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Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

März 2018

Wirtschaft & Start-ups

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Wie kommt Innovation in die Unternehmen? Vor dieser Frage stehen alle Firmen im Land – kleine wie große. „Wirtschaft & Start-ups“ blickt auf Gründer, kreative Unternehmen und Technologie.

Hechingen – Geheimtipp für Medizintechnologie. SEITE 11 Grüne Start-ups – Innovationen mit Moral. SEITEN 12, 13 Strategie – Liechtenstein wirbt um Gründer aus Deutschland. SEITE 15

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Gut gelaunt beim Pizza-Essen im Start-up. Das ist aber nur ein Teil des Arbeitsalltags. Geregelte Arbeitszeiten sind meist unbekannt. Ohne Selbstausbeutung geht es selten. Und wenn es um den Arbeitserfolg geht, die sogenannte Execution, kann auch in vermeintlich hierarchiefreien Start-ups massiver Druck entstehen. Foto: Syda Productions/AdobeStock

Nicht immer die glückliche Familie Die Arbeitsatmosphäre in Start-ups wird manchmal fast missionarisch verklärt. Aber mehr Selbstreflexion darüber, wann und wo sie ihre Grenzen hat, würde guttun. Von Andreas Geldner Arbeitskultur

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er US-Journalist Dan Lyons einem Start-up, das fehlende Gewinne mit hat vor eineinhalb Jahren Marketing-Großspurigkeit kompensiert, ein Buch über die Exzesse kann man nicht allein als Schilderung der Start-up-Kultur publiziert typisch amerikanischer Exzesse abtun. In („Von Nerds, Einhörnern und den USA ist die Debatte über den Start-upDisruption“). Es liest sich wie Realsatire, Mythos am Arbeitsplatz längst entbrannt. Denn ob es Start-ups in Deutschland nun beschreibt aber wohl bittere Realität. In seinem Start-up HubSpot, das Mar- gerne hören oder nicht: Vieles an ihrer Kulketing-Software für Kleinunternehmen tur kann seine amerikanischen Wurzeln entwickelt, sei das Wort Entlassung tabu nicht verleugnen. Sie stammt aus einer gewesen. Stattdessen habe es eine fröhliche Wirtschaftsordnung, der etwa KündiMail vom Chef gegeben: „Liebes Team, ich gungsschutz nach deutschem Muster imwill euch wissen lassen, dass Frau X bei uns mer fremd war. Eins ist wichtig: Man täte der überwältiberuflich abgeschlossen hat und wir sind begeistert, dass sie ihre Super-Kräfte für genden Mehrheit der Gründer in Deutschihr neues großes Abenteuer nutzt.“ Es sei land unrecht, wenn man ihnen solche Exsurreal und grausam gewesen: „Aber alle zesse wie bei HubSpot zutrauen würde. bei HubSpot taten, als sei dies völlig nor- Insbesondere in einer frühen Gründungsphase käme kein Start-up mal. Uns wurde gesagt, wir von der Rampe, wenn es seien Rockstars, wir seien „Jeder weiß, dass er sich solchen Zynismus inspirierend und würden ersetzbar ist. Erst die Welt verändern. Aber kommen die Investoren, leisten würde. Ohne ein funktionierendes, fair mitin Wahrheit waren wir Verdann die Kunden einander umgehendes fügungsmasse.“ Team würden solche junge Vor 100 Jahren hätten und zum Schluss Firmen gleich wieder von Fabrikarbeiter für bessere die Mitarbeiter.“ der Bühne verschwinden. Arbeitsbedingungen und Und es ist ein Riesenunterweniger Arbeitszeit ge- Eine Ex-Führungskraft der Berliner Rocket Internet schied, ob man am Anfang streikt, sagt Lyons: „Heute Start-up-Schmiede laut dem Magazin „Spiegel“ ein unersetzlicher Entfeiern die Angestellten im wickler ist – oder später Silicon Valley ihre eigene Ausbeutung.“ Wer zwischen neun und fünf zur Fußtruppe gehört. Erst wenn die arbeite, gelte als „Loser“. „Für eine be- Embryonalphase vorbei ist, wenn es in die stimmte Art von Mensch – normalerweise Expansion geht – im Start-up-Deutsch die jung und männlich – bedeuten Entbehrun- „Skalierung“ –, kommt nämlich die Stunde gen einen Teil vom Kick.“ Lyons ist für der Wahrheit. Wer aber Berichte über die knallharte seine Zuspitzungen kritisiert worden, aber sein Porträt der Arbeitsbedingungen in Arbeitsatmosphäre in der Berliner Startup-Schmiede Rocket Internet liest, der kennt den Preis aggressiven Expansionswillens, der ja als ein wesentliches UnterWIE DEFINIERT MAN EIGENTLICH EIN START-UP? scheidungsmerkmal eines Start-ups von einer konventionellen Gründung gilt. „RoDynamik Das Alter allein ist Definition Der englische Begriff cket ist kein langfristiger Arbeitsplatz“, nicht entscheidend, auch wenn „Start-up“ beschreibt eine frisch sagte eine ehemalige Führungskraft dem zwischen fünf und zehn Jahren gegründete Firma mit zunächst Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“: „Jeder meist das Limit liegt. Start-ups geringen Ressourcen, die ihren weiß, dass er ersetzbar ist. Erst kommen die haben vor allem das Potenzial, ganzen Entwicklungszyklus Investoren, dann die Kunden und zum sehr schnell zu wachsen. noch vor sich hat. Am Anfang Schluss die Mitarbeiter.“ Schlüssel sind das innovative steht eine innovative Idee, die Das traditionelle Verständnis eines Geschäftsmodell und das meistens auch technologisch deutschen Arbeitnehmers passt nicht in Erschließen neuer Märkte. age Neuland betritt.

