Page 1

Wirtschaft tschaftt in Baden-Württemberg

Ausgabe 1 | 2018

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Boomender Tourismus Baden-Württemberg lockt Gäste aus der ganzen Welt. Doch der Wettbewerb wird härter. SEITEN 1–8

Wirtschaft & Start-ups Die baden-württembergische Wirtschaft sucht nach neuen Ideen. SEITEN 9–16

Wirtschaft & Erfolg

Illustration: Malte Knaack

Benimmkurse haben Konjunktur, denn Manieren machen Karriere. SEITEN 17–24

Nicht nur eitel Sonnenschein Die Branche befindet sich seit Jahren im Aufwind. Auch die Zahl der Gäste aus dem Ausland nimmt zu. Doch zu Bequemlichkeit bei Rostbraten und Trollinger gibt es keinen Anlass. Nicht nur der Facharbeitermangel ist eine Herausforderung. Von Ulrich Schreyer

Tourismus

4 198763 903204

18001

Ü

ber dem Touristenland BadenWürttemberg scheint die Sonne. „Wir können auch für dieses Jahr optimistisch sein“, sagt Tourismus-Minister Guido Wolf. „Weltweit, national und auch bei uns wird 2018 ein gutes Tourismusjahr“, sekundiert Andreas Braun, der Geschäftsführer der Touristikmarketing BadenWürttemberg GmbH. Kommt es wie erwartet, würde der Südwesten nahtlos an die positive Entwicklung der vergangenen Jahre anknüpfen. Die Zahl der Übernachtungen in Hotels und anderen Herbergen stieg in den vergangenen fünf Jahren von knapp 48 auf nahezu 53 Millionen. Allein im vergangenen Jahr verbuchten die Städte und Ausflugsregionen zwischen Main und Bodensee, Rhein und Nördlinger Ries ein Plus von 1,7 Prozent. Besonders bemerkenswert: Nach der Stagnation im Jahr 2016 kamen im letzten Jahr auch wieder mehr Gäste aus dem Ausland. Vom Wachstum der Besucherzahlen profitierten vor allem die Großstädte im Südwesten. Der Zuwachs um 3,8 Prozent ist ein deutlicher Hinweis auf die wachsende Bedeutung des Städtetourismus, zu dem auch Geschäftsreisen

gezählt werden. Dort locken Theater und Galerien ebenso wie etwa die Museum von Mercedes und Porsche. Absoluter Spitzenreiter unter den einzelnen Zielen aber war 2017 der Europa-Park in Rust mit nicht weniger als 5,6 Millionen Besuchern. Schlösser, Burgen, Eiszeithöhlen, aber auch Wald und Wasser locken Gäste in den deutschen Südwesten. Dennoch mussten einzelne Landkreise im Schwarzwald und am Bodensee Rückgänge bei den Besucherzahlen verzeichnen. „Am Bodensee geht es einzelnen Gastgebern so gut, dass sie glauben, sie müssten sich nicht mehr anstrengen“, sagt Braun. Der MarketingGeschäftsführer dagegen überlegt, wie man auch im Herbst und Winter mehr Gäste für das Schwäbische Meer und seine Umgebung interessieren könnte. Was in BadenWürttemberg fehle, sei etwas wie das Münchner Oktoberfest. Bei dem weißblauen Bierevent fließt der Gerstensaft zwar nur 14 Tage lang – werbewirksam aber ist es das ganze Jahr über. Mit rund 90 Millionen Übernachtungen liegt Bayern an der Spitze aller Bundesländer, Baden-Württemberg folgt auf Platz

zwei. Den Umsatz im südwestdeutschen Touristikgewerbe schätzen Fachleute auf rund 20 Milliarden Euro, die Zahl der Vollzeitstellen wird mit 326 000 angegeben. Als größtes aktuelles Problem stuft die Branche den Mangel an Arbeitskräften ein. Nach den Worten von Fritz Engelhardt, dem Vorsitzenden des Hotelund Gaststättenverbandes Dehoga, fehlen allein 1300 Köche. Doch dies ist nicht das einzige Problem, mit dem sich die Branche herumschlagen muss. So werden etwa die sozialen Medien immer wichtiger. Einfach einen schönen Prospekt herauszugeben, wird für viele Tourismusgebiete und Hotels nicht mehr reichen. Sie sind zunehmend auch davon abhängig, was als „Mund-zu-Mund-Propaganda“ durch das Netz fließt. Und dann gibt es noch ein anderes, hausgemachtes Problem: mangelnde Zusammenarbeit, Verzettelung statt Konzentration. Gemeinden, Landkreise und Landstriche haben ihre Touristikfachleute, doch diese kennen oftmals nur eines: den eigenen Kirchturm. Doch für den interessiert sich im Ausland niemand.

Start-up-Schwerpunkt deutlich erweitert In stark ausgeweitetem Umfang präsentiert sich in dieser Ausgabe von Wirtschaft in Baden-Württemberg das Thema „Innovation und Start-ups“. Der Themenschwerpunkt IdeenwerkBW, der mit dem gleichnamigen Internetportal von Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten verknüpft ist, wird auf acht Seiten verdoppelt.

Zu den bisherigen Rubriken zu einzelnen Gründerstandorten in Baden-Württemberg, der Doppelseite zu Start-ups sowie Texten rund um Hochschulen und Mittelstand kommen nun Essays, Praxistipps und Gründerporträts. In dieser Ausgabe geht es unter anderem um die Start-upKultur am Arbeitsplatz, den Medizinstandort Hechingen und um Start-ups, die sich ökologischen und sozialen Themen verschrieben haben. age


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Inhalt Interview

Sehnsucht nach dem Südwesten wecken Tourismus- und Markenexperte Christoph Engl zu den Erfolgsfaktoren im Wettbewerb der Standorte. SEITE 3

Baiersbronn

Fünf Fragen zum Erfolg Was es für das Gastronomie-Mekka bedeutet, mitten im Nationalpark Schwarzwald zu liegen. SEITE 4

Risikobeurteilung

Die Welt im Blick Die Tübinger Firma A3M liefert Firmen rund um die Uhr Daten zur Beurteilung der globalen Risikolage. SEITE 6

Arbeitskultur

Nicht immer die glückliche Familie Die Atmosphäre in Start-ups wird manchmal fast missionarisch verklärt. Häufig zu Unrecht. SEITE 10

Medizindiagnostik

Hightech mit Quantentechnologie Wissenschaftler und Start-ups aus Karlsruhe, Stuttgart und Ulm arbeiten an einem revolutionären Bildverfahren. SEITE 14

Standort

Fintech-Zentrum am Rhein Liechtenstein wirbt um die Ansiedlung von Start-ups aus dem Finanzsektor – auch in Baden-Württemberg. SEITE 15

Entwicklungsdienstleister

Wolfgang Schlund und Thomas Waldenspuhl

Roland Mack

Schutzpatrone der Wildnis

Der Weitsichtige

Im Januar 2014 wurden Wolfgang Schlund (links) und Thomas Waldenspuhl vom Ministerium für Ländlichen Raum Baden-Württemberg zu Leitern des Nationalparks Schwarzwald ernannt. Seitdem entwickelt das engagierte Duo das 10 000 Hektar große Schutzgebiet zwischen BadenBaden und Freudenstadt mit großem Elan weiter. Dabei können die beiden auf vielfältige Erfahrungen zurückgreifen. Schlund (56) ist gelernter Biologe und kennt das Gebiet aus seiner Zeit als Geschäftsführer der Stiftung Naturschutzzentrum Ruhestein im Schwarzwald wie seine Westentasche. Und der Forstmann Waldenspuhl (60) beschäftigte sich als Leiter

der Abteilung Wald und Gesellschaft der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg intensiv mit Themen wie Nachhaltigkeit, multifunktionaler Waldwirtschaft, Erholung und Tourismus, Waldnaturschutz, Landespflege und Wildtierökologie. „Es geht uns zuallererst darum, Natur Natur sein zu lassen – und dies auch für Menschen erfahrbar zu machen“, sagt Schlund. Dabei zählen der Schutz und die Entwicklung von Naturwäldern zu den vorrangigen Zielen der beiden. „Die Natur sich selbst zu überlassen bedeutet, das zu akzeptieren, was aus der Schöpfung selbst entsteht“, resümiert Waldenspuhl. spe

„Der Tourismus in Baden-Württemberg floriert“, sagt Roland Mack. Der Chef des Europa-Parks im südbadischen Rust hat dabei nicht nur die allgemeine Situation der Branche im Südwesten im Blick. Auch sein eigenes Unternehmen kommt gut voran. Ende 2019 soll mit der „Rulantica“ ein weiterer Meilenstein erreicht werden. Die „Rulantica“ – wohl eine Anlehnung an die Worte Rust und Atlantik – ist eine teilweise überdachte Wasserwelt mit den verschiedensten Attraktionen. Da zusätzlich ein neues Hotel gebaut wird, steigt die Zahl der Mitarbeiter um 550 Beschäftigte. Verantwortlich für das Großprojekt ist die neue Generation mit Michael,

Thomas und Andreas Mack – die personellen Weichen für die Zukunft also sind gestellt. Beschäftigt sind bei Deutschlands größtem Freizeitpark 3750 Mitarbeiter, die im vergangenen Jahr für 5,6 Millionen Besucher tätig waren. Erst 50 Beschäftigte waren dagegen im Gründungsjahr 1975 auf dem Areal an der Autobahn Karlsruhe–Basel tätig gewesen. Stets wurden in der Firmengeschichte neue Ideen umgesetzt: In den frühen Jahren wurden in Waldkirch Kutschen hergestellt, später Einrichtungen für Schausteller, dann kam der Park, mit seinen Hotels inzwischen auch eine Tagungsstätte für Firmenkunden. ey

Mit Leichtbau Emissionen senken Die Stuttgarter Cikoni Ingenieurgesellschaft sieht in der Gewichtsreduzierung noch große Einsparpotenziale. SEITE 16

Macher in den Urlaubswelten

Etikette

Handy weg vom Tisch? Was sich im Arbeitsleben gehört und was nicht. SEITE 17

Damit es für Gäste die schönsten Tage des Jahres werden, legen sich ganz unterschiedliche Akteure ordentlich ins Zeug – vom Nationalpark-Hüter über den Gastronomie-Funktionär bis hin zum Festspielhaus-Leiter. Porträts

Friseurmeisterin

Haare schneiden will gelernt sein Snjezana Bacher wird mit Auszeichnungen überhäuft. Ein Besuch in ihrem Friseursalon Schneewittchen. SEITE 18

Gastbeitrag

Lotsen im Dickicht des Asylrechts

Fotos: picture-alliance (3), Wize (2)

Bei der Einstellung von Flüchtlingen müssen Arbeitgeber einiges beachten. SEITE 19

Studienabschluss

Mehr Chancen mit dem Master Die Frage nach dem richtigen Studienabschluss lässt sich jedoch nicht immer so einfach beantworten. SEITE 20

IT-Branche im Südwesten

Ein Motor der Wirtschaft Baden-Württembergs IT-Dienstleister tragen überdurchschnittlich zur Bruttowertschöpfung bei. SEITE 22

Porträt

Der Vielfältige Ulrich Kromer von Baerle, Sprecher der Landesmesse Stuttgart, hat viele Themen im Blick. SEITE 24

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen „Wirtschaft in Baden-Württemberg“? Wir freuen uns auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mehrfach mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Fritz Engelhardt

Andreas Mölich-Zebhauser

Guido Wolf

Der Bodenständige

Der Tongeber

Der Minister

Fritz Engelhardt ist telegen, und er kann auch gut reden, aber den glamourösen Auftritt braucht der Vorsitzende des baden-württembergischen Hotelund Gaststättenverbands (Dehoga) nicht. Der Mann, der aus einer Reutlinger Gastronomenfamilie kommt und seit 1993 ein Hotel in Pfullingen führt, ist eben bodenständig. Das zeigt schon der Umstand, dass er den Titel des Dehoga-Präsidenten tilgen ließ und durch den schlichteren Begriff Vorsitzender ersetzen ließ. Dabei steht er dem mächtigsten Landesverband vor. Deutschlandweit stammen rund ein Fünftel aller Dehoga-Mitgliedsunternehmen aus dem Südwesten. Obwohl es die Branche mitunter nicht leicht hat, geht der 59-Jährige mit großem Optimismus voran. „Ein Wirt, der jammert, ist ein toter Wirt!“, lautet sein Credo. Fit hält sich Fritz Engelhardt mit Radfahren und im Fitnessstudio. Da er Schwabe ist, überrascht es niemand, dass sein Lieblingsessen ein Linsengericht mit Spätzle und Saitenwürstle ist. Sein wichtigstes Ziel: Er will der oft gescholtenen Branche zu der Wertschätzung verhelfen, die sie „dringend gegenüber Politik und Verwaltung benötigt, um eine Verbesserung der Rahmenbedingungen zu erreichen“. old

Er war der Retter des Festspielhauses in BadenBaden. Als Andreas Mölich-Zebhauser 1998 dort das Zepter übernahm, galt der Job als Himmelfahrtskommando. Das größte Opernhaus der Republik stand vor der Pleite. 20 Jahre später erstrahlt der Ruhm heller denn je. Das Publikum reißt sich um die Karten. Orchester von Weltruf wie die Berliner und Wiener Philharmoniker, Solisten wie Anne-Sophie Mutter, der Pianist Daniil Trifonov und der Tenor Jonas Kaufmann, aber auch die Musiklegende Bob Dylan sowie Dirigenten wie Zubin Mehta oder Sir Simon Rattle geben sich die Klinke in die Hand. Mölich-Zebhauser war ein Glücksfall. Er studierte nicht nur Germanistik und Geschichte, sondern auch Musik- und Theaterwissenschaften sowie Jura. Der gebürtige Hamburger ist zudem Betriebswirt und kann mit Geld umgehen. Mit seinem jungen, motivierten Team hat der vierfache Vater aber auch Akzente gesetzt. Er senkte die Eintrittspreise und gewann junges Publikum. „Wir sind exklusiv, aber nicht elitär“, sagt er. Mit einem Gourmet-Restaurant und einem Reisebüro generiert er zusätzliche Erlöse. Er gehört so sehr zum Haus, dass man sich kaum vorstellen mag, dass er 2019 mit 67 Jahren abtritt. bl

„Die Mischung macht’s“, sagt Guido Wolf auf die Frage, welche seiner Aufgaben ihm denn am meisten Spaß mache. Wolf ist in der baden-württembergischen Landesregierung nicht nur für Tourismus zuständig, sondern auch für das Justizwesen und für Europafragen. Man geht aber sicher nicht fehl in der Annahme, dass dem 1961 im oberschwäbischen Weingarten geborenen leutseligen CDUPolitiker ein Besuch in einer Tourismusregion mehr Freude bereitet als die Visite eines Gefängnisses. Mit dem Tourismus hat Wolf ein Betätigungsfeld, über dem in den vergangenen Jahren die Sonne schien. Die Zahl der Gäste im Ländle stieg stetig, neben Attraktionen wie Hohenzollern oder Lichtenstein lockt auch das halbe Dutzend Weltkulturerbestätten Besucher in den Südwesten. Die Branche, so meint Wolf, stehe vor großen Herausforderungen, etwa durch die Digitalisierung. So müssten sich Hotels und Gaststätten darauf einstellen, dass Urlauber ihre Ziele immer besser vergleichen könnten. Wolf selbst geht gerne in den Schwarzwald, setzt sich aber auch ab und zu auf sein Mountainbike und radelt durch das Donautal. Nach der Natur kommt die Gastronomie, etwa mit Maultaschen und heimischen Weinen. ey

Index Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Anne Guhlich Redaktion Imelda Flaig, Sabine Marquard, Andreas Geldner, Bettina Bernhard, Gerhard Bläske, Achim Wörner, Norbert Burkert Gestaltung/Produktion Sebastian Klöpfer, Sebastian Ruckaberle, Alexander Kijak, Bernd Fischer, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11 / 72 05 - 12 11 und 07 11 / 72 05 - 74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Tanja Dehner (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 16 03 E-Mail: anzeigen@wirtschaft-in-bw.de Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 0

Personen Anders, Jens Bacher, Snjezana Bont, Patrick Brandt, Marcel Crafoord, Holger Dahl, Pablo Dufner, Stephanie Engelhardt, Fritz Engl, Christoph Ertl, Thomas Eyser, Feliks Falk, Franz Fuhr, Jan-Philipp Fuhrer, Frank Glauner, Karin Gluba, Dominik Gomeringer, Jürgen Hasler, Adrian

14 18 15 6 11 24 19 2 3 11 10 17 16 13 20 13 12 15

Hehle, Manuel 15 Höhn, Jörg 24 Jelezko, Fedor 14 Just, Daniel 20 Kizgin, Samed 6 Knothe, Björn 20 Koehler, Jürgen 24 Kobbes, Paritrosha 12 Konrad, Marc 24 Krieg, Bernd 13 Krieg, Matthias 13 Kromer von Baerle, U. 24 Lips, Klaus 14 Lüdemann, Carolin 17 Lyans, Dan 9 Mack, Roland 2 Malahov, Yanislav 15 Marquart, Hans 11 Mölich-Zebhauser, A. 2

Nezami, Farbod Plenib, Martin Pöter, Franz Reubelt, Sina Roth, Norbert Rudolph, Benjamin Schlund, Wolfgang Schöbel, Gunter Schorn, Stephan Schreib, Patrick Simonis, Umberta A. Spankowski, Uli Spreitzer, Thomas Sunnanväder, Lars Thumser, Philipp Waldenspuhl, Thomas Walther, Thorsten Weber, Markus Wolf, Guido

16 14 24 15 11 10 2 7 17 4 17 10 23 11 12 2 10 20 2

Firmen/Organisationen Aeternity 15 Alpirsbacher Klosterb. 20 A3M 6 Baiersbronn 4 Börse Stuttgart 10 BMW 16 Bundesv. Dt. Start-ups 10 Cikoni 16 Daimler 20 Dehoga BW 2 DIHK 20 Division One 20 Ecovis 10 EMovements 10 EnBW 13 Erbe-Gruppe 11 Ernst & Young 10 Europa-Park Rust 2

Festspielh. Baden-B. 2 FMA 15 Gambro 11 German Centre Beijing 24 Handwerksk. Stuttgart 17 Helmholtz Zentrum 14 HubSpot 9 Hydrones 12 IHK Stuttgart 19 ING BW 24 Kaczmarek, Joel 10 KIT 14 Landesmesse Stuttgart 24 Liechtenstein 15 Matteco 13 Med. Valley Hechingen 11 Nationalp. Schwarzw. 2/4 NVision 14 NVT 11

Quantera 14 RegioHelden 10 Rocket Internet 9 Schimanowski, Ruth 24 Schneewittchen 18 Schmalz GmbH 20 Siemens 24 Simonis Servicekultur 17 Smartgreen Accelerator 12 Solar Cluster BW 24 Sparkassenverband BW 17 Tradico AG 15 Unesco 6 Universität Stuttgart 14 Universität Ulm 14 Universität Vaduz 15 vpmk Rechtsanwälte 19 Voxalytic 14 W&W 17


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

„Die Sehnsucht nach Einzigartigkeit wächst“ Baden-Württemberg muss sich als Marke entwickeln, die Begehrlichkeiten erzeugt, glaubt Tourismus-Experte Christoph Engl. Interview

D

as Land hat nach Einschätzung von Christoph Engl, Mitglied der Geschäftsleitung der Managementberatung Brand Trust, „gute Karten“ im Wettbewerb der Regionen um Touristen. Wichtig sei es, auf Emotionen zu setzen. Herr Engl, welches touristische Bild haben Sie von Baden-Württemberg und der Region Stuttgart? Aus innerdeutscher Sicht geben die Schwaben das Bild fleißiger Leute ab, die zwar immer den Sparfuchs unterm Arm tragen, aber doch sehr zugänglich sind – etwa im Gegensatz zu den eher kühlen Hanseaten. Schließlich haben die Schwaben mit Bosch, Daimler oder Porsche die Flaggschiffe deutschen Fleißes hervorgebracht. Dieses positive Vorurteil in den Köpfen der Reisenden gilt es zu nutzen, um sie neugierig auf das sparsame Völkchen im deutschen Südwesten zu machen. Zu dieser Neugierde kann durchaus auch ein nicht für jeden verständlicher Dialekt beitragen. Bekanntlich können die Schwaben ja alles außer Hochdeutsch.

Jetzt sind aber nicht alle Schwaben immer mit „Schaffe, spare, Häusle baue“ beschäftigt! Das mag nach innen ja so sein. New York besteht auch nicht nur aus dem Times Square. Aber nach außen gibt das Land im deutschen Südwesten ein makroskopisches Bild ab, das große In„Die Kommunikation wird dustrieleistungen und Weltmarktführer hervorgebracht künftig nicht mehr von hat und mit Fleiß und GründTourismusmarketing, lichkeit konnotiert ist.

sondern von den Gästen übernommen. Man schafft durch gute Produktentwicklung Anlässe für Kommunikation.“ Christoph Engl, Tourismus-Experte

Und wenn Sie nun als Europäer auf Baden-Württemberg unter dem Blickwinkel des Tourismus schauen? Da gibt das Land eine undefinierbare Größe ab, die im Grunde nicht mehr als eine Verwaltungseinheit darstellt. Natürlich kennt man als Europäer Mercedes und den Schwarzwald. Aber als Reisender stellt man dann höchstens fest, dass das Mercedes-Museum und der Schwarzwald zufällig auch in Baden-Württemberg liegen. Also müssen sich die einzelnen Regionen im Land unter einem gemeinsamen Motto zusammenschließen? Vorsicht, die meisten Regionen, die sich zusammenschließen, wollen ausgerechnet durch ein breites Angebot punkten. Aber da ist man schnell auf dem Feld der Beliebigkeit. Und ein gemeinsames Motto stellt oft nurmehr den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, auf den man sich einigen kann. Kunden wollen aber Klarheit, keine Mittelmäßigkeit. Es geht darum, eine Region als Marke zu entwickeln, die Auswärtigen Orientierung bietet und Begehrlichkeit auslöst. Was bedeutet das für die Außendarstellung? Man muss zunächst alles unter einem äußeren Blickwinkel betrachten. Und dann geht es darum, eine Dachmarke für die Region zu entwickeln. Dazu brauchen die Verantwortlichen den Willen, die Wahrnehmung, die man von außen haben soll, zu steuern. Marke bedeutet in Destinationen nicht, ein Bild zu zeigen, sondern ein Bild zu erzeugen. Dies ist erst erfolgreich, wenn es gelingt, der Region Baden-Württemberg in den Köpfen der Menschen eine emotionale Bedeutung zu geben. Oder anders ausgedrückt, es müssen Sehnsüchte geweckt

und begehrliche Bilder erschaffen werden, die man mit dem Land, seinen Menschen, seinen Produkten und Dienstleistungen in Verbindung bringt. Daran denken die wenigsten Tourismusmanager, weil sie immer noch davon ausgehen, mit dem Zusammentragen von Fakten und besserer Infrastruktur bestehen zu können. In einem härteren Wettbewerb der Destinationen aber führt ein Überfluss an Informationen regelmäßig zu einem Verlust an Aufmerksamkeit. Welche Veränderungen sehen Sie darüber hinaus auf die Tourismusbranche zukommen? Die Kommunikation wird künftig nicht mehr von Tourismusmarketing, sondern komplett von den Gästen selbst übernommen werden. Die Bewertung eines Hotels oder einer Region durch die Reisenden ist viel glaubwürdiger als durch den Absender selbst. Deshalb wird Tourismusmarketing von Tourismusmanagement abgelöst werden, das sich vor Ort darum kümmert, dass alles klappt – also dass es etwa einen guten öffentlichen Nahverkehr gibt, eine hohe Qualität in der Gastronomie oder angemessene Öffnungszeiten. Man schafft durch gute Produktentwicklung Anlässe für Kommunikation. Die Bewertung dieser Angebote erfolgt – meist online – durch die Gäste. Was wird künftig entscheidend sein in einem zunehmend gesättigten Markt? Die Zukunft gehört den Reisemotiven! Tourismusmanager müssen sich mit der Frage befassen, warum die Menschen reisen, und ihnen eine Begründung liefern, warum sie zu ihnen kommen sollen. Nehmen Sie das Wandern, das insbesondere bei jungen Leuten jahrzehntelang als langweilig galt. Heute wandern jährlich 300 000 Menschen über den Jakobsweg nach Santiago de Compostela, wovon jeder dritte unter 30 Jahren alt ist. Und jeder kann Ihnen genau den Grund sagen, warum er sich auf den Weg gemacht hat. Können Sie auch ein Beispiel für eine Destination nennen? Ich weiß, man hört das in Stuttgart vielleicht nicht so gern, aber München hat mit dem Oktoberfest ein wunderbares Produkt, das aufgrund des Hofbräuhauses oder des Augustiner-Kellers und der zahlreichen Biergärten ganzjährig funktioniert. Und da dort auch die Einheimischen ihr Bier trinken und ihren Schweinsbraten essen, haben die Besucher das Gefühl, am gesellschaftlichen Leben partizipieren zu können. Und alle tragen dazu auch noch Dirndl und Lederhosen. Damit ist München so

Das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart lässt die Herzen vieler Besucher höherschlagen. etwas wie die Welthauptstadt der Teilhabe geworden. Und genau um die Befriedigung der Sehnsucht nach solchen emotionalen Momenten geht es. Stuttgart präsentiert sich unter anderem als Christmas Market City . . . Das ist schon der richtige Ansatz, weil man auf eine typisch deutsche Tradition aufbaut und die Sehnsucht nach der Adventszeit zum Schwingen bringt. Daher mag diese Attraktion saisonal für Gäste aus der Schweiz und dem Elsass funktionieren. Um hier aber ein einmaliges, international positiv besetztes Klischee aufzubauen, bedürfte es natürlich eines langen Atems und vor allem einer Produktentwicklung über die Adventszeit hinaus. Kommen wir auf die Industrietradition des deutschen Südwestens zurück. Außer im

ZUR PERSON Jurist Von Haus aus ist er Rechtswissenschaftler, doch durch den Umweg über verschiedene Arbeitgeberverbände hat es Christoph Engl in den Tourismus verschlagen. Zunächst leitete der heute 57-Jährige die 5000 Mitglieder starke Gastronomenvereinigung von Südtirol, um 2001 als Direktor zur Südtirol Marketing zu wechseln. Hier war Engl federführend an der Einführung der Dachmarke Südtirol beteiligt. So hat der gebürtige Bozener das Image und die Be-

gehrlichkeit der Destination Südtirol massiv vorangetrieben. Credo „Der Treiber für eine Marke ist Begehrlichkeit und der Treiber für Begehrlichkeit ist nachgewiesene Spitzenleistung. Bei einer Marke wird eine Spitzenleistung irgendwann so immanent, dass diese nicht mehr bewiesen werden muss“, lautet Engls Credo. Vertrauen in eine Tourismusregion bezeichnet er als die Währung der Zukunft. Übersetzt in die Praxis

bedeutet dies, dass man sich als Gast in der ganzen Region Südtirol auf die hohe Qualität des Schinkens verlassen können muss. Funktion Seit 2013 ist Engl Mitglied der Geschäftsleitung der Managementberatung Brand Trust, die Unternehmen und Konzerne bei Entwicklung und Umsetzung von Markenstrategien unterstützt. spe

Fotos: Mauritius, Wize

Mercedes- und Porsche-Museum ist diese Geschichte beispielsweise in Gottlieb Daimlers Geburtshaus in Schorndorf oder seiner ehemaligen Versuchswerkstatt in Bad Cannstatt zu erfahren. Na ja, es käme darauf an, inwieweit es gelingen könnte, diese Geschichte für ein internationales Publikum emotional aufzuladen. Man müsste sich ein Konzept – etwa mit 3-D-Brillen – überlegen, das die Frage beantwortet, welche Relevanz Gottlieb Daimler für das Leben eines US-Amerikaners oder eines „Eine Marke wird immer Japaners haben könnte. Wenn von innen nach außen ich da an die Autos mit dem gelebt. Wenn die Stern denke, fallen mir auch Bevölkerung nicht einige gute Gründe ein.

Botschafter des

Welche Rolle spielt die eigene Markenversprechens Bevölkerung bei der Darstelist, dann glaubt dieser lung einer Region als Marke? Eine Marke wird immer von Marke kein Mensch.“ innen nach außen gelebt. Christoph Engl, Wenn also die Bevölkerung Tourismus-Experte nicht Botschafter des Markenversprechens ist, dann glaubt dieser Marke kein Mensch. In einer globalisierten Welt, in der wir uns immer ähnlicher werden, wächst ohnehin die Sehnsucht nach Originalität und Einzigartigkeit. Wenn diese über Menschen einer Region ausgedrückt wird, ohne Scheu die Eigenart an Sprache und Überzeugungen mutig zu zeigen, dann wächst die Neugierde für eine Region umso mehr. Baden-Württemberg hat dabei doch gute Karten. Das Gespräch führte Thomas Spengler.


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Von Baiersbronn lernen Die Schwarzwaldgemeinde Baiersbronn im Landkreis Freudenstadt verdankt ihre Bekanntheit der höchsten Sternedichte in der Republik. Seit 2014 liegt die Nobelgastronomie mitten in der Nationalparkwildnis. Die Bedürfnisse der unterschiedlichen Gäste und ihrer Gastgeber unter einen Hut zu bringen, ist die Aufgabe von Tourismusdirektor Patrick Schreib. Von Bettina Bernhard

Tourismusmanagement

Schwarzwaldidyll pur: Beim Blick auf Baiersbronn scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.

