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tuttgarter Nachrichten ärz 2018

Links der Rohstoff aus zermahlenen Altreifen – rechts die hochwertige Gum mimatte für den Bau

Fotos: Fraunhofer IMWS, Energybase, Matteco, Smart Green Accelerator,

Roeder, Hydrones

Gummimehl wird zu Dämmmaterial

n der Jagst bis Bhutan Casimir. Ähnlich ist das Projekt in Bhutan. Dort herrscht zwar kein Wassermangel. Im Gegenteil: In den bergigen Himalaja-Ausläufern gibt es ein großes Potenzial für Energiegewinnung mit Wasserkraft. Aber auch dieses darf nicht ungezügelt genutzt werden. Vor Ort bildet Hydrones aus, damit die Menschen die Untersuchungen selbst durchführen und damit zukünftig Abflüsse festlegen können, die ökologisch verträglich sind.

Einige der Messungen von Hydrones werden von der europäischen Union gefördert. Drohnen im Umweltschutz gibt es dank einiger ausgeschriebener Vermessungsprojekte inzwischen auch im Einzugsgebiet des Neckars. „Ohne Drohnen oder Luftbilder im Bereich Vermessung geht eigentlich kaum noch etwas“, weiß Haas. Mit ihrem spezifischen Angebot hat sich Hydrones international erfolgreich etabliert.

DIE BEI HYDRONES KOOPERIERENDEN FIRMEN I Am Hydro GmbH „Wenn man in Stuttgart Umweltschutztechnik studiert, kommt man automatisch mit Studenten aus dem Bereich Wassermanagement in Kontakt“, sagt Christian Haas. I Am Hydro steht für „Investigations And Monitoring of Hydrosystems“ (Untersuchung und Überwachung von Wassersystemen). Die Feldstudien bedienen sich innovativer Messverfahren mit modernster Messtechnik. Neben Vermessungsarbeiten sind der

nationale und internationale Technologietransfer sowie das Consulting ein wachsender Geschäftszweig. (www.iamhydro.com) SJE GmbH Im Jahr 2001 gegründet, versteht sich das ökohydraulische wissenschaftliche Ingenieurbüro als Ableger des Lehrstuhls für Wasserbau und Wassermengenwirtschaft des Instituts für Wasser- und Umweltsystemmodellierung (IWS) der Universität Stuttgart. Geschäfts-

führer Matthias Schneider hat neben Vorlesungen an anderen Forschungseinrichtungen nach wie vor einen Lehrauftrag am IWS. SJE steht für Schneider Jorde Engineering. Neben regelmäßigen wissenschaftlichen Publikationen konzentriert sich die SJE GmbH vor allem auf Modellierungen für Gewässer, Habitate und Ökohydraulik sowie auf Untersuchungen von Wasserkraftanlagen hinsichtlich Effizienz und Umweltverträglichkeit. (www.sjeweb.de) roe

Das mehrfach preisgekrönte Start-up Matteco betreibt hochwertiges Reifen-Recycling. Von Susanne Roeder

