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Wirtschaft tschaftt in Baden-Württemberg

Ausgabe 4 | 2017

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Bauindustrie im Fokus Es sind vor allem mittelständische Betriebe, die die Branche im Land prägen. SEITEN 1–6

Wirtschaft & Erfolg Der Zeitdruck überfordert auch viele Manager. Manchmal hilft es, das Handy auszuschalten. SEITE 7

Wirtschaft & Region

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Im erfolgsverwöhnten Kreis Ludwigsburg stehen Firmen vor einem tiefen Strukturwandel. SEITE 25

Der Zukunft ein Zuhause bauen Über der Branche lacht die Sonne, Umsätze und Mitarbeiterzahlen steigen. Eines der größten Probleme ist der Mangel an Fachkräften. Und es geht um mehr als um Bagger und Baukräne: Wie gebaut wird, das entscheidet, wie wir leben. Von Ulrich Schreyer Bauwirtschaft

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ie Bauwirtschaft boomt. Etwa 95 000 Mitarbeiter sind auf den Baustellen im deutschen Südwesten tätig, so viele wie schon lange nicht mehr. Und es könnten noch mehr sein – so sie denn zu finden wären. Der Mangel an Fachkräften ist derzeit das größte Problem der Branche – im Bund, aber natürlich auch im deutschen Südwesten. Vorsichtig gerechnet kann die Bauwirtschaft im Südwesten nach Schätzungen von Dieter Diener, dem Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, in diesem Jahr von einem Umsatzplus zwischen drei und vier Prozent ausgehen – rechnet man die leicht steigenden Preise dazu, wäre das Wachstum noch ein bis zwei Prozent höher. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie in Berlin wagt sogar schon eine Prognose für das kommende Jahr: Nominal, also mit Preissteigerungen, werde der Umsatz im kommenden Jahr um 5,5 Prozent zunehmen. Die Bauwirtschaft wächst damit deutlich schneller als die Gesamtwirtschaft. Eine Branche, die lange als Sorgenkind galt, wird zur Konjunkturlokomotive. „Nächstes Jahr werden wir die Marke von 800 000 Beschäftigten knacken“, sagt

ein Sprecher des Hauptverbandes. Der Wohnungsbau gilt als Treiber der Branche, besonders erfreulich aber ist, dass der Bau von Fabrikhallen und Büros wieder anzieht – dies deshalb, weil solches ein Hinweis auf ein ganz allgemein steigendes Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung ist, also weit über den Bau hinausreicht. Auch der Staat gibt wieder mehr Geld für Schulen und Straßen aus – nach Meinung von Diener aber noch nicht genug: „Der Verschleiß ist immer noch höher als die Investitionen“, sagt der Hauptgeschäftsführer beim Bauwirtschaftsverband im Südwesten. Doch so positiv sich die Entwicklung auch darstellt – ganz sorgenfrei sind die Herrscher über die Baustellen zwischen Kiel und Konstanz nicht: Neben dem Facharbeitermangel drücken steigende Deponiepreise auf das Gemüt, auch die Zahl der Unternehmen dürfte weiter zurückgehen – auch weil es zu wenig Interessenten für die Übernahme von Betrieben gibt. Bauen – das ist mehr, als Erdlöcher buddeln oder Häuser, Bürokomplexe und Fabriken hochziehen. Bauen entscheidet darüber, wie wir unsere Umwelt gestalten –

und welchen Respekt wir den Bauherren der Vergangenheit zollen. Oft treten hier Konflikte zutage – etwa zwischen dem Versuch, möglicht schnell und billig zu bauen, und den Anforderungen des Denkmalschutzes. Für „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ zählt deshalb auch der Leiter des Landesdenkmalamtes zu den Machern am Bau. Und gefragt sind natürlich auch die Architekten. Streiten kann man über die derzeitige Mode, möglichst jedem Haus ein Flachdach zu verpassen – doch dass Industriebauten sich weiterentwickelt haben und nicht mehr jede neue Fabrik wie ein übergroßer Schuhkarton aussieht, ist erfreulich. Und schließlich geht es am Bau um mehr als einzelne Gebäude – in einem Interview wird deshalb auch der Frage nachgegangen, wie wir unsere Städte gestalten. Der Psychologe und Kulturkritiker Alexander Mitscherlich entfachte mit seinem Buch über „Die Unwirtschaftlichkeit unserer Städte“ in den sechziger Jahren eine lebhafte Diskussion darüber, wie eine Stadt sein sollte, in der die Bürger gerne leben. Genau darum geht es auch heute noch.

Spagat zwischen online und stationär Wie lassen sich die Möglichkeiten des Online-Handels auch in stationären Geschäften nutzen? Und wo ist die Verknüpfung dieser Kanäle überhaupt sinnvoll? Das ist das Schwerpunktthema von Ideenwerk BW in dieser Ausgabe. Wir präsentieren mit

Ameria und Loadbee zwei Startups aus Baden-Württemberg, die sich an diesem Spagat versuchen, und haben mit einer Handelsexpertin gesprochen. In der Standort-Serie geht es nach Sigmaringen, wo es trotz Millionen-Fördergeldern nicht einfach ist, einen Anlaufpunkt für Startups zu etablieren. Und wir präsentieren einen Rechtsanwalt aus Reutlingen, der mit einer Internetplattform die Vermittlung von Juristen aufmischt. age Startup-Schwerpunkt auf den SEITEN 21–24


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Inhalt Interview

„Kinder müssen sich erinnern“ Stadtplaner Karl Haag zur Problematik, Baugebiete und Stadtquartiere menschengerecht zu entwickeln. SEITE 3

Bauwirtschaft

Fachkräfte fehlen Außer mit dem Mangel an qualifizierten Kräften kämpft die Branche auch mit der Deponieknappheit. SEITE 5

Konjunktur

Der Bauboom hält an Wohnungsbau ist der Motor, doch auch der Staat baut. Aber die Investitionen hinken dem Verschleiß hinterher. SEITE 6

Zeitmanagement

„Plauschen statt verbissen warten“ Zeitberater Jonas Geißler rät dazu, angesichts der Informationsflut Handy und PC mal auszuschalten. SEITE 7

Bildungsurlaub

Fünf Tage frei für neue Horizonte Das umstrittene Gesetz kommt auf den Prüfstand. Im Koalitionsvertrag ist eine Evaluierung vorgesehen. SEITE 8

Management

Kompromiss statt Kündigung Mit Änderungskündigungen ist oft mehr zu erreichen, meint die Fachanwältin Simone Wernicke. SEITE 10

Management

Claus Wolf

Albert Dürr

Der Denkmalschützer

Der Unternehmer

„Unsere Mitarbeiter verstehen sich als ‚Anwälte des Denkmals‘ – wenn wir es nicht wären, wer soll es denn sonst sein“, fragt Claus Wolf (58), der Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg. Der promovierte Archäologe, der seit vielen Jahren auch Studenten im deutschen wie im schweizerischen Freiburg unterrichtet, hebt die Rolle des Denkmalschutzes im Südwesten hervor: Dieser habe hier – im Gegensatz zu manchem anderen Bundesland – Verfassungsrang. Um die rund 90 000 Baudenkmäler sowie weitere 60 000 archäologische Denkmäler zu schützen, wird die im Regierungspräsidium Stuttgart angesiedelte Behörde früh-

zeitig über Bauvorhaben informiert. So geschehen auch im Vorfeld einer 18-monatigen archäologischen Grabung in Reutlingen. Bevor mit dem Bau des „Katharinenhofs“ begonnen werden konnte, wurde zunächst exakt dokumentiert, welche Überreste des spätmittelalterlichen Reutlingens noch unter der Erde schlummern. Im Fall des Ravensburger Humpis-Quartiers seien mittelalterliche Gebäude sogar in ihren Ursprungszustand zurückversetzt und in ein Museum zur Stadtgeschichte verwandelt worden, schwärmt der gebürtige Sigmaringer. Der wichtigste Faktor – noch vor dem Geld – sei stets die Zeit, sagt der oberste Denkmalschützer im Land. tht

Was haben das Rathaus in Leonberg, ein Hochwasserrückhaltebecken im Remstal und die Brücke „Rotes Steigle“ über die A 8 gemeinsam? Für alle drei Projekte war das Stuttgarter Bauunternehmen Wolff & Müller (W&M) verantwortlich. Albert Dürr, Jahrgang 1975, führt den Spezialisten für Hochund Tiefbau in dritter Generation. Als Gesellschafter sind er und seine Mutter Doris für rund 2000 Mitarbeiter an bundesweit 27 Standorten verantwortlich. Sein Großvater Gottlob Müller hat das Familienunternehmen 1936 gegründet. Dass es eines Tages in die vierte Generation übergeht, würde Albert Dürr zwar freuen, sagt der Vater einer siebenjährigen Tochter

und eines dreijährigen Sohnes. Dies sei freilich noch nicht abzusehen: „Die Kinder müssen das irgendwann selbst entscheiden, das war bei mir nicht anders“, erinnert sich Dürr. Der promovierte Diplom-Kaufmann engagiert sich über seine Arbeit im Familienbetrieb hinaus im Bundesvorstand des Wirtschaftsrats Deutschland und ist Präsident des Deutschen Instituts für Normung (DIN). Nachhaltigkeit hat im Unternehmen einen hohen Stellenwert, W&M wurde mehrfach dafür ausgezeichnet. Dürr versteht darunter vor allem CO2-neutrales und ressourcenschonendes Bauen. Zudem engagiert er sich gegen Schwarzarbeit. tht

„Auf Zeit spielen rächt sich oft“ Der Motivationstrainer und Ex-Welt-Schiedsrichter Markus Merk plädiert für mehr Entscheidungsfreude. SEITE 11

Sonderthema

Tagungen und Kongresse

Akteure in einer vielfältigen Branche Die Bauindustrie ist überwiegend kleinteilig strukturiert und weist vom Denkmalschützer über politische Entscheidungsträger und Architekten bis hin zu den Unternehmern viele unterschiedliche Profile auf.

Porträts

Statt Häppchen Bits und Bytes SEITEN 16, 17

Porträt

Der Unbeirrbare Am Anfang verlacht, ist Rudolf Bühler mit seinem Konzept, auf Regionales und Bio zu setzen, erfolgreich. SEITE 18

Schuldenbremse

Zusammenbruch und Depression drohen Fotos: Andreas Labes, dpa, RPS/LAD, StZ (2)

Ökonom Carl Christian von Weizsäcker fordert höhere Neuverschuldung zur Sicherung der Stabilität. SEITE 19

Handel im Wandel

Brückenbauer von online zu offline Startups haben Konzepte entwickelt, wie sich ein digitales Erlebnis auch im Laden realisieren lässt. SEITEN 22, 23

IT-Spezialisten

Liza Heilmeyer

Dieter Diener

Tilman Petters

Die Architektin

Der Lobbyist

Der Baubürgermeister

An ihrem Beruf als Architektin reizt Liza Heilmeyer in allererster Linie die Vielseitigkeit. „Es werden verschiedene Disziplinen gebündelt“, sagt die gebürtige Freiburgerin, die nach Stationen in den USA und Großbritannien 2005 an ihren Studienort Stuttgart zurückgekehrt ist und mit ihrem Mann Stephan Birk ein Architekturbüro gegründet hat. Mittlerweile um den dritten Partner Martin Frenzel ergänzt, beschäftigt das mehrfach preisgekrönte Büro heute 20 Mitarbeiter. Auch die Projekte sind vielfältig: In Stuttgart plant Heilmeyer, Jahrgang 1975, den Neubau einer inklusiven Schule der Nikolauspflege, an der blinde und sehbehinderte Kinder zusammen mit Kindern ohne Einschränkungen lernen. Im hessischen Weimar an der Lahn hat ihr Büro jetzt den Wettbewerb für das Eingangsgebäude eines archäologischen Freilichtmuseums gewonnen. Den schwierigen Weg, über erfolgreiche Wettbewerbsentwürfe an Aufträge zu kommen, teilen Liza Heilmeyer und ihre Kollegen mit vielen anderen freien Architekten. Die Mutter von zwei sieben und zehn Jahre alten Söhnen scheut den Wettstreit aber keineswegs, sondern schätzt ihn sogar, auch wenn manche gute Idee am Ende im Papierkorb landet. tht

Der gebürtige Stuttgarter kennt nicht nur das Brummen eines Baggermotors. Gerne nämlich hört Dieter Diener auch Jazzmusik. Schwere Baumaschinen sind ihm zwar schon von Berufs wegen vertraut, doch um voranzukommen, nutzt er auch gerne ein leichtes Vehikel: Zu seinen Hobbys gehört auch das Radfahren. Der 1954 geborene Diener hat an der Universität Tübingen Jura studiert und ein zweites Staatsexamen abgeschlossen. Zum Bau kam er aber erst etwas später – zunächst war er fünf Jahre lang für den Verband der Metallindustrie Baden-Württemberg tätig. Seit 1987 allerdings ist die Bauwirtschaft sein Metier – und das inzwischen gleich in doppelter Funktion: In Personalunion ist Diener sowohl Hauptgeschäftsführer bei der Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg als auch bei der Bauwirtschaft Baden-Württemberg e. V. Diese ist wie etwa der Fachverband Ausbau und Fassade oder der Fachverband der Stuckateure eines der acht Mitglieder der Landesvereinigung. Die Landesvereinigung spricht für 5000 Unternehmen mit zusammen 75 000 Beschäftigten. Diener vertritt die Interessen der Mitglieder gegenüber der Landespolitik, aber auch auf kommunaler Ebene. ey

Wieso bewirbt sich eine Stadt mit 45 000 Einwohnern als Ausrichter einer Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe, bei der mehr als eine Million Besucher erwartet werden? Weil sie es kann. Der Schwarzwaldort Lahr hat Erfahrung mit großen Besucherzahlen: Jährlich im Herbst kommen bis zu 350 000 Gäste zur Blütenschau Chrysanthema. Die Landesgartenschau vom 12. April bis 14. Oktober 2018 wollen die Verantwortlichen „als Motor für die Stadtentwicklung nutzen“, sagt Lahrs Baubürgermeister Tilman Petters (48). Rund um die Ausstellung habe man Fördertöpfe angezapft: zur Umgestaltung des Bahnhofs, für sozialen Wohnungsbau und ein modernes Stadtmuseum. Auch das Gartenschaugelände, bestehend aus See-, Kleingartenund Bürgerpark, sei nicht nur für sechs Monate, sondern auch für die Zeit danach konzipiert. So werde etwa eine barrierefreie Sporthalle gebaut, die im nächsten Jahr als Blumenhalle dient. Es entstünden auch eine Kita, Spielplätze und Räume für Feiern vom Vereinsfest bis zum Abiball, sagt Petters. Der zweifache Familienvater ist selbst Architekt und Stadtplaner. Seinen Job versteht er so: „Die Stadt ist ein Gebilde, das sich aus den Ansprüchen aller Bürger zusammensetzt.“ tht

Wäscheservice und freie Zeiteinteilung Beim Buhlen um die besten Köpfe lassen sich Firmen vieles einfallen, was früher undenkbar gewesen wäre. SEITE 28

Ludwigsburger Weststadt

Dorado für Kreative In dem Industriegebiet werden alte Hallen aufgemotzt, um ein Ambiente zu schaffen, in dem neue Ideen reifen. SEITE 36

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen „Wirtschaft in Baden-Württemberg“? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mehrfach mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Index Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Anne Guhlich Redaktion Imelda Flaig, Sabine Marquard, Andreas Geldner, Gerhard Bläske, Achim Wörner, Norbert Burkert, Tim Höhn, Akiko Lachenmann Gestaltung/Produktion Bernd Fischer, Alexander Miller, Sebastian Klöpfer, Sebastian Ruckaberle, Alexander Kijak, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11 / 72 05 - 12 11 und 07 11 / 72 05 - 74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Tanja Dehner (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 16 03 E-Mail: anzeigen@wirtschaft-in-bw.de Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11 / 72 05 - 0

Personen Bipp, Tanja 14 Birk, Stephan 2 Boucsein, Reiner 25, 27 Breiski, Jörg 15 Bühler, Rudolf 18 Deicke, Alexander 24 Diener, Dieter 2, 5 Dürr, Albert 2 Freudenmann, Andreas 18 Geißler, Jonas 7 Götting, Jela 15 Grillido 21 Haag, Karl 3 Haas, Rainer 25 Heilmeyer, Liza 2 Heinisch, Ralph 18 Hildenbrand, Werner 18

Hörner-Marass, Eckh. 18 Hoffmann, Claus-Dieter 18 Hoffmeister-Kraut, N. 8 Jahn, Andreas 18 Junker, Christian 23 Kazmaier, Uwe 15 Kirchner, Jonas 34 Knothe, Björn 15 König, Birgit 9 Krauss, Katharina 21 Leibinger-Kammüller, N. 27 Mack, Andreas 12 Maier, Max 36 Manz, Dieter 18 Mast, Thomas 12 Meidert, Moritz 21 Merk, Markus 11 Metter, Albrecht 23 Mombauer, Marc 23

Mutschler, Dierk 15 Nink, Marco 14 Petters, Tilman 2 Preisshofen, Rainer 15 Ruth, Joachim 8 Schröder, Michael 3 Schulte, Heinz-Werner 26 Spec, Werner 25, 28 Stüber, Eva 21 ter Woort, Andreas 21 Tidelski, Olaf 9 Trost, Armin 14 von der Sahl, U.-B. 18 Weber, Alfred 28 Weleda 18 Wernicke, Simone 10 Wolf, Claus 2 Zehner, Klaus 18 Zoeller, Christoph 24

Firmen/Organisationen

Allianz 9 Ameria 23 Arbeitgeberverb. B.-W. 8 Axiom 24 Bäuerl. Erzeugerg. SHA 18 Bethmann Bank 12 Börse Stuttgart 18 BMW 15 Borg-Warner 27 Bosch 15, 18, 25, 28 Comatech 24 Daimler 15 Deutsche Bank 12 DGB 8 Division One 15 Drees & Sommer 15 Dürr 25

Gallup 14 General Electric 15 GM Europe 9 Hahn und Kolb 35 Hengstenberg 18 Hensche Rechtsanw. 10 IFH Köln 21 IHK Ludwigsburg 25, 35 ING Diba 18 InnoCamp Sigmaringen 21 Kienbaum 15 K11 Consulting 24 Kreisspark. Ludwigsb. 26 Lapp 26 Legalhead 24 Loadbee 23 Mann und Hummel 25, 28 Manpower 24 Manz 18

Metro 9 Nordex 9 Pixelcloud 34 Porsche 28 Prognos 25 School of Entrepren. 21 Software AG 9 SV SparkassenVers. 18 Thales 25, 35 Trumpf 25, 27 times and more 7 Umweltminist. B.-W. 5 Universität Cambridge 24 Universität Würzburg 14 Valeo 27 von Weizsäcker, Carl C. 19 Wick & Partner 3 Wolff & Müller 2 Wolters Kluwer 24


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

„Kinder müssen sich erinnern“ Die Wohnansprüche wachsen, Bauland wird knapper, die Vorschriftenflut steigt. Der Anspruch, allen gerecht zu werden, stellt den Stadtplaner Karl Haag täglich vor Herausforderungen. Interview

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er Architekt kümmert sich um Gebäude, der Verkehrsplaner um Schienen und Straßen und der Grünplaner um Grünflächen. Ein Stadtplaner dagegen muss alles gleichzeitig im Blick haben. Dafür muss er integriert denken und für alle anderen Disziplinen Verständnis haben. Das ist nicht immer so einfach, denn hinter manchen Argumenten steht pures Eigeninteresse.

Was unterscheidet eine Quartiersentwicklung in der Großstadt von einer im Gäu? Die wichtigste Frage ist, wie die neue Nutzung zur Gesamtstadt steht. Während sich in Wachstumsräumen wie Stuttgart, Heilbronn oder Ulm salopp gesagt alles verkaufen lässt, muss man in einem stagnierenden Raum viel genauer auf die lokalen Bedürfnisse schauen. Ein Beispiel: Zu uns kam eine Albgemeinde, die ein neues Wohngebiet mit verdichteter Bauweise plante. Sie hatten nette Reihenhäuser vorgesehen, doch niemand interessierte sich dafür. Wir haben zweigeschossige Gartenhofhäuser entwickelt, die man einfach individualisieren kann und die nur an einer Seite an die Grundstücksgrenze stoßen. Damit haben wir die Wünsche getroffen: Die Bauherren dort wollten – wenn schon weit draußen – ein Haus, das als Einfamilienhaus wahrnehmbar ist, und nicht ein Stück von einem städtischen Reihenhausblock. „Wenn der GewerbeMan muss die Wünsche der Menschen herausfinden. standort in Bezug zum

Was ist in einem Ort mit vielen Touristen? Da muss ich natürlich auch deren Bedürfnisse berücksichtigen, darf aber darüber niemals die Bewohner vergessen. Eine Verkehrsführung zu einem neuen Museum muss so sein, dass Besucher bequem hinfinden und Bürger so wenig wie möglich gestört werden. Oder der Pflasterbelag einer historischen Innenstadt: Er muss nicht nur zum Ensemble passen und auf Touristenfotos gut aussehen, sondern auch für Stadtbewohner mit Rollator oder Kinderwagen funktionieren. Wer hat den größten Einfluss auf Ihre Planung: Bürger, Gemeinderat oder Investoren? Einfluss auf die Planung hat zunächst mal keiner. Wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir denken sollen. Wir suchen gute Lösungen für ein Planungsproblem und lassen uns dabei nicht vereinnahmen von irgendeiner Seite. Überzeugen lassen wir uns schon – von guten Argumenten. Ohne Bürgerbeteiligung geht es nicht, denn jede Planung berührt Individualinteressen. Das neue Wohngebiet, das dem einen Räume schafft, bringt dem anderen mehr Verkehr und weniger Freiflächen. Deshalb muss man zeigen, welche positive Wirkung eine Planung mittelfristig hat und wie man negative Folgen minimieren oder ausgleichen will. Und man muss rechtzeitig sagen, was man vorhat. Wenn Bürger erst beteiligt werden, wenn schon alles entschieden ist, fühlen sie sich nicht wirklich ernst genommen und gefragt. Die Kommunalpolitik als Auftraggeber formuliert selbstverständlich die Zielvorgaben.

Wohngebiet schlecht Wie bekommen Sie ein Gefühl, gewählt ist, muss man auch wie eine Stadt tickt? Wer kostet mehr Nerven: Umweltschützer, Wir schauen nach dem Cha- Denkmalschützer oder Besitzstandswahrer? mal unbequem werden.“ Karl Haag, Stadtplaner

rakter der Stadt oder Gemeinde. Erst einmal lesen wir die Statistik, denn die ist auch fürs Planungsrecht wichtig. Das fängt an bei der Bevölkerung, von Alter über Bildung bis Herkunft, geht weiter über Arbeitsplätze und Infrastruktur bis hin zu Bausubstanz und Struktur: Ist es ein Haufen- oder Straßendorf, eine Barockstadt, eine Stadt des Mittelalters oder eine Weinbaugemeinde. Um hinein zu spüren, bin ich mehrmals vor Ort, bevor wir mit der konkreten Planung beginnen. Am Wochenende fragt meine Frau schon immer: „Wo müssen wir diesmal spazieren gehen?“ Das hilft sehr, wenn wir in einem Gemeinderat die Planung vorstellen und einer fragt, ob ich denn eine Ahnung habe, wie der Verkehr am Wochenende tobt oder wie zugeparkt die Innenstadt ist. Dann kann ich guten Gewissens sagen: „Ja. Und Folgendes ist mir auch noch aufgefallen . . .“

Wer ist am wichtigsten für den Planer: Bewohner, Besucher oder Beschäftigte? Am wichtigsten sind die Bewohner. Wenn ich ein Wohngebiet plane, muss es so aussehen, dass die Kinder sich später daran erinnern. Sie müssen dort prägende Erlebnisse haben können, dafür brauchen sie Spielplätze und ein Stück Natur mit Wald oder Bach oder Wiese. Bei uns gilt der Grundsatz, dass immer ein unverwechselbarer Freiraum in einem Quartier geschaffen werden muss. Gewerbegebiete brauchen übrigens auch Grünzüge, damit die Beschäftigten ihre Mittagspause ausleben können. Gleichzeitig muss der Lieferverkehr für die Firmen reibungslos und für die Anwohner möglichst unbemerkt laufen. Das Schwierigste bei der Planung von Gewerbeflächen sind die Emissionen und der Umgang damit. Da sind wir als Stadtplaner gefragt, frühzeitig auf Probleme hinzuweisen. Wenn der Standort im Bezug zum Wohngebiet schlecht gewählt ist, muss man auch mal unbequem werden und Alternativen überlegen. Diese Verantwortung haben wir in unserer Rolle als Berater.

Nerven dürfen die alle nicht kosten, denn sie haben ja berechtigte Interessen. Aber die schwierigsten sind tatsächlich die Besitzstandswahrer. Deren Motivation und Argumentation sind leider selten ehrlich. Meist ist es nur der Deckmantel für eigene Interessen. So etwas ärgert mich. Der Wohnflächenbedarf steigt und Bauland wird knapp, dem Leerstand auf dem Land steht die Ballung in den Städten gegenüber, außerdem verstopfen Pendlerströme die Straßen und verpesten die Luft. Was davon ist in Baden-Württemberg ein Problem? Alles. Der steigende Wohnflächenbedarf ist zwar ein Luxusproblem, aber existent. In Stuttgart stellen die Singlehaushalte die größte Gruppe. Da hilft Bauen allein nicht, wichtiger ist, bedarfsgerecht zu planen und mit den Ressourcen schonend umzugehen. Für strukturschwache Gegenden muss man ausloten, was deren Stärken sind – das kann der Freizeitwert sein, die Ruhe oder der Freiraum für Kinder – und diese Qualitäten ausspielen. Und Pendlerströme bekommt man nur mit einem funktionierenden, gut ausgebauten ÖPNV in den Griff. Deshalb hat sich die Region Stuttgart ja die Siedlungsentwicklung entlang der Schienentrassen vorgenommen. Die viel gepriesene Nachverdichtung stört Altbewohner. Gibt es Rezepte gegen Frust? Ja. Man darf niemals ein neues Wohngebiet über ein bestehendes erschließen und den bisherigen Bewohnern den ganzen Verkehr aufbürden. Stattdessen muss man mit jeder Neuentwicklung auch etwas Positives für die Altbewohner schaffen. Wenn ich beispielsweise am Siedlungsrand ein neues Wohngebiet erschließe, kann ich dazwischen Grünflächen setzen, die beiden Seiten nutzen. Oder die Infrastruktur für alle verbessern, mit einer neuen Busanbindung oder einem Kindergarten. Und ich muss die Menschen vorher überzeugen, dass ich als Stadtplaner alles tue, um das Vorhaben für alle so verträglich wie möglich zu gestalten. Das Gespräch führte Bettina Bernhard.

