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Wirtschaft in Baden-Württemberg 7

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Erst einmal nur Ehre Die Erfahrung lehrt: Das Unesco-Siegel lässt sich nur selten zu Geld machen. Von Rüdiger Bäßler

Weltkulturerbe

D

Zisterzienserkloster Maulbronn

Der Limes bei Aalen

ofsiedlung Le-Corbusier-Haus in der Weißenh

Fotos: dpa

ann, im Juli 2017, waren es also sechs. Im polnischen Krakau verlieh die Unesco mehreren Höhlen der Schwäbischen Alb den Welterbestatus, womit Baden-Württemberg bundesweit betrachtet nun auch in diesem Kulturvergleich eine große Nummer ist. Die Albhöhlen, das Zisterzienserkloster Maulbronn, die Klosterinsel Reichenau, der obergermanisch-raetische Limes, die prähistorischen Pfahlbauten und die LeCorbusier-Häuser in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung – das sind sechs von 42 deutschen Welterbestätten. Im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren klirrten vergangenen Sommer die Sektgläser. Touristiker, Landes- und Kommunalpolitiker feierten die Siegelverleihung. Nun gehe es touristisch steil nach oben, war die einhellige Meinung. Sehr lange hielt die Siegerstimmung nicht, denn schnell rückten die Fragen zu Kosten und Konzepten in den Mittelpunkt. Die sechs ausgezeichneten Albhöhlen, Fundstätten der ältesten bekannten Kunstwerke und Musikinstrumente der Menschheit verteilen sich auf die Landkreise Heidenheim und Alb-Donau-Kreis. Aber wer, so fragen die Bürgermeister von Schelklingen bis Niederstotzingen seither, bezahlt nun den Ausbau von Wanderwegen und all die Marketingmaßnahmen, um mehr Besucher zu locken? Das Land, war eine rasch ausgerufene Antwort. Die Landesregierung hat fürs laufende Jahr auch weitere 250 000 Euro Zuschuss für die Albhöhlen zugesagt. Sehr weit reichen wird das aber nicht. Das Unesco-Siegel endlich da, die ersehnten Touristen aber noch in weiter Ferne – diese Situation kennt man anderswo schon. Zum Beispiel im Blausteiner Ortsteil Ehrenstein, dessen Steinzeitdorf zu jenen Pfahlbausiedlungen gehört, die 2011 den Unesco-Schutzstatus bekamen. Dort ist bisher kein einziger Tourist aufgetaucht, was einen einfachen Grund hat: Alle Exponate liegen einen Meter unter der Erde im Grundwasser. Erst 2016

begann der örtliche Gemeinderat mit den Bauarbeiten für einen Themenpark. Geschätzte Bauzeit: acht Jahre. Kosten: 1,7 Millionen Euro. Ohne Finanzhilfe dürften Bau und Betrieb nicht zu stemmen sein. Da hat es Gunter Schöbel, Direktor des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen, weitaus besser. Seine Rekonstruktionsschau am Bodenseeufer floriert. Bloß tat sie das bereits lange vor 2011. „Den großen Schub gab’s nicht. Und Geld auch nicht“, erinnert er sich an die Zeit nach der Unesco-Kür. „Das ist ein tolles Label, aber es wird viel Eigeninitiative verlangt.“ Auch in der Bodenseegemeinde Reichenau mit der im Jahr 2000 zum Welterbe erhobenen Klosterinsel sind die Besucherzahlen prima. Mehr als 250 000 Übernachtungen zählen sie dort jährlich. Vermutlich, sagte der örtliche Tourismuschef, hänge das auch mit dem Unesco-Siegel zusammen. Genau weiß man’s aber nicht, weil alle Bodenseegemeinden in den vergangenen, von Terrorangst geprägten Jahren, stark zulegten. Auch das Finanzministerium des Landes sieht sich außerstande, den Effekt des Unesco-Siegels auf Besucherzahlen statistisch zu greifen. Was sich summieren lässt, sind im Südwesten also weiter nur die öffentlichen Zuschüsse. Das gilt auch, wiederum bezogen auf die Albhöhlen, für den 2013 in Niederstotzingen (Kreis Heidenheim) eröffneten „Archäopark“, der endlich die Vogelherdhöhle einband und vor Wildgrillern schützte. Das Konzept ist modern und spannend – der Betrieb aber gleichwohl defizitär. Ohne Spenden aus der Wirtschaft ginge es nicht. Womöglich haben die nächsten UnescoInteressenten im Land mehr Fortune. Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte möchte die Fasnet zum immateriellen Weltkulturerbe gekürt haben. Gleiches erstrebt eine Ravensburger Kommission fürs örtliche Rutenfest. Das immerhin ist schon jetzt, bezogen auf die Saisongeschäfte der örtlichen Gastronomen, eine Gelddruckmaschine.

Bodenseeinsel Reichenau

Pfahlbauten in Unteruhldingen

Eiszeithöhle „Hohle Fels“ bei Schelklin gen

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