M

anchmal ist die Welt einfach. In einem Kurort, der von seiner Heilquelle, dazu passenden Gesundheitseinrichtungen, Unterkünften und Gästen lebt, ist das Thema klar. Die Aufgabe des Tourismusmanagers lautet, den Laden am Laufen zu halten, gegebenenfalls zu modernisieren, anzupassen, auszubauen – immer im Rahmen eines „Heilbads“. Eine solche Aufgabe hatte der gelernte Koch und studierte Betriebswirt Patrick Schreib, bevor er 2008 als Touristikchef nach Baiersbronn wechselte. Hier ist die Welt etwas komplizierter. „Es gab schon immer zwei Themen: die Sterneküche und den Wanderhimmel“, sagt Schreib. Beide funktionierten unabhängig nebeneinander, ohne sich zu stören, aber auch, ohne sich zu befruchten. Dazu kommt, dass der 14 500 Einwohner zäh lende Ort nicht allein vom Tourismus lebt. Etwa ein Drittel der Bevölkerung verdient sein Geld im produzierenden Gewerbe, von Maschinenbau über Holzverarbeitung bis Spedition. Die anderen zwei Drittel entfallen auf Handel, Verkehr und Dienstleistungen. „Eine nachhaltige Entwicklung von Ort und Tourismus heißt, Kreisläufe zu schließen“, stellte Schreib nach einer umfangreichen Foto: privat Bestandsaufnahme fest. Dazu gehörte zum einen, die gesetz„Entweder ist man ten Themen Natur und GeTrendsetter oder man nuss zu verknüpfen, zum anlässt es lieber sein.“ deren, bei allen Maßnahmen auch die Bevölkerung mitzuPatrick Schreib, Tourismusdirektor Baiersbronn nehmen. Beispiel Baukultur. „Wo sich Einheimische wohlfühlen, gefällt es auch den Gästen“, glaubt Schreib. Deshalb setze man bei öffentlichen Bauten wie einer Tourist-Information oder einer Aussichtsplattform Maßstäbe und verwende etwa heimische Weißtanne als Baumaterial. „Ziel ist, einen baukulturellen Gemeinsinn zu entwickeln“, umschreibt der Tourismusdirektor, was er sich unter einem für Bewohner und Gäste stimmigen Ortsbild vorstellt. Bausünden könne man so natürlich nicht komplett verhindern, aber man könne ein Umfeld schaffen, das gar nicht erst dazu verleite, ein Angebot zu verschlimmbessern. So wie beim Nationalpark, der, über lange Zeit heftig umstritten, 2014 schließlich gegründet wurde und von dessen rund 10 000 Hektar Fläche etwa 65 Prozent auf Baiersbronner Gemarkung liegen. „Im Vorfeld der Nationalparkgründung befürchteten viele, dass hier bald alles voll mit Würstchenbuden ist“, erzählt Schreib. Doch bis heute gebe es keine einzige. „Man kann das nicht verbieten, aber man kann das Angebot steuern.“ So erweiterte man Baiersbronns Gastronomie um Wildpflanzenwirte und das Veranstaltungsprogramm um Wildkräuterwanderungen und -kochkurse – passend zum Slogan des Nationalparks „eine Spur wilder“. Nichtsdestotrotz brachte der Nationalpark Baiersbronn nicht nur Freude,

Fotos: Baiersbronn Touristik (2), Alex Kijak

vor allem eines: Aufmerksamkeit. Diese in touristische Wertschöpfung umzuwandeln, ist unsere Aufgabe“, sagt Schreib. Dabei hilft, dass die Statistik nur wenige Besucher des Nationalparks als solche „im eigentlichen Sinne“ ausweist, sie also allein wegen des Parkbesuches kommen. „Die meisten gehen in den Nationalpark und außerdem wandern sie, genießen und erholen sich“, so Schreib. Deshalb müsse sich das touristische Angebot von Baiersbronn nicht ändern. Die Nationalparkgäste suchten ja nicht die Mega-Attraktion, sondern Natur und sanften Genuss – die klassischen Themen vor

sondern neben Chancen auch Risiken, auf jeden Fall große Veränderungen. „Wir würden uns heute nicht über Verkehrskonzepte unterhalten“, sagt Schreib mit Blick auf die Besucherströme. Im Moment kommen nur zwei Prozent der Besucher des Nationalparkzentrums mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In den nächsten Jahren soll sich diese Zahl verzehnfachen. Ob das reicht, wenn 2020 das neue Zentrum – deutlich verspätet und teurer – fertig wird und dann statt der bisher 23 000 Besucher, wie prognostiziert, fünf- bis zehnmal so viele kommen, ist noch offen. „Touristisch bringt der Nationalpark

Bewegung tut gut – ob auf einem der neuen Mountainbike-Trails (links) oder auf dem Wanderweg zum Genussplatz Simonsbrunnen.

DIE TOP TEN DER ÜBERNACHTUNGEN Die übernachtungsstärksten Gemeinden und Städte in Baden-Württemberg 2017, Zahl der Übernachtungen in Millionen 3,78

Stuttgart 1,55

Freiburg Heidelberg

1,44

Mannheim

1,40 1,17

Karlsruhe

1,02

Rust

0,97

Baden-Baden Konstanz Friedrichshafen Baiersbronn StZ-Grafik: zap

0,90 0,76 0,70 Quelle: Statistisches Landesamt

Ort. Insgesamt verzeichnet Baiersbronn, wie der gesamte Schwarzwald, steigende Gästezahlen aus dem In- und Ausland bei gleichzeitig sinkender Verweildauer. Von 705 000 Übernachtungen 2015 kletterte die Zahl auf 840 000 im Jahr 2016, ein noch einmal leicht verbessertes Ergebnis zeichnet sich für 2017 ab. Das wertet Schreib schon deshalb als Erfolg, weil trotz weniger Betten mehr Gäste kamen. Im Schnitt blieben sie 3,9 Nächte. Über zehn Jahre gesehen kommen die meisten Baiersbronn-Besucher aus BadenWürttemberg, gefolgt von „Rest-Deutschland“. Bei den ausländischen Gästen führen die Franzosen – naheliegenderweise. Stark wachsend, jedoch nur im Verhältnis, nicht in absoluten Zahlen, ist schwarzwaldweit der asiatische Markt und hier vor allem China. Auch Baiersbronn hat eine feste Zahl chinesischer Gäste. Sie kommen für zehn Tage ins Medical Resort, das chinesische Investoren im Ort errichteten. Schreib sieht das pragmatisch. „Die Klinik, die sie übernommen haben, war und ist ein Bunker. Durch die Chinesen wurden Arbeitsplätze erhalten und geschaffen.“ Nur wer sich veränderten Rahmenbedingungen anpasse, werde auf Dauer überleben. Das heiße aber nicht, man laufe jedem Trend hinterher. „Entweder ist man Trendsetter oder man lässt es lieber sein“, glaubt Schreib. So habe man beispielsweise die Pokémon-Go-Geschichte einfach ausgesessen. Dagegen war man beim MountainbikeTrend schon früh mit dabei. Schreib, selbst begeisterter Mountainbiker, hätte das Konzept für Baiersbronn gerne noch schneller auf den Weg gebracht, doch wenn viele unter einen Hut passen sollen, müsse auch viel diskutiert und geplant werden. Dafür landete Baiersbronn punktgenau in den ersten Fördertöpfen zu diesem Thema und wurde für sein Konzept mit dem Radtourismuspreis 2017 ausgezeichnet. Wie jede neue Idee kam auch das Thema Mountainbike erst einmal auf den Prüfstand. Wichtigste Frage: Passt es ins Gesamtkonzept? Die Antwort darauf geben fünf Grundsatzfragen, in denen es um Identität, Machbarkeit, Zielgruppen, Ressourcen und Vernetzung geht. „Konkret heißt das, wir sprechen nicht die Hardcorebiker an, sondern die Genussradler, auch die wachsende Zahl der E-Biker. Die Touren sind so konzipiert, dass Natur und Genuss die Leitthemen sind“, erklärt Schreib. Und natürlich müsse er die Gastronomen auf schlammverspritzte Einkehrende frisch vom Trail vorbereiten und den örtlichen Fahrradladen auf die potenzielle Nachfrage nach Ersatzteilen oder Leihfahrrädern. „Man muss wissen, wer man ist – doch die Gefahr, auf Abwege zu geraten, ist nicht so groß, wenn man sich die richtigen Fragen stellt“, konstatiert Schreib. Darum, sich treu zu bleiben und sich nicht in der Vielfalt der Themen zu verzetteln, wird es auch bei der anstehenden Eingliederung in die neue Nationalparkregion gehen. Baiersbronn will mit seinen Stärken im großen Ganzen aufgehen, dabei aber seine Unverwechselbarkeit und Besonderheit behalten. Wenn das keine Aufgabe ist.


Asset Management Wealth Management Asset Services

Frankfurt 069 / 79 500 90 MĂźnchen 089 / 210 20 46 00 Stuttgart 0711 / 722 6430 gruppe.pictet


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Ob Unwetter, Epidemien oder politische Unruhen: Die Mitarbeiter von A3M nutzen viele Informationsquellen, um ihren Kunden ständig die neuesten Informationen bieten zu können.

Fotos: Hamann, Mauritius, picture-alliance, 7aktuell.de

Die Welt im Blick Terroranschläge bedohen Touristen auf der ganzen Welt – auch in Baden-Württemberg. Die Firma A3M aus Tübingen entwickelt und betreibt Frühwarnsysteme für touristisches Krisenmanagement. Von Susanne Hamann

Risikoreisen

E

in modernes Büro am Rand der Tübinger Innenstadt. Durch die bodentiefen Glasfronten sieht man auf Fachwerkhäuser. In der Ferne lugt das Schloss der Universitätsstadt hinter den Dächern hervor. Doch für die hübsche Aussicht haben die Redakteure von A3M keinen Kopf. Sie müssen sechs große Flachbildschirme an der Wand plus zwei Computer vor sich auf dem Schreibtisch im Auge behalten. Der Firmenname A3M steht als Abkürzung für die Begriffe „Alarm“, „Aufmerksamkeit“ und „Achtung“, das M bedeutet „mobil“. Das Tübinger Unternehmen entwickelt und betreibt Frühwarnsysteme für touristisches Krisenmanagement. Denn um Urlauber oder Geschäftsreisende im Notfall rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, muss man wissen, was wo los ist. A3M wurde nach dem Tsunami 2004 von zwei Informatikprofessoren gegründet. „Die Riesenwelle riss damals 230 000 Menschen in den Tod. Dabei wusste man, dass der Tsunami kommen würde. Die Informationen erreichten die Leute aber nicht. Das wollten die Firmengründer ändern“, sagt General Manager Marcel Brandt (40). Das Firmenkonzept ist in Deutschland einmalig. Daher ist A3M offizieller Partner des Deutschen Reiseverbandes. Im Bereich der Geschäftsreisen gibt es Konkurrenz – allerdings aus den USA und aus Großbritannien. Im Moment arbeitet A3M für 85 meist mittelständische Unternehmen in ganz Deutschland. „Wenn Firmen ihre Mitarbeiter im Außendienst, als Expat oder auf Montage in fremde Länder schicken, wollen sie sie auch dort jederzeit in Sicherheit wissen. Schon aus Gründen der Fürsorgepflicht“, weiß Marcel Brandt. Bei manchen Kunden, zum Beispiel aus den Bereichen Rüstung oder Maschinenbau, gilt absolute Geheimhaltung. Die Unternehmen fürchten Betriebsspionage. „Da würde bereits der Aufenthaltsort eines Mitarbeiters zu viel verraten“, sagt Marcel Brandt. Zu den Namen, die er Foto: Jammernegg offiziell nennen darf, gehören Tchibo (Kaffee), Kärcher „Wenn Firmen ihre (Hochdruckreiniger) oder Mitarbeiter in fremde Uvex (Sturzhelme) sowie das Länder schicken, wollen Deutsche Institut für Luftund Raumfahrt (DLR). sie sie auch dort jederzeit Die Schaltzentrale des in Sicherheit wissen.“ 2004 gegründeten InformaMarcel Brandt, tionsdienstleisters erinnert General Manager A3M an den Arbeitsplatz eines Börsenmaklers. Oder an eine Mini-Ausgabe des Nasa-Kontrollzentrums – allerdings würde man den Satz „Houston, wir haben ein Problem“ mindestens 30-mal am Tag hören. Wenn viel los ist, auch mal doppelt so oft. Redakteur Samed Kizgin (31) hat gemeinsam mit einer Kollegin an diesem Tag Dienst. Die beiden arbeiten sich ständig durch mehr als 500 Quellen – darunter Nachrichtenagenturen, das Auswärtige Amt, Zeitungen, Radio- und TV-Sender, Wetterinstitute wie das National Hurricane Center. Auch soziale Medien werden durchforstet. „Twitter und Co sind wie ein Seismograf. Wenn hier ein Thema hochkocht, ist meistens etwas dran. Wir bereiten dann eine Meldung vor und schicken sie raus, sobald sie von amtlichen Quellen bestätigt wurde“, erklärt Samed Kizgin. „Aus täglich über 1000 Nachrichten über Unglücke, besondere Vorkommnisse oder

Gefahren filtern wir das Wichtigste heraus, ordnen es ein und geben die Informationen an unsere Kunden weiter“, erklärt Marcel Brandt. Die Katastrophenbeobachter arbeiten im Schichtdienst, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Nachtschicht deckt ein in Südkorea lebender Mitarbeiter ab, das passt dank Zeitverschiebung perfekt. Zudem gibt es noch eine Außenstelle in Hamburg. „Auf Fake News sind wir zum Glück noch nicht hereingefallen“, sagt Marcel Brandt. Doch manchmal nehmen die Informationen seltsame Wege. Als kürzlich direkt vor ihrer Haustür, am Tübinger Bahnhof, eine Fliegerbombe entschärft werden musste, kam die Nachricht bei den Kollegen an der Elbe an – und schwappte dann zurück an den Neckar. Damit die Adressaten nicht mit Meldungen überschwemmt werden, filtert eine eigens

kreierte Software die jeweils individuell relevanten Ereignisse heraus und verschickt sie gezielt und automatisch. Neben Tempo und Korrektheit ist Klartext oberstes Gebot. „Wir drücken uns viel deutlicher aus als etwa das Auswärtige Amt. Die sind oft sehr zurückhaltend, weil sie sich auf diplomatischem Parkett bewegen“, berichtet Redakteur Samed Kizgin. Zum Team gehören auch Entwickler, die die Software im Laufe der Jahre immer mehr verfeinert haben. Inzwischen gibt es Schnittstellen zu den Buchungssystemen. „So kann ein Unternehmen im Notfall genau sehen, wie viele Mitarbeiter sich in der Nähe befinden, und diese mit einem Knopfdruck warnen“, erklärt Marcel Brandt. Einer der großen Bildschirme an der Wand zeigt die ständig aktualisierte Krisenkarte. Die Welt, übersät mit Warnrauten, wie man sie aus dem Chemieunterricht

Terrorgefahr auch im Südwesten: Polizisten sichern den Weihnachtsmarkt in Stuttgart.

Wie beim Börsenmakler: im A3M-Büro

Unwetterwarnungen retten Leben.

RISIKEN FÜR REISENDE Terror 2017 hat die Firma A3M mehr als 6600 sogenannte Ereignisse verzeichnet. Darunter waren 1237 mit terroristischem Hintergrund im Vergleich zu 1380 im Vorjahr. Krisen Die Anzahl bewaffneter Konflikte und Krisen blieb in den letzten beiden Jahren annähernd gleich. 2016 waren es 168, 2017 wurden 176 Ereignisse dieser Art dokumentiert. Unruhen Die Zahl der Demonstrationen oder

Unruhen ist weltweit mit 1244 im Vergleich zu 1150 im Jahr 2016 angestiegen. Naturkatastrophen Hier gab es einen deutlichen Anstieg der Zahl der Ereignisse: Im Jahr 2017 wurden 2092 Fälle gezählt, 2016 waren es nur 1857. Im Detail: 2017 bebte die Erde 881-mal (gezählt wurden Erdbeben mit einer Magnitude von mehr als 4,8 auf der Richterskala) – 994 Erdbeben waren es 2016. Die Anzahl der Hochwasser stieg mit 147

gegenüber 125 im Jahr 2016. 2017 gab es 95 tropische Stürme, von denen besonders jener Hurrikan in Erinnerung blieb, der die Karibik und den Süden der USA heimsuchte. 91 Stürme waren es 2016. Transport 2017 wurden 450 größere Unfälle verzeichnet. 2016 waren es 416. Infos Mehr Zahlen und Fakten findet man unter www.global-monitoring.com und www.trisavo.com. sur

kennt. Manche Zeichen stehen auf Rot – das bedeutet Alarmstufe. Manche sind hellgelb – die Farbe steht für eine leichte Einschränkung. Jede Raute stellt ein sogenanntes Ereignis dar. Mit diesem neutralen Begriff bezeichnet A3M Katastrophen aller Art: Erdbeben, Schneesturm, Flugausfall, Terroranschlag, Demonstration, Piratenüberfall, Streik, Krieg, nuklearer Zwischenfall. A3M hat die ganze Welt im Blick. Egal, wo etwas passiert – es wird immer eine Meldung herausgegeben. Ein Anschlag in Bagdad betrifft vermutlich keine deutschen Touristen, aber ein Geschäftsreisender könnte sich dort aufhalten. „Viele Mitarbeiter unserer Businesskunden bewegen sich in Hochrisikogebieten“, sagt Marcel Brandt. Auf Grundlage der von A3M gelieferten Informationen wird in den Firmenzentralen entschieden, ob man den Außendienstler oder Monteur im Notfall nur vorsorglich warnt – oder gleich evakuiert. Die Information wird per Warn-E-Mail, SMS oder App-Benachrichtigung verteilt. In der App gibt es auch eine Funktion, mit der ein Mitarbeiter auf Wunsch seinen Standort durchgeben kann. „Aus Sicherheitsgründen ist das manchmal sinnvoll“, meint Marcel Brandt. Eine ständige Überwachung des Aufenthaltsortes durch den ArbeitFoto: Hamann geber wäre theoretisch auch möglich, doch das ist natürlich „Twitter und Co sind wie als unangemessener Eingriff ein Seismograf. Wenn hier in die Privatsphäre nicht erein Thema hochkocht, laubt. Die Dienstleistung kostet ist meistens etwas dran.“ je nach Umfang ab 300 Euro Samed Kizgin, im Monat. Die Bandbreite Redakteur A3M reicht von der reinen Bereitstellung von Informationen ohne Spezifizierung bis hin zur Erstellung eines kompletten Sicherheitskonzepts. Auf Wunsch vermitteln die Tübinger auch medizinische Kontakte, Verhaltenstrainings sowie Sicherheitskräfte vor Ort, bewaffnet oder unbewaffnet. „Wir kooperieren hierbei mit zwei weiteren Firmen, eine in Ludwigshafen und eine am Starnberger See“, erklärt Marcel Brandt. Das Trio vermarktet sich gemeinsam unter dem Namen Trisavo. A3M hat im Moment 25 Mitarbeiter. Fast alle haben Politologie studiert und sich dann auf weiteren Gebieten wie Geologie oder Meteorologie fortgebildet. Wichtig für den Job sind gute Nerven und eine schnelle Auffassungsgabe. Denn man muss innerhalb kürzester Zeit einschätzen können, wie wichtig ein Ereignis ist und welche Auswirkungen es haben könnte. „Die Ankündigung einer Schülerdemonstration in Venezuela hört sich zunächst harmlos an. Aus Erfahrung wissen wir aber: Da knallt’s bestimmt“, erklärt Samed Kizgin. Andererseits seien Explosionen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oft eher harmlos zu bewerten: „Meist stecken spielende Kinder dahinter, die dummerweise alte Munition gefunden haben.“ Dass sie ständig mit Leid und Unglück konfrontiert sind, blenden die Mitarbeiter aus. Sie machen den Job, um anderen zu helfen, und sie haben dabei den sportlichen Ehrgeiz, schnell zu sein. Am besten schneller als die internationalen TV-Sender. „Wenn wir eine Info haben und BBC World News erst danach sendet, das ist schon cool“, sagt Samed Kizgin. Weniger cool seien nervige Fragen von Freunden wie „Und: Was gibt’s Neues?“.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 7

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Erst einmal nur Ehre Die Erfahrung lehrt: Das Unesco-Siegel lässt sich nur selten zu Geld machen. Von Rüdiger Bäßler

Weltkulturerbe

D

Zisterzienserkloster Maulbronn

Der Limes bei Aalen

ofsiedlung Le-Corbusier-Haus in der Weißenh

Fotos: dpa

ann, im Juli 2017, waren es also sechs. Im polnischen Krakau verlieh die Unesco mehreren Höhlen der Schwäbischen Alb den Welterbestatus, womit Baden-Württemberg bundesweit betrachtet nun auch in diesem Kulturvergleich eine große Nummer ist. Die Albhöhlen, das Zisterzienserkloster Maulbronn, die Klosterinsel Reichenau, der obergermanisch-raetische Limes, die prähistorischen Pfahlbauten und die LeCorbusier-Häuser in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung – das sind sechs von 42 deutschen Welterbestätten. Im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren klirrten vergangenen Sommer die Sektgläser. Touristiker, Landes- und Kommunalpolitiker feierten die Siegelverleihung. Nun gehe es touristisch steil nach oben, war die einhellige Meinung. Sehr lange hielt die Siegerstimmung nicht, denn schnell rückten die Fragen zu Kosten und Konzepten in den Mittelpunkt. Die sechs ausgezeichneten Albhöhlen, Fundstätten der ältesten bekannten Kunstwerke und Musikinstrumente der Menschheit verteilen sich auf die Landkreise Heidenheim und Alb-Donau-Kreis. Aber wer, so fragen die Bürgermeister von Schelklingen bis Niederstotzingen seither, bezahlt nun den Ausbau von Wanderwegen und all die Marketingmaßnahmen, um mehr Besucher zu locken? Das Land, war eine rasch ausgerufene Antwort. Die Landesregierung hat fürs laufende Jahr auch weitere 250 000 Euro Zuschuss für die Albhöhlen zugesagt. Sehr weit reichen wird das aber nicht. Das Unesco-Siegel endlich da, die ersehnten Touristen aber noch in weiter Ferne – diese Situation kennt man anderswo schon. Zum Beispiel im Blausteiner Ortsteil Ehrenstein, dessen Steinzeitdorf zu jenen Pfahlbausiedlungen gehört, die 2011 den Unesco-Schutzstatus bekamen. Dort ist bisher kein einziger Tourist aufgetaucht, was einen einfachen Grund hat: Alle Exponate liegen einen Meter unter der Erde im Grundwasser. Erst 2016

begann der örtliche Gemeinderat mit den Bauarbeiten für einen Themenpark. Geschätzte Bauzeit: acht Jahre. Kosten: 1,7 Millionen Euro. Ohne Finanzhilfe dürften Bau und Betrieb nicht zu stemmen sein. Da hat es Gunter Schöbel, Direktor des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen, weitaus besser. Seine Rekonstruktionsschau am Bodenseeufer floriert. Bloß tat sie das bereits lange vor 2011. „Den großen Schub gab’s nicht. Und Geld auch nicht“, erinnert er sich an die Zeit nach der Unesco-Kür. „Das ist ein tolles Label, aber es wird viel Eigeninitiative verlangt.“ Auch in der Bodenseegemeinde Reichenau mit der im Jahr 2000 zum Welterbe erhobenen Klosterinsel sind die Besucherzahlen prima. Mehr als 250 000 Übernachtungen zählen sie dort jährlich. Vermutlich, sagte der örtliche Tourismuschef, hänge das auch mit dem Unesco-Siegel zusammen. Genau weiß man’s aber nicht, weil alle Bodenseegemeinden in den vergangenen, von Terrorangst geprägten Jahren, stark zulegten. Auch das Finanzministerium des Landes sieht sich außerstande, den Effekt des Unesco-Siegels auf Besucherzahlen statistisch zu greifen. Was sich summieren lässt, sind im Südwesten also weiter nur die öffentlichen Zuschüsse. Das gilt auch, wiederum bezogen auf die Albhöhlen, für den 2013 in Niederstotzingen (Kreis Heidenheim) eröffneten „Archäopark“, der endlich die Vogelherdhöhle einband und vor Wildgrillern schützte. Das Konzept ist modern und spannend – der Betrieb aber gleichwohl defizitär. Ohne Spenden aus der Wirtschaft ginge es nicht. Womöglich haben die nächsten UnescoInteressenten im Land mehr Fortune. Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte möchte die Fasnet zum immateriellen Weltkulturerbe gekürt haben. Gleiches erstrebt eine Ravensburger Kommission fürs örtliche Rutenfest. Das immerhin ist schon jetzt, bezogen auf die Saisongeschäfte der örtlichen Gastronomen, eine Gelddruckmaschine.

Bodenseeinsel Reichenau

Pfahlbauten in Unteruhldingen

Eiszeithöhle „Hohle Fels“ bei Schelklin gen

Mit präzisen Schnitten sorgen wir dafür, dass Ihre Kommunikation alles los wird, was sie davon abhält, erfolgreich zu sein. Entdecken Sie markante B-to-B-Kommunikation, die nachweislich wirkt und verkauft: www.diegruppe.de


/WISS EN, WAS WIC HT IG W IRD

Zukunft as a Service CxO Impuls-Tag für IT-Entscheider / 15.03.2018 / Metzingen Wer hätte das nicht gern?! Jetzt schon wissen, was die Zukunft der IT bringt – und dann bitte auch gleich den passenden Service dazu! Einen Service, der Sie erfolgreich und innovativ in die Zukunft bringt – und Ihnen gleichzeitig hilft, die Expertise Ihres Kerngeschäfts weiter auszubauen. Am CxO-Impuls Tag von Advanced UniByte geben wir Ihnen Rahmen und Raum, um sich neu inspirieren zu lassen: Die visionärsten Köpfe unserer Markt- und Technologieführer aus dem Silicon Valley erläutern ihre Strategien; mittelständische Unternehmen berichten aus erster Hand, wie sie von der Digitalisierung profitieren – und Sie diskutieren mit anderen IT-Entscheidern über Ihre Vorstellung von der Zukunft. Gönnen Sie sich einen Tag ohne Alltagsklammer. Raus aus den üblichen Prozessen und Denkstrukturen! Wagen Sie neue Ziele – und werfen Sie einen Blick in die Zukunft, der nichts mit Wahrsagerei zu tun hat, sondern mit brillanten Köpfen und deren glasklaren Analysen. CxO Impuls Anmeldung unter: www.au.de/zaas-2018

Advanced UniByte Advanced UniByte (AU) gehört zu den führenden Systemhäusern für IT-Infrastruktur, Speicherlösungen sowie Cloudund Managed Services. Seit über 20 Jahren überzeugen wir mit unserer kompromisslosen Konzentration auf Sicherheit und Verfügbarkeit hochsensibler Unternehmensdaten. Unsere Kunden schätzen unser Expertentum wie auch die Zusammenarbeit, die geprägt ist von Vertrauen, Wertschätzung und Begeisterung. www.au.de


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

März 2018

Wirtschaft & Start-ups

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Wie kommt Innovation in die Unternehmen? Vor dieser Frage stehen alle Firmen im Land – kleine wie große. „Wirtschaft & Start-ups“ blickt auf Gründer, kreative Unternehmen und Technologie.

