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Wirtschaft tschaftt in Baden-Württemberg

Ausgabe 2 | 2018

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Digitalisierung gestalten Statt vieler Worte braucht es jetzt Taten. Andernfalls verliert das Land den Anschluss. SEITEN 1–6

Wirtschaft & Start-ups Gründen Frauen anders als Männer? Eine Analyse und einige positive Beispiele. SEITEN 7–14

Wirtschaft & Erfolg

Illustration: Malte Knaack

Statussymbole wie teure Dienstwagen haben vielfach ausgedient. SEITEN 15–20

Daten dominieren die Arbeitswelt Sorgen um die Hoheit über eigene Daten und Arbeitsplatzverluste bestimmen die aktuelle Diskussion und sind ernst zu nehmen. Doch die Entwicklung ist unumkehrbar und gerade für die Industrieländer bieten sich interessante Perspektiven. Von Gerhard Bläske Digitalisierung

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aum eine Rede oder Diskussion im öffentlichen Raum zu Gesellschaft oder Wirtschaft kommt noch ohne den Hinweis auf die Digitalisierung und ihre Folgen aus. Maschinen, die miteinander kommunizieren und sich abstimmen; Roboter, die den Menschen von Routinetätigkeiten oder körperlich anstrengenden Arbeiten entlasten; künstliche Intelligenz, die immer mehr Prozesse übernimmt. Das macht vielen Angst. Schreckensszenarien vom Verlust der Kontrolle über die eigenen Daten, die genährt werden durch die Weitergabe von Informationen über Facebook oder den tödlichen Unfall mit einem autonom fahrenden Auto, bestimmen die Diskussion. Auch die Furcht vor Massenarbeitslosigkeit greift um sich. Klar ist: Die Digitalisierung hat uns längst erreicht. Sie ist Teil unserer Lebenswirklichkeit. Sie ist unumkehrbar. Es kommt nun darauf an, was wir aus ihr machen. „Wir kommunizieren heute mehr mit Daten als mit Dingen“, sagt Peter Weibel, Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Christian Fischer, Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger

und Leiter von deren Stuttgarter Büro, weist auf einen anderen Aspekt hin. „Wenn andere Länder weniger Probleme damit haben, was mit Daten passiert, ist das die Grundlage dafür, dass sich Geschäftsmodelle viel schneller entwickeln können als bei uns.“ Innovationen in diesem Bereich entstünden nicht in Deutschland. „Die Frage ist, was wir in unserer Gesellschaft wollen und was ich mit personenbezogenen Daten machen darf.“ Für China scheint die Frage beantwortet. Die Grenzen sind fließend. Das zeigen jüngste Diskussionen in den USA. Die Digitalisierung bietet auch Chancen für die alternden Gesellschaften in den westlichen Industrieländern. Das Werk des Autozulieferers SEW Eurodrive im badischen Graben-Neudorf gilt diesbezüglich als vorbildlich. In Japan ist es gerade die demografische Entwicklung, die die Integration von Robotern in vernetzte Strukturen vorantreibt. Ein Beispiel dafür ist der weltweit führende Industrieroboter-Hersteller Fanuc, der in Neuhausen bei Stuttgart sein europäisches Entwicklungszentrum eröffnet hat. Baden-Württemberg

ist im Moment ein herausragender Standort für die Automatisierung und den Werkzeugmaschinenbau. Die Voraussetzungen dafür, dass dies auch in Zeiten der Digitalisierung so bleibt, sind gut. Aber das ist kein Selbstläufer. Weibel plädiert dafür, digitale Kenntnisse durch bessere Bildung auf breitere Schultern zu verteilen und so einer Technophobie und diffusen Ängsten vor Veränderungen entgegenzusteuern. In der digitalen Verwaltung sind andere in Europa viel weiter. Und der Rückstand beim schnellen Internet ist eklatant. Wenn sich in Sachen Glasfaserverkabelung nicht bald mehr tut, drohen Deutschland und Baden-Württemberg abgehängt zu werden. Den Worten müssen jetzt Taten folgen. „Digitalisierung und künstliche Intelligenz ersetzen Tätigkeiten und verändern die Arbeit. In einer alternden Gesellschaft bieten sich dadurch neue Chancen, wenn etwa die Verwaltung durch Digitalisierung effizienter und produktiver wird. Dann können wir Arbeitsplätze umwidmen, etwa für Pflegeberufe, Schulen oder Kindergärten“, sagt Fischer.

Start-up-Schwerpunkt mit neuen Rollen Noch herrscht bei Start-ups vielfach die klassische Rollenverteilung: Die meisten werden von Männern gegründet, die deutlich selbstbewusster und risikofreudiger an den Start gehen. Dabei sind rund ein Drittel aller Gründer Frauen – aber eben nicht in den innovativen Bereichen. Doch die ersten Frauen fallen positiv aus der Rolle.

Wenn etablierte Firmen versuchen, mit Designereinsatz eine Start-up-Atmosphäre zu generieren, führt das nicht immer zum Erfolg. Denn ein Tischkicker allein gibt noch keinen Kreativschub. Eine besondere Atmosphäre bescheinigen junge Gründer einer alten Industriebrache in Ludwigsburg, der sie neues Leben einhauchen. In neuer Rolle übt sich auch die ehrwürdige Stadt Heidelberg mit Aus- und Neugründungen rund um die Universität. bb


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Inhalt Interview

„Es geht ums Überleben der Industrie“ ZKM-Leiter Peter Weibel fordert eine Bildungsoffensive für den digitalen Wandel. SEITE 3

Fanuc

Siegeszug der Industrieroboter Der japanische Hersteller will die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine perfektionieren. SEITE 4

Breitbandausbau

Klotzen, nicht kleckern Beim Ausbau der Infrastruktur droht Deutschland den Anschluss zu verlieren, wenn nicht bald gehandelt wird. SEITE 6

Arbeitskultur

Die Legende vom Tischkicker Was cool ist, ist nicht immer sinnvoll. Was eine gute Arbeitsumgebung ausmacht. SEITE 7

Standort

Zwischen Tradition und Hightech Heidelberg ist keine typische Start-up-Metropole. Dennoch gibt es eine lebendige Gründerszene. SEITE 9

Unternehmerinnen

Gründen Frauen anders? Das weibliche Geschlecht ist aktiver als das männliche, aber bei Start-ups unterrepräsentiert. SEITE 10, 11

Schreibroboter

Der Herr der Algorithmen

Der Antreiber

Der Impulsgeber

ge nicht ausgeschöpft. Ich staune selbst, wie viel noch drin ist.“ Er spricht von „kreativer Zerstörung“: Kleine, flexible Einheiten arbeiten mit oft selbst entwickelten oder adaptierten Maschinen und Software. Diese „Fertigungszellen“ ersetzen Fließbänder, weil sie flexibler sind. Es geht um die Umstellung auf ein ganzheitliches Produktionssystem, in dem alles aufeinander abgestimmt ist und man mit wenigen Klicks alle relevanten Informationen in Echtzeit zusammenträgt. Ziel sei es letztlich, Arbeitsplätze zu sichern. Seit etwa einem Jahr leitet Soder zusätzlich eine Beratungseinheit, die externe Kunden bei der Digitalisierung begleitet. bl

Wenn es in Baden-Württemberg um Fintechs und die Digitalisierung in der Finanzwirtschaft geht, macht man Ulli Spankowski so schnell nichts vor. Innerhalb weniger Jahre hat sich der einstige Doktorand von Professor Hans-Peter Burghof an der Uni Hohenheim einen Namen am Finanzplatz Stuttgart gemacht. 2008 stieß der heute 36-Jährige zu der bei der Börse angesiedelten Initiative Stuttgart Financial. Dort wurde er im Duett mit dem damaligen Leiter Dirk Sturz bald zu einem Impulsgeber für die Digitalisierung der Finanzindustrie. Und quasi en passant gründete er zusammen mit Partnern in derselben Zeit

mit der Sowa Labs ein Fintech für künstliche Intelligenz. Im September 2017 avancierte Spankowski schließlich zum Geschäftsführer der neuen Börse Stuttgart Digital Ventures GmbH. Ziel dieser 100-prozentigen Börsentochter ist es, den Endkunden mithilfe digitaler Technologien und künstlicher Intelligenz noch stärker in den Mittelpunkt der Geschäftstätigkeit zu rücken. Spankowski und seiner Start-up-ähnlichen Unternehmung ist es jedenfalls zuzutrauen, den Privatanlegern signifikante Mehrwerte zu verschaffen – und damit der Börse neue Impulse zu verleihen. Noch 2018 soll es die ersten Ergebnisse geben. spe

Macher der Digitalisierung

Statussymbole Zeitsouveränität ist wichtiger als der Dienstwagen. SEITE 15

Ulli Spankowski

Dass die Industrie heute ins badische Graben-Neudorf pilgert, um dort die Vorzeigefabrik für die Industrie 4.0 zu besichtigen, liegt vor allem an Johann Soder. Der 62-jährige Technikvorstand des Antriebsspezialisten SEW Eurodrive ist der engagierteste Verfechter der digitalen Vernetzung des Produktionsprozesses. Er ist nie zufrieden, weil es ja noch besser geht. Soder hat eine klassische deutsche Karriere gemacht. Er begann als Auszubildender und brachte es zum Werksleiter und Technikvorstand. Für die Vorreiterrolle bei der Digitalisierung erhielt die Fabrik schon viele Auszeichnungen. Doch Soder ruht nicht: „Die Produktivität ist noch lan-

Saim Alkan hat sich mit seiner AX Semantics einen interessanten Markt erschlossen. Ein Porträt. SEITE 14

Insignien der Macht

Johann Soder

Es gibt noch viel zu tun, aber Baden-Württemberg hat viele Akteure, die die Bedeutung der disruptiven Veränderungen erkannt haben und aktiv daran mitwirken, das Land fit zu machen. Darunter sind Politiker, Wissenschaftler und Manager.

Porträts

Gastbeitrag

Eine Auszeit von der Arbeit Viele Beschäftigte träumen von einem Sabbatical. Doch ein solcher Schritt muss gut vorbereitet sein. SEITE 16

Hochschule Fotos: Claudia Kempf, dpa, Kapia, Ingo Cordes, Fraunhofer IPA

Karriereturbo Auslandsstudium? Immer mehr Studenten zieht es in andere Länder. Wie wichtig ist diese Erfahrung für Arbeitgeber? SEITE 19

Porträt

Die Netzwerkerin Edith Wolf leitet seit 2016 die Vector Stiftung, die strenge Ansprüche an die geförderten Projekte stellt. SEITE 20

Compliance

3. Round Table Wie steht es um die Compliance im Mittelstand? Darüber diskutierten Experten im Pressehaus Stuttgart. SEITE 24, 25

Datenschutz

Im Sog der Konzerne Im Mai tritt die EU-DatenschutzGrundverordnung in Kraft. Das kann auch für Kleinbetriebe Folgen haben. SEITE 26

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen „Wirtschaft in Baden-Württemberg“? Wir freuen uns auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mehrfach mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Theresia Bauer

Tanja Rückert

Thomas Bauernhansl

Die Tatkräftige

Die Digitalexpertin

Der Wissenschaftler

Theresia Bauer gilt als Frau der Tat. Man attestiert ihr Effizienz, Dialogbereitschaft und Rationalität. Kaum jemand hat in so kurzer Zeit so viele Reformen durch- und umgesetzt wie die baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Ob Abschaffung der Studiengebühren, Wiedereinführung der verfassten Studierendenschaft oder Ausbau von Studienplätzen – schon kurz nach Amtsantritt im Mai 2011 wirbelte die Grünen-Politikerin aus Heidelberg kräftig. Sie steckte Prügel ein für ihr Sparkonzept an den Musikhochschulen. Und sie wurde mit Lob überschüttet, als es ihr gelang, mit dem neuen Hochschulfinanzierungsvertrag 1,7 Milliarden Euro unter anderem aus Bundesmitteln frei zu machen, die allein den Hochschulen zugutekommen. Bei allem, was sie tut, geht sie konsequent und zügig voran – auch mal über Bedenken hinweg. Die gebürtige Pfälzerin wurde nicht zufällig schon dreimal vom Deutschen Hochschulverband zur Wissenschaftsministerin des Jahres gewählt – sie bewegt eben auch etwas. Wenn sie gerade nicht in Hochschulen, Forschungslabors, Start-ups oder Kunstforen unterwegs ist, läuft die zweifache Mutter Marathon und fährt Mountainbike. bb

Das Internet der Dinge (IoT) sei längst im Alltag präsent, sagt Tanja Rückert – egal ob im Haus, im Auto oder in der Stadt. In einer Smart City etwa sei es mithilfe von IoT möglich, den Energieverbrauch zu senken – teils sogar um mehr als 50 Prozent – und die Straßen nachts zur Sicherheit der Bewohner trotzdem zu beleuchten. „Im Zeitalter des Internets der Dinge werden Daten zum Kernbestandteil der industriellen Wertschöpfung und Software wird zum Nervensystem einer hochvernetzten Welt“, sagt Rückert. Die SAP-Managerin, die zum 1. Juli zu Bosch wechselt und im August dann die Leitung des Geschäftsbereichs Bosch Building Technologies übernimmt, weiß, wovon sie redet. Beim Softwarekonzern SAP hat sie den Geschäftsbereich Internet der Dinge und Digital Supply Chain geleitet, bei Bosch wird sie künftig knapp zwei Milliarden Euro Umsatz verantworten – ein Geschäftsbereich mit 9000 Mitarbeitern, zu dem etwa die Bereiche Smart Home, Sicherheitssysteme und professionelle Konferenzsysteme gehören. Die promovierte Chemikerin und Mutter von zwei Kindern hat rund 20 Jahre internationale Erfahrung als Führungskraft und gilt als ausgewiesene Expertin rund um das Internet der Dinge. imf

Industrie 4.0 ist nicht nur etwas für Großkonzerne. „Auch der Mittelstand kann durch Industrie 4.0 seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen“, so die Überzeugung von Thomas Bauernhansl. Der Leiter des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb (IFF) der Universität Stuttgart und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) ist der Ansicht, dass bei vielen Firmen im Südwesten, wie etwa Trumpf oder Wittenstein in Baden-Württemberg, die Industrie 4.0 schon Einzug gehalten hat. Initiativen wie die Allianz Industrie 4.0 in Baden-Württemberg seien hier für eine Verbreiterung des Konzepts wichtig. Viele kleinere Zulieferer hätten dagegen noch nicht richtig erkannt, dass auch für sie die Beschäftigung mit Industrie 4.0 nötig werde. Diese abwartende Haltung könnte sich aber als riskant erweisen. Wer künftig bei der Digitalisierung nicht mitmischen könne, werde vom Wettbewerb abgehängt. Geboren wurde Bauernhansl 1969 im fränkischen Miltenberg, nach dem Abitur absolvierte er ein Studium an der RWTH in Aachen. Seit September 2011 leitet Bauernhansl das IFF und das IPA. Zudem ist er Mitglied einer ganzen Reihe von Beiräten. ey

Index Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Anne Guhlich Redaktion Imelda Flaig, Sabine Marquard, Andreas Geldner, Bettina Bernhard, Gerhard Bläske, Achim Wörner, Norbert Burkert Gestaltung/Produktion Sebastian Ruckaberle, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11 / 72 05 - 12 11 und 07 11 / 72 05 - 74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Tanja Dehner (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 16 03 E-Mail: anzeigen@wirtschaft-in-bw.de Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 0

Personen Alkan, Saim Ametsreiter, Hannes Bauer, Theresia Bauernhansl, Thomas Biehal, Manfred Bischoff, Sven Bühler, Markus Claus, Ann-Sophie Diederichs, Frederik Engelhorn, Fabian Fischer, Christian Fischer, Rüdiger Fischl, Gerhard Fritz, Matthias Fritz, Nicole Guse, Peter Harhoff, Dietmar Haschke, Raoul

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Hennig, Jürgen 10 Keese, Christoph 7 Kelley, Tim 18 Kempf, Dieter 6 Kempf, Fabian 11 Kettschau, Jürgen 20 Kiesler, Tim 20 Kirschsteiner, Felix 9 Korvink, Jan Gerrit 10 Kronenbitter, Iris 10 Küppers, Bernhard 9 Lacker, Bernhard 23 Lee, Rosa 19 Lennartz, Peter 10 Maier, Max u. Madlen 8 Meidert, Moritz 9 Mielke, Natalie 10 Mohr, Matthias 15 Pausder, Philipp 7

Rückert, Tanja Ruprecht, Thorsten Russwurm, Siegfried Sigel, Heidi Soder, Johann Spankowski, Ulli Stadelmaier, Sinja Stegmann, Barbara Strobl, Thomas Tanzawa, Shinichi Tischer, Christiane Tüscher, Rüdiger Schork, Alexander Simonis, Umberta A. Spankowski, Uli Trölitzsch, Thomas Wallrabe, Ulrike Wiens, Christian Wolf, Edith

2 6 20 11 2 2 11 9 6 4 16 26 24 17 10 24 11 9 20

Firmen/Organisationen AX Semantics 14 Bansbach 24 Berger, Roland 1 Berufsverb. Compl. Man.21 Börse Stuttgart 2 Bosch 2, 8, 15, 19 Brave 12 BRP Renaud & Partner 21 BW-Bank 17 DAAD 19 Data Guard 26 Demeter 20 Dr. Heimeier & Partner 15 Ecovis 27 EFI 6 Eppli 17 EY 10 Fanuc 1, 4

Getsafe 9 Grenke 19 Heidelberg 9 IAO 12 Ifex 10 Intersport 20 ISS Stuttgart 18 Kasper Knacke 16 KPMG 28 Living Brain 9 Mackevision 19 Management Angels 26 Ministerium für Inneres 6 Max-Planck-Institut für Innovation/Wettbewerb 6 Oppenländer 24 PH Heidelberg 9 SAP 2 Schloss Salem 18

SEW Eurodrive 1, 2 SRH Hochsch. Heidelb. 9 Stadtwerke Waldkirch 6 Statistisches Bundesamt19 The Female Company 11 Thermando 7 Universität Heidelberg 9 Universität Stuttgart 12 Urban Harbor 8 Urspringschule 18 Vector-Stiftung 20 Virtual Solution 22 Vitero 11 Vodafone 6 Voith 20 Voxalytic 10 Wittenstein 20 Zentrum für Kunst und Medientechnologie 1, 3


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

„Es geht um das Überleben der Industrie“ Der Künstler Peter Weibel fordert eine Bildungsoffensive, damit sich der Nachwuchs in der digitalen Welt zurechtfindet.

Interview

D

er Daniel Düsentrieb der Kunst wurde er auch schon mal genannt: Peter Weibel verblüffte als Performance- und Videokünstler und erlangte internationales Renommee als Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie. Bei der Digitalisierung sieht er Deutschland und Europa weit hinterherhinken.

Deutschland die neuen digitalen Technologien nur. Es gibt nun aber die Chance, die vorhandenen Technologien aufzugreifen und konsequent einzusetzen, und zwar als Kulturtechnik. Europa hat seine globale Hegemonie in der Neuzeit nicht nur durch Kriege bekommen, sondern auch seinem Monopol auf Innovation zu verdanken, das die Moderne hervorgebracht hat. Diesen Weg müssen wir weitergehen und uns dabei nicht beirren lassen. Innovation entsteht aber nur durch Wissen und Fantasie. Herr Weibel, was genau bedeutet Digitali- Der Zugang zum Wissen und die Ausbilsierung? dung von Fantasie beziehungsweise KreatiZur Welt der Worte, Bilder und Dinge ge- vität müssen massiv gefördert werden. Bissellt sich eine neue Welt. Die Welt der her beherrscht zum Beispiel nur eine kleiDaten. Die Welt wird durch die Digitalisie- ne Anzahl von Menschen das Wissen rung in eine Datenwelt verwandelt. Wir zahlreicher Programmierungen. Wir hakommunizieren heute über Mobiltelefone ben jetzt die Chance, über den Weg der Bilund Satelliten, Computer und Internet, dung das Wissen auf die Schultern zahlreimehr mit Daten als mit cher Mitstreiter zu verteiDingen. Diese Daten, die „Die Gesellschaft len. Bekanntlich sehen uns Sensoren für nahezu bemerkt einen Zwerge auf den Schultern alles von Waschmaschinen notwendigen Wandel von Riesen weiter als die bis Weltraumsonden lieRiesen selbst. fern, müssen verarbeitet normalerweise immer werden. Dazu werden Al- erst, wenn es zu spät ist. Und wie sieht es Ihrer Meigorithmen benötigt. nung nach wirklich aus? Das Umschalten ist In Deutschland und auch in Wie werden diese Daten- aber noch machbar, Teilen Europas ist man nicht mengen verarbeitet und wenn nun in die bereit, sich konsequent auf die analysiert? Digitalisierung einzulassen. notwendigen Bereiche Zur Datenverarbeitung Gerade in Deutschland habe und deren Interpretation investiert wird.“ ich den Eindruck, dass wir hier ist künstliche Intelligenz Peter Weibel, Leiter in einem Land leben, in dem es notwendig, weil die Daten- des Karlsruher ZKM Angst vor der und auch Widermengen für die Erfassung stand gegen die neue Technik durch natürliche Intelligenz zu groß sind. gibt. In Deutschland herrscht Technophobie. Bei der Aufarbeitung eines Finanzskandals Und das sollte in einem Land, in dem das Auto erkann niemand Zehntausende Seiten von funden wurde, eigentlich nicht sein. Protokollen lesen, niemand kann die Krankengeschichten von einer Million Men- Können Sie das an einem konkreten Beispiel schen lesen. Dazu benötigen wir Algorith- erläutern? men, die diese Datenmengen durchkäm- Deutschland ist gut im Maschinenbau, also men auf der Suche nach bestimmten in der physischen Mobilität, hier werden Begriffen, Schlüsselworten. Dasselbe gilt gute Autos entwickelt. Aber die virtuelle für die Teilchenforschung beim Cern in Mobilität der Daten stand nicht im ZenGenf. Die Korrelation von Daten ermög- trum der Industrie. Daher hat eine Datenlicht es dann, neue Befunde, neue Zusam- firma wie Google sich zuerst mit dem Themenhänge und damit auch eine neue Wirk- ma des selbstfahrenden Autos befasst, das lichkeit herzustellen. heißt, mit der Konvergenz von datengesteuertem Fahren und menschlichem Welche Auswirkungen hat das auf die Wirt- Fahren. Erst seit geraumer Zeit setzen die schaft? etablierten Autobauer alles daran, bei dieAls 1958 Jack S. Kilby den integrierten sem Thema wieder Boden gutzumachen. Schaltkreis (den Chip) erfand, für den er im Jahr 2000 den Nobelpreis für Physik er- Tun die Deutschen bzw. Europäer denn gehielt, gab es ganz schnell die Befürchtung, nug, um diesen Rückstand aufzuholen und dass durch das neue Bauteil und dessen zu den führenden Ländern aufzuschließen? Weiterentwicklung Jobs wegfallen könn- Ich glaube nicht, dass die Deutschen und ten. Dazu kam es auch. Es wurden aber auch die Europäer so schnell Amerika und gleichzeitig durch die neue Technik auch China bei dem Thema einholen können. Es viele neue Arbeitsplätze, eine ganze neue wird sicherlich eine längere Zeit dauern, Industrie der Mikroelektronik geschaffen. bis der Abstand zu den beiden Ländern aufgeholt werden kann. In welchen Ländern gab es denn diese Entwicklung? Was ist nun zu tun, speziell hier in DeutschDiese Entwicklung hat in Amerika stattge- land? funden und nicht bei uns in Europa. Dies Es muss versucht werden, die Digitalisiehatte zur Folge, dass sich über die Jahr- rung und die Arbeit mit den Daten überall zehnte hinweg in den USA eine Software- möglich zu machen. Das muss universell industrie entwickelt hat, die heute die Welt angewendet werden. In den Fabriken, in beherrscht. Die Situation für die Wirtschaft den Krankenhäusern, im Justizwesen, in stellt sich also so dar: Die USA produzieren der Wirtschaft, in den Schulen und Univerdie Software, Asien dazu die Hardware. sitäten, im gesamten Leben muss auf das Thema gesetzt werden. Und wo besteht jetzt noch eine Chance für Wird denn genug investiert? Europa? Bislang konsumieren Europa und auch Klares Nein. Der Staat und auch die Wirt-

PETER WEIBEL Künstler Peter Weibel (74) verblüffte als Performance- und Videokünstler und erarbeitete sich internationales Renommee als Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM).

Studium Der Österreicher wurde am 5. März 1944 in Odessa in der Ukraine geboren. Er studierte in Wien und Paris. Neben Literatur belegte er die Fächer Philosophie und Film, aber er studier-

te außerdem auch Medizin und Logik. Werdegang Peter Weibel lehrte an Hochschulen in Österreich, Kanada, den USA und in Australien. 1989 wurde er der erste

Direktor des Instituts für Neue Medien (INM) in Frankfurt/Main. Er prägte die Entwicklung der Computerkunst maßgeblich. Seit Januar 1999 leitet er das ZKM in Karlsruhe. os

Peter Weibel warnt vor Selbstzufriedenheit und Bequemlichkeit: Nur wenn jetzt Tempo gemacht werde, lasse sich der Rückstand der Europäer und der Deutschen bei der Digitalisierung aufholen. Foto: dpa schaft müssen eindeutig viel mehr investieren. Es geht um das Überleben der Industrie. Es wird von allen Seiten zu wenig Geld in die neue Datentechnik und digitale Informationstechnologie gesteckt. Wie wird die Gesellschaft Ihrer Ansicht nach darauf reagieren? Die Gesellschaft bemerkt einen notwendigen Wandel normalerweise immer erst, wenn es zu spät ist. Das Umschalten ist aber noch machbar, wenn nun in die notwendigen Bereiche investiert wird. Aber dass Veränderungen notwendig sind, ist noch nicht in allen Teilen der Gesellschaft hierzulande angekommen. Noch brummt es in der Wirtschaft, und das macht blind. Warum ist das so? Jetzt müssten doch die Weichen für die Zukunft gestellt werden! Gerade, weil ein Geschäftszweig gut läuft, kümmert er sich nicht um Veränderung

und versäumt plötzlich den Anschluss. Darum spricht man von disruptiver Technologie. Aber wenn nun Tempo gemacht wird und innerhalb von fünf Jahren die nötigen Schritte eingeleitet werden, ist es aus meiner Sicht möglich, den Wandel gut begleiten zu können. Was ist denn im Bereich der Bildung dringend notwendig? Das ist ein sehr wichtiges Thema. Bildung ist die Grundlage für die Bewältigung der sich abzeichnenden Herausforderungen. Die nächste Generation muss die digitalen Kenntnisse von Anfang an vermittelt bekommen. Nur so kann sie sich in der digitalen Welt dann ohne Probleme zurechtfinden. Deshalb ist gerade in diesem Bereich eine Bildungsoffensive notwendig, die sehr umfangreich sein muss. Das Gespräch führte Oliver Schmale.


