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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 1 | 2016

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Schwerpunkt Logistik Neue Herausforderungen für die Transportbranche. SEITEN 1 – 10

Wirtschaft & Karriere Wer bei der Karriereplanung zu stark auf Titel vertraut, geht ein hohes Risiko ein. SEITE 11

Kompass für Integrität Compliance lotst Firmen durch das Regel-Dickicht. SEITE 29

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Eine Branche in Bewegung Eine effiziente Logistik ist in Zeiten der arbeitsteiligen Just-in-Time-Produktion entscheidend für eine florierende Wirtschaft. Das gilt erst recht für das exportstarke Baden-Württemberg. Dabei geht es um mehr, als nur Güter von A nach B zu schaffen. Von Werner Ludwig Editorial

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m zu erkennen, dass immer mehr Güter über immer weitere Strecken bewegt werden, braucht man keine Statistik. Ein Blick auf die rechte Spur der Autobahn, auf der sich Lastwagen an Lastwagen reiht, genügt vollkommen. Allein in Baden-Württemberg sind die beförderten Mengen nach Angaben des Statistischen Landesamts zwischen 1993 und 2013 von 162 Millionen Tonnen auf 568 Millionen Tonnen gewachsen – also auf mehr als das Dreifache. Und rund 85 Prozent davon wurde auf den Straßen transportiert. Trotz der Bemühungen, mehr Güter per Bahn oder im kombinierten Straßen- und Schienenverkehr zu befördern, gehen Experten davon aus, dass auch künftig die meisten Güter per Lkw transportiert werden – bei einem insgesamt weiter steigenden Transportaufkommen. Die Spediteure fordern deshalb in schöner Regelmäßigkeit, mehr Geld in den Straßenbau zu investieren. „Logistik muss schnell, kosteneffizient und zuverlässig sein. Vielfach gibt es dann keine wirkliche Alternative zum Lkw. Wenn sich an den Anforderungen nichts ändert, kann sich also auch am Verkehrsträgermix nichts groß ändern“, sagt auch Tobias Bern-

ecker, Logistikexperte von der Hochschule Heilbronn, im Interview mit der Zeitung Wirtschaft in Baden-Württemberg. Doch Logistik ist heute weit mehr als das Bewegen von Gütern von A nach B – sei es per Lkw oder mit anderen Verkehrsmitteln. Immer mehr Unternehmen der Branche bieten neben dem klassischen Speditionsgeschäft speziell auf ihre Kunden zugeschnittene Dienstleistungen an. „Das Angebot logistischer Mehrwertleistungen wird weiter zunehmen“, sagt Berneckers Kollege Roland Pfennig, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Heilbronn, im Interview. Beispiele dafür seien die Übernahme von Montagearbeiten, das „Labeln“ von Produkten, das Aufbügeln von Textilien oder auch die komplette Lagerverwaltung in der Autoproduktion. So beliefert etwa Die LGI Logistics Group International in Herrenberg Autohersteller mit vormontierten Komponenten, rüstet Laptops mit neuer Software aus oder liefert Beschäftigten anderer Unternehmen Pakete direkt an den Arbeitsplatz. Die eigentlichen Transporte tragen bei dem Unternehmen nur die Hälfte zum Umsatz bei.

Neue Aufgaben für das Transportgewerbe bringt auch die Digitalisierung der gesamten industriellen Wertschöpfungskette mit sich. „Industrie 4.0 wird die Logistik künftig noch stärker fordern. Sie muss die vernetzte und flexible Steuerung von Wertschöpfungsnetzwerken in Einklang mit zunehmend individuelleren Kundenwünschen und mehr Nachhaltigkeit bringen“, sagt Pfennig. Die zunehmende Spezialisierung hat nach Ansicht der Heilbronner Experten Bernecker und Pfennig auch dazu geführt, dass sich der jahrelange Trend zur Auslagerung der Logistik teilweise wieder umkehrt. Vermehrt würden logistische Aufgaben „wegen ihrer großen Bedeutung für das Funktionieren von Produktionsprozessen“ wieder direkt bei den produzierenden Unternehmen angesiedelt. In Baden-Württemberg, wo viele exportstarke Unternehmen außerhalb großer Ballungsräume sitzen, ist eine fein verzweigte und zugleich zuverlässige Logistik von besonderer Bedeutung – auch für die Just-in-Time-Lieferung direkt in die Fabriken. Dass sowohl Industrie als auch Transportgewerbe im Land mittelständisch ge-

prägt seien, eröffne den hiesigen Logistikunternehmen die Chance, ihren Kunden „auf Augenhöhe“ zu begegnen und sie mit maßgeschneiderten Angeboten an sich zu binden, meint Bernecker. Im klassischen Speditionsgeschäft leidet die Branche, die im Land – zusammen mit den firmeninternen Logistikabteilungen – fast 400 000 Menschen beschäftigt, unter dem Wettbewerb mit der Billigkonkurrenz aus Osteuropa und anderen Ländern. Gütertransporte sind nicht nur essenziell für das Funktionieren einer arbeitsteiligen Wirtschaft, sondern auch eine wachsende Belastung für Umwelt und Klima. Udo Lambrecht vom Heidelberger Forschungsinstitut Ifeu hält es daher für nötig, auch den Transportsektor Schritt für Schritt auf erneuerbare Energien umzustellen.

GEMEINSAME PUBLIKATION Wirtschaft in Baden-Württemberg ist ein Gemeinschaftsprodukt der Wirtschaftsredaktionen von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Die nächste Ausgabe mit dem Schwerpunktthema Luft- und Raumfahrt erscheint am 12. April 2016.


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Inhalt Daten & Fakten

Eine gewichtige Branche Die Großen der Logistik sucht man im Südwesten vergebens. Trotzdem bietet die Branche fast 400 000 Jobs. SEITEN 4, 5

Doppelinterview

„Logistik wird individueller“ Roland Pfennig und Tobias Bernecker von der Hochschule Heilbronn über die Digitalisierung der Transportbranche. SEITE 7

Unternehmensporträt

LGI liefert bis an den Arbeitsplatz Das Unternehmen aus Herrenberg wächst mit logistiknahen Dienstleistungen doppelt so stark wie die Branche. SEITE 8

Gastbeitrag

Wie die Logistik grüner wird IFEU-Chef Udo Lambrecht über Wege zur Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks von Transporten. SEITE 10

Geldanlage

Bric-Staaten im Abseits? Langfristige Investitionen in Schwellenländer können sich nach wie vor lohnen. SEITE 13

Berufsbild

Pressesprecher Kommunikationsprofis, die mit verschiedenen Kanälen vertraut sein müssen. SEITEN 14, 15

Flughafen Stuttgart

Verband Spedition und Logistik

Georg Fundel

Andrea Marongiu

Als einer von zwei Geschäftsführern des Stuttgarter Flughafens ist Georg Fundel für den Start- und Landeplatz schneller Jets verantwortlich. Doch auch am Boden liebt der 1954 in Münsingen geborene Manager die Geschwindigkeit: Fundel ist passionierter Rennradfahrer. Der Flughafen, den er zusammen mit Walter Schoefer leitet, ist zwar in erster Linie ein Passagierflughafen, vergessen wird aber oft, dass er auch eine Rolle für die Luftfracht spielt. Dieses Segment ist zwar nicht so bedeutend wie die Beförderung von Fluggästen, doch die Luftfracht ab Stuttgart sei „ein wichtiges Angebot für die Unternehmen in Baden-Württemberg“, meint Fundel.

Firmen sollten sich genau überlegen, inwieweit sie säumigen Kunden entgegenkommen. SEITE 17

„Der Verkehr wird weiter wachsen“, sagt Andrea Marongiu. Der 46-Jährige ist Geschäftsführer des Verbandes Spedition und Logistik (VSL) in Baden-Württemberg. Marongiu glaubt aber nicht, dass die Zukunft seiner Branche darin besteht, immer nur mehr Waren zu transportieren. „Die Digitalisierung wird unsere Welt verändern“, sagt der oberste Lobbyist des Transportgewerbes im Südwesten. Dies deshalb, weil durch die Vernetzung der Unternehmen unter dem Stichwort Industrie 4.0 künftig immer mehr Produkte in geringer Stückzahl zu ähnlich günstigen Kosten wie in der Massenproduktion hergestellt werden können. Das

Logistik ist mehr als der Transport von Waren von A nach B. Die Digitalisierung und der steigende Bedarf an weiteren Dienstleistungen fordern die verantwortlichen Manager jeden Tag aufs Neue heraus. Hier stellen wir einige von ihnen vor.

Porträts

Fotos: Amazon, Lg/Achim Zweygarth, privat (2), Richard Becker

Porträt

Herr der edlen Reben Der badische Spitzenwinzer Fritz Keller beliefert sogar den Discounter Aldi mit einer eigenen Edition. SEITE 18

Steuergesetzgebung

Weniger Schlupflöcher für Multis Die EU will der Steuerflucht großer Konzerne einen Riegel vorschieben. Davon ist auch der Mittelstand betroffen. SEITE 19 Spedition Rüdinger

Amazon

Hafen Stuttgart

Roland Rüdinger

Alexander Bruggner

Carsten Strähle

Roland Rüdinger will mehr Akzeptanz für seine Branche in der Öffentlichkeit erreichen. Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbands Logistik fordert zudem „faire Spielregeln“ bei der Frachtbeförderung. Rüdinger beklagt, dass vor allem die Konkurrenz aus Osteuropa den heimischen Spediteuren zusetze, da die dortigen Unternehmen auch für innerdeutsche Transporte nicht den Mindestlohn zahlten. Die „Dumpingkonkurrenz“ hänge wie ein Damoklesschwert über der Branche, Recht werde einfach nicht durchgesetzt. In seiner eigenen, 1930 gegründeten Spedition im hohenlohischen Krautheim beschäftigt Rüdinger 240 Mitarbeiter, doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Auch der Umsatz hat sich im vergangenen Jahrzehnt auf heute 30 Millionen Euro verdoppelt. Vor zehn Jahren umfasst die Flotte noch 70 Fahrzeuge, heute sind es 150 Lkw. Sie fahren vorwiegend für Kunden aus dem Maschinen- und Anlagenbau sowie der Klimatechnik. Außerdem seien immer mehr Spezialtechniktransporte nötig. Ein Vorteil gegenüber Schienen und Wasserwegen ist für Rüdinger die höhere Flexibilität der Lastwagen. Zudem könnten sie dem Trend zu immer kleineren Sendungen besser Rechnung tragen. ey

Nicht weniger als das kundenorientierteste Unternehmen der Welt will Amazon nach dem Wunsch seines Gründers Jeff Bezos sein. Im Logistikzentrum Pforzheim ist Standortleiter Alexander Bruggner dafür zuständig, dass die rund 1000 Mitarbeiter ihren Teil dazu beitragen, die Vision des Firmenchefs wahr werden zu lassen. Bruggner stellt hohe Anforderungen an sich und seine Mitarbeiter: „Nur gut zu sein, genügt nicht. Wir wollen für die Kunden etwas Besonderes sein. Jeden Tag.“ Der 46-jährige gelernte Industriekaufmann und studierte Betriebswirt ist seit der Eröffnung des Logistikzentrums in Pforzheim im September 2012 dabei. Auf der Fläche von 17 Fußballfeldern (110 000 Quadratmetern) werden dort Waren umgeschlagen. Bruggner hebt vor allem die internationale Aufstellung seines Teams hervor: „Am Standort arbeiten Menschen mit 74 verschiedenen Nationalitäten“, sagt der gebürtige Karlsruher, der selbst mehrere Jahre Auslandserfahrung in den USA und China gesammelt hat – unter anderem bei Autobauern und Zulieferern. Über seine Aufgabe bei dem Online-Riesen sagt der verheiratete Manager: „Ich liebe die Geschwindigkeit bei Amazon. Wir beliefern die Kunden in einem unglaublichen Tempo, tht begeistern sie jeden Tag aufs Neue.“

„In einen Container passt alles rein: Hemden, Motoren, Baumstämme“, sagt Carsten Strähle. Carsten Strähle (49) ist seit 2009 Geschäftsführer des Stuttgarter Hafens. Von seinem Büro aus hat er einen Blick, um den ihn viele Besucher beneiden: Man sieht hinauf zum Rotenberg mit seinen Weinbergen und der Grabkapelle – und hinab auf den Neckar, auf dem ab und zu ein Schiff vorbeituckert. Auf dem Fluss, so meint Strähle, könnte noch weit mehr befördert werden als bisher. Das wichtigste Hilfsmittel sei dabei der Container. Dessen größter Vorteil ist, dass er sich schnell und einfach von einem auf ein anderes Verkehrsmittel umladen lässt. Auf dem Gelände des Stuttgarter Hafens wird sogar mehr Ladung von Lastwagen auf Güterzüge verladen als von Schiffen auf Lkw. Mit seinem Umsatz von zehn Millionen Euro liegt der Stuttgarter Hafen landesweit an zweiter Stelle, beim Schiffsumschlag rangiert er auf Platz fünf. „Der Lastwagen steckt im Dauerstau, das Schienennetz ist überlastet. Aber auf dem Wasser gibt es noch viele freie Kapazitäten“, meint Strähle. Wichtig sind ihm deswegen die bis 2017 vorgesehene Verdoppelung der Kapazitäten für den Containerumschlag und der Ausbau der Neckarschleusen für Schiffe mit 135 Meter Länge. ey

Demografie

Bessere Arbeit für Ältere Demografischer Wandel und drohender Fachkräftemangel zwingen Unternehmen, neue Wege zu gehen. SEITEN 20, 21

Gründerseite

Schneisen im Förderdschungel Finanzierungs- und Beratungsangebote für Gründer gibt es en masse. Doch welche passen am besten? SEITEN 22, 23

Compliance I

Über Grenzen hinweg Behörden sind auf die internationale Zusammenarbeit angewiesen, um Korruption zu bekämpfen. SEITE 31

Compliance II

Saubere Geschäfte „Gesetze reichen nicht aus, um die Compliance im Betrieb zu verankern“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Richter. SEITE 35

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen Wirtschaft in Baden-Württemberg? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Michael Heller, Klaus Köster Redaktion Imelda Flaig, Werner Ludwig, Walther Rosenberger Gestaltung/Produktion Anna-Lena Wawra, Bernd Fischer, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11/72 05-12 11 und 07 11/72 05-74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Marc Becker (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05-16 03 Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05-0

könnte in der Konsequenz dazu führen, dass in Zukunft mehr kleinere Transporte anfallen. Ein „Riesenthema“, das immer wichtiger werde, ist nach Marongius Ansicht auch die Infrastruktur. Dabei bezieht er ausdrücklich auch die Innenstädte mit ein: Werden viele einzelne Pakete ausgeliefert, fahren auch mehr Sprinter durch die Straßen – und diese brauchen auch einen Platz zum Anhalten, wenn sie Päckchen an den Haustüren abgeben sollen. Geschehe nichts, werde es nicht nur auf Autobahnen und Bundesstraßen mehr Staus geben – dann gehe auch in den Stadtkernen bald nichts mehr, warnt Marongiu. ey

Macher der Logistik

Insolvenzrecht

Teures Vertrauen

Dies gelte vor allem, „um Sonderfrachten wie Premiumprodukte oder Ersatzteile für Produktionsstätten weltweit schnell zustellen zu können“. So legten etwa die Charterflüge für die Autoindustrie in den letzten Jahren um rund ein Drittel zu. Insgesamt gibt es in Stuttgart Kapazitäten, um 400 000 Tonnen Luftfracht im Jahr zu transportieren. Der größte Teil davon wird aber hier nur angeliefert, mit den nötigen Papieren versehen, verplombt und per Lkw zu anderen Flughäfen gefahren. Erst dort geht es dann in die Luft. Von und nach Stuttgart wurden 2014 rund 20 500 Tonnen reine Luftfracht geflogen, ein Plus von knapp sieben Prozent ey

Index Personen Beck, Florian Beetz, Klaus Bernecker, Tobias Blessing, Martin Bock, Kurt Bruggner, Alexander Bunz, Andreas Bürkle, Stefan Class, Michael Dehnert, Immo Duffke, Gerd Ehlers, Jörn Eilers, Uwe Fenkl, Peter Freyer, Michelle Fundel, Georg Goldschmidt, Ulrich Groeninger, Sascha Grünert, Lars Günsel, Sten Haas, Andreas Hasenwandel, Sven Henne, Alexander Hirschmüller, Roland Hoffmann, Thomas Holdenrieder, Jürgen Jaschinski, Siegfried Jim Yong Kim Jung, Fred Kaliebe, Dirk Kattau, Michael Keller, Fritz Kelley, Tim Kirchdörfer, Rainer Klett, Thomas Knothe, Björn

8 18 1, 7 11 11 2 4/5, 8 21 18 15 21 14 13 18 21 2 11 36 19 24 15 11 34 13 14 12 18 19 18 18 14 18 16 24 18 11

Krishnamurthy, Vadiraj 16 Krüger, Harald 11 Krügler, Eberhard 29 Lambrecht, Udo 1, 10 Linzbach, Gerold 18 Mackert, Manuela 30 Marongiu, Andrea 2, 4/5 McMillan, Mike 18 Neukirchen, Kajo 8 Obermeier, Hans 18 Pfennig, Roland 1, 7 Ploss, Reinhard 11 Pusch, Heide 12 Puttenat, Daniela 14 Rau, Heike 12 René Obermann 11 Richter, Andreas 20, 35 Rüdinger, Roland 2 Schmid, Nils 20 Schnaitmann, Ingo 18 Schoefer, Walter 2, 30 Schott, Max 13 Schuster, Birgit 21 Seebacher, Kristina 15 Seeger, Thomas 15 Stehrenberg, Uwe 16 Strähle, Carsten 2 Teyssen, Johannes 11 Tosstorff, Joachim 18 Vadiraj, Reshma 16 Vestager, Margrethe 19 Weber, Markus 11 Weber, Nikolai 17 Weiß, Klaus 18 Wiek, Ekkehart 13 Wolf, Stefan 16, 20 Würth, Reinhold 19

Wüst, Thomas Zetsche, Dieter Zitzelsberger, Roman Zondler, Christof Zwecker, Kai-Thorsten

13 11 21 24 34

Firmen/Organisationen Accelerate Stuttgart 22/23 Albert Craiss 6 Amazon 2, 19 Apple 19 Audi 5 Axoom 21 Baader Bank 13 BASF 11 Bayer 15 Bio Pro 22/23 Bioregio Stern 22/23 BMW 11 Börse Stuttgart 13 BV Stuttgart Financial 22/23 Bosch 16, 22/23 BV Compliance Manager 30 BV dt. Pressesprecher 14 Bürgschaftsbank 22/23 Bürkle + Schöck 21 Business Angels Stgt. 22/23 Bwcon 22/23 C. E. Noerpel 6 Celesio 18 Commerzbank 11 Compliance Academy 30 Confern 4/5, 6 Dachser 4/5 Daimler 11, 20, 22/23 Danzer 19 Deutsche Bahn 4/5

Deutsche Post DHL 4/5 Deutsche Telekom 11, 30 Dt. Inst. für Compliance 30 Division One 11 DPD 4/5 Dr. Maier + Partner 11 Eberspächer 18 Ebner Stolz 24 Elring-Klinger 20 EnBW 22/23 Eon 11 Ernst & Young Law 17 Europa-Univ. Viadrina 30 Facebook 19 Fischer-Appelt 15 Flughafen Stuttgart 2 For. Compliance & Integrity 30 Fraunhofer IAO 7, 22/23 Gebr. Weiss 6 Geneon 13 Getrag 18 GFT 22/23 Goldman Sachs 13 Google 19 Greenpeace 19 Grieshaber 6 Hafen Stuttgart 2 Heidelberger Druck 18 Hermes 4/5 Hewlett Packard 8 HdM Stuttgart 22/23 Hochsch. Esslingen 12, 22/23 Hochsch. f. Techn. Stgt.22/23 Hochschule Heilbronn 1, 7 Hochschule NürtingenGeislingen 22/23 Honold 4/5, 6

Hornschuch Gruppe 36 Horst Mosolf 4/5, 6 Dehoga 23 IBM 15 Ifeu 1, 10 Ifex 22/23 IG Metall 20, 21 IHK Stuttgart 20, 22/23, 35 Infineon 11 Internationale Schule Stgt. 16 ITG GmbH 8 Juwi 18 Karl Dischinger 6 Karl Schmidt 4/5, 6 Kompetenzzentr. Logwert 7 KfW 23 Kühne + Nagel 4/5 LBBW 22/23 L-Bank 22/23 Leichtbau BW 22/3 LGI 1, 4/5, 6, 8 Logicline 22/23 LV Kindertagespflege 12 Marbach 21 MFG Bawü 22/23 MBG Bawü 22/23 Müller – Lila Logistik 6 VC-BW 22/23 OECD 19, 24 Panalpina 4/5 Pfenning 4/5, 6 Porsche 15 PR Report 15 Rhenus 4/5 Ritter Sport 15 Roos 6 Sand & Schott 13

SAP 22 Schmalz + Schön 4/5, 6 Schober Gruppe 6 Schuler 18 Seifert 6 Simon Hegele 4/5, 6 Sparkassenverband 22/23 Spedition Rüdinger 2 Starbucks 19 Steinbeis-Stiftung 22/23 Step NYC 22/23 Stepstone 11 Stiftung Familienuntern. 24 Straits Invest 13 Streck 6 Südwestmetall 16, 20 Transco Süd 6 Trans-o-flex 4/5, 6 Transparency Int. 29 Trumpf 19 Umwelttechnik BW 22/23 Universität Hohenheim 22/23 Universität Stuttgart 22/23 UPS 4/5 Valorvest 13 Verband Führungskräfte 11 Verb. Spedition/Logistik 2, 4/5 Ver. Entrepreneur-Talente 22/23 Verein Startup Stgt. 22/23 Volkswagen 4/5 Wackler 6 Weingut Franz Keller 18 Wert 8 22/23 Willi Betz 4/5, 6 W&W 15 WWF 14 Ziehl-Abegg 18


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 1 | Febr

Logistik als Schmiermittel für die Wirtschaft Auch in Baden-Württemberg werden die meisten Güter auf der Straße bewegt. Angesichts weiter wachsender Verkehrsströme fordert die Logistikbranche deutlich höhere Investitionen in die Infrastruktur. Von Ulrich Schreyer (Text) und Oliver Biwer (Grafik) chen, weil auch seine Mitgliedsunternehmen belastenden Vorschlag: „Auch für kleine Transporter wie etwa die Sprinter sollte eine Maut eingeführt werden“, fordert Marongiu, ebenso für Personenwagen. Wer immer fahren wolle, so meint er, werde lieber 100 Euro im Jahr zusätzlich zahlen, wenn er nicht so oft im Stau steht. Beim Thema Verkehrsinfrastruktur greift er auch einen alten Vorschlag wieder auf: „Wir fordern den Bau des Nordostrings zwischen der A 81 bei Ludwigsburg und der B 14 bei Waiblingen“, sagt Marongiu. Der Logistik-Lobbyist denkt aber nicht nur an neue Straßen. Auch der Ausbau der Neckarschleusen für Schiffe mit einer Länge von bis zu 135 Metern ist ihm wichtig. Zur Infrastruktur zählt für ihn zudem ein leistungsfähiges Datennetz, auch auf dem flachen Land: „Das brauchen wir für die Auftragsabwicklung und die Steuerung der Lkws. Bewusst ist dem Verbandschef aber auch, dass die Branche – auch wegen des Mangels an Fahrpersonal – selbst aktiv werden muss: „Wir müssen bei der Bezahlung und bei den Arbeitszeiten attraktiver werden,“ sagt Marongiu. So sieht es auch Verdi-Bereichsleiter Daniel Stahl: „Das größte Problem der Speditionen ist der zunehmende Fahrermangel.“

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lein da. Wo Industrie und Handel ihre Schwerpunkte im Land haben, dort haben naturgemäß auch die Logistiker besonders viel zu tun. Und in diesen Gegenden rechnen auch Experten mit der größten Zunahme des Verkehrs. So wird für den Großraum Stuttgart bereits bis in zehn Jahren ein Plus von 53 Prozent erwartet, für Mannheim immerhin ein Zuwachs um 25 Prozent. Die Belastung der Verkehrswege wird also weiter zunehmen. Doch schon heute gilt, was Andrea Marongiu, Geschäftsführer des Verbandes Spedition und Logistik (VSL), als „Dauerbrenner“ bezeichnet, als eine der größten Herausforderungen für die Branche: die in vielen Bereichen unzureichende Verkehrsinfrastruktur. Die täglichen Staus auf den Straßen sind für die Fahrer nicht nur ein Ärgernis, sondern auch eine teure Kalamität: „Eine Stunde Stau kostet für einen Lkw vorsichtig gerechnet 50 Euro. Man kann jeden Tag sehen, was da zusammenkommt“, sagt der Geschäftsführer. Damit, dass Lastwagen mit einem Gewicht von mehr als 7,5 Tonnen Maut kosten, hat sich die Branche inzwischen abgefunden. „Aber dieses Geld müsste zu hundert Prozent in den Ausbau der Straßen fließen“, verlangt Verbandsvertreter Marongiu. Und er macht sogar einen auf den ersten Blick erstaunli-

innerhalb Deutschla nd

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u den ganz Großen in Deutschland gehören die Logistiker in Baden-Württemberg nicht. Auf der Rangliste der zehn bedeutendsten bundesrepublikanischen Unternehmen, angeführt vom weltgrößten Logistiker Deutsche Post DHL, findet sich keines aus dem Südwesten. Und auch von der nationalen Nummer zehn, Panalpina, ist der größte Südwestlogistiker Trans-o-flex noch weit entfernt. Rund 230 Milliarden Euro setzen die deutschen Logistikunternehmen mit ihren etwa 2,8 Millionen Mitarbeitern im Jahr um. Die mittelständisch geprägte Branche im Südwesten bringt es auf 38 Milliarden Euro und zählt 400 000 Mitarbeiter – wobei die Beschäftigten der Logistikabteilungen in Unternehmen aus anderen Branchen eingerechnet wurden. Auf die unternehmenseigene Logistik entfällt immerhin jeder zweite Logistikarbeitsplatz im Land. Doch auch wenn die Großunternehmen ihren Sitz nicht in Baden-Württemberg haben – die Rolle der Logistik im Südweststaat sollte nicht unterschätzt werden. „Logistik ist das Schmiermittel für die Wirtschaft“ – mit dieser Ansicht steht Andreas Bunz, Vorstandsvorsitzender der LGI Logistics Group International in Herrenberg, keineswegs al-

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Transporte

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Stand 2013, Quellen: Statistisches Bundesamt, Statistisches Landesamt

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Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

tuttgarter Nachrichten bruar 2016

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Quelle: ifeu


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Wer transportiert am meisten im Land? In Baden-Württemberg sind zahlreiche mittelständische Logistikunternehmen angesiedelt. Viele haben ihren Sitz im Großraum Stuttgart, wo große Auftraggeber aus dem Fahrzeugund Maschinenbau sowie anderen wichtigen Branchen angesiedelt sind. Unsere Karte zeigt ausgewählte Unternehmen aus dem Land. Standorte von Anbietern mit Hauptsitz in anderen Bundesländern oder im Ausland wurden nicht berücksichtigt.

Grafik

Logistik hält die Wirtschaft am Laufen. Die meisten Güter werden nach wie vor per Lkw transportiert. Foto: dpa

505 Trans-o-flex, Weinheim Confern, Mannheim

246

Pfenning, Heddesheim

155 Standort des Logistik-Unternehmens

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Umsatz in Deutschland 2013 in Millionen Euro entspricht einer Million Euro

175

Karl Schmidt, Heilbronn

Simon Hegele, Karlsruhe

Roos, Durmersheim

82

Albert Craiss, Mühlacker

Müller - Lila Logistik Besigheim

52

120

Schober Gruppe, Weinstadt

Schmalz + Schön, Fellbach

170

72 80

Gebr. Weiss, Esslingen

LGI Logostics, Herrenberg

430

Horst Mosolf, Kirchheim

Wackler, Göppingen

77

200 Willi Betz, Reutlingen

320

Seifert, Ulm C.E. Noerpel, Ulm

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100 Karl Dischinger, Kirchhofen Transco Süd, Singen

80

150 Streck, Lörrach

65 Grieshaber, Bad Säckingen

StZ-Grafik: Manfred Zapletal

Quelle: Fraunhofer SCS


Wirtschaft in Baden-Württemberg 7

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

„Logistik wird individueller“ Die Hochschullehrer Roland Pfennig und Tobias Bernecker sehen noch Potenzial bei der Digitalisierung der Transportbranche. Doppelinterview

Welche neuen Aufgaben kommen durch Industrie 4.0 auf die Logistikbranche zu? Pfennig Die Logistik übernimmt bereits heute vielfach die vollständige Prozesssteuerung in der Fertigung. Industrie 4.0 „Die Logistik übernimmt wird diesen Trend weiter fortführen. Alle Objekte entlang der bereits heute vielfach Wertkette erhalten eine eigene die vollständige elektronische Identität und die Fähigkeit, mit anderen ObjekProzesssteuerung ten und Betriebsmitteln zu in der Fertigung.“ kommunizieren. Dies erfordert Roland Pfennig über neue Aufgaben die intelligente Verknüpfung für Logistikunternehmen großer Datenmengen. Konkret sind damit Themen wie IT-Sicherheit, Cloud-Computing oder Big Data und andere angesprochen. Wie werden sich die Geschäftsmodelle in der Logistikbranche verändern? Pfennig Das Angebot logistischer Mehrwertleistungen wird weiter zunehmen. Dies kann beispielsweise die Übernahme von Montagearbeiten sein, das „Labeln“ von Produkten, das Aufbügeln von Textilien oder die komplette Lagerverwaltung in der Automobilproduktion, um nur einige Beispiele zu nennen. Darüber hinaus wird Industrie 4.0 die Logistik künftig noch stärker fordern. Sie muss die vernetzte und flexible Steuerung von Wertschöpfungsnetzwerken in Einklang mit zunehmend individuelleren Kundenwünschen und mehr Nachhaltigkeit bringen.

© U S M H a l l e r / L e u c h t e To l o m e o B a s c u l a n t e © A r t e m i d e / A l u m i n i u m C h a i r , D e s i g n : C h a r l e s & R a y E a m e s © V i t r a

Zerfließen die Grenzen zwischen Produktion und Logistik – oder wird die Spezialisierung größer? Bernecker Vor einigen Jahren war in der Industrie die Fokussierung auf Kernkompetenzen groß in Mode. Dies hat vielfach zu einer konsequenten Auslagerung der Logistik an externe Dienstleister geführt. Heute beobachten wir, dass sich dieser Trend teilweise wieder umkehrt. Vermehrt werden logistische Aufgaben wegen ihrer großen Bedeutung für das Funktionieren von Produktionsprozessen wieder direkt in der

Wie wird sich der Verkehrsträgermix bei den Transporten verändern? Bernecker Der Wunsch, den Modal Split im Güterverkehr beeinflussen zu können, ist ja gewissermaßen ein Dauerbrenner. Tatsächlich lässt sich hier aber oft nur relativ wenig machen. Logistik muss schnell, kosteneffizient und zuverlässig sein. Vielfach gibt es dann keine wirkliche Alternative zum Lkw. Wenn sich an den Anforderungen nichts ändert, kann sich also auch am Verkehrsträgermix nichts groß ändern. Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass zur Erhöhung der Klima- und Umweltfreundlichkeit des Güterverkehrs die Nachhaltigkeit bei allen Verkehrsträgern noch stärker in den Fokus rücken muss. Was tut sich in puncto Logistik im Ausland – und was kann Deutschland daraus lernen? Bernecker Logistik ist ein weltweites Geschäft. Viele Länder schauen auf der Suche nach Vorbildern für gute logistische Dienstleistungen dabei zunächst auf den Logistikweltmeister Deutschland. Dennoch können auch wir noch vom Ausland lernen. Man denke etwa an die Geschwindigkeit, mit der verkehrspolitische Ziele umgesetzt werden. Als weltweit vorbildlich gelten beispielsweise die Verlagerung von Transporten auf die Schiene in der Schweiz und in Österreich oder der Ausbau von Logistikzentren und Häfen in den Niederlanden und in China. In welchen Branchen birgt die Optimierung der Logistik die größten Potenziale? Bernecker Verschiedene Branchen, beispielsweise der Automobilsektor oder die chemische Industrie, verfügen bereits über sehr ausgereifte Branchenlösungen. Das geht bis hin zu hoch spezialisierten Logistikdienstleistern, die nur noch branchenspezifische Logistikkonzepte entwickeln und anbieten. In anderen Branchen, etwa im mittelständischen Maschinenbau, fehlen noch derartige Branchenlösungen. Man kann aber nicht pauschal sagen, dass dort automatisch das Potenzial am größten ist. Das ist vielmehr immer auch eine Frage der Mengen und der geforderten Komplexität der Logistik. Welche Potenziale bietet intelligente Logistik mit Blick auf die Verbesserung der Ökobilanz von Produkten?

Montage: Schlösser Fotos: privat

Was ist Logistik? Geht es dabei nur um Rohstoffe und Güter? Pfennig Stark vereinfacht und pointiert: es geht um die Sicherstellung von Verfügbarkeit. Das betrifft nicht nur Rohstoffe und Güter, sondern zunehmend auch Daten und Informationen – und natürlich auch Fachkräfte. Der Trend zur Digitalisierung nimmt dabei gerade erst richtig Fahrt auf. Schon heute wären aber beispielsweise die Anlieferung direkt ans Band in der Automobilindustrie oder die Paketlogistik in den Städten ohne umfassende IT-Lösungen gar nicht mehr denkbar.

Produktion angesiedelt. Dies betrifft insbesondere die Planung und die strategische Steuerung der Logistik.

Illustration: CartoonStock.com

O

hne Logistik herrscht Stillstand. Längst geht es nicht nur um den Transport von Waren von A nach B. Logistiker übernehmen immer mehr Aufgaben. Roland Pfennig und Tobias Bernecker von der Hochschule Heilbronn sprechen über die Branche, ihre Bedeutung und aktuelle Herausforderungen.

Pfennig Die aktuellen Bemühungen der Logistikbranche sind gerade in diesem Bereich enorm. Nahezu jedes logistische Netzwerk sammelt Verbrauchsdaten und ermittelt den CO2-Fußabdruck bis auf Sendungsebene hinunter. Die Politik forciert die Grüne Logistik, wohl wissend, dass Logistik immer bis zu einem gewissen Maß endliche Ressourcen verbrauchen wird. Umso wichtiger ist es, alle Ansätze zu nutzen, die mehr Effizienz in die Logistik bringen. Das beginnt bei Fahrerschulungen, technisch optimierten Fahrzeugen und Logistikimmobilien, geht weiter über eine intelligente Vernetzung multimodaler Systeme, den Einsatz von Fahrerassistenz- und autonomen Systemen, Echtzeitsystemen zur Routenoptimierung, Optimierung der letzten Meile durch Einsatz beispielsweise von elektrischen Lastenfahrrädern bis hin zu der Frage, ob über 3-D-Drucker angeforderte Ersatzteile nicht günstiger vor Ort „produziert“ werden und dafür lediglich eine emissionsarme Datenlogistik genutzt werden kann. Wie steht die Logistikbranche in BadenWürttemberg und Deutschland im internationalen Vergleich da? Bernecker Logistik aus Deutschland gilt weltweit als Qualitätssiegel und Vorbild. Nicht ohne Grund ist Deutschland im Welt-

EXPERTEN FÜR LOGISTIK Roland Pfennig studierte Umweltwissenschaften an der Universität Freiburg und war 14 Jahre als IT-Consultant tätig, zuletzt als Beratungsleiter beim Walldorfer Softwarekonzern SAP. Er promovierte 2003. Seit 2005 lehrt der 54-Jährige als Professor für Wirtschaftsinformatik im Studiengang Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik an der Hochschule Heilbronn. Pfen-

nig ist zudem geschäftsführender Direktor des Instituts für Nachhaltigkeit in Verkehr und Logistik (INVL) an der Hochschule Heilbronn. Tobias Bernecker studierte technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Stuttgart und promovierte über die Entwicklung von (Logistik-)Netzwerken. Dann war er Referent für ver-

kehrspolitische Grundsatzfragen im Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr Baden-Württemberg. Seit 2011 lehrt Bernecker Verkehrspolitik und Verkehrswirtschaft an der Hochschule Heilbronn. Der 39-Jährige ist zudem wissenschaftlicher Leiter des von der Hochschule Heilbronn und dem Fraunhofer IAO betriebenen Kompetenzzentrums Logwert. os

bank-Ranking Logistikweltmeister. Dieser Erfolg ist nur möglich, weil an der Logistik in Deutschland sowohl Weltmarktführer als auch ein starker Mittelstand beteiligt sind. Gerade kleinere Speditionen stehen aber heute unter extremem Wettbewerbsdruck, beispielsweise durch die Öffnung der Märkte nach Osteuropa oder den Wunsch der Verlader nach immer individuelleren Lösungen. Veränderung wird dann zur Überlebensnotwendigkeit, wobei oft schon kleine Verbesserungen der logistischen Prozesse sehr wirkungsvoll sind. Hier gibt es viele sehr gute Beispiele aus Baden-Württemberg, etwa regionale Kooperationen bei der Zustellung, die Optimierung der Lagerhaltung durch RFID (Identifikation von Gütern über Funk – Anm. d. Red.) oder die Entwicklung und den Einsatz modernster Fördersysteme. Welche Rolle spielt eine gute Logistik für die mittelständisch geprägte Wirtschaft im Südwesten, wo viele Weltunternehmen außerhalb der städtischen Ballungsgebiete tätig sind? Bernecker Sie ist ganz entscheidend. Auch abseits der großen Verdichtungsräume ist „Vermehrt werden die Wirtschaft auf eine rei- logistische Aufgaben bungslos funktionierende Logistik angewiesen. Solche re- wieder direkt in der gionalen Lösungen für die mit- Produktion angesiedelt.“ telständische Wirtschaft sind Tobias Bernecker über die Abkehr vom gleichzeitig die große Chance Trend zur Auslagerung der Logistik des mittelständischen Logistikgewerbes. Verlader und Dienstleister begegnen sich auf Augenhöhe und entwickeln gemeinsam hoch effiziente Transport-, Umschlag- und Lagerkonzepte. Oft werden für die Logistik mittlerweile auch ganz bewusst Standorte außerhalb der Ballungsgebiete gewählt, um dem in den Zentren herrschenden Flächenmangel, dem Stau und den dortigen Umweltproblemen zu entkommen. Das Gespräch führte Oliver Schmale.

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8 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Es geht nicht nur ums Verladen Die LGI Logistics Group International in Herrenberg hat ein neues Geschäftsfeld entdeckt: das Ausliefern privater Päckchen in die Firma. AuĂ&#x;erdem werden Armaturenbretter fĂźr Autos vormontiert und Laptops aufgefrischt. Von Ulrich Schreyer

Unternehmensporträt

F

lorian Beck freut sich. Ăœber sein Päckchen – aber auch Ăźber den Ort, an dem er seine Fleecejacke abholen kann. Beck ist Mitarbeiter der LGI Logistics Group International in Herrenberg – und sein Päckchen nimmt er direkt am Empfang des Unternehmens entgegen. „Pakadoo“ heiĂ&#x;t der Service, der ihm dies ermĂśglicht. Was LGI anderen anbietet, kĂśnnen auch die eigenen Mitarbeiter nutzen: die Abholung privater Päckchen an einem festen Platz in der Firma. Pakadoo ist das neueste Angebot von LGI, auf dem Markt ist das Unternehmen damit erst seit dem vergangenen Jahr. „Wir haben schon eine ganze Reihe renommierter Unternehmen als Kunden gewonnen“, berichtet Andreas Bunz, der Vorsitzende der GeschäftsfĂźhrung. Vorteil fĂźr die Mitarbeiter: sie mĂźssen nicht mehr zu Hause sein, wenn der Lieferservice klingelt. Bunz indes sieht auch einen Vorteil fĂźr die Umwelt: „Der Lieferwagen muss nicht jeden einzelnen Haushalt anfahren, der ein Päckchen erwartet.“ Auch Beschäftigte der Stadt Herrenberg kĂśnnen sich inzwischen Bestellungen an den Arbeitsplatz liefern lassen. Geordert werden kĂśnnen ganz unterschiedliche Dinge: zum Beispiel Brot, aber auch rezeptfreie Arzneimittel. Inte„Gerade bei uns mit ressenten kĂśnnen sich eine unserer ausgeprägten App auf ihr Handy laden, Ăźber Industrie ist Logistik die sie lokale Händler finden, die sich an dem Lieferservice ein Schmiermittel fĂźr in die Firmen oder die Verwaldie gesamte Wirtschaft.“ tung beteiligen. „Damit schafAndreas Bunz, Vorsitzender fen wir eine Plattform fĂźr den der GeschäftsfĂźhrung von LGI Einzelhandel“, sagt Bunz, „mit Pakadoo sind wir weltweit einmalig.“ Dass es dieses Angebot gibt, ist einer der traditionellen Tätigkeiten von LGI zu verdanken: das Unternehmen sollte irgendwo einen Drucker austauschen, der Kunde war aber nicht zu Hause. „Warum bringen wir ihm den Drucker nicht in die Firma?“, soll ein Mitarbeiter gefragt haben. Damit war Packadoo geboren. Die Logistics Group International hat immer wieder neue Ideen. So wurde etwa im Jahr 2005 die „Qualifizierungs- und Weiterbildungsakademie Logistik Lernzentrum GmbH“ in BĂśblingen gegrĂźndet. „Damit waren wir einer der Ersten“, berichtet Bunz. Von März an sollen dort auch die ersten FlĂźchtlinge ausgebildet werden.

