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EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

I T- B R A N C H E IM SÜDWESTEN MÄRZ 2018

Ein Motor der Wirtschaft Überdurchschnittliche Bruttowertschöpfung durch ITK-Dienstleistungen

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enn von baden-württembergischen Unternehmen in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ITK) die Rede ist, dann denken wohl die meisten zunächst an Namen wie SAP oder die in Nokia aufgegangene AlcatelLucent oder an IBM und HP, deren Deutschlandzentralen in der Region Stuttgart angesiedelt sind. Doch diese Namen täuschen ein Stück weit über die wahre Struktur der ITKBranche im Südweshinweg: Sie ist ITK-DIENSTLEISTUNGEN ten nämlich – wie könnte FORSCHUNG INNOVATION es in diesem Bundesland auch anders sein – stark mittelständisch geprägt. IT-SICHERHEIT Und sie ist, wie es die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut im vergangenen Dezember formulierte, „einer der Wachstums- und Innovationsmotoren“ der hiesigen Wirtschaft. Grundlage der Aussage waren die jüngsten Strukturdaten des Statistischen Landesamts. Demnach ist die Zahl der ITK-Unternehmen mit Sitz in BadenWürttemberg zwischen 2012 und 2015 um vier Prozent auf rund 15 100 gestiegen. Die Zahl der Beschäftigten nahm im gleichen Zeitraum um sechs Prozent auf gut 164 000 zu. Der steuerbare Umsatz kletterte um elf Prozent auf 45,9 Milliarden Euro. Aufgeteilt in die Bereiche Warenproduktion, Handel und Dienstleistungen stehen die letzteren in der hiesigen ITK-Branche für gut die Hälfte des steuerbaren Umsatzes. Fast drei Viertel der Beschäftigten arbeiten dort, fast 90 Prozent der baden-württembergischen ITK-Unternehmen zählen zu den ITK-Dienstleistern. Ein Schwerpunkt sind hierbei die Entwicklung von Software und von Internetpräsenzen. Die ITK-Dienstleister profitieren zudem vom Trend zur Auslagerung des ITK-Betriebs und technischer Dienstleistungen an Spezialisten, wie das Beispiel von Advanced Unibyte aus Metzingen zeigt: „War früher die Datensicherheit im firmeneigenen Rechenzentrum unbestritten, ist heutzutage die Datenspeicherung in einer Cloud oftmals sicherer, immer flexibler und technisch zukunftweisend“, sagt Sandro Walker, Gründer und Geschäftsführer des ITK-Dienstleisters. „Das schafft Freiräume für die firmeneigene IT-Abteilung und unterstützt sie in ihrer Rolle als Innovationstreiber im eigenen Unternehmen.“ So verwundert es nicht, dass Advanced Unibyte gerade in diesem Geschäftsfeld stark wächst: Sowohl die Kundenzahl als auch die Datenmenge in der von dem IT-Unternehmen betriebenen Cloud haben sich jährlich mindestens verdoppelt. „Für unsere Kunden heißt das gleichbleibende Ansprechpartner, Expertise und die Sicherheit einer dedizierten Cloud in Deutschland, also nach deutschem Recht“, so Walker weiter. Es sind Argumente, die in einer mittelständisch geprägten Zielgruppe gut ankommen.