ZUR PERSON Karl Haag Schon bei seinem Architekturstudium in Braunschweig und Stuttgart interessierten ihn die städtebaulichen Zusammenhänge. Seine Diplomarbeit beschäftigte sich folgerichtig mit einem im Umbruch befindlichen City-Rand-Gebiet in Stuttgart. Karl Haag ist Mitglied des Bundes Deutscher Architekten, der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung und der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. 2016 wurde er in den Gestaltungsbeirat

der Stadt Filderstadt berufen. Haag wirkt als Preisrichter bei Wettbewerben und berät Kommunen bei Fragen der städtebaulichen Entwicklung. Planungsbüro Mit dem Planungsbüro Wick + Partner Architekten Stadtplaner, welches Karl Haag seit 1984 als freier Architekt und Stadtplaner, seit 2007 zusammen mit seinem Partner Michael Schröder, betreibt, bearbeitet er Fragestellungen des Städtebaus. Schwerpunkte sind Stadtentwicklungsplanungen und Quartiersentwicklungen. bb

Integriertes Denken heißt für Stadtplaner Karl Haag, alle Disziplinen im Blick zu haben, und vor allem den jeweiligen Bewohnern oder Nutzern eines Baugebietes gerecht zu werden. Fotos: Lichtgut/Achim Zweygarth


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Mittelständler dominieren die Bauindustrie Die Branche in Baden-Württemberg hat ihren klaren Schwerpunkt im Raum Stuttgart sowie entlang des Rheins. Die meisten Unternehmen dieses Sektors sind eher kleine und mittelständische Betriebe mit relativ wenigen Beschäftigten, die vor allem lokal tätig sind. Größere Konzerne hat das Land nur wenige aufzuweisen. Von Gerhard Bläske

Konzentration

Baugewerbe in den Regionen Baden-Württembergs Baugewerblicher Umsatz 2016 in Millionen Euro unter 600 600 bis 800 800 bis 1000

Rhein-Neckar

1000 und mehr 597 1050

Baugewerbe in Baden-Württemberg 2016

Heilbronn-Franken

8172

Zahl der Betriebe (insgesamt: 7141)

655

Umsatz in Millionen Euro (insgesamt 14,3 Milliarden Euro)

758

Mitarbeiter (insgesamt Ende Juni: 95 637) 11 341

Mittlerer Oberrhein Region Stuttgart

554

Ostwürttemberg

1405

293

3807

575

18 557

3913

1364 10 606 Nordschwarzwald 433 515 4195

Neckar-Alb 500 767

Südlicher Oberrhein 5835

791

Donau-Iller 1413

395

10 168

867 6167

Schwarzwald-Baar-Heuberg 438 664 4893 BodenseeOberschwaben 607 Hochrhein-Bodensee

Hochrhein-Bodensee 886

473 6224 679 5548

StZ-Grafik: Manfred Zapletal

Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg


Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Fachkräfte fehlen Die Bauwirtschaft boomt. Dennoch steht nicht alles zum Besten. Der Branchenverband in Baden-Württemberg warnt vor immer neuen Vorschriften, die das Bauen ständig teurer machen. Von Sabine Marquard Perspektive

Foto: Paul Fleet/Adobe/Stock

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ie Bauwirtschaft kämpft derzeit vor allem mit zwei Problemen: mit der Deponieknappheit, die sich durch neue Auflagen noch verschärfen dürfte, und dem gravierenden Fachkräftemangel. Die neue Mantelverordnung, die den Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen erstmals bundeseinheitlich regeln wird, rückt näher. Die Verordnung, die auf eine EU-Richtlinie zurückgeht, hat zum Ziel, Böden und Gewässer besser zu schützen. „Dass wir die Umwelt schützen müssen, ist unbestritten“, sagt Dieter Diener. Doch den Hauptgeschäftsführer des Verbands Bauwirtschaft Baden-Württemberg ärgert, dass die Bundesregierung die Richtlinie nicht einfach umsetzt, sondern sie deutlich verschärft hat. Deshalb treibt ihm das Thema Sorgenfalten auf die Stirn. Sollte die Mantelverordnung ohne wesentliche Korrekturen das Gesetzgebungsverfahren durchlaufen, schätzt Diener, dass sich die Menge der belasteten Abfälle, die auf Deponien zu entsorgen sind, verfünffachen wird, weil die strengen Vorgaben die Recyclingmaßnahmen für Bau- und Abbruchabfälle stark einschränken. Immer mehr solche Baumasseabfälle müssten also deponiert werden. Heute werden etwa 90 Prozent der mineralischen Bauabfälle wiederverwertet, so Diener. „Diese Quote wird massiv nach unten gehen.“ Die Folge sei, dass Deponien viel schneller voll werden. Mineralische Abfälle, das sind Boden und Steine, Straßenaufbruch, Bauschutt und Baustellenabfälle. Belastete Abfälle müssen deponiert werden und die Stadtund Landkreise sind verpflichtet, dafür Deponien zu errichten, die zehn Jahre ausreichen. Schon jetzt seien viele Deponien an ihrer Kapazitätsgrenze und neue würden in den Landkreisen nicht ausgewiesen. Der Grund liegt für Diener auf der Hand: Bür-

ger wollen nicht neben einer Deponie woh- in die Deponie kommen“. Das Ministerium nen, weil sie den Lastwagenverkehr fürch- sieht allerdings ungeachtet der Mantelverten. Die Deponieknappheit ist laut Diener ordnung durchaus Handlungsbedarf, den es ein bundesweites Problem und die gute aber nicht als dringlich einstuft. Weil die Baukonjunktur habe die Situation ver- Restlaufzeiten der bestehenden Deponien schärft. Selbst wenn ein Standort gefunden im Land sinken, müssten „in naher Zuwird, ist schnelle Abhilfe nicht in Sicht. Bis kunft“ zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden. Untersuchungen häteine neue Deponie in Betrieb ten zudem ergeben, dass „nicht genommen werden kann, ver- „Wir müssen unerhebliche Mengen“ der zu gehen nahezu zehn Jahre. das Bewusstsein deponierenden Abfälle nicht Der Deponiemangel hat schärfen für die im eigenen Kreis deponiert schon heute einen Abfalltouwerden, sondern in andere rismus zur Folge. Fast alle Wertschätzung Kreise transportiert werden. Landkreise in den Ballungs- der Mitarbeiter.“ Das Bundeskabinett hat die räumen nehmen nur Aushub- Dieter Diener, Bauwirtschaft Mantelverordnung bereits bematerial an, das auf ihrem Ge- Baden-Württemberg schlossen. Noch im Sommer biet anfällt. Erdaushub wird soll sie den Bundestag und den deshalb Richtung Bodensee, nach Rheinland-Pfalz oder Bayern ge- Bundesrat passieren. „Wir haben sehr mit bracht. Zudem haben einige Kreise die De- Argumenten dagegengehalten“, sagt Dieponiegebühren kräftig erhöht. Diener ner. Ob es geholfen habe, das Schlimmste rechnet vor: Für ein Einfamilienhaus mit abzuwehren, bleibe jedoch fraglich. Auch an anderer Stelle drückt der 100 Quadratmeter Grundfläche haben sich die Deponiekosten binnen vier Jahren um Schuh. Diener verweist auf höhere Energiestandards bei Neubauten, die einzuhal3600 Euro verteuert. Das baden-württembergische Umwelt- ten sind: „Es kann uns als Bauwirtschaft ministerium hält dagegen. Die Mantelver- nicht egal sein, wenn Bauen so teuer wird, ordnung sei zu begrüßen, weil damit „erst- dass es sich niemand mehr leisten kann.“ mals eine bundesweit einheitliche Rege- Problematisch ist auch der sich verschärlung für das Bauschuttrecycling und die fende Fachkräftemangel. Ausdruck dafür Verwertung von Bodenmaterial geschaffen ist nach Einschätzung des Hauptgeschäftswerden soll“. Dass durch die neue Regelung führers, dass sich Firmen gegenseitig qualikünftig massiv mehr deponiert werde, be- fizierte Mitarbeiter wie Poliere oder Vorfürchtet das Ministerium nicht. Man habe arbeiter abwerben. Innerhalb von zehn die Auswirkung der Mantelverordnung auf Jahren sei die Abwerbequote von einem auf das Land untersuchen lassen mit dem zwölf Prozent gestiegen. Abzulesen werde Ergebnis, dass bei den Bauabfällen „keine die Verknappung qualifizierter Kräfte auch nennenswerten zusätzlichen Deponie- an der Lohnentwicklung sein. „Die Löhne bedarfe entstehen“. Die neuen Regelungen werden steigen“, erwartet Diener. Laut Konjunkturumfrage des DIHK seentsprächen „materiell weitgehend den in Baden-Württemberg bislang geltenden An- hen 70 Prozent der Bauunternehmen in forderungen“. Nur beim Verfüllen von Gru- Deutschland im Fachkräftemangel das ben mit Erdaushub könne es „in Teilberei- größte Risiko für ihre wirtschaftliche Entchen zur Verschiebung von der Verfüllung wicklung, im Tiefbau sind es sogar 74 Pro-

zent. Deutschlandweit gehen in den nächsten zehn Jahren 80 000 Mitarbeiter der Baubranche in den Ruhestand. „Wir hoffen, dass wir durch die Digitalisierung, die Abläufe verbessern wird, die Lücke teilweise schließen können“, sagt Diener. Die Branche dürfe nichts unversucht lassen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Dazu gehöre auch, die Ausbildungsanstrengungen zu verstärken. Die Bereitschaft, Flüchtlinge zu beschäftigen, sei groß. Was den Fachkräftemangel betrifft, steht die Bauwirtschaft erst am Anfang der Entwicklung, befürchtet Diener. Die osteuropäischen Länder, aus denen bisher viele Subunternehmen und damit Mitarbeiter kommen, füllten die Lücke nicht allein, weil in diesen Ländern die wirtschaftliche Entwicklung in Schwung kommt. Der Trend wird nach Einschätzung von Diener bei größeren Bauvorhaben zur lean production gehen, soll heißen, die Prozesse werden verschlankt. Schon heute sei zu beobachten, dass „bei einem Rohbau unten schon die Fenster eingesetzt werden, während oben noch betoniert wird“. Auch die Logistik werde sich verändern. Die Anlieferung just in time werde Lager überflüssig machen und die Bauzeit reduzieren. Doch das alles dürfte nicht ausreichen, dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. „Wir müssen – längst nicht nur in der Bauwirtschaft – das Bewusstsein schärfen für die Wertschätzung der Mitarbeiter“, fordert Diener und verweist auf ein großes Problem der Bauwirtschaft: Fünf Jahre nach erfolgreicher Ausbildung finden sich bundesweit 52 Prozent in anderen Branchen wieder. In Baden-Württemberg sind es 42 Prozent – auch das sei deutlich zu viel. „Wir müssen die Leute so begeistern, dass sie uns erhalten bleiben“, sagt Diener. Die schwäbische Devise „ned gschompfa isch globt gnuag“ reicht nicht mehr.

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6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Der Boom am Bau geht weiter Der Wohnungsbau ist der Treiber für die Branche. Auch der Staat gibt mehr aus. Doch bei der Infrastruktur ist der Verschleiß immer noch größer als die Investitionen. Von Ulrich Schreyer

Konjunktur

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enn das nicht vornehme schwäbische Zurückhaltung ist, gibt es keine. „Wir haben keinen Grund zum Pessimismus“, sagt Dieter Diener. Er ist der Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Bauwirtschaft Baden-Württemberg und kann für eine Branche sprechen, über der die Sonne lacht. Das wirtschaftliche Sorgenkind der neunziger Jahre hat das Tal der Tränen längst hinter sich gelassen. Wohnungen werden in einem Ausmaß gebaut wie schon lange nicht mehr, an Straßen und in Tunnels wird gebuddelt und selbst über den Gewerbegebieten zwischen Main und Bodensee kreisen wieder Kräne. Für dieses Jahr rechnet die Bauwirtschaft im Land mit einer Umsatzsteigerung zwischen drei und vier Prozent, preisbereinigt. Die 14,5 Milliarden Euro, die im vergangenen Jahr umgesetzt wurden, würden nochmals deutlich übertroffen, heißt es bei der Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg. Rechnete „Man kann die man Preiserhöhungen mit ein, würde der Umsatz sogar zwiIngenieure nicht schen fünf und sechs Prozent einfach aus dem zulegen. Boden stampfen.“ Bei der Landesvereinigung wird denn auch eingeräumt, die Dieter Diener, Hauptgeschäftsführer Landesvereinigung Bauwirtschaft eigenen Schätzungen seien recht vorsichtig und würden mit einiger Sicherheit übertroffen – gute Perspektiven also auch für die inzwischen wieder rund 95 800 südwestdeutschen Beschäftigten der Branche. Der Hauptverband der deutschen Bauindustrie in Berlin jedenfalls hat erst kürzlich seine Vorhersage für das Umsatzplus im laufenden Jahr von fünf auf sechs Prozent angehoben. Für seine Vorsicht nennt Diener einen Grund: „Wir wissen nicht, wie das Wetter wird“, sagt er beim Ausblick auf den Rest des Jahres. Dafür, dass die Prognose übertroffen wird, gibt es ebenfalls einen Grund – den guten Start ins Jahr. Im ersten Quartal 2017 stieg der Umsatz gegenüber den ersten drei Monaten des Vorjahres um 10,5 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Besonders erfreulich: Der Wirtschaftsbau, also die Errichtung von Fabrikhallen und Bürokomplexen, legte im ersten Quartal gar um mehr als zwölf Prozent zu. Im vergangenen Jahr dagegen war der Wirtschaftsbau mit einem Plus um lediglich 5,9 Prozent auf rund fünf Milliarden Euro beim Wachstumstempo noch das Schlusslicht unter den verschiedenen Zweigen der Branche in Baden-Württemberg. Für deren Hauptgeschäftsführer ist die nun wieder höhere Dynamik nicht nur mit Blick auf den eigenen Verantwortungsbereich erfreulich: „Dass der Wirtschaftsbau an Schwung gewinnt, das ist auch ein Zeichen für das wachsende Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung“, meint Diener. Wohl wahr – wer eine Rezession befürchtet, baut weder Fabriken noch Büros. Der Wohnungsbau, im vergangenen Jahr mit einem Umsatzplus von neun Prozent auf knapp 5,5 Milliarden Euro der große Treiber für die Bauwirtschaft, dürfte kaum an Tempo verlieren: Im ersten Quartal 2017 stiegen im größten Einzelbereich die Umsätze um ebenfalls wieder knapp neun Prozent. Dabei spielt auch die Versorgung von Flüchtlingen mit Wohnraum eine Rolle, die zunehmend aus Massenquartieren wie Turnhallen in bessere „Es gibt ein Problem Unterkünfte umziehen. „Und außerdem haben wir einen homit der Nachfolge bei Betrieben. Und oft findet hen Bedarf im sozialen Wohnungsbau“, sagt Diener. man auch keinen Käufer.“ Bremsspuren könnte es seiner Ansicht nach dagegen bei Dieter Diener zu den Zukunftsaussichten in der Branche besonders teuren Wohnungen geben: „Dort könnten die Renditen irgendwann uninteressant werden“, fürchtet der Hauptgeschäftsführer und rechnet ein Beispiel vor: „Wenn erst einmal drei Millionen Euro für die Erstellung eines Gebäudes investiert werden müssen, das im Jahr 100 000 Euro an Mieteeinnahmen bringt, kann es ein Problem zwischen Einnahmen und Kosten geben.“ Die Kosten dürften das 30-Fache der Mieteinnahmen nicht überschreiten, lautet die Faustregel der Fachleute – zumal nach dem Bau auch laufende Ausgaben et-

wa für die Sanierung von Dächern, das wiederholte Streichen der Fassaden oder den Einbau neuer Heizungen entstehen. Auch der öffentliche Bau, also der Bau von Straßen, Schulen oder Verwaltungsgebäuden, hat in den ersten drei Monaten mit einem Plus von drei Prozent ein sattes Umsatzwachstum erzielt. Es hatte fast die Höhe vom vergangenen Jahr, als ein Plus um etwas mehr als zehn Prozent auf vier Milliarden Euro erreicht wurde. Doch auch wenn der Staat mehr ausgibt – nach Ansicht von Diener reicht dies nicht, um die Infrastruktur auch nur zu erhalten. Im öffentlichen Bau nämlich wird noch immer weniger investiert als abgeschrieben. „Der Verschleiß übertrifft die Investitionen“, so das Urteil des Hauptgeschäftsführers. Doch am Geld allein liegt dies nicht. Selbst wenn der Staat mehr Geld lockermachen würde, könnte nicht genug getan werden: Nach Jahren eines strengen Sparkurses bei der öffentlichen Hand fehlt es an Planungskapazitäten. „Man kann die Ingenieure jetzt nicht einfach aus dem Boden stampfen“, sagt Diener. Zu tun gibt es für die noch immer mittelständisch geprägte Branche genug, der Auftragsbestand liegt bei knapp vier Monaten, der höchste Bestand seit 1991. Beschäftigt werden im Durchschnitt 14 Mitarbeiter. Doch zwei Drittel der etwas mehr als 7100 Betriebe – ein Unternehmen kann mehrere Betriebe haben – beschäftigen weniger als neun Mitarbeiter. Und nur 13 Prozent der Betriebe haben mehr als 29 Mitarbeiter . Doch es sind nicht nur Mittelständler, die sich auf den Baustellen in Baden-Württemberg tummeln: Das größte Bauunternehmen im Südwesten ist das zum österreichischen Strabag-Konzern gehörende Stuttgarter Traditionsunternehmen Züblin – zumal Bilfinger in Mannheim nicht mehr als reines Bauunternehmen eingestuft werden kann. Da Züblin seit 2016 zu 100 Prozent den Österreichern gehört, werden keine eigenen Umsatzzahlen mehr veröffentlicht. 2015 rangierte das Stuttgarter Unternehmen mit einem Umsatz von 3,4 Milliarden Euro aber immerhin noch auf Platz 29 der 50 größten baden-württembergischen Unternehmen. Zum Ende des ersten Quartals 2017 lag der Auftragsbestand mit 5,7 Milliarden Euro um fast 40 Prozent über dem Wert der ersten drei Monate des vergangenen Jahres – auch Züblin profitiert vom Bauboom im Südwesten, holt seine Aufträge aber weltweit herein. Dies zeigen auch die Mitarbeiterzahlen: Insgesamt zählt der Konzern rund 13 800 Beschäftigte. Von den 7600 Mitarbeitern in Deutschland sind 3000 in Baden-Württemberg beschäftigt, davon 2100 am Firmensitz in Stuttgart.. Noch 1977, also vor 40 Jahren, waren mehr als 2200 Mitgliedsunternehmen im Fachverband Bauwirtschaft Baden-Württemberg organisiert – heute sind es nur noch rund 1000. Doch wer den Schrumpfkurs überlebt hat, kann sich inzwischen wieder über durchaus auskömmliche Gewinne freuen: Die Umsatzrendite vor Steuern liegt nach den Angaben des Branchenverbandes zwischen drei und 4,6 Prozent, das Eigenkapital bei 16,7 Prozent der Bilanzsumme. Dies ist allerdings alles andere als ein sanftes Ruhekissen: „In der Mitte wächst der Druck“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft. Ein Teil der Unternehmen werde größer, der Rest möglicherweise kleiner. Dies deswegen, weil sich für so manchen Unternehmer die Frage stelle, ob er etwa zusätzliche teure Fachkräfte beschäftigen solle – und damit zwangsläufig zu weiterem Wachstum verdammt wäre. „Da kann sich auch mancher sagen, ich mach nur noch kleinere Projekte“, erklärt Diener. Und noch etwas könnte die Branche verändern – und auch zu einem weiteren Rückgang bei der Zahl der Unternehmen in Baden-Württemberg, aber auch deutschlandweit, führen: Der Mangel an Nachfolgern für die Fortführung einer Firma. „Generell gibt es ein Nachfolgeproblem“, so die Diagnose von Diener, „und häufig findet man für ein Unternehmen keinen Käufer“ – auch deshalb, weil die Kinder sehen, wie die Firma den Vater frisst, und sich selbst ein ähnliches Schicksal ersparen wollten.

Die Baubranche legt zu – vor allem der Wirtschaftsbau floriert, immer mehr Bürokomplexe schießen in die Höhe.

MITARBEITERZAHL UND UMSATZ LEGEN AUCH DEUTSCHLANDWEIT ZU Beschäftigte Nach dem Wiedervereinigungsboom stürzte die deutsche Bauindustrie in eine tiefe Krise. Der höchste Stand bei den Beschäftigtenzahlen wurde 1995 erreicht. Bis zum tiefsten Stand 2009 halbierte sich die Mitarbeiterzahl auf nur noch 700 000 Beschäftigte. Danach ging es wieder aufwärts: Im kommen-

den Jahr will die Branche wieder mehr als 800 000 Mitarbeiter beschäftigen. Mitte der neunziger Jahre waren sogar noch rund 1,4 Millionen Beschäftigte am Bau tätig. Umsatz Für das laufende Jahr rechnet der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie mit einem realen Umsatzplus von

wenigstens vier Prozent, einschließlich der Preissteigerungen sogar mit einem Wachstum um etwa sechs Prozent. Im vergangenen Jahr war der Umsatz nominal um 6,3 Prozent auf 107 Milliarden Euro gestiegen. Für 2018 wird im Moment ein nominales Wachstum von etwa 5,5 Prozent erwartet. ey

Obwohl auch die öffentliche Hand kräftig baut, hapert es immer noch an der Verbesserung der Infrastruktur. Fotos: Lichtgut/Leif Piechowski, Mauritius


Wir Wirtschaft tschaft & Erfolg

Juli 2017

Wirtschaft & Erfolg

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Die Seiten „Wirtschaft & Erfolg“ befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten rund um Karriere und Erfolg – das reicht von Themen aus dem Arbeitsrecht über Fortbildung bis zum persönlichen Porträt.

Private Equity – was Investoren beachten sollten. SEITE 12 Masterstudiengang – Wirtschaftspsychologie an der FOM. SEITE 13 Berufsporträt – wofür ein Chief Customer Officer steht. SEITE 18

7

„Plauschen statt verbissen warten“ Der Soziologe und Unternehmensberater Jonas Geißler empfiehlt Firmen und Managern, Handy, Tablet und Computer einfach einmal auszuschalten und sich nur auf eine Sache zu konzentrieren.

Interview

Wenn die wertvolle Zeit wie Sand zwischen den Händen zerrinnt, ist Innehalten angesagt und Nachdenken darüber, was wirklich wichtig ist. Fotos: Stueckler/Adobe Stock, privat

W

ir treffen uns in einem Café in München. Das Handy liegt vor Jonas Geißler auf dem Tisch. Seine Tochter radelt jetzt heim und soll sich melden, wenn sie zu Hause ist. Obwohl er sich von Berufs wegen mit dem Thema Zeit und ihren Tücken beschäftigt, kennt Geißler die Abhängigkeiten, in die sich Menschen begeben. Er berät ganze Firmen, Abteilungen oder Einzelpersonen, weil sie besser mit ihrer Zeit zurechtkommen wollen. Bevor wir sprechen, verabredet er sich noch schnell zum Volleyball.

Nach dem Urlaub wartet ein Berg E-Mails. Daimler-Mitarbeiter können jetzt ihre aufgelaufenen Mails löschen lassen. Hilft das? Die digitale Welt erfindet ein neues Sozialsystem – sie organisiert sich selbst, bis es zu Wildwuchs kommt. Wie zum Beispiel die zu vielen Mails nach dem Urlaub. Folgerichtig gibt es gegen Wildwuchs neue Regeln. Wie konsequent Daimler„Der Einzelne muss Mitarbeiter vom Löschen der Mails während des Urlaubs Geentscheiden, sich brauch machen, weiß ich nicht. auf das Wesentliche Auch andere Firmen geben sich zu konzentrieren.“ neue Regeln: Volkswagen-Mitarbeiter sind angehalten, nach Jonas Geißler zum wachsenden Zeitdruck Feierabend keine Mails zu lesen. Die Telekom verpflichtet leitende Angestellte, Mitarbeitern nach Dienstschluss, am Wochenende und im Urlaub keine E-Mails zu schicken. Wenn es ein Zuviel gibt, was raten Sie Menschen zum besseren Zeitmanagement? Das Zuviel erhöht den Druck auf den Einzelnen. Er oder Sie muss entscheiden, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ziel muss es sein, vieles einfach nicht zu tun. Welche Fragen zum Thema Zeit nerven Sie? Alle Fragen, die auf eine einzige einfache Antwort abzielen. In etwa: Wie kriegt man das mit dem Stress und mit dem Zeitdruck jetzt hin? Das ist so, wie wenn Sie einen Banker nach der besten Geldanlage fragen. Kein Wunder, dass die berechtigte Antwort lautet: Das kommt darauf an. So ist es auch mit dem Stress und mit dem Zeitdruck. Wie teilen Sie persönlich Ihre Zeit ein? Ich bin 120 Tage im Jahr bei Workshops, halte Vorträge und habe eine Familie. Allein das unter einen Hut zu bekommen, ist nicht einfach. Ich sehe

mich auch mit den Anforderungen eines guten und klugen Umgangs mit Zeit konfrontiert. Vielleicht berate ich deshalb andere darin. Ich versuche es daher mit einfachen Dingen: Ich möchte zum Beispiel keine EMails mit meinem Handy empfangen können. Ich habe keine Apps installiert. Wenn ich auf eine Nachrichtenseite gehe, muss ich immer den komplizierten Weg gehen und die URL in den Browser eingeben. Weil das komplizierter und umständlicher ist, tue ich es nicht so oft. Bei ungeliebten Aufgaben überliste ich mich mit dem Vorsatz: Ich arbeite nur zehn Minuten daran. Das funktioniert, weil ich für gewöhnlich einfach dranbleibe, bis die Aufgabe fertig ist. Oder ich mache mir selbst Termine, was als Freiberufler besonders wichtig ist. Diese Termine sind aber nicht wischiwaschi – also bis nächste Woche irgendwann will ich . . ., sondern Freitagabend um 17 Uhr ist XY erledigt. Wenn ich ein Konzept erstelle, dann versuche ich das in 90-Minuten-Blöcken. Was stresst Sie selbst? Wenn ich Zeit für mich haben möchte, es aber nicht geht. Ich spreche viel; das kann sehr herausfordernd sein. Vor allem wenn Termine dicht aufeinander folgen. Wenn mir die Zeit fehlt, mich zu erholen. Oder wenn ich Sonntagabend zu einem Seminar anreisen muss. Auch im Stau stehen auf der Autobahn finde extrem unangenehm. Warum fällt uns eigentlich Warten so schwer? Wenn wir an der Kasse stehen, das Ziel schon vor Augen haben, aber es scheinbar unendlich lange dauert, dann fühlen wir uns fremdbestimmt. Wenn man nur das eine Ziel hat – endlich bezahlen zu können –, empfindet man alles andere als Störung. Man könnte ja mit anderen in der Schlange plauschen, anstatt verbissen dazustehen.

Mit welchen Anliegen kommen Führungs-

kräfte auf Sie zu? Oft mit einem diffusen Gefühl, einfach zu nichts mehr zu kommen, keine Zeit zu haben. Das sind superkompetente Menschen, die keine Zeit haben, während der ihre Kompetenz wirken kann. Was belastet die Manager, die Ihre Unterstützung suchen, am meisten? Sie sitzen drei Tage die Woche in Meetings, die restlichen zwei Tage sind sie damit beschäftigt, ihre E-Mails abzuarbeiten. Strategisches Denken und das Entwickeln von Lösungen ist da nicht mehr möglich. Und sie können in dieser Zeit auch ihre wertvollen Fähigkeiten überhaupt nicht einsetzen. Welche Auswege gibt es daraus? Anstatt sich immer arbeitsteiliger aufzustellen und dann die einzelnen Arbeitsschritte auch noch zu überwachen, gibt es heute neue Ansätze: Ein tolles Beispiel ist eine holländische Pflegefirma. Bei uns ist die Pflege älterer Menschen immer noch minutengenau eingeteilt. Das müssen die Pfleger zudem minutiös dokumentieren. Das erzeugt negativen Stress, der vor allem das Pflegepersonal anfällig für Krankheiten macht. Das holländische Pflegeunternehmen Buurtzorg, was eigentlich Nachbarschaftshilfe bedeutet, gestaltet Pflege menschlicher und weniger bürokratisch. Kleine, autonom arbeitende Teams von Krankenpflegern organisieren sich selbst und nach den Bedürfnissen der zu pflegenden älteren Menschen. Trotz großem Einsatz sind die Pflegekräfte hochzufrieden, weil sie sich ihre Aufgaben im Team selbst einteilen können. Das Modell gibt es auch schon in Japan und in Deutschland. Was ist das Rezept für eine „bessere Arbeit“? In erster Linie weniger hierarchische Strukturen. Die Teams können selbst entscheiden und ihre Arbeitszeit gestalten. Zeitthemen sind immer auch Gesundheits-

MEHR ZU JONAS GEISSLER UND ZUM THEMA ZEIT Zur Person Jonas Geißler wurde 1979 in München geboren. Der Soziologe und Medien-Manager ist in zahlreichen Unternehmen tätig. Mit seinem Vater KarlHeinz Geißler, emeritierter Professor der Universität der Bundeswehr in München, hat er time-

sandmore, ein Institut für Zeitberatung, gegründet. Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem die systemische Organisationsentwicklung, die Team- und Führungskräfteentwicklung sowie die Zeitberatung. Bücher rund um die Zeit Time is Honey – Vom klugen Umgang mit der Zeit, von Karlheinz und Jonas

Geißler, oekom Verlag, 15 Euro. Wie wir ticken – Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben, von Till Rönneberg, Dumont Verlag, 9,99 Euro. BainStudie: „Sünden im Zeitmanagement verursachen hohe Kosten“, http://www.bain.de/ press/press-archive/yourscarcest-resource.aspx bl

themen. Und um auf die gehetzten Manager zurückzukommen: Im Meeting-EMail-Wahnsinn kommt man nicht weiter. Ist das nicht einfacher gesagt als getan? Das Internet ist immer an. In Großraumbüros verlieren wir das Gefühl für die Tageszeit. Viele Bürokonzepte sind Rationalisierungskonzepte. Ich als Freiberufler kann es mir aussuchen, ob ich zu Hause, im Café oder im Büro meines Bruders arbeite. Wer sich jeden Morgen einen neuen Schreibtisch suchen muss, hat „Viel Zeit können wir weniger die Möglichkeit, sein meist nur in Kombination Arbeitsumfeld gemäß seinen mit der vielen unfreien Bedürfnissen zu gestalten. In dauerhaft künstlichem Licht Zeit schätzen.“ entfremden wir uns vom eige- Jonas Geißler zur Sehnsucht nen Rhythmus. Das hat Konse- nach mehr Zeit quenzen. Wir spüren uns nicht mehr, jemand anderer bestimmt über uns und darauf reagiert der Körper. Was halten Sie davon, wenn Führungskräfte nachts um zwölf E-Mails schicken? Das prägt ganz klar die Kommunikationskultur. Und es weckt Erwartungen. In vielen Seminaren sprechen Menschen über Dinge, von denen sie meinen, dass man sie von ihnen erwartet. Diese Erwartungshaltungen sind häufig selbst gemacht. Allein darüber sprechen zu können, bedeutet für viele eine große Erleichterung. Warum sehnen wir uns nach mehr Zeit? Viel Zeit können wir meist nur in Kombination mit der vielen unfreien Zeit schätzen. Wir brauchen Struktur und Sinnerfahrung. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre eine riesige zeitliche Befreiung. Viele Menschen würden arbeiten, aber in einem Beruf, der sie erfüllt. Obwohl wir uns nach freier Zeit sehnen, stopfen wir jede freie Minute voll. Warum? Meinen Seminarteilnehmern schenke ich manchmal eine Stunde Zeit. Weil sie sich ja danach sehnen. Zuerst ist es für sie ungewohnt. Doch dann fangen sie tatsächlich an, darüber zu reden. Ich stelle aber immer wieder fest, dass Sehnsucht und dieser unerfüllte Zustand für die Menschen wichtiger sind als der erfüllte Zustand. Sind Algorithmen die bösen Zeitfresser? Früher waren es Maschinen, die den Menschen den Takt vorgaben, heute sind es Algorithmen. Eigentlich wissen wir, was uns die Zeit frisst: häufige Unterbrechungen und viel Blödsinn. Da hilft nur eines: Handy und PC bleiben einfach mal aus. Das Gespräch führte Gerhard Bläske.