FĂźr die Autoindustrie, einen wichtigen Kunden, lagert die LGI Logistics Group International auch StoĂ&#x;stangen. „Logistik, das ist fĂźr uns mehr als das Beladen von Lastwagen,“ sagt der Vorsitzende der GeschäftsfĂźhrung. Davon zeugen am Standort Herrenberg auch StoĂ&#x;dämpfer, Dachhimmel oder Auspuffanlagen von Fahrzeugen. Teilweise handelt es sich dabei um Komponenten fĂźr Prototypen. „Bei uns lagern Teile fĂźr Autos, die es noch gar nicht gibt“, sagt Gert Frankenhauser, der Regionalleiter fĂźr den Bereich Automotive. Doch auch Komponenten, die direkt ans Band geliefert werden, montieren die Mitarbeiter von LGI vor – etwa Teile fĂźr das Armaturenbrett. Dabei geht es keineswegs nur um die einzelnen Handgriffe. „Der Mitarbeiter muss wissen, wie die Autoindustrie tickt“, sagt der Firmenchef. Doch nicht nur Autobauer gehĂśren zu den Kunden. „Wir lĂśschen hier Software von gebrauchten Laptops und Servern“, erklärt Frank Bessey vor einem Regal, in dem Laptops in Reih und Glied gestapelt sind. Bessey ist unter anderem zuständig fĂźr die strategische Geschäftsentwicklung im Bereich Electronics – und er kann nicht nur davon berichten, was hier mit gebrauchten

Laptops geschieht: „Wir spielen auch neue Software auf, etwa fĂźr Arztpraxen.“ Nicht nur bei Rechnern und Laptops indes hat LGI mit Software zu tun: die Servicetechniker reparieren etwa auch Spielautomaten und versehen diese mit neuer Software. „Wir sind einer der grĂśĂ&#x;ten industriellen Kontraktlogistiker in Deutschland“, sagt Bunz Ăźber sein Unternehmen. Kontraktlogistik, also auch das Ăœbernehmen zusätzlicher Arbeiten fĂźr andere Firmen, gilt als Trend in der Branche. Zunehmend nämlich will sich diese nicht mehr damit begnĂźgen, Waren zu lagern und auf Lastwagen zu verladen. Bei LGI lief die Entwicklung genau umgekehrt. FrĂźher war das 1995 gegrĂźndete Unternehmen Teil des Logistikbereichs von Hewlett Packard (HP), wurde dann aber von dem US-Konzern verkauft. Heute sind Investoren um den frĂźheren Sanierungsmanager Kajo Neukirchen, die sich auf Engagements im Mittelstand spezialisiert haben, die EigentĂźmer. Mit LGI besitzen sie ein aufstrebendes Unternehmen. Sieben Jahre nach der GrĂźndung wurde in Hamburg der erste Standort auĂ&#x;erhalb von Baden-WĂźrt-

Wirtschaft tschaftt in Baden-WĂźrttemberg

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in der Kategorie Konzept und Innovation

Fotos: LGI

temberg errichtet, zwei weitere Jahre später ging in England die erste Auslandsniederlassung an den Start. Inzwischen hat LGI 45 Standorte in Europa, den USA und Russland und 200 Partner in mehr als 90 Ländern. Vor drei Jahren zog die Firmenzentrale von BĂśblingen nach Herrenberg um, wo das Unternehmen auf dem ehemaligen Gelände von Hewlett Packard bereits einen Standort hatte. Eine wichtige Weichenstellung nahm die GeschäftsfĂźhrung 2013 vor: in diesem Jahr wurde die ITG GmbH Internationale Spedition + Logistik in MĂźnchen erworben. Dieses Unternehmen ist auf Mode und Lifestyle spezialisiert, konfektioniert und versendet zum Beispiel KleidungstĂźcke – und muss wegen seiner Beschäftigung mit schnell wechselnder Saisonware ganz besonders auf einen raschen und reibungslosen Ablauf achten. Zu den Kunden der Herrenberger gehĂśren inzwischen neben der Autoindustrie auch Elektronikfirmen, Textilhändler und die Medizintechnik. „Seit der GrĂźndung ist der Umsatz im Schnitt jedes Jahr um 18 „Mit unserem neuen Prozent gestiegen“, so Bunz. Angebot Pakadoo und der „Da wir schon bei HP nicht Lieferung von Päckchen nur Lastwagen beladen haben, haben wir als Kontraktlogistiker an die Arbeitsstelle einen Geburtsvorteil“, sagt der der Beschäftigten sind Firmenchef. „Wir haben unsere wir weltweit einmalig.“ industrielle Kompetenz schon von Beginn an.“ So mancher LGI-Chef Andreas Bunz Ăźber eine Wettbewerber aber ist erst auf Innovation seines Unternehmens dem Weg zu einer solchen. Die Herrenberger dagegen haben erst 2010 eine eigene Transportflotte mit inzwischen 250 Fahrzeugen angeschafft. FĂźr die Luftfracht, die besonderen Sicherheitsvorkehrungen unterliegt, gibt es in Herrenberg eine eigene Halle mit 8000 Quadratmetern – einen Bereich, in den nicht jeder rein darf. Was dort verladen und verplombt wird, kommt direkt ins Flugzeug. Gerade die Kontraktlogistik verhilft der LGI zu länger laufenden Verträgen, als dies in der Branche oft Ăźblich ist. „Bei uns wird nicht einfach nur eine Fahrt an einen bestimmten Ort eingekauft“, meint der Vorsitzende der GeschäftsfĂźhrung – ein Vorteil wohl auch fĂźr die Sicherheit der Arbeitsplätze. „Kannst du statt Vorarbeiter auch Lagerleiter machen?“ wurden die Kollegen frĂźher schon mal gefragt, wenn es um die weitere Expansion des Unternehmens ging. Deswegen sind nicht nur viele langjährige Beschäftigte heute in FĂźhrungspositionen: „Bei uns kĂśnnen auch die jungen Mitarbeiter recht rasch Verantwortung Ăźbernehmen“, erklärt der Firmenchef. Viel Platz werde in Gewerbegebieten fĂźr relativ wenig Logistik-Beschäftigte verschwendet, argwĂśhnt so mancher Kommunalpolitiker. „Schauen Sie an, was wir hier machen“, lautet dann das Argument von Bunz. Denn eines ist fĂźr ihn klar: „In einem Bundesland wie Baden-WĂźrttemberg mit seiner ausgeprägten Industriestruktur ist eine funktionierende Logistik das Schmiermittel fĂźr viele Produktionsprozesse.“

RASANTE ENTWICKLUNG Geschichte Die LGI Logistics Group International GmbH war frßher Teil des US-amerikanischen Computerherstellers Hewlett Packard (HP), der sie später ausgliederte. Ein eigenständiges Unternehmen ist LGI seit 1995. Damals – noch in BÜblingen – erzielte der Logistiker mit 160 Mit-

arbeitern einen Umsatz von 17 Millionen Euro. Gegenwart 2015 kam das Unternehmen auf einen Umsatz von 430 Millionen Euro. Etwa die Hälfte davon entfällt auf die Kontraktlogistik, rund 30 Prozent auf StraĂ&#x;entransporte und etwa 20 Prozent auf

Luft- und Seetransporte. Auch in diesem Jahr will LGI weiter wachsen – mit einem Umsatzplus zwischen vier und fßnf Prozent doppelt so stark wie die gesamte Branche. Beschäftigt werden inzwischen weltweit 4000 Mitarbeiter, davon rund 350 am Stammsitz in Herrenberg. ey


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10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Immer mehr Güter werden um die Welt gekarrt. Umso wichtiger ist, dass Transporte so klimaschonend wie möglich abgewickelt werden. Fotos: fotolia, StZ

Steiniger Weg zum grünen Güterverkehr Der Transportsektor ist das Sorgenkind des Klimaschutzes. Dabei gibt es viele Wege, die Umweltbilanz des Güterverkehrs zu verbessern. Man muss sie nur konsequent nutzen. Von Udo Lambrecht

Gastbeitrag

N

ach dem Weltklimagipfel in Paris werden große Hoffnungen darauf gesetzt, dass der Klimaschutz jetzt schnell in Fahrt kommt. Der Verkehrssektor ist hier die größte Herausforderung. Während Solar- und Windenergie als erschwingliche Alternative im Stromsektor schon umfassend eingesetzt werden, Gebäude weiter isoliert werden können und zur klimafreundlicheren Wärmegewinnung Solarthermie, Wärmepumpen und Fernwärme bereitstehen, ist der Verkehrssektor noch fast vollständig vom fossilen Erdöl abhängig. Die Treibhausgasemissionen des Verkehrs in Deutschland nahmen die letzten Jahre wieder zu und liegen heute auf dem

Niveau von 1990. Trotz Verbesserungen an Motoren und Fahrzeugen. Insbesondere der ansteigende Straßengüterverkehr hat hierzu beigetragen. Er ist und bleibt das Sorgenkind des Klimaschutzes, zumal weiteres Wachstum prognostiziert wird. Der Güterverkehr ist aber zugleich eine wichtige Grundlage unseres Wirtschaftssystems und damit des Wohlstandes in Deutschland. Damit dies so bleibt, muss er endlich seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Eine umfassende Transformation ist dafür notwendig. Nur: wo soll man anpacken, um die gewünschte Dekarbonisierung des Güterverkehrs bis 2050 hinzubekommen? Wie kann das heutige System so umgebaut werden, dass es nur wenige Verwerfungen gibt und

dennoch die Ziele erreicht werden? Welche Leitplanken müssen gesetzt werden, damit der Güterverkehr seinen Beitrag zur Erreichung des Zwei-Grad-Zieles leistet? Langfristig geht es darum, auch den Güterverkehr auf erneuerbare Energieträger umzustellen. Das schaffen wir nur, wenn dafür möglichst effiziente Verkehrsmittel optimal eingesetzt werden. Zudem müssen Produktion und Konsum so organisiert werden, dass möglichst wenig Verkehr entsteht. Das hilft nicht nur dem Klima, sondern bringt auch weniger Lärm und eine bessere Luftqualität mit sich. Darüber hinaus sind weniger Eingriffe in die Landschaft nötig und der Flächenverbrauch geht zurück. Die Bahn gilt dabei in vielen Diskussionen als der Hoffnungsträger des Klimaschutzes. Sie wird elektrisch betrieben, kann somit erneuerbaren Strom einsetzen und Güter mit hoher Energieeffizienz transportieren. In vielen Zukunftsszenarien wird ein wachsender Teil der Transporte von der Straße auf die Schiene verlagert. Das entspricht jedoch nicht dem Trend der letzten Jahrzehnte. Der Gütertransport findet in immer kleineren Einheiten bei höherer Flexibilität statt. Gerade das ist nicht das bisherige Kerngeschäft der

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Bahn. Daher müssen ganz neue Technologien und Abläufe implementiert werden, um Geschwindigkeit und Verlässlichkeit des Systems zu erhöhen. Doch selbst wenn der Bahnverkehr bis 2030 verdoppelt würde, könnte das den Straßengüterverkehr in Deutschland gerade einmal um zehn Prozent reduzieren. Daher muss der Güterverkehr auf der Straße, der die Masse der Transporte in Deutschland ausmacht, entscheidend verbessert werden. Die EU ist dabei, den Rahmen für die Einführung effizienterer Lkws zu setzen. Wie in den USA und in China geht es darum, Effizienzstandards zu etablieren, die den Verbrauch der Fahrzeuge erheblich reduzieren. Mit weiteren Verbesserungen der Aerodynamik, der Reifen und der Motoren können noch bis zu 20 Prozent des Kraftstoffs bei Diesel-Lkws eingespart werden. Immer klügere Fahrerassistenzsysteme berücksichtigen Steigungen, Staus und Beladung der Fahrzeuge und können noch weitere Prozente rausholen. Doch auch das hilft nur bedingt auf dem steinigen Weg zu einem CO2-freien Straßengüterverkehr. Der Energieträger Erdöl muss langfristig durch möglichst CO2-arme, also erneuerbare Energien ersetzt werden. Dafür steht eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung. Strom aus Wind- und Sonnenenergie kann effizient mit Batterien oder direkt über Oberleitungen genutzt werden. Strom kann aber auch zur Erzeugung von Wasserstoff oder synthetischem Kraftstoff (Power-to-Gas oder Power-to-Liquid) eingesetzt werden. Auch Biokraftstoffe haben in einzelnen Be- „Effiziente und reichen ihre Berechtigung. wirtschaftliche Der Einsatz dieser Techno- Möglichkeiten, den logien geht aber nicht sofort und nicht in jedem Einsatzseg- Güterverkehr mit ment. Nach wie vor hemmen erneuerbaren Energien Gewicht, Reichweite und Kos- zu betreiben, müssen ten den Einsatz von Batterien. Brennstoffzellen haben einen in Forschung und sehr hohen Preis und benöti- Pilotprojekten gen teuren Wasserstoff. Syn- weiterentwickelt werden.“ thetische Kraftstoffe werden erst in kleinen Mengen produ- Udo Lambrecht über den nötigen ziert und sind ebenfalls sehr Umbau des Transportsektors teuer. Aber die Technologien werden weiterentwickelt, erste Versuche mit Oberleitungs-Lkws wurden von der Bundesregierung zusammen mit der Industrie initiiert, die Kosten von Batterien gehen zurück. Es tut sich einiges – und es sind erste und richtige Schritte auf dem Weg hin zu einer Dekarbonisierung des Güterverkehrs. Wir müssen die Herausforderung annehmen, um auch im Transportsektor die passenden Lösungen zu finden. Der Wettbewerb der Systeme muss stärker angestoßen werden. Effiziente und wirtschaftliche Möglichkeiten, den Güterverkehr mit erneuerbaren Energien zu betreiben, müssen in der Forschung und Pilotprojekten weiterentwickelt werden. Die Politik muss in Deutschland und EU-weit den Rahmen dazu setzen. Sie darf – und das mögen viele nicht hören – auch nicht davor zurückschrecken, fossile Kraftstoffe höher zu besteuern, um damit den Markt für nachhaltigere Systeme zu öffnen. Die Logistikbranche muss zudem intelligente zukunftsfähige Lösungen weiterentwickeln – vom Ferntransport bis hin zur Endverteilung. Industrie und Handel können das mit höheren Umweltanforderungen an die Logistik unterstützen. Und letztendlich muss auch der Bürger als Konsument darauf achten, welche Produkte er kauft.

ZUR PERSON Experte Udo Lambrecht ist Leiter des Bereichs Verkehr und Umwelt beim Institut für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) in Heidelberg. Der Diplom-Physiker ist zudem einer von sieben Gesellschaftern des privaten Instituts.

Institut Das Ifeu wurde 1978 von Wissenschaftlern der Universität Heidelberg als Zentrum für unabhängige Umweltforschung gegründet. Es ist als gemeinnützige GmbH organisiert und beschäftigt rund 70 Mitarbeiter. StZ


Wir Wirtschaft tschaft & Karriere

Februar 2016

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Doktortitel sind oft nur Beiwerk Die Doktorwürde kann zweifellos Gehalt und Karriere günstig beeinflussen. Ein akademischer Titel allein garantiert aber noch lange nicht den Sprung an die Spitze. Von Stefanie Köhler

Ein Doktorhut: Symbol für akademische Weihen. Große Firmen legen bei Anfängern mehr Wert auf Titel als der Mittelstand. Foto: fotolia

Akademische Titel

D

ieter Zetsche hat es getan, Johannes Teyssen auch, ebenso Kurt Bock und Reinhard Ploss: Alle vier Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen Daimler, Eon, BASF und Infineon haben promoviert. Ist ein Doktortitel für den Aufstieg nach ganz oben ein Muss? Die Antwort lautet nein. An Konzernspitzen sitzen auch erfolgreiche Gegenbeispiele ohne Doktorwürde – und sogar ohne akademischen Grad. Martin Blessing (Commerzbank) hat den Master of Business Administration (MBA) auf das Studium der Betriebswirtschaftslehre gesetzt, Harald Krüger (BMW) ist „nur“ DipFoto: Max Kovalenko lom-Ingenieur Maschinenbau. René Obermann war bis „Oben ist die Luft ganz Ende 2013 Vorstandschef der dünn. Eine Person Deutschen Telekom, obwohl ohne Titel muss noch er nach der Ausbildung zum Industriekaufmann das Stumehr überzeugen als dium der Volkswirtschaftsleheine mit Titel.“ re abgebrochen hatte. Nach Markus Weber, geschäftsführender zwei Semestern. Gesellschafter von Maier + Partner, Wie sehr ein Titel der Karüber Titel in der Arbeitswelt riere nützt, darüber sind Experten unterschiedlicher Auffassung. Viele halten ihn für einen hilfreichen, aber nicht zwingend notwendigen Karrierebaustein. Und schon gar nicht für die Eintrittskarte ins Top-Management. Der Titel allein qualifiziert niemanden zur

TITEL – FÜR VIELE EIN THEMA Weiter beliebt: Plagiatsaffären hin oder her – Arbeitgeber sehen Titel gern, die Promotionsfreude bei Studenten ist ungebrochen. Im Schnitt promovieren jedes Jahr 25 000 Menschen in Deutschland. Laut dem aktuellen „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs“ war 2010 jede dritte Promotion in Mathematik und Naturwissenschaften – also mittlerweile mehr als in Humanmedizin. Auch 2013 blieb die Zahl der Promovierenden dem Ausschuss für Bildung, Forschung und Tech-

nikfolgenabschätzung im Bundestag zufolge stabil. Nachwuchs locken: Viele vor allem große Unternehmen bieten jungen Leuten an, den Doktor oder MBA zu machen. Einige Firmen bezahlen sogar das oft kostspielige MBA-Programm. Mit solchen Anreizen ziehen sie sich ihren Nachwuchs heran. Für die Rekrutierung arbeiten Unternehmen zum Beispiel mit Hochschulen zusammen, wo sie potenzielle Titelträger finden. sk

Führungskraft mit den geforderten Management- und Führungskompetenzen, sagt Ulrich Goldschmidt, Geschäftsführer des Verbands Die Führungskräfte (dFK). „Wer einen Titel anstrebt, nur um Manager zu werden, geht den falschen Weg.“ Für einen Posten an der Konzernspitze schwindet die Bedeutung von Doktortiteln sogar: Laut einer Studie der Personalberatung Odgers Berndtson haben im vergangenen Jahr 38 Prozent der Dax-Vorstände promoviert, zehn Jahre zuvor waren es mit 51,9 Prozent noch mehr als die Hälfte. Der „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013“ kommt zu dem Schluss: ein Titel schützt am besten vor Arbeitslosigkeit. Promovierte seien aber zugleich überdurchschnittlich oft befristet beschäftigt. Titel können die Karriere befördern, da die Träger Fähigkeiten mitbringen, die für den Aufstieg nötig sind. „Eine Promotion prägt die Persönlichkeit“, sagt Markus Weber, geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Dr. Maier + Partner mit Hauptsitz in Stuttgart. Titelträger besäßen Ehrgeiz und Durchhaltevermögen, seien es gewohnt, sich zu organisieren, strukturiert zu arbeiten, Neues zu schaffen. „Sie haben ein höheres Abstraktionsvermögen und erfassen Dinge besser. Promovierte haben ihr Potenzial ausgeschöpft“, sagt Weber, der sie mit Schachspielern vergleicht: Sie sind immer zwei Züge voraus. Goldschmidt sieht das ähnlich. „Wer aufsteigen will, hat klare Karrierevorstellungen. Eine Promotion gehört für viele dazu.“ Trotzdem hätten Titel in der Arbeitswelt immer weniger Bedeutung. Ob eine Fach- oder Führungskraft gesucht werde – Personaler seien Titel bei der Einstellung egal. „Für die Karriere sind sie kaum noch relevant. Selbst in der Forschung oder Medizin verlieren Doktortitel an Bedeutung“, sagt Goldschmidt. Was daran liege, dass die Unternehmen in Deutschland immer internationaler werden. „Im Ausland hatten Titel schon immer weniger Bedeutung als bei uns. In vielen Unternehmen wird in E-Mails auf Titel verzichtet, denn sie werden im Ausland oft nicht verstanden“, sagt Goldschmidt. Die Amerikaner etwa verbinden einen Doktor mit einem Arzt. Aufgrund der Internationalisierung der Geschäftstätigkeit würden

mittlerweile Führungs- und Funktionsebenen beschrieben, deren Wert auch Gehalt und Incentives bestimmen. „Weder Titel noch – wie früher – das Lebensalter sind heute noch entscheidend für die Gehaltshöhe oder Benefits.“ Weber und sein Kollege Sven Hasenwandel stellen dagegen fest: Die Bedeutung von Titeln hängt sowohl von der Hierarchie und Branche als auch von der Größe des Unternehmens ab. Je größer das Unternehmen und je höher die Position ist, desto ausschlaggebender seien Titel. „Beim Berufseinstieg spielen Titel eine deutliche Rolle“, sagt Hasenwandel. Promovierte verdienten im Schnitt 5000 bis 7000 Euro mehr als Bachelorabsolventen. Jedoch entgeht Doktoranden in der Zeit, in der sie ihre Dissertation schreiben, viel Geld. Sie werden schlechter bezahlt als andere Akademiker. Eine Promotion lohnt sich daher allenfalls mittel- bis langfristig. Laut Gehaltsreport für Fach- und Führungskräfte 2016 der Online-Jobbörse Stepstone verdienen Promovierte im Schnitt 18 Prozent mehr als Fachkräfte mit Master- oder Diplom-Uniabschluss. Großunternehmen legen bei Anfängern mehr Wert auf Titel als der Mittelstand. Dort sei die Hands-on-Mentalität wichtiger, sagt Hasenwandel: Bewerber müssen bei Vorhaben anpacken können, aber auch Berufserfahrung haben. „In der Chemie-, Bio- und Pharmabranche ist die Promotion dagegen ebenso Pflicht wie für Juristen, Berater oder Mediziner, die in einer Universitätsklinik Karriere machen wollen“, sagt Weber. Die High-Tech-Branche setze in der Entwicklung eine Promotion voraus. Der Bewerber hat Grundlagenforschung betrieben und Praxiserfahrung gesammelt. „Firmen kaufen sich damit aktuelles Fachwissen ein“, sagt Weber. Internationale Unternehmen schätzten auch Bewerber mit MBA. Der Abschluss ist mit internationalen Abschlüssen vergleichbar. Björn Knothe, CEO der Stuttgarter Personalberatung division one, verweist aber auf einen unübersichtlichen Markt mit weltweit mehr als 10 000 MBA-Programmen, die das Rüstzeug fürs Management mit unterschiedlicher Qualität vermitteln.

„Unternehmen können nur schwer einschätzen, wie gut die Ausbildung ist. Sie orientieren sich daher an der Universität“, sagt Knothe. Da es insgesamt so viele Titelträger gibt, tun Firmen sich grundsätzlich schwer, die Wertigkeit zu beurteilen. Auch laut Goldschmidt vom Führungskräfte-Verband schauen Firmen beim MBA heute genauer hin. Dient die Weiterbildung bloß für mehr Qualifikation, oder trägt sie zur Persönlichkeitsbildung bei? Ein MBA solle beispielsweise offener für andere Kulturen machen, weil die Studenten mit ausländischen Kommilitonen in Kontakt gekommen sind. Im mittleren Management rücken Titel erst einmal in den Hintergrund. Performance, Leistungsbereitschaft und Leistungsmotivation oder das Ausmaß der Identifikation mit dem Unternehmen und seiner Kultur zählen, sagt Weber von Dr. Maier + Partner. „Man muss messbare Erfolge vorweisen. Wenn all das stimmt, kann ein Absolvent der Fachhochschule einen Doktor überholen.“ Hervorragende und greifbare Ergebnisse befördern Foto: DFK Führungskräfte letztlich auch ins Top-Management. Jedoch: „Im Ausland hatten Titel „Oben ist die Luft ganz dünn. schon immer weniger Eine Person ohne Titel muss noch mehr überzeugen als Bedeutung als bei uns. eine mit Titel“, sagt Weber. In vielen Unternehmen Das habe auch stark mit An- wird in E-Mails auf Titel sehen zu tun, meint Personalberater Knothe, der soziale verzichtet.“ Kompetenz für sehr wichtig Ulrich Goldschmidt, Geschäftsführer hält. „An der Spitze braucht des Verbands Die Führungskräfte man extrem viel Management-Erfahrung. Man muss sich mit Aufbau, Krisen und Restrukturierung auskennen. Auch Compliance ist ein riesiges Thema.“ Für Goldschmidt zeichnet sich ein guter Manager durch Integrität, Verlässlichkeit, Authentizität und Kommunikationsfähigkeit aus. Doch selbst dann lässt die Karriere sich nicht bis ins letzte Detail planen. „Man kann nicht alles steuern. Harte Arbeit und gute Ergebnisse sind wichtig, aber man braucht auch ein Netzwerk, Förderer und Glück“, sagt Weber.


12 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Auch Soziales braucht Zahlen Die Hochschule Esslingen bildet künftige Leiter von Sozialeinrichtungen oder Ämtern aus. Oft handelt es sich um hoch motivierte Umsteiger. Das Studium ist zwar nicht kostenlos, doch später winken dann höhere Gehälter. Von Ulrich Schreyer

Studiengang Sozialwirtschaft

I

ch war mit meiner Situation und den beruflichen Perspektiven unzufrieden“, erzählt Heike Rau. Sie ist eine der 75 Studentinnen und Studenten, die an der Hochschule Esslingen Sozialwirtschaft studieren – offenbar kein Studium, das ins arbeitsmarktpolitische Abseits führt, im Gegenteil. „Der Bedarf an unseren Absolventen ist groß“, berichtet Jürgen Holdenrieder. Der Professor ist Prodekan der Esslinger Hochschule und dort für den Studiengang Sozialwirtschaft verantwortlich. „In unserem Bereich arbeiten in Deutschland 1,5 Millionen Menschen, das sind 3,5 Prozent aller Erwerbstätigen“. Holdenrieder hat auch einen Vergleich parat, der ebenfalls die Bedeutung des Sozialwesens unterstreichen soll: „Die Autoindustrie und ihre Zulieferer haben in Deutschland etwa 720 000 Beschäftigte, also nur die Hälfte.“ Natürlich haben nicht alle Beschäftigten im Sozialwesen studiert – doch den Absolventen der Esslinger Hochschule steht eine ganze Reihe höchst unterschiedlicher Arbeitsmöglichkeiten offen: Sie können in der Kinder- und Jugendhilfe aktiv werden, bei den Spitzenverbänden der „Es gibt in Deutschland Freien Wohlfahrtspflege, in einen großen Bedarf an Behörden wie etwa LandratsLeuten, die sowohl soziale ämtern, aber auch im Gesundheitswesen. Dabei geht es als auch wirtschaftliche dann keineswegs nur um den Kompetenz haben.“ richtigen Umgang etwa mit Jürgen Holdenrieder, Prodekan Menschen, denen irgendwie der Hochschule Esslingen geholfen werden muss. Der Wettbewerb auch unter Sozialeinrichtungen, so schildert es der Esslinger Professor, sei hoch. Deshalb müssten seine Absolventen nicht nur soziales Einfühlungsvermögen mitbringen: „Studien zeigen bei den Arbeitgebern im sozialen Bereich einen großen und stark wachsenden Bedarf an Arbeitskräften mit betriebswirtschaftlichem Wissen“, sagt Holdenrieder. Der Studiengang, den manche auch nutzten, um überhaupt mal über ihre eigene Situation nachzudenken, könne durchaus auch ein Sprungbrett für die weitere Karriere sein. Mit dem Master, der den Abschluss der Ausbildung in Esslingen bildet, können Führungspositionen etwa bei den Wohlfahrtsverbänden wie Caritas, Diakonie oder Arbeiterwohlfahrt erreicht werden, bei Städten oder Landkreisen ist dieser Abschluss eine Qualifikation für den gehobenen Dienst. Die Absolventen des Studienganges indes können sich auch selbstständig machen – etwa, indem sie privat einen Kindergarten betreiben.

3000 Euro Einstiegsgehalt „Das durchschnittliche Einstiegsgehalt für Sozialarbeiter in Stuttgart liegt bei etwa 3000 Euro, im Bundesdurchschnitt wird weniger bezahlt“, berichtet Holdenrieder. „Das Gehalt eines Masterabsolventen der Sozialwirtschaft liegt in der Regel deutlich darüber.“ Die Studenten, so berichtet der Ausbildungsleiter, seien keineswegs weltfremde Menschen, die einfach etwas Gutes tun wollten, aber nicht wüss„Ich war mit meiner ten, dass dafür eben meist auch Geld nötig sei: „Unsere StudieSituation und den beruflichen Perspektiven renden sind an wirtschaftlichen Fragen sehr interessiert.“ unzufrieden.“ Es geht eben für die angehenden Sozialwirtschaftler Studentin Heike Rau zum Motiv für ihr Studium der Sozialwirtschaft nicht nur darum zu wissen, wie mit anderen Menschen umgegangen werden muss: „Wer zum Beispiel einen Kredit für eine Kindertagesstätte oder ein Behindertenzentrum benötigt, der sollte auch über wirtschaftliche Kenntnisse verfügen, um mit der Bank optimal reden zu können.“ Auch anderes lernen die Absolventen – Kommunikation, den Umgang mit Interessenten für ihre Angebote. Was Holdenrieder als „Individualkommunikation“ bezeichnet, ist oft für die Existenz einer sozialen Einrichtung besonders wichtig: die Mund-zu-Mund-Propaganda. Von dieser hängt oft ab, was Außenstehende von einer sozialen Einrichtung halten – es kommt dabei nicht zuletzt auf deren Mitarbeiter an. Das hat Konsequenzen für die Ausbildung künftiger Chefs solcher Einrichtungen: „Nötig sind Führungserfahrung und

Erfahrung in der Gewinnung von Personal“, meint der Studienleiter. Das Studium richtet sich vor allem an Personen, die bereits einen sozialwissenschaftlichen Hochschulabschluss haben und sich nun auf Leitungsund Führungsaufgaben vorbereiten wollen – oder bereits solche Tätigkeiten ausüben. Die Bewerbungsfrist für einen Studienplatz endet immer am 15. März, das Studium beginnt dann im Sommersemester. Für jeweils 25 hoffnungsvolle Studierende beginnt im April der Studienalltag, dieses Jahr genau am 29. April. Von den derzeitigen Studierenden sind 70 Prozent weiblich. Insgesamt gibt es drei Gruppen, die jeweils im Sommersemester angefangen haben, so dass also welche im ersten, andere im dritten und welche im fünften Semester studieren. Insgesamt nehmen also 75 Studierende jeweils am Studiengang teil, manchmal etwas mehr, weil auch schon mal ein bisschen überbucht wird. Studiert wird übrigens nicht in Esslingen, sondern in StuttgartVaihingen, im Paritätischen Zentrum und Mehrgenerationenhaus.

Studiert wird in Blöcken Gelernt und gelehrt werden dort Sozialwirtschaftliche Rahmenbedingungen, Rechnungswesen und Kostenmanagement, das Recht sozialer Dienstleistungen und Einrichtungen, Organisation, Qualitätsmanagement und Evaluierung. Dies ist aber noch nicht alles: auch Finanzierung und Controlling, sozialwirtschaftliche Konzepte in anderen EU-Staaten, Sozialmarketing und Kommunikation sowie strategisches Management, Personalwirtschaft und Personalführung stehen auf dem Stundenplan. Den – hoffentlich krönenden – Abschluss all dieser Einheiten bildet dann das „Mastermodul“. Studiert wird jeweils in viermal drei Blöcken pro Semester, immer von Donnerstag bis Samstag. Der Rest sind Selbststudium, Hausarbeiten. In „Selbststudium, Präsenzstudium sowie medienbasierte Lehre und Kommunikation“ unterteilt ein Flyer zum Studiengang die drei Säulen, auf denen dieser ruht. Doch wer etwa auf später höher dotierte Aufgaben hofft, muss unter Umständen erst mal in die eigene Tasche greifen: Die Studienkosten betragen 7980 Euro, etwas weniger Geld für Kneipe oder Kino auszugeben, reicht also nicht. Enthalten in diesen Kosten sind die Semestergebühren, Studienmaterialien, Internetseminare und Prüfungsgebühr, aber auch Ausgaben für Masterarbeit und eventuelle Gutachten. Die gesamten Ausgaben für das Studium werden allerdings nicht auf einen Schlag fällig – bezahlt werden können diese nach Absprache beispielsweise auch in 30 Monatsraten zu jeweils 266 Euro. Wer von weiter herkommt, muss allerdings während der Präsenzseminare auch noch mit Übernachtungskosten rechnen. Dies sind aber nur die wenigsten. „Die meisten unserer Studierenden kommen aus der Umgebung von Stuttgart“, berichtet Holdenrieder. Und wer Glück hat, ist zudem auch schon mal bei einem Arbeitgeber beschäftigt, der die Studienkosten ganz oder teilweise übernimmt, weil ihm die Weiterbildung seiner Mitarbeiter wichtig ist. Das Studium indes kostet nicht nur Geld, sondern eben auch Zeit. Und auch hier kommt des Öfteren der Arbeitgeber mit ins Spiel. So wie bei Heike Rau. Unzufrieden war sie mit ihrer früheren Arbeit im Stuttgarter Jobcenter. Jetzt, im Jugendamt des Esslinger Landratsamts, konnte sie ihre Arbeitszeit auch schon mal reduzieren. „Ich habe während des Studiums zwischen 60 und 100 Prozent gearbeitet, manchmal habe ich auch Urlaub genommen“, erzählt sie. „Es gibt Zeiten, wo viel zu tun ist, aber es gibt auch ruhigere Zeiten“, so die Erfahrung von Heike Rau. Aber eines hat sie schnell gemerkt: „Wenn eine Prüfung vorbei ist, muss man schon für die nächste lernen.“ Auch Heide Pusch studiert schon länger an der Hochschule Esslingen. Im April will sie mit ihrer Masterarbeit beginnen. Die Geschäftsführerin des Landesverbands Kindertagespflege Baden-Württemberg hat einen Ganztagsjob, den sie sich allerdings teilweise flexibel einteilen kann. Ihr Arbeitgeber habe schon vor Beginn des Studiums seine Unterstützung zugesagt und ermögliche beispielsweise die Teilnahme an den Vorlesungen. Wichtig ist für sie besonders, Disziplin und strukturiertes Arbeiten miteinander zu verbinden, um sowohl dem

Studierende feiern mit Professor Jürgen Holdenrieder (links) ein gelungenes Studium. Fotos: Hochschule

DAS IST WICHTIG FÜR DIE STUDIERENDEN Informationsveranstaltung Interessenten für das Studium der Sozialwirtschaft an der Hochschule Esslingen können sich am 17. Februar über das berufsbegleitende Studium informieren. Die Veranstaltung in der Flandernstraße 101 beginnt um 17.30 Uhr auf der Empore des großen Konferenzraumes. Bewerbungsschluss für das Sommersemester ist der 15. März. Das Studium beginnt dann am 29. April. Studiengebühr Die Studiengebühr beträgt 7980 Euro. Auf Wunsch kann diese eventuell auch in mehreren Raten abbezahlt werden. Sinnvoll ist auch ein Gespräch mit dem Arbeitgeber. Dieser übernimmt möglicherweise einen Teil der Studiengebühr.

Studiendauer Das Studium dauert zweieinhalb Jahre einschließlich der Erstellung der Masterarbeit. Auch hier ist ein Gespräch mit dem Arbeitgeber sinnvoll, der Studierende eventuell für das Studium teilweise freistellt. Voraussetzung für die Aufnahme des Studiums ist ein einschlägiger Hochschulabschluss, an den sich eine mindestens einjährige Berufspraxis angeschlossen haben muss. Das Studium ist in mehrere Module mit Präsenzeinheiten gegliedert. Das Studium selbst findet nicht in Esslingen statt, sondern im paritätischen Zentrum und Mehrfamilienhaus in Stuttgart-Vaihingen. Ansprechpersonen sind Professor Jürgen Holdenrieder, E-Mail: juergen.holdenrieder@hs-esslingen.de,

Arbeitgeber als auch dem Studium gerecht zu werden. Pusch aber bekam auch Unterstützung von zu Hause. Während des Studiums nämlich brachte sie ein Kind zur Welt. „Ohne die Unterstützung meines Mannes wäre das Studium nicht möglich“, sagt die diplomierte Theologin. Dieser habe sich nämlich Urlaub genommen, damit sie Vorlesungen besuchen konnte. Und abends kümmere er sich um das Kind, „wenn ich Hausarbeiten schreiben muss“. Nach dem ersten Examen habe sie festgestellt, dass sie „nicht zum geistlichen Amt berufen“ sei, sagt Pusch zu ihrem Wechsel. Eine Tätigkeit im sozialen Bereich sei dagegen für sie „perfekt“, „weil ich mit Menschen etwas für Menschen gestalten kann“. Dass daraus nun als Berufsfeld Sozialwirtschaft geworden sei, habe einen einfachen Grund: „Irgend-

sowie Jule Feldhaus, Paritätische Akademie Süd GmbH, Hauptstraße 28, 70563 Stuttgart-Vaihingen, Tel. 07 11/2 15 51 84, E-Mail: feldhaus@akademiesued.org Studieninhalte Gelehrt werden Sozialwirtschaftliche Rahmenbedingungen, Rechnungswesen und Kostenmanagement, Recht sozialer Dienstleistungen und Einrichtungen, Organisation, Qualitätsmanagement und Evaluierung, Finanzierung und Controlling, Sozialwirtschaftliche Konzepte im EU-Vergleich, Sozialmarketing und Kommunikation, Strategisches Management, Personalwirtschaft und Leadership. Dem schließt sich ein Mastermodul an. ey

wann wurde mir klar, dass man zum Gestalten auch im sozialen Bereich Ressourcen braucht und diese gut managen muss.“ Pusch, die während des Studiums erfahren hat, wie wichtig zielgerichtetes Handeln ist, hat daraus auch ein Thema für ihre Masterarbeit gemacht. In dieser befasst sie sich nämlich mit „Strategischer Planung.“ Und vorher begibt sie sich auch noch auf das Feld der Politik. Das Studium, so sagt sie, habe ihr auch „Anregungen für unsere aktuelle Kampagne zur Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg“ gegeben. Und Heike Rau, die sich nicht ganz schlüssig ist, was nach dem Studium kommt, will wenigstens zunächst möglicherweise weiter im Wissenschaftsbetrieb bleiben: „Frau Rau könnte sich auch vorstellen zu promovieren“, sagt Jürgen Holdenrieder.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Asbestabbau in der Taklamakan-Wüste in China. Das Silikat-Mineral ist aufgrund seiner krebserregenden Wirkung in Verruf geraten. Fotos: AFP, dpa, Mauritius

Foto: EPA

Ölförderung in Oklahoma, USA . Ölfirmen geraten weltweit wegen niedriger Preise unter Druck.