DIGITALISIERUNG DIGITAL HUBS

Das Wirtschaftsministerium betont, dass ITK-Dienstleistungen nicht nur den Schwerpunkt der ITK-Branche in Baden-Württemberg bilden, sondern auch überdurchschnittlich zur positiven gesamtwirtschaftlichen Entwicklung des Südwestens beitragen. Während die Bruttowertschöpfung der hiesigen Gesamtwirtschaft zwischen 2012 und 2015 preisbereinigt um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr zulegte, wuchsen ITK-Dienstleistungen inklusive Handel mit ITK-Gütern jährlich mehr als doppelt so stark, nämlich um 4,3 Prozent. Das in Baden-Württemberg traditionell wachstumsstarke verarbeitende Gewerbe wies nur eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 3,1 Prozent auf. Auch bei den Investitionen in Forschung und Entwicklung ist die ITK-Branche im Südwesten überdurchschnittlich. Im deutschlandweiten Vergleich entfielen 2015 fast 40 Prozent der 6,7 Milliarden Euro auf Baden-Württemberg, die restlichen 60 Prozent teilen sich die anderen 15 Bundesländer untereinander auf. Im Vergleich zum Zweitplatzierten, dem Freistaat Bayern („Laptop und Lederhose“), sind die Investitionen Baden-Württembergs fast doppelt so hoch. Auch im landesinternen Branchenvergleich steht der ITK-Sektor gut da: 14 Prozent der gesamten Investitionen in Forschung und Entwicklung in der baden-württembergischen Wirtschaft bescheren der Branche einen zweiten Platz – hinter der Automobilindustrie (49 Prozent) und noch vor dem Maschinenbau (zehn Prozent). Gerade beim Thema „Forschung und Entwicklung“ kommt für die ITK-Branche durch die Digitalisierung eine weitere Komponente hinzu. Schließlich sind hiervon die Anbieter selbst genauso wie ihre Kunden betroffen. Die ITK-Branche Baden-Württembergs geht dabei mit gutem Beispiel voran. Im Anfang des Jahres veröffentlichten „Monitoring-Report Wirtschaft Digital B a d e n - Wü r t t e m berg“ haben das Marktforschungsinstitut Kantar TNS und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung mehr als 1000 Unternehmen im Südwesten zum Stand der Digitalisierung einzelner Branchen befragt. Eines der Ergebnisse: Die hiesigen ITK-Unternehmen gehen mit gutem Beispiel voran und bekommen in der Studie als einzige Branche einen „hohen“ Digitalisierungsgrad bescheinigt, wenn

auch etwas unterhalb des bundesweiten Niveaus der ITK-Branche. Doch diese Unternehmen sind nicht nur bei ihrer eigenen Digitalisierungsstrategie gefordert: Laut der Studie betont eine große Zahl von Unternehmen aus allen Branchen, wie wichtig bei dem nun einsetzenden Wandel die IT-Sicherheit und eine Förderung der IT-Sicherheitsforschung seien. Auch daraus erwachsen Aufgaben für die ITK-Unternehmen. Der baden-württembergischen Gesamtwirtschaft bescheinigt die Studie übrigens einen deutschlandweit überdurchschnittlichen Digitalisierungsgrad. Vor allem der Dienstleistungsbereich treibe den Wandel voran. Tendenziell dürfte das hohe Tempo der Digitalisierung im Südwesten in den nächsten Jahren beibehalten werden können – auch im bundesweiten Vergleich. Die Landesregierung will die Entwicklung unter anderem auch mit zehn regionalen Digitalisierungszentren unterstützen, neudeutsch:

Digital Hubs, die Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut Anfang Februar auf dem „Digitalisierungsgipfel 2018 – Wirtschaft 4.0 BW“ bekannt gegeben hat. Durch Kooperation, Vernetzung und Austausch sollen diese Digital Hubs digitale Innovationen voranbringen. „Damit unterstützen wir die mittelständische Wirtschaft in der Fläche des Landes auf dem Weg in die digitalisierte Zukunft“, so die Ministerin damals. Das Land investiert in den Aufbau der Digital Hubs insgesamt zehn Millionen Euro. Diese regionalen Digitalisierungszentren lassen sich auch als Ergänzung zur Digital-Hub-Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums verstehen. In deren Rahmen sind bereits drei Hubs mit thematischen Schwerpunkten in Baden-Württemberg ins Leben gerufen worden: Future Industries (Stuttgart), Artificial Intelligence (Karlsruhe) sowie Digital Chemistry & Digital Health (Ludwigshafen/ Mannheim). Michael Vogel

Bei den Investitionen in Forschung und Entwicklung liegen die Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie in Baden-Württemberg vor dem Maschinenbau. Foto: Zlatko Guzmic/Adobe Stock

Kompetent und kostenlos Das Land unterstützt kleine Unternehmen bei der Digitalisierung

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aden-Württemberg soll eine digitale Leitregion werden. Bis 2021 will die Landesregierung deshalb etwa eine Milliarde Euro in die Gestaltung des digitalen Wandels stecken. Das wurde bei der Vorstellung der Digitalisierungsstrategie für Baden-Württemberg vergangenen Juli angekündigt. Darin geht es um autonomes und vernetztes Fahren, digitale Bildung an den Schulen, Telesprechstunden von Ärzten für ihre Patienten, die Sicherheit von Unternehmen gegen Cyberangriffe und den Breitbandausbau. Schon in den vergangenen Jahren wurden Digitalisierungsprojekte auf den Weg gebracht, an denen die übergeordnete Digitalisierungsstrategie nun anknüpfen kann. Dazu gehören die Lernfabriken 4.0. In praxisnahen Lernumgebungen werden die Fachkräfte von morgen an 16 Berufsschulen im Land in der Bedienung von Anlagen auf Basis von automatisierten Industriestandards ausgebildet. Oder das Testfeld für autonomes Fahren in Karlsruhe, um neue Dienstleistungen rund um das vernetzte Fahren im realen Straßenverkehr zu erproben.