4 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Siegeszug der Industrieroboter Hersteller wie Fanuc perfektionieren die Kooperation von Mensch und Maschine. Doch es gibt Hindernisse. Von Birga Teske Automatisierung

D

ie Fabrik der Zukunft steht in Oshino am FuĂ&#x;e des Berges Fudschi. Hier arbeiten Roboter, die Roboter bauen. UnermĂźdlich, 24 Stunden am Tag, 7000 StĂźck im Monat. Viele werden anschlieĂ&#x;end in Japan verkauft, andere nach China verschifft. Doch ein Teil der brandneuen Roboter tritt eine 8000 Kilometer weite Reise an – bis nach Neuhausen auf den Fildern. Dort, sĂźdlich von Stuttgart, liegt seit 1991 die Deutschlandzentrale des japanischen Roboterherstellers Fanuc. Von hier aus werden die vielseitigen Maschinen ins ganze Bundesgebiet ausgeliefert. Rund 14 000 waren es im vergangenen Jahr. Neben dem Vertrieb und Service ist in Neuhausen seit Kurzem auch das europäische Entwicklungszentrum von Fanuc zu Hause. „Baden-WĂźrttemberg ist ein herausragender Standort fĂźr Automatisierung und Werkzeugmaschinenbau auf dem Kontinent“, sagt Europachef Shinichi Tanzawa. Durch das Entwicklungszentrum kĂśnne den Anforderungen deutscher Kunden kĂźnftig noch besser entsprochen werden. Zu den wichtigsten Abnehmern des Industrieroboterherstellers zählen AutomobilFoto: Fanuc hersteller und -zulieferer. Die Bandbreite der Kunden ist „Die Automatisierung groĂ&#x; und reicht von der Pharist in Japan viel weiter maindustrie Ăźber den Bausekfortgeschritten als hier.“ tor bis hin zu NahrungsmittelMatthias Fritz, Technik-GeschäftsfĂźhrer und Agarwirtschaft. Weil die bei Fanuc AnwendungsmĂśglichkeiten ständig zunehmen, rĂźsten immer mehr Unternehmen ihre Fabriken damit auf. Bis 2020 dĂźrfte der weltweite Bestand an Industrierobotern von 1,8 Millionen (Stand 2016) auf 3,1 Millionen steigen, schätzt der Branchenverband IFR. Roboter sind ein wichtiger Bestandteil der sogenannten Industrie 4.0. Hinter dem Schlagwort verbirgt sich die Idee, Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte direkt miteinander zu vernetzen. Dadurch, so die Hoffnung, kĂśnnten nicht mehr nur einzelne Produktionsschritte, sondern ganze WertschĂśpfungsketten optimiert werden. Mit ihren digita-

nen von Jobs wegfallen kĂśnnten, weist Europa-Chef Tanzawa zurĂźck. „Roboter nehmen Menschen harte kĂśrperliche Arbeit ab und machen Unternehmen wettbewerbsfähiger“, sagt er. So entstĂźnden neue Jobs in Vertrieb, Service und Verwaltung. AuĂ&#x;erdem gebe es auch in der Produktion Aufgaben, die von Menschenhand erledigt werden mĂźssten. Selbst in Fanucs Vorzeigefabrik in Oshino arbeiten neben 4000 Robotern 1000 Arbeiter. Doch so reibungslos, wie die MenschMaschine-Kooperation in manchen Science-Fiction-Filmen dargestellt wird, läuft es nicht. Selten werkeln Beschäftigte und

len Schnittstellen lassen sich Roboter nahtlos in diese vernetzten Strukturen integrieren. Letztlich kann so nicht nur die Produktion beschleunigt werden, sondern die Daten werden genutzt, um die angeschlossenen Geräte rechtzeitig zu warten und kĂźnftige AnwendungsmĂśglichkeiten zu entwickeln. Entsprechend gut laufen die Geschäfte von Roboterherstellern wie der Schweizer ABB, der japanischen Yasukawa oder des von chinesischen Investoren aufgekauften Augsburger Unternehmens Kuka. Fanuc selbst hat Schätzungen zufolge im gerade abgeschlossenen Geschäftsjahr einen Umsatz- und Gewinnanstieg von mehr als 40 Prozent erreicht. Um Der lange Arm die wachsende Nachder Roboter nimmt frage zu bewältigen, hat Menschen Arbeit Fanuc die Kapazitäten ab, aber erhĂśht. Ab August solnicht weg. len in Oshino 11 000 statt Foto: Fanuc bisher 7000 Roboter monatlich gefertigt werden. Gemessen an der StĂźckzahl dĂźrfte Fanuc damit auch kĂźnftig WeltmarktfĂźhrer fĂźr Industrieroboter bleiben. Ein Grund fĂźr den Erfolg der Japaner ist der eigene Heimatmarkt. „Die Automatisierung ist in Japan viel weiter fortgeschritten als in Deutschland“, berichtet TechnikGeschäftsfĂźhrer Matthias Fritz. Während ROBOTER WELTWEIT viele Unternehmen hierzulande Fertigungen nach Osteuropa auslagerten, um LohnPopulation Ende 2016 wakosten zu sparen, taten sich Nippons Firren rund um den Globus men damit in Asien schwerer. Zwar war insgesamt 1,83 Millionen China lange ein Niedriglohnland, doch Industrieroboter im Streit um Patentrechte sowie politische Einsatz. Bis 2020 kĂśnnte Auseinandersetzungen hielten viele japasich ihre Zahl auf 3,05 nische Unternehmen von einer UmsiedMillionen erhĂśhen, schätzt lung ab. Daraus ergab sich die hĂśhere Ausdie International Federation stattung mit Robotern. of Robotics (IFR). Der Mehr als Kostensenkungen treibt die jährliche Umsatz mit demografische Entwicklung inzwischen Industrierobotern Ăźbertrifft den Roboterabsatz an – auch in Deutsch13 Milliarden US-Dollar land. BefĂźrchtungen, dass Roboter in Zu(Stand 2016). Rechnet man kunft den Menschen ihre Jobs wegnehmen die Kosten von Software, und dadurch allein in Deutschland MillioZubehĂśr und Systement-

     

    .

ihre stählernen Kollegen Seite an Seite. Aus Sorge vor Unfällen werden Industrierobotermeist hinter Absperrgittern eingesetzt, mit sicherem Abstand zu den Arbeitern. Doch das kĂśnnte sich kĂźnftig ändern. So hat Fanuc, deren 170 Robotermodelle sonst strahlend gelb lackiert sind, eigens eine grĂźne Modellreihe entwickelt. Diese „kooperativen“ Geräte bleiben stehen, wenn sie an einen Widerstand stoĂ&#x;en, oder arbeiten langsamer, wenn Sensoren ungewĂśhnliche Bewegungen melden. Dadurch wird das Verletzungsrisiko minimiert. Doch während kooperative Roboter im Ausland groĂ&#x;en Anklang finden, schränken die Sicherheitsbestimmungen in Deutschland ihren Einsatz stark ein, berichtet Fritz. FĂźr einen wirklichen Durchbruch in der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine seien Neuregelungen nĂśtig sowie ein Umbau der bisherigen Fertigungsweise. „Heutzutage ist der Produktionsablauf stark taktgesteuert“, sagt Fritz. Auf einer Anlage werden die Produkte Schritt fĂźr Schritt gefertigt. Das schränkt die EinsatzmĂśglichkeiten von Robotern ein. Erst wenn dereinst Menschen und Maschinen frei zusammenkommen und Produktionsschritte nicht mehr an einen vorgegebenen Takt gebunden sind, ist die Automatisierung perfekt. Bis dahin werden noch viele Roboter vom Band laufen.

wicklung hinzu, dĂźrfte das Geschäft mit den Robotern jährlich mehr als 40 Milliarden US-Dollar erreichen. Geografie Die meisten Industrieroboter werden in China verkauft. Allein 2016 wurden im Reich der Mitte mehr als 190 000 StĂźck verkauft – weit mehr als in Europa, wo immerhin 56 000 Einheiten abgesetzt wurden. GrĂśĂ&#x;te

Einzelmärkte nach China sind Sßdkorea, Japan, die USA und Deutschland. Branchen Vor allem die Automobilbranche investiert kräftig in die Automatisierung, aber auch die Elektronikindustrie ist ein wichtiger Abnehmer von Industrierobotern. Auf Platz drei liegt die Metallindustrie, gefolgt vom Chemiesektor und Lebensmittelherstellern. bit

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6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Klotzen, nicht kleckern Ohne eine vernünftige Infrastruktur mit Glasfaseranbindung droht Deutschland bei der Digitalisierung abgehängt zu werden. Doch während auf lokaler Ebene erstaunliche Dinge passieren, tut sich auf regionaler und nationaler Ebene zu wenig. Von Gerhard Bläske

Breitbandausbau

Den Ankündigungen müssen nun Taten folgen. Deutschland hinkt beim Glasfaserkabelausbau international weit hinterher.

E

s geht doch. Während anderswo geredet wird, hat Waldkirch gehandelt. Die dortigen Stadtwerke hatten im Januar 2017 angekündigt, ein Glasfasernetz für superschnelles Internet bauen zu wollen. Ein Jahr später konnten die ersten 150 W-NetKunden, insbesondere Industrie- und Gewerbekunden, endlich auch 3D-Modelldateien schnell mit ihren Klienten austauschen. Sechs Millionen Euro haben die Stadtwerke Waldkirch in der ersten Ausbaustufe investiert. Für den weiteren flächendeckenden Ausbau ist noch einmal eine Million Foto: Stadtwerke Waldkirch Euro pro Jahr vorgesehen. „Nicht nur große Betriebe „Jeder Haushalt soll einen Glasfaseranschluss bekombrauchen große men können. Weit über 70 Bandbreiten. Auch Prozent unserer möglichen kleinere Gewerbekunden Kunden nehmen ihn sofort“, sagt Thorsten Ruprecht, sind darauf angewiesen.“ Geschäftsführer der StadtThorsten Ruprecht, Geschäftsführer werke. Die drei Gewerbegeder Stadtwerke Waldkirch biete sind bereits an den Hauptstrang angeschlossen. Nun folgt der Feinausbau. Am Ende soll in 5000 Gebäuden mit 14 000 Haushalten und Betrieben mit Bandbreiten von bis zu 1000 Mbit/s, auf Wunsch sogar bis 10 Gbit/ s, gesurft, telefoniert und ferngesehen werden können.

Schnelles Internet durch Glasfaserkabel.

Ruprecht ist kein Hasardeur. „Wir haben detailliert geplant. Ab dem dritten Jahr streben wir positive Ergebnisse an“, macht er deutlich. „Wir müssen anpacken. Allein mit der Strom- und Gasversorgung sind wir nicht zukunftsfähig. Der Einstieg in das Geschäftsfeld Breitbandversorgung ist die konsequente Fortführung unserer Unternehmensphilosophie“, fügt er hinzu. „Nicht nur große Betriebe brauchen große Bandbreiten. Auch unsere Mittelstandsund kleinere Gewerbekunden wie zum Beispiel Architektur- und Ingenieurbüros sind darauf angewiesen.“ Für ihn ist klar: „Gemeinden, die kein schnelles Internet haben, werden abgehängt.“ Das Breitbandprojekt in der sich über zwei Täler erstreckenden Gemeinde hat nach Ansicht Ruprechts „Modellcharakter für andere Stadtwerke“. In Waldkirch wurde sogar auf Subventionen verzichtet – einfach, um schnell zu sein. Ein solches Hochgeschwindigkeitsnetz wie in Waldkirch haben in Deutschland höchstens vier bis fünf Prozent der Haushalte und Betriebe zur Verfügung. In vielen Fällen ist die Anbindung so schlecht, dass kaum eine E-Mail durch das Netz geht. Die schlechte Versorgung mit einem schnellen Internet droht zum Standorthemmnis zu werden. Nach einer Ende Februar veröffentlichten Studie, die das Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration in Baden-Württemberg beim Tüv Rheinland in Auftrag gegeben hatte, gibt es im Land 2,3 Millionen Anschlüsse, die kein schnelles Internet haben. Sie verfügen noch nicht einmal über 50 Mbit pro Sekunde, oft nur 30 Mbit oder weniger. Während in Städten wie Stuttgart, Mannheim, Heilbronn, Konstanz oder Pforzheim – mit Einschränkungen – die Anbindung an das schnelle Internet relativ hoch ist, gibt es vor allem auf dem flachen Land viele weiße Flecken. In solchen Zonen ist immerhin die Hälfte der 290 „hidden champions“ in BadenWürttemberg, dem Land der Welt-

Fotos: Stringer Image/RioPatuca Images/Adobe Stock

marktführer, beheimatet. „Wir brauchen eine belastbare Infrastruktur für die Digitalisierung der Produktion, für das autonome Fahren, die künstliche Intelligenz und vieles mehr. Wir müssen endlich in die Puschen kommen“, meint eine Sprecherin des Ministeriums. Baden-Württemberg lag im EU-Innovationsindex 2016 auf Platz eins. Doch das kann sich schnell ändern, wenn die Unternehmen für ihren Datenaustausch kein schnelles Internet zur Verfügung haben. „Das schnelle Internet ist der Schlüssel zur digitalen Welt“, sagt der zuständige Minister und stellvertretende Ministerpräsident Thomas Strobl. Würde man das bisherige Tempo beibehalten, dauerte es bis 2039 bis zu einer flächendeckenden Breitbandversorgung. Das ist viel zu lang. Das Land hat deshalb jüngest eine Innovationsoffensive gestartet. 500 Millionen Euro, das sind 100 Millionen Euro pro Jahr, sollen in dieser Legislaturperiode in den Ausbau der Infrastruktur fließen. Priorität hat die Anbindung der 2,3 Millionen Anschlüsse, die weder über Glasfaser noch über die dafür ertüchtigten Kupferkabelnetze mit schnellem Internet versorgt sind. Bis 2025 sollen 800 Millionen Euro vom Land kommen. Der Bund plant, bis dahin deutschlandweit zehn bis zwölf Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Minister Strobl geht davon aus, dass von dieser Summe etwa 1,5 Milliarden Euro nach Baden-Württemberg fließen. Mit dann knapp 2,3 Milliarden Euro von der öffentlichen Hand sollten die im Land benötigten sechs Milliarden Euro für die Ertüchtigung der Infrastruktur zur Verfügung stehen. Die fehlenden Mittel sollen von privaten Investoren kommen. „Die Größenordnung liegt vermutlich am unteren Rand des Notwendigen“, meint Professor Dietmar Harhoff, Vorsitzender der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI), die Kanzlerin Angela Merkel seit vielen Jahren berät, und Direktor am Münchner Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb. Doch es geht nicht nur um Geld. „Es ist eher die

ÜBERTRAGUNGSRATE UND GESCHWINDIGKEIT SIND ENTSCHEIDEND Breitbandinternet Eine klare Definition, was schnelles Internet ist, gibt es nicht. In den meisten Fällen gilt eine Übertragungsrate ab 1000 Mbit/s als Mindestgröße für das schnelle Internet. Glasfaser Solche Raten können nur durch Glasfaserkabel erreicht werden. Doch die sind teuer. In Deutschland versucht man vielfach mittels Ertüchtigung der alten Kupferkabel des Telefonnetzes höhere

Kapazitäten herauszuholen. So sollen mit überschaubarem Investitionsaufwand durch das sogenannte Vectoring möglichst viele Haushalte und Unternehmen vernünftige Datenübertragungsraten erreichen. Doch es gibt viele weiße Flecken in Deutschland und in Baden-Württemberg, in denen es nicht einmal ertüchtigte Kupferkabel gibt. Das gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit der dort ansässigen Unternehmen.

Investitionsprogramm Andere Länder sind beim Glasfaserausbau viel weiter. Deutschland rangiert im internationalen Vergleich weit abgeschlagen. Landesund Bundespolitiker haben jetzt großzügige Investitionen in den Ausbau des Glasfasernetzes angekündigt. Doch schon die frühere Bundesregierung hatte viel versprochen. Die Gelder sind grundsätzlich da. Es geht nun darum, die Maßnahmen auch umzusetzen. bl

Umsetzungsgeschwindigkeit, um die wir uns Sorgen machen sollten, als die Höhe des Budgets“, meint der bekannte Fachmann. Ganze Landstriche und die dort beheimateten Unternehmen könnten abgehängt werden. Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen surfe mit weniger als 30 Mbit pro Sekunde, behauptet VodafoneDeutschland-Chef Hannes Ametsreiter. „Rund zwei von drei Industriearbeitsplätzen befinden sich auf dem Land. Die Breitbandversorgung hinkt gerade dort hinterher“, sagt auch Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). „Wenn Digitalisierung nicht gelingt, helfen uns auch die anderen Standortvorteile nicht mehr“, fürchtet Harhoff. „Und die Infrastruktur ist dabei eben ein zentraler Punkt. Die technischen Möglichkeiten der vielfach bestehenden Kupferleitungen, noch mehr Bandbreite herauszuquetschen, kommen an Grenzen. „Deutschland ist bei der Verbreitung von Anschlüssen mit der derzeit höchsten Leistungsfähigkeit, nämlich Glasfaserverbindungen bis an das Firmengebäude oder die Wohnung, international nach wie vor weit abgeschlagen“, weiß Harhoff. Im Juni 2017 habe es hierzulande Foto: Max-Planck-Institut nur 2,1 Prozent solcher Breitbandanschlüsse gegeben. In „Angekündigte Japan habe die vergleichbare Maßnahmen sind Quote bei 76,2 Prozent gelegen, in Lettland bei 62,3 Pro- einfach nicht umgesetzt zent. Trotz einer deutlichen worden.“ Aufstockung von Fördermit- Professor Dietmar Harhoff, Direktor teln für den Breitbandausbau am Max-Planck-Institut für Innovation sei bisher kaum Dynamik zu und Wettbewerb. erkennen, konstatiert der EFI-Vorsitzende. Und er ergänzt: „Wir sollten jetzt vor allem schnelle Glasfaserverbindungen als nachhaltige und zukunftssichere Technologie vorantreiben. Mit Zwischenlösungen gehen wir das Problem nicht nachhaltig an.“ Die deutsche Politik habe „die dem digitalen Wandel zugrunde liegende technische und ökonomische Dynamik zu wenig beachtet. Vor allem sind angekündigte Maßnahmen einfach nicht umgesetzt worden“, stellt Harhoff fest. „Die neuen Ziele sollten besser bis zum Ende der Legislaturperiode abgearbeitet sein, sonst droht wirtschaftlicher Rückstand.“ Es gebe keine Zeitreserven mehr. „Wir benötigen eine stärkere Bündelung und eine einheitliche Vertretung des Themas auf europäischer Ebene“, fordert Harhoff. Er hofft, dass die neue Staatsministerin im Bundeskanzleramt neue Dynamik bringt. Harhoff lobt, dass im neuen Koalitionsvertrag „ambitionierte Ziele“ angekündigt worden sind. „Aber Papier ist geduldig – auch die früheren Koalitionsverträge enthielten schon wohlklingende Absichtserklärungen“, weiß er. Vielleicht sollten sich die Akteure ein Beispiel an Waldkirch nehmen. Dort folgten den Ankündigungen auch Taten.


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

April 2018

Wirtschaft & Start-ups

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Wie kommt Innovation in die Unternehmen? Vor dieser Frage stehen alle Firmen im Land – kleine wie große. „Wirtschaft & Start-ups“ blickt auf Gründer, kreative Unternehmen und Technologie.

Ludwigsburg – neues Leben in alter Industriebrache. SEITE 8 Frauenpower – Erfolg mit Mikrotechnik und Lernsoftware. SEITEN 10, 11 Zukunft – der Weg zum autonomen Fahren ist weit. SEITE 12

Eine optimale Arbeitsumgebung? Für Kreativität braucht es nicht nur offene Flächen, sondern auch Einzelbüros als Rückzugsräume. Und ob die Teamarbeit klappt, liegt am Ende an den Menschen.

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Fotos: privat, shock/Adobe Stock

Die Legende vom Tischkicker Auch in etablierten Unternehmen übertreffen sich inzwischen die Designer mit Konzepten für innovative Arbeitsräume. Doch manches davon ist Spielerei und geht an dem vorbei, was eine wirklich gute Arbeitsumgebung ausmacht. Von Johannes Ellenberg

Büros

A

nscheinend gehört zum Wohlfühl-Büro der Start-ups ebenso wie zum Arbeitsplatz 4.0 ein Tischkicker. Inzwischen findet man ihn sogar in den neu gestalteten Räumlichkeiten von Konzernen und Mittelständlern. Was für ein Unsinn. Der Tischkicker und noch so einige andere Accessoires sind nichts weiter als Kosmetik, ein nettes Extra für verwöhnte Manager. Klar: Cool sieht es schon aus, wenn lässige Sessel in der Ecke stehen, die Möbel aus Sperrholz oder die Wände bunt angestrichen sind. Doch wer sich schon einmal die Büros angeschaut hat, in denen Start-ups in Berlin, München oder Stuttgart arbeiten, merkt schnell, dass die Ausstattung der Arbeitsräume keine Rolle spielt – Hauptsache, das, was man zum Arbeiten wirklich braucht, ist da: ein schneller Internetanschluss, Laptops, Tablets, Smartphones, Räume, in denen man allein arbeiten kann, und einen größeren Raum, in dem es am besten eine große Wand geben sollte, auf der man Ideen und Konzepte festhalten kann. Entscheidend für den Erfolg sind jedoch eine überzeugende AntDas coolste Büro kann wort auf die Frage „Warum?“ und die Motivation, die dahinnicht die Fähigkeit ersetzen, den Mitarbeitern tersteckt. Auch Google und Amazon den Sinn ihrer Tätigkeit haben nicht in einem hip ausgestatteten Büro angefangen. zu vermitteln. Das können sie sich erst jetzt leisten. Die kleinen Start-ups im Silicon Valley und an anderen Orten der Welt arbeiten häufig unter Bedingungen, die den Prüfern der deutschen Gewerbeaufsicht die Tränen in die Augen treiben würden. Da stimmt weder der Abstand zum Bildschirm noch ist hinter dem Bürostuhl genug Platz – wenn es denn einen gibt. Etablierte Unternehmen unterliegen einem ganz großen Irrtum, wenn sie glauben, dass sie ihre Mitarbeiter auf Start-upKurs bringen könnten, wenn sie die Arbeitsumgebung bunter machen. Egal wie kreativ die Umgebung ist – entscheidend sind die Menschen und ihre Hingabe an ihr Tun. Fehlt der innere Antrieb, kann es auch die Tischtennisplatte nicht mehr retten.

Menschen arbeiten nicht um der Arbeit willen, sondern weil sie einen Sinn darin sehen. Deshalb ist es so wichtig, gleich zu Anfang die Frage nach dem Warum zu klären: Warum gibt es das Unternehmen und welchen Nutzen bietet es seinen Kunden, der Gesellschaft, der Menschheit? Diese Frage müssen die Gründer klären, denn die Antwort ist das, was sie und ihr Team antreibt, immer bessere Lösungen für die Bedürfnisse ihrer Kunden zu finden. Philipp Pausder, der Geschäftsführer des innovativen Heizungsbauers Thermondo, sagt: „Wir sind Überzeugungstäter. Unser gemeinsames Ziel ist ‚kleiner zwei Grad‘. Wir wollen unseren Beitrag gegen den Klimawandel leisten und verhindern, dass der Temperaturanstieg auf der Erde über zwei Grad Celsius beträgt. Der Wärmemarkt ist dafür der größte Hebel. Ohne Wärmewende wird es keine Energiewende geben. Das ist eine starke Motivation für jeden Mitarbeiter.“ Nicht ohne Grund erhalte man trotz eines leer gefegten Arbeitsmarkts jeden Monat 400 Bewerbungen. Das ist für Arbeitsmotivation und Kreativität ein besseres Ziel als etwa die Maßgabe, „der größte Heizungsbauer Deutschlands“ werden zu wollen. Das Warum, der Sinn, ist der innere Kern eines Start-ups, der Gründer, Mitarbeiter, Lieferanten, Partner und Kunden anzieht, motiviert und antreibt. Es ist der Sinn, der die Menschen begeistert. Er hebt das Unternehmen auf die emotionale Ebene und macht die Bildung einer Gemeinschaft möglich. Die Büroausstattung kann das niemals: Es sind Menschen, welche die Örtlichkeiten beleben – nicht umgekehrt. Ein Accessoire gibt es jedoch, das in keiner Start-up -Arbeitsumgebung fehlen sollte: die Möglichkeit zum Austausch mit anderen. Das bringt frische Ideen, neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit und den Blick über den Tellerrand hinaus. So betrachtet, sollten in einer innovativen Arbeitsumgebung nicht nur Start-ups sitzen, sondern auch Gruppen aus anderen Unternehmen, Freiberufler, Entrepreneure und sogar Investoren. Kein digitaler Austausch kann den persönlichen Austausch

übertreffen. Christoph Keese beschreibt das anschaulich in seinem Buch „Silicon Valley“. Die Wege sind dort kurz, Investoren und Start-ups, Universitäten und Unternehmen sitzen sozusagen alle auf einem Fleck. Man trifft sich in den Cafés und unterhält sich. Dabei begegnet man vielleicht dem Investor, den man dringend braucht, oder irgendjemand aus einer ganz anderen Branche, der die Superidee hat, die das eigene Konzept weiterbringen kann. In solchen Ökosystemen entstehen Konstellationen, von denen jeder der Beteiligten profitiert. Voraussetzung ist, dass jeder zu geben bereit ist. Alle können so ihr Fachwissen, ihre Technologie und ihre Kreativität dafür nutzen, eigene oder gemeinsame Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln oder die Marktreichweite auszudehnen, ohne dafür jeweils eigene Ressourcen aufbauen zu müssen. Für Keese gilt: Die Kaffeemaschine ist im Zweifelsfall wichtiger als alles andere. Ja, es ist richtig – die meisten Menschen haben die besten Ideen, wenn sie, wie etwa am Tischkicker oder an der Tischtennisplatte, in Bewegung sind. Dafür kann man aber auch eine Runde um den Block gehen. An der Kaffeemaschine wird hingegen in entspannter Atmosphäre geredet und das ist am Allerwichtigsten. Dabei gibt es keine Verlierer. Und auch für etablierte Unternehmen sollte klar sein: Start-up-Möbel können die Unternehmenskultur nicht ändern. Wird weiterhin in Silos gearbeitet, die sich gegenseitig Konkurrenz machen, sind Transparenz und Hierarchieabbau nur ein frommer Wunsch, bleibt die Start-up-Kultur ein Traum. Und auch ein bisschen Start-upMethodik ändert daran nichts. Ob Start-ups erfolgreich sind oder nicht, ist also keinesfalls eine Frage der Räumlichkeiten. Es gibt sicherlich eine Umgebung, die besser oder schlechter dafür geeignet ist, dass sich Kreativität und Kollaboration entwickeln können. Doch Startup-Kultur ist eine Frage der inneren Haltung, die sich auszeichnet durch ein klares Ziel, starke Orientierung am Kunden, Lernen im Tun – inklusive des Scheiterns –, die

Nutzung externer Ressourcen, die gleichberechtigte Zusammenarbeit mit anderen, flache Hierarchien, Transparenz und ein Menschenbild, das Vertrauen und Eigenständigkeit über Kontrolle stellt. Und nicht vergessen: Google, Amazon und Facebook sind mit ihren so beeindruckend ausgestalteten Unternehmenszentralen längst erwachsene Konzerne und keine Start-ups mehr. Im besten Fall haben sie sich Start-up-Geist bewahrt, aber der hängt nicht an der Ausstattung der Räume.

DER START-UP-EXPERTE JOHANNES ELLENBERG Profil Johannes Ellenberg ist ein bekannter Kopf der deutschen Start-up-Szene. Der 34-Jährige rief 2011 zusammen mit Kathleen Fritzsche und Harald Amelung den Verein Start-up Stuttgart e. V. ins Leben, eine Anlaufstelle für Gründer aus der Region. Knapp ein Jahr später gründeten die drei „Accelerate Stuttgart“ als Digitalisierungsund Start-up-Hub für BadenWürttemberg. Heute ist der Geschäftsführer von Accelerate Begleiter des Mittelstands bei der digitalen Transformation. Er verbindet und unterstützt Startups und mittelständische Firmen. Autor Im Dezember 2017 kam Ellenbergs erstes Buch heraus: „Der Start-up Code“. Es richtet sich in erster Linie an den Mittelstand und soll Hilfestellung auf dem Weg der digitalen Transformation geben, möchte zum Handeln inspirieren, zur Veränderung ermuntern. Die Start-ups und ihre ganz spezielle Kultur können nach Meinung des Autors dafür Impulse geben. Er erklärt, was Start-ups anders machen als etablierte Firmen, warum sie für unsichere Zeiten besser

gerüstet sind und er stellt ihre wichtigsten Methoden vor. Ellenberg macht Vorschläge für neue Organisationsformen und für die Zusammenarbeit zwischen Mittelstand und Start-ups. Dazu gibt es Beispiele und Interviews. Der Start-up Code. Was der Mittelstand von Start-ups lernen kann und muss. Status Verlag, 27,65 Euro; www.startup-code.de age


8 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Ein Hafen für kreative Köpfe Der Urbanharbor in Ludwigsburg macht alte Bauten der Industrie zum Start-up-Umfeld. Von Susanne Roeder

Umbau

D

ie Weststadt Ludwigsburg erfindet sich neu, wird zur kreativen Stadt in der Stadt, sozusagen zum Barock Valley. Anders als das Silicon Valley in San Francisco ist das Barock Valley, wie der Hub für deutsche Konzerne tatsächlich heißen soll, architektonisch ins 300 Jahre alte Stadtkonzept integriert. Mitten in der Stadt und mit guter Verkehrsanbindung und Parkplätzen für die neuen Bewohner, noch dazu in Rufweite zur Landeshauptstadt, das macht die Umnutzung alter Industriebauten zum begehrten Ankerplatz. In den 1970er und 1980er Jahren ist die innerstädtische Industrie aus dem Gesicht vieler deutscher Städte verschwunden. In Ludwigsburg hatte die Umnutzung 1992 mit dem Werkcafé in der „Wie schaffen wir Rheinlandstraße begonnen, als plötzlich die Gründerdie Transformation Woge die Stadt im positiven von Maschinenräumen Sinn überrollte. zu Menschenräumen?“ Überall suchen innovative Neugründungen ein Zuhause. Max Maier, Betreiber des Urbanharbor Von der Rheinlandstraße 10 über die Schwieberdinger Straße bis hin zur Grönerstraße erstreckt sich ein Kreativgürtel. Auf dem ehemaligen Gelände von Hüller Hille, Ziemann und anderen Industrieanlagen, die zu Ruinen zu verfallen drohten, pulsiert das pralle (Arbeits-)Leben. Drehbuchautor für die Stadt in der Stadt ist Max Maier, Vater des Werkzentrums Weststadt. Der SzeneTreffpunkt ist nun Teil eines größeren Ganzen, für das Tochter Madlen Maier den Namen „Urbanharbor“ fand. „Wie schaffen wir die Transformation von Maschinenräumen zu Menschenräumen?“, lautet die Grundsatzfrage des Baumeisters. Eine Frage, die ihn seit Jahren umtreibe und die er unverzüglich beantwortet: „Bei uns berücksichtigt dies die Aspekte Umnutzung, Funktion, Design, Architektur und Emotion.“ Ein pragmatischer Ansatz, bei dem der bekennende 68er-Aktivist nicht müde wird zu betonen, zuallererst komme der Mensch, danach „die entscheidende Frage der Transformation“ und wie die am besten aussehen kön-

ne. „Es ist alles gebaut“, sagt Maier und erklärt so seinen Planungsansatz für die Stadt der Zukunft, einem Dorado für Kreative. Seine Visionen haben ein festes Fundament: vorhandene Industriebrachen. Als die vier Ingredienzien, die der Anlage Atmosphäre geben sollen, nennt Maier die Natur, die Menschen, die Räume und die Technik. „Konkret lautet die Frage: Was in den bestehenden Gebäuden wollen wir nutzen?“ Wenn darüber Klarheit herrsche, gelte es, die Atmosphäre mithilfe von Architektur und Design zu erschaffen. „Und was das Wichtigste ist: Gemeinschaftsflächen“, sagt Tochter Madlen. Im Urbanharbor leistet dies das „Speisewerk“. „Was interessiert den Menschen am meisten? Essen und Trinken.“ Dieses Grundbedürfnis solle das Speisewerk befriedigen. Hier geht Innovation buchstäblich durch den Magen. Zur Mittagszeit treffen Berufstätige auf den Ludwigsburger Bürger. Interaktion ist dabei programmiert. Denn der Treffpunkt mit dem industriell klingenden Namen, der suggeriert, dass hier nur saisonale und regionale Speisen angeboten werden, ist weit mehr als ein angesagtes Lokal. Ähnlich der griechischen Agora ist es das Herz im Werkzentrum Weststadt. Hier kann jeder essen, hier gibt es wechselnde Ausstellungen, Pianospiel, Veranstaltungen am Abend, Messen oder Diskussionen für TV-Aufzeichnungen. Die Küche ist komplett digitalisiert und vernetzt, der Gast zahlt bargeldlos via Chipkarte. Nebenbei kann er im Popup Store auf dem Areal Frisches aus der Region einkaufen. „Das tägliche Essen verursacht ein Drittel unseres ökologischen Fußabdrucks“, erklärt Maier. Nachhaltigkeit ist für den Unternehmer grundlegend. Das Industrieareal Weststadt boomt. Schon gibt es den Plan, auf das Vorhandene aufzustocken und erschwinglichen Wohnraum im Werkzentrum Weststadt zu bauen, sowohl für Menschen, die dort arbeiten, als auch für Personen, die an diesem Knotenpunkt der Kreativität und Innovation aktiv Zukunft mitgestalten möchten.