Ein Arbeiter reinigt ein Förderband in einem Kohletagebau in Nordchina. Kein Land fragt mehr Kohle nach als das Reich der Mitte.

Reich der Mitte am Scheideweg Die wirtschaftliche Verfassung der Schwellenländer könnte besser sein. Für langfristige Vermögensanlagen bieten China und Co. aber durchaus Chancen. Von Thomas Spengler

Schwellenländer

A

ls den Anlegern allmählich das Geld ausging, drohte im Frühjahr 2015 der Hype im Reich der Mitte abzuflauen. Doch bevor Chinas Börsen so richtig zur Talfahrt ansetzten, erleichterte Peking noch einmal den Erwerb von Aktien auf Kredit. Was dann im vergangenen Sommer folgen sollte, war das klassische Platzen einer Börsenblase. „Und diese Blase war von der Regierung gewollt, denn sie hatte die Entwicklung gestützt und sie immer weiter vorangetrieben“, analysiert Ekkehard Wiek, Vermögensverwalter und Asien-Fondsmanager bei Straits Invest in Singapur. Vielleicht glaubte man in Peking, auf diese Weise leicht und schmerzlos die riesige Verschuldung des Landes in den Griff zu bekommen, das Wachstum durch Stimulation des Binnenkonsums zu befördern und den Wohlstand auf breitere Bevölkerungsschichten ausdehnen zu können. Ebenso verstörend wie das „Die wichtigsten Kriterien staatliche Anfachen des Booms war für Wiek die Reakbleiben die politische tion der Partei, als die Kurse Stabilität und der abstürzten: Sie verbot kurzerReformwille in den hand den Verkauf von Aktien. In der vergangenen Dekade Schwellenländern.“ hatte China unter den EmerMax Schott, Geschäftsführer ging Markets die WachstumsSand & Schott lokomotive schlechthin dargestellt. Die bange Frage, die sich Beobachter stellen, ist nun, wie sehr die anderen Schwellenländer unter dem Abwärtssog, der von China ausgeht, leiden werden. Zusammen mit Brasilien, Russland und Indien bildet die Volksrepublik die sogenannten Bric-Länder – eine Erfindung der Investmentbank Goldman Sachs, die unter diesem Etikett schon 2001 Staaten mit besonders großem Potenzial zusammengefasst hatte, das Label Bric inzwischen aber wieder aufgegeben hat. „Im Grunde gab es auch nie eine Bric-Story, weil die Länder völlig unterschiedliche wirtschaftliche Schritte durchlaufen und jeweils politisch höchst unterschiedlich regiert werden“, macht Uwe Eilers, Vorstand der Geneon Vermögensmanagement AG in Königstein, klar. So hat die jüngste Vergangenheit gezeigt, dass es gerade in aufstrebenden Schwellenländern Konjunkturzyklen gibt,

die ein ungebremstes Wirtschaftswachstum verhindern. „Auch Schwellenländer sind dem Wechselspiel zwischen Rezession und Boom ausgesetzt“, sagt Thomas Wüst, Geschäftsführer der Valorvest Vermögensverwaltung in Stuttgart. Zudem sei das politische Risiko bei den Bric-Staaten oftmals unterschätzt worden. Korruptionsaffären, staatliche Misswirtschaft oder gar militärische Aggressionen lähmen teilweise die wirtschaftlichen Entwicklungen der Länder. „Gleichwohl ist es zu früh für einen Abgesang auf die Schwellenländer“, ist Wüst überzeugt. Bevor man aber Investitionsentscheidungen treffe, sei eine dezidierte Analyse der Situation in den jeweiligen Ländern notwendig. Langfristig aber gelten Schwellenländer manchen Vermögensverwaltern als ein attraktives Investment für risikofreudige Anleger. „Wichtigste Kriterien bleiben die politische Stabilität und der Reformwille in diesen Ländern“, sagt Max Schott,

Geschäftsführer von Sand & Schott in Stuttgart. Ein solider Wachstumspfad und eine erfolgreiche Entwicklung der Unternehmen ließen sich nur durch beständige politische Verhältnisse und eine gute Unternehmenskultur erreichen. Schott sieht daher rohstoffabhängige Länder wie Brasilien, Russland und Südafrika aktuell kritisch und bescheinigt eher asiatischen Ländern wie Indien und Indonesien Potenzial. Dennoch hätten alle genannten Länder in Zukunft enorme Chancen, ein dauerhaft hohes Wachstum zu erzielen, wofür allerdings erst die Rahmenbedingungen geschaffen werden müssten. „Vor allem in Brasilien sind die politischen Rahmenbedingungen so negativ, dass ausländische Investoren derzeit einen großen Bogen um das Land machen“, weiß Eilers. Brasilien kämpft stark mit einer korrupten politischen Elite, was die Wirtschaft lähmt und die Ratingagenturen zu Herabstufungen veranlasst hat. Russland versucht indessen mit einer riskanten Außenpolitik von den riesigen wirtschaftlichen Problemen im Land abzulenken. Außer Rohstoffen hat das Land laut Roland Hirschmüller, Chefhändler der Baader Bank an der Börse Stuttgart,

SCHRITTMACHER DER ROHSTOFFWIRTSCHAFT Anteile der fünf größten Länder an der globalen Nachfrage wichtiger Industrierohstoffe in Prozent, 2014 Indien

Japan

Deutschland

USA

China

Südkorea

Russland

Südafrika

80 70 60 50 40 30 20 10

Aluminium

Blei

Werkstoffe Batterien Chemie Elektrotechnik StZ-Grafik: zap

Kupfer

Nickel

Zink

Zinn

Stahl

Erdöl

Steinkohle

Elektrotechnik, Münzen

Stahl

Korrosionsschutz

Lote, Legierungen

Bau- und Werkstoff

Chemie, Energie

Energie

Quelle: BGR

wenig zu bieten. Darüber hinaus seien die Produktionskosten relativ hoch. Und selbst wenn politische Strukturreformen eingeleitet sind, muss Anlegern bewusst sein, dass diese nicht kurzfristig wirken. „So lukrativ Investments in Schwellenländern nun auch sind – Anleger brauchen dafür einen langen „Die Kommunistische Atem“, warnt daher Vermö- Partei in China steht gensverwalter Wüst. gewaltig unter Druck, Bei der Antwort auf die Frage, wie lang dieser Atem um die Probleme im Land der Investoren sein muss, zu lösen.“ nimmt China eine Schlüssel- Roland Hirschmüller, Chef-Händler rolle ein, weshalb alle Augen Baader Bank in Stuttgart auf Peking gerichtet sind. China als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und seine Nachbarn üben inzwischen erheblichen Einfluss auf die Weltwirtschaft aus. So entfällt mehr als die Hälfte der weltweiten Nachfrage nach Industriemetallen auf diese Region. „Man darf also gespannt sein, welche Impulse hier gesetzt werden, denn die Kommunistische Partei steht gewaltig unter Druck, um die Probleme im Land zu lösen,“ sagt Börsenprofi Hirschmüller und nennt unter anderem die Immobilienblase und die starke Umweltverschmutzung, aber auch den Wandel von der reinen Werkbank der Welt hin zu einem höherwertigeren Produktionsstandort als entscheidende Herausforderungen für das Reich der Mitte. Als schwache Konjunkturdaten Anfang 2016 dafür sorgten, dass die Kurse an den chinesischen Börse erneut einbrachen, galt eine neue Regelung, der zufolge bei einem Kursrutsch von mehr als sieben Prozent der Handel abgebrochen werden musste. „Die Verkaufspanik heizte die neue Regelung aber nur noch weiter an“, sagt Wiek. Als der Schutzmechanismus nach wenigen Tagen wieder abgeschafft wurde und sich das Geschehen daraufhin beruhigte, war die Botschaft der Märkte an die staatliche Planung nach seiner Deutung klar: „Bitte weniger Interventionen, dafür aber verlässliche Daten und Rahmenbedingungen!“ Wie lange die Korrektur der künstlich aufgeblähten Notierungen an Chinas Börsen noch andauern wird, ist schwer abzuschätzen. „Dass wir nach den jüngsten Kursverlusten schon die letzte Phase des Crashs gesehen haben, ist eher unwahrscheinlich“, schätzt Wiek. Mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 40 – beim Dax liegt das KGV aktuell bei rund 13 – sind chinesische Titel weiterhin extrem hoch bewertet.


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Stuttgarter Zeitung | St Nr. 1 | Febr

Pressesprecher Kommunikationsprofis, die mit verschiedenen Kanälen vertraut sein müssen

„Hallo, Sie sind auf Sendung!“ Journalisten heran. Wenn Kollegen aus dem Konzern sich mit potenziellen Themen an Kattau wenden, entscheiden er und sein Team: ist die Geschichte geeignet für die Medien? Print oder eher TV? Ein lokales oder überregionales Thema? Die Antworten darauf bestimmen, wie Kattau und einende Jugendliche ge- erstellt wird. 2015 haben rund 2400 Men- seine Kollegen ein Thema platzieren. Bei hören nicht oft zu Jörn schen teilgenommen. Produktneuheiten sei eine PressemitteiWie sieht ein typischer Arbeitstag in der lung geeignet, bei anderen Themen gehe er Ehlers Arbeitsalltag. Aber 2006, als Braunbär Branche aus? Meist beginnt er mit einem lieber persönlich auf Journalisten zu, sagt Bruno aus Italien die Blick in den Pressespiegel. In welchen Me- Kattau – jüngst zum Beispiel mit einer GeAlpen überquerte und in Bayern sein Un- dien wurde das Unternehmen genannt? schichte über einen Kollegen im Sabbatwesen trieb, war es so weit: trauernde Halb- Welche Themen, zum Beispiel geopolitische jahr. Mit seiner Familie fährt der Mann in wüchsige am Telefon, die nicht verstehen Veränderungen oder Naturkatastrophen, einem umgebauten Auto durch Afrika. konnten, warum der Bär zum Abschuss könnten den Konzern an diesem Tag betrefInsgesamt, beobachtet Kattau, nehme freigegeben worden war. Etwa zwei Wo- fen? Welche Anfragen sind an diesem Tag die Bedeutung von Pressemitteilungen ab. chen war Ehlers damals mit dem Trupp wahrscheinlich? Diese Kattau setzt eher auf unterwegs, der Bruno einfangen sollte. Fragen stehen etwa für den persönlichen Kon„Das Telefon stand nicht mehr still“, erin- Michael Kattau meistakt zu Journalisten – nert sich Ehlers. An einem Morgen erwar- tens am Morgen auf dem und auf Selektion. tete ihn am Telefon eine ganz besondere Programm. Der 31-Jäh„Wenn wir etwas anbieBegrüßung: „Guten Tag, Sie sind live auf rige ist Sprecher für den ten, muss es relevant Sendung.“ Auch wenn diese Zeit anstren- Bereich Ausbildung in sein“, sagt Kattau. Sonst gend war: für Ehlers war sie im Rückblick der zentralen Unternehbestehe die Gefahr, dass ein Höhepunkt seines bisherigen Berufs- menskommunikation E-Mails von Bosch bei lebens. Ehlers, 52 Jahre alt, ist Leiter der von Bosch und außerJournalisten in Zukunft Pressestelle der Naturschutzorganisation dem für elektronische direkt in den PapierFoto: privat WWF – World Wide Fund for Nature – in Medien zuständig. Nach korb wanderten. Das Deutschland. „Die Situation mit dem Bär dem Blick ins Presse- „Heute kommunizieren Sie will der Sprecher unbewar nicht steuerbar. Es gab ein riesiges Monitoring folgt für mit Tausenden unbekannten dingt vermeiden. Interesse, und man wusste nicht, was Kattau meist die MorAls Mann ist Michael passiert“, sagt Ehlers – Bedingungen, die genrunde mit den ande- Usern. Das bedeutet einen Kattau in seiner BranPressesprecher besonders fordern. Genau ren Sprechern, in der gewissen Kontrollverlust.“ che mittlerweile in der solche Herausforderungen bringen Ehlers sich alle gegenseitig auf Daniela Puttenat, Expertin Minderheit, zeigt die den neuesten Stand für Krisenkommunikation Spaß an seinem Beruf. Branchenstudie „ProRund 45 000 Menschen arbeiten in bringen. Der Rest des fession PressespreDeutschland in der Kommunikation, Tages ist für Kattau mit verschiedenen Aus- cher“. War das Geschlechterverhältnis schätzt Thomas Hoffmann. Er leitet die gaben ausgefüllt. noch vor sechs Jahren ausgewogen, liegt Beim Beantworten von Presseanfragen der Frauenanteil mittlerweile bei rund Bundesgeschäftsstelle des Bundesverbands deutscher Pressesprecher, der rund muss der Sprecher sofort wissen, wer der 60 Prozent. In den nächsten Jahren wird 4500 Mitglieder zählt. Genaue Zahlen zur richtige Fachexperte im Konzern ist. Für sich dieser Trend noch verstärken, denn in Größe der Branche gibt es nicht, weil der langes Überlegen bleibt meist keine Zeit. der Altersgruppe unter 29 Jahren sind rund Beruf – anders als etwa bei Juristen oder „Es ist sehr wichtig, seine Ansprechpartner 80 Prozent der PR-Praktiker Frauen. Ärzten – keine geschützten Zugangswege im Unternehmen gut zu kennen.“ Kattau Ein weiterer wichtiger Trend, den Branhat. Zudem umfasst das Berufsfeld vielfäl- muss nicht nur den Journalisten erklären, chenexperten beobachten: das Berufsfeld tige Aufgaben: Kommunikation zwischen wie das Unternehmen tickt – sondern auch wird professioneller. An den Hochschulen Firmen, Medien und Kunden, aber auch die umgekehrt. Eine wichtige Aufgabe daher: hat sich das Kommunikationsmanagement Steuerung von Werbemaßnahmen oder seine Kollegen dafür zu sensibilisieren, dass als eigene akademische Disziplin etabliert. unternehmensinterne Kommunikation – Presseanfragen häufig sehr dringend sind – Der Anteil derer, die ein PR-Studium absolall dies kommt unter dem Überbegriff auch dann, wenn die Zeit für andere Auf- viert haben, erreichte 2015 mit 28 Prozent „Public Relations“ zusammen. 2015 betrug gaben ohnehin knapp sein mag. Prinzipiell den höchsten Wert seit 2005, als die Brandas Durchschnittseinkommen in diesem gelte bei Bosch, dass statt eines Sprechers chenstudie „Profession Pressesprecher“ Berufsfeld 67 367 Euro. Das haben die Au- für O-Töne und Zitate lieber ein Fachexper- zum ersten Mal erstellt wurde. Zugleich toren der Studie „Profession Pressespre- te aus dem Unternehmen selbst zu Wort haben heute mehr Pressesprecher einen cher“ ermittelt, eine der umfassendsten kommen sollte. „Das ist authentischer“, sagt geistes- oder sozialwissenschaftlichen StuBranchenstudien in Europa, die im Auftrag Unternehmenssprecher Kattau. dienabschluss als früher. Dagegen hat der des Bundesverbands deutscher PresseKattau reagiert aber nicht nur auf An- Anteil von Absolventen anderer Fachrichsprecher seit 2005 alle zwei bis drei Jahre fragen, sondern tritt auch von sich aus an tungen stark abgenommen. Hatten etwa 2005 noch rund ein Fünftel der Befragten einen BWL-Abschluss, waren es 2015 nur noch circa 13 Prozent. Unter dem Strich haÖFFENTLICHKEITSARBEITER VON UNIS GNADEN ben heute rund 84 Prozent der PR-PraktiStudienqualifikation von Fachleuten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit ker ein abgeschlossenes Studium, seit 2005 Anteil der Studienschwerpunkte in Prozent ein Anstieg um circa sechs Prozentpunkte. Einhergehend mit höheren BildungsStudium in einem nicht-publizistischen Bereich abschlüssen in der Branche seien auch die 42 der Geistes-/Sozialwissenschaften Herausforderungen gewachsen, beobachpublizistisches Studium, z.B. Kommunikations-, 32 ten einige Experten. „Der Druck in der PR Medienwissenschaft oder Journalistik hat zugenommen“, sagt Daniela Puttenat. 13 wirtschaftswissenschaftliches Studium Die 43-Jährige hat mehr als 15 Jahre Berufserfahrung in der PR und ist Autorin technisches oder naturwissenschaftliches Studium 6 zweier Fachbücher zu Pressearbeit und Krisenkommunikation. Früher, erinnert rechtswissenschaftliches Studium 3 sich Puttenat, musste sie in einer Krise ihre

Pressesprecher sind Mittler zwischen zwei Welten. Soziale Medien erhöhen den Druck in der Branche. In Krisen aber können sie – intelligent genutzt – hilfreich sein. Von Siri Warrlich

Berufsprofil

W

sonstiges Studium StZ-Grafik: zap

wichtigsten Zielmedien informieren und überzeugen. Die meisten Journalisten, so Puttenat, kannte man damals persönlich und rief sie in Krisen direkt an. „Heute kommunizieren Sie mit Tausenden unbekannten Usern, die ihre Meinung, oft im Schutz eines anonymen Accounts, teils drastisch äußern. Eine Skandalisierung mit gezielten Hashtags und Hasskommentaren ist in Social-Media-Kanälen schnell erreicht. Das bedeutet einen gewissen Kontrollverlust.“ Schließlich könne niemand „das ganze Web überwachen“. Soziale Medien, so das Fazit, erhöhen Arbeitsbelastung und -intensität in der Branche. Trotz dieser Schwierigkeiten kennt Puttenat aber auch Beispiele, wie Konzerne soziale Medien in der Krisenkommunikation intelligent genutzt haben: Puttenat nennt etwa die Reaktion von Lufthansa und Germanwings nach dem Absturz einer Germanwings-Maschine im März 2015. „Beispielsweise wurden auch die Logos auf Twitter und Facebook sofort grau eingefärbt. Angesichts des furchtbaren Geschehens nur ein Detail, aber es symbolisierte Respekt vor Opfern und Angehörigen.“ Soziale Medien eigneten sich für schnelle Updates, wenn das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit sehr groß ist. Im Vergleich dazu erinnert die Expertin für Krisenkommunikation an das TransrapidUnglück im Emsland 2006. Damals wurden Journalisten laut Puttenat noch per SMS über Vor-Ort-Termine und neue Entwicklungen informiert. „Für die damalige Zeit war dies eben der schnellste Weg.“ Der Vergleich zeigt: soziale Medien sind nicht allein Fluch der Krisenkommunikation. Intelligent genutzt, können sie auch Segen sein und Unternehmen dabei helfen, schnell und umfassend zu informieren. Manche Firmen schaffen es zudem, jenseits von TV und Print etwa die Videoplattform Youtube zu nutzen, um gezielt junge Zielgruppen anzusprechen und sich ins Gespräch zu bringen. Der Spot des Lebensmittelhändlers Edeka über einen Opa, der seine weit verstreute Familie zu Weihnachten nur zusammenbringt, indem er seinen Tod vortäuscht, ist hierfür das beste Beispiel: Er wurde seit Ende November knapp 46 Millionen Mal angeklickt. Wenn WWF-Sprecher Jörn Ehlers an den sogenannten Problembären Bruno zurückdenkt, ist er trotzdem ganz froh, dass soziale Medien damals noch nicht so verbreitet waren. Auch ohne Facebook, Twitter und Konsorten stand sein Telefon nicht mehr still. „Mit Social Media wäre es noch heftiger geworden“, sagt Ehlers. Im FünfMinuten-Takt Neuigkeiten auf Facebook zu posten, wäre ohnehin schwierig geworden: Im Wald hatte Ehlers oft keinen Empfang. Vieles ist im Fluss in der PR-Branche, aber eines ändert sich wohl nie: der größte Albtraum eines jeden Pressesprechers ist und bleibt das Funkloch.

4 Quelle: Bundesverband deutscher Pressesprecher

Kommunikation will gelernt sein

Foto: fotolia

Vier von fünf PR-Praktikern in Deutschland haben mittlerweile eine PR-spezifische berufliche Ausbildung, zeigt die Branchenstudie „Profession Pressesprecher“, die im Auftrag des Bundesverbands deutscher Pressesprecher regelmäßig erstellt wird. Bei 15 Prozent der insgesamt rund 2400 Befragten besteht diese Ausbildung aus einem PR-Volontariat. Solch eine Ausbildung bieten viele Firmen an, zum Beispiel Audi, Bayer, IBM – und der Chemiekonzern BASF, schon seit 1982. Dort absolviert Kristina Seebacher aktuell ein PR-Volontariat. Obwohl die 27-Jährige schon während ihres Germanistikstudiums für PRAgenturen und Zeitungen gearbei-

tet hat, hielt die Ausbildung bei BASF für sie dennoch eine Überraschung bereit: „Ich hätte nicht erwartet, dass das Volontariat bei BASF so vielfältig ist.“ Etwa alle drei Monate wechselt Seebacher in eine neue Station und lernt so innerhalb von zwei Jahren verschiedene Seiten der Kommunikation in einem Großkonzern kennen – zum Beispiel die Pressestelle, das Brand Management und die Arbeit im Besucherzentrum. Auch externe Stationen, etwa bei einer Zeitung oder einer PR-Agentur, gehören bei BASF zum Volontariat dazu. „Ausschlaggebend war für mich, dass ich Journalismus und PR in der Ausbildung verbinden kann“, sagt Seebacher. Die Grundlagen des

journalistischen H hat sie im Rahmen in einem einmonat Akademie für Pub burg erlernt. Die A len Netzwerken is Routine: Für ein Ho wald, das BASF bet lontärin eine Socia gie entwickelt. Im S Seebachers Volont Frau stellt sich auc daran auf einen B bei dem sie stän muss: „Dass imm Media-Kanäle en unsere Branche a prägen. Die PR-Ar dialogorientierter, schneller“, sagt See


Wirtschaft in Baden-Württemberg 15

tuttgarter Nachrichten bruar 2016

Die Rolle von Agenturen

Branche und Firmengröße bestimmen das Gehalt Knapp 70 000 brutto verdienten PR-Praktiker in deutschen Unternehmen durchschnittlich im Jahr 2015. Das ermittelten drei Wissenschaftler für die Studie „Profession Pressesprecher“, die im Auftrag des Bundesverbands deutscher Pressesprecher seit 2005 alle zwei bis drei Jahre erstellt wird. Rund 2400 PRPraktiker haben an der Umfrage teilgenommen. Ihr Gehalt wird hauptsächlich von zwei Faktoren bestimmt: Wie groß der Arbeitgeber ist und welcher Branche er angehört. Bei Unternehmen mit mehr als 2000 Mitarbeitern verdienten PR-Praktiker 2015 im Schnitt knapp 100 000 Euro brutto im Jahr, bei Unternehmen mit weniger als 99 Mitarbeitern dagegen nur rund die Hälfte. Bei kleineren und mittleren Unternehmen führt die Energie- und Versorgungsbranche die Gehaltstabelle an. Bei großen Firmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern ist dagegen die Nah-

REDEN IST GOLD Bruttojahreseinkommen von PR-Spezialisten nach Verdienstgruppen, in Prozent

rungs- und Genussmittelindustrie der Spitzenreiter. Den letzten Platz belegt bei kleineren Unternehmen die Bildungsbranche, bei großen Firmen das Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen. Darüber hinaus beeinflusst auch der Aufgabenbereich das Gehalt. Wer für Investor Relations verantwortlich zeichnet, verdient am meisten. Dies liegt jedoch vor allem daran, dass diese Funktion ausschließlich bei börsennotierten und damit meist umsatzstärkeren Unternehmen existiert, die ohnehin besser zahlen, vermuten die Autoren der Branchenstudie. Deshalb sei vor allem der Blick auf die übrigen Bereiche interessant: Hier ist der Bereich Corporate Social Responsibility – also Unternehmensverantwortung und soziales Engagement – am lukrativsten. Rund ein Fünftel weniger verdienen Kollegen am unteren Ende der Gehaltstabelle im Bereich Marketing/Kommunikation. Pressesprecher arbeiten nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch bei Vereinen und anderen Institutionen wie Nichtregierungsorganisationen. Dort verdienen sie jedoch im Schnitt rund ein Viertel weniger als Sprecher in Wirtschaftsunternehmen. swa

Besonders kleinere Unternehmen haben oft keine eigene Pressestelle und lagern die Aufgabe an Agenturen aus. Verschiedene Suchdienste liefern einen Überblick, welche Anbieter es im eigenen Umfeld gibt – zum Beispiel der Online-Dienst PR Report oder Seiten wie www.datenbanken.pr-journal.de oder www.agenturmatching.de. Für die Auswahl empfiehlt Thomas Hoffmann vom Bundesverband deutscher Pressesprecher: „Die Firma muss sich sehr genau darüber im Klaren sein, was sie möchte und was sie auszugeben bereit ist. Bei der Entscheidung geht es dann aber letztlich nicht nur um Leistung, sondern auch darum, ob die Chemie stimmt.“ Andreas Haas, Standortleiter in München der renommierten Agentur Fischerappelt, rät Firmen mit begrenzten Mitteln, sich auf das Wichtigste zu konzentrieren. Sie sollten sich genau überlegen, „was das eine wichtige Ziel ist“ und mit welcher Maßnahme das zur Verfügung stehende Geld die wirksamsten Ergebnisse bringen würde. swa

unter 25 000 € > 250 000 € 1 2 25 000 bis 100 000 bis 12 50 000 € 250 000 € 29 15 75 000 bis 100 000 €

% 42 50 000 bis 75 000 €

StZ-Grafik: zap

Handwerkszeugs des Volontariats tigen Kurs an der blizistik in HamArbeit mit soziast für Seebacher otel im Schwarztreibt, hat die Voal-Media-StrateSeptember endet tariat. Die junge ch im Anschluss Berufsalltag ein, ndig dazulernen mer neue Socialntstehen, wird auch in Zukunft rbeit wird noch , anonymer und ebacher. swa

Quelle: Bundesverband deutscher Pressesprecher

Vom Journalismus zur PR Jeder dritte Pressesprecher hat es laut der Branchenstudie „Profession Pressesprecher“ getan: die Seiten gewechselt – vom Journalismus in die Öffentlichkeitsarbeit. Viele im PRBereich sind überzeugt: Wer schon einmal eine Redaktion von innen kennengelernt hat, kommuniziert am effektivsten. „Man hat dann einen entscheidenden Vorteil: zu wissen, wie Journalisten ticken und wie deren Erwartungen sind“, sagt etwa Immo Dehnert. Der 48-Jährige volontierte bei der „Heilbronner Stimme“, arbeitete dort anschließend als Wirtschaftsredakteur. Nach einem Wechsel zur „Börsen-Zeitung“ klingelte drei Jahre später das Telefon. Das Angebot des Headhunters führte Dehnert in die Presseabteilung von Porsche. „Ich wollte weiter-

kommen. Das Angebot war reizvoll“, erinnert er sich. Mittlerweile leitet Dehnert die Kommunikationsabteilung bei Wüstenrot & Württembergische. Bereut hat er den Seitenwechsel nie. Die Pressearbeit im Konzern sei vielschichtiger als Journalismus in einer Redaktion. Heute gingen seine Aufgaben weit über den Journalisten-Dreiklang Recherchieren, Schreiben, Redigieren hinaus. „Ich konzipiere, präsentiere, moderiere, recherchiere. Die Aufgaben sind viel breiter.“ In einem komplexen Konzern mit vielen Interessengruppen zu agieren, macht ihm Freude. Dehnert sieht sich heute als Mittler zwischen zwei Welten: Er muss nicht nur den Journalisten erklären, wie sein Unternehmen tickt, sondern auch umgekehrt. „Den Kollegen muss man nahebringen, dass Presseanfragen schnell zu bearbeiten sind.“ Ohne überzeugende Erklärungen klappe es nicht. „Das erfordert viel Geschick – und auch eine Prise Humor“, sagt Dehnert. swa Immo Dehnert, Presse-Chef bei W&W Foto: Andy Ridder

Ein Job, der nicht nur Schokoladenseiten hat Als Sprecher und Justiziar von Ritter Sport steht Thomas Seeger ständig vor neuen Herausforderungen. Von Bettina Bernhard

Porträt

P

R-Manager bei Deutschlands beliebtestem Schokoladenhersteller – das ist der Traumjob schlechthin, oder? Thomas Seeger lacht. „Ich hätte mir nie träumen lassen, wie viele Angriffspunkte Schokolade bietet“, gesteht der Leiter Recht und Öffentlichkeitsarbeit bei Ritter Sport. Kinderarbeit bei der Kakao-Ernte, Schuld am nationalen Übergewicht, Preisabsprachen im Handel – nicht nur Waffenschmieden bieten reichlich Angriffsflächen. Ganz zu schweigen davon, dass über Nacht die Glaubwürdigkeit eines ganzen Unternehmens infrage stehen kann: Stichwort Stiftung Warentest. Der Streit um die Frage, ob der

Thomas Seeger, Pressesprecher und Jurist bei Ritter Foto: factum/ Granville

Waldenbucher Schokoladenhersteller künstliche Aromen verwendet und deshalb von den Testern mit „mangelhaft“ bewertet werden darf, war mit Abstand „der größte Brocken“ in Thomas Seegers Karriere bei Ritter. Nicht nur, weil der Ausgang dieser Auseinandersetzung schnell zur Existenzfrage für das Familienunternehmen wurde. Die größte Krise in der 104-jährigen Firmengeschichte kam auch völlig überraschend. Gerade hatte man den Rekordumsatz 2013 gefeiert und erste Erfolge in der nachhaltigen Produktion in eigenen Kakao-Plantagen verbucht, da war über Nacht plötzlich alles anders. Der Vorzeigebetrieb ein Betrüger? Recht haben und recht bekommen sind bekanntlich zwei paar Stiefel. Obwohl sich die Firma Ritter ihrer Unschuld sicher war, musste sie doch lange bangen, bis das Gericht ihr recht gab. „Die schiere Masse an Nachfragen von Medien hat uns erschlagen – allein der Rundfunk rief stündlich an“, erzählt Seeger. Dazu kam ein riesiger Rechercheaufwand, denn in solchen Zeiten muss jedes Wort auf die Gold-

waage. Dennoch galt es, schnell zu sein. einer Genossenschaft arbeitete. Der Traum Keine Salamitaktik, sondern neue Er- vom Kommunikationsberuf ruhte jedoch kenntnisse gleich rausgeben – das war eine nur und erwachte 2001 beim Anblick der von drei Regeln, die Seeger für die Krisen- Stellenanzeige aus Waldenbuch spontan. kommunikation aufgestellt hatte. AußerBei Ritter gab es in beiden Bereichen gedem galten das Gebot der Wahrheit und der nug zu tun. Die Öffentlichkeitsarbeit, die Vorrang der klassischen Medien bei der In- Seeger vorfand, funktionierte nach dem gut formation. „In den sozialen Medien hätte schwäbischen Prinzip „Nix geschwätzt ist man rund um die Uhr kommunizieren kön- genug gelobt“. Seeger leistete Pionierarbeit nen – dort war die Diskussion aber auch am und staunte, wie wenig über das Unternehaggressivsten“, so Seeger. Mehr Tiefgang men bekannt war. „Viele hielten Ritter bei der Berichterstattung hätte er sich ge- Sport für irgendeine Konzernmarke und nerell gewünscht, räumt wussten nichts von einem aber ein, dass die Materie „Ritter Sport suchte Familienbetrieb mit einem der Aromen schon sehr einen Juristen, leibhaftigen Herrn Ritter komplex ist. „Das Gros der der auch ein bisschen und einer ausschließlich Medien war fair mit uns“, deutschen Produktion“, lobt er. Das führt er auch PR mitmacht.“ erinnert sich Seeger. „Da auf die Pressearbeit zu- Thomas Seeger, war so viel Potenzial.“ rück, die er seit 2001 bei Ritter-Sprecher Mit dem ideensprühenden Ritter Sport verantwortet. Gründerenkel Alfred T. Das Rezept: aktive und ehrliche Kommuni- Ritter, der den Familienbetrieb zwischen kation, gerade, wenn einmal nicht die Scho- 2005 und 2015 führte, wurde Ritter moderkoladenseite der Firma im Fokus steht. ner, ökologischer und internationaler. Und Zwei Preise für Krisenkommunikation damit interessanter, aber auch angreifstehen in Thomas Seegers Büro, und er hat barer. viel gelernt durch die Test-Affäre, aus der Nach jahrelanger Aufbauarbeit und Ritter als Sieger hervorging. Trotzdem ist Feuertaufe in der Krisenkommunikation das „zum Glück!“ nicht der Alltag des PR- wünscht sich Thomas Seeger jetzt ein bissChefs und Justiziars. Die ungewöhnliche chen ruhigeres Fahrwasser für sein vierKombination hat gerade in Krisen große köpfiges Team – „mal in Ruhe die guten Vorteile, findet Seeger. Vor allem aber war Ideen umsetzen“. Das Zeug zum Traumjob sie der Grund, dass er bei Ritter einstieg. bescheinigt er seiner Aufgabe bei Ritter „Die suchten einen Juristen, der auch das Sport unbedingt – und nicht nur, weil die bisschen PR mitmacht“, erinnert sich See- tägliche Schokoladenverkostung rein ger. Das passte deshalb so perfekt, weil See- dienstlich ist. „Spannend, abwechslungsger eigentlich Sportjournalist werden woll- reich und mit immer wieder neuen Aufgate, man ihm aber bei der Suche nach einem ben“, beschreibt Seeger seine Stelle. AusVolontariat empfohlen hatte, erst mal zu gleich findet der 50-Jährige bei Fußball studieren. So kam er zum Jurastudium, und Motorsport – früher aktiv, heute eher nach dessen Abschluss – „irgendwann will als Zuschauer –, und sein persönlicher Fitman auch mal Geld verdienen“ – er zu- nesstrainer ist vier Jahre alt und erwartet nächst selbstständig, dann als Hausjurist ihn energiegeladen zu Hause.


16 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Schule als Standortfaktor Für ausländische Fachkräfte, die mit ihrer Familie nach Deutschland kommen, muss das Umfeld stimmen. Welche Ausbildung der Nachwuchs im Gastland genießt, ist ein wichtiger Faktor. Von Thomas Spengler

Standortvorteil

W

enn Uwe Stehrenberg über die wichtigsten Faktoren sinniert, die eine ausländische Fachkraft dazu bringen können, in Shanghai zu arbeiten, fallen ihm sofort Kindergarten und Schule ein. „Ein Unternehmen, das etwa einen deutschen General Manager für seine Niederlassung im Großraum Shanghai gewinnen will, muss häufig als Erstes dessen Frage beantworten: wie ist dort für meine Kinder gesorgt?“, weiß der erfahrene China-Experte der Commerzbank. Die Antwort darauf liefert in vielen Fällen die Deutsche Schule Shanghai, die mit rund 1300 Schülerinnen und Schülern die weltweit größte deutsche Auslandsschule darstellt. „Damit ist eine solche Einrichtung ein klarer Standortvorteil“, stellt Stehrenberg fest. Denn ohne eine solche Schule hätten es deutsche Unternehmen deutlich schwerer, sogenannte Expatriates, also Experten, die für eine begrenzte Zeit in einem Auslandsstandort ihres Unternehmen arbeiten, für Shanghai zu gewinnen. Vor einer ähnlichen Entscheidung stand im Jahr 2013 Vadiraj Krishnamurthy – allerdings ging es nicht um Shanghai, sondern um Stuttgart. Sein Arbeitgeber, Bosch Foto: ISS India, hatte den gelernten „Aufgrund unserer großen Elektroingenieur ermutigt, für drei bis vier Jahre von Erfahrung und der gut Bangalore zu Bosch in die baausgebildeten Lehrer den-württembergische Landeshauptstadt zu wechseln. sind wir in der Lage, eine große Integrationsleistung Zwar hatte der 41-Jährige, der in einem Goethe-Institut in zu erbringen.“ seiner Heimat bereits in den 1990er Jahren Deutsch geTim Kelley, Leiter der Internationalen Schule Stuttgart (ISS) lernt hatte, aus beruflichen Gründen immer wieder Zeit in Deutschland verbracht, doch nun stand die Frage an: „In welche Schule sollte bei einem Wechsel mein damals neunjähriger Sohn Partha gehen?“ Von einem Kollegen bei Bosch kam dann der Hinweis auf die Internationale Schule in Stuttgart (ISS), die dem Elektroingenieur die Entscheidung zu Gunsten von Stuttgart erleichtert hat. Die Schule selbst sollte sich für die Familie Krishnamurthy schließlich als Glücksfall entpuppen. Er habe dort sofort neue Freunde gefunden und große Unterstützung durch die

Von Bangalore zu Bosch nach Stuttgar t: Familie Krishnamurthy Foto: Wilhelm Mierendorf

Lehrer erfahren, erzählt heute Sohn Partha mit leuchtenden Augen. „Wir recherchieren an der Schule eigene Projekte und lernen, uns selbstständig Wissen anzueignen“, sagt der inzwischen elfjährige Junge über die fortschrittlichen Lehrmethoden an der ISS. Doch nicht nur für ihn, auch für seine Mutter Reshma Vadiraj hat die ISS schnell eine hohe Bedeutung erlangt. „The school keeps me busy“, sagt sie lächelnd, die sich in der Eltern-Lehrer-Vereinigung engagiert und Kochkurse oder multikulturelle Abende organisiert, an denen Köstlichkeiten aus aller Welt serviert werden. Über diese Kontakte hat die Familie schnell zahlreiche internationale Freunde

gefunden, was sie als großen Reichtum empfindet. „Ich finde es spannend, mit Schülern aus vielen Ländern der Welt zusammen lernen zu können“, sagt Partha. Oder, wie es sein Vater ausdrückt, die Internationale Schule sei so etwas wie eine „erweiterte Familie“ geworden. An dem Beispiel der Familie Krishnamurthy wird die Doppelrolle deutlich, die die ISS mittlerweile in vielen Fällen innehat. „Sie ist zum einen Standortfaktor für die Wirtschaft und hat zum anderen eine integrierende Funktion für die Familien“, macht Schuldirektor Tim Kelley deutlich. Natürlich stelle die Schule einen großen Pluspunkt für die globale Mitarbeiterwer-

bung dar, sagt dazu Stefan Wolf, Präsident des Verbands der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg (Südwestmetall). Die Existenz der ISS sei für viele Mitgliedsunternehmen von Südwestmetall ein wichtiges Argument, um hoch qualifizierte Führungskräfte aus dem Ausland gewinnen zu können. Auch die Stadt Stuttgart, die die ISS durch Verzicht auf den Erbpachtzins unterstützt, weiß die ISS zu schätzen. „Die Schule steht im Kleinen für das, was Stuttgart ausmacht: eine internationale und weltoffene Stadt“, hatte Oberbürgermeister Fritz Kuhn zum 30-JahrJubiläum der ISS im Oktober 2015 erklärt. Von Seiten des Landes wird die ISS mit jährlich 850 000 Euro gefördert. Für Kelley hat sich in der 30-jährigen Geschichte der ISS das Schulmodell einer nicht selektiven Gemeinschaftsschule aufs Beste bewährt. „Aufgrund unserer großen Erfahrung und der gut ausgebildeten Lehrer sind wir in der Lage, neben einem hohen Unterrichtsstandard eine große Integrationsleistung zu erbringen“, sagt der Direktor. An die im Jahr 1985 gegründete ISS, deren Wiege im Waldheim Böblingen stand, gehen derzeit 780 Schüler aus 40 Ländern in die Klassenstufen 1 bis 12, davon 613 am Stammsitz in Degerloch und 167 am Campus von Sindelfingen. Die Belegschaft zählt 180 Angestellte. Die ISS betrachtet sich als die einzige Schule ihrer Art in Baden-Württemberg mit der Unterrichtssprache Englisch, deren Abschlüsse sowohl in Europa und Nordamerika als auch von der angesehenen International Baccalaureate Organization anerkannt werden. Darüber hinaus ist der ISSAbschluss IB Diploma von der Kultusministerkonferenz in Deutschland als Abitur anerkannt, während der Abschluss des Middle Years Program den Status der mittleren Reife hat. Typischerweise wird die ISS von Kindern sogenannter Expatriates besucht – das sind ausländische Fachkräfte von internationalen Unternehmen, die oft nur vorübergehend in der Region Stuttgart und darüber hinaus arbeiten. Da rund 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus Deutschland kommen, bleibt die Stabilität in den Klassen gewahrt. Für die Familie Krishnamurthy sind Stuttgart und die Schule mittlerweile zu ihrem „second home“ geworden. Wie lange sie noch in der Landeshauptstadt bleiben werden, hängt auch davon ab, welche Entwicklungsmöglichkeiten Vadiraj Krishnamurthy als Führungskraft bei Bosch haben wird. Und sollten die drei wieder nach Bangalore zurückkehren, werden sie vor allem den Wechsel der Jahreszeiten vermissen, den es in der Ausprägung wie in Mitteleuropa in Indien nicht gibt. „Ebenso haben wir den Sonntag als Ruhetag in Deutschland schätzen gelernt“, sagt Reshma Vadiraj. Und auch ihr Sohn Partha wird dann auf weitere Leidenschaften verzichten müssen, die er im Schwabenland lieben gelernt hat: Rosinenschnecken, vegetarische Maultaschen und natürlich – Butterbrezeln.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 17

