und Vertriebs- Tools für diese Marketing- und Vertriebsprostrategien im Zeitalter der Digitalisierung. zesse zur Verfügung, bei denen der Kunde Das wissen Kunden aus dem Finanzsektor von der Visitenkarte bis zum Vertragswie etwa Deutsche Bank, Commerzbank, abschluss kontinuierlich und weit über UBS und JP Morgan ebenso zu schätzen wie den telefonischen Kontakt hinaus auch über die Autokonzerne Daimler, Audi und Volvo digitale Kanäle angesprochen wird – schnell oder schwäbische Traditionsunternehmen wie Carl Zeiss und ZF. „Wir helfen unseren Kunden, die Ansprache potenzieller Abnehmer und die Bindung bestehender Kunden effektiver zu gestalten“, erläutert Robert Gratzl, der gemeinsam mit dem Gründer Mirko Holzer die Geschäfte führt. Brandmaker bietet „Software as a Service“. Das heißt, die Kunden kaufen nicht Einzellizenzen der Software, sondern erwerben sie auf Mietbasis. Dieses Geschäftsmodell hat das Unternehmen seit 2011 kontinuierlich ausgebaut und internationalisiert. Wichtige Partner waren dabei in zwei großen Finanzierungsrunden Wagniskapitalgeber aus dem süddeutschen Raum. „Sie stehen uns nicht nur mit Geld, sondern als unternehmerisch denkende Partner auch mit Rat und Tat zur Seite“, sagt Gratzl. Das Leistungsangebot von Brandmaker besteht aus den beiden Säulen „Marketing Resource Management“ (MRM) und dem „Customer Engagement“. Der Fachjargon steht für handfeste Vorteile zur Optimierung des gesamten Marketingprozesses. So ist MRM darauf ausgerichtet, alle Kampagnen über eine zentrale Plattform zu planen und laufend mit den Budgets abzustimmen. Der schnelle Zugriff aller Beteiligten vereinfacht die Abstimmungsprozesse ebenso wie den Workflow zwischen der Marketingabteilung und den beauftragten Agenturen. Spezielle Softwarewerkzeuge ermöglichen es darüber hinaus, die Inhalte für Plakate, Broschüren, Kataloge und Webbanner automatisch sowohl für den Druck als auch für die digitalen Kanäle auszuspielen.

Der Karlsruher IT-Dienstleister Brandmaker stellt für seine Kunden – unter anderem Unternehmen aus der Finanzund Automobilbranche – Mietsoftware für Marketing und Vertrieb bereit. Foto: Fotolia

und mit speziell auf seine Bedürfnisse ausgerichteten Informationen. Nicht minder wichtig: Die Effizienz der einzelnen Aktionen kann in der automatisierten Welt gemessen werden. Beispielsweise lässt sich nachvollziehen, wie oft und wie lang eine online abgerufene Broschüre gelesen wurde. All das kommt sowohl bei den Kunden als auch bei neutralen Beobachtern an. Die beiden Beratungsunternehmen Gartner und Forrester haben die Karlsruher im vergangenen Jahr zum fünften Mal in Folge als einen der Marktführer neben den Anbietern SAP, SAS und Infor eingestuft. Außer Deutschland sind vor allem Großbritannien, die Schweiz und zunehmend auch die USA, wo Brandmaker über eine Vertriebsniederlassung verfügt, wichtige Märkte. Ein wichtiger Baustein auf dem Weg dahin war 2011 eine Mezzanine-Finanzierung der L-Bank. Mezzanine ist eine Mischform aus wirtschaftlichem Eigenkapital und Fremdkapital. Sie hat dem Unternehmen in der damaligen Phase geholfen, das internationale Geschäft vor allem in Großbritan-

nien und den USA aufzubauen. „Gleichzeitig konnten wir unsere Produktpalette durch eine forcierte Softwareentwicklung ausbauen, um unsere heutige Marktposition zu erreichen“, erläutert Gratzl. Im Zuge der zweiten Finanzierungsrunde hat die L-Bank dann 2014 das Mezzanine in eine offene Beteiligung umgewandelt. Als weitere Investoren erwarben die MBG Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg sowie die Münchner Beteiligungsgesellschaft NETZWERK Pinova Capital Anteile am Unternehmen. Später kam noch E-Capital entrepreneurial Partners MIETMODELL als Gesellschafter dazu. EIGENKAPITAL MARKETING Die beiden Gründer Mirko Holzer und Sven SchäVERTRIEB fer, die sich schon aus EXPANSION STRATEGIE Studienzeiten kennen, sind weiterhin maßgebend am Unternehmen beteiligt. Ebenso sind schon seit der Frühphase private Kapitalgeber involviert. Das Unternehmen nutzt die Mittel, um das internationale Wachstum weiter voranzutreiben. Die Beteiligungsgesellschaften unterstützen Brandmaker als Mitglieder des Beirats bei der strategischen Ausrichtung. „Wir agieren auf der Basis gleicher bodenständiger Vorstellungen und setzen auf eine gesunde Unternehmensstrategie, die wir mit Maß und Ziel voranbringen wollen“, sagt Gratzl. Die Beteiligungsgesellschaften bieten Brandmaker zudem Zugang zu ihrem Netzwerk. Über die MBG BadenWürttemberg sind so beispielsweise auch Kundenkontakte entstanden. Insgesamt hat das Unternehmen heute 300 Firmenkunden mit jeweils mehreren Tausend Mitarbeitern und einem Marketingbudget im siebenstelligen Bereich. Sie kommen zum Großteil aus der Automobilindustrie, Finanz- und Versicherungsbranche, dem Pharma- und Gesundheitswesen sowie dem Maschinenbau – unter anderem mit seinem klassischen schwäbischen Mittelstand. Es ist eine loyale Kundenbasis, was allein schon wegen des „Software as a Service“-Modells essenziell ist. „Aufgrund unserer hohen Produktqualität gewinnen wir viele neue Kunden und verlieren nur wenige“, freut sich Gratzl. Insgesamt hat Brandmaker die Erlöse aus seinen Software-Mietverträgen in den vergangenen drei Jahren um 150 Prozent gesteigert. Norbert Hofmann

MEZZANINE

BETEILIGUNGEN

FRÜHPHASE

FREMDKAPITAL


VENTURE CAPITAL

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GrĂźnder brauchen Schutzengel, vor allem in der Anfangszeit. Da haben sie etwas mit jungen Pflanzentrieben gemein. Foto: Fotolia

Die Kßmmerer Business Angels steigen meist erst später in der Start-up-Phase ein

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rĂźnder brauchen Schutzengel. Vor allem auf ihren ersten Metern. Auf denen kommt so mancher Entrepreneur ins Stolpern â&#x20AC;&#x201C; Ăźber Steine, die er nicht gesehen hat. Ein erfahrener Unternehmer als Begleiter kann das verhindern. Er kennt die Unebenheiten des Weges, die gefährlichen Ecken und Hindernisse, die den Aufstieg eines GrĂźnders erschweren oder sogar verhindern kĂśnnen. Ein solcher Business Angel steht angehenden und jungen Unternehmern mit Kapital und Tipps zur Seite und stellt ihnen sein EXIT eigenes Netzwerk und seine Erfahrungen zur NETZWERK RISIKO VerfĂźgung. BRANCHENKENNER Laut dem Zentrum fĂźr Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim gibt es in Deutschland zwischen 6500 und 9000 Business Angels. Meist handelt es sich bei ihnen um erfolgreiche GrĂźnder, die nach dem Verkauf oder BĂśrsengang ihres ehemaligen Unternehmens Kapital und Know-how in junge Unternehmen einbringen, oder um erfahrene Wirtschaftskapitäne oder leitende Angestellte, die aufgrund ihrer langen Berufstätigkeit Ăźber mehr Managementerfahrung und Kontakte verfĂźgen als die GrĂźnder der Start-ups. Die vermĂśgenden Geld- und Ratgeber stehen am Anfang der Finanzierungskette, dort, wo hierzulande der Engpass am grĂśĂ&#x;ten ist. Typischerweise liegt die Investitionsdauer eines Business Angel bei vier bis sieben Jahren. Danach mĂśchten die meisten Starthelfer ihre Beteiligung verkaufen, um Gewinne zu realisieren. Am häufigsten sind Business Angels in den vergange-

START-UP KAPITAL GRĂ&#x153;NDER

nen Jahren Engagements in den Branchen Informations- und Kommunikationstechnologie, Medizintechnik, Cleantech, Energie und Neue Materialien eingegangen. Bei Finanzierungsrunden spielen die Helfer eine wichtige Rolle. Ohne Kapital von Business Angels wären viele Geschäftsideen nicht Ăźber das Stadium der Idee hinausgekommen. Das kennzeichnet die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser UnterstĂźtzer. Ein Business Angel zeichnet sich gegenĂźber einer Venture-Capital-Gesellschaft dadurch aus, dass er zwei â&#x20AC;&#x17E;FlĂźgelâ&#x20AC;&#x153; hat: Er beteiligt sich an Start-ups sowohl mit Kapital, meist zwischen 50 000 und 100 000 Euro, als auch mit Know-how in frĂźhen Phasen. Als erfahrener Kenner der Branche verfĂźgt er Ăźber ein breites Wissen, er kennt die wichtigen Leute, weiĂ&#x;, welche TĂźren er Ăśffnen muss, um seinem ZĂśgling Wege zu ebnen, auf denen dieser vorankommt. Damit trägt der Business Angel als MiteigentĂźmer entscheidend zur Steigerung des Unternehmenswertes â&#x20AC;&#x201C; und damit auch seiner eigenen Firmenanteile â&#x20AC;&#x201C; bei. Das ist sein Geschäft: Er profitiert von den laufenden Erträgen des Unternehmens, das er unterstĂźtzt, oder von der späteren VeräuĂ&#x;erung der Firma. FĂźr seine Risikobereitschaft erwartet er eine Ăźberdurchschnittliche Rendite, die er in der Regel auch bekommt. Doch nicht alles ist Gold, was zu Beginn glänzt. Selbst langjährige Business Angels haben hohe Ausfallquoten. Bei einer Pleite ist das investierte Geld weg, der erwartete lukrative Exit kommt nicht zustande. Deswegen benĂśtigt ein Business Angel auĂ&#x;erdem ein glĂźckliches Händchen. Ohne guten Riecher kann er nicht zwischen tatsächlich

  

zukunftsträchtigen GrĂźndungen und weniger Erfolg versprechenden unterscheiden. Ist die Geschäftsidee des Start-up wirklich gut? Zu den Anforderungen, die ein Business Angel hat, gehĂśren ein sauber ausgearbeiteter Business-Plan und realistische Ertragsperspektiven. Sind der Jungunternehmer und sein Team fĂźr den steinigen Weg ausreichend gewappnet? Die Qualifikation der GrĂźndermannschaft ist meist das wichtigste Kriterium fĂźr die Beteiligungsentscheidung. Technische, kaufmännische und persĂśnliche Fähigkeiten sowie der unbedingte Wille, ein Unternehmen zum Erfolg zu fĂźhren, mĂźssen vorhanden sein. Und umgekehrt? Wie findet ein Start-up den passenden UnterstĂźtzer? Zum einen kann man sich mit seinem Business-Plan an eines der rund 40 Netzwerke in Deutschland wenden, die mit Business Angels kooperieren. Diese helfen den GrĂźndern dann bei der Vermittlung, etwa auf Veranstaltungen. Ein Beispiel: In der Business Angels Region Stuttgart (BARS) sind private Investoren mit unternehmerischer Erfahrung vereint. Ă&#x153;ber den bei der WirtschaftsfĂśrderung angesiedelten Verein bĂźndeln und vernetzen die Mitglieder ihre Kompetenzen als Unternehmer und Investoren. Man habe Freude daran, wachstumsträchtige Unternehmen persĂśnlich mit Branchen-, Management- und FĂźhrungserfahrung zu unterstĂźtzen, wirbt BARS. Die Starthelfer gelten als Ergänzung zur guten GrĂźnderfĂśrderung in der Region Stuttgart. BARS will mit dem Engagement einen Beitrag zur Zukunft der Wirtschaftsregion und des Landes leisten. Am 22. Juni findet das Jahrestreffen der Business-Angel-Community und Start-up-

Szene in Baden-Wßrttemberg statt. Veranstalter ist das Business Angels Netzwerk Deutschland (BAND). Die Veranstaltung soll eine Plattform fßr das Kennenlernen und den Erfahrungsaustausch von Investoren und Beteiligungskapital suchenden Startups bilden. Auf dem Programm: aktuelle Informationen, spannende Einblicke und kompetente Referenten mit einschlägigen Erfahrungen und interessanten Fallbeispielen aus dem Bundesland. Ein Business Angel unterscheidet sich also schon signifikant von einer VentureCapital-Gesellschaft. Ersterer steigt in das Start-up frßh mit relativ geringen Summen ein, Letzterer häufig erst zu einem späteren Zeitpunkt mit hÜheren Beträgen. Zudem bieten Venture-Capital-Geber keine so intensive Beratung fßr das Unternehmen an wie ein Business Angel. Jßrgen Hoffmann

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Compliance Conference STUTTGART

Großes Interesse an der zweiten Compliance Conference im Stuttgarter Haus der Wirtschaft Foto: Mierendorf

Compliance – auch ein Thema für den Mittelstand Rund 90 Compliance-Verantwortliche aus Baden-Württemberg trafen sich im Stuttgarter Haus der Wirtschaft. Als Informationskongress für den Mittelstand konzipiert, richtet sich die Veranstaltung an Entscheider (zum Beispiel Vorstände, Geschäftsführer, Bereichsleiter) und an Fach- und Führungskräfte der Unternehmen. Die Teilnehmer wurden praxisnah und umfassend durch Vertreter namhafter Stuttgarter Anwaltskanzleien unterrichtet, welche Risiken in mangelnder oder nicht vorhandener ComplianceOrganisation liegen, wie Haftungsregeln ausgestaltet sind – oder wie sich Compliance im Unternehmensalltag eines Mittelständlers darstellt. In Fachvorträgen wurde über die Gesetzeslage und neue Entwicklungen aufgeklärt, vom Strafrecht bis hin zur Anpassung von Compliance-Systemen sowie den Pflichten der GeK ON TA K T schäftsführung. Ist CompliHaben Sie Fragen zu Veranstaltunance nicht mehr gen der Stuttgarter Zeitung Werals ein stumpfes bevermarktung GmbH? Schwert oder ein Ihre Ansprechpartner: wirkungsvolles Tanja Dehner, Leitung WerbeverInstrument, mit marktung, Tel.: 07 11 / 72 05 - 16 01, dem Rechtstreue t.dehner@stzw.zgs.de im Unternehmen Katharina Goll, Verkaufsleitung sichergestellt regio-lokale Märkte, werden kann? Tel.: 07 11 / 72 05 - 16 02, Für den Mitk.goll@stzw.zgs.de telständler sei es

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Compliance betrifft keineswegs nur Konzerne oder große Unternehmen. Auch im Mittelstand ist das Thema längst angekommen, wie das große Interesse an der zweiten Compliance Conference belegt, die im Stuttgarter Haus der Wirtschaft veranstaltet wurde. wichtig, Compliance mit Augenmaß zu lich dargestellt werden. Vergessen werbetreiben, erläutert Dr. Jürgen Bürkle, den dürfe zudem nicht, dass Compliance seit 2005 Compliance-Officer der Stutt- kein Allheilrezept sei. Sein Kanzleikollege garter Lebensversicherung. Es dürften Mirco Vedder weist darauf hin, dass ein keine überdimensionierten Systeme ins- fehlendes System der Regeltreue, wie talliert werden, die nicht zum jeweiligen Compliance häufig auf Deutsch bezeichnet wird, zum Nachteil gegenüber der Unternehmen passen, argumentiert er. Individualität steht im Vordergrund, Konkurrenz werden kann. Dr. Thomas Trölitzsch von der Kanzlei Compliance ist vor allem Maßarbeit, das Oppenländer geht machten die Referensogar noch einen ten deutlich. „Auch die COMPLIANCE IST Schritt weiter. Seine Überregulierung kann IMMER MASSARBEIT MIT Erfahrung zeigt, dass zum Problem werden“, INDIVIDUELLEN LÖSUNGEN im Rennen um die sagt Dr. Alexander besten Köpfe eine Schork von BRP Renaud und Partner. Aber wie vorgehen, schlechte Reputation durch Compliancewenn noch keine Erfahrungen da sind. Verfehlungen ein Wettbewerbsmanko Einer der wichtigen Aspekte, analysierte darstellen könne. Wie gelingt es, Compliance in einem der Experte, sei, im Unternehmen mit den zuständigen Abteilungen und Mit- Unternehmen zu etablieren? Dr. Susanne arbeitern ein Review der bestehenden Jochheim weist darauf hin, dass mit moRegularien vorzunehmen. Wird das Com- dernen elektronischen Methoden – beipliance-Tool klar ausgestaltet, ließe sich spielsweise auch mithilfe einer Smartdadurch das Strafbarkeitsrisiko mindern, phone-App – das Thema den Mitarbeitern sehr einfach nahegebracht werden kann. so Dr. Schork weiter. Dr. Katharina Köbler (Oppenländer) Für Christian Parsow von Ebner Stolz übernimmt Compliance eine „Überset- gibt Einblick in die Gesundheitsbranzungsfunktion“ in einem Unternehmen. che – und in Probleme mit Korruption. Die Regeln müssten für jeden verständ- Sie verweist auf die Paragrafen 299 a und

299 b des Strafgesetzbuches. Im April 2016 hat der Bundestag das sogenannte Antikorruptionsgesetz beschlossen, welches Bestechlichkeit und Bestechung im Gesundheitswesen unter Strafe stellt. Schon Geschenke, die von der Pharmaindustrie an Ärzte verteilt werden, können kritisch sein, erläutert die Anwältin. Ihr Kanzleikollege Dr. Florian SchmidtVolkmar gibt als Tipp ein mehrstufiges System vor: Am Anfang müsse die Risikoanalyse stehen, gefolgt von einer Aufklärungsphase. Als weiteren Baustein nennt der Experte gemeinsam organisierte Maßnahmen sowie schließlich die Kontrolle. Und er mahnt, so etwas wie ein „Frühwarnsystem“ zu installieren. „Wenn beim Wettbewerber möglicherweise polizeiliche Durchsuchungen der Polizei stattfinden, ist das ein Alarmsignal.“ Welche Konsequenzen drohen bei Nichteinhaltung der RichtMEHR I M N ET Z linien? Das kann bei Verstößen zu BußgelDie zweite Complidern, Strafen oder gar ance Conference im zur GewinnabschöpVideo: Das finden Sie fung führen. Zudem auf unserem Youkönnen Kosten durch tube-Kanal unter folGerichtsverfahren oder gender Webadresse: Schadenersatzansprühttps://youtu.be/NMAI6VxSrooWe. che entstehen. So weit Einfacher ist, den nebenstehenden darf es nicht kommen, QR-Code mit dem Smartphone oder das wurde den TeilnehTablet und einem Programm wie Barmern der Konferenz coo zu scannen. sehr bewusst. rab

Die Referenten der Kanzleien bei der zweiten Compliance Conference im Haus der Wirtschaft (von links): Christian Parsow, Dr. Alexander Schork, Dr. Katharina Köbler, Mirco Vedder, Dr. Susanne Jochheim, Dr. Florian Schmidt-Volkmar und Dr. Thomas Trölitzsch Fotos: Mierendorf


Wir Wirtschaft tschaft

im Rems-Murr-Kreis

Wirtschaft zwischen Wald und Weinbergen

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Wie wohl kein anderer Landkreis der Region Stuttgart ist der RemsMurr-Kreis geprägt von Kontrasten: Hightech und Bodenständigkeit, Weltläufigkeit und Landleben gehen eine fruchtbare Verbindung ein.

Stihl-Vorstand Michael Prochaska bekennt sich zur Provinz SEITE 31 Quirlige Gründerszene – trotz „Generation Y“ SEITE 33 Made in Remstal: Sauger, Säge, Satellitenbauteil SEITEN 34, 35

Zwischen Gemütlich- und Geschäftigkeit: Die Gemeinde Weinstadt – hier aufgenommen in der Abenddämmerung zwischen den akkurat zurückgeschnittenen Reben der Großheppacher Weinberge – ist ein gutes Beispiel für eine freundschaftliche Nachbarschaft von Idyll und Industrie. Fotos: Das Foto, Gottfried Stoppel, KD Busch, Stadt Schorndorf, Stadt Backnang

Der heimliche Weltmeister

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ie Weltfirmen Stihl und Kärcher kennt sicherlich jeder. Bei deren Stammsitzen allerdings – Waiblingen und Winnenden – wird bei einer Umfrage jenseits des Weißwurst-Äquators schon der eine oder andere passen müssen. Und bei Rems-Murr-Kreis? Betretenes Schweigen in Hamburg, Düsseldorf oder Kiel. RICHARD SIGEL Dabei ist jenes mehr als 850 Quadratkilometer Welche Besondergroße Gebiet, dessen heit, auf die Sie Wirtschaftskraft und nicht verzichten Branchenvielfalt auf den wollten, bietet der folgenden Seiten ein weRems-Murr-Kreis? nig beleuchtet werden Leuchtende Kinder- soll, nicht nur das Uraugen beim Anblick sprungsland des Kettensägenherstellers und des Der Landrat ist Fan der Waldfee. Diese Reinigungsgerätespeziabeweist, dass Heider Waldfee und listen sowie Standort beihres neuen Kleids. matverbundenheit kannter internationaler nichts Ewiggestriges sein muss. Es ist vielmehr ein moder- Konzerne wie Bosch oder Tesat-Spacecom. Der nes Bekenntnis zu den Wurzeln, verRems-Murr-Kreis behersehen mit Charme und Esprit. Das zeigt bergt auch eine ganze auch das neue Kleid von Riani – einem Reihe von Firmen, die in Modelabel der Weltklasse „made in ihren Branchen marktRems-Murr-Kreis“ – in dem die Waldfee führend, aber Otto Norab dem 1. Mai verzaubern wird. malverbraucher weitgehend unbekannt sind. Beispiele dafür? Selbst ANDREAS HESKY in der Region dürfte derjenige ungläubiges StauWelche Besondernen ernten, wer behaupheit, auf die Sie tet, dass eine Backnanger nicht verzichten Firma für die Beschallung wollten, bietet der des Opernhauses in SydRems-Murr-Kreis? ney verantwortlich ist und ein Großheppacher Nicht verzichten Betrieb Interieurteile für möchte ich auf den das schnellste Serienauto einzigartigen AusDen Waiblinger der Welt angefertigt hat OB zieht es auf den blick vom Hochoder eine GmbH aus Auwachtturm. Ganz Hochwachtturm. enwald einer der in Eurogleich ob von despa führenden Hersteller sen Umgang oder aus der Türmerstube, von Pizzaverpackungsberührt mich der Blick auf und über die maschinen ist. Nicht Stadt und weit ins Remstal hinein immer umsonst werden diese wieder aufs Neue.