Hechingen – Geheimtipp für Medizintechnologie. SEITE 11 Grüne Start-ups – Innovationen mit Moral. SEITEN 12, 13 Strategie – Liechtenstein wirbt um Gründer aus Deutschland. SEITE 15

9

Gut gelaunt beim Pizza-Essen im Start-up. Das ist aber nur ein Teil des Arbeitsalltags. Geregelte Arbeitszeiten sind meist unbekannt. Ohne Selbstausbeutung geht es selten. Und wenn es um den Arbeitserfolg geht, die sogenannte Execution, kann auch in vermeintlich hierarchiefreien Start-ups massiver Druck entstehen. Foto: Syda Productions/AdobeStock

Nicht immer die glückliche Familie Die Arbeitsatmosphäre in Start-ups wird manchmal fast missionarisch verklärt. Aber mehr Selbstreflexion darüber, wann und wo sie ihre Grenzen hat, würde guttun. Von Andreas Geldner Arbeitskultur

D

er US-Journalist Dan Lyons einem Start-up, das fehlende Gewinne mit hat vor eineinhalb Jahren Marketing-Großspurigkeit kompensiert, ein Buch über die Exzesse kann man nicht allein als Schilderung der Start-up-Kultur publiziert typisch amerikanischer Exzesse abtun. In („Von Nerds, Einhörnern und den USA ist die Debatte über den Start-upDisruption“). Es liest sich wie Realsatire, Mythos am Arbeitsplatz längst entbrannt. Denn ob es Start-ups in Deutschland nun beschreibt aber wohl bittere Realität. In seinem Start-up HubSpot, das Mar- gerne hören oder nicht: Vieles an ihrer Kulketing-Software für Kleinunternehmen tur kann seine amerikanischen Wurzeln entwickelt, sei das Wort Entlassung tabu nicht verleugnen. Sie stammt aus einer gewesen. Stattdessen habe es eine fröhliche Wirtschaftsordnung, der etwa KündiMail vom Chef gegeben: „Liebes Team, ich gungsschutz nach deutschem Muster imwill euch wissen lassen, dass Frau X bei uns mer fremd war. Eins ist wichtig: Man täte der überwältiberuflich abgeschlossen hat und wir sind begeistert, dass sie ihre Super-Kräfte für genden Mehrheit der Gründer in Deutschihr neues großes Abenteuer nutzt.“ Es sei land unrecht, wenn man ihnen solche Exsurreal und grausam gewesen: „Aber alle zesse wie bei HubSpot zutrauen würde. bei HubSpot taten, als sei dies völlig nor- Insbesondere in einer frühen Gründungsphase käme kein Start-up mal. Uns wurde gesagt, wir von der Rampe, wenn es seien Rockstars, wir seien „Jeder weiß, dass er sich solchen Zynismus inspirierend und würden ersetzbar ist. Erst die Welt verändern. Aber kommen die Investoren, leisten würde. Ohne ein funktionierendes, fair mitin Wahrheit waren wir Verdann die Kunden einander umgehendes fügungsmasse.“ Team würden solche junge Vor 100 Jahren hätten und zum Schluss Firmen gleich wieder von Fabrikarbeiter für bessere die Mitarbeiter.“ der Bühne verschwinden. Arbeitsbedingungen und Und es ist ein Riesenunterweniger Arbeitszeit ge- Eine Ex-Führungskraft der Berliner Rocket Internet schied, ob man am Anfang streikt, sagt Lyons: „Heute Start-up-Schmiede laut dem Magazin „Spiegel“ ein unersetzlicher Entfeiern die Angestellten im wickler ist – oder später Silicon Valley ihre eigene Ausbeutung.“ Wer zwischen neun und fünf zur Fußtruppe gehört. Erst wenn die arbeite, gelte als „Loser“. „Für eine be- Embryonalphase vorbei ist, wenn es in die stimmte Art von Mensch – normalerweise Expansion geht – im Start-up-Deutsch die jung und männlich – bedeuten Entbehrun- „Skalierung“ –, kommt nämlich die Stunde gen einen Teil vom Kick.“ Lyons ist für der Wahrheit. Wer aber Berichte über die knallharte seine Zuspitzungen kritisiert worden, aber sein Porträt der Arbeitsbedingungen in Arbeitsatmosphäre in der Berliner Startup-Schmiede Rocket Internet liest, der kennt den Preis aggressiven Expansionswillens, der ja als ein wesentliches UnterWIE DEFINIERT MAN EIGENTLICH EIN START-UP? scheidungsmerkmal eines Start-ups von einer konventionellen Gründung gilt. „RoDynamik Das Alter allein ist Definition Der englische Begriff cket ist kein langfristiger Arbeitsplatz“, nicht entscheidend, auch wenn „Start-up“ beschreibt eine frisch sagte eine ehemalige Führungskraft dem zwischen fünf und zehn Jahren gegründete Firma mit zunächst Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“: „Jeder meist das Limit liegt. Start-ups geringen Ressourcen, die ihren weiß, dass er ersetzbar ist. Erst kommen die haben vor allem das Potenzial, ganzen Entwicklungszyklus Investoren, dann die Kunden und zum sehr schnell zu wachsen. noch vor sich hat. Am Anfang Schluss die Mitarbeiter.“ Schlüssel sind das innovative steht eine innovative Idee, die Das traditionelle Verständnis eines Geschäftsmodell und das meistens auch technologisch deutschen Arbeitnehmers passt nicht in Erschließen neuer Märkte. age Neuland betritt.

diese Welt. Zu Recht klagen junge Unter- Umfallen scheinen bemerkenswerterweise nehmen über manche Regulierungen, die junge Männer cooler als Frauen zu finden. an traditionellen Firmen orientiert sind Spätestens, wenn es um die ersten größeund nicht an ihrer Situation. Allerdings ren Finanzierungsrunden geht, wenn Ingreift auch in Deutschland der Kündi- vestoren mitreden und die Unternehmensgungsschutz erst ab elf Mitarbeitern, also anteile auf einmal wertvoll werden, wird noch nicht in einer sehr frühen Phase der es mit der freundschaftlichen Augenhöhe schwierig. Wer viele Unternehmensanteile Gründung. Nein, es geht nicht darum, nach Regulie- sein Eigen nennt, hat andere Interessen als rung zu rufen. Aber ein wenig mehr Selbst- jemand, der im Team die Arbeitnehmerrolreflexion könnte nicht schaden. Start-ups le hat. Und spätestens bei Milliarden-Börsehen sich als Gegenpol zur Erstarrung in senwerten wird die so bunte, auf fröhliche etablierten Firmen. Persönliches Engage- Motivation setzende Innovationskultur gelegentlich zur Fassade und ment gilt bei jedem Mitkaschiert andere Interesarbeiter als selbstver- „Heute feiern die sen – die der Eigentümer ständlich. Und das betrifft Angestellten im Silicon vor allem die Bereitschaft, Valley ihre Ausbeutung. und Investoren. Dann ist manchmal Schluss mit so viel zu arbeiten wie nödem Gefühl, dass alle eine tig. Viel Geld zu verteilen Wer zwischen 9 und 5 große Familie sind. Es ist gibt es am Anfang auch arbeitet, gilt als Loser.“ der Moment, wo sich die nicht. Die Motivation muss Dan Lyons, Businesstypen von den von innen kommen. Gren- Journalist Kumpels und Freunden zen der Arbeitszeit? Gehaltserhöhung? Einzelbüro? Das sind trennen, mit denen sie einst gegründet haFremdworte. Das Versprechen im Gegen- ben. Um den „Spiegel“ zu zitieren: „Hat das zug sind Freiheit und Selbstverwirkli- Start-up Erfolg, werden die einst flachen chung, Augenhöhe, Autonomie und Res- Hierarchien immer steiler. Nur Gehälter pekt. Es ist kein Zufall, dass Start-ups oft in und Urlaubsanspruch wachsen nicht mit.“ Der Mythos von der Start-up-Arbeitsder Anfangsphase von jüngeren Mitarbeitern geprägt sind, die eher mit dem Unter- kultur wird oft auch dann noch strapaziert, nehmen verheiratet sind als mit einer Fa- wenn sich die Ausgangsbedingungen vermilie. Das Wort „verheiratet“ trifft diese ändert haben. Niemand wird einen Konspezielle Arbeits-Beziehung übrigens per- zern wie Amazon oder Unternehmen wie fekt. Wie in einer Ehe sind die emotionalen Uber oder Tesla noch ein Start-up nennen. Erwartungen hoch. „Gut drauf“ zu sein, wie Dennoch wehren sie sich insbesondere in es das Selbstmarketing erfordert, kann zum den USA mit Händen und Füßen gegen alles, was nur ansatzweise wie ein traditioemotionalen Dauer-Druck werden. Der Mensch wird in dieser Kultur sehr nelles Arbeitnehmerrecht aussieht. Einer stark über seine Arbeit definiert, mehr als der meistgelesenen Artikel der „New York sich ein Karl Marx je hätte träumen lassen. Times“ in den vergangenen Jahren war die Totales, auch emotionales Engagement gilt mit vielen Fallbeispielen gespickte Abrechals wichtige Leistungs- und Energiequelle. nung mit dem Leistungsdruck bei Amazon. Wenn ein Gründer Vorbilder für seine Doch damit verschwimmt die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit oder zwi- Arbeitskultur sucht, muss es nicht Amazon schen privater und geschäftlicher Person, sein. Vorbild könnte genau jener Mittelallem Reden über die „Work-Life-Balance“ stand sein, dem Start-ups – zu Recht – zum Trotz. Und manchmal soll auch die mehr Dynamik und Flexibilität beibringen eher der Regeneration der Arbeitskraft wollen. Hier hat man gelernt, mit Spielredienen als der Erkenntnis, dass es auch ein geln und Strukturen zu leben und dennoch beweglich zu bleiben. Viele dieser Firmen Leben jenseits der Arbeit gibt. Gewiss: Ohne Besessenheit sind neue sind erwachsen und dennoch dynamisch. Ideen nicht durchzukämpfen. Es geht um Hier überlebt man Arbeitszeitregeln, ja eine „Mission“. Das mag für das Gründer- „sogar“ Betriebsräte und Gewerkschaften. team und die Kernmannschaft zwingend Wenn das Beste aus beiden Welten kombinotwendig sein. Bedenklich wird es, wenn niert wird, hat Deutschland eine Chance, dieser Totalitätsanspruch bis hinunter zum seine eigene Start-up-Kultur zu etablieren, kleinen Mitarbeiter als Selbstverständlich- ohne immer nur in die Vereinigten Staaten keit eingefordert wird. Arbeiten bis zum zu schielen.


10

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Wellenlänge ist wichtiger als Alter Vielen Start-ups würde die Erfahrung älterer Arbeitskräfte gar nicht schaden. Von Thomas Spengler Jugendwahn

S

tart-ups bieten Jungunternehmern nach eigenem Bekunden umfangreiche Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und Weiterentwicklung. Start-ups stecken aber auch voller Tücken, wie sie der Blogger Joel Kaczmarek in „Gründerszene“, einem Online-Magazin für die Start-up-Szene, beschreibt. Kaczmarek nennt dabei neben zu viel Mitspracherecht für Investoren und einer zu geringen Beteiligung der Gründer oder gar „Arbeitsbedingungen wie auf Sklavengaleeren“ auch den Umstand, dass vornehmlich junge Menschen eingestellt würden. „Vielen Start-ups täte es gut, ihre Teams mit etwas erfahreneren Mitarbeitern zu würzen“, schreibt daher Kaczmarek. Diese bräuchten vielleicht manchmal etwas länger beim Anlernen, behauptet er, brächten dafür aber viel Engagement mit. „Und sind wir mal ehrlich, einigen Startups tut eine gewisse Entschleunigung durchaus gut“, so der Blogger. Aber ist das wirklich so? Brauchen die auf Durchstarten getrimmten Start-ups mit ihren innovativen Geschäftsideen tatsächlich die Erfahrung älterer Mitarbeiter oder halten diese die Jungunternehmen in ihrer Entwicklung eher auf? „Das kommt darauf an, in welcher Phase sich das Startup befindet“, sagt Feliks Eyser, Gründer und CEO des regionalen Marketing-Startups RegioHelden GmbH in „Man kann Fehler Stuttgart. Wenn ein Jungunternehmen sich daranvermeiden, indem man macht, einen Prototypen zu sich die Expertise älterer entwickeln und die ProdukKollegen sichert.“ tion aufzunehmen, passiert viel nach dem Motto „trial and Ulli Spankowski, Gründer Sowa Labs GmbH error“. Erfahrung spielt in dieser Gründerphase noch nicht so sehr eine Rolle wie etwa bei dem späteren Aufbau einer Massenproduktion. „Das Ganze hat dann noch einen Laborcharakter, bei dem Neugierde und Experimentierfreudigkeit im Vordergrund stehen“, weiß Eyser. Wenn man in dieser Phase die Jungen unter sich lässt, kann viel Neues entstehen, ohne dass ältere Kollegen die Bedenkenträger geben und die Rolle des Spielverderbers übernehmen. Der Faktor Erfahrung kommt erst ins Spiel, wenn das Start-up selbst ein Stück weit älter geworden ist und wenn es darum geht, eine Firmenstruktur aufzubauen oder Mitarbeiter einzustellen. Dasselbe gilt für die Entwicklung des Einkaufs oder bei der Skalierung der Produktion. „In dieser späteren Phase geht es darum, mithilfe erfahrener Kollegen mögliche Hürden frühzeitig zu erkennen, damit Probleme erst gar nicht entstehen können“, macht Eyser klar. Man könne in einer solchen Lage Fehler vermeiden, indem man sich die Expertise älterer Kollegen sichere, sagt dazu Ulli Spankowski, der selbst die Sowa Labs GmbH, die seit Ende 2017 eine Tochter der Börse Stuttgart ist, gegründet hat. Deshalb komme es einfach auf die gelungene Verbindung aus Jung und Alt an. „Die Kombi-

Manche Erfahrung müssen junge Menschen selbst machen. Oft hilft die Expertise Älterer aber, Fehler zu vermeiden. nation aus jungen Ideen, gepaart mit langjährigem Know-how, stellt den entscheidenden Vorteil dar“, so Spankowski. In ihrer frühen Phase stoßen Start-ups aber häufig auch an ihre finanziellen Grenzen, was es für sie schwieriger macht, ältere, aber eben auch teurere Mitarbeiter bezahlen zu können. Sobald aber ein Produkt gefunden ist, das zu einem bestimmten Markt passt („Product-Market Fit“), muss man „einen Gang hochschalten“, wie Eyser es ausdrückt. Denn dann wird es wichtig für ein Jungunternehmen, das eigene Know-how um die Erfahrung älterer Mitarbeiter, die in der Regel auch mehr kosten, zu ergänzen. Manchmal gelingt es auch, ältere Mitarbeiter dazu zu bewegen, Abstriche bei ihren Gehaltsvorstellungen zu machen, weil sie Lust haben, noch mal was Neues aufzubauen. „Als Start-up hat man schließlich auch tolle Argumente auf seiner Seite“, weiß Eyser, dessen Firma RegioHelden 2015 von dem Außenwerbekonzern Ströer übernommen worden war. Auch das Angebot einer Beteiligung am Unternehmenserfolg kann gegebenenfalls helfen, ältere Mitarbeiter zu gewinnen. Betrachtet man nun das Durchschnittsalter der Jungunternehmer, kann man für 2017 im Jahresvergleich eine Verjüngung feststellen. Laut dem vom Bundesverband Deutsche Start-ups herausgegebenen

Start-up Monitor sind die Teams der Startups mit 35,3 Jahren durchschnittlich um rund ein Jahr jünger als 2016. Dies ist auf einen Anstieg der Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren von fünf auf sechs Prozent an allen Start-up-Teams zurückzuführen. Mit 48 Prozent machen die 25- bis 34-Jährigen die größte Gruppe aus, gefolgt von den 35- bis 44-Jährigen (29,9 Prozent). Dagegen liegen die Anteile der 45- bis 54-Jährigen und über 55-Jährigen bei 12,0 beziehungsweise 4,0 Prozent. Das Kriterium Altersstruktur ist einer von mehreren Faktoren, der die Diversity, also die Vielfalt innerhalb einer Unternehmung, widerspiegelt. Es hat sich gezeigt, dass ein monokulturell ausgerichtetes Unternehmen mit konformen Sichtweisen eine höhere Betriebsblindheit aufweist als eine vielfältig aufgestellte Firma, die unterschiedliche Lebensmodelle und damit auch verschiedene Generationen umfasst. Wie eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young in Kooperation mit Charta der Vielfalt e. V. zeigt, sind sich 65 Prozent der Unternehmen der Tatsache bewusst, dass die Einbindung unterschiedlicher Lebensmodelle, kultureller Perspektiven und Erfahrungen dem eigenen Unternehmen Vorteile bringt. Oder anders ausgedrückt: Wer eine Diversity-Kultur etabliert, hat deutlich bessere Chancen im Wettbewerb.

Foto: Mauritius

Entscheidend aber für die dauerhaft erfolgreiche Zusammenarbeit der unterschiedlichen Generationen ist, dass die Menschen ähnlich ticken. „Die Chemie muss eben stimmen“, so Eyser. Und das hänge nicht am Alter, sondern sei eine Frage der Einstellung. „Wir haben alle das gleiche Mind-Set“, sagt er über die rund 300 Mitarbeiter von „Als Start-up hat RegioHelden, die eine Alters- man schließlich spanne von 18 bis über 50 Jah- auch tolle Argumente ren aufweisen. Das Alter im Kopf spielt also auch eine Rol- auf seiner Seite.“ le. Eyser meint damit die Feliks Eyser, „Lust auf Start-up“, die ein ho- Gründer der RegioHelden hes Arbeitstempo und permanente Veränderungen mit sich bringt. Und diese Lust scheint bei den deutschen Startups durchaus in höherem Maße als unter Arbeitnehmern vorhanden zu sein. In Anlehnung an die jährlich durchgeführte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup zur Lebenszufriedenheit deutscher Arbeitnehmer wurden die für den Start-up Monitor befragten Gründer gebeten, ihre derzeitige Lebenszufriedenheit auf einer Skala von null bis zehn anzugeben. Und siehe da, die Ergebnisse zeigen, dass Gründer mit einem Wert von 7,8 (2017) weiterhin deutlich zufriedener mit ihrem Leben sind als Arbeitnehmer (2016: 7,0). Die Lust auf Start-up ist also durchaus messbar.

Selbstverwirklichung auf der Galeere Geregelte Arbeitszeiten sind in vielen Start-ups unbekannt. Dabei gelten dort die gleichen Regeln. Von Gerhard Bläske Arbeitszeitgesetz

G

eregelte Arbeitszeiten sind in vielen Start-ups unbekannt. Nicht selten werden 60 Stunden und mehr gearbeitet. Die Metajobsuchmaschine Joblift befragte im vergangenen Jahr 500 Startup-Mitarbeiter. Nach den Angaben verdienten sie nicht nur durchschnittlich sieben Prozent weniger als Beschäftigte anderer Unternehmen, sie arbeiteten auch zehn Prozent länger, durchschnittlich 45 Stunden pro Woche. Nach Einschätzung von Benjamin Rudolph, Geschäftsführer des Stuttgarter Start-ups eMovements, „erfassen die meisten Start-ups die Arbeitszeiten nicht und haben auch keine Regelung“. Er selbst habe in seinem Unternehmen „ein System zur Erfassung von Arbeits- und Pausenzeiten entwickelt und seinen knapp 20 Mitarbeitern die Anweisung gegeben, nicht mehr als zehn Stunden täglich zu arbeiten“. Das werde mehr oder weniger gut eingehalten, meint er, fügt aber hinzu, dass die gesetzlich vorgeschriebene Zehn-Stunden-Grenze pro Tag schon stört. „Es gibt Phasen, in denen wir sehr viel zu tun haben und die Zeiten nicht einzuhalten sind. Ich habe noch nie einen Mitarbeiter erlebt, der etwas über die Arbeitszeiten wissen wollte.“ eMovements entwickelt und produziert in der Stuttgarter Schwabstraße den Elektrorollator Ello, dessen Serienfertigung im

April starten soll. In diesem Jahr sollen 600 Rollatoren produziert werden. Rudolph und sein Team brauchen dafür sowie für weitere Projekte wie einen epost-Taschenwagen oder Kinderwagen 500 000 Euro und suchen derzeit dringend Kapitalgeber. Unter der alten Bundesregierung gab es Bestrebungen, das Arbeitszeitgesetz zu modernisieren und es an die Gegebenheiten der digitalen und globalisierten Arbeitswelt anzupassen. Es entstand das Weißbuch „Arbeiten 4.0“. Das Weißbuch sei ein Versuch, „Herausforderungen durch Veränderungen der Arbeitslandschaft darzulegen und Handlungsbedarf aufzuzeigen“, sagt ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums in Berlin. Abgesehen von Passagen zum Thema Arbeitszeit wurde auch über „Experimentierräume“ diskutiert. Das sind tarifliche Öffnungsklauseln, die zumindest tarifgebundenen Betrieben etwas mehr Spielraum ermöglicht hätten, zum Beispiel Abweichungen bei der täglichen Höchstarbeitszeit oder eine Lockerung der mindestens elfstündigen Ruhezeit. Doch die große Koalition konnte sich nicht auf eine Regelung einigen. Allgemein gilt, dass der Arbeitgeber die Einhaltung des bestehenden Gesetzes durch die Arbeitnehmer gewährleisten muss. Das Arbeitszeitgesetz geht vom

Start-ups setzen auf kreatives Klima statt auf Arbeitszeitregelung. Foto: .shock/Adobe Stock Acht-Stunden-Tag und einer Sechs-TageWoche aus. Die tägliche Arbeitszeit kann ohne besondere Begründung auf maximal zehn Stunden oder 60 Stunden wöchentlich erhöht werden. Allerdings muss eine Verlängerung innerhalb von sechs Kalendermonaten oder 24 Wochen auf durchschnittlich acht Stunden bzw. 48 Stunden pro Woche ausgeglichen werden. Es gibt Flexibilisierungsmöglichkeiten, die vorher vereinbart worden sein müssen. So könne

beispielsweise die tägliche Mindestruhezeit von elf Stunden durch tarifliche Vereinbarung oder durch Betriebsvereinbarung aufgrund eines Tarifvertrags um bis zu zwei Stunden gekürzt werden, soweit es die Tätigkeit erfordere, sagt ein Sprecher des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau in Baden-Württemberg. Die tägliche Arbeitszeit könne über zehn Stunden hinaus verlängert werden, wenn in erheblichem Umfang Arbeitsbereitschaft oder Bereitschaftsdienst anfalle. Die Bemühungen um eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten dürften frühestens nach der Bildung einer neuen Bundesregierung wieder aufgenommen werden. Befürworter einer Reform zielen auch auf die vorgeschriebenen Ruhezeiten, die selbst dann einzuhalten sind, wenn etwa abends um zehn nur eine Mail geschrieben worden ist. „Das Lesen und Bearbeiten einer dienstlichen Mail nach einem Zehn-Stunden-Arbeitstag verstößt gegen das Arbeitszeitgesetz und auch mit der Ruhezeit von elf Stunden kann der Arbeitgeber Probleme bekommen“, sagt Thorsten Walther, Arbeitsrechtsexperte des Beratungsunternehmens Ecovis. Eine kleine Hintertür bleibt vielen Start-ups gleichwohl. Denn in vielen Fällen sind die Mitarbeiter in diesen Unternehmen nicht fest angestellt, sondern selbstständig oder es gibt gar eine Gruppe von Geschäftsführern. Für diese Gruppe gibt es entweder keine oder aber deutlich weniger strikte Regeln, heißt es im Bundesministerium für Arbeit und Soziales.


11

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Gambro ist die große Medizintechnologie-Firma in Hechingen (l.). Die Stadt hat auch den schwedischen Investor Lars Sunnanväder (r.) überzeugt. Die symbolträchtige Burg Hohenzollern findet sich im Logo der Standortinitiative wieder. Fotos: dpa, Gambro Dialysatoren, LS Medcap

Die Alb als Start-up-Mekka Seit 15 Jahren ist Hechingen das Herz des Medical Valley. Wie gelang es dem Textilstandort, so viele medizintechnische Firmen und Start-ups zu gewinnen? Von Akiko Lachenmann

Medizintechnik

I

rgendwo hinter Tübingen, wo die Bahnstrecke eingleisig wird und die Triebwagen der Hohenzollerischen Landesbahn in Dusslingen und Engstlatt aufeinander warten müssen, da beginnt das Medical Valley Hechingen. „Nun ja“, sagt der Hechinger Wirtschaftsförderer Hans Marquart, der eigens zum Bahnhof gefahren ist, um seinen Gast abzuholen, „als man vor 15 Jahren den Standort getauft hat, sollte natürlich ein klangvoller Name her.“ Der etwas großspurige Anglizismus hat längst seine Berechtigung. Rund um die Zollernstadt, auf den kargen Böden am Westrand der Schwäbischen Alb, haben sich knapp 40 Unternehmen angesiedelt, die weitgehend alles produzieren können, was Kardiologen und Gefäßchirurgen an technischen Geräten benötigen, vom Stent bis zur Herz-Lungen-Maschine. Darunter sind Start-ups bis hin zu Weltmarktführern, die sämtliche Kontinente beliefern. Man muss gleich dazusagen, dass 60 Kilometer südlich von Hechingen der große Bruder wohnt: Tuttlingen bezeichnet sich nämlich als das „Weltzentrum der Medizintechnik“ – der Standort zählt fast 600 Firmen. Doch die Berührungspunkte sind gering. Während sich die Mittelstadt vor allem auf Metallprodukte wie Skalpelle und Knochensplitterzangen versteht und als einstiger Sitz des herzoglichen Eisenschmelzwerks auf eine lange Tradition zurückblickt, arbeitet man im Medical Valley Hechingen vor allem mit „Als man vor 15 Jahren Kunststoffen und Textilgeweben – und begann damit auf den Standort getauft hat, der grünen Wiese. sollte natürlich ein Den Grundstein legte Anklangvoller Name her.“ fang der 70er Jahre Bürgermeister Norbert Roth, der Der Hechinger Wirtschaftsförderer Hans Marquart über den englischen damals extrem unter Druck Begriff Medical Valley. stand. Die Textilfirmen hatten eine nach der anderen den Betrieb stillgelegt und an die 1000 Arbeiter heimgeschickt. In ihrer Not entwarf die Stadt einen Werbeprospekt, der die schöne Burg zeigte und darauf hinwies, dass Hechingen immerhin „im Herzen Europas“ liegt. Dieser Prospekt muss wohl auf dem Tisch des Schweden Holger Crafoord gelandet sein. Er war auf der Suche nach einem Produktionsstandort in der geografischen Mitte Europas für seine Firma Gambro, die im südschwedischen Lund Dialysegeräte herstellte. Nachdem Crafoord 1972 einem Standort bei Frankfurt einen Besuch abgestattet hatte und von der dortigen „Arbeitsmoral“ nicht überzeugt schien, wie Bürgermeister Roth in einer Jubiläumsschrift erinnert, traf die kleine Delegation in der Zollernstadt ein. Das vorgesehene Areal in der Friedrichstraße fand nicht den Gefallen Crafoords. Geistesgegenwärtig zeigte Roth ihm ein weiteres Gebiet, das der Stadt allerdings gar nicht vollständig gehörte, für das nicht einmal ein Bebauungsplan vorlag. Crafoord war angetan, auch vom niedrigen Lohnniveau und der Nähe zur Universität Tübingen. Es folgten Sitzungen im Gemeinderat, Verhandlungen mit Eigentümern, außerplanmäßige Eingriffe in den Stadtsäckel, Hauruck-Bürokratie, dann war der Bau des Werkes beschlossene Sache. Im April 1973

nahm Gambro mit einer Handvoll Mitarbeiter die Produktion in Hechingen auf. Es stellte sich heraus, dass die Hechinger ihr Textil-Know-how in der Welt der Dialysatoren prima einsetzen konnten, schließlich sind auch die Membranen, mit denen das Blut gefiltert wird, Textilien, die von großen Maschinen gesponnen werden. Die Führungsriege wurde allerdings zunächst mit Schweden bestückt, unter ihnen ein junger Mann namens Lars Sunnanväder, der sich für Hechingen als eine Art Schicksalsfigur entpuppen wird. Sunnanväder kam mit einem Zweijahresvertrag als Manager für Produktplanung nach Hechingen. Später ernannte Crafoord ihn zum technischen Werksleiter. 1982 verließ Sunnanväder Gambro und machte sich selbstständig. Seine erste Firma Jostra, die ebenfalls Dialyseprodukte herstellte, war nur der Auftakt einer ganzen Serie von Gründungen in Hechingen. In den folgen-

den Jahren rief der hagere Schwede weitere sieben Firmen ins Leben, mit denen er unter anderem Herzklappen, Katheter, Stents und Herz-Lungen-Maschinen entwickelte. Nicht alle Start-ups in Hechingen waren von Erfolg gekrönt. Doch sie rückten den Standort in der Medizintechnik-Szene ins Rampenlicht. Firmen wie die schweizerische NVT oder die Tübinger Erbe-Gruppe zogen ins Medical Valley, um dort Entwicklungs- und Produktionsstätten zu eröffnen. Als sich das Kompetenzzentrum im Jahr 2002 auf Initiative des Bürgermeisters Jürgen Weber gründete, zählte das Netzwerk zwölf Firmen, heute gehören ihm 51 Mitglieder an. Die Geschäftsführer kennen sich gut. „Wir sind fast alle miteinander per Du“, erzählt Thomas Ertl, der Geschäftsführer der Gambro Dialysatoren GmbH, ein BaxterStandort. Die Firma ist heute mit rund 1300 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in Hechingen und exportiert in mehr als 100 Länder. Bei regelmäßigen Treffen gibt man sich gegenseitig Rat und tauscht auch mal Mitarbeiter aus, um voneinander zu lernen. „Wir haben fast keine Geheimnisse voreinander“, betont Ertl, „dafür sind unsere Produkte zu unterschiedlich.“ Die

Zusammenarbeit reicht so weit, dass bei Firmenschließungen die entlassenen Mitarbeiter vom Netzwerk aufgefangen werden. Als beispielsweise die Firma Abbott in der Nachbarkommune Rangendingen 2011 ihre Tore schloss, machte der Wirtschaftsförderer Marquart eine Liste mit Namen und Qualifikation der Betroffenen und schickte diese raus „Wir haben fast keine ins Netzwerk. „Fast alle fan- Geheimnisse voreinander, den einen neuen Arbeits- dafür sind die Produkte platz“, sagt Marquart. Ein Treff ist die Villa Euge- zu unterschiedlich.“ nia, einstiges Lustgartenhaus Thomas Ertl, Geschäftsführer und letzte Residenz der Gambro Dialysatoren Fürsten von HohenzollernHechingen. Einmal im Jahr präsentiert hier, in der „Akademie“ des Netzwerks, die Beraterfirma Ernst & Young ihren Medizintechnikreport, zu dem auch Tuttlinger und Stuttgarter Branchenvertreter nach Hechingen reisen. Die Prognosen für die Branche waren bisher immer gut: Der Mensch wird älter, sein Lebensstandard steigt, vor allem in den Entwicklungsländern – so steigt der Bedarf an Medizintechnik. „Der Markt für Dialyseprodukte wächst jährlich um fünf Prozent“, sagt Geschäftsführer Ertl.

Tüftler – Gründer – Startups Sie interessieren sich für Ideen, Innovationen und Inspirationen rund um Startups, etablierte Firmen, Hochschulen und Trends aus der Technologieentwicklung in Baden-Württemberg? Auf www.ideenwerkBW.de und in Ihrer Wirtschaftszeitung „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte.

Jetzt kostenlos registrieren: INNOVATIONWEEKLY – der neue Newsletter!