Eine schwebende Porsche-Karosserie dient im Urbanharbor als Designobjekt. Wo heute noch namhafte Firmen wie Mann+Hummel, Lotter oder Borg-Warner angesiedelt sind, kommt nun eine attraktive Mischung aus etablierten Unternehmen, Start-ups und Start-up-Ablegern von Firmen wie Bosch zusammen. Porsche Digital, Porsche Design, der Vertrieb der Porsche AG sind schon geraume Zeit da. In gebührender Entfernung zum Mutterhaus auf der Schillerhöhe in Gerlingen und doch nahe genug, um sich rasch austauschen zu können, bezieht und gestaltet das zur Firma Bosch gehörende Start-up Grow seine Räumlichkeiten. Maiers Mantra: Wo können wir über Unternehmensgrenzen hinweg gemeinschaftliche Themen gestalten. Peter Guse, Leiter der Robert Bosch Start-up GmbH Grow und mit seinem Start-up seit wenigen Monaten Untermieter im Werkzentrum Weststadt, bescheinigt ihm das gerne: „Das ist ein Campus, wo man sich wohlfühlt. Man trifft hier wirklich Leute.“ Innovation, sagt Guse, sei tatsächlich ein Zufallsspiel.

Im Urbanharbor Ludwigsburg aber könne man die Wahrscheinlichkeit zur Innovation erhöhen, „und die erhöht sich durch Kommunikation“. Gerne spricht er von den drei „I“, die für fruchtbare Kommunikation notwendig seien: Information, Interaktion, Inspiration. „Das alles sollte unter einem Dach stattfinden. Deshalb bringen wir mehrere Teams in ein Gebäude, in unsere Räume samt Testhalle im Urbanharbor.“ Um viele kluge Köpfe, die voller Informationen stecken, interagieren zu lassen, müsse man sie deshalb zusammenbringen. „Hier ist so viel Energie – diese handwerkliche Kunst. Das kann heute niemand mehr so bauen“, sagt Maier. Der erste automatische Kühlschrank, die erste Transferstraße von Hüller Hille, all das entstand auf diesem Areal. „Und jetzt digitalisieren wir diese Gerätschaften.“ Sein Anspruch in der Weststadt ist kein geringerer als der: „Wir bauen die produktive, die kulturelle Stadt der Zukunft. Punkt!“

Foto: Susanne Roeder


Wirtschaft in Baden-Württemberg 9

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

-Metropole ist die Das Heidelberger Schloss zieht Touristen aus aller Welt an. Als Start-up es um die Hochgibt Dabei t. bekann weniger dagegen dt traditionsreiche Universitätssta SRH Hochschule Heidelberg, privat (2), dpa Fotos: rszene. Gründe e lebendig s durchau schulen eine

Zwischen Tradition und Hightech Die traditionsreiche Universitätsstadt ist keine typische Start-up-Metropole. Doch in den letzten Jahren hat sich rund um die diversen Hochschulen einiges entwickelt. Von Moritz Meidert Heidelberg

N

ein, Heidelberg ist keine typische IT-Tech-Start-upHochburg“, meint Christian Wiens, Co-Founder des wohl höchstbewerteten Start-ups Heidelbergs Getsafe (www.hellogetsafe.com). Das InsureTech Start-up hat vor Kurzem erst gut 15 Millionen Euro Finanzierungsmittel eingeworben. Dennoch hat er Getsafe in Heidelberg gegründet. „Die Lage zwischen Stuttgart, Karlsruhe und Frankfurt hat den Ausschlag gegeben. Wir können hier sehr gut Mitarbeiter mit ITund Versicherungshintergrund finden.“ Und die braucht Getsafe, das als digitales Versicherungsunternehmen am Markt ist. „Wir haben alle Versicherungsprozesse digitalisiert“, so Wiens. Ein leichter Weg war das nicht. Als Wiens, der schon Start-up-Erfahrung hatte, im elterlichen Schrank 20 verschiedene Versicherungspolicen unterschiedlichster Versicherer entdeckte, die zahllose Aktenordner füllten, hatte er wieder eine zündende Idee. Mit der Vorstellung einer eigenen Versicherung hat dann alles begonnen. Regulatorische Hürden haben Getsafe zunächst zum Anbieter eines digitalen Versicherungsordners und zum Makler von Versicherungen gemacht. Damit wurde das Unternehmen groß genug, um selbst zum Versicherungsunternehmen zu werden. Auf viel Start-up-Infrastruktur konnte Wiens in Heidelberg nicht aufbauen. Auch wenn, so sagt er, Heidelberg heute sehr gut aufgestellt sei. Insbesondere Heidelberg Startup Partners e. V., unter „Wir haben hier sehr viele deren Dach sich alle Gründungsunterstützer der Nespannende Life-Scienceckarstadt zusammengefunAusgründungen aus den haben, sei eine hervorrader Universität und den gende Anlaufstelle. Dieser Eindruck verfestigt Forschungsinstituten.“ sich, wenn man mit Markus Markus Bühler, Bühler, einem der führenden Heidelberg Startup Partners Köpfe bei Heidelberg Startup Partners, spricht. Er redet voller Begeisterung über die Vielfalt der Gründungen und die Unterstützung, die man diesen mittlerweile angedeihen lassen kann. „Wir haben hier sehr viele spannende Life-ScienceGründungen, insbesondere als Ausgründungen aus der Universität und den Forschungsinstituten“, zählt Bühler auf, „aber auch viel im Bereich Kreativwirtschaft.“ Auch er weiß, dass Heidelberg keinen ITStart-up-Fokus hat. Und ist stolz darauf. „Denn“, so Bühler, „wir wollen uns viel

breiter aufstellen und sind sehr glücklich, dass das gelingt.“ So sind die Startup-Weekends der Heidelberg Startup Partners mittlerweile immer ausgebucht. Zwei der sieben vom Land Baden-Württemberg geförderten Acceleratoren sind auch in Heidelberg angesiedelt: Im LifeScience-Bereich (Life Science Accelerator BW; www.lifescience-bw.de) und im B2B-IT-Umfeld (Up2B-Accelerator; www.up2b.io) werden – jeweils in Kooperation mit anderen Städten und Regionen – Gründer in strukturierten Programmen auf dem Weg zur Marktreife begleitet. Diese Kooperationsfähigkeit ist das, was die Heidelberger Gründerszene so besonders zu machen scheint. Raoul Haschke, für Gründungen aus der Universität Heidelberg heraus verantwortlich, seine Pendants Hannu Sparwald von der Pädagogischen Hochschule (PH) und Bernhard Küppers sowie Felix Kirschstein

vom Gründer-Institut der privaten SRH Hochschule Heidelberg, stoßen in das gleiche Horn: Auch wenn die einzelnen Hochschulen sicher die eine oder andere Unterschiedlichkeit aufwiesen, so arbeiteten die Beteiligten doch dann alle recht konstruktiv zusammen, wenn es um Gründungen geht. Während Haschke darum bemüht ist, die Ausgründungen aus den Forschungseinrichtungen der Universität zu begleiten, freut sich Sparwald noch darüber, dass die PH vom BMBF als „Innovative Hochschule“ erst vor Kurzem eine größere Summe an Fördermitteln erhalten hat. Sie fließen zu einem Teil in die Gründungsunterstützung. „Die Bereiche Bildung und Wissensvermittlung liegen uns dabei besonders am Herzen“, so Sparwald. Nicht entscheiden zwischen den spannenden Gründungen im SRH-Umfeld können sich dagegen Küppers und Kirschstein. Sie nennen gleich mehrere Start-ups, mit denen man sprechen müsse. „Das“, so findet Küppers, der im März die Leitung des Gründer-Instituts von Professor Dr. Rüdiger Fischer übernommen hat, „ist eine Luxussituation.“ Dieser Luxus resultiert vermutlich auch aus dem umfangreichen

Inkubationsangebot, das das GründerInstitut zu bieten hat. Eines dieser Start-ups ist Living Brain (www.livingbrain.de). Die Gründer Barbara Stegmann und Julian Specht haben sich im Psychologie- bzw. Wirtschaftspsychologiestudium bei einer gemeinsamen Hausarbeit kennengelernt. Dabei war ihnen aufgefallen, dass beide „Wir können hier eine Idee zur Umsetzung im sehr gute Mitarbeiter mit Kopf hatten. Am Ende kam mit IT- und VersicherungsLiving Brain ein auf Virtual Reality (VR) gestützter Ansatz hintergrund finden.“ für die Neuro-Rehabilitation Christian Wiens, heraus. Dabei können einzelne Co-Founder Getsafe kognitive Bereiche wie der Orientierungssinn oder das Gedächtnis mithilfe von VR-Brillen dreidimensional und viel realistischer trainiert werden, als das mit den bisherigen Therapieansätzen der Fall ist. Die beiden Gründer waren auf die Idee gekommen, als sich Specht wegen einer Hirn-Operation mit der Reha-Frage beschäftigte. Die Heidelberger Gründerszene ist noch voller weiterer Geschichten und spannender Akteure. Deren Erzählung muss aber bis zu einem weiteren Besuch unterhalb des Schlosses warten . . .

Tüftler – Gründer – Startups Sie interessieren sich für Ideen, Innovationen und Inspirationen rund um Startups, etablierte Firmen, Hochschulen und Trends aus der Technologieentwicklung in Baden-Württemberg? Auf www.ideenwerkBW.de und in Ihrer Wirtschaftszeitung „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte.

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GASTAUTOR MORITZ MEIDERT Autor Meidert ist „Kapitän“ des bundesweit tätigen Gründerservice-Unternehmens Gründerschiff mit Sitz in Konstanz. Nach dem Studium in Konstanz und Friedrichshafen hat er nach einer gescheiterten Unternehmensgründung, mehreren weiteren Gründungen sowie einiger Erfahrung als Gründungsberater 2014 das Gründerschiff gestartet. Gründerschiff Das Gründerschiff begleitet mit regionalen Gründerschiff-Lotsen neben

Unternehmensgründern auch kleine und mittlere Unternehmen bei Innovationsprojekten sowie Vorhaben, die den Gründergeist der eigenen Mitarbeiter fördern sollen. Außerdem bestehen Kooperationen mit Hochschulen, Kommunen und Landkreisen. Angebot Ziel ist es, Angebote für Gründer im Land besser zu verbreiten. Das Gründerschiff macht nach eigenen Angaben mehr als 8000 Angebote im Jahr für Gründer und deckt Regionen abseits der Metropolen ab. age

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10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 2 | Ap

Gründen Frauen anders? Bei Start-ups sind Frauen unterrepräsentiert, als Männer. aber sie sind im Durchschnitt gründungsfreudiger liche Wie passt das zusammen? Wir blicken auf die weib Gründerbilanz und stellen Start-ups von der pon vor. Hightech-Spule bis zum ökologisch korrekten Tam

Grün deri nnen

Dienstleistungen oder Themen rund um Kinder – das ist bis heute typische r für Unternehmensgründungen von Frauen als ein Technolo gie-Start-up.

Manchmal zu bescheiden Der Anteil der Frauen an Gründungen ist hoch. Doch Start-upUnternehmerinnen im engeren Sinn sind selten. Von Inge Nowak Trend

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ie Treffen der Start-up-Szene sind vor allem eines – Männerveranstaltungen. Frauen sind dort kaum vertreten. Das hat einen einfachen Grund: Es gibt nur wenige. Damit ist nicht gesagt, dass Frauen den Sprung in die Selbstständigkeit nicht wagen. Ganz im Gegenteil. Knapp 31 Prozent der Unternehmen, die 2016 in Baden-Württemberg gegründet wurden, haben eine Frau an der Spitze, hat das Statistische Landesamt in Stuttgart ausgerechnet. Die Förderbank KfW kommt sogar auf einen noch deutlich höheren Anteil. Eine Gründung ist eben nicht immer auch ein Start-up. Gerade mal bei 14,6 Prozent der Startups, die 2016 gegründet wurden, hat eine Frau das Sagen, geht aus dem Start-up Monitor 2017 hervor. Am höchsten ist der Anteil dabei in Berlin, wo 16,2 Prozent der Start-ups von Frauen gegründet wurden. Hamburg und München sind Schlusslicht ( jeweils 10,5 Prozent). Die Regionen Stuttgart und Karlsruhe komTüftler - Gründer - Startups men auf 13,3 Prozent. Auf www.ideenwerkBW.de und in Doch was unterIhrer Wirtschaftszeitung scheidet Start-ups „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ von klassischen finden Sie zu diesen Themen Gründungen? Ein aktuelle Nachrichten. neuer BlumenlaJetzt kostenlos registrieren: den oder ein ArchiINNOVATIONWEEKLY – der neue tekturbüro ist eine Newsletter! Gründung, aber kein Start-up. Bei Start-ups geht es um neue, risikoreiWirtschaft tschaftt che GeschäftsmoIn Kooperation mit: delle, dort wird von einer schnellen Expansion geträumt und dort wird viel Geld von VentureCapital-Gesellschaften eingesammelt. Apropos VC-Gesellschaften: Dort ist der Männeranteil sogar noch höher als bei den Start-ups. Bei mageren vier Prozent liege der Anteil der Investorinnen, sagt Peter Lennartz, Partner bei der Stuttgarter Unternehmensberatung EY. Eine ernüchternde Erkenntnis – auch für potenzielle Start-up-Gründerinnen. Experten sind sich einig: Es liegt nicht an den Ideen, dass Frauen bei Start-ups nur eine Nebenrolle einnehmen. Frauen gründen eben anders. „Eine Gründerin denkt weniger an eine schnelle Expansion als vielmehr daran, ein praktisches Problem, das sie aus dem Alltag kennt, zu lösen“, sagt Lennartz. Zu ihren Themen gehören Ernährung, Kinderbetreuung, Mode oder Gesundheit. Eine Frau hat ein Problem mit der Kita – und geht ihren eigenen Weg. Oder sie hat Schmerzen – und entwickelt eine Gesundheits-App. Oder sie kann in ihren High Heels nicht laufen – und entwirft mit entsprechender Unterstützung formschöne Pumps. Frauen starten dabei häufig im Nebenerwerb und testen so, ob ihre Idee trägt. Und der Mann? Der will vor allem Geld verdienen, sagt Lennartz. „Frauen identifizieren sich mit ihrer Idee und das führt nicht zuletzt dazu, dass sie sich intensiv mit der Gründung beschäftigen“, sagt Iris Kronenbitter, die bei der Initiative für Existenzgründungen und in Baden-Württemberg

Unternehmensnachfolge (Ifex) im Stuttgarter Wirtschaftsministerium arbeitet. Sie stellten sehr realistische Planungen auf, sie steckten sich ihre Ziele so, dass sie auch erreichbar seien, und sie hätten meist einen Plan B für den Notfall in der Schublade. Wer all dies berücksichtige, schaffe eben nur eine Wachstumsrate im einstelligen Bereich – was keinen Investor anlockt. Venture-Capital-Gesellschaften bevorzugen die aggressivere Vorgehensweise, also die männliche Variante. Investoren wollen Visionen hören, ihnen geht es um rasantes Wachstum, um Marketingideen, die den Bekanntheitsgrad und damit den Wert des jungen Unternehmens in die Höhe schnellen lassen. Dafür sind sie bereit, viel Geld zu investieren. Um welche Summen es sich dabei handelt, zeigt eine Untersuchung von EY: Im vergangenen Jahr hätten deutsche Start-ups bei insgesamt 507 Finanzierungsrunden die Rekordsumme von 4,3 (Vorjahr: 2,3) Milliarden Euro eingesammelt. „Ein Gründer fragt eher nach fünf Millionen und nicht nach 500 000 Euro“, erläutert Nathalie Mielke von der Unternehmensberatung EY. Investoren gingen eben davon aus, dass Wachstum erst mal hohe Investitionssummen erfordert. Wenn ein Gründer bei Finanzierungsrunden bescheiden auftritt, trauen sie dessen Vision nicht so recht, sagt Mielke. Und genau das tun Frauen – sich bescheiden. Sie gehen risikobewusst an die Finanzierung heran. Sie wollen von Banken unabhängig sein und arbeiten meist mit Eigenkapital, so Kronenbitter. Unterstützt würden sie von der Familie, von Freunden und Bekannten. Die Folge: langsames, aber nachhaltiges Wachstum. Langweilig, denkt sich da wohl so manche Venture-Capital-Gesellschaft, die aufs Tempo drückt. Für sie steht nach drei bis fünf Jahren der Exit an. Dann will sie möglichst gewinnbringend ihre Anteile veräußern. Oder die nächste Runde finanzieren. Das Scheitern von Projekten gehört wie selbstverständlich zu einem solch risikoreichen Tempo. Die Folge: Neun von zehn Start-ups scheitern, schätzt Kronenbitter. Frauen dagegen seien – was die Überlebenschancen ihrer Unternehmen betrifft – deutlich erfolgreicher als Männer, fügt sie hinzu. Kronenbitter: „Man würde der Frau die Kompetenz absprechen, wenn es nicht funktioniert. Die Gesellschaft misst noch immer mit zweierlei Maß“. Auch Lennartz kennt die alte Rollenverteilung. Aber es gibt sie, die Frauen in der Startup-Szene. Sie haben zuvor Erfahrung bei Internetfirmen, Unternehmensberatungen oder in der Industrie gesammelt und wagen dann den Sprung. Dabei spielt auch die gläserne Decke eine Rolle, also die häufig gemachte Erfahrung, dass karrierewillige Frauen über eine bestimmte Hierarchiestufe in Unternehmen immer noch nicht hinauskommen. Untersuchungen haben ergeben, dass sich ein Drittel von ihnen dann für die Selbstständigkeit entscheidet. Doch die Zahl der Start-up-Gründerinnen wird steigen, davon ist Mielke überzeugt. Dies hat nicht zuletzt mit Projekten wie der Female Future Force des Start-ups Edition F zu tun, das natürlich von zwei Frauen gegründet wurde. Dort werden junge Frauen gegen eine Jahresgebühr gecoacht – und so auf künftige Herausforderungen vorbereitet. Dort geht es auch um Vernetzung. Männliche Coaches werden eingebunden. Offensichtlich will man nichts dem Zufall überlassen.

Die Minispule, die alles ve Ulrike Wallrabe hat eine besondere Vorliebe für winzige Teilchen und die Kunst der kleinen Spulen. Von Susanne Roeder

Mikrotechnik

S

chon in meiner Jugend war ich fasziniert von kleinen und unsichtbaren Gegenständen, angefangen von den elementaren Bausteinen der Welt, den Atomen, bis hin zur Präzision einer mechanischen Uhr.“ Ulrike Wallrabe spricht voller Leidenschaft über ihr Wirken als Wissenschaftlerin und Geschäftsfrau. Sie ist eine von noch wenigen Forschern, die auch unternehmerisch unterwegs sind. Die Professorin mit Studium der Physik und Promotion in Maschinenbau an der Universität Karlsruhe war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Letztendlich führte das dazu, dass sie zusammen mit zwei Kollegen vor knapp vier Jahren ein Start-up gründete, das Mikrospulen auf einen Chip wickeln kann. Bis dato war das nicht möglich. Die Maschine, die zur Gründung von „Voxalytic“ vollends den Ausschlag gab, steht in ihrem Institut in der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, das Start-up ist in Karlsruhe ansässig. Zusammen mit ihrem Kollegen Jan Gerrit Korvink, der früher auch am Imtek forschte und heute als Professor am Karlsruher Institut für Technologie das Institut für Mikrostrukturtechnik leitet, entwickelte sie den Prozess. „Zuvor musste man sich in der Mikrotechnik mit Kompromissen behelfen. Korvink und mir ist es gelungen, Draht um einen zylindrischen Träger zu wickeln“, erzählt Wallrabe. Zum Durchbruch verhalf den beiden Wissenschaftlern der Wunsch ihres medizinischen Kollegen Jürgen Hennig. Der Medizinphysiker am Uni-Klinikum Freiburg, der Methoden für die Magnetresonanztomografie entwickelt und als einer ihrer Wegbereiter in die klinische Diagnostik gilt, kündigte einst an, Kernspintomografie an Zellen und Zellhaufen durchführen zu wollen. „Dazu braucht man Mikrospulen“, erläutert Wallrabe. Die gab es nicht. Ein EU-Projekt wurde beantragt und bewilligt. Es gab Wallrabe und Korvink den entscheidenden Impetus. Jetzt schlug auch Wallrabes große Stunde. Für das Vorhaben brauchte es eine spezielle Maschine, die viel Geld kostet. „Ich konnte gut verhandeln, weil ich einen Ruf an die TU Wien hatte. So kam es zu der Maschine, die sozusagen alles verändert hat“, erinnert sie sich schmunzelnd. Die Wissenschaftlerin blieb der Universität Freiburg erhalten und kaufte einen automatischen Drahtbonder, der höchste Prozessanforderungen erfüllt und mit dem heute die Mikrospulen gefertigt werden. „Wir haben dann angefangen, für Hennig zu entwickeln und Mikrospulen für die Kernspintomografie zu machen.“ Ihr Kollege Korvink, der damals am Imtek

eine Professur für Simulation hatte, ging vollkommen auf im Thema. Weltweit ist er seither einer der führenden Experten für Mikro-Kernspin. Bei ihrer Arbeit ergänz(t)en sich die beiden Forscher perfekt. Und ihre Entwicklungen blieben auf die Kernspintomografie nicht begrenzt. „Die Kliniker machen vor allem Kernspintomografie, also Bildgebung, in Englisch MRI (Magnetic Resonance Imaging). Eine ganz große Rolle spielt Kernspin aber auch in der chemischen Analytik. Im Grunde kann man mit Kernspin Moleküle analysieren“, erklärt Wallrabe. Dieses Verfahren heißt dann NMR, Nuclear Magnetic Resonance, und liefert kein Bild, sondern eine chemische Analyse. „Mehr oder weniger zeitgleich haben Korvink und ich gesehen, dass man mit dieser Technologie der Mikrospulen tolle Forschung im Bereich NMR und MRI betreiben kann, dass sich das Wissen aber auch verkaufen lassen müsste, und zwar sowohl für NMR als auch für MRI.“ Dabei spielten Wallrabes Aktivitäten als Professorin für Mikroaktorik eine wichtige Rolle. „Wir haben Spulen gemacht. Sie sind grundlegende elektrische Bauelemente.“ Spulen als Bauelement gab es, lange bevor die Mikroelektronik aufkam. Die Krux bestand darin, dass man sie nicht ultraklein herstellen konnte. Das Limit war die Uhrenindustrie, ein Steckenpferd von Wallrabe. Diese Industrie war auch bei den Spulen weit fortgeschritten. Aber dass die gewickelte Spule auf einem Chip sitzt und dann auch noch integriert gefertigt wird, das gab es noch nicht. Bald erkannten die beiden Wissenschaftler: „Wir haben nun die Spulen für den medizinischen Kernspin entwickelt. Aber es gibt ja so viele andere Bereiche, wo es Spulen braucht.“ In Freiburg machte sich Wallrabe deshalb daran zu erforschen, wie sich Mikrospulen im Bereich des Energy Harvesting oder Energy Management einsetzen lassen. „Für die Industrie 4.0 ist beides ein wichtiges Thema“, betont sie. Wallrabe nennt ein Beispiel aus der Automobilindustrie: „Wenn man im Motorraum Sensoren hat, will man nicht zu jedem Sensor ein Kabel legen. VielUlrike Wallrabe ist Wissenschaftlerin und Geschäftsfrau in einem.

Die von


Wirtschaft in Baden-Württemberg 11

tuttgarter Nachrichten pril 2018

Heidi Sigel und Fabian Kempf von der

Vitero GmbH

Wohlfühlfaktor im virtuellen Raum Ein gesundes Maß an Unvernunft machte Heidi Sigel zur Co-Gründerin von Vitero. Von Susanne Roeder

Fotos: Dias da Silva, AYAimages/Kitty/Adobe Stock, Voxalytic, Susanne

Roeder, Picasa

Lern-Software.

eränderte mehr sollte der Sensor seine Energie aus der Vibration des Motors gewinnen (ernten = to harvest) und sein Sensorsignal dann wegfunken. Das ist typisch Industrie 4.0. Daraufhin habe ich die Mikrospulen untersucht. Und vielleicht noch interessanter: Wir haben Mikro-Transformatoren auf einen Chip gebaut.“ Beispielsweise für Mobiltelefone sei das wichtig. Deren Funktionen brauchen nämlich unterschiedliche Eingangsspannungen. Mit den Transformatoren von Wallrabe und Korvink lässt sich Spannung regulieren. „Auf der Basis unserer Erkenntnisse haben wir einfach mal gegründet“, fasst sie den

Entschluss zu Voxalytic lachend zusammen. Mit der Gründung von Voxalytic wollten sie von Anfang an sowohl den medizinischen als auch den mikroelektronischen Markt adressieren. „Mein Forschungswissen in Produkte umzusetzen und Hightech-Arbeitsplätze für die großartigen Persönlichkeiten zu schaffen, die ich als Professorin unterrichten darf“, das nennt Wallrabe ihren wahr gewordenen Traum. Für sie wie für ihre Co-Gründer steht fest, dass sie auf keinen Fall „schnelles Geld“ machen möchten mit Voxalytic. Sie denken weder an Verkauf, noch wollen sie an die Börse. Es geht um nachhaltiges Wachstum.

ZUR PERSON Ingenieurin Ulrike Wallrabe studierte in Karlsruhe. Zwischen Studium und Promotion über Mikroturbinen und -motoren wechselte sie von der Physik in die Ingenieurwissenschaften. Professorin 2003 wurde Wallrabe an die Freiburger Albert-Ludwigs-Universität als Professorin für Mikroaktorik am 1995 gegründeten Institut für Mikrosystem-

e Größe einer Erfindung hängt nicht n ihrer Länge ab.

technik berufen. In Deutschland ist die Universität mit ihrer Mikrotechnik führend. „Am Imtek dachte man von Anfang an groß. Hier arbeiten mehr als 20 Professoren nur an der Mikrosystemtechnik. Wir decken die gesamte Bandbreite ab. Das ist wirklich grandios“, sagt Wallrabe. Unternehmerin Seit knapp vier Jahren ist die Professorin und Institutsleiterin des Imtek

auch Unternehmerin. Zusammen mit Jan Korvink und Jörg Funk als gleichberechtigten Partnern gründete sie im Juli 2014 das Start-up Voxalytic, das inzwischen drei Angestellte hat. Somit erfüllt sie im Dauerspagat drei Funktionen: Professorin, Institutsleiterin und Gründerin. Kontakte www.voxalytic; www.tf.uni-freiburg.de roe

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as Unternehmen für Lern-Software, Vitero, wächst seit knapp zehn Jahren organisch und nachhaltig. So lautete auch von Anfang an der Plan seiner sechs Gründer. Ihnen waren die vielen Flops während der Dot-Com-Blase noch in Erinnerung und gleichzeitig Warnung, dass längst nicht alles Gold war, was damals glänzte. Deshalb schlugen sie einen anderen Weg ein. Den, auf der Basis solider Erfahrung zu gründen. Gründerin und gleichzeitig eine von zwei Geschäftsführern bei Vitero ist Heidi Sigel. Sie verließ den ihr zur Routine gewordenen Job in der Druckindustrie, wollte „etwas Neues wagen, kreativ und innovativ sein“. Von Gründung und Selbstständigkeit war noch nicht die Rede. Sigel wechselte zunächst ihren Arbeitsplatz. Es gelang ihr, eine am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) ausgeschriebene Stelle zu bekommen. Finanziell bedeutete das zwar erst einmal einen Rückschritt, doch „es war ständig etwas los“, schwärmt sie noch heute. Als Projektkoordinatorin betreute sie internationale Projekte. „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen, musste nach kurzer Zeit EUProjekte in Brüssel vorstellen und verteidigen, um die Gelder zu bekommen.“ Doch sie riskierte dann noch mehr, indem sie die Selbstständigkeit wählte. „Aus meinem Hintergrund mit der Druckindustrie hätte ich den Mut nicht gehabt“, gibt sie zu. Aber sie wollte es einfach wissen und die Gründung der Vitero GmbH war eine folgerichtige Weiterentwicklung von Ideen gewesen, auf die sie zusammen mit den Projektteams beim IAO gestoßen sei. Zusammen mit ihrem Kollegen Fabian Kempf war sie sich ihrer Sache sicher. Beide wussten, sie hatten mit ihrer Virtual Classroom Software eine echte Marktlücke entdeckt. Bei Vitero geht es darum, Menschen in virtuellen Räumen neuartig miteinander kommunizieren zu lassen. Geholfen beim riskanten Unterfangen, sich selbstständig zu machen, hat zweifellos, dass sich alle sechs Gesellschafter kannten. „Wir waren in gemeinsamen Projektteams.“ Zusammen mit dem Ingenieur

Kempf übernahm Sigel die Geschäftsführung. „Es ging darum, die Koordination des Geschäfts auf zwei Hauptschultern zu verteilen und den vier Mitgründern dadurch die Möglichkeit zu geben, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die ihren Begabungen entsprechen“, erklärt sie die Struktur des Start-ups und ergänzt: „Wenn jemand eine gute Produktidee hat, heißt das noch lange nicht, dass er oder sie ein guter Gründer ist.“ Man bringe schließlich nicht alles mit, was notwendig sei, um eine erfolgreiche Firma zu haben. 30 fest angestellte Mitarbeiter hat das Unternehmen, drei weitere sollen in Kürze eingestellt werden. Zusätzlich arbeitet Vitero mit freien Mitarbeitern. Führen sechs Gesellschafter nicht zwangsläufig zu Problemen? Solche Zweifel zerstreut Sigel. „Wir kannten uns nicht nur alle vom Fraunhofer-Institut, wir haben auch gezielt darauf geachtet, wer ins Boot passen könnte.