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Pleite oder noch nicht pleite? Gastbeitrag

Säumigen Zahlern zu weit entgegenzukommen, kann für Firmen ziemlich teuer werden. Weitet sich eine Schieflage zur Insolvenz aus, drohen umfangreiche Rückzahlungen. Von Nikolai Weber

E

in Gespenst namens Insolvenzanfechtung geistert durch die Lande und sorgt für Verunsicherung. Viele Unternehmen haben Angst, Gelder, die sie einmal von ihren Kunden erhalten haben, im Fall einer Insolvenz der Kunden auch Jahre später noch an den Insolvenzverwalter zurückzahlen zu müssen. Es sind Fälle wie derjenige eines schwäbischen Familienunternehmens, die derzeit für Verunsicherung sorgen. Das Familienunternehmen hatte einen seiner Kunden über Jahrzehnte beliefert, ohne dass es jemals zu Problemen gekommen wäre. Die Misere begann, als die Zahlungen des Kunden zunächst länger als sonst auf sich warten ließen. Mit der Zeit wurden die Verzögerungen immer größer, so dass auf dem Kundenkonto in der Buchhaltung langsam, aber sicher Zahlungsrückstände aufliefen. In Gesprächen versicherte der Kunde, dass es sich nur um ein vorübergehendes Liquiditätsproblem handle. Grund dafür sei, dass einer seiner Endkunden mit den Zahlungen für ein größeres Projekt im Rückstand sei. Als die Rückstände des Kunden schließlich einen Betrag im unteren sechsstelligen Bereich erreicht hatten, traf man sich, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen. Der Kunde teilte mit, seine Liquiditätsprobleme hätten sich zwischenzeitlich verschärft, weil er mit der Forderung gegen seinen Endkunden endgültig ausgefallen sei. Er bat um einen Teilverzicht und um Gewährung einer Ratenzahlung für die restlichen Rückstände. Neue Lieferungen werde er innerhalb eines Zahlungszieles von 30 Tagen begleichen. Nur so könne vermieden werden, dass er Insolvenzantrag stellen muss. Das Familienunternehmen, das seinen langjährigen Kunden nicht verlieren und diesem helfen wollte, stimmte dem Vorschlag zu. Von den vereinbarten Raten für die Rückstände wurden lediglich die ersten beiden und auch diese nur mit Verzögerung bezahlt. Die Zahlungen für neue Lieferungen erfolgten ebenfalls nicht innerhalb der vereinbarten 30 Tage, sondern frühestens nach 50 Tagen. Als „Vorsatz beim Schuldner der Kunde schließlich Insolvenzantrag stellte, waren so ist in der Regel bereits neben den Rückständen aus dann zu bejahen, wenn der Ratenzahlungsvereinbadieser in Kenntnis seiner rung noch weitere Forderungen aus neuen Lieferungen Zahlungsunfähigkeit offen. Insgesamt bestanden Zahlungen an einen unter Berücksichtigung des Gläubiger leistet.“ bereits ausgesprochenen Teilverzichts Ansprüche in Höhe Nikolai Weber, Insolvenzrecht-Anwalt von rund 100 000 Euro, die nur noch zur Insolvenztabelle angemeldet werden konnten. Angesichts der durchschnittlichen Quotenerwartung bei Insolvenzverfahren im mittleren einstelligen Prozentbereich bedeutete dies einen herben Verlust für das Familienunternehmen. Der größte Schreck aber stand dem Familienunternehmen zu diesem Zeitpunkt noch bevor. Gut zweieinhalb Jahre später erhielt es ein Schreiben des Insolvenzverwalters des Kunden. Darin hieß es, spätestens seit Abschluss der Ratenzahlungsvereinbarung sei klar gewesen, dass der Kunde zumindest drohend zahlungsunfähig gewesen sei. Deshalb müsse das Familienunternehmen alle Zahlungen, die es danach von dem Kunden erhalten habe, an den Insolvenzverwalter zurückbezahlen. Insgesamt forderte der Insolvenzverwalter einen Betrag von rund 150 000 Euro – plus Zinsen. Grundlage der Forderung des Insolvenzverwalters war die sogenannte Vorsatzanfechtung, die in Paragraf 133 InsO geregelt ist. Danach sind, wie das Gesetz sagt, Rechtshandlungen des Schuldners anfechtbar, die dieser mit dem Vorsatz, seine Gläubiger zu benachteiligen, vorgenommen hat, wenn der andere Teil zur Zeit

Die sogenannte Vorsatzanfechtung, Grundlage der Insolvenzanfechtung, ist in der Insolvenzordnung geregelt. Fotos: dpa, Ernst & Young, fotolia

der Handlung den Vorsatz des Schuldners kannte. Ihre Brisanz erhält die Vorsatzanfechtung durch ihre Anwendung in der Rechtsprechung, wonach der erforderliche Vorsatz beim Schuldner in der Regel bereits dann zu bejahen ist, wenn dieser in Kenntnis seiner Zahlungsunfähigkeit Zahlungen an einen Gläubiger leistet. Zah-

WENN JOBS AUF DER STRECKE BLEIBEN Anzahl der Arbeitsplatzverluste durch insolvente Unternehmen in Deutschland Angaben in Tausend 613

605 563 521 473

440

447 346 285

2003 2004 StZ-Grafik: zap

2005

2006

2007

2008

2009 *Schätzung

240

236

2010

2011

264 225

2012

für Diskussionen. Der Bundesgerichtshof hat zwar jüngst noch einmal betont, dass allein der Abschluss einer Ratenzahlungsvereinbarung keinen Umstand darstellt, aus dem zwingend auf die Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit zu schließen ist; die Praxis zeigt aber, dass dem Abschluss einer Ratenzahlungsvereinbarung in der Regel – wie auch im vorstehend geschilderten Fall – eine Historie vorausgeht. Dabei markiert der Abschluss der Ratenzahlungsvereinbarung oftmals nur den Höhepunkt einer stufenweisen Entwicklung, deren einzelne Stufen für sich genommen noch keine Relevanz entfalten, aus deren Gesamtschau die Rechtsprechung aber auf die Kenntnis der zumindest drohenden Zahlungsunfähig- „Das Anfechtungsrisiko keit schließt. hat seine Wurzeln Das Anfechtungsrisiko hat daher häufig bereits im seine Wurzeln daher häufig bereits im Auflaufenlassen Auflaufenlassen von von Zahlungsrückständen. Zahlungsrückständen. Die beste Vorsorge besteht Die beste Vorsorge besteht mithin darin, dies erst gar nicht zuzulassen. Sind Zah- mithin darin, dies erst lungsrückstände bereits auf- gar nicht zuzulassen.“ gelaufen, sollten Zahlungen Nikolai Weber, primär auf neue Lieferungen Insolvenzrecht-Anwalt erfolgen. Zwar widerspricht dies der ansonsten üblichen Vorgehensweise, dass Zahlungen zunächst auf die ältesten Verbindlichkeiten verrechnet werden; das Anfechtungsrisiko kann jedoch erheblich verringert werden, wenn der Austausch von Leistung und Gegenleistung in engem zeitlichen Zusammenhang erfolgt. Nach Möglichkeit sollten deshalb dann, wenn bereits Zahlungsrückstände aufgelaufen sind, neue Lieferungen nur noch gegen Vorkasse erfolgen. Die konsequente Umsetzung dieser Empfehlung wird freilich dazu führen, dass in vielen Fällen die Belieferung von Kunden eingestellt werden muss. Dies wiederum wird dem Kunden häufig keine andere Wahl lassen, als Insolvenzantrag zu stellen. Auf den ersten Blick erscheint eine solche Vorgehensweise deshalb wenig sinnvoll. Es ist aber einerseits zu bedenken, dass es der ausdrücklichen gesetzgeberischen Intention entspricht, dass Insolvenzanträge frühzeitig gestellt werden, weil hierdurch die Sanierungschancen im Verfahren erheblich gesteigert werden. Andererseits bestehen auch nach den Vorgaben der Rechtsprechung durchaus Möglichkeiten einer außergerichtlichen Sanierung, innerhalb derer Vereinbarungen über Zahlungserleichterungen zwischen dem Schuldner und seinen Gläubigern geschlossen werden können, ohne dass diese der Insolvenzanfechtung unterliegen. Hierzu bedarf es allerdings eines professionellen Sanierungskonzepts, das vom Schuldner vorgelegt und vom Gläubiger geprüft werden muss. In der Praxis wird von Schuldnern oft nur behauptet, man habe ein Sanierungskonzept, ohne dies im Einzelnen näher zu erläutern. Zur Abwendung eines Anfechtungsrisikos taugt dies dann in der Regel aber nicht. Die derzeitige Praxis der Insolvenzanfechtung hat zwischenzeitlich sogar den Gesetzgeber auf den Plan gerufen. Ein Gesetzentwurf, der für mehr Rechtssicherheit sorgen soll, wurde bereits ausgearbeitet. Ob der Entwurf diesem Ziel gerecht werden wird, bleibt allerdings abzuwarten.

2013

2014

2015*

Quelle: Statista/creditreform

lungsunfähig ist der Schuldner – vereinfacht gesagt –, wenn er nicht über ausreichende liquide Mittel verfügt, um seine fälligen Verbindlichkeiten zu bezahlen. Die Rechtsprechung argumentiert, dass der Schuldner dann, wenn er zahlungsunfähig ist, weiß, dass der Betrag der geleisteten Zahlung nicht mehr zur (gleichmäßigen) Befriedigung der übrigen Gläubiger zur Verfügung steht. Der Schuldner nehme daher die Benachteiligung der anderen Gläubiger billigend in Kauf. Dies genüge für die Annahme eines Benachteiligungsvorsatzes. Eine Kenntnis des anderen Teils vom Benachteiligungsvorsatz des Schuldners wird nach dem Gesetz vermutet, wenn dieser wusste, dass die Zahlungsunfähigkeit des Schuldners drohte, wobei die Kenntnis von Umständen, die zwingend auf die zumindest drohende Zahlungsunfähigkeit schließen lassen, genügt. Dies bedeutet, dass die Insolvenzanfechtung immer dann droht, wenn man Zahlungen zu einem Zeitpunkt erhält, in dem sich einem aufgrund der bekannten Umstände geradezu aufdrängen muss, dass der Geschäftspartner in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten steckt. In der Rechtsprechung hat sich hierzu eine umfangreiche Kasuistik herausgebildet. Dabei sorgt insbesondere der Abschluss einer Ratenzahlungsvereinbarung immer wieder

DER JURIST Gastautor Nikolai Weber, Jahrgang 1974, ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Insolvenzrecht bei der Rechtsanwalts- und Steuerberatungsgesellschaft Ernst & Young Law GmbH in Stuttgart, wo er Mandanten in allen rechtlichen Fragen rund um das Insolvenzverfahren berät.

Werdegang Zuvor war Nikolai Weber selbst zehn Jahre lang in der Insolvenzverwaltung tätig. Er studierte Rechtswissenschaft an den Universitäten Tübingen und Dresden und ist Lehrbeauftragter an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt NürtingenGeislingen. red

Bundesgerichtshof in Karlsruhe: mit den Thema befasst


18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Fritz Keller ist ein Mann mit vielen Talenten. Er ist ein Top-Winzer, der auch Weine unter seinem Namen bei Aldi verkauft, aber auch Präsident und Vorstandsvorsitzender des Fußballclubs SC Freiburg. Von Imelda Flaig

Familienunternehmer

D

Ausgefragt

Ein Macher mit Ideen und Visionen Weinbau ist für ihn nicht nur Beruf, son dern auch Passion. Hier verrät der bad ische Spitzenwinzer, warum seine Oma sein Vorbild ist und ein guter Wein im Glas sein sollte. Frit z Kel ler

Wechsel bei Eberspächer Joachim Tosstorff steht seit Mitte Dezember 2015 an der Spitze des Geschäftsbereichs Climate Control Systems der Eberspächer Unternehmensgruppe. Er folgte auf Klaus Beetz, der das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen hat. Der diplomierte Chemieingenieur Tosstorff leitet in seiner neuen Position die Bereiche Fahrzeugheizungen, elektrische Fahrzeugheizungen und Klimasysteme des Esslinger Automobilzulieferers. In den letzten Jahren war der 52-Jährige bereits in verschiedenen Funktionen für Eberspächer als Interimsmanager im Einsatz. imf

Was macht einen guten Chef aus

Thomas Klett

Und welche Eigenschaften davon

Thomas Klett ist seit 1. Januar 2016 neuer Finanzchef beim Autozulieferer Getrag in Untergruppenbach. Er folgte auf Mike McMillan, der das Unternehmen im Herbst vergangenen Jahres auf eigenen Wunsch verlassen hatte. Klett hat langjährige Automotive- und Finanzerfahrung. imf

? Vor einigen Jahren habe ich einige Zeilen gelesen, die ich mir seither versuche selber zu eigen zu machen meiner Sicht einen vermeintlich und die aus „guten Chef“ ausmachen: „Er scha fft möglichst optimale Rahmenbed damit die Menschen in seinem Unt ingungen, ernehmen ihre Persönlichkeit, ihre Fähigkeiten und Talente maximal können.“ entfalten haben Sie? Ich selber möchte dies nicht bewerte n. Fragen Sie am besten meine lieb e Frau.

Wie kommt man so weit wie Sie?

Gemeinsam mit meiner Frau und meinen Söhnen ist es mir Verpflich tung und Freude zugleich, die Phil mit meinem Großvater Franz Anton osophie, die ihren Anfang nahm, weiterzuführen: Ideen und Visionen haben, weiterde das Machbare tatkräftig anpacken, aber die eigene Überzeugung nie aus nken, den Augen zu verlieren.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Das größte Glück in meinem Leben war sicherlich, dass meine Frau mic h geheiratet hat. Insofern habe ich Leben großes Glück gehabt. Das Wor in meinem t Karriere ist mir eher unsympathi sch. Es klingt nach Intention und eine Ich denke eher, dass Überzeugung, m Plan. Ideen und Visionen einen im beru flichen Leben tragen.

Haben Sie Vorbilder?

Meine Großmutter! Sie hat immer zu ihren Werten und ihrem Mensche nbild gestanden, auch in Zeiten, in sogar lebensbedrohlich war, dafür denen es einzustehen. Sie hat als alleinstehe nde und alleinerziehende Mutter den schweren Zeiten erhalten und weit Betrieb in ergeführt.

Was ist typisch für Ihren Arbeits alltag?

Termindruck.

Was würden Sie heute anders ma

chen? Jeden Tag treffe ich wahrscheinlich kleinere Fehlentscheidungen, aber eine

Von wem können Sie am ehesten

Von meiner Frau, meinem Bruder

gravierende fällt mir nicht ein.

Kritik einstecken?

und von meinen Söhnen.

Womit können Kollegen Sie nerven

? Wenn man mir die eigene Meinun g nicht sagen kann.

Neuer Getrag-Finanzchef

Michael Class

Künftiger Juwi-Chef Michael Class (48), einstiger Geschäftsführer der MVV Umwelt GmbH in Mannheim, ist seit Mitte Januar stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Juwi AG, die zu den führenden Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien zählt. Zum 1. Juli 2016 wird er dort den Vorstandsvorsitz übernehmen und Firmengründer Fred Jung (45) ablösen, der dann in den Aufsichtsrat wechselt. Der im südbadischen Wehr geborene Class verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Energie- und Umweltbereich. Ähnlich wie Fred Jung besitzt er eine Ausbildung zum Landwirt und hat an der Universität Hohenheim Allgemeine Agrarwissenschaften studiert. Zu den Geschäftsfeldern der Juwi-Gruppe zählen vor allem Projekte mit Wind- und Solarenergie. Gegründet wurde Juwi 1996 in Rheinland-Pfalz, Firmensitz ist Wörrstadt bei Mainz. Seit Ende 2014 ist zudem die Mannheimer MVV Energie AG Partner und Miteigentümer der Juwi-Gruppe, die weltweit 1000 Beschäftigte hat. imf Foto: Juwi

er Mann ist offen und direkt, lacht gern, schafft und genießt – und macht keinen Hehl aus seinen beiden Leidenschaften: dem Wein und dem Fußball. Offenbar haben beide etwas gemeinsam: Es gibt gute und mal nicht so gute Jahre. Deshalb seien beim Fußball und beim Wein Geduld und Kontinuität wichtig, weiß Fritz Keller. Er ist einer der einflussreichsten deutschen Winzer und Weinhändler, Hotelier, Chef eines Sterne-Restaurants und auch noch Präsident und Vorstandsvorsitzender des Zweitligisten SC Freiburg. „Alles eine Frage des Zeitmanagements“, sagt der 58-Jährige. Bei den heutigen modernen Kommunikationsmitteln könne man schließlich auch im Weinberg skypen oder im Stadion die Öchslegrade vom Wein abfragen, nennt er Beispiele. Der gebürtige Freiburger führt in der dritten Generation das Weingut Franz Keller Schwarzer Adler in Vogtsburg-Oberbergen und das Hotel und Sterne-Restaurant Schwarzer Adler in Oberbergen am Kaiserstuhl, dessen Weinkarte mehr als 2000 Weine umfasst – unter anderem auch einen der besten Bordeaux-Weine in Deutschland. Der schwarze Adler und das Logo auf den Flaschen sind längst zu einem Markenzeichen geworden für qualitativ hochwertige Weiß- und Rotweine. Nicht zuletzt deshalb hat auch die Zusammenarbeit mit dem Discounter Aldi für Furore gesorgt. Seit 2007 beliefert Keller Aldi Süd mit Wein – der eigens kreierten Edition Fritz Keller. Sein Kredo: er wolle möglichst vielen Menschen einen hochwertigen, handwerklich sehr gut gemachten Wein anbieten, den diese sich auch leisten könnten. Ein einmaliges Projekt im deutschen Lebensmittelhandel, an dem sich über 400 Winzer aus ganz Baden beteiligt haben – nach den hohen Qualitätsvorgaben Kellers. Umweltschonender Weinbau ist Keller ein wichtiges Anliegen. Dem soll auch sein futuristisches Weingut Rechnung tragen, das in die Rebhänge integriert ist und dessen Dach mit Planzensamen aus dem benachbarten Naturschutzgebiet begrünt wurde. „Leben von und für die Natur“, sagt der umtriebige Unternehmer dazu.

Joachim Tosstorff

Foto: Eberspächer

Fußballverrückter Winzer

Persönliches

Und umgekehrt?

Mit meiner Ungeduld.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Fragen, lernen, entscheiden, zupacke n und den eigenen Weg nie aus den Augen verlieren!

Was macht Sie leistungsfähig?

Klaus Weiß

Neuer Mann bei Ziehl-Abegg Klaus Weiß (52) ist neuer Produktionsvorstand des Ventilatoren-Spezialisten ZiehlAbegg. Mit Weiß sei es gelungen, „einen langjährig in der Branche erfahrenen Allrounder zu finden“, teilte das Unternehmen Mitte Januar mit. Der gebürtige Westfale Weiß hat an der TH Karlsruhe Maschinenbau studiert und an der TH Darmstadt promoviert. Danach baute er unter anderem für mehrere Unternehmen internationale Produktionsstandorte auf. Mit Weiß umfasst der Vorstand des Künzelsauer Unternehmens nun vier statt drei Mitglieder. Vorstandschef ist Peter Fenkl, für Finanzen ist Achim Curd Rägle zuständig. Norbert Schuster betreut das Entwicklungsressort. wro Foto: Ziehl-Abegg

Immer ein guter Wein im Glas, ein mit Liebe und Hingabe zubereitetes Esse n, die vielen tollen Menschen an meiner Seite und natürlich der Fußball.

Fritz Keller ist nicht nur Winzer aus Passion, sondern auch Weinhändler, Hotelier und Präsident des Fußballclubs SC Freiburg. Fotos: privat

Gerold Linzbach

Zurück bei Heideldruck Nach einem halben Jahr krankheitsbedingter Abwesenheit ist Gerold Linzbach zum Jahresbeginn 2016 an die Vorstandsspitze des Anlagenbauers Heidelberger Druckmaschinen AG zurückgekehrt. Seit Anfang Juni 2015 hatte Heideldruck ohne seinen langjährigen Chef auskommen müssen. Bis zu dessen Genesung vertrat Finanzchef Dirk Kaliebe Linzbach. „Der Aufsichtsrat freut sich über die Rückkehr von Herrn Linzbach, der zusammen mit seinen Vorstandskollegen die weiteren strategischen Schritte realisieren wird“, sagte Aufsichtsratschef und Ex-LBBW-Chef Siegfried Jaschinski. wro Foto: Heideldruck

g im Weinber Fritz Keller

Im Holzfasskeller : Fr Friedrich, der zune itz Keller mit Sohn hmend Verantwortu für Weinbau und Weinhandel überni ng mmt

Hans Obermeier

Zurück zu Schuler Hans Obermeier ist der neue Leiter der Konzernkommunikation beim Göppinger Pressen-Weltmarktführer Schuler AG. Er folgt auf Ingo Schnaitmann, der seit Februar als Leiter der Unternehmenskommunikation beim Mannheimer Pharma-Großhändler Phoenix beschäftigt ist. Obermeier war im Jahr 2011 bereits interimistisch als Kommunikationschef von Schuler tätig. wro


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

Februar 2016

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Gegenwind für Steuertrickser Die EU geht gegen Konzerne vor, die sich arm rechnen. Auch der Mittelstand verheddert sich im Regelgestrüpp. Von Michael Heller

Abgaben

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ie EU macht Ernst. Im Januar haben die Niederlande angekündigt, dass der Kampf gegen Steuervermeidung auf ihrer Prioritätenliste für die Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2016 ganz oben stehen wird; schon kurz darauf hat die EU-Kommission erste Vorschläge präsentiert. Die Zeit, in der sich vor allem Großkonzerne mit formal legalen, gleichwohl aber fragwürdigen Mitteln der Pflicht zur Steuerzahlung entziehen konnten, geht offenbar zu Ende. Wie viel Geld den Staaten durch Steuertricksereien verloren geht, ist nicht bekannt – zumal viele Staaten ja freiwillig auf diese Einnahmen verzichten. Die Industriestaatenorganisation OECD geht davon aus, dass jährlich ungerechtfertigt vier bis zehn Prozent der globalen Einnahmen aus Gewinnsteuern vermieden werden: 100 bis 240 Milliarden Dollar. Entwicklungsländer, so schätzt die Welthandels- und Entwicklungskonferenz Unctad, verlieren durch die Steuervermeidung von multinationalen Konzernen jährlich mindestens 100 Milliarden Dollar an Einnahmen. WeltbankPräsident Jim Yong Kim hat Steuervermeidung ungewöhnlich scharf als eine „Form der Korruption auf Kosten der Armen“ bezeichnet. Die Akzeptanz der Steuersparmodelle schwindet, nicht nur bei linken Nichtregierungsorganisationen. Auch Mittelständler wie der Maschinenbauer Trumpf protestieren. „Es kann nicht sein, dass es einigen Konzernen gelingt, sich einer Besteuerung zu entziehen“, sagte Lars 60 Prozent des globalen Grünert, in der Geschäftsführung für Finanzen zuständig, Handels finden zwischen im Oktober vorigen Jahres im Unternehmen statt, die Interview mit der Stuttgarter Teile desselben Konzerns Zeitung. Das ist für ihn nicht sind. Dabei spielen interne nur eine Frage der Gerechtigkeit. Trumpf befürchtet stellVerrechnungspreise vertretend für den deutschen eine zentrale Rolle. Mittelstand auch, dass die Kleineren für die Sünden von manchen Großen büßen müssen – zum Beispiel durch verschärfte Dokumentationsanforderungen, die im Zuge von Reformen eingeführt werden und viel Arbeit machen. Die Reformen stehen erst einmal nur auf dem Papier. Der EU und ihren Mitgliedern dämmert aber langsam, dass auch das bestehende Instrumentarium Möglichkeiten bietet. Häufig hat sich die Politik von mächtigen Konzernen auf der Nase herumtanzen lassen, meist in der Hoffnung auf neue Jobs. So wurden vielfach Praktiken toleriert oder sogar ausdrücklich vereinbart (Tax Rulings), die dem Grundsatz der Steuergerechtigkeit Hohn sprechen. Jetzt steuern die Regierungen gegen. So wurde jüngst bekannt, dass der US-Internetriese Google in Großbritannien nach einer Einigung mit der dortigen Steuerbehörde 130 Millionen Pfund (172 Millionen Euro) Steuern für die Jahre ab 2005 nachzahlt. Dem Unternehmen ist immer wieder vorgeworfen worden, die meisten der in Europa erzielten Gewinne über Irland auf die Bermudas zu transferieren und sich so weitgehend der Steuerpflicht zu entziehen. Google ist allerdings kein Einzelfall. Die Kaffeehauskette Starbucks hat innerhalb von 13 Jahren bei einem Umsatz von 3,1 Milliarden Pfund gerade mal 8,6 Millionen Pfund (11,4 Millionen Euro) Steuern gezahlt, weil angeblich nur in einem einzigen Jahr auf der Insel Gewinn gemacht wurde. Starbucks vermeidet über die Zahlung von Lizenzgebühren und ein Konstrukt in den Niederlanden Steuerzahlungen. Fast zur gleichen Zeit wie Google in Großbritannien

hat Apple in Italien in eine Steuernachzahlung von 318 Millionen Euro für die Jahre 2008 bis 2013 eingewilligt. Apple musste akzeptieren, dass die Italien-Tochter mit ihren Umsätzen in dem Land steuerpflichtig ist, also nicht nur Hilfsaktivitäten beisteuert und lediglich als sogenannter Agent tätig ist. So hatte Apple das bisher dargestellt und die Italien-Erlöse in Irland versteuert. Nach den Recherchen der Steuerbehörde in Italien hat Apple in der fraglichen Zeit keine Gewinnsteuern gezahlt und ist dem Staat so 880 Millionen Euro schuldig geblieben. Der Versuch, eigene Töchter zu Agenten umzudefinieren, gehört zu den weit verbreiteten Steuertricks der Konzerne. Auch die EU-Kommission ist durch den Lux-Leaks-Skandal, in dessen Folge zahllose fragwürdige Steuerdeals bekannt wurden, aufgewacht. Spektakulär wurde die belgische Regierung im Januar aufgefordert, von 35 Konzernen insgesamt rund 700 Millionen Euro nachzufordern. Nach einer Steuerregelung aus dem Jahr 2005 durften internationale Konzerne die Bemessungsgrundlage der Körperschaftsteuer um bis zu 90 Prozent senken. Dadurch sollte ein vermuteter steuerlicher Nachteil durch die Zugehörigkeit zu einem Multi – der nicht nachgewiesen werden musste – ausgeglichen und eine Doppelbesteuerung vermieden werden. Nach den Erkenntnissen der EU-Kommission blieben Gewinne aber vielfach komplett steuerfrei. Das war unzulässig, urteilte Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager: „Dadurch werden kleinere Konkurrenten, die nicht Teil einer multinationalen Unternehmensgruppe sind, im Leistungswettbewerb benachteiligt.“ Apple, Google, Facebook, Starbucks – so lauten die Namen, die immer wieder fallen, wenn es um kreative Steuergestaltung geht. Gleichwohl verheddern sich teilweise auch renommierte Mittelständler im internationalen Steuergestrüpp. Fast immer geht es dabei um konzerninterne Verrechnungspreise, die beanstandet werden und den Betroffenen im schlimmsten Fall eine Anklage wegen Steuerhinterziehung einbringen können. So ging es zum Beispiel Reinhold Würth. 2008 wurde ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen den „Schrauben-König“ aus Künzelsau eingestellt, nachdem dieser einen Strafbefehl und ein Bußgeld von 3,5 Millionen Euro akzeptiert hatte. Zudem musste er Steuern in mindestens zweistelliger Millionenhöhe nachzahlen. Bei den Ermittlungen ging es auch um die Manipulation von Verrechnungspreisen. Einzelheiten darüber, welche Preise wie manipuliert wurden, sind nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Den Familienkonzern Danzer, Spezialist für Echtholzfurniere, der vorübergehend in Reutlingen ansässig war und vor einem Jahr aus der Schweiz nach Dornbirn/Österreich umgezogen ist, nahm die Umweltorganisation Greenpeace gleich mehrfach aufs Korn. Einmal ging es in einem 51-seitigen Dossier um angebliche Steuerhinterziehungen in Afrika durch falsche Verrechnungspreise („Steuertricks im Kongo“); die Anschuldigen wies der Holzkonzern 2008 als völlig unbegründet zurück. Darauf reagierte Greenpeace umgehend und hielt seine Vorwürfe aufrecht. Laut den Greenpeace-Unterlagen, die nach Angaben von Danzer gestohlen wurden, hat der Holzkonzern durch die Manipulation des Verkaufswerts von Exportholz Gewinne zwischen der Republik Kongo und der benachbarten Demokratischen Republik Kongo sowie der Schweiz verschoben.

Ob Starbucks, Google, Amazon oder Apple: Vor allem US-Konzerne machen in Europa mit ihren Steuerspartricks Schlagzeilen. Sie bunkern hier Geld und transferieren es nicht in die USA – weil dort hohe Steuern drohen. Fotos: dpa Greenpeace schätzt, dass den beiden afrikanischen Staaten von 2000 bis 2006 Steuereinnahmen in Höhe von umgerechnet 7,6 Millionen Euro entgangen sind. Den Vorwurf der Steuervermeidung bezeichnet Danzer in Anbetracht eines addierten Verlusts in Afrika von 38 Millionen Euro in der Zeit von 1999 bis 2007 als absurd. Der Zündstoff, der in den Verrechnungspreisen liegt, ist angesichts des Umfangs des konzerninternen Handels offensichtlich. 60 Prozent der globalen Güterbewegungen finden nach Einschätzung der OECD zwischen Unternehmen statt, die zum selben Konzern gehören; diese Preise bilden sich also nicht nach Angebot und Nachfrage, sondern werden festgelegt. Das Thema ist für Betriebe brisant. In einer Befragung für die Stiftung Familienunternehmen gaben die Firmen an, dass bei Betriebsprüfungen in 40 Prozent der Fälle die Dokumentation und in mehr als 54 Prozent der Fälle die Höhe von Verrechnungspreisen beanstandet wurden.

Für die Ermittlung von Verrechnungspreisen haben sich Standards etabliert: Nahestehende Unternehmen müssen sich untereinander wie unabhängige Dritte verhalten. Das lässt sich anhand von drei Methoden ermitteln. Bei der Preisvergleichsmethode werden als Referenz die Preise herangezogen, die voneinander unabhängige Betriebe am Markt vereinbaren. Bei der Kostenaufschlagsmethode setzen Produktionsgesellschaften die eigenen Herstellkosten plus einen Gewinnaufschlag für die Verzinsung des eingesetzten Kapitals an. Bei der Wiederverkaufsmethode gehen Vertriebsgesellschaften vom Absatzpreis aus, zu dem sie die Ware am Markt verkaufen können, und kommen durch Abzug der Gewinnmarge auf ihren Verrechnungspreis. Das Thema Steuern wird auf Seite 24 fortgesetzt mit einem Gastbeitrag von Sten Günsel und Christof Zondler von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ebner Stolz.

Ältere Mitarbeiter im Fokus

Orientierung im Förderdschungel

Der demografische Wandel macht auch vor der Arbeitswelt nicht halt und vergrößert den Mangel an Fachkräften. Wie können Betriebe erfahrene Mitarbeiter länger an Bord halten? Unser Schwerpunkt gibt Antworten. SEITEN 20, 21

Egal ob es um Risikokapital, Beratung oder Kontakte geht – die Zahl der Fördermöglichkeiten für Start-ups ist beeindruckend. Doch in dem Gewirr geht leicht der Überblick verloren. Unsere Gründer-Doppelseite hilft bei der Orientierung. SEITEN 22, 23


20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Fit für den demografischen Wandel Die Belegschaften werden immer älter. Das zwingt viele Unternehmen zum Umdenken. Besonders betroffen sind Berufe mit hohen körperlichen Belastungen. Aber auch in den Büros werden mehr altersgerechte Arbeitsplätze gebraucht. Von Oliver Schmale

Arbeitswelt

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aden-Württemberg altert. Doch Zuwanderung allein kann nicht alle mit dem demografischen Wandel verbundenen Probleme lösen – von denen auch die Unternehmen im Südwesten betroffen sind. Das hat die Politik erkannt und das Thema deshalb ganz oben auf die Agenda gesetzt. „Die Sicherung von Fachkräften ist ein wichtiges Zukunftsthema für die Wirtschaft in Baden-Württemberg“, sagt Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD). Denn die alternde Gesellschaft wirke sich auf das Fachkräfteangebot und damit auf die Stärke des Wirtschaftsstandorts aus. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Zwar hat sich die Zahl der Erwerbspersonen nach Angaben Für eine altersgerechte der Statistiker infolge des Einwohneranstiegs in BadenUnternehmenskultur braucht es neue Altersbilder Württemberg von 2003 bis 2013 um 335 000 oder sechs im Betrieb. Prozent auf 5,75 Millionen erhöht, das Beschäftigungsplus speise sich aber überwiegend aus einem starken Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit in diesem Zeitraum um 10,5 Prozent. Setzt sich dieser Trend zusammen mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit Älterer sowie der starken Zuwanderung nach BadenWürttemberg fort, ergibt sich laut einer Vorausberechnung des Statistischen Landesamtes bis 2018 ein weiterer Anstieg um etwa 85 000 Erwerbspersonen. Von 2019 an ist aber dann mit einem demografisch bedingten Rückgang der Beschäftigtenzahlen zu rechnen, Der Anteil der Beschäftigten da dann die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre über 50 wird sich bis 2020 zunehmend in den Ruhestand von derzeit 33 auf mehr eintreten werden. Bis 2030 als 36 Prozent erhöhen. geht das Statistische Landesamt von einem Rückgang der Zahl der Erwerbspersonen um fünf Prozent und bis 2050 um 13 Prozent aus. Das ist auch für die Wirtschaft eine Herausforderung. Andreas Richter, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart, betont: „Die Unternehmen setzen vor allem auf die betriebliche Ausbildung ihres Nachwuchses im dualen System, wie die immer noch stabilen Zahlen abgeschlossener Lehrverträge zeigen. Zudem beobachten wir eine steigende Bereitschaft, ältere Mitarbeiter einzustellen und zu beschäftigen.“ Die Alterung der Belegschaften betrifft letztlich

alle Unternehmen. Besonders augenfällig können die Herausforderungen natürlich in körperlich anstrengenden Berufen wie etwa auf dem Bau, in der Gastronomie, in der Logistik oder auch in der industriellen Produktion werden. Beispiel Daimler. Hier arbeiten aktuell fünf Generationen unter einem Dach. Das Durchschnittsalter von aktuell 44 Jahren wird sich auf 47 Jahre im Jahr 2021 erhöhen, wie eine Sprecherin berichtet. Das Unternehmen stellt sich sowohl in der Produktion als auch in der Verwaltung dem Thema altersgerechte Arbeitsplätze. So lässt sich in der S-Klasse-Produktion im schwäbischen Sindelfingen die Karosserie um bis zu 90 Grad drehen, um Überkopfarbeit zu vermeiden. Für Leute, die am Schreibtisch arbeiten, gibt es eine Ergonomie-Beratung am Arbeitsplatz. Da werden individuell die optimale Sitzposition, der Abstand zum Bildschirm sowie Neigungswinkel und Tischhöhe bestimmt. Das Durchschnittsalter der Erwerbstätigen im Südwesten lag 2013 bei etwa 42,6 Jahren und steigt voraussichtlich bis 2030 auf 43,1 Jahre an. Der Anteil der über 50jährigen Erwerbspersonen erhöht sich nach Schätzung des Statistischen Landesamts von derzeit 33 auf mehr als 36 Prozent im Jahr 2020. Danach sinkt der Anteil älterer Arbeitnehmer zunächst wieder auf etwas mehr als 34 Prozent, da die Geburtenrate Anfang der 1970er Jahre durch den sogenannten Pillenknick stark gesunken ist. Auch für das Handwerk hat der demografische Wandel weitreichende Konsequenzen. Schon jetzt haben Betriebe dort oft Probleme, freie Stellen zu besetzen. Der Fachkräfteengpass zeigt sich nach einer Studie des IW Köln bereits in 19 Handwerksberufen, wie beispielsweise in den Bereichen Kältetechnik, Bauelektrik, Hörgeräteakustik oder Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Der Nachwuchsmangel hat vor allem zwei Gründe. Einerseits gibt es immer weniger Schulabgänger, andererseits steigt auch der Anteil der Absolventen, die sich für eine akademische Ausbildung entscheiden, wie das Wirtschaftsministerium berichtet. Laut den Quartalsumfragen des Baden-Württembergischen Handwerkstags betrifft der demografische Wandel in den nächsten fünf Jahren auch rund 18 000 Handwerksunternehmen, bei denen in dieser Zeit die Betriebsnachfolge ansteht. Im gleichen Zeit-

Mit dem Simulationsanzug Age Man kann jeder am eigenen Leib spüren, welche Einschränkungen das Alter mit sich bringt. Das hilft bei der altersgerechten Gestaltung von Arbeitsplätzen. Foto: Meyer-Hentschel Institut/Helge Bauer raum werden zudem rund 40 000 Beschäftigte aus dem Handwerk in den Ruhestand gehen. Das sind knapp sechs Prozent aller Beschäftigten in diesem Sektor. Um einen Betrieb fit für die Zukunft zu machen, gibt es nach Angaben der IHK Region Stuttgart vier wichtige Schritte: eine Analyse der Ist-Situation im Unternehmen. Dann den Auf- und Ausbau betrieblicher Angebote – etwa flexible Arbeitszeiten, die Förderung des lebenslangen Lernens oder Gesundheitsprogramme. Im

dritten Schritt geht es darum, eine altersgerechte Unternehmenskultur zu fördern: auf Kommunikationsebene beispielsweise durch das Aufzeigen vielfältiger Optionen für das Arbeiten im Alter oder durch die Förderung „neuer“ Altersbilder im Betrieb. Einer Sensibilisierung der Führungskräfte komme dabei eine wichtige Bedeutung zu, wie Hauptgeschäftsführer Andreas Richter unterstreicht. Schließlich müssten die Firmen prüfen, wo Änderungen, Anpassungen oder Weiterentwicklungen nötig seien.

Ohne Scheuklappen über Arbeitszeit diskutieren

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emografischer Wandel und Fachkräftesicherung stellen die Unternehmen in den kommenden Jahren vor gewaltige Herausforderungen. Die Zeiten, in denen Gewerkschaften vehement kürzere Arbeitszeiten forderten – und zum Teil durchsetzten –, sind vorbei. Heute müssen wir nicht zu wenig Arbeit auf mehr Schultern verteilen. Heute benötigen wir einen Paradigmenwechsel. Künftig müssen wir ein weitgehend unverändertes Arbeitsvolumen mit einem schrumpfenden Fachkräftepotenzial bewältigen. Daran ändert auch die aktuelle Zuwanderung nichts. Sie gleicht allenfalls einen Teil dessen aus, was mittelfristig wegfällt. Die Devise muss daher lauten: mehr und länger arbeiten als stetig weniger und kürzer. Es gibt viele Stellhebel, um Fachkräftepotenzial und Arbeitsvolumen zu sichern. Dazu zählt auch Zuwanderung, aber eben eine qualifizierte und gesteuerte Zuwanderung. Dazu gehört ebenso das Bemühen um diejenigen, die sich schwertun, Arbeit zu finden. Es gilt, mehr Menschen mit gezielten Fördermaßnahmen eine bessere Teilhabe am Erwerbsleben zu ermöglichen. Südwestmetall ist hier in zahllosen Projekten erfolgreich engagiert. Genauso müssen wir aber auch Frauen und Alleinerziehende aus der Teilzeitfalle befreien, ihnen – wenn gewünscht – Arbeit in Vollzeit ermöglichen. Hier ist die Politik gefordert, indem sie die Betreuungsangebote für Kinder verbessert. Doch auch die persönliche Arbeitszeit jedes einzelnen Arbeitnehmers – ob pro Tag, pro Jahr oder pro Leben – muss wachsen. Dieser Aufgabe müssen sich Politik und Tarifparteien gleichermaßen stellen. Zu einer längeren Lebensarbeitszeit trägt

Stefan Wolf, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, will ältere Mitarbeiter länger im Beruf halten.