In Kooperation mit:

Wirtschaft tschaftt in Baden-Württemberg


12

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 1 | Mä

Als Start-up die Welt retten Gründen mit ökologischem und sozialem Gewissen liegt im Trend – und hat vielfältige Gesichter, von der Erfassung von Umweltdaten über das Recycling bis zum Energiesparen. Auch die Ökohauptstadt Freiburg bietet dafür inzwischen ein vom Land gefördertes Programm.

Nachh altigke it

Teamarbeit auch über die Grenzen der Start-ups hinaus ist ein Teil des Konzepts für die „grüne“ Start-up-Förderplattform in Freiburg .

Grüne Start-Rampe Der Smart Green Accelerator in Freiburg bringt seit Anfang dieses Jahres nachhaltige Start-ups nach vorn. Von Andreas Geldner Konzept

D

er „Grünhof“, wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof in Freiburg, hat auch vier Jahre nach Gründung noch immer alternatives Flair. Der ehemalige Gasthof wirkt mit seinen verwinkelten, relativ kleinen Räumen, den Sperrholz- und Palettenmöbeln und den im „Coworking Space“ verstreuten Schreibtischen eher wie ein alternatives Basisprojekt als wie ein professionelles Start-up-Zentrum. Doch der Eindruck täuscht: Auch in Freiburg hat sich die Szene professionalisiert. Im Mai soll auf dem ehemaligen Bahngelände in der „Alten Lokhalle“ Freiburgs erstes großes Start-up-Zentrum eröffnet werden. Mit einem Schlag wird sich die verfügbare Fläche verdreifachen. Dort werden zu Büroräumen umgebaute, mitten in der Halle aufeinandergestapelte Überseecontainer den Rahmen für Gründer und Kreative bieten – auch für den neuen Smart Green Accelerator, der grüne Start-ups von der Rampe bringen soll. Das vom Land unterstützte Projekt Tüftler - Gründer - Startups ist einer von sieben Start-up-AcceleratoAuf www.ideenwerkBW.de und in ren im Südwesten. Ihrer Wirtschaftszeitung Mit unterschiedli„Wirtschaft in Baden-Württemberg“ chen regionalen finden Sie zu diesen Themen Schwerpunkten solaktuelle Nachrichten. len Gründungen geJetzt kostenlos registrieren: fördert werden. WeiINNOVATIONWEEKLY – der neue tere Themen sind Newsletter! zum Beispiel Medizintechnik oder Industrie 4.0. Doch was ist denn Wirtschaft t tschaft t eigentlich ein grünes In Kooperation mit: Start-up? Die Zielgruppe ist nicht nur rund um ein einziges technologisches Thema wie die IT oder einen Anwendungsbereich wie die Medizin definiert. Es geht vielmehr um die etwas schwammigere Frage nach den positiven Auswirkungen für die Gesellschaft. In der Ausschreibung genannt werden die Bereiche Umwelttechnik, Ressourceneffizienz, erneuerbare Energien, zukunftsfähige Mobilität, nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln oder Tourismus. So ist zwar ein Drittel der 20 Teams dem traditionellen Bereich der Ressourceneffizienz zuzuordnen, vom Boots- oder Flugzeugbau mit ökologisch verträglichen Hölzern über Möbelrecycling bis hin zu einem Projekt zur Eindämmung des Verbrauches von Plastiktüten. Doch was hat ein OnlineMarktplatz für die Gastronomie oder ein Start-up zum Campingausbau von Transin Baden-Württemberg

DIE DREI SEGMENTE DES PROGRAMMS Seed In diesem bis November reichenden Programm, das im Januar begonnen hat, wird anhand einer Produktidee oder eines Prototypen an den Grundzügen des Geschäftsmodells gearbeitet. Wer sind die potenziellen Kunden? Was soll das Produkt bieten? Es gibt ein Präsentationstraining und Beratung durch Experten.

um eine Finanzierungs- und Vertriebsstrategie, den Aufbau von Teams und Unternehmenspartnerschaften. Hier geht es auch um den direkten Kontakt mit Investoren.

Activator Im Herbst beginnt ein deutsch-israelisches Start-upProgramm. Hier sollen „grüne Ökonomie“ und Digitalisierung zusammengebracht werden. Camp Dies ist ein im Sommer 2018 Das Programm organisiert auch geplantes, zweimonatiges Vollzeit- in Tel Aviv deutsch-israelische programm, für das die Bewerbung Teams, die Praxiserfahrungen im Februar startet. Hier werden zu Innovationsprozessen austaukonkrete Schritte für den Marktschen. Die Bewerbung ist ab April eintritt erarbeitet. Es geht etwa möglich. age

portern mit der Überschrift zu tun? Oder ein Projekt für faire, feministische und für gesundheitlich unbedenkliche, Safe Sex bürgende Pornoproduktion? Kriterien seien auch soziale und gesellschaftliche Aspekte, sagt Jürgen Gomeringer, der beim Grünhof das neue Projekt vermarktet. „Wir haben da keinen festen Katalog, den wir Punkt für Punkt abhaken“, sagt Gomeringer. Ein grünes, soziales Start-up erkennt man also, wenn man es sieht? Es komme auch stark auf die Motivation der Gründerpersönlichkeit an, sagt er. Schon beim ersten Treffen brachte man die Gründer in ein Entscheidungsdilemma. Sie mussten sich zwei Polen zuordnen: Gründeten sie das Start-up mehr, weil sie Unternehmer sein wollten? Oder, um etwas Gutes zu bewirken? Sie mussten sich je nach Antwort in der einen oder der anderen Ecke des Raumes aufstellen – sich also entscheiden. „Am Ende ging es halbe-halbe aus“, sagt Gomeringer und genau eine solche Mischung hält er für ein gutes Ergebnis. Paritrosha Kobbe, ein Teilnehmer aus dem Programm, ist ein gutes Beispiel für die vielfältigen Ziele. Auf den ersten Blick geht es bei ihm um Umweltschutz und die Vermeidung von Plastikmüll. Kobbe will das Problem lösen, dass Konsumenten zwar im Prinzip willens sind, eine Mehrwegtasche zu nutzen, sie dann im entscheidenden Moment aber zu Hause liegt oder nicht greifbar ist. Die Lösung: ein knuddeliger Gürteloder Schlüsselanhänger in Form einer Stoff-Schildkröte oder eines Fisches. Darin steckt eine Mehrwegtasche aus Recyclingkunststoff, die mit einem Handgriff herauszuziehen und dort wieder zu verpacken ist. Der Start-up-Name „Tasini“ ist Indonesisch und heißt „diese Tasche“. Und das weist auf eine weitere Dimension des Projekts hin: Kobbe, einer der Gründer, ist Ethnologe und hat in Indonesien gearbeitet. Seine Ökotasche ist auch ein Umwelt- und Erziehungsprojekt für ein Land, das inzwischen der zweitgrößte Erzeuger von Plastikmüll auf der Welt ist und wo das Bewusstsein für das Müllproblem sich erst noch entwickeln muss. „Wir wollen mit dem Erlös auch Umweltprojekte finanzieren“, sagt Kobbe. Und obendrein legen die Gründer auch noch Wert darauf, dass das Unternehmen, das in Indonesien die Stofftiere mit Tascheninnenleben erzeugt, soziale und ökologische Standards einhält. Doch es gibt Zielkonflikte: Die sozialen Ansprüche und die Produktion aus Recyclingmaterial machen die Taschen mit umgerechnet drei Euro teuer. Am liebsten würde Kobbe die Taschen aus Plastik herstellen, das aus dem Meer herausgefischt wird. Da stimmen aber weder Preis noch Qualität. Und um das Produkt zu vermarkten, müssen auch große Supermarktketten ins Boot. „Sie könnten das Produkt auch zur reinen Imagewerbung nutzen“, sagt Kobbe. Also für ein grünes Mäntelchen. Den sozialen Zusammenhalt zwischen den Gründern selbst will der Smart Green Accelerator intensiver fördern als üblich. In Phase zwei, dem sogenannten Camp, wo es dann schon um Dinge wie die Finanzierungs- und Vertriebsstrategie geht, soll zumindest ein Mitglied aus jedem Gründerteam auf dem Gelände der alten Lokhalle sozusagen dauerhaft campieren. Im Herbst dann wird eine ganz besondere Kooperation mit Israel anlaufen: In einem deutsch-israelischen Accelerator sollen Teams aus beiden Ländern Praxiserfahrungen austauschen, wie man Digitalisierung und grüne Ideen miteinander verbinden kann – ein Aufenthalt in Tel Aviv ist inklusive.

Gewässer-Monitoring von Das Start-up Hydrones hilft bei der Gewässererhaltung und nutzt Drohnen im Umweltschutz. Von Susanne Roeder Überwachung

D

ie inzwischen jahrelange Erfahrung im Projekt Hydrones mit der drohnenunterstützten Aufnahme hochaufgelöster Fotos und deren Umwandlung in dreidimensionale Modelle macht sie weltweit zu gefragten Experten. Getroffen haben sich die beiden Ingenieure an der Uni Stuttgart über das internationale Studienprogramm Warem (Water Resources Engineering and Management). Aus der anfänglichen Kooperation zwischen ihren Büros, der SJE GmbH und der I Am Hydro GmbH mit Sitz in Stuttgart beziehungsweise in St. Georgen im Schwarzwald, entstand ein weiteres Geschäftsmodell, die Hydrones GmbH. Christian Haas und sein Kollege, der Hydrologe Philipp Thumser, haben sich mit der I Am Hydro GmbH auf modernste Datenerhebung an Gewässern spezialisiert. „Wir von SJE waren froh, dass wir für diese feldbezogenen Arbeiten mit neuester Technik einen hochqualifizierten Partner gefunden haben. Da sind wir nämlich keine Spezialisten“, sagt der SJE-Geschäftsführer Matthias Schneider. Unter dem Namen Hydrones bearbeiten I Am Hydro und SJE gemeinsame Projekte und nutzen Drohnen im Umweltschutz. Als im Jahr 2013 Drohnen auch in der Wissenschaft allgegenwärtig zu werden begannen, sprang Haas mit seinem Ingenieurbüro auf diesen Zug auf. „Speziell größere Gewässer kann man schlecht von Hand mit dem Fotoapparat aufnehmen“, sagt der Umwelttechniker. Viele Vermessungsbüros setzen zwar unterdessen Drohnen ein, aber der Bereich Gewässer ist eine Nische, die viele Spezialkenntnisse erfordert. „Das wirklich Aufwendige ist das nachträgliche Bearbeiten der Daten, das Verwenden der Bilder, um daraus beispielsweise Geländemodelle von Fließgewässern inklusive der Unterwasserbereiche zu generieren“, berichten sie. „Darin sind wir Marktführer. Gerade im Alpinbereich liegen oft riesige Felsen und Blöcke im Gewässer; somit konnte man gar nicht alle Strukturen im Detail vermessen. Aber mit dieser Technik, in der aus verschiedenen Richtungen fotografiert werden kann, wurde es möglich.“ Studienabgänger im Fachbereich Wasser sind überschaubar. Für Schneider und Haas bildet deshalb vor allem die Universität Stuttgart eine gute Quelle bei der Suche nach Mitarbeitern. „Von der Internationalisierung der Uni Stuttgart durch den WaremStudiengang, der vor 20 Jahren entstand, profitieren wir in unserem Business“, freut sich Schneider über die Globalisierung im wissenschaftlichen Ingenieurbereich. Mit ihrem Wissen betreuen sie auch viele Masterarbeiten und beschäftigen Praktikanten, die bei ihnen in Stuttgart und St. Geor-

gen erste Praxiserfahrungen sammeln können. Die Hydrones GmbH ist schon jetzt eine feste Größe für Institutionen auf der ganzen Welt. Das Erfreuliche am Drohneneinsatz: Die Kosten sind wirklich moderat. „Hydrones macht ja auch Entwicklungshilfeprojekte. Wir vermitteln den Menschen vor Ort unsere Technologien, damit sie ihre Daten deutlich effizienter erheben können“, berichtet Haas. Vor nicht langer Zeit taten sie dies in Thailand, vor wenigen Wochen in Bhutan. „Es kommt nicht darauf an, sich ein System für 50 000 Euro zu kaufen. Was man braucht, ist eine gute Hardware, und die bekommt man schon ab 2000 Euro.“ Das bedeutet, dass Drohnen im Umweltschutz aus dem Amateur- oder Hobbybereich stammen können. Entscheidend ist das Know-how, wie die Bilder aufgenommen werden oder wo zusätzliche Vermessungspunkte abgelichtet werden müssen. Gute Bilder von der Drohne erlauben es, hinterher aus dem Bildmaterial ein gutes Modell zu erstellen. Aktuell betreut Hydrones eine Vermessung an der Jagst. „In diesem Mittellandfluss gibt es etliche Wasserkraftanlagen. Dadurch hat es viele Wehre, die das Wasser in einen ehemaligen Mühlkanal zur Wasserkraftanlage ausleiten. Diese Turbinen brauchen eine bestimmte Menge Wasser, um Energie produzieren zu können. Wenn man in die Niedrigwasserphase kommt, dann ist es oft so trocken, dass die Anlagen nahezu oder wirklich alles Wasser abziehen. Unterhalb des Wehrs ist dann kein Wasser mehr im Fluss. Genau das passiert in der Jagst an einigen Anlagen, so dass hier in trockenen Perioden die Gewässerökologie gefährdet ist“, sagt Schneider. Mit dem Projekt an der Jagst will Hydrones nun herausfinden, wie viel Wasser mindestens im Fluss belassen werden muss, damit die Ökologie noch funktioniert. Die Software, auf die sich die Ingenieure dabei stützen, heißt Casimir (Computer Aided Simulation Model for Instream Flow and Riparia). An ihrer Entwicklung war Schneider im Verbund mit der Universität Stuttgart maßgeblich beteiligt. „Auf die Geländemodelle, die wir mittlerweile mit Drohnen erstellen, können wir ein Strömungsmodell setzen und mit diesem auch Fischlebensräume untersuchen“, sagt Schneider über das Habitatmodell Die Kooperationspartner Matthias Schneider (links) und Christian Haas (rechts oben)


13

tuttgarter Nachrichten ärz 2018

Links der Rohstoff aus zermahlenen Altreifen – rechts die hochwertige Gum mimatte für den Bau

Fotos: Fraunhofer IMWS, Energybase, Matteco, Smart Green Accelerator,

Roeder, Hydrones

Gummimehl wird zu Dämmmaterial

n der Jagst bis Bhutan Casimir. Ähnlich ist das Projekt in Bhutan. Dort herrscht zwar kein Wassermangel. Im Gegenteil: In den bergigen Himalaja-Ausläufern gibt es ein großes Potenzial für Energiegewinnung mit Wasserkraft. Aber auch dieses darf nicht ungezügelt genutzt werden. Vor Ort bildet Hydrones aus, damit die Menschen die Untersuchungen selbst durchführen und damit zukünftig Abflüsse festlegen können, die ökologisch verträglich sind.

Einige der Messungen von Hydrones werden von der europäischen Union gefördert. Drohnen im Umweltschutz gibt es dank einiger ausgeschriebener Vermessungsprojekte inzwischen auch im Einzugsgebiet des Neckars. „Ohne Drohnen oder Luftbilder im Bereich Vermessung geht eigentlich kaum noch etwas“, weiß Haas. Mit ihrem spezifischen Angebot hat sich Hydrones international erfolgreich etabliert.

DIE BEI HYDRONES KOOPERIERENDEN FIRMEN I Am Hydro GmbH „Wenn man in Stuttgart Umweltschutztechnik studiert, kommt man automatisch mit Studenten aus dem Bereich Wassermanagement in Kontakt“, sagt Christian Haas. I Am Hydro steht für „Investigations And Monitoring of Hydrosystems“ (Untersuchung und Überwachung von Wassersystemen). Die Feldstudien bedienen sich innovativer Messverfahren mit modernster Messtechnik. Neben Vermessungsarbeiten sind der

nationale und internationale Technologietransfer sowie das Consulting ein wachsender Geschäftszweig. (www.iamhydro.com) SJE GmbH Im Jahr 2001 gegründet, versteht sich das ökohydraulische wissenschaftliche Ingenieurbüro als Ableger des Lehrstuhls für Wasserbau und Wassermengenwirtschaft des Instituts für Wasser- und Umweltsystemmodellierung (IWS) der Universität Stuttgart. Geschäfts-

führer Matthias Schneider hat neben Vorlesungen an anderen Forschungseinrichtungen nach wie vor einen Lehrauftrag am IWS. SJE steht für Schneider Jorde Engineering. Neben regelmäßigen wissenschaftlichen Publikationen konzentriert sich die SJE GmbH vor allem auf Modellierungen für Gewässer, Habitate und Ökohydraulik sowie auf Untersuchungen von Wasserkraftanlagen hinsichtlich Effizienz und Umweltverträglichkeit. (www.sjeweb.de) roe

Das mehrfach preisgekrönte Start-up Matteco betreibt hochwertiges Reifen-Recycling. Von Susanne Roeder

Wiederverwertung

M

atthias Krieg und sein einstiger Studienkollege Frank Fuhrer wechselten vor knapp drei Jahren als Endvierziger vom Angestelltendasein in die Selbstständigkeit. Ihr Werkstoff ist Gummi, und zwar zerkleinertes, wiederaufbereitetes Reifenmaterial. Im März 2015 trugen sie die Matteco GmbH ins Handelsregister ein. Gründliche Recherchen waren vorausgegangen, ob ihr Start-up mit dem recycelten Material als Basis Erfolg versprechend sein kann. Der Begriff Matteco für Matten und Ökologie ist eine Kurzbeschreibung des Geschäftsmodells der beiden Badener. Der Dritte im Bunde bei Matteco ist Bernd Krieg, Bruder von Matthias. Er ist für das Kaufmännische zuständig und schon seit Längerem selbstständig. Im Hauptberuf ist er Interimsmanager. „Ja, das ist eine spannende Branche, das Konzept ist sehr zukunftsträchtig“, so lautete die Diagnose des Finanzexperten. Damit war der Startschuss zur Gründung endgültig gefallen. Die beiden Maschinenbauingenieure decken den technischen Part ihres Unternehmens ab. „Wir kommen ursprünglich aus dem Industrieanlagenbau“, berichtet Krieg. Fuhrer wechselte irgendwann zu einem Mittelständler. „Dort war ich für den Vertrieb und die Entwicklung von Altreifen-Recyclinganlagen verantwortlich. Es galt, den Kunden Lösungen oder Visionen aufzuzeigen, was sie mit dem zerkleinerten Gummimehl machen können.“ Verwerten bedeute in Deutschland leider noch zu oft Verbrennen. „Bei meinen Recherchen und Analysen bin ich auf ein Verfahren gestoßen, von dem ich überzeugt war, dass sich damit richtig hochwertige Produkte herstellen lassen“, sagt Fuhrer. Genau das ist die Mission der beiden Ingenieure mit ihrem Start-up Matteco und verrät ihren technologisch hohen Anspruch. Wenn man bedenkt, dass weltweit jährlich rund 17 Milliarden Tonnen Altreifen anfallen und in Deutschland als einem der führenden Industrieländer nur etwa 40 Prozent der Altreifen stofflich verwertet werden, wird die Leistung von Matteco

besonders deutlich: „Unsere Gummiprodukte können nicht nur viel mehr, als bisher in der Altreifenaufbereitung als möglich erachtet wurde. Sie können nach ihrem Lebenszyklus zu hundert Prozent wiederverwertet werden.“ Das Stichwort heißt Kreislaufwirtschaft, das Prinzip Up-Cycling, recyceltes Gummi statt hochwertigem und auch teurem Kautschuk. „Wir fühlen uns der Umwelt verpflichtet, wollen unser technisches Know-how dazu nutzen, einen Beitrag zu ressourcenschonender Produktion hochwertiger Produkte zu leisten“, sagt Krieg. Das Reifenmaterial lassen sie als bereits zerkleinertes Gummimehl liefern. Und so funktioniert der Kreislauf: Aus dem angelieferten Material machen sie Up-Cycling, also höherwertige Produkte. Diese Produkte können am Ende ihrer Lebensdauer ohne erneute Zugabe von Rohstoffen wieder zu einem Neuprodukt gleicher Qualität

DIE MATTECO GMBH Gründung Noch während ihrer Anstellung gründeten Krieg und Fuhrer die Matteco GmbH. Altreifengummi ist seither die Welt der ehemaligen Studienkollegen, die sich als Ingenieure auf den Bau von Industrieanlagen spezialisiert hatten. Im Zuge ihrer Arbeit stieß Frank Fuhrer auf die Marktlücke des Up-Cycling im Bereich Altgummi. Preise Mit ihrem Start-up Matteco haben sie bei Wettbewerben gerade in den Bereichen Ressourceneffizienz, Umwelttechnik und Kreislaufwirtschaft schon viele Preise erhalten. Besonders erfreulich für die beiden Gründer war die finanzielle Zuwendung des Bundesumweltministeriums im Rahmen des Umweltinnovationsprogramms. Als deutscher Champion errang Matteco im Januar bei der Clean Tech Open Idea Challenge in Los Angeles und San Francisco, dem weltweit größten Wettbewerb für Ideen aus dem Bereich Umwelttechnik, in der Kategorie „Seed Track“ den zweiten Platz für sein innovatives Konzept. roe

verarbeitet werden. „Up-Cycling im geschlossenen Kreislauf ist unser Ziel“, sagt Krieg. Sie haben das Glück, dass ihr Thema Reifen-Recycling gerade auch politisch große Aufmerksamkeit erfährt. Mit Fußmatten und ähnlichen einfachen Produkten hat Matteco nichts am Hut. Sie seien auch nicht die typischen Gründer, sagen Fuhrer und Krieg lachend mit Bezug auf ihr Alter. So schützt Alter vor Scheitern nicht und bei Start-ups ist dies an der Tagesordnung. Ein Schwerpunkt sind Produkte für die Bauindustrie, für die schon jetzt große Nachfrage besteht. Denn nach der Wärmedämmung gilt der Bauakustik im Wohnungsbau ein besonderes Augenmerk. Die hochwertigen Produkte dämpfen Schall durch Entkopplung. Produkte, die in Betonfertigteilen im Hochbau oder anderswo als ElastomerLager ihren Dienst tun, müssen dafür eine gewisse Lebensdauer erbringen. Dazu braucht es eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung. „Die bekommt man nicht von jetzt auf gleich“, sagt Krieg. „Das ist ein langwieriger und auch teurer Prozess.“ Erst nach 15 Monaten erhielten sie die Zulassung für ihr Matteco-Elastomerlager, ELR. Ihr Herstellungsverfahren wollen die Matteco-Gründerväter sukzessive weiterentwickeln, Produkte auch für höhere Lastbereiche herstellen. Gleichzeitig werden sie ihre Produktportfolio erweitern. Die ersten zwei Jahre haben sie damit zugebracht, das Verfahren zum Reifen-Recycling weiterzuentwickeln und vor allem die Rezepturen, die notwendig sind, damit ihre Produkte die geforderten Eigenschaften erfüllen. Wie das Verfahren genau funktioniert, bleibt das Geheimnis der Gründer. Schließlich liegt genau hier ihr Wettbewerbsvorteil. Von teurem Patentschutz nehmen sie bislang Abstand. „Wir müssen einfach immer einen Schritt voraus sein. Wenn wir bei einer Entwicklung feststellen, dass wir dafür unbedingt einen Patentschutz brauchen, werden wir diesen Schritt gehen.“ Scheitern ist bei Matteco unwahrscheinlich. Nicht umsonst haben die Gründer in kurzer Zeit so viele Auszeichnungen unterschiedlichster Provenienz erhalten. Und wie läuft das Geschäft? „Wir stehen unmittelbar vor der Gewinnschwelle“, lautet die vorsichtige Antwort.

Ein schlaues Kästchen für die Kraft der Sonne Das Karlsruher EnBW-Start-up Energybase will die Nutzung der Sonnenenergie besser steuern. Von Ulrich Schreyer

Fotovoltaik

D

ie Straße führt an einem Recyclinghof vorbei, irgendwo lagern Öltanks, ganz am Ende steht der Betonblock eines Kraftwerks mit seinen Kohlehalden. Doch die EnBW verbrennt nicht nur, was früher als „schwarzes Gold“ bezeichnet wurde. Der Konzern ist auch unterwegs zur „grünen“ Energie. Schon an dem eher schmucklosen Gebäude kurz vor dem Kraftwerk signalisiert die Farbe Grün, wohin die Reise gehen soll. Dort hat Energybase, ein Start-up innerhalb des Versorgungsunternehmens, seinen Sitz. Schon die Einrichtung weist mit ihren Europaletten darauf hin, dass es hier möglichst cool zugehen soll. Es gibt ein paar Sitzreihen wie im Theater, in der Mitte eines Raumes sind hohe Stühle und Tische aufgestellt. Doch das Start-up, das sich so cool präsentiert, hat mit dem genauen Gegenteil zu tun – mit Wärme. Um die Kraft der Sonne noch besser nutzen zu können, haben die Mitarbeiter ein kleines graues Kästchen ausgetüftelt, das denselben Namen hat wie die Gründung: Energybase. „Von der EnBW hatten wir den Arbeitsauftrag, die Fotovoltaik mit einem Batteriespeicher zu verbinden, um die Sonnenenergie besser zu nutzen“, berichtet der Chef Dominik Gluba. „Doch bald war uns klar, dass das auch ein Handwerker kann.“ Also musste etwas Besonderes entwickelt werden – eben Energybase. In dem kleinen grauen Kasten steckt ein Stromzähler mit Mini-PC. „Dieses Käst-

chen weiß , wie der Kunde sich verhält und wann er Strom braucht“, sagt der Leiter des inzwischen von 5 auf 20 Mitarbeiter angewachsenen Teams. Der kleine Kasten ist ein schlaues Kerlchen: „Nach zwei Wochen hat er das gelernt“, sagt Gluba. Dies ist deswegen wichtig, weil etwa Hausbesitzer nur 70 Prozent des Stroms, den sie in einer bestimmten Sekunde erzeugen, in das Netz einspeisen dürfen. Danach wird die Zuleitung gekappt. Damit die Energie von der Sonne nicht ungenutzt bleibt, wird alles, was zu viel ist, in einen Batteriespeicher im Haus geleitet. Aus diesem kann eine Wallbox zum Aufladen der Batterie eines Autos ebenso gespeist werden wie eine Wärmepumpe oder andere Verbrauchsstellen im Haus. Gibt es dennoch mehr Strom, als die Batterie speichern kann, kann Strom auch an andere Haushalte weitergeleitet werde, so sie sich zu einer Energiegemeinschaft zusammengeschlossen haben. Selbst kaufen können Privatleute das schlaue Kästchen aber nicht: „Als Kunden haben wir beispielsweise Stadtwerke im Blick“, erklärt Gluba. Verkauft wurde der intelligente Stromverteiler bis jetzt an die Stadtwerke in München und Reutlingen. „Bei diesen kann der Endverbraucher dann nach Energybase fragen“, sagt der Chef des Start-ups. Dafür, dass es sich lohnt, Strom selbst zu erzeugen und möglichst auch selbst zu verbrauchen, hat er eine Rechnung parat: „Kauft jemand Strom, muss er beispiels-

weise 28 Cent für jede Kilowattstunde zahlen. Selbst erzeugter Strom kostet ihn dagegen nur 12 Cent, er spart also 18 Cent je Kilowattstunde.“ Allerdings: Zunächst muss in eine Fotovoltaikanlage investiert werden. Der Preis für eine Anlage mit Batteriespeicher liegt bei rund 20 000 Euro – verglichen damit fallen die 600 Euro für das graue Kästchen kaum noch ins Gewicht. Und was die Nutzung des eigenen Stromes betrifft, macht Gluba auch etwas Zukunftsmusik: „Man könnte auch Strom vom Haus in Stuttgart in München nutzen oder an der Autobahntankstelle in Frankfurt“ – ähnlich wie man auch an einem Automaten in einer anderen Stadt „eigenes“ Geld abheben kann. Wird Strom außerhalb des eigenen Hauses gebraucht, muss er nicht gekauft werden, sondern wird mit dem verrechnet, was man selbst noch auf dem „Konto“ hat. Bei einer Fotovoltaikanlage mit Batteriespeicher kann der Eigenverbrauch 60 Prozent des erzeugten Stromes erreichen – ohne Speicher dagegen nur 30 Prozent. „Mit unserem intelligenten Kästchen kann der Eigenverbrauch dagegen auf bis zu 80 Prozent der erzeugten Energie steigen“, meint Gluba. Dies bedeutet, dass 80 Prozent des in der eigenen Fotovoltaikanlage Dominik Gluba leitet das Start-up.

erzeugten Stromes auch im eigenen Haus genutzt werden können. Doch für den Chef von Energybase geht es beim Strom nicht nur um das liebe Geld. „Die Kunden möchten etwas für die Umwelt tun und sie fühlen sich unabhängiger, wenn sie einen großen Teil ihres Stromes selbst erzeugen können“, ist Gluba überzeugt.