Der Rems-Murr-Kreis wird gerne unterschätzt – und zieht daraus sein Selbstbewusstsein. Von Frank Rodenhausen

Wirtschaftsstandort

Betriebe daher neudeutsch als Hidden immer neuen Initiativen geworden. Vom Business-Talk für Arbeitgeber über die Champions bezeichnet. Ganz vorn dabei ist der Kreis auch Pflegemesse „Abenteuer Mensch“ bis hin im Maschinenbau. Rund 15 Prozent der zum Speed-Dating für Ausbildungsplatzsozialversicherungspflichtig Beschäftigten suchende reicht das breite Spektrum, das arbeiten in dem Bereich, der gerne auch als die Betriebe bei der Rekrutierung von Boombranche bezeichnet wird. Das ist ba- Nachwuchskräften unterstützen soll. Nicht selbst gemacht, aber auch ein den-württembergischer Rekord, bestätigt das Statistische Landesamt. Diese speziel- Charakteristikum des Rems-Murr-Kreises len Maschinen bekommen außer denjeni- ist darüber hinaus die geografische Lage. gen, die sie konzipieren und zusammen- Claus Paal beschreibt sie so: „Nahe an der bauen, zwar nur die wenigsten zu Gesicht; Landeshauptstadt Stuttgart und der Autoaber die meisten nehmen täglich mehrfach mobilindustrie, aber weit genug weg, um Produkte zu sich, die von Maschinen „made die Vorteile des ländlichen Raums zu nutzen.“ Rund 420 000 Menin Rems-Murr-Kreis“ verschen profitieren mehr packt wurden – etwa in „Nahe an Stuttgart und oder weniger stark davon. Form von Frühstücks- der Autoindustrie, aber Allerdings gibt es mehr flocken, Säften oder Arz- weit genug weg, um die Menschen, die im Remsneimitteln. Murr-Kreis leben, ihren Strukturell sei es die Vorteile des ländlichen Arbeitsplatz aber jenseits „Mischung aus Weltmarkt- Raums zu nutzen.“ der Kreisgrenze haben, als führern und kleinen mit- IHK-Präsident Claus Paal über umgekehrt. telständischen Unterneh- die Lage des Rems-Murr-Kreises Doch zurück zur Vielmen in einem sehr günstifalt der Wirtschaft: Vielgen Verhältnis“, was den Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis leicht geht diese auch mit der Vielfalt der auszeichne, sagt der örtliche IHK-Präsi- Landschaft einher – die ihrerseits längst dent und Landtagsabgeordnete Claus Paal ein Wirtschaftsfaktor geworden ist: Sowohl (CDU). Die breite Aufstellung in vielen der Schwäbische Wald als auch die Weinverschiedenen Branchen habe sich in der gebiete im Remstal locken jedes Jahr mehr Vergangenheit für die Wirtschaft in ihrer als zwei Millionen Naherholungssuchende Gesamtheit auch in schlechten Zeiten als und Kurzurlauber an. Das Weltkulturerbe Segen erwiesen und immer wieder gehol- Limes im Norden, Rebensaft und Fachwerk im Süden, allerorten erstklassige Gastrofen, Krisen gut zu überstehen. Ähnlich verhalte es sich mit der Zusam- nomie sind Pfründe, mit denen man wumenarbeit der Institutionen und Behör- chern kann. Und das nicht nur bei Tourisden. Diese ist laut Paal eine absolute Beson- ten: Die „weichen Faktoren“ helfen so manderheit, „fast einmalig“ und „das Ergebnis cher Firma auch beim Wettbewerb um jahrelanger Übung“. Beispielsweise ist die kompetente und motivierte Mitarbeiter. Ein Indiz dafür, dass sich der Rems2012 von der Arbeitsagentur, der IHK, der Kreishandwerkerschaft und dem Arbeit- Murr-Kreis auch perspektivisch gut aufgegeberverband Südwestmetall ins Leben stellt hat, ist für Landrat Richard Sigel die gerufene und ursprünglich auf zwei Jahre aktuelle Platzierung im Prognos-Zukunftsbefristete Fachkräfteallianz FAIR längst zu atlas. Dort habe man sich im bundesweiten einer wachsenden Dauerorganisation mit Vergleich mit mehr als 400 Stadt- und

Landkreisen von Platz 124 auf Platz 78 verbessert. Die alle drei Jahre von dem Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen vorgenommene Bewertung aller deutschen Landkreise und kreisfreien Städte bezieht sich auf die Themenbereiche Demografie, soziale Lage und Wohlstand sowie Arbeitsmarkt, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation. Natürlich sei es das Bestreben, noch besser zu FRANK NOPPER werden, betonen Landrat Welche Besonderund IHK-Präsident uniheit, auf die Sie sono. Als mitentscheinicht verzichten dend für eine solche Entwollten, bietet der wicklung halten Sigel und Rems-Murr-Kreis? Paal allerdings den Ausbau der Verkehrswege soAls Backnanger wie eine flächendeckende Oberbürgermeister Versorgung mit schnel- Der Backnanger sind mir vor allem lem Internet. Bei Letzte- OB verschafft sich die Produkte made rem will der Landkreis gern Gehör. in Backnang wichmöglicherweise selbst in tig. In unserer Stadt Vorleistung gehen und wird viel Gutes und Attraktives produeine Art Glasfaser-Auto- ziert in Handwerk, Industrie und Gewerbahn bauen, an die sich be. Wir Backnanger verschaffen uns übdie Kommunen anschlie- rigens nicht nur in Kreis und Land Gehör, ßen können. sondern in aller Welt. Die Firma d&b auOb das ausreicht, um diotechnik trägt nämlich mit ihren Lautin Hamburg, Düsseldorf sprechern und Soundsystemen den besoder Kiel als spontane ten Backnanger Ton in die Opernhäuser Antwort auf die Frage von London, Sydney und Quebec. nach einem bedeutenden Landkreis in der Region Stuttgart zu fallen? Trotz einer eigentlich MATTHIAS KLOPFER nicht mehr zu übersehenWelche Besonderden Dauerflut an Ausheit, auf die Sie zeichnungen ist das bis nicht verzichten heute nicht einmal den in wollten, bietet der Fachkreisen unumstritRems-Murr-Kreis? tenen Spitzenwengertern des Remstals gelungen. Mir geht das Herz Dem Selbstbewusstsein auf, wenn ich an dürfte das allerdings Der Schorndorfer einem sonnigen Tag keinen Abbruch tun. An OB liebt den Blick auf dem Grafenberg Rems und Murr wird vom Grafenberg. stehe und den Blick man weiterhin gut damit hinunter ins Tal leben können, ein Hidden richte – dies am besten mit einem Glas Champion zu sein. guten Remstäler Weins.


30 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

419 000

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

GRÜNER KREIS IM STUTTGARTER SPECKGÜRTEL MIT HOHER WOHNQUALITÄT UND ERHOLUNGSWERT FÜR DIE GANZE REGION

Einwohner hat der Rems-Murr-Kreis etwa. Damit ist er nach der Kopfzahl der drittgrößte in der Region (außer Stuttgart).

900 Quadratkilometer groß ist der Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald, von dem ein großer Teil im Rems-Murr-Kreis liegt. In diesem machen zwei Arten mehr als die Hälfte der Bäume aus: Fichte und Buche.

858

Einzelhandelsrelevante Kaufkraft pro Einwohner in Euro, 2015* Kreis Böblingen

7184

Stadt Stuttgart

7103

Kreis Esslingen

7091

Kreis Ludwigsburg

7043

Region Stuttgart

7023

Rems-Murr-Kreis

6898

Baden-Württemb.

HEILBRONN SCHWÄBISCH HALL Großerlach Spiegelberg

Kreis Göppingen

6612

Deutschland

6459

Mainhardter

Stadt Stuttgart

41 132

Kreis Göppingen

32 741

Rems-Murr-Kreis

Kilometer lang ist das Netz der Kreisstraßen. Noch länger, nämlich 400 Kilometer, ist das Asphaltband der Bundes- und der Landesstraßen zusammengenommen.

Murrhardter Reute

Kirchberg a. d. Murr

35 147

Backnang S4

31 875

LUDWIGSBURG

B

Bittenfeld Schwaikheim

Dienstleistung 126,0 108,3

180

Allmersbach im Tal

Nellmersbach 194,6

184,3

Wald

Weissach im Tal

S3

Erwerbstätige im Rems-Murr-Kreis nach Wirtschaftsbereichen, in Tausend

Fornsbach

Murrhardt

14

Aspach

35 899

Kreis Esslingen

360

Oppenweiler

41 394

Kreis Ludwigsburg

Steinberg

Allmersbach a.W.

Sinzenburg

Kreis Böblingen

Wald Sulzbach an der Murr

Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer Durchschnitt in Euro, 2014

Quadratkilometer groß ist der Kreis. Im Durchschnitt leben auf jedem 489 Menschen. Nur der Landkreis Göppingen ist in der Region dünner besiedelt.

Grab

6725

g er

Cronhütte Althütte

le

n

Rudersberg

Welzheim

Winnenden Steinenberg

Wasserschutzgebiete gibt es im RemsMurr-Kreis. Sie machen etwa zehn Prozent der gesamten Kreisfläche aus.

31

produzierendes Gewerbe 73,1 66,3

2000

Welzheimer Wald

Korb

Waiblingen

2,9 Land-, Forst- 2,3 wirtschaft, Fischerei

2014

Fellbach

Urbach 29

Weinstadt

Gemeinden hat der Kreis. Nur acht davon sind Städte, von denen sich sechs mit dem Prädikat Große Kreisstadt schmücken dürfen. Außerdem gibt es 510 Orte.

Landkreisfläche nach Nutzung Anteile in Prozent Sonstige 1 Siedlungen, Verkehr Landwirtschaft 17

15

Winterbach

S2

Plüderhausen

Schorndorf

OSTALBKREIS

Schurwald

STUTTGART

43

%

GÖPPINGEN

ESSLINGEN

Prozent der 166 000 Arbeiter und Angestellten im Kreis sind im Maschinenbau beschäftigt. Das ist Landesrekord.

Brech

Haubersbronn

Remshalden

Alfdorf

39 Wald

Grafik: Manfred Zapletal, Quelle: Statistisches Landesamt

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Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis 31

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

„Unsere Lage ist komfortabel“ Der Südwestmetaller und Stihl-Vorstand Michael Prochaska spricht über den Landkreis, über Holzfällersport und Grün-Schwarz. Interview

D

as Ambiente für das Interview passt: inmitten der kleinen Ausstellungswelt am Stammsitz der Firma Stihl in Waiblingen zwischen Hoch-Entastern, Sägen und Rasenmähern. Mehr als eine Stunde lang steht Michael Prochaska, der Personalvorstand und Südwestmetall-Chef im Bezirk Rems-Murr-Kreis, Rede und Antwort. „Unsere Lage“, sagt er im Blick auf den Standort, „ist komfortabel.“ Herr Prochaska, beherrschen Sie alle Geräte aus dem Hause Stihl? Aber gewiss. Ganz regelmäßig nutze ich zu Hause Gartengeräte von der Heckenschere bis hin zum Akku-Mäher. Den meisten Respekt habe ich vor den Trennschleifern. Erwartet die Firma, dass ihre Vorstände mit den Produkten hantieren können? Das ist unser eigener Anspruch und in einem technologiegetriebenen Unternehmen auch wichtig. Meine Kollegen und ich sind immer sehr darauf aus, die neuen Geräte zu testen. Erstens macht das Spaß, und zweitens müssen wir einschätzen können, was die Entwicklungen für die Kunden bedeuten. Graue Theorie hilft da nicht weiter.

Ist die Gartenarbeit denn für Sie auch ein persönlicher Ausgleich zum Berufsalltag? Das ist sie durchaus, ebenso „Der Wettbewerb um wie der Sport.

gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist gerade in der Region Stuttgart enorm.“

Gehört da Timbersports dazu? Oh nein. Wenn sich die besten Sportholzfäller der Welt jährlich treffen, um ihren Champion unter sich auszumachen, Michael Prochaska, muss man technisch perfekt Personalvorstand bei Stihl an Axt und Säge sein. Da braucht es richtige Kerle, ich selbst freue mich in diesem Fall an der Rolle des Zuschauers. Wenn Timbersports eher etwas für Spezialisten ist – was tut Ihr Unternehmen denn für die Gesundheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Das ist ein ganz wichtiges Thema. Denn wir haben ja ein Interesse daran, dass unsere Mitarbeiter gesund sind und möglichst bis 67 fit bleiben. Da spielt die Ergonomie am Arbeitsplatz eine große Rolle. Es geht aber auch um Präventionsmaßnahmen und sehr vielfältige Angebote an Kursen, Seminaren und Betriebssport. Nicht ohne Grund haben wir im vergangenen Jahr auch erstmals eine eigene Betriebsmedizinerin eingestellt – alles Punkte, die zur Attraktivität des Unternehmens beitragen. Heißt das, der Fachkräftemangel ist auch bei einem Unternehmen wie Stihl angekommen? Wir sind da noch in einer guten Position. Wir sind eine starke Marke, eine Firma von Weltruf und bieten beste Arbeitsbedingungen – das entfaltet nach wie vor eine hohe Anziehungskraft auf Menschen. Knapp 25 000 Bewerbungen im vergangenen Jahr im Stammhaus sind der Beleg dafür. Und das gibt uns die Möglichkeit, jene auszuwählen, die am besten zu uns passen. Aber nicht verhehlen kann ich, dass der Wettbewerb gerade hier in der Region Stuttgart mit Porsche, Daimler, Bosch, Trumpf, Festo oder Kärcher enorm ist. In der Elektrotechnik oder der IT dauert es manchmal etwas länger, Stellen adäquat zu besetzen. Welche Erfahrungen machen Sie mit Schulund Studienabgängern? Wie ticken diese? Da ich drei Jungs im entsprechenden Alter habe, kenne ich die Einstellungen der „Generation Y“ ganz gut. Die jungen Leute wollen eine interessante Aufgabe haben und Verantwortung übernehmen. Sie wollen definitiv keinen autoritären Chef, sondern

eher einen Coach. Die Balance zwischen Arbeit und Freizeit muss stimmen. Und die Jungen sind längst nicht mehr so stark an ein Unternehmen gebunden. Darauf müssen wir uns einstellen. Ist der Nachwuchs gut auf das Berufsleben vorbereitet? Mein Eindruck ist, dass sich da in den vergangenen Jahren viel getan hat. In der Schule, aber vor allem an den Hochschulen und Universitäten wird inzwischen großes Gewicht gelegt auf die Förderung methodischer und sozialer Kompetenzen. Teamarbeit ist kein Fremdwort mehr, und auch Präsentationen werden schon früh geübt. Aber? Ich mache mich seit Jahren über eine Arbeitsgruppe der Holtzbrinck-Stiftung mit dafür stark, dass das Thema Wirtschaft in die Lehrpläne der allgemeinbildenden Schulen aufgenommen wird. Viele junge Leute können konsumieren, ihnen fehlt aber oft das Verständnis für die Gesamtzusammenhänge der Wirtschaft oder auch nur das Wissen darüber, wie eine Firma funktioniert. Insofern sind die einwöchigen Praktika zur Berufsorientierung, die Gymnasiasten und Realschüler absolvieren, sehr wertvoll. Auch unser „Arbeitskreis Schule-Wirtschaft“ von Südwestmetall leistet wichtige Dienste, wenn er Lehrer und Unternehmer zusammenbringt. Wie fühlt es sich eigentlich an einem Firmensitz in der Provinz an? Ist das ein Nachteil bei der Gewinnung von Arbeitskräften? Unsere Lage ist sehr komfortabel. Wer als junger Ingenieur in der Großstadt leben will, ist von Stuttgart-Mitte aus in 20 Minuten in Waiblingen. Und wer wegen der Familie ins Grüne in Richtung Welzheimer oder Murrhardter Wald ziehen möchte, hat es auch nicht weit. Wenn ich hingegen Kollegen von der Ostalb oder in Oberschwaben höre – die haben es ungleich schwerer, Fachkräfte in ihre Gegend zu lotsen. Deshalb auch das Bekenntnis zum Stammsitz – verbunden mit großen Investitionen? Keine Frage. Wir fühlen uns Waiblingen sehr verbunden. Deshalb haben wir mit der Stammbelegschaft einen Standortsicherungsvertrag abgeschlossen, der bis 2020 betriebsbedingte Kündigungen ausschließt. Zugleich investieren wir in den nächsten Jahren rund 300 Millionen Euro in die Erweiterung und Erneuerung des deutschen Stammhauses – also zum Beispiel in die Vertriebslogistik, unsere Hauptverwaltung, in die neue Stihl-Markenwelt als Leuchtturmprojekt sowie in Zusammenarbeit mit der Stadt Waiblingen in die Mia-Stihl-Kindertagesstätte. Und all dies, obwohl der Standort Deutschland Tücken hat? Sie schimpfen ja gar nicht. Mir fallen durchaus Dinge ein. Die Arbeitskosten sind vergleichsweise hoch. Zudem ist die Verkehrsanbindung des RemsMurr-Kreises alles andere als optimal. Es ist sehr bedauerlich, dass eine Nord-OstUmfahrung nicht in Sicht ist. Auch bei der digitalen Infrastruktur gibt es Defizite. Insofern gibt es an verschiedenen Stellen einen erheblichen Verbesserungsbedarf. Engagieren Sie sich deshalb beim Arbeitgeberverband Südwestmetall – oder weil es bei Stihl Tradition hat, Lobbyorganisationen der Wirtschaft aktiv zu unterstützen? Südwestmetall ist als Sozialpartner weit mehr als eine Lobbyorganisation. Gewiss ist das Engagement hier im Haus eine gute Tradition, die gepflegt sein will. Aber es ist ja kein Selbstzweck. Vielmehr sieht es das Unternehmen aus einem Verantwortungsgefühl heraus für notwendig an, bei der Tarif- und der Sozialpolitik die Stim-

Trotz ernster Themen durchaus heiter: Manager Michael Prochaska me zu erheben und mitzugestalten. Die Südwestmetall-Bezirksgruppe vertritt immerhin allein im Rems-Murr-Kreis rund 100 Mitgliedsbetriebe mit insgesamt rund 20 000 Mitarbeitern. Aber so sehr sind Sie nicht durchgedrungen. Entgeltgleichstellungsgesetz, Mindestlohn, Bildungsurlaub – alles nicht in Ihrem Sinne. Das alles sind Gesetze, mit denen wir als Arbeitgeber nicht glücklich sind. Die Lohnkosten sind hoch genug in Deutschland. Und es ist schwer verdaulich, wenn immer weitere Belastungen dazukommen. Das muss ja alles erst einmal verdient werden. Insofern verspreche ich Ihnen: Wir werden nicht aufhören, uns Gehör zu verschaffen – im Rems-Murr-Kreis und darüber hinaus. Wie zufrieden sind Sie denn mit der grünschwarzen Landesregierung? Die alte Landesregierung hat uns eher enttäuscht. Sie war wenig wirtschaftsfreundlich, weil sie zum Beispiel den Bildungsurlaub eingeführt hat. Als gäbe es nicht genügend Möglichkeiten der betrieblichen Weiterbildung. Da wäre es sinnvoller gewesen, den Bildungsbereich insgesamt deutlich zu stärken. Offen gesprochen, freuen wir uns nun über die neue Wirtschaftsministerin Nicole HoffmeisterKraut. Ich habe den Eindruck, dass da-

MANAGER UND FUNKTIONÄR Der Vorstand Michael Prochaska, Jahrgang 1962, ist seit 2012 Vorstand für Personal und Recht beim Motorsägen- und MotorgeräteHersteller Stihl in Waiblingen, der mit weltweit mehr als 14 000 Mitarbeitern pro Jahr mehr als drei Milliarden Euro Umsatz erzielt. Der Wirtschaftspsychologe Prochaska hat zuvor verantwortlich bei Haniel, bei der Linde Group sowie bei Porsche gearbeitet. Seit 2013 ist er Vorsitzender der Bezirksgruppe Rems-Murr des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall.

Im Gespräch: Michael Prochaska mit den Redakteuren Achim Wörner ( links) und Frank Rodenhausen (rechts)

Der Verband Südwestmetall ist einer der größten industriellen Arbeitgeberverbände in Deutschland und vertritt in Baden-Württemberg die Interessen von 1000 Mitgliedsbetrieben in der Metall- und der Elektroindustrie mit fast einer halben Million Beschäftigten. wö

Fotos: Gottfried Stoppel

durch der Draht zur Wirtschaft wieder besser geworden ist. Die angekündigten Fahrverbote für Stuttgart können Ihnen aber nicht gefallen. Generelle Fahrverbote halte ich nicht für geeignet, um das anhaltende Feinstaubproblem in Stuttgart zu lösen. Die Landeshauptstadt sollte vielmehr ein Gesamtkonzept vorlegen und mit der Wirtschaft abstimmen. Ansonsten sind aufgrund des geplanten Fahrverbots Versorgungsengpässe in Stuttgart und die Diskriminierung zahlreicher Unternehmen zu befürchten. Wobei pikanterweise auch bei Stihl der Trend zu akkubetriebenen Geräten geht. Ich will festhalten, dass unsere benzinbetriebenen Geräte, „Generelle Fahrverbote zum Beispiel Motorsägen, die halte ich nicht für Abgasnormen weit übertref- geeignete Mittel, um fen. Um dies zu garantieren, haben wir über die vergange- das Feinstaubproblem nen Jahre hinweg mehr als in Stuttgart zu lösen.“ 500 Millionen Euro in die Michael Prochaska, Chef von Entwicklung umweltscho- Südwestmetall im Rems-Murr-Kreis nender, abgasarmer Motortechnik investiert. Wir bieten unseren Kunden mittlerweile die größte Palette an Akku-Produkten in unserer Branche an. Diese haben zwar nicht den typischen Zweitaktersound, sind dafür aber nicht so laut, was in Wohngegenden von Vorteil ist. Sie sind trotzdem leistungsstark und leichter zu bedienen. Dadurch erschließen wir uns neue Marktsegmente: Vor allem Frauen stehen darauf. Da schließt sich die Frage nach einem verwandten Zukunftsthema an: Industrie 4.0. Können Sie den Begriff noch hören? Der Begriff stört mich nicht, im Gegenteil. Er hat die Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt, das in Deutschland lange Zeit unterbelichtet war. Bei Stihl haben wir früh auf die Digitalisierung gesetzt, die große Chancen birgt – durch eine bessere Vernetzung in Entwicklung und Produktion, eine vorausschauende Wartung von Geräten und Maschinen sowie schnellere Berücksichtigung individueller Kundenwünsche. Das Gespräch führten Frank Rodenhausen und Achim Wörner.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Hand in Hand ins Arbeitsleben Die Zusammenarbeit von Schulen und Betrieben wird im Rems-Murr-Kreis großgeschrieben. Davon profitieren auch die Lehrer. Von Phillip Weingand

Bildungspartnerschaften

W

as kommt nach dem Abschluss? Diese Frage stellen sich Jahr für Jahr unzählige Schüler. Gleichzeitig suchen immer mehr Firmen verzweifelt nach Fachkräften, die gut zu ihnen passen. Damit beide Gruppen zueinanderfinden, sind viele Schulen in Baden-Württemberg Bildungspartnerschaften mit Unternehmen eingegangen. Schon 2008 hatte die damalige Landesregierung das Ziel ausgegeben, jede Schule landesweit solle mindestens eine solche Partnerschaft eingehen. „Dieses Ziel ist inzwischen erreicht“ , sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums. Alle knapp 1700 allgemeinbildenden weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg haben seitdem mit 3800 Firmen vereinbart, in welchen Bereichen sie kooperieren wollen. Die Schulen im RemsMurr-Kreis spielen dabei ganz vorn mit: Allein über die hiesige Industrie- und Handelskammer (IHK) sind im Landkreis fast

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . die seit Jahrzehnten stets angenehme, konstruktive und verlässliche Zusammenarbeit mit den hiesigen Behörden. Sie ist für uns als Familienunternehmen eine wichtige Basis, um vorausschauend planen zu können und uns in unserem Heimatkreis langfristig weiterzuentwickeln. Hartmut Jenner Vorsitzender der Geschäftsführung der Alfred Kärcher GmbH & Co. KG Reinigungstechnik in Winnenden Mitarbeiter 11 862 Jahresumsatz 2,33 Mrd. Euro

190 solcher Kooperationen mit 58 Schulen entstanden, was zeigt, dass jede Schule im Durchschnitt mehr als drei Partnerschaften pflegt. Hinzu kommen Kooperationen, die ohne Zutun der IHK entstanden sind. Eine besondere Rolle spielen diese Partnerschaften an der Gewerblichen Schule Backnang (GSBK): 31 solcher Kooperationen gibt es derzeit, zwei weitere stehen kurz vor dem Abschluss. Die Schulleiterin Isolde Fleuchaus, seit neun Jahren an der GSBK, erinnert sich an frühere Zeiten: „Ich hatte in einer Klasse in die Runde gefragt, was die Schüler denn werden wollten. Nur drei, vier Hände gingen nach oben, und ich dachte mir, das kann doch nicht sein, wir sind doch eine berufliche Schule.“ Diese Tage sind gezählt, auch dank der Bildungspartnerschaften, die seit Januar 2011 entstanden sind. Auf der Liste der Partner stehen Bosch, Riva Engineering, Murrplastik, Rewe, aber auch kleinere Betriebe und Handwerksinnungen. Die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit sind breit gefächert, von Schulbesuchen im Betrieb über die Zusage, Praktikanten einer Schule aufzunehmen, bis hin zum Bewerbertraining für Schüler. „Dass große Firmen größere Projekte stemmen können, ist natürlich klar“, sagt Jennifer Bitter, die bei der IHK Rems-Murr die Bildungspartnerschaften betreut. Aber auch kleine Betriebe könnten Angebote machen. An der Gewerblichen Schule Backnang spielen die Partner in verschiedenen Phasen eine Rolle: In der Sekundarstufe 1 können die Schüler auf einer jährlichen „Woche der Bildungspartner“ einen Ausbildungsbetrieb finden. „Die Schüler können ihre Persönlichkeit zeigen, auch abseits ihrer Noten“, sagt Rainer Bay, Abteilungsleiter bei der GSBK. Am Technischen Gymnasium beziehungsweise der Technikerschule können sich Betriebe dann nach Azubis oder Mitarbeitern umsehen.

Schüler bekommen bei Firmenbesuchen nicht nur Einblicke ins Innenleben eines Autos, sondern schnuppern auch die Atmosphäre beim Arbeitgeber. Fotos: Gewerbliche Schule Backnang, Kärcher Papier stellt sicher, dass eine Partnerschaft mehr ist als das reine Durchschleusten von Bogy-Praktikanten: Entscheiden sich eine Schule und ein Betrieb dafür, werden die Pflichten beider Partner schriftlich festgehalten. Beispielsweise sollen sich diese regelmäßig treffen und beim Entwurf gemeinsamer Projekte den Bildungsplan, aber auch individuelle Bedürfnisse der Schüler miteinbeziehen. An der GSBK sind auf diese Weise beeindruckende Projekte entstanden: Kärcher zeigte Schülern, wie empfindliche Denkmäler wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzt werden. Für den Metallverarbeiter Höfliger konstruierten Schüler ein Lehrmodell, an dem künftige Azubis ihre Handgriffe üben können.