Die vernetzte Mobilität ist ein Schwerpunktthema in der Digitalisierungsstrategie. Ein anderer die Wirtschaft 4.0. Insbesondere der Mittelstand als größter Arbeitgeber soll bei der digitalen Transformation unterstützt werden. Aus diesem Grund wurde im Mai 2017 die Initiative Wirtschaft 4.0 BadenWürttemberg gestartet. Sie setzt sich bislang aus über 20 Partnern zusammen. Darunter Unternehmen, Kammern und Verbände, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik. Das Ziel der Initiative ist es, die Unternehmen im Land und ihre Beschäftigten branchenübergreifend bei der Digitalisierung zu unterstützen. „Baden-Württemberg ist top aufgestellt in der Unterstützung des Mittelstands bei der Digitalisierung“, sagt Jörg Castor, Leiter des Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrums Stuttgart. „Wir zeigen kleinen und mittleren Unternehmen, wie sie digitale Anwendungen effektiv in ihren Wertschöpfungsprozess integrieren können.“ Vermeintlich hohe Investitionskosten, schlechte Internetverbindungen und vor allem mangelnde IT-Kenntnisse im Unternehmen sind nach Angaben von Castor die Hemmnisse für Digitalisie-

rungsvorhaben. Grundvoraussetzung dafür sei die Erkenntnis, dass die Digitalisierung für das Geschäftsmodell Sinn macht oder sogar Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle bietet. „Aus Umfragen wissen wir, dass 90 Prozent das erkannt haben und rund vier Fünftel des Mittelstands bereits Teile ihrer Prozessketten digitalisiert haben.“ Hauptsächlich in der Organisation vom Wareneingang bis zur Rechnungstellung an den Kunden – und das aus gutem Grund: Papierlastige Prozesse lassen sich viel einfacher in Software abbilden als Arbeitsprozesse in der Produktion. Deshalb ist es mitunter hilfreich, wenn sich die Firmen dafür Hilfe nehmen, etwa in den Kompetenzzentren Stuttgart oder in Karlsruhe. „Wir gehen in die Betriebe, schauen uns die Prozesse an und machen einen Digitalisierungscheck“, sagt Castor. Daraufhin folgen Handlungsempfehlungen sowie Begleitung und Unterstützung während der Projektphase. Und das Angenehme daran: Die Leistungen der Kompetenzzentren sind kostenlos, weil gut finanziert vom Bundeswirtschaftsministerium. In einem Projekt geht es beispielsweise darum herauszufin-

den, wie sich die Software zur Steuerung von Produktionsprozessen verändert, wenn die Software nicht mehr lokal an der Maschine läuft, sondern in der Cloud. Eine andere Anlaufstelle, die kleine und mittlere Unternehmen bei der Digitalisierung unterstützt, ist das Digitale Innovationszentrum Baden-Württemberg in Karlsruhe, eine Einrichtung des Landes. Die leitet Gennadi Schermann. „Manche Mittelständler sind schon sehr weit mit der Digitalisierung, andere haben nicht einmal angefangen.“ Das ist bedingt durch die gute Konjunkturlage, weil sie keine Kapazitäten dafür haben. „Im Moment ist das zwar gut, für die Zukunft aber gefährlich.“ Eventuell werden sie später vom Wettbewerb überrumpelt. Bleibt die Frage: Wie viel Zeit hat der Mittelstand für die Digitalisierung? „Schwer zu sagen“, so Schermann. Besser sollten sich die Unternehmen fragen: Womit fange ich an? Wo liegen meine Chancen, was macht wirtschaftlich Sinn und in welchen Bereichen, der Produktion, im Vertrieb oder insgesamt? „Nur wenn man weiß, wo man hinwill, kann man die Weichen auch richtig stellen“, sagt Schermann. Peter Ilg

Wirtschaft in Baden-Württemberg  
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