DIE MUTTERGESELLSCHAFT Geschichte Die 1997 gegründete EnBW AG mit Sitz in Karlsruhe ist nach RWE und Eon der drittgrößte deutsche Energieversorger. Entstanden ist das Unternehmen durch eine Fusion der Energieversorgung Schwaben (EVS) und des Baden-Werkes. Aktionäre sind die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW), in denen verschiedene Landkreise ihre Interessen gebündelt haben, und das Land Baden-Württemberg. Zwischenzeitlich war auch die Électricité de France beteiligt. Der Rückkauf der an die Franzosen verkauften Landesanteile Ende 2010 hatte zu einer heftigen landespolitischen Auseinandersetzung geführt. Gegenwart Die EnBW will den Anteil der erneuerbaren Energien an ihrem Angebot weiter ausbauen. Bis 2020 soll dieser bei 40 Prozent liegen. Mit 20 400 Mitarbeitern setzte das Unternehmen zuletzt etwas mehr als 19 Milliarden Euro um. StZ


14

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Ein Quantensprung für die Medizin Wissenschaftler aus Baden-Württemberg wollen mit einem Start-up für Medizingeräte die Diagnostik revolutionieren. Von Susanne Roeder

Analyse

K

ühnheit, Kreativität und Interdisziplinarität der Wissenschaft kombiniert mit der Agilität eines hungrigen Start-up-Unternehmens – das ist die Vision von Wissenschaftlern der Universitäten Ulm und Stuttgart sowie des Karlsruher Instituts für Technologie, KIT. Sie sehen sich als Wissenschaftler und Unternehmer in einem. Die Firmen sind NVision und Voxalytik, zwei Start-ups der Wissenschaftler Martin Plenio und Fedor Jelezko in Ulm und Jan G. Korvink in Karlsruhe. Das Projekt ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich Spitzen- und Grundlagenforschung an den Universitäten für die breitere Öffentlichkeit im Alltag niederschlagen können – und wie daraus auch ein potenziell sehr lukratives Geschäftsmodell entstehen kann. Die baden-württembergischen Wissenschaftler forschen an bahnbrechenden Fortschritten in der Quantentechnologie. Mittels moderner mikroelektronischer und mikrosystemtechnischer Fertigungsverfahren für die molekulare Bildgebung, Sensorik und Diagnostik wollen sie dies in der Medizintechnik nutzbar machen. Die Quantentechnologie baut auf der Tatsache auf, dass im subatomaren Bereich nicht die Gesetze der klassischen Physik gelten. Als eingespieltes Team, das sich seit Jahren kennt, sind die Wissenschaftler angetreten, die Humanmedizin mithilfe neuester Fortschritte in der Quantenphysik technologisch zu revolutionieren. Zwei Projekte laufen derzeit an, eines auf EUEbene, eines auf Bundesebene. Bei der europäischen sogenannten Quantera-Initiative geht es ganz speziell um Quantentechnologie. Jens Anders spricht von der zweiten Welle der „Quantenrevolution“. „In diesem Bereich geht momentan die Post ab“, sagt der gerade einmal 37 Jahre alte, frisch berufene Professor für Bionik elektrotechnischer Systeme und Leiter des Instituts für Intelligente Sensorik der Universität Stuttgart. Viele Firmen zeigen bereits Interesse an den Ergebnissen der Forschung in diesem Bereich. Nicht umsonst gibt es in BadenWürttemberg das Center for Integrated Quantum Science and Technology (IQST), ein Zusammenschluss der Universitäten Stuttgart und Ulm sowie des Max-PlanckInstituts für Festkörperforschung. „Wir sind in der Technologie jetzt so weit, dass wir Ideen aus der Quantenwissenschaft übernehmen und wirklich in Technologie der Zukunft übertragen können“, sagt Anders. Bei Quantera geht es darum, die Technologie der sogenannten Diamanthyperpolarisation weiter voranzutreiben. Bei dem hochspezialisierten, interdisziplinären Projekt arbeiten Quantenphysik, Chemie, Material- und Ingenieurwissenschaften Hand in Hand. Für die Technologie, welche auf den exotisch anmutenden Naturgesetzen im Foto: Roeder subatomaren Bereich grün„Im Bereich der Quanten- det, werden Fehlstellen im Diamant genutzt. technologie geht Mithilfe von Laserlicht momentan die Post ab.“ wird an diesen Stellen der Drehimpuls (Kernspin) des Jens Anders, Leiter des Instituts für Intelligente Sensorik Atomkerns verändert. Dieser der Universität Stuttgart veränderte, aktivierte Zustand kann dann mittels elektromagnetischer Impulse auf benachbarte Moleküle übertragen werden. Dadurch wird dann deren Kernspinsignal bis zu 10 000-fach vergrößert. Damit wird die heute schon vielen Patienten von der Magnetresonanztomografie (MRT) bekannte, auf dem Kernspin basierende Sensorik und Bildverarbeitung revolutioniert. Acht führende Wissenschaftler aus sechs Ländern (Deutschland, Belgien, Ungarn, der Tschechischen Republik, Niederlande) arbeiten unter der Konsortialführung von Anders für drei Jahre daran, die sogenannte Kernspinresonanz (NMR bzw. MRT) und die Elektronenspinresonanz-Spektroskopie (ESR) deutlich empfindlicher zu machen – und zwar gleich um den Faktor 1000. Möglich wird dies durch ein innovatives Verfahren, mit dem die Magnetfeldstärken, die für sehr gute Signalqualitäten notwendig sind, deutlich gesenkt werden. Als Folge lassen sich die bisher raumfüllenden Geräte mittelfristig auf tragbare Größen schrumpfen. Flexible Einsatzmöglichkeiten für Analysen in Arztpraxen und sogar die Vision der heimischen Anwendung – etwa bei der Blutanalyse – werden somit greifbar. „Auf diese Weise werden vollständig neuartige Anwendungen in der bildgebenden Diagnostik ermöglicht, die direkt dem Patienten zugutekommen“, sagt Ilai

Sieht aus wie bildende Kunst, ist aber das elektronische Herzstück eines Spektrometers: ein sogenannter gebondeter Mikrochip. Er heißt deshalb so, weil er mit sogenannten Bonddrähten, also kleinen Golddrähten mit einem Drittel der Stärke eines menschlichen Haares, die Leiterplatine kontaktiert. Diese wiederum verFotos: B. Schlecker bindet ihn mit dem Rest des Spektrometers.

Kleine Box, große Wirkung: ein Spektrometer im Betrieb (links). Die neue Technologie soll es viel kleiner machen als bisher üblich. Und diese Miniaturisierung senkt Kosten – bei gleicher Qualität. Das Geheimnis der Innovation liegt im elektronischen Innenleben (rechts). Schwartz von NVision. Ein Konkurrenzprodukt von General Electric gibt es – aber es kostet mehr als eine Million Euro. Es ist sehr groß und funktioniert nur bei sehr tiefen Temperaturen von circa 1 Kelvin (–272 ºCelsius). „Zwar funktioniert dieses Gerät wunderbar in Forschungseinrichtungen, aber es ist nicht geeignet für den Einsatz im Kreiskrankenhaus von nebenan“, sagt Anders. NVision, Anders und Korvink stellten sich deshalb die Frage, ob es nicht möglich sein müsste, mithilfe moderner Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik entscheidende Bauteile zu miniaturisieren. „Unsere Idee ist, ein Gerät hinzubekommen, das man auf einen Tisch stellen kann. Wofür man also keine spezielle Infrastruktur in der Klinik braucht, sondern das Gerät direkt in dem Raum betreiben kann, wo das MRT-Gerät steht,“ sagt Anders. Mithilfe der Magnetresonanz-Bildgebung (MR) kann man das Ganze unmittelbar untersuchen. So die Grundidee. Die Kosten könnten auf einen Bruchteil sinken und das Gerät damit in jeder Klinik Einzug halten. Auf die Elektronik, für die Anders dabei verantwortlich zeichnet, hat er noch aus seiner Zeit an der Universität Ulm gemeinsam mit Klaus Lips vom Helmholtz Zentrum für Energie und Materialien in Berlin ein Patent. „Dieses Patent stellt einen der Hauptschlüssel zur Realisierung eines kleinen, miniaturisierten Gerätes dar“, sagt Anders. Tatsächlich konnte der gebürtige Hannoveraner gemeinsam mit dem Team von Lips den weltweit ersten Prototypen eines tragbaren Spektrometers vor wenigen Monaten vor einer internationalen Fachjury erfolgreich vorführen. Sie erhielten dafür einen Preis für die beste Live-Demonstration. Die ESR-Spektroskopie kann dabei nicht nur in der Biochemie und medizinischen Diagnostik eingesetzt werden, sondern ist auch für die Erforschung von Ener-

giematerialien wie Katalysatoren, Solarzellen und Batterie-Elektroden sehr nützlich. „Sie ist eine fantastische Methode, um Materialien auf Herz und Nieren zu untersuchen“, sagt Anders. Damit nicht genug. Anders und seine Partner konzentrieren sich in einem demnächst vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für kleine und mittlere Unternehmen geförderten Projekt auf die verbesserte Bildgebung im medizinischen Bereich. Sie wollen ganz

konkret in der praktischen Anwendung zeigen, dass man ihre innovative Technologie grundsätzlich in jedem Krankenhaus betreiben kann. Die Chancen stehen jedenfalls gut, dass die von den Wissenschaftlern in BadenWürttemberg entwickelte, innovative Methode der diamantbasierten Hyperpolarisation in nicht allzu ferner Zukunft kostengünstig, auf breiter Basis und auch in verschiedensten Anwendungsbereichen verfügbar sein wird.

DAS INSTITUT FÜR INTELLIGENTE SENSORIK UND DAS TEAM Institut Jens Anders setzt an seinem Institut für intelligente Sensorik und theoretische Elektrotechnik auf grundlegend neue, disruptive Technologien. „Ab und zu sollte in der Forschung, also auch an meinem Institut, ein sprichwörtlicher technologischer Quantensprung gelingen.“ Für die erhoffte Revolution setzt er auf intelligente Sensorik als Forschungsschwerpunkt am Pfaffenwaldring an der Universität Stuttgart. Sie ist das überwölbende Thema seines Instituts, das von den Säulen Theorie, Simulation und Hardware getragen wird. Forscher Der praxisbezogene Forscher und Wissenschaftler studierte theoretische Elektrotechnik bei Wolfgang Mathis in Hannover. Ganz im Mathis’schen Sinn betreibt er die Theoretische Elektro-

technik als „Theorie für die Praxis“. In den USA (University of Michigan, Ann Arbor) erwarb sich Anders mit dem Master in Mikroelektronik mit der integrierten Schaltungstechnik ein weiteres wichtiges Standbein seiner heutigen Arbeit. Über die Promotion an der EPFL (École Polytechnique Fédérale de Lausanne) in Lausanne schließlich kam dann sein Faible für die Quantensensorik hinzu. Mehr Informationen unter https://www.ite.unistuttgart.de

//

NVision Das Start-up ist eine Ausgründung der Universitäten Ulm und Jerusalem, ins Leben gerufen von den drei Physikprofessoren Fedor Jelezko, Martin Plenio (Universität Ulm) und Alex Retzker (Hebrew University Jerusalem) sowie Ilai Schwartz (Physiker und

CTO). NVision nutzt die Entdeckung einzelner Stickstoff-Vakanz-Defekte in Diamanten. Das Start-up setzt dadurch neue Standards bei der molekularen Bildgebung, Sensorik und Diagnostik. // Mehr Informationen unter www.nvision-imaging.com

Voxalytik Mit seinem Startup perfektioniert der Karlsruher Forscher Jan Gerrit Korvink die Pixel-Analyse. Das im Jahr 2014 gegründete Unternehmen stellt hochwertige Chip-Produkte her, die Mikrospulen beinhalten und sich für die Kernspinresonanz, Magnetresonanztomografie (MRT)und Leistungselektronik eignen. roe // Mehr Informationen unter www.voxalytic.com


15

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Zentrum für Fintechs in den Alpen Liechtenstein wirbt aktiv um die Ansiedlung von Start-ups aus dem Finanzsektor – auch aus Baden-Württemberg. Von Gerhard Bläske Gründerszene

Das Fürstentum Liechtenstein (hier Schloss Vaduz) bietet beste Aussichten für Gründer im Foto: Mauritius Bereich Finanztechnologie.

Ministaat Mit einer Fläche von 160 Quadratkilometern ist das Fürstentum Liechtenstein das sechstkleinste Land der Welt. Die Erbmonarchie, die seit 1806 souverän ist, liegt am Oberrhein. Der Fluss bildet die Grenze zur Schweiz. Der andere Nachbar ist Österreich. Mit dem damaligen Österreich-Ungarn war Liechtenstein bis 1919 in einer Zollunion verbunden. Seit 1923 gibt es einen Zollvertrag mit der Schweiz. Zahlungsmittel ist der Schweizer Franken.

Industriestandort Das einst arme Land ist heute eines der reichsten und am stärksten industrialisierten Länder der Welt. Die Industrie trägt 40 Prozent zur Wertschöpfung bei. Liechtenstein weist einen ausgeglichenen Haushalt auf und ist schuldenfrei. Hier sind bekannte Unternehmen wie Hilti, der Autozulieferer Thyssenkrupp Presta und Oerlikon Balzer daheim. Die Zollunion mit der Schweiz und die Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum sichern

freien Zugang zu Märkten mit über 500 Millionen Verbrauchern. Finanzplatz Schon früh setzte das Land auf Informationsaustausch. Banken, Versicherungen, Treuhandbüros und Stiftungen tragen 24 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das Fürstentum wirbt mit diesem Know-how, attraktiven Rahmenbedingungen und kurzen Entscheidungswegen um die Ansiedlung von Fintechs. bl

Wirtschaft irtschaft chaft tschaft in Baden-Württemberg

Die Wirtschaftszeitung der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten für Stuttgart und die Region

Mit Themenschwerpunkt

„Digitalisierung: Präsentieren Sie Ihr Unternehmen in der Ausgabe am 17. April 2018

Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 3 | 2017

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Finanzplatz Baden-Württemberg

Ist die Energiepolitik eine Chance für den Mittelstand oder vor allem Spielfeld für Lobbyisten?

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Richard David Precht im Interview: Was bedeutet unsere Bildung im Zeitalter der Digitalisierung? Breitbandausbau als Standorthemmnis

Tüftler –

Gründ

er – Star

D

Geheimtipp Medizintechnik

Wirts t cha tsc haftt

„Wirtschaft in Baden-Württemberg“ bietet zielgruppengenaue Werbung in einem B2B-Qualitätsprodukt im Großraum Stuttgart und den angrenzenden Landkreisen direkte Lieferung auf die Entscheider-Schreibtische sowie Auslage in wirtschaftsaffinen Einrichtungen

Informationen zur Wirtschaftszeitung erhalten Sie von: Thomas Katz Fon 0711 7205 1611 Fax 0711 7205 1614 t.katz@stzw.zgs.de

in der Kategorie Konzept und Innovation

tups

Elevator Store, Concept Unico

Von links die Stadt; im Uhrzeigersinn: das Lager ein Baustellenschi Schloss Sigmar Gründe des Unico Concep ld am geplant ingen domini rin Kathar ert ina Krausst Store und in en InnoCamp; beim Elevatoder Mitte r Pitch. dessen

Ein vielseitiger Marktplatz

Wie funktioniert das Zusammenspiel von Mensch und Maschine – am Beispiel eines Roboterherstellers

Ausgezeichnet mit dem

dort Die dem deuts Stadt hat in den chen Gründ verga erpreisträge ngenen Jahren erfolgreich r Grillid o gibt es Anträge immerhin für Förde Förde

igmarin gen

die Zukunf stellt die Weiche rgelde rgelderr ein Vorbil t“ – So n einem riesigen gestel gestellt. steht es für Willen dunte dunternehm lt. Auch aller Beteilig Auch die rnehmen, Gebäud auf Banner die Gründ en, desse e der vor einem ben Jahr Gründerförd dessenn zu starten ten nicht in erförderung ringen. Stauffenberg­Kehemaligen Gründ Gründer einem hal­ . Und erung ist Graf­ noch ein großer Das gesamt er Wurz aserne Wurzeln ist intens det sich in Sigma­ ne als Flüchtl Teil der aktuell ist immer Weingarten intensiver eln in e Geländ in der der Regio e ingsunt ehemaligen im ehemal nicht von den gewor geworden Regionn hat. iver Bei der zahlrei unterschei­ erkunft igen Kaser­ Projekts angega Rahmen eines den hat. Von chen andere die in den Standorten genutzt in Sigmar Suche nach nager, SEITE 17–18 Moritz Meide–– dessen ngen, sagt der geförderten ingen findet einer Gründe . n was ser aufgegeletzten 10 bis der Bundes School rszene von einem weitere of EntrepStartup­Ma­ Store bietet rt ben wurden 15 Jahren wehr, gion publikumswirk sich noch bäude, um sam erschei nicht viel, „Land(auf )Schwu die n Förder reneurship den origine online und auf : Pragma von die­ lle Design komme zumeist ziemlic nern ist die Stadt mit ihren Verkau tische nt. bien, Spanne ng“ finanzi topf namen n nde Anträg 18 000 Die Re­ klappt s aus Brasilien und produkte aus fsaben­ Anfang die alten sind. Viel Grün, h in die Jahre Ge­ dungen nicht gerade ert wird. Einwoh Deutsc das, was also schon. hervorb e schreib hland undArgentinien, Kolum­ Jungun Mai im Rahme Suchen Betonstraßen das zum Teil ge­ Vor wenige coole Grün­­ bei den ringt, sollte Aber was aber en, das ist es dabei auch der Städte bewäch Gründe n Tagen einer sinnvol wichtig Österreich an. auch Obersc ternehmertags n des Gründe man Startup davon st. rina rn sonder Und und Gemein in meinen wurde Krauss , nicht Krauss mit das r­ hwaben von len . Store , Gründe der Region an? kommt dukte n auch verantw genden nur spanne den nach 2017 ausgezedem Deutsc mit Grillido Entrep , InnoCa IHK Bodensund rin des Nachnu und vor allem Katha­ (www.u im hen ein mp und ichnet, ee­ gewinn tzung. zum Teil So war Frauen Sortiment zu ortungsvolle nde, Krauss reneurship stattge welche Gründerpreis unzufrieden. nico­concept.cUnico Concep School brin­ auch eine Pro­ haben. t Herzen und ihre Stauffe maring an der Hochsc s seine Wurzel „Der Gründe om), ist untern „Mir liegen Sigmaringen.von nur wenigefunden hat, of Anliege nberg­K bei der ehemal en hat: ehmert nicht hule ,“ n beschre war n Suche nach aserne Albstad beiden Manue ag Anfang r­ und besond n „Desha ibt in Sigmarigen Graf­ t­Sig­ sehr gut,“ sagt l Stöffler ers am men unter Die anderen Gründern aus Gründe Mai war Jung­ Arbeits lb achte ich sie ihre Motiva für einige einer Nachnu andere ich mir sie. „Für r von , einer ingen die studiert. Markdo genau m aus Teilnehmer ka­ beding die Zukunf schon tion. rf und Karlsru dass gut sehr gute Ideen. tzung der Anstoß darauf, Friedri Startup Das erzählt Grillido, hat der möglic noch mehr inform ten t würde für Mensch ungen und chshafe dass hkeiten hier elle Austau en stimme mitteln sieben Million So überzeugend, preneu ­Manager der Andreas ter die Entloh die die sehr gut besuch he. Die mit n, vertrieb wünsch Woort, rship, für zentral en 120 Gäs­ n, te Verans School sch­ en.“ Ihr nung enen Produk das Konzep Euro an welche maring e of Entre­ „Solche stolz. Beim Concep en“ eingew te herstel die von uns IHK für alle jährliche Verans taltung war t „InnoC Förder­ Vorbild t Elevato Regionalcup Damit len.“ taltung In Sigmardrei Landkr soll neben orben werden amp Sig­ re Studierenden,“ er sind wichtig r Pitch akadem in Bewegu ingen ist eise ihrer Regionder Baden­ Sigmaringen einer Weiter konnten. wenige komme sagt ter für unse­ ie Württe Innova für Innovationsth ng. Was also durcha . Untern n auf die Woort. „Noch bildung mberg, des derten tions­ die zahlrei us einiges Projekt Idee, selbst zu der das emen und s­ etwas ehmen zu gründe und giezent rum ITZ Technolo­ risikoa muss sich e aber letzten chen geför­ dem Modell gion, gepaart verse Mentaln.“ Er meint ein noch zeigen. dlich bringen auch eine fabrik die ität Beim geplan mit dem , In dieser entstehen. hohen in der Re­ will die mange ten barte Fachkr l. benach InnoCamp Fachho äfte­ ­ chschu stadt­S in einer HochschuleAbsolventen der le Alb­ früher igmarin haben Studium nur durch gen, nach dem aktuell muss en Kaserne eine Heraus die Auswah Lärmsc der Bau l– forderu hutzwä Straße und Gründe ng für eine künftig nde vom erst noch beginn rszene en beginnen. in Baden­ wie vielerodie pus getrenn Innovationscazu­ en. Württe rts m­ t, Produk renspro mberg. Über tions­ suchen 70 Unternehmen wickeln zesse im Bereich und Verfah­ Sie intere auf der . Die Skizzen ver­ Life Science jährlich rierebö acht Monate Novem ssieren rse en sehen auch ber ent­ sich sehr innovat Firmen, um dort einen Standp der HochschuleKar­ mehr innova nach der Förder Hochschul für Ideen, Innov tiv iv und spanne zusage als sei, so Studierende latz zu bekomm im Ganz anders ter noch zu umwer en und ationen en, sigen Banner die Realitä nd aus. Startup Woort, sehr Trends Auf www und Inspir s nicht erfreul ben. Dies t: Außer vor fabrik aus der unbedi ich, .ideenwerkB dem rie­ halb wolle sind keine der zukünf ngt förderl aber für Technologie ationen rund die weder „Wirtschaf eigene Bauarb tigen Modell ich. Des­ W.de und für die Initiati Hochschule um Startu eiten entwicklun ­ Brücke Campu t auch weitere Das Themaven ergreife in Ihrer , die Hochsczu sehen, ps, etabli s verbind und Hinte in Baden-Wür g in Baden n. vations Wirtschafts an beiden Entrep hule ttemberg“ zentrum en soll, noch zentru rgrundberic reneur -Württemb erte Stando m oder für das und stadt selbst. ship findet zeitung finden Sie und Sigmarrten der Hochsc Inno­ Dazwis hte. erg? so chenge die Modell mehrer zu diese fabrik In Sigmaringen ingen, mehr hule, Alb­ komme e Faktore meist eben n Them n: So sind n sind dabei übergreifende Beacht starten ung. en aktue trotz toller erste Bauvor Stichw lle Nach Pläne und haben dungsk ort EntrepWahlvorlesung fakultäts­ richten gutem ultur wird reneurship. en zum Hochsc hulen in auch zusamm Die Grün­ DER GASTA Biberac en mit den UTOR h und Ravens Moritz VOM KONST Meidert burg­ Er tän“ des ANZER bundesw ist „KapiGründe Lotsen neben GRÜNDERSC rservice eit tätigen HIFF Unterne -Untern mens gründer Finanzbranche Baden­Württemberg ist ein wichtiger Standort für Banken, Versicherungen, Bausparkassen und Anleger. Das LandGründer weist dabeiehGründe hmensn rschiff schiff mit Konstan mittlere auch kleine und Angebo Sitz z. NachBläske te einige Besonderheiten auf und zeichnet sich durch seine enge Verbindung zur starken Realwirtschaft im Südwesten aus. Von Gerhard dem Studiumin novationUnternehmen bei in Konstan macht nachDas Gründerschiff Jetzt koste sprojekt Ineigenen hafen hat z und Friedrich Vorhabe en sowie mehr als nlos Angabe sn, er 8000 regis die nach einer n den INNOVATI scheiter Angebo geist der Jahr für trieren: geten te Gründe Gründer eigenen GründerONWEEKLY gründun Unternehmensr in Baden-im Mitarbe er Finanzplatz Baden­Würt­ Doch Baden­Württemberg weist nicht Ein weiteres Spezifikum des Finanz­ Württem g, iter fördern berg. Newsletter Gründu mehreren weiteren sollen. Außerd temberg wird im übrigen nur einige große Finanzinstitute auf, son­ standorts ist, dass einige Unternehmen so­ – der neue Regione Man deckt ngen sowie ! n abseits em fahrung bestehe Deutschland oft belächelt und dern auch viele kleine Akteure – Sparkas­ gar eigene Banken haben. Die größte davon der als Gründu einiger Ern Metrop im Jahr rationen Koopeolen ab. ngsbera unterschätzt. Dahinter stecken sen, Volks­ und Raiffeisenbanken, Privat­ ist die Mercedes­Benz Bank, eine der größ­ 2014 Bister Hochsc mit her hat schiff gestartedas Gründe Meidert oft Unkenntnis und Überheb­ banken, Versicherungen und weitere ten Autobanken Deutschlands. Doch auch Der Innovationsschwerpunkt Ideen­ hulen, Komüber Ravensb t. (links) rurg und lichkeit. Das liegt auch daran, dass im Süd­ Förderinstitute wie die Bürgschaftsbank der Baden­Badener Finanzdienstleister werkBW widmet sich einer Branche, für die munen und LandLörrach Gründeein wichtiger Stand­ kreisen. geschrie westen nicht allzu viel Aufhebens von die­ Baden­Württemberg und die Mittel­ Grenke und der Ditzinger Maschinen­ Baden­Württemberg rschiff Das Ziel ist es ben. Als dabei, Angebo Gründe Gründer Gastaut begleitegelegentlich ser Stärke gemacht wird. ständische Beteiligungsgesell­ bauer Trumpf sind mit eigenen ort ist, die aberschiff dennoch ren werden ot mit regional r--im Gründer te für sogenan Gründe lokale Dabei kann das Land eine ganze Reihe schaft (MBG). Eine Besonderheit Finanzinstituten unterwegs. Windschatten der Industrie im Land steht: nten Gründer en, besser r im Land Experte Gründe n für Ideenrschiffschiffzu von Finanzinstituten aufweisen, die im Land ist auch die enge Ver­ Die Beispiele zeigen: Baden­ die Medizintechnik. Wir stellen die auf werkBW verbreit weitere en. deutschlandweit führend sind. Mit der knüpfung mit der sehr stark ex­ Württemberg ist ein sehr vielsei­ Orte präLBBW etwa verfügt Baden­Württemberg portorientierten Realwirtschaft. tiger Finanzplatz, der auf vielen sentieüber die größte deutsche Landesbank. Bei Auch da werden viele Finanz­ starken Beinen steht. Das sorgt ren. den Bausparkassen ist die Dominanz gera­ experten beschäftigt. In vielerlei für eine gewisse Krisenresis­ dezu erdrückend: Mit Schwäbisch Hall, formellen oder informellen tenz. Allerdings gilt diese Aus­ Wüstenrot und der LBS Südwest kommen Netzwerken sowie bei regelmä­ sage nur mit Einschränkungen. In Kooperati die drei größten Institute dieser Art aus ßigen Veranstaltungen wie der Finanz­ Denn auch die Sparkassen und Ban­ on mit: dem Südwesten. Die in Stuttgart beheima­ woche Stuttgart, den Fintech­Days oder ken sowie Versicherungen und Bauspar­ diese Branche spezialisierten Tübinger in Baden-W ürttembe tete Allianz Leben ist die größte Lebensver­ dem alljährlichen Börsenempfang kom­ kassen sind nicht immun gegenüber den Investoren von SHS sowie Startups aus rg sicherung Deutschlands, die SV Sparkas­ men die verschiedenen Akteure immer makroökonomischen Rahmenbedingun­ Tuttlingen und Reutlingen vor. Ein wei­ senversicherung gehört zu den größten öf­ wieder zusammen und tauschen sich aus. gen. Sie leiden sehr unter der anhaltenden teres Thema ist die Innovationsstrategie fentlichen Versicherern und die L­Bank ist In diesem Zusammenhang spielt auch die Niedrigzinsphase und der zunehmenden des Sägenherstellers Stihl, die inzwischen bundesweit eine der bedeutendsten För­ Universität Hohenheim mit ihrem Lehr­ Regulierungsdichte. Gleichzeitig müssen Startup­Kooperationen in vielfältiger derbanken. Die Börse Stuttgart schließlich stuhl für Bankwirtschaft und Finanz­ sie hohe Summen für die Digitalisierung Form einschließt und Platz für ganz neue ist der zweitgrößte deutsche Handelsplatz. dienstleistungen eine wichtige Rolle. Lehr­ aufbringen. Das hat zur Folge, dass vor al­ Geschäftsmodelle schafft. In der Serie der Sie ist die führende deutsche Privatanle­ stuhlinhaber Hans­Peter Burghof begleitet lem auf dem flachen Land immer mehr Ge­ baden­württembergischen Standortpor­ gerbörse sowie die größte Plattform für den die Entwicklung nicht nur wissenschaft­ schäftsstellen geschlossen und Mitarbeiter träts geht es diesmal um Lörrach – einem börsennotierten Handel mit verbrieften lich. Er spielt auch eine zentrale Rolle in abgebaut werden. Es gibt also keinen Hightech­Standort im Dreiländereck mit Derivaten in Europa. dem Netzwerk. Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. einigen Besonderheiten. age

Meidert,

Gründ erstan

und mit

Wirtschaft & Debatte

mikerenger/A dobe Stock,

Diskretion und Doktortitel – worauf Firmen achten bei der Besetzung von Managementposten. SEITE 12

Fotos:

Sigmarin gen: War ten auf den Star tschuss S

Wirtschaft & Erfolg

Themenübersicht Digitalisierung:

Pitch BW,

priva<t

Die Verflechtung mit der Realwirtschaft, die Vernetzung der Akteure und die Vielfalt der Institute zahlen sich aus. SEITE 1–8

4 198763 903204

EINES DER KLEINSTEN UND REICHSTEN LÄNDER DER WELT

einheimischen Dialekt verstehen nicht alle. „Das große Thema ist momentan die Blockchain-Technologie bzw. Anwendungen auf Basis dieser dezentralen Computernetzwerke“, sagt Bont. „2016 hatten wir eine Anfrage pro Woche. Inzwischen sind es zwei bis drei.“ Fünf bis zehn Prozent der vorgestellten Projekte würden realisiert. „Derzeit sind etwa 15 Fintech-Unternehmen im Land aktiv. Und einige weitere sind in der Pipeline“, meint er. Entscheidend sei die Einbettung der Fintech-Branche in den europäischen regulierten Rahmen: „Unser Heimatmarkt ist zu klein.“ Neben der nahen Schweiz und Österreich sei das kleine Land mit dem Start-up-freundlichen Klima vor allem auch für Gründer aus Bayern und Baden-Württemberg attraktiv. „Dank der Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum und der Zollunion mit der Schweiz haben wir Zugang zu zwei Wirtschaftsräumen“, hebt Franz Wächter hervor. Zusammen mit zwei weiteren „traditionellen“ Unternehmern hat Wächter gerade in Vaduz einen Technologiepark „für Start-ups mit Potenzial“ gegründet. Aus Sicht der Verantwortlichen im Fürstentum sind Bayern und Baden-Württemberg natürlich Rekrutierungsbecken für Gründer, die mit den Marktzugangschancen, aber auch „Derzeit sind etwa den günstigen Rahmenbedin- 15 Fintech-Unternehmen gungen gelockt werden sollen. im Land aktiv. Und weitere Über das Gründerstadium eines Start-ups ist die Tradico sind in der Pipeline.“ AG längst hinaus. Das Fintech Patrick Bont, des Bregenzers Manuel Heh- Finanzmarktaufsicht Liechtenstein le, der früher im Banken-Bereich gearbeitet hat, ist seit 2016 um jährlich 500 Prozent gewachsen. Er macht bereits 30 Millionen Franken Umsatz. „Wir sind der schnellste Online-Finetrader Europas“, sagt Hehle. Tradico hat ein ausgefeiltes System entwickelt, dass mittelständischen Kunden bei der Finanzierung ihrer Waren hilft, indem sie verlängerte Zahlungsziele erhalten und ihre Lieferanten trotzdem schnell bezahlt werden. Hehle ist voll des Lobes über den Standort. Durch die Universität gebe es „ein großes Potenzial an kompetenten Leuten“. Das Land sei mit seinen Banken, die nach Partnern suchen, „ein toller Finanzplatz“, die Finanzierung komme größtenteils aus dem Fürstentum. Und die Regierung sei Start-up-freundlich. Ein weiteres Plus: „Die Lage im Zentrum Europas.“ Nach Zürich fährt man eine Stunde, nach München, Stuttgart und Mailand je zweieinhalb.