Und in Zusammenarbeit mit Tesat Spacecom bauten Schüler eine Parabolantenne, die das Signal eines Satelliten empfangen kann – mit einem Budget von nur 30 Euro. Von einer Partnerschaft profitieren sogar drei Seiten: Die Firma kann früh potenzielle Fachkräfte ausmachen. Der Schüler kann erkunden, ob er sich eine Zukunft in der Branche vorstellen kann. Und die Schulen können sich einerseits damit brüsten, ihre Absolventen in ein Arbeitsverhältnis vermittel zu haben. Andererseits sind die Lehrer durch die Nähe zur Wirtschaft immer auf dem neuesten Stand der Technik. Rainer Bay: „Das ist wichtig, schließlich müssen wir den Schülern eine hochkomplexe Materie darstellen können.“

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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Seefahrer aus Ă&#x153;berzeugung Wer macht sich schon selbstständig, wenn WeltmarktfĂźhrer mit attraktiven Verträgen winken? Wer in diesen Zeiten trotzdem grĂźndet, hat eine Passion. Von Akiko Lachenmann

GrĂźndergeist

D

er heilige Nikolaus schaut etwas fragend in den Raum. Die Ikone, die in Griechenland als Schutzpatron der Seefahrer gilt, wacht von dort oben Ăźber Niko Pitoulis und dessen neues Geschäft Pitoulis Food & Gourmet in Fellbach. Von seiner spiegelblanken Fleischtheke aus, in der eingeschweiĂ&#x;te WĂźrste aus Griechenland akkurat einsortiert liegen, schaut der Jungunternehmer immer wieder ehrfĂźrchtig zu dem Bildnis hinauf. â&#x20AC;&#x17E;Es ist etwas in seinem Blick, das mich antreibtâ&#x20AC;&#x153;, sagt der 38 Jahre alte Grieche. Pitoulis ist ein ExistenzgrĂźnder aus Leidenschaft, einer, der in See gestochen ist, getrieben von einer Idee. Der Medienfachmann aus Welzheim hätte auch in der PR-Branche ein ruhiges Dasein im Angestelltenverhältnis fristen kĂśnnen. Doch als er vor zwei Jahren in seiner griechischen Heimat im Urlaub seiner heutigen Freundin in einer Metzgerei begegnete, klickte es gleich mehrfach. Er verliebte sich nicht nur in sie, sondern auch in das Metier ihrer Familie: Der Vater stellt WĂźrste aus regionalen Zutaten nach einer traditionellen Rezeptur her, er fĂźhrte Pitoulis in die Kunst der Wurstherstellung ein. Der Urlaub wurde um einige Monate verlängert. ZurĂźck kam Pitoulis mit der Frau und der Geschäftsidee seines Lebens. â&#x20AC;&#x17E;Diesen Geschmack findet man in Deutschland nichtâ&#x20AC;&#x153;, sagt er und reicht eine hauchdĂźnne Scheibe Pastourâ&#x20AC;&#x17E;Es kommt auch schon mas, luftgetrockneten Kalbsschinken, Ăźber die Theke. vor, dass ich von meinen Mit ambitionierten UnterKunden nach einer guten nehmern wie Pitoulis arbeitet Idee gefragt werde.â&#x20AC;&#x153; Oliver Kettner am liebsten zusammen. Es gebe auch die anOliver Kettner, GrĂźnderberater bei der IHK Waiblingen deren, sagt der Jurist, der bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Waiblingen täglich ExistenzgrĂźnder berät. â&#x20AC;&#x17E;Viele machen sich aus Not heraus selbstständigâ&#x20AC;&#x153;, erzählt er. Diese Leute brächten allerdings häufig unausgegorene Geschäftsideen mit, denen das â&#x20AC;&#x17E;Alleinstellungsmerkmalâ&#x20AC;&#x153; fehle, wie Kettner sagt. Oft reiche auch die finanzielle Basis nicht, um anfängliche Durststrecken zu Ăźberwinden. â&#x20AC;&#x17E;Es kommt auch schon vor, dass ich von meinen Kunden nach einer guten Idee gefragt werde.â&#x20AC;&#x153; Zurzeit hält sich der Anteil der Verzweifelten allerdings in Grenzen. Der deutschen Wirtschaft geht es gut, was zur Folge hat, dass die Zahl der ExistenzgrĂźndungen sinkt â&#x20AC;&#x201C; sie ist im GroĂ&#x;raum Stuttgart in fĂźnf Jahren um 11,5 Prozent zurĂźckgegangen, im Rems-Murr-Kreis sank sie im selben Zeitraum sogar um knapp 15 Prozent auf 3700 Gewerbe-Neuanmeldungen pro Jahr. â&#x20AC;&#x17E;Vor allem an starken Wirtschaftsstandorten wie der Region Stuttgart halten groĂ&#x;e Firmen jungen Fachkräften direkt nach der Ausbildung einen attraktiven Vertrag unter die Naseâ&#x20AC;&#x153;, beobachtet Oliver Kettner. â&#x20AC;&#x17E;Der Gedanke, sich selbstständig zu machen, kommt da gar nicht auf.â&#x20AC;&#x153;

EIGENE FIRMA WENIGER BEGEHRT NeugrĂźndungen im Rems-Murr-Kreis Anzahl je 1000 Einwohner 8,1

8,5

7,8

7,4

Dass der RĂźckgang im Rems-MurrKreis besonders drastisch ausfällt, erklärt sich Kettner mit der vergleichsweise niedrigen Arbeitslosenquote im Kreis von derzeit 3,6 Prozent. In der Landeshauptstadt liegt die Quote momentan bei fĂźnf Prozent. Franz Falk von der Handwerkskammer Region Stuttgart hält auch die Lebenseinstellung der sogenannten Generation Y fĂźr ein Hindernis â&#x20AC;&#x201C; ihr wird nachgesagt, sie strebe eine Balance aus Beruf, Familie und Freizeit an. â&#x20AC;&#x17E;Wer sich allerdings mit einer neuen Firma im Wettbewerb behaupten will, muss zunächst alles gebenâ&#x20AC;&#x153;, sagt der GrĂźnderberater Falk. Das schrecke viele ab. Umso mehr Energie verwenden Einrichtungen wie die IHK, die Handwerkskammer Region Stuttgart und die Waiblinger Kreissparkasse darauf, Anreize fĂźr ExistenzgrĂźnder zu setzen, weiĂ&#x; man doch um ihren hohen volkswirtschaftlichen Nutzen. Die Kammern beraten nicht nur kostenlos, sie bieten auch Infoabende und Seminare an, wo sie wertvolle Tipps geben. Zweimal im Jahr lädt die IHK in Waiblingen zum sogenannten Feuerstarter ein, wo sich angehende GrĂźnder mit bereits aktiven bei Gegrilltem vernetzen kĂśnnen. Zudem veranstaltet sie sechsmal im Jahr einen Business-Brunch, der begleitet wird von Referaten von Finanz- und Steuerexperten. AuĂ&#x;erdem lobt die Kreissparkasse gemeinsam mit der â&#x20AC;&#x17E;Fellbacher Zeitungâ&#x20AC;&#x153; jährlich einen GrĂźnderpreis aus, der mit 10 000 Euro plus einem professionellen Coaching dotiert ist und den Gewinnern vor allem Renommee im Kreis verschafft. Tim Koschler, der jedes Jahr fĂźr die Bank die Bewerbungen prĂźft, sieht dem statistischen Zahlenwerk zum Trotz â&#x20AC;&#x17E;eine quirlige und kreative GrĂźnderszeneâ&#x20AC;&#x153; im Kreis. Dabei handle es sich meist um heimatverbundene Remstäler, die sich beruflich verwirklichen wollten, â&#x20AC;&#x17E;Frauen wie Männer, rĂźstige Rentner wie Schulabgängerâ&#x20AC;&#x153;. Besondere Branchenschwerpunkte gebe es nicht. â&#x20AC;&#x17E;Wir haben im Landkreis auch keinen Hochschulstandort mit technischer Ausrichtung, um den sich AusgrĂźndungen gruppieren kĂśnntenâ&#x20AC;&#x153;, erklärt er. DafĂźr tauchten originelle Ideen querbeet durch die Branchen auf, von der Optikerin in Winnenden, die â&#x20AC;&#x17E;faireâ&#x20AC;&#x153; Brillen aus nachhaltigen Rohstoffen anbietet, Ăźber einen Erfinder aus AlthĂźtte, der sich eine Brezelschmiermaschine hat patentieren lassen, bis hin zum Wengerter aus Schwaikheim, der Gin aus Weinbergkräutern herstellt. Auffällig sei, dass selbst im Bereich Maschinenbau, in dem Branchenriesen wie Stihl und Bosch sowie ein starker Mittelstand das Sagen haben, einige ExistenzgrĂźnder ihr GlĂźck versuchten. â&#x20AC;&#x17E;Wer sich da hineinwagt, ist allerdings kein Greenhorn mehrâ&#x20AC;&#x153;, stellt Koschler fest. Zu diesen Waghalsigen gehĂśren JĂźrgen Maurer und Uwe Kleinert, die beide aus Beutelsbach stammen und einst schon im selben FuĂ&#x;ballverein gekickt haben. Beide â&#x20AC;&#x201C; schon etwas Ăźber 50 und in ihrem frĂźheren Berufsleben in festen Arbeitsverhältnissen â&#x20AC;&#x201C; hatten den Drang, vor dem Ruhestand noch mal etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Auf einem Weinfest in Beutelsbach vor acht Jahren war es dann so

In den Wßrsten von Niko Pitoulis stecken Feta, getrocknete Tomaten, Honig, Bßffelfleisch und andere Zutaten, Fotos: Gottfried Stoppel (2), Modemanufaktur die fßr einige schwäbische Gaumen neu sein dßrften.

JĂźrgen Maurer (links) und Uwe Kleinert basteln in ihrer Werkstatt in Winterbach maĂ&#x;geschneiderte Montageund PrĂźfanlagen fĂźr namhafte Kunden. weit: â&#x20AC;&#x17E;Jetzt oder nieâ&#x20AC;&#x153;, lautete die gemeinsame Erkenntnis bei einem Gläschen Trollinger. Ein Jahr später schraubten sie dann ihr Firmenschild â&#x20AC;&#x17E;Klumaâ&#x20AC;&#x153; direkt neben den Eingang des Postgebäudes in Winterbach. In einem Nebenraum der Filiale hauchten sie ihrer neuen Firma Leben ein, die auf Sondermaschinen im Bereich PrĂźftechnik spezialisiert ist. Sie kamen natĂźrlich nicht mit leeren Händen. Beide bringen jahrelange Berufserfahrung im Bereich Sondermaschinenbau mit, Kleinert als gestandener Programmierer, Maurer als Vertriebschef bei einem PrĂźftechnikhersteller. Sie wussten genau, wie der Markt funktioniert, worauf es ankommt â&#x20AC;&#x201C; und wo sie ihre Nische finden wĂźrden. â&#x20AC;&#x17E;Als kleines Start-up kĂśnnen wir flexibel und schnell auf die BedĂźrfnisse der Kunden eingehen und diesen gĂźnstige Angebote machenâ&#x20AC;&#x153;, sagt Maurer. â&#x20AC;&#x17E;Zumal uns der Wasserkopf fehlt, der woanders mächtige Kosten verursacht.â&#x20AC;&#x153;

Als Starthilfe diente die Ăźbergelaufene Murr, die bei der Firma Murrplastik die Produktionshallen unter Wasser gesetzt hatte. Als die beiden frischgebackenen GrĂźnder mit keinerlei Referenz in der Tasche dem Unternehmen sagten, sie kĂśnnten sofort anfangen und sich auch bei Servicefragen zeitlich â&#x20AC;&#x17E;Wir haben im Kreis eine komplett nach ihr richten, hat- quirlige und kreative ten sie ihren ersten GroĂ&#x;auf- GrĂźnderszene, die trag in der Tasche. Mittlerweile gesellen sich sich querbeet durch zu den Kundenreferenzen gro- alle Branchen zieht.â&#x20AC;&#x153; Ă&#x;e Firmen wie Mahle, Eber- Tim Koschler, Berater Corporate Finance spächer und Daimler. Kluma bei der Waiblinger Kreissparkasse beschäftigt heute neun Mitarbeiter, vier Teilzeitkräfte und mehrere externe Dienstleister. Das BĂźro ist zu einem langen Schlauch an Räumen angeschwollen, der sich bis ans hintere Ende des Postgebäudes zieht. Ein neuer Standort steht auch schon fest â&#x20AC;&#x201C; im Remstal, versteht sich.

7,8 6,8

selenaseÂŽ

6,7 5,4*

Unser Immunsystem braucht Selen

* Jan. bis Sept.

10

StZ-Grafik: oli

11

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13

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16

Quelle: Statistisches Landesamt

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . dass er so ist, wie ich bin. Stolz auf seine Traditionen, innovativ mit neuen Ideen. Manchmal etwas stur bei der Umsetzung der eigenen Pläne, dennoch neugierig und offen. Im positiven Sinne des Wortes: einfach schwäbisch! Petra Dannenmann Modemanufaktur DannenmannPure in Weinstadt-Strßmpfelbach

Š Wavebreakmedia / istockphoto

2009

  

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34 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Stuttgarter Zeitung | Nr. 2 |

Weltklasse mi

Sagenhafte Sägen â&#x20AC;&#x17E;Gesägt, getanâ&#x20AC;&#x153;, lautete einer der griffigen Werbeslogans des Unternehmens, dessen Name landläufig in einem Zug mit Motorsägen ausgesprochen wird. Die Stihl-Gruppe entwickelt, fertigt und vertreibt motorbetriebene Geräte fĂźr die Forst- und die Landwirtschaft sowie fĂźr die Landschaftspflege, die

Bauwirtschaft und anspruchsvolle Privatanwender. Ergänzt wird die Produktpalette durch das Gartengeräte-Sortiment der Marke Viking. Die Produkte werden grundsätzlich Ăźber den Fachhandel vertrieben â&#x20AC;&#x201C; mit 37 eigenen Vertriebsund Marketinggesellschaften,

Eines von vielen Stihl-Modellen

MarktfĂźhrer

K

BauklĂśtze Ein Baustein ziert das Logo der Firma Dusyma in Schorndorf. Deren GrĂźnder, der Ingenieur Kurt Schiffler, hatte eigentlich einen Durchmesser-Symmetrie-MaĂ&#x;stab erfunden. Um dieses Lineal zu produzieren, grĂźndete er die Firma, deren Name aus den Anfangsbuchstaben seiner Erfindung besteht. Der Erfinder entwarf aber auch Spielzeug wie die besagten Bausteine und die KnĂźpferli. Und vor allem entwickelte er MĂśbel in kindgerechten GrĂśĂ&#x;en. Damit belieferte er als erster Kindergärten und initiierte eine komplette Branche. Dusyma ist heute ein international erfolgreiches, mittelständisches Familienunternehmen. Es liefert weltweit pädagogisches Spiel- und Lernmaterial, MĂśbel und AuĂ&#x;enspielgeräte. Bei der Entwicklung von Spielzeug und didaktischem Material legt Dusyma Wert auf Internationalität, damit die Produkte den AnsprĂźchen von Kindern auf der ganzen Welt entsprechen.

Design fĂźr Technik Im Jacobi-Areal, einer frĂźheren Destille, ist heute die Bernd KuĂ&#x;maul GmbH in WeinstadtGroĂ&#x;heppach zu finden. Der Technologie- und Designdienstleister, der 40 Mitarbeiter beschäftigt, arbeitet seit 20 Jahren mit namhaften Marken aus der internationalen Automobilindustrie wie Audi und Bugatti, aber auch Jaguar/Land Rover und Rolls-Royce zusammen. â&#x20AC;&#x17E;Wenn es kompliziert wird,

Neben den GrĂśĂ&#x;en Kärcher und Stihl gibt es im Rems-Murr-Kre breiten Ă&#x2013;ffentlichkeit jedoch unbekannt sind. Wir stellen einige dieser Unterne

rund 120 Importeuren und mehr als 45 000 Fachhändlern in mehr als 160 Ländern. Stihl ist seit 1971 die meistverkaufte MotorsägenMarke weltweit. Das Unternehmen wurde 1926 gegrßndet und hat seinen Stammsitz in Waiblingen. Stihl erzielte 2015 mit 14 245 Mitarbeitern weltweit einen Umsatz von 3,25 Milliarden Euro.

schlägt unsere Stundeâ&#x20AC;&#x153;, sagt Bernd KuĂ&#x;maul. Auch andere Branchen wie die Medizintechnik und Luftfahrt oder der Sondermaschinenbau greifen auf das technologische Know-how der Firma im Remstal zurĂźck. DafĂźr wurde KuĂ&#x;maul mehrmals als eines der innovativsten Unternehmen Deutschlands ausgezeichnet. Bugatti hat ein KuĂ&#x;maulBauteil des Modells Chiron sogar als â&#x20AC;&#x17E;Masterpiece of the Artâ&#x20AC;&#x153; ausgezeichnet.

Der Baustein ziert das Logo.

opiert werden nur die Besten â&#x20AC;&#x201C; der katalonische KĂźnstler Salvador DalĂ­ war dieser Meinung und deshalb stolz, dass seine Werke oft gefälscht wurden. Produktpiraten denken ähnlich. Sie kopieren nur, was als Qualitätsprodukt weithin bekannt ist. Namhafte Hersteller kĂśnnen ein Lied davon singen, die MarktfĂźhrer zuvĂśrderst. Zu den bekanntesten zählen im Rems-MurrKreis Stihl und Kärcher. Das markante Orange-WeiĂ&#x; und GelbSchwarz ihrer Produkte findet sich auf einer Vielzahl von Plagiaten. Diesen versuchen die beiden Firmen konsequent das Handwerk zu legen. Die Firma Stihl hat deshalb den Plagiarius-Schmähpreis mit ins Leben gerufen, der jährlich fĂźr die frechsten Kopien vergeben wird. Kärcher in Winnenden ist in mindestens einem genauso groĂ&#x;en Umfang von Produktpiraterie betroffen, wenn nicht sogar mehr. Denn die Reinigungsgeräte findet man in zahllosen Haushalten weltweit, wahrscheinlich häufiger als Motorsägen oder Trennschleifer. Die Fenstersauger WV 2 und WV 5 etwa sind mit mehr als 15 Millionen verkauften Exemplaren nicht nur ein Renner unter den Kärcher-Produkten, sie wurden auch flugs nachgeahmt. Eine chinesische Firma warf einen Window Vac WV 75 auf den Markt, der dem Original aus Winnenden zum Verwechseln ähnlich sah. Nur auf die markante Farbkombination aus leuchtendem Gelb und Schwarz hatten die Piraten verzichtet. Neben Gelb-Schwarz gibt es noch die GrauSchwarz-Kombination fĂźr die Profi-Linie des Reinigungsgeräteherstellers, der unangefochten die Spitze seines Markts anfĂźhrt und im vergangenen Jahr mehr als 100 Neuheiten in den Verkauf gebracht hat. â&#x20AC;&#x17E;Unser Wachstum war im vergangenen Jahr etwa doppelt so hoch wie der Branchendurchschnittâ&#x20AC;&#x153;, sagt Hartmut Jenner, der Vorsitzende der GeschäftsfĂźhrung. Der Name Kärcher ist im Ausland fast noch populärer als in Deutschland. In Frankreich hat er es sogar in das Dictionnaire Le Robert geschafft, das Pendant zum deutschen Duden. â&#x20AC;&#x17E;Le KarschĂŠâ&#x20AC;&#x153;

Das KuĂ&#x;maulInterieur eines Jaguar i-Pace

Verpackungskunst

         

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Die Harro HĂśfliger Verpackungsmaschinen GmbH mit Sitz in Allmersbach im Tal ist spezialisiert auf die Entwicklung und Herstellung von Produktions- und Verpackungsanlagen. Alle Maschinen und Anlagen werden in der Region entwickelt und gebaut, die Exportquote liegt bei rund 80 Prozent. Seit der GrĂźndung 1975 in UntertĂźrkheim expandiert das Unternehmen kontinuierlich und hat mittlerweile rund 1100

Mitarbeiter. Neben Allmersbach im Tal gibt es Standorte in Backnang, GroĂ&#x;aspach und Satteldorf sowie ein weltweites Netz von Vertriebsund Service-Niederlassungen. Harro HĂśfliger ist Mitglied der Excellence United, einer strategischen Allianz von fĂźnf fĂźhrenden Maschinenbauern und Anlagenherstellern in Deutschland.

  

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . die Kombination aus sehr gut ausgebildeten Mitarbeitern, Spitzentechnologie und Lebensqualität. In diesem ausgezeichneten Umfeld entwickeln unsere Experten Hightech-Produkte, die fßhrend am Weltmarkt sind. Michael Keinert Sprecher des Vorstands der Pfisterer Holding AG , Spezialausrßster und Systemanbieter im Bereich der Energie-Infrastruktur, Winterbach Mitarbeiter 2700 Jahresumsatz 400 Millionen Euro


Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis 35

| Stuttgarter Nachrichten | Mai 2017

it Lokalkolorit

SchĂśner hĂśren

eis eine Reihe von Hidden Champions â&#x20AC;&#x201C; Firmen, die zwar global agieren, einer ehmen vor. Alle zu zeigen, wĂźrde den Rahmen sprengen. Von Thomas Schwarz

gilt als Synonym fĂźr einen Dampfoder Hochdruckreiniger. Dass dieser in aller Munde bleibt, dafĂźr sorgt die clevere Ă&#x2013;ffentlichkeitsabteilung des Unternehmens, die seit Jahren mit aufsehenerregenden Reinigungsaktionen fĂźr Schlagzeilen sorgt. Unter anderem wurden Teile des Vatikans, empfindliche ägyptische Monumente und nicht zuletzt die steinernen PräsidentenkĂśpfe am Mount Rushmore in den USA â&#x20AC;&#x17E;gekärchertâ&#x20AC;&#x153;. Damit zeigt die Firma auch, welches Spektrum an verschiedenen Techniken sie abdeckt. Denn Schmutz ist nicht gleich Schmutz. Das Unternehmen kĂźmmert sich quasi um jeden Dreck â&#x20AC;&#x201C; mit anhaltendem Erfolg. Neben den beiden BerĂźhmtheiten gibt es eine groĂ&#x;e Reihe nicht weniger erfolgreicher Firmen im Rems-Murr-Kreis, die einer breiten Ă&#x2013;ffentlichkeit kaum bekannt sind â&#x20AC;&#x201C; auĂ&#x;er an ihren Standorten, wo sie meist zu den grĂśĂ&#x;ten Arbeitgebern zählen. Diese Hidden Champions agieren zumeist im sogenannten B2B-Markt, liefern ihre Produkte also nicht an Endverbraucher, sondern an

professionelle Anwender. In einem vom Maschinenbau geprägten Raum sind das vor allem Zulieferer fĂźr die Stuttgarter Autoschmieden, aber auch Spezialisten, die in Nischen des Weltmarkts zur Spitze zählen. So beliefert Dusyma in Schorndorf Kindergärten, Horte, Schulen oder therapeutische Einrichtungen mit passenden MĂśbeln und Spielsachen. Der FirmengrĂźnder Kurt Schiffler entwickelte Ende der zwanziger Jahre nicht nur KindermĂśbel â&#x20AC;&#x201C; zuvor gab es in Kindergärten nur normale Tische und StĂźhle â&#x20AC;&#x201C;, sondern auch Spielzeug, das die Kreativität fĂśrdert, und begrĂźndete zudem die Branche der Kindergartenausstatter. Neben den Bausteinen, die das Firmenlogo zieren, sind die KnĂźpferli bekannt, ein Steckspielzeug, das die räumliche Vorstellung fĂśrdert: â&#x20AC;&#x17E;Langeweile hast du nie mit Duysma-KnĂźpferliâ&#x20AC;&#x153;. Seit ihrer GrĂźndung 1996 versteht sich die Bernd KuĂ&#x;maul GmbH in Weinstadt-GroĂ&#x;heppach als Technologie- und Designdienstleister. Vor allem namhafte Marken aus der internationalen Automobilindustrie wie Audi und Bugatti, aber auch Jaguar/Land Rover und RollsRoyce wurden zu Kunden der schwäbischen Ideenschmiede aus dem Remstal. Ein weiterer Schwerpunkt des Maschinenbaus im Kreis liegt bei der Verpackungstechnologie. Unter anderem betreibt Bosch in Waiblingen seinen Verpackungsbereich. In Waiblingen existiert zudem seit 2007 ein Kompetenzzentrum fĂźr Verpackungs- und Automatisierungstechnik, ein Verein, dem 31 Unternehmen, zwei Hochschulen und drei Organisationen angehĂśren. Eines der GrĂźndungsunternehmen war die Harro HĂśfliger Verpackungsmaschinen GmbH mit dem Hauptsitz in Allmersbach im Tal bei Backnang. Deren Schwerpunkt liegt auf der Verpackung pharmazeutischer und medizinischer Produkte. Bei der Mikrodosierung von Pulver fĂźr Inhalationsprodukte, der Verarbeitung von Bahnmaterialien und der automatisierten Produktmontage hat sich HĂśfliger zum internationalen TechnologiefĂźhrer entwickelt.

Ein Line-Array, eine Vorrichtung, um eine Batterie von Lautsprechern aufzuhängen

Die Firma Tesat Spacecom in Backnang ist der europäische Marktfßhrer im Bereich der nachrichtentechnischen Systeme von Kommunikationssatelliten. Das Produktspektrum reicht von kompletten Nutzlasten ßber Geräte und Baugruppen bis hin zu hochwertigen Bauteilen fßr Raumfahrtanwendungen. Ausgehend von ihrer Fßhrungsposition im Satellitenmarkt und den dort notwendigen hÜchsten Qualitätsstandards werden die Produkte von Tesat-Spacecom weltweit in verschiedenen raumgestßtz-

Fotos: Alfred Giesser Messerfabrik, d&b Audiotechnik, Dusyma, Harro HĂśfliger, Kärcher, KuĂ&#x;maul, Marc Gilardone, Pfisterer, Stihl, Tesat

Der Fenstersauger ist ein Renner bei Kärcher.

In einem Satz

ZubehĂśr von d&b immer häufiger als Festinstallationen zum Einsatz. JĂźrgen Daubert und Rolf Belz grĂźndeten d&b 1981 in Korb bei Waiblingen, 1989 zog die Firma nach Backnang. Dort haben Forschung, Entwicklung und Produktion ihren Platz. d&b beschäftigt mehr als 400 Mitarbeiter und ist rund um den Globus präsent. Lautsprecher von d&b kann man auch jährlich beim Backnanger StraĂ&#x;enfest hĂśren, bei dem ein Verleiher solche Anlagen einsetzt.