Wiederverwertung

M

atthias Krieg und sein einstiger Studienkollege Frank Fuhrer wechselten vor knapp drei Jahren als Endvierziger vom Angestelltendasein in die Selbstständigkeit. Ihr Werkstoff ist Gummi, und zwar zerkleinertes, wiederaufbereitetes Reifenmaterial. Im März 2015 trugen sie die Matteco GmbH ins Handelsregister ein. Gründliche Recherchen waren vorausgegangen, ob ihr Start-up mit dem recycelten Material als Basis Erfolg versprechend sein kann. Der Begriff Matteco für Matten und Ökologie ist eine Kurzbeschreibung des Geschäftsmodells der beiden Badener. Der Dritte im Bunde bei Matteco ist Bernd Krieg, Bruder von Matthias. Er ist für das Kaufmännische zuständig und schon seit Längerem selbstständig. Im Hauptberuf ist er Interimsmanager. „Ja, das ist eine spannende Branche, das Konzept ist sehr zukunftsträchtig“, so lautete die Diagnose des Finanzexperten. Damit war der Startschuss zur Gründung endgültig gefallen. Die beiden Maschinenbauingenieure decken den technischen Part ihres Unternehmens ab. „Wir kommen ursprünglich aus dem Industrieanlagenbau“, berichtet Krieg. Fuhrer wechselte irgendwann zu einem Mittelständler. „Dort war ich für den Vertrieb und die Entwicklung von Altreifen-Recyclinganlagen verantwortlich. Es galt, den Kunden Lösungen oder Visionen aufzuzeigen, was sie mit dem zerkleinerten Gummimehl machen können.“ Verwerten bedeute in Deutschland leider noch zu oft Verbrennen. „Bei meinen Recherchen und Analysen bin ich auf ein Verfahren gestoßen, von dem ich überzeugt war, dass sich damit richtig hochwertige Produkte herstellen lassen“, sagt Fuhrer. Genau das ist die Mission der beiden Ingenieure mit ihrem Start-up Matteco und verrät ihren technologisch hohen Anspruch. Wenn man bedenkt, dass weltweit jährlich rund 17 Milliarden Tonnen Altreifen anfallen und in Deutschland als einem der führenden Industrieländer nur etwa 40 Prozent der Altreifen stofflich verwertet werden, wird die Leistung von Matteco

besonders deutlich: „Unsere Gummiprodukte können nicht nur viel mehr, als bisher in der Altreifenaufbereitung als möglich erachtet wurde. Sie können nach ihrem Lebenszyklus zu hundert Prozent wiederverwertet werden.“ Das Stichwort heißt Kreislaufwirtschaft, das Prinzip Up-Cycling, recyceltes Gummi statt hochwertigem und auch teurem Kautschuk. „Wir fühlen uns der Umwelt verpflichtet, wollen unser technisches Know-how dazu nutzen, einen Beitrag zu ressourcenschonender Produktion hochwertiger Produkte zu leisten“, sagt Krieg. Das Reifenmaterial lassen sie als bereits zerkleinertes Gummimehl liefern. Und so funktioniert der Kreislauf: Aus dem angelieferten Material machen sie Up-Cycling, also höherwertige Produkte. Diese Produkte können am Ende ihrer Lebensdauer ohne erneute Zugabe von Rohstoffen wieder zu einem Neuprodukt gleicher Qualität

DIE MATTECO GMBH Gründung Noch während ihrer Anstellung gründeten Krieg und Fuhrer die Matteco GmbH. Altreifengummi ist seither die Welt der ehemaligen Studienkollegen, die sich als Ingenieure auf den Bau von Industrieanlagen spezialisiert hatten. Im Zuge ihrer Arbeit stieß Frank Fuhrer auf die Marktlücke des Up-Cycling im Bereich Altgummi. Preise Mit ihrem Start-up Matteco haben sie bei Wettbewerben gerade in den Bereichen Ressourceneffizienz, Umwelttechnik und Kreislaufwirtschaft schon viele Preise erhalten. Besonders erfreulich für die beiden Gründer war die finanzielle Zuwendung des Bundesumweltministeriums im Rahmen des Umweltinnovationsprogramms. Als deutscher Champion errang Matteco im Januar bei der Clean Tech Open Idea Challenge in Los Angeles und San Francisco, dem weltweit größten Wettbewerb für Ideen aus dem Bereich Umwelttechnik, in der Kategorie „Seed Track“ den zweiten Platz für sein innovatives Konzept. roe