Gastbeitrag

zum Beispiel bei, wenn junge Menschen früher ins Berufsleben starten. Hier wurde viel getan, durch kürzere Schulzeiten, Wegfall des Wehrdienstes oder geraffte Studiengänge. Viel größeren Handlungsbedarf sehe ich am anderen Ende der Erwerbsbiografie: Wir können es uns nicht länger leisten, qualifizierte und leistungsbereite Menschen mit Ende fünfzig, Anfang sechzig vorzeitig in den Ruhestand zu schicken – und das noch mit Zuschuss. Die Rente mit 63 war ein völlig falsches Signal, mit gravierenden Folgen für viele Unternehmen. Natürlich brauchen wir weiterhin Möglichkeiten für vorzeitigen Ruhestand – aber eben nur für diejenigen, die wirklich nicht mehr können. In der Metall- und Elektroindustrie haben wir deshalb unsere Altersteilzeitregelungen angepasst – ein erster Schritt in die richtige Richtung. Darüber hinaus benötigen wir Lösungen für diejenigen, die gerne länger arbeiten würden, über das Rentenalter hinaus. Die bisherigen Regelungen reichen dazu bei weitem nicht aus, sie sind zu kompliziert und zu wenig attraktiv. Auch die Betriebe müssen ihren Beitrag leisten, damit mehr ältere Mitarbeiter länger im Beruf bleiben können. Hier ist schon viel geschehen.

So sind die Arbeitsbedingungen in unserer Industrie in puncto Ergonomie und Belastungen nicht mehr mit denen der 70er Jahre zu vergleichen. Und damals galt noch die 40-Stunden-Woche. Unbestritten ist, dass es hier noch Potenzial gibt, aber die Unternehmen sind auf einem guten Weg. Der beste Beleg ist doch, dass die Generation, die zurzeit in Rente geht, so fit und gesund ist wie keine zuvor. Eine der größten Herausforderungen dürfte jedoch werden, die Bedürfnisse von Unternehmen und Beschäftigten hinsichtlich der Arbeitszeit besser auszubalancieren. Der Wunsch vieler Erwerbstätiger, Beruf und Privates besser vereinen zu können, dafür auch einmal beruflich kürzerzutreten, ist verständlich – und akzeptiert. Aber es wäre fatal, wenn dies stets zu Lasten des

Stefan Wolf steht seit 2012 an der Spitze von Südwestmetall. Foto: dpa

Arbeitsvolumens und des Arbeitgebers geht. Genau dies geschieht jedoch derzeit durch immer neue gesetzliche und tarifliche Ansprüche auf Freistellung, sei es für Familie, Pflege oder Weiterbildung. Wie gesagt, ich habe dafür Verständnis, aber die Unternehmen benötigen dafür einen Ausgleich – und nicht nur dafür. Wir müssen daher über Modelle nachdenken, die es mehr Menschen erlauben, zumindest vorübergehend länger zu arbeiten. Warum sollte beispielsweise ein junger Mensch nicht 40 Die persönliche Stunden oder mehr arbeiten Arbeitszeit jedes einzelnen dürfen? Das Mehr an Geld wäre Arbeitnehmers – ob pro vielen in der Phase der Familiengründung sehr willkom- Tag, pro Jahr oder pro men. Selbst die Beschäftigten- Leben – muss wachsen. befragung der IG Metall hat ergeben, dass mehr Beschäftigte lieber länger arbeiten würden als kürzer. Dass in unserer Industrie der Anteil derer, die 40 Stunden pro Woche arbeiten dürfen, tariflich auf 18 Prozent begrenzt ist, ist dabei nur eines von vielen Hindernissen. Wir müssen auch die Möglichkeiten intensiver nutzen, dass sich Mitarbeiter durch vorübergehende Mehrarbeit Zeit und Geld ansparen für andere Lebensphasen, in denen sie gerne kürzertreten möchten – und sei es erst unmittelbar vor der Rente. Solche Diskussionen müssen wir führen – ohne Scheuklappen. Stefan Wolf (Jahrgang 1961) ist seit 2012 Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall. Hauptberuflich ist der promovierte Jurist seit 2006 Vorstandsvorsitzender des Automobilzulieferers Elring-Klinger. Seine Karriere bei dem Unternehmen aus Dettingen/ Erms begann 1997 als Syndikusanwalt.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 21

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Gesucht: Perspektiven für Ältere Praxisbeispiele aus dem Land zeigen, wie Firmen auf den demografischen Wandel reagieren. Von Ulrich Schreyer Arbeitswelt

Der Maschinenbauer Trumpf bildet ehemalige Servicetechniker zu Trainern fort.

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ie Menschen werden immer älter – und sollen oder wollen auch länger arbeiten. Zudem gehen bald die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Der Fachkräftemangel dürfte also noch größer werden. Kluge Unternehmer bauen vor und halten Ältere länger im Betrieb. Drei Beispiele aus Baden-Württemberg.

Foto: Trumpf

Trumpf: Vom Montierer zum Berater Gerd Duffke kommt richtig in Fahrt, wenn er über seine Arbeit spricht – eine Arbeit, die für in zur Berufung geworden ist. „Als Betriebsrat habe ich immer etwas gefordert, jetzt kann ich auch etwas gestalten,“ sagt der gelernte Maschinenbautechniker. Duffke ist beim Werkzeugmaschinenbauer Trumpf in Ditzingen seit einem Jahr Projektleiter für Schulungsprojekte zu Themen wie Industrie 4.0 oder demografischer Wandel. Lange Jahre war er Vorsitzender des Gesamt- und des Konzernbetriebsrats sowie stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats. Jetzt leitet er unter anderem ein Projekt, das Servicetechnikern neue berufliche Perspektiven eröffnen soll. Deren Geschäft nämlich ist körperlich oft schwer, sie sind ständig auf Reisen, im Flugzeug oder im Auto, die Arbeitswoche ist schwer planbar, Zeit für die Familie oftmals rar – ein Job, der zwar eine gewisse Selbstständigkeit bietet, aber auch „Auch die heute kräftezehrend ist: „In der Regel sind die Servicetechniker 40-Jährigen kommen zehn Jahre im Außendienst“, einmal an ihre sagt Duffke mit Blick auf die Belastungsgrenze.“ damit verbundenen Anstrengungen. Doch auch später solGerd Duffke, Projektleiter beim Ditzinger Laserspezialisten Trumpf len ihr Wissen und ihre Erfahrungen nicht verloren gehen. Ein Dutzend Servicetechniker wird bei Trumpf im Augenblick umgeschult: zu Trainern, die Kunden den richtigen Umgang mit neuen Maschinen erklären. Andere zeigen, wie eine Fabrikhalle eingerichtet wird, wieder andere den Umgang mit der digitalen Technik. So hat Trumpf etwa erst kürzlich in Karlsruhe ein Unternehmen namens Axoom gegründet. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung von Apps, mit denen man aus der Ferne prüfen kann, ob es irgendwo ein Leck gibt, ob der Gasdruck in einer Maschine noch im gewünschten Bereich liegt oder wie es mit der Blechversorgung aussieht. Die ehemaligen Servicetechniker kennen auch die neuesten Maschinen und sind somit ein gutes Bindeglied zwischen Softwareexperten und den Kunden, die mit den Maschinen von Trumpf arbeiten. Diese Maschinen können bis zu 30 Meter lang und vier Meter hoch sein – kein Wunder, dass darauf kaum einer bis ins hohe Alter herumklettern will. Aber anderen Leuten erklären, wie eine solche Maschine arbeitet – das ist körperlich nicht

so anstrengend wie zentnerschwere Abdeckungen hochzuheben, weil darunter etwas installiert oder repariert werden muss. Ziel ist, dass die Mitarbeiter, die sonst weit früher ausscheiden, bis zum Alter von 67 Jahren in der Firma bleiben. Wechseln sie nicht in den Innendienst, können sie auch weiterhin dort wohnen, von wo sie früher zum Arbeitseinsatz gestartet sind. Ein Mitarbeiter, der früher Serviceaufgaben bei Kunden rund um Berlin wahrnahm, kann an der Spree bleiben. Der Unterschied: jetzt kriecht er nicht mehr selbst unter oder auf den Maschinen herum, sondern erklärt anderen, was zu tun ist. Dass das Modell Zukunft hat, davon ist Duffke überzeugt. „Auch die heute 40-Jährigen kommen einmal an ihre Belastungsgrenze“, sagt der frühere Betriebsrat. „Deswegen denken wir in Lebensphasen – ein Modell, das auch auf andere Bereiche und Unternehmen übertragbar ist.“ Mit der Ausbreitung von Industrie 4.0 könnte es sogar noch an Attraktivität gewinnen. „Je stärker die Vernetzung komplexer Produktionssysteme voranschreitet, desto mehr Beratungsbedarf gibt es“, meint Duffke.

Marbach: Blick auf die Abteilungen Auch beim Maschinenbauer Marbach in Heilbronn wird daran gearbeitet, älteren Mitarbeitern zu helfen, dass sie bis ins Alter von 67 Jahren – dem in einigen Jahren geltenden Rentenbeginn – arbeiten können. Das Unternehmen mit seinen weltweit 1200 Mitarbeitern, davon 600 in Heilbronn, stellt Werkzeuge für die Verpackungsmittelindustrie her. Mit diesen können zum Beispiel Schachteln für Pralinen oder Zigaretten produziert werden, aber auch Joghurtbecher, Puzzles oder die schwarzen Füße von Schoko-Marienkäfern. „Der demografische Wandel trifft uns in

zehn Jahren massiv“, sagt Birgit Schuster, zuständig für Personalentwicklung bei dem mittelständischen Familienunternehmen. Heute ist der größte Teil der Mitarbeiter zwischen 40 und 50. Seit langem schon helfen Kräne, schwere Lasten zu heben, an manchen Arbeitsplätzen liegen Kunststoffmatten auf dem Boden. „Das gibt eine etwas bessere Dämpfung“, erklärt Michelle Freyer, ebenfalls in der Personalentwicklung tätig. Gesundheitsvorsorge wird aber nicht nur in den Produktionshallen getroffen: „In den Büros sind höhenverstellbare Schreibtische bei uns Standard“, sagt Freyer. Dass das Unternehmen etwas tun muss, liegt auf der Hand. Denn das Durchschnittsalter ist nicht alles. „Es gibt Teams mit zehn Beschäftigten, davon geht die Hälfte in den nächsten fünf Jahren in Rente“, berichtet Schuster. „Es gibt aber auch Abteilungen, in denen alle acht Mitarbeiter unter 30 sind.“ Deshalb denkt Marbach unter dem Stichwort altersgerechtes Arbeiten nicht nur an die älteren Mitarbeiter. „Wir möchten, dass die Mitarbeiter gesund in Rente gehen können“, sagt Schuster. Und so gibt es Lauftreffs, Rückenschulungen und Kochkurse. All dies hat ein Ziel: „Wir wollen nicht erst nachträglich etwas machen, wir wollen den Bandscheibenvorfall verhindern.“ Oft arbeiten ältere Mitarbeiter zusammen mit jüngeren an einer Maschine. Der eine versteht etwas mehr von Software, der andere kennt sich möglicherweise mit der Mechanik besser aus. Wenn altersgerechtes Arbeiten funktionieren solle, so Schuster, müsse man im Arbeitsalltag zwei Vorurteilen entschieden entgegentreten. Erstens der Behauptung, dass Ältere nichts mehr dazulernen wollten, und zweitens der Ansicht, dass sie öfter krank seien als jüngere Beschäftigte. Zudem setzt das Unternehmen auf Pläne zur Jobrotation, „damit nie-

mand sein Arbeitsleben lang denselben Job machen muss“, wie Schuster erklärt. Auch werde damit begonnen, Ältere aus dem Schichtdienst herauszunehmen. Fest im Blick hat Marbach dabei das Jahr 2023: „Die Mitarbeiter sollen gesund in Rente gehen können, und die Firma soll gesund 100 Jahre alt werden“, sagt Schuster.

Bürkle + Schöck: Handwerk handelt Doch nicht nur Industrieunternehmen tun etwas für ältere Mitarbeiter. Auch im Handwerk gibt es Ansätze. Ein Beispiel dafür ist der Elektrotechnik-Spezialist Bürkle + Schöck. „Vor 25 Jahren hatten wir einen Kran in der Werkstatt, heute haben wir sieben Kräne“, erzählt Geschäftsführer Stefan Bürkle. Das Unternehmen im Industriegebiet Stuttgart-Vaihingen setzt mit seinen 130 Mitarbeitern elf Millionen Euro um und stellt beispielsweise elektrische Komponenten für Maschinen her, etwa Transformatoren. Diese können bis zu drei Tonnen wiegen – ein Kran also tut not, sollen sie bewegt werden. Zudem gibt es Absaugvorrichtungen etwa für Gase, die beim Löten entstehen. Das Unternehmen bietet Informationen zum Arbeitsschutz an, zeigt aber auch, wie wichtig es sein kann, bei der Arbeit die Hände einzucremen, etwa um Blasen zu verhindern. Mit all dem denkt Bürkle nicht nur an die, die heute schon zu den Älteren gehören. Noch liegt das Durchschnittsalter im Transformatorenbau bei etwa 35 Jahren, „aber die Mitarbeiter werden älter“, sagt Bürkle. „Und die Mitarbeiter sind unsere wichtigste Ressource“, meint er. „Mit jedem, der frühzeitig aufhört oder aufhören muss, gehen uns Erfahrungen und Wissen verloren.“ Gerne möchte Bürkle auch das betriebliche Gesundheitsmanagement ausbauen. „Aber viele Mitarbeiter sagen, ich bin doch schon in einem Sportverein.“

Gute Arbeit ist altersgerechte Arbeit

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Roman Zitzelsberger führt seit 2013 die IG Metall BadenWürttemberg. Foto: dpa

s muss auch ein (gutes) Leben nach der Arbeit geben“ – ich kenne niemanden, der nicht dieser Meinung wäre. Trotzdem ist die Realität für viele Menschen eine andere: Jahrzehntelange Schichtarbeit, Stress und Hektik gehen an keinem spurlos vorbei, ebenso wenig dauerhafte körperliche Belastung. In der Autoindustrie wuchten viele Beschäftigte täglich große Gewichte, mit zunehmendem Alter geht dies freilich schwerer von der Hand. Die Folge ist eben kein gutes Leben im Alter: Immer mehr Menschen sind gesundheitlich angeschlagen, wenn sie ins Rentenalter kommen, viele halten gar nicht so lange durch. Trotzdem werden die Arbeitgeber nicht müde, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit als Lösung aller demografischen Probleme zu propagieren. Das Renteneintrittsalter in Deutschland steigt in naher Zukunft auf 67 Jahre, gleichzeitig sinkt das Rentenniveau. Theoretisch arbeiten Erwerbstätige somit zwei Jahre länger als heute und nehmen zwei Jahre weniger Leistungen aus der Rentenversicherung in Anspruch. Praktisch entpuppt sich diese Annahme allerdings als Milchmädchenrechnung.

Roman Zitzelsberger, IG-Metall-Bezirksleiter in BadenWürttemberg, hält die Anhebung des Rentenalters für einen Fehler. Gastbeitrag

Aller Rhetorik zum Trotz sind nur sehr wenige Arbeitgeber von sich aus bereit, den demografischen Wandel nachhaltig anzupacken. Arbeitsplätze, die den Bedürfnissen der Beschäftigten im rentennahen Alter gerecht werden, sind nach wie vor eine Seltenheit. Weniger belastende Tätigkeiten – etwa an der Pforte – wurden schon vor Jahren an billigere Anbieter fremdvergeben. Zwar mag es Tätigkeiten geben, die sich problemlos bis 67 ausüben lassen, in den IG-Metall-Branchen ist das aber nicht der Fall: Nach einer Betriebsräte-Befragung sind weniger als vier Prozent der Beschäftigten über 60 und nur knapp ein Prozent über 63 Jahre alt. Fast jeder zweite Berufstätige befürchtet, seine Arbeit bei gleichbleibenden Anforderungen nicht bis zur gesetzlichen Rente ausüben zu können. Entsprechend bewerten neun von zehn Beschäftigten die Möglichkeit, früher ausscheiden zu können, als wichtig bis sehr wichtig. Verdienstsicherung und Kündigungsschutz im Alter finden ebenfalls sehr hohe Zustimmung. Umso befremdlicher ist es, dass die aktuelle Rentenpolitik das Gegenteil bewirkt: Weil der vorzeitige Bezug einer Altersrente zunehmend eingeschränkt und durch die Einführung von Rentenabschlägen „verteuert“ wurde, gehen die Menschen immer später in den Ruhestand: 2013 lag das durchschnittliche Zugangsalter bei Frauen wie Männern um die 64 Jahre, 1997 waren

es 62 Jahre. Anders gesagt: Die drastischen Leistungskürzungen in der Vergangenheit wie in der Zukunft zwingen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dazu, länger zu arbeiten und sich ihre Gesundheit „abkaufen“ zu lassen. Die Idee, ein sinkendes Rentenniveau durch zusätzliche private Vorsorge auszugleichen, ist faktisch gescheitert. Zu wenige können sich eine Privatvorsorge leisten – insbesondere weite Teile der mittleren und unteren Einkommensgruppen geben an, nicht oder nicht ausreichend fürs Alter vorsorgen zu können. Die Inanspruchnahme von Altersteilzeit wird zwar gewünscht, ist aber ebenso wenig finanzierbar. In der Folge werden Armut und sozialer Abstieg im Alter selbst für Durchschnittsverdiener zur realen Bedrohung: Wer 45 Jahre immer Durchschnittsverdiener war, erhält aktuell 1314 Euro Rente. Hätten wir heute noch das Niveau aus dem Jahr 2000, läge die Rente bei 1475 Euro – beim drohenden Rentenniveau im Jahr 2030 hingegen nur noch bei 1199 Euro. Das ist gefährlich nahe an der aktuellen Armutsschwelle! Aus Sicht der IG Metall sind deshalb drei Dinge vordringlich: Wir brauchen mehr altersgerechte Arbeitsplätze, auf denen alle Beschäftigten gesund bis zur Rente arbeiten können. Dazu bedarf es einer Einstellungs- und Personalpolitik, die Ältere fördert und fordert und nicht – wie in der Vergangenheit oft geschehen – mit Abfindungen aus dem Job drängt.

Selbst dann wird aber nicht jeder bis zum gesetzlichen Renteneintritt arbeiten können. Deshalb brauchen wir – zweitens – flexible Ausstiegsoptionen für diejenigen, die über Jahrzehnte in die Rentenversicherung eingezahlt haben. Die Rente ab 63 nach 45 Versichertenjahren ist ein Schritt in die richtige Richtung, sie sollte kein Übergangsmodell bleiben, sondern dauerhaft als eine Aller Rhetorik zum Trotz von verschiedenen Ausstiegs- sind nur sehr wenige wegen bestehen bleiben. Arbeitgeber von sich Drittens muss die Rente wieder ihre zentrale Aufgabe aus bereit, den erfüllen, nämlich den Lebens- demografischen Wandel standard im Alter sichern und nachhaltig anzupacken. zugleich vor Armut schützen. Dazu gilt es, das Rentenniveau zu stabilisieren und anschließend wieder anzuheben, zudem muss die betriebliche Altersvorsorge gestärkt werden. Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten sehen eine arbeitgeberfinanzierte betriebliche Altersvorsorge als wichtigen Baustein der Altersvorsorge – in Zukunft sollte jeder Arbeitgeber seinen Beschäftigten ein solches Angebot machen! Gute Gründe, um die IG-Metall-Kampagne „Gute Arbeit – gut in Rente“ auch 2016 fortzusetzen. Für ein gutes Leben (auch) nach der Arbeit. Roman Zitzelsberger (Jahrgang 1966) ist seit 2013 Bezirksleiter der IG Metall in BadenWürttemberg. Die Gewerkschaftskarriere des gelernten Maschinenschlossers begann 1989 als Gewerkschaftssekretär in Gaggenau. Berufsbegleitend studierte das SPD-Mitglied General Management im Malik ManagementZentrum in St. Gallen.


22 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 1 | Febr

Schneisen im Förderdschungel Die Hilfen und Angebote sind im Land und in der Region Stuttgart äußerst vielfältig. Doch der Überblick über Institutionen und Geldtöpfe ist nicht einfach. Von Andreas Geldner (Text) und Oliver Biwer (Grafik)

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Gründerförderung

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ie tun was – so lässt sich frei nach dem einstigen Werbeslogan einer Autofirma die Frage beantworten, was es in der Region Stuttgart an Angeboten für Gründer gibt. Circa 30 verschiedene Akteure und Institutionen kümmern sich allein rund um Stuttgart um dieses Thema. Dabei sind Bundesprogramme und die EU-Förderung noch nicht einmal mitgezählt. Auch lokale und regionale Initiativen in anderen Teilen des Landes bleiben der Übersichtlichkeit halber auf dieser Doppelseite weitgehend ausgeklammert. Nicht berücksichtigt sind zudem rein privatwirtschaftlich orientierte Programme – etwa von Unternehmen, die vor allem interne Start-ups unterstützen, aber auch immer wieder als Sponsoren auftreten wie Bosch, Daimler, EnBW oder SAP. Kombinationen aus öffentlichem und privatem Engagement oder private Initiativen, die zwar gewinnorientiert sind, sich aber auch als Katalysatoren der Gründerkultur insgesamt verstehen, haben wir hingegen in unsere Übersicht aufgenommen. Die Abgrenzung ist nicht immer leicht. Komplex wird das Bild auch durch die Tatsache, dass bei vielen Projekten mehrere Partner miteinander kooperieren. So tauchen die Institutionen des Landes vom Wirtschafts- und Finanzministerium über die LBank bis hin zur MFG Innovationsagentur Medienund Kreativwirtschaft immer wieder in unterschiedlichen Kombinationen auf. Auch vieles, was andere Einrichtungen organisieren, wäre ohne Mithilfe oder Zuschüsse aus diesen Quellen nicht denkbar. Auch Organisationen wie die auf den Innovations- und High-Tech-Standort ausgerichtete Wirtschaftsinitiative Baden-Württemberg Connected (Bwcon) oder die Wirtschaftsförderer der Region und der Stadt Stuttgart sind als Mitförderer im Hintergrund an vielen, nicht in jedem Einzelfall genannten Stellen aktiv. Gegliedert ist die Übersicht in fünf Abschnitte. Erstens: Wettbewerbe, die für kreative Gründer oft das erste Sprungbrett zu öffentlicher Bekanntheit und weiterer Förderung sind. Zweitens: die Gründerförderung an und von Hochschulen, weil es hier spezielle Gegebenheiten gibt. Drittens: Veranstaltungen und Institutionen, die sich der Vernetzung von Gründern untereinander verschrieben haben. Viertens: Fördertöpfe und Helfer bei der Investorensuche. Fünftens: Anlaufstellen für Beratung, Training und Begleitung.

Es ist nicht einfach, Schneisen in das Dickicht der Angebote zu schlagen. Dies spricht einerseits für eine beeindruckende Fülle an Engagement und die Tatsache, dass im Südwesten genügend Geld für Gründer in die Hand genommen wird. Das Land Baden-Württemberg bietet wohlweislich über die Initiative für Existenzgründungen und Unternehmensnachfolge (Ifex) eine zentrale Plattform an, die etwa mit Hilfe einer Datenbank hilft, die Angebote zur sortieren. Allein die Übersicht über Förderprogramme und Finanzhilfen umfasst dort 53 verschiedene Varianten! Doch Vielfalt bedeutet auch Unübersichtlichkeit und Parallelstrukturen. Die Antwort auf die Frage, wer für einen Gründer der optimale Ansprechpartner ist oder wie die genauen Bewerbungsmodalitäten sind, bräuchte – um im Jargon der IT-Branche zu bleiben – fast einen eigenen Algorithmus. Der knapp formulierte Überblick auf dieser Doppelseite erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Unter http://stzlinx.de/gruender und stn.de/gruender sind thematisch gegliedert die Links zu Anbietern und Programmen zu finden. Es sind übrigens 84. Soviel zum Thema Dschungel.

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Wettbewerbe: wer hat die besten Ideen?

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paß, Networking und ein kleines bisschen Ruhm – das sind häufig die entscheidenden Motivationsfaktoren bei Wettbewerben der Start-up-Szene, in denen sich manche Gründer erstmals warm laufen. In einigen Fällen sind sie Teil eines globalen Eventformats. Auf den vom Verein Startup Stuttgart koordinierten Startup-Weekends sollen beispielsweise spontan zusammengewürfelte Teams an einem Wochenende aus dem Nichts eine Geschäftsidee entwickeln. Die Preise sind hier eher Nebensache. l Vom Ablauf an einem Wochenende her ähnlich konzipiert sind die stärker auf IT-Tüftelei ausgerichteten sogenannten Hackathons, die in Stuttgart etwa das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO oder der Sindelfinger IT-Dienstleister Logicline organisieren beziehungsweise unterstützen. Auf dem sogenannten Leancamp begegnen sich an einem Wochenende Start-ups und Vertreter etablierter Firmen. Im vergangenen Jahr fand es bei Bosch statt. l Auch wenn es ein Preisgeld gibt, fangen manche Wettbewerbe klein an. So gibt es beispielsweise bei dem von der Wirtschaftsförderung der Region

Stuttgart WRS im Rahmen der gleichnamigen Hochschulinitiative koordinierten Start-upWettbewerb Push Campus Challenge als ersten Preis nur den relativ bescheidenen Betrag von 500 Euro. Doch hier geht es, wie gesagt, vor allem um Ermutigung. l Als erstes Sprungbrett gedacht ist auch der vom Landeswirtschaftsministerium geförderte und in über das ganze Land verteilten Ausscheidungswettbewerben veranstaltete Elevator Pitch. Hier können Gründer in knackigen drei Minuten, also dem Äquivalent einer Aufzugsfahrt, ihre Idee präsentieren. Zudem darf im Rahmen des Wettbewerbs auch das meist bestens unterhaltene Publikum einen Preis verleihen. Der Landessieger erhält 3000 Euro. l Der von der landeseigenen MFG Innovationsagentur Medien- und Kreativwirtschaft veranstaltete Wettbewerb BW goes mobile, der sich an Start-ups im Frühstadium richtet, bietet neben dem Preisgeld von 10 000 Euro vor allem eine mehrere Monate währende Frühförderung. Neu ist der von der L-Bank in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium verliehene Landespreis für junge Unternehmen mit Preisgeldern von insgesamt

90 000 Euro. Auch bei dem an kleine und mittlere Unternehmen gerichteten Innovationspreis des Landes (Dr.-RudolfEberle-Preis) haben Gründer eine Chance. l Technologische Spitzenleistungen würdigt der von der Wirtschaftsinitiative Bwcon koordinierte Cyber-One Hightech Award Baden-Württemberg, wo den Siegern in den Kategorien Start-up und Geschäftsfelderweiterung je 10 000 Euro winken. Den Übergang vom Wettbewerb zur Investorenpräsentation bildet der VC-Pitch Best of Baden-Württemberg. Dahinter steht das Netzwerk für Beteiligungskapital VC-BW, das von der L-Bank bis zur Börsenvereinigung Stuttgart Financial zahlreiche Partner versammelt. Auch der Stuttgarter IT-Dienstleister GFT veranstaltet einen Code-n genannten, international ausgerichteten Start-up-Wettbewerb, der mehr noch als das Preisgeld von 30 000 Euro die Möglichkeit zum Netzwerken betont. Eher intern ausgerichtet ist der Gründerpreis Baden-Württemberg des Sparkassenverbands, für den die beteiligten Institute die Kandidaten aus dem Bereich ihrer Kunden nominieren und um den man sich daher nicht direkt bewerben kann.

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Hochschulen: eine eigene Gründerwelt

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ochschulen verdienen beim Thema Gründerförderung wegen ihrer einzigartigen Stellung an der Schnittstelle zwischen Ausbildung, Technologieentwicklung und Gründer-Begleitung ein eigenes Kapitel. Alle Hochschulen der Region Stuttgart sind an diesem Punkt aktiv. l Dies beginnt mit Lehrstühlen, die auf Gründerthemen ausgerichtet sind, beispielsweise an der Universität Hohenheim, der Hochschule für Technik und gleich zwei an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Es setzt sich mit Anlaufstellen für die Gründerberatung sowie Programmen und Veranstaltungen fort, die auch ganz praktisch zum Gründen motivieren und dazu anleiten wollen. Dazu gehört etwa das innovative Lehrformat der Startup Garage der Universität Hohenheim und die Studierendeninitiative Startup Hohen-

heim. An der Hochschule der Medien gibt es das Startup Center Generator, an der Hochschule Esslingen den Gründerstall. Die Hochschule für Technik in Stuttgart hat unter dem Namen Contact-AS einen Gründerverbund mit der Hochschule NürtingenGeislingen. l Ein wichtiges Thema für Gründungen aus der Wissenschaft heraus ist der Wissensund Technologietransfer, dem sich beispielsweise die Universität Stuttgart mit ihrer Technologie-Transfer-Initiative GmbH (TTI) widmet. Auch der in Stuttgart beheimatete Wirtschaftsverbund der Steinbeis-Stiftung hat dies als zentrale Aufgabe und kooperiert dabei eng mit den Hochschulen. Die Wirtschaftsförderung der Region steht zusammen mit insgesamt 100 Partnern hinter dem Netzwerk Push, das nicht nur einen Wettbewerb für Start-

ups aus den Hochschulen veranstaltet, sondern sich auch umfassend an Gründungsinteressierte aus der Wissenschaft richtet. l Nahe an die Start-up-Kultur heran rückt das bereits im oben stehenden Text erwähnte Acceleratoren-Programm Startec, bei dem die Universität Stuttgart, die HdM, das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation sowie die Wirtschaftsförderer von Stadt und Region kooperieren. Auch hier gibt es übrigens einen öffentlichen Wettbewerb – die Startec Demo Days. l Finanzielle Zuschüsse für Gründer an den Hochschulen bietet im Rahmen des Programms Junge Innovatoren das Wissenschaftsministerium des Landes an. Das wichtigste und viel genutzte Anschubvehikel für hochschulnahe Gründungen ist allerdings das Bundesprogramm Exist.

Netzwerken: Gründer auf Kontaktsuche

Z Finanzen: Kredite und Investoren

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ie meisten Gründer kommen zum Start mit ihren Ersparnissen aus. Für diejenigen, die ambitionierter sind, gibt es zwei Wege der Hilfestellung. Einerseits sind dies meist von der öffentlichen Hand finanzierte Förderkredite, die über die Hausbanken, meistens Volksbanken oder Sparkassen, vermittelt werden. Sie sollen deren Risiko mindern. Andererseits gibt es Institutionen, die den Kontakt zu Investoren und Risikokapitalgebern erleichtern. l Die in Landesbesitz befindliche Förderbank L-Bank und die in öffentlich-privater Partnerschaft agierende Bürgschaftsbank sind Anbieter von Förderkrediten. Die L-Bank bietet beispielsweise eine Gründungsfinanzierung, die vor allem Investitionskosten abdeckt oder eine Startfinanzierung 80 genannte Förderung von Existenzgründungen binnen fünf Jahren nach dem Start. Die Bürgschaftsbank deckt, wie der Name schon sagt, Risiken für die Hausbanken ab und erlaubt so beispielsweise Leasingfinanzierungen. Als Bundeseinrichtung ergänzend zu nennen ist hier als wichtiger Partner auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). l Andere Instrumente, die etwa die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft (MBG) im Köcher hat, gehen in Richtung Direktinvestition. Die MBG ist eine geförderte öffentlich-private Kooperationseinrichtung – an ihr sind L-Bank, Bürgschaftsbank, aber auch Industrie- und Handelskammern beteiligt. Der MBG Risikokapitalfonds ermöglicht etwa eine stille Beteiligung. Der Seedfonds BW erlaubt Entwick-

lungsprojekte mit einer Kombination aus offener Beteiligung und Nachrangdarlehen. Daneben gibt es den wachstumsorientierten VC Fonds BW, der anwendungsnahe Innovationen unterstützt. Auch die L-Bank kann bei bereits gut entwickelten Gründungen über ihre Eigenkapitalagentur L-EA zum Förder-Investor werden oder beteiligt sich in Partnerschaft mit der MBG. Eine Kapitalbeteiligung an vielversprechenden Unternehmen bietet auch eine Tochtergesellschaft der nicht als Förderbank, sondern als Geschäftsbank auftretenden Landesbank Baden-Württemberg, die LBBW-Venture Capital GmbH. Diese Institutionen kooperieren mit dem bundesweit als Partnerschaft von öffentlicher Hand und Unternehmen konzipierten High-Tech Gründerfonds, an dem etwa mit Bosch und Daimler auch große Firmen aus dem Land beteiligt sind. l Daneben gibt es Vereine und Plattformen, die sich ohne eigenes Gewinninteresse als Türöffner für den Zugang zu privaten Investoren sehen. Beim Zugang zur Frühphasenfinanzierung hilft die Wirtschaftsinitiative Bwcon, die auch einen sogenannten VCStammtisch für Investoren organisiert. Die Business Angels der Region Stuttgart (BARS) führen Gründer mit Kapitalgebern zusammen. Das von der Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart getragene Programm HiTURs sieht es als seine Aufgabe an, junge Technologieunternehmen mit Kapitalgebern zu vernetzen. 2015 waren die Hochschule Esslingen und die Hochschule der Medien in Stuttgart die Partner. Landesweit agiert das viele der

hier genannten Akteure umfassende Netzwerk für Beteiligungskapital VC-BW. Dessen alljährliche Veranstaltung Venture Capital-Pitch Best of BadenWürttemberg kombiniert Wettbewerb und Kontaktplattform für Start-ups und Investoren – hier geht es aber schon um Beträge ab 300 000 Euro aufwärts. Eine auf die Region Rhein-Neckar ausgerichtete Plattform für die Verbindung zwischen Start-ups, Mittelstand und Investoren ist auch das in Heilbronn ansässige Venture Forum Neckar. Exemplarisch seien auch die privatwirtschaftlichen, in Stuttgart ansässigen Investoren von Dr. Engelhardt, Kaupp, Kiefer und die auf Frühphaseninvestitionen spezialisierte Grazia Equity erwähnt.

u einer modernen Gründerkultur gehört auch eine entsprechende Szene, die zu Begegnungen und zur gegenseitigen Hilfestellung und Inspiration einlädt. So veranstaltet der Verein Startup Stuttgart, der sich die Vernetzung der lokalen Gründerszene auf die Fahnen geschrieben hat, in diesem Rahmen zehnmal im Jahr ein lockeres „Gründergrillen“. l Die Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart lädt zum Gründerstammtisch. Von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart initiiert gibt es einen Gründerinnen-Treff und eine Veranstaltung unter dem programmatischen Titel „Mitgründer gesucht“. An ein jüngeres Unternehmerpublikum richtet sich der Stuttgarter Verein Entrepreneur-Talente, und auch unter dem Dach der IHK Stuttgart gibt es das sogenannte Young Business Network. Die Stuttgarter Hochschule der Medien verbindet Entrepreneurial Minds Made on Campus. Gründer versuchen im Übrigen auch aus dem Scheitern zu lernen:

Auch dafür gibt es ein Netzwerk, die sogenannten Fuckup Nights, wo sie über ihre (Lern-)Erfahrungen berichten. l Eher punktuell ausgerichtet sind verschiedene Programme der Wirtschaftsinitiative BadenWürttemberg International. Die Organisation unterstützt die Auslandspräsenz der Wirtschaft und veranstaltet zum Beispiel eine Exkursion zu dem großen IT- und Kreativkongress SXSW in Houston, Reisen nach Israel oder die Unterstützung bei der Präsenz etwa auf der Computermesse Cebit. Reisegutscheine zu europäischen Events offeriert auch die IT-Initiative Bwcon. Einen Gesamtüberblick über lokale Gründerzentren bietet die Wirtschaftsförderung Stuttgart. l Nicht zu vergessen ist auch das von Stuttgart aus organisierte Angebot der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer New York (Step NYC), das ein Sprungbrett auf den US-Markt sein will – aber kein Förderprogramm ist, sondern etwas kostet. Kontakte in die USA vermittelt auch das Bundesprogramm German Accelerator.

Beratung: Experten, Trainer und Mentoren

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as Thema „Beratung, Training und Betreuung“ ist ein weites Feld, auf dem die Anzahl der beteiligten Institutionen am größten ist. Zu nennen sind die umfangreichen, branchenübergreifenden Angebote der Handwerkskammern sowie der Industrie- und Handelskammern – unter anderem im Rahmen des von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) geförderten Gründercoaching Deutschland. Es gibt die Steinbeis-Beratungszentren für den Wissens- und Technologietransfer, die Beratungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft für Mittelstand und Handwerk (BWHM) oder das von der Wirtschaftsförderung Stuttgart betriebene Gründerbüro. l Die Initiative Bwcon sowie die Wirtschaftsförderung der Region und der Stadt Stuttgart bieten ebenfalls Einzelveranstaltungen an – letztere in Kooperation mit dem der Mittelstands- und Gründerförderung dienenden Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Wirtschaft RKW-Baden-Württemberg. Ehrenamtlich unterwegs sind die Mitglieder des

Vereins Senioren der Wirtschaft, über den Fachleute im Ruhestand ihre Dienste anbieten. Wer sich Rat einkaufen will, den unterstützt das Land mit Exi-Beratungsgutscheinen. Hilfe für Startups bieten etwa die Stuttgarter Berater von Wert8 an. l Daneben existiert eine Reihe von branchenorientierten Institutionen, die sich zwar nicht allein an Gründer richten, aber auch für diese Hilfestellungen bieten. Wenn man sich allein auf Institutionen mit Stammsitz im Großraum Stuttgart beschränkt, stößt man auf die im BiotechBereich tätigen Organisationen Bio Pro und Bioregio Stern; es gibt die Initiativen Leichtbau BW, Umwelttechnik BW sowie das von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg organisierte Netzwerk Kreativwirtschaft. Dazu kommen Branchenangebote wie die des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. l Den Übergang zum privatwirtschaftlichen Engagement bilden die Accelerate Spaces der Firma Accelerate Stuttgart und

der Startup Campus Stuttgart. Hier will man mit der Infrastruktur, Vorträgen und Seminaren Geld verdienen – sieht das Angebot aber auch als Baustein für die lokale Start-up-Kultur. Zudem gibt es die vom IT-Dienstleister GFT in Stuttgart betriebenen Code-n Spaces, in denen externe Start-ups unterkommen. Gründerzentren mit vergünstigter Miete gibt es auch in Böblingen/Sindelfingen (Softwarezentrum) und in Kornwestheim (Techmoteum). l Eine innovative Form der Gründerhilfe sind die sogenannten Acceleratoren. Sie bringen in einem straffen Programm Startups von der Rampe. Die Übergänge zwischen Förderung und privatwirtschaftlichem Angebot sind fließend. Das von Bwcon organisierte Programm Arena42 hat eher den Charakter eines Förderwettbewerbs. Accelerate Stuttgart lässt sich mit Unternehmensanteilen bezahlen. Zudem gibt es in Stuttgart einen neuen Accelerator namens Startec, der sich an Gründer aus dem Hochschulumfeld richtet.