All an Erde

Eine Auswahl von GiesserIndustrieklingen

Eine Tray-HandlingVerpackungsmaschine fĂźr Tabletten

Was hat das Opernhaus in Sydney mit dem Stadion von Ajax Amsterdam gemeinsam? Die Antwort kommt aus Backnang: Beschallungsanlagen aus dem Hause d&b audiotechnik. Das frĂźhere GaragenStart-up d&b hat sich in mehr als 35 Jahren zu einem der weltweit fĂźhrenden Anbieter professioneller Audiotechnik entwickelt. Neben mobilen LĂśsungen fĂźr Events, Konzerte und GroĂ&#x;veranstaltungen kommen Lautsprecher, Verstärker, Software und

ten Systemen fĂźr Telekommunikation, Navigation und Erdbeobachtung eingesetzt. Das abgebildete Bauteil ist ein sogenanntes LCT, das seit zehn Jahren erfolgreich im All arbeitet. Das Laser Communication Terminal (LCT) ermĂśglicht die DatenĂźbertragung zwischen Satelliten via Laser â&#x20AC;&#x201C; und zwar Ăźber eine Distanz von mehr als 40 000 Kilometern bei Datenraten von bis zu 1,8 Gigabit pro Sekunde.

Von Backnang in den Orbit: ein Satellitenbauteil von Tesat Spacecom

Sauberer Schnitt Wer ein Lachsfilet beim Fischhändler oder im Supermarkt kauft, bekommt es weitgehend haut-, fett- und grätenfrei. Mit grĂśĂ&#x;ter Wahrscheinlichkeit wurde der Lachs mithilfe eines Werkzeugs aus Winnenden filetiert. Die Alfred Giesser Messerfabrik ist fĂźhrend bei Messern fĂźr die Lebensmittelproduktion, besonders fĂźr die fischverarbeitende Industrie.

Das Sortiment umfasst aber auch Messer fĂźr die Verpackungs-, die Textil-, die Papier-, die Kunststoff- und die gummiverarbeitende Industrie. â&#x20AC;&#x17E;Im Lauf der Jahre haben wir uns von Standardprodukten entfernt, um anspruchsvolle Messer fĂźr spezielle technische Anwendungen zu fertigenâ&#x20AC;&#x153;, sagt der Diplom-Ingenieur Berthold Kern, der Technische GeschäftsfĂźhrer der Firma.

Junge Sterne Transporter von Lorinser. So Mercedes wie am ersten Tag. Die Leistungsversprechen auf einen Blick: 24 Monate Fahrzeuggarantie1 12 Monate Mobilitätsgarantie1 *##   " #    HU-Siegel jßnger als 3 Monate Wartungsfreiheit fßr 6 Monate (bis 7.500 km) Attraktive Finanzierungs-, Leasingund Versicherungsangebote 1 2

                             

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Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . die Motivation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie die Nähe zu namhaften Unternehmen, die gerne unsere Leistungen und Lieferungen, die wir als â&#x20AC;&#x17E;Partner der Bestenâ&#x20AC;&#x153; anbieten kĂśnnen, nutzen und einsetzen. Karl Schnaithmann geschäftsfĂźhrender Gesellschafter der Schnaithmann Maschinenbau GmbH in Remshalden Mitarbeiter 250 Jahresumsatz 50 Millionen Euro


36 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Partner des Mittelstands Zwischen der heimischen Wirtschaft und den örtlichen Banken gibt es traditionell enge Bande. Dabei sind die Kreditinstitute zum Wachstum gezwungen, um veränderten Marktanforderungen gerecht zu werden. Von Achim Wörner

Finanzen

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ast druckfrisch ist der Geschäftsbericht, den Hans Rudolf Zeisl dem Besucher überreicht. Und seinem Gesicht ist eine gewisse Zufriedenheit abzulesen. Das vergangene Jahr ist – trotz schwieriger Begleitumstände – gut gelaufen für die Volksbank Stuttgart, die seit der Fusion im Jahr 2010 mit der Volksbank Rems ihr Terrain auf den Rems-Murr-Kreis ausgedehnt hat. Mit einer Bilanzsumme von fast 6,5 Milliarden Euro hat das Geldinstitut seine Stellung als größte Volksbank in Baden-Württemberg weiter ausgebaut, wie der Vorstandsvorsitzende Zeisl vermerkt. „Die Bündelung der Kräfte hat sich bewährt“, sagt er. Dabei spielt Zeisl auch auf die Fusion vor zwei Jahren mit der Korber Bank und jüngst mit der Kerner Volksbank und der VR-Bank Weinstadt an. Im Rems-MurrKreis spiegelt sich dabei ein Trend, der seit den 70er Jahren bundesweit zu beobachten ist und zuletzt an Fahrt gewonnen hat: Von einst mehr als 7000 eigenständigen Volksbanken sind bis zum Ende des vergangenen Jahres gerade einmal 972 übrig geblieben. Zugleich prophezeit der Banker, dass der Prozess der Arrondierung damit längst nicht abgeschlossen sei. Um den Anforderungen am Markt gerecht zu werden und

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . dass sich genauso wie die Weinqualität aus dem Remstal die Handwerksbetriebe zu einem der wichtigsten wirtschaftlichen Impulsgeber der Region entwickelt haben. Man spricht deshalb nicht umsonst vom Musterkreis im Musterländle. Gert Aldinger Weingut Aldinger in Fellbach Mitarbeiter 12 Jahresumsatz 250 000 Flaschen

die auf Wachstum ausgerichteten mittelständischen Unternehmen optimal bedienen zu können, müssten auch die Kreditinstitute selbst wachsen. Dabei sei das Wachstum kein Selbstzweck, wie Zeisl betont. Eine größere Kapitalkraft sei aber zwingend notwendig, um für die anstehenden Aufgaben gut gerüstet zu sein. Nicht verloren gehen soll dabei der persönliche Kontakt zu den Kunden, die Nähe zum Markt. Ein Ziel der 1865 gegründeten Volksbank ist es deshalb ausdrücklich, das bestehende Filialnetz möglichst flächendeckend zu erhalten. „Wir müssen ein Gesicht vor Ort haben“, sagt Zeisl, „eben das unterscheidet uns von anderen Banken.“ Nur so kann es aus seiner Sicht gelingen, das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauen weiter zu rechtfertigen und sich auch in Zukunft als örtlicher und „echter Partner des Mittelstandes“ zu profilieren. Mit zu dieser Politik gehört im Übrigen, sich im kulturellen, im sportlichen und im sozialen Bereich finanziell wie ideell zu engagieren. Eben dieses Selbstverständnis hat auch die vor mehr als 130 Jahren gegründete Kreissparkasse Waiblingen. „Unsere Berater sind im Rems-Murr-Kreis zu Hause“, heißt es dort. „Sie kennen die Bedürfnisse der Kunden und sind kompetente Ansprechpartner sowohl für die Privat- als auch die Firmenkunden.“ Die Unternehmen als Finanzdienstleister von der Gründung bis zur Nachfolge zu begleiten, das ist einer der Ansprüche, die die Sparkasse mit fast 1400 Mitarbeitern und 85 Dependancen an sich selbst stellt. Wichtig dabei: „Das Ohr immer am Markt zu haben“, so das Credo bei einer der großen Sparkassen Deutschlands mit einer Bilanzsumme von mehr als 7,7 Milliarden Euro. Die Industrie- und Handelskammer der Region Stuttgart (IHK) unterstreicht, dass Banken für viele Firmen nach wie vor eine zentrale Rolle bei Finanzierungsthemen, bei Exportge-

Volksbank und Kreissparkasse engagieren sich traditionell sozial und kulturell. schäften oder im Zahlungsverkehr spielten. Daher seien Banken für Unternehmen „wichtige Partner“, wie Bernd Engelhardt sagt, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK. Der klassische Bankkredit bleibe der bevorzugte Finanzierungsbaustein der mittelständischen Unternehmen – wobei diese „zunehmend“ die Möglichkeit hätten, Vorhaben über Alternativen zu stemmen. Stichworte etwa: Leasing, Factoring, Anleihen, Förderprogramme oder Crowdfinancing. Hinzu komme, dass bei einer guten Konjunktur die Eigenfinanzierungskraft in der Regel steige. „Dies führt dazu“, so Engelhardt, „dass Unternehmen Verbindlichkeiten zurückführen oder vermehrt Inves-

Fotos: Aldinger, Buettner/KSK-Stiftung

titionen aus dem eigenen Cashflow tätigen können.“ Und nicht von der Hand zu weisen sei auch, dass potente Firmen zunehmend von anderen inländischen Finanzinstituten oder gar Auslandsbanken umworben würden. Insgesamt aber setzten die Unternehmen meist nach wie vor auf das System von ein, zwei Hausbanken. „Wichtig ist eine langfristige Beziehung“, so Engelhardt, „die auf Gegenseitigkeit, Vertrauen und Transparenz beruht.“ Etwas anders sieht es im Bereich der Existenzgründer aus, die Risikokapital benötigen. Von den Banken sei dies in aller Regel nicht zu bekommen, betont der Start-up-Unternehmer Michael Aechtler: „Da braucht es ganz andere Geldquellen.“

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engagierte Handwerker mit ausgeprägtem Qualitätsbewusstsein. Das besondere Betriebsklima in der Mitarbeiter-AG begeistert auch den Nachwuchs: Von vielen Azubis arbeiten bereits Familienangehörige bei FERMO. Auch in der Chefetage setzt man auf Erfahrung aus den eigenen Reihen. Nachdem Firmenmitgründer Paul Rössle 2013 in den Aufsichtsrat wechselte, wurden neben seinem Sohn Tobias die langjährigen Mitarbeiter Willi Kalb und Oliver Böhler in den Vorstand berufen. An der Strategie des Unternehmens änderte das nichts: FERMO setzt weiterhin auf ein solides Wachstum aus eigener Kraft ohne Bankschulden. Mit diesem Kurs ist das Unternehmen gut gefahren. Der Umsatz wuchs kontinuierlich und lag zuletzt bei 35 Millionen Euro.

Dieses stetige Wachstum resultiert im Wesentlichen aus zwei Faktoren: da sind zum einen die regelmäßigen Angebote zur Besichtigung von Kundenhäusern kurz vor Schlüsselübergabe. Hier können angehende Bauherren FERMO-Qualität, die Wirkung von architektonischen Elementen, Bodenbeläge, Treppen, Sanitärausstattung und vieles mehr „live“ erleben. Sind die individuell konzipierten Eigenheime gebaut, greift der zweite Faktor: die außergewöhnlich hohe Zufriedenheit der Kunden. Nach ihren Erfahrungen mit FERMO befragt, würden nahezu 100% der Baufamilien „ihren Hausbauer“ uneingeschränkt weiterempfehlen.

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Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis 37

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Vom Fuhrwerk zur S-Bahn Straßen und Schienen haben den Wandel des Kreises vom Agrarland zum Industriegebiet vorangetrieben. Von Oliver Hillinger

Mobilität

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er den Rems-Murr-Kreis als verstädtertes und industriebetontes Gebiet vor Augen hat, sollte den Blick in die Vergangenheit lenken. Größer könnte der Unterschied nicht sein, denn vor 170 Jahren war das heutige Kreisgebiet reines Agrarland. Im Remstal herrschte der Ackerbau vor, in der Murr-Region die Viehzucht. Schrittweise wandelte sich das Gebiet in sein heutiges Antlitz – und dieser Wandel hat viel mit dem Ausbau der Verkehrswege zu tun.

Mit der Kutsche von West nach Ost Der Vorgänger der B 29 nannte sich „Nürnberger Route, eine alte Fuhrwerkverbindung, die von Cannstatt aus nach Nördlingen im heutigen Bayern führte. Ihre Urgroßväter waren Römerstraßen, die südlich des Limes das Remstal erstmals zur Verkehrachse machten. Das Pendant nach Backnang hieß „Haller Route“. Die fahrbaren Untersätze jener Zeit waren Fuhrwerke. Im Jahr 1875, als schon eine Bahn fuhr,

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-MurrKreis schätze ich besonders . . . . . . dass wir hier die Menschen finden, mit denen es uns gelingt, unsere Ziele zu verwirklichen. Michael Holtmann Geschäftsführer der Firma Wilhelm Bahmüller, Maschinenbau Präzisionswerkzeuge in Plüderhausen Mitarbeiter 320 Jahresumsatz 70 Millionen Euro

verkehrten im Remtal täglich noch zwischen 110 und 160 Zugtiere. In Richtung Backnang, wohin damals noch keine Schienen führten, waren es zwischen 305 und 325. Es gab befestigte Straßen, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts angelegt worden waren. Das schnellste Transportmittel für Passagiere war damals die Postkutsche.

Dampfrösser statt Gespanne Im Juli 1861 wurde alles anders: Erstmals dampfte ein Zug von Cannstatt durch das Remstal nach Wasseralfingen bei Aalen. Längs der Bahnlinie siedelten sich die ersten Fabriken an dem Schienenweg an. Zunächst verdammten die pietistischen Pfarrer die Dampfrösser, später erkannten sie die Chance für ihre armen Schäfchen. Von 1876 an begannen auch an der Murrbahn die Schornsteine zu qualmen. Ziegeleien, Lederfabriken und auch holzverarbeitende Industrie siedelten sich an. Aus Bauern wurden Arbeiter.

Foto: Stadtarchiv Schorndorf / Nuding

Die Straße wird vierspurig Die nächste Veränderung brachte das Auto mit sich: Die Bundesstraßen wurden ausgebaut zu einer vierspurigen autobahnähnlichen Schnellstraße. Zwischen 1970 und 1997 wurde die B 29 zum West-Ost-Schnellweg. 2005 waren bereits mehr als 50 000 Fahrzeuge an Werktagen unterwegs. Noch mehr Verkehr hätte eine Autobahn gebracht, die A 45, die laut einer Planung aus den 70er Jahren das Remstal auf Höhe von Winterbach gequert hätte. Nach Bürgerprotesten legt

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Die Eröffnung der S-Bahn 1981 bringt Schwung in den Schienenverkehr im Kreis.

Mobilität im Wandel: Mit der Postkutsche fing alles an, Ende des 19. Jahrhunderts kamen Bahnlinien hinzu, heute prägen vierspurige Straßen den Verkehr. Fotos: Kraufmann, Kreisarchiv Waiblingen, Udo Schoenewald, Wilhelm Bahmüller der CDU-Ministerpräsident Lothar Späth das Projekt ad acta. Der Kreis ist bis heute der einzige in der Region, der nicht von einer Autobahn durchzogen wird. Gleichwohl, sagen Kritiker, zersiedeln die großen Bundesstraßen die Landschaft, ohne die täglichen Pendlerstaus zu verhindern.

Die S-Bahn soll’s richten Abhilfe schaffen sollte eine Aufwertung der Schiene: Am 26. September 1981 nahmen

die S-Bahn-Linien S 2 nach Schorndorf und S 3 nach Backnang ihren Betrieb auf. Der Kreis rückte näher heran an die Landeshauptstadt, was sich auf Mieten, Grundstückspreise und Standortentscheidungen auswirkte. Die Quelle an Verbesserungsvorschlägen ist noch nicht versiegt: Barrierefreie Bahnsteige, ein engerer Takt, neue Tangentialverbindungen. Experten raten daher, die Investitionen in die Schiene in den kommenden Jahren zu erhöhen.


38 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Wo drückt der Schuh? Die Kommunen lassen sich einiges einfallen, um Unternehmen, Gewerbetreibende und Einzelhandel zu unterstützen. Die Maßnahmen der Kümmerer sind in den Großen Kreisstädten andere als in den ländlichen Gegenden. Von Annette Clauß

Wirtschaftsförderung

W

elch ein krasser Gegensatz. Da ist zum einen die Große Kreisstadt Waiblingen: gelegen im Speckgürtel der Landeshauptstadt, rund 55 000 Einwohner, Standort diverser weltweit agierender Unternehmen mit ausgedehnten Gewerbegebieten. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer im Jahr 2016: 58,1 Millionen Euro. Auf der anderen Seite die Kommune Kaisersbach im Welzheimer Wald: ländlich geprägt, etwa 2500 Einwohner, die verteilt auf 43 Ortsteile leben. Größere Industriebetriebe gibt es nicht. Die 2016 eingenommene Gewerbesteuer in Höhe von 400 000 Euro stammt von kleinen Gewerbebetrieben und Dienstleistern. Solche Gegensätze sind typisch für den Rems-Murr-Kreis. Deshalb sieht die Wirtschaftsförderung in Kaisersbach völlig anders aus als in den Großen Kreisstädten Waiblingen, Schorndorf, Winnenden, Backnang, Weinstadt oder Fellbach. „Zur Amtseinführung eines Oberbürgermeisterkollegen im Remstal bringe ich ein Bauernbrot aus dem Holzbackofen, Wurstdosen von einer unserer sechs Landmetzgereien und Blütenzucker von den

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . den gesamtheitlichen Mix, den unsere Region zu bieten hat. Auf der einen Seite haben wir hier viel Industrie und eine hohe Bevölkerungsdichte, auf der anderen Seite bleibt uns aber er rins auch das ländliche Flair erhalten. : Lo Foto Marcus Lorinser Geschäftsführer des Autohauses Lorinser mit Stammsitz in Waiblingen Mitarbeiter 180 Umsatz keine Angaben

Kräuterterrassen mit“, sagt die Kaisersbacher Bürgermeisterin Katja Müller. „Klassische Wirtschaftsförderung ist hier sehr schwierig. Wir können nur dafür sorgen, dass die Infrastruktur passt. Breitbandversorgung ist zum Beispiel ein Thema, an dem wir dran sind, aber natürlich auf einem anderen Niveau als im Remstal.“ Aber auch dort müssen die Kommunen am Ball bleiben, um als Wirtschaftsstandort attraktiv zu bleiben. Die Großen Kreisstädte organisieren allesamt Veranstaltungen, bei denen sich ansässige Unternehmer oder Existenzgründer vernetzen und austauschen können – beispielsweise im Rahmen eines Handwerkerfrühstücks, wie es die Stadt Schorndorf anbietet, oder bei den Wirtschaftsgesprächen der Stadt Winnenden. In Weinstadt sei Wirtschaftsförderung Chefsache, heißt es aus dem dortigen Rathaus. Mit einem virtuellen Unternehmerverzeichnis gebe man Firmen die Möglichkeit, sich kostenlos im Internet zu präsentieren. Die Stadt Backnang wiederum macht für sich geltend, „ganz bewusst“ die Gewerbe- und Grundsteuerzahler weniger in Anspruch zu nehmen als viele vergleichbare Große Kreisstädte, „weil dies unserer Steuer- und Haushaltsphilosophie entspricht“, heißt es. Regelmäßige Firmenbesuche stehen ebenfalls auf der Agenda der diversen Rathauschefs und der städtischen Wirtschaftsförderer. So weiß die jeweilige Verwaltung, wo den ansässigen Betrieb der Schuh drückt, und kann darauf reagieren. Die Wirtschaftsförderung sieht sich dabei als Lotse der Gewerbetreibenden, vermittelt Gewerbeflächen und Firmenräume. Die Stadt Schorndorf bietet Gründern im Einzelhandel über das Förderprogramm „Schorndorfer Starthilfe“ sogar die Mög-

lichkeit, einen Mietzuschuss zu bekommen. Das ist nur eine von mehreren Maßnahmen, die auf ein Innenstadtentwicklungskonzept zurückgehen, welches die Stadt zusammen mit einem Institut für Marketing und Kommunalentwicklung erarbeitet hat. Leerstände in der Schorndorfer City will man demnach künftig für sogenannte Pop-upStores nutzen – also für Läden, die dort auf begrenzte Zeit einziehen – oder solche Räume für Kunst und Kultur bereitstellen. Erlebnisinseln, die zum Spielen, Sitzen und zum Erleben der Stadtgeschichte einladen, sollen die Innenstadt aufwerten. Den Marktplatz will man durch mobile Gastroangebote noch mehr beleben. Um Winnenden als Einzelhandelsstandort zu fördern, hat sich dort bereits im Jahr 2001 der Verein „Attraktives Winnenden“ gegründet. Dieser hat beispielsweise dafür gesorgt, dass es in der Stadt eine Kundenkarte gibt, die inzwischen mehr als 10 000 Bürger im Geldbeutel haben. Zudem organisiert der Verein Veranstaltungen wie die Wahl zum „Winnender Mädle“, um das Stadtimage zu fördern und die Besucher in die Innenstadt zu locken. Zum ersten Mal findet dort im Sommer der „poetische Juli“ statt – ein Wirtschaftsdichter kreiert dabei für die Fachgeschäfte in der Innenstadt individuelle Gedankensprüche und Aphorismen. Auch günstige Parkplätze und ein öffentliches, kostenloses WLAN sind nach der Auffassung der Stadt Waiblingen Angebote, mit denen eine Stadt punkten kann. Auf die Fahnen geschrieben hat man sich zudem, ein umfangreiches Angebot zur Betreuung und Bildung des Nachwuchses bereitzustellen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Das locke die Fachkräfte an, die dringend gesucht würden, erklärt die Stadt. Für manches kostspielige Bauprojekt versuche man private Partner zu finden – jüngstes Beispiel ist der Bau eines langersehnten Innenstadt-Hotels. Von solchen Partnerschaften profitierten Wirtschaft wie Bürgerschaft, sagt dazu der Oberbürgermeister.

WISSENSWERTE ZAHLEN DES JAHRES 2016 Die Gesamtschulden des Stadthaushalts pro Einwohner Angaben in Euro 2397

Weinstadt 1785

Schorndorf 1254

Fellbach 939

Backnang

873

Waiblingen Winnenden

0

Die Gewerbesteuereinnahmen pro Einwohner Angaben in Euro (brutto)

Waiblingen Fellbach

Backnang

534 488

Weinstadt

456

Schorndorf

441

Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft pro Einwohner Angaben in Euro

Waiblingen Weinstadt Fellbach

7320 7245 7049

Winnenden

6888

Schorndorf

6833

Backnang StZ-Grafik: zap

Wir machen den Weg frei.

www.volksbank-stuttgart.de

652

Winnenden

Wir sind für Sie da: Über 100 Mal an Rems und Neckar.

837

6692 Quelle: IHK Region Stuttgart


Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis 39

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Wald, Wengert, Weinwirtschaft Für die Tourismusbranche ist der Rems-Murr-Kreis durch seine Vielfalt und Nähe zum Ballungszentrum ein Glücksfall. Zum einen Teil der Erlebniswelt gehört der Wald in allen Facetten, zum anderen die genussträchtige Weinbaulandschaft. Von Harald Beck

Fremdenverkehr

E

s sind in gewisser Weise zwei Welten, die da als Urlaubsregionen benachbart, aber zur politischen Einheit Rems-Murr-Kreis verschmolzen sind. Sie sind völlig unterschiedlich in ihrer Landschaft und in dem, was sie für die Sinne ihrer Besucher bieten. Die Urlaubsmanager definieren im Rems-Murr-Kreis als sogenannte Destinationen das Remstal und den Schwäbischen Wald – zwei Erlebnisräume, die sie als besondere Kombination im grünen Gürtel um Stuttgart preisen. Sie besticht durch landschaftliche Gegensätze, ein reichhaltiges Kulturangebot und nicht Das Remstal und der zuletzt durch Spitzengastronomie und Weinanbau auf Schwäbische Wald haben höchstem Niveau. eines gemein: die „Das ganze Thema Wein Anziehungskraft auf und Weinbau ist sehr wichtig“, Radfahrer und Wanderer. sagt für das Remstal Stefan Altenberger. Der Kernener Bürgermeister ist Vorsitzender im Touristikverein Remstal-Route, der seit gut 20 Jahren kreisübergreifend für Genuss- und Erholungsbesuche im Remstal trommelt und inzwischen, was die Mitglieder angeht, tatsächlich von der Remsquelle bei Essingen (Ostalbkreis) bis zur Mündung in Remseck (Kreis Ludwigsburg) reicht. „Der Wein, das ist die Leitlinie – das Remstal steht für Wein.“ In der Kombination des genüsslichen Aushängeschilds mit Waldlandschaft, Streuobstwiesen, Weinbergen und Gourmettempeln ergebe sich eine Erlebnislandschaft, die ihresgleichen sucht – und auch noch direkt vor den Toren Stuttgarts liegt. Der Blick in die touristische Zukunft fällt im Remstal rosig aus – nicht nur dank des 230 Kilometer langen Remstal-Höhenwegs, der Angebote der Weinerlebnisführer und der vielfältigen kulinarischen Weinproben. Das Augenmerk richte sich da natürlich auch auf das Jahr 2019, sagt der Remstalrouten-Geschäftsführer Hubert Falkenberger: „Die interkommunale Remstalgartenschau wird nochmals einen echten Schub bringen.“ Denn bis dahin würden Projekte,

Idyllische Flecken finden sich viele im Rems-Murr-Kreis. Ein als Ausflugsziel beliebter romantischer Ort ist die Klingenmühle bei Welzheim. Fotos: Fotolia/valeriy555, Stefan Bossow die sonst vielleicht erst in vielen Jahren angepackt worden wären, auf jenes Jahr hin realisiert. Dazu gehören neu gestaltete Aussichtspunkte, Remsnaturierungen samt Einbeziehung der Zuflüsse, neu gestaltetes Radwegenetz, Bau- und Kunstprojekte im öffentlichen Raum und kommunenübergreifende Events. Falkenberger: „Das bringt uns natürlich enorm viel Publicity.“

Bei allen landschaftlichen Unterschieden haben Remstal und Schwäbischer Wald eines gemein: die Anziehungskraft auf Radfahrer und Wanderer. „Das sind unsere zentralen Themen“, sagt Barbara Schunter, die Geschäftsführerin der ebenfalls kreisübergreifenden Fremdenverkehrsgemeinschaft Schwäbischer Wald. Die benachbarte Erlebniswelt ist mit der Schwäbischen

Ich wage mich nur in großen Gruppen aufs Eis

Waldbahn zwischen Schorndorf und Welzheim wunderbar ans Remstal angebunden. Ein Pfund, mit dem man hervorragend wuchern könne, sei der Status als waldreichste Region im ganzen Land. Wiesen, Wald und wunderschöne Klingen machten die Landschaft abwechslungsreich. Hinzu kommen die kulturhistorischen Schätze, wie beispielsweise die historischen Fachwerkmühlen entlang des eigens ausgeschilderten Mühlenwanderwegs. „Die natürlichen Gegebenheiten sind ein Geschenk für alle, die vom Tourismus leben“, sagt Schunter. „Sie lassen sich hervorragend in Szene setzen.“ Dank des neu konzipierten Stromberg-Murrtal-Radwegs dürften künftig noch mehr Besucher die Landschaft auf zwei Rädern erkunden. Ihr persönlich hat es vor allem das Strümpfelbachtal zwischen Welzheim und Rudersberg angetan, sagt die Touristikerin Schunter. „Aber“, so warnt sie lächelnd bei dem Gedanken an den wildromantischen und teils fast im Bach verlaufenden Erlebnispfad im Schwäbischen Wald, „am besten nur mit Ersatzkleidung.“ Auch Daniela Callenius, als Tourismusbeauftragte des Landkreises für beide Tourismusregionen zuständig, hat ihre Landschaftslieblinge. Neben dem Gundelsbachtal am Remstalrand im Gebiet der Berglen hat es ihr die Hägelesklinge bei Kaisersbach angetan. Ihr gefallen die Lichtreflexe in der verwunschenen Waldschlucht mit ihrem geheimnisvollen Schimmern, wie sie sagt. „Da weiß man, warum wir jährlich eine Schwäbische Wald-Fee wählen. Das hat etwas Mystisches. Da spricht der Wald mit uns.“ Informationen im Internet unter www.schwaebischer-wald.com; www-remstal-route.de; www.naturpark-sfw.de

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BE THE DIFFERENCE


40 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Kult aus dem Kreis

Vor fast 80 Jahren hat Robert Kull die Spätzlespresse erfunden.