17003

D

ie Zeiten, als Liechtenstein eine anrüchige Steueroase war, sind vorbei. Das Fürstentum setzt seit vielen Jahren auf eine konsequente Weißgeldstrategie. Viel früher als etwa die Schweiz schloss sich das kleine Land im Rheintal zwischen Österreich und der Schweiz dem automatischen Informationsaustausch an. Außerdem gehört der Ministaat dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) an und hat damit freien Zugang zur EU. Liechtenstein bemüht sich mehr denn je um Investoren und Gründer, gerade um Fintechs. Das mag erst einmal überraschen, denn das sechstkleinste Land der Welt liegt fernab von hippen Metropolen wie Tel Aviv, Berlin oder Paris. Doch neben dem großen Finanzsektor mit Banken, Versicherungen, Stiftungen und Treuhandgesellschaften ist Liechtenstein ein wichtiger Industriestandort. Dieser Sektor trägt 40 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das Land wirbt um Investoren. „Wir rollen den Unternehmern den roten Teppich aus“, sagt Regierungschef Adrian Hasler, der im nahen St. Gallen Betriebswirtschaft studiert hat und seit 2013 an der Spitze der Regierung steht. Wirtschaftsfreundlichkeit ist hier kein Schimpfwort. Hasler hebt die liberale Wirtschaftspolitik und das „einfache Steuersystem mit attraktiver Unternehmensbesteuerung“ hervor. Die Ertragsteuern für Unternehmen liegen bei nur 12,5 Prozent und sind effektiv sogar noch niedriger. Auch der Spitzensteuersatz von acht Prozent kann sich sehen lassen. Dazu kommen „kurze Wege und schnelle Antworten“. So habe man bei der Finanzmarktaufsicht ein Regierungslabor geschaffen, „ein internes Kompetenzteam, das Start-ups und etablierte Finanzdienstleister bei Themen, die neue Finanztechnologien betreffen, begleitet“. Einer derjenigen, die sich von den Vorteilen Liechtensteins überzeugen ließen, ist Yanislav Malahov. Der gebürtige Bulgare ist in Deutschland aufgewachsen. Mit seinem internationalen Team baut der Chef des Fintechs Aeternity eine neue Plattform für Blockchains auf. Ziel sei es letztlich, möglichst allen Menschen „Wir rollen den Zugang zu modernen Finanzsystemen zu verschaffen. Unternehmern den Wenn er und sein Team geroten Teppich aus.“ rade einmal nicht zwischen Adrian Hasler, den USA und Singapur unterRegierungschef von Liechtenstein wegs sind, arbeiten sie im nahen Triesen in einem Coworking Space und wohnen privat in einer Airbnb-Unterkunft. Malahov lobt die Finanzmarktaufsicht FMA, „die wirklich cool ist, weil die eher helfen, als Steine in den Weg zu legen. Und einen Handelsregisterauszug habe ich in 15 Minuten.“ Inzwischen sei eine Szene entstanden, die sich regelmäßig treffe. Außerdem komme man gut an Kapitalgeber heran, hebt Malahov, der in München Informatik und BWL studiert hat, hervor. Wichtig sei auch die Fintech-Konferenz, die 2017 bereits zum dritten Mal stattfand. Eine zentrale Rolle bei deren Organisation spielt der im Umfeld der Universität Vaduz gegründete Fintech-Verein. Damit wollte man eine Plattform schaffen, auf der etablierte Unternehmen mit Fintechs zusammenkommen könnten, erklärt Mitorganisatorin Sina Reubelt. Das böte für beide Seiten neue Chancen, findet die deutsche Studentin. Ansprechpartner aus Ministerien, Aufsichtsbehörde, Unternehmen und Fintechs seien schnell greifbar. Zwar kämen die meisten Anfragen aus dem deutschsprachigen Raum, berichtet Patrick Bont von der Finanzmarktaufsicht FMA, doch das Interesse auch von außerhalb, etwa aus Japan oder Skandinavien, wachse. Die jüngste Fintech-Konferenz fand auf Englisch statt. Das erleichtert auch manchem Deutschen das Verstehen. Den


16

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Große Einsparpotenziale in vielen Branchen sehen die beiden Unternehmer Jan-Philipp Fuhr (links) und Farbod Nezami durch den verstärkten Einsatz von Werkstoffen wie Carbon.

Foto: Verena Müller Illustration: primeproud/Adobe Stock

Mit Leichtbau Emissionen senken Die Stuttgarter Cikoni Ingenieurgesellschaft sieht in der Gewichtsreduzierung nicht nur im Transportsektor, sondern auch im Maschinen- und Anlagenbau noch große Einsparpotenziale. Von Oliver Schmale Entwicklungsdienstleister

F

arbod Nezami und Jan-Philipp mals müsse am Anfang geklärt werden, ob erzielte und aktuell insgesamt sechs MitFuhr haben bei der Gründung ihres entsprechende Bauteile überhaupt mithil- arbeiter zählt, habe seit dem zweiten MoEntwicklungsdienstleisters Ciko- fe der Carbonfasertechnologie darstellbar nat seines Bestehens schwarze Zahlen geni, der sich dem Leichtbau ver- seien, so der Ingenieur Nezami, der von schrieben. Fuhr kommt aus dem Bereich schrieben hat, bewusst auf staatli- Haus aus Maschinenbauer ist. Er und Fuhr der Luft- und Raumfahrttechnik. Diesen che Fördermittel verzichtet. Das hat einen hatten sich während ihrer Promotion ken- Bereich und die Medizintechnik wollen die einfachen Grund, wie Fuhr erläutert. Die nengelernt. Zusammen mit einem Bekann- beiden Gründer nun verstärkt in den Fokus Bürokratie verschlinge einen Großteil der ten haben sie das Unternehmen gegründet. nehmen. Bislang machen sie 70 Prozent Aus dem Trio ist inzwischen ein Duo ge- ihres Geschäfts mit der Automobilindusin der Anfangsphase ohnehin nur begrenzt verfügbaren personellen Ressourcen, die worden. Das Unternehmen, das 2017 einen trie. Seit BMW vor einigen Jahren seine an anderer Stelle wesentlich effektiver zur Umsatz im „hohen sechsstelligen Bereich“ Wertschöpfung beitrügen. Aber warum Leichtbau? Ohne Carbonfasertechnologie würden Radklassiker wie der Giro d’Italia oder die Tour de France wohl deutlich langsamer rollen. Im Radsport gehören die hr ilipp Fu h P n superleichten Rahmen a J nd Nezami u aus dem noch teuren, n Farbod o v aber sehr stabilen und belastbaren kohlenstoffn Ideen? faserverstärkten Kunstie beste d n e eboard. n h I stoff schon seit Jahren rem Whit ommen e k s t n r u O n m a e ings An welch zum Standard, ebenso im mit der eammeet lle Idee nsamen T o i t e e m i e d g n i Flugzeugbau. Auch die Be wen Schock, Automobilindustrie setzt egen den g h c i ? s zung Hin d n r net ma er Umset iert wi d t zunehmend auf Leichtbau. n n i nd o r s f e n Wie wapp n gibt ugehe u ät ko der Idee Denn bei Autos mit Verbrennen, anz n Realit e n e j e r i k e e r t s B e t l . i u a b ig z eit sich nungsmotor führt der Weg rühzeit sere Arb öhnt man . Diese f h, was un aran gew n c D e i d l n t i z w t r zur Einhaltung der vers le e zu übe en, ist e derniss schärften Klimavorgaben berwind ü u z h . c t i h l ac wenn mög über die Gewichtsreduzieler ausm Entwick d n u r e elernt? d n rung. Bei Karosserie oder MoGrü er Grünmeiste g s a d e it nach d i e S Z n n e e b tor ist ein Großteil der Potent a s h le Bauder er itern e ist in ir zu vie hem Sche e w c d l l ziale aber schon ausgeschöpft. I e i e w e d w s n u , A d technden reche ische un erschwu elversp Oder es kommen andere t v i a g v m n e e u h h k c t n n e Ma em diVerse . Ein Werkstoffe zum Einsatz wie m bei ein wollten er in der e n d l e e l n i a e w r i g o d n du ig, v nd eitig be Aluminium. Jetzt geht es um rm wicht artner u gleichz klungsp g ist eno c n i u stellen w r t e n i andere Bauteile. BeispielsweiE s s als che Foku , das wir se um Teile im Bereich des nologis rtfolio o P n ten. e l t a r ? zie hterh Fahrwerks, wie versifi u wollen r aufrec e b i e r t iv sein z s t n a o e i r t k „Manche n Nezami von dem a e , ung eht Innov tive Lös s darum g im August 2015 ck – krea m, wenn e u u r vielversprechende Idee t d gier r f u r p e I o N e größt t auf Kn ortion r gegründeten und h P e c r d i e t n n s t i i r e Was es, uchen, onie ist nach der Gründung in Stuttgart ant für Neu Wir vers n funkti i i . e e n h s e n h v e e i f g t f ns d zu Krea aus der O wieder in der Versenkung sässigen Entwin, sind u den Grun Produkt tiviere ngen auf l i u D k t. , u s g sind ein z i n n k a cklungsdienstDr nehme tzwec verschwunden.“ esunden em Unter in Selbs r e e k s t n leister Cikoni ä u und dem g t n i tiv en i Farbod Nezami, higkeit ass Krea Ingenieurgesell? diese Fä wusst, d e b g Leiter Produktinnovationen i t “ gesagt i ichze schaft mbH bet nicht! h e g und Faserverbund-Technologie emsen s r a aber gle b D nden „ tungen a r m a e w richtet. Es werde j r u E z h auc lber mal dass wir mechanisch stark belastet, u. en Sie se äglich, t h keln daz c Wann hab c i i l w t sagt der 32 Jahre alte Untergen Ent t eigen i r t e h i c s i s r a uf Das p nehmensgründer. „Außer? ört zum a gewesen , und geh n e Welt s s ü m Sie gern n dem wird es heiß.“ Durch den e r g hat die ä n w u e d t n h i c f i r h E c eine hsten r Ges Einsatz von Leichtbaumateangreic obils. S inder de f m f m o r u t E u l r A h e o s h w e rialien könne das Gewicht erWelc t im finder d . it selbs chichte z, der Er ch derze heblich reduziert werden. Bei i s t hrer Ges Carl Ben e i d s n s i e f z e o b r d p rt un ions der Entwicklung für einen verände sformat ten Tran s Kunden sei schließlich am l l e n h und sc Ende statt 20 Kilo ein Gewicht von 13 Kilogramm herausgekommen, bei gleicher mechanischer Belastbarkeit. Nezami und Jan-Philipp Fuhr bieten Entwicklungsleistungen rund um das Thema Leichtbau an. Das Aufspüren des entsprechenden Potenzials ist nicht immer einfach. Oft-

Carbon-Offensive startete, sei das Thema in aller Munde, sagt Nezami. Doch nicht nur dieser Werkstoff zählt zum Leichtbau, sondern auch hochfeste Stähle oder Aluminium. Größter Wachstumsmarkt für den Leichtbau ist neben dem Transportsektor der Maschinenbau. In ihm lassen sich nach Angaben der entsprechenden baden-württembergischen Landesagentur so jährlich 1,5 Millionen Tonnen Stahl einsparen. Das sind mehr als zwei Millionen Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid und entspricht den jährlichen Emissionen einer Stadt wie Lübeck. Doch die Fortschritte im Maschinenund Anlagenbau erfolgen nicht von heute auf morgen, sondern in eher kleinen „Unsere geringe Größe Schritten, glaubt Neza- gegenüber etablierten mi. Der Maschinenbau Entwicklungsdienstleistern sei bei neuen Materialien eher zurückhaltend. stellt sich eher als Vorteil Außerdem gebe es noch denn als Nachteil dar.“ Vorurteile gegen Car- Jan-Philipp Fuhr, bon. So wird der Werk- Leiter CFK-Simulation stoff als zu teuer angese- und Materialmodellierung hen. Die ganze Fertigung sei noch weitgehend auf Blech und Stahl ausgelegt. Fuhr und Nezami sind überzeugt, dass ein Mix der verschiedenen Materialien eine Lösung sein könnte. Sie haben im Auftrag eines Kunden einen Roboterarm entwickelt, der weniger als ein Kilogramm wiegt. Er besteht aus seitlichen Metallschienen und einer Carbonfaserhülle, die mit Schaum gefüllt ist. Das Unternehmen profitiert natürlich auch vom beginnenden Boom der Elektromobilität. Denn die Batterietechnik bringt erst mal viel Gewicht ins Fahrzeug und gleichzeitig ist die Reichweitenerhöhung zentrales Thema. Bei beiden Themen seien innovative Leichtbaulösungen gefragt, die auch aus Kostensicht Sinn machten. „Von diesem Trend profitieren wir als Leichtbau-Entwicklungspartner natürlich“, sind die beiden überzeugt. Sie wollen auf jeden Fall weiter durchstarten und das Wachstum vorantreiben. Es sollen schrittweise neue Märkte erschlossen werden. Es ist an die Internationalisierung gedacht. Das Ingenieurs-Duo sieht in seiner jetzigen Organisationsform durchaus Vorteile. „Unsere geringere Größe gegenüber etablierten Entwicklungsdienstleistern stellt sich dabei eher als Vorteil denn als Nachteil dar, auch weil wir dadurch unseren Kunden sehr kurze Kommunikationswege bieten können, die ein hohes Maß an Verbindlichkeit und persönlicher Verantwortung zum Ausdruck bringen“, heißt es bei Cikoni.


Wir Wirtschaft tschaft & Erfolg

März 2018

Wirtschaft & Erfolg

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Die Seiten Wirtschaft & Erfolg befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten rund um Karriere und Erfolg – das reicht von Themen aus dem Arbeitsrecht bis zum persönlichen Porträt.

Etikette – welches Benehmen der Karriere schadet. SEITE 17 Berufsporträt – was eine Friseurmeisterin leistet. SEITE 18 Studium – warum es manchmal ein Master sein muss. SEITE 20

17

Knigge-Expertin Carolin Lüdemann

Was gehört sich und was nicht? Das Handy Wenn das Telefon während einer Unterhaltung klingelt, dann hat immer der, der zuerst da war, den Vorrang. Wer einen wichtigen Anruf erwartet, sollte das vorher ankündigen. Das Gleiche gilt, wenn man eine Nachricht bekommt. Aufs Smartphone zu schauen, ist schlicht und einfach unhöflich. Das Handy im Büro verbieten zu wollen, ist dagegen unrealistisch. Wer ein Diensthandy hat, muss auch erreichbar sein. Dennoch sollte man Arbeitszeit und private Zeit unterscheiden. Folglich hat das private Handy im Büro nichts zu suchen. Sieht der Chef während eines Gesprächs mit seinem Mitarbeiter ständig auf Mails oder Nachrichten auf seinem Smartphone, empfinden Mitarbeiter das meist als wenig wertschätzend. Geschäftsessen Tischmanieren sind wichtig. Wer hier etwas unsicher ist, gerät leicht in Stress und kann sich weniger auf das Gespräch konzentrieren. Daher: Der linke Brotteller gehört immer mir. Die Serviette legt man sich vor dem Essen auf den Schoß und Gläser bitte nicht am Kelch, sondern am Stiel anfassen. Der Ranghöchste am Tisch gibt die Regeln vor: Wer das Glas Weißwein zum Anstoßen nicht mag, muss ja nicht davon trinken. Der Ranghöhere gibt vor, wie viele Gänge und in welcher Preiskategorie bestellt wird. Von Spaghetti oder einem großer Salatteller rate ich ab. Wer kleckert, sollte möglichst wenig Aufhebens darum machen. Gespräche finden zwischen den Gängen statt. Beendet ist ein Essen erst nach dem Kaffee. Und erst dann kann man den Tisch verlassen. Das Handy hat nichts auf dem Tisch zu suchen.

Der richtige Umgang mit dem Smartphone gehört nicht zu den Benimm-Kernkompetenzen vieler Mitarbeiter.

Fotos: Lüdemann, Yakobchuk Olena/Adobe Stock

Manieren Fehlanzeige? Was gehört sich, was nicht? Fehler können die Karriere ins Stocken bringen oder Kunden vergraulen. Deshalb schicken Firmen ihre Auszubildenden gerne in Benimmkurse. Von Gerhard Bläske

Etikette

D

ie Vielzahl der „Benimm-Kurse“ und Etikette-Institute ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass es Bedarf gibt für das, was gemeinhin als angemessenes Benehmen, guter Stil, Tischmanieren oder höflicher Umgang gilt. Knigge-Expertin Carolin Lüdemann in Flein ist sich nicht so sicher, ob junge Leute immer so ganz freiwillig solche Kurse besuchen. „Manch einer wird von seinem Unternehmen geschickt“, weiß die 39-Jährige, die für den Südwestrundfunk Stil- oder Knigge-Fragen von Zuhörern oder Zuschauern lebensnah und lösungsorientiert beantwortet. „Wer von der Schule aus direkt im Business landet, ist häufig verunsichert“, weiß die Expertin. „Wer viel mit Kunden zu tun hat, sollte einfach Sicherheit bekommen bei Begrüßungsritualen oder „Wer von der Schule aus auch im scheinbar leichtfüßig Small direkt im Business landet, daherkommenden Talk.“ Schließlich sei vor alist häufig verunsichert.“ lem in DienstleistungsunterCarolin Lüdemann, nehmen für die Kunden der Knigge-Expertin Unterschied zwischen dem Unternehmen A und dem, was das Unternehmen B macht, kaum wahrnehmbar. „Den Unterschied macht sehr oft ausschließlich der Mitarbeiter“, sagt sie. Sparkassen wissen das. Und sie gehen offen damit um. Ihre Azubis müssen zwar nicht gleich den „Knigge“, also das Buch „Über den Umgang mit Menschen“ des Schriftstellers Adolph Freiherr von Knigge von 1788 auswendig lernen, doch Teil der Azubi-Ausbildung sind Antworten auf die Fragen: Wie ziehe ich mich korrekt an? Wie verhalte ich mich gegenüber Vorgesetzten und Kunden? Die Studierenden des Studiengangs Bankbetriebswirt bekommen gar einen Seminartag „Business-Etikette“, berichtet Stephan Schorn vom Sparkassenverband Baden-Württemberg. „Damit sie das Gelernte gleich in der Praxis anwenden

können, gibt es in der Mittagspause ein mehrgängiges Mittagsessen, in das eine Trainerin unterschiedliche Situationen eines Geschäftsessens einbindet.“ Der Ludwigsburger Finanzkonzern Württembergische und Wüstenrot legt großen Wert auf den perfekten Auftritt beim Kunden. Neue Azubis lernen dort, was geeignete Bürobekleidung im Gegensatz zum Schullook ist. „Wer im Außendienst arbeitet“, heißt es aus der Zentrale, „wird schon im eigenen beruflichen Interesse daran denken, dass er einen großen Finanzdienstleister repräsentiert, und einen entsprechenden Auftritt wählen.“ Große Beratungsunternehmen gehen hier einen Schritt weiter. Sie führen Vorstellungsgespräche im Restaurant. Dabei können sie nicht nur die Tischmanieren eines Bewerbers unter die Lupe nehmen, sondern auch testen, ob es sich bei ihm um einen unterhaltsamen und gebildeten Gesprächspartner handelt, der bei Kunden punkten würde. Lehrlinge bringen heute weniger Manieren von zu Hause mit, weiß Franz Falk. Dass sich mit besseren Manieren bessere Preise erzielen lassen, würde er nicht unbedingt so sehen. Aber „man kommt an anspruchsvollere Aufträge, wenn man

ZUR PERSON Business-Coach Carolin Lüdemann ist Business-Coach, Knigge-Expertin und Autorin zahlreicher Karriereratgeber. Die gelernte Juristin ist 39 Jahre alt. Sie hält Vorträge und Seminare und berät TopManager aus Industrie, Beratung und Verbänden. www.carolin-luedemann.de bl

sich auch durch das Verhalten beim Kunden ein gutes Image erworben hat beziehungsweise einen guten Ruf genießt. Und da sind meist auch die Preise besser“, sagt der erfahrene Betriebsberater und Geschäftsführer der Handwerkskammer in Stuttgart. Dass der Mensch der entscheidende Faktor ist, vor allem wenn Arbeiten zu Hause beim Kunden erledigt werden, bestätigt Umberta Andrea Simonis. Bereits seit 1995 schult sie Handwerker mit dem Seminar „Der „Chefs brauchen zwar Handwerker als Visitenkarte Nachwuchs, empfinden des Unternehmens“, seit 2002 aber ihre Azubis gibt es den dazu passenden Knigge für Handwerker. Darin manchmal als Belastung.“ geht es um wichtige Stationen Umberta Andrea Simonis, und Situationen während Inhaberin Simonis Servicekultur eines Arbeitstags im „Reich“ des Kunden. Es geht um Körpersprache, Mimik und Gestik, Sprache und um die Zusammenarbeit mit Kollegen und dem Chef. Für Azubis hat sie ein Extra-Seminar „Sicher und sympathisch beim Kunden auftreten als Azubi“ entwickelt, inklusive Spezialratgeber (erschienen bei Holzmann Medien). Warum ein eigenes Azubi-Seminar? „Ausbilder und Chefs brauchen zwar Nachwuchs, empfinden aber ihre Azubis manchmal als Belastung“, sagt die erfahrene Trainerin und Inhaberin der Simonis Servicekultur in Augsburg. Wer sich als zukünftiger Superstar sehe, dem erscheine es schlicht sehr uncool, ausgeschlafen und pünktlich um 7 Uhr bei der Arbeit zu erscheinen. Dennoch freut sie sich natürlich, wenn dann auch „sehr coole“ Teilnehmer mit einem „Was, schon vorbei? Ich wusste ja gar nicht, wie viel Spaß lernen machen kann!“ am Ende eines Seminartages gar nicht mehr gehen wollen.

Männer, Frauen und „Me too“ Ein „Schön, dass Sie da sind, da hat man ja auch was fürs Auge“ kann durchaus freundlich und nett gemeint sein, doch gegenüber einem Mann würde so ein Satz niemals fallen. Komplimente und Anerkennung eignen sich ausschließlich im Zusammenhang mit der geleisteten Arbeit. Du oder Sie? Normalerweise bietet der Ältere dem Jüngeren das Du an. Doch im beruflichen Kontext spielt das Alter keine Rolle. Der Ranghöhere bietet dem Rangniedrigeren das Du an, der Kunde dem Dienstleister. Wurde einem zu späterer Stunde bei der Weihnachtsfeier vom Chef das Du angetragen, lieber noch einmal abwarten, ob das wirklich so gemeint war. Small Talk Finger weg von Politik oder Religion. Ständig über Probleme zu reden, erzeugt eine unangenehme Atmosphäre. Denn das Schlechte als Thema bringt deutlich weniger Beteiligung. Weniger Floskeln signalisieren dem Gegenüber echtes Interesse. Die Frage „Woher genau kommen Sie?“ wirkt wesentlich interessierter und individueller als das übliche „Haben Sie gut zu uns gefunden?“. Es lohnt sich, im Vorfeld eines Termins immer zu überlegen, welche Themen für andere interessant sein könnten. Menschen haben den Wunsch nach Gleichgewicht. Wichtig ist daher auch, wie lange jemand redet und was er von sich preisgibt. Begrüßungsrituale Nur im Privaten gilt „Ladies first“. Im geschäftlichen Kontext immer erst den Vorgesetzten, danach die Mitarbeiter begrüßen. Kommt noch eine weitere Person zu einer Runde dazu, die um einen Tisch sitzt, stehen alle zur Begrüßung auf, auch die Frauen. Der große Vorteil dabei ist: Sie müssen nicht zum Neuankömmling aufschauen. Was gilt als unhöflich? Kaugummi kauen, anderen Leuten ständig ins Wort fallen, unangemessene Kleidung. Mehr Stoff bedeutet mehr Autorität. Daher tragen Männer keine kurzen Hosen oder offene Schuhe. Frauen sollten ihre Oberteile immer mit einem Ärmelansatz wählen. Blickkontakte bitte nur auf Gesicht und Schulterpartie. Unpünktlichkeit ist unhöflich. Hier gilt: „Zwei Minuten zu früh sind eigentlich drei Minuten zu spät.“ Und außerdem: Mitarbeiter lassen ihre Vorgesetzten nie warten! bl


18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Immer auf dem neuesten Stand: Snjezana Bacher legt gern selbst Hand an in ihrem Friseursalon Schneewittchen in Weil der Stadt.

Fotos: factum/Weise

Karriere mit Köpfchen und Schere Die vielfach ausgezeichnete Unternehmerin Snjezana Bacher setzt auf Engagement, permanente Fortbildung, ein gutes Miteinander im Betrieb und Umgangsformen. Von Oliver Schmale

Friseurmeisterin

D

ie 45 Jahre alte Snjezana Bacher sprüht vor Lebendigkeit. Die Friseurmeisterin mit eigenem Salon in Weil der Stadt geht auf die Menschen zu und ist offen. Sie sucht den Kontakt mit den Kunden. Das ist sicherlich auch eine Voraussetzung, um erfolgreich zu sein. Die Inhaberin des Herren- und Damensalons mit Namen Schneewittchen zählt nämlich zu den Besten ihres Faches. Sie zählt zu den besten fünf ihrer Zunft und belegte den zweiten Platz beim Wettbewerb „Unternehmerin des Jahres“ des Deutschen Friseurhandwerks. „Meine Mitarbeiterinnen haben mich angemeldet“, sagt sie. Sie selbst habe davon nichts gewusst. Sie sei überrascht gewesen, als sie per E-Mail erfahren habe, dass sie in der Endausscheidung sei. Doch die Anmeldung für den Wettbewerb allein reicht noch lange nicht aus. Sie habe im Vorfeld viele Fragen beantworten müssen – vom Marketing über die Weiterbildung bis hin zu Mitarbeiterführung. Letzteres ist für sie besonders wichtig. Sie kümmert sich um ihre fünf Mitarbeiter und hat für „Ich lege viel Wert auf sie stets ein offenes Ohr. Die Initiative der MitarbeiterinUmgangsformen. Man kann schon früh sehen, wo nen sei für sie auch ein Beleg für das gesunde Betriebsklima es Probleme geben kann.“ und das gute Miteinander in ihrem Betrieb. Snjezana Bacher, Friseurmeisterin Besonders die Ausbildung des Nachwuchses liegt ihr am Herzen. „Ich lege viel Wert auf Umgangsformen.“ Sie schaue sich jede Arbeit ihrer Auszubildenden von der Berufsschule an. „Dann kann man schon früh sehen, wo es Probleme geben kann.“ Und die sollen eigentlich gar nicht erst entstehen. Denn eine gute Ausbildung sei das A und O. Viele hätten immer noch die falsche Vorstellung, mit schlechten Noten könne man einfach ein Handwerk lernen. So einfach sei das nicht. Der Friseurberuf hat immer noch ein schlechtes Image. Dagegen will Snjezana

Bacher angehen und verweist darauf, dass die Ausbildung anspruchsvoll sei. Als Beispiel nennt sie die unterschiedlichen Färbetechniken. Es sei viel Wissen über die Technik und die einzelnen Farben notwendig, um das gewünschte Ziel beim Kunden zu erreichen. „Schauen Sie sich die jungen Frauen auf der Straße an. Die haben die unterschiedlichsten Farbabstufungen im Haar“, sagt sie und betont, dass dafür viel Verständnis für Chemie notwendig sei. „Und vor allem visu-

elle Vorstellungskraft.“ Wichtig ist Bacher, dass die jungen Leute während der Ausbildung bei der Stange bleiben. Die Abbrecherquote im Friseurhandwerk ist hoch. Ein Grund sei sicher, dass viele Azubis falsche Vorstellungen hätten. Ein anderer Grund ist nach Auffassung von Arbeitsmarktexperten auch die Bezahlung. Nach einer Auswertung des Vergütungsportals Gehalt.de verdienen ausgelernte Friseure hierzulande durchschnittlich 21 400 Euro im Jahr. Sie liegen damit am Ende der Verdienstrangliste. Bacher bezahlt ihre Beschäftigten den Angaben zufolge übertariflich. Im Deutschen Friseurhandwerk gibt es bundesweit mehr als 80 000 Betriebe. Bei einem Unternehmerinnenanteil von über 70 Prozent übernehmen in der Branche mehrheitHat für ihre Mitarbeiterinnen ein offenes Ohr und legt Wert auf ein gutes Betriebsklima: Snjezana Bacher.