ZUR PERSON Ingenieurin Heidi Sigel studierte Wirtschaftsingenieurwesen der Fachrichtung Druck in Stuttgart. Nach einigen Jahren in der Druckindustrie war kein berufliches Fortkommen mehr in Sicht. „Die fehlende Dynamik in der Branche hat mich dazu bewogen, zu Fraunhofer zu gehen und einen Neustart zu wagen.“ Projektleiterin Nach mehr als drei Jahren am Fraunhofer-Institut mit Schwerpunkt administrative Betreuung internationaler Forschungs- und Entwicklungsprojekte keimte zusammen mit Fabian Kempf der Gedanke zur Gründung der Vitero GmbH. Kempf hatte im Themenbereich E-Learning promoviert. Gründerin Die Vitero GmbH bietet Softwarelösungen für Live-Online-Kommunikation für Unternehmen aller Branchen an. Der Schwerpunkt liegt auf synchroner, internetbasierter Kommunikation. Virtuelle Klassenzimmer, Web-Konferenzen und Online-Kollaboration sind die Hauptgeschäftsfelder. Neben Softund Hardwareberatung bietet Vitero Trainings, Pilotprojekte und Einführungsprojekte an. roe

Dadurch klappt alles sehr harmonisch.“ Die Idee zur Gründung entstand bereits im Jahr 2004. Richtig losgelegt mit ihrem Start-up haben sie vor knapp zehn Jahren. „Wir haben das Produkt Lern-Software ein Stück weit neu erfunden“, sagen Kempf und Sigel. „Was ist zeitgemäß und was nicht, wohin gehen unsere Kunden, welche zusätzlichen Bedarfe sind da? All das analysieren wir genau und entwickeln dabei stetig weiter.“ Der Forschungsbereich „Collaborative Learning“ lieferte den zündenden Funken. Dieses gemeinsame Lernen wollten sie mit moderner Technologie zu einem modernen Lernen weiterentwickeln. Das hieß: weg vom virtuellen Frontalunterricht. Der Kerngedanke der Software bei Vitero ist ein virtueller Tisch als Metapher, um den herum die Teilnehmer als Avatare sitzen. Die Software liefert unterdessen sehr viele Konfigurationsmöglichkeiten. Neben den bereits bewährten Funktionalitäten für Kommunikation und Kollaboration wird es zum Ende des Jahres mit der neuen ViteroGeneration auch virtuelle Treffpunkte jenseits des „Vitero Tisches“ geben – im Wald, im Café, als Kamingespräch oder anderswo. Auch virtuelle Erfahrungen wie eine Gipfelbesteigung und das Gefühl, oben zu stehen, sind geplant. Neu ist auch die Idee einer Modellfirma, in der Kommunikationsprozesse abgebildet werden. Die Technologie kann mit einem nahezu beliebigen Endgerät abgerufen werden. „Bei uns ist immer etwas los. Es bewegt sich unheimlich viel“, berichtet Sigel und ergänzt mit sichtlicher Freude: „Wir sind dynamisch und agil.“ Und: „Wir haben einen Frauenanteil von 68 Prozent.“ Das, so Sigel, sei bei einer Softwarefirma außergewöhnlich. Mittelbetriebe oder Großunternehmen wie Lufthansa oder Volkswagen zählen gleichermaßen zum Kundenkreis von Vitero. Vitero ist als betagtes Start-up erfolgreich etabliert. „Die größte Herausforderung für uns besteht nun darin, genügend gute Leute zu finden“, sagt Sigel. Dadurch, dass Vitero sehr schnell wachse, brauche das Unternehmen in kurzer Zeit viele Leute. „Die Machertypen, die etwas bewirken wollen, die Ziele verfolgen, die Spuren hinterlassen, die suchen wir“, ergänzt Kempf und verweist auf seine Partnerin Sigel als leuchtendes Beispiel für diese Denke.

Problemlösung von Frauen für Frauen Gründen mit einem Frauenthema: The Female Company aus Stuttgart entwickelt Bio-Tampons. Von Nina Las Dias Silva Ökologie

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nn-Sophie Claus und Sinja Stadelmaier sind die zwei Köpfe hinter The Female Company. Sie verkaufen pestizidfreie und fair produzierte BioTampons, mit denen sie ganz nebenbei benachteiligte Frauen unterstützen. Wie kommt man auf die Idee, Tampons zu verkaufen? In einem Marktsegment mitzuspielen, in dem allein o.b. 75 Prozent Marktanteil hat, ist sicher mutig. Aber schon nach ersten Recherchen hat sich gezeigt, wie wichtig das auch ist. „Die Welt der Bio-Tampons ist extrem klein“, sagt Anni. Viele Frauen wüssten gar nicht, welche Inhaltsstoffe in gewöhnlichen Tampons enthalten sind: Pestizide, Chlor, Polyester, synthetische Duftstoffe. Tamponhersteller müssen ihre Inhaltsstoffe kaum deklarieren. Und auch sind sich viele Nutzerinnen nicht darüber im Klaren, was mit ihren Körpern passiert. Hier war es Anni und Sinja ebenfalls wichtig, sich vom Rest abzusetzen. „Wir können zu 100 Prozent nachweisen, was in unseren Bio-Tampons enthalten ist.“ Nämlich zertifizierte BioBaumwolle aus Spanien, dafür keine Duftstoffe, keine Pestizide, kein Kunststoff und kein Chlor. Das Verkaufskonzept von The Female Company unterscheidet sich ebenfalls von ihren Mitstreitern. Denn der Gang zum

des Hubert Burda Bootcamps im Januar dieses Jahres jedenfalls fanden die Idee der beiden überzeugend. Und wie sind die Visionen für die Zukunft? Über kurz oder lang müssen sich Anni und Sinja für eine Stadt entscheiden. Denn Sinja wohnt in Berlin und bisher pendeln beide. Für den Anfang war es ganz klar Stuttgart. Denn hier hängt das Herz und sie wollen kein weiteres „Berliner Start-up“ sein. Für die Hauptstadt sprechen dagegen die ausgeprägte Start-up-Szene und die

Supermarkt wird den Nutzerinnen erspart. Stattdessen schließen sie ein Abonnement ab. Die Größen der Tampons und der Lieferzyklus lassen sich individuell einstellen und auch jederzeit ändern. Mit der ersten Lieferung erhalten die Kundinnen eine Aufbewahrungsbox. Die Boxen mindern zum einen anfallenden Verpackungsmüll, zum anderen sollen sie mithelfen, das Thema Periode zu enttabuisieren. Statt die grünliche Packung Tampons im Badezimmerschrank zu verstecken, werden die Boxen von The Female Company ganz prominent ins Badezimmer gestellt. So die Idee. Je nach Lieferzyklus belaufen sich die Kosten auf etwa sechs Euro monatlich. Ein Abonnement kann man sich auch mit seinen Freundinnen, Mitbewohnerinnen oder Kolleginnen im Büro teilen, um so die Kosten zu mindern. Zudem wollen Sinja und Anni Kooperationen mit Unternehmen und Gastronomie aufnehmen, damit sich Frauen immer und zu jeder Zeit bestens versorgt wissen. Und nie wieder die unangenehme Frage an die Ann-Sophie Claus (l.) Fremde in der Toilettenkabine und Sinja Stadelmaier. nebenan gestellt werden muss: „Entschuldigung, hast du zufällig Tampons dabei?“ Die Juroren

zahlreichen Unterstützungen von Stadt und ansässigen Unternehmen. „Stuttgart ist beim Thema Gründen nicht da, wo es sein könnte.“ Der „Von Frauen für Frauen“-Gedanke ist zwar sehr stark ausgeprägt, wird aber nicht ausgrenzend praktiziert. „Ich nehme an, aufgrund des Themas werden in unserem Unternehmen immer mehr Frauen arbeiten. Wir wollen anderen Frauen etwas Gutes tun und wenn ein Mann da mithelfen möchte, dann ist er auf jeden Fall richtig bei uns.“

START-UP MIT IDEALEN Inspiration Kennengelernt haben sich die beiden Gründerinnen von The Female Company schon während ihrer Studienzeit an der Universität Hohenheim. 2016 ging es dann gemeinsam auf Reisen, das Thema Gründen begleitete sie schon eine ganze Weile. In Vietnam halfen sie einer Frau, ihre Laternen-Workshops online besser zu vermarkten – und wurden selbst inspiriert. Motivation Der soziale Aspekt stand von Anfang an im Fokus des jungen Unternehmens. Aktuell werden Flüchtlingsheime in Stuttgart von The Female Company mit Hygieneprodukten für Frauen unterstützt. Weitere Projekte und Kooperationen stehen bereits in den Startlöchern. lds


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Automatisiertes Fahren braucht Mut Was der Fahrer noch selbst macht und was das autonom fahrende Auto – das untersucht das EU-Projekt BRAVE. Von Susanne Roeder

Mobilität

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ie Mobilität der Zukunft bestimmt die öffentliche Diskussion. Im Ballungsraum Stuttgart, wo das Automobil vor knapp 125 Jahren erfunden wurde, widmen sich Industrie und Wissenschaft dieser Thematik unter Hochdruck. Besonders eng ist die Zusammenarbeit beim diffizilen und juristisch heiklen Thema automatisiertes Fahren. Nutzerzentrierte Entwicklungen sind der Fokus am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und am Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement der Universität Stuttgart (IAT). Wie fahren wir im Jahr 2030? Das bewegt viele Mitarbeiter dieser Institute. Seit Juni letzten Jahres bis Mai 2020 forschen Nicole Fritz, Frederik Diederichs und Sven Bischoff von IAO und IAT im europäischen Forschungsprojekt BRAVE. BRAVE, das englische „mutig“, steht für „BRidging Gaps for the Adoption of Automated VEhicles“. „Für das automatisierte Fahren sollen Bedürfnisse, Anforderungen und Verbesserungspotenziale aufgespürt werden – und zwar aus der Perspektive des Anwenders“, erläutert IAT-Wissenschaftler Sven Bischoff. Sieben Länder, elf Partner, drei Jahre Laufzeit. Gemeinsam wollen die Forscher die Kluft zwischen dem Anspruch des Fahrers an das automatisierte Fahrzeug und dessen Angebot überwinden. „Bei uns hier in Stuttgart geht es gezielt um das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine, nämlich um die Interaktion mit neuen automatisierten Fahrfunktionen“, beschreibt Kollegin Fritz das Vorhaben. „Unser primäres Ziel dabei ist, ein sinnvolles Konzept zu entwickeln, das alles berücksichtigt, was man aus der Literatur schon kennt, eigene Erkenntnisse einfließen zu lassen und das in einem Demonstrator menschengerecht umzusetzen.“ Das große Ziel sei, ein gutes Bild davon zu bekommen, „welche Stimmung in der Bevölkerung zum automatisierten Fahren herrscht, wie man diese belastbar erlebt und daFoto: Roeder mit den Grundstein für eine gute Markteinführung legt.“ „Es geht ums Konsequent vermeiden die Zusammenspiel von Wissenschaftler das Adjektiv Mensch und Maschine.“ „autonom“. „Wir sprechen lieber von Automatisierung, um Nicole Fritz, BRAVE-Projektteam die Rolle des Fahrers weiterhin zu betonen“, erläutert Bischoff. Autonom ist nur Level fünf – die auf einer fest definierten Skala von eins bis fünf höchste Stufe der Automatisierung. Wobei selbst da meist von automatisiertem Fahren gesprochen werde. In der Forschung bewegt man sich auf der Skala zwischen Level drei und vier. Der Stand der Technik dagegen liegt derzeit allerdings eher bei Stufe zwei. „Beim Projekt BRAVE betrachten wir Anwendungsfälle, die den Bürgern vielleicht wichtig sind, die aber von der Industrie unter Umständen vernachlässigt werden oder wo sie andere Prioritäten setzt“, beschreibt das Trio sein Vorgehen innerhalb des europäischen Forschungsverbunds. Schließlich identifiziere man in der Industrie den nächsten machbaren Schritt und setze diesen um. „BRAVE verfolgt eine nutzergetriebene Roadmap und schlägt Anwendungen vor, die den Bedürfnissen der Europäischen Bürger entsprechen“, sagt Bischoff. Da BRAVE den Kundenwunsch erforscht, komme das letztlich auch der Industrie zugute, mit der man ohnehin sehr eng zusammenarbeite – je nach Fragestellung. „Von dieser Zusammenarbeit profitieren auch wir ungemein“, betonen Bischoff, Diederichs und Fritz einhellig. Die Stuttgarter Wissenschaftler interessiert zum Beispiel, wie automatisierte Fahrzeuge mit diesen besonders verletzlichen Verkehrsteilnehmern, also Radfahrern und Fußgängern, umgehen und wie diese sicher ins automatisierte Verkehrsgeschehen eingebunden werden können. Natürlich gehe es auch darum, wie der Fahrer selbst besser integriert werden kann. Fritz, Bischoff und Diederichs sind für die Konzeption und Entwicklung innovativer Innenraum- und Cockpit-Konzepte verantwortlich. Sie untersuchen zudem, wie andere Menschen die Roboter auf Rädern wahrnehmen. Welche Ansprüche an das automatisierte Fahren hat der „Drivenger“? Für den Zwitter aus sich kutschieren lassendem

Noch ist dieser selbstfahrende Konferenzraum Zukunftsmusik. Aber die Experten arbeiten daran.

Um so entspannt hinterm Steuer zu lesen, muss der Mensch noch einiges lernen – vor allem Vertrauen in die Technik Passagier und aktivem Fahrer (Driver und Passenger) entwickeln und testen die Stuttgarter Konzepte, die für die künftigen Nutzer automatisierter Fahrzeuge einen Mehrwert bringen sollen. Ihre Forschungen betreffen die Ergonomie im Fahrzeuginnern und die Frage, welche Informationen zur Verfügung gestellt werden müssen, ohne den Drivenger zu überfordern. „Das Cockpit muss intuitiv verständlich sein, die Bedienung leicht erlernbar und auf verschiedene Situationen übertragbar sein“, erläutert Fritz und gibt ein Beispiel,

das zeigt, welche Probleme die Automatisierung mit sich bringt. „Derzeitige Techniken können dazu führen, dass sich der Fahrer das Bremsen graduell abgewöhnt, weil das Fahrzeug das für ihn macht. Was aber, wenn ich plötzlich eine Situation habe, in welcher das Radar des Fahrzeugs ein Objekt nicht genau erkennt; oder nicht wahrnimmt, dass die Ampel rot ist? Dann kann es schon passieren, dass ich langsamer bremse als notwendig.“ Das ist nur eine der bekannten „Ironien von Automatisierung“, wie es die Stuttgarter Forscher in Anleh-

DAS PROJEKT BRAVE UND SEINE KÖPFE BRAVE Innerhalb des EU-Projekts BRAVE arbeiten elf Partner an automatisierten Fahrzeugkonzepten. Sie erheben Bedürfnisse, Anforderungen, Akzeptanz und Vertrauen potenzieller Nutzer und anderer Verkehrsteilnehmer. Damit adressieren sie eine sichere und effiziente Markeinführung automatisierter Fahrzeuge. Das Projekt wird innerhalb des Forschungsund Innovationsprogramms „Horizon 2020“ für eine Lauf-

zeit von drei Jahren gefördert (Juni 2017 bis Mai 2020). M. Sc. Nicole Fritz Wissenschaftliche Mitarbeiterin am IAT der Universität Stuttgart im Bereich Vehicle Interaction. Fritz studierte Psychologie in Mannheim und Portland (USA) und Human Factors in Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Probandenstudien und automatisiertes Fahren. Dipl.-Psych. Sven Bischoff Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAT der Universität Stuttgart im Bereich Vehicle Interaction. Bischoff studierte Psychologie in Tübingen. Seine Hauptforschungsaktivitäten liegen in der Methodenentwicklung

zur frühen Erhebung von Nutzeranforderungen, im UX-Design und in der Fahrerzustandserkennung. Dr.-Ing. Dipl.-Psych. Frederik Diederichs Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IAO im Bereich Vehicle Interaction. Diederichs promovierte in Ingenieurwissenschaften an der Universität Stuttgart. Sein Schwerpunkt ist die nutzerzentrierte Gestaltung von Fahrerassistenzsystemen und automatisiertem Fahren in Fahrsimulationsstudien und Feldversuchen. Kontakt http:// www.brave-project.eu/ https://ww.vi.iao.fraunhofer.de roe

Fotos: Daimler, Volvo, Roeder

nung an einen viel beachteten Artikel der Londoner Forscherin Lisanne Bainbridge nennen. „Die Königsdisziplin ist natürlich“, so Bischoff und Diederichs, „herauszufinden, was der Fahrer erfasst und was nicht. Künstliche Intelligenz (KI) wird uns hier stark weiterbringen. Wenn wir davon ausgehen können, dass der verantwortliche Insasse die Situation erfasst hat, dann lassen wir ihn in Ruhe.“ Das legt nahe, dass die elf Partner beim Forschen auch über neue Probleme stolpern werden, die in Folgeprojekten bearbeitet werden. Foto: Roeder Diederichs skizziert, wie es weitergehen wird: „KI- „Königsdisziplin ist basierte Mensch-Maschine herauszufinden, was -Schnittstellen werden im Auto der Zukunft ein Umden- der Fahrer erfasst.“ ken bei den Insassen erfor- Sven Bischoff, dern. Kontextrelevante Infor- BRAVE-Projektteam mationen werden wesentlich auf das Nutzungserlebnis im Auto einwirken. Heute erwarten die Nutzer vor allem ein verständliches, transparentes und erwartungskonformes Systemverhalten. Wir wollen untersuchen, ob sich die Erwartungen mit der Erfahrung ändern oder wie und wo KI für die Insassen einen intuitiv erlebbaren Mehrwert bieten kann.“ Diederichs formuliert es so: Eine gute Entwicklung erfüllt den Bedarf in zwei Jahren, eine sehr gute erfüllt auch den Bedarf der nächsten zehn Jahre.“ In diesem Kontext bewegt sich BRAVE. Am Ende des EU-Projekts im Mai 2020 wollen Fritz, Bischoff und Diederichs Lösungen vorstellen, die eine schnelle und sichere Markteinführung automatisierter Fahrzeuge so unterstützen, dass sie von den Kunden und Verkehrsteilnehmern positiv angenommen werden.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Das Unternehmen gibt es schon seit fast 20 Jahren, bereits seit 2009 werden automatisierte Texte verfasst. Firmenchef Saim Alkan bezeichnet AX Semantics gerne als das vielleicht älteste Start-up Deutschlands.

Foto: AX Semantics

Der Herr der Algorithmen AX Semantics entwickelt für Kunden Schreibprogramme. Damit können diese etwa Gebrauchananweisungen verfassen. Inhaber Saim Alkan ist überzeugt, dass die Anwendungsgebiete seiner Software noch lange nicht ausgeschöpft sind. Von Ulrich Schreyer Schreibroboter

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ir sind vielleicht das dium zum Wirtschaftsingenieur. Der Vater men vor dem Angriff der Billigschreiber geälteste Start-up in stammte aus Istanbul und arbeitete bei den rettet hatte, blieben Probleme nicht aus. Deutschland“, sagt Saim Technischen Werken Stuttgart, die Mutter Anfang des Jahrzehnts zahlte ein Kunde zu Alkan. Die ersten Schrit- war Hausfrau. Unternehmer zu werden, spät, das verhagelte die Bilanz und führte te zur automatisierten war ihm damit zwar nicht in die Wiege ge- zu einem Verlust von 90 000 Euro. Seit Textverarbeitung wurden allerdings be- legt, doch ein unternehmerisches Händ- 2014 hat AX Semantic Investoren an Bord: reits 2009 eingeleitet. Aber noch immer chen bewies er schon früh: Um sein Stu- sechs große Zeitungshäuser, einen vermögilt für ihn, was typisch für ein Start-up ist – dium zu finanzieren, handelte er mit Elek- genden Privatier aus Stuttgart und einen das Betreten von Neuland: „Wir haben kei- tronikteilen. Seine Diplomarbeit handelte aus Berlin. Der Gründer hält noch 50,64 vom Vertrieb technischer Produkte – der Prozent an dem Unternehmen, das inzwine Fußspur, der wir folgen können.“ Zuerst mit zwei Partnern, dann seit Weg zu den folgenden PR-Aktivitäten war schen zwei Millionen Euro Umsatz macht, 2001 auf eigene Faust, hat Alkan nach dem also so weit nicht. „Mich hat schon immer aber immer noch rote Zahlen schreibt. Um die Wende einzuleiten, müssen zu Studium eine PR-Agentur betrieben. Mit die Schnittstelle zwischen Technik und Beseinen Mitarbeitern – Historiker, Germa- triebswirtschaft interessiert“, sagt er heu- den 150 vorhandenen Kunden neue komnisten, Kommunikationswissenschaftler – te. Doch auch nachdem er sein Unterneh- men, 20 000 ist eine Zielmarke. Die Entschrieb er für seine Kunden Texte wie Gebrauchsanweisungen oder Produktbeschreibungen. Doch dann bekam er die Macht der „Marktplätze“ zu spüren: „Diese Online-Plattformen beschäftigten Studenten, Hausfrauen oder Rentner und konnten Texte zu einem Zehntel unseres Preises liefern, wir Alkan von Saim verloren massiv Kunden.“ Ein Ausweg, das war im r Ruhe be n Ideen? dem studierten Wirtnuten de ie beste i d M n e e g n i h n n I dee . Ei schaftsingenieur rasch mmen itpunkt nd neue I em Ort ko obleme u ls ein Ze r a An welch P t klar, konnte die Automatih r c O i n s i sen niger e ad. Da lö sierung sein. „Wir brauchEs ist we m Motorr e d f u a r e ten also eine Software, die Sport od it der le Idee m . l n o Texte schreiben kann“ – e t h e e i t d s enn ent chock, w gegen die Billigschreiber zog gen den S e g h c einen i ? s d Alkan mit einem Angriff der gen im kl rt wir net man n e p u i p r t a e n w s o s e r e i W einige Verb t konf Algorithmen ins Feld. Doch gung und deen und Realitä i I n t e e ä n r t i e s e t e l t B bi rdaut es e der für diesen Feldzug brauchte ise – k e Moment nd man ve beitswe l u r e A r i e e v n r t i e f e s Un er Geld, etwa 400 000 Euro, “ kl – schaf Schocks u testen cht die „ die ihm aber keine der bea m Rahmen z s a D . g äuschun kannten Stuttgarter Banken der Entt leihen wollte. Alkan verkaufte ernt? as besser. iste gel e m s a d lernt. D e sein noch nicht einmal bezoaben Si itern ge h e n h r c e S schnell t m d i i genes Haus auf itern eren un em Sche e i h h t c c p l S e e z m w k e s Au zu a us d „Das Unternehmen . dem Stuttgarter r klein, abe ich a ntstand groß ode eisten h m b o m A , daraus e e e e i Killesberg und d d I wegen der Konkurrenz , r e e k n r i ä e ? rn e St seine fünf PorScheite u wollen n, ist di der Online-Plattformen iv sein z u schaue t z a e e n r r k o , v sche. „Schöne eht er nach shops, d s darum g zu schließen, stand Autos, da waren und Work m, wenn e n u e t p r von p r g u I i r e g G bhän oßen er größt auch Oldtimer für uns nie zur Debatte.“ bst. Una tiv in gr l a e e s Was ist d r m k e i n e n. in ei darunter.“ bt, man s er denke ntsteht Saim Alkan, Wer glau und selb ivität e n t e a z e t r Anders als für e K s e ht Gründer AX Semantics : hin t? irrt. Ec en. Also die Banker war !“ gesag n Person e t g i l ht nicht i e g s a bete D . „ Alkan klar, dass n te den es zu tes zu jeman ngen es technisch möglich ist, t es, all lbst mal s e i s Erfahru s e e p i n u S e n g t e i r b e a a t s h S e n s b n Schreibroboter zu bauen. Wa en de n sich tig, o . Das Wes en änder eichgül t g l f n g o u , g u n n z e i „Das Unternehmen wegen l g Vie ung d Bed rfahrun berprüf eiten un gig von E der Konkurrenz der Onlinelen die Ü schen. Z k n y e Z M Unabhän n r e e z r e kur Plattformen zu schließen, r die and t auch in sind ode rforder e s a d stand für uns nie zur Debatd n ll u zu schne te.“ ? gewesen n. e e e und von Id Sie gern n Dass der geschäftsführene r ä die Wert w r e e t h h e c d i n h i c s Es ann de Gesellschafter Mut zum r der Ges Person. ber ich k Erfinde an einer ndern. A t i h f c Risiko bewies und in die neue r i Welcher E n d h n ic nen u ntiere m inderin Software investierte, hängt Ich orie oßen Erf r g . r e e t b n n hi möglicherweise auch mit seien da i Gedanke e Schwab g i n i e d nem Werdegang zusammen, s sin sagen, e der ihm wohl auch reichlich Selbstbewusstsein verschaffte: Geboren wurde er 1969 in Waiblingen, schon mit fünf Jahren kam er in die Schule, war offenbar zu gescheit für den Kindergarten. Mit 17 legte er sein Abitur ab, anschließend absolvierte er an der Hochschule Esslingen ein Stu-

wicklung aber sieht offenbar nicht schlecht aus: Im vergangenen Jahr wurden 100 Kunden gewonnen, allein diesen März schon 30 und im April sollen 50 bis 60 dazukommen. Geordert wurde die Software auch schon in Peru oder Korea. Inzwischen beherrscht sie 27 Sprachen: Als wir auf Englisch umstellten, hat das neun Monate gedauert. „Damals waren wir noch ein echter Manufakturbetrieb, später bei Ungarisch ging das in zwei Tagen über die Bühne“, erzählt der Herr der Algorithmen. Allein im Februar wurden mit der Stuttgarter Software 30 Millionen Texte produziert – für Modehäuser, Babynahrung oder Elektronikartikel. Alkan weiß zwar, wie man Texte schreibt, hat auch schon etliche Bücher verfasst, doch inzwischen schreiben er und seine Mitarbeiter die Texte nicht mehr selbst, sondern schulen Beschäftigte der Kunden im Umgang mit der Software – online oder durch Präsenzse- „Roboter wie Alexa minare. „Damit bin ich haben auch keinen Humor: auch bei der Diskussion, Sie können nur einen Witz ob ein Text gut ist oder nicht, aus dem Schnei- erzählen, wenn sie damit der,“ sagt Alkan. Statt gefüttert wurden.“ sich auf Diskussionen Saim Alkan, über Inhalte einlassen zu Gründer AX Semantics müssen, kann er nun – sozusagen textneutral – seine Lizenzgebühren kassieren. Die wichtigste Aufgabe, so schildert Alkan seine eigene Arbeit, sei es, „Menschen zu führen“ – etwa bei der Zusammenarbeit von Textern und Technikern, die oft aus ganz unterschiedlichen Welten kämen. Wettervorhersagen können schon von Schreibrobotern verfasst werden, ebenso Berichte vom Fußballfeld, Produktbeschreibungen oder interne Schreiben in Unternehmen. Immer mehr Schriftliches, so glaubt er, könne aus dem Computer kommen. Und nicht nur dies: „Ein Auto könnte dem Fahrer auch sagen, du hast die Nebelschlussleuchte an, aber es hat gar keinen Nebel. Gibt es einen anderen Grund, dass sie leuchtet?“ Dass die Macht der Algorithmen wächst – daran hat Alkan keinen Zweifel. Doch er weiß auch, dass sie begrenzt ist – etwa wenn die Sammlung von Daten zu teuer würde. Alkan nennt ein Beispiel: „Wenn man nur ein einziges Mal einen Kommentar darüber schreiben will, ob der Bundespräsident weitermachen soll, lohnt sich die Sammlung einer Menge von Daten nicht.“ Auch bei kreativen Texten sind seiner Ansicht nach weiter die Menschen gefragt. Roboter wie Alexa hätten auch keinen Humor: „Sie können nur einen Witz erzählen, wenn sie damit gefüttert wurden“, meint Alkan. Anders als seine Algorithmen hat Alkan selbst Humor: „Das hoffe ich doch, ich kann auch mal über mich selbst lachen.“


Wir Wirtschaft tschaft & Erfolg

April 2018

Wirtschaft & Erfolg

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Die Seiten „Wirtschaft & Erfolg“ befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten rund um Karriere und Erfolg – das reicht von Themen aus dem Arbeitsrecht bis hin zum persönlichen Porträt.