8 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Fünf Tage frei für neue Horizonte Das umstrittene Gesetz kommt auf den Prüfstand. Kritiker schimpfen über sinnlose Ausgaben, Befürworter sehen vor allem für An- und Ungelernte große Chancen. Von Oliver Schmale Bildungsurlaub

Neue Perspektiven im Bildungsurlaub: Es gibt viele Möglichkeiten, den Anspruch auf die Auszeit zu nutzen. Die Wirtschaft und das von der CDU geführte Wirtschaftsministerium fordern eine Evaluierung.

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ünf freie Tage können Arbeitnehmer im Südwesten zur Weiterbildung nehmen. Beruflich müssen sie sich währenddessen aber nicht unbedingt qualifizieren. Denn sie können sich während dieser Zeit politisch, ehrenamtlich oder beruflich weiterbilden. Darüber wird jedoch seit Einführung des Bildungszeitgesetzes durch Grün-Rot heftig gestritten. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) stellt das Gesetz nun auf den Prüfstand. Die Evaluierung ist im grün-schwarzen Koalitionsvertrag vorgesehen. Das Wirtschaftsministerium sei aktuell mit der Vorbereitung dieser Evaluierung befasst, sagte ein Sprecher. Sie solle extern erfolgen. „Das Wirtschaftsministerium legt dabei großen Wert darauf, die wichtigsten Partner in das Verfahren einzubeziehen. Die zentralen Fragen, die im Rahmen der Evaluierung untersucht werden sollen, wurden daher gemeinsam mit den relevanten Vertretern von Organisationen, die das Gesetz befürworten oder kritisieren, festgelegt.“ Die Überprüfung soll im Herbst beginnen. Das CDU-geführte Wirtschaftsministerium hatte seit der Übernahme des Ressorts von der SPD kein Hehl daraus gemacht, dass es das Gesetz kritisch sieht und das Thema nicht weit oben auf der Agenda steht. „Es fehlt eine Kampagne der Landesregierung zur Bildungszeit. Vielen Beschäftigten dürfte die Bildungszeit noch gar nicht bekannt sein“, sagt Joachim Ruth, der beim DGB-Landesbezirk das Thema betreut. Bildungszeit sei ein wichtiger Baustein, um die Weiterbildungsbeteiligung weiter zu erhöhen. Das Zeitbudget für Bildungsmaßnahmen habe sich – insbesondere in der betrieblichen Weiterbildung – erheblich verkürzt. Bei den baden-württembergischen Arbeitgebern stößt das Gesetz auch zwei Jahre nach der Einführung auf heftige Kritik. Es belaste die Unternehmen und die öffentlichen Haushalte durch bezahlte Freistellungen mit zusätzlichen Kosten. „Politische Weiterbildung und Weiterbildung zum Zwecke der Ausübung eines Ehrenamts auf Kosten der Arbeitgeber ergibt ordnungspolitisch keinen Sinn.“ Außerdem torpediere es die vielen betrieblichen und tarifvertraglichen Modelle zur Weiterbildung. „Zudem löst es kein einziges bildungs- und arbeitsmarkpolitisches Problem und erreicht die falschen Zielgruppen“, sagte ein Sprecher der Arbeitgeber weiter. Baden-Württemberg ist bei diesem Thema ausnahmsweise nicht Vorreiter, sondern eines der letzten Länder, die einen Bil-

dungsurlaub einführten. Die Bildungszeit ist in anderen Bundesländern auch als Bildungsfreistellung oder Arbeitnehmerweiterbildung bekannt. Nicht der Wohnsitz des Arbeitnehmers ist entscheidend, sondern das Bundesland, in dem er arbeitet. Anspruch hat ein Mitarbeiter erstmals nach zwölf Monaten im Betrieb. Hat er seinen Anspruch zum Ende des Kalenderjahres nicht ausgeschöpft, verfallen die Tage. Einen Antrag auf Bildungszeit müssen Arbeitnehmer spätestens acht Wochen vor Beginn der Maßnahme beim Arbeitgeber schriftlich stellen. Der Arbeitgeber entscheidet dann den Angaben zufolge unverzüglich, spätestens bis vier Wochen vor Beginn der Maßnahme der geplanten Bildungszeit. Entscheidet der Arbeitgeber nicht fristgerecht vier Wochen vorher über den Antrag auf Bildungszeit, gilt er als bewilligt. Diese Fristen sollen beiderseits Planungssicherheit sicherstellen. Während eine Bildungszeitmaßnahme in Anspruch genommen wird, zahlt der Arbeitgeber das Arbeitsentgelt fort. Die Kosten der Bildungsmaßnahme (Kursgebühr) sowie die Anreise und Unterkunft tragen regelmäßig die Beschäftigten selbst. Belastbare Teilnehmerzahlen an den Angeboten gibt es nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums bislang noch nicht. Es fehlt eine Berichtspflicht im Gesetz, die eine sachgerechte Beurteilung erst möglich machen würde, kritisierte der DGB. Der Gewerkschaftsbund forderte eine Aufhebung der Klausel, wonach Beschäftigte in Kleinbetrieben (bis zehn Beschäftigte) keinen Anspruch auf die Freistellung haben. Denn: Über 90 Prozent der Betriebe fallen de facto aus dem Geltungsbereich der Bildungszeit heraus, wie Ruth weiter berichtete. Die Arbeitgeber hingegen machen sich dafür stark, dass Gesetz wieder abzuschaffen. Alternativ dazu folgender Vorschlag: „Eine generelle Kürzung der Ansprüche würden wir begrüßen“, so ein Sprecher. „Wir empfehlen der Landesregierung, sich auf sinnvolle Maßnahmen zur Fachkräftesicherung und Qualifizierung zu konzentrieren.“ Nach Auffassung des DGB hat der eine oder andere Beschäftigte durchaus zu kämpfen, um seinen Anspruch durchzusetzen: „Es gibt viele Fälle, in denen den Beschäftigten nahegelegt wird, keine Bildungszeit in Anspruch zu nehmen.“ Das zeige auch die weit verbreitete Teilnahme über Erholungsurlaub oder flexible Arbeitszeiten. Darüber hinaus habe es Arbeitsgerichtsverfahren zu dem Thema gegeben. „Bislang konnten die Beschäftigten alle Verfahren gewinnen.“ Vor allem für

An- und Ungelernte ist die Bildungszeit nach Einschätzung von Fachleuten ein wichtiger Baustein. Betriebliche Weiterbildung kann nach dem Gesetz schon in bestimmten Fällen auf die Bildungszeit angerechnet werden. Hier wünschen sich die Arbeitgeber eine Ausweitung der Möglichkeiten. Sie sehen weiterhin die politische Bildung als sehr kritisch an. „Insbesondere die Möglichkeiten zur politischen Weiterbildung auf Kosten des Arbeitgebers müssen beseitigt werden“, sagte der Sprecher. Außerdem müssten mögliche Änderungen dafür sorgen, dass der Bildungsurlaub in einem höheren

Maße als bisher für auf dem Arbeitsmarkt verwertbare Weiterbildungen in Anspruch genommen werde. Bildungsträger müssen sich zertifizieren lassen, bevor sie mit Angeboten starten. Dafür ist das Regierungspräsidium Karlsruhe zuständig. „Für sehr problematisch halten wir, dass nur die Träger, nicht aber die einzelnen Angebote und Inhalte zertifiziert werden müssen. Die Überprüfung, ob die Angebote einen Anspruch auf Bildungsurlaub im Sinne des Gesetzes rechtfertigen, hat man den Unternehmen aufgebürdet“, heißt es bei den Arbeitgebern weiter.

Vom lebenslangen Lernen profitieren nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Unternehmen. Auch wenn nicht alle Inhalte gleich auf den ersten Blick zu den Arbeitsinhalten passen. Fotos: XtravaganT/Adobe Stock, Mauritius

BILDUNGSZEIT Anspruch Das Bildungszeitgesetz Baden-Württemberg (BzG BW) ist seit 1. Juli 2015 in Kraft. Beschäftigte im Land haben einen Anspruch, sich vom Arbeitgeber bis zu fünf Arbeitstage im Jahr zur Weiterbildung freistellen zu lassen – die Freistellung erfolgt unter Fortzahlung des Arbeitsentgelts.

men, politische Weiterbildung und die Qualifizierung zur Wahrnehmung bestimmter ehrenamtlicher Tätigkeiten. Der Gesetzgeber hat dabei bestimmte Anforderungen an eine Bildungsmaßnahme definiert, die erfüllt sein müssen, wenn Bildungszeit in Anspruch genommen werden soll.

Wofür? Die Freistellung erfolgt für berufliche Weiterbildungsmaßnah-

Bildungsträger Bildungsmaßnahmen im Sinne des BzG BW dürfen nur von

anerkannten Bildungseinrichtungen durchgeführt werden. Sie müssen mindestens im zweiten Jahr am Markt bestehen, Lehrveranstaltungen systematisch planen und organisiert durchführen, Bildungsmaßnahmen im Sinne des BzG BW planen und ein Gütesiegel zum Nachweis der Qualität der Bildungsarbeit haben, das vom Wirtschaftsministerium anerkannt und veröffentlicht ist. bl


Wirtschaft in Baden-Württemberg 9

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Wünsche der unbekannten Wesen Immer mehr Unternehmen richten den Posten des Chief Customer Officer ein. Der soll sich um die Kunden kümmern, die überraschend in den Fokus der Unternehmen gerückt sind. Von Gerhard Bläske Berufsporträt

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s ist schon etwas bizarr, wenn Unternehmen plötzlich den Kunden, das unbekannte Wesen, entdecken. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Freundlichkeit, Höflichkeit, Empathie und rasches Erfüllen der Kundenwünsche sind in den Fokus vieler Unternehmen gerückt. 63 Sekunden war die durchschnittliche Wartezeit, bis Allianz-Kunden noch vor etwa eineinhalb Jahren an der Telefon-Hotline bedient wurden. Viel zu lange, fand Manfred Knof, Vorstandschef der Allianz Deutschland, der selbst auflegt, wenn es ihm zu lange dauert. Die durchschnittliche Wartezeit hat sich auf 37 Sekunden reduziert. 150 neue Mitarbeiter hat die Allianz 2016 deshalb allein dafür eingestellt. Um auch intern einen Anwalt für die Interessen der Kunden zu haben, schaffen immer mehr Unternehmen die Position eines Chief Customer Officer, der sich, im Vorstandsrang oder unmittelbar „Alle Produkte, Prozesse an einen Vorstand angebunden, um die Belange der Kunden und Services werden kümmern soll, gewissermaßen noch konsequenter den Kunden und seine Anliegen auf den Bedarf und verkörpert. Er steht in engem Kontakt mit Vertrieb, Kundendie Wünsche unserer strategie, Entwicklung neuer Kunden ausgerichtet.“ Produkte, aber auch dem ContOlaf Tidelski, Allianzrolling. Außer der Allianz haben Chief Customer Officer etwa der Handelskonzern Metro, das Unternehmen Software AG, der Windkraftanlagenhersteller Nordex oder der Autohersteller GM Europe eine solche Position geschaffen. Hintergrund für die Anstrengungen ist nicht zuletzt, dass der Kunde immer besser informiert ist, immer kritischer und immer weniger loyal ist. Wenn er zu lange warten muss oder unfreundlich behandelt wird, dann geht er eben woanders hin. Ein einmal verloren gegangener Kunde ist aber schwer zurückzuholen. Das kostet Zeit und Geld. Ein zufriedener Kunde ist eher geneigt zu bleiben. Mit einem solchen Kunden kann man auch noch After-Sales-

Geschäfte machen und ihm neue Produkte anbieten, die dank Digitalisierung auf seine individuellen Bedürfnisse maßgeschneidert sind. Die Allianz zum Beispiel hat dafür in München und Stuttgart sogenannte Agile Training Center (ATC) eröffnet. Im ATC in der Stuttgarter Silberburgstraße arbeitet der Versicherer an seiner digitalen Zukunft. Etwa 60 überwiegend junge Mitarbeiter, meist leger in Jeans oder Shorts und T-Shirts, werkeln dort an neuen digitalen Produkten und Angeboten. Wie im Klischeebild stehen ein Kicker, eine Tischtennisplatte und knallgrüne Sitzsäcke im Großraumbüro. Ganz bewusst außerhalb der Zentrale arbeiten IT-Fachleute, Programmierer sowie Mitarbeiter aus der Betriebsorganisation und Marketingfachleute etwa an der komplett online ablaufenden Antragstellung für eine Risikolebensversicherung mit Risikoprüfung, einem volldigitalen Allianz-Depot für Kundengelder oder an Apps, mit denen Kunden besser RiesterZulagen beantragen und verwalten können. Die Truppe tüftelt an einfachen Kundenlösungen. Die Prozesse sollen aus Sicht des Kunden neu gedacht werden. Es geht um Selbstverständlichkeiten wie Freundlichkeit, Höflichkeit und Empathie. Es geht aber auch darum, dass Kanäle entwickelt werden, mit denen Kunden möglichst schnell die nötigen Informationen erhalten und vielleicht sogar direkt Verträge abschließen können. Und es geht um Lösungen, die im Schadensfall zumindest die Regulierung von Standardfällen innerhalb weniger Minuten erlauben. So könnte künftig nach einem Unfall ein Schadensfall mit einfachen Schritten per Smartphone aufgenommen werden. Schon in wenigen Stunden liegt dann die kalkulierte Schadenhöhe vor und der Kunde kann sich für eine Reparatur oder eine sofortige Überweisung entscheiden. Der oberste Kundenversteher bei der Allianz heißt Olaf Tidelski. Der Chief Customer Officer soll darauf achten, dass alle Pro-

dukte, Prozesse und Services konsequent auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden ausgerichtet werden. Kommen neue Produkte auf den Markt, geht es um neue Anwendungen, Verständlichkeit oder Flexibilität, ist der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler von Anfang an als Stimme des Kunden mit dabei. Dabei geht es auch darum, Lösungen für Smartphones, Apps und andere Anwendungen zu finden sowie lokale und globale Trends und Innovationen, „die heute noch gar nicht in der Versicherungsbranche angekommen sind“, aufzuspüren und zu integrieren. Der Endvierziger will Design und Entwicklung der Angebote noch stärker mit den Kunden gestalten, neue Formate und Dienstleistungen mit diesen entwickeln, ausprobieren und testen, wobei es vor allem auch um Schnelligkeit geht. Am Ende sollen begeisterte Kunden stehen, die in einer digitalisierten Welt nicht mehr mit Standardlösungen bedient werden. Dass die Allianz Leben ausgerechnet im schwierigen Lebensversicherungsgeschäft ihr Neugeschäft 2016 um 21 Prozent gesteigert hat, führt sie auf die neue Ausrichtung zurück. „60 Prozent unserer Neukunden sind jung und fit“, begründet Birgit König, im Allianz-Vorstand zuständig für die Krankenversicherung, die rapide Erleichterung für den Kunden. Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Verbraucherverband Bundeszentrale, bestätigt, dass gerade jüngere Menschen abends keinen Versicherungsvertreter mehr auf der Couch sitzen haben wollen, sondern sich lieber auf dem Tablet informieren. Allianz-Chief Customer Officer Tidelski hält seinen Job für „eine der spannendsten Aufgaben, die es derzeit in der Allianz gibt“. Alle Produkte, Prozesse und Services würden „noch konsequenter auf den Bedarf und die Wünsche unserer Kunden“ ausgerichtet. Seine Rolle sei es, Versicherung neu zu denken und positiv erlebbar zu machen und die Erfahrungen der Kunden in seinen „Lebens-

Zukunft auf die Straße bringen 11. – 15. 9. 2018 Für wegweisende Technologien rund um die Mobilität von morgen bietet die Weltleitmesse Automechanika eine besondere Plattform – die Festhalle Frankfurt. Mit Themen wie Digitalisierung, autonomes Fahren, alternative Antriebe und Werkstatt der Zukunft. Auch die Innovation Awards werden hier präsentiert. Seien Sie als Aussteller dabei und bewerben Sie sich mit Ihrer Innovation um die begehrte Auszeichnung! www.automechanika.com

welten“, dem Smartphone, der App oder einem besonderen Service-Erlebnis, zu berücksichtigen. Seien Kunden nicht zufrieden, beschwerten sie sich oder reklamierten, werde auch das analysiert und neu nachgedacht. Dass Kunden schnell und freundlich sowie individuell bedient werden wollen, ist allerdings so neu nicht. Insofern erstaunt es schon, dass man da erst jetzt draufkommt. Es geht schließlich am Ende darum, mit treuen und zufriedenen Kunden Umsatzpotenziale zu erhöhen und Kunden gezielt anzusprechen. Die Einrichtung des Chief Customer Officer ist insofern auch ein Eingeständnis, dass man das bisher zumindest nicht (ausreichend) getan hat.

Hält seinen Job für „eine der spannendsten Aufgaben, die es bei der Allianz gibt: Chief Customer Officer Olaf Tidelski Foto: Allianz


10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

So hart wie bei Lehman Brothers, wo die Mitarbeiter in der Finanzkrise nur wenige Stunden Zeit hatten, ihre Sachen zu packen, geht es in Deutschland nicht zu.

Kompromiss statt Rausschmiss Mit Änderungskündigungen können Arbeitgeber oft mehr erreichen als mit einer „normalen“ Kündigung. Viele Firmen scheuen sie trotzdem. Von Simone Wernicke

Gastbeitrag

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ine Änderungskündigung lässt dem gekündigten Arbeitnehmer ein Türchen offen, durch das er schlüpfen kann, um sein Arbeitsverhältnis zu retten. Erklärt er sich nämlich mit dem Änderungsangebot einverstanden, hat sich die Kündigungserklärung erledigt und das Arbeitsverhältnis wird nach Ablauf der Frist ohne Unterbrechung fortgesetzt, jedoch zu ungünstigeren Bedingungen. Arbeitgeber machen von dieser rechtlichen Möglichkeit selten Gebrauch, obwohl sie in vielen Fällen nicht nur rechtlich geboten ist, sondern auch praktische Vorteile bietet. Das zeigt sich im Falle einer Klage schon im ersten Verhandlungstermin, denn Arbeitsrichter beurteilen Änderungskündigungen meist positiver als gewöhnliche (Been-

GASTAUTORIN UND BEGRIFFSDEFINITION Juristin Die promovierte Juristin ist Fachanwältin für Arbeitsrecht der Kanzlei Hensche Rechtsanwälte. Zuvor war Simone Wernicke beim Arbeitgeberverband Südhessen sowie als ehrenamtliche Richterin am Sozialgericht und als Mitglied im Widerspruchsausschuss der Deutschen Rentenversicherung tätig. Außerdem unterstützt sie die Sana-Kliniken AG als stellvertretende Ombudsfrau.

Änderungskündigung Im Arbeitsrecht ist die Änderungskündigung eine Form der Kündigung des Arbeitsverhältnisses, die mit dem Angebot verbunden wird, das Arbeitsverhältnis unter geänderten, meist schlechteren Bedingungen fortzusetzen. Das deutsche Arbeitsrecht sieht im Kündigungsschutzgesetz einen besonderen Schutz für Arbeitnehmer vor. bl

digungs-)Kündigungen. Eine Kündigung ist immer nur als letztes Mittel rechtlich zulässig, das heißt, wenn keine zumutbaren Möglichkeiten der Erhaltung des Arbeitsverhältnisses bestehen (Ultima-RatioPrinzip). Und eben dieses Rechtsprinzip befolgt der Arbeitgeber, wenn er eine Änderungskündigung ausspricht: Sie führt zwar zu weniger günstigen Vertragskonditionen, ist damit aber weniger gravierend als eine Entlassung. Ein weiterer Vorteil von Änderungskündigungen besteht in der Begrenzung des Verzugslohnrisikos, das Arbeitgeber bei einer Kündigungsschutzklage tragen müssen. Stellt sich nach dem Entlassungstermin im Kündigungsschutzprozess heraus, dass die Kündigung unwirksam war, ist der Lohn für die gesamte Zeit der unberechtigten Entlassung nachzuentrichten, da sich der Arbeitgeber im Annahmeverzug befand. Bei einer Änderungskündigung sind die Risiken anders verteilt, denn sie stellt den Arbeitnehmer vor die Wahl, die vom Arbeitgeber vorgeschlagenen ungünstigeren Arbeitsbedingungen – zumindest vorläufig – zu akzeptieren oder den Verlust des Arbeitsplatzes zu riskieren. Der sicherste Weg aus dieser verzwickten Lage besteht aus Arbeitnehmersicht meist darin, der Vertragsänderung zuzustimmen und sich ihre gerichtliche Überprüfung vorzubehalten. Dann aber verrichtet der Arbeitnehmer weiterhin seine Arbeit und wird für diese auch bezahlt, so dass eine Änderungsschutzklage auf beiden Seiten mit begrenztem finanziellen Risiko geführt wird. Für diesen Vorteil müssen Arbeitgeber allerdings einen höheren Aufwand bei der Planung treiben. Welche Arbeitsbedingungen sollen geändert werden und ab wann? Geht es nur um die Arbeitsaufgaben oder soll auch die Vergütung reduziert werden? Gibt es triftige betriebsbedingte und/oder andere Kündigungsgründe, die vor dem Kündigungsschutzgesetz (KSchG) Bestand haben, so dass die Vertragsänderung „sozial gerechtfertigt“ ist? Alle diese Fragen sollten bei Ausspruch einer Änderungskündigung eindeutig beantwortet sein. Wichtig ist hier vor allem, nicht übers Ziel hinauszuschießen. Insbesondere Gehaltsabsenkungen sind rechtlich oft nicht haltbar, auch wenn der Arbeitnehmer

künftig weniger verantwortungsvolle Auf- gerechtfertigt ist, ist die Änderungskündigaben verrichten soll. Denn bei Anwend- gung insgesamt unwirksam, denn die Gebarkeit des KSchG müssen sämtliche vor- richte lehnen es in solchen Fällen ab, eine geschlagenen Vertragsänderungen sozial Kündigung für teilweise wirksam zu erklägerechtfertigt sein, also einer Überprüfung ren. Ist die Vertragsänderung als solche beauf der Grundlage von § 1 KSchG in Verbindung mit § 2 KSchG standhalten. Das ist schlossen und kündigungsschutzrechtlich aber oft nur bei der Änderung der Arbeits- in Ordnung, sollten Kündigungsschreiben aufgaben und/oder anderer nichtmonetä- plus Änderungsangebot keine Unklarheirer Konditionen der Fall. Soll zum Beispiel ten bezüglich der künftigen Tätigkeit enteine Führungskraft aus betriebsbedingten halten, denn das führt zur Unwirksamkeit Gründen (Streichung der Leitungsposi- der Kündigung, wie das Bundesarbeitstion) künftig einfachere Tätigkeiten ver- gericht (BAG) vor Kurzem entschieden hat richten, ist mit dieser Organisationsent- (BAG, Urteil vom 26. 1. 2017, 2 AZR 68/16 ). scheidung zwar die Tätigkeitsänderung als In diesem Zusammenhang ist auch zu solche sozial gerechtfertigt, nicht aber auch überlegen, ob eine Änderung der Vertragsdie Verringerung der Bezahlung. Denn da- konditionen per Änderungskündigung zu bräuchte es dringende betriebsbedingte überhaupt erforderlich ist oder ob der Gründe, die beispielsweise eine Reduzie- gewünschte Wechsel der Tätigkeit, der rung des Gehalts um exakt 800 Euro (statt Arbeitszeit oder des Arbeitsortes nicht nur um 700 oder 600 Euro) notwendig ma- auch einseitig durch eine Weisung erreicht werden könnte. Ist das der chen. Rechtlich darstellbar Fall, wäre eine Änderungssind Vergütungsreduzie- „Arbeitgeber, kündigung überflüssig, was rungen vor allem in voll- die mit einer gut informierte Arbeitnehständig durchtarifierten Änderungskündigung mer zum Anlass nehmen Betrieben, denn dann erkönnen, das (vermeintligibt sich die geringere Ver- zu viel erreichen che) Änderungsangebot gütung aus der Eingrup- wollen, riskieren die auszuschlagen und allein pierung in eine niedrigere Unwirksamkeit der gegen die Kündigung zu tarifliche Vergütungsgruppe, oder beim Wegfall Kündigung im Ganzen.“ klagen, denn eine solche Klage hätte Erfolg. variabler Vergütungsbe- Simone Wernicke Bei der Ausfertigung standteile, die objektiv und zu Fallstricken der Änderungskündigung untrennbar mit bestimmten Tätigkeiten verbunden sind wie Ver- sollten Arbeitgeber der Versuchung widerkaufsprovisionen: Wird die Vertriebskraft stehen, eine ordentliche (fristgemäße) per Änderungskündigung in die Einkaufs- Kündigung mit einem vorfristigen Ändeabteilung versetzt, können dort keine Ver- rungsangebot zu verbinden, dem zufolge kaufsprovisionen mehr verdient werden, die Vertragsänderungen schon vor Ablauf so dass Vergütungsreduzierungen zulässig der Kündigungsfrist gelten sollen. Eine solche Doppelzüngigkeit führt zur Unwirksind. Was für Gehaltsabsenkungen gilt, gilt samkeit der Kündigung (BAG, Urteil vom auch für Reduzierungen der Arbeitszeit. 21. 9. 2006, 2 AZR 120/06). Schließlich muss in mitbestimmten BeDiese sind zwar vertraglich frei vereinbar, so dass der Fantasie beim Änderungsange- trieben der Betriebsrat zu einer geplanten bot erst einmal keine Grenzen gesetzt sind. Änderungskündigung nicht nur gemäß Dennoch muss bei einer Änderungskündi- § 102 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) gung jede konkrete Verringerung der Wo- angehört werden, sondern auch seine Zuchenstundenzahl den „Dringlichkeitstest“ stimmung nach § 99 BetrVG geben, denn gemäß §§ 1, 2 KSchG bestehen. Dringende Änderungskündigungen laufen praktisch betriebsbedingte Gründe für eine Arbeits- immer auf eine Versetzung hinaus. Die hier beschriebenen Spielregeln mözeitreduzierung um exakt 20 Stunden (statt nur um 15 oder um zehn Stunden) gen auf den ersten Blick kompliziert erscheinen, doch gilt das letztlich auch für sind aber selten. Arbeitgeber, die mit einer Änderungs- „normale“ Kündigungen im Anwendungskündigung zu viel erreichen wollen, riskie- bereich des Kündigungsschutzgesetzes. ren die Unwirksamkeit der Kündigung im Der große Vorteil von ÄnderungskündiGanzen. Denn wenn auch nur ein einzelnes gungen besteht in ihrem KompromissElement der angebotenen Vertragsän- charakter, der die Kündigung ein wenig derung, wie insbesondere eine Gehalts- entschärft und mehr Spielraum für beideroder Arbeitszeitverringerung, nicht sozial seits tragbare Lösungen eröffnet.