Einige Firmen an Rems und Murr stellen sehr erfolgreich und mit langer Tradition ungewöhnliche Produkte her. Von Isabelle Butschek

Foto: Kull Spätzlespresse GmbH

Nischenprodukte

A Süß-saures Glück Pastellfarben und sauer: die SadexBrausestäbchen

Dazu gehört auf jeden Fall der Original Kull Spätzle-Schwob. Fast 80 Jahre ist es her, dass der Schlossermeister Robert Kull sein Patent über eine „Teigpresse an einem mit Teigaustrittlöchern versehenen Topf mit einem Handstempel“ angemeldet hat. Der Sitz seines Unternehmens war Remshalden. Vor einigen Jahren hat Claudia Papert die Firma übernommen – und aus der Insolvenz gerettet. Mittlerweile ist die Firma nach Schorndorf umgezogen. Dort finden die Endmontage und der Versand der bis zu 18 000 im Jahr hergestellten Spätzlespressen statt. Die Verkaufszahlen steigen ständig,

In der Europaliga rungen bei den Farbstoffen und Aromen abgesehen, immer noch die gleichen. Das überwacht der Großneffe des Erfinders, Holger Loch. Auf die Stäbchenproduktion ist man besonders stolz. Sadex rühmt sich, die recht komplizierte Verarbeitung als Einziger zu beherrschen. Vor fünf Jahren wäre fast Schluss gewesen: Sadex musste Insolvenz anmelden. Die Rettung war die Firma Top Sweets, die Sadex den eigenen Produktionsstandort ließ. Dort werden täglich 1,3 Tonnen BrauseKomprimate hergestellt. ibu

Vor 110 Jahren wurde die Winnender Firma gegründet, an deren Emblem kein Schüler vorbeikommt. Ob auf den blauen Turnmatten mit den braunen Lederecken, ob auf Holzkästen oder Stufenbarren: Überall prangt der Name Benz in Großbuchstaben. Hinter der geschützten Marke verbirgt sich ein Familienunternehmen mit 150 Mitarbeitern, das mittlerweile einer der führenden Sportgerätehersteller europaweit ist. Gegründet wurde die Gotthilf Benz Turngerätefabrik als Schlosserei, 1920 begann die Herstellung von

Alternative zum Rad

Sportgeräten. Nur fünf Jahre später wurde der Betrieb um eine Schreinerei und eine Sattlerei erweitert, so konnte er komplette Sporthallenausrüstungen anfertigen. Mittlerweile hat Benz mehr als 10 000 Produkte im Sortiment und stattet nicht nur den Vereins- und den Schulsport aus, sondern auch LeichtathletikWeltmeisterschaften oder Turnfeste. Auch Vereinssportzentren plant und montiert die Firma Benz. ibu Ein Klassiker: der Turnbock

„das Spätzlemachen ist also immer noch gefragt“, sagt die Geschäftsführerin Papert, die 13 Farben im Programm hat. Und auch den Klassiker in Hochglanz poliert gibt es immer noch, auch wenn dieses Modell einen Nachteil hat: Es darf nicht in die Spülmaschine. Die Kunden sind nicht nur Haushaltswarengeschäfte, sondern auch Eisdielen, die damit Spaghetti-Eis zaubern. Und wer die Optik geschabter Spätzle lieber mag, aber den Aufwand scheut, wird ebenfalls bei Claudia Papert fündig: Beim Modell Spätzle-Fix ist die Lochung unregelmäßig, damit die Teigwaren aussehen wie handgeschabt.

Es waren die eigenen Rückenschmerzen, die Martin Buchberger dazu gebracht haben, den Streetstepper zu entwickeln. Er war ein leidenschaftlicher Mountainbiker, musste sein Hobby aber wegen körperlicher Probleme aufgeben. In der elterlichen Drechslerwerkstatt im Zillertal baute er deswegen vor 13 Jahren den ersten Prototyp. Im Grunde sieht der Streetstepper aus wie ein Fahrrad ohne Sitz. Das Sportgerät verbindet eine aufrechte Körperhaltung und eine stoßfreie Steppbewegung mit dem Fahrspaß auf dem Rad – und zwar ohne dessen Nachteile. Mit seiner Idee ging Buchberger auf die Schorndorfer Firma Hermann Blechtechnik zu, die durch ihre Marke „Hot Chili Mountainbikes“ bereits seit 20 Jahren Erfahrung in der Fahrradbranche hatte. Der Entwurf entstand dort am Computer, die Tests auf dem Prüfstand, der Vertrieb, die Schulungen für die Instruktoren, alles findet in Schorndorf statt.

Mittlerweile werden zwei Modelle hergestellt, ein geländegängiges für Wald- und Feldwege sowie eines für den täglichen Weg zur Arbeit. „Der Streetstepper ist ohne Zweifel das innovativste Produkt in all diesen Jahren, da er einerseits ein gänzlich neues Konzept hinsichtlich Antrieb und Körperhaltung darstellt, aber dennoch die ,Gene‘ von Sporträdern in sich trägt“, sagt Markus Hermann, der sich durchaus vorstellen kann, dass sich das Streetsteppen zu einer Trendsportart entwickelt. Mehr als 3000 Streetstepper wurden schon verkauft. Die meisten Kunden haben sich wegen Rückenproblemen für das Gerät entschieden. ibu

Ein neues Trendsportgerät?

Häusle für Eulen Die Firma Schwegler ist ein echter Häuslebauer. Allerdings nicht für Menschen, sondern vor allem für geflügelte Lebewesen. Die Kunden des Schorndorfer Unternehmens sind Vögel, Fledermäuse und Insekten. Für diese baut Schwegler seit den 50er Jahren Nisthilfen in allen Formen. Gefertigt sind sie aus einem selbst entwickelten Holzbeton, der langlebig und atmungsaktiv ist und aus einer geheimen Rezeptur besteht. Mittlerweile hat sich das Unternehmen europaweit

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Luxuriöse Vogelwohnung aus Holzbeton einen Namen gemacht mit seinen Fledermaushöhlen, Villen für Wanderfalken und Ohrwurmschlafröhren. Nicht nur private Gartenbesitzer greifen auf die Produkte zurück, auch Naturschützer, Förster oder Forschungsgruppen. Dass die Nisthilfen bei der Kundschaft gut ankommen, ist belegt: durch hohe Belegungsquoten. Bis nach Afrika reicht der Kundenkreis – dort wurden Eulen mit Nistkästen aus dem Remstal beglückt. ibu

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . die vielen Schaffer, Aufgabenlöser und Tüftler des Mittelstands hier vor Ort. Mit ihren Mitarbeitern machen sie unsere Region stark. Werner Schmidgall Vorstandsvorsitzender Volksbank Backnang Mitarbeiter 330 Bilanzsumme 1,63 Milliarden Euro

Fotos: Benz, Marcus Euerle/Volksbank Backnang, Sadex Brausestäbchen, Schwegler Vogel- und Naturschutzprodukte GmbH, Streetstepper GmbH

Gleich aufknabbern und den ganzen Berg Brause auf einmal im Mund prickeln lassen oder das bunte Stäbchen doch langsam lutschen und genießen? Die Brausestäbchen von Sadex (der Name stammt aus einer Kombination des früheren Firmeninhabers Fritz Sattler und Dextrose) sind nicht einfach nur eine beliebige Süßware – sie sind Kult. Und untrennbar verbunden mit langen Sommernachmittagen im Freibad. Vor 66 Jahren hat der Winnender Franz Beth die Brausestäbchen erfunden, als Kinderzigarette und zunächst durch aufgemalte Asche sogar mit der zugehörigen Optik. Inzwischen werden nicht nur Stäbchen, sondern auch Brause-Bären, -Herzen oder -Fläschchen hergestellt. Die Rezepturen sind aber, von kleineren Verände-

uf der Benz-Turnmatte hat sich schon jeder mal in der Schule an einem Purzelbaum versucht, Sadex Brausestäbchen gehören bei jedem Kindergeburtstag dazu. Doch dass diese oft traditionsreichen Produkte im Rems-Murr-Kreis erfunden wurden und dort immer noch das Wirtschaftsleben bereichern, ist sicher nur den wenigsten bekannt. Genauso unbekannt ist die Tatsache, dass manche Hersteller in ihrem ganz speziellen Bereich europa- oder weltweit führend sind. Deswegen sollen hier fünf besondere Produkte aus dem Kreis vorgestellt werden.


Wir Wirtschaft tschaft

im Rems-Murr-Kreis

Wirtschaft zwischen Wald und Weinbergen

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Wie wohl kein anderer Landkreis der Region Stuttgart ist der RemsMurr-Kreis geprägt von Kontrasten: Hightech und Bodenständigkeit, Weltläufigkeit und Landleben gehen eine fruchtbare Verbindung ein.

Stihl-Vorstand Michael Prochaska bekennt sich zur Provinz SEITE 31 Quirlige Gründerszene – trotz „Generation Y“ SEITE 33 Made in Remstal: Sauger, Säge, Satellitenbauteil SEITEN 34, 35

Zwischen Gemütlich- und Geschäftigkeit: Die Gemeinde Weinstadt – hier aufgenommen in der Abenddämmerung zwischen den akkurat zurückgeschnittenen Reben der Großheppacher Weinberge – ist ein gutes Beispiel für eine freundschaftliche Nachbarschaft von Idyll und Industrie. Fotos: Das Foto, Gottfried Stoppel, KD Busch, Stadt Schorndorf, Stadt Backnang

Der heimliche Weltmeister

D

ie Weltfirmen Stihl und Kärcher kennt sicherlich jeder. Bei deren Stammsitzen allerdings – Waiblingen und Winnenden – wird bei einer Umfrage jenseits des Weißwurst-Äquators schon der eine oder andere passen müssen. Und bei Rems-Murr-Kreis? Betretenes Schweigen in Hamburg, Düsseldorf oder Kiel. RICHARD SIGEL Dabei ist jenes mehr als 850 Quadratkilometer Welche Besondergroße Gebiet, dessen heit, auf die Sie Wirtschaftskraft und nicht verzichten Branchenvielfalt auf den wollten, bietet der folgenden Seiten ein weRems-Murr-Kreis? nig beleuchtet werden Leuchtende Kinder- soll, nicht nur das Uraugen beim Anblick sprungsland des Kettensägenherstellers und des Der Landrat ist Fan der Waldfee. Diese Reinigungsgerätespeziabeweist, dass Heider Waldfee und listen sowie Standort beihres neuen Kleids. matverbundenheit kannter internationaler nichts Ewiggestriges sein muss. Es ist vielmehr ein moder- Konzerne wie Bosch oder Tesat-Spacecom. Der nes Bekenntnis zu den Wurzeln, verRems-Murr-Kreis behersehen mit Charme und Esprit. Das zeigt bergt auch eine ganze auch das neue Kleid von Riani – einem Reihe von Firmen, die in Modelabel der Weltklasse „made in ihren Branchen marktRems-Murr-Kreis“ – in dem die Waldfee führend, aber Otto Norab dem 1. Mai verzaubern wird. malverbraucher weitgehend unbekannt sind. Beispiele dafür? Selbst ANDREAS HESKY in der Region dürfte derjenige ungläubiges StauWelche Besondernen ernten, wer behaupheit, auf die Sie tet, dass eine Backnanger nicht verzichten Firma für die Beschallung wollten, bietet der des Opernhauses in SydRems-Murr-Kreis? ney verantwortlich ist und ein Großheppacher Nicht verzichten Betrieb Interieurteile für möchte ich auf den das schnellste Serienauto einzigartigen AusDen Waiblinger der Welt angefertigt hat OB zieht es auf den blick vom Hochoder eine GmbH aus Auwachtturm. Ganz Hochwachtturm. enwald einer der in Eurogleich ob von despa führenden Hersteller sen Umgang oder aus der Türmerstube, von Pizzaverpackungsberührt mich der Blick auf und über die maschinen ist. Nicht Stadt und weit ins Remstal hinein immer umsonst werden diese wieder aufs Neue.

Der Rems-Murr-Kreis wird gerne unterschätzt – und zieht daraus sein Selbstbewusstsein. Von Frank Rodenhausen

Wirtschaftsstandort

Betriebe daher neudeutsch als Hidden immer neuen Initiativen geworden. Vom Business-Talk für Arbeitgeber über die Champions bezeichnet. Ganz vorn dabei ist der Kreis auch Pflegemesse „Abenteuer Mensch“ bis hin im Maschinenbau. Rund 15 Prozent der zum Speed-Dating für Ausbildungsplatzsozialversicherungspflichtig Beschäftigten suchende reicht das breite Spektrum, das arbeiten in dem Bereich, der gerne auch als die Betriebe bei der Rekrutierung von Boombranche bezeichnet wird. Das ist ba- Nachwuchskräften unterstützen soll. Nicht selbst gemacht, aber auch ein den-württembergischer Rekord, bestätigt das Statistische Landesamt. Diese speziel- Charakteristikum des Rems-Murr-Kreises len Maschinen bekommen außer denjeni- ist darüber hinaus die geografische Lage. gen, die sie konzipieren und zusammen- Claus Paal beschreibt sie so: „Nahe an der bauen, zwar nur die wenigsten zu Gesicht; Landeshauptstadt Stuttgart und der Autoaber die meisten nehmen täglich mehrfach mobilindustrie, aber weit genug weg, um Produkte zu sich, die von Maschinen „made die Vorteile des ländlichen Raums zu nutzen.“ Rund 420 000 Menin Rems-Murr-Kreis“ verschen profitieren mehr packt wurden – etwa in „Nahe an Stuttgart und oder weniger stark davon. Form von Frühstücks- der Autoindustrie, aber Allerdings gibt es mehr flocken, Säften oder Arz- weit genug weg, um die Menschen, die im Remsneimitteln. Murr-Kreis leben, ihren Strukturell sei es die Vorteile des ländlichen Arbeitsplatz aber jenseits „Mischung aus Weltmarkt- Raums zu nutzen.“ der Kreisgrenze haben, als führern und kleinen mit- IHK-Präsident Claus Paal über umgekehrt. telständischen Unterneh- die Lage des Rems-Murr-Kreises Doch zurück zur Vielmen in einem sehr günstifalt der Wirtschaft: Vielgen Verhältnis“, was den Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis leicht geht diese auch mit der Vielfalt der auszeichne, sagt der örtliche IHK-Präsi- Landschaft einher – die ihrerseits längst dent und Landtagsabgeordnete Claus Paal ein Wirtschaftsfaktor geworden ist: Sowohl (CDU). Die breite Aufstellung in vielen der Schwäbische Wald als auch die Weinverschiedenen Branchen habe sich in der gebiete im Remstal locken jedes Jahr mehr Vergangenheit für die Wirtschaft in ihrer als zwei Millionen Naherholungssuchende Gesamtheit auch in schlechten Zeiten als und Kurzurlauber an. Das Weltkulturerbe Segen erwiesen und immer wieder gehol- Limes im Norden, Rebensaft und Fachwerk im Süden, allerorten erstklassige Gastrofen, Krisen gut zu überstehen. Ähnlich verhalte es sich mit der Zusam- nomie sind Pfründe, mit denen man wumenarbeit der Institutionen und Behör- chern kann. Und das nicht nur bei Tourisden. Diese ist laut Paal eine absolute Beson- ten: Die „weichen Faktoren“ helfen so manderheit, „fast einmalig“ und „das Ergebnis cher Firma auch beim Wettbewerb um jahrelanger Übung“. Beispielsweise ist die kompetente und motivierte Mitarbeiter. Ein Indiz dafür, dass sich der Rems2012 von der Arbeitsagentur, der IHK, der Kreishandwerkerschaft und dem Arbeit- Murr-Kreis auch perspektivisch gut aufgegeberverband Südwestmetall ins Leben stellt hat, ist für Landrat Richard Sigel die gerufene und ursprünglich auf zwei Jahre aktuelle Platzierung im Prognos-Zukunftsbefristete Fachkräfteallianz FAIR längst zu atlas. Dort habe man sich im bundesweiten einer wachsenden Dauerorganisation mit Vergleich mit mehr als 400 Stadt- und

Landkreisen von Platz 124 auf Platz 78 verbessert. Die alle drei Jahre von dem Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen vorgenommene Bewertung aller deutschen Landkreise und kreisfreien Städte bezieht sich auf die Themenbereiche Demografie, soziale Lage und Wohlstand sowie Arbeitsmarkt, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation. Natürlich sei es das Bestreben, noch besser zu FRANK NOPPER werden, betonen Landrat Welche Besonderund IHK-Präsident uniheit, auf die Sie sono. Als mitentscheinicht verzichten dend für eine solche Entwollten, bietet der wicklung halten Sigel und Rems-Murr-Kreis? Paal allerdings den Ausbau der Verkehrswege soAls Backnanger wie eine flächendeckende Oberbürgermeister Versorgung mit schnel- Der Backnanger sind mir vor allem lem Internet. Bei Letzte- OB verschafft sich die Produkte made rem will der Landkreis gern Gehör. in Backnang wichmöglicherweise selbst in tig. In unserer Stadt Vorleistung gehen und wird viel Gutes und Attraktives produeine Art Glasfaser-Auto- ziert in Handwerk, Industrie und Gewerbahn bauen, an die sich be. Wir Backnanger verschaffen uns übdie Kommunen anschlie- rigens nicht nur in Kreis und Land Gehör, ßen können. sondern in aller Welt. Die Firma d&b auOb das ausreicht, um diotechnik trägt nämlich mit ihren Lautin Hamburg, Düsseldorf sprechern und Soundsystemen den besoder Kiel als spontane ten Backnanger Ton in die Opernhäuser Antwort auf die Frage von London, Sydney und Quebec. nach einem bedeutenden Landkreis in der Region Stuttgart zu fallen? Trotz einer eigentlich MATTHIAS KLOPFER nicht mehr zu übersehenWelche Besonderden Dauerflut an Ausheit, auf die Sie zeichnungen ist das bis nicht verzichten heute nicht einmal den in wollten, bietet der Fachkreisen unumstritRems-Murr-Kreis? tenen Spitzenwengertern des Remstals gelungen. Mir geht das Herz Dem Selbstbewusstsein auf, wenn ich an dürfte das allerdings Der Schorndorfer einem sonnigen Tag keinen Abbruch tun. An OB liebt den Blick auf dem Grafenberg Rems und Murr wird vom Grafenberg. stehe und den Blick man weiterhin gut damit hinunter ins Tal leben können, ein Hidden richte – dies am besten mit einem Glas Champion zu sein. guten Remstäler Weins.


30 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

419 000

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

GRÜNER KREIS IM STUTTGARTER SPECKGÜRTEL MIT HOHER WOHNQUALITÄT UND ERHOLUNGSWERT FÜR DIE GANZE REGION

Einwohner hat der Rems-Murr-Kreis etwa. Damit ist er nach der Kopfzahl der drittgrößte in der Region (außer Stuttgart).

900 Quadratkilometer groß ist der Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald, von dem ein großer Teil im Rems-Murr-Kreis liegt. In diesem machen zwei Arten mehr als die Hälfte der Bäume aus: Fichte und Buche.

858

Einzelhandelsrelevante Kaufkraft pro Einwohner in Euro, 2015* Kreis Böblingen

7184

Stadt Stuttgart

7103

Kreis Esslingen

7091

Kreis Ludwigsburg

7043

Region Stuttgart

7023

Rems-Murr-Kreis

6898

Baden-Württemb.

HEILBRONN SCHWÄBISCH HALL Großerlach Spiegelberg

Kreis Göppingen

6612

Deutschland

6459

Mainhardter

Stadt Stuttgart

41 132

Kreis Göppingen

32 741

Rems-Murr-Kreis

Kilometer lang ist das Netz der Kreisstraßen. Noch länger, nämlich 400 Kilometer, ist das Asphaltband der Bundes- und der Landesstraßen zusammengenommen.

Murrhardter Reute

Kirchberg a. d. Murr

35 147

Backnang S4

31 875

LUDWIGSBURG

B

Bittenfeld Schwaikheim

Dienstleistung 126,0 108,3

180

Allmersbach im Tal

Nellmersbach 194,6

184,3

Wald

Weissach im Tal

S3

Erwerbstätige im Rems-Murr-Kreis nach Wirtschaftsbereichen, in Tausend

Fornsbach

Murrhardt

14

Aspach

35 899

Kreis Esslingen

360

Oppenweiler

41 394

Kreis Ludwigsburg

Steinberg

Allmersbach a.W.

Sinzenburg

Kreis Böblingen

Wald Sulzbach an der Murr

Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer Durchschnitt in Euro, 2014

Quadratkilometer groß ist der Kreis. Im Durchschnitt leben auf jedem 489 Menschen. Nur der Landkreis Göppingen ist in der Region dünner besiedelt.

Grab

6725

g er

Cronhütte Althütte

le

n

Rudersberg

Welzheim

Winnenden Steinenberg

Wasserschutzgebiete gibt es im RemsMurr-Kreis. Sie machen etwa zehn Prozent der gesamten Kreisfläche aus.

31

produzierendes Gewerbe 73,1 66,3

2000

Welzheimer Wald

Korb

Waiblingen

2,9 Land-, Forst- 2,3 wirtschaft, Fischerei

2014

Fellbach

Urbach 29

Weinstadt

Gemeinden hat der Kreis. Nur acht davon sind Städte, von denen sich sechs mit dem Prädikat Große Kreisstadt schmücken dürfen. Außerdem gibt es 510 Orte.

Landkreisfläche nach Nutzung Anteile in Prozent Sonstige 1 Siedlungen, Verkehr Landwirtschaft 17

15

Winterbach

S2

Plüderhausen

Schorndorf

OSTALBKREIS

Schurwald

STUTTGART

43

%

GÖPPINGEN

ESSLINGEN

Prozent der 166 000 Arbeiter und Angestellten im Kreis sind im Maschinenbau beschäftigt. Das ist Landesrekord.

Brech

Haubersbronn

Remshalden

Alfdorf

39 Wald

Grafik: Manfred Zapletal, Quelle: Statistisches Landesamt

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Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis 31

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

„Unsere Lage ist komfortabel“ Der Südwestmetaller und Stihl-Vorstand Michael Prochaska spricht über den Landkreis, über Holzfällersport und Grün-Schwarz. Interview

D

as Ambiente für das Interview passt: inmitten der kleinen Ausstellungswelt am Stammsitz der Firma Stihl in Waiblingen zwischen Hoch-Entastern, Sägen und Rasenmähern. Mehr als eine Stunde lang steht Michael Prochaska, der Personalvorstand und Südwestmetall-Chef im Bezirk Rems-Murr-Kreis, Rede und Antwort. „Unsere Lage“, sagt er im Blick auf den Standort, „ist komfortabel.“ Herr Prochaska, beherrschen Sie alle Geräte aus dem Hause Stihl? Aber gewiss. Ganz regelmäßig nutze ich zu Hause Gartengeräte von der Heckenschere bis hin zum Akku-Mäher. Den meisten Respekt habe ich vor den Trennschleifern. Erwartet die Firma, dass ihre Vorstände mit den Produkten hantieren können? Das ist unser eigener Anspruch und in einem technologiegetriebenen Unternehmen auch wichtig. Meine Kollegen und ich sind immer sehr darauf aus, die neuen Geräte zu testen. Erstens macht das Spaß, und zweitens müssen wir einschätzen können, was die Entwicklungen für die Kunden bedeuten. Graue Theorie hilft da nicht weiter.