Auszeit – was beim Sabbatical zu beachten ist. SEITE 16 Anstand – warum sich Eliteschulen als Impulsgeber sehen. SEITE 18 Aufstieg – nutzen Auslandssemester der Karriere? SEITE 19

Schöner arbeiten sieht heute anders aus – monströse Schreibtische in riesigen Zimmerfluchten haben als Statussymbole ausgedient.

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Fotos: arsdigital/Oleksandr Moroz/ferkelraggae/Adobe Stock, picture-alliance

Insignien der Macht Der Dienstwagen als Statussymbol hat ausgedient. Wer heute seine Wichtigkeit signalisieren will, bestimmt den eigenen Terminkalender. Von Birga Teske Statussymbole

F

lache Hierarchien, einstimmige Entscheidungen, ständig wechselnde Projektteams – die Arbeitswelt 4.0 verändert die Unternehmen samt ihren traditionellen Machtstrukturen. Ganze ManagementEbenen fallen in großen Konzernen der Umstrukturierung zum Opfer. Wer heute noch Chef ist, kann morgen Kollege sein. Entsprechend bescheiden treten inzwischen selbst große Konzernlenker auf. So pflegt etwa Daimler-Chef Dieter Zetsche seit Jahren das Image vom Top-Manager in Turnschuhen und Jeans. Die neue Egalität zieht sich bis hinunter auf Abteilungsebene. In vielen Unternehmen ist das Duzen inzwischen Normalität. Krawatte und Sakko kommen höchstens noch beim Kundenbesuch zum Einsatz und der eigene Schreibtisch weicht dem „Open Space“. Für Führungskräfte ist die Umstellung am größten. Ihre alten Insignien der Macht verlieren an Bedeutung. Sogar der Dienstwagen – traditionelles Statussymbol aller Manager – steht auf dem Prüfstand. Und das nicht erst seit dem Dieselskandal. Zwar gehört ein Oberklassewagen bisher noch zum üblichen Gehaltspaket eines Top-Managers, doch manche „Die S-Klasse als Modelle sind aus dem Angebotskatalog verschwunden. Dienstwagen gibt es so „Die S-Klasse als Dienstwagut wie gar nicht mehr.“ gen gibt es so gut wie gar nicht Matthias Mohr, Personalberatung mehr“, weiß Matthias Mohr, Dr. Heimeier & Partner geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Dr. Heimeier & Partner in Stuttgart. Ein Grund dafür ist, dass die öffentliche Akzeptanz für protzige Statussymbole gesunken ist. In manchen Unternehmen wird fähigen Mitarbeitern ersatzweise die Bahncard 100 angeboten. Vor allem die „Generation Y“ legt weniger Wert auf die alten Insignien der Macht. Laut einer Studie des Frankfurter Zukunftsinstituts wünscht sich nur ein Drittel der nach 1980 Geborenen ein Firmenhandy oder einen Firmenwagen. 90 Prozent dagegen wollen eine gute Arbeitsatmosphäre und Zusammenarbeit im Team. „Für die Generation Y ist der Dienstwagen nicht mehr das Nonplusultra“, sagt Vera Winter, die in der Personalabteilung des Automobilzulieferers Bosch für die Nach-

wuchsgewinnung zuständig ist. Um die Zusammenarbeit und eine offene Feedbackkultur zu fördern, hat Bosch vor zwei Jahren das Vergütungssystem umgestellt. Selbst der Bonus von Führungskräften hängt seither nicht mehr von der individuellen Zielerreichung ab, sondern vom Gesamtergebnis des Unternehmens und dem Ergebnis des eigenen Bereichs. Auch äußerlich hat sich viel geändert: „Früher gab es bei uns genormte Schreibtischgrößen“, erinnert sich Winter. Dabei richteten sich Größe und Material nach der Hierarchiestufe des Nutzers. Diese Regelung gebe es seit Langem nicht mehr. Doch während sich die meisten Nachwuchskräfte im Großraumbüro wohlfühlen und für ihre Teambesprechungen die dazu bereitgestellten Sitzecken nutzen, trennen sich manche Babyboomer nur widerwillig von lieb gewonnenen Vorzügen. „Ein großes eigenes Büro in einem der oberen Stockwerke ist in traditionellen Branchen nach wie vor ein sehr wichtiges Sta-

tussymbol. Dazu gehört auch eine exquisite Möblierung mit angesagten Marken“, sagt der Heidelberger Psychologe und Führungskräfte-Coach Gerhard Fischl. Entsprechend empfindlich reagieren solche Manager auf den Trend zum Großraumbüro und die Abschaffung von Vorzimmern, die sie über Jahre vom Rest der Belegschaft abtrennten. „Es gibt oft Leute, die das bei mir thematisieren“, berichtet Fischl. Sie klagen über den Verlust von Privatsphäre, aber auch über Schwierigkeiten mit der Konzentration. Der Widerstand gegen den Wandel ist groß. In manchen Unternehmen werden die alten Privilegien der Führungskräfte deshalb nur vordergründig abgeschafft, indem die Namensschilder an Chefbüros und Vorstandsparkplätzen verschwinden. Tatsächlich aber traut sich kein einfacher Mitarbeiter, diese nun für alle zugänglichen Plätze selbst zu nutzen. Es gibt also noch Statussymbole, nur dürfen sie nicht mehr so offen gezeigt werden wie früher. Das musste schon der ehemalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld erleben. Als er 2005 den Vorstandsvorsitz übernahm, retuschierte die Presseabteilung auf dem offiziellen Antrittsfoto die Rolex an seinem Handgelenk weg. Die Zurschaustellung eines solchen Luxus sei nicht

Statussymbole

Nachhaltiger Anzug löst Nobelkarosse ab Signalwirkung Statussymbole zeigen das gesellschaftliche Standing einer Person. Erkennbarstes Zeichen der Macht ist in vielen Unternehmen nach wie vor das Vorstandsbüro. Doch auch militärisch anmutende Titel wie „Chief Executive Officer“ oder die Ausstattung mit den neuesten technischen Gerätschaften zählen dazu. Erkennbarkeit Fuhren Top-Manager früher gerne im protzigen Dienstwagen vor oder trugen teure Armbanduhren, liegen heute Zurückhaltung und Nachhaltigkeit im Trend. Die Smartwatch signalisiert Understatement und Fitnessbewusstsein, während nachhaltig produzierte Kleidung zeigt, dass man sich privates Engagement für die

Umwelt leisten kann. Die neuen Statussymbole sind differenzierter und subtiler als früher. Sie richten sich vor allem an Menschen der gleichen Hierarchiestufe. Individualität Der Wunsch nach einem tollen Auto, Haus und Boot vereint immer weniger Menschen. Statt durch materiellen Besitz grenzen sich Führungskräfte heute stärker durch ihr Wissen und Können voneinander ab. Ein Aufbaustudium an einer TopUni, Experten-Beiträge im Firmen-Blog oder der Besuch eines Fachkongresses signalisieren: Ich bin für das Unternehmen unverzichtbar. Je mehr Entscheidungsfreiheiten ein Arbeitnehmer hat, desto weiter oben steht er in der Hierarchie. bit

mehr zeitgemäß, so das Argument. Doch die Manipulation flog auf, was die öffentliche Diskussion um den teuren Zeitmesser erst recht anheizte. Statt einer Rolex wählen viele Manager inzwischen lieber eine weniger bekannte, aber ebenso teure Marke wie IWC. Und anstelle von Accessoires mit auffälligem Label werden Luxusgüter gewählt, die so unauffällig sind, dass nur noch Insider sie als solche erkennen. Dazu gehören maßgeschneiderte Kleidung ebenso wie handgefertigte Taschen oder Schuhe. Dieser Trend zur öffentlichen Bescheidenheit hat sogar einen Namen: Stealth Wealth, was frei übersetzt so viel wie Heimlichkeits-Wohlstand bedeutet. „Wenn ich einen Dabei geht es in erster Li- Terminvorschlag ablehnen nie darum, sich innerhalb der kann, bin ich schon recht eigenen sozialen Schicht oder Hierarchieebene vom Gegen- weit oben angekommen.“ über abzugrenzen. Wer seinen Gerhard Fischl, Psychologe und Status doch einmal lautstark Führungskräfte-Coach nach außen kundtun möchte, tut das subtil. Ein Hinweis auf das exotische Ziel der letzten Urlaubsreise, auf die teure Privatschule der Kinder oder die Teilnahme an einer wichtigen Konferenz reicht oft schon, um den eigenen Status unmissverständlich zu kommunizieren. Die begehrtesten Statussymbole jedoch fußen heutzutage nicht mehr auf Kaufkraft, sondern auf beruflicher Unabhängigkeit. „Der Status kommt dadurch, was einer kann, und nicht, was einer trägt“, erklärt Personalberater Mohr. Wer mit Kenntnissen, Erfahrungen und Einsatz überzeuge, könne sich Freiräume erwerben, um die ihn andere beneiden. Psychologe Fischl sieht das ähnlich. Vor allem die Hoheit über den eigenen Terminkalender, die Urlaubsplanung oder den Arbeitsort erhöhe den eigenen Status: „Wenn ich einen Terminvorschlag einfach ablehnen kann, bin ich in der Hierarchie schon recht weit oben angekommen“, so Fischl. Signalisiert werden diese Freiheiten je nach Branche und Unternehmensgröße durch besonders kreative Titel auf dem Namenskärtchen oder durch ein – manchmal nur intern gut verständliches – Buchstabenkürzel am Ende einer Mail. Manche Experten gehen sogar so weit, die Definition von Statussymbolen radikal zu erweitern. So könnten heute auch bestimmte politische Ansichten, eine Einstellung oder ein ausgefallener Stil als Statussymbol gewertet werden, sagt etwa der Luxusforscher Lambert Wiesing. Die muss man sich innerhalb eines Unternehmens schließlich auch erst einmal leisten können.


16 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Eine Auszeit von der Arbeit Immer mehr Unternehmen unterstützen Mitarbeiter, die sich einmal aus dem beruflichen Alltag ausklinken wollen. Doch ein Sabbatical will gut vorbereitet sein. Von Christiane Tischer Gastbeitrag

D

avon träumen viele: eine Weltreise machen, endlich mehr Zeit für die Familie, einmal raus aus dem Job, vielleicht sich ehrenamtlich engagieren – das Sabbatical wird immer beliebter. Worum geht es dabei? Aus seinem ursprünglich religiösen Kontext – das Sabbatjahr war im Alten Testament das siebte Jahr, das nach sechs Arbeitsjahren zur Ruhe genutzt werden sollte – hat sich das Sabbatical längst gelöst. Es handelt sich um eine berufliche Auszeit, meist von drei bis zwölf Monaten. Einen Anspruch auf ein Sabbatical hat ein Arbeitnehmer nicht – es sei denn, ein solcher ist in einer Betriebsvereinbarung vorgesehen. Ausnahmen sind lediglich einige glückliche Landesbeamte. Immer mehr Unternehmen unterstützen jedoch Mitarbeiter, die ein Sabbatical nehmen wollen. Hintergrund ist hier einerseits der Fachkräftemangel, andererseits profitiert auch das Unternehmen von einem Sabbatical: Gute Mitarbeiter können so motiviert und an das Unternehmen gebunden werden, außerdem kehren sie erholt an den Arbeitsplatz zurück und haben oft neue Motivation und Ideen gefunden. Wie geht man das Projekt „Sabbatical“ nun an? Hier ist Kommunikation alles. Zunächst sollte der Mitarbeiter, der mit dem Gedanken spielt, ein Sabbatical einzulegen, sich in Ruhe darüber klar werden, was er sich genau vorstellt. Erst dann ist ein Gespräch mit der Arbeitgeberseite sinnvoll. Für die rechtliche Umsetzung gibt es mehrere Möglichkeiten: Hier ist zunächst der unbezahlte Urlaub zu nennen. Dieser trägt das Problem allerdings schon im Namen: Er wird nicht bezahlt, und bei einer mehrmonatigen Auszeit kann daher das Geld schnell knapp werden. Dies umso mehr, als der Mitarbeiter sich nach einem Monat „Ein gelungenes selbst krankenversichern muss und auch bei PrivatverSabbatical ist Ergebnis sicherten der Arbeitgeberzueiner guten und schuss wegfällt. Dies wird sorechtzeitigen Planung.“ mit eine teure Angelegenheit. Es ist auch möglich, Christiane Tischer, Fachanwältin für Arbeitsrecht Arbeitszeit auf ein LangzeitArbeitszeitkonto einzuzahlen, also Urlaub (soweit er über gesetzlichen Urlaub hinausgeht) und Überstunden einzubringen. Diese können dann während des Sabbaticals „abgefeiert“ werden. Aber auch hier stellt sich meist ein Problem: Um mehrere Monate in ein Sabbatical zu gehen, ist es meist nicht in einer realistischen Zeit möglich, so viele Überstunden und vertragliche Urlaubszeit anzusammeln. Am sinnvollsten ist daher die dritte Lösung, eventuell kombiniert mit der zweiten: die Teilzeitlösung. Der Mitarbeiter arbeitet für einige Zeit offiziell in Teilzeit und erhält auch die Teilzeitvergütung. Praktisch setzt er jedoch seine Vollzeittätigkeit fort. Die Differenz zwischen Teilzeitlohn und Vollzeitarbeit wird auf einem Langzeitkonto gesammelt und bildet das Polster, mit dem das Sabbatical finanziert wird: Während des Sabbaticals läuft der Teilzeitarbeitsvertrag weiter, aber es werden die angesparten Stunden eingebracht, so dass der Mitarbeiter freigestellt wird. Etwas Ähnliches lässt sich nicht nur über Zeit, sondern auch über einen Lohnverzicht, also über gespartes Geld erreichen.

Auch die größte Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Und der will gründlich vorbereitet sein. Die Teilzeitlösung sowie der Gehaltsverzicht haben den Vorteil, dass der Mitarbeiter sozialversicherungspflichtig beschäftigt bleibt, während er im Sabbatical ist und die Welt bereist. Denn dann laufen sowohl die Versicherungen weiter als auch die Vergütungszahlungen. Noch einen Vorteil hat die Sache: Auch wenn der Bruttobetrag bei der Teilzeittätigkeit natürlich deutlich geringer ist, als der Mitarbeiter es bisher gewohnt war – netto ist die Einbuße deutlich geringerer. Das führt bereits zum nächsten Thema, das vor Beginn der Auszeit klar sein sollte: die finanziellen Aspekte. Bevor der Mitarbeiter zum Chef geht und das Thema Sabbatical anspricht, sollte er einmal durchrechnen, wie viel Geld er in der Ansparphase sowie in der Sabbatical-Phase benötigt, wie eine Teilzeittätigkeit aussehen könnte und wie lang die Ansparphase sein muss. Denn diese Frage wird der Chef bzw. die Personalabteilung auf jeden Fall stellen. Auf folgende Punkte sollte der Mitarbeiter achten: – Schriftliche Vereinbarung, die Rechte und Pflichten klarstellt. – Vereinbarung, wann das Sabbatical beginnt und endet. – Genaue Regelung zur Ansparphase: In welchem Umfang wird Teilzeit gearbeitet, wie sieht es mit der Vergütung aus? Oft wird hier auf 50 Prozent Arbeitszeit (offiziell) reduziert. – Was passiert, wenn eine (längere) Krank-

heit während des Sabbaticals auftritt? – Ausschluss einer betriebsbedingten Kündigung während der Anspar- und Sabbatical-Phase. – Insolvenzsicherung des Ansparguthabens. – Falls möglich: Regelungen zur Tätigkeit nach Rückkehr. – Rückkehr auf Vollzeitarbeit nach Ende des Sabbaticals. (Es gibt zwar arbeitsrechtlich gegebenenfalls einen Anspruch auf Teilzeit – nicht jedoch auf Rückkehr auf einen Vollzeitarbeitsplatz.) Der Arbeitgeber sollte auf Folgendes achten: – Auch aus Arbeitgebersicht ist eine eindeutige schriftliche Vereinbarung Pflicht. – Verlängerung der Ansparphase, falls der Mitarbeiter in dieser krank wird. – Keine Verlängerung der Sabbatical-Phase durch Erkrankung. – Anrechnung von bestehenden Urlaubsansprüchen auf die Freistellung in der Sabbatical-Phase. – Die Organisation einer Vertretung muss „stehen“, bevor der Mitarbeiter in das Sabbatical starten kann. Ein gelungenes Sabbatical ist Ergebnis einer guten und rechtzeitigen Planung – sowohl von Arbeitgeber- als auch von Arbeitnehmerseite. Machbar ist in den meisten Unternehmen einiges. Es lohnt sich nachzufragen. Auch und insbesondere dann, wenn bisher noch kein Arbeitnehmer

Fotos: Jürgen Fälchle/Adobe Stock, Sabine Starmayr

des Unternehmens in ein Sabbatical gegangen ist. Und bedeutet von Arbeitgeberseite die Zustimmung zu einem Sabbatical, dass nun alle jederzeit in die Auszeit gehen können? Nein, ein einklagbarer Anspruch entsteht dadurch nicht. Das kann nur passieren, wenn ein Arbeitgeber nach selbst gesetzter Regelung Sabbaticals in bestimmten Konstellationen generell erlaubt – aber einen bestimmten Mitarbeiter ausnimmt. Hier gilt dann eine betriebliche Übung, auf die sich der ausgeschlossene Mitarbeiter berufen kann. Will man dies als Arbeitgeber vermeiden, empfiehlt sich eine individuelle Handhabung.

GASTAUTORIN Arbeitsrechtlerin Christiane Tischer ist Fachanwältin für Arbeitsrecht. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen und Heidelberg sowie Referendariat in Karlsruhe trat die Mutter eines Sohnes in die Stuttgarter Kanzlei Kasper Knacke Partnergesellschaft ein. Seit 2013 ist sie dort Partnerin. In ihrer Freizeit liest sie gern. bl


Wirtschaft in Baden-Württemberg 17

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Schließfächer für Gold sind knapp „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.“ So lässt Goethe in seinem Opus „Faust“ das Gretchen ausrufen. Gold fasziniert – selbst Gretchen lässt sich damit verführen. Von Thomas Spengler

Geldanlage

D

ass der Lockruf des Goldes weiter die Menschen in seinen Bann zieht, zeigt die aktuell herrschende Nachfrage nach dem Edelmetall durch private wie institutionelle Anleger. Dies machte sich 2017 in Europa auf den ersten Blick nicht unbedingt in der Entwicklung des Goldpreises bemerkbar. Schließlich ergab sich für Euro-Anleger im Jahresverlauf sogar ein leichtes Minus. In US-Dollar, der Währung, in der der Goldpreis nun mal notiert, legte das gelbe Edelmetall 2017 aber um ordentliche zehn Prozent auf ein Niveau von 1300 US-Dollar zu. „Dieser Aufwärtstrend wird sich im Jahresverlauf fortsetzen“, schätzt Frank Schallenberger, Leiter Rohstoffanalyse der LBBW, der bis Ende 2018 mit einem Preis von 1400 USDollar pro Feinunze (31,1 Gramm) rechnet. Und eine günstigere Euro-/Dollar-Relation werde dem europäischen Anleger den Trend dieses Jahr noch zusätzlich versüßen, so sein Kalkül. Im bisherigen Jahresverlauf zeigte sich der Goldpreis zunächst äußerst nervös. Er tendierte in einer Bandbreite zwischen 1310 und 1360 Dollar hin und her. Noch im Vorjahr waren die Bestände von auf Gold lautenden ETCs (Exchange Traded Commodities) weltweit um zehn Prozent gestiegen – was einer zusätzlichen Nachfrage von 230 Tonnen entsprach. Dazu passte auch die Meldung der Deutschen Börse, die Ende 2017 eine Zunahme ihrer Goldbestände, denen Anlagen in dem Zertifikat Xetra Gold zugrunde liegen, um 50 Prozent auf 175 Tonnen registrierte. Die Anleger horten also Gold, ob in Form von Zertifikaten, ETCs oder eben physischen Werten. Darauf weist auch das starke Kundeninteresse an Tresorraum bei Stuttgarter Banken hin, wie Commerzbank und BW-Bank unisono berichten. „Die Nachfrage nach Schließfächern nimmt stetig zu“, weiß Stephan Wellnitz, Leiter des Edelmetall- und Münzkabinetts der BW-Bank. Von rund 60 Euro für das kleinste Schließfach mit dem Grundriss eines DIN-A4-Blatts bis Foto: Eppli zum Safe von mehr als 270 000 ccm für 714 Euro pro „Es ist insbesondere die Nachfrage nach sicherem Jahr lassen sich die Kunden die Sicherheit im Banktresor Lagerraum für physisches im Falle der BW-Bank kosten. Gold, die die Schließfächer Natürlich werden dort neben Gold auch noch andere Wertknapp werden lässt.“ sachen eingelagert. Aber es ist Ferdinand Eppli, insbesondere die Nachfrage Auktionshaus Eppli nach sicherem Lagerraum für physisches Gold, die die Schließfächer knapp werden lässt, wie Ferdinand Eppli vom gleichnamigen Stuttgarter Auktionshaus sagt. 1300 Schließfächer in verschiedenen Größen bietet Eppli seit zwei Jahren an, von denen die ganz großen mit einer Jahresmiete von 600 Euro längst belegt sind. Verstärkt wird die Knappheit durch die Schließung von immer mehr Bankfilialen, was eben auch die Stilllegung von Schließfachanlagen mit sich bringt. Warum sich aber das gelbe Edelmetall einer neuen Beliebtheit erfreut? Bedingt durch die anhaltende Niedrigzinsphase investieren Anleger ihr Geld vermehrt in Sachwerte wie physisches Gold, wie Eppli meint. Außerdem könne man Gold eben anfassen und sich in den Tresor legen, sagt Wellnitz. Eine Goldmünze oder ein Barren seien kein abstraktes Anlagevehikel, das

In unscheinbaren grauen Kästen sind glänzende Anlagen gut aufgehoben. nur schwer zu verstehen sei. „Diesen Aspekt würde ich nicht unterschätzen“, so Wellnitz, mit dessen Münzkabinett die BW-Bank eine Art Alleinstellungsmerkmal unter Stuttgarts Banken aufweist. Großer Nachfrage erfreuen sich dort nach wie vor gängige Stücke wie beispielsweise südafrikanische Krügerrand, kanadische Maple Leaf oder australische Kangaroo-Münzen, ebenso Fünf- und 100-Euro-Goldmünzen der Bundesrepublik – „ein wahnsinniger Hype“, wie Wellnitz sagt. Auch Fair-TradeGold aus kontrollierter und zertifizierter Herkunft ist zunehmend beliebt. Und viele Kunden schätzen Münz-Abos, eine Art Dauerauftrag, in dessen Rahmen Sonderprägungen automatisch erworben werden können. Umgekehrt kauft das Münzkabinett der BW-Bank auch komplette Sammlungen von Privatpersonen wie Numismatikern an. Unter anderem für den europaweiten Vertrieb bietet das Institut über den Online-Shop des Münzkabinetts hochwertige Sammlermünzen an. Hier gehen die Erwartungen über die Wertentwicklung des Goldpreises hinaus, weiß Eppli. „In unseren Auktionen stellen wir einen Trend zu Seltenheit und sehr guter Qualität fest. Auch geografische Trends wie beispielsweise Russland oder Indien sind zu verzeichnen“, sagt er. Dabei würden die Sammler großen Wert auf die Qualität der Münzen legen. „Kratz- und Abnutzungsspuren mindern den Wert sofort“, so Eppli. Grundsätzlich sind Gewinne aus dem Verkauf von Barren und Münzen, der ein privates Veräußerungsgeschäft darstellt, nach mehr als einem Jahr steuerfrei und Verluste unbeachtlich. Natürlich mag auch die steuerliche Behandlung von physischem Gold bei einem Investment in das Edelmetall für manchen Anleger eine Rolle spielen. Doch wird die Möglichkeit zur Spekulation mit Barren und Münzen durch die An- und Aufschläge bei Banken und Goldhändlern gedämpft. Dabei gilt als Faustregel, dass die gewinnmindernde Spanne

Wirtschaft tschaftt

Fotos: 15Blickfang/Sashkin/Adobe Stock

zwischen An- und Verkaufskurs umso größer wird, je kleiner die Münze ist. Daher empfiehlt Wellnitz das physische Gold in unterschiedliche Stückelungen aufzuteilen – also lieber vier 250-Gramm-Barren anstatt eines Kilo-Barrens zu kaufen. „Denn Gold kann man nun mal nicht abbeißen“, sagt er augenzwinkernd. Vor diesem Hintergrund sollte man beim Kauf von Gold eher einen mittel- bis langfristigen Zeithorizont im Blick haben, wie es bei der BW-Bank heißt. „Gold ist eine Assetklasse wie Aktien oder Zinspapiere“, sagt Schallenberger und verweist auf den derzeit eher günstigen Zeitpunkt für einen Einstieg. Zum einen sind die Aktienmärkte schon gut gelaufen, und zum anderen ist

das Zinsniveau in den wichtigsten Währungsräumen immer noch sehr niedrig. In den USA rentieren fünfjährige Staatsanleihen auch nur mit rund 2,6 Prozent. In der anhaltenden Niedrigzinsphase fallen also geringe Opportunitätskosten für Gold an. Der Preis des Edelmetalls aber habe noch einen gewissen Nachholbedarf und tauge immer für eine Depotbeimischung von fünf bis zehn Prozent. „Gold glättet Schwankungen“, so der Rohstoffexperte. Allerdings sollte man immer auch einen Blick auf die Euro-/Dollar-Relation werfen. Damit ist das Edelmetall das geblieben, als was es schon seit Urzeiten gilt: eine Krisenwährung, die als Versicherung fürs sonstige Vermögen dienen kann.

STEUERFRAGEN Freigrenzen Wer physisches Gold innerhalb von zwölf Monaten verkauft, muss Gewinne ab einer Freigrenze von 600 Euro versteuern. Verluste dürfen nur mit Gewinnen aus privaten Veräußerungsgeschäften verrechnet werden – durch Verlustausgleich im selben Jahr sowie Verlustabzug im Vorjahr und/oder in den Folgejahren. Nach einem Jahr sind die Veräußerungsgewinne steuerfrei. Veräußerungsgewinne aus Gold-Wertpapieren unterliegen der Abgeltungssteuer von 25 Prozent – mit Ausnahme der Anleihe Xetra-Gold der Deutschen Börse. Ob Kursgewinne in Euwax Gold II, einem Zertifikat der Börse Stuttgart, nach Ablauf der Spekulationsfrist steuerfrei sind, ist nicht geklärt. spe

Abitur 2018

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Die Wirtschaftszeitung der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten für Stuttgart und die Region

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Mit Themenschwerpunkt

„Mobilität“: Präsentieren Sie Ihr Unternehmen in der Ausgabe am 05. Juni 2018

„Wirtschaft in Baden-Württemberg“ bietet zielgruppengenaue Werbung in einem B2B-Qualitätsprodukt im Großraum Stuttgart und den angrenzenden Landkreisen direkte Lieferung auf die Entscheider-Schreibtische sowie Auslage in wirtschaftsaffinen Einrichtungen

Ausgezeichnet mit dem

Lösung Smart City: Was ist das und wie funktioniert es? App-gesteuere Mobilität, Vernetzung, etc. Schöne neue Verkehrswelt: Hyperloop, Überschallflugzeuge, Lufttaxis, autonome Autos, Drohnen zum Transport etc.: Wie realistisch ist das und wann kommt es? Vom Umgang mit Daten – die neue Datenschutzgrundverordnung Wichtige Macher im Porträt: u.a. Dieter Zetsche, Winfried Hermann, Marianne Reeb, Rainer Nägele

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18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Wie Sauerteig in der Gesellschaft Private Bildungseinrichtungen können mitunter ein wichtiger Standortfaktor für die heimische Wirtschaft sein und auch als Impulsgeber für das Bildungssystem und die Gesellschaft wirken. Anbei drei Beispiele: die Internationale Schule in Stuttgart und die Internatsschulen in Salem am Bodensee und in Urspring unweit von Ulm. Von Thomas Spengler Eliteschulen

Bildung umfasst weit mehr als Lernen. Es geht auch um die Vermittlung menschlicher Werte, aber auch um Teamgeist und Empathie – das sind im Internat Salem wichtige Punkte.