24 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | Februar 2016

Mehr Pflichten im Ausland Das neue Projekt von OECD und G 20 wird auch in Deutschland Folgen haben. Von Sten Günsel und Christof Zondler Gastbeitrag

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s ist etwa drei Jahre her, dass sich die Presse und die Gesellschaft über multinationale Konzerne erzürnt haben, die aufgrund geschickter Steuerplanungen kaum noch Steuern zahlen. Dabei ist hervorzuheben, dass in den meisten Fällen diese Steuerplanungen zumindest aus rechtlicher Sicht nicht verwerflich waren. Vielmehr hat die Globalisierung international agierenden Konzernen die Möglichkeit eröffnet, ihre Steuerlast durch Gewinnverlagerungen in niedrig besteuerte Länder deutlich zu minimieren. Die Finanzminister der G-20-Staaten sind deshalb an die Industriestaatenorganisation OECD herangetreten, Empfehlungen zu erarbeiten, wie gegen solche Gewinnkürzungen und Gewinnverlagerungen wirksam vorgegangen werden kann. Dieses Projekt wurde unter dem Titel BEPS – Base Erosion, Profit Shifting (übersetzt: Gewinnkürzung, Gewinnverlagerung) – schnell bekannt. Teilgenommen haben mehr als 80 Staaten. Auf der Grundlage eines Aktionsplans mit 15 Handlungsfeldern hat die OECD nach nur zwei Jahren Arbeit am 5. Oktober 2015 konkrete Empfehlungen vorgestellt, wie der schädliche Steuerwettbewerb der Staaten und die darauf aufbauenden aggressiven Steuergestaltungen bekämpft werden sollen. Diese Empfehlungen wurden von den G-20Finanzministern und den Notenbankgouverneuren und anschließend von den Staats„Es stellt sich die Frage, ob solch eine Transparenz und Regierungschefs gebilligt. Die Arbeiten zur Umsetzung mit dem Steuergeheimnis in das jeweilige nationale Steuerrecht laufen weltweit vereinbar ist.“ auf Hochtouren. Sten Günsel, Ebner Stolz, über Deutschland hatte bereits das Country-by-Country-Reporting vor Abschluss des BEPS-Projekts umfassende Regelungen zur Vermeidung von aggressiven Steuerplanungen und Gewinnverlagerungen festgelegt. Das deutsche Interesse am BEPSProjekt liegt vor allem darin, dass andere Staaten ihre Steuerprivilegien abbauen und Steuerschlupflöcher schließen. So besteht seitens der deutschen Finanzverwaltung zum Beispiel die Hoffnung, dass aufgrund der Empfehlungen der OECD die in vielen Staaten gewährte begünstigte Besteuerung von Zinsen und Lizenzen (sogenannte Zins- und Patentboxen) zumindest langfristig abgeschafft wird.

NEUE REGELN C H EC K L I ST E F Ü R E N TSC H E I D E R

1 Im Inland zu prüfen: Übertrifft der Gruppenumsatz weltweit die Marke von 750 Millionen Euro? ja

Country-by-Country-Reporting

Unterliegen Zahlungen ins Ausland der dortigen Besteuerung? ja nein

Betriebsausgabenabzug Grund recherchieren und auf Betriebsausgabenabzug verzichten

Wird in Deutschland im Verkauf ein Kommissionärsmodell eingesetzt? ja

Prüfung, ob ein neues Modell erforderlich ist

Wird in Deutschland nur ein Warenlager unterhalten? ja

Prüfung, ob eine Betriebsstätte anzumelden ist

2 Im Ausland zu prüfen: Werden Mitarbeiter im Ausland eingesetzt? ja

Betriebsstättenrisiko neu bewerten

Wird im Ausland im Verkauf ein Kommissionäresmodell eingesetzt? ja

Prüfung, ob ein neues Modell erforderlich ist

Wird im Ausland ein Warenlager unterhalten? ja

Prüfung, ob eine Betriebsstätte anzumelden ist

Unterliegen ausländische Tochtergesellschaften oder Betriebsstätten neuen Steuerregeln beziehungsweise erweiterten Dokumentationspflichten im Ausland aufgrund neuer Regeln? ja

berücksichtigen

Steigt die Steuerlast? ja

Prüfung, ob dies auf BEPSImplementierungen zurückzuführen ist und die Möglichkeit einer Steuerminderung im Inland besteht

Beim G-20-Gipfeltreffen haben die Staats- und Regierungschefs im November in der Türkei das Steuerprojekt endgültig verabschiedet. Obwohl in Deutschland eine generelle Verschärfung des deutschen Steuerrechts nicht für notwendig erachtet wird, ist dennoch mit punktuellen Ergänzungen und Anpassungen der bereits bestehenden Rechtsvorschriften zu rechnen. Der konkrete Umsetzungsbedarf wird derzeit in verschiedenen Bund-Länder-Arbeitsgruppen der Finanzverwaltung geprüft. Noch 2016 ist mit Gesetzesvorlagen zu rechnen. Insbesondere im Bereich der Verrechnungspreise sind Neuregelungen zu erwarten. Grenzüberschreitend tätige Unternehmen sind bereits heute verpflichtet, die Angemessenheit der Leistungsbeziehungen gegenüber ausländischen verbundenen Unternehmen in einer Verrechnungspreisdokumentation darzulegen. Diese Verrechnungspreisdokumentation wird nun um die Einführung eines sogenannten Country-by-Country-Reportings erweitert. Das beinhaltet die Verpflichtung, allen beteiligten Steuerverwaltungen Informationen über die globalen Umsätze, die Gewinnaufteilung, bestimmte Bilanzpositionen, die gezahlten Steuern und die wirtschaftlichen Aktivitäten zu übermitteln. Diese Neuerungen werden allerdings nur große international tätige Konzerne betreffen, weil das Country-by-Country-Reporting nur für Konzerne mit einem Gruppenumsatz von mindestens 750 Millionen Euro verpflichtend ist. Dennoch stellt sich im Licht der aktuellen Rechtsprechung die Frage, ob eine solche Transparenz der Unternehmen mit dem Steuergeheimnis vereinbar ist. Doch auch mittelständische Unternehmen, die grenzüberschreitend tätig sind, müssen sich auf Änderungen einstellen. So ist zum Beispiel eine Gesetzesinitiative mit dem Ziel geplant, den Betriebsausgabenabzug für steuerliche Zwecke gesetzlich zu untersagen, wenn die korrespondierenden Einnahmen beim Empfänger nicht der Besteuerung unterliegen. Unternehmen, die aufwandswirksame Zahlungen an ausländische Empfänger leisten, sind dann verpflichtet, zu prüfen und nachzuweisen, dass eine Besteuerung der Erträge im Ausland erfolgt. Die vorgelegten Vorschläge für die Neuregelung einer Betriebsstättendefinition werden sämtliche Unternehmen betreffen. Es wird künftig nicht mehr so einfach zu erreichen sein, das Entstehen einer Betriebsstätte im Ausland über künstliche Umgehungen zu vermeiden. Das betrifft gängige Geschäftspraktiken wie insbesondere Auslieferungslager und Kommissionärsmodelle. Auslieferungslager werden unter Berücksichtigung vereinbarter Doppelbesteuerungsabkommen bisher als bloße Hilfstätigkeit angesehen und unterliegen daher in dem Land des Auslieferungslagers nicht der Besteuerung. Dies soll sich künftig ändern und abhängig von dem Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens eine Besteuerung im Land des Auslieferungslagers erfolgen. Auch die Vereinbarung einer Kommission für den Warenverkauf führte bislang nicht zu einer Besteuerung der ausländischen Lieferanten, sondern nur des inländischen Kommissionärs mit seiner Provision. Hier soll der hinter dem Kommissionär stehende Lieferant künftig steuerpflichtig werden. Die konkrete Ausgestaltung dieser hoch umstrittenen Empfehlung bleibt abzuwarten. Auch in anderen OECD-Ländern startet nun die heiße Phase der Umsetzung der Empfehlungen der OECD aus dem BEPSProjekt. Wie eine Umfrage unserer Prü-

fungs- und Beratungsgesellschaft Ebner Stolz in Zusammenarbeit mit den ausländischen Partnergesellschaften des Nexia-Verbundes ergeben hat, können die einzelnen Länder bezüglich der nationalen Umsetzung in drei Kategorien eingeteilt werden. Es gibt zahlreiche Länder, die – wie Deutschland – umfassende Regelungen haben, die den OECD-Empfehlungen bereits weitestgehend entsprechen. Hier ist nur mit punktuellen Änderungen zu rechnen. Es gibt aber auch Länder, die die OECDEmpfehlungen zum Anlass nehmen, durch „Cherry Picking“ einzelne Maßnahmen herauszugreifen, um damit einzelne Änderungen in ihrer aktuellen Gesetzgebung zu rechtfertigen. Unter die dritte Kategorie fallen die Länder, die zunächst abwarten werden, welche Maßnahmen in den anderen Ländern umgesetzt werden, und sich erst im Anschluss zu den BEPS-Empfehlungen positionieren. Deutsche mittelständische Unternehmen, die unternehmerische Tätigkeiten im Ausland entfalten, sind daher gut beraten, sich über anstehende Rechtsänderungen im Ausland zeitnah zu informieren und wachsam zu sein. Die Umsetzung der BEPS-Empfehlungen wird für deutsche Unternehmen im Ausland zu erhöhten steuerlichen Pflichten führen, wie zum Beispiel die Verpflichtung zur Abgabe von Steuererklärungen und die Versteuerung eines Teils des Gewinns im Ausland entlang der Wertschöpfungskette. Es ist zudem mit einer Verschärfung in der Steuererhebungspraxis zu rechnen, die zu ungerechtfertigten Doppelbelastungen führen kann. Dies ist dann nur mit Hilfe von Rechtsmitteln abzumildern. Die OECD-Länder haben sich auf eine Verlängerung der Zusammenarbeit im Rahmen von BEPS geeinigt, um eine Überwachung der Umsetzung und der Folgeeffekte

Fotos: AFP, Ebner Stolz (2)

aus den BEPS-Maßnahmen zu gewährleisten. Es bleibt daher zu hoffen, dass eine zwischen den Ländern abgestimmte Umsetzung der Empfehlungen in den einzelnen Ländern erfolgt. Hierzu soll auch Aktionspunkt 15 des BEPS-Projekts beitragen, dessen Ziel die Entwicklung eines sogenannten multilateralen Instruments ist. Die Umsetzung einiger Empfehlungen bedarf der Änderung vieler abkommensrechtlicher Verträge, die zwischen den verschiedenen Staaten bestehen. Mit Hilfe dieses multilateralen Instruments soll eine vereinfachte und vereinheitlichte Anpassung dieser Verträge erreicht werden. Darüber hinaus ist die EU-Kommission gerade dabei, im Rahmen eines Anti-Avoidance-Tax-Packages eine EU-Richtlinie zu erlassen, die ebenfalls die Umsetzung einzelner BEPS-Maßnahmen in den EU-Ländern zum Gegenstand hat. Bei einer unkoordinierten Umsetzung besteht ansonsten die Gefahr, dass das Ziel der Vermeidung von aggressiven Steuerplanungen verfehlt wird und stattdessen Unternehmen mit Auslandsengagement teilweise einer Doppelbesteuerung ausgesetzt werden. „Der Lieferant hinter

dem Kommissionär soll

Sten Günsel ist Rechtsanwalt und Steuerberater sowie Partner steuerpflichtig werden.“ bei der WirtschaftsprüfungsChristof Zondler, Ebner Stolz, über und Beratungsgesellschaft Ebner das umstrittene Kommissionärsmodell Stolz in Stuttgart. Er leitet das Kompetenzzentrum Internationales Steuerrecht. Christof Zondler ist Rechtsanwalt und Steuerberater. Er ist Prokurist bei Ebner Stolz und Mitglied des Kompetenzzentrums Internationales Steuerrecht.

Die EU will noch mehr wissen Womöglich müssen künftig auch Unternehmen mit weniger als 750 Millionen Euro Jahresumsatz Länderberichte erstellen. Von Michael Heller

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och sind nicht alle Einzelheiten bekannt. Das Bundesfinanzministerium wird erst in den nächsten Wochen einen Referentenentwurf zur Einführung des sogenannten Country-byCountry-Reporting vorlegen. Einzelheiten zeichnen sich freilich bereits ab: aufzugliedernde Umsatzerlöse, Gewinn vor Ertragsteuern, Ertragsteuern, Eigenkapital, einbehaltener Gewinn, Zahl der Beschäftigten und materielle Vermögensgegenstände. Das sind Beispiele für die Auskünfte, die Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 750 Millionen Euro nach Angaben von Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, demnächst geben müssen. Stand jetzt. Denn Kirchdörfer weiß, dass es in der EU bereits Erwägungen gibt, ein Country-byCountry-Reporting für Unternehmen

mit einer deutlich geringeren Größe einzuführen. Die Berichte sollen ausschließlich an die Finanzverwaltungen der Länder gehen, die sich an dem sogenannten BEPS-Projekt von OECD und G 20 beteiligen, sofern die Unternehmen dort eine Betriebsstätte haben. Vertraulichkeit wird zwar zugesichert, aber Kirchdörfer ist skeptisch: „Wir wissen, dass nicht alle Unterzeichnerstaaten ein dem deutschen Recht vergleichbares Steuergeheimnis kennen.“ Und selbst wenn es auf dem Papier steht, ist die Praxis häufig anders. Steueransprüche resultieren aus den Berichten zwar nicht unmittelbar, aber die

Behörden können Schlüsse daraus ziehen, wie groß die Wertschöpfung in ihrem Land ist. „Daraus werden Begehrlichkeiten des jeweiligen Fiskus entstehen, am Gesamtsteueraufkommen der jeweiligen Unternehmensgruppe stärker als bisher zu partizipieren“, ahnt Kirchdörfer. Die Folge liegt auf der Hand: für die Unternehmen steigt die Gefahr der Doppelbesteuerung. Die Reportings sollen erstmals für das Jahr 2016 vorgelegt werden – zumindest in Deutschland. Nach Angaben der Stiftung Familienunternehmen wird in anderen Ländern ernsthaft über einen späteren Start diskutiert. Die Folge: eine Verzerrung zu Lasten der international tätigen deutschen Familienunternehmen.

Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen Foto: Stiftung


SCHWERPUNKT: LANDESMESSE STUTTGART GMBH

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Messe mitten im Markt Foto: Messe Stuttgart

Europas modernstes Messeund Kongress-Zentrum liegt in Stuttgart. Mit eleganter Architektur, kundenorientierter Unternehmensstruktur und einem Top-Portfolio an Messen und Kongressen.

Schaufenster für die Märkte der Welt Spitzenqualität an einem Spitzenstandort: das bietet die Messe Stuttgart Ausstellern und Besuchern mit ihrem hochmodernen Messe- und Kongresszentrum: mit sieben Standardhallen, einer Großhalle (L-Bank-Forum) sowie einer kleinen Halle auf insgesamt 105 200 Quadratmetern. Mit dem Neubau der Halle 10 (geplante Fertigstellung: Ende 2017) erweitert sich die Ausstellungsfläche auf rund 120 000 Quadratmeter. Die Messe Stuttgart befindet sich in einer der wirtschaftlich produktivsten Regionen und einem der wichtigsten Industriestandorte Europas. Als zentrale Messeplattform mitten im Markt. Traditionell stark sind in Baden-Württemberg der Maschinen- und Fahrzeugbau, die Metallindustrie, Elektrotechnik- und ITUnternehmen. Zusätzlich erschließen Zukunftsbranchen wie Medizintechnik, Multimedia, Bio- und Umwelttechnologie den Ausstellern der Messe Stuttgart erstklassige Kundenpotenziale. Zum aktuellen Messe-Portfolio am Standort Stuttgart zählen im Bereich Publikumsmessen beispielsweise die CMT – weltweit größte Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit – und die OldtimerMesse Retro Classics. Dazu der Stuttgarter Messeherbst, mit zehn Einzelmessen und über 180 000 Besuchern die wich-

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MESSE STUTTGART AUF DEN WICHTIGSTEN WACHSTUMSMÄRKTEN DIESER WELT AKTIV tigste Mehrbranchen-Verbrauchermesse in Deutschland und sogar in Europa. Im Segment Fachmessen finden in Stuttgart unter anderem die R+T als Weltleitmesse für Rollladen, Tore und Sonnenschutz, die Intergastra, die Intervitis Interfructa Hortitechnica (Internationale Technologiemesse für Wein, Saft und Sonderkulturen), das Werkzeugmaschinenbau-Event AMB und die Interbad statt. Durch weitere Fachmessen wie Moulding Expo, Lasys, Global Connect, Vision, Invest, IT & Business, Battery & Storage und die Konzeption neuer Veranstaltungen trägt die Messe Stuttgart mit ihren Ausstellern aktiv zur Entwicklung von Zukunftsmärkten bei. Dort liegen die Themenschwerpunkte unter anderem in den Bereichen nachhaltige Mobilität, Umwelttechnologien, erneuerbare Technologien, Ressourceneffizienz, Green-IT sowie Pflege und Reha. Hochkarätige Handwerksmessen wie die Südback, Süffa und Eltefa – um auch

Die Messe Stuttgart, positioniert in einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Europas, steht seit mehr als 75 Jahren für Wachstum und Dynamik. Mit Publikums- und Fachmessen, Kongressen und Veranstaltungen wird der Technologietransfer unterstützt, werden Chancen für Innovationen geboten – und ein Schaufenster in die Welt geöffnet. hier nur einige zu nennen – runden das Fachmessen-Angebot ab. Rund 21 000 Aussteller, davon mehr als 20 Prozent aus dem Ausland, 1,3 Millionen Besucher und mehr als 70 Veranstaltungen jährlich: das ist der aktuelle Erfolgsstatus der Messe Stuttgart allein am Standort Stuttgart. Mit seinem hohen Hallenumschlagsfaktor zählt das Stuttgarter Messe- und Kongresszentrum in Deutschland auch 2016 wieder zu den bestausgelasteten Einrichtungen seiner Art. Die Messe Stuttgart hat nicht nur Aussteller und Besucher aus der ganzen Welt, sie ist auch selbst auf allen Kontinenten aktiv. Der Unternehmensbereich Messe Stuttgart International (MSI) wirbt ausländische Besucher und Aussteller für Messen in Stuttgart an und baut die Präsenz der Messe Stuttgart im Ausland weiter aus. Auslandsvertretungen und Partner realisieren weltweit die Vertriebsarbeit des Unternehmens in 54 Ländern. MSI organisiert und betreut ebenso die Eigenveranstaltungen der Messe Stuttgart im Ausland und führt für öffentliche Auftraggeber weltweit jährlich circa 30 deutsche Gemeinschaftsbeteiligungen auf internationalen Leitmessen durch. Teil der Internationalisierungsstrategie der Messe Stuttgart ist es, in wichtigen Auslandsmärkten dieser Welt mit einer eigenen Infrastruktur direkt vor Ort zu sein. Mit der Gründung von Tochtergesellschaften in China und der Türkei sowie in den USA ist dies derzeit in drei global schnell wachsenden Volkswirtschaften der Fall: Seit 2011 ist die Messe Stuttgart in China mit der Messe Stuttgart Nanjing Ltd. aktiv. Zum erfolgreichen Portfolio zählen dort unter anderem die AMB China, die CMT China, die R+T Asia, die Landmaschinenmesse Agmet und die Gastveranstaltung Logimat China. In der Türkei veranstaltet die Messe Stuttgart Ares Istanbul seit dem Jahr 2009 unter anderem erfolgreiche Fachmessen wie die R+T Turkey und die Ibatech Istanbul, als führende Veranstaltung für das Bäckerund Konditorenhandwerk im eurasischen Raum. Mit einer Tochtergesellschaft ist die Messe Stuttgart seit August 2013 in den USA vor Ort. Mit der Übernahme der Green Festivals agiert sie erstmals als Messeveranstalter in den Vereinigten

Staaten. Die Messereihe umfasst fünf Veranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit in den Metropolen Chicago, Los Angeles, New York City, San Francisco und Washington DC. Zum Gestalten zielgruppengerechter Messen braucht man eine perfekte Infrastruktur und optimale Organisation. Branchenspezifisch spezialisierte Teams in verschiedenen Kompetenzzentren sorgen bei der Messe Stuttgart für die

ERSTE ADRESSE FÜR KONGRESSE: DAS ICS EIGNET SICH IDEAL FÜR GROSSE UND KLEINE EVENTS marktaktuelle Ausrichtung von Fachund Publikumsmessen. Eine eigene Leitung für das ICS Internationales Congresscenter Stuttgart garantiert die optimale Betreuung von Gastveranstaltungen und Kongressen: von A bis Z aus einer Hand. Der Stuttgart Messe Service (SMS) organisiert auf Wunsch den Messeauftritt:

Mit einem klaren und einfachen Leitsystem werden die Besucher über die Messe Stuttgart geführt. Foto: Messe Stuttgart

komplett oder mit individuellen Leistungspaketen. Für einen entspannten Abend nach der Messe oder dem Kongress hat der SMS den Afterwork-Service im Programm: mit guten Ideen und Gutscheinen für den angenehmen Ausklang eines erfolgreichen Tages in der Messe Stuttgart. Das ICS Internationales Congresscenter Stuttgart ist die erste Adresse für hochkarätige nationale und internationale Kongresse und eines der größten und modernsten Kongresszentren Deutschlands. Kein anderes Kongresszentrum liegt so nah an Flughafen und Autobahn wie das ICS – und zudem in einem der attraktivsten Märkte Europas. Zu diesem Standortvorteil kommen modernste Tagungstechnik, ein flexibles Raumkonzept mit über 30 Sälen für 20 bis 4900 Personen (C2) und eine von Tageslicht durchflutete Kongressarchitektur. Dort können sich – bei Plenarveranstaltungen oder Hauptversammlungen – bis zu 10 000 Personen wohlfühlen. Dank der variablen Raumgrößen sind auch kleinere Veranstaltungen im ICS gut aufgehoben.

Die Messe Stuttgart und das ICS Internationales Congresscenter Stuttgart sind mit ihrem nachhaltigen Engagement zukunftsweisend. Für umweltfreundlichen Sonnenstrom sorgen Solarzellen auf den Hallendächern und dem Bosch Parkhaus über der A 8. Zusammen bilden sie die fünftgrößte auf Dachflächen installierte Solaranlage der Welt und erzeugen rund 4,3 Millionen Kilowattstunden Strom. Seit 2014

MESSE STUTTGART: NATÜRLICH NACHHALTIG ist der Stromverbrauch an der Messe komplett CO2-frei und wird mit Ökostrom aus Wasserkraft abgedeckt. Bereits im Jahr 2010 hat die Messe Stuttgart mit dem „Green Statement“ einen richtungsweisenden Standard für die gesamte Messebranche gesetzt. Auch im Portfolio der Messe spielt das Thema Nachhaltigkeit eine große Rolle. Rekordzahlen erreichen die Frühjahrsveranstaltungen rund um das Thema Nachhaltigkeit – mit acht Publikumsmessen der bedeutendste Messeverbund zum Thema in Europa. Analog zur Wirtschaftsstruktur des Landes setzen die High-Tech-Messen der Messe Stuttgart ebenfalls wichtige Schwerpunkte in Sachen Nachhaltigkeit. red


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Die Messe Stuttgart ist gefragt – bei Publikumsmessen ebenso wie bei den Fachveranstaltungen (siehe Fotos unten). Fotos: Messe Stuttgart

CH RO N I K D ER M ESSE

Erneut Bestmarken im Visier

Geschichte der Erfolge Weichenstellung: Die wichtigste Weichenstellung für die Zukunft der Landesmesse fand im Jahr 2004 statt: der erste Spatenstich für die neue Messe Stuttgart nach Jahren des „Messestreits“. Eingebettet in die Fildertopografie entstanden bis zum Jahr 2007 sieben Standardhallen, dazu die Halle 1, das heutige L-Bank Forum, sowie das ICS Internationales Congresscenter Stuttgart. Ende September 2006 war Richtfest, vom 12. bis 16. Juni 2007 liefen mit der Minat und der Blechexpo von Gastveranstalter Paul E. Schall die ersten Messen auf dem neuen Gelände. Hohe Strahlkraft: Europa modernstes Messe- und Kongresszentrum entwickelte trotz Wirtschaftskrise ab 2008 vom Start weg eine enorme Strahlkraft. „Mit 17 neuen Messethemen in den Jahren 2007 und 2008 ist damals ein in der deutschen Messebranche beispielloses Innovationsfeuerwerk gelungen“, sagt Ulrich Kromer. „Hinzu kamen 13 neue Gastveranstaltungen, die wir in dieser Zeit für den Standort Stuttgart gewinnen konnten.“ Nachhaltigkeit: Seit dem Umzug auf die Filder spiegelt das Messeportfolio auch verstärkt den gesellschaftlichen Wertewandel in Sachen Nachhaltigkeit wider. Zum Beispiel mit der Slowfood-Messe Markt des guten Geschmacks (2007), der Consense (2008), der Fair Handeln (2009), auto motor und sport i-Mobility (2010), der Slow Food Zürich (2011), Battery & Storage, f-cell (2012) und den Green Festivals (2013) in fünf Metropolen der USA. Neuland betreten: Im Jahr 2009 betrat die Messe Stuttgart Neuland: Sie gründete ihre erste ausländische Tochtergesellschaft und übernahm die Mehrheit des Messeveranstalters Ares Furarcilik Ltd. in Istanbul. Heute firmiert die türkische Tochter als Messe Stuttgart Ares Istanbul. Aktiv in Asien: Im Zukunftsmarkt China gründete die Messe Stuttgart darüber hinaus Anfang 2011 mit der Betreibergesellschaft des Messegeländes in Nanjing ein Joint Venture, die Messe Nanjing. Zu deren Portfolio zählen die Werkzeugmaschinenmesse AMB China, die Tourismusmesse CMT China, die Logistikmesse Logimat China und die Baumesse Nanjing Building Fair. Seit August 2013 ist die Messe Stuttgart zudem in den USA mit einer eigenen Tochtergesellschaft und den Nachhaltigkeitsmessen Green Festivals aktiv. red

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Die Landesmesse Stuttgart GmbH ist weiter auf Wachstumskurs. Das Unternehmen erwartet für das abgelaufene Geschäftsjahr einen Gesamtertrag in Höhe von rund 115 Millionen Euro. Aus dem Gesamtertrag wurde ein Ergebnis von rund acht Millionen Euro vor Pacht und Ertragsteuer erwirtschaftet. „2015 war das erfolgreichste ungerade Geschäftsjahr unserer Geschichte. Im Verhältnis zu den vergleichbaren Jahren 2013 und 2011 konnten wir beim Umsatz fast 20 Prozent zulegen“, bilanzierte Ulrich Kromer von Baerle, Sprecher der Geschäftsführung, bei Vorlage der vorläufigen Geschäftszahlen Anfang Januar. Für 2016 werden erneute Bestmarken prognostiziert. „Wir wollen einen Rekordumsatz und ein Ergebnis von 20 Millionen erarbeiten“, sagt Geschäftsführer Roland Bleinroth. Ein Grund für die gute Unternehmensentwicklung im Vorjahr: der Messe Stuttgart ist es gelungen, im turnus-

Die Messe Stuttgart blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück – und will auch 2016 Bestmarken setzen. Nicht nur die etablierten Veranstaltungen legten zu. Neue Messen und Unternehmensbereiche liefern ebenso starke Zahlen. mäßig schwachen ungeraden Jahr eine neue Messe zu platzieren. Die Moulding Expo – Internationale Fachmesse für Werkzeug-, Modell- und Formenbau – war gleich im ersten Jahr ein voller Erfolg. 620 Aussteller aus 28 Ländern und 14 000 Besucher waren dabei. „Im deutschen Messewesen hat es nicht viele Veranstaltungen gegeben, deren Debüt so erfolgreich war“, resümiert Kromer. Ein weiterer Grund: die etablierten Veranstaltungen im Geschäftsjahr konnten allesamt zulegen. Die Stuttgarter Urlaubsmesse CMT vermeldete einen Aussteller- und Besucherrekord, noch nie kamen mehr Besucher zu den Frühjahrsmessen (90 000).

Das neue Messeduo „veggie & frei von“ überzeugte beim Messeherbst 2015, und die Weltleitmesse für Rollladen, Tore und Sonnenschutz, R+T, hat erneut eigene Rekorde gebrochen (60 000 Besucher aus 122 Ländern, 900 Aussteller, 649 davon aus dem Ausland).

ERFOLGE IN DER INTERNATIONALISIERUNG Starke Zahlen lieferte auch der Geschäftsbereich rund um die Gastveranstaltungen und Kongresse auf dem Stuttgarter Messegelände. Die Messen Motek, Blechexpo und Retro Classics belegten

nahezu alle Messehallen. Erfolge in der Internationalisierung der Messe Stuttgart konnte Geschäftsführer Roland Bleinroth verkünden: „Fast 30 Prozent der Aussteller kamen 2015 aus dem Ausland, zehn Prozent der Besucher. Das sind Spitzenwerte.“ 15 Messen mit 3000 Ausstellern und mehr als 200 000 Besuchern hat das Unternehmen im vergangenen Jahr im Ausland veranstaltet. „Wir werden dieses Jahr eine Schippe drauflegen und versuchen, im Ausland gleich fünf neue Veranstaltungen zu entwickeln“, kündigt Roland Bleinroth an. Die R+T findet im Juni zum ersten Mal in Südamerika (São Paulo, Brasilien) statt, die AMB im Mai erstmals im Iran (Teheran). In der Türkei (Ankara) findet im September die neue Solarmesse Solar Plus statt, in China (Nanjing) im Oktober die Bildungsmesse Education +. Einen Slow Food Market wird es in der Schweiz von diesem Jahr an auch am Standort Bern geben. red


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LEGEN D E

Das Messegelände

01. Halle 1 (L-Bank Forum) 02. Ausstellungs-Freigelände 03. Halle 3 04. Halle 4 05. Halle 5 06. Halle 6 (Oskar Lapp Halle) 07. Halle 7 08. Halle 8 (Alfred Kärcher Halle) 09. Halle 9 10. Halle 10 (Paul Horn Halle) mit Eingang West 11. ICS (Internationales Congresscenter Stuttgart) 12. Bosch Parkhaus

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Kapazität deutlich erweitert Anfang Januar wurde der Grundstein für die Paul Horn Halle, die zehnte Messehalle, gelegt. Diese soll bereits Ende 2017 in Betrieb gehen. Gebaut wird eine Halle mit 14 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche, die unmittelbar an die Halle 8 anschließt. Sie wird auf einer bisher als Parkplatz genutzten Betonfläche errichtet. Zudem wird der Eingang West um rund 3000 Quadratmeter vergrößert und dadurch seine Bedeutung deutlich aufgewertet. Nach dem Ausbau verfügt die Messe über eine Ausstellungsfläche von insgesamt rund 120 000 Quadratmetern. Kosten wird die Erweiterung rund 67,5 Millionen Euro. Die Messegesellschaft finanziert den Neubau aus eigenen Mitteln. Zuschüsse von Stadt und Land wird es nicht geben. Bauherr ist, wie bereits beim Messeneubau, die Projektgesellschaft Neue Messe GmbH & Co. KG. Der bis dahin weiterlaufende Messebetrieb soll durch die Bauarbeiten nur marginal beeinträchtigt werden. Die neue Paul Horn Halle gibt vielen der an ihre Kapazitätsgrenzen stoßenden Veranstaltungen neue Perspektiven für weiteres Wachstum. Dazu zählen Messen wie die weltweit größte Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit CMT und der internationale Branchentreffpunkt für Metallbearbeitung, die AMB.

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Mit ihrer leichten und eleganten Architektur, deren Formsprache sich aus der umgebenden Landschaft entwickelt, avancierte die Neue Messe zu einem neuen Wahrzeichen Stuttgarts. Dabei ist das für seine Architektur mehrfach ausgezeichnete Ensemble gestalterisch bis heute nicht vollendet. Ende 2017 geht die neue Halle 10 in Betrieb. aller Welt. Mit der Paul Horn Halle kann diese Nachfrage auch in Zukunft befriedigt werden. Jetzt – nach der Erfahrung von fast acht Betriebsjahren – zeigt sich, dass die ersten Planungen mit zehn Messehallen realistisch waren.

SO SOLL DIE NEUE HALLE 10 AUSSEHEN Von Beginn an gehörte das Stuttgarter Messegelände auf den Fildern deutschlandweit zu jenen mit der besten Auslastung. In seiner Form wird sich der Neubau

zwar an die bestehende Messe anlehnen, doch statt den Entwurf von 2001 einfach zu kopieren, hat Architekt Kai Bierich (Wulf Architekten) diesen neu interpretiert. Das Dach mit seiner geschwungenen Form wird ein ganz eigenes, markantes Profil bekommen und in Holzbauweise – statt wie die bisherigen Hallen in Stahlbau – realisiert werden. Genau wie bei den bestehenden Gebäuden soll das Thema Transparenz eine große Rolle spielen, in Form von großflächigen Verglasungen, die Tageslicht in die Halle führen. Auch auf Nachhaltigkeit wird der Fokus gesetzt: Das Dach wird begrünt. Mit dem Neubau sollen zusätz-

liche Kongress- und Seminarflächen am West-Eingang sowie Shops und weitere gastronomische Angebote entstehen. Zudem wird die Grünfläche des Messeparks deutlich vergrößert werden – um fast 55 Meter. Frühzeitig eingebunden wurden bei der Planung die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB). Die Messe ist aus der Stadt noch bequemer und umweltfreundlicher zu erreichen. Vor dem West-Eingang entsteht ein multifunktionaler Platz, der hier als Zugang, der Messelogistik sowie Veranstaltungen im Freien dient. Direkt anschließen wird die neue Haltestelle der Stadtbahnlinie U 6. red

GELÄNDE VON ZWEI SEITEN BESPIELBAR Auch die Weltleitmesse für Rollladen, Tore und Sonnenschutz R+T, der zentrale Treffpunkt der internationalen Oldtimerszene Retro Classics, die führende Fachmesse für innovatives Gastrobusiness Intergastra und zahlreiche andere Veranstaltungen wie die Logimat oder die Blechexpo könnten durch das Neubauvorhaben expandieren. Zudem ermöglicht der Neubau, das Gelände von zwei Seiten gleichzeitig besser zu bespielen und die Besucherströme unterschiedlicher Veranstaltungen einfacher zu verteilen und zu lenken. Die Messe ist stolz auf die rege Nachfrage von Ausstellern und Besuchern aus

Mit einem Bag gerbiss wurde der Auftakt zum Bau der neuen Halle 10 gegeben.

Foto: Messe Stuttgart

STUD I E ZUR M ESSE Auftakt zu einer neuen Ära Vor acht Jahren hat die Messe Stuttgart ihre Hallen auf den Fildern bezogen – der Auftakt zu einer neuen Ära! Seitdem strömen zu den nationalen und internationalen Messen im jährlichen Durchschnitt mehr als doppelt so viele Besucher. Die Standfläche hat sich verdreifacht, die Zahl der Aussteller sogar mehr als verdreifacht. Wachstumsraten, die den Messeplatz Stuttgart deutschlandweit zum Spitzenreiter machen – mit großem Abstand zu den Mitbewerbern! Das belegt eine Studie zu Marktanteilen und Kennziffern der größten deutschen Messeplätze der Leipzig Graduate School of Management (HHL). Prof. Dr. Manfred Kirchgeorg, Verfasser der Untersuchung: „Der Messeplatz Stuttgart konnte durch sein neues Gelände deutlich mehr internationale Veranstaltungen durchführen. Dementsprechend konnten auch mehr Aussteller, die auch mehr Fläche mieteten, akquiriert werden.“ Das Fazit von Ulrich Kromer von Baerle, Sprecher der Geschäftsführung der Messe Stuttgart, dazu: „Die Studie ist ein Beleg dafür, wie gut unser Team gearbeitet hat. Wir sind stolz auf die rege Nachfrage von Ausstellern und Besuchern aus aller Welt.“ Durch die vielen neuen Veranstaltungen, die hinzugekommen seien, so Kromer, habe der Umsatz wesentlich schneller wachsen können als ursprünglich angenommen. Ulrich Kromer von Baerle: „Das hat positive Auswirkungen auf Handel, Gewerbe und Gastronomie in den angrenzenden Städten und Gemeinden.“ Mit einer Gesamtzahl von insgesamt elf internationalen und nationalen Messen am Standort belegt die Messe Stuttgart 2013 Platz sechs im Ranking unter den zwölf größten deutschen Messeplätzen. Weiteres Ergebnis der Untersuchung: bei den regionalen Messen (vor allem Publikumsmessen) ist der Standort Stuttgart deutschlandweit führend – sowohl bei der Zahl der Aussteller als auch bei den Standflächen und der Besucherzahl. red


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Auf Erfolgskurs: Ulrich Kromer von Baerle (l.) und Roland Bleinroth, beide Geschäftsführer der Messe Stuttgart. Foto: Messe Stuttgart

„Erfolgreich am Markt etablieren“ L

Im vergangenen Jahr feierte die Messe Stuttgart ihr 75. Unternehmensjubiläum. Glauben Sie, in 75 Jahren gibt es überhaupt noch Messen? Kromer: Die persönliche Begegnung von Mensch zu Mensch spielt im Geschäftsleben eine zentrale Rolle. Solange dies der Fall ist, wird es Messen geben. Als die digitalen Medien Ende der 80er Jahre neu aufkamen, anfangs BTX, später dann das Internet, noch später Social Media, sahen einige diese als potenzielle Konkurrenz, manche gar als Anfang vom Ende des klassischen Messewesens. Heute wissen wir, das Gegenteil ist der Fall. Sie sind eine sinnvolle Ergänzung.

Kaum eine Branche ist schnelllebiger als das Messe- und Kongresswesen. Wer auf den Märkten von morgen erfolgreich sein will, muss möglichst schon heute die passenden Themen parat haben. Ulrich Kromer und Roland Bleinroth, Geschäftsführer der Landesmesse Stuttgart GmbH, werfen mehr als einen Blick in die Zukunft.

Bleinroth: Es geschieht schon einiges. Wir haben in Baden-Württemberg, in der Region und in Stuttgart eine starke Mittelstandsförderung. Dazu von unseren Gesellschaftern und der Politik ein tolles neues Messegelände mit einer Spitzenlogistik und einer sehr guten Verkehrsanbindung. Die wird sich mit der neuen Haltestelle für die U 6 und in absehbarer Zukunft mit dem ICE-Bahnhof direkt an Gilt Ihr Optimismus auch für den Mes- der Messe noch einmal verbessern. sestandort Stuttgart im Jahr 2040? Kromer: Stimmt, aber man darf sich Bleinroth: Wenn es in Deutschland doch auch was wünschen. Die weitere einen Standort gibt, der dafür prädesti- Optimierung der Anschlüsse an den niert ist, dann StuttFlughafen oder mehr gart mit seinem atLogistikzentren im „EINER UNSERER traktiven wirtschaftliUmfeld. Generell gilt: chen Umfeld. Baden- WESENTLICHEN Die Wirtschaft muss Württemberg zählt zu ERFOLGSFAKTOREN auch in Zukunft auf den ökonomisch IST KUNDENNÄHE.“ einem sehr hohen stärksten Regionen Niveau in Forschung ROLAND BLEINROTH Europas. Weltunterund Entwicklung innehmen, Innovation vestieren, um die Inund High Tech sind hier zu Hause. Die In- novationskraft des Produktionsstandorts dustriedichte im Ländle gehört zu den Baden-Württemberg aufrechtzuerhalten. höchsten weltweit. In puncto Kaufkraft Und das muss von der Politik akzeptiert, belegen wir im europäischen Vergleich getragen und gefördert werden. einen Spitzenplatz. Wenn das weiterhin so bleibt, haben die Messe Stuttgart und Welche Rolle spielen der Neubau der ihre Kunden aus der ganzen Welt hier – Halle 10 und die Aufwertung des Mesmitten im Markt – einen enormen Stand- seeingangs West? ortvorteil. Auch im Jahr 2040. Bleinroth: Ausstellungsfläche ist einer der zentralen Produktionsfaktoren einer Hört sich nach Selbstläufer an, ist es Messegesellschaft. Seit dem Umzug auf aber wohl nicht. Was muss politisch die Filder sind wir in der glücklichen Laund ökonomisch geschehen, damit Ihre ge, dass wir aktuell bei fünf EigenveranZukunftsvision wahr wird? staltungen die Kapazitätsgrenzen schon

ZUR PERSO N Roland Bleinroth

Ulrich Kromer von Baerle

1962 in Bonn geboren. 1981 Abitur, dann Studium der Volkswirtschaft mit Abschluss zum Diplom-Volkswirt. Berufliche Sta- Bleinroth tionen unter anderem bei der Messe Frankfurt, Inc., am Standort Atlanta, sowie bei der AEG DaimlerBenz Industrie. Seit 2006 Geschäftsführer der Landesmesse Stuttgart GmbH.