Ist die Gartenarbeit denn für Sie auch ein persönlicher Ausgleich zum Berufsalltag? Das ist sie durchaus, ebenso „Der Wettbewerb um wie der Sport.

gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist gerade in der Region Stuttgart enorm.“

Gehört da Timbersports dazu? Oh nein. Wenn sich die besten Sportholzfäller der Welt jährlich treffen, um ihren Champion unter sich auszumachen, Michael Prochaska, muss man technisch perfekt Personalvorstand bei Stihl an Axt und Säge sein. Da braucht es richtige Kerle, ich selbst freue mich in diesem Fall an der Rolle des Zuschauers. Wenn Timbersports eher etwas für Spezialisten ist – was tut Ihr Unternehmen denn für die Gesundheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Das ist ein ganz wichtiges Thema. Denn wir haben ja ein Interesse daran, dass unsere Mitarbeiter gesund sind und möglichst bis 67 fit bleiben. Da spielt die Ergonomie am Arbeitsplatz eine große Rolle. Es geht aber auch um Präventionsmaßnahmen und sehr vielfältige Angebote an Kursen, Seminaren und Betriebssport. Nicht ohne Grund haben wir im vergangenen Jahr auch erstmals eine eigene Betriebsmedizinerin eingestellt – alles Punkte, die zur Attraktivität des Unternehmens beitragen. Heißt das, der Fachkräftemangel ist auch bei einem Unternehmen wie Stihl angekommen? Wir sind da noch in einer guten Position. Wir sind eine starke Marke, eine Firma von Weltruf und bieten beste Arbeitsbedingungen – das entfaltet nach wie vor eine hohe Anziehungskraft auf Menschen. Knapp 25 000 Bewerbungen im vergangenen Jahr im Stammhaus sind der Beleg dafür. Und das gibt uns die Möglichkeit, jene auszuwählen, die am besten zu uns passen. Aber nicht verhehlen kann ich, dass der Wettbewerb gerade hier in der Region Stuttgart mit Porsche, Daimler, Bosch, Trumpf, Festo oder Kärcher enorm ist. In der Elektrotechnik oder der IT dauert es manchmal etwas länger, Stellen adäquat zu besetzen. Welche Erfahrungen machen Sie mit Schulund Studienabgängern? Wie ticken diese? Da ich drei Jungs im entsprechenden Alter habe, kenne ich die Einstellungen der „Generation Y“ ganz gut. Die jungen Leute wollen eine interessante Aufgabe haben und Verantwortung übernehmen. Sie wollen definitiv keinen autoritären Chef, sondern

eher einen Coach. Die Balance zwischen Arbeit und Freizeit muss stimmen. Und die Jungen sind längst nicht mehr so stark an ein Unternehmen gebunden. Darauf müssen wir uns einstellen. Ist der Nachwuchs gut auf das Berufsleben vorbereitet? Mein Eindruck ist, dass sich da in den vergangenen Jahren viel getan hat. In der Schule, aber vor allem an den Hochschulen und Universitäten wird inzwischen großes Gewicht gelegt auf die Förderung methodischer und sozialer Kompetenzen. Teamarbeit ist kein Fremdwort mehr, und auch Präsentationen werden schon früh geübt. Aber? Ich mache mich seit Jahren über eine Arbeitsgruppe der Holtzbrinck-Stiftung mit dafür stark, dass das Thema Wirtschaft in die Lehrpläne der allgemeinbildenden Schulen aufgenommen wird. Viele junge Leute können konsumieren, ihnen fehlt aber oft das Verständnis für die Gesamtzusammenhänge der Wirtschaft oder auch nur das Wissen darüber, wie eine Firma funktioniert. Insofern sind die einwöchigen Praktika zur Berufsorientierung, die Gymnasiasten und Realschüler absolvieren, sehr wertvoll. Auch unser „Arbeitskreis Schule-Wirtschaft“ von Südwestmetall leistet wichtige Dienste, wenn er Lehrer und Unternehmer zusammenbringt. Wie fühlt es sich eigentlich an einem Firmensitz in der Provinz an? Ist das ein Nachteil bei der Gewinnung von Arbeitskräften? Unsere Lage ist sehr komfortabel. Wer als junger Ingenieur in der Großstadt leben will, ist von Stuttgart-Mitte aus in 20 Minuten in Waiblingen. Und wer wegen der Familie ins Grüne in Richtung Welzheimer oder Murrhardter Wald ziehen möchte, hat es auch nicht weit. Wenn ich hingegen Kollegen von der Ostalb oder in Oberschwaben höre – die haben es ungleich schwerer, Fachkräfte in ihre Gegend zu lotsen. Deshalb auch das Bekenntnis zum Stammsitz – verbunden mit großen Investitionen? Keine Frage. Wir fühlen uns Waiblingen sehr verbunden. Deshalb haben wir mit der Stammbelegschaft einen Standortsicherungsvertrag abgeschlossen, der bis 2020 betriebsbedingte Kündigungen ausschließt. Zugleich investieren wir in den nächsten Jahren rund 300 Millionen Euro in die Erweiterung und Erneuerung des deutschen Stammhauses – also zum Beispiel in die Vertriebslogistik, unsere Hauptverwaltung, in die neue Stihl-Markenwelt als Leuchtturmprojekt sowie in Zusammenarbeit mit der Stadt Waiblingen in die Mia-Stihl-Kindertagesstätte. Und all dies, obwohl der Standort Deutschland Tücken hat? Sie schimpfen ja gar nicht. Mir fallen durchaus Dinge ein. Die Arbeitskosten sind vergleichsweise hoch. Zudem ist die Verkehrsanbindung des RemsMurr-Kreises alles andere als optimal. Es ist sehr bedauerlich, dass eine Nord-OstUmfahrung nicht in Sicht ist. Auch bei der digitalen Infrastruktur gibt es Defizite. Insofern gibt es an verschiedenen Stellen einen erheblichen Verbesserungsbedarf. Engagieren Sie sich deshalb beim Arbeitgeberverband Südwestmetall – oder weil es bei Stihl Tradition hat, Lobbyorganisationen der Wirtschaft aktiv zu unterstützen? Südwestmetall ist als Sozialpartner weit mehr als eine Lobbyorganisation. Gewiss ist das Engagement hier im Haus eine gute Tradition, die gepflegt sein will. Aber es ist ja kein Selbstzweck. Vielmehr sieht es das Unternehmen aus einem Verantwortungsgefühl heraus für notwendig an, bei der Tarif- und der Sozialpolitik die Stim-

Trotz ernster Themen durchaus heiter: Manager Michael Prochaska me zu erheben und mitzugestalten. Die Südwestmetall-Bezirksgruppe vertritt immerhin allein im Rems-Murr-Kreis rund 100 Mitgliedsbetriebe mit insgesamt rund 20 000 Mitarbeitern. Aber so sehr sind Sie nicht durchgedrungen. Entgeltgleichstellungsgesetz, Mindestlohn, Bildungsurlaub – alles nicht in Ihrem Sinne. Das alles sind Gesetze, mit denen wir als Arbeitgeber nicht glücklich sind. Die Lohnkosten sind hoch genug in Deutschland. Und es ist schwer verdaulich, wenn immer weitere Belastungen dazukommen. Das muss ja alles erst einmal verdient werden. Insofern verspreche ich Ihnen: Wir werden nicht aufhören, uns Gehör zu verschaffen – im Rems-Murr-Kreis und darüber hinaus. Wie zufrieden sind Sie denn mit der grünschwarzen Landesregierung? Die alte Landesregierung hat uns eher enttäuscht. Sie war wenig wirtschaftsfreundlich, weil sie zum Beispiel den Bildungsurlaub eingeführt hat. Als gäbe es nicht genügend Möglichkeiten der betrieblichen Weiterbildung. Da wäre es sinnvoller gewesen, den Bildungsbereich insgesamt deutlich zu stärken. Offen gesprochen, freuen wir uns nun über die neue Wirtschaftsministerin Nicole HoffmeisterKraut. Ich habe den Eindruck, dass da-

MANAGER UND FUNKTIONÄR Der Vorstand Michael Prochaska, Jahrgang 1962, ist seit 2012 Vorstand für Personal und Recht beim Motorsägen- und MotorgeräteHersteller Stihl in Waiblingen, der mit weltweit mehr als 14 000 Mitarbeitern pro Jahr mehr als drei Milliarden Euro Umsatz erzielt. Der Wirtschaftspsychologe Prochaska hat zuvor verantwortlich bei Haniel, bei der Linde Group sowie bei Porsche gearbeitet. Seit 2013 ist er Vorsitzender der Bezirksgruppe Rems-Murr des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall.

Im Gespräch: Michael Prochaska mit den Redakteuren Achim Wörner ( links) und Frank Rodenhausen (rechts)

Der Verband Südwestmetall ist einer der größten industriellen Arbeitgeberverbände in Deutschland und vertritt in Baden-Württemberg die Interessen von 1000 Mitgliedsbetrieben in der Metall- und der Elektroindustrie mit fast einer halben Million Beschäftigten. wö

Fotos: Gottfried Stoppel

durch der Draht zur Wirtschaft wieder besser geworden ist. Die angekündigten Fahrverbote für Stuttgart können Ihnen aber nicht gefallen. Generelle Fahrverbote halte ich nicht für geeignet, um das anhaltende Feinstaubproblem in Stuttgart zu lösen. Die Landeshauptstadt sollte vielmehr ein Gesamtkonzept vorlegen und mit der Wirtschaft abstimmen. Ansonsten sind aufgrund des geplanten Fahrverbots Versorgungsengpässe in Stuttgart und die Diskriminierung zahlreicher Unternehmen zu befürchten. Wobei pikanterweise auch bei Stihl der Trend zu akkubetriebenen Geräten geht. Ich will festhalten, dass unsere benzinbetriebenen Geräte, „Generelle Fahrverbote zum Beispiel Motorsägen, die halte ich nicht für Abgasnormen weit übertref- geeignete Mittel, um fen. Um dies zu garantieren, haben wir über die vergange- das Feinstaubproblem nen Jahre hinweg mehr als in Stuttgart zu lösen.“ 500 Millionen Euro in die Michael Prochaska, Chef von Entwicklung umweltscho- Südwestmetall im Rems-Murr-Kreis nender, abgasarmer Motortechnik investiert. Wir bieten unseren Kunden mittlerweile die größte Palette an Akku-Produkten in unserer Branche an. Diese haben zwar nicht den typischen Zweitaktersound, sind dafür aber nicht so laut, was in Wohngegenden von Vorteil ist. Sie sind trotzdem leistungsstark und leichter zu bedienen. Dadurch erschließen wir uns neue Marktsegmente: Vor allem Frauen stehen darauf. Da schließt sich die Frage nach einem verwandten Zukunftsthema an: Industrie 4.0. Können Sie den Begriff noch hören? Der Begriff stört mich nicht, im Gegenteil. Er hat die Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt, das in Deutschland lange Zeit unterbelichtet war. Bei Stihl haben wir früh auf die Digitalisierung gesetzt, die große Chancen birgt – durch eine bessere Vernetzung in Entwicklung und Produktion, eine vorausschauende Wartung von Geräten und Maschinen sowie schnellere Berücksichtigung individueller Kundenwünsche. Das Gespräch führten Frank Rodenhausen und Achim Wörner.


32 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Hand in Hand ins Arbeitsleben Die Zusammenarbeit von Schulen und Betrieben wird im Rems-Murr-Kreis großgeschrieben. Davon profitieren auch die Lehrer. Von Phillip Weingand

Bildungspartnerschaften

W

as kommt nach dem Abschluss? Diese Frage stellen sich Jahr für Jahr unzählige Schüler. Gleichzeitig suchen immer mehr Firmen verzweifelt nach Fachkräften, die gut zu ihnen passen. Damit beide Gruppen zueinanderfinden, sind viele Schulen in Baden-Württemberg Bildungspartnerschaften mit Unternehmen eingegangen. Schon 2008 hatte die damalige Landesregierung das Ziel ausgegeben, jede Schule landesweit solle mindestens eine solche Partnerschaft eingehen. „Dieses Ziel ist inzwischen erreicht“ , sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums. Alle knapp 1700 allgemeinbildenden weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg haben seitdem mit 3800 Firmen vereinbart, in welchen Bereichen sie kooperieren wollen. Die Schulen im RemsMurr-Kreis spielen dabei ganz vorn mit: Allein über die hiesige Industrie- und Handelskammer (IHK) sind im Landkreis fast

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . die seit Jahrzehnten stets angenehme, konstruktive und verlässliche Zusammenarbeit mit den hiesigen Behörden. Sie ist für uns als Familienunternehmen eine wichtige Basis, um vorausschauend planen zu können und uns in unserem Heimatkreis langfristig weiterzuentwickeln. Hartmut Jenner Vorsitzender der Geschäftsführung der Alfred Kärcher GmbH & Co. KG Reinigungstechnik in Winnenden Mitarbeiter 11 862 Jahresumsatz 2,33 Mrd. Euro

190 solcher Kooperationen mit 58 Schulen entstanden, was zeigt, dass jede Schule im Durchschnitt mehr als drei Partnerschaften pflegt. Hinzu kommen Kooperationen, die ohne Zutun der IHK entstanden sind. Eine besondere Rolle spielen diese Partnerschaften an der Gewerblichen Schule Backnang (GSBK): 31 solcher Kooperationen gibt es derzeit, zwei weitere stehen kurz vor dem Abschluss. Die Schulleiterin Isolde Fleuchaus, seit neun Jahren an der GSBK, erinnert sich an frühere Zeiten: „Ich hatte in einer Klasse in die Runde gefragt, was die Schüler denn werden wollten. Nur drei, vier Hände gingen nach oben, und ich dachte mir, das kann doch nicht sein, wir sind doch eine berufliche Schule.“ Diese Tage sind gezählt, auch dank der Bildungspartnerschaften, die seit Januar 2011 entstanden sind. Auf der Liste der Partner stehen Bosch, Riva Engineering, Murrplastik, Rewe, aber auch kleinere Betriebe und Handwerksinnungen. Die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit sind breit gefächert, von Schulbesuchen im Betrieb über die Zusage, Praktikanten einer Schule aufzunehmen, bis hin zum Bewerbertraining für Schüler. „Dass große Firmen größere Projekte stemmen können, ist natürlich klar“, sagt Jennifer Bitter, die bei der IHK Rems-Murr die Bildungspartnerschaften betreut. Aber auch kleine Betriebe könnten Angebote machen. An der Gewerblichen Schule Backnang spielen die Partner in verschiedenen Phasen eine Rolle: In der Sekundarstufe 1 können die Schüler auf einer jährlichen „Woche der Bildungspartner“ einen Ausbildungsbetrieb finden. „Die Schüler können ihre Persönlichkeit zeigen, auch abseits ihrer Noten“, sagt Rainer Bay, Abteilungsleiter bei der GSBK. Am Technischen Gymnasium beziehungsweise der Technikerschule können sich Betriebe dann nach Azubis oder Mitarbeitern umsehen.

Schüler bekommen bei Firmenbesuchen nicht nur Einblicke ins Innenleben eines Autos, sondern schnuppern auch die Atmosphäre beim Arbeitgeber. Fotos: Gewerbliche Schule Backnang, Kärcher Papier stellt sicher, dass eine Partnerschaft mehr ist als das reine Durchschleusten von Bogy-Praktikanten: Entscheiden sich eine Schule und ein Betrieb dafür, werden die Pflichten beider Partner schriftlich festgehalten. Beispielsweise sollen sich diese regelmäßig treffen und beim Entwurf gemeinsamer Projekte den Bildungsplan, aber auch individuelle Bedürfnisse der Schüler miteinbeziehen. An der GSBK sind auf diese Weise beeindruckende Projekte entstanden: Kärcher zeigte Schülern, wie empfindliche Denkmäler wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzt werden. Für den Metallverarbeiter Höfliger konstruierten Schüler ein Lehrmodell, an dem künftige Azubis ihre Handgriffe üben können.

Und in Zusammenarbeit mit Tesat Spacecom bauten Schüler eine Parabolantenne, die das Signal eines Satelliten empfangen kann – mit einem Budget von nur 30 Euro. Von einer Partnerschaft profitieren sogar drei Seiten: Die Firma kann früh potenzielle Fachkräfte ausmachen. Der Schüler kann erkunden, ob er sich eine Zukunft in der Branche vorstellen kann. Und die Schulen können sich einerseits damit brüsten, ihre Absolventen in ein Arbeitsverhältnis vermittel zu haben. Andererseits sind die Lehrer durch die Nähe zur Wirtschaft immer auf dem neuesten Stand der Technik. Rainer Bay: „Das ist wichtig, schließlich müssen wir den Schülern eine hochkomplexe Materie darstellen können.“

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Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis 33

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Seefahrer aus Ă&#x153;berzeugung Wer macht sich schon selbstständig, wenn WeltmarktfĂźhrer mit attraktiven Verträgen winken? Wer in diesen Zeiten trotzdem grĂźndet, hat eine Passion. Von Akiko Lachenmann

GrĂźndergeist

D

er heilige Nikolaus schaut etwas fragend in den Raum. Die Ikone, die in Griechenland als Schutzpatron der Seefahrer gilt, wacht von dort oben Ăźber Niko Pitoulis und dessen neues Geschäft Pitoulis Food & Gourmet in Fellbach. Von seiner spiegelblanken Fleischtheke aus, in der eingeschweiĂ&#x;te WĂźrste aus Griechenland akkurat einsortiert liegen, schaut der Jungunternehmer immer wieder ehrfĂźrchtig zu dem Bildnis hinauf. â&#x20AC;&#x17E;Es ist etwas in seinem Blick, das mich antreibtâ&#x20AC;&#x153;, sagt der 38 Jahre alte Grieche. Pitoulis ist ein ExistenzgrĂźnder aus Leidenschaft, einer, der in See gestochen ist, getrieben von einer Idee. Der Medienfachmann aus Welzheim hätte auch in der PR-Branche ein ruhiges Dasein im Angestelltenverhältnis fristen kĂśnnen. Doch als er vor zwei Jahren in seiner griechischen Heimat im Urlaub seiner heutigen Freundin in einer Metzgerei begegnete, klickte es gleich mehrfach. Er verliebte sich nicht nur in sie, sondern auch in das Metier ihrer Familie: Der Vater stellt WĂźrste aus regionalen Zutaten nach einer traditionellen Rezeptur her, er fĂźhrte Pitoulis in die Kunst der Wurstherstellung ein. Der Urlaub wurde um einige Monate verlängert. ZurĂźck kam Pitoulis mit der Frau und der Geschäftsidee seines Lebens. â&#x20AC;&#x17E;Diesen Geschmack findet man in Deutschland nichtâ&#x20AC;&#x153;, sagt er und reicht eine hauchdĂźnne Scheibe Pastourâ&#x20AC;&#x17E;Es kommt auch schon mas, luftgetrockneten Kalbsschinken, Ăźber die Theke. vor, dass ich von meinen Mit ambitionierten UnterKunden nach einer guten nehmern wie Pitoulis arbeitet Idee gefragt werde.â&#x20AC;&#x153; Oliver Kettner am liebsten zusammen. Es gebe auch die anOliver Kettner, GrĂźnderberater bei der IHK Waiblingen deren, sagt der Jurist, der bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Waiblingen täglich ExistenzgrĂźnder berät. â&#x20AC;&#x17E;Viele machen sich aus Not heraus selbstständigâ&#x20AC;&#x153;, erzählt er. Diese Leute brächten allerdings häufig unausgegorene Geschäftsideen mit, denen das â&#x20AC;&#x17E;Alleinstellungsmerkmalâ&#x20AC;&#x153; fehle, wie Kettner sagt. Oft reiche auch die finanzielle Basis nicht, um anfängliche Durststrecken zu Ăźberwinden. â&#x20AC;&#x17E;Es kommt auch schon vor, dass ich von meinen Kunden nach einer guten Idee gefragt werde.â&#x20AC;&#x153; Zurzeit hält sich der Anteil der Verzweifelten allerdings in Grenzen. Der deutschen Wirtschaft geht es gut, was zur Folge hat, dass die Zahl der ExistenzgrĂźndungen sinkt â&#x20AC;&#x201C; sie ist im GroĂ&#x;raum Stuttgart in fĂźnf Jahren um 11,5 Prozent zurĂźckgegangen, im Rems-Murr-Kreis sank sie im selben Zeitraum sogar um knapp 15 Prozent auf 3700 Gewerbe-Neuanmeldungen pro Jahr. â&#x20AC;&#x17E;Vor allem an starken Wirtschaftsstandorten wie der Region Stuttgart halten groĂ&#x;e Firmen jungen Fachkräften direkt nach der Ausbildung einen attraktiven Vertrag unter die Naseâ&#x20AC;&#x153;, beobachtet Oliver Kettner. â&#x20AC;&#x17E;Der Gedanke, sich selbstständig zu machen, kommt da gar nicht auf.â&#x20AC;&#x153;

EIGENE FIRMA WENIGER BEGEHRT NeugrĂźndungen im Rems-Murr-Kreis Anzahl je 1000 Einwohner 8,1

8,5

7,8

7,4

Dass der RĂźckgang im Rems-MurrKreis besonders drastisch ausfällt, erklärt sich Kettner mit der vergleichsweise niedrigen Arbeitslosenquote im Kreis von derzeit 3,6 Prozent. In der Landeshauptstadt liegt die Quote momentan bei fĂźnf Prozent. Franz Falk von der Handwerkskammer Region Stuttgart hält auch die Lebenseinstellung der sogenannten Generation Y fĂźr ein Hindernis â&#x20AC;&#x201C; ihr wird nachgesagt, sie strebe eine Balance aus Beruf, Familie und Freizeit an. â&#x20AC;&#x17E;Wer sich allerdings mit einer neuen Firma im Wettbewerb behaupten will, muss zunächst alles gebenâ&#x20AC;&#x153;, sagt der GrĂźnderberater Falk. Das schrecke viele ab. Umso mehr Energie verwenden Einrichtungen wie die IHK, die Handwerkskammer Region Stuttgart und die Waiblinger Kreissparkasse darauf, Anreize fĂźr ExistenzgrĂźnder zu setzen, weiĂ&#x; man doch um ihren hohen volkswirtschaftlichen Nutzen. Die Kammern beraten nicht nur kostenlos, sie bieten auch Infoabende und Seminare an, wo sie wertvolle Tipps geben. Zweimal im Jahr lädt die IHK in Waiblingen zum sogenannten Feuerstarter ein, wo sich angehende GrĂźnder mit bereits aktiven bei Gegrilltem vernetzen kĂśnnen. Zudem veranstaltet sie sechsmal im Jahr einen Business-Brunch, der begleitet wird von Referaten von Finanz- und Steuerexperten. AuĂ&#x;erdem lobt die Kreissparkasse gemeinsam mit der â&#x20AC;&#x17E;Fellbacher Zeitungâ&#x20AC;&#x153; jährlich einen GrĂźnderpreis aus, der mit 10 000 Euro plus einem professionellen Coaching dotiert ist und den Gewinnern vor allem Renommee im Kreis verschafft. Tim Koschler, der jedes Jahr fĂźr die Bank die Bewerbungen prĂźft, sieht dem statistischen Zahlenwerk zum Trotz â&#x20AC;&#x17E;eine quirlige und kreative GrĂźnderszeneâ&#x20AC;&#x153; im Kreis. Dabei handle es sich meist um heimatverbundene Remstäler, die sich beruflich verwirklichen wollten, â&#x20AC;&#x17E;Frauen wie Männer, rĂźstige Rentner wie Schulabgängerâ&#x20AC;&#x153;. Besondere Branchenschwerpunkte gebe es nicht. â&#x20AC;&#x17E;Wir haben im Landkreis auch keinen Hochschulstandort mit technischer Ausrichtung, um den sich AusgrĂźndungen gruppieren kĂśnntenâ&#x20AC;&#x153;, erklärt er. DafĂźr tauchten originelle Ideen querbeet durch die Branchen auf, von der Optikerin in Winnenden, die â&#x20AC;&#x17E;faireâ&#x20AC;&#x153; Brillen aus nachhaltigen Rohstoffen anbietet, Ăźber einen Erfinder aus AlthĂźtte, der sich eine Brezelschmiermaschine hat patentieren lassen, bis hin zum Wengerter aus Schwaikheim, der Gin aus Weinbergkräutern herstellt. Auffällig sei, dass selbst im Bereich Maschinenbau, in dem Branchenriesen wie Stihl und Bosch sowie ein starker Mittelstand das Sagen haben, einige ExistenzgrĂźnder ihr GlĂźck versuchten. â&#x20AC;&#x17E;Wer sich da hineinwagt, ist allerdings kein Greenhorn mehrâ&#x20AC;&#x153;, stellt Koschler fest. Zu diesen Waghalsigen gehĂśren JĂźrgen Maurer und Uwe Kleinert, die beide aus Beutelsbach stammen und einst schon im selben FuĂ&#x;ballverein gekickt haben. Beide â&#x20AC;&#x201C; schon etwas Ăźber 50 und in ihrem frĂźheren Berufsleben in festen Arbeitsverhältnissen â&#x20AC;&#x201C; hatten den Drang, vor dem Ruhestand noch mal etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Auf einem Weinfest in Beutelsbach vor acht Jahren war es dann so

In den Wßrsten von Niko Pitoulis stecken Feta, getrocknete Tomaten, Honig, Bßffelfleisch und andere Zutaten, Fotos: Gottfried Stoppel (2), Modemanufaktur die fßr einige schwäbische Gaumen neu sein dßrften.