Fotos: AFP, privat


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

„Auf Zeit spielen rächt sich oft“ Der Management-Coach und einstige Welt-Schiedsrichter Markus Merk plädiert für mehr Entscheidungsfreude.

Interview

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ührungskräfte sollen Spitzenleistungen bringen und dabei fair und verantwortlich handeln – so wie Leistungssportler. Von denen können sie sich manches abschauen, vor allem, wenn es darum geht, schnell nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen. Neben Leistungsbereitschaft und Kompetenz sind im Sport wie im Management Mut und Loyalität gefragt, aber auch die Fähigkeit, eigene Fehler einzugestehen und mit großem Druck souverän umzugehen.

Herr Dr. Merk, Sie coachen seit Jahren Manager und Führungskräfte. Was ist Ihnen dabei besonders aufgefallen? Es gibt ein hohes Maß an Leistungs-, Fortbildungs- und Wissensbereitschaft, verbunden mit einer großen Kompe„Ein Messi macht noch tenz. Insbesondere finde ich diese bei jüngeren Führungskräften keinen Weltmeister.“ vor. Allerdings stelle ich auch imMarkus Merk über Individualisten mer wieder fest, dass diese Motiin Führungsetagen vation oft verloren geht, wenn ihnen gewünschte Verantwortung nicht übertragen wird, wenn sie ausgebremst werden. Wie würden Sie die Führungskultur in Deutschland beschreiben? Für mich gibt es nicht die Führungskultur. Als Führungsspieler muss ich immer bereit sein, das Spiel neu zu lesen, mich permanent mit An- und Herausforderungen auseinanderzusetzen. Sehr oft werde ich im Management mit möglichen Hierarchieformen konfrontiert. Im Fußball sehen wir, dass ein Messi noch keinen Weltmeister macht, aber ohne große Individualisten und Führungsspieler sind die höchsten Ziele auch nicht zu erreichen. Wo sehen Sie Defizite? In vielen Unternehmen und bei vielen Führungskräften fehlt es noch immer an Handlungsschnelligkeit. Schnelle Entscheidungen wirken auf das Umfeld überraschender und somit überzeugender. Auf Zeit spielen rächt sich sehr oft in der Dynamik unserer Gesellschaft und der Konkurrenzsituation. Zweitens fehlt es oft an einer zielorientierten Anpassung der Entscheidungen und persönlicher Flexibilität.

„Schwalben und Blutgrätschen haben im Berufsleben nichts verloren.“

Was raten Sie Menschen, die beruflichen Erfolg suchen? Erst mal was Einfaches: eine Orientierung an den persönliMarkus Merk über fairen Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen chen Basiswerten. Nur wer Begeisterung, Identifikation, Mut, Verantwortung und Wille in sein Entscheidungsumfeld einbringt und immer wieder überprüft, wird in seiner Führungsposition erfolgreich und akzeptiert sein. Konsequentes, nachvollziehbares Handeln in Sachentscheidungen, gepaart mit loyalem Umgang, führt mittel- und langfristig zu Berechenbarkeit und Handschrift. Welche Fehler sollten tunlichst vermieden werden? Natürlich darf ich mir bei Schwarz-WeißEntscheidungen keine Fehler und Regelverstöße erlauben – dann bin ich unmittelbar angreifbar. In der Grauzone der Entscheidungen darf ich aber auch mal am Tor vorbeischießen. Der größte Fehler ist aber, nicht zu seinem Fehler zu stehen oder ihn auszusitzen. Was unterscheidet Leistungssportler von Managern und Führungskräften? Ein gravierender Unterschied besteht

darin, dass Manager und Führungskräfte in ihrem Tun und Handeln eine viel größere Verantwortung für Unternehmen und Mitarbeiter haben. Der wirtschaftliche Erfolg ist eng mit ihnen verbunden, die individuell soziale Verantwortung ist groß. Sportler handeln meist eigenverantwortlich, selbst in Mannschaftssportarten erleben wir heutzutage kleine „Ich-AGs“. Welche Eigenschaften können Manager von Sportlern übernehmen? Das ist positiver Umgang mit Druck und auch zielorientiertes Handeln. Oder „Gut sein, wenn es darauf ankommt“. Es genügt eben nicht, nur leistungsfähig zu sein, sondern die Kompetenz muss auch punktgenau abgerufen werden. Man kann zu einem Spieler wie Cristiano Ronaldo stehen, wie man will, aber er verkörpert diese Eigenschaften aktuell in höchstem Maß. Aber auch in allen anderen Sportarten gibt es unzählige Beispiele, im positiven wie im negativen Sinne. Warum sind gerade diese Eigenschaften so wichtig? Es sind eben nicht nur diese, denn es gibt keine Patentrezepte für das sichere Entscheiden. Es bedingt eine Kausalkette von Leistungsfaktoren, um ein kompletter Athlet im Sport und im Management zu werden. Wie unterscheiden sich Manager und Sportler beim Umgang mit dem Thema Stress? Sportler haben den Vorteil, dass mit dem Anpfiff, dem Startschuss, ihre Leistung abverlangt wird. Bei Managern stelle ich immer wieder fest, dass sie ihre Entscheidungen vor sich herschieben. Dies erzeugt negativen Stress und Zweifel. Wenn es aber gelingt, den Druck positiv in Motivation umzuwandeln, dann werde ich erfolgreicher und meinem Umfeld souveräner erscheinen. Im Fußball wird Wert auf Fair Play gelegt. Welche Rolle spielt dieser Gedanke im Berufsleben? Ein werteorientiertes Miteinander sollte immer an oberster Stelle stehen. Schwalben und Blutgrätschen haben nicht nur im Berufsleben, sondern insgesamt in unserer Gesellschaft nichts verloren. Leider gibt es immer wieder Beispiele, die mit solch einer Handlungsweise Erfolg haben, meistens gottlob nur kurzfristig. In den Werten Fair Play und Gerechtigkeit stecken viel Interpretation und Subjektivität. Alles richtig zu machen ist unmöglich, gerecht zu sein noch mehr. Aber der Wille dazu, der muss in jeder Situation bei deinem Tun und Handeln erkennbar sein. Und zum Schluss – warum ist denn Sport für einen Manager wichtig – abgesehen von den gesundheitlichen Aspekten? Eine gute Gesamtkonstitution macht uns für die täglichen Aufgaben belastbarer. Es ist immens wichtig, einen Ausgleich zu den Belastungen des Alltags zu finden, neue Energiequellen zu erschließen. Wichtig ist mir aber auch zu erwähnen, dass es nicht jedem körperlich gegeben ist, aktiven Sport zu betreiben. Seinen Ausgleich kann man durchaus auch in gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Beschäftigungen finden. Wichtig ist aber auch hier das Tun und nicht, den Faktor Zeit vorzuschieben. Sei stärker als dein innerer Schweinehund! Das Gespräch führte Oliver Schmale.

MARKUS MERK – EIN MULTITALENT Der Zahnarzt Der gebürtige Kaiserslauterer studierte in Köln Zahnmedizin und führte von 1991 bis 2004 eine eigene Praxis in Kaiserslautern. Diese verkaufte er auf dem Höhepunkt seiner Schiedsrichterkarriere. Doch der Fußballwelt bleibt er als der pfeifende Zahnarzt in Erinnerung. Der Schiedsrichter Seit 1988 war Merk Bundesliga-Schiedsrichter, mit mehr als 339 Bundesliga-Spielen hält er den absoluten Rekord. Seit 1992 ist er als Fifa-Schiedsrichter im Einsatz gewesen. Auf internationaler Bühne war Merk seinerzeit der jüngste Schiedsrichter. Neben Pokalfinals pfiff

er Champions League , Olympische Spiele, Europa- und Weltmeisterschaften, darunter das EM-Finale 2004 und die Weltmeisterschaft im eigenen Land im Jahr 2006. Er wurde siebenmal zum Schiedsrichter des Jahres in Deutschland gewählt und dreimal zum Weltschiedsrichter gekürt. Heute tritt er als Fußball-Experte auch im Fernsehen auf. Der Coach Seit 2005 ist Markus Merk als Berater und Motivationstrainer aktiv. Er hält Vorträge, gibt Management-Seminare und coacht Führungskräfte. Seine Themen sind „Sicher entscheiden“, „Mit Leistung

und Fair Play zum Erfolg“ oder „Persönlichkeit – ein steiniger, aber lohnender Weg“. Der Entwicklungshelfer In Südindien engagierte sich Merk Anfang der 1990er als Zahnarzt und gründete in den Folgejahren unter anderem drei Kinderdörfer mit Schulen, Waisenhäuser und ein Altenheim. Er war Botschafter des Internationalen Roten Kreuzes und bekam das Bundesverdienstkreuz. Der Sportler Seine Freizeit verbringt Merk gerne in den Bergen, wo er Skiund Bergmarathons absolviert. os

Schnell, souverän und fair: Ex-Schiedsrichter Markus Merk transportiert wichtige Werte aus der Welt des Leistungssports in die Führungsetagen der Unternehmen. Foto: Getty


12 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Zwei wie Pech und Schwefel Bei Investitionen in auĂ&#x;erbĂśrsliches Beteiligungskapital sollten Anleger beachten, dass Kapitalgeber und Unternehmen hier meist eine verschworene Gemeinschaft bilden. Von Thomas Spengler

Private Equity

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ermĂśgende Privatanleger sind zunehmend bereit, einen Teil ihrer Anlagen in Private Equity zu stecken – also in auĂ&#x;erbĂśrsliches Beteiligungskapital an Unternehmen. DafĂźr sorgt zum einen das niedrige Zinsniveau, das die Investoren nach neuen Anlagealternativen Ausschau halten lässt. Und zum anderen geht die gestiegene Nachfrage auf persĂśnliche Interessen von Investoren mit unternehmerischen Hintergrund zurĂźck. 821 000 Betriebe mittlerer GrĂśĂ&#x;e zählt die Betriebskartei der deutschen Finanzämter (2015). Davon sind gerade einmal 235 mittelständische Unternehmen an der BĂśrse notiert. Der groĂ&#x;e Rest kann sich sein Eigenkapital also nicht Ăźber ein Ăśffentliches Angebot am Kapitalmarkt besorgen, sondern muss dies selbst erwirtschaften oder eben durch private und institutionelle Investoren gewinnen. Vor diesem Hintergrund hat das Angebot an Private-Equity-Beteiligungen seitens der Unternehmen in den vergangenen Jahren stark zugenommen, wie die Deutsche Bank beobachtet hat. Gleichzeitig stellt das Institut fest, dass diese Entwicklung auf eine deutlich erhĂśhte Nachfrage von vermĂśgenden Privatpersonen, FamilienverbĂźnden und institutio„Es gibt bei Private nellen Anlegern nach Beteiligungskapital trifft. „Die ZielEquity kein typisches investition muss nicht nur von Engagement, der Branche und der Gejeder Fall ist speziell.“ schäftstätigkeit zum Anleger passen, auch die persĂśnlichen Alexander Tony Mast, Deutsche Bank und geschäftlichen Interessen beider Seiten sollten im Einklang stehen“, sagt dazu Alexander Tony Mast, Leiter Wealth Management Baden-WĂźrttemberg der Deutschen Bank. Anders als bei sonstigen Anlageformen gilt es daher bei Private Equity insbesondere fĂźr Direktinvestments sicherzustellen, dass Investor und Unternehmen gut zusammenhalten – so wie Pech und Schwefel. „Es gibt dabei kein typisches Engagement, jeder Fall ist speziell“, wie Mast sagt. Wichtig ist vor allem, dass die Anleger einen langen Anlagehorizont mitbringen, ebenso eine gesteigerte Risikobereitschaft sowie Verständnis fĂźr die Investitionsstrategie. Denn ein Private-Equity-Investment ist nicht fungibel, das heiĂ&#x;t, es kann bei kurzfristigem Kapitalbedarf nicht ohne Weiteres verkauft werden. Auch ein Totalverlust, so Mast, mĂźsse in Kauf genommen werden kĂśnnen, wenn die Zielinvestition nicht den gewĂźnschten operativen Erfolg habe. Deshalb sollten sich vor allem konservative Anleger nicht von attraktiven Renditeerwar-

Bei Direktinvestitionen in Private Equity mßssen Investor und Unternehmen gut zusammenhalten – so wie idealerweise im richtigen Leben. tungen im Private-Equity-Bereich leiten lassen. So sind es oft Personen mit unternehmerischem Verständnis, die sich fßr ein direktes Engagement in Beteiligungskapital entscheiden. Sie nehmen bei sogenannten Startups gerne die Rolle von Business Angels ein, also erfahrene Investoren oder Unternehmer, die ihr Kapital und ihre Expertise einem neuen Unternehmen zur Verfßgung stellen. Im Gegenzug bekommen sie dafßr Mitspracherechte und Anteile an fßr sie interessanten Unternehmen. Im Falle von Startups, die auf die Marktreife ihres Produkts hinarbeiten, spricht man daher auch von Risikokapital oder Seed Capital statt von Beteiligungskapital. Die so gelegte Saat fßr den Erfolg kann bei Markteinfßhrung oder BÜrsengang vom Finanzgeber geerntet werden und stellt eine interessante, wenn auch risikoreiche InvestitionsmÜglichkeit fßr geneigte Anleger dar. Grundsätzlich bieten sich Privatanlegern drei MÜglichkeiten fßr ein Private-

Equity-Engagement. So gibt es neben dem direkten Engagement bei einem Unternehmen die Beteiligung an einem PrivateEquity-Fonds oder an einem Dachfonds. Sofern Ersteres wegen hohen Kapitalbedarfs und fehlender Expertise ausscheidet, empfiehlt die Bethmann Bank, sich mit Beträgen ab 200 000 Euro an der Wertentwicklung einzelner Private-Equity-Fonds zu beteiligen. „Das ermĂśglicht den Zugang zu etablierten Private-Equity-Gesellschaften, die Ăźber viele Jahre eine herausragende Leistungsbilanz aufgebaut haben“, sagt Andreas Mack, Direktor der Stuttgarter Niederlassung des Instituts. Dachfonds kĂśnnten in bestimmten Fällen wie bei Investitionen im asiatischen Markt oder bei Sekundärmarkttransaktionen eine sinnvolle Ergänzung zum Portfolio einzelner Private-Equity-Fonds darstellen. Doch drĂźckt hier die doppelte GebĂźhr fĂźr den Private-Equity-Fonds wie auch fĂźr den Dachfonds auf den Ertrag.

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Foto: Mauritius

Wie hoch aber sollte nun das VermĂśgen sein, das ein Privatanleger fĂźr ein PrivateEquity-Engagement mitbringen sollte? Um ein diversifiziertes Portfolio Ăźber Fonds aufbauen zu kĂśnnen, sind hier nach Einschätzung der Bethmann Bank mindestens fĂźnf Millionen Euro erforderlich. „Je nach Risikotoleranz sollte der PrivateEquity-Anteil zehn Prozent betragen“, rät Mack, während die Deutsche Bank einen maximalen Anteil von 25 Prozent nennt. Private Equity dient dabei nicht als Ersatz fĂźr herkĂśmmliche Anlageformen, sondern ist eindeutig als Ergänzung zu sehen. Und sofern ein gut diversifiziertes Portfolio mit Beteiligungskapital aufgebaut wurde, kann auch mit einer guten Ernte in Form von Ertrag gerechnet werden. So nennt die Bethmann Bank mit Verweis auf langfristige Studien eine um drei bis fĂźnf Prozent bessere Wertentwicklung als bei vergleichbaren Aktien mit ähnlichem Risikoprofil. Dabei ist zu beachten, dass der Informationsfluss ganz anders verläuft als bei liquiden Anlagen am Kapitalmarkt wie Aktien oder Renten, fĂźr „Fonds ermĂśglichen die täglich Informationen an den Zugang zu Privateden BĂśrsen und in den Medien Equity-Gesellschaften, verĂśffentlicht werden. Daher muss der Anleger bei einer Di- die eine herausragende rektanlage seinen Einfluss im Bilanz aufgebaut haben.“ Unternehmen vertraglich so Andreas Mack, gestalten, dass er an die fĂźr ihn Bethmann Bank wichtigen Informationen gelangen kann. „Generell mĂźssen die Informationen, die einer Anlageentscheidung zugrunde liegen, bei einer solchen Investition viel tiefer gehen als bei einer liquideren Anlageform“, erläutert Mast. Die Entscheidung muss aufgrund der langen Anlagezeiten und der fehlenden Handelbarkeit sehr gut und tief greifend unterlegt sein. Fondsinvestoren haben es dagegen vergleichsweise einfach. Die Fondsgesellschaft beziehungsweise der Initiator hat festgelegte Informationspflichten, so dass die Anleger in regelmäĂ&#x;igen Abständen Ăźber den Verlauf ihres Investments auf dem Laufenden gehalten werden. Nachdem die Private-Equity-Investitionen in Deutschland im Zuge der Finanzkrise 2008 bis 2010 einen Dämpfer hinnehmen mussten, wurde 2016 wieder Beteiligungskapital in HĂśhe von 5688 Millionen Euro in deutsche Unternehmen gesteckt – Tendenz steigend, heiĂ&#x;t es bei der Deutschen Bank. Allein aufgrund des anstehenden Generationswechsels in deutschen Familienunternehmen ist in den kommenden Jahren mit einem erhĂśhten Angebot an Beteiligungskapital zu rechnen.

PRIVATE EQUITY Definition Private Equity beschreibt die Beteiligung von institutionellen und privaten Anlegern am Eigenkapital einer Gesellschaft, die nicht an der BĂśrse notiert ist. Daher ist der Zugang zu Beteiligungskapital fĂźr Privatanleger schwierig. Aber wegen der hohen Anlagesummen und eines gestei-

gerten Risikos bedarf es auch einer sorgfältigen Abwägung eines solchen Engagements. Daher wird Private Equity auch als Risikokapital bezeichnet – insbesondere bei der Beteiligung an Jungunternehmen („Startups“), die in der Startphase eine Anschubfinanzierung („Seed Capital“) brauchen.

Deutschland Nach einer Durststrecke im Zuge der Finanzkrise 2008 hat der in Deutschland investierte Umfang an Private Equity 2014 ein Zwischenhoch von 7,1 Milliarden Euro erreicht, um 2016 auf 5,7 Milliarden abzusinken. Fßr die Zukunft gehen Experten wieder von einem kräftigen Anstieg aus. ts


Wirtschaft in Baden-Württemberg 13

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Führung auf Vertrauensbasis Die FOM Hochschule Stuttgart bietet einen berufsbegleitenden Masterstudiengang für Wirtschaftspsychologie an. Wer versteht, wie Menschen ticken, hat es bei der Führung der Mitarbeiter einfacher. Von Dorothee Schöpfer Studiengang

Im Café des Atrium-Innenhofs können Studenten den Tag ausklingen lassen.

I

m Büro von Ulrike Schwegler steht eine rote Couch. Die Professorin an der FOM Hochschule Stuttgart unterrichtet dort Internationales Management und Wirtschaftspsychologie. Doch das rote Sofa ist keine Reminiszenz an Sigmund Freud und wer sich in Tiefenpsychologie und Psychoanalyse weiterbilden will, wäre an dieser privaten Hochschule falsch. Die FOM hat sich auf berufsbegleitende Studiengänge spezialisiert. 29 Standorte hat die Hochschule in Deutschland insgesamt, an 22 davon können Berufstätige einen Master in den Berei„Unsere Studenten sind chen Wirtschaft & Management, Wirtschaft & Recht, InLeistungsträger, sie sind genieurwesen, Gesundheit & ambitioniert und Soziales oder auch in Wirtwollen weiterkommen.“ schaft & Psychologie machen. Wer Ulrike Schwegler in Ulrike Schwegler, FOM-Professorin ihrem Büro aufsucht, der legt sich nicht auf die Couch, sondern bespricht mit ihr etwa die Gliederung der Abschlussarbeit. Steffen Kauderer, der auf dem Sofa seiner Professorin sitzt, studiert Wirtschaftspsychologie im Masterstudiengang, ist im dritten Semester und darf sich nach erfolgreichem Abschluss des Aufbaustudiums Master of Science nen-

nen. Warum gerade dieses Fach? Schließlich hat Kauderer einen Bachelorabschluss in Elektrotechnik. Da hätte es doch nahegelegen, weiter das Ingenieurwissen zu vertiefen. „Daran habe ich ursprünglich auch gedacht. Doch als ich gelesen habe, worum es im Fach Wirtschaftspsychologie geht, wusste ich sofort, dass ich genau das machen will“, sagt Kauderer. Auf seinem Lehrplan stehen unter anderem Arbeits- und Organisationspsychologie, Entscheidungsorientiertes Management, Markt- und Werbepsychologie und Führungspsychologie. Wer dieses Fach studiert, so informiert eine Broschüre der FOM, qualifiziert sich unter anderem für die Leitung von interdisziplinären Teams, für Personalbeschaffung und die Leitung von Veränderungsprozessen in Unternehmen. Auch Markt- und Konsumentenforschung gehört zu den Tätigkeitsfeldern der Absolventen. „Viele Wirtschaftspsychologen arbeiten später in Führungspositionen im Marketing oder in der Personalentwicklung“, weiß Ulrike Schwedler. Welche Position Steffen Kauderer genau mit seinem Abschluss anstrebt, weiß er noch nicht. Was er aber genau wusste vor Studienbeginn,

100 von 2500 Studenten an der FOMHochschule in Stuttgart studieren Wirtschaftspsychologie im Masterstudiengang. Professorin Ulrike Schwegler kennt alle mit Namen. Elektrotechniker Steffen Kauderer, Masterstudent im dritten Semester, will später einmal Personalverantwortung übernehmen.

Fotos: privat, Dorothee Schöpfer, Tom Schulte

ist, dass er weiterlernen will und dass er nicht in die technische Entwicklung gehen möchte. Und er ist sicher, dass er einmal Personalverantwortung übernehmen möchte: „Das liegt mir“, sagt er sehr klar und selbstbewusst. 26 Jahre ist er alt und strahlt nicht nur Souveränität, sondern auch Zugewandtheit und Freundlichkeit aus. Dabei liegt schon ein langer Arbeitstag hinter ihm: Meistens fängt Kauderer schon morgens um 6 Uhr an mit der Arbeit bei einem mittelständischen Unternehmen, das Sensoren herstellt. Kauderer ist dort technischer Trainer und betreut die Märkte Asien und Südamerika: „Ich bin quasi Lehrer für Erwachsene“, sagt er und lacht. Er wohnt in Göppingen, arbeitet in Neuhausen auf den Fildern und fährt an drei Abenden dann gleich noch weiter nach Stuttgart an die Hochschule. Von 18 bis 21 Uhr dauert der Unterricht. Die vorlesungsfreie Zeit ist kurz, nur im August und zwei Wochen im Februar gibt es keine Lektionen in Psychologie. Genau das ist es, was Professorin Schwegler an der FOM schätzt: Das Studium ist kompakt. „Ein berufsbegleitendes Studium ist eine Herausforderung. Aber sie ist bewältigbar“, sagt die Hochschullehrerin. Steffen Kauderer kommt mit der Doppelbelastung gut zurecht, ihm bleibt sogar noch Zeit für Sport und sein Hobby Gitarre. „Man braucht eben ein gutes Zeitmanagement, dann geht das schon“, sagt er. Eine Eigenschaft, die die meisten Studierenden der FOM besitzen: 90 Prozent, die einen Masterstudiengang dort begonnen haben, schließen ihn erfolgreich ab. „Unsere Studenten sind Leistungsträger, sie sind ambitioniert und wollen weiterkommen“, sagt Ulrike Schwegler dazu. „Das Studieren neben dem Beruf ist auch eine Chance – was man heute lernt, kann man morgen anwenden“, findet die Professorin. Eine Erfahrung, die Steffen Kauderer bestätigt. Für ihn sind selbst die Fahrten mit der Bahn zur Hochschule durch das Studium interessanter geworden: „Das ist auch ein Übungsfeld, um die Körpersprache und Ausdrucksweise meiner Mitfahrer zu analysieren. Das macht mir Spaß“, sagt Kauderer. Dass sich ihre Mitarbeiter weiterqualifizieren, schätzen auch viele Firmen. Kaude-

rers Unternehmen wirbt auf der Homepage damit, dass es bis zu 50 Prozent der Kosten für die Weiterbildungsmaßnahme bezahlt, je nachdem wie gut die Note ausfällt. Und auch Sonderurlaubstage zur Prüfungsvorbereitung gibt es. „Ich habe einen so kooperativen Chef, der mich auch bei der Planung von Dienstreisen unterstützt. Ich bin öfter unterwegs und kann die Flüge durch seine Unterstützung so legen, dass ich möglichst wenig Vorlesungen versäume.“ Rund 2500 Studentinnen und Studenten gibt es in Stuttgart an der FOMHochschule. Etwa 100 davon studieren Wirtschaftspsychologie im Masterstudium. Die Vorlesungen sind klein und fast familiär, kein anonymer Massenunterricht. Ulrike Schwegler kennt ihre Studenten alle mit Namen – zumindest die, die sie aktuell unterrichtet. Die enge Verzahnung zur Praxis ist für Kauderer ein großes Plus bei seinem Studium. „Es gibt auch in den Vorlesungen viele praktische Übungen, wir arbeiten oft mit Fallbeispielen und Rollenspielen.“ Auch Ulrike Schwegler gehört zu den Lehrenden, die noch mit einem Fuß in der Praxis stehen, obwohl sie am Standort Stuttgart der FOM die wissenschaftliche Gesamtstudienleiterin ist. Zudem ist sie Inhaberin des Instituts für Angewandte Vertrauensforschung und arbeitet als Beraterin in Firmen. „Bei Veränderungsprozessen in Unternehmen sind psychologische Kenntnisse sehr wichtig. Wie nimmt man die Menschen mit, das ist die Frage“, so Ulrike Schwegler. Der Faktor Mensch spiele in der Organisationsentwicklung eine wichtige Rolle – wer sein Gegenüber besser versteht, ist auch eher in der Lage, vertrauensbasiert zu führen. „Und natürlich wollen die Studierenden immer auch gerne wissen, wie sie den Chef analysieren können“, sagt Ulrike Schwegler und schmunzelt. Dazu kann man von ihr viel erfahren – auch ohne sich auf die Couch zu legen.

MASTER OF SCIENCE WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE Voraussetzungen Entweder ein Hochschulabschluss (Diplom, Magister, Staatsexamen, Bachelor) mit wirtschaftswissenschaftlichem Anteil oder ein Hochschulabschluss einer anderen Fachrichtung plus 18 Monate einschlägige Berufserfahrung und die Belegung eines Brückenkurses BWL sind für die Zulassung zum Studium nötig.