verarbeitet werden. „Up-Cycling im geschlossenen Kreislauf ist unser Ziel“, sagt Krieg. Sie haben das Glück, dass ihr Thema Reifen-Recycling gerade auch politisch große Aufmerksamkeit erfährt. Mit Fußmatten und ähnlichen einfachen Produkten hat Matteco nichts am Hut. Sie seien auch nicht die typischen Gründer, sagen Fuhrer und Krieg lachend mit Bezug auf ihr Alter. So schützt Alter vor Scheitern nicht und bei Start-ups ist dies an der Tagesordnung. Ein Schwerpunkt sind Produkte für die Bauindustrie, für die schon jetzt große Nachfrage besteht. Denn nach der Wärmedämmung gilt der Bauakustik im Wohnungsbau ein besonderes Augenmerk. Die hochwertigen Produkte dämpfen Schall durch Entkopplung. Produkte, die in Betonfertigteilen im Hochbau oder anderswo als ElastomerLager ihren Dienst tun, müssen dafür eine gewisse Lebensdauer erbringen. Dazu braucht es eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung. „Die bekommt man nicht von jetzt auf gleich“, sagt Krieg. „Das ist ein langwieriger und auch teurer Prozess.“ Erst nach 15 Monaten erhielten sie die Zulassung für ihr Matteco-Elastomerlager, ELR. Ihr Herstellungsverfahren wollen die Matteco-Gründerväter sukzessive weiterentwickeln, Produkte auch für höhere Lastbereiche herstellen. Gleichzeitig werden sie ihre Produktportfolio erweitern. Die ersten zwei Jahre haben sie damit zugebracht, das Verfahren zum Reifen-Recycling weiterzuentwickeln und vor allem die Rezepturen, die notwendig sind, damit ihre Produkte die geforderten Eigenschaften erfüllen. Wie das Verfahren genau funktioniert, bleibt das Geheimnis der Gründer. Schließlich liegt genau hier ihr Wettbewerbsvorteil. Von teurem Patentschutz nehmen sie bislang Abstand. „Wir müssen einfach immer einen Schritt voraus sein. Wenn wir bei einer Entwicklung feststellen, dass wir dafür unbedingt einen Patentschutz brauchen, werden wir diesen Schritt gehen.“ Scheitern ist bei Matteco unwahrscheinlich. Nicht umsonst haben die Gründer in kurzer Zeit so viele Auszeichnungen unterschiedlichster Provenienz erhalten. Und wie läuft das Geschäft? „Wir stehen unmittelbar vor der Gewinnschwelle“, lautet die vorsichtige Antwort.

Ein schlaues Kästchen für die Kraft der Sonne Das Karlsruher EnBW-Start-up Energybase will die Nutzung der Sonnenenergie besser steuern. Von Ulrich Schreyer

Fotovoltaik

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ie Straße führt an einem Recyclinghof vorbei, irgendwo lagern Öltanks, ganz am Ende steht der Betonblock eines Kraftwerks mit seinen Kohlehalden. Doch die EnBW verbrennt nicht nur, was früher als „schwarzes Gold“ bezeichnet wurde. Der Konzern ist auch unterwegs zur „grünen“ Energie. Schon an dem eher schmucklosen Gebäude kurz vor dem Kraftwerk signalisiert die Farbe Grün, wohin die Reise gehen soll. Dort hat Energybase, ein Start-up innerhalb des Versorgungsunternehmens, seinen Sitz. Schon die Einrichtung weist mit ihren Europaletten darauf hin, dass es hier möglichst cool zugehen soll. Es gibt ein paar Sitzreihen wie im Theater, in der Mitte eines Raumes sind hohe Stühle und Tische aufgestellt. Doch das Start-up, das sich so cool präsentiert, hat mit dem genauen Gegenteil zu tun – mit Wärme. Um die Kraft der Sonne noch besser nutzen zu können, haben die Mitarbeiter ein kleines graues Kästchen ausgetüftelt, das denselben Namen hat wie die Gründung: Energybase. „Von der EnBW hatten wir den Arbeitsauftrag, die Fotovoltaik mit einem Batteriespeicher zu verbinden, um die Sonnenenergie besser zu nutzen“, berichtet der Chef Dominik Gluba. „Doch bald war uns klar, dass das auch ein Handwerker kann.“ Also musste etwas Besonderes entwickelt werden – eben Energybase. In dem kleinen grauen Kasten steckt ein Stromzähler mit Mini-PC. „Dieses Käst-