1952 geboren. Berufliche Stationen unter anderem bei der Messe Leipzig GmbH sowie bei der Blenheim-Gruppe. Seit 2001 Geschäftsführer der L a n d e s m e s s e Kromer von Baerle Stuttgart GmbH. Seit 2004 Geschäftsführer der Projektgesellschaft Neue Messe GmbH & Co. KG. Kromer von Baerle übernimmt neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit auch Aufgaben im Ehrenamt, zum Beispiel als Mitglied im Senat der Wirtschaft.

wieder erreicht und überschritten haben. Dazu kommen noch ausgebuchte Gastveranstaltungen und Parallelveranstaltungen, die ebenfalls dringend mehr Platz benötigen. Als der damalige Stuttgarter OB Dr. Wolfgang Schuster bei der Eröffnung der neuen Messe Stuttgart die etwas provokante Frage stellte, wann der nächste Ausbau fällig würde, fanden das viele überzogen. Jetzt ist er viel früher fällig geworden als damals gedacht. Kromer: Die Qualität der Messe Stuttgart in Sachen Architektur, Logistik und Ambiente ist vorbildlich. Damit dies auch künftig so bleibt, müssen wir kontinuierlich in die Instandhaltung und, wo nötig, in Reparaturen investieren. Wir müssen aber auch sinnhaft und im rechten Maß erweitern. Mit der neuen Halle 10, der Paul Horn Halle, stocken wir unsere Ausstellungsfläche bis Ende 2017 um circa zehn Prozent auf. Und entsprechen damit den Bedürfnissen des Marktes. Die neue Halle spielt dabei eine essenzielle Rolle. Für einen Großteil unserer bestehenden Veranstaltungen. Und auch bei der Akquise neuer Messen.

Umfeld ergeben. Die Aufgabe der Messe Stuttgart ist es, solche Themen frühzeitig zu erkennen, sie dann möglichst rasch und kompetent aufzugreifen und erfolgreich am Markt zu etablieren. Das heißt konkret? Bleinroth: Einer unserer wesentlichen Erfolgsfaktoren ist Kundennähe. Wo haben wir in Baden-Württemberg Cluster, die wir nicht hinreichend bedient haben? Wo gibt es in unserem industriellen und mittelständischen Umfeld noch Nischen? Haben wir die gefunden, sind wir aufgefordert, aktiv zu werden. Kromer: Momentan führen wir in unserer Gesellschaft zum Beispiel Diskussionen um Themen wie die „Morgenstadt“, also über neue Formen urbaner Vernetzung, urbanen Wohnens und Produzierens. Das könnte dazu führen, dass wir unter anderem solche Themen noch stärker im Messe- und Kongresswesen aufgreifen. Wie wir es auf anderen Feldern im Übrigen schon getan haben. Welche Strategie verfolgt die Messe Stuttgart bei der Internationalisierung? Bleinroth: Für unsere Aussteller, vor allem für die mittelständischen Unternehmen, gehört die Präsenz auf dem internationalen Markt längst nicht mehr zur Kür, sondern zum Pflichtprogramm. Für den Standort Stuttgart bedeutet das: jede Fachmesse muss in ihrer Besucherund Ausstellerstruktur international sein, sonst können wir die für unsere Kunden relevanten Marktchancen nicht hinreichend abbilden.

War’s das dann erst einmal mit dem Wachstum am Standort Stuttgart? Kromer: Wenn damit die Erweiterung unseres Portfolios gemeint ist, garantiert nicht. Kein Wachstum bedeutet Stillstand, Stillstand bedeutet Rückschritt. Wir haben – auch mit der neuen Halle 10 – die Möglichkeit, weitere Veranstaltungen zu generieren. Aufgabe unserer Unternehmensentwicklung ist es, neue erfolgreiche Messeprodukte zu schaf„KEIN WACHSTUM fen. Da unser Team Welche Rolle spielen schon bewiesen BEDEUTET STILLSTAND, hierbei die Tochtergehat, dass wir eine STILLSTAND BEDEUTET sellschaften in China, außerordentliche RÜCKSCHRITT.“ der Türkei und den Innovationskraft USA? ULRICH KROMER VON BAERLE besitzen, ist mir vor Bleinroth: Sie sind zudieser Herausfordenächst einmal Mittel rung nicht bange. Außerdem sind noch zum Zweck. Dadurch, dass wir unsere nicht alle unsere Veranstaltungen an Messethemen ins Ausland tragen, könihren Kapazitätsgrenzen angelangt. Wir nen wir internationale Käufer und Aushaben in den letzten Jahren mehr Mes- steller für unsere Messe in Stuttgart gesen erfolgreich auf den Markt gebracht winnen. Dies ist besonders effizient der als andere deutsche Messegesellschaf- Fall, wenn es uns gelingt, Stuttgarter ten. Das werden wir weiter tun. Messethemen im Ausland erfolgreich zu Bleinroth: Dazu werden wir wie bisher positionieren. Wer direkt vor Ort aktiv auch Messen entwickeln, die in den Zeit- ist, hat eine ganz andere Marktpräsenz geist passen, zum Beispiel bei neuen und Marktdurchdringung. Das kommt Publikumsveranstaltungen. Und natür- auch den Messe-Mutterschiffen in Stuttlich neue Fachmessen, die sich aus den gart zugute. Deswegen liegt unser wirtschaftlichen und technologischen Hauptaugenmerk auf den wichtigsten Entwicklungen in unserem industriellen Zukunftsmärkten.

Kromer: Ein schönes Beispiel für eine gelungene Internationalisierungsstrategie ist die Fachmesse für Rollladen-, Toreund Sonnenschutz R+T, die wir in Deutschland, Australien, China, der Türkei und in diesem Jahr erstmals in Brasilien veranstalten. Hier trägt die Messe Stuttgart im Sinne einer globalen Markenführerschaft ein Messethema in spannende Märkte für die Industrie. Das können wir, weil unsere Aussteller unserer Marktkompetenz vertrauen. Und wir ihnen im Gegenzug über neue Messeplattformen neue attraktive Märkte eröffnen. Haben Sie weitere Beispiele? Bleinroth: Denken Sie an die AMB China, die CMT China, die Ibatech in Istanbul, die Nachhaltigkeitsmessen Green Festivals an fünf Standorten in den USA. Damit haben wir die Basis geschaffen, um weitere Messethemen in Nordamerika zu positionieren. Ebenso im chinesischen Nanjing. In der Türkei, wo wir derzeit zusätzlich zu Istanbul mit Ankara einen zweiten Standort profitabel bespielen, ist es uns ebenfalls gelungen, wichtige Stuttgarter Messethemen zu positionieren. Kromer: Diese Strategie entspricht im Übrigen auch einem weltweiten Trend im Messewesen, der Kontinentalisierung. Das heißt: in Zukunft wird es nicht mehr zwingend globale Leitmessen geben, sondern Leitmessen auf den jeweiligen Kontinenten. Auch auf diese Entwicklung sind wir bei der Messe Stuttgart gut vorbereitet. Mit einem vielfältigen, trotzdem fokussierten Portfolio und damit vielen spannenden Angeboten für sehr viele Unternehmen. Wird davon kurz-, mittel- und langfristig der Standort Stuttgart profitieren? Kromer: Mit Sicherheit. Die Messe Stuttgart ist bereits heute einer der wichtigsten Multiplikatoren des Standorts Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg. Wir arbeiten mit unseren hoch motivierten Mitarbeitern und Partnern daran, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird. red

I M PRESSUM Redaktion

Landesmesse Stuttgart GmbH Messepiazza 1 70629 Stuttgart

Produktion

Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH Service- und Sonderthemenredaktion Plieninger Straße 150 70567 Stuttgart

V. i. S. d. P.

Markus Vogt, Landesmesse Stuttgart, Adresse s. o.

Druck

Pressehaus Stuttgart Druck GmbH


EIN ANZEIGENSONDERVERÖFFENTLICHUNG DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

COMPLIANCE FEBRUAR 2016

Keine Grenzen

Passgenaue Strategie

Saubere Geschäfte

Behörden sind auf eine internationale Zusammenarbeit angewiesen, um korrupten Funktionären und Managern das Handwerk zu legen.

Compliance muss auf das jeweilige Unternehmen zugeschnitten sein. Darin waren sich Experten beim Round Table im Pressehaus einig.

„Gesetze reichen nicht, um Compliance im Unternehmen zu verankern“, sagt Andreas Richter, Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart.

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Ein Kompass für integres Verhalten Compliance betrifft die Unternehmensleitung – und jeden Mitarbeiter

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er Mensch ist gut, er hat nur viel zu schaffen, und wie er einzeln dies und das besorgt, entgeht ihm der Zusammenhang des Ganzen.“ Dieses, dem österreichischen Schriftsteller Franz Grillparzer zugeschriebene, Zitat spiegelt nicht nur die ganze Komplexität menschlichen Handelns wider, sondern auch die ganze Komplexität wirtschaftlichen Handelns. Und da weder der Mensch noch ein Unternehmen perfekt sind, spielt das Thema Compliance eine immer größere Rolle. Compliance ist gleichbedeutend mit Regeltreue oder Regelkonformität und steht für die Einhaltung von Gesetzen und Richtlinien, dem Legalitätsprinzip also, aber auch von freiwilligen Kodizes in Unternehmen. Der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) definiert Compliance als die in der Verantwortung des Vorstands liegende Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen und unternehmensinternen Richtlinien. Oder, wie es der Düsseldorfer Fachanwalt Eberhard Krügler beschreibt: „Der Begriff Compliance steht für die Einhaltung von gesetzlichen Bestimmungen, regulatorischer Standards und der Erfüllung weiterer, wesentlicher und in der Regel vom Unternehmen selbst gesetzter ethischer Standards und Anforderungen.“ Unter der Maxime, dass integres Verhalten die zentrale Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg sei, hält beispielsweise die Daimler AG Compliance für einen unverzichtbaKODEX ren Teil der eigenen SELBSTVERPFLICHTUNG Integritätskultur. Denn Compliance beruhe auf GESETZ VERANTWORTUNG integrem Verhalten und stehe für die EinORGANISATIONSPFLICHT haltung von nationalen KUNDE UMWELTSCHUTZ und internationalen Gesetzen. „Für uns bei ARBEITSBEDINGUNGEN Daimler ist es selbstverGESCHENKE SPESEN ständlich, dass wir uns an alle relevanten Gesetze, internen Regelungen und freiwilligen Selbstverpflichtungen halten sowie nach ethischen Grundsätzen handeln“, schreibt dazu der Stuttgarter Automobilkonzern. Doch der Begriff bezeichnet nicht nur die Einhaltung von Verhaltensmaßregeln, Gesetzen und Richtlinien bei Unternehmen, sondern insbesondere die Überwachung und Sorge um Vorkehrung. Große Unternehmen verfügen dafür über einen eigenen Verantwortungsbereich, der in der Regel unabhängig von den bestehenden Hierarchien ist und dessen Leiter direkt an den Vorstand berichtet. In kleinen Firmen ist dies häufig nur eingeschränkt möglich. So kann die Compliance-Funktion intern als Nebentätigkeit eines Mitarbeiters wahrgenommen werden, der dann aber in der Regel auf externe Hilfestellung angewiesen ist.

Bei Kreditinstituten wird der Begriff Compliance häufig als Synonym für die speziellen Vorschriften aus dem Wertpapierhandelsgesetz, aber auch anderen Verbraucherschutzklauseln verwendet. Um eine zunehmende Regulatorik auch tatsächlich in der Praxis der Kreditwirtschaft

dienen und damit auch dem Reputationsschutz des Unternehmens. Nach aktueller Rechtslage besteht keine explizite Pflicht zur Etablierung einer Compliance-Organisation. Für Aktiengesellschaf-

Omnipräsent Compliance ist inzwischen ein alle Branchen durchdringendes Thema. Man findet es bei Unternehmen, bei Banken, bei Behörden oder im Gesundheitswesen, bei weltweit agierenden Konzernen genauso wie bei mittelständischen Betrieben. Neben nationalen Regelungen, die das „ordnungsgemäße Verhalten eines Unternehmens“ festschreiben, gibt es weitere Gesetze und Verordnungen, die zum Beispiel auf europäischer Ebene gelten. red

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CO M PLI AN CE

sicherzustellen, bedarf es der Compliance-Abteilung der Bank, die bei allen geschäftlichen Vorgängen dafür sorgt, die Regelkonformität einzuhalten und die rechtlichen Anforderungen zu erfüllen. Regelkonformes Agieren beinhaltet in diesem Zusammenhang auch den Anspruch, Schaden sowohl von den Kunden als auch vom Unternehmen fernzuhalten. Schließlich könnte jeder Fauxpas beim Abschluss eines Vertrages das Gesamtgeschäft gefährden. Um dies zu verhindern, ist Compliance bei gut aufgestellten Banken nicht als nachgelagerte Kontrolle implementiert, sondern bereits von Beginn an in alle operativen und strategischen Prozesse involviert. Damit wird auch die Bedeutung der Compliance-Funktion zur nachhaltigen Sicherung des Vertrauens gegenüber den Kunden deutlich, die einen Anspruch darauf haben, dass das Kreditinstitut angemessen mit ihnen umgeht. In der Praxis bedeutet dies einen offenen und transparenten Umgang mit den Kunden, um ihnen als Verbraucher adäquaten Schutz zukommen zu lassen. Compliance kann auf diese Weise der Pflege des Vertrauensverhältnisses zu den Kunden

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PRODUKTSICHERHEIT

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TRANSPARENZ

tionen zu finden seien, konstatiert Fachanwalt Krügler und nennt das „Mission Statement“ der Unternehmensleitung, worin sich diese zu gesetzestreuem und ethischem Verhalten bekennt. Ergänzt werde dieser häufig durch einen „Code of Conduct“ oder Ethik-Kodex, der den Mitarbeitern einzelne Verhaltensregeln vorgibt, wie zum Beispiel die Vermeidung von Korruption und Kartellabsprachen, die Beachtung des Datenschutzes und der arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsregeln, der Produktsicherheit und des Arbeitsschutzes. Allerdings weist die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International immer wieder darauf hin, dass in vielen Unternehmen häufig generelle Schwächen in Compliance-Management-Systemen vorhanden seien. Transparency International berichtet, dass die Regelwerke oft nicht weit genug gingen und zu einseitig auf das Thema Korruption ausgerichtet seien. Demnach wird in vielen Unternehmen festgelegt, in welcher Größenordnung Geschenke an Geschäftspartner gegeben werden dürfen oder wie die Spesenabrechnung zu handhaben sei. Es fehlten aber häufig die „großen Themen“, die sich um gesellschaftliche Verantwortung – vom Umweltschutz bis zu den Dienstleistungsbedingungen – rankten. Und mancher Compliance-Skandal der vergangenen Jahre erinnert an ein Zitat des irischen Schriftstellers Oscar Wilde: „Man kann den Menschen nicht durch ein Gesetz vorschreiben, gut zu sein.“ Und daher bedarf es zusätzlich einer Vorbildfunktion und einer funktionierenden Kontrolle. Thomas Spengler

ten und GmbHs aber folgt die Sicherstellung gesetzestreuen Verhaltens aus der gesetzlichen Geschäftsleiterverantwortung. Außerdem besteht für Firmen eine strafrechtliche Organisationspflicht. Damit ist jede Unternehmensleitung verpflichtet, organisatorische Vorkehrungen zur Verhinderung von Gesetzesverstößen zu treffen. In der Praxis hätten sich typische Bestandteile herausgebildet, die in vielen Compliance-Organisa-


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COMPLIANCE

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Prozess und Mensch Compliance-Manager sind Fachleute für das Einhalten und Umsetzen von Regeln

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Fällen arbeiten Compliance-Beauftragte in den Rechtsressorts. In kleineren Betrieben sind mit diesen Aufgaben auch Personalabteilungen betraut. Doch was macht ein Compliance-Manager? „Seine wesentliche Aufgabe ist, ein Unternehmen beziehungsweise eine Institution oder Behörde so zu gestalten, dass deren Mitglieder regeltreu handeln“, erläutert Cornelius von Eichel-Streiber, Geschäftsführer der Compliance Academy (Münster) und Leiter des Compliance-Center an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. „Hierzu muss er organisatorische und prozessorientierte Maßnahmen treffen.“ Diese Richtlinien, Regeln und Standards sollen ein rechtlich und ethisch korrektes Verhalten von Unternehmen, Organisationen und deren Mitarbeitern gewährleisten. Konkret geht es darum, unerwünschte oder kriminelle Handlungen wie Preisabsprachen, Korruption, Insiderhandel oder Geldwäsche durch vorbeugende Maßnahmen zu verhindern. Sind solche Dinge bereits passiert oder gibt es Verdachtsmomente, muss der Compliance-Manager diesen nachgehen. Außerdem konzipiert und organisiert der Compliance-Beauftragte Schulungen, in denen Mitarbeiter die Werte und Verhaltensgrundsätze der Organisation vermittelt bekommen. Darüber hinaus ist er in der Regel auch Ansprechpartner für Themen wie (Anti-)Korruption, Marktmissbrauch und Datenschutz. Wie sich diese Aufgaben in der Praxis umsetzen lassen, zeigt das Beispiel

Daimler: In den Jahren 2013 und 2014 führte der Konzern Web-basierte Trainings für 140 000 Mitarbeiter durch. Seit März 2015 gibt es zudem an den deutschen Standorten eine zentrale Anlauf- und Beratungsstelle zu Fragen wie Integrität und Compliance. An den vielfältigen Aufgaben wird deutlich, wie komplex das Berufsfeld ist. „Ein guter Compliance-Manager muss diverse Fertigkeiten miteinander verknüpfen“, sagt von EichelStreiber. „Das erfordert eine große Bandbreite an Können, fachlichem Wissen und Empathie“, ergänzt Manuela Mackert, Vorstandssprecherin des Deutschen Instituts für Compliance sowie des Forums Compliance & Integrity. Deshalb hat sie als Leiterin Group Compliance Management bei der Deutschen Telekom auf eine heterogene Zusammensetzung ihres Teams geachtet. „Bei mir arbeiten Juristen, Betriebswirte, Ingenieure, aber auch Psychologen aus den unterschiedlichsten Unternehmensbereichen und Kulturkreisen.“ Laut der BCM-Berufsfeldstudie sind in fachlicher Hinsicht in erster Linie Rechtsund Branchenkenntnisse gefragt. Auch die Bereiche Betriebswirtschaft und Informationstechnologie bewerten ComplianceManager als wichtig. Bei den qualitativen Voraussetzungen für den Beruf stehen an vorderster Stelle Kommunikationsfähigkeit, Professionalität und Sachkompetenz. Im Idealfall sollte ein Compliance-Mana-

ger alle diese Kenntnisse und Fähigkeiten vereinen. „Er muss einerseits komplexe Unternehmensprozesse und -strukturen verstehen, aber andererseits auch die Menschen im Blick haben“, sagt Mackert. „Dabei geht es um folgende Fragen: Was führt zu Fehlverhalten? Was ist der tiefere Antrieb dafür? Wie überzeugen wir Mitarbeiter, BERUFSFELD unser Business sauber umzusetBETRIEBSWIRTSCHAFTSLEHRE zen?“ STUDIENGÄNGE AKADEMIKER Trotz dieser ho-

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hen Anforderungen BRANCHENKENNTNISSE gibt es keine festen EMPATHIE Eingangsvoraussetzungen, um als Compliance-Manager Karriere zu machen. Laut der BCM-Studie sind 94 Prozent aller, die in diesem Bereich tätig sind, Quereinsteiger. Die größte Gruppe von ihnen kommt aus dem Lager der Juristen (27 Prozent), dahinter folgen Berufe aus dem betriebswirtschaftlichen Umfeld. Rund 70 Prozent der Compliance-Manager haben auch Fächer dieser beiden Richtungen studiert. Nur elf Prozent gehören zum Kreis der Nicht-Akademiker. Mittlerweile gibt es an Hochschulen spezielle Compliance-Studiengänge oder zumindest die Möglichkeit, dieses Fach als Schwerpunkt zu wählen. Auch in Baden-Württemberg – zwei Beispiele dafür sind die Hochschulen in Konstanz und Albstadt-Sigmaringen. Gerhard Hörner

PROZESSE

Foto: Ivelin Radkov/Fotolia

as Thema Compliance hat in den letzten Jahren einen immer wichtigeren Stellenwert bekommen – sowohl in Großunternehmen als auch zunehmend im Mittelstand. Dies unterstreicht die folgende Aussage von Walter Schoefer: „Wir verstehen Compliance als integralen Bestandteil unserer Nachhaltigkeitsstrategie“, betont der Geschäftsführer des Stuttgarter Flughafens, der 2014 mit dem Deutschen Compliance Preis der dfv-Mediengruppe ausgezeichnet wurde. Auch beim Stuttgarter Autobauer Daimler ist Compliance Chefsache. Dort wurde bereits 2006 für diesen Bereich ein eigener Vorstandsbereich gebildet. In vielen großen Unternehmen ist es ähnlich, wie eine Berufsfeldstudie des Bundesverbands der Compliance Manager (BCM) zeigt. Demnach sind vier von fünf Compliance-Abteilungen in der Firmenhierarchie weit oben angesiedelt. So lassen sich Maßnahmen organisatorisch am schnellsten umsetzen. In den meisten

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COMPLIANCE

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Weltweites Thema Die Korruptionsbekämpfung erfolgt national und international

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eine Banküberweisung in die Staaten sein, ein Telefonat oder eine E-Mail. Nach solchen Indizien wird in den USA intensiv gefahndet. Mit Erfolg. So hat sich die Weltmacht schon vor dem Fifa-Skandal einen Namen in der Korruptionsbekämpfung gemacht. Diese Untersuchungen stützen sich auf den Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act (Rico), ein 1970 erlassenes Gesetz zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Eine noch effektivere Waffe der US-Justiz gegen internationale Korruption ist der Foreign Corrupt Practices Act (FCPA), der sich durch einen sehr breiten Anwendungsbereich auszeichnet. Er umfasst sowohl amerikanische Staatsbürger und Unternehmen als auch alle ausländischen natürlichen und juristischen Personen, die in den USA „Handlungen zur Korruptionsförderung“ begehen. Dazu gehören neben „Zahlungen zum Erwerb oder Erhalt von Geschäften“ auch Geschenke, die auf eine unlautere Beeinflussung schließen lassen. 1997 folgten die OECD-Staaten dem USBeispiel und verabschiedeten eine Konven-

tion, um gleiche Voraussetzungen innerhalb der 34 Mitgliedsländer umfassenden Organisation zu schaffen. Die Konvention verbietet nicht nur ausdrücklich die Bestechung ausländischer Amtsträger durch Unternehmen, sondern machte auch Schluss mit der bis dahin möglichen steuerlichen Abzugsfähigkeit von Bestechungsgeldern. Weitere multinationale Rechtsnormen sind Übereinkommen zur Korruptionsbekämpfung auf Ebene der EU beziehungsweise des Europarats. Sie verpflichten die Mitgliedstaaten, die Korruption strafrechtlich zu verfolgen. Parallel zu den länderübergreifenden Regeln wurden in den letzten Jahren von verschiedenen Staaten nationale Compliance-Gesetze beschlossen. Ein Beispiel dafür ist der UK Bribery Act 2010, der nahezu weltweit anwendbar ist. Das heißt, dass Unternehmen für das korrupte Verhalten ihrer Mitarbeiter, Vertreter oder Tochtergesellschaften weltweit haftbar gemacht werden können. Im UK Bribery Act sind sechs Prinzipien verankert, die den Unternehmen als Leitfaden dienen sollen, um ein funktionierendes Compliance-System aufzubauen. Wer dies nicht umsetzt, kann straf- und zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Auch in Russland tätige in- und ausländische Unternehmen sind verpflichtet, umfangreiche Compliance-Programme zu etablieren. Die Bestimmungen des Gesetzes entsprechen denen des amerikanischen FCPA und sehen beispielsweise vor, dass UnternehSTRAFVERFOLGUNG men Regelwerke entwickeln, die für alle MitRUSSLAND arbeiter gelten und ein GROSSBRITANNIEN EUROPA „ethisch korrektes Verhalten im GeschäftsverOECD KORRUPTION kehr“ gewährleisten. Wie Russland hat auch China seinen Kampf gegen Korruption in den letzten Jahren intensiviert. Während das Wettbewerbsgesetz „unfaires Verhalten im Geschäftsverkehr“ verbietet, wurden Bestechung im öffentlichen Sektor, Erpressung und Geldwäsche zu Straftaten erklärt. Durch die Ende 2012 gestartete Anti-Korruptionskampagne nahm das Land innerhalb von zweieinhalb Jahren 38,7 Milliarden Yuan ein (6,2 Milliarden Dollar). So mussten korrupte Beamte und Funktionäre unrechtmäßig erworbenes Land und Eigentum an den Staat zurückgeben. Dasselbe galt für illegale Steuervergünstigungen, die Privatpersonen und Firmen erhalten hatten. Gerhard Hörner

USA

CHINA FIFA

Foto: Igor/Fotolia

orruption kennt keine Grenzen. Das verdeutlicht der aktuelle Skandal um den Weltfußballverband Fifa, in den Personen aus aller Herren Länder verwickelt sind. Daher sind die Behörden heute mehr denn je auf internationale Zusammenarbeit angewiesen, um korrupten Funktionären, Managern und Politikern das Handwerk zu legen. Obwohl die Fifa ihren Sitz in der Schweiz hat, spielen die USA bei den Ermittlungen eine Hauptrolle. So wurden bereits mehrere hochrangige Fußballfunktionäre auf Veranlassung der US-Justiz in Zürich festgenommen und an die Vereinigten Staaten ausgeliefert. Warum sich die USA im Fall Fifa als eine Art Welt-Polizei aufspielen, mag auf den ersten Blick verwundern. Schließlich ist nach internationalem Recht grundsätzlich derjenige Staat für die Strafverfolgung zuständig, auf dessen Gebiet das Verbrechen begangen wurde. Allerdings gibt es Ausnahmen vom Territorialprinzip: demnach dürfen amerikanische Fahnder auch im Ausland zugreifen, wenn die Tat in irgendeiner Weise mit den USA verbunden ist. Das kann beispielsweise

Der feine Unterschied.

BRP Renaud und Partner mbB · Rechtsanwälte Patentanwälte Steuerberater · Stuttgart Frankfurt · www.brp.de


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COMPL

Februar 2016

D I E EXPERTEN Dr. Ulrich Klumpp, Partner bei Oppenländer Rechtsanwälte: Studium der Rechtswissenschaften in Tübingen und Mailand. Promotion zu einem kartellrechtlichen Thema. Rechtsanwalt seit 2003. Tätigkeitsschwerpunkte: Kartellrecht und Medienrecht. Lehrbeauftragter für Kartellrecht an der EberhardKarls-Universität Tübingen. Zahlreiche Veröffentlichungen und Vortragsveranstaltungen im Bereich Kartellrecht. Linda Schwachulla, Wirtschaftsprüferin bei Ebner Stolz Wirtschaftsprüfer: 2005 bis 2012 Tätigkeit (später Prokuristin) bei einer der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. 2010 Bestellung als Wirtschaftsprüferin. 2012 bis 2014 Prokuristin in einer mittelständischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Seit 2014 bei Ebner Stolz. Tätigkeitsschwerpunkte: Wirtschaftsprüfung, interne Revision, Compliance.

Dr. Ulrich Klumpp, Oppenländer Rechtsanwälte

Linda Schwachulla, Ebner Stolz Wirtschaftsprüfer

Dr. Alexander Schork, LL.M. BRP Renaud und Partner

Sonja Fingerle, BRP Renaud und Partner

Dr. Alexander Schork, Partner bei BRP Renaud und Partner: Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Heidelberg. Nach dem Referendariat LL.M.-Studiengang Wirtschaftsstrafrecht an der Universität Osnabrück sowie Promotion zu einem strafrechtlichen Thema. Engagiert in der universitären und außeruniversitären Aus- und Fortbildung als Herausgeber, Autor und Koautor zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Sonja Fingerle, BRP Renaud und Partner: Studium an den Universitäten Augsburg, Turin und Rom. Im Rahmen ihrer universitären Ausbildung Spezialisierung im Bereich des Wirtschafts- und Steuerstrafrechts. Tätig an einem Lehrstuhl für deutsches, europäisches und internationales Strafrecht und Strafprozessrecht. Nach dem Referendariat am Landgericht Stuttgart Beginn bei BRP als Rechtsanwältin. Weitere Spezialisierung durch den LL.M.-Studiengang Wirtschaftsstrafrecht an der Universität Osnabrück. Dr. Torsten Gerhard, Partner bei Oppenländer Rechtsanwälte: Studium der Rechtswissenschaften in Mannheim. Promotion zu einem verwaltungsrechtlichen Thema. Rechtsanwalt seit 2007. Tätigkeitsschwerpunkte: Öffentliches Wirtschaftsrecht und Datenschutzrecht. Fachanwalt für Verwaltungsrecht. Lehrbeauftragter an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer. Dr. Susanne Jochheim, Partner BRP Renaud und Partner: Nach dem Studium in Bonn Promotion an der Universität Hannover im Arbeitsrecht. Anschließend 18 Jahre bei der Robert Bosch GmbH, davon fünf Jahre als Leiterin der Personalabteilung in der Unternehmenszentrale. Ab 2010 Aufbau der weltweit zuständigen ComplianceAbteilung der Robert Bosch GmbH und Leitung als Compliance-Officer. Seit 2014 als Rechtsanwältin, seit August 2015 im Compliance-Team von BRP. Dr. Thomas Trölitzsch, Partner bei Oppenländer Rechtsanwälte: Studium der Rechtswissenschaften in Mannheim und Tübingen. Promotion zu einem gesellschaftsrechtlichen Thema. Rechtsanwalt seit 1996. Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht. Stellvertretender Vorsitzender des Prüfungsausschusses „Fachanwalt für Handelsund Gesellschaftsrecht“ der RAK Stuttgart. Zahlreiche Veröffentlichungen und Mitherausgeber des Praxishandbuchs der GmbH-Geschäftsführung. Nadja Litsch, Ebner Stolz Wirtschaftsprüfer: Studium der Internationalen Betriebswirtschaftslehre. Seit 2003 Tätigkeit bei Ebner Stolz. 2007 Bestellung zur Steuerberaterin, seit 2012 Prokuristin. Schwerpunkt ist die Betreuung internationaler Mandantengruppen, insbesondere bei Fragen zu der Erfüllung sämtlicher Steuerpflichten im In- und Ausland, der Begleitung von Betriebsprüfungen im In- und Ausland sowie zu steuerlichen Einzelfragen im grenzüberschreitenden Geschäftsverkehr, etwa im Bereich Umsatzsteuer und Verrechnungspreise. Prof. Dr. Holger Jenzen, Steuerberater bei Ebner Stolz Wirtschaftsprüfer: Studium der Betriebswirtschaftslehre. Nach zweijähriger Berufstätigkeit in der Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung Promotion zum Dr. jur. am Lehrstuhl von Prof. Hans-Wolfgang Arndt. Seit 1998 Lehrbeauftragter und Honorarprofessor an der Universität Mannheim für steuerliches Verfahrens-, Verfassungsund Europarecht sowie an der Mannheim Business School im „Mannheim Master of Accounting & Taxation“. Zahlreiche Veröffentlichungen und Vortragsveranstaltungen. Partner seit 2002. red

Experten aus großen Stuttgarter Wirtschaftskanzleien diskutierten beim Round Table im Pressehaus Stuttgart über Compliance.

Compliance gibt es nicht

R o u n d Ta b l e m i t E x p e r t e n a u s W i r t s c h a f t s - u n d A n w a l t s k a n z l e i e n : k e i n R e g

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Doch gerade einige dieser Unternehmen ie jüngsten Wirtschaftsskandale in Deutschland haben nicht nur die Frage scheuen nach wie vor, Verhaltensregeln für ihr aufgeworfen, wie es um die Recht- Unternehmen aufzustellen. „Natürlich ist Comschaffenheit der großen Dax-Konzerne bestellt pliance kein Allheilmittel“, sagt Nadja Litsch ist. Es wurde ein Thema in den Mittelpunkt von der Stuttgarter Wirtschaftsprüfungs- und gerückt, das bislang gerade im Mittelstand Steuerberatungsgesellschaft Ebner Stolz. Die eher ein Schattendasein führte: Compliance, Frage sei weniger, was es nützt, als wie Compliance positiv in mittelständischen Unternehdie Einhaltung von Regelwerken. Haben diese Regelwerke zum Beispiel bei men eingesetzt werden kann. „Es geht nicht VW versagt? Mit dieser Frage startete der nur darum, Imageschäden zu vermeiden, sonWirtschaftsjournalist Heimo Fischer als Mo- dern auch darum, ein positives Images aufzuderator den Compliance-Round Table mit Ver- bauen“, sagt sie. „Das funktioniert nur, wenn Compliance tretern von Wirtschafts- und Anwaltskanzleien tatsächlich von oben nach unten gelebt wird“, im Stuttgarter Pressehaus. „Ein Compliance-System ist nicht dafür da, ergänzt Ulrich Klumpp. Hier hätten Mittelkriminelle Energie aus der Welt zu schaffen. Das ständler durch ihre Betriebsgröße einen growird ein derartiges Regelwerk auch nicht leisten ßen Vorteil gegenüber den oft unübersichtkönnen“, nimmt Dr. Susanne Jochheim, früher lichen Großkonzernen. Denn im Mittelstand Compliance-Managerin bei Bosch und heute gelte noch öfter die Regel: der Chef ist das VorPartnerin in der Kanzlei BRP Renaud und Part- bild. Das sieht Professor Dr. Holger Jenzen, ner, die Frage auf. Selbst eine noch so gut orga- Steuerexperte bei Ebner Stolz, ebenso. Seiner Erfahrung nach seien viele nisierte Fachabteilung mittelständische Unterkönne nur präventiv tätig „EIN MEHR nehmer zwar der Meinung, sein und danach schauen, AN BÜROKRATIE ihr Haus gut zu führen und dass die Mitarbeiter wisalles zu wissen, doch späsen, was Recht und Gesetz LÄSST SICH NICHT testens mit der nächsten ist. Ist es zu einem RegelIMMER VERHINDERN.“ Betriebsprüfung könne das verstoß gekommen, müsböse Erwachen kommen, se analysiert werden, wie DR. ALEXANDER SCHORK wenn zum Beispiel steueres dazu gekommen ist liche Gepflogenheiten bei und was in Zukunft unternommen werden kann, damit solche Fälle Auslandsgeschäften falsch eingeschätzt wurden. „Zur Compliance gehört, Unternehmer unterbleiben, sagt Susanne Jochheim. Also ist Compliance kein Allheilmittel, wie vor diesen teuren Überraschungen zu schütmanche glauben, hakt Moderator Fischer zen.“ Der Begriff der Compliance werde zudem nach? Der Kartellrechtler Dr. Ulrich Klumpp zu oft mit Skandalen in Verbindung gebracht, von Oppenländer Rechtsanwälte in Stuttgart analysiert er. Hinzu kommt, dass man als Beraist der Auffassung, eine Compliance-Organisa- ter mit dem Begriff Compliance, den er mit „retion in einem Unternehmen müsse den Mit- gelkonformes Verhalten“ übersetzen würde, arbeitern klarmachen, was die Folgen von Ge- niemanden hinter dem Ofen hervorlocke. Ähnliche Erfahrungen hat Rechtsanwalt Dr. setzesverstößen sein könnten. „Ich glaube nicht, dass zum Beispiel den Mitarbeitern einer Thomas Trölitzsch von Oppenländer RechtsanEntwicklungsabteilung immer bewusst ist, wel- wälte gemacht. Compliance bedeute nicht nur, che Auswirkungen ihr Handeln auf das gesam- irgendwelche Regeln aufzustellen. „Das Unterte Unternehmen haben kann“, sagt er – bezo- nehmen braucht vor allem eine Kultur, wonach Hinweise auf Compliance-Missstände positiv gen auf die Vorgänge bei VW. Was heißt das? Ist Compliance etwa ein gesehen und nicht sanktioniert werden.“ Es gezahnloser Tiger? Susanne Jochheim verneint. he darum, gemeinsam „nach vorn zu schauen“. Gerade in komplizierten Rechtsgebieten wie Diese Sichtweise gelte es dem Mittelstand zu zum Beispiel dem Kartellrecht könne Compli- vermitteln. Der Begriff Compliance als solcher ance den Mitarbeitern dabei helfen zu erken- spiele eher eine untergeordnete Rolle. Der Rechtsanwalt und Partner bei BRP Renen, was sie dürfen und was nicht. „Das kann für einen Mittelständler ein wichtiges Instru- naud und Partner in Stuttgart, Dr. Alexander Schork, ist da anderer Meinung. Für ihn ist ment der Unternehmensführung sein.“

Compliance ein „ganz hervorragender Begriff “. wachen. Das werde aber Fälle aus diesem Bereich habe es schon früher schen Unternehmen nic Für Holger Jenzen b gegeben. Nur habe man das Verstöße gegen das Ordnungswidrigkeiten- oder Strafrecht ständische Wirtschaft be genannt. „Heute wird das als Compliance-Fall zwar in einer Übergang beschrieben.“ Straftaten gab es schon immer. sich aber immer meh Nur die Organisation, die das möglicherweise wenn der Mittelstand d präventiv verhindern könnte, das sei Compli- braucht er ein Complian Die Deutsche Bahn ance. Schork skizziert die Vorgehensweise so: „Nicht, was Compliance kostet, ist die Frage, Schork, verlange bereits sondern was Compliance nützt, um solche Fälle Vertragspartnern Comp zu verhindern.“ Compliance übernehme die zumindest, dass sie s Funktion einer Klammer, „und dafür ist es eine Regeln der Deutschen Compliance sei also län sinnvolle Beschreibung“. Aber ist Compliance mehr als eine Wort- mit dem sich nur Großu hülse, hakt Moderator Fischer nach? „Wir stel- gen müssen. Das sei au len in der täglichen Praxis mehr und mehr fest, Mittelständler aus Bade dass die Unternehmen umdenken“, so die Er- übergreifend tätig sei fahrung von Linda Schwachulla von Ebner Jochheim. Spätestens w Stolz. Allerdings stellt sie auch Berührungs- Zolls oder den Umgan ängste fest. Oft herrsche die Meinung vor, Amtsträgern geht, sei m Compliance sei nur etwas für große Unterneh- pliance-Thema, „egal, w men. „Das Wichtigste ist, dass wir aufklären.“ men ist“. Kann dadurch die B Außerdem seien in den meisten mittelständischen Unternehmen viele Compliance-Struktu- lich zunehmen, will Mod ren – etwa die interne Revision oder das Risiko- Experten wissen? „Ein M sich nicht immer verhin management – vorhanden. Dann sei es notwendig, diese aufeinander Schork. Und Linda Schw abzustimmen und bestehende Regelwerke zu muss nicht gleich das ga strukturieren. Linda Schwachulla warnt davor, krempeln, um Complia sich beim Thema Compliance bei anderen genüge es, einen Bereich Das dürfe nicht bede Unternehmen zu bedienen und deren Regellog zu werke zu übernehmen. dann „Nicht alles macht für „WICHTIG IST, DIE Dr. T das eigene UnternehUNTERNEHMEN Oppen men Sinn, was andere Comp für wichtig erachten.“ IN DIE PROZESSE seiner Viele Mittelständler MITEINZUBEZIEHEN.“ diesen wüssten ohnehin nicht, Verän was Compliance für sie NADJA LITSCH nehm konkret bedeutet, sagt etwa, Nadja Litsch von Ebner Stolz. Jeder Mittelständler sollte selbst ent- Kraft treten, wie zum Be scheiden, was Compliance für sein eigenes recht. „Wenn Sie das so dem Unternehmen bedeute. Denn es gehe nicht nur darum, die Vorgaben des Gesetzgebers einzu- läuft er Ihnen davon“ halten, sondern darüber hinaus, ethisches Ver- Jochheim. Natürlich m halten im Unternehmen zu verankern. „Auf immer wieder angepasst dem Papier allein bringt eine Compliance- nach dem Aufstellen tems dieses nach beisp Richtlinie überhaupt nichts.“ Für Rechtsanwalt Thomas Trölitzsch von Jahren zu überprüfen. Oppenländer Rechtsanwälte reichen Regeln al- stands vor dem Begriff C lein nicht. Es müssten Organisationsstrukturen mit der Bürokratie zus vorhanden sein, um deren Einhaltung zu über- System verbunden sein