Kosten Das Studium kostet 12 430 Euro inklusive Immatrikulations- und Prüfungsgebühr. Mehr Infos unter www.fom.de Neuer Studiengang Ab 2018 bietet die FOM in Stuttgart auch den Studiengang „Wirtschaftspsychologie und Consulting“ an mit Schwerpunkt auf Mediation und Coaching. ds


14 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Frust im Job? Gute Chefs motivieren! Viele Mitarbeiter sind unzufrieden – oft hängt das mit dem Führungsverhalten ihres Vorgesetzten zusammen. Dennoch wechseln nur wenige den Job. Von Imelda Flaig

Arbeitsplatz

G

ute Chefs können Mitarbeiter mitreißen und motivieren. Schlechte Chefs führen oft dazu, dass Mitarbeiter zwar ihren Job machen, aber innerlich gekündigt haben – das trifft in Deutschland laut einer Studie auf fast jeden fünften Mitarbeiter zu. Sogar 70 Prozent der Beschäftigten fühlen sich emotional gering gebunden und machen Dienst nach Vorschrift, so das Ergebnis des Engagement Index 2016, den das Beratungsunternehmen Gallup in Berlin jährlich erhebt. Wie lange Mitarbeiter in einem Unternehmen bleiben und wie produktiv sie sind, hängt vor allem vom Führungsverhalten des direkten Vorgesetzten ab. Doch hier ist der Haken. In Sachen Führungsqualität klaffen die Wünsche der Beschäftigten und die Wirklichkeit in deutschen Unternehmen besonders weit auseinander: Insgesamt sagen gerade mal 20 Prozent der Arbeitnehmer, „die Führung, die ich bei der Arbeit erlebe, motiviert mich, hervorragende Arbeit zu leisten“. Dabei wäre es so einfach, Mitarbeiter zu motivieren. Aus der Forschung wisse man, dass Lob und

WENN ARBEIT KRANK MACHT Fehlzeiten Seit Jahren verzeichnen Krankenkassen einen Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten. Laut TK-Gesundheitsreport 2017 betrug – über alle Altersgruppen hinweg – der Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten 88 Prozent. Die Fehlzeiten aufgrund von Depressionen, Anpassungs- und Belastungsstörungen sind demnach bei Auszubildenden zwischen 16 und 25 Jahren seit dem Jahr 2000 gar um 108 Prozent gestiegen.

Arbeitsdruck Wenn der Druck im Job zu groß wird, fühlen sich viele Mitarbeiter dem nicht mehr gewachsen – oft heißt am Ende die Diagnose Burn-out. Hier kommt es auch auf das Verständnis an, das Vorgesetzte für die Bedeutung und Folgen von Stressüberlastung ihrer Mitarbeiter aufbringen. Sich bestmöglich um die „Ressource Mensch“ zu kümmern, um gute Leute zu halten und Fehlzeiten zu minimieren, macht laut Experten gute Chefs aus. red

Anerkennung die gleichen oder sogar größere Effekte erzielten wie finanzielle Boni, sagt etwa Tanja Bipp, Professorin für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Uni Würzburg. Und Lob kostet nicht einmal etwas. Dabei spielen offenbar viele Mitarbeiter mit dem Gedanken an eine Kündigung. Rund 18 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten wegen ihres direkten Vorgesetzten daran gedacht zu kündigen – in der Gruppe der „inneren Kündiger“ sogar fast jeder Zweite. Für die repräsentative Erhebung von Gallup wurden insgesamt mehr als 1400 zufällig ausgewählte Arbeitnehmer ab 18 Jahren interviewt. Der Befragung zufolge hatten zwei von drei Arbeitnehmern im Lauf ihres Arbeitslebens mindestens einmal einen schlechten Vorgesetzten. Doch die Chefs selbst sind sich ihrer Defizite nicht bewusst – 97 Prozent halten sich selbst für eine gute Führungskraft. Doch was macht eine gute Führungskraft aus? Um ein guter Chef zu sein, reichen fachliche Qualifikationen allein nicht aus, heißt es beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln zum Thema Führungskompetenz. Bereits mit Nachwuchsführungskräften sollten Potenzialanalysen und anonyme Feedbackrunden durchgeführt werden. Eine gute Führungskraft vermittle eine begeisternde Vision und fördere jeden einzelnen Mitarbeiter individuell. Nachholbedarf haben Chefs hierzulande vor allem, wenn es um Feedback geht. Die Untersuchung belegt, dass nur 56 Prozent der Mitarbeiter in den letzten zwölf Monaten überhaupt einmal mit ihren Vorgesetzten über die eigenen Leistungen gesprochen haben. Und selbst da, wo Mitarbeitergespräche stattfinden, verfehlen sie oft das Ziel. „Die Chefs müssen umdenken“, sagt etwa PersonalmanagementExperte Armin Trost. Es geht um Freiräume und Eigeninitiative. Geht es nach ihm, muss ein Chef mehr zum Coach werden,

Ohne Motivation keine Leistung – die innere Kündigung ist weitverbreitet. Verantwortung an Teams und Mitarbeiter delegieren. Eine gute Führung sei schließlich auch im Kampf um Talente und damit für die Besetzung von Stellen wichtig. Es gehöre zur Aufgabe einer Führungskraft herauszufinden, was ein Mitarbeiter gut könne und möge und wie er dementsprechend eingesetzt werden könne. Stichwort: individuelle Leistungspotenziale der Mitarbeiter freisetzen, sagt auch Marco Nink, Senior Practice Consultant bei Gallup. Nur knapp vier von zehn Beschäftigten stimmen der Aussage „Die Rückmeldung, die ich zu meiner Arbeit bekomme, hilft mir, meine Arbeit besser zu machen“ ohne Wenn und Aber zu. „Dieses Ergebnis stellt Führungskräften ein schlechtes Zeugnis aus“, sagt Nink und setzt noch eins drauf: „Der Wettbewerb um die besten Köpfe wird härter“, denn die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt hätten sich gedreht.

„Früher suchten qualifizierte Bewerber nach Stellen, heute suchen Unternehmen händeringend nach qualifizierten Bewerbern.“ Dazu passt, dass 16 Prozent der Beschäftigten im vergangenen Jahr Angebote von Headhuntern bekommen haben – 2010 waren es erst zwölf Prozent. Jeder Weggang eines Mitarbeiters bedeute den Verlust von Erfahrung, Fachwissen und Kontakten und wirke oft negativ aufs Betriebsklima und die Kundenbeziehungen. „Faktoren wie Arbeitsplatzsicherheit, Entlohnung, Sozialleistungen, flexible Arbeitszeit oder die Zahl der Urlaubstage sind für Mitarbeiter zwar durchaus wichtig, auf deren emotionale Bindung haben sie jedoch kaum Einfluss“, sagt Experte Nink. Nach Gallup-Berechnungen kostet die innere Kündigung aufgrund schlechter Führung die deutsche Volkswirtschaft insgesamt bis zu 105 Milliarden Euro jährlich.

Foto: dpa


Wirtschaft in Baden-Württemberg 15

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Abschied ohne Tränen Wenn Mitarbeiter gehen, muss deshalb der Kontakt zum Unternehmen nicht abreißen. Das kann für beide Seiten von Vorteil sein. Von Oliver Schmale Kündigung

W

er kündigt, ist ein Nestbeschmutzer. Diese Einstellung herrscht immer noch in vielen Unternehmen vor, wenn ein Mitarbeiter geht. Doch die Gründe für eine Trennung sind recht unterschiedlich. Das kann Ärger mit dem bisherigen Vorgesetzten sein oder es lockt bessere Bezahlung beim neuen Arbeitgeber. Oder es ist nur der Wunsch nach persönlicher Veränderung. Normalerweise geht mit dem Abschied auch der Kontakt zum Unternehmen verloren. Beim Projektsteuerer Drees & Sommer, der dafür sorgt, dass Großvorhaben am Bau nicht aus dem Ruder laufen, bedeutet Kündigung nicht automatisch das Ende des Dialogs. Hier wird aktiv versucht, mit ehemaligen Mitarbeitern in Kontakt zu bleiben, um eine Rückkehr zu ermöglichen. „Leute, die gehen, reden Tacheles“, sagt Dierk Mutschler, Vorstand bei Drees & Sommer. Der 52-jährige Manager ist vom Hauptsitz in Stuttgart aus für das Personal des rund 2150 Mitarbeiter starken Dienstleisters verantwortlich. Für eine Kündigung gebe es immer gute Gründe. Doch langjährige Mitarbeiter seien für Unternehmen stets ein wertvolles Gut. Daher dürfe man sie nicht einfach ziehen lassen. Kündigt ein erfahrener Mitarbeiter, schaltet sich in der Regel ein Vorstand oder Partner ein, um die Beweggründe für den Weggang in Erfahrung zu bringen. Das Gespräch führe nie der direkte Vorgesetzte. Denn der könne nicht unvoreingenommen mit dem Mitarbeiter sprechen, heißt es. Am Ende des Gesprächs wird dann ein weiterer Termin vereinbart, drei oder vier Monate nach dem Ausscheiden. Dabei wird dem früheren Kollegen eine mögliche Perspektive aufgezeigt. Mutschler ist bewusst, dass er selbst den Gesprächsfaden „In Amerika gibt es den zum Mitarbeiter halten muss. „Denn dieser meldet sich eher Spruch, dass nicht die nicht von sich aus.“ Unternehmen verlassen Einen so weitsichtigen werden, sondern Umgang mit ehemaligen Mitarbeitern pflegen nur wenige die Führungskräfte.“ Unternehmen. „Bei uns gibt Jörg Breiski, es dafür kein spezielles ProKienbaum gramm“, sagt beispielsweise BMW-Managerin Jela Götting. Sie und auch der Personalberater Björn Knothe von Division One begründen den Verzicht so: „Eine Verbindung besteht meist ohnehin durch soziale Netzwerke wie Xing oder Linked-In“, sagt Knothe. Werde allerdings das Exit-Management, so umschreiben Personalfachleute die Kontaktpflege, beim Weggang professionell geführt, stiegen die Chancen für eine abermalige Zusammenarbeit mit dem „alten Arbeitgeber“. Der scheidende Mitarbeiter sollte mit einem guten Gefühl aus den Trennungsgesprächen gehen. Vor allem in Zeiten, in denen nahezu Vollbeschäftigung herrsche, bestehe häufiger die Möglichkeit, dass man einen bisher verdienten Mitarbeiter in wenigen Jahren wieder in das Unternehmen zurücklocken möchte. „Ein positiver Abschied unterstützt das sicher“, sagt Knothe. BMW-Managerin Götting betont, die Digitalisierung von Netzwerken fördere solche Kontakte und die Kommunikation mit den Kandidaten würde dadurch individualisiert. „Das schafft eine intensivere Bindung, als es ein Exit-Programm leisten könnte, weil der Umgang persönlicher gestaltet werden kann.“ Der Autohersteller Daimler und der Technologiekonzern Robert Bosch verweisen indes darauf, dass ihnen Mitarbeiter sehr lang treu bleiben und für sie so ein Vorgehen kaum sinnvoll sei. Ihre Exit-Gespräche führen die Manager von Drees & Sommer seit 2011. In der Personalabteilung wird jede Kündigung genau angeschaut. Vorstand Mutschler weiß genau, dass nicht jeder Vorgang für ExitGespräche taugt. „Wenn die Chemie nicht stimmt, gehen wir eher nicht so vor“, räumt er ein. Die Strategie wendet das Unternehmen aber nicht nur bei Führungskräften oder Ingenieuren an, sondern auch bei normalen Angestellten. Bislang wurden so rund 20 Mitarbeiter zurückgewonnen. So auch Rainer Preisshofen. Der Ingenieur und seine fünfköpfige Familie hatten schon früher einige Zeit in Dubai gelebt und kamen danach nach Stuttgart zurück. Doch die Stadt wirkte auf ihn und sein Umfeld wohl etwas einengend und klein. Er habe daher losgelöst vom Standort Stuttgart arbeiten und zudem an einer internationalen Strategie mitwirken wollen, erklärt Preisshofen. Da erreichte ihn der Anruf von einem Immobilienkonzern in Zürich zum idealen Zeitpunkt. „Ich habe damals eine neue Herausforderung gesucht“, begründet er den damaligen Abschied von seinem Arbeitgeber. Von 2012 bis Herbst 2013 war er dann für den Ausbau der internationalen Hochbauaktivitäten mit Schwerpunkt Russland und Europa bei einem Immobilienkonzern zuständig. In dieser Zeit hatte er aber immer wieder Kontakt mit Drees &

Sommer. So wurde er zu Veranstaltungen des früheren Arbeitgebers in der Schweiz eingeladen oder zu zwanglosen Treffen auf Messen. „Das war nicht aufdringlich, sondern immer in lockerer Atmosphäre“, berichtet er. Seit Herbst 2013 ist Preisshofen wieder bei seinem alten Arbeitgeber tätig und dort als Geschäftsführer für das Geschäft in der Schweiz mitverantwortlich. In Zürich ist der 45 Jahre alte Diplom-Ingenieur für 30 Beschäftigte zuständig. Sein Kollege Uwe Kazmaier ist seit 2014 wieder bei seinem früheren Arbeitgeber unter Vertrag. Der Bauingenieur hatte vor seiner Rückkehr längere Zeit in Nordamerika gelebt und war dort bei General Electric (GE) aktiv. Er war bei dem Mischkonzern für einen Betriebscampus mit 3000 Mitarbeitern verantwortlich und sorgte dafür, dass die Produktion vor Ort und das lokale Rechenzentrum funktionierten. Die Tätigkeit bei GE verschaffte ihm einen Perspektivwechsel: „Ich bin auf die andere Seite gewechselt, von der Beratung in die Industrie.“ Über Jahre hinweg hat auch Kazmaier den Kontakt zu Drees & Sommer gehalten, unter anderem mit seinen früheren Kollegen, die mit ihm einst dafür sorgten, dass der Neubau des Mercedes-BenzMuseums in Stuttgart reibungslos über die Bühne ging. Kazmaier und seine Familie wollten jedoch nicht dauerhaft in Nordamerika bleiben. Nun ist er bei seinem Ex-Arbeitgeber als Senior Projektpartner tätig und dort auch für Themen wie Weiterbildung oder Internationalisierung zuständig. Jörg Breiski von der Personalberatung Kienbaum hält es für wichtig, dass eine Trennung von einem Mitarbeiter für beide Seiten geordnet über die Bühne geht. „Wichtig ist ein sauberes Management des Ausscheidens“, betont er. „Das beginnt mit einem Austrittsgespräch, um die Motivation für den Weggang genau zu klären.“ Auch für ihn ist wichtig, dass nicht der Vorgesetzte solche Gespräche führe, sondern eine neutrale Person. „Sie kann die Gründe für die Entscheidung oft besser verstehen“, ist der Personalfachmann überzeugt. Er verweist auf ein in der Branche oft bemühtes Bild: „In Amerika gibt es den Spruch, dass nicht die Unternehmen verlassen werden, sondern die Führungskräfte.“ Manager mit Personalverantwortung müssten laut Breiski darauf achten, dass sie nicht nur in der Lage sind, als eine Art Magnet für kreative Talente zu wirken, sondern auch mit einem kollegialen Führungsstil überzeugen. Denn ein häufiger Grund für Kündigungen ist, dass die Beschäftigten Probleme mit dem Vorgesetzten haben. Vor allem junge Leute seien heute kaum bereit, jedes Verhalten zu akzeptieren. „Es ist zu beobachten, dass die Menschen nicht mehr willig sind, für ihre Karriere in einem Unternehmen eine Ochsentour von 10 bis 15 Jahren zu machen“, sagt er. Arbeitgeber müssten daher für durchlässigere Karrierepfade sorgen. Vor allem kleine Betriebe sieht der Personalfachmann im Vorteil. Sie könnten viel flexibler agieren. „Es geht auch darum, ein gutes Alumni-Netzwerk für das Unternehmen aufzubauen.“ Darüber kann auf lange Sicht der Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern gehalten oder mit ihnen ein neuer Geschäftskontakt angebahnt werden. Wenn ein ehemaliger Mitarbeiter zu seinem einstigen Arbeitgeber zurückkehrt, könne das Unternehmen generell nur profitieren. Denn dieser Neuzugang habe außerhalb der Organisation wertvolle Erfahrung gesammelt, die er nach seiner Rückkehr in die ihm vertrauten Arbeitsabläufe einfließen lässt und so Entwicklungen beschleunigt, glaubt Breiski. Dass man bei seinem früheren Arbeitgeber wieder anheuert, ist dennoch keineswegs die Regel. BMW-Managerin Götting räumt zumindest ein, dass sich bei „Heimkehrern“ mitunter größere Chancen für den Arbeitgeber eröffnen, von dessen Erfahrung und Motivation zu profitieren, als bei normalen Neuzugängen.

Drehtüren sind Aus- und Eingänge. Auch eine Kündigung muss keine Einbahnstraße sein. Womöglich kommt man wieder einmal zusammen. Das kann für beide Seiten vorteilhaft sein. Denn der neue „Alte“ hat inzwischen neue Erfahrungen gesammelt, die er zum Vorteil seines alten Arbeitgebers einbringen kann. Fotos: Mauritius (3), John Merlin, Murat Subatli/Adobe Stock


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

TA G U N G E N & KONGRESSE JULI 2017

Statt Häppchen Bits und Bytes Ko n g r e s s e u n d Ta g u n g e n s e t z e n a u f d e n d i g i t a l e n Tr e n d

T

rotz 3-D-Visualisierung, Animationstechnik und Veranstaltungen, die man via Internet besuchen kann, sind Kongresse und die persönliche Teilnahme daran nach wie vor gefragt. Digitale Elemente helfen Kongressen dabei, nachhaltiger zu werden. „NachhaltigMESSEN keit ist kein Modethema mehr“, sagt Anne Demuth vom MITARBEITER CONVENTION Convention Bureau Stuttgart. Vielmehr DIGITAL erwarten Teilnehmer wie Veranstalter heuLOCATION dass Locations STUTTGART VERANSTALTER te, auf soziale Unternehmensführung und die NACHHALTIGKEIT Umwelt achten. So sparen digitale Informationen Papier, wie regionales Catering Transportwege spart. Ein Glas Württemberger oder Apfelsaft von den Streuobstwiesen ergänzen perfekt jedes schwäbische Veranstaltungsbüfett. Das funktioniert, weil regionale Produkte den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen und selbst bei einem TopHotel auf der Veranstaltungskarte stehen können. „Die meisten Hotels und Veranstaltungsräumlichkeiten haben in den letzten Jahren außerdem viel in energetische Gebäudetechnik investiert“, weiß Demuth. Außerdem bekommt jeder, der über das Convention Bureau ein Hotelzimmer bucht, ein VVS-Ticket gratis dazu. „Damit punkten wir bei den Teilnehmern und schonen gleichzeitig die Umwelt.“ Im vergangenen Jahr erreichte Stuttgart beim Global Destination Sustainability Index den vierten Platz weltweit. Bei dieser Wertung ging es umfassend um die sozialen,

PLANEN

KONGRESSE TAGUNGEN

REGION

ES S LI N G EN

wirtschaftlichen und ökologischen Anstren- men. Eine persönliche Teilnahme ersetzt das gungen der Stadt Stuttgart insgesamt. Einer Online-Tool aber seiner Meinung nach nicht. der aktuellen Trends sind „Hybride Events“. „Die digitalen Angebote sind eher als ErgänDie Verbindung mit digitaler Technik ist so zung zum direkten Kontakt und als Auseng, dass Teilnehmer nicht mehr körperlich tausch gedacht“, sagt der Geschäftsführer. anwesend sein müssen, um dem Programm Trotz digitaler Angebote, die Besucher zu folgen. Sie können virtuell von zu Hause in Stuttgart sehr gerne nutzen, bleibt der aus an einem Kongress teilnehmen. Wunsch nach persönlichem Austausch und Möglich machen das spezielle Apps, di- Erlebnissen. Das Convention Bureau bietet gitale Kongressunterlagen und Live-Strea- für echtes Stuttgart-Feeling eine große Ausming der Vorträge. Es handelt sich also um wahl an Aktivitäten: Vom Netzwerken auf eine Mischung aus klassischer Tagung mit dem Cannstatter Wasen über original Teilnehmern vor Ort und Menschen, die sich schwäbische Brezeln als Pausen-Snack bis zu über das Internet beispielsweise aus den einem mehrgängigen Bankett in PorscheUSA oder Asien einklinken. „Vorteil eines Museum oder Reithalle ist alles möglich. Arhybriden Kongresses ist es, dass viel mehr min Dellnitz, Geschäftsführer Stuttgart-MarMenschen teilnehmen können, als in die keting GmbH und Regio Stuttgart MarkeHalle passen“, sagt Filderhalle-Geschäftsfüh- ting- und Tourismus GmbH, freut sich über rer Nils Jakoby. Damit den Erfolg der Landesseien weder Parkplätals VeranAPPS ALS PROGRAMMHEFT hauptstadt ze noch , die Anzahl staltungsort: „Die ReAUF DEM VORMARSCH an Hotelbetten oder gion Stuttgart bietet die Anreisekosten ein eine hohe Lebensqualilimitierender Faktor für die Teilnahme an tät. Bei Messen und Kongressen zeigen sich einem Fachkongress. hervorragende Möglichkeiten, diese TrümpSo werde, freut sich Jakoby, die Teilnah- fe auszuspielen.“ me von Menschen aus der ganzen Welt mögDas German Convention Bureau rechnet lich. Das bereichere auch die Veranstaltung in einer umfassenden Untersuchung damit, selbst, weil mehr Sichtweisen berücksichtigt, dass sich der digitale Trend bei Tagungen mehr Argumente gehört werden können. und Kongressen in den nächsten Jahren ver„Sprich, der Teilnehmer aus Hongkong kann stärken wird. Immer häufiger ersetzt beibequem von seinem Homeoffice aus via spielsweise eine App oder eine virtuelle KonEvent-App zeitgleich wie der Teilnehmer in gressumgebung im Internet ein gedrucktes der Filderhalle in Stuttgart live sein Feed- Kongressprogramm. Die Veranstaltungsback an den Veranstalter übermitteln.“ experten halten es für möglich, dass sich in Außerdem schone das Veranstaltungskon- den nächsten Jahren Redner durchsetzen zept die Umwelt: „Der hybride Kongress werden, die per Holografie projiziert werkommt nachhaltigen Konzepten entgegen, den, statt persönlich aufzutreten. Oder Dolda der CO2-Verbrauch durch den Wegfall metscher-Softwares, die ganz ohne den Menvon An- und Abreise verringert wird“, fasst schen auskommen. Mit interaktiven PlattJakoby die Vorteile für die Umwelt zusam- formen wird Kommunikation in und über

Nach dem Kongress Stuttgart hat viel zu bieten

S

Das Neckar-Forum Ob eine Schulung mit zehn Teilnehmern, ein Kongress mit 400 Besuchern oder ein Konzert mit 1200 Gästen – das NeckarForum ist multifunktional und stellt sich auf die individuellen Wünsche der Veranstalter ein. In Kombination mit dem direkt angeschlossenen Hotel stehen bis zu acht Räumlichkeiten von 49 bis 1000 Quadratmeter zur Verfügung. Das moderne, architektonisch ansprechende Kultur- und Kongresszentrum NeckarForum bietet den passenden Rahmen für Tagungen, Seminare, Konzerte, Galaabende und sonstige Feierlichkeiten. Ein flexibles Cateringkonzept, das angeschlossene Hotel mit 150 Zimmern und eine Tiefgarage mit 200 Stellplätzen bieten Veranstaltern die passende Infrastruktur. Die historische Altstadt lädt zu ausgedehnten Spaziergängen ein. red Infos unter www.esslingenlive.de

tuttgart gilt mit seinem Internationalen Congresscenter als einer der Top-Standorte in Deutschland. Bis zu 10 000 Gäste finden in modernen Räumen Platz. Das Problem: Teilnehmer haben während der Veranstaltung nur wenig Möglichkeiten, sich auszutauschen. Die Verbindung aus Kultur und Kulinarik bietet viele Orte, wo Menschen netzwerken und beisammensitzen können. Nur zehn Autominuten vom ICS entfernt befindet sich das historische Fachwerk-Restaurant Ochsen in Neuhausen auf den Fildern. Eingebettet in gemütlicher Atmosphäre bietet das Restaurant ein weitreichendes Raumangebot für gemütliches Beisammensein, Feierlichkeiten oder Seminare. Weiter entfernt vom ICS-Zentrum steht das Wahrzeichen von Stuttgart, der Fernsehturm. Hier können Kongressbesucher eine einstündige Führung buchen, in der sie alles rund um den Fernsehturm erfahren. Anschließend bietet sich der Seminarraum für bis zu 40 Personen in 144 Meter Höhe an. Ein Ausblick, der nur von der Fernsehturm-Aussichtsplattform übertrumpft werden kann. Für Präsentationen ist der Stuttgarter Riese mit Bildschirmen, Flipcharts & Co. ausgestattet. Mehr im Stuttgarter Kessel findet sich, zwischen Oper und Schlossgarten, die

Staatsgalerie. Kunst-Interessierte können in der Ausstellung Malereien und Plastiken aus dem ausklingenden Mittelalter oder Skulpturen ab dem 19. Jahrhundert betrachten. So wird für Gruppen bis zu 20 Personen eine Führung mit abschließendem Cocktail angeboten. Hungrige Besucher können anschließend ein paar Meter weiter im Restaurant Plenum oder im Cube am Schlossgarten den Abend gemütlich ausklingen lassen. Aber was wäre Stuttgart ohne seinen Stern auf dem Bahnhofsturm oder das gold-schwarz-rote Wappen. Die Rede ist von Mercedes-Benz und Porsche, die gleichermaßen mit einem Museum der Extraklasse auffahren. Zu erreichen sind die Ausstellungen der Giganten am Rande Stuttgarts in Bad Cannstatt und in Zuffenhausen. Die Konzepte liegen hier nah beieinander. So können Führungen mit Kongressteilnehmern auch außerhalb der Öffnungszeiten gebucht werden. Der Clou: Die Besucher haben das Museum für sich allein und können die Geschichte der Stuttgarter Autofabrikanten in Ruhe auf sich wirken lassen. Nach der Führung stehen ein Seminarraum mit Projektoren, Mikrofonanlagen, das museumseigene Restaurant bis hin zur Dachterrasse oder einer ganzen Ebene zur Verfügung. lh

R EG I ON S T U T TG A R T Convention Bureau Das Stuttgart Convention Bureau (SCB) – eine Abteilung der Stuttgart-Marketing GmbH und Regio Stuttgart Marketingund Tourismus GmbH – ist zentraler und neutraler Ansprechpartner der Landeshauptstadt Stuttgart und ihrer Region für Veranstaltungsplaner aus Unternehmen, Verbänden, Institutionen sowie Veranstaltungsagenturen. Veranstaltungsplaner profitieren von einer ausgeprägten Expertise des Teams und erhalten professionelle Beratung und Unterstützung bei der Planung und Organisation von Kongressen und Veranstaltungen in der Region Stuttgart. Das Team vermarktet die Kongressdestination national und international. Bewerbungen um Veranstaltungen werden proaktiv initiiert und Partner erhalten Unterstützung bei der Erstellung eigener Veranstaltungsbewerbungen. red

Kongresse auch über weite Distanzen und in virtuellen Räumen stattfinden. Ebenfalls im Kommen ist, monotone Inhalte spielerisch aufzubereiten. Indem gequizzt, geraten und simuliert wird, werden langweilige Informationen zum Spiel umfunktioniert. Dank Wettbewerbscharakter und ansprechender Grafik steigt die Motivation beim Veranstaltungsteilnehmer. „Gamification“ nennt sich dieser Trend. Höhere Motivation und mehr Verständnis versprechen sich Veranstalter und Aussteller auch von 3-D-Animationen. Ob diese holografisch arbeiten oder Modelle auf eine Nebelwand projizieren, ist noch unklar. Sicher ist aber, dass sich Bilder, Videos und Modelle so besser im Gehirn verankern und einfacher verstanden werden. Große Exponate, Maschinen, Anlagen, ja ganze Frachtschiffe, können bei einem Event gezeigt werden, ohne einen Schwertransport organisieren zu müssen. Eine erweiterte und animierte Realität, die Augmented Reality, zeigen Multifunktionsbrillen. Wer mit einer solchen Sehhilfe ausgerüstet ist, sieht bei einer Tagung nicht nur die Realität, die ihn umgibt. Ähnlich wie die Google-Brille kann hier beispielsweise der Internetzugang ohne Monitor stattfinden. Für das allgemeine Wohlbefinden setzen die Kongressveranstalter der Zukunft eine Zimmerdecke ein, die einen realen Himmel per LED simuliert. So können neben echtem Tageslicht auch eine bestimmte Uhrzeit und das jeweilige Wetter abgebildet werden. Zum einen bessert das die Lichtverhältnisse in Konferenzräumen und steigert das Wohlbefinden. Und zum anderen können Räume ohne Tageslicht vielseitiger genutzt werden. Eine unschlagbare Kombination bieten Kongresse, wenn sie mit Messen kombiniert werden. Hier gibt es die Möglichkeit, Fachwissen noch intensiver auszutauschen und zu vermitteln. Zusätzlich verhilft die Messe als Quersubventionierung zu günstigeren Kongresstickets, die sonst schnell im vierstelligen Euro-Bereich landen. Denn hochkarätige Speaker aus Wissenschaft und Wirtschaft müssen schließlich auch angelockt und mit entsprechenden Honoraren bezahlt werden. Leila Haidar