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ir erbringen hier eine beachtliche Integrationsleistung“, sagt Schuldirektor Tim Kelley über die Internationale Schule in Stuttgart (ISS), wo aktuell 830 Schüler aus 40 verschiedenen Ländern den Unterricht besuchen. Wenn es um Globalität im Bildungswesen geht, hat die ISS in ihrer mehr als 30-jährigen Geschichte inzwischen ihre eigenen Maßstäbe gesetzt. So betrachtet sich die Einrichtung als die einzige Schule ihrer Art in Baden-Württemberg mit der Unterrichtssprache Englisch, deren Abschlüsse sowohl in Europa und Nordamerika als auch von der angesehenen International Baccalaureate Organization anerkannt werden. Darüber hinaus ist der ISS-Abschluss IB Diploma von der Kultusministerkonferenz in Deutschland als Abitur anerkannt, während der Abschluss des Middle Years Program den Status der mittleren Reife hat. Vor Kurzem wurde die ISS unter der Schirmherrschaft der Kultusministerkonferenz als Mint-freundliche Schule ausgezeichnet, was einen hohen Standard in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie (Mint) dokumentiert. „Damit wird unser multidisziplinärer Lehransatz bestätigt, den wir in diesen Fächern seit Jahren pflegen“, sagt Kelley, der sich überzeugt zeigt, dass die Probleme der heutigen Welt ohnehin neue kreative Lösungsansätze benötigen. Vor diesem Hintergrund ist der „Wir unterstützen das Lehrplan der ISS stark auf die Förderung der Fähigkeiten Verständnis für ihrer Schüler zu eigenständiunsere technologisch gen Problemlösungen ausgeorientierte Welt.“ richtet. „Wir unterstützen das Verständnis für unsere techTim Kelley, Direktor Internationale Schule in Stuttgart nologisch orientierte Welt“, so Kelley, für den sich das Schulmodell einer nicht selektiven Gemeinschaftsschule für die ISS bewährt hat. „Aufgrund unserer großen Erfahrung und der gut ausgebildeten Lehrer sind wir in der Lage, neben einem hohen Unterrichtsstandard eine große Integrationsleistung zu erbringen“, sagt der Direktor. Typischerweise wird die ISS von Kindern sogenannter Expatriates besucht – das sind ausländische Fachkräfte von internationalen Unternehmen, die oft nur vorübergehend in der Region Stuttgart und darüber hinaus arbeiten. Damit betrachtet Kelley die Schule als einen Standortfaktor für die heimische Wirtschaft, die darüber hinaus eine integrierende Funktion für die Familien hat und damit über die Schule hinaus wirkt. Als ein Standortfaktor für die heimische Wirtschaft gilt auch die Internatsschule Salem am Bodensee, wo 42 Prozent der derzeit 550 Schüler aus dem Ausland kommen. „Eine absolute Bereicherung“, wie Geschäftsführer Bernd Westermeyer über

die ausländischen Schüler aus 40 Nationen sagt. Dem 1920 gegründeten Internatsgymnasium, das auf die reformpädagogische Bewegung zurückgeht und die Abschlüsse Abitur sowie IB ermöglicht, geht es insbesondere auch darum, einen inspirierenden Rahmen für die Entwicklung der Kinder zu bieten. „Wir wollen die Talente jedes einzelnen fördern“, so Westermeyer, „anstatt die Kinder und Jugendlichen in Schablonen zu pressen.“ Daher sei man nicht auf der Suche nach dem besten Schüler, sondern nach interessanten Kindern. „Wir fördern den Wert des Querdenkens“, so Westermeyer, der die Tradition eines europäischen Bildungssystems schätzt, das Entscheidungsfreiheiten gibt. Das mache sie auf lange Sicht erfolgreicher, sagt er mit Blick auf die europäischen Wurzeln vieler Nobelpreisträger. Vor dem Hintergrund der raschen Entwicklung künstlicher Intelligenz ruft Westermeyer dazu auf, sich auf das zu besinnen, was den Menschen ausmacht, statt zu versuchen, mit Computern zu konkurrieren. „Es geht um die Vermittlung menschlicher Werte, aber auch um Teamgeist und Empathie“, macht er klar, „und vor allem um selbstständiges Denken.“ Ausfluss dieser Philosophie ist es auch in Salem, dass am Abend die Handys der Schüler eingesammelt werden und erst am Folgetag um 14.30 Uhr wieder ausgegeben werden. Zwischen den Handyzeiten aber hätten seine Schüler richtig Freude am Lernen und am gemeinsamen Miteinander, am Aktiv-Sein ganz ohne soziale Medien, die Westermeyer „asozial“ nennt, da sie die Nutzer real von anderen Menschen isolieren. Um den ganzen Menschen zu erreichen, bietet Salem ab der 5. Klasse musikalische oder handwerkliche Projekte. Ab Klasse 9 beginnen soziale Dienste als „verpflichtendes Angebot“ über drei Jahre, in denen sich die Schüler etwa für die Feuerwehr oder die Bodenseerettung sowie für soziale Dienste verpflichten. In diesem Kontext sieht Westermeyer Salem als Modellschule, an der Impulse für das gesamte Bildungssystem gegeben werden können. „Diese Funktion ist wie der Sauerteig in der Gesellschaft“, sagt Westermeyer. So ist er etwa überzeugt, dass der breite Einsatz von Schülern in sozialen Diensten, wie ihn Salem seit den 1950er Jahren praktiziert, in Form von Sozialpraktika mittlerweile auf viele Schulen ausgestrahlt hat. Und in ähnlicher Weise sieht er Salem unter den Internaten ebenfalls in einer Vorreiterrolle: bei der Etablierung des International Baccalaureate (IB) in Deutschland. Die Anerkennung dieses weltweit anerkannten Abschlusses durch die Kultusministerkonferenz wurde durch einen Absolventen der Schule seinerzeit erfolgreich eingeklagt. Wie Salem ist auch Urspring, unweit von Ulm, eine reformpädagogische Internatsschule, die in einem ehemaligen Kloster

Teamwork und Technik werden hier großgeschrieben.

Fotos: Mauritius, privat (2)

untergebracht ist. Dort ist die Zahl der Schüler auf rund 200 begrenzt, damit eine möglichst individuelle Betreuung möglich ist, wie Schulleiter Rainer Wetzler erläutert. Die geringe Größe erlaube es oft, Wege für Schüler zu eröffnen, die in größeren Einheiten nicht zurechtkommen. „Das ist der Charme unserer Schule“, so Wetzler, „wir praktizieren Inklusion.“ Den eigentlichen Kern von Schule beschreibt er als die Vorbereitung auf ein gelingendes Leben, in dem Fantasie und Neugierde erhalten bleiben. Basierend auf den christlichen Wurzeln der Einrichtung versucht man in Urspring Schule als Gemeinde zu leben. Dies beinhaltet sowohl Rechte als auch Pflichten, aber auch „Die ausländischen Wertschätzung für alle Betei- Schüler bringen ligten. So gibt es eine Reihe die Globalisierung von Regeln wie etwa die Benotung von Klassenarbeiten, die in unser kleines Tal.“ nicht diskutierbar sind. Ande- Rainer Wetzler, Schulleiter re Themen wie disziplinari- Urspringschule sche Maßnahmen können durchaus auch mal ausdiskutiert werden, so Wetzler. „Ein Nein ist immer der Beginn einer Verhandlung“, sagt er. Schließlich sei das Ziel der Urspringschule, mündige Weltbürger zu schaffen. Dazu tragen auch die ausländischen Schüler bei, die rund zehn Prozent ausmachen und „die Globalisierung in unser kleines Tal bringen“, wie Wetzler sagt. Als wichtige Bestandteile der 1930 gegründeten Schule beschreibt er manuelle, motorisch-künstlerische Momente sowie eine Beteiligungskultur im Unterricht, die im Sinne einer „Lerngemeinde“ das selbstständige Lernen anregt. Hinzu kommt eine starke Lebensnähe der Schule, die sich in diversen Praktika ausdrückt. Eine bereits 30-jährige Tradition hat in Urspring das Angebot einer dualen Ausbildung, die ab Klasse 8 schulbegleitend erfolgt. Rund acht Monate nach dem Abitur wird dann die Gesellenprüfung als Schreiner oder Feinwerkmechaniker abgelegt. Entwickelt wurde dieses Konzept aus den Hausgemeinschaften in der Nachkriegszeit, in denen das Prinzip des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) gilt: „Lernen mit Kopf, Herz und Hand.“

PRIVATSCHULEN Schulkosten Die Kosten für die Privatschulen sind auf den Homepages der einzelnen Einrichtungen einsehbar. Einen Überblick findet man auf http://www.internat. schule/kosten.html. Schulen Die Urspringschule ist eine gemeinnützige Stiftung, die als

Schule in freier Trägerschaft einen Teilzuschuss des Landes Baden-Württemberg erhält. Die Elternbeiträge für das Internat betragen monatlich 2830 Euro. Die Schule Schloss Salem ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das außer einem Teilzuschuss des Landes zu den Unter-

richtskosten alle laufenden Kosten aus den Zahlungen der Eltern bestreitet. Pro Monat liegen diese für Schule und Internat bei 2800 bis 2900 Euro. Teilstipendien sind möglich. Die Internationale Schule in Stuttgart mit Stammsitz Degerloch und einem Campus in Sindelfingen ist eine

nicht auf Gewinn ausgerichtete Privatschule. Die Unterrichtsgebühren dieser Einrichtung, die allerdings kein Internat ist, reichen von jährlich 10 200 Euro für den Kindergarten ab drei Jahren bis hin zu 16 740 Euro pro Jahr in der gymnasialen Oberstufe. spe


Wirtschaft in Baden-Württemberg 19

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Karriereturbo Auslandsstudium? Bei Studenten ist es hip, ein oder zwei Auslandssemester einzulegen. Doch wie sehen das die Arbeitgeber? Von Gerhard Bläske

W

ir raten unbedingt dazu, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Das ist für die persönliche Entwicklung sehr wertvoll“, sagt Rosa Lee, Senior Vice President Corporate Human Resources bei Bosch. Warum sie davon so überzeugt ist? Lee lebt, was sie predigt. Sie verfügt über 20 Jahre Erfahrung im Projektmanagement, Verkauf und Marketing sowie im Personalwesen. Sie hat bei multinationalen Konzernen gearbeitet sowie in den USA, in Hongkong und in Shanghai studiert. Da Bosch ein internationales Unternehmen mit eigenen Gesellschaften in 60 Ländern sei, „ist es für unsere Mitarbeiter Alltag, mit Kollegen aus vielen Ländern zusammenzuarbeiten“, sagt Lee. Das Unternehmen fördere diese bunten Teams. Dazu brauche es Offenheit. „Wir machen die Erfahrung, dass Mitarbeiter, die im Ausland waren, offener für andere 2015 waren rund 137 700 Sichtweisen sind.“ Dass der Ruf der zunehdeutsche Studenten an mend international aufgeUniversitäten im Ausland stellten Firmen bei deutschen eingeschrieben. Studierenden ankommt, zeigen die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts vom März 2018: Demnach waren 2015 rund 137 700 deutsche Studenten an Universitäten im Ausland eingeschrieben. Und die Zahl wächst. Dazu kommt: Nie war es so einfach, sich um einen Studienplatz im Ausland zu bewerben. Musste man früher wochenlang auf die Antwort einer ausländischen Hochschule warten, sind heute Studienplatz oder Auslandssemester nur einen Klick entfernt. Zudem ist mit dem 1999 begonnenen Bologna-Prozess ein gemeinsamer Hochschulraum zumindest in Europa entstanden. Die Studienstruktur ist einheitlich. Die Abschlüsse bauen aufeinander auf. Das erleichtert den Wechsel von einer Hochschule zur anderen sowie einen Auslandsaufenthalt erheblich. Ein Auslandssemester ist deshalb längst kein verlorenes Semester mehr. Meist lassen sich die dort besuchten Kurse und Vorlesungen an der Heimatuni anrechnen. Ein Muss sind Auslandsstudium oder -aufenthalte jedoch

noch lange nicht. Der Leasing-Spezialist Grenke in Baden-Baden etwa setzt mehr auf Weltoffenheit. „Auslandserfahrung ist bei Grenke keine zwingende Voraussetzung für eine Einstellung“, sagt Antje Stolz, Vice President Human Resources der Grenke-Gruppe. Doch auch Grenke ist mittlerweile an 100 Standorten in über 30 Ländern tätig. Hier steht das im Vordergrund, was ein Auslandsaufenthalt auf jeden Fall bringen kann: das Beherrschen einer Fremdsprache. Folglich gilt: „Bei bestimmten Aufgabenbereichen – vor allem an den internationalen Schnittstellen – setzen wir natürlich entsprechende interkulturelle Kompetenzen und ein bestimmtes sprachliches Niveau voraus. Hier bietet es sich an, dass zum Beispiel die englische Sprache schon vorab bei einem Auslandsaufenthalt erworben und auch vertieft wurde“, so die Chef-Personalerin. Es zählen Sprachkenntnisse und die Bereitschaft, sich auf andere Kulturen einzulassen und sich weiterentwickeln zu wollen. Aufgrund der Nähe zu Frankreich ist das Nachbarland für den Finanzdienstleister neben Deutschland einer der größten Märkte. Daher verstärkt Grenke aus strategischen Überlegungen die gemeinsamen Ausbildungsaktivitäten mit Frankreich und bietet seit 2014 den trinationalen Studiengang International Business Management in Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg DHBW Lörrach, der Fachhochschule Basel und der Université de HauteAlsace in Colmar/Mülhausen an. 2016 kam der neu entwickelte Studiengang Betriebswirtschaftslehre – Deutsch-Französisches Management der DHBW Karlsruhe dazu. Wer ins Ausland will, kann sich um ein Stipendium bewerben. Die beiden bekanntesten Programme sind Erasmus und der Deutsche Akademische Austauschdienst. Seit 1987 schickt Erasmus Studierende innerhalb Europas an Universitäten oder zum Praktikum; auch Lehrlinge können heute, wenn ihr Arbeitgeber es erlaubt, Auslandsluft schnuppern. Knapp 40 000 Studienaufenthalte werden derzeit gefördert, darunter rund 8000 Praktika. Studen-

Auch Großbritannien ist angesagt. Es muss ja nicht gleich Oxford sein.

Die Schweiz ist bei deutschen Studenten besonders beliebt, insbesondere die ETH Zürich.

ten können Zuschüsse für ihren Auslandsaufenthalt für die Dauer von drei bis 36 Monaten bekommen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ermöglicht den Aufenthalt an Unis auch außerhalb Europas. 2016 profitierten mehr als 75 000 Deutsche von dessen Förderung. Neben einem oder mehreren Auslandssemestern ermöglicht der DAAD Studierenden auch ein Promotionsstudium oder Praktika an anderen Hochschulen. Die meisten Studenten zieht es ins europäische Ausland. Insgesamt waren es nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes 2015 rund 81 Prozent, davon 69,1 Prozent in der EU. Die drei beliebtesten Zielländer sind nach wie vor Österreich (20 Prozent), die Niederlande (16 Prozent) und das Vereinigte Königreich (elf Prozent). Es folgten die Schweiz (elf Prozent) sowie die Vereinigten Staaten (sieben Prozent). Die Fächerwahl der deutschen Studentinnen und Studenten im Ausland unterscheidet sich zum Teil deutlich zwischen den Zielländern – auch von den beliebtesten Studienfächern in Deutschland. Besonders hoch im Kurs steht die Fächergruppe „Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“, vor allem in Ländern wie den Niederlanden, Großbritannien oder der Schweiz. In den Niederlanden wählten 2017 etwa 59 Prozent der deutschen Studierenden ein Fach aus diesem Bereich. In Frankreich war dagegen „Sprach- und Kulturwissenschaften, Sport“ mit 47 Prozent besonders beliebt. Bei Deutschen, die in Ungarn oder der Tschechischen Republik studierten, war vor allem die Fächergruppe „Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften“ mit 66 beziehungsweise 59 Pro-

Frankreic hz ten an. Im ieht vor allem Spra ch Bild: die S orbonne in - und Kunststuden Paris.

zent beliebt. Auch Österreich zieht viele Medizinstudenten an. Ein Studienaufenthalt ist nicht für alle Unternehmen gleichermaßen relevant. Der auf visuelle Effekte und Computeranimationen spezialisierte Stuttgarter Mittelständler Mackevision etwa setzt eher auf spezielle Fähigkeiten. „Das Thema Auslandsstudium ist für uns in der Summe nicht relevant. Natür- Bei Deutschen, die lich suchen wir für einzelne in Ungarn oder der Positionen auch Kandidaten Tschechischen Republik mit erweiterten Kompetenzen – wozu auch mal die Er- studierten, war vor allem fahrung eines Auslandsauf- die Fächergruppe Medizin enthalts von Vorteil sein kann beliebt. und natürlich wird die Fremdsprachenkompetenz immer wichtiger –, aber in unseren Kernkompetenzen sind die praktischen Erfahrungen und die Erfahrung aus früheren Projekten/ Aufgaben oft relevanter als ein Studium an einer Elite- oder Auslandsuni, sagt Sabine Sonn, Head of Global Human Resource Development bei der Mackevision Medien Design GmbH.

Antoniusstraße 21 • 73249 Wernau Calwerstraße 41 • 70173 Stuttgart www.krueger-dirndl.de

Fotos: Mauritius

Hochschulen

info@krueger-dirndl.de


20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | April 2018

Die Netzwerkerin

Neu im Intersport-Aufsichtsrat

Fragebogen

Erfolgsrezept: Neugier und Engagem

ent

Die Leiterin der Vector-Stiftung setzt auf Fleiß und Beharrlichkeit, vor allem aber darauf, dass Arbeit Fre ude machen muss, damit sie gelingt. Edi th Wo lf

Was macht einen guten Chef aus?

Er muss zuhören, muss versuchen,

ausgleichend zu arbeiten, und zwis chen verschiedenen Positionen abw ägen können.

Und welche Eigenschaften davon

haben Sie? Gepaart mit einer gewissen Form von Weiblichkeit und Leichtigkeit führ e ich meines Wie kommt man so weit wie Sie?

Erachtens genau so.

Ich habe immer gerne gearbeitet. Ich bin im Konzern groß geworden, was schon eine maskuline und durchau Schule ist. Ich habe das aber imm s harte er sportlich genommen. Fleißig sein hilft, die Extra-Meile gehen hilft, aushalten gehört auch dazu. und Dinge

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Ja, Glück gehört unbedingt zu eine r Karriere. Glück ist ein wesentliche r Faktor, damit sich Türen öffnen.

Haben Sie Vorbilder?

Ja, zu Anfang war es Madeleine Albr ight, die frühere US-Außenministeri n. Jetzt sind es Sheryl Sandberg, Ges führerin von Facebook, und die 180 chäftsFrauen des Netzwerks Generation CEO.

Was ist typisch für Ihren Arbeits alltag?

Wir diskutieren fast täglich im Tea m darüber, wie und wo können wir investieren, damit sich die Mint-Bi Baden-Württemberg verbessert. Ans ldung in trengungen auf diesem Gebiet sind weiterhin nötig. Und was mich pers sehr beschäftigt, ist, dass trotz posi önlich tiver Wirtschaftsentwicklung und sinkender Arbeitslosigkeit über 16 Menschen (20 Prozent der Bevölke Millionen rung) in Deutschland von Armut bed roht sind. Da müssen wir was tun.

Was würden Sie heute anders ma chen? Ich war früher

gerne mal einen Ticken zu ernst und verkrampft, wenn die Dinge nicht viel früher diese Leichtigkeit ane gut liefen. Ich hätte mir schon ignen sollen, damit Spaß und Freu de an erster Stelle bleiben. Man mus einfach mal weglächeln. s Dinge

Von wem können Sie am ehesten

Kritik einstecken? Vom Team, dem Stiftungsrat, unseren Partnern und von der Familie. Am härtesten ist eh das Feedback der Kritik zu bekommen, ist etwas sehr Kinder. Wertvolles, dann kann man was verä ndern. Womit können Kollegen Sie nerven ?

Wenn etwas extrem lange dauert.

Und umgekehrt?

Vielleicht mit zu viel Österreich-P atriotismus.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Wichtig ist, sich nicht zu verkämp fen, sondern offen durchs Leben zu gehen. Flei ßig sein, die Extra-Meile gehen.

Was macht Sie leistungsfähig?

Wechsel bei Voith Professor Dr. Siegfried Russwurm, bis 2017 Mitglied des Konzernvorstands der Siemens AG, wurde jetzt in den Gesellschafterausschuss des Voith-Konzerns berufen. Er folgt in dieser Funktion auf Dr. Nicola Leibinger-Kammüller, die nach zehn Jahren planmäßig aus dem Gremium ausscheidet. Russwurm gilt international als ein Wegbereiter der Digitalisierung der Industrie. Als Chief Technology Officer bei Siemens trieb er die digitale Transformation des Unternehmens entscheidend voran. Als Honorarprofessor für Mechatronik lehrt Russwurm an der Universität Nürnberg-Erlangen. bb

Karl-Heinz Streibich

Neuer Aufsichtsrat Die Besetzung des Aufsichtsrats der Wittenstein SE hat sich verändert: Neu im Gremium sind der 65-jährige Karl-Heinz Streibich, der auf den planmäßig ausgeschiedenen stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Manfred Biehal folgt. Mark Farny rückt als Arbeitnehmervertreter für Karin Markert nach, die das Unternehmen verlassen hat. Außerdem wurde das bisherige Aufsichtsratsmitglied Dr. Stefan Reineck einstimmig zum neuen Stellvertreter des Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Manfred Wittenstein gewählt. Zudem gehören noch Prof. Ronald Gleich und Jürgen Guckenberger dem Aufsichtsrat an. bb

Tim Kiesler

Geschäftsführer bei Demeter Der neue Geschäftsführer der größten Demeter-Landesorganisation heißt Tim Kiesler. Mit ihm übernimmt ein 33-Jähriger die Verbandsspitze, so jung wie keiner vor ihm. Die Vorstandsmitlieder von Demeter Baden-Württemberg freuen sich auf die Kompetenz und Unvoreingenommenheit, die der Berliner Agrarwissenschaftler mitbringt. Kiesler übernahm die Nachfolge von Christian Wüst. Er war im Fachbereich Ökologischer Landbau der Universität Berlin tätig, wo er sich um Ernährungssouveränität und innovative Vorhaben von ökologischer Landwirtschaft kümmerte. Danach arbeitete er als Gastwissenschaftler am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie in Potsdam. Erfahrungen in der biodynamischen Landwirtschaft sammelte Kiesler auf dem DemeterVölkleswaldhof in Oberrot, wo er als Praktikant sein Talent für das Thema entdeckte. bb Foto: Demeter Baden-Württemberg

Regelmäßig Ski fahren mit der Fam ilie, am liebsten Tiefschnee auf der Albona. Eine gute Infrastruktur zu Hause, dam it die Kinder in der Schule und wir Elte rn im Beruf eine gute Leistung erbr ingen können.

Siegfried Russwurm

Edith Wolf geht offen auf die Menschen zu – egal, ob es Obdachlose oder Manager sind.

Andreas von Wallfeld

Wechsel bei Mercedes-Lkw Andreas von Wallfeld (47) wird zum 1. Mai 2018 neuer Leiter Marketing, Vertrieb und Services Mercedes Benz Lkw. Er folgt damit auf Till Oberwörder (47), der zum 1. April 2018 die Verantwortung für Daimler Buses übernommen hat. Mit Andreas von Wallfeld übernehme ein erfolgreicher und erfahrener Manager die weltweiten Vertriebsaktivitäten von Mercedes-Benz Lkw, sagte Stefan Buchner, Leiter Mercedes-Benz Lkw. Andreas von Wallfeld ist seit 1. Januar 2014 als Mitglied der Geschäftsleitung des Mercedes-Benz Vertrieb Deutschland (MBVD) verantwortlich für den Vertrieb Pkw im deutschen Markt. Der 47-jährige Vertriebs- und Marketingfachmann von Wallfeld startete seine Karriere bei der heutigen Daimler AG nach einem kaufmännischen Studium und MBA. red Foto: Daimler

enn Edith Wolf mittags in die Kantine der Stuttgarter Software-Firma Vector geht, grüßt sie links und rechts – und lässt ihre Tischnachbarn auch einmal kurz allein, um mit einem anderen Kollegen schnell etwas zu besprechen. Kontakte zu pflegen, ist ihr wichtig – sei es privat, beruflich oder in Initiativen wie dem Managerinnen-Netzwerk „Generation CEO“. Seit 2016 leitet Wolf die gemeinnützige VectorStiftung, deren Fördermittel sich aus der Dividende des Unternehmens speisen. Für die 46-Jährige ist das Motivation und Verpflichtung zugleich. „Für mich ist es wichtig, dass die Mitarbeiter stolz auf ihre Stiftung sind“, sagt sie. 2011 wurde die Vector-Stiftung von den drei Firmengründern ins Leben gerufen. Gefördert werden wissenschaftliche Forschungsarbeiten in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Mint), aber auch Projekte im Bereich Bildung und Soziales. So setzt sich die Vector-Stiftung besonders für wohnungslose Menschen und chancenarme junge Erwachsene ein. „Für Sozialhilfeempfänger ist es in Stuttgart nahezu unmöglich, eine Wohnung zu finden“, weiß Wolf. Bei ihren Projektbesuchen kommt die gebürtige Österreicherin und passionierte Skifahrerin mit den unterschiedlichsten Menschen in Berührung. Vom schulischen Überflieger bis zum Drogenabhängigen, von der alleinerziehenden Mutter bis zum erfolgreichen Unternehmer ist alles dabei. Doch auch wenn die Vector-Stiftung schon einiges bewirkt hat: „Acht Millionen Euro sind nicht genug, um unsere gesellschaftlichen Probleme zu lösen“, ist sie überzeugt. Deshalb setzt Wolf, die ihre Karriere 1997 in der Einkaufsabteilung der früheren Daimler-Benz-Tochter Debis begann, dann durch einen Unternehmensverkauf zur Telekom-Tochter T-Systems stieß und 2009 zur Robert-Bosch-Stiftung wechselte, auf Kooperationen. Seit Mitte 2017 engagiert sie sich als Vorstandsmitglied im Stiftungsnetzwerk Region Stuttgart und versucht dort, die Zusammenarbeit der rund 130 angeschlossenen Stiftungen zu verbessern. Um gemeinsame Vorhaben zu erleichtern, wollen Wolf und ihre Mitstreiter unter anderem eine Datenbasis aktuell geförderter Projekte schaffen. „Es geht nicht nur ums Vernetzen, sondern auch darum, sich konkrete Ziele zu setzen und diese zu erreichen“, sagt Wolf. Diesen Anspruch stellt sie auch an all diejenigen, die sich bei ihr um Fördermittel bewerben. Wer von Wolf Geld für gute Ideen bekommen möchte, muss nicht nur ein Problem benennen. Er sollte auch wissen, wer sich auf dem Gebiet bereits engagiert, ob eine Zusammenarbeit möglich wäre und warum der eigene Ansatz der bessere ist. Bei der Auswahl der Projekte setzt die Leiterin der Vector-Stiftung auf Teamarbeit. Mitentscheiden dürfen die drei Stiftungsgründer ebenso wie die fünf Mitarbeiter der Stiftung. „Sobald es ums Geld geht, beschließen wir alles immer einstimmig“, so Wolf. In der Konsequenz müssten dann alle an einem Strang ziehen, auch wenn ein Projekt einmal schlecht laufe. Und wenn sich herausstelle, dass das Ziel verfehlt werde, müsse das Vorhaben abgebrochen werden. Darin unterscheide sich der Stiftungsbereich nicht von der freien Wirtschaft. Ihr eigenes Lieblingsprojekt ist das Anfang 2017 gegründete Social Impact Lab in Stuttgart. Die Menschen, die sich dort auf eine Unternehmensgründung vorbereiten, wollen möglichst viel Gutes für die Gesellschaft bewirken. Neben der Vector-Stiftung fördern die Karl-Schlecht-Stiftung und die Caritas das Lab. „Die Teilnehmer haben einen sehr ambitionierten Ansatz“, so Wolf. Die zweifache Mutter weiß ziemlich gut, was es heißt, sich beruflich zu engagieren. Karriere und Familie bringt sie dank eines privaten Netzwerks aus Kinderfrau, Familie, Freunden und Bekannten unter einen Hut.

Die Intersport Deutschland eG in Heilbronn hat einen neuen Aufsichtsrat. Neu in das Gremium wurden Fabian Engelhorn und Jürgen Kettschau gewählt. Im Amt als Aufsichtsrat bestätigt wurde Dr. Werner Holzmayer. Aufsichtsratsvorsitzender bleibt Knud Hansen, zu seinem Stellvertreter wurde erneut Stefan Thurner bestellt. Fabian Engelhorn (42) führt seit 2003 das Mode- und Sporthaus Engelhorn in Mannheim und gehört zu einem der größten Mitgliedsunternehmen der Intersport. Jürgen Kettschau (52) ist Inhaber und Geschäftsführer von Intersport Kettschau mit drei Geschäften im nördlichen Hessen. bb

Foto: dpa

Edith Wolf versteht sich als engagierte Förderin für Forschung in den Mint-Fächern, aber auch für soziale Projekte. Hauptsache, das Konzept ist überzeugend und durchdacht. Von Birga Teske

Foto: Intersport

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Fabian Engelhorn

Foto: Software AG

Stiftungschefin

Personalien

rad und Sohn Kon chter Karolin To s: Wolf it to m Fo f ol W Frau nbiken beim Mountai


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

COMPLIANCE MAI 2018 Risiko Mobilgeräte

3. Round Table

Risiko beherrschen

Die im Mai in Kraft tretende EU-Datenschutzgrundverordnung ist eine Herausforderung – gerade im Umgang mit Mobilgeräten.