FÜHREN EINST UND HEUTE Flexibilisierung Die Zeit des Patriarchen, der mit eiserner Faust führt, sind endgültig vorbei. UdoErnst Haner, Teamleiter Information Work Innovation beim Stuttgarter Fraunhofer IAO, der sich seit über 20 Jahren im Rahmen des Projekts „Office 21“ mit dem Thema „Büro der Zukunft“ beschäftigt, stellt fest: Nicht alles sei so gekommen wie zu Beginn des Projekts erwartet. „Aber ein zentraler Aspekt, die Flexibilisierung der Arbeit, ist eingetreten – im zeitlichen Sinn, hinsichtlich des Arbeitsortes und strukturell, was die Aufweichung der Hierarchien betrifft.“

Kommunikation Die Personalberatung von Rundstedt hat 2016 über 1000 Arbeitnehmer in Deutschland gefragt, was sie anders machen würden, wenn sie selbst Chef wären. 63 Prozent wünschen sich einen besseren Dialog mit den Vorgesetzten. Auch eine individuellere Aufgabenverteilung ist gefragt. Denn wer tut, was er gut kann und gerne macht, ist deutlich produktiver. Und 47 Prozent wünschen sich, in Unternehmensentscheidungen miteinbezogen zu werden. Ergebnisorientierung Michaela Kelsch, Partnerin bei der Personalberaterin

Dr. Richter Heidelberger in Stuttgart, glaubt, dass Aufgaben ganz konkret vorgegeben und Ergebnisse eingefordert werden müssen. Auch die Übertragung von Aufgaben an Teams, die für das Ergebnis verantwortlich sind, die Abläufe aber selbst organisieren, bietet neue Möglichkeiten. Der niederländische Pflegedienst Buurtzorg hat die Idee sich selbst organisierender Teams so professionalisiert, dass die Pfleger größtmögliche Freiheit bei der Organisation ihrer Arbeit genießen. Die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen sind hochzufrieden. Das Unternehmen auch. bl

lich Frauen die Verantwortung für die Entwicklung des Marktes. Im Stammgeschäft und in mehreren Filialen hatte Bacher zeitweise bis zu 30 Fachkräfte beschäftigt. Es seien gesundheitliche Probleme gewesen, die sie veranlassten, sich wieder nur auf ihren Stammsalon Schneewittchen zu konzentrieren. Bacher kam mit 15 Jahren ohne Deutschkenntnisse aus Kroatien nach Deutschland. Sie musste sich alles selbst erarbeiten. Ihr Schulabschluss aus der Heimat wurde nicht anerkannt. In einem Jahr habe sie den Hauptschulabschluss gemacht und dann ihre Friseurausbildung absolviert. Mit 19 Jahren sei sie mit der Lehre fertig gewesen. Dann folgten ein paar Jahre Arbeit in dem Beruf, bevor sie sich zur Meisterin weiterqua- „Man muss immer auf lifizierte. Ende 1996 machte dem neuesten Stand sie sich in Merklingen, das zu sein und die Trends Weil der Stadt gehört, selbstkennen. Andernfalls ständig . Die Unternehmerin legt ist man fehl am Platze.“ sehr viel Wert auf die Fortbil- Snjezana Bacher, dung ihrer Mitarbeiter. Im Friseurmeisterin Schnitt seien ihre Beschäftigten im Jahr eine Woche auf Fortbildung. „Man muss immer auf dem aktuellen Stand sein und die Trends kennen“, sagt sie. Andernfalls sei man fehl am Platze. Man müsse das Wissen auf jeden Fall haben, auch wenn es nicht jeder Kunde abfrage. Bacher selbst war auch schon zur Weiterbildung in Hollywood. Dabei ging es natürlich um die Trends, die auch von der Filmindustrie mitbestimmt werden . Es sei sehr interessant, auch einmal die Frisuren für ein Fotoshooting zu machen. Die 45-Jährige steht gerne aktiv am Stuhl. Dort schöpft sie auch die Kraft für ihre weiteren Tätigkeiten. Denn sie ist auch beratend tätig für Hoch-, Mode- und Volkshochschulen, Dienstleister, Industrie, Fluggesellschaften, Presse, Funk, Fernsehen sowie die öffentliche Verwaltung. Die Aktivitäten der quirligen Unternehmerin bescherten ihr in der Vergangenheit Preise und Auszeichnungen – darunter „Salon des Jahres“ oder auch die Anerkennung als Meisterfrau des Jahres. Bacher selbst macht darüber nicht viel Aufhebens. Ihr gefällt ihr Beruf. Sie schaut optimistisch in die Zukunft. Denn: „Haare wachsen immer“, sagt sie mit einem Lächeln. Und damit gehe ihr und ihren Kolleginnen die Arbeit nicht aus.


Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Wirtschaft in Baden-Württemberg 19

Lotsen im Dickicht des Asylrechts Bei der Einstellung von Geflüchteten muss einiges beachtet werden. Fachkundige Unterstützung ist sinnvoll, um Rechtssicherheit zu haben. Von Stephanie Dufner Gastbeitrag

D

er Fachkräftemangel in akaBei der ersten Gruppe, den sogenannten demischen Berufen, Zehn- Asylsuchenden, ist das Asylverfahren noch tausende offene Lehrstellen nicht abgeschlossen. Personen dieser Grupsowie ein Mangel an unge- pe sind meist im Besitz einer Aufenthaltsgelernten Kräften führen dazu, stattung oder eines Ankunftsnachweises. dass in Deutschland ansässige Unterneh- Sie dürfen eine Beschäftigung erst ausüben, men ihr Personal nicht wenn keine Pflicht mehr mehr ausschließlich unter „Die Ausländerbehörde besteht, in einer ErstaufPersonen mit deutscher kann schon ab dem nahmeeinrichtung zu leStaatsangehörigkeit rek- ersten Tag der ben – das kann je nach rutieren. Viele UnternehStaatsangehörigkeit sechs men setzen vermehrt ihr Duldung bestimmte Monate oder länger dauVertrauen in (Fach-)Kräf- Beschäftigungen ern – und nach mindestens te aus dem Ausland, erlauben.“ dreimonatigem Aufentum den Personalbedarf halt. Die Zustimmung der decken zu können. Auch Stephanie Dufner, Bundesagentur für Arbeit potenzielle Arbeitnehmer Expertin für Arbeitsrecht ist erforderlich, allerdings aus der Gruppe der Geentfällt nach 15 Monaten flüchteten werden zunehmend eine will- die Vorrangprüfung. Dies bedeutet eine erkommene Alternative für nicht besetzte hebliche Erleichterung, da der Arbeitgeber Stellen. dann nicht mehr aufwendig nachweisen Dieser Beitrag gibt einen Überblick da- muss, dass es (theoretisch) keine anderen rüber, was bei der Einstellung von Ge- bevorrechtigten Arbeitnehmer auf dem flüchteten zu beachten ist. Grundsätzlich Arbeitsmarkt gibt. Ausbildungen, bestimmist zu bemerken, dass die Regelungen in te Praktika und hochqualifizierte Beschäftidiesem Bereich in letzter Zeit immer gungen können ohne Zustimmung der Bunwieder Gegenstand von gesetzlichen Än- desagentur für Arbeit absolviert werden. Die zweite Gruppe besteht aus Persoderungen waren. Auch zukünftig ist mit weiteren neuen Regelungen im Arbeits- nen, deren Asylverfahren positiv abgemigrationsrecht zu rechnen, wobei nicht schlossen wurde und die infolgedessen im nur der nationale Gesetzgeber Einfluss Besitz einer Aufenthaltserlaubnis aus huhat, sondern auch vermehrt europäische manitären Gründen sind (anerkannt als asylberechtigt, als Flüchtling nach der Rechtsetzung eine große Rolle spielt. Beim breit gefassten Begriff der soge- Genfer Flüchtlingskonvention oder als nannten Geflüchteten ist zunächst zu subsidiär schutzberechtigt). Sie erhalten unterscheiden, ob die Person sich noch im die uneingeschränkte Erlaubnis zur abhänAsylverfahren befindet oder ob das Asyl- gigen und selbstständigen Erwerbstätigverfahren positiv oder negativ abgeschlos- keit und dürfen demnach auch Praktika sen ist. Dies kann durch einen Blick in das oder eine Ausbildung absolvieren. Die Bunaktuelle (Ausweis-)Dokument festgestellt desagentur für Arbeit muss in keinem diewerden, welches die Person besitzt. Darin ser Fälle zustimmen. steht in der Regel auch, inwieweit die ErDie dritte zu betrachtende Gruppe sind werbstätigkeit erlaubt ist. Allerdings ist die Geduldeten, also Personen, deren Asylwichtig, diese Angaben im Einzelfall über- verfahren negativ abgeschlossen wurde prüfen zu lassen, da es immer wieder zu fal- und welche deshalb im Besitz einer Dulschen Eintragungen kommt. dung sind.

TECHNO CLASSICA, ESSEN HALLE 3.0 | STAND 128 21.-25. MÄRZ 2018

RETRO CLASSICS, STUTTGART HALLE 1 | STAND D12 22.-25. MÄRZ 2018

Bestimmte Geduldete unterliegen nach neueren gesetzlichen Regelungen einem kompletten dauerhaften Arbeitsverbot. Dies ist unter anderem der Fall, wenn angenommen wird, sie seien angeblich lediglich eingereist, um Sozialleistungen zu erhalten, oder sofern sie aus einem der sogenannten sicheren Herkunftsstaaten sind (Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Serbien, Ghana und Senegal). Für diejenigen Geduldeten, die keinem solchem Arbeitsverbot unterliegen, gilt: Nach drei Monaten geduldetem Aufenthalt kann bei einem konkreten Arbeitsplatzangebot die Beschäftigung erlaubt werden. Dazu muss in der Regel die Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit eingeholt werden. Auch hier entfällt nach 15 Monaten die Vorrangprüfung. Daneben können von der Ausländerbehörde schon ab dem ersten Tag der Duldungserteilung bestimmte Praktika, Ausbildungen und hochqualifizierte Beschäftigungen ohne Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit erlaubt werden. Nach vierjährigem geduldetem Aufenthalt hat diese Personengruppe einen uneingeschränkten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt für jede Art der Beschäftigung, die Bundesagentur für Arbeit muss also nicht angefragt werden. Über diese beschriebenen Regelungen hinaus ist die sogenannte Ausbildungsduldung von besonderem Interesse für Arbeitgeber. Sie dient dazu, ausbildenden Betrieben und Geduldeten selbst für die Zeit der Ausbildung und für einen begrenzten Zeitraum danach mehr Rechtssicherheit zu verschaffen. In der neuen Fassung wurden bisherige geltende Altersgrenzen aufgehoben, die Ausbildungsduldung ist demnach für alle Geduldeten unabhängig von deren Alter möglich. Daneben ist die Ausbildungsduldung als Anspruch formuliert. Das hat zur Folge, dass die Ausbildungsduldung von der Ausländerbehörde zwingend zu erteilen ist, wenn eine qualifizierte Berufsausbildung in einem staatlich anerkannten oder vergleichbar geregelten Ausbildungsberuf aufgenommen wird. Eine Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit ist nicht erforderlich.

Allerdings darf sie nicht erteilt werden, wenn die Einreise (angeblich) lediglich aufgrund Sozialleistungserhalt erfolgt ist oder für Angehörige sogenannter sicherer Herkunftsstaaten (siehe oben). Die Ausbildungsduldung erlischt automatisch, wenn die Ausbildung nicht mehr betrieben oder abgebrochen wird. Wenn der/die Auszubildende übernommen wird, wird dafür eine Aufenthaltserlaubnis für weitere zwei Jahre erteilt (sog. 3+2-Regel). Insgesamt gibt es vielerlei Arten von Aufenthaltstiteln und noch viel mehr unterschiedliche Möglichkeiten, als Ausländer oder Ausländerin in Deutschland in ein Beschäftigungsverhältnis einzutreten. Aus diesem Grund ist es deshalb in jedem Fall sinnvoll, schon während des Bewerbungsprozesses oder spätestens nach der Entscheidung für einen Kandidaten oder eine Kandidatin fachkundige Unterstützung an Bord zu holen. So kann dann auch gewährleistet werden, dass das Arbeitsverhältnis so schnell wie möglich und vor allem auch mit Rechtssicherheit eingegangen werden kann.

GASTAUTORIN Migrationsrechtsexpertin Stephanie Dufner (36) ist Rechtsanwältin im Migrationsrecht mit Schwerpunkt Arbeitsmigrationsrecht. Sie unterstützt Firmen und Privatpersonen bei der Erlangung von Arbeits- und Aufenthaltserlaubnissen. Beim Fachkräftetag der IHK Stuttgart im September trat sie als Referentin im Bereich „ausländische Fachkräfte“ auf. Vita Sie hat in Münster, Venedig und Lissabon Jura und Menschenrechte studiert und ist seit 2016 Partnerin bei der Kanzlei vpmk Rechtsanwälte Legal Services in Stuttgart und Berlin. Dufner ist verheiratet und hat einen Sohn. bl

Foto : pr ivat

...the ultimate cabrio jacket.


20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Junge Leute müssen sich entscheiden: Bachelor- oder Masterabschluss? Was sinnvoll ist, hängt in erster Linie von den Stelleninhalten ab.

Fotos: georgerudy/Andrey Burmakin/Adobe Stock

Mehr Chancen mit dem Master? Was welcher Abschluss wert ist, hängt oft von der Unternehmensgröße ab: Nach einer DIHK-Umfrage legen kleine Unternehmen größeren Wert auf einen Mastertitel als Konzerne wie Daimler. Von Oliver Schmale

Bachelor

N

ormalerweise sollte der Bachelor ausreichen, um die erste Stelle zu finden. Doch so einfach ist das nicht immer. Den meisten Studienanfängern ist das nicht klar. Denn die Unternehmen haben oft ganz konkrete Vorstellungen. Nachdem sie sich jahrelang mit der Umstellung der Abschlüsse schwergetan haben, können sie sich inzwischen damit anfreunden. Doch die Wertigkeit und Akzeptanz des Abschlusses hängt nach einer im Jahr 2015 veröffentlichten Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) häufig auch von der Größe eines Unternehmens ab. „Größere Betriebe sind überwiegend zufriedener mit Bachelorabsolventen als kleine Unternehmen. Denn diese sind oft nicht in der Lage, neue Mitarbeiter ihrem eigenen Bedarf entsprechend nachzuqualifizieren“, heißt es in der Untersuchung über Erwartungen der Wirtschaft an Hochschulabsolventen. Beim Autobauer Daimler spielen die Unterschiede der Abschlüsse keine Rolle. „Wir machen gute Erfahrungen mit Studienabgängern beider Abschlussarten. Bei Daimler gibt es ein breites und globales Spektrum an Einstiegs-, Einsatz- und Entwicklungsmöglichkeiten. Genauso vielfältig wie die Einsatzmöglichkeiten ist auch die Ausbildung unserer Mitarbeiter“, sagt eine Sprecherin. Wer eine klassische Studienrichtung wie Ingenieurwissenschaften oder BWL wählt, hat etwas bessere Chancen, direkt nach dem Bachelor angestellt zu werden. Doch manche Arbeitgeber bleiben skeptisch. Für den Personal„Ein Abschluss als Master leiter des Maschinenbauers J. Schmalz GmbH, Daniel Just, ist empfehlenswert – ist wichtig: „Für viele Stellen vor allem für Positionen halten wir einen Abschluss als im technischen Umfeld.“ Master für empfehlenswert – vor allem für Positionen im Daniel Just, Personalleiter J. Schmalz GmbH technischen Umfeld. Auch für andere Job-Profile ist ein Master sinnvoll, beispielsweise, wenn es häufig um eher strategische Inhalte geht oder Themen eine sehr strukturierte Arbeitsweise erfordern.“ Der Spezialist für Vakuum-Lösungen sieht einen Masterabsolventen etwas im Vorteil. Derjenige habe bereits nachgewiesen, dass er eine gewisse Lernfähigkeit, Eigenstrukturierung und auch die Fähigkeit zur Selbstorganisation mitbringe. Das Unternehmen mit Sitz im Schwarzwald betont, dass Bachelorabsol-

venten in der Regel eine „hervorragende Ausbildung“ mitbringen. Zudem entscheiden sich viele dazu, den Master nach einiger Zeit nachzuschieben, entweder berufsbegleitend oder mit einer entsprechenden Auszeit. Katrin Glauner, Mitglied der Geschäftsleitung von Alpirsbacher Klosterbräu, findet, bei der Einstellung von Mitarbeitern komme es in erster Linie auf die Stellenanforderungen an. Längst nicht alle Stellen benötigten einen Bachelor- oder gar einen Masterabschluss. „Die Frage, ob wir Wert legen auf einen Masterabschluss, kann ich eher mit Nein beantworten. Wenn es sich aber um eine höhere Führungsposition im Brauwesen handelt, würden wir ihn eher verlangen.“ Ohne Master eine anspruchsvolle Arbeit zu finden, gestaltet sich oft schwierig. Und als Bachelor das zu leisten, was vom Arbeitgeber gefragt wäre – auch dafür ist längst nicht jeder fit. Nach der DIHK-Studie sind beispielsweise Unternehmensberatungen oder Gesundheitsdienstleister sowie die Tourismuswirtschaft besonders unzufrieden mit Bachelorabsolventen. „Sie begründen ihre Einschätzung vor allem mit einer zu geringen Anwendungsorientierung der Studieninhalte sowie mit mangelnder sozialer wie persönlicher Kompetenz der Nachwuchskräfte.“ Eine Rolle spielt dabei sicherlich folgender Umstand: Nach Abschaffung der Wehrpflicht und der Einführung von G8 ist es möglich, dass Bachelorstudenten mit 21 Jahren ihren Abschluss bekommen. Etwas zufriedener äußert sich der Erhebung zufolge demnach das produzierende Gewerbe. Und ein deutlich positiveres Bild zeichnen die Branchen Verkehr/Logistik sowie Banken/ Versicherungen. Wenn Unternehmen eigene Studiengänge im Zuge ihrer Ausbildung anbieten, gibt es in der Regel Die Krönung des Studiums mit einem Mastertitel wird gerne gesehen.

gar keine Probleme. Dazu noch einmal Schmalz-Personalleiter Just: „Im Fokus steht die eigene Ausbildung, wir haben eine überdurchschnittlich hohe Ausbildungsquote von 13 Prozent. Eingerechnet sind unsere Studierenden an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, beispielsweise im Maschinenbau, in Mechatronik oder im Bereich Online-Medien. Sie schließen mit Bachelor ab – und werden mit einer Quote von fast 100 Prozent nach dem Studium in Festanstellung übernommen.“ Viele Unternehmen fördern es, wenn sich die Mitarbeiter weiterqualifizieren. Hier haben vor allem Mittelständler und die Großunternehmen vielfältige Angebote. Die Daimler-Sprecherin erläutert das am Beispiel des Autobauers: „Wir erwarten von unseren Mitarbeitern, dass sie eine Bereitschaft zum lebenslangen Lernen zeigen, und fördern dies auch im Rahmen zahlreicher Weiter- und Fortbildungsseminare der Daimler Corporate Academy.“ Zudem gebe es mit dem Studienförderprogramm „Daimler Academic Programs“ die Möglichkeit, berufsbegleitend einen Mas-

ter zu machen. Das Programm richte sich an Mitarbeiter, die zusätzlich zu ihrem bisherigen Abschluss einen Bachelor- oder Master- oder Promotionsabschluss oder ein akademisches Zertifikat anstrebten. Daimler fördere die Studierenden dabei finanziell mit einer teilweisen Übernahme der Studien- „Die Frage, ob wir Wert gebühren und Reisekosten legen auf einen Mastersowie einem umfassenden Be- abschluss, kann ich eher gleitprogramm, das beispielsweise Seminare zum Thema mit Nein beantworten.“ Ziel- und Zeitmanagement Katrin Glauner, Mitglied der Geschäftsleitung beinhalte. Personalberater Björn von Alpirsbacher Klosterbräu Knothe von Division One in Stuttgart verweist darauf, dass es sich durchaus lohnt weiterzumachen. „Die Einstiegsgehälter für Masterabsolventen liegen höher als die für Bachelorabsolventen.“ Allerdings sei zu beachten, dass die Bachelorabsolventen zwei bis drei Jahre früher ins Berufsleben einsteigen und somit in dieser Zeit schon Geld verdient haben. „Auch werden Sie nach den ersten Jahren bereits in den Genuss von Gehaltserhöhungen kommen, so dass im Endeffekt die Gehälter dann sehr vergleichbar sind.“ Marktstudien zeigten, dass die Masterstudierenden im Verlaufe ihrer Karrieren etwa 10 bis 25 Prozent mehr Gehalt beziehen. Aber auch diese Zahlen seien sehr stark abhängig von den einzelnen Branchen. Und Markus Weber, Geschäftsführer der Personalberatung Dr. Maier+Partner, weist noch auf Folgendes hin: Es könne durchaus Sinn machen, zuerst das Bachelorstudium zu absolvieren und dann zwei Jahre praktische Erfahrung im Beruf zu sammeln. „Das verschafft einem praktische Erfahrungen und eine bessere Möglichkeit, sich selbst zu orientieren. Anschließend kann man dann den Masterabschluss machen. Das ist sicher ein sehr guter Weg, da die Absolventen dann schon über praktische Erfahrung verfügen, keinen Praxisschock mehr haben und nicht so ,naiv‘ auf den Arbeitsmarkt treffen.“ Sie seien dann für die Praxis schon etwas mehr geerdet. Zudem absolvierten sie ihr Masterstudium ganz anders, wenn sie vorher schon mal gearbeitet haben, denn der Lernstoff falle auf einen anderen, fruchtbareren Boden.


                                       

   




EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

I T- B R A N C H E IM SÜDWESTEN MÄRZ 2018

Ein Motor der Wirtschaft Überdurchschnittliche Bruttowertschöpfung durch ITK-Dienstleistungen

W

enn von baden-württembergischen Unternehmen in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ITK) die Rede ist, dann denken wohl die meisten zunächst an Namen wie SAP oder die in Nokia aufgegangene AlcatelLucent oder an IBM und HP, deren Deutschlandzentralen in der Region Stuttgart angesiedelt sind. Doch diese Namen täuschen ein Stück weit über die wahre Struktur der ITKBranche im Südweshinweg: Sie ist ITK-DIENSTLEISTUNGEN ten nämlich – wie könnte FORSCHUNG INNOVATION es in diesem Bundesland auch anders sein – stark mittelständisch geprägt. IT-SICHERHEIT Und sie ist, wie es die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut im vergangenen Dezember formulierte, „einer der Wachstums- und Innovationsmotoren“ der hiesigen Wirtschaft. Grundlage der Aussage waren die jüngsten Strukturdaten des Statistischen Landesamts. Demnach ist die Zahl der ITK-Unternehmen mit Sitz in BadenWürttemberg zwischen 2012 und 2015 um vier Prozent auf rund 15 100 gestiegen. Die Zahl der Beschäftigten nahm im gleichen Zeitraum um sechs Prozent auf gut 164 000 zu. Der steuerbare Umsatz kletterte um elf Prozent auf 45,9 Milliarden Euro. Aufgeteilt in die Bereiche Warenproduktion, Handel und Dienstleistungen stehen die letzteren in der hiesigen ITK-Branche für gut die Hälfte des steuerbaren Umsatzes. Fast drei Viertel der Beschäftigten arbeiten dort, fast 90 Prozent der baden-württembergischen ITK-Unternehmen zählen zu den ITK-Dienstleistern. Ein Schwerpunkt sind hierbei die Entwicklung von Software und von Internetpräsenzen. Die ITK-Dienstleister profitieren zudem vom Trend zur Auslagerung des ITK-Betriebs und technischer Dienstleistungen an Spezialisten, wie das Beispiel von Advanced Unibyte aus Metzingen zeigt: „War früher die Datensicherheit im firmeneigenen Rechenzentrum unbestritten, ist heutzutage die Datenspeicherung in einer Cloud oftmals sicherer, immer flexibler und technisch zukunftweisend“, sagt Sandro Walker, Gründer und Geschäftsführer des ITK-Dienstleisters. „Das schafft Freiräume für die firmeneigene IT-Abteilung und unterstützt sie in ihrer Rolle als Innovationstreiber im eigenen Unternehmen.“ So verwundert es nicht, dass Advanced Unibyte gerade in diesem Geschäftsfeld stark wächst: Sowohl die Kundenzahl als auch die Datenmenge in der von dem IT-Unternehmen betriebenen Cloud haben sich jährlich mindestens verdoppelt. „Für unsere Kunden heißt das gleichbleibende Ansprechpartner, Expertise und die Sicherheit einer dedizierten Cloud in Deutschland, also nach deutschem Recht“, so Walker weiter. Es sind Argumente, die in einer mittelständisch geprägten Zielgruppe gut ankommen.

DIGITALISIERUNG DIGITAL HUBS

Das Wirtschaftsministerium betont, dass ITK-Dienstleistungen nicht nur den Schwerpunkt der ITK-Branche in Baden-Württemberg bilden, sondern auch überdurchschnittlich zur positiven gesamtwirtschaftlichen Entwicklung des Südwestens beitragen. Während die Bruttowertschöpfung der hiesigen Gesamtwirtschaft zwischen 2012 und 2015 preisbereinigt um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr zulegte, wuchsen ITK-Dienstleistungen inklusive Handel mit ITK-Gütern jährlich mehr als doppelt so stark, nämlich um 4,3 Prozent. Das in Baden-Württemberg traditionell wachstumsstarke verarbeitende Gewerbe wies nur eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 3,1 Prozent auf. Auch bei den Investitionen in Forschung und Entwicklung ist die ITK-Branche im Südwesten überdurchschnittlich. Im deutschlandweiten Vergleich entfielen 2015 fast 40 Prozent der 6,7 Milliarden Euro auf Baden-Württemberg, die restlichen 60 Prozent teilen sich die anderen 15 Bundesländer untereinander auf. Im Vergleich zum Zweitplatzierten, dem Freistaat Bayern („Laptop und Lederhose“), sind die Investitionen Baden-Württembergs fast doppelt so hoch. Auch im landesinternen Branchenvergleich steht der ITK-Sektor gut da: 14 Prozent der gesamten Investitionen in Forschung und Entwicklung in der baden-württembergischen Wirtschaft bescheren der Branche einen zweiten Platz – hinter der Automobilindustrie (49 Prozent) und noch vor dem Maschinenbau (zehn Prozent). Gerade beim Thema „Forschung und Entwicklung“ kommt für die ITK-Branche durch die Digitalisierung eine weitere Komponente hinzu. Schließlich sind hiervon die Anbieter selbst genauso wie ihre Kunden betroffen. Die ITK-Branche Baden-Württembergs geht dabei mit gutem Beispiel voran. Im Anfang des Jahres veröffentlichten „Monitoring-Report Wirtschaft Digital B a d e n - Wü r t t e m berg“ haben das Marktforschungsinstitut Kantar TNS und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung mehr als 1000 Unternehmen im Südwesten zum Stand der Digitalisierung einzelner Branchen befragt. Eines der Ergebnisse: Die hiesigen ITK-Unternehmen gehen mit gutem Beispiel voran und bekommen in der Studie als einzige Branche einen „hohen“ Digitalisierungsgrad bescheinigt, wenn

auch etwas unterhalb des bundesweiten Niveaus der ITK-Branche. Doch diese Unternehmen sind nicht nur bei ihrer eigenen Digitalisierungsstrategie gefordert: Laut der Studie betont eine große Zahl von Unternehmen aus allen Branchen, wie wichtig bei dem nun einsetzenden Wandel die IT-Sicherheit und eine Förderung der IT-Sicherheitsforschung seien. Auch daraus erwachsen Aufgaben für die ITK-Unternehmen. Der baden-württembergischen Gesamtwirtschaft bescheinigt die Studie übrigens einen deutschlandweit überdurchschnittlichen Digitalisierungsgrad. Vor allem der Dienstleistungsbereich treibe den Wandel voran. Tendenziell dürfte das hohe Tempo der Digitalisierung im Südwesten in den nächsten Jahren beibehalten werden können – auch im bundesweiten Vergleich. Die Landesregierung will die Entwicklung unter anderem auch mit zehn regionalen Digitalisierungszentren unterstützen, neudeutsch:

Digital Hubs, die Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut Anfang Februar auf dem „Digitalisierungsgipfel 2018 – Wirtschaft 4.0 BW“ bekannt gegeben hat. Durch Kooperation, Vernetzung und Austausch sollen diese Digital Hubs digitale Innovationen voranbringen. „Damit unterstützen wir die mittelständische Wirtschaft in der Fläche des Landes auf dem Weg in die digitalisierte Zukunft“, so die Ministerin damals. Das Land investiert in den Aufbau der Digital Hubs insgesamt zehn Millionen Euro. Diese regionalen Digitalisierungszentren lassen sich auch als Ergänzung zur Digital-Hub-Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums verstehen. In deren Rahmen sind bereits drei Hubs mit thematischen Schwerpunkten in Baden-Württemberg ins Leben gerufen worden: Future Industries (Stuttgart), Artificial Intelligence (Karlsruhe) sowie Digital Chemistry & Digital Health (Ludwigshafen/ Mannheim). Michael Vogel

Bei den Investitionen in Forschung und Entwicklung liegen die Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie in Baden-Württemberg vor dem Maschinenbau. Foto: Zlatko Guzmic/Adobe Stock

Kompetent und kostenlos Das Land unterstützt kleine Unternehmen bei der Digitalisierung

B

aden-Württemberg soll eine digitale Leitregion werden. Bis 2021 will die Landesregierung deshalb etwa eine Milliarde Euro in die Gestaltung des digitalen Wandels stecken. Das wurde bei der Vorstellung der Digitalisierungsstrategie für Baden-Württemberg vergangenen Juli angekündigt. Darin geht es um autonomes und vernetztes Fahren, digitale Bildung an den Schulen, Telesprechstunden von Ärzten für ihre Patienten, die Sicherheit von Unternehmen gegen Cyberangriffe und den Breitbandausbau. Schon in den vergangenen Jahren wurden Digitalisierungsprojekte auf den Weg gebracht, an denen die übergeordnete Digitalisierungsstrategie nun anknüpfen kann. Dazu gehören die Lernfabriken 4.0. In praxisnahen Lernumgebungen werden die Fachkräfte von morgen an 16 Berufsschulen im Land in der Bedienung von Anlagen auf Basis von automatisierten Industriestandards ausgebildet. Oder das Testfeld für autonomes Fahren in Karlsruhe, um neue Dienstleistungen rund um das vernetzte Fahren im realen Straßenverkehr zu erproben.