TAGUNGEN & KONGRESSE

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Meisterleistung Große Kongresse werden oft fünf Jahre im Voraus geplant

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agungen und Veranstaltungen mit Tausenden Teilnehmern wollen akribisch organisiert sein. Schon bis zu fünf Jahre im Voraus werden Veranstaltungsorte geprüft und reserviert. Aber auch Hotelzimmer-Kontingente und das Catering müssen rechtzeitig gebucht werden. Wer heute einen großen Kongress orKONGRESS ganisiert, plant bis AKRIBIE VORLAUFZEITEN 2020 oder 2021 im Voraus. Beliebte TerJAHRE VON LANGER HAND mine im Frühjahr und Herbst an begehrten VeranstalSTUTTGART TAGUNG tungsorten sind rasch und regelmäßig ausgebucht. Zumal TaLIVE-KONGRESS REDNER gungen mit mehreren Tausend Teilnehmern auch nicht in jedem x-beliebigen Seminarhotel stattfinden können. Da braucht es große Kongresszentren und ganze Veranstaltungskomplexe. In Stuttgart sind es unter anderem Medizinerkongresse, die im Kongresszentrum am Flughafen mit hohen Teilnehmerzahlen aufwarten. Der Treff der Lungenfachärzte brachte im März 3500 Menschen nach Stuttgart und im Februar trafen die Rheumatologen mit 2600 Personen ein. Auch abseits der Medizin führten der Microsoft-Anwendertag 700 und die STUVA-Tagung der Tunnelbauer 1600 Menschen in die Landeshauptstadt. Gerade „Wanderkongresse“, also Veranstaltungen, die jedes Jahr in einer anderen Stadt in Deutschland, der DACH-Region oder weltweit abgehalten werden, stellen Veranstalter vor Herausforderungen. Einer davon ist der SUBUD Weltkongress, der im Juli und August 2018 in Freiburg stattfinden wird. Die islamischspirituelle Bruderschaft erwartet 2500 Teilnehmer. Schon fünf Jahre im Voraus prüfen die Veranstalter infrage kommende Locations, besichtigen diese und lassen sie für den gewünschten Zeitpunkt reservieren. Erst wenn der Kostenvoranschlag da ist, die Hotelkapazität stimmt und das den Regeln des Korans entsprechende Catering angefragt ist, wird fest zugesagt. Das passiert etwa drei bis vier Jahre vor dem eigentlichen Termin. Weitere Events der Bewegung finden in Cuba, Kanada und Belgien statt. Vergleichsweise kurzfristig geht es bei Deutschlands Personal-Kongress für den Mittelstand zu. Rund zwei Jahre im Voraus kümmert sich das fünfköpfige Organisationsteam um den Veranstaltungsort. Im November soll die Tagung mit 1000 Teilnehmern in der Filderhalle bei Stuttgart stattfinden. Parallel sucht die veranstaltende Unternehmensberatung tempus schon nach Räumlichkeiten für 2018. Denn der Kongress wächst von Jahr zu Jahr und mehr als 1000 Menschen passen nicht in die Filderhalle. „Wir zehren von der Erfahrung, die wir bereits mit anderen Großveranstaltungen sammeln konnten“, erläutert Projektleiterin Veronika Lutsch. Seit 26 Jahren organisiert tempus den Tag der Gelassenheit in Ulm unter der Schirmherrschaft von Geschäftsführer und Personalexperte Jörg Knoblauch. Hier kommen jährlich ebenfalls etwa 1000 Menschen. Zwar sei das Projekt nicht der einzige Personalkongress in Deutschland, wohl aber der einzige, der sich direkt an den Mittelstand richtet. „Eine Lücke, die wir erkannt und geschlossen haben“, weiß Lutsch. Beim Kongress sind rund ein Drittel der Teilnehmer Wiederholungstäter, beim Tag der Gelassenheit etwa die Hälfte. Von langer Hand geplant ist auch das Programm. „Wir buchen deutschlandweit bekannte Redner und mittelständische Unternehmer als Best Practice. Auch Speaker aus den eigenen Reihen, aus dem tempus-Führungsteam, kommen zu Wort“, fasst die Organisatorin zusammen. Ein halbes Jahr vor dem Termin gehen die Veranstalter in die Werbung. Für dieses Jahr landete das Giengener Unternehmen einen besonderen Coup:

PLANUNG

MITARBEITER AUSGABEN

MITTELSTAND

Ein kostenloser Online-Kongress sammelte Interessenten im höheren vierstelligen Bereich. „Das sind potenzielle Kandidaten für den Live-Kongress in Stuttgart“, sagt Lutsch. Für Gäste von weit her gibt es für den Personal-Kongress im November neben einem regulären und einem VIP-Ticket auch ein Streaming-Ticket zur Auswahl. Bei der dritten Variante fährt der Teilnehmer also nicht mehr persönlich nach Stuttgart, sondern nimmt an Vorträgen und Workshops über das Internet teil. „Der Kongress ist nicht als Umsatzbringer zu verstehen. Wir nutzen die Veranstaltung für die Kundenbindung und um unsere Marke als Berater zu stärken.“ Und auch die Manager der Veranstaltungsorte müssen langfristig denken. Die Liederhalle in Stuttgart etwa, die in den nächsten Jahren ihre Räumlichkeiten saniert, plante diese Neuerungen und die damit verbundenen Ausgaben von rund 16,5 Millionen Euro Jahre im Voraus. So muss festgelegt werden, wie lange die Renovie-

rungsarbeiten dauern und wann diese genau stattfinden sollten. Denn sanieren können die Profis nicht bei laufendem Betrieb. Neuanfragen kann man so langfristig absagen, Regeltermine müssen in andere Tagungsorte ausweichen. Sollten sich die Bauarbeiten in die Länge ziehen, kann das bares Geld kosten. Und hohen Organisationsaufwand bedeuten, um bereits geplante Veranstaltungen zu verschieben oder zu verlagern. In Mannheim ist ein besonders großer Kongress beheimatet: Zum „Fonds professionell Kongress“ kommen an zwei Tagen jeweils mehr als 6000 finanzinteressierte Besucher. Mit 222 Fachvorträgen und 223 Ausstellern eine der größten Veranstaltungen in Baden-Württemberg. Bei solchen Tagungen ist nicht nur langfristige Planung, sondern auch straffe Organisation vor Ort gefragt. Die 6000 Menschen müssen in kleinere Gruppen aufgespalten und in Einzelveranstaltungen untergebracht werden. Sie treffen sich dann in Nebenräumen zu Workshops oder Vorträgen. Oder beim umfangreichen Rahmenprogramm zu Bildung und Netzwerken. Aber das Rahmenprogramm und der Erlebnischarakter spielen eine mindestens ebenso große Rolle. Leila Haidar

K OR NW ES THEI M

Das „K“ Das neue Kultur- und Kongresszentrum „K“ in Kornwestheim ergänzt das dortige Kulturkarree um einen Ort der generations- und kulturübergreifenden Begegnung, der Bildung und der Kultur. Neben der integrierten Stadtbücherei gehören der Theater- und der Festsaal, das große teilbare Foyer, ein Veranstaltungs- und ein Seminarraum sowie das Theaterstüble mit seinen vier Kegelbahnen im Untergeschoss zum Gebäudekomplex. Die multifunktionalen Räume sind sowohl für Veranstaltungen aus Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft als auch für Privatpersonen, die dort Feste im familiären Kreis feiern möchten, nutzbar. Das Raumangebot reicht für Gruppen von 20 bis 2000 Personen. red Weitere Infos: www.das-k.info

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LU DW I G S B U R G

Forum am Schlosspark Das Forum am Schlosspark in Ludwigsburg ist das drittgrößte Theater- und Kon-

zerthaus in Baden-Württemberg. Das Kongress- und Festspielhaus bietet modernste Bühnentechnik und eine hervorragende Akustik für große Ereignisse, schön gelegen an der Allee in direkter Anbindung zum Residenzschloss Ludwigsburg sowie zur Innenstadt. Das lichtdurchflutete Haus bietet kombinierbare Räume mit modernster Technik für bis zu 3000 Personen. Der Theatersaal mit Vollbühne erlaubt besondere Rahmenprogramme und Abendveranstaltungen in einer außergewöhnlichen Atmosphäre. Zahlreiche Parkmöglichkeiten, Hotels und Gastronomie gibt es in fußläufiger Entfernung. Infos unter www.forum.ludwigsburg.de

Unsere Service-Leistungen Beratung und Informationen für Ihre Veranstaltung Vermittlung von Kongresszentren, Tagungshotels und Event-Locations Hotelzimmerkontingente und Zimmervermittlung Planung und Organisation von Rahmenprogrammen Stadtführer und Gästebetreuer Kartenkontingente und Kartenvorverkauf Vermittlung von Transfers ÖPNV 3-Tage-Tickets für Kongressteilnehmer und Gästegruppen Stadterlebniskarte „StuttCARD“ Vermittlung des Umwelt-Plus-Veranstaltungsticket der Deutschen Bahn Vermittlung professioneller Dienstleistungspartner Touristische Broschüren für Kongressteilnehmer

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Fragebogen

Der Gründer denkt in Generationen Rud olf Büh ler

ist Vorsitzender und Gründer der Bäu erlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall. Im Fragebogen sag t er, was er von Glück und Karriere häl t. Was macht einen guten Chef aus

? Dass er seine Kollegen motiviert und mitnimmt, Talente erkennt und sie entsprechend einsetzt. Dann natü Verlässlichkeit, Fürsorge und Ans rlich prechpartner für Themen, welche nicht selbstständig geregelt werden Dazu muss er eine Vision vorleben, können. an welcher sich die Mitstreiter orie ntieren können.

Und welche Eigenschaften davon

So lebe ich es.

haben Sie?

Wie kommt man so weit wie Sie?

Ich meine nicht, dass ich „weit“ geko mmen bin. Es war mir stets wichtig, etwas dazu beizutragen, dass die Gemeinschaft und die Ges ellschaft funktionieren. Ich möchte mehr geben als nehmen.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Als Bauer braucht man keine Karrier e zu machen. Man denkt in Generat ionen und ist tief verwurzelt in seiner Heimat. Aber etwas Glück braucht es immer, sofern unser Her rgott noch etwas davon übrig hat . ..

Haben Sie Vorbilder?

Ja, Albert Schweitzer ist für mich ein großes Vorbild in meinem Leben. Mic h beeindrucken sein klarer Geist und sein starkes Wort. Und besonde rs sein ethischer Imperativ „Ehrfur cht vor dem Leben“.

Was ist typisch für Ihren Arbeits

alltag? Eigentlich habe ich das Glück im Leb en, dass bei mir Neigung und Aufgabe n zusammengekommen sind. So spüre ich nur selten, dass der Tag lang ist, und freue mich jeden Mor gen auf neue Herausforderungen und darüber, dass ich den Tag frei und selb stbestimmt gestalten darf. Was würden Sie heute anders ma

chen? Im Großen und Ganzen bin ich zufr ieden und froh darüber, wie mein Leb en verlaufen ist. Natürlich gab es auch Niederlagen zu verkraften, doch wich tig ist immer, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Von wem können Sie am ehesten Kritik einstecken?

Von allen Menschen, wenn sie inha ltlich gerechtfertigt ist.

Womit können Kollegen Sie nerven?

Wenn sie mit Kleinigkeiten kommen , die sie auch selbst entscheiden kön nen.

Und umgekehrt?

Na ja, ich glaube schon, dass ich eine gewisse Leistung einfordere. Ein gesundes Maß an Leistungsbereitschaft und Engagement für die gute Sache sollte vorhanden sein.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Da kann ich nur raten, in sich zu gehe n und herauszufinden, was man im Leben wirklich will. Das gilt beruflich, aber auch privat. Das größte Glück ist es doch, wenn Neigung und berufliches Engagement zusammenkommen.

Was macht Sie leistungsfähig?

Gott sei Dank habe ich eine robuste Natur. Und wenn es mal ein Zipperlein gibt, hilft mir mei ne Homöopathin. Und eine jährliche Fastenzeit braucht es auch. Leider ist die bei mir dieses Jah r ausgefallen. Das werde ich aber noch nach holen.

Nach fünf Jahren an der Spitze des Naturkosmetik- und Arzneimittelherstellers Weleda verlässt Ralph Heinisch das Unternehmen zum 31. August 2017. Der scheidende Vorstandsvorsitzende hat in seiner Amtszeit das wirtschaftlich angeschlagene Unternehmen wieder auf Kurs gebracht. Weleda sei wieder gesund, teilte der Präsident des Verwaltungsrates, Paul Mackay, der Heinisch „für sein Engagement und seine Leistung“ dankte, mit. Weleda wird künftig kollegial von den Vorstandsmitgliedern Aldo Ammendola, Michael Brenner und Andreas Sommer geführt. bl

Claus-Dieter Hoffmann

Bosch-Manager zu ING-Diba Der Aufsichtsrat der Direktbank ING-Diba hat Ex-Bosch-Manager Claus-Dieter Hoffmann zu seinem neuen Vorsitzenden gewählt. Vorgänger Ben Tellings hatte den Vorsitz Mitte Juli 2016 überraschend niedergelegt. Hoffmann arbeitete seit 1973 bei Bosch und war zuletzt, bis zu seiner Pensionierung Ende Juni 2002, als Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH für Controlling, Betriebswirtschaft und Finanzen zuständig. Dem INGDiba-Aufsichtsrat gehört er seit Mai 2011 an. bl Foto: ING-Diba

R

udolf Bühler hat vielen Hohenloher Bauern dazu verholfen, dass sie heute wieder Schwein haben – oder zumindest Schweine einer alten Rasse. Vor mehr als 30 Jahren hat der Gründer und Vorsitzende der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall den Sonnenhof in Wolpertshausen von seinem Vater übernommen und führt ihn jetzt „in 15. Generation“, wie er gerne betont. Die Übername des Anwesens aber war mehr als ein Generationswechsel – sie leitete auch die Renaissance einer fast ausgestorbenen alten Schweinerasse ein. Heute gilt das Fleisch vom „Hällischen Landschwein“ als regelrechte Delikatesse und wird in noblen Restaurants ebenso serviert wie in Feinkostgeschäften angeboten – im Supermarkt auch als Wurst aus der Dose. „Wir wurden verlacht und bekämpft“, erzählt Bühler über die Zeit, als er sich mit einer Handvoll Aufrechter an die Wiederaufzucht der alten Rasse machte. Der Bauernverband gab dem Versuch zwar keine Chance, rückte aber doch vorsichtshalber einem Haller Hotelier auf die Pelle, der Fleisch vom Landschwein auf seiner Speisekarte hatte. Die Ernährungsindustrie war sauer, weil plötzlich Schweinefleisch eben nicht nur Scheinefleisch war, sondern eine bestimmte Sorte angeboten wurde. In seinem mit Fachliteratur vollgestopften Büro hält Bühler ein Buch in die Höhe: „Die Wissenschaft war davon überzeugt, dass es ohne Antibiotika nicht geht“, erzählt er aus den frühen Tagen. Bühlers Bäuerliche Erzeugergemeinschaft indes tritt jeden Tag den Beweis an, dass auf Antibiotika verzichtet werden kann. Und der Verzicht auf Wachstumsförderer im Stall war sozusagen das Wachstumshormon der Hohenloher alternativen Schweinehaltergruppe: Inzwischen ist aus dem „Fähnlein der sieben Aufrechten“ eine Gemeinschaft mit 1450 Mitgliedsbetrieben geworden, darunter nicht weniger als 465 Bio- und Demeterbetriebe – auch weil sich die Sache lohnt: Für das Fleisch vom „Hällischen Landschwein“ wird deutlich mehr bezahlt als der übliche Preis – Schweineglück. Das Landschwein aber ist keineswegs die einzige alte Rasse, die in Hohenlohe wieder zu neuem Leben erweckt wurde. Ähnliches gilt für das „Boeuf de Hohenlohe“, eine Rinderrasse, die früher bis in die Schlachthöfe nach Paris getrieben wurde. Die Erzeugergemeinschaft ist nicht nur im Stall und auf der Weide aktiv: In Schwäbisch Hall hat sie den Schlachthof übernommen, im nahen Geifertshofen die insolvente Dorfkäserei wieder in Schwung gebracht. Einen Regionalmarkt mit Hohenloher Produkten gibt es nicht nur in Wolpertshausen, sondern auch im fernen Berlin. Und weil im baden-württembergischen Nordosten weder Bananen noch Zahnpastatuben auf den Bäumen wachsen, wird das Angebot in Wolpertshausen durch Produkte von Edeka ergänzt. Der Umsatz der Erzeugergemeinschaft liegt inzwischen bei 130 Millionen Euro. „Es muss sich auch rechnen, sonst geht es nicht,“ sagt Bühler. „Wir sind aber noch immer davon überzeugt, dass die industrielle Landwirtschaft in eine Sackgasse führt.“ Bühler und seine Mitstreiter hatten zwar schon so manchen Strauß auszufechten, doch ein Sieg freut den Sonnenhofbauern ganz besonders: „Dreimal haben die Bauern das Schloss in Kirchberg an der Jagst belagert, ohne es einzunehmen“, sagt der diplomierte Landwirt. Doch als die Heimstiftung der evangelischen Kirche vor einigen Jahren das Gebäude verkaufen wollte, schlugen die Bauern zu: „Jetzt haben wir das Schloss friedlich in die Hand bekommen und halten dort Seminare über alternative Landwirtschaft ab“, sagt Bühler zu seiner Eroberung 500 Jahre nach dem Bauernkrieg.

Mission bei Weleda erfüllt

Werner Hildenbrand

Hengstenberg-Chef tritt ab Werner Hildenbrand, langjähriger Chef des Esslinger Lebensmittelkonzerns Hengstenberg, ist zum 30. Juni 2017 in den Ruhestand gegangen. Hildenbrand führte das FamilienUnternehmen seit 2010. Die Geschäftsleitung besteht künftig aus Steffen Hengstenberg (52), Philipp Hengstenberg (52) und Henri Pillot (42). bl

Andreas Freudenmann

Mandat verlängert Der Börsenrat der Baden-Württembergischen Wertpapierbörse hat beschlossen, Andreas Freudenmann mit Wirkung zum 1. August 2017 für weitere zwei Jahre zum Leiter der Handelsüberwachungsstelle zu bestellen. Das Wirtschaftsministerium des Landes hat als zuständige Börsenaufsichtsbehörde das erforderliche Einvernehmen für die Wiederbestellung von Freudenmann erteilt, heißt es in einer Mitteilung der Börse Stuttgart. Freudenmann ist seit August 2006 Leiter der Handelsüberwachungsstelle. bl Foto: Börse Stuttgart

Ein Mann geht seinen Weg. Rudolf Bühler wurde verlacht, bekämpft – und setzt sich mit seiner Idee dennoch durch. Regionales und Bioware statt industrieller Landwirtschaft, so lautet sein Motto. Von Ulrich Schreyer

Ralph Heinisch

Foto: Weleda

Bauern-Anführer

Personalien

Foto: Hengstenberg

Der Unbeirrbare

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Andreas Jahn

Neuer SV-Chef Der Aufsichtsrat der SV SparkassenVersicherung hat Andreas Jahn zum neuen Vorstandsvorsitzenden bestellt. Jahn tritt sein neues Amt zum 1. Juni 2018 an. Er folgt auf Ulrich-Bernd von der Sahl, der im Mai 2018 in den Ruhestand geht. Der gelernte Versicherungskaufmann und provovierte Betriebswirt Jahn ist derzeit Vertriebsvorstand. Zuvor arbeitete der 49-Jährige für die Ergo-Tochter Victoria. Der zu den größten öffentlichen Versicherungen Deutschland gehörende Konzern gab gleichzeitig bekannt, dass Klaus Zehner ab sofort die Position des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden übernimmt. Zehner leitet seit 2008 das Ressort Schaden und Unfall bei der Versicherung. bl Foto: SV

18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Dieter Manz

Manz wechselt in Aufsichtsrat

Foto: dpa

lohe bietet die Produkte Der Regionalmarkt Hohen . Fotos: BESH, Wagenhan an aft der Erzeugergemeinsch

Die Hauptversammlung hat den bisherigen Vorstandsvorsitzenden, Unternehmensgründer und Hauptaktionär Dieter Manz, in den Aufsichtsrat gewählt. Neuer Vorstandsvorsitzender des HightechMaschinenbauers ist ab sofort Eckhard HörnerMarass, der 2016 in den Vorstand der Manz AG berufen wurde und bisher federführend die Verantwortung für die Etablierung und operative Umsetzung des zum Ende 2015 initiierten Restrukturierungsprogramms hatte. bl


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

Juli 2017

Wirtschaft & Debatte

Lesen Sie in dieser Ausgabe

In der Wirtschaft gibt es viele Themen und Trends, über die es sich zu diskutieren lohnt. Die Seiten „Wirtschaft & Debatte“ liefern Argumente und Hintergründe zum Mitdenken und Mitreden.

Schuldenbremse – was spricht dagegen, was dafür? SEITEN 19, 20 Digitale Chancen für den stationären Handel SEITEN 22, 23 Personalvermittlung per Algorithmus – nun auch bei Juristen SEITE 24

19

Warum ein Abbau der Schulden falsch wäre Der Ökonomie-Professor Carl Christian von Weizsäcker erläutert in einem Gastbeitrag, dass eine Schuldenbremse in Deutschland wenig sinnvoll ist. Staatsfinanzen I

Wenn der Staat zuviel spart, kann das auch zum Untergang führen. Der Euro-Raum benötigt für seine Prosperität eine erhebliche staatliche Nettoneuverschuldung, meint Ökonom von Weizsäcker.

D

Gastautor: der deutsche Ökonom Carl Christian von Weizsäcker

ie Menschen werden immer älter. Der Bedarf an Altersvorsorge wächst proportional mit der Länge des dritten Lebensabschnitts, des Lebens nach dem Ausscheiden aus dem Beruf. Der dritte Lebensabschnitt beläuft sich heute im Durchschnitt der Bevölkerung Deutschlands auf rund 20 Jahre. Vor einem halben Jahrhundert waren es noch zehn Jahre. Jedes Kalenderjahr steigt die Lebenserwartung in Deutschland um zwei Monate. Die Wissenschaft vom Leben und die ärztliche Kunst werden dafür sorgen, dass sich dieser Trend zum längeren Leben weiterhin fortsetzt. Man denke nur an die Fortschritte in der Krebsbekämpfung und der Krebsvorsorge. Im Produktionsprozess beobachten wir keine Verlangsamung des technischen Fortschritts. Die Digitalisierung, Industrie 4.0, liegt noch weitgehend vor uns. Die Maschinen und Anlagen, die Gebäude werden immer schneller ersetzt oder doch grundlegend modernisiert. Schon heute ist die Vermögensbildung für die Altersvorsorge sehr viel größer als die Kapitalbindung im volkswirtschaftlichen Produk-

tionsprozess. Die derzeitige deutsche Prosperität mit nahezu Vollbeschäftigung hat diese Folgen: Der Staat mitsamt Sozialversicherung deckt seine Ausgaben ohne zusätzliche Verschuldung. Auch die gewerbliche Wirtschaft finanziert sich selbst, indem die Investitionen aus Abschreibungen und einbehaltenen Gewinnen finanziert werden. Die Sparleistungen der privaten Haushalte werden also im Inland nicht gebraucht. Sie fließen auf dem Umweg über die Banken und Versicherungen zu hundert Prozent ins Ausland. Daher ist der Überschuss der deutschen Exporte über die deutschen Importe größer als die Ersparnisse der privaten Haushalte. In der Weltwirtschaft ist die Summe der Exporte gleich der Summe der Importe. Die Lebenserwartung der Menschen in der reichen Welt (OECD-Länder) und in China entspricht ungefähr derjenigen Deutschlands. Auch die privaten Investitionen entsprechen unter Bedingungen der Prosperität ähnlichen Gesetzmäßigkeiten wie in Deutschland. Die Digitalisierung ist ein weltweites Phänomen. Wären alle OECDLänder und China bei Prosperität ohne staatliche Nettoneuverschuldung, dann müssten sie alle sehr hohe Exportüberschüsse aufweisen. Das ist unmöglich. Die Dritte Welt kann und will diese Überschüsse nicht aufnehmen. Dort fehlen noch viel mehr Arbeitsplätze als in der reichen Welt.

WAS IST EIGENTLICH EINE SCHULDENBREMSE? Staatsschulden Als Schuldenbremse wird in Deutschland eine verfassungsrechtliche Regelung bezeichnet, die die Föderalismuskommission Anfang 2009 beschlossen hat, um die Staatsverschuldung Deutschlands zu begrenzen, und die Bund und Ländern seit 2011 verbindliche Vorgaben zur Reduzierung des Haushaltsdefizits macht.

der ihre Haushalte ausgleichen. Von 2020 an dürfen die Länder keine neuen Kredite mehr aufnehmen. Der Bund darf sich seit 2016 bei normaler Konjunkturlage nur noch mit 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts neu verschulden. Der europäische Stabilitätspakt erlaubt maximal ein Budgetdefizit von drei Prozent, das viele Länder seit Jahren verfehlen.

Haushaltsausgleich Ziel der Schuldenbremse ist es, dass Bund und Län-

Gesamtverschuldung Infolge der anhaltend hohen Neuverschuldung der

meisten EU-Staaten ist die Staatsverschuldung in Europa, die nach den Kriterien des Stabilitäts- und Wachstumspakts höchstens 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen soll, in den letzten Jahren drastisch angestiegen und lag im vierten Quartal 2016 in der Euro-Zone bei 89,2 Prozent und in der EU bei 83,5 Prozent. Einige Länder wie Italien liegen weit darüber. Griechenland ist de facto pleite und hängt an Rettungsprogrammen. bl

Einzig die Vereinigten Staaten von Amerika mit einem hohen Bevölkerungswachstum können gute Prosperität mit einem Importüberschuss verbinden. Darum sind bislang die USA die Konjunkturlokomotive der Weltwirtschaft. Mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten obsiegt dort die Vorstellung, dass dieser Importüberschuss schlecht für die amerikanische Bevölkerung sei. „Das Ausland nimmt uns die Arbeitsplätze weg“, heißt es im Weißen Haus. „America First“ bedeutet vor allem Protektionismus – bis der Importüberschuss verschwunden ist. In Zukunft fallen die USA als Konjunkturlokomotive der Weltwirtschaft weg. Nur bei einem Gleichziehen von Importen und Exporten wird die Welle des Protektionismus abebben. Weil Protektionismus wie eine ansteckende Krankheit wirkt, würde sich die übrige Welt langfristig anschließen. Dies wäre eine Katastrophe für den Exportweltmeister Deutschland. Eine Schuldenbremse im Euro-Raum würde diesen in eine Depression fahren. Die privaten Sparleistungen würden dann massiv höher liegen als die privaten Investitionen – Deutschland macht das bereits vor. Mit einer Euro-Schuldenbremse wäre die Gesamtprosperität nur möglich mit derart hohen Exportüberschüssen, wie sie seit der Wahl Donald Trumps unmöglich geworden sind. Also benötigt der Euro-Raum für seine Prosperität und damit für seine politische Stabilität eine erhebliche staatliche Nettoneuverschuldung. Aber nicht die Wackelkandidaten des Euro-Raums – Griechenland, Italien, Spanien, Portugal – dürfen diese hohe Nettoneuverschuldung des Staates schultern. Denn das führte dort in eine Serie von Finanzkrisen. Die Aufgabe der Nettoneuverschuldung liegt bei Deutschland und bei den kleineren prosperierenden Mitgliedern wie Österreich und den Niederlanden. Artikel 109, Absatz 3 des Grundgesetzes – also die staatliche Schuldenbremse – sollte gestrichen werden. Gleiches gilt für die entsprechenden Bestimmungen des

Fotos: Romolo Tavani/AdobeStock, lt.org

Finanzstabilitätspakts. Die einzige verbleibende Alternative wäre eine „TransferUnion“. Dann würden Steuern massiv europäisiert. Das Steueraufkommen Deutschlands würde zu einem erheblichen Teil in das europäische Ausland abfließen. Und die Mitglieder der Union stehen ein für die Staatsschulden und Bankenpleiten in den anderen Mitgliedstaaten. Das liefe auf eine kaum auszumalende Belastung des deutschen Steuerzahlers hinaus. Als Familienvater hätte man schlaflose Nächte ob der riesigen Garantiezusagen Deutschlands zugunsten der Mittelmeerländer. Das Ganze wäre eine grandiose Umgehung der grundgesetzlichen Schuldenbremse. Ein Verfassungsgericht, das ökonomischen Sachverstand einbringt, müsste eine derartige Trans- „Die Zinsen im fer-Union als Verstoß gegen Euro-Raum sind nicht so den Sinngehalt des Artikels tief, weil die EZB eine 109, Absatz 3 des Grundgesetfalsche Politik betreibt.“ zes verbieten. Die Zinsen im Euro-Raum Carl Christian von Weizsäcker, sind nicht so tief, weil die EZB Ökonom eine falsche Politik betreibt. Sie sind so niedrig, weil es den beschriebenen dauerhaften Überhang der Sparleistungen über die privaten Investitionserfordernisse bei Prosperität gibt. Auch die Schweiz hat ohne den Euro sehr niedrige Zinsen. Wegen dieses Sparüberhangs werden die Zinsen auch ohne Schuldenbremse für den deutschen Fiskus sehr niedrig bleiben – solange er seine Nettoneuverschuldung richtig dosiert. Dann nämlich behält er das günstige Rating im Kapitalmarkt. Dann nämlich ist eine zusätzliche Verschuldung des Staates keine Belastung der jungen Generation und künftiger Generationen. Im Gegenteil: Dann nämlich ist die fatale Bremse für Investitionen in Straßen, Schienen und vor allem Bildung vom Tisch. Davon profitieren die Jungen und die Noch-nicht-Geborenen wesentlich mehr als von einer Schuldenbremse, die uns über kurz oder lang in den Zusammenbruch des Euro und in die wirtschaftliche Depression führt.