Wie steht es um die Compliance im Mittelstand? Dies wurde beim 3. ComplianceRound-Table im Pressehaus Stuttgart diskutiert.

Um ein funktionierendes Risikomanagement aufzubauen, empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen. Modelle und Normen helfen dabei.

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Fatale Folgen Verstöße gegen die Compliance sind keine Kavaliersdelikte

D

ie Fifa-Familie – Eine skandalöse Der stellte im Jahr 1985 fest, dass von „einem Liebesgeschichte“: In dieser Doku deutschen Unternehmen nicht erwartet“ zeigte der TV-Sender Arte kürzlich, werden könne, „dass es in den Ländern, in unter welch dubiosen Umständen die Ver- denen staatliche Aufträge nur durch Bestegabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 chung zu erlangen sind, auf diese Mittel völan Katar erfolgt ist. Kein Einzelfall. Auch lig verzichtet“. Zudem war die Bestechung Deutschland steht im Verdacht, die WM inländischer Privatpersonen in der Bundes2006 gekauft zu haben – und damit das republik bis 1998 erlaubt, bis 1996 sogar „Sommermärchen“. Ähnlich fragwürdig steuerlich abzugsfähig. scheint es in der Wirtschaft zu laufen. Die „Mittlerweile hat aber ein Umdenken Liste der Firmen, die in Korruptionsskandale stattgefunden“, sagt Hanno Hinzmann, verwickelt sind oder waren, ist ebenso lang Chief Compliance Officer beim Softwarewie prominent: Daimler, hersteller SAP für die MAN, Siemens, ThyssenRegionen Europa, NaIN DEN NEUNZIGERN Krupp . . . Angesichts der her Osten und Afrika GALTEN ANDERE REGELN Vielzahl der Fälle drängt sowie Ausschussvorsich folgende Frage auf – sitzender des Deutvor allem wenn es um Geschäfte mit Staaten schen Instituts für Compliance. Eine Vorreigeht, in denen das Mittel Bestechung offen- terrolle übernahmen die USA. Dort wurde bar den Zweck heiligt: Ist Korruption ein bereits 1977 vom Kongress der Foreign Cornotwendiges Übel, um erfolgreich zu sein? rupt Practices Act verabschiedet. Dieses inTatsächlich wurden Bestechung, Bestech- zwischen weiter verschärfte Gesetz erlaubt lichkeit sowie die Annahme und Gewährung es der US-Justiz, weltweit gegen Korruption von Vorteilen lange Zeit als Kavaliersdelikte vorzugehen und drastische Strafen zu verbehandelt – selbst vom Bundesgerichtshof. hängen. Ähnliches gilt für den britischen

Ein Korruptionsfall kann noch nach Jahren bei einer Betriebsprüfung auffliegen und einen unerwünschten Domino-Effekt auslösen – bis hin zu massiven Steuernachzahlungen. Foto: vege/Adobe Stock

Bribery Act. Hinzu kommt, dass sich länder- zahlungen auf rund 2,9 Milliarden Euro. übergreifend eine starke Antikorruptions- „Zahlungen in dieser Höhe können selbst lobby formiert hat, angeführt von der in Ber- von Großunternehmen nicht aus der Portolin ansässigen Organisation Transparency kasse bestritten werden“, sagt SAP-Manager International. Hinzmann. Diese Maßnahmen haben sich nach Mei„Erheblich sind aber auch hohe immatenung von Susanne Jochheim ausgezahlt. rielle Schäden durch Image- und Reputa„Die Wahrscheinlichkeit, dass Bestechung tionsverlust, die sich nicht in Geld quantifians Licht der Öffentlichkeit kommt, ist in zieren lassen“, sagt Christian Köhn, Leiter den vergangenen Jahren rasant gestiegen“, der Stabsstelle Recht und Steuern bei der sagt die Rechtsanwältin der Kanzlei BRP Re- IHK Region Stuttgart. „Außerdem droht der naud und Partner in Stuttgart, die zuvor als Ausschluss von Märkten und öffentlichen Leiterin der weltweit zuständigen Compli- Ausschreibungen.“ Und das über mehrere ance-Abteilung bei Bosch tätig war. „Das be- Jahre hinweg. Hinzu kommt für Strunk die trifft auch sogenannte korruptionsgeneig- zeit- und kostenintensive Aufarbeitung ten Staaten“, ergänzt Hinzmann. Weitere Ri- eines Korruptionsfalls. „Handelt es sich um siken, erwischt zu werden, sind „Mitarbeiter eine Aktiengesellschaft, kann auch der Böroder Vorgesetzte, die Auffälligkeiten entde- senkurs leiden.“ cken, sowie Kollegen, die ihr Mitwissen als „Zudem müssen Verantwortliche mit Whistleblower weitergeben“, sagt Wolfgang persönlichen Konsequenzen rechnen, wenn Strunk, Präsidiumsmitglied und Leiter der sie ihren Aufsichtspflichten nicht nachFachgruppe Antikorruption im Berufsver- gekommen sind“, sagt die Juristin Jochheim. band der Compliance Manager (BCM). „Im „Schlimmstenfalls kann dies, zum Beispiel Rahmen von Betriebsprüfungen kann ein bei einer Garantenstellung oder im Fall von Bestechungsfall sogar Beihilfe, zu strafrechtnoch Jahre später auflichen Konsequenzen DAS SYSTEM DARF gedeckt werden.“ führen.“ Ein Punkt, KEIN FEIGENBLATT SEIN Einer der spektakuder häufig vergessen lärsten Fälle in der Bunwerde, sei auch die desrepublik war der Schmiergeldskandal bei Steuererklärung. „Stellen sich BetriebsausSiemens (2006). Diese und ähnliche Affären gaben später als Bestechungsgelder heraus, haben nach Expertenmeinung auch gezeigt, muss dies unverzüglich richtiggestellt werwie massiv Bestechung und andere Verstöße den. Sonst macht sich der Verantwortliche gegen geltende Compliance-Regeln inzwi- selbst der Steuerhinterziehung strafbar.“ schen sanktioniert werden. Bei Siemens be- Auch die zivilrechtliche Haftung sei nicht zu lief sich die Gesamtsumme aus Strafen, Bera- vernachlässigen. „Trifft den Geschäftsführer ter- und Anwaltskosten sowie Steuernach- ein Verschulden, dass es zu einer Korruption

im Unternehmen kommen konnte, kann er für den Schaden persönlich in Haftung genommen werden.“ BCM-Vertreter Strunk weist auch auf den Koalitionsvertrag hin, nach dem das Sanktionsrecht für Unternehmen neu geregelt werden soll. „Das heißt, dass zukünftig nicht nur Mitarbeiter bestraft werden, die wirtschaftskriminelle Handlungen wie Bestechungen begehen, sondern auch deren PRÄVENTION Unternehmen, abhängig von der jeweiligen Wirtschaftskraft.“ Umso wichtiger sind in den Augen aller Experten präventive Maßnahmen in den Unternehmen. In Form eines wirksamen Compliance-Systems, das Korruption verhindert. Zu beachten ist dabei laut Köhn vor allem ein Punkt: „Der Erfolg eines derartigen Systems steht und fällt damit, wie überzeugend, glaubwürdig und nachhaltig das Management Compliance selbst vorlebt.“ Für Strunk bedeutet dies, dass sich die Unternehmensführung „persönlich zum Verbot von Korruption bekennt und das aktiv und permanent von jeder Führungsebene einfordert“. Weiterhin sei es wichtig, „Compliance-Fälle auch tatsächlich zu ahnden“, so Jochheim. „Haben Verstöße keine Konsequenzen, hat kein Mitarbeiter Vertrauen in das System.“ Denn dann wären alle Maßnahmen das, was sie nach Ansicht von Hinzmann keinesfalls sein dürfen: „Feigenblatt-Compliance“. Gerhard Hörner

AKTIE

SANKTIONSRECHT REPUTATION

SIEMENS

FUSSBALL-WM


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COMPLIANCE

Mai 2018

Bei Verlust Alarm Foto: ablokhin/Adobe Stock

Neuer EU-Datenschutz: Erhebliche Herausforderungen bei mobilen Geräten

I

n KĂźrze kommen auf die Unternehmen weitreichende Ă„nderungen beim Schutz personenbezogener Daten zu. Ab dem 25. Mai gilt nämlich die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) auch in Deutschland. Diese verschärft viele Grundsätze des Datenschutzrechts, die auf dem alten Bundesdatenschutzgesetz beruhen. Die Verordnung verpflichtet jedes Unternehmen, personenbezogene Daten von EU-BĂźrgern entsprechend den Bestimmungen zu schĂźtzen und zu verwalten. Betroffen sind alle Unternehmen, die innerhalb der EU Geschäfte tätigen, Mitarbeiter in EU-Länder entsenden, Beziehungen zu Kunden oder Geschäftspartnern in der EU pflegen oder auf andere Weise Daten von Personen verarbeiten, die in die EU reisen oder sich dort aufhalten. Bei Nichteinhaltung der Vorschriften drohen hohe BuĂ&#x;gelder von bis zu 20 Millionen Euro oder bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes. Die DSGVO baut auf den Grundsätzen des Datenschutzrechts auf und fĂźgt etliche hinzu. Neu ist der in Artikel 32 DSGVO verankerte Grundsatz der Datensicherheit

sowie in Artikel 17 ein eigenständiges Recht auf Vergessenwerden, sprich auf die LĂśschung personenbezogener Daten. Dies greift beispielsweise, wenn der Betroffene seine Einwilligung widerrufen hat oder die Datenerhebung unrechtmäĂ&#x;ig war. Artikel 6 der Verordnung besagt, dass personenbezogene Daten in einer Weise verarbeitet werden mĂźssen, die durch geeignete technische und organisatorische MaĂ&#x;nahmen eine angemessene Sicherheit dieser Daten gewährleistet. Dies schlieĂ&#x;t den Schutz vor unbefugter oder unrechtmäĂ&#x;iger Verarbeitung sowie vor unbeabsichtigtem Verlust, unbeabsichtigter ZerstĂśrung oder unbeabsichtigter Beschädigung mit ein. Personenbezogene Daten sind alle Informationen, die sich auf eine identifizierte oder identifizierbare Person beziehen. „Identifizierbar ist eine Person dann, wenn sie direkt oder indirekt, vor allem mittels Zuordnung zu einer Kennung wie einem Namen, einer Kennnummer, Standortdaten oder anderen besonderen Merkmalen identifiziert werden kann“, erklärt Rechtsanwalt SĂśren Siebert vom Fachportal E-Recht 24.

     Banking

Personenbezogene Daten sind beispielsweise Name, Post- und E-Mail-Adresse, Telefonnummer, Geburtstag, Kontodaten, Standortdaten, IP-Adressen oder Cookies. Eine besondere Herausforderung fßr Unternehmen ist der Umgang mit mobilen Endgeräten. Denn da Mitarbeiter personenbezogene Daten heute vermehrt auf Smartphones, Tablets oder Laptops speichern, mßssen diese Unternehmensdaten auch dort geschßtzt sein, und zwar unabhängig davon, wem die Geräte gehÜren – also egal, ob sie im Eigentum des Unternehmens oder des Nutzers sind. Doch dies lässt sich nur schwer kontrollieren. Denn zum einen kÜnnen mobile Geräte ßberallhin mitgenommen werden. So sind sie beispielsweise in anderen WLAN-Netzen Angriffsrisiken ausgesetzt. Ein schwerwiegender Datenverlust kann eintreten, wenn Angreifer sich zusätzliche Berechtigungen verschaffen, mit denen sie die gesamte Datenßbertragung auf dem Gerät ßberwachen oder Daten aus den mobilen Endgeräten abziehen. Zudem nutzen viele Mitarbeiter ihre mobilen Geräte nicht nur geschäftlich, sondern

auch privat, indem sie beispielsweise Apps herunterladen. „In der Regel wissen die User nicht, ob diese Apps ein Sicherheitsrisiko sind“, so GĂźnter Junk, CEO bei dem IT-LĂśsungsanbieter Virtual Solution aus MĂźnchen. Nutzungsbedingungen werden oft nicht gelesen und kĂśnnen kaum von den Unternehmen kontrolliert werden. So ist längst nicht allen Nutzern klar, dass mobile Apps wie der beliebte Instant-Messagingdienst Whatsapp auf Kontaktdaten zugreifen DSGVO kĂśnnen und sie an Server auĂ&#x;erhalb der EU senden. „Im schlimmsten Fall kĂśnnen zudem bĂśsartige Apps Daten einoder ausschleusen und Geräte beschädigen, indem sie sich so tief darin einbetten, dass sie selbst durch das ZurĂźcksetzen auf die Werkseinstellungen nicht entfernt werden kĂśnnen und den Unbefugten Remote-Zugriff verschaffen“, so Aaron Cockerill, Chief Strategy Officer beim IT-Sicherheitsdienstleister Lookout. Zudem kĂśnnen mobile Endgeräte leicht verloren gehen und es ist nicht vorhersehbar, wo die Geräte verbleiben und wer Zugriff auf sie hat. Dies widerspricht allerdings der Regel der DSGVO, dass Unternehmen wissen mĂźssen, wer Zugriff auf die Daten hat und wie diese verarbeitet werden. AuĂ&#x;erdem gilt: Wird das Endgerät gestohlen oder gehen Daten verloren, mĂźssen Unternehmen innerhalb von 72 Stunden reagieren. Um diesen und weiteren Anforderungen der DSGVO zu genĂźgen, kĂśnnen sogenannte Enterprise-Mobility-Management-LĂśsungen oder Unified-Endpoint-Management-LĂśsungen helfen, mit denen Unternehmen sowohl ihre mobilen Geräte als auch traditionelle Desktop-Computer zentral verwalten kĂśnnen. Mit solchen Softwarewerkzeugen lassen sich die Unternehmensdaten von den privaten Daten mittels sogenannter Containertechnik trennen. In einem verschlĂźsselten Bereich kĂśnnen Dokumente auf dem firmeneigenen Server eingesehen und Kontakte, E-Mails, Kalender und ein sicherer Browser abgerufen werden. Geht ein solches mobiles Gerät verloren, kĂśnnen die Daten seitens des Administrators gelĂśscht werden. Ăœbrigens kĂźndigte Facebook inzwischen an, ab Mitte Mai eine neue Kopierfunktion fĂźr personenbezogene Daten beim Messengerdienst Whatsapp anzubieten. Damit will das Unternehmen dem Auskunftsrecht gemäĂ&#x; der DSGVO auf eine Datenkopie GenĂźge leisten. Hans-Christoph Neidlein

WHATSAPP

GERĂ„TEMANAGEMENT DATEN APPS

VERSCHLĂœSSELUNG RISIKO

ZUGRIFF

            

Dass die EU eine neue Datenschutzgrundverordnung erarbeitet hat, liegt maĂ&#x;geblich an der Vernetzung und Digitalisierung. Foto: fotomek/Adobe Stock


COMPLIANCE

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Hackerangriffe gehören für viele Unternehmen inzwischen zum Alltag. Die Zahl der Sicherheitsvorfälle steigt und dürfte mit einer hohen Dunkelziffer einhergehen.

Foto: Jürgen Fälchle/Adobe Stock

Troja ist überall Viele Unternehmen sind bereits Opfer von Cyberangriffen geworden

K

orruption, ein Hackerangriff oder die Veruntreuung von Geld durch einen Mitarbeiter: Das kann Firmen teuer zu stehen kommen. Laut Studien schätzen mittelständische Unternehmen die Gefahr durch Wirtschaftskriminalität für ihr Unternehmen geringer ein als Großunternehmen. Der Chef des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK), Wolfgang Grenke, umreißt das Problem folgendermaßen: „Neben der Gefahr des Kopierens erfolgreicher Produkte im Rahmen von Produktpiraterie und der Verletzung von Schutz- und Vertragsrechten oder dem Verrat von Betriebsgeheimnissen durch aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter aus unterschiedlicher Motivation heraus bestehen die Gefahren in der vernetzten, digital-globalen Welt vor allem in Cyberangriffen.“ Diese Gefahr sei sicher mit Abstand am höchsten einzustufen und verursache immensen Schaden. „Über zwei Drittel der Unternehmen sind nach Umfragen bereits Opfer von Cyberangriffen geworden.“ Den Unternehmen entstünden dadurch hohe direkte sowie indirekte Kosten. Direkte Kosten seien der Wert des beispielsweise gestohlenen Gutes und die indirekten Kosten können in Umsatzausfällen oder Reputationsschäden gesehen werden. „Eine Quanti-

fizierung der Schäden ist schwierig; der Branchenverband Bitkom schätzt sie jedoch auf jährlich über 22 Milliarden Euro allein für die deutsche Industrie.“ Oftmals werden die Fälle gar nicht angezeigt, aus Scham davor, dass die Öffentlichkeit es erfährt. Fast 300-mal haben sich im vergangenen Jahr Firmen und Behörden beim Landeskriminalamt gemeldet, um Cybersicherheitsvorfälle anzuzeigen. Dort gibt es eigens dafür die Zentrale Ansprechstelle Cybercrime (ZAC). Baden-Württemberg sei von Cyberattacken ebenso betroffen wie andere Bundesländer, sagte Hauptkommissar Bernhard Lacker von der ZAC. „Das IT-Sicherheitsbewusstsein ist durchaus noch ausbaufähig“, findet er. Der Kommissar empfiehlt Unternehmen und Behörden, sich damit auf jeden Fall bei der Ansprechstelle zu melden. „Manche befürchten einen Reputationsverlust, andere wollen das Personal für eine Anzeige nicht abstellen. Aber erstens veröffentlichen wir die Namen der Betroffenen nicht, und zweitens ist man mit einer Cyberattacke nicht die Ausnahme“, so Lacker. Gerade renommierte Unternehmen müssten solche Attacken immer wieder abwehren. Kriminelle Hacker können großen Schaden anrichten. Sie suchen Schwachstellen in Programmen und Webseiten, um in Unter-

nehmen an vertrauliche Daten zu kommen oder ganze Infrastrukturen lahmzulegen. Das Problem ist auf jeden Fall vorhanden: Laut einer Umfrage der Wirtschaftsberatungsgesellschaft KPMG zum Thema Computerkriminalität in der deutschen Wirtschaft im Jahr 2017 waren in den vergangenen zwei Jahren 38 Prozent der befragten Unternehmen betroffen. Gemessen an den Ergebnissen der vorherigen Studie zeigt sich, dass die Betroffenheit im Verhältnis zum Vorjahr gleich geblieben ist. Auch die Wahrnehmung des Risikos wird durch die Unternehmen weiterhin als hoch empfunden. So gaben 88 Prozent der Befragten ein hohes beziehungsweise sehr hohes Risiko für die Betroffenheit an, bei der Studie aus dem Jahr 2015 waren es 89 Prozent. Als Ausprägung der am häufigsten genannten Delikte nehmen Angriffe durch Verschlüsselungstrojaner (Ransomware-Attacken) einen größer werdenden Anteil ein, wie KPMG berichtet. Bei diesen Attacken kapern die Angreifer die Rechner des betroffenen Unternehmens und entsperren sie erst nach der Zahlung von Lösegeld. 86 Prozent der befragten Unternehmen sehen ein hohes beziehungsweise sehr hohes Risiko, Opfer eines solchen Angriffs zu werden. Für 36 Prozent der betroffenen Unternehmen sind

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Computersabotage und Systembeschädigungen als klassische Bestandteile einer Ransomware-Attacke die am häufigsten auftretenden Schadensfälle – in vorherigen Studien waren nur 13 Prozent der geschädigten Unternehmen davon betroffen. BWIHK-Chef Grenke empfiehlt mit Blick auf die Hackerangriffe, im Unternehmen gültige Regeln genau zu kontrollieren. Es dürften beispielsweise nicht beliebig SpeicherKOSTEN medien wie USB-Sticks oder private Gerätschaften einfach so in Firmennetzen oder der Unternehmens-Cloud genutzt werden. „Das klingt zwar banal, ist aber vor allem in Betrieben, die keine IT-Experten beschäftigen, oft ein zentrales Problem.“ Wenn es hier eine eindeutige und verständliche „Ansage“ von der Geschäftsleitung gebe, könne dass schon sehr helfen und alltägliche Gefahrenquellen minimieren. „Gerade auch für mobile Geräte wie Smartphones und Tablets ist dies wichtig, da diese als Alltagsgeräte im Privaten sehr selbstverständlich auch für betriebliche Zwecke genutzt werden, ohne sich der Gefahr, ein Einfallstor für Hacks zu schaffen, wirklich bewusst zu sein.“ Oliver Schmale

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Die Teilnehmer des 3. Compliance-Round-Table im Pressehaus Stuttgart (von links): Reimund Abel, Sascha Blessing, Tanja Dehner (alle Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung), Jens Pfeifer (Bansbach GmbH), Dr. Torsten G Dr. Alexander Schork (BRP Renaud & Partner)

Der Wertewandel lässt noch

B e i m 3 . C o m p l i a n c e - R o u n d - Ta b l e i m P r e s s e h a u s S t u t t g a r t s t a n d e n d i e H e r a u s f o r d e r u n

K A N Z LEI P OR T R ÄT Bansbach Die Bansbach GmbH ist eine der führenden mittelständischen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften in Deutschland und seit über 90 Jahren für den Mittelstand tätig. Über die Schwerpunkte Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung hinaus zählen die Bereiche Financial Services, Corporate Finance und betriebswirtschaftliche Beratung sowie die Rechtsberatung zum Leistungsspektrum des Unternehmens. Die Bansbach GmbH ist weltweit für ihre Mandanten auch im Bereich Compliance tätig. www.bansbach-gmbh.de

K A N Z LEI P OR T R ÄT BRP Renaud & Partner BRP Renaud & Partner ist eine renommierte deutsche Wirtschaftsrechtskanzlei mit mehr als 55 Rechts- und Patentanwälten, Steuerberatern und einem Notariat an den Standorten Stuttgart und Frankfurt am Main. Die Full-ServiceKanzlei konzentriert sich auf die umfassende Beratung von mittelständischen und großen Unternehmen in allen Bereichen des Wirtschaftsrechts. In einem Expertenteam bündeln Spezialisten mit langjähriger Erfahrung in den relevanten Fachgebieten ihr Wissen rund um das Thema Compliance. www.brp.de

K A N Z LEI P OR T R ÄT Oppenländer Rechtsanwälte Oppenländer Rechtsanwälte gehört laut dem Magazin „Juve“ zu den führenden Wirtschaftskanzleien. Mit einer Teamgröße von mehr als 30 Anwältinnen und Anwälten beraten Oppenländer Rechtsanwälte in- und ausländische Unternehmen sowie die öffentliche Hand in allen Bereichen des Wirtschaftsrechts. Die Tätigkeitsgebiete sind Gesellschaftsrecht, Kartellrecht, Gewerblicher Rechtsschutz, Öffentliches Recht, Gesundheitswirtschaftsrecht, Energierecht, Medienrecht, Litigation, Vergaberecht und Arbeitsrecht. www.oppenlaender.de

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ür große Unternehmen ist das Vorhandensein von Compliance-Richtlinien und deren Einhaltung längst zur Existenzfrage geworden. Doch wie sieht es damit im Mittelstand aus? Beim dritten Round Table im Pressehaus Stuttgart diskutierten wieder Experten aus renommierten Wirtschafts- und Anwaltskanzleien der Landeshauptstadt über die Fortschritte. „Ich glaube nicht, dass in den mittelständischen Unternehmen schon ein Wertewandel stattgefunden hat“, sagt Dr. Susanne Jochheim, Partnerin bei BRP Renaud & Partner. Viele Unternehmen seien zwar dabei, sich den neuen Herausforderungen zu stellen und die entsprechenden Managementsysteme aufzubauen, der Wertewandel an sich hin zu einem Compliance-System habe aber noch keinen Einzug gehalten. „Das wird bei den mittelständischen Unternehmen sicher noch eine ganze Weile dauern, weil es auch Geld kostet. Das heißt aber nicht, dass sich diese Unternehmen nicht schon heute werteorientiert verhalten“, so die Juristin. Gerade bei kleineren Unternehmen sei das Thema eher von äußeren Aspekten getrieben als durch eine innere Motivation, ist die Erfahrung von Jens Pfeifer von der Bansbach Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. „Ist es eigentlich nützlich, sich regelkonform zu verhalten? Was bringt uns das?“, fragten sich viele Mittelständler. Gerade bei kleineren und mittelständischen Unternehmen habe man oft die Problematik der Dokumentation. Die werde nicht immer so intensiv betrieben, weil „man ja alles richtig macht, man ja ein kleines, überschaubares Unternehmen ist“. Nichtsdestotrotz sei es im

Steuerrecht ja so, dass die eine oder andere Dokumentation einen verpflichtenden Charakter habe. Dr. Thomas Trölitzsch von Oppenländer hat festgestellt, dass heute in der Compliance-Beratung häufig Dinge thematisiert werden, die sich schon vor Jahren ereignet hatten, als das Unternehmen noch in einer ganz anderen Wertewelt agierte. Oftmals würden diese Themen dann bei Wechseln im Management aufgegriffen. Dabei kämen dann häufig alte Themen – aber mit der Sichtweise von heute – hoch. Oft sei dann schwer zu vermitteln, dass die Welt vor ein paar Jahren faktisch noch ganz anders ausgesehen habe. Und diese Themen ließen sich dann nicht so einfach abarbeiten. Dr. Alexander Schork von BRP Renaud & Partner lässt keinen Zweifel daran, dass sich jedes Unternehmen rechtstreu verhalten will. Die Frage sei vielmehr, wie das heute dokumentiert werde. Der Wandel in diesem Bereich werde derzeit nicht vom Selbstverständnis, sondern vielmehr von außen getrieben. Es gehe dabei nicht nur um das Warum, sondern auch um die Frage, wie Compliance im Unternehmen dauerhaft umgesetzt werden soll. Kann denn ein Compliance-System funktionieren, ohne dass ein Kulturwandel stattgefunden hat, fragte Moderator Heimo Fischer in die Runde. „Ich glaube, der Begriff ,funktionieren‘ ist da ganz wichtig“, wirft Bernd Peter von Bansbach ein. Ein Compliance-System kann auch ohne die Besinnung auf die Werte vorhanden sein. Streng genommen dürfte es aber nicht funktionieren. Ein ComplianceSystem könne nur funktionieren, wenn es

mit Werten unterlegt sei und auch vorgelebt werde. Oft finde man in den Unternehmen ein System vor, dass sich gut anfühle, von einem echten Funktionieren aber noch weit entfernt sei. „Genau diese Problematik stellt sich aktuell im Bereich des Datenschutzes“, so Dr. Torsten Gerhard von Oppenländer. Viele Unternehmen wollten sich rechtskonform verhalten. Wenn sie dann aber sähen, was alles gemacht werden müsse, damit man sich rechtskonform verhalte, dann schwinde die Bereitschaft oder das Verständnis dafür, das umzusetzen. Natürlich könne man viel dokumentieren, man müsse es aber auch leben. Leben könne man es im Unternehmen aber nur dann, wenn auch an der Spitze die Bereitschaft besteht, sich des Themas anzunehmen und es ernst zu nehmen.

ABWÄGUNG ZWISCHEN KOSTEN UND NUTZEN Damit verbunden sei sicherlich auch das Problem der Nutzenmessung, wirft Jens Pfeifer ein. Die Kosten für die Compliance könne man sehr schnell messen, Mitarbeiter und Berater kosten. „Aber kann ich den Nutzen überhaupt messen?“ Die monetäre Messung sei ähnlich wie bei der Werbung nur schwer möglich, wirft er ein. Der wirtschaftliche Schaden, der durch eine nicht compliance-konforme Haltung entsteht, könne enorm sein, so Dr. Thomas Trölitzsch. Dabei gehe es nicht nur um fällige Bußgelder, sondern auch um einen möglichen Imageschaden. Zudem könne es für Vorstände schwierig werden, einen neuen

Job zu bekommen, wenn die Altlasten nicht sauber abgearbeitet wurden. Dem kann Susanne Jochheim nur zustimmen. Ist ein Compliancefall in einem Unternehmen ermittelt, ziehe sich die Aufarbeitung unter Umständen „wie ein Kaugummi“ zwei bis drei Jahre hin. Diese lange Zeit und die damit verbundenen Kosten seien natürlich schwierig zu vermitteln. Das Thema treibe derzeit aber auch Stilblüten. Viele Unternehmen seien so ängstlich, dass sie selbst Nichtigkeiten überprüfen ließen. „In den zurückliegenden Jahren ist man auch viel mit dieser Angst vor den Folgen hausieren gegangen“, ist die Erfahrung von Bernd Peter. So wurde bei einigen Firmen ein Stück weit auch die Angst geschürt und an die Verantwortung der Unternehmensführung appelliert. Auf der anderen Seite gebe es aber nach wie vor diejenigen, die die Verantwortung scheuen, eine Entscheidung zu treffen. Einige schoben schon die Verantwortung von sich, indem sie von einem Fall auch mal gar nichts wissen wollten. Das sei ein gravierendes Problem, weiß Alexander Schork. Ein Vorstand kontrolliere sich ja ungern selbst. Es gebe nur wenige Unternehmen, die den Compliance-Officer im Vorstand haben. Hinzu komme, dass man als Vorstand natürlich auch eine Verantwortung habe, wenn man einen neuen Bereich übernehme, sagt Thomas Trölitzsch. Das betreffe vor allem Bereiche, in denen der Vorgänger den einen oder anderen regionalen Fürsten in der Vergangenheit zu sehr an der langen Leine gehalten habe. Wer eine neue Führungsposition antritt, müsse sich diese kritischen Punkte genau anschauen.