JĂźrgen Maurer (links) und Uwe Kleinert basteln in ihrer Werkstatt in Winterbach maĂ&#x;geschneiderte Montageund PrĂźfanlagen fĂźr namhafte Kunden. weit: â&#x20AC;&#x17E;Jetzt oder nieâ&#x20AC;&#x153;, lautete die gemeinsame Erkenntnis bei einem Gläschen Trollinger. Ein Jahr später schraubten sie dann ihr Firmenschild â&#x20AC;&#x17E;Klumaâ&#x20AC;&#x153; direkt neben den Eingang des Postgebäudes in Winterbach. In einem Nebenraum der Filiale hauchten sie ihrer neuen Firma Leben ein, die auf Sondermaschinen im Bereich PrĂźftechnik spezialisiert ist. Sie kamen natĂźrlich nicht mit leeren Händen. Beide bringen jahrelange Berufserfahrung im Bereich Sondermaschinenbau mit, Kleinert als gestandener Programmierer, Maurer als Vertriebschef bei einem PrĂźftechnikhersteller. Sie wussten genau, wie der Markt funktioniert, worauf es ankommt â&#x20AC;&#x201C; und wo sie ihre Nische finden wĂźrden. â&#x20AC;&#x17E;Als kleines Start-up kĂśnnen wir flexibel und schnell auf die BedĂźrfnisse der Kunden eingehen und diesen gĂźnstige Angebote machenâ&#x20AC;&#x153;, sagt Maurer. â&#x20AC;&#x17E;Zumal uns der Wasserkopf fehlt, der woanders mächtige Kosten verursacht.â&#x20AC;&#x153;

Als Starthilfe diente die Ăźbergelaufene Murr, die bei der Firma Murrplastik die Produktionshallen unter Wasser gesetzt hatte. Als die beiden frischgebackenen GrĂźnder mit keinerlei Referenz in der Tasche dem Unternehmen sagten, sie kĂśnnten sofort anfangen und sich auch bei Servicefragen zeitlich â&#x20AC;&#x17E;Wir haben im Kreis eine komplett nach ihr richten, hat- quirlige und kreative ten sie ihren ersten GroĂ&#x;auf- GrĂźnderszene, die trag in der Tasche. Mittlerweile gesellen sich sich querbeet durch zu den Kundenreferenzen gro- alle Branchen zieht.â&#x20AC;&#x153; Ă&#x;e Firmen wie Mahle, Eber- Tim Koschler, Berater Corporate Finance spächer und Daimler. Kluma bei der Waiblinger Kreissparkasse beschäftigt heute neun Mitarbeiter, vier Teilzeitkräfte und mehrere externe Dienstleister. Das BĂźro ist zu einem langen Schlauch an Räumen angeschwollen, der sich bis ans hintere Ende des Postgebäudes zieht. Ein neuer Standort steht auch schon fest â&#x20AC;&#x201C; im Remstal, versteht sich.

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Unser Immunsystem braucht Selen

* Jan. bis Sept.

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Quelle: Statistisches Landesamt

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . dass er so ist, wie ich bin. Stolz auf seine Traditionen, innovativ mit neuen Ideen. Manchmal etwas stur bei der Umsetzung der eigenen Pläne, dennoch neugierig und offen. Im positiven Sinne des Wortes: einfach schwäbisch! Petra Dannenmann Modemanufaktur DannenmannPure in Weinstadt-Strßmpfelbach

Š Wavebreakmedia / istockphoto

2009

  

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34 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Stuttgarter Zeitung | Nr. 2 |

Weltklasse mi

Sagenhafte Sägen â&#x20AC;&#x17E;Gesägt, getanâ&#x20AC;&#x153;, lautete einer der griffigen Werbeslogans des Unternehmens, dessen Name landläufig in einem Zug mit Motorsägen ausgesprochen wird. Die Stihl-Gruppe entwickelt, fertigt und vertreibt motorbetriebene Geräte fĂźr die Forst- und die Landwirtschaft sowie fĂźr die Landschaftspflege, die

Bauwirtschaft und anspruchsvolle Privatanwender. Ergänzt wird die Produktpalette durch das Gartengeräte-Sortiment der Marke Viking. Die Produkte werden grundsätzlich Ăźber den Fachhandel vertrieben â&#x20AC;&#x201C; mit 37 eigenen Vertriebsund Marketinggesellschaften,

Eines von vielen Stihl-Modellen

MarktfĂźhrer

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BauklĂśtze Ein Baustein ziert das Logo der Firma Dusyma in Schorndorf. Deren GrĂźnder, der Ingenieur Kurt Schiffler, hatte eigentlich einen Durchmesser-Symmetrie-MaĂ&#x;stab erfunden. Um dieses Lineal zu produzieren, grĂźndete er die Firma, deren Name aus den Anfangsbuchstaben seiner Erfindung besteht. Der Erfinder entwarf aber auch Spielzeug wie die besagten Bausteine und die KnĂźpferli. Und vor allem entwickelte er MĂśbel in kindgerechten GrĂśĂ&#x;en. Damit belieferte er als erster Kindergärten und initiierte eine komplette Branche. Dusyma ist heute ein international erfolgreiches, mittelständisches Familienunternehmen. Es liefert weltweit pädagogisches Spiel- und Lernmaterial, MĂśbel und AuĂ&#x;enspielgeräte. Bei der Entwicklung von Spielzeug und didaktischem Material legt Dusyma Wert auf Internationalität, damit die Produkte den AnsprĂźchen von Kindern auf der ganzen Welt entsprechen.

Design fĂźr Technik Im Jacobi-Areal, einer frĂźheren Destille, ist heute die Bernd KuĂ&#x;maul GmbH in WeinstadtGroĂ&#x;heppach zu finden. Der Technologie- und Designdienstleister, der 40 Mitarbeiter beschäftigt, arbeitet seit 20 Jahren mit namhaften Marken aus der internationalen Automobilindustrie wie Audi und Bugatti, aber auch Jaguar/Land Rover und Rolls-Royce zusammen. â&#x20AC;&#x17E;Wenn es kompliziert wird,

Neben den GrĂśĂ&#x;en Kärcher und Stihl gibt es im Rems-Murr-Kre breiten Ă&#x2013;ffentlichkeit jedoch unbekannt sind. Wir stellen einige dieser Unterne

rund 120 Importeuren und mehr als 45 000 Fachhändlern in mehr als 160 Ländern. Stihl ist seit 1971 die meistverkaufte MotorsägenMarke weltweit. Das Unternehmen wurde 1926 gegrßndet und hat seinen Stammsitz in Waiblingen. Stihl erzielte 2015 mit 14 245 Mitarbeitern weltweit einen Umsatz von 3,25 Milliarden Euro.

schlägt unsere Stundeâ&#x20AC;&#x153;, sagt Bernd KuĂ&#x;maul. Auch andere Branchen wie die Medizintechnik und Luftfahrt oder der Sondermaschinenbau greifen auf das technologische Know-how der Firma im Remstal zurĂźck. DafĂźr wurde KuĂ&#x;maul mehrmals als eines der innovativsten Unternehmen Deutschlands ausgezeichnet. Bugatti hat ein KuĂ&#x;maulBauteil des Modells Chiron sogar als â&#x20AC;&#x17E;Masterpiece of the Artâ&#x20AC;&#x153; ausgezeichnet.

Der Baustein ziert das Logo.

opiert werden nur die Besten â&#x20AC;&#x201C; der katalonische KĂźnstler Salvador DalĂ­ war dieser Meinung und deshalb stolz, dass seine Werke oft gefälscht wurden. Produktpiraten denken ähnlich. Sie kopieren nur, was als Qualitätsprodukt weithin bekannt ist. Namhafte Hersteller kĂśnnen ein Lied davon singen, die MarktfĂźhrer zuvĂśrderst. Zu den bekanntesten zählen im Rems-MurrKreis Stihl und Kärcher. Das markante Orange-WeiĂ&#x; und GelbSchwarz ihrer Produkte findet sich auf einer Vielzahl von Plagiaten. Diesen versuchen die beiden Firmen konsequent das Handwerk zu legen. Die Firma Stihl hat deshalb den Plagiarius-Schmähpreis mit ins Leben gerufen, der jährlich fĂźr die frechsten Kopien vergeben wird. Kärcher in Winnenden ist in mindestens einem genauso groĂ&#x;en Umfang von Produktpiraterie betroffen, wenn nicht sogar mehr. Denn die Reinigungsgeräte findet man in zahllosen Haushalten weltweit, wahrscheinlich häufiger als Motorsägen oder Trennschleifer. Die Fenstersauger WV 2 und WV 5 etwa sind mit mehr als 15 Millionen verkauften Exemplaren nicht nur ein Renner unter den Kärcher-Produkten, sie wurden auch flugs nachgeahmt. Eine chinesische Firma warf einen Window Vac WV 75 auf den Markt, der dem Original aus Winnenden zum Verwechseln ähnlich sah. Nur auf die markante Farbkombination aus leuchtendem Gelb und Schwarz hatten die Piraten verzichtet. Neben Gelb-Schwarz gibt es noch die GrauSchwarz-Kombination fĂźr die Profi-Linie des Reinigungsgeräteherstellers, der unangefochten die Spitze seines Markts anfĂźhrt und im vergangenen Jahr mehr als 100 Neuheiten in den Verkauf gebracht hat. â&#x20AC;&#x17E;Unser Wachstum war im vergangenen Jahr etwa doppelt so hoch wie der Branchendurchschnittâ&#x20AC;&#x153;, sagt Hartmut Jenner, der Vorsitzende der GeschäftsfĂźhrung. Der Name Kärcher ist im Ausland fast noch populärer als in Deutschland. In Frankreich hat er es sogar in das Dictionnaire Le Robert geschafft, das Pendant zum deutschen Duden. â&#x20AC;&#x17E;Le KarschĂŠâ&#x20AC;&#x153;

Das KuĂ&#x;maulInterieur eines Jaguar i-Pace

Verpackungskunst

         

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Die Harro HĂśfliger Verpackungsmaschinen GmbH mit Sitz in Allmersbach im Tal ist spezialisiert auf die Entwicklung und Herstellung von Produktions- und Verpackungsanlagen. Alle Maschinen und Anlagen werden in der Region entwickelt und gebaut, die Exportquote liegt bei rund 80 Prozent. Seit der GrĂźndung 1975 in UntertĂźrkheim expandiert das Unternehmen kontinuierlich und hat mittlerweile rund 1100

Mitarbeiter. Neben Allmersbach im Tal gibt es Standorte in Backnang, GroĂ&#x;aspach und Satteldorf sowie ein weltweites Netz von Vertriebsund Service-Niederlassungen. Harro HĂśfliger ist Mitglied der Excellence United, einer strategischen Allianz von fĂźnf fĂźhrenden Maschinenbauern und Anlagenherstellern in Deutschland.

  

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . die Kombination aus sehr gut ausgebildeten Mitarbeitern, Spitzentechnologie und Lebensqualität. In diesem ausgezeichneten Umfeld entwickeln unsere Experten Hightech-Produkte, die fßhrend am Weltmarkt sind. Michael Keinert Sprecher des Vorstands der Pfisterer Holding AG , Spezialausrßster und Systemanbieter im Bereich der Energie-Infrastruktur, Winterbach Mitarbeiter 2700 Jahresumsatz 400 Millionen Euro


Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis 35

| Stuttgarter Nachrichten | Mai 2017

it Lokalkolorit

SchĂśner hĂśren

eis eine Reihe von Hidden Champions â&#x20AC;&#x201C; Firmen, die zwar global agieren, einer ehmen vor. Alle zu zeigen, wĂźrde den Rahmen sprengen. Von Thomas Schwarz

gilt als Synonym fĂźr einen Dampfoder Hochdruckreiniger. Dass dieser in aller Munde bleibt, dafĂźr sorgt die clevere Ă&#x2013;ffentlichkeitsabteilung des Unternehmens, die seit Jahren mit aufsehenerregenden Reinigungsaktionen fĂźr Schlagzeilen sorgt. Unter anderem wurden Teile des Vatikans, empfindliche ägyptische Monumente und nicht zuletzt die steinernen PräsidentenkĂśpfe am Mount Rushmore in den USA â&#x20AC;&#x17E;gekärchertâ&#x20AC;&#x153;. Damit zeigt die Firma auch, welches Spektrum an verschiedenen Techniken sie abdeckt. Denn Schmutz ist nicht gleich Schmutz. Das Unternehmen kĂźmmert sich quasi um jeden Dreck â&#x20AC;&#x201C; mit anhaltendem Erfolg. Neben den beiden BerĂźhmtheiten gibt es eine groĂ&#x;e Reihe nicht weniger erfolgreicher Firmen im Rems-Murr-Kreis, die einer breiten Ă&#x2013;ffentlichkeit kaum bekannt sind â&#x20AC;&#x201C; auĂ&#x;er an ihren Standorten, wo sie meist zu den grĂśĂ&#x;ten Arbeitgebern zählen. Diese Hidden Champions agieren zumeist im sogenannten B2B-Markt, liefern ihre Produkte also nicht an Endverbraucher, sondern an

professionelle Anwender. In einem vom Maschinenbau geprägten Raum sind das vor allem Zulieferer fĂźr die Stuttgarter Autoschmieden, aber auch Spezialisten, die in Nischen des Weltmarkts zur Spitze zählen. So beliefert Dusyma in Schorndorf Kindergärten, Horte, Schulen oder therapeutische Einrichtungen mit passenden MĂśbeln und Spielsachen. Der FirmengrĂźnder Kurt Schiffler entwickelte Ende der zwanziger Jahre nicht nur KindermĂśbel â&#x20AC;&#x201C; zuvor gab es in Kindergärten nur normale Tische und StĂźhle â&#x20AC;&#x201C;, sondern auch Spielzeug, das die Kreativität fĂśrdert, und begrĂźndete zudem die Branche der Kindergartenausstatter. Neben den Bausteinen, die das Firmenlogo zieren, sind die KnĂźpferli bekannt, ein Steckspielzeug, das die räumliche Vorstellung fĂśrdert: â&#x20AC;&#x17E;Langeweile hast du nie mit Duysma-KnĂźpferliâ&#x20AC;&#x153;. Seit ihrer GrĂźndung 1996 versteht sich die Bernd KuĂ&#x;maul GmbH in Weinstadt-GroĂ&#x;heppach als Technologie- und Designdienstleister. Vor allem namhafte Marken aus der internationalen Automobilindustrie wie Audi und Bugatti, aber auch Jaguar/Land Rover und RollsRoyce wurden zu Kunden der schwäbischen Ideenschmiede aus dem Remstal. Ein weiterer Schwerpunkt des Maschinenbaus im Kreis liegt bei der Verpackungstechnologie. Unter anderem betreibt Bosch in Waiblingen seinen Verpackungsbereich. In Waiblingen existiert zudem seit 2007 ein Kompetenzzentrum fĂźr Verpackungs- und Automatisierungstechnik, ein Verein, dem 31 Unternehmen, zwei Hochschulen und drei Organisationen angehĂśren. Eines der GrĂźndungsunternehmen war die Harro HĂśfliger Verpackungsmaschinen GmbH mit dem Hauptsitz in Allmersbach im Tal bei Backnang. Deren Schwerpunkt liegt auf der Verpackung pharmazeutischer und medizinischer Produkte. Bei der Mikrodosierung von Pulver fĂźr Inhalationsprodukte, der Verarbeitung von Bahnmaterialien und der automatisierten Produktmontage hat sich HĂśfliger zum internationalen TechnologiefĂźhrer entwickelt.

Ein Line-Array, eine Vorrichtung, um eine Batterie von Lautsprechern aufzuhängen

Die Firma Tesat Spacecom in Backnang ist der europäische Marktfßhrer im Bereich der nachrichtentechnischen Systeme von Kommunikationssatelliten. Das Produktspektrum reicht von kompletten Nutzlasten ßber Geräte und Baugruppen bis hin zu hochwertigen Bauteilen fßr Raumfahrtanwendungen. Ausgehend von ihrer Fßhrungsposition im Satellitenmarkt und den dort notwendigen hÜchsten Qualitätsstandards werden die Produkte von Tesat-Spacecom weltweit in verschiedenen raumgestßtz-

Fotos: Alfred Giesser Messerfabrik, d&b Audiotechnik, Dusyma, Harro HĂśfliger, Kärcher, KuĂ&#x;maul, Marc Gilardone, Pfisterer, Stihl, Tesat

Der Fenstersauger ist ein Renner bei Kärcher.

In einem Satz

ZubehĂśr von d&b immer häufiger als Festinstallationen zum Einsatz. JĂźrgen Daubert und Rolf Belz grĂźndeten d&b 1981 in Korb bei Waiblingen, 1989 zog die Firma nach Backnang. Dort haben Forschung, Entwicklung und Produktion ihren Platz. d&b beschäftigt mehr als 400 Mitarbeiter und ist rund um den Globus präsent. Lautsprecher von d&b kann man auch jährlich beim Backnanger StraĂ&#x;enfest hĂśren, bei dem ein Verleiher solche Anlagen einsetzt.

All an Erde

Eine Auswahl von GiesserIndustrieklingen

Eine Tray-HandlingVerpackungsmaschine fĂźr Tabletten

Was hat das Opernhaus in Sydney mit dem Stadion von Ajax Amsterdam gemeinsam? Die Antwort kommt aus Backnang: Beschallungsanlagen aus dem Hause d&b audiotechnik. Das frĂźhere GaragenStart-up d&b hat sich in mehr als 35 Jahren zu einem der weltweit fĂźhrenden Anbieter professioneller Audiotechnik entwickelt. Neben mobilen LĂśsungen fĂźr Events, Konzerte und GroĂ&#x;veranstaltungen kommen Lautsprecher, Verstärker, Software und

ten Systemen fĂźr Telekommunikation, Navigation und Erdbeobachtung eingesetzt. Das abgebildete Bauteil ist ein sogenanntes LCT, das seit zehn Jahren erfolgreich im All arbeitet. Das Laser Communication Terminal (LCT) ermĂśglicht die DatenĂźbertragung zwischen Satelliten via Laser â&#x20AC;&#x201C; und zwar Ăźber eine Distanz von mehr als 40 000 Kilometern bei Datenraten von bis zu 1,8 Gigabit pro Sekunde.

Von Backnang in den Orbit: ein Satellitenbauteil von Tesat Spacecom

Sauberer Schnitt Wer ein Lachsfilet beim Fischhändler oder im Supermarkt kauft, bekommt es weitgehend haut-, fett- und grätenfrei. Mit grĂśĂ&#x;ter Wahrscheinlichkeit wurde der Lachs mithilfe eines Werkzeugs aus Winnenden filetiert. Die Alfred Giesser Messerfabrik ist fĂźhrend bei Messern fĂźr die Lebensmittelproduktion, besonders fĂźr die fischverarbeitende Industrie.

Das Sortiment umfasst aber auch Messer fĂźr die Verpackungs-, die Textil-, die Papier-, die Kunststoff- und die gummiverarbeitende Industrie. â&#x20AC;&#x17E;Im Lauf der Jahre haben wir uns von Standardprodukten entfernt, um anspruchsvolle Messer fĂźr spezielle technische Anwendungen zu fertigenâ&#x20AC;&#x153;, sagt der Diplom-Ingenieur Berthold Kern, der Technische GeschäftsfĂźhrer der Firma.

Junge Sterne Transporter von Lorinser. So Mercedes wie am ersten Tag. Die Leistungsversprechen auf einen Blick: 24 Monate Fahrzeuggarantie1 12 Monate Mobilitätsgarantie1 *##   " #    HU-Siegel jßnger als 3 Monate Wartungsfreiheit fßr 6 Monate (bis 7.500 km) Attraktive Finanzierungs-, Leasingund Versicherungsangebote 1 2

                             

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Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . die Motivation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie die Nähe zu namhaften Unternehmen, die gerne unsere Leistungen und Lieferungen, die wir als â&#x20AC;&#x17E;Partner der Bestenâ&#x20AC;&#x153; anbieten kĂśnnen, nutzen und einsetzen. Karl Schnaithmann geschäftsfĂźhrender Gesellschafter der Schnaithmann Maschinenbau GmbH in Remshalden Mitarbeiter 250 Jahresumsatz 50 Millionen Euro


36 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Partner des Mittelstands Zwischen der heimischen Wirtschaft und den örtlichen Banken gibt es traditionell enge Bande. Dabei sind die Kreditinstitute zum Wachstum gezwungen, um veränderten Marktanforderungen gerecht zu werden. Von Achim Wörner

Finanzen

F

ast druckfrisch ist der Geschäftsbericht, den Hans Rudolf Zeisl dem Besucher überreicht. Und seinem Gesicht ist eine gewisse Zufriedenheit abzulesen. Das vergangene Jahr ist – trotz schwieriger Begleitumstände – gut gelaufen für die Volksbank Stuttgart, die seit der Fusion im Jahr 2010 mit der Volksbank Rems ihr Terrain auf den Rems-Murr-Kreis ausgedehnt hat. Mit einer Bilanzsumme von fast 6,5 Milliarden Euro hat das Geldinstitut seine Stellung als größte Volksbank in Baden-Württemberg weiter ausgebaut, wie der Vorstandsvorsitzende Zeisl vermerkt. „Die Bündelung der Kräfte hat sich bewährt“, sagt er. Dabei spielt Zeisl auch auf die Fusion vor zwei Jahren mit der Korber Bank und jüngst mit der Kerner Volksbank und der VR-Bank Weinstadt an. Im Rems-MurrKreis spiegelt sich dabei ein Trend, der seit den 70er Jahren bundesweit zu beobachten ist und zuletzt an Fahrt gewonnen hat: Von einst mehr als 7000 eigenständigen Volksbanken sind bis zum Ende des vergangenen Jahres gerade einmal 972 übrig geblieben. Zugleich prophezeit der Banker, dass der Prozess der Arrondierung damit längst nicht abgeschlossen sei. Um den Anforderungen am Markt gerecht zu werden und

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . dass sich genauso wie die Weinqualität aus dem Remstal die Handwerksbetriebe zu einem der wichtigsten wirtschaftlichen Impulsgeber der Region entwickelt haben. Man spricht deshalb nicht umsonst vom Musterkreis im Musterländle. Gert Aldinger Weingut Aldinger in Fellbach Mitarbeiter 12 Jahresumsatz 250 000 Flaschen

die auf Wachstum ausgerichteten mittelständischen Unternehmen optimal bedienen zu können, müssten auch die Kreditinstitute selbst wachsen. Dabei sei das Wachstum kein Selbstzweck, wie Zeisl betont. Eine größere Kapitalkraft sei aber zwingend notwendig, um für die anstehenden Aufgaben gut gerüstet zu sein. Nicht verloren gehen soll dabei der persönliche Kontakt zu den Kunden, die Nähe zum Markt. Ein Ziel der 1865 gegründeten Volksbank ist es deshalb ausdrücklich, das bestehende Filialnetz möglichst flächendeckend zu erhalten. „Wir müssen ein Gesicht vor Ort haben“, sagt Zeisl, „eben das unterscheidet uns von anderen Banken.“ Nur so kann es aus seiner Sicht gelingen, das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauen weiter zu rechtfertigen und sich auch in Zukunft als örtlicher und „echter Partner des Mittelstandes“ zu profilieren. Mit zu dieser Politik gehört im Übrigen, sich im kulturellen, im sportlichen und im sozialen Bereich finanziell wie ideell zu engagieren. Eben dieses Selbstverständnis hat auch die vor mehr als 130 Jahren gegründete Kreissparkasse Waiblingen. „Unsere Berater sind im Rems-Murr-Kreis zu Hause“, heißt es dort. „Sie kennen die Bedürfnisse der Kunden und sind kompetente Ansprechpartner sowohl für die Privat- als auch die Firmenkunden.“ Die Unternehmen als Finanzdienstleister von der Gründung bis zur Nachfolge zu begleiten, das ist einer der Ansprüche, die die Sparkasse mit fast 1400 Mitarbeitern und 85 Dependancen an sich selbst stellt. Wichtig dabei: „Das Ohr immer am Markt zu haben“, so das Credo bei einer der großen Sparkassen Deutschlands mit einer Bilanzsumme von mehr als 7,7 Milliarden Euro. Die Industrie- und Handelskammer der Region Stuttgart (IHK) unterstreicht, dass Banken für viele Firmen nach wie vor eine zentrale Rolle bei Finanzierungsthemen, bei Exportge-

Volksbank und Kreissparkasse engagieren sich traditionell sozial und kulturell. schäften oder im Zahlungsverkehr spielten. Daher seien Banken für Unternehmen „wichtige Partner“, wie Bernd Engelhardt sagt, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK. Der klassische Bankkredit bleibe der bevorzugte Finanzierungsbaustein der mittelständischen Unternehmen – wobei diese „zunehmend“ die Möglichkeit hätten, Vorhaben über Alternativen zu stemmen. Stichworte etwa: Leasing, Factoring, Anleihen, Förderprogramme oder Crowdfinancing. Hinzu komme, dass bei einer guten Konjunktur die Eigenfinanzierungskraft in der Regel steige. „Dies führt dazu“, so Engelhardt, „dass Unternehmen Verbindlichkeiten zurückführen oder vermehrt Inves-

Fotos: Aldinger, Buettner/KSK-Stiftung

titionen aus dem eigenen Cashflow tätigen können.“ Und nicht von der Hand zu weisen sei auch, dass potente Firmen zunehmend von anderen inländischen Finanzinstituten oder gar Auslandsbanken umworben würden. Insgesamt aber setzten die Unternehmen meist nach wie vor auf das System von ein, zwei Hausbanken. „Wichtig ist eine langfristige Beziehung“, so Engelhardt, „die auf Gegenseitigkeit, Vertrauen und Transparenz beruht.“ Etwas anders sieht es im Bereich der Existenzgründer aus, die Risikokapital benötigen. Von den Banken sei dies in aller Regel nicht zu bekommen, betont der Start-up-Unternehmer Michael Aechtler: „Da braucht es ganz andere Geldquellen.“

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Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis 37

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Vom Fuhrwerk zur S-Bahn Straßen und Schienen haben den Wandel des Kreises vom Agrarland zum Industriegebiet vorangetrieben. Von Oliver Hillinger

Mobilität

W

er den Rems-Murr-Kreis als verstädtertes und industriebetontes Gebiet vor Augen hat, sollte den Blick in die Vergangenheit lenken. Größer könnte der Unterschied nicht sein, denn vor 170 Jahren war das heutige Kreisgebiet reines Agrarland. Im Remstal herrschte der Ackerbau vor, in der Murr-Region die Viehzucht. Schrittweise wandelte sich das Gebiet in sein heutiges Antlitz – und dieser Wandel hat viel mit dem Ausbau der Verkehrswege zu tun.