chen weiß , wie der Kunde sich verhält und wann er Strom braucht“, sagt der Leiter des inzwischen von 5 auf 20 Mitarbeiter angewachsenen Teams. Der kleine Kasten ist ein schlaues Kerlchen: „Nach zwei Wochen hat er das gelernt“, sagt Gluba. Dies ist deswegen wichtig, weil etwa Hausbesitzer nur 70 Prozent des Stroms, den sie in einer bestimmten Sekunde erzeugen, in das Netz einspeisen dürfen. Danach wird die Zuleitung gekappt. Damit die Energie von der Sonne nicht ungenutzt bleibt, wird alles, was zu viel ist, in einen Batteriespeicher im Haus geleitet. Aus diesem kann eine Wallbox zum Aufladen der Batterie eines Autos ebenso gespeist werden wie eine Wärmepumpe oder andere Verbrauchsstellen im Haus. Gibt es dennoch mehr Strom, als die Batterie speichern kann, kann Strom auch an andere Haushalte weitergeleitet werde, so sie sich zu einer Energiegemeinschaft zusammengeschlossen haben. Selbst kaufen können Privatleute das schlaue Kästchen aber nicht: „Als Kunden haben wir beispielsweise Stadtwerke im Blick“, erklärt Gluba. Verkauft wurde der intelligente Stromverteiler bis jetzt an die Stadtwerke in München und Reutlingen. „Bei diesen kann der Endverbraucher dann nach Energybase fragen“, sagt der Chef des Start-ups. Dafür, dass es sich lohnt, Strom selbst zu erzeugen und möglichst auch selbst zu verbrauchen, hat er eine Rechnung parat: „Kauft jemand Strom, muss er beispiels-

weise 28 Cent für jede Kilowattstunde zahlen. Selbst erzeugter Strom kostet ihn dagegen nur 12 Cent, er spart also 18 Cent je Kilowattstunde.“ Allerdings: Zunächst muss in eine Fotovoltaikanlage investiert werden. Der Preis für eine Anlage mit Batteriespeicher liegt bei rund 20 000 Euro – verglichen damit fallen die 600 Euro für das graue Kästchen kaum noch ins Gewicht. Und was die Nutzung des eigenen Stromes betrifft, macht Gluba auch etwas Zukunftsmusik: „Man könnte auch Strom vom Haus in Stuttgart in München nutzen oder an der Autobahntankstelle in Frankfurt“ – ähnlich wie man auch an einem Automaten in einer anderen Stadt „eigenes“ Geld abheben kann. Wird Strom außerhalb des eigenen Hauses gebraucht, muss er nicht gekauft werden, sondern wird mit dem verrechnet, was man selbst noch auf dem „Konto“ hat. Bei einer Fotovoltaikanlage mit Batteriespeicher kann der Eigenverbrauch 60 Prozent des erzeugten Stromes erreichen – ohne Speicher dagegen nur 30 Prozent. „Mit unserem intelligenten Kästchen kann der Eigenverbrauch dagegen auf bis zu 80 Prozent der erzeugten Energie steigen“, meint Gluba. Dies bedeutet, dass 80 Prozent des in der eigenen Fotovoltaikanlage Dominik Gluba leitet das Start-up.

erzeugten Stromes auch im eigenen Haus genutzt werden können. Doch für den Chef von Energybase geht es beim Strom nicht nur um das liebe Geld. „Die Kunden möchten etwas für die Umwelt tun und sie fühlen sich unabhängiger, wenn sie einen großen Teil ihres Stromes selbst erzeugen können“, ist Gluba überzeugt.

DIE MUTTERGESELLSCHAFT Geschichte Die 1997 gegründete EnBW AG mit Sitz in Karlsruhe ist nach RWE und Eon der drittgrößte deutsche Energieversorger. Entstanden ist das Unternehmen durch eine Fusion der Energieversorgung Schwaben (EVS) und des Baden-Werkes. Aktionäre sind die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW), in denen verschiedene Landkreise ihre Interessen gebündelt haben, und das Land Baden-Württemberg. Zwischenzeitlich war auch die Électricité de France beteiligt. Der Rückkauf der an die Franzosen verkauften Landesanteile Ende 2010 hatte zu einer heftigen landespolitischen Auseinandersetzung geführt. Gegenwart Die EnBW will den Anteil der erneuerbaren Energien an ihrem Angebot weiter ausbauen. Bis 2020 soll dieser bei 40 Prozent liegen. Mit 20 400 Mitarbeitern setzte das Unternehmen zuletzt etwas mehr als 19 Milliarden Euro um. StZ

Wirtschaft in Baden-Württemberg  
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