20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Auf Pump ist kein Staat zu machen

N

ur in der deutschen Sprache ist der Begriff für Schulden dem für Schuld so ähnlich. Schulden haben in Deutschland einen negativen Beiklang – stehen sie nach verbreiteter Auffassung doch dafür, dass jemand nicht mit seinem Geld umgehen kann. Dabei kann es gute Gründe geben, Schulden aufzunehmen. Unternehmen können damit Investitionen finanzieren und so ihre geschäftliche Basis verbreitern. Überschreiten die zusätzlichen Erträge die Zinslasten, hebeln Schulden den Gewinn nach oben. Auch für Staaten sind Schulden nicht von vornherein nutzlos. Finanzieren sie damit öffentliche Investitionen, die die Wirtschaftskraft steigern, können sich die Schulden auch gesamtwirtschaftlich rechnen. Auch kann der Staat durch die Aufnahme von Schulden konjunkturelle Schwankungen dämpfen. Fährt er bei sinkenden Steuereinnahmen seine Ausgaben nicht im gleichen Maß zurück, sondern verschuldet sich, kann dies die Wirtschaft stabilisieren. So sinnvoll öffentliche Schulden im Prinzip auch sein können – die staatliche Praxis hat sich von der grundlegenden Idee längst weit entfernt. Nicht nur die Schulden sind über die Jahrzehnte stark gestiegen, sondern auch der Anteil der Sozialausgaben an den staatlichen Haushalten. Die öffentlichen Investitionen konnten da nicht Schritt halten – viele Straßen und Schulen sind stumme Zeugen dieser fragwürdigen Prioritäten. Auch von der Idee, dass staatliche Schulden konjunkturstabilisierend wirken, ist in der Praxis wenig übrig geblieben. Denn über die Jahrzehnte stiegen die Schulden – ob die Konjunktur gerade gut lief oder nicht. Die Argumentation war immer die gleiche: Lief die Konjunktur schlecht, konnte man sich das Sparen nicht leisten; lief sie gut, hatte man das Sparen nicht nötig. So ging jeder Konjunkturzyklus mit höheren Schulden einher. Nun haben sich bereits öffentliche Defizite von zwei Billionen Euro aufgetürmt – das ist eine Zwei mit zwölf Nullen. Implizite Schulden wie künftige Belastungen aus Renten oder Pensionen nicht eingerechnet. Aus Sicht der politischen Akteure ist das durchaus rational. Sie müssen sich alle paar Jahre in Wahlen neu legitimieren lassen und stehen deshalb unter einem gewaltigen Druck, ihren Wählern einen Gefallen zu erweisen. Traditionell erfolgt Völlige Sicherheit gegen dies über Wahlgeschenke, die aber letztlich durch den eine verantwortungslose Steuerzahler selbst finanziert Politik zulasten nachwerden. Da ist es überaus folgender Generationen praktisch, die Belastung aus der öffentlichen Wahrnehgibt es nicht. mung verschwinden zu lassen, indem man diese einfach per Staatsverschuldung in die ferne Zukunft verschiebt. Die Rechnung wird dann irgendwann einmal denen präsentiert, die heute noch gar nicht wählen können und zum Teil noch nicht einmal geboren sind. In Deutschland wächst eine Generation der Schuldner heran. Wie bequem der Weg in die Belastung künftiger Generationen ist, zeigte der vergangene Bundestagswahlkampf. Die Union wollte bei der Rente Nachkriegsmüttern etwas Gutes tun, die SPD den Facharbeitern. Anstatt um das Geld der Beitragszahler zu konkurrieren, griff man ihm einfach doppelt in die Tasche: Die einen bekamen ihre Rente mit 63, die anderen ihre Mütterrente. Für beides lassen sich die Sozialpolitiker von ihrer Klientel heute feiern, während die Belastung in der fernen Zukunft liegt und vom künftigen Beitragszahler zwangsweise eingetrieben werden muss. So aber lässt sich auf Dauer kein Staat machen. Weil der politische Prozess offensichtlich unweigerlich in ein unvernünftiges Maß an öffentlicher Verschuldung führt, ist es richtig, dass sich die Politik gewissermaßen selbst Regeln auferlegt hat. Dieses Misstrauen gegen sich selbst gibt es längst auch schon in der Geldpolitik, über die zumindest zu Zeiten der D-Mark unabhängige Experten das Sagen hatten. Auch hier hätte ansonsten ein starker Anreiz bestanden, durch niedrige Zinsen die Wirtschaft anzuheizen, die langfristigen Folgen einer sol-

Die vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass der politische Prozess nicht fähig ist, die Aufnahme von Schulden zu begrenzen. Die Politik tut gut daran, bei diesem Thema sich selbst zu misstrauen. Von Klaus Köster Staatsfinanzen II

Die Schuldenbremse soll ein Signal setzen, dass die Politik die Ausgaben von heute nicht mit später erwirtschaftetem Geld finanzieren darf. Illustration: Trueffelpix/Adobe Stock, Ruckaberle

WIE DIE STAATSVERSCHULDUNG WIRKT Zinsempfänger Wenn der Staat Schulden aufnimmt, werden seine Bürger in späteren Zeiten dafür aufkommen müssen, auch wenn die Zinsen heute bei nahe null liegen. Dieses Geld geht freilich nicht an den Staat, sondern an diejenigen, die ihm das Geld geliehen haben – oft wohlhabendere Menschen. Das deutet auf eine Verteilung von unten nach oben hin.

Banken Sie legen im großen Stil Gelder in Staatsanleihen an und profitieren entweder von den Zinsen oder – in Zeiten niedriger Zinsen – davon, bei solventen Staaten das Geld in einem „sicheren Hafen“ zu parken. Teilweise verwalten sie auch das Geld breiter Bevölkerungsschichten, die somit ebenfalls von dem profitieren können, was Banken erwirtschaften.

Politik Die Verschuldung erhöht – zumindest kurzfristig – den Handlungsspielraum der Politik. Damit besteht das Risiko, dass ein Wettbewerb darum entsteht, welche Kraft den Bürgern die besten Leistungen zu den scheinbar geringsten Kosten anbietet. Der langjährige Anstieg der Staatsverschuldung deutet darauf hin, dass dieser Effekt in der Praxis von Bedeutung ist.

chen Politik in Form von Inflationsrisiken aber auszublenden. Dass die europäische Zentralbank in der Euro-Krise viel von dieser Unabhängigkeit eingebüßt hat, steht dazu keineswegs in Widerspruch. Die Nöte, in die die Geldpolitik geraten ist, zeigen vielmehr, wie wichtig die Unabhängigkeit einer Notenbank von den Einflüssen der Tagespolitik ist. Nach all diesen Erfahrungen ist es nun an der Zeit, dass eine spürbare Selbstbeschränkung der Politik kommt und ausgeglichene Haushalte zur Regel werden. Ab 2020 müssen nun auch die Länder Ausgaben und Einnahmen ausgleichen. Für den Bund greifen die Regeln bereits seit einigen Jahren – Jah- Noch höhere Belastungen re, in denen es mit der Wirt- der jüngeren Generation schaft und auch den öffentli- für die Wahlgeschenke chen Haushalten bergauf ging. Dabei lassen die Regeln durch- aus vergangenen aus Spielraum für schlechtere Jahrzehnten sind daher Zeiten. Bei schwacher Kon- so ziemlich das Letzte, junktur sind auch weiter Defizite möglich – nur gibt es nun, was diese Gesellschaft anders als früher, auch die Vor- brauchen kann. gabe, dass diese Defizite in konjunkturell besseren Zeiten wieder zurückgeführt werden müssen. Auch wenn es immer schwieriger wird, Konjunkturzyklen von Struktureffekten, etwa durch die Digitalisierung zu unterscheiden: Im Grundsatz ist nun festgehalten, dass Schulden nicht nur aufgenommen, sondern auch zurückgezahlt werden müssen. Für diese Binsenweisheit musste Deutschland eigens das Grundgesetz ändern. Auch künftig wird es dem Bund zudem möglich sein, unabhängig von der Konjunktur 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an Schulden aufzunehmen – eine eigenwillige Interpretation des „ausgeglichenen Haushalts“, deren gebündelte Wirkung aber immerhin bei 1,5 Prozent gedeckelt wird. Auch für Notfälle gibt es Abweichungsmöglichkeiten. Ein starres Korsett sieht anders aus. Zu den Schwächen der Regel gehört sicher, dass sie lediglich auf die haushaltsmäßige Verschuldung abstellt und damit auch weiter Anreize für die Politik setzt, Schulden zu verstecken. In der freien Wirtschaft, die Bilanzen nicht nur auf der Basis von Einnahmen und Ausgaben führt, sondern auch periodenübergreifende Effekte erfasst, führt der Werteverzehr zu Abschreibungen, die sich in den Zahlen abbilden. Lässt dagegen der Staat Straßen und Schulen verkommen, wirkt sich dies auf die Haushaltszahlen sogar positiv aus, weil die erforderlichen Ausgaben entfallen, während der mit dieser Politik einhergehende Werteverzehr sich nicht in den Zahlen niederschlägt. Auch die implizite Verschuldung – etwa in der Renten- oder Pflegeversicherung – kann trotz Schuldenbremse munter weiter gesteigert werden. Eine völlige Sicherheit gegen eine verantwortungslose Politik zulasten nachfolgender Generationen gibt somit auch die Schuldenbremse nicht. Sie setzt allerdings Leitplanken, auch wenn diese gegen Durchbruchversuche nicht gut gesichert sind. Immerhin aber geht von der Schuldenbremse das Signal aus, dass die Politik ihre heutigen Ausgaben nicht mehr mit Geld bezahlen darf, das erst viel später erwirtschaftet wird. Schon jetzt ist klar, dass die junge Generation nicht nur die heutigen Rentenansprüche für eine große Zahl alter Menschen erfüllen muss, sondern auch noch selbst zusehen muss, wie sie trotz dieser Belastung selbst im Alter klarkommt. Gewaltige öffentliche Schulden wirken in dieser Lage wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Noch höhere Belastungen der jüngeren Generation für die Wahlgeschenke aus vergangenen Jahrzehnten sind daher so ziemlich das Letzte, was diese Gesellschaft brauchen kann.

Autor Klaus Köster ist Titelautor der Stuttgarter Nachrichten und berichtet vor allem über Wirtschaftsthemen.


BW, priva<t Unico Concept Store, Elevator Pitch Fotos: mikerenger/Adobe Stock, Meidert,

Von links im Uhrzeigersinn: Schloss Sigmaringen dominiert die Stadt; ein Baustellenschild am geplanten InnoCamp; das Lager des Unico Concept Store und in der Mitte dessen Gründerin Katharina Krauss beim Elevator Pitch.

Sigmaringen: Warten auf den Startschuss Die Stadt hat in den vergangenen Jahren erfolgreich Anträge für Fördergelder gestellt. Auch die Gründerförderung ist intensiver geworden – und mit dem deutschen Gründerpreisträger Grillido gibt es immerhin ein Vorbildunternehmen, dessen Gründer Wurzeln in der Region hat. Von Moritz Meidert

Gründerstandort

S

igmaringen stellt die Weichen für Willen aller Beteiligten nicht in einem haldie Zukunft“ – So steht es auf ben Jahr zu starten. Und aktuell ist immer einem riesigen Banner vor einem noch ein großer Teil der ehemaligen KaserGebäude der ehemaligen Graf- ne als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Stauffenberg-Kaserne in SigmaBei der Suche nach einer Gründerszene ringen. Das gesamte Gelände unterschei- in Sigmaringen findet sich noch nicht viel, det sich nicht von den zahlreichen anderen was publikumswirksam erscheint. Die Reehemaligen Standorten der Bundeswehr, gion um die Stadt mit ihren 18 000 Einwohdie in den letzten 10 bis 15 Jahren von die- nern ist nicht gerade das, was coole Grünser aufgegeben wurden: Pragmatische Ge- dungen hervorbringt, sollte man meinen. bäude, die zumeist ziemlich in die Jahre ge- Vor wenigen Tagen wurde mit Grillido ein kommen sind. Viel Grün, das zum Teil auch Startup mit dem Deutschen Gründerpreis die alten Betonstraßen bewächst. Und das 2017 ausgezeichnet, welches seine Wurzeln Suchen der Städte und Gemeinden nach zum Teil an der Hochschule Albstadt-Sigeiner sinnvollen und vor allem gewinnbrin- maringen hat: Manuel Stöffler, einer der genden Nachnutzung. beiden Gründer von Grillido, hat hier So war auch bei der ehemaligen Graf- studiert. Das erzählt Andreas ter Woort, Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen die Startup-Manager der School of EntreSuche nach einer Nachnutzung der Anstoß preneurship, stolz. für einige sehr gute Ideen. So überzeugend, „Solche Vorbilder sind wichtig für unsedass gut sieben Millionen Euro an Förder- re Studierenden,“ sagt ter Woort. „Noch zu mitteln für das Konzept „InnoCamp Sig- wenige kommen auf die Idee, selbst ein maringen“ eingeworben werden konnten. Unternehmen zu gründen.“ Er meint die Damit soll neben einer Weiterbildungs- etwas risikoaverse Mentalität in der Reakademie für Innovationsthemen und dem gion, gepaart mit dem hohen FachkräfteInnovations- und Technolomangel. Absolventen der giezentrum ITZ auch eine Beim geplanten Hochschule haben nach dem Modellfabrik entstehen. InnoCamp in einer Studium die Auswahl – eine In dieser will die benach- früheren Kaserne Herausforderung für die barte Fachhochschule AlbGründerszene wie vielerorts stadt-Sigmaringen, aktuell muss der Bau erst in Baden-Württemberg. nur durch eine Straße und noch beginnen. Über 70 Unternehmen verLärmschutzwände vom zusuchen auf der jährlichen Karkünftigen Innovationscamrierebörse der Hochschule im pus getrennt, Produktions- und Verfah- November einen Standplatz zu bekommen, rensprozesse im Bereich Life Science ent- um dort Studierende zu umwerben. Dies wickeln. Die Skizzen sehen auch mehr als sei, so ter Woort, sehr erfreulich, aber für acht Monate nach der Förderzusage noch Startups nicht unbedingt förderlich. Dessehr innovativ und spannend aus. halb wolle die Hochschule auch weitere Ganz anders die Realität: Außer dem rie- eigene Initiativen ergreifen. sigen Banner vor der zukünftigen ModellDas Thema Entrepreneurship findet so fabrik sind keine Bauarbeiten zu sehen, an beiden Standorten der Hochschule, Albweder für die Brücke, die Hochschule und stadt und Sigmaringen, mehr Beachtung. Campus verbinden soll, noch für das Inno- In Sigmaringen starten erste fakultätsvationszentrum oder die Modellfabrik übergreifende Wahlvorlesungen zum selbst. Dazwischengekommen sind dabei Stichwort Entrepreneurship. Die Grünmehrere Faktoren: So sind Bauvorhaben dungskultur wird auch zusammen mit den meist eben trotz toller Pläne und gutem Hochschulen in Biberach und Ravensburg-

Weingarten im Rahmen eines geförderten Projekts angegangen, sagt der Startup-Manager, dessen School of Entrepreneurship von einem weiteren Fördertopf namens „Land(auf )Schwung“ finanziert wird. Spannende Anträge schreiben, das klappt also schon. Aber was davon kommt bei den Gründern in der Region an? Katharina Krauss, Gründerin des Unico Concept Store (www.unico-concept.com), ist nicht unzufrieden. „Der Gründer- und Jungunternehmertag Anfang Mai war schon sehr gut,“ sagt sie. „Für die Zukunft würde ich mir noch mehr informelle Austauschmöglichkeiten wünschen.“ Ihr Concept

Store bietet online und auf Verkaufsabenden originelle Designprodukte aus Kolumbien, Brasilien und Argentinien, aber auch aus Deutschland und Österreich an. Krauss ist es dabei wichtig, nicht nur spannende, sondern auch verantwortungsvolle Produkte im Sortiment zu haben. „Mir liegen Frauen und ihre Anliegen besonders am Herzen,“ beschreibt sie ihre Motivation. „Deshalb achte ich genau darauf, dass die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung für Menschen stimmen, welche die von uns vertriebenen Produkte herstellen.“ Beim Regionalcup Sigmaringen des Elevator Pitch Baden-Württemberg, der

Anfang Mai im Rahmen des Gründer- und Jungunternehmertags von IHK BodenseeOberschwaben, InnoCamp und School of Entrepreneurship stattgefunden hat, war Krauss eine von nur wenigen Gründern aus Sigmaringen. Die anderen Teilnehmer kamen unter anderem aus Friedrichshafen, Markdorf und Karlsruhe. Die mit 120 Gästen sehr gut besuchte Veranstaltung war die zentrale jährliche Veranstaltung der IHK für alle drei Landkreise ihrer Region. In Sigmaringen ist also durchaus einiges in Bewegung. Was die zahlreichen geförderten Projekte aber letztendlich bringen, das muss sich noch zeigen.

Tüftler – Gründer – Startups Sie interessieren sich für Ideen, Innovationen und Inspirationen rund um Startups, etablierte Firmen, Hochschulen und Trends aus der Technologieentwicklung in Baden-Württemberg? Auf www.ideenwerkBW.de und in Ihrer Wirtschaftszeitung „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte.

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DER GASTAUTOR VOM KONSTANZER GRÜNDERSCHIFF Moritz Meidert Er ist „Kapitän“ des bundesweit tätigen Gründerservice-Unternehmens Gründerschiff mit Sitz in Konstanz. Nach dem Studium in Konstanz und Friedrichshafen hat er nach einer gescheiterten Unternehmensgründung, mehreren weiteren Gründungen sowie einiger Erfahrung als Gründungsberater im Jahr 2014 das Gründerschiff gestartet. (links) Gründerschiff Das Gründerschiff begleitet mit regionalen, sogenannten Gründerschiff-

Lotsen neben Unternehmensgründern auch kleine und mittlere Unternehmen bei Innovationsprojekten sowie Vorhaben, die den Gründergeist der eigenen Mitarbeiter fördern sollen. Außerdem bestehen Kooperationen mit Hochschulen, Kommunen und Landkreisen. Ziel ist es dabei, Angebote für Gründer im Land besser zu verbreiten.

Angebote Das Gründerschiff macht nach eigenen Angaben mehr als 8000 Angebote im Jahr für Gründer in BadenWürttemberg. Man deckt Regionen abseits der Metropolen ab. Bisher hat Meidert über Ravensburg und Lörrach geschrieben. Als Gastautoren werden lokale Experten für IdeenwerkBW weitere Orte präsentieren.

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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

„Hallo, darf ich Sie kurz stören?“, fragt die virtuelle Promoterin des Heidelberger Startups Ameria, wenn ihr der Bewegungsmelder einen vorbeigehenden Kunden signalisiert . . .

Tüftler - Gründer - Startups Auf www.ideenwerkBW.de und in Ihrer Wirtschaftszeitung „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ finden Sie zu diesen Themen aktuelle Nachrichten. Jetzt kostenlos registrieren: INNOVATIONWEEKLY – der neue Newsletter!

Foto: Ameria

Neue Brückenbauer zwischen Online- und Offline-Welt Gibt es eine Möglichkeit, die Vorteile des Online-Handels mit den Vorzügen des stationären Verkaufs im Laden zu verbinden? Immer mehr ist hier von einem Miteinander statt einem Gegeneinander die Rede. Zwei Startups aus Baden-Württemberg haben dafür technologische Konzepte entwickelt. Handel

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„Der Kunde erwartet einen Mehrwert“ Ein eigener Online-Shop, die Vernetzung der Vertriebskanäle sowie digitale Kaufanreize für Kunden stellten Einzelhändler vor eine wachsende Herausforderung, sagt Digitalisierungsexpertin Eva Stüber. Interview

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as nützt es einem Vegetarier, wenn er Werbung für günstiges Fleisch auf sein Smartphone geschickt bekommt? Digitale Anreize für den stationären Handel müssen zielgerichteter an den Konsumenten gebracht werden, erklärt Eva Stüber, Fachfrau für Digitalisierung im Handel und Innovationen am Institut für Handelsforschung (IFH).

Frau Stüber, gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Multi-, Cross- und Omnichannel oder sind das nur andere Ausdrücke für ein und dieselbe Sache? Die Begriffe werden oft fälschlicherweise gleichgesetzt oder durcheinandergebracht: Multichannel heißt lediglich, dass ein Händler stationäre Geschäfte „Der Kunde sollte die und einen Online-Shop unter derselben Marke betreibt. Crossvolle Auswahl haben – channel geht einen Schritt weiter: stationär oder online.“ Dabei sind die unterschiedlichen Eva Stüber über das ZusammenVerkaufskanäle auch mit Services wachsen des Angebots verbunden. Der Kunde kann zum Beispiel im Online-Shop prüfen, ob ein bestimmtes Produkt in der Filiale vorrätig ist. Beim Omnichannel ist der Kanalgedanke dann komplett aufgehoben. Wie sieht diese ideale Verknüpfung von stationärem und Online-Geschäft aus? Der Kunde sollte die volle Auswahl haben: stationär oder online informieren; hier oder da erwerben; im Laden kaufen, aber liefern lassen oder zurückschicken. Dafür braucht der Händler große Servicekapazitäten und auch viele Informationen von seinen Kunden. Wie weit ist der deutsche Einzelhandel dabei? Omnichannel existiert in Deutschland praktisch noch nicht. Auch bei den beiden Vorstufen ist die Durchsetzung überschaubar. Gerade hat eine Untersuchung von uns ergeben, dass lediglich 71 Prozent der 100 Top-Multichannel-Händler in Deutschland gleichzeitig auch Crosschannel-Händ-

ler sind, also einen verbindenden Service anbieten. Ein solcher Service ist zum Beispiel Click & Collect, bei dem der Kunde etwas im Netz reserviert (Click) und dann selbst im Laden abholt (Collect). Wie weit hat sich das bei den Kunden durchgesetzt? Auch das haben wir untersucht: Es können überhaupt nur 13 Prozent der Online-Nutzer etwas mit dem Begriff anfangen. Dieser Wert ist in den vergangenen beiden Jahren auch nur um drei Prozentpunkte gestiegen. Eine Reihe von Startups entwickelt Ideen für sogenannte Location Based Services. Das sind standortbezogene Dienste, die den Nutzer einer App orten, um ihm möglichst passgenaue Informationen oder Gutscheine zuzusenden. Wie erfolgversprechend sind diese Dienste? Das kommt ganz darauf an, welchen Mehrwert der Konsument daraus zieht. Das Prinzip funktioniert nur, wenn ein Unternehmen weiß, wen es anspricht und für welche Inhalte sich dieser potenzielle Kunde interessiert. Stellen Sie sich vor, Sie laufen an einer Metzgerei vorbei und erhalten in dem Moment eine Eilnachricht aufs Smartphone: „Schweinenackensteak heute für Sie im Angebot!“ Nun sind Sie aber vielleicht Vegetarier. Damit läuft die Botschaft ins Leere.

Das US-Unternehmen Shopkick bietet eine ähnliche Einkaufs-App in seiner Heimat erfolgreich an, hat sich aber nach kurzer Zeit wieder aus dem deutschem Markt zurückgezogen. Sind wir noch nicht reif für diese Form der digitalen Anreize? Die Deutschen sind durchaus zurückhaltender als Kunden in anderen Ländern. Das wird auch noch dadurch verstärkt, dass einfach zu viele Inhalte ausgespielt werden, die Konsumenten als irrelevant empfinden. Die Daten im Hintergrund müssen noch viel besser aufbereitet werden, damit die Nachrichten zielgerichteter versendet werden können. Und was wünschen sich die Kunden? Das ist in der Tat die spannende Frage. Momentan beschäftigen sich viele Händler eher mit der Verknüpfung der Kanäle und dem Einsatz neuer Technologien. Dabei geraten Kunden und ihre Bedürfnisse leider etwas aus dem Blick. Bevor ein Einzelhändler über techEva Stüber kennt sich aus mit Digitalisierung. Foto: IFH Köln

nische Innovationen nachdenkt, sollte er seine „Hausaufgaben“ gemacht haben. Was bringt es ihm zum Beispiel, wenn er neben dem Online-Shop auch ein stationäres Geschäft eröffnet, aber der Laden unordentlich ist und das Personal inkompetent oder unfreundlich? Große Ketten können sich Investitionen in die stationäre oder digitale Infrastruktur leisten. Was können kleine Händler tun, um nicht abgehängt zu werden? Sie haben es in der Tat schwer. Wer einen Online-Shop eröffnet, egal wie groß oder klein er ist, muss sich in den meisten Fällen mit Amazon messen. „Es werden zu viele Der Platzhirsch macht seinen Job Inhalte ausgespielt, aus Serviceperspektive erstklas- die Kunden als sig. Daher sind die Ansprüche der Kunden, wenn sie sich für einen irrelevant empfinden.“ anderen Online-Shop entschei- Handelsexpertin Stüber zur den sollen, hoch. Ein weiteres wachsenden Informationsflut Problem ist, dass manche Händler viel Geld für einen Online-Shop ausgeben, es dann aber nicht schaffen, ihn bekannt zu machen. Oft wissen die Kunden nicht, ob das Geschäft, in dem sie ein Produkt gekauft haben, überhaupt einen Online-Shop hat. Das Gespräch führte Thomas Thieme.

BOOM IM ONLINE-HANDEL Person Eva Stüber ist Leiterin Research und Consulting am Institut für Handelsforschung (IFH) Köln. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Fragestellungen des CrosschannelManagements sowie der Digitalisierung im Handel und Innovationen. Branche Der Online-Handel wird laut IFHPrognose in diesem Jahr einen Umsatz von rund 49 Milliarden Euro erzielen, das sind etwa zehn Prozent vom Gesamtumsatz im Einzelhandel. Die IFH-Forscher erwarten, dass sich das absolute Wachstum in ähnlichem Tempo fortsetzt. „Es wird spannend zu sehen, was jetzt passiert, wenn die Themen Lebensmittel und Drogerieartikel im Online-Handel eine neue Bedeutung bekommen“, sagt Stüber. Auch dabei habe Amazon die Kraft, das Kaufverhalten der Kunden zu verändern. „Wenn es alltäglich geworden ist, Lebensmittel online zu kaufen, wird das Wachstum noch einmal andere Kategorien annehmen“, sagt die Expertin. tht


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. . . und wenn der Kunde dann anhält und zurückwinkt, ist der erste Verkaufskontakt etabliert. Die virtuelle Promoterin unterdessen kann sich je nach Interaktion äußerlich schnell verwandeln.