Mit der Kutsche von West nach Ost Der Vorgänger der B 29 nannte sich „Nürnberger Route, eine alte Fuhrwerkverbindung, die von Cannstatt aus nach Nördlingen im heutigen Bayern führte. Ihre Urgroßväter waren Römerstraßen, die südlich des Limes das Remstal erstmals zur Verkehrachse machten. Das Pendant nach Backnang hieß „Haller Route“. Die fahrbaren Untersätze jener Zeit waren Fuhrwerke. Im Jahr 1875, als schon eine Bahn fuhr,

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-MurrKreis schätze ich besonders . . . . . . dass wir hier die Menschen finden, mit denen es uns gelingt, unsere Ziele zu verwirklichen. Michael Holtmann Geschäftsführer der Firma Wilhelm Bahmüller, Maschinenbau Präzisionswerkzeuge in Plüderhausen Mitarbeiter 320 Jahresumsatz 70 Millionen Euro

verkehrten im Remtal täglich noch zwischen 110 und 160 Zugtiere. In Richtung Backnang, wohin damals noch keine Schienen führten, waren es zwischen 305 und 325. Es gab befestigte Straßen, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts angelegt worden waren. Das schnellste Transportmittel für Passagiere war damals die Postkutsche.

Dampfrösser statt Gespanne Im Juli 1861 wurde alles anders: Erstmals dampfte ein Zug von Cannstatt durch das Remstal nach Wasseralfingen bei Aalen. Längs der Bahnlinie siedelten sich die ersten Fabriken an dem Schienenweg an. Zunächst verdammten die pietistischen Pfarrer die Dampfrösser, später erkannten sie die Chance für ihre armen Schäfchen. Von 1876 an begannen auch an der Murrbahn die Schornsteine zu qualmen. Ziegeleien, Lederfabriken und auch holzverarbeitende Industrie siedelten sich an. Aus Bauern wurden Arbeiter.

Foto: Stadtarchiv Schorndorf / Nuding

Die Straße wird vierspurig Die nächste Veränderung brachte das Auto mit sich: Die Bundesstraßen wurden ausgebaut zu einer vierspurigen autobahnähnlichen Schnellstraße. Zwischen 1970 und 1997 wurde die B 29 zum West-Ost-Schnellweg. 2005 waren bereits mehr als 50 000 Fahrzeuge an Werktagen unterwegs. Noch mehr Verkehr hätte eine Autobahn gebracht, die A 45, die laut einer Planung aus den 70er Jahren das Remstal auf Höhe von Winterbach gequert hätte. Nach Bürgerprotesten legt

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Die Eröffnung der S-Bahn 1981 bringt Schwung in den Schienenverkehr im Kreis.

Mobilität im Wandel: Mit der Postkutsche fing alles an, Ende des 19. Jahrhunderts kamen Bahnlinien hinzu, heute prägen vierspurige Straßen den Verkehr. Fotos: Kraufmann, Kreisarchiv Waiblingen, Udo Schoenewald, Wilhelm Bahmüller der CDU-Ministerpräsident Lothar Späth das Projekt ad acta. Der Kreis ist bis heute der einzige in der Region, der nicht von einer Autobahn durchzogen wird. Gleichwohl, sagen Kritiker, zersiedeln die großen Bundesstraßen die Landschaft, ohne die täglichen Pendlerstaus zu verhindern.

Die S-Bahn soll’s richten Abhilfe schaffen sollte eine Aufwertung der Schiene: Am 26. September 1981 nahmen

die S-Bahn-Linien S 2 nach Schorndorf und S 3 nach Backnang ihren Betrieb auf. Der Kreis rückte näher heran an die Landeshauptstadt, was sich auf Mieten, Grundstückspreise und Standortentscheidungen auswirkte. Die Quelle an Verbesserungsvorschlägen ist noch nicht versiegt: Barrierefreie Bahnsteige, ein engerer Takt, neue Tangentialverbindungen. Experten raten daher, die Investitionen in die Schiene in den kommenden Jahren zu erhöhen.


38 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Wo drückt der Schuh? Die Kommunen lassen sich einiges einfallen, um Unternehmen, Gewerbetreibende und Einzelhandel zu unterstützen. Die Maßnahmen der Kümmerer sind in den Großen Kreisstädten andere als in den ländlichen Gegenden. Von Annette Clauß

Wirtschaftsförderung

W

elch ein krasser Gegensatz. Da ist zum einen die Große Kreisstadt Waiblingen: gelegen im Speckgürtel der Landeshauptstadt, rund 55 000 Einwohner, Standort diverser weltweit agierender Unternehmen mit ausgedehnten Gewerbegebieten. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer im Jahr 2016: 58,1 Millionen Euro. Auf der anderen Seite die Kommune Kaisersbach im Welzheimer Wald: ländlich geprägt, etwa 2500 Einwohner, die verteilt auf 43 Ortsteile leben. Größere Industriebetriebe gibt es nicht. Die 2016 eingenommene Gewerbesteuer in Höhe von 400 000 Euro stammt von kleinen Gewerbebetrieben und Dienstleistern. Solche Gegensätze sind typisch für den Rems-Murr-Kreis. Deshalb sieht die Wirtschaftsförderung in Kaisersbach völlig anders aus als in den Großen Kreisstädten Waiblingen, Schorndorf, Winnenden, Backnang, Weinstadt oder Fellbach. „Zur Amtseinführung eines Oberbürgermeisterkollegen im Remstal bringe ich ein Bauernbrot aus dem Holzbackofen, Wurstdosen von einer unserer sechs Landmetzgereien und Blütenzucker von den

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . den gesamtheitlichen Mix, den unsere Region zu bieten hat. Auf der einen Seite haben wir hier viel Industrie und eine hohe Bevölkerungsdichte, auf der anderen Seite bleibt uns aber er rins auch das ländliche Flair erhalten. : Lo Foto Marcus Lorinser Geschäftsführer des Autohauses Lorinser mit Stammsitz in Waiblingen Mitarbeiter 180 Umsatz keine Angaben

Kräuterterrassen mit“, sagt die Kaisersbacher Bürgermeisterin Katja Müller. „Klassische Wirtschaftsförderung ist hier sehr schwierig. Wir können nur dafür sorgen, dass die Infrastruktur passt. Breitbandversorgung ist zum Beispiel ein Thema, an dem wir dran sind, aber natürlich auf einem anderen Niveau als im Remstal.“ Aber auch dort müssen die Kommunen am Ball bleiben, um als Wirtschaftsstandort attraktiv zu bleiben. Die Großen Kreisstädte organisieren allesamt Veranstaltungen, bei denen sich ansässige Unternehmer oder Existenzgründer vernetzen und austauschen können – beispielsweise im Rahmen eines Handwerkerfrühstücks, wie es die Stadt Schorndorf anbietet, oder bei den Wirtschaftsgesprächen der Stadt Winnenden. In Weinstadt sei Wirtschaftsförderung Chefsache, heißt es aus dem dortigen Rathaus. Mit einem virtuellen Unternehmerverzeichnis gebe man Firmen die Möglichkeit, sich kostenlos im Internet zu präsentieren. Die Stadt Backnang wiederum macht für sich geltend, „ganz bewusst“ die Gewerbe- und Grundsteuerzahler weniger in Anspruch zu nehmen als viele vergleichbare Große Kreisstädte, „weil dies unserer Steuer- und Haushaltsphilosophie entspricht“, heißt es. Regelmäßige Firmenbesuche stehen ebenfalls auf der Agenda der diversen Rathauschefs und der städtischen Wirtschaftsförderer. So weiß die jeweilige Verwaltung, wo den ansässigen Betrieb der Schuh drückt, und kann darauf reagieren. Die Wirtschaftsförderung sieht sich dabei als Lotse der Gewerbetreibenden, vermittelt Gewerbeflächen und Firmenräume. Die Stadt Schorndorf bietet Gründern im Einzelhandel über das Förderprogramm „Schorndorfer Starthilfe“ sogar die Mög-

lichkeit, einen Mietzuschuss zu bekommen. Das ist nur eine von mehreren Maßnahmen, die auf ein Innenstadtentwicklungskonzept zurückgehen, welches die Stadt zusammen mit einem Institut für Marketing und Kommunalentwicklung erarbeitet hat. Leerstände in der Schorndorfer City will man demnach künftig für sogenannte Pop-upStores nutzen – also für Läden, die dort auf begrenzte Zeit einziehen – oder solche Räume für Kunst und Kultur bereitstellen. Erlebnisinseln, die zum Spielen, Sitzen und zum Erleben der Stadtgeschichte einladen, sollen die Innenstadt aufwerten. Den Marktplatz will man durch mobile Gastroangebote noch mehr beleben. Um Winnenden als Einzelhandelsstandort zu fördern, hat sich dort bereits im Jahr 2001 der Verein „Attraktives Winnenden“ gegründet. Dieser hat beispielsweise dafür gesorgt, dass es in der Stadt eine Kundenkarte gibt, die inzwischen mehr als 10 000 Bürger im Geldbeutel haben. Zudem organisiert der Verein Veranstaltungen wie die Wahl zum „Winnender Mädle“, um das Stadtimage zu fördern und die Besucher in die Innenstadt zu locken. Zum ersten Mal findet dort im Sommer der „poetische Juli“ statt – ein Wirtschaftsdichter kreiert dabei für die Fachgeschäfte in der Innenstadt individuelle Gedankensprüche und Aphorismen. Auch günstige Parkplätze und ein öffentliches, kostenloses WLAN sind nach der Auffassung der Stadt Waiblingen Angebote, mit denen eine Stadt punkten kann. Auf die Fahnen geschrieben hat man sich zudem, ein umfangreiches Angebot zur Betreuung und Bildung des Nachwuchses bereitzustellen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Das locke die Fachkräfte an, die dringend gesucht würden, erklärt die Stadt. Für manches kostspielige Bauprojekt versuche man private Partner zu finden – jüngstes Beispiel ist der Bau eines langersehnten Innenstadt-Hotels. Von solchen Partnerschaften profitierten Wirtschaft wie Bürgerschaft, sagt dazu der Oberbürgermeister.

WISSENSWERTE ZAHLEN DES JAHRES 2016 Die Gesamtschulden des Stadthaushalts pro Einwohner Angaben in Euro 2397

Weinstadt 1785

Schorndorf 1254

Fellbach 939

Backnang

873

Waiblingen Winnenden

0

Die Gewerbesteuereinnahmen pro Einwohner Angaben in Euro (brutto)

Waiblingen Fellbach

Backnang

534 488

Weinstadt

456

Schorndorf

441

Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft pro Einwohner Angaben in Euro

Waiblingen Weinstadt Fellbach

7320 7245 7049

Winnenden

6888

Schorndorf

6833

Backnang StZ-Grafik: zap

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837

6692 Quelle: IHK Region Stuttgart


Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis 39

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Wald, Wengert, Weinwirtschaft Für die Tourismusbranche ist der Rems-Murr-Kreis durch seine Vielfalt und Nähe zum Ballungszentrum ein Glücksfall. Zum einen Teil der Erlebniswelt gehört der Wald in allen Facetten, zum anderen die genussträchtige Weinbaulandschaft. Von Harald Beck

Fremdenverkehr

E

s sind in gewisser Weise zwei Welten, die da als Urlaubsregionen benachbart, aber zur politischen Einheit Rems-Murr-Kreis verschmolzen sind. Sie sind völlig unterschiedlich in ihrer Landschaft und in dem, was sie für die Sinne ihrer Besucher bieten. Die Urlaubsmanager definieren im Rems-Murr-Kreis als sogenannte Destinationen das Remstal und den Schwäbischen Wald – zwei Erlebnisräume, die sie als besondere Kombination im grünen Gürtel um Stuttgart preisen. Sie besticht durch landschaftliche Gegensätze, ein reichhaltiges Kulturangebot und nicht Das Remstal und der zuletzt durch Spitzengastronomie und Weinanbau auf Schwäbische Wald haben höchstem Niveau. eines gemein: die „Das ganze Thema Wein Anziehungskraft auf und Weinbau ist sehr wichtig“, Radfahrer und Wanderer. sagt für das Remstal Stefan Altenberger. Der Kernener Bürgermeister ist Vorsitzender im Touristikverein Remstal-Route, der seit gut 20 Jahren kreisübergreifend für Genuss- und Erholungsbesuche im Remstal trommelt und inzwischen, was die Mitglieder angeht, tatsächlich von der Remsquelle bei Essingen (Ostalbkreis) bis zur Mündung in Remseck (Kreis Ludwigsburg) reicht. „Der Wein, das ist die Leitlinie – das Remstal steht für Wein.“ In der Kombination des genüsslichen Aushängeschilds mit Waldlandschaft, Streuobstwiesen, Weinbergen und Gourmettempeln ergebe sich eine Erlebnislandschaft, die ihresgleichen sucht – und auch noch direkt vor den Toren Stuttgarts liegt. Der Blick in die touristische Zukunft fällt im Remstal rosig aus – nicht nur dank des 230 Kilometer langen Remstal-Höhenwegs, der Angebote der Weinerlebnisführer und der vielfältigen kulinarischen Weinproben. Das Augenmerk richte sich da natürlich auch auf das Jahr 2019, sagt der Remstalrouten-Geschäftsführer Hubert Falkenberger: „Die interkommunale Remstalgartenschau wird nochmals einen echten Schub bringen.“ Denn bis dahin würden Projekte,

Idyllische Flecken finden sich viele im Rems-Murr-Kreis. Ein als Ausflugsziel beliebter romantischer Ort ist die Klingenmühle bei Welzheim. Fotos: Fotolia/valeriy555, Stefan Bossow die sonst vielleicht erst in vielen Jahren angepackt worden wären, auf jenes Jahr hin realisiert. Dazu gehören neu gestaltete Aussichtspunkte, Remsnaturierungen samt Einbeziehung der Zuflüsse, neu gestaltetes Radwegenetz, Bau- und Kunstprojekte im öffentlichen Raum und kommunenübergreifende Events. Falkenberger: „Das bringt uns natürlich enorm viel Publicity.“

Bei allen landschaftlichen Unterschieden haben Remstal und Schwäbischer Wald eines gemein: die Anziehungskraft auf Radfahrer und Wanderer. „Das sind unsere zentralen Themen“, sagt Barbara Schunter, die Geschäftsführerin der ebenfalls kreisübergreifenden Fremdenverkehrsgemeinschaft Schwäbischer Wald. Die benachbarte Erlebniswelt ist mit der Schwäbischen

Ich wage mich nur in großen Gruppen aufs Eis

Waldbahn zwischen Schorndorf und Welzheim wunderbar ans Remstal angebunden. Ein Pfund, mit dem man hervorragend wuchern könne, sei der Status als waldreichste Region im ganzen Land. Wiesen, Wald und wunderschöne Klingen machten die Landschaft abwechslungsreich. Hinzu kommen die kulturhistorischen Schätze, wie beispielsweise die historischen Fachwerkmühlen entlang des eigens ausgeschilderten Mühlenwanderwegs. „Die natürlichen Gegebenheiten sind ein Geschenk für alle, die vom Tourismus leben“, sagt Schunter. „Sie lassen sich hervorragend in Szene setzen.“ Dank des neu konzipierten Stromberg-Murrtal-Radwegs dürften künftig noch mehr Besucher die Landschaft auf zwei Rädern erkunden. Ihr persönlich hat es vor allem das Strümpfelbachtal zwischen Welzheim und Rudersberg angetan, sagt die Touristikerin Schunter. „Aber“, so warnt sie lächelnd bei dem Gedanken an den wildromantischen und teils fast im Bach verlaufenden Erlebnispfad im Schwäbischen Wald, „am besten nur mit Ersatzkleidung.“ Auch Daniela Callenius, als Tourismusbeauftragte des Landkreises für beide Tourismusregionen zuständig, hat ihre Landschaftslieblinge. Neben dem Gundelsbachtal am Remstalrand im Gebiet der Berglen hat es ihr die Hägelesklinge bei Kaisersbach angetan. Ihr gefallen die Lichtreflexe in der verwunschenen Waldschlucht mit ihrem geheimnisvollen Schimmern, wie sie sagt. „Da weiß man, warum wir jährlich eine Schwäbische Wald-Fee wählen. Das hat etwas Mystisches. Da spricht der Wald mit uns.“ Informationen im Internet unter www.schwaebischer-wald.com; www-remstal-route.de; www.naturpark-sfw.de

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40 Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | Mai 2017

Kult aus dem Kreis

Vor fast 80 Jahren hat Robert Kull die Spätzlespresse erfunden.

Einige Firmen an Rems und Murr stellen sehr erfolgreich und mit langer Tradition ungewöhnliche Produkte her. Von Isabelle Butschek

Foto: Kull Spätzlespresse GmbH

Nischenprodukte

A Süß-saures Glück Pastellfarben und sauer: die SadexBrausestäbchen

Dazu gehört auf jeden Fall der Original Kull Spätzle-Schwob. Fast 80 Jahre ist es her, dass der Schlossermeister Robert Kull sein Patent über eine „Teigpresse an einem mit Teigaustrittlöchern versehenen Topf mit einem Handstempel“ angemeldet hat. Der Sitz seines Unternehmens war Remshalden. Vor einigen Jahren hat Claudia Papert die Firma übernommen – und aus der Insolvenz gerettet. Mittlerweile ist die Firma nach Schorndorf umgezogen. Dort finden die Endmontage und der Versand der bis zu 18 000 im Jahr hergestellten Spätzlespressen statt. Die Verkaufszahlen steigen ständig,

In der Europaliga rungen bei den Farbstoffen und Aromen abgesehen, immer noch die gleichen. Das überwacht der Großneffe des Erfinders, Holger Loch. Auf die Stäbchenproduktion ist man besonders stolz. Sadex rühmt sich, die recht komplizierte Verarbeitung als Einziger zu beherrschen. Vor fünf Jahren wäre fast Schluss gewesen: Sadex musste Insolvenz anmelden. Die Rettung war die Firma Top Sweets, die Sadex den eigenen Produktionsstandort ließ. Dort werden täglich 1,3 Tonnen BrauseKomprimate hergestellt. ibu

Vor 110 Jahren wurde die Winnender Firma gegründet, an deren Emblem kein Schüler vorbeikommt. Ob auf den blauen Turnmatten mit den braunen Lederecken, ob auf Holzkästen oder Stufenbarren: Überall prangt der Name Benz in Großbuchstaben. Hinter der geschützten Marke verbirgt sich ein Familienunternehmen mit 150 Mitarbeitern, das mittlerweile einer der führenden Sportgerätehersteller europaweit ist. Gegründet wurde die Gotthilf Benz Turngerätefabrik als Schlosserei, 1920 begann die Herstellung von

Alternative zum Rad

Sportgeräten. Nur fünf Jahre später wurde der Betrieb um eine Schreinerei und eine Sattlerei erweitert, so konnte er komplette Sporthallenausrüstungen anfertigen. Mittlerweile hat Benz mehr als 10 000 Produkte im Sortiment und stattet nicht nur den Vereins- und den Schulsport aus, sondern auch LeichtathletikWeltmeisterschaften oder Turnfeste. Auch Vereinssportzentren plant und montiert die Firma Benz. ibu Ein Klassiker: der Turnbock

„das Spätzlemachen ist also immer noch gefragt“, sagt die Geschäftsführerin Papert, die 13 Farben im Programm hat. Und auch den Klassiker in Hochglanz poliert gibt es immer noch, auch wenn dieses Modell einen Nachteil hat: Es darf nicht in die Spülmaschine. Die Kunden sind nicht nur Haushaltswarengeschäfte, sondern auch Eisdielen, die damit Spaghetti-Eis zaubern. Und wer die Optik geschabter Spätzle lieber mag, aber den Aufwand scheut, wird ebenfalls bei Claudia Papert fündig: Beim Modell Spätzle-Fix ist die Lochung unregelmäßig, damit die Teigwaren aussehen wie handgeschabt.

Es waren die eigenen Rückenschmerzen, die Martin Buchberger dazu gebracht haben, den Streetstepper zu entwickeln. Er war ein leidenschaftlicher Mountainbiker, musste sein Hobby aber wegen körperlicher Probleme aufgeben. In der elterlichen Drechslerwerkstatt im Zillertal baute er deswegen vor 13 Jahren den ersten Prototyp. Im Grunde sieht der Streetstepper aus wie ein Fahrrad ohne Sitz. Das Sportgerät verbindet eine aufrechte Körperhaltung und eine stoßfreie Steppbewegung mit dem Fahrspaß auf dem Rad – und zwar ohne dessen Nachteile. Mit seiner Idee ging Buchberger auf die Schorndorfer Firma Hermann Blechtechnik zu, die durch ihre Marke „Hot Chili Mountainbikes“ bereits seit 20 Jahren Erfahrung in der Fahrradbranche hatte. Der Entwurf entstand dort am Computer, die Tests auf dem Prüfstand, der Vertrieb, die Schulungen für die Instruktoren, alles findet in Schorndorf statt.

Mittlerweile werden zwei Modelle hergestellt, ein geländegängiges für Wald- und Feldwege sowie eines für den täglichen Weg zur Arbeit. „Der Streetstepper ist ohne Zweifel das innovativste Produkt in all diesen Jahren, da er einerseits ein gänzlich neues Konzept hinsichtlich Antrieb und Körperhaltung darstellt, aber dennoch die ,Gene‘ von Sporträdern in sich trägt“, sagt Markus Hermann, der sich durchaus vorstellen kann, dass sich das Streetsteppen zu einer Trendsportart entwickelt. Mehr als 3000 Streetstepper wurden schon verkauft. Die meisten Kunden haben sich wegen Rückenproblemen für das Gerät entschieden. ibu

Ein neues Trendsportgerät?

Häusle für Eulen Die Firma Schwegler ist ein echter Häuslebauer. Allerdings nicht für Menschen, sondern vor allem für geflügelte Lebewesen. Die Kunden des Schorndorfer Unternehmens sind Vögel, Fledermäuse und Insekten. Für diese baut Schwegler seit den 50er Jahren Nisthilfen in allen Formen. Gefertigt sind sie aus einem selbst entwickelten Holzbeton, der langlebig und atmungsaktiv ist und aus einer geheimen Rezeptur besteht. Mittlerweile hat sich das Unternehmen europaweit

ALS UNTERNEHMER | ALS GEWERBETREIBENDER ALS HANDWERKSMEISTER | ALS EINZELHÄNDLER ALS FREIBERUFLER 2017 ist ein großes Backnang-Jahr. Wir feiern 950 Jahre Backnang und damit eine Stadt mit großer Tradition und großer Zukunft. Machen Sie 2017 auch zu Ihrem Backnang-Jahr. Kommen Sie als Unternehmer nach Backnang. Wir sind immer eine Reise und etwas Unternehmerisches wert.

Große Kreisstadt Backnang, Wirtschaftsförderung Am Rathaus 1, 71522 Backnang, Telefon: 07191 894-360 wirtschaftsförderung@backnang.de, www.backnang.de

Luxuriöse Vogelwohnung aus Holzbeton einen Namen gemacht mit seinen Fledermaushöhlen, Villen für Wanderfalken und Ohrwurmschlafröhren. Nicht nur private Gartenbesitzer greifen auf die Produkte zurück, auch Naturschützer, Förster oder Forschungsgruppen. Dass die Nisthilfen bei der Kundschaft gut ankommen, ist belegt: durch hohe Belegungsquoten. Bis nach Afrika reicht der Kundenkreis – dort wurden Eulen mit Nistkästen aus dem Remstal beglückt. ibu

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Rems-Murr-Kreis schätze ich besonders . . . . . . die vielen Schaffer, Aufgabenlöser und Tüftler des Mittelstands hier vor Ort. Mit ihren Mitarbeitern machen sie unsere Region stark. Werner Schmidgall Vorstandsvorsitzender Volksbank Backnang Mitarbeiter 330 Bilanzsumme 1,63 Milliarden Euro

Fotos: Benz, Marcus Euerle/Volksbank Backnang, Sadex Brausestäbchen, Schwegler Vogel- und Naturschutzprodukte GmbH, Streetstepper GmbH

Gleich aufknabbern und den ganzen Berg Brause auf einmal im Mund prickeln lassen oder das bunte Stäbchen doch langsam lutschen und genießen? Die Brausestäbchen von Sadex (der Name stammt aus einer Kombination des früheren Firmeninhabers Fritz Sattler und Dextrose) sind nicht einfach nur eine beliebige Süßware – sie sind Kult. Und untrennbar verbunden mit langen Sommernachmittagen im Freibad. Vor 66 Jahren hat der Winnender Franz Beth die Brausestäbchen erfunden, als Kinderzigarette und zunächst durch aufgemalte Asche sogar mit der zugehörigen Optik. Inzwischen werden nicht nur Stäbchen, sondern auch Brause-Bären, -Herzen oder -Fläschchen hergestellt. Die Rezepturen sind aber, von kleineren Verände-

uf der Benz-Turnmatte hat sich schon jeder mal in der Schule an einem Purzelbaum versucht, Sadex Brausestäbchen gehören bei jedem Kindergeburtstag dazu. Doch dass diese oft traditionsreichen Produkte im Rems-Murr-Kreis erfunden wurden und dort immer noch das Wirtschaftsleben bereichern, ist sicher nur den wenigsten bekannt. Genauso unbekannt ist die Tatsache, dass manche Hersteller in ihrem ganz speziellen Bereich europa- oder weltweit führend sind. Deswegen sollen hier fünf besondere Produkte aus dem Kreis vorgestellt werden.

Wirtschaft in Baden-Württemberg  
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