diese Welt. Zu Recht klagen junge Unter- Umfallen scheinen bemerkenswerterweise nehmen über manche Regulierungen, die junge Männer cooler als Frauen zu finden. an traditionellen Firmen orientiert sind Spätestens, wenn es um die ersten größeund nicht an ihrer Situation. Allerdings ren Finanzierungsrunden geht, wenn Ingreift auch in Deutschland der Kündi- vestoren mitreden und die Unternehmensgungsschutz erst ab elf Mitarbeitern, also anteile auf einmal wertvoll werden, wird noch nicht in einer sehr frühen Phase der es mit der freundschaftlichen Augenhöhe schwierig. Wer viele Unternehmensanteile Gründung. Nein, es geht nicht darum, nach Regulie- sein Eigen nennt, hat andere Interessen als rung zu rufen. Aber ein wenig mehr Selbst- jemand, der im Team die Arbeitnehmerrolreflexion könnte nicht schaden. Start-ups le hat. Und spätestens bei Milliarden-Börsehen sich als Gegenpol zur Erstarrung in senwerten wird die so bunte, auf fröhliche etablierten Firmen. Persönliches Engage- Motivation setzende Innovationskultur gelegentlich zur Fassade und ment gilt bei jedem Mitkaschiert andere Interesarbeiter als selbstver- „Heute feiern die sen – die der Eigentümer ständlich. Und das betrifft Angestellten im Silicon vor allem die Bereitschaft, Valley ihre Ausbeutung. und Investoren. Dann ist manchmal Schluss mit so viel zu arbeiten wie nödem Gefühl, dass alle eine tig. Viel Geld zu verteilen Wer zwischen 9 und 5 große Familie sind. Es ist gibt es am Anfang auch arbeitet, gilt als Loser.“ der Moment, wo sich die nicht. Die Motivation muss Dan Lyons, Businesstypen von den von innen kommen. Gren- Journalist Kumpels und Freunden zen der Arbeitszeit? Gehaltserhöhung? Einzelbüro? Das sind trennen, mit denen sie einst gegründet haFremdworte. Das Versprechen im Gegen- ben. Um den „Spiegel“ zu zitieren: „Hat das zug sind Freiheit und Selbstverwirkli- Start-up Erfolg, werden die einst flachen chung, Augenhöhe, Autonomie und Res- Hierarchien immer steiler. Nur Gehälter pekt. Es ist kein Zufall, dass Start-ups oft in und Urlaubsanspruch wachsen nicht mit.“ Der Mythos von der Start-up-Arbeitsder Anfangsphase von jüngeren Mitarbeitern geprägt sind, die eher mit dem Unter- kultur wird oft auch dann noch strapaziert, nehmen verheiratet sind als mit einer Fa- wenn sich die Ausgangsbedingungen vermilie. Das Wort „verheiratet“ trifft diese ändert haben. Niemand wird einen Konspezielle Arbeits-Beziehung übrigens per- zern wie Amazon oder Unternehmen wie fekt. Wie in einer Ehe sind die emotionalen Uber oder Tesla noch ein Start-up nennen. Erwartungen hoch. „Gut drauf“ zu sein, wie Dennoch wehren sie sich insbesondere in es das Selbstmarketing erfordert, kann zum den USA mit Händen und Füßen gegen alles, was nur ansatzweise wie ein traditioemotionalen Dauer-Druck werden. Der Mensch wird in dieser Kultur sehr nelles Arbeitnehmerrecht aussieht. Einer stark über seine Arbeit definiert, mehr als der meistgelesenen Artikel der „New York sich ein Karl Marx je hätte träumen lassen. Times“ in den vergangenen Jahren war die Totales, auch emotionales Engagement gilt mit vielen Fallbeispielen gespickte Abrechals wichtige Leistungs- und Energiequelle. nung mit dem Leistungsdruck bei Amazon. Wenn ein Gründer Vorbilder für seine Doch damit verschwimmt die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit oder zwi- Arbeitskultur sucht, muss es nicht Amazon schen privater und geschäftlicher Person, sein. Vorbild könnte genau jener Mittelallem Reden über die „Work-Life-Balance“ stand sein, dem Start-ups – zu Recht – zum Trotz. Und manchmal soll auch die mehr Dynamik und Flexibilität beibringen eher der Regeneration der Arbeitskraft wollen. Hier hat man gelernt, mit Spielredienen als der Erkenntnis, dass es auch ein geln und Strukturen zu leben und dennoch beweglich zu bleiben. Viele dieser Firmen Leben jenseits der Arbeit gibt. Gewiss: Ohne Besessenheit sind neue sind erwachsen und dennoch dynamisch. Ideen nicht durchzukämpfen. Es geht um Hier überlebt man Arbeitszeitregeln, ja eine „Mission“. Das mag für das Gründer- „sogar“ Betriebsräte und Gewerkschaften. team und die Kernmannschaft zwingend Wenn das Beste aus beiden Welten kombinotwendig sein. Bedenklich wird es, wenn niert wird, hat Deutschland eine Chance, dieser Totalitätsanspruch bis hinunter zum seine eigene Start-up-Kultur zu etablieren, kleinen Mitarbeiter als Selbstverständlich- ohne immer nur in die Vereinigten Staaten keit eingefordert wird. Arbeiten bis zum zu schielen.

Wirtschaft in Baden-Württemberg  
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