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Gerhard, Dr. Thomas Trölitzsch (beide Oppenländer Rechtsanwälte), Anastasia Pelipetz (BRP Renaud & Partner), Bernd Peter (Bansbach GmbH), Dr. Susanne Jochheim (BRP Renaud & Partner), Heimo Fischer (Moderator),, Fotos: Wilhelm Mierendorf

h auf sich warten

ngen für den Mittelstand im Vordergrund der Diskussionen Das betreffe natürlich auch die Steuererklärung, sagt Alexander Schork. So habe der neue Vorstand auch die Pflicht, sich in Steuerangelegenheiten sorgsam einzuarbeiten und auch bereits von seinem Vorgänger abgegebene Steuererklärungen zu prüfen. Thomas Trölitzsch ergänzt: Die jüngsten Fälle aus der Automobilindustrie zeigten, dass sich die Verantwortungen innerhalb eines Konzerns nicht mehr auf einzelne Unternehmensteile beschränken ließen. Wenn dabei Gegenwart auf Vergangenheit treffe, habe man ein extremes Kommunikationsproblem. Kann man denn Compliance überhaupt messen, fragt Heimo Fischer? „Es gibt nichts, was man nicht ausrechnen kann“, sagt Jens Pfeifer. Auch bei Compliance sei der Nutzen sicherlich messbar. Das Problem sei nur, dass man hier mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten müsse. „Ich habe einerseits die Wahrscheinlichkeit, dass ich erwischt werde, auf der anderen Seite habe ich auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ich damit durchkomme.“ Mit so einem Modell sei das Unternehmen immer bei den individuellen Annahmen. Im Mittelstand haben viele Unternehmen überhaupt kein Compliance-System und verhalten sich trotzdem rechtskonform, bricht Torsten Gerhard eine Lanze für die Unternehmen. Er glaubt deshalb auch nicht, dass Unternehmen im Vorteil wären, wenn sie mit ihrem Compliance-System werben würden. An einer Stelle könnte sich allerdings ein Wettbewerbsvorteil ergeben, wirft Susanne Jochheim ein. „Ich glaube, das immer mehr

jungen Leuten die Regeltreue sehr wichtig ist und die vielleicht auch ihren Arbeitsplatz danach ausrichten.“ Bei der Vergabe der öffentlichen Hand lasse sich Compliance schon heute messen, erläutert Jens Pfeifer am Beispiel Schienenkartell. Selbst kleinere Unternehmen müssten ein eigenes Compliance-System einrichten, „sonst bekommen sie keine Aufträge“. Da sei es sehr wohl messbar, wenn eine Firma bei einem Auftrag herausfalle, weil man bestimmte Regelungen nicht einhalte.

KEIN SCHUTZ VOR BETRUG Wirksame Compliance-Systeme können sich laut Alexander Schork durchaus auch auf die Geldbörse auswirken. So könnte ein Unternehmen deutlich weniger Geldbuße zahlen müssen, wenn es nachweisen könne, dass es ein wirksames Compliance-System aufgebaut habe. Wer erst dann ein Compliance-System aufbaut, wenn bereits etwas passiert ist, könnte deutlich schlechter gestellt sein. Vorsatztaten ließen sich allerdings selbst mit einem wirksamen Compliance-System kaum verhindern. „Wer betrügen will, betrügt.“ Das werde auch das beste Compliance-System nicht verhindern können. Solche Systeme seien aber sinnvoll, Mitarbeiter auf Regeln aufmerksam zu machen. Im Mittelstand müsse deshalb auch der Druck von der Gesellschafterebene kommen. Für Aussagen wie „Bei mir ist nichts passiert“ tauge das Compliance-System nicht, glaubt indes Bernd Peter. Das System besage ja nur, dass das Unternehmen das Mögliche

tue, um zu verhindern, dass etwas passiert. Das bestätigt auch Thomas Trölitzsch, der es ebenfalls für kritisch hält, mit Aussagen zur eigenen Compliance zu punkten zu versuchen. So etwas könne dann durchaus auch zum Bumerang werden. Das sei doch auch eine Frage der Wertorientierung, wirft Susanne Jochheim ein. „Ich habe immer noch das Gefühl, dass beim Thema Compliance noch viel Selbstzweck dabei ist.“ Das sehe man auch daran, dass die Kontrollsysteme dem Unternehmen oft nur übergestülpt würden. Es gebe keine Risikoanalyse und es werde in vielen Fällen gar nicht genau hingeschaut. Alle wiegten sich in Sicherheit. „Doch so funktioniert Compliance halt nicht.“ „Ich unterstelle dem Unternehmen zunächst einmal, dass es sich regelkonform verhält“, so Alexander Schork. Grundsätzlich wolle das jeder Unternehmer. Einige Unternehmen glauben aber immer noch, dass der wirtschaftliche Erfolg manche Dinge auch rechtfertige, so Thomas Trölitzsch. Doch ein Compliance-Verstoß ziehe unter Umständen nicht nur wirtschaftliche Folgen in Form von Geldbußen nach sich, sondern könne auch zu erheblichem Imageverlust führen, der womöglich das ganze Unternehmen zum Wanken bringe. Während man auf der Vertriebsseite eher geneigt sei, mal ein Auge zuzudrücken, wenn es dem Auftrag dient, sehe das auf der Einkaufsseite schon wieder ganz anders aus, so Bernd Peter. Werde ein Einkäufer von einem Lieferanten bestochen, drohe ihm die sofortige Kündigung. „Das sind die gleichen Werte, aber sie sind verschoben unter dem Gesichtspunkt, welchen Nutzen das Unter-

nehmen selber davon hat.“ Einmal nutzt Compliance, einmal nicht. „Das ist das Prinzip ,Lass das Haus vom Nachbarn abbrennen, nur nicht meines‘“, sagt Jens Pfeifer. Früher habe man Geschäfte per Handschlag abgeschlossen und alle hätten sich daran gehalten. „Da gab es keine Dokumentation über Verträge, weil einfach jeder wusste, wenn er sich falsch verhält, wird das öffentlich bekannt. Mit dem macht man keine Geschäfte, der betrügt.“ Sei es nicht eher die Komplexität des Ganzen, die die Umsetzung von Compliance so schwierig mache, fragt Susanne Jochheim. Die meisten Mitarbeiter wüssten doch gar nicht, um was es beim Thema Datenschutz oder Kartellrecht überhaupt gehe. Oder dass man Einladungen ab einer bestimmten Größenordnung gar nicht mehr annehmen sollte, weil es dann nach Bestechung aussehen könnte. Wichtig wäre, die Leute proaktiv zu schulen. „Ich glaube, dass selbst die, die sich regelkonform verhalten wollen, es gar nicht vollständig einschätzen können.“ Natürlich könne man über Schulungen die Mitarbeiter für das Thema sensibilisieren, so Torsten Gerhard. Man brauche aber nicht nur das Bewusstsein, sondern vor allem die Bereitschaft. Diese leide aber unter Umständen unter dem Druck, dem einzelne Personen im Unternehmen ausgesetzt seien. Vor allem Mitarbeiter, die Compliance-Verstöße entdeckten, ernteten damit ja nicht unbedingt Lob im Unternehmen. So müsse die Bereitschaft, Compliance leben zu wollen, im Unternehmen auch durchgängig vorhanden sein. Ingo Dalcolmo

K ONG R ES S 3. Compliance Conference Im Haus der Wirtschaft in Stuttgart findet am 15. Mai zum dritten Mal die von der Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung initiierte Compliance Conference Stuttgart statt. Im Mittelpunkt der ganztägigen Veranstaltung stehen in diesem Jahr die Digitalisierung und der Datenschutz – Risiko oder Chance für die Compliance? Keynote-Speaker sind dieses Mal Hans-Hermann Schaber von der Datagroup SE, Janos Gönczöl von der Brunswick Group und Jürgen Steck vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Moderiert wird der Kongress von Dr. Jürgen Bürkle, Leiter Recht & Compliance bei der Stuttgarter Lebensversicherung. red Anmeldung und weitere Informationen unter www.wirtschaft-in-bw.de


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Im Sog der Konzerne Kleinbetriebe können unvermittelt vor der Compliance-Frage stehen

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it Compliance können Unternehmen schneller in Berührung kommen, als ihnen lieb ist: So werden heute bei fast allen öffentlichen Ausschreibungen bei den sich bewerbenden Firmen entsprechende Compliance-Strukturen gefordert. Große Unternehmen, die die gesetzlich vorgeschriebenen Regelüberwachungen längst in ihren Geschäftsprozessen implementiert haben, erwarten Gleiches von ihren Zulieferern, sind quasi dazu gezwungen, um selbst die Compliance-Anforderungen erfüllen zu können. Ein Beispiel: Eine Druckerei in Stuttgart, die vier Mitarbeiter hat, wurde von einem Autokonzern aufgefordert, mit dem sie zwei Drittel ihres Umsatzes macht, einen Datenschutzbeauftragten zu bestellen und die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) umzusetzen, die am 25. Mai in Kraft tritt. Ansonsten drohte die Kündigung der Zusammenarbeit. Vor der anstehenden Prüfung holte sich die Druckerei schnelle Hilfe von außen. Kivanc Semen von der beauftragten Firma Data Guard, einem Anbieter von externen Datenschutzbeauftragten

Wer hat das Sagen? Wenn der Große Vorgaben macht, muss sich der Kleine oft fügen. Diese Erfahrung machen kleine und mittlere Unternehmen, die Kundenbeziehungen zu Konzernen unterhalten, auch beim Thema Compliance. Foto: Javier Brosch/Adobe Stock

für kleine und mittlere Unternehmen: „Viele Geschäftsführer nehmen die DSGVO nicht ernst, weil ihre Definition von Datenverarbeitung nicht mit der strikteren Sichtweise des Gesetzgebers übereinstimmt.“ Sie sollten wissen: Verstöße gegen die DSGVO werden bestraft mit Geldbußen bis zu 20 Millionen Euro oder vier Prozent des Jahresumsatzes – je nachdem, welcher Wert der höhere ist. Neben Datenschutzexperten gibt es Berater und Interim-Manager, die den gesamten Bereich der Compliance abdecken. Einer von ihnen ist Rüdiger Tüscher. Seit 17 Jahren hilft der Freiberufler Firmen, compliance-relevante Prozesse aufzusetzen und zu optimieren und diese unternehmensweit zu kontrollieren. Werden die Mitarbeiter regelmäßig geschult? Wer überprüft das und wie? „Ein zentraler Aspekt ist die Schaffung von Transparenz“, erläutert Tüscher. Erst durch eine genaue Risikoermittlung und -bewertung könne man die besonders relevanten Compliance-Themen erkennen und durch zielgerichtete Maßnahmen steuern. Deren Dokumentation werde als Beleg anerkannt, dass die Unternehmensführung ihren Leitungs- und Steuerungspflichten in puncto Compliance nachgekommen sei. Tüscher hat schon bei Daimler in Stuttgart und für mehrere baden-württembergischen Hidden Champions gearbeitet. Aktuell ist er auch für einen Mittelständler mit rund 100 Millionen Euro Umsatz tätig, der Ausrüstungsgegenstände in 60 Länder verkauft. Ein anderes Unternehmen musste wegen kartellrechtlicher Vergehen ein Bußgeld von 80 Millionen Euro zahlen. „Bestechung ist neben Kartell- und Datenschutzverstößen leider eines der am häufigsten vorkommenden Fehlverhalten“, betont der gelernte Wirtschaftsprüfer. „Vor allem Unternehmen mit einer starken internationalen Ausrichtung, von denen es in Baden-Württemberg viele gibt, stehen permanent im Aus-

land vor kulturellen und rechtlichen Besonderheiten, die es zu berücksichtigen gilt.“ Daniel Müller, Geschäftsführer der auf Interim-Management spezialisierten Personalberatungsfirma Management Angels, hält daher einen unabhängigen Compliance-Experten für einen wertvollen Helfer des Mittelstands: „Durch die Vielzahl an Unternehmen, in denen er gearbeitet hat, kommt er mit viel ErDATENSCHUTZ fahrung und umfangreicher Kompetenz in den Betrieb. Er ordnet und KUNDENBEZIEHUNG baut eine Struktur auf, mit der das Unternehmen auch in Eigenregie erfolgreich Compliance-Management betreiben kann.“ Auch der Mittelstand muss sich darüber im Klaren sein, dass überall, wo Geld fließt oder über den Fluss von Geld entschieden wird, es zu Rechtsüberschreitungen kommen kann. Dieses Risiko gilt es zu minimieren, um die Existenz der Firma nicht zu gefährden. Investitionen in den Aufbau von Compliance-Strukturen und die Überwachung ihrer Einhaltung lohnen sich für Mittelständler, denn sie erhöhen nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Transparenz. Schafft ein Unternehmen die Position eines Compliance-Beauftragten, sollte diese organisatorisch nahe an der Geschäftsleitung angelegt werden. Denn Compliance ist Chefsache. Jürgen Hoffmann

PROZESSE

DOKUMENTATION

I MP R ES S U M Redaktion:

STZW Sonderthemen I. Dalcolmo, M. Vogel

Produktion:

STZW Sonderthemen

Titelfoto:

vege/Adobe Stock

Anzeigen:

Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH Telefon 07 11 / 72 05 - 16 01 Telefax 07 11 / 72 05 - 16 14 svanzeigen@stzw.zgs.de

Anzeigenverkaufsleitung:

Tanja Dehner Telefon 07 11 / 72 05 - 16 01

Druck:

Pressehaus Stuttgart Druck GmbH


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Saftiges Bußgeld droht Nachlässigkeit kann weitreichende Konsequenzen haben

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ie neue Bundesregierung will den Kampf gegen Wirtschaftskriminalität forcieren. Auch Unternehmen, die von Fehlverhalten ihrer Mitarbeiter profitieren, müssen mit härteren Sanktionen rechnen. Bislang liegt das im Ermessen der Behörden und Rechtsverstöße von Firmen gelten als Ordnungswidrigkeiten. Nun steht eine bundesweit einheitliche Regelung ebenso wie ein neuer Rahmen für verschärfte Ahndungsmöglichkeiten auf der Agenda.

Verantwortliche in Unternehmen müssen abwägen, ob die Durchsetzung mancher Geschäftsinteressen überhaupt mit dem geltenden Recht in Einklang steht. Foto: fotomek/Adobe Stock

Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz etwa drohen künftig Geldbußen in Höhe von maximal zehn Prozent des Umsatzes. Nicht minder wichtig: Wenn Sanktionen etwa durch ein Korruptionsregister öffentlich gemacht werden, und das sieht der Koalitionsvertrag vor, dann schadet das auch der Reputation der Firma. In den USA und in Großbritannien sind schon die Voraussetzungen einer Unternehmensstrafbarkeit bei Korruption und Beste-

chung geschaffen worden. „Das kann auch deutsche Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen oder Tochtergesellschaften in Großbritannien oder den USA betreffen“, sagt Wolfram Bartuschka, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater bei der Sozietät Ebner Stolz. Die Sanktionen nach diesen Gesetzen reichen bis hin zu Gefängnisstrafen. In Deutschland dagegen können Unternehmen derzeit nicht strafrechtlich belangt werden. Dennoch haben auch hier die Risiken zugenommen. So können bei Verstößen etwa gegen das Kartellrecht Bußgelder in zweistelliger Millionenhöhe fällig werden. Insgesamt hat das Bundeskartellamt im letzten Jahrzehnt deutlich mehr Bußgelder verhängt als in der Dekade vor der Jahrtausendwende. „Die Risiken rund um das Kartellrecht werden immer wieder einmal ignoriert“, sagt Bartuschka. Und neue Risiken kommen hinzu: So bringt auch die ab 25. Mai verpflichtend anzuwendende Datenschutzgrundverordnung empfindliche umsatzbezogene Strafen mit sich. Bei Rechtsverstößen kann die Geschäftsführung auch persönlich belangt werden. Es droht die Abberufung durch den Aufsichtsrat oder Gesellschafter ebenso wie die Schadenersatzzahlung. Diese Risiken haben sich durch die Rechtsprechung – nicht zuletzt im Zuge der Skandale um schwarze Kassen bei Siemens – in den letzten Jahren erheblich verschärft. „Wenn der Aufsichtsrat den Schadenersatzanspruch gegenüber der Geschäftsführung nicht prüft, macht er sich selbst schadenersatzpflichtig“, sagt Bartuschka. Mitarbeitern drohen bei Bestechung, Bestechlichkeit, Steuerhinterziehung oder Untreue sowohl Sanktionen nach dem Strafgesetzbuch als auch Schadenersatzforderungen. Indirekt kann die Geschäftsführung auch davon betrof-

fen sein. „Wer Umsatz- und Ergebnisdruck in einem Maß aufbaut, dass beispielsweise der Vertrieb zu Rechtswidrigkeiten neigt, muss möglicherweise ebenfalls mit persönlichen Strafen und Kostenhaftungen rechnen“, sagt Bartuschka. Dem Unternehmen als Ganzes drohen darüber hinaus erhebliche Folgewirkungen. Dazu gehören oft enorme Anwaltskosten und der Ausschluss von öffentlichen Ausschreibungen. Dass es sich lohnt, mit einem Compliance-Management-System (CMS) schwerwiegende Sanktionen abzumildern, zeigt ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) vom vergangenen Jahr. Hintergrund war die ZahKARTELL lung von Bestechungsgeldern beim Erwerb von Panzerhaubitzen durch KORRUPTION den griechischen Staat von einem deutschen Rüstungskonzern. Diese Einnahmen waren von dem Angeklagten gegenüber der Finanzverwaltung nicht nur verschwiegen, sondern von dem Rüstungskonzern auch noch als Betriebsausgaben verbucht worden. Besonders interessant dabei: In Zusammenhang mit der gegen das Unternehmen verhängten Geldbuße hielt der BGH dem Konzern die im Nachhinein erfolgte Errichtung eines steuerlichen CMS zugute. „Damit hat erstmals ein deutsches Gericht die Bedeutung eines TaxCompliance-Managementsystems hervorgehoben und betont, dass dieses bei der Festlegung des Strafmaßes zu berücksichtigen ist“, sagt Janika Sievert, Rechtsanwältin bei dem auf den Mittelstand fokussierten Beratungsunternehmen Ecovis. Sie verweist darauf, dass bei mittelständischen Unternehmen Compliance-Managementsysteme noch längst nicht üblich sind. „Das böse Erwachen kommt oft erst, wenn der Staatsanwalt vor der Tür steht“, sagt Sievert. Doch auch wenn eine Straftat geschehen ist, lohnt es sich, Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass im Ernstfall immer mehrere Unternehmensbereiche betroffen sein können: bei Schmiergeldzahlungen etwa die Steuerabteilung, aber auch der Einkauf oder der Vertrieb. Norbert Hofmann

BGH-URTEIL

KOALITIONSVERTRAG STRAFEN

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Genauer hinsehen Ein funktionierendes Risikomanagement aufbauen

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NORMEN

este Regeln und klare Abläufe sind in den meisten Unternehmen eine Selbstverständlichkeit. Firmenchefs sind in der Regel auch davon überzeugt, dass sie selbst und ihr Betrieb sich an geltende Rechtsvorschriften halten. Dennoch ist bei Weitem nicht immer sicher, dass alle Abläufe wirksam kontrolliert und Regeln eingehalten werden. Ebenso ist allein schon wegen der sich ständig ändernden Regularien in den verschiedenen Staaten keineswegs garantiert, dass sich ein Unternehmen auf Dauer regelkonform verhält. „Es geht bei Compliance nicht nur darum, sich an Gesetze und Branchenrichtlinien zu halten, sondern auch darum, ethisch-moralische VERSTÖSSE Standards zu befolgen“, sagt Alexander Geschonneck, Leiter des Bereichs Compliance & Forensic bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Ein systematisches Risikomanagement hilft vorzubeugen. Es macht zudem deutlich, dass sich Vorstand oder Geschäftsführung um das Thema kümmern. Ein mit dieser Zielsetzung eingesetzter Compliance Officer oder eine andere mit der Etablierung von entsprechenden Regeln, Kontrollmechanismen und Schulungen betraute Abteilung eines Unternehmens steht dabei vor vielfältigen Herausforderungen. Das beginnt schon damit, einen individuellen Ansatz zu finden. „Ein ganz zentraler Baustein ist die Risikoanalyse, denn kein Unternehmen ist wie das andere“, sagt Professor Kai-Thorsten Zwecker, geschäftsführender Gesellschafter der Sozietät SGP Rechtsanwälte in Ulm und Professor für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Neu-Ulm. Risiken lauern allenthalben: von Umwelt- bis Datenschutz, von Umsatzsteuervorschriften bei grenzüberschreiten Geschäften über die Versuchung der Korruption im Vertrieb bis hin zum Arbeitsrecht. Vor diesem Hintergrund gilt es zunächst, eine Reihe wichtiger Fragen zu beantworten. In welchen Ländern bin ich tätig und welche Richtlinien sind dort jeweils einzuhalten? Hat mein Unternehmen die Gesetzgebung in diesen Ländern, aber auch

BEWERTUNG

ZIELVORSTELLUNGEN

REGULARIEN

die Einstellung der Kunden zu bestimmten Sachverhalten, etwa dem Umgang mit Daten, stets im Blick? „Exportorientierte Firmen etwa müssen das Außenwirtschafts- und Steuerrecht genau kennen, während sich Produktionsunternehmen in Deutschland insbesondere auch gegen Risiken im Zusammenhang mit Emissions- und anderen Umweltschutzvorschriften wappnen müssen“, sagt Zwecker. Fast alle Unternehmen seien zudem kartellrechtlichen Risiken ausgesetzt. Sind die für das Unternehmen relevanten Compliance-Risiken identifiziert, gilt es, die bestehende Aufbau- und Ablauforganisation genauer zu betrachten. „Klar zu definieren ist dabei, wer im Unternehmen wofür und auf welcher Stufe für den jeweiligen Prozess verantwortlich ist“, erläutert Hanno Kiesel, Rechtsanwalt und Steuerberater im Stuttgarter Büro der Sozietät Heuking Kühn Lüer Wojtek. Dabei sei etwa auch zu klären, welche Prozesse gestützt durch Informationstechnologie ablaufen, ob Anweisungen zur Bearbeitung von Sachverhalten sowie zur Form der Berichterstattung vorliegen und wer all dies kontrolliert. Insbesondere sollte auch herausgearbeitet werden, welche Kontrollen für Compliance-Sachverhalte installiert sind. „Stellt man dann die Dokumentation der Ist-Situation den Zielvorstellungen gegenüber, findet sich meist Optimierungsbedarf “, sagt Kiesel. Als Jurist ist ihm zwar bewusst, dass jedes Risiko ein Risiko zu viel ist, er weiß aber auch, dass eine hundertprozentige Compliance in der Praxis nicht durchführbar ist. Besonders riskante Bereiche und die dort anzusetzenden Maßnahmen aber können herausgearbeitet werden. Dies geschieht etwa durch die Bewertung von Risiken im Rahmen einer Skala von eins bis fünf. Zur Bewertung gehört dabei auch die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit Regelverstöße möglicherweise eintreten. Genau hinsehen sollten die Geschäftsleitung und die mit der Compliance beauftragten Mitarbeiter zudem, wo im Unternehmen Informationen zusammenlaufen. „Das Thema Steuern etwa taucht von der Personalabteilung bis zur Buchhaltung in den verschiedensten Facetten auf und gehört im Zusammenhang mit

der Compliance zu den am häufigsten unterschätzten Aspekten“, so Kiesel. Nach einer Bewertung der Risiken werden bestimmte Maßnahmen vorrangig angegangen und andere vielleicht als wünschenswert, aber nicht als dringend eingestuft. „Eine solche Bewertung ist auch deshalb dringend zu empfehlen, weil sich die Geschäftsleitung damit gegen Vorwürfe einer unterlassenen Risikoanalyse schützen kann“, so Kiesel. Grundsätzlich muss ein Geschäftsleiter viele Faktoren im Umgang mit Risiken abwägen. „Es kommt darauf an, sie zu erkennen und Maßnahmen zur Minimierung zu ergreifen“, sagt Geschonneck. Dabei kann es um das Formulieren von Richtlinien und die Einführung von Kontrollprozessen gehen, aber auch um die Reaktion auf Fehlverhalten oder die Schulung von Mitarbeitern. „Die Risikoanalyse ist dann sinnvoll, wenn die Ergebnisse richtig bewertet und die risikominimierenden Maßnahmen gelebt werden und sie nicht nur für die Schublade entstanden ist“, sagt der KPMG-Experte. In der Praxis gehört zu einer solchen Compliance-Kultur auch, dass sie von der Unternehmensleitung vorgelebt wird. Zentraler Baustein eines Compliance-Systems ist neben der Definition von Zielen und Risiken zudem die Art und Weise, wie das Unternehmen die Regeln gegenüber den Mitarbeitern kommuniziert und wie die entsprechenden Berichtswege funktionieren. „Die Geschäftsleitung sollte dabei vermitteln, dass sie etwas Gutes tun will“, rät Zwecker. Es geht nicht um Überwachung. Hinweise zu den wichtigsten Bausteinen eines ComplianceManagement-Systems bieten Prüfungsstandards wie das Modell der IHK Hamburg, die ISONorm 19 600 und vor allem der IDW PS 980 der deutschen Wirtschaftsprüfer. „Mit einer nach diesen Standards zertifizierten Compliance demonstrieren Unternehmen auch gegenüber Behörden einen wichtigen Nachweis für ihr Risikomanagement“, so Zwecker. Norbert Hofmann

Der Aufbau eines funktionierenden Risikomanagements erfolgt am besten strukturiert. Einschlägige Normen und Modelle können als Handlungsleitfaden dienen. Foto: niroworld/Adobe Stock

3. Compliance Conference Stuttgart Compliance Conference STUTTGART

Der Informationskongress für Unternehmen aus dem Mittelstand Schwerpunkt: Digitalisierung und Datenschutz – Risiko oder Chance für die

Hau s d 15. M ai von er Wi 9.1 rtsch 201 5b 8 a is 1 ft, St 8.0 uttg 0 U art hr Compliance?

Die Referenten

Dr. Susanne Jochheim

Dr. Alexander Schork

Dr. Thomas Trölitzsch

Dr. Torsten Gerhard

Jens Pfeifer

Bernd Peter

BRP Renaud und Partner Rechtsanwälte, Patentanwälte, Steuerberater

BRP Renaud und Partner Rechtsanwälte, Patentanwälte, Steuerberater

OPPENLÄNDER Rechtsanwälte

OPPENLÄNDER Rechtsanwälte

Compliance als Bußgeldfaktor

Digitalisierung versus Datenschutz – Die EUDatenschutzgrundverordnung als Herausforderung für das Compliance-Management

BANSBACH GmbH Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft

Die Internationale Compliance-Organisation

Organpflichten bei Eintritt bzw. der Bewältigung eines Compliance-Falls

BANSBACH GmbH Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Digitalisierung von Prozessen – Digitalisierung von Compliance

Digitalisierung als Chance zur Optimierung von Compliance

Moderation

Key Note Speaker

Key Note Speaker

Key Note Speaker

Dr. Jürgen Bürkle

Hans-Hermann Schaber

Janos Gönczöl

Jürgen Steck

Leiter Recht & Compliance Stuttgarter Lebensversicherung a. G.

DATAGROUP SE

Brunswick Group GmbH

Alle reden von „Cloud“ – Auf was muss ein mittelständisches Unternehmen achten?

„Tone from the Top“ – Wie kommunizieren Unternehmen Compliance.

Landeskriminalamt Baden-Württemberg

Die Compliance Conference ist eine ganztägige Veranstaltung und richtet sich an Entscheider (Vorstände, Geschäftsführer, Bereichsleiter) sowie an Fach- und Führungskräfte mittelständischer Unternehmen. Unabhängig von der Unternehmensgröße und der Mitarbeiterzahl, spielt das Thema Compliance eine wichtigere Rolle denn je. Informieren Sie sich bei der 3. Compliance Conference u. a. über die Einflüsse der Digitalisierung und EU-Datenschutzgrundverordnung auf die Compliance und profitieren Sie von den Fachvorträgen renommierter Experten.

Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg nimmt sich unter die Lupe – Korruptionsprävention durch eine Risikoanalyse.

Jetzt Teilnahme sichern! 1 Person 299,– € zzgl. MwSt. 2 Personen* 549,– € zzgl. MwSt.

 Ganztägige Veranstaltung inkl. Verpflegung (Essen und Tagungsgetränke)

*aus jeweils einem Unternehmen

 Renommierte Experten als Referenten

Anmeldung und Informationen unter: Telefon 0711 7205 - 6152 Fax 0711 7205 - 1605 Email service@ticket.zgs.de Online www.wirtschaft-in-bw.de Unsere Partner:

Eine Veranstaltung der Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Straße 150, 70567 Stuttgart

 Zugeschnitten auf die Anforderungen und Bedürfnisse mittelständischer Unternehmen  Keynote Speaker mit großer Praxisnähe

Unsere Aussteller:

Wirtschaft in Baden-Württemberg  

Ausgabe 2, 2018

Wirtschaft in Baden-Württemberg  

Ausgabe 2, 2018