Die vernetzte Mobilität ist ein Schwerpunktthema in der Digitalisierungsstrategie. Ein anderer die Wirtschaft 4.0. Insbesondere der Mittelstand als größter Arbeitgeber soll bei der digitalen Transformation unterstützt werden. Aus diesem Grund wurde im Mai 2017 die Initiative Wirtschaft 4.0 BadenWürttemberg gestartet. Sie setzt sich bislang aus über 20 Partnern zusammen. Darunter Unternehmen, Kammern und Verbände, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik. Das Ziel der Initiative ist es, die Unternehmen im Land und ihre Beschäftigten branchenübergreifend bei der Digitalisierung zu unterstützen. „Baden-Württemberg ist top aufgestellt in der Unterstützung des Mittelstands bei der Digitalisierung“, sagt Jörg Castor, Leiter des Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrums Stuttgart. „Wir zeigen kleinen und mittleren Unternehmen, wie sie digitale Anwendungen effektiv in ihren Wertschöpfungsprozess integrieren können.“ Vermeintlich hohe Investitionskosten, schlechte Internetverbindungen und vor allem mangelnde IT-Kenntnisse im Unternehmen sind nach Angaben von Castor die Hemmnisse für Digitalisie-

rungsvorhaben. Grundvoraussetzung dafür sei die Erkenntnis, dass die Digitalisierung für das Geschäftsmodell Sinn macht oder sogar Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle bietet. „Aus Umfragen wissen wir, dass 90 Prozent das erkannt haben und rund vier Fünftel des Mittelstands bereits Teile ihrer Prozessketten digitalisiert haben.“ Hauptsächlich in der Organisation vom Wareneingang bis zur Rechnungstellung an den Kunden – und das aus gutem Grund: Papierlastige Prozesse lassen sich viel einfacher in Software abbilden als Arbeitsprozesse in der Produktion. Deshalb ist es mitunter hilfreich, wenn sich die Firmen dafür Hilfe nehmen, etwa in den Kompetenzzentren Stuttgart oder in Karlsruhe. „Wir gehen in die Betriebe, schauen uns die Prozesse an und machen einen Digitalisierungscheck“, sagt Castor. Daraufhin folgen Handlungsempfehlungen sowie Begleitung und Unterstützung während der Projektphase. Und das Angenehme daran: Die Leistungen der Kompetenzzentren sind kostenlos, weil gut finanziert vom Bundeswirtschaftsministerium. In einem Projekt geht es beispielsweise darum herauszufin-

den, wie sich die Software zur Steuerung von Produktionsprozessen verändert, wenn die Software nicht mehr lokal an der Maschine läuft, sondern in der Cloud. Eine andere Anlaufstelle, die kleine und mittlere Unternehmen bei der Digitalisierung unterstützt, ist das Digitale Innovationszentrum Baden-Württemberg in Karlsruhe, eine Einrichtung des Landes. Die leitet Gennadi Schermann. „Manche Mittelständler sind schon sehr weit mit der Digitalisierung, andere haben nicht einmal angefangen.“ Das ist bedingt durch die gute Konjunkturlage, weil sie keine Kapazitäten dafür haben. „Im Moment ist das zwar gut, für die Zukunft aber gefährlich.“ Eventuell werden sie später vom Wettbewerb überrumpelt. Bleibt die Frage: Wie viel Zeit hat der Mittelstand für die Digitalisierung? „Schwer zu sagen“, so Schermann. Besser sollten sich die Unternehmen fragen: Womit fange ich an? Wo liegen meine Chancen, was macht wirtschaftlich Sinn und in welchen Bereichen, der Produktion, im Vertrieb oder insgesamt? „Nur wenn man weiß, wo man hinwill, kann man die Weichen auch richtig stellen“, sagt Schermann. Peter Ilg


IT-BRANCHE IM SÜDWESTEN

März 2018

23

„Im Kleinen starten“ T h o m a s S p r e i t z e r, D e u t s c h e Te l e k o m , ü b e r B r e i t b a n d a u s b a u u n d D i g i t a l i s i e r u n g

D

CLOUD GLASFASER

er Mittelstand ächzt seit Jahren unter den schlechten Breitbandverbindungen. Vor allem in der Peripherie der großen Metropolen hakt es. Bis wann werden die letzten weißen Flecken verschwunden sein? Zunächst einmal muss man festhalten, dass bei diesem Thema eine Menge Halbwissen und Polemik im Spiel ist. Natürlich baut die Telekom Glasfaser aus, und zwar massiv und so viel wie kein anderes Unternehmen in diesem Land. Allein 2017 sind mehr als 40 000 Kilometer hinzugekommen, 2018 werden wir weitere 60 000 Kilometer verCYBERANGRIFFE legen. Und auch Vectoring ist Glasfaserausbau. Mit jeder Erschließung eines Multifunktionsgehäuses rücken wir mit der Glasfaser näher an Firmen und Bürger heran. Da läuft nur die letzte Meile noch auf Kupfer. Und den meisten Firmen ist die Technik egal, Hauptsache ist, die Geschwindigkeit stimmt und hält das eigene Unternehmen wettbewerbsfähig. Vectoring ist ein Zwischenschritt auf dem Weg zum reinen Glasfaseranschluss, womit sich in kürzerer Zeit mehr Kunden ans Breitbandnetz anschließen lassen. Es profitieren also viele vom Ausbau. So werden wir bis

VECTORING

GEWERBEGEBIETE

I MP R ES S U M Redaktion:

STZW Sonderthemen I. Dalcolmo, M. Vogel

Produktion:

STZW-Sonderthemen

Titelfoto:

Adobe Stock

Anzeigen:

Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH Telefon 07 11 / 72 05 - 16 01 Telefax 07 11 / 72 05 - 16 14 svanzeigen@stzw.zgs.de

Anzeigenverkaufsleitung:

Tanja Dehner Telefon 07 11 / 72 05 - 16 01

Druck:

Pressehaus Stuttgart Druck GmbH

Ende des zweiten Quartals 2018 rund sieben Millionen Vectoring-Anschlüsse in Deutschland haben. Mit Glasfaser würden wir das nicht so schnell hinbekommen. Der Versorgungsgrad mit Vectoring in den rund 50 Städten steigt damit auf 63 Prozent. Und wir werden noch im Laufe dieses Jahres Super-Vectoring anbieten mit Geschwindigkeiten von bis zu 250 Megabit pro Sekunde im Download. Natürlich bedeutet das nicht, dass wir deswegen die Ausbaugeschwindigkeit unseres Glasfasernetzes verringern. Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt den Gewerbegebieten. 2018 werden wir rund 7600 Unternehmen mit bis zu einem Gigabit pro Sekunde versorgen. Wann kommt der flächendeckende Ausbau des Glasfasernetzes in der Region Stuttgart? Natürlich stehen Stuttgart und die umliegenden Kommunen auch ganz oben auf unserer Agenda. Genauere Termine können wir heute nicht nennen, aber wir sind im Austausch mit dem Breitbandsteuerungskreis der Region Stuttgart, so dass sicherlich bald Informationen veröffentlicht werden. Der Ausbau des Glasfasernetzes hängt auch von den Rahmenbedingungen ab. Denn das Verlegen von Glasfasern ist nicht preiswert. Deswegen halten sich unsere Wettbewerber auch zurück. Je mehr und je schneller Unternehmen sich für einen Glasfaseranschluss entscheiden, desto schneller bauen wir aus. Es ist auch nicht so, dass Firmen händeringend auf einen Gigabitanschluss warten. Zu den großen Themen des Mittelstands gehört die Digitalisierung. Gerade für ihn entwickelt sich die IT immer mehr zum schwer einschätzbaren Kostenfaktor. Welche Vorteile hat ein Unternehmen, wenn es IT-Leistungen einkauft, statt die Infrastruktur selbst vorzuhalten? Sie sprechen hier unter anderem das Thema Cloud an. In vielen Fällen ist es günstiger, Rechen- und Speicherleistungen oder Software aus der Cloud zu nutzen. Das hat ganz einfach was mit Skalierungseffekten zu tun. In eigenen Rechenzentren liegt die Auslastung oft nur bei 50 Prozent, da die Infra-

struktur auf ein Maximum ausgelegt sein muss. In der Cloud dagegen fallen nur Kosten für die tatsächlich genutzten Ressourcen an. Und wenn ein Unternehmen in Spitzenzeiten mehr braucht, bucht es die Leistungen einfach dazu. Dazu haben wir auch günstigere Einkaufskonditionen und schließlich halten wir die von uns bereitgestellte Hard- und Software immer auf dem neuesten Stand. Ein mittelständisches Unternehmen kann sich das oft nicht leisten. Cloud-Computing ist auch ein Prozessbeschleuniger. Wenn Sie quasi auf Knopfdruck Rechenressourcen buchen können, sparen Sie sich oftmals Aufbau und Integration neuer Infrastruktur. Und Sie können ad hoc Software nutzen.

len Effekten umzusetzen. Und das geht oft mit wirklich kleinen Projekten los, zum Beispiel mit einer modernen Internetseite, die sich ganz einfach mit unserer Digital Business Suite bauen lässt. Wir werden dann immer gefragt, warum denn ein Metzger eine Website braucht. Ganz einfach, weil er damit seinen Kundenkreis erweitern kann. So verkauft ein Kunde von uns dank eines Webshops seine Wurst- und Fleischspezialitäten heute bis nach Jamaika – kein Witz! red

Welche Strategien gibt es, die IT gegen Cyberangriffe und Erpressungsversuche zu schützen? Wir haben einen ganzheitlichen Ansatz, der im Netz beginnt und auf dem kleinsten Server oder den Mobilfunkgeräten unserer Kunden endet. Dafür arbeiten wir auch mit spezialisierten Partnern zusammen. Wir setzen also die jeweils beste Technologie ein, die es aktuell auf dem Markt gibt. Wir haben ein Abwehrzentrum aufgebaut, mit dem wir jeden Tag nahezu voll automatisiert eine Milliarde sicherheitsrelevanter Daten aus 3000 Datenquellen analysieren. Rund 200 Experten überwachen dort national und international im 24-Stunden-Betrieb die Systeme der Telekom und die ihrer Kunden. Wir können manche Angriffe schon in unserem Datennetz abfangen, also bevor sie irgendwo einen Schaden anrichten können. Die Digitalisierung gilt als Fortschritt. Wie können da auch kleinere Firmen mithalten? Das ist keine Frage von Unternehmensgröße. Nehmen Sie Start-ups, die sind klein und haben den höchsten Digitalisierungsgrad, höher als jeder Konzern. Es geht darum, Chancen zu erkennen und sich auf Veränderung einzulassen. Mittelfristig gefährdet man sein Geschäft, indem man sich auf dem Erfolg von gestern ausruht. Deshalb ist es wichtig, anzufangen und kleine Projekte mit schnel-

Thomas Spreitzer, Vertriebsleiter KMU bei der Telekom

Foto: hf

ANZEIGE

Innovation aus Stuttgart

Neues extrem energieefizientes Rechenzentrum in Stuttgart Baden-Württemberg ist bekannt für seine Erinder. Dementsprechend sitzen in der Region einige der patentstärksten Unternehmen Deutschlands. Vom Automobil über industriell hergestellte Streichhölzer, nicht entlammbarem Papier, der ersten Ein-MannMotorsäge bis zur elektrische Bohrmaschine stammen viele Erindungen aus der Region. Vor kurzem ist noch eine weitere hinzugekommen: Datacenter One hat ein Konzept entwickelt, das ermöglicht, innerhalb von sechs bis neun Monaten ein betriebsbereites IT-Rechenzentrum zu bauen. Für Unternehmen, die mehr als 500 Quadratmeter Fläche benötigen, baut Datacenter One am Wunschstandort. Der Beweis dafür, dass das neue Konzept funktioniert, wird im kommenden Jahr auch in Stuttgart zu sehen sein. Wer nicht so lange warten will, kann sich in Leverkusen informieren, denn dort baute Datacenter One für einen Kunden das Backup-Rechenzentrum LEV-1 mit 2.000 Quadratmetern Fläche. Der Spatenstich fand im Oktober 2016 statt, im März 2017 nahm es den Betrieb auf. Insgesamt wurden 26 Kilometer Niederspannungskabel, 44 Kilometer Schwachstrom- und Datenkabel, 18 Kilometer Glasfaserkabel und 350 Tonnen Stahl in der kurzen Zeit verbaut.

Hohe Energieefizienz Das Rechenzentrum wurde aber nicht nur schnell errichtet, es entspricht auch den aktuellen Branchenstandards. Dazu gehört beispielsweise der Energieefizienzwert. Seit der Energiewende sind Stromkosten ein wesentlicher Kostentreiber geworden. Die meisten älteren Rechenzentren mit einer durchschnittlichen IT-Leistung von 10 kW erreichen im Schnitt einen Energieefizienzwert (Power Usage Effectiveness, kurz PUE) von 2,3. Bei einem Preis von 15 Cent/kWh entstehen so allein durch den Betrieb der Server Stromkosten von rund 30.000 Euro im Jahr. Für Un-

mit eigenem Eingang zu mieten. Und wenn die Fläche nicht mehr ausreicht, kann lexibel ausgebaut werden. LEV-1 beispielsweise könnte sehr schnell von 2.000 Quadratmetern auf 4.500 Quadratmeter erweitert werden, und zwar im laufenden Betrieb. Neben dem Sicherheitsdienst sind außerdem permanent Techniker vor Ort, die Kunden auf Wunsch bei der Problemlösung oder der Wartung und Installation unterstützen.

Steckbrief LEV-1  Zertiizierungen:

ternehmen, die ihre IT in LEV-1 unterbringen, fällt die Stromrechnung aufgrund des PUEWertes von 1,3 rund 13.000 Euro pro Jahr niedriger aus. Gleichzeitig verbessert sich die Umweltbilanz, wozu auch der Betrieb mit Ökostrom beiträgt.

Hohe Sicherheit Da die Sicherheit von IT-Infrastruktur eine immer größere Rolle spielt, nicht zuletzt auch wegen der neuen Datenschutzgrundverordnung, wurde LEV-1 von vornherein hochsicher ausgelegt und entsprechend zertiiziert: BSI-Grundschutz ISO 27001, TÜV-IT TSI (Trusted Site Infrastructure) Level 3 und DIN EN 50600. Da sich die letzten beiden Prüfverfahren auf die physische Sicherheit konzentrieren, haben sie eine höhere Aussagekraft, als die ISO-Zertiizierungen und sind

deshalb für so genannte kritische Infrastrukturen oder die Finanzindustrie besonders interessant. Sie garantieren den 24/7-Zugriff mit höchster Verfügbarkeit.

Individuelle Ausstattung Trotz kurzer Bauzeit haben Unternehmen viele Möglichkeiten, ihre Rechenzentrumsläche angefangen bei einem halben Rack über einen Cage bis hin zum eigenen Raum individuell zu gestalten. Sie können beispielsweise die Leistungsdichte bestimmen und auf diese Weise Platz sparen. Außerdem haben sie die Wahl zwischen Einzelverkabelung mit Unterverteilungen oder zentralen Stromschienen. Auch die Raumgröße und die Sicherheitsausstattung können sie lexibel an ihren Bedarf anpassen. Es ist sogar möglich, einen vollkommen abgeschlossenen Bereich

ISO 27001, DIN EN 50600, Trusted Site Infrastructure 4.0, Level 3  Energie-Efizienz: PUE < 1,3  100 Prozent Ökostrom  Anbindung an 15 nationale und internationale Carrier sowie Cloud-Anbieter wie Amazon, Microsoft und IBM  Internet-Upstream mit bis zu 100 G Bandbreite  individuelle Anpassung der angemieteten RZ-Fläche  individuelle Standortvernetzung per DWDM  Remote Hands: Techniker von Datacenter One stehen vor Ort zur Verfügung  zwei getrennte Meet Me-Räume, Notfallarbeitsplätze und Lagerlächen  Bauzeit: sechs Monate

Internet: www.DC1.com Datacenter One GmbH Neue Brücke 8 70173 Stuttgart Tel.: +49 711 25290-0 Fax: +49 711 25290-180 E-Mail: info@dc1.com


24 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 1 | März 2018

Der Vielfältige

Personalien Franz Pöter

Neuer Chef für Solar Cluster

Auf ein Thema lässt er sich nicht festlegen. Ulrich Kromer von Baerle ist für vieles zuständig: Mal geht es um Tourismus, mal um den Maschinenbau. Und immer darum, im harten Wettbewerb der Messeplätze am Ball zu bleiben. Von Ulrich Schreyer

Was macht einen guten Chef aus

Marc Konrad

ent

Ulr ich Kro me r von Bae rle

? Authentizität, Empathie bzw. Zuh ören können, Offenheit und Kommun ikationsbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit, klare Lini e zeigen und Entscheidungen, Feh ler zulassen und zugeben, Ziele vorantreiben und dabei eine gewisse Hartnäckigkeit haben, aber auch eine Portion Lockerheit.

Und welche Eigenschaften davon

haben Sie? Manchmal klappt’s damit, manchm al ist Spielraum nach oben. Wie kommt man so weit wie Sie?

Lernbereitschaft, Einsatz, Engagem ent, wieder Authentizität, ein bisschen Glück.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr er Karriere?

richtigen Moment am richtigen Ort zu sein.

Haben Sie Vorbilder?

Ich habe viele Vorbilder. Das sind Men schen mit Wissen; Menschen, die etw die sich nicht beliebig verbiegen lass as geleistet haben; und Menschen, en.

Was ist typisch für Ihren Arbeits

alltag? Es gibt meist viele Termine und viel e Gespräche und Begegnungen. Was würden Sie heute anders ma

chen? Nach dem Kirchgang ist man immer klüger. Generell bin ich mit dem, was ich gemacht habe, zufrieden. Einzelfälle würde ich mit dem Wis sen von heute anders beurteilen als zum damaligen Zeitpunkt. Nur: Das nützt nix mehr. Das wich tigste Prinzip ist für mich, dass ich am Morgen in den Spiegel schauen kann.

Von wem können Sie am ehesten

Kritik einstecken? Von Menschen, die offen zu ihrer Mei nung stehen und ihre Kritik mit Ans tand

anbringen.

Womit können Kollegen Sie nerven

? Zu viel um den heißen Brei herumre den, zu lange ein totes Pferd reiten. Außerdem mit fehlendem Mut zu Entscheidungen oder wenn man sich nach dem Wind dreht nach dem Mot to, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Und auch dam it, wenn sie zu viele E-Mails schreibe n anstatt miteinander zu reden.

Und umgekehrt?

Mit klaren Worten, mit gutem Erin nerungsvermögen, mit meiner Har tnäckigkeit und meinem Willen, die Dinge voranzutreiben.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Neugierig zu sein, Mut zu haben, Lern bereitschaft und Engagement zu zeig en. Und natürlich offen und ehrlich zu sein – auch zu sich selb st.

Was macht Sie leistungsfähig?

Neue Ideen und Projekte spornen mich an; auch ein angespanntes Pro gramm, wenn man darüber die Freizeit und das Privatleben nich t vergisst.

Marc Konrad (44) ist neuer Sprecher für die Siemens-Niederlassung Stuttgart und die Geschäftsstelle Heilbronn und vertritt damit das Haus Siemens in der Region. Konrad folgt auf Jürgen Köhler, der die Funktion des Country Division Lead für die Division Digital Factory in der Vertriebs- und Service-Organisation Siemens Deutschland übernommen hat. Konrad wuchs in Horb am Neckar auf. Nach mehreren Stationen im In- und Ausland war Konrad von 2014 bis 2018 für Siemens als Vice President Global Sales Machine Tool Systems tätig. Konrad wird außerdem die Leitung des Vertriebs der Business Unit Motion Control in Deutschland innehaben. bl

Ruth Schimanowski

Für LBBW in China Ruth Schimanowski hat die Geschäftsleitung des German Centre Beijing, einem Unternehmen der LBBW, übernommen. Das German Centre unterstützt seit 1999 deutsche Firmen in China mit Büros, Beratung und dem Zugang zu diversen Netzwerken. Sie tritt die Nachfolge von Jörg Höhn an, der das German Centre von September 2011 an geleitet hat und nun wieder beruflich in Deutschland tätig ist. Die DiplomPhysikerin (FU Berlin) ist seit 20 Jahren in China tätig, zuletzt als Stellvertretende Leiterin der Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Peking. Neben dem German Centre in Peking betreibt die LBBW Häuser in Singapur, Mexiko-Stadt und in Moskau. bl

Pablo Dahl

Pressesprecher bei ING BW

Seine Jugendliebe ist ihm geblieben: Auf Motorräder steht Ulrich Kromer von Baerle heute noch. Foto: Messe Stuttgart

Pablo Dahl (33) wird neuer Pressesprecher der ING BW. Der Kommunikationsexperte beriet zuvor als Consultant bei Alt//Cramer Kunden wie die Mercedes-BenzBank, die Versicherung HDI, die Warenhauskette Karstadt und den Fußballverein VfB Stuttgart. Zuvor war er als PR-Berater bei der Agentur Häberlein & Mauerer in München tätig. Die ING BW ist die Interessenvertretung aller Ingenieure in Baden-Württemberg. Die Mehrheit der rund 4000 Mitglieder ist im Baubereich tätig. bl Foto: Ingenieurkammer

Das gehört dazu. Und sei es nur, im

Siemens-Sprecher für Stuttgart

Foto: Siemens

Erfolgsrezept: Neugier und Engagem

Foto: LBBW

Fragebogen

Markus Röser

Job-Rotation bei Roto Bei der Roto Dach- und Solartechnologie gibt es einen Wechsel an der Spitze der Vertriebsgesellschaft. Michael Marien übernimmt ab sofort die Gesamtverantwortung für den Geschäftsbereich Columbus Treppen international. Der bisherige Geschäftsführer von Columbus in Deutschland, Markus Röser (Foto), tritt Mariens Nachfolge als Geschäftsführer Deutschland bei der Dach- und Solartechnologie GmbH an. „Mit 20 Jahren Führungserfahrung hat Michael Marien einen wertvollen Beitrag geleistet, um Roto in Deutschland zu einer festen Größe im Markt zu machen“, sagt Vorstand Christoph Hugenberg. „Wir freuen uns sehr, dass er sich um die Weiterentwicklung unseres Geschäftsbereichs Columbus kümmern und seine Expertise einbringen wird.“ In Markus Röser sieht Hugenberg die richtige Besetzung für Roto in Deutschland: „Markus Röser ist eine Führungspersönlichkeit und ein erfahrener Manager. Er wird helfen, neuen Schwung in unsere Wachstumsstrategie zu bringen.“ bb Foto: Roto

D

er Mann will, dass es vorangeht. Schon als Jugendlicher war er Motorradfan, irgendwann konnte er sich dann „den Traum erfüllen“ und sich eine Harley-Davidson kaufen. Noch heute gehört er einem Club von motorradbegeisterten Messemanagern an, den „Fair Angels“. Doch nicht nur auf zwei Rädern soll es bei Ulrich Kromer von Baerle, seit 2001 Geschäftsführer der Landesmesse Stuttgart, vorangehen. Auch im „Hauptberuf“ als Sprecher der Geschäftsführung will er den Blick nach vorn richten. So kann er für dieses Jahr bereits zwei neue Messen ankündigen: Die Elect, eine Veranstaltung zum Thema Elektromobilität Anfang Oktober und die Cast Forge, die bereits im Juni ihre Pforten öffnet. Diese Fachmesse für Gussund Schmiedeteile bietet nach den Worten von Kromer den Herstellern erstmals eine eigene Plattform, um ihre vielfältigen Guss-Produkte zu präsentieren. Bis jetzt haben sich 150 interessierte Aussteller gemeldet. Das füllt eine Halle und Kromer räumt ein, dass es sich bei dieser neuen Messe um ein Experiment handelt. Die Ausstellerzahl übertreffe allerdings die Erwartungen. Auch im Ausland werden die Aktivitäten erweitert: Ende November veranstalten die Messemacher von den Fildern in Teheran die Bäckereifachmesse Ibex, auf der unter anderem Maschinen zum Rühren und Kneten gezeigt werden. Insgesamt ist die Stuttgarter Messe in 52 Ländern aktiv. Das Engagement im Ausland zahlt sich auch für die Messen zu Hause aus: Ein Viertel der Aussteller und zehn Prozent der knapp 1,3 Millionen Besucher des vergangenen Jahres kamen aus dem Ausland. Gerade Jahre sind gute Jahre für die Stuttgarter Messe: Dann gibt es turnusmäßig traditionelle Großveranstaltungen wie die AMB, eine Ausstellung für die Metallbearbeitung. Dazu kommt schon Ende Februar die nur alle drei Jahre stattfindende Messe Rollladen und Tore (R+T). In geraden Jahren ist das Messegelände praktisch ausgebucht. Platz gibt es nur noch, um kleinere Präsentationen einzuschieben. „In ungeraden Jahren könnte aber noch die eine oder andere Messe untergebracht werden“, meint Kromer von Baerle. Für das neue Geschäftsjahr steuert Kromer wieder auf einen Rekord zu. „Nie zuvor war der Veranstaltungskalender so gut gefüllt“, sagt Stuttgarts oberster Messemanager. Er rechnet mit 24 000 Ausstellern und will einen Umsatz von 170 Millionen Euro erzielen – eine Steigerung um 40 Millionen gegenüber 2017, das allerdings ein ungerades Jahr mit weniger großen Ausstellungen war. Der Ertrag vor Pacht und Ertragsteuern soll von 17 Millionen Euro auf 33 Millionen Euro steigen. Pacht muss die Messe bezahlen, weil Gebäude und Gelände nicht der Betreibergesellschaft, sondern einer eigenen Immobiliengesellschaft gehören. Deren Eigentümer aber sind dieselben wie die der Betreibergesellschaft: das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart. Ihre Pforten hat die Messe auf den Fildern 2007 geöffnet. Zuvor hatte es heftige Auseinandersetzungen gegeben: Bauern fürchteten um ihre Äcker, auch Kommunalpolitiker wandten sich strikt gegen das Projekt. Doch zehn Jahre nach der Eröffnung ist der Protest weitgehend verstummt. Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt werben heute mit der Messe, wenn sie sich als Wirtschaftsstandort profilieren wollen. Im Januar wurde Halle 10, die Paul-Horn-Halle, eröffnet, die Hallenfläche wuchs um rund 15 000 Quadratmeter auf 120 000 Quadratmeter – voran geht es nicht nur auf Kromers Harley-Davidson.

Foto: Solar Cluster

Der Sprecher der Geschäftsführung der Landesmesse Stuttgart schätzt klare Worte und eindeutige Pos itionen.

Franz Pöter (42) ist seit 1. Februar der neue Geschäftsführer des Solar Cluster Baden-Württemberg. Er folgte auf Carsten Tschamber, der in die Solarwirtschaft gewechselt ist. Das Solar Cluster vertritt seit Ende 2012 die Interessen von rund 45 Mitgliedern, neben Industrie und Handwerk der Solarbranche auch Energieunternehmen, Forschungsinstitute und Stadtwerke. Pöter war zuvor von 2008 bis Januar 2018 Referent für Umweltschutz beim Landesverband BadenWürttemberg des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). bl

Messemacher

Wirtschaft in Baden-Württemberg  
Wirtschaft in Baden-Württemberg