LIANCE

Februar 2016

Dr. Torsten Gerhard, Oppenländer Rechtsanwälte

Dr. Susanne Jochheim, BRP Renaud und Partner

Dr. Thomas Trölitzsch, Oppenländer Rechtsanwälte

Nadja Litsch, Ebner Stolz Wirtschaftsprüfer

Kompetenz und Erfahrung 50 Rechts- und Patentanwälte sorgen bei BRP dafür, dass die Belange der Mandanten juristisch klar und deutlich formuliert werden. Analyse, Bewertung und die Vertretung der Interessen der Mandanten gehen Hand in Hand. An den Standorten Stuttgart und Frankfurt/Main betreut BRP seit 1977 nationale und internationale Mandanten – und das meist über viele Jahre. Die Kanzlei unterstützt ihre Mandanten bereits in der Prävention durch außergerichtliche Beratung, Vertragsgestaltung zur Konfliktvermeidung und Konfliktlösung in frühen Stadien. Wenn es erforderlich ist, steht BRP auch im Falle eines Falles vor Gericht und in Schiedsgerichtsverfahren an der Seite der Mandanten. Unter Berücksichtigung von Zeit- und Kosteneffizienz schöpft BRP alle erforderlichen juristischen Möglichkeiten aus. Der Schwerpunkt der Kanzlei liegt auf der wirtschaftsrechtlichen Beratung. Sie betreut den Mittelstand und Großunternehmen – große wie kleine Anliegen erfahren dabei stets dieselbe Aufmerksamkeit. Alle BRP-Rechtsanwälte sind ausgewiesene Spezialisten in ihrem Bereich. oh

EBNER STOLZ Näher dran Foto: Wilhelm Mierendorf

gelwerk kann individuelle und maßgeschneiderte Beratung ersetzen

Bürokratie nicht unendderator Fischer von den Mehr an Bürokratie lässt ndern“, sagt Alexander wachulla beruhigt: „Man anze Unternehmen umance einzuführen.“ Oft h herauszugreifen. euten, einen Regelkatau entwickeln und ihn ins Regal zu stellen, so Torsten Gerhard von nländer Rechtsanwälte. pliance bedeutet nach r Überzeugung auch, n Regelkatalog laufend nderungen in der Untermenswelt anzupassen, wenn neue Gesetze in eispiel im Datenschutz-

m Mittelständler sagen, “, prophezeit Susanne müssten diese Systeme t werden. Sie empfiehlt, eines Compliance-Syspielsweise vier bis fünf Die Scheu des MittelCompliance hängt auch sammen, die mit dem kann, ist die Erfahrung

Prof. Dr. Holger Jenzen, Ebner Stolz Wirtschaftsprüfer

BRP RENAUD UND PARTNER

t von der Stange

r in vielen mittelständicht so gesehen. befindet sich die mitteleim Thema Compliance gsphase, „es entwickelt r zum Standard. Und das Niveau halten will, nce-System.“ n, erläutert Alexander s heute von allen ihren pliance-Regeln – oder sich den Compliancen Bahn unterwerfen. ngst kein Thema mehr, unternehmen beschäftiuch notwendig, da viele en-Württemberg grenzien, ergänzt Susanne wenn es um Fragen des ng mit ausländischen man mittendrin im Comwie groß das Unterneh-

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von Ulrich Klumpp. „Der Mittelstand fürchtet gramms sei es ganz wichtig, nach vorn zu von jeher jegliche Bürokratisierung.“ Deshalb schauen, betont Ulrich Klumpp. Compliance sei es wichtig, zunächst die größten Risiken zu bedeute, Mitarbeiter im richtigen Verhalten zu identifizieren und dafür die Lösungen zu prä- schulen, und nicht, sie für die Handlungen aus sentieren. Viele Mittelständler scheuten zwar der Vergangenheit zu bestrafen. Es gehe dadie Bürokratie, suchten aber letztendlich Si- rum, den Mitarbeitern konstruktiv Maßnahcherheit, wenn sie sich ein Programm von der men an die Hand zu geben, wie sie künftig Stange aufstülpten, erarbeiten können. Doch wie gänzt Trölitzsch. Das sei sieht Compliance in der „AM BESTEN IST ES, aber eine Scheinlösung, Praxis aus? Wie erleben DEN KONTAKT da Compliance immer auf die beratenden Kanzleien die individuellen Risiken das Thema? „Wir machen AUFZUNEHMEN, BEVOR des einzelnen Unternehin der Regel zuerst eine ETWAS PASSIERT.“ mens zugeschnitten sein Bestandsaufnahme“, sagt sollte. Das könne natürTorsten Gerhard. Und das DR. ULRICH KLUMPP lich auch mit externen müsse immer ganz indiviProgrammen abgegliduell erfolgen. chen werden, am Anfang brauche es aber eine Aus Sicht von Holger Jenzen ist sehr unindividuelle Beratung. Susanne Jochheim typisch, dass der Unternehmer von sich aus stimmt dem zu: Statt groß angelegte Risiko- kommt. Aber auch im steuerlichen Bereich beanalysen zu betreiben, sollte man sich lieber ginne man erst mit einer Bestandsaufnahme. zusammensetzen und die branchentypischen Also, wie ist das Unternehmen strukturiert, wie Risikolagen abgleichen. laufen die Prozesse im Unternehmen ab und Dass der Mittelstand individuelle Lösungen wie sind diese dokumentiert? „Im Kern geht es braucht, sieht auch Holger Jenzen so. Einem darum, das Unternehmen vor späteren steuerVertriebler sei es egal, ob die Rechnung aus lichen Zugriffen zu schützen und gleichzeitig China oder Deutschland kommt. Steuerrecht- das Potenzial von Compliance zu nutzen.“ In lich jedoch ändere sich alles. Oder: das Unter- dem Moment, da ein System analysiert wird, ernehmen hat in China einen entsendeten Mit- kenne man die Chancen. Gerade in grenzüberarbeiter. Die Steuerverwaltung macht daraus schreitend tätigen Unternehmen bestehe oft aber bei der nächsten Betriebsprüfung eine das Problem, dass zu viele Steuern bezahlt würBetriebsstätte. „Plötzlich wird so eine Gewinn- den. So etwas könne durch ein Complianceverlagerung ins Ausland daraus. Das sind die System erkannt werden. richtig teuren Fälle.“ Das wird auch von Susanne Jochheim so Manchmal helfe eine Bestandsaufnahme gesehen. Aus arbeitsrechtlicher Sicht gehe es der spezifischen Risiken, merkt Nadja Litsch darum, wie Fehlhandlungen im Unternehmen an. Wichtig sei, die Unternehmen in diese Pro- sanktioniert werden können. „Was passiert zesse miteinzubeziehen. „Viele erkennen dann zum Beispiel, wenn ein Mitarbeiter ein Geauch den Mehrwert, der hinter Compliance schenk annimmt, ich aber nicht möchte, dass steckt.“ Manche Unternehmen würden dabei er ein Geschenk annimmt.“ Welche Vorgaben sogar die eigenen Prozesse ganz neu erkennen müssen in der Organisation gemacht werden, oder gar Risiken, die ihnen vorher so gar nicht um dem Mitarbeiter zu verbieten, solche Gebewusst waren. Die Motivation sei eine ganz schenke anzunehmen. Man brauche also eine andere, wenn man plötzlich sieht, dass man für Arbeitsordnung, eine Zuwendungsrichtlinie. sein Unternehmen arbeitet, sagt Nadja Litsch. „Ich kann nur etwas sanktionieren, was ich Die Debatte zeige, wie wichtig es ist, Regeln auch vorgegeben habe“, sagt sie. zu kennen, analysiert der Moderator. Habe Und wie schwierig ist das in der Praxis?, denn bei all den rechtlichen und steuerlichen fragt Heimo Fischer nach. Oft entwickele sich Bewertungen die wertebasierte Compliance das aus einem Störgefühl, meint Linda Schwaüberhaupt noch eine Chance? „Natürlich, aber chulla. Da fällt nicht zwangsläufig der Begriff zukunftsorientiert“, sagt Holger Jenzen. Denn Compliance. Da geht es eher um ein Gefühl, immer wenn man vergangenheitsorientiert „wir haben da eine Schwachstelle“. Das könuntersucht, habe man das Problem, Fehler zu nen fehlende Kundenanalysen, Geldwäschefinden. Für den Erfolg eines Compliance-Pro- listen sein oder auch die fehlende Überprü-

fung von Sanktionen, erklärt Linda Schwachulla. Doch das beste Regelwerk nütze nichts, wenn sich der Vorstand selbst nicht daran hält. Am besten sei es natürlich, wenn Kontakt zu dem Berater aufgenommen wird, bevor etwas passiert, empfiehlt Ulrich Klumpp. Allerdings ist die Erfahrung von Holger Jenzen, dass die meisten Unternehmen erst einen Berater aufsuchen, wenn der Druck „im Kessel“ zu groß wird. In diesen Fällen sei es gleichwohl leichter, Unternehmen von der Notwendigkeit von Compliance-Maßnahmen zu überzeugen. Das bestätigt auch Thomas Trölitzsch. „Zwei Drittel der Mandanten kommen erst nach dem ersten Einschlag zu uns.“ Je stärker die Unternehmensleitung betroffen ist, umso stärker sei die Umsetzungsdynamik. Bei Compliance gehe es darum, mittelständischen Unternehmen dabei zu helfen, sich auf die Zukunft einzustellen, ergänzt Holger Jenzen. Es sei wichtig, dass Firmen sich wappnen, nicht unbesehen in rechtliche oder steuerliche Fallen zu tappen. Dazu gehöre die Sicherstellung der internen Kommunikation des Unternehmens. So könne verhindert werden, dass durch organisatorische Entscheidungen steuerliche Rahmenbedingungen verändert werden, die weitreichende finanzielle Konsequenzen für das Unternehmen haben könnten. Nach faktenreichen drei Stunden zieht der Moderator sein Fazit des Round Table: Compliance gebe es nicht von der Stange. Auch ein großer Begriff könne die individuelle Beratung mit dem Kunden nicht ersetzen. Zustimmung aus der Expertenrunde. Ingo Dalcolmo

M EH R I M N ETZ Compliance in drei Minuten In unserem Video unter https://youtu.be/ RdvP-_umf1k sind die wichtigsten Aussagen des ComplianceRound Table zusammengefasst. Wer sich das Abtippen der Internetadresse ersparen will, kann auch den nebenstehenden QR-Code mit seinem Smartphone scannen. red

Das Versprechen von Ebner Stolz Wirtschaftsprüfer lautet: „näher dran“ am Mandanten und seinen Zielen. Als eine der Top Ten der Branche und eine der größten unabhängigen mittelständischen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften in Deutschland ist Ebner Stolz nicht nur da, wenn die Mandanten Beratung brauchen, sondern auch dort, wo sie gebraucht wird – vor Ort, dank einer flächendeckenden bundesweiten Präsenz in allen wichtigen deutschen Wirtschaftszentren. „Näher dran“ heißt aber auch: Kompetenz trifft Herzblut. 1100 Mitarbeiter und Partner erfüllen ihre Aufgaben mit großer Leidenschaft. Denn bei Ebner Stolz gibt man sich nicht mit der erstbesten, sondern nur mit der besten Lösung zufrieden. Für eine Betrachtungsweise, die alle relevanten Aspekte im Fokus hat, sorgt der multidisziplinäre Ansatz aus Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Unternehmensberatung und Rechtsberatung. Und internationale Beratungsaufträge? Führt Ebner Stolz zusammen mit dem Partnernetzwerk Nexia International durch. oh

OPPENLÄNDER Spezialisiert und persönlich Die Kanzlei Oppenländer Rechtsanwälte berät im Wirtschaftsrecht. Ihr vertrauen in- und ausländische Unternehmen sowie die öffentliche Hand. Der Arbeit von Oppenländer liegt eine klare Philosophie zugrunde: sie berät spezialisiert und persönlich. Unter Beratung versteht die Kanzlei das Erarbeiten von Lösungen, nicht das Aufzeigen von Problemen. Durch flexible Zusammenarbeit stellt Oppenländer Rechtsanwälte sicher, dass auch komplexe Aufgaben gelöst werden. Spezialisierung bedeutet für die Kanzlei wissenschaftlich fundierte Kenntnisse in zentralen Bereichen und Branchen, ohne den Blick für das Ganze zu verlieren. Persönliche Beratung bedeutet für die Kanzlei die individuelle Beratung durch gestandene Persönlichkeiten. Der direkte Kontakt zu den Mandanten ist Voraussetzung für eine effiziente und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Oppenländer Rechtsanwälte gehört seit Jahren zu den Top-50-Kanzleien in Deutschland. Immer wieder wird Oppenländer Rechtsanwälte für die geleistete Arbeit von unabhängigen Experten ausgezeichnet. oh


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COMPLIANCE

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Die Begrenzerbürokratie E

in schönes Geschenk für den Kunden kann gut gemeint sein. Wenn es aber zu viel ist, droht schnell der Vorwurf der Korruption. Auch Freiräume für die Mitarbeiter sind in der Regel gut gemeint und erhöhen oft genug die betriebliche Effizienz. Übersieht der Chef aber nicht korrekte oder sogar kriminelle Vorgehensweisen, kann er selbst in die Haftung genommen werden. Im schlimmsten Fall ist der Fortbestand des Unternehmens oder sogar die persönliche Existenz gefährdet. So extrem sich die Beispiele anhören: ungewöhnlich sind sie nicht. Beide haben mit Compliance zu tun, einem Thema, das noch vor gut zehn Jahren im Sprachschatz deutscher Unternehmen kaum verankert war. Der Begriff kommt aus dem angloamerikanischen Recht und steht für Übereinstimmung. Im engeren Sinn geht es um das Befolgen von Recht und Gesetz. Indirekt, wenn auch nicht zwingend, betrifft eine Compliance ebenso die Übereinstimmung mit den internen Grundsätzen einer werteorientierten Unternehmensführung. „Neu ist der systematische Ansatz: die Summe aller organisatorischen Maßnahmen zur Sicherstellung rechtmäßigen Verhaltens des Unternehmens SCHADENERSATZ und der handelnden Personen“, sagt Alexander Henne, Partner im HAFTUNG ORGANISATION Stuttgarter Büro der Rechtsanwaltssozietät NORMEN Lutz Abel. Bei Großunternehmen sind ComplianceDOKUMENTATIONSPFLICHT Management-Systeme (CMS) heute längst eine Selbstverständlichkeit. Im Mittelstand herrscht aber noch vielerorts eine gewisse Skepsis vor, ob dahinter nicht vielleicht doch mehr ein Hype als eine notwendige und sinnvolle Vorkehrung steht. Dass sie in Übereinstimmung mit Recht und Gesetz handeln, gilt den Unternehmern in der Regel ohnehin als selbstverständlich. Doch es gibt ein anderes Problem. Allein auf Bundesebene existieren heute rund 80 000 Regelungen, die den Adressaten, die sie betref-

RECHT VERHALTENSKODEX ZULIEFERER

REGELUNGSDICHTE

fen, meist gar nicht bekannt sind. Auch die Globalisierung der Wirtschaft ist ein Grund, über ein CMS nachzudenken. Internationale Abkommen, EG-Richtlinien und eine Fülle immer neuer Vorschriften des deutschen Gesetzgebers erhöhen das Risiko, Fehler zu machen. „Die Komplexität und Regelungsdichte hat stark zugenommen, man kann heute einfach mehr falsch machen als noch vor 20 Jahren“, sagt Henne. Allen voran die Unternehmensführung sei daher gesetzlich dazu verpflichtet, Vorkehrungen zu treffen. Einen Standard gibt es zwar nicht, ihrer Sorgfaltsplicht aber müssen Firmenchefs und Manager beim Ergreifen der individuell für ihr Unternehmen angemessenen Maßnahmen gerecht werden. Gefahren von Rechtsverstößen lauern in den unterschiedlichsten betrieblichen Bereichen. Der Einkauf etwa, der über die bei den einzelnen Lieferanten georderten Volumina entscheidet, ist anfällig für Korruptionsversuche der Geschäftspartner. Die IT-Abteilung muss den Anforderungen des Datenschutzes gerecht werden. Das beginnt bei der heiklen Frage der Behandlung personenbezogener Daten der Mitarbeiter einschließlich ihrer privaten E-Mails und reicht bis zur IT-Sicherheit. Das Personalressort hat Aspekte wie Gleichberechtigung und Mindestlohn, Leiharbeiterregeln, Arbeitsschutz oder Scheinselbstständigkeit zu beachten. Der Vertrieb wiederum muss den illegalen Austausch von Informationen oder Preisabsprachen vermeiden. „Bei Verstößen gegen das Wettbewerbs- und das Kartellrecht drohen Strafen, die bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes ausmachen“, warnt Henne. Da ist die Existenz eines Mittelständlers schnell gefährdet. Es gibt zwar keine rechtliche Verpflichtung zur Einführung eines CMS, an guten Gründen aber mangelt es nicht. Compliance kann Haftungsrisiken und die Gefahren von Schadenersatzforderungen reduzieren oder Gesetzesverstößen vorbeugen. Sie kann für die Einhaltung interner, im Unternehmenskodex festgelegter ethischer und moralischer Regeln sorgen, aber auch das eigene Image verbessern und sogar Vertriebsvortei-

le bringen. Systematisches Vorgehen lohnt sich. „Eine Compliance soll in einem ersten Schritt die für das Unternehmen und seine Branche relevanten Normen identifizieren und sie dann in eine den betroffenen Firmenbereichen verständliche Sprache übersetzen“, sagt Kai-Thorsten Zwecker, Rechtsanwalt bei der Sozietät SGP und Professor für Wettbewerbsrecht an der Hochschule Neu-Ulm. Darauf aufbauend gelte es, proaktive und präventive Maßnahmen festzulegen sowie diese ebenso wie die Risikoanalyse laufend zu kontrollieren und bei Bedarf zu verbessern. Schon allein die Pflicht zur Dokumentation kann Korruption und Absprachen erschweren. Nicht wenige Firmenchefs scheuen allerdings den bürokratischen Aufwand all dieser Maßnahmen oder fürchten gar, dass durch eine systematische Compliance Arbeitsprozesse behindert werden. In der Praxis wird sie oft auch von den Beschäftigten als negativ empfunden. Sie fühlen sich womöglich überwacht, müssen zusätzliche Regularien einhalten oder haben mehr administrativen Aufwand, etwa wenn sie sich Geschenke genehmigen lassen müssen. „Hier muss die Geschäftsleitung klarmachen, dass die Compliance von persönlicher Haftung entlastet und auch den Mitarbeitern Nutzen bringt“, sagt Zwecker. Ein CMS im Mittelstand müsse zudem nicht genauso umfassend sein wie das eines Konzerns. Es ist immer auch abhängig von Größe und Struktur des Unternehmens. Nicht zu unterschätzen sind die Ansprüche der Geschäftspartner. So fordern viele international tätige Konzerne, dass auch ihre Lieferanten und wiederum deren vorgelagerte Zulieferer eine Compliance vorhalten. „Ein CMS kann deshalb aus diesem Blickwinkel ebenfalls ein Vorteil sein und viele mittelständische Unternehmen werben auch damit“, sagt Zwecker. Eine Möglichkeit, einen entsprechenden Nachweis zu führen, besteht in Zertifizierungen. Sie können beispielsweise bestätigen, welche Umweltvorschriften der Betrieb einhält. Grundsätz-

liche Anforderungen an ein allgemein anerkanntes CMS hat das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland im Prüfungsstandard PS 980 zusammengefasst. Auch Compliance-Zertifikate können heute ausgestellt werden. Das verursacht zwar Kosten, ist aber ein Marketingfaktor. „Externe Prüfbestätigungen gewinnen vor allem bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und für Geschäftspartner aus Großbritannien oder den USA, die häufig eine Erklärung zum Compliance-Management fordern, an Bedeutung“, sagt der Experte Alexander Henne. Norbert Hofmann

EISDIELE KANN JEDER. WIR KÖNNEN MITTELSTAND. Etwas zu wagen, gehört zu den wichtigsten unternehmerischen Tugenden. Wir unterstützen Sie in allen Fragen rund um Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Rechtsberatung und Unternehmensberatung. Um Chancen optimal zu nutzen und unternehmerischem Glatteis auszuweichen.

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Diese Vorteile bringt ein Compliance-Management-System


COMPLIANCE

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„Wir wollen saubere Geschäfte“ IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter über Macht und Ohnmacht von Richtlinien

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roße Unternehmen haben sie, kleine Unternehmen immer öfter, auch die IHK hat sich vor Jahren ComplianceRichtlinien gegeben. Im Interview spricht Andreas Richter, Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart, über die Leichtigkeit und Schwierigkeit, sich immer und jederzeit in der jeweiligen Geschäftssituation moralisch angemessen zu verhalten. Herr Richter, was bedeutet Compliance für Sie? Es sollte Ausdruck des Selbstverständnisses eines Unternehmens sein, legal unterwegs zu sein. Und das ganze Unternehmen sollte es auch als eine Verpflichtung erachten, sich legal zu verhalten. Die große Herausforderung besteht ja darin, dass eine Geschäftsleitung sich nicht nur der Gesetzmäßigkeit der Compliance verpflichtet. Sie muss so etwas auch durchsetzen und sicherstellen, dass das im Unternehmen auch wirklich stattfindet. Dazu bedarf es eines Regelwerks und dessen Kontrolle. Es gibt doch Gesetze. Reichen die nicht aus? Ja und nein. Hinter dem Ganzen steht auch eine Unternehmensphilosophie. Haben die Richtlinien bei Volkswagen versagt? Diese Beispiele zeigen, dass ComplianceVorgaben in einem Unternehmen kein Garant sind, dass sie eingehalten werden. Das ist ein schwieriges Thema. Und je größer die Unternehmen sind, desto mehr Regelwerke und Kontrollmechanismen bedarf es. Zumal bei großen Firmen die Dinge wesentlich schwieriger zu handhaben sind – weil sie vielleicht weniger überschaubar sind.

GESETZE SIEMENS

Kommen wir auf den Mittelstand zu sprechen. Wie steht es da um Compliance? Das Thema ist im Mittelstand bekannt. Öffentlich gewordene Skandale in Großunternehmen sorgen automatisch dafür, dass sich die Chefs der mittelständischen Unternehmen damit beschäftigen. Die Frage ist, wie die Begrifflichkeit der Legalität im eigenen Unternehmen umgesetzt wird. In den meisten Firmen wird die Unternehmensphilosophie aktiv kommuniziert. Vor allem in Unternehmen, die heimatverbunden sind. Das Risiko wäre für sie auch sehr groß, denn sie leben von ihrem Ruf und hätten enorme Probleme, wenn sie sich angreifbar machten. Nicht jedes Unternehmen braucht jedoch Compliance-Regeln wie ein Konzern. Aber einen Beauftragten? Sie müssen sich überlegen, was zum eigenen Unternehmen passt, was angemessen ist und was nicht. Man kann solche Regeln auch wie eine Monstranz vor sich hertragen. Dann führt das jedoch in die Irre, wenn es nicht gelebt wird. Ein Firmenchef muss sich darauf verlassen können, dass Mitarbeiter wissen, was sie dürfen und was nicht – und wann sie ihren Vorgesetzten informie-

ren müssen. Viele Versuchungen fangen im Kleinen an: hier eine Einladung zum Essen, da ein Kaschmir-Pullover zu Weihnachten. Die Form, wie man sich Vorteile zu verschaffen versucht, wird sich immer verändern, aber es wird nie aufhören. Aber dafür brauche ich doch keine Compliance! Die Annahme von Vorteilen aufzuspüren und zu unterbinden, ist nur ein Aspekt. Es gibt viele andere Themen, zum Beispiel eine transparente, saubere und kundenverständliche Kennzeichnungspflicht bei der Herstellung von Produkten. Das ist immer eine Frage des Selbstverständnisses. Compliance bedeutet aber nicht nur, Gesetze einzuhalten. Compliance ist Teil einer proaktiven Unternehmensphilosophie. Welche Rolle kann Compliance als Marketinginstrument spielen? Zunächst hat Compliance auch das Ziel, den eigenen Haftungsverpflichtungen nachzukommen. Bei jedem auftretenden strafbewehrten Vorfall werden die Richter fragen, was hat das

MARKTAUFTRITT

In welcher Rolle sieht sich die IHK? Wir wollen saubere Geschäfte. Die IHK hat sich schon immer für die Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns eingesetzt. Die IHK soll eine moralische Instanz in der Wirtschaft sein. Das ist eine große Aufgabe. Wir können natürlich nicht das Fehlverhalten einzelner Unternehmen aufgreifen – das ist Aufgabe der Staatsanwaltschaften. Wir sind kein Compliance-Wächter, können aber zu bestimmten Themen Stellung beziehen und vor allem den Dialog dazu führen. Die IHK hat die Aufgabe, dass über Compliance in der Wirtschaft gesprochen wird. Wir haben hier Arbeitsgruppen und Veranstaltungen und stellen fest, dass diese gut besucht sind. Das Interesse der Unternehmen ist groß. Unsere IHK hat sich selbst sehr frühzeitig eine Compliance-Richtlinie gegeben, wir waren wohl die erste IHK in Deutschland. Reichen die bestehenden Sanktionsmöglichkeiten aus, Compliance-Standards im Unternehmen einzuhalten? Im Prinzip kommen alle bekannten arbeitsrechtlichen Sanktionen wie Abmahnungen und im schlimmsten Fall Kündigungen infrage. Dafür braucht es kein neues Instrumentarium. Bei Unternehmen, die mit Zielvereinbarungen arbeiten, gehören die Compliance-Richtlinien dazu. Der personalpolitische Instrumentenkasten ist völlig ausreichend. Man muss es nur wollen.

Am bekanntesten sind Verstöße von Großunternehmen, da sie im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Wie sollten Unternehmen damit umgehen? Zu sagen, man bringt die Dinge selber in Ordnung, das funktioniert gar nicht. Es ist zwar durchaus denkbar, aber wirkt in so einer Situation nicht sonderlich glaubwürdig. Das Unternehmen sollte in so einer Situation immer eine externe neutrale Person engagieren, die nach außen aufzeigt, dass man auch gewillt ist, etwas zu tun. Und es muss das Signal gesendet werden, dass nichts unter den Teppich gekehrt wird. Das REGELWERK ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit.

KONTROLLE

Unternehmen getan, um den Vorfall zu verhindern. Bei der Haftungs- und Schuldabwehr erfüllt Compliance somit eine wichtige Funktion. Es ist nicht nur eine Frage des Marketings, sondern auch eine Frage des Eigenschutzes des Unternehmens und der Unternehmensführung. Ja, es ist ein Marketingaspekt dabei – und er ist auch wichtig. Aber das Ganze funktioniert nur, wenn Compliance gelebt wird. Wenn im Marketing stark auf diese Themen abgehoben wird, es zu einer Verfehlung kommt, sich aber herausstellt, dass alles nur Show war, ist der Imageschaden ungleich größer.

Andreas Richter: Compliance ist nicht nur Marketing.

Foto: Wilhelm Mierendorf

Die Fragen stellten Reimund Abel und Ingo Dalcolmo.

Nicht alle weltweiten Player spielen nach den HAFTUNG gleichen Regeln. Was bedeutet das für die stark VOLKSWAGEN STANDARDS exportorientierte Wirtschaft hier im Land? Das ist eine riesige Herausforderung. Ich erinnere da nur an Siemens. Es wird auch in Zukunft immer wieder Beispiele geben, bei denen in der Nachbetrachtung gesagt werden muss, dass Dinge schiefgelaufen sind, die so nicht hätten passieren dürfen. Große Unternehmen, die international tätig sind – dazu rechne ich auch alle Mittelständler –, müssen sich fragen, ob Regeln, die wir in Deutschland anwenden, in ihrem internationalen Auftritt Compliance-konform sind. Genauso richtig ist, dass man manchmal in Ländern unterwegs ist, in denen es keine marktwirtschaftlichen Systeme gibt. Dann muss entschieden werden, ob man in diesem Markt überhaupt aktiv sein will.

DIALOG

Unternehmen wird oft vorgeworfen, sie würden Menschenrechte und Ähnliches völlig außer Acht lassen, um dort Geschäfte zu machen. Hier gehört zur Wahrheit dazu, dass solche Marktauftritte Inseln der Veränderung und der Verbesserung für die dortige Bevölkerung schaffen können. Wenn man als Unternehmer in einem Land mit einem völlig anderen Rechtssystem und einem anderen Verhältnis zu den Menschenrechten Geschäfte macht, wird man immer mit einer schwierigen Abwägung konfrontiert. Natürlich sind in solchen Ländern die Versuchung und die Herausforderung für die einzelnen Beschäftigten sehr viel größer. Wenn aber eine Firma in einem Land tätig sein will, wo Aufträge nur erteilt werden, wenn Behörden bestochen werden, kam man davon nur abraten. Kluge Unternehmen verzichten auf solche Geschäfte.

ZUR PERSO N Das Gesicht der IHK Andreas Richter (Jahrgang 1952) hat in Heidelberg Volkswirtschaft und Soziologie studiert und das Studium als Diplom-Volkswirt abgeschlossen. Er hat fast 20 Jahre als Journalist vor allem bei Tageszeitungen gearbeitet und war einige Jahre als Wirtschaftskorrespondent am Standort Frankfurt/Main für mehrere Blätter tätig. Seit 1998 ist Richter Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart. red

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COMPLIANCE

Februar 2016

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Alle Potenziale nutzen Die mittelständische Hornschuch Gruppe betreibt Compliance-Management

G

ehobenes Knowhow, viele Jahrzehnte Erfahrung und ein Marktführer in der Oberflächengestaltung: Die Hornschuch Gruppe mit Stammsitz in Weißbach bei Heilbronn ist weltweit aktiv. Die Markennamen d-c-fix und skai stehen für ein breites Spektrum an Folien und Trägermaterialien für Endverbraucher sowie die Automobil-, Möbel-, Marine- und Bauindustrie. Die Wurzeln des Unternehmens reichen zurück bis zu Webereien und Färberein im 19. Jahrhundert. Heute beschäftigt HornEINKAUF schuch 1800 Mitarbeiter und feiert jetzt ein kleines Jubiläum: fünf PERSONAL Jahre Erfahrung mit einer systematisch umRISIKOMANEGEMENT gesetzten Compliance. MITTELSTAND GESCHENKE Begonnen hat es 2011 mit der Erstellung des ersten Verhaltenskodex. Hornschuch hat darin und im Lieferantenhandbuch die Ethikgrundsätze formuliert. Für jeden Kontinent, auf dem die Gruppe tätig ist, gibt es eigene Fassungen, die auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und Vorgaben der geschäftlichen Leitung in den jeweiligen Ländern berücksichtigen. Gewissermaßen das Dach darüber bildet der Code of Conduct, in dem die Eckwerte zur Ethik und Unternehmenskultur festgelegt sind. Auch ein Nachhaltigkeitsbericht ist in Arbeit und der Ver-

VERTRIEB VERHALTENSKODEX ETHIK

haltenskodex wird gerade in einer neuen Fassung fertig gestellt. „Wir treffen mit der Compliance Vorkehrungen gegen Rechtsverletzungen und sorgen dafür, dass durch eine saubere Abwicklung von Prozessen und Regelungen im Unternehmen ethische Grundlagen eingehalten werden“, sagt Compliance-Officer Sascha Groeninger. Er berichtet direkt dem Vorstandsvorsitzenden. Zu tun gibt es für Groeninger eine ganze Menge. Das kommt schon durch die Fülle der zu beachtenden Rechtsvorschriften: vom BGB/HGB-Recht bis zum deutschen Corporate-Governance-Kodex und vom Kartellrecht bis zu EU-Richtlinien und internationalen Verordnungen. Wie schnell daraus Probleme entstehen können, verdeutlicht das Auslaufen der Sanktionen gegen den Iran. „Deutsche Unternehmen dürfen nach der Aufhebung des Embargos zwar liefern, aber noch kein Geld aus dem Land annehmen“, erläutert Groeninger. Das müssen Firmen so lange berücksichtigen, bis auch der Geldfluss geregelt ist. Als international agierendes Unternehmen achtet Hornschuch im Rahmen der „Customs & Trade Compliance“ generell auf Vorgaben wie etwa die Außenwirtschaftsverordnung und das Außenwirtschaftsgesetz. Doch auch intern ist die Compliance gefordert. Einmal im Monat trifft sich Groeninger mit den Kollegen der Personalabteilung, um mitarbeiterbezogene Themen

zu besprechen. Denkbar sind ja in jedem Unternehmen Mobbing oder andere unfaire Umgangsweisen. Mitarbeiter können auf solche Situationen anonym hinweisen. Sie haben aber auch die Möglichkeit, ihre Sorgen direkt bei Groeninger vorzubringen. Regelmäßig werden im Unternehmen für alle Beschäftigten Schulungen im Bereich Compliance angeboten. Künftig soll dieses Konzept online umgesetzt werden, so dass auch das Personal der Nacht-, Spätoder Frühschicht diese Chance zur Weiterbildung hat. Die Beschäftigten erfahren dann, was sie nicht dürfen, aber auch, auf welche Gefahren sie achten müssen. Beispiel Vertrieb: will ein Kunde etwa einen Teilbetrag in bar bezahlen, drohen Konflikte mit dem Geldwäschegesetz. Der Einkauf wiederum ist in vielen Unternehmen bevorzugte Adresse für schöne Weihnachtsgaben. Bei Hornschuch gibt es dazu klare Regelungen. Für die Annahme von Geschenken über 35 Euro bedarf es der Genehmigung des Compliance-Officer. Das gilt ebenso für Essenseinladungen im Wert von mehr als 100 Euro. Auch der regelmäßige Austausch mit den Risikomanagement-Beauftragten aus der Vorstandsebene zur Analyse und Bewertung von Risiken gehört zu Groeningers Aufgaben. Im Rahmen der Produkt-Compliance wiederum wird geprüft, ob die Beschaffenheit der Produkte die rechtlichen Anforde-

rungen erfüllt. Darüber hinaus ist Groeninger für Themen wie die Werksicherheit sowie die Social Compliance zuständig, die sich mit Mitbestimmungsthemen wie etwa der gerechten Entlohnung befasst. Groeninger ist überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt. Das ist selbst dann der Fall, wenn die Regularien einmal Geschäfte verbieten. Denn die Kosten für eine Nichteinhaltung der Compliance können hoch werden. Und ohne eine funktionierende Compliance, betont Groeninger, hätten die Unternehmen der Gruppe oft keine Chance mehr, als Lieferant an Großprojekten mitzuwirken. Norbert Hofmann

I M PRESSUM Redaktion:

STZW Sonderthemen Reimund Abel (verantwortl.), Ingo Dalcolmo, Michael Vogel

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– Der Informationskongress für Unternehmen aus dem Mittelstand –

Key Note Speaker: Prof. Dr. Martin Schulz, Dr. Susanne Jochheim

Dr. Alexander Schork

Dr. Thomas Trölitzsch

Dr. Ulrich Klumpp

Dr. Torsten Gerhard

Linda Schwachulla

BRP Renaud und Partner mbB Rechtsanwälte, Patentanwälte, Steuerberater

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OPPENLÄNDER Rechtsanwälte

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Ebner Stolz Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

„Outsourcing der Compliance-Funktion“ • Outsourcen ist Bestandteil jeder modernen Unternehmensorganisation. Gilt dies auch für die Compliance-Funktion? • Vor- und Nachteile von Outsourcing im Mittelstand: Entscheidung unter Berücksichtigung rechtlicher und wirtschaftlicher Überlegungen. • Rahmenbedingungen für ein Outsourcing von Compliancefunktionen. Teilweises Outsourcen als Alternative für den Mittelstand.

„Strafrecht und Compliance – Hinweise für die Praxis“ • Analyse der strafrechtlichen Risiken in mittelständischen Unternehmen. Blick auf die Unternehmensbereiche Einkauf, Produktion und Vertrieb. • Strafrechtliche Prävention durch Anpassung von Arbeits-, Lieferanten- und Kundenverträgen, Einrichtung eines Hinweisgebersystems und Schulung der Unternehmensmitarbeiter. • Notfall- und Reaktionspläne für den Fall von Durchsuchungen, Beschlagnahmen und anderen Maßnahmen staatlicher Ermittlungsbehörden.

„Von der Legalitätspflicht zu Organisations- und Überwachungspflichten der Unternehmensleiter“ • Compliance ist Chefsache. Persönliche Sanktions- und Haftungsgefahren bei Compliance-Verstößen – und wie man sich davor schützt. • Compliance muss „von oben“ vorgelebt und sichergestellt werden – notwendige bzw. mögliche personelle und organisatorische Maßnahmen; unternehmensinterne Sanktionierung von Verstößen. • Erkennen von unternehmensindividuellen Risiken sowie regelmäßige Kontrolle und Anpassung von Compliance-Maßnahmen als Leitungsaufgaben.

„Gefahrenzonen in der Praxis: Kartellrecht & Datenschutz“ Kartellrecht

Datenschutz

• Datenschutz als Compliance• Kleine Fehler – großer SchaThema der Zukunft: Fortden: Kartellverstöße können schreitende Digitalisierung auch für mittelständische und neue Gesetzgebung Unternehmen sowie ihre (DatenschutzgrundverInhaber und Organe Millioordnung) schaffen neue nen-Geldbußen, Haftstrafen, Herausforderungen für den Schadensersatz und Regress Mittelstand! nach sich ziehen. • Verbandsarbeit, Informations- • Vom „lästigen Datenschutz“ zum ernstzunehmenden Riaustausch und Kooperation siko für den Mittelstand: Das mit dem Wettbewerb – heiße neue Sanktionssystem sieht Eisen auch für den Mittelfür Datenschutzverstöße Bußstand. gelder in Millionenhöhe vor. • Identifizierung und Bewertung • Datenschutz wird zum kartellrechtlicher Risiken im Verbraucherschutz: Neue eigenen Unternehmen. Wie Risiken (z.B. Abmahnungen), man sich durch die richtigen aber auch neue Chancen Compliance-Maßnahmen vor für datenschutzkonform den kartellrechtlichen Risiken handelnde Unternehmen! schützen kann.

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„Integration eines Compliance Mangement Systems in bestehende Prozesse entlang der Wertschöpfungskette“ • Compliance Elemente in Unternehmen. Welche bereits vorhandenen Unternehmensstellen lassen sich für die Einrichtung eines Compliance Management Systems heranziehen? • Wo setzt Compliance an? Implementierungsschritte eines Compliance Management Systems und warum die Kultur im Unternehmen entscheidend ist. • Skalierung von Compliance – muss es immer die ganz große Lösung sein? Modulbetrachtung als Alternative.

Prof. Dr. jur. Holger Jenzen Ebner Stolz Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „Tax Compliance Management im Mittelstand – Ziele, Chancen und Risiken“ • Aufbewahrung, Dokumentation, Fristen, Steuerrechtsänderungen – wie man mit Tax Compliance das formelle und materielle Steuerrecht in den Griff bekommt. • Tax Compliance nur zur Risikoabwehr? Wie mit sauberen Strukturen mehr Sicherheit und Transparenz geschaffen und ein zu viel an Steuern vermieden wird. • Damoklesschwert Steuerrecht: Wie kann man dem Aufrüsten der Finanzverwaltung begegnen?

Professor für deutsches & internationales Privat- und Unternehmensrecht, Heilbronn

Dr. Jürgen Bürkle, Leiter Recht & Compliance Stuttgarter Lebensversicherung a. G.

Oliver Heeb, Leiter Recht, Patente & Compliance Heidelberger Druckmaschinen AG

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Wirtschaft in Baden-Württemberg  

2016, Ausgabe 1

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