Fotos: Ameria, Load Bee

Ameria lässt virtuelle Berater sprechen Ein Heidelberger Startup will per Gestensteuerung und Großbildschirm Laufkundschaft einfangen. Von Andreas Geldner

Hingucker

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nvermittelt klopft die junge Frau an die virtuelle Scheibe. „Hallo – darf ich Sie kurz stören?“, fragt sie. Wer sich nun umdreht, steht einer Frau in Lebensgröße Auge in Auge gegenüber. „Ich bin Anna. Einfach die Hand heben, dann erzähl’ ich mehr“, sagt sie einladend. Hand hoch heißt es deshalb, weil man per Gestensteuerung auf dem Großbildschirm weiterklicken kann. Wer ein Handsymbol berührungslos auf die richtige Fläche bugsiert, öffnet weitere Fenster. Am Ende landet die Laufkundschaft dann etwa bei der Aufforderung, sich eine App für weitere Informationen herunterladen zu lassen, oder bekommt einen Tipp, welcher Berater hinter dem Schaufens„Die meisten Menschen ter auf ihn oder sie wartet. Potenziell kann auch live das wollen sich im Laden gar nicht von einem Verkäufer Bild eines echten Betreuers in einem Callcenter aufscheiansprechen lassen.“ nen. Die Variante ist gerade in der Entwicklung. Der Ameria-Gründer Albrecht Metter über die Vorteile eines virtuellen Wenn der Bildschirm im Dialogpartners Laden selbst aufgestellt wird, können beispielsweise Computerspiele in Lebensgröße inszeniert werden. Mit ausladenden Armbewegungen lassen sich angreifende Lego-Monster bekämpfen oder man kann per Gestensteuerung reaktionsschnell herunterfallende Süßigkeiten in virtuellen Tüten auffangen. In einer Weiterentwicklung sollen Produkte vor einen Scanner am Gerät

gehalten werden können: Dann leuchten auf dem Bildschirm Produktinformationen auf. Virtual Promoter heißt die Entwicklung des Heidelberger Unternehmens Ameria, das Innenstädte und Läden mit einer digitalen Attraktion attraktiver machen will. „Die Leute, die davor stehen, interagieren nicht lange mit dem Bildschirm, 30 Sekunden vielleicht“, sagt der Gründer Albrecht Metter. Aber das seien für den Kundenkontakt im Laden die entscheidenden Sekunden: Die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Laufkundschaft, die häufig zerstreut auf ihre Smartphones blickt, wird im stationären Handel immer härter. Der von Metters Firma entwickelte, berührungsfrei zu steuernde Bildschirm soll nun die Brücke schlagen von einer virtuellen Erfahrung zum realen Einkauf. Gefertigt wird er übrigens aus Qualitätsgründen nicht irgendwo in Asien, sondern in der Region Stuttgart. Mehr Aufmerksamkeit bedeute mehr Verkäufe – und das sei sogar konkret messbar, sagt Metter: „Bei einer Versuchsanordnung mit identischen Produkten in derselben Ladenkette sind am Stand mit dem virtuellen Promoter messbar zehn Prozent mehr verkauft worden.“ Die Großbildschirme seien eine Möglichkeit, das Einkaufserlebnis im stationären Handel zu verbessern. Für die Verkäufer sieht er es als eine Entlastung, weil sie sich nicht mehr mit

Einstiegsfragen beschäftigen müssten, sondern mehr Zeit für die Beratung hätten. „Die meisten Menschen sind zudem eher introvertiert. Die wollen sich gar nicht von einem Verkäufe ansprechen lassen und den dann vielleicht enttäuschen. Die tun sich viel leichter, erst einmal mit einem Bildschirm zu interagieren“, sagt der Ameria-Gründer. Der Bildschirm hat nicht nur den Vorteil der Lebensgröße: „Sie müssen bei uns nichts anfassen. Das ist hygienischer.“ Einen Glasbildschirm berührten die meisten Menschen nämlich nur, wenn sie das beim Fahrkartenkauf oder beim Geldautomaten wirklich müssten. Doch die paar Klicks, die in einer halben Minute gemacht werden können, sind gar

PORTRÄT AMERIA Produkt Ameria bezeichnet sich selbst als einen der „weltweit führenden Anbieter von interaktiven Lösungen für den KonsumentenDialog“. Wichtigstes Produkt ist der Virtual Promoter, ein mit Gesten zu steuernder Großbildschirm für Schaufenster und Läden. Zu den Kunden und Partnern gehören unter anderem Microsoft und Lego. Unternehmen Gegründet wurde Ameria im Jahr 2001 von Albrecht Metter während seines Volkswirtschaftsstudiums. Zurzeit arbeiten 70 Mitarbeiter für die Firma, unter anderem auch Entwickler in der Ukraine. Im Gefolge der Krimkrise musste Ameria seine dortige Präsenz aufgeben. Im Jahr 2014/15 erhielt Ameria den baden-württembergischen High-Tech-Preis Cyber One in der Kategorie „Wachstum“. age

nicht der entscheidende Punkt. Der MegaBildschirm ist letztlich das Einfallstor, um mit dem Kunden einen ersten Kontakt aufnehmen zu können. Zwar kann der Virtual Promoter automatisch messen, wie viele Menschen sich in welcher Gruppengröße vor dem Großbildschirm aufhalten; aber um in das Online-System des Händlers einzusteigen, muss er an seinem Smartphone erst einen weiteren Schritt machen und sich registrieren lassen. Hier erst beginnt, was man den Schlüssel zur modernen Kundenbeziehung nennen könnte: die nahtlose Verbindung von Offline-Erfahrung im Laden mit der Online-Welt, für die der Virtual Promoter die Brücke schlagen soll. Metter sieht ihn auch als ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal und Eingangstor für weitere Angebote wie Datenanalysen: Die Technologie hinter dem System vom Bildschirm über die Gestensteuerung sei selbst entwickelt worden und patentiert. „Das kann auch ein Amazon nicht so schnell nachmachen“, sagt er. Dank dieses technologischen Türöffners will man auch großen Analysefirmen Paroli bieten können. „Anders können sie als mittelständisches Unternehmen nicht mithalten,“ sagt Metter. Gerade hat man, auch um die Markenbekanntheit zu steigern, eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne im Internet absolviert. Nach nur zehn Tagen hat man sein Kampagnenziel von 1,4 Millionen Euro erreicht. Damit soll die Internationalisierung vorangetrieben und die Technologie durch weitere Patente abgesichert werden. Zu den derzeit 70 Mitarbeitern sollen weitere Teammitglieder hinzukommen.

Ein Scan – und jedes Produkt wird transparent Loadbee aus Leinfelden-Echterdingen spielt Händlern auf allen Kanälen aktuelle Produktinfos zu. Von Andreas Geldner

Verknüpfung

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er online einkauft, kennt das te die Produkte mit der Bestellnummer orProblem: Die entscheidenden dert, sind die ausführlichen ProduktinforFragen zum Produkt bleiben in mationen damit nicht verknüpft“, sagt der kargen Beschreibung auf der Internet- Mombauer. Loadbee hat die Auswertung seite offen. Wie breit sind denn genau die der Daten und ihre Speicherung und AbrufFüße der Hantelbank? Das war die Frage, barkeit in der Internet-Cloud perfektiodie sich Christian Junker, der Gründer von niert. Der Kunde kann sich das entspreLoadbee, vor einigen Jahren stellte. Denn chende Design aussuchen – und Loadbee ob das im Internet von ihm ins Auge gefass- sorgt dann dafür, dass die Information te Gerät an den geplanten Standort in sei- überall nahtlos abrufbar ist. Das System lässt sich zum Beispiel mitnem Arbeitszimmer passen würde, blieb wegen fehlender Maßangaben unklar. Am hilfe eines Buttons auf jeder Händlerseite einbetten. Vorteile hat das Ende brach er seinen Einkauf System sowohl für Händler als am Computer ab und fuhr „Am meisten auch für die Hersteller. Der frustriert mit einem Maßband wachsen wir Händler bekommt eine Probewaffnet kilometerweit zum zurzeit auf duktpräsentation, die er so nie Händler, lud das Gerät ein – dem Gebiet des selbst erstellen könnte. „Er und stellte sich in den Stau. präsentiert normalerweise in Loadbee, ein Anfang 2013 stationären seinem Onlines-Shop nur wegegründetes Startup aus Lein- Handels.“ nige Stammdaten zum jeweifelden-Echterdingen, bietet ligen Produkt“, sagt Mombaunun den Herstellern von Pro- Loadbee-Sprecher er. Der Hersteller kann hindukten an, ihre Original-Pro- Marc Mombauer gegen sicherstellen, dass seine duktbeschreibungen so mit jeder beliebigen Händlerseite im Netz zu Produktinformationen in vollem Umfang verknüpfen, dass keine Frage offenbleibt. und über alle Kanäle hinweg einheitlich „Wir fügen alle Produktinformationen der und auf dem aktuellen Stand sind. GleichMarkenhersteller, Bilder, Texte, Videos, zeitig kann er mit Loadbee produktbezogeFotos, Zeichnungen und mehr zusammen“, ne Daten erheben, die sonst für ihn nicht sagt der Marketing-Manager Marc Mom- zugänglich sind. „Am meisten wachsen wir bauer. „Wir gestalten es dann so, dass diese aber zurzeit im Bereich des stationären Informationen über alle Kommunikations- Handels“, sagt der Loadbee-Sprecher. Denn das Prinzip funktioniert genauso kanäle verfügbar sind.“ Dahinter stecke auf dem konventionellen Weg sehr viel Arbeit – im Laden. Ob nun über das Einscannen des für die selbst große Händler und Hersteller üblichen Streifencodes, integrierte RFIDoft nicht die Ressourcen aufbringen woll- Chips oder durch Identifikation per Foto – ten oder könnten. „Wenn ein Händler heu- auch im Geschäft lassen sich alle Angaben

über das Produkt auf jedem Smartphone abrufen, besser und präziser, als es jeder Verkäufer erklären könnte. Schnelle Information, bisher ein Trumpf des Online-Einkaufs, wird auf einmal auch im Laden möglich. Doch der Clou des Systems ist nicht die Produktinformation allein, sondern die direkte Verknüpfung mit der Bestellmöglichkeit. Loadbee kann so auch ein Problem lösen, das für stationäre Läden ein Wettbewerbsnachteil ist. Heutzutage gehen zwar viele Kunden noch in den Laden, um ihr Möbelstück, ihren Kühlschrank oder Schuhe und Kleidung direkt in Augenschein zu nehmen; doch nachdem sie diese kostenlose Dienstleistung in Anspruch genommen haben, drehen sie sich auf dem Absatz um – und bestellen online ganz woanders. Doch in einem großen Einkaufszentrum eines deutschen Elektronikherstellers in Moskau demonstriert Loadbee in einem Testlauf zurzeit eine völlig neuartige Verknüpfung von Online- und Ladenwelt. Wenn sich der Kunde über sein Smartphone einloggt, kann er das vor ihm stehende Geräte online per Knopfdruck genauso

bestellen wie von zu Hause aus. Der Unterschied: Der Verkauf wird dem Laden zugeordnet, in dem der Kunde die Bestellung tätigt. Das von ihm georderte Gerät muss auch nicht mehr nebenan im Lager des Händlers stehen, sondern kann wie bei Online-Bestellungen kostengünstig über ein großes Zentrallager geliefert werden. Der potenzielle Markt für die LoadbeeSoftware ist enorm – was auch große Online-Anbieter wie Amazon auf den Plan rufen dürfte. Auch sie haben auf ihren Plattformen Bedarf an einheitlichen, präzisen und jederzeit aktuellen Produktinformationen. Man habe einen klaren technologischen Vorsprung, heißt es bei Loadbee. Man hat etwa mit Herstellern von Haushalts- und Elektrogeräten schon größere Partner an Bord. Mit den bisherigen Produktinformationen hat das auf 25 Köpfe angewachsene Unternehmen den Riesenmarkt aber erst angekratzt.

PORTRÄT LOADBEE Geschichte Die Idee zur Loadbee-Plattform hat der Informatiker Christian Junker 2011, als ihm fehlende Produktbeschreibungen in Online-Shops immer wieder den Einkauf erschweren. Der Spezialist für Systeme des ProduktdatenInformationsmanagements baute ein Gründerteam auf und entwickelte den Prototypen. 2012 findet er Investoren.

Angebot Erster Nutzer der Plattform ist im April 2013 ein Anbieter von Elektrowerkzeugen. Inzwischen verteilt Loadbee weltweit Produktbeschreibungen für 80 Marken. Zu den Kunden gehören Miele, Bosch Haushaltsgeräte (BSH), Kärcher und Garmin. Das Unternehmen aus Echterdingen zählt mittlerweile 25 Mitarbeiter. age

Immer live und zuverlässig kommen Produktinfos auch aufs Smartphone.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Speed-Dating für Juristen Juristen verzweifelt gesucht: Alexander Deicke vermittelt Interimslösungen im Management – und plant dazu eine Plattform mit künstlicher Intelligenz. Inspirieren ließ er sich an der Universität Cambridge. Von Susanne Roeder

Startup

M

it Träumen beginnt die Realität. Schnelle und passgenaue Personalsuche ohne menschliche Schwächen, das ist die Vision, die den Reutlinger Alexander Deicke umtreibt. Inzwischen gibt es nämlich Algorithmen und digitale Technologien, die das greifbar machen. „In der Art und Weise, wie ich es anbiete, gibt’s das noch nicht“, sagt Deicke. „Es ist recht simpel: Ich will mit meiner Online-Plattform im Prinzip nichts anderes machen, als was ich jetzt in der analogen Welt tue.“ Noch ist das Ganze ein Konzept – doch es soll bald an den Start. Deicke räumt besondere Anforderungen an sein digitales Geschäft ein: „Bei meiner Geschäftsidee ist eine Datenbank essenziell. Gleichzeitig habe ich einen hohen Bedarf an IT und Plattform-Know-how.“ Aber dazu gehört auch das fachliche Wissen, was bei solchen Vermittlungen zählt: „Die Qualität des Verfahrens und damit der Kandidaten muss stimmen; die richtigen Kandidaten müssen sehr kurzfristig zur Verfügung gestellt werden können.“ Aber eine Plattform, bei der Künstliche Intelligenz (AI) via Algorithmen in einem ersten Schritt die Übereinstimmung zwischen Unternehmen und Kandidaten beurteilt, kann seiner Meinung nach zu enormen Effizienzsteigerungen führen, So naheliegend die Idee, so wenig war sie auf dem Markt. Kein Wunder also, dass sie Deicke nicht mehr losließ. Nach über neun Jahren in ständigem Kontakt mit Headhuntern und anderen Personalvermittlern war dem Entrepreneur klar, dass sich im gesamten Bereich Personalbeschaffung, neudeutsch Recruiting, in den letzten Jahren nicht wirklich Wesentliches geändert hat. Mit seiner Geschäftsidee will er speziell im Bereich Recht die Personalvermittlung umkrempeln. Grundlage dafür ist eine hochwertige Datenbank – die Deicke dank seiner langen Erfahrungen auf dem Sektor der Interimsvermittlungen bestücken kann. Und damit ist er potenFoto: Roeder ziellen Konkurrenten voraus. Juristen als Gründer? Das „Ich will im Prinzip nichts passt in Deutschland bisher anderes machen, nicht zum Startup-Image. Zur als was ich jetzt in der besseren Umsetzung seiner Idee entschloss er sich zu analogen Welt tue.“ einem Zusatzstudium neben Der Jurist Alexander Deicke dem Job. Cambridge habe er über seinen Startvorsprung bei der Etablierung seiner digitalen sich ausgesucht, weil die EngVermittlungsplattform länder sehr viel offener seien für moderne, digitale Werkzeuge im Bereich der Personalrekrutierung. Darüber hinaus ist Cambridge sehr technikaffin – was für die oft als angestaubt betrachtete Rechtsanwalts-Profession noch ungewöhnlich ist. Deicke hat als einer von einer Handvoll Postgraduierten sein Fernstudium an der Cambridge Judge Business School absolviert. Zum Doktortitel in Jurisprudenz – passenderweise mit dem Thema „Legal Interim Management“ – und zwei Masterabschlüssen kommt noch ein Postgraduiertendiplom in Entrepreneurship hinzu. Parallel dazu erarbeitete er das Konzept für sein Startup, mit dem er „eine äußerst erfolgversprechende und lukrative Nische mit gewaltigem Wachstumspotenzial“ besetzen will. Das sagten ihm seine jahrelange Erfahrung sowie seine Recherchen. In Kürze geht er online. Davor wird die Marketingmaschinerie angeworfen. „K11 Legal Matching“ ist der Name der Plattform . Ohne die Werkzeuge fürs Unternehmertum, die ihm in Cambridge vermittelt wurden, wäre das nicht möglich gewesen.

Es gehe dort an der Hochschule schlicht darum, Lösungen zu finden, gute Ideen in der Gruppe auszutüfteln und zur Reife zu bringen, sagt er. Zudem legt Cambridge Wert auf das Zusammenfinden von Teams, denn der konstruktive Zusammenhalt ist bei Gründern sehr wichtig. „Wir agieren quasi als eine große Familie, die viele Firmen gründen will und sich virtuell austauscht“, sagt Deicke. Dafür gibt es neben dem Präsenzstudium eine virtuelle Lernplattform. Die Judge Business School schafft damit die Möglichkeit für gemeinsames interaktives Arbeiten etwa durch Foren oder Videos. So bleiben auch die Studenten über den ganzen Globus vernetzt. Es heißt über den Tellerrand schauen, agile Herangehensweisen an Probleme entwickeln, über das Studium hinaus Kontakt halten und sich austauschen – und mit etwas Glück über die regelmäßigen PitchVeranstaltungen, auf denen die Geschäftsideen präsentiert werden, auch einen potenziellen Investor finden. Einige Gründungen unterstützt auch der lokale Startup-Accelerator der Universität. „Wir gehen davon aus, dass etwa 40 Prozent unserer Alumni ihr Geld in erster Linie damit verdienen, ein Geschäft zu betreiben, das ihnen gehört. Vermutlich ein Viertel baut ein Unternehmen von erheblicher Größe auf“, sagt Chris Coleridge, der Leiter des Programms. Alexander Deicke und seine Teamkollegen konzipierten in diesem Zusammenhang auch einmal eine Rakete. Kein leichtes Unterfangen, auch wenn ein portugiesischer Teampartner Luft- und Raumfahrzeugtechnik studiert hatte und sein Startup ursprünglich das Ziel hatte, ihn zu einem „Uber of the Sky“ zu machen. Stattdessen macht er sich nun ganz klassisch mit der Verkabelung von Flugzeugen selbstständig, wohingegen Deicke seine Startup-Geschäftsidee im Personalvermittlungsbereich durchzieht. Hier geht es zurzeit noch um den letzten Feinschliff. Der Schwabe sprüht voller Ideen. Zum Beispiel, ob er die Nutzer seiner Website auf der Eingabemaske mit dem Abbild eines Dinosauriers und dem Spruch „Beim Recruiting schon im Heute angekommen?“ wachrütteln soll. In einem ersten Schritt sollen nur harte Faktoren bewertet und zusammengebracht werden. Das persönliche Vorstellungsgespräch wird also vorerst nicht ersetzt. Dann soll ein Persönlichkeitstest hinzukommen. „Kandidaten sollen ihre Profile einpflegen und meine Aufgabe besteht dann darin, die Qualität der eingegebenen Daten sicherzustellen sowie die Firmen zu unterstützen, wenn sie ihren Bedarf auf der Plattform eingeben.“ Die Künstliche Intelligenz, nicht der Mensch, soll das Matching automatisch durchführen, ohne dass noch mal händisch nachgefasst wird. Deicke hält die Neutralität eines Computers dem Menschen für überlegen. So werde es möglich, Diversität bei der Personalgewinnung zu leben und nicht nur zu proklamieren. Künstliche Intelligenz sei nicht schlauer als der Mensch, „nur verdammt schnell und nicht subjektiv voreingenommen“. Künstliche Intelligenz kann mehr als nur Daten abgleichen, sondern sie auch interpretieren. Personalvermittlern fehlt oft das Fachwissen der Branche, wohingegen die Künstliche Intelligenz nur einmal fit gemacht werden müsse, um die Branchenanforderungen zu kennen. Wer finanziert das Ganze? Deicke hofft, dass er es erst einmal selbst stemmen kann. Seine Selbstständigkeit als Unternehmer ist ihm wichtig. Den nötigen Kampfgeist und das nötige Selbstbewusstsein hat er.

UNTERNEHMENSPROFIL UND GESCHICHTE DER JURISTEN-VERMITTLUNG K11 Unternehmen Nach einigen Jahren als selbstständiger Rechtsanwalt stellte Alexander Deicke fest, dass die Anfragen nach interimistischen Einsätzen rasant zunahmen. Er gründete deshalb die K11 Consulting, eine Personalvermittlung für innovative Leistungen rund ums Thema Recht. Schnell wurde Deicke klar, dass der Bedarf an juristisch ausgebildetem

Personal in mittleren bis großen Firmen von Jahr zu Jahr steigt. Sehr häufig ist der Bedarf aber zeitlich befristet. Vermittlung Die K11 Consulting GmbH hat für einige Dax-Unternehmen Interim-Manager gestellt und fokussiert sich gerade zunehmend auf den Mittelstand, auch in Baden-Württemberg. Die zeitlich befristeten Ein-

sätze sind das Alleinstellungsmerkmal des digitalen Startups, das es bisher so noch nicht gibt. Projektarbeit Man profitiert vom Trend zur Projektarbeit. Ganze Teams werden für solche zeitlich befristeten Projekte und Sonderthemen ausgeliehen. „Der Schritt von der analogen zur digitalen Plattform für juristisch ausgerichtetes Interims-

management war zwingend“, sagt Deicke. Neben der Juristerei hat sich die K11 auf strategische Themen und das Ressort Kommunikation spezialisiert. K11 will im Sinne interimistischer Einsätze auch selbst personell schlank und flexibel bleiben. Zurzeit ist Deicke auf der Suche nach potenziellen Kooperationspartnern unterschiedlicher Größe. roe

Den Händedruck beim Vorstellungsgespräch wird der Algorithmus nicht überflüssig machen.

Foto: Diet/Adobe Stock

Heiß umkämpfter Markt Auf dem Gebiet der automatisierten Bewerberauswahl tummeln sich international immer mehr Firmen.

Trend

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mart, agil und vernetzt sein – das wollen alle. Doch modernisiert sich Deutschland nun auch in Sachen Personalvermittlung? Auch solche digitale Werkzeuge werden dazugehören, wenn man die Position als modernster Industriestandort der Welt erreichen will. Dazu braucht es nicht zuletzt sehr viele Spezialisten und Fachkräfte. Genau die sind aber in vielen Bereichen Mangelware – gerade auch Juristen mit Spezialwissen. Es sind nämlich längst nicht mehr allein Ingenieure, die händeringend gesucht werden. Was viele Jahre ein Arbeitgebermarkt im Segment Jura war, hat sich komplett zum Arbeitnehmermarkt gedreht. Hinzu kommt, dass in den Unternehmen die Rechtsabteilungen unaufhörlich wachsen wegen zusätzlicher Themen, die sie abzudecken haben. Dazu gehören auf einmal Abteilungen für Compliance, Vertragsmanagement, Datenschutz oder die Durchsetzung von Rechtsansprüchen. Die Internationalisierung der Industrie tut ein Übriges. Es braucht zunehmend Teams, die solche Prozesse begleiten. Kurzum: Juristen, die auf diese Fragen spezialisiert sind, können sich aussuchen, wo sie arbeiten, und hohe Gehälter für eine Festanstellung fordern. Es liegt somit auf der Hand, dass nicht nur Alexander Deicke sich mit seinem Unternehmen K11 intensiv mit einem Konzept beschäftigt, in dem schnelle und präzise Algorithmen die traditionellen Stellenanzeigen, die endlosen Gespräche mit Headhuntern und die Vielzahl an Bewer-

bungsunterlagen ersetzen sollen. Eine ähnliche Personalvermittlung wie Deicke betreibt zum Beispiel Axiom aus den USA, aber immer noch analog, also mit dem händischen Pflegen einer Datenbank über Excel-Listen und ähnliche Programme, und ohne computergesteuerte Auswahl der Kandidaten und automatisches Matching. Anders das niederländische Medienhaus Wolters Kluwer mit seinem Startup Online-Portal „Legal Tribune Online“. LTO hat sich in den Die automatisierte letzten Jahren im Internet als Vermittlung von ein Medium etabliert, das allge- Bewerbern liegt mein über den Arbeitsmarkt im Bereich Recht und juristische im Trend, doch Themen informiert. Auf LTO viele Nischen sind gibt es zusätzlich ein Personal- unbesetzt. vermittlungswerkzeug für dauerhafte Beschäftigung. Es ist Personalsuche im klassischen Sinn. Über Matching, wie dies Deicke betreibt, denkt aber auch LTO nach. „Wir haben miteinander gesprochen, ob sie vielleicht doch das Thema Interim aufnehmen“, sagt Deicke. Auch der Zeitarbeitsgigant Manpower überlegt sich, digital aktiv zu werden. Die Berliner Comatech wiederum betreibt eine Plattform für Managementberater, nicht aber für den Bereich juristische Berufe. Ein Gründer aus Mannheim im Jura-Segment, Christoph Zoeller, will seine Plattform „Premium Moderator“ ausschließlich zur Festvermittlung nutzen. Neu im Markt ist auch Legalhead als Teil einer Personalvermittlung, die ganz viele Berufssparten aufbauen will, nicht nur Jura. roe


Wir Wirtschaft tschaft

im Kreis Ludwigsburg

Juli 2017

Die Nase vorn

Lesen Sie in dieser Ausgabe

Der Kreis Ludwigsburg landet zuverlässig auf den vorderen Plätzen, wenn Experten untersuchen, wo die Wirtschaft floriert oder es sich angenehm leben lässt. Die Chancen stehen gut, dass es so bleibt.

Der Mann-und-Hummel-Chef Weber visiert neue Märkte an SEITE 29 Von A wie Aspirin bis Z wie Zündholz SEITEN 30, 31 Klein, exotisch – aber potent: Die Filmbranche wächst zügig SEITE 34

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Weinbau, Wohn- und Gewerbegebiete wechseln sich entlang des Neckars ab, wie hier an der Schleife zwischen Besigheim und Walheim. Das ist typisch für den wirtschaftsstarken, dicht besiedelten Landkreis Ludwigsburg. Nicht überall Fotos: Kuhnle, Landratsamt LB, factum/Granville (Archiv) gelingt der Spagat zwischen den Interessen der Unternehmen und denen der Bevölkerung. Die Flächen sind knapp, was bei der Planung von Gewerbegebieten oft zu Konflikten führt.

Auf dem Sprung ins digitale Zeitalter

E

s ist paradox. Stellt man Unternehmern, Politikern oder Wirtschaftsexperten die Frage, wo die größte Gefahr für den Kreis Ludwigsburg lauert, wird immer ein Thema genannt: der Verkehr. Genauer gesagt: der nicht mehr fließende Verkehr. Der Dauerstau nervt nicht nur Pendler und Reisende. Gut ausgebaute Verkehrswege sind auch ein wichtiger Standortfaktor. Einst waren es genau diese – damals noch weitgehend intakten – Verkehrswege, die viele Firmen bewogen haben, in den Kreis Ludwigsburg zu ziehen, um mit ihren Produkten von hier aus die Welt zu erobern. „Die Autobahn, der Güterbahnhof in Kornwestheim, die Nähe zum Flughafen Stuttgart – das waren und sind wichtige Faktoren“, sagt Reiner Boucsein, der stellvertretende Geschäftsführer der Ludwigsburger Bezirkskammer der IHK. Der Kreis Ludwigsburg liegt in einer der wirtschaftstärksten Regionen Europas und belegt innerhalb dieser Region einen Spitzenplatz. Seit 13 Jahren bewertet das Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos in einem Zukunftsatlas die Zukunftschancen aller 402 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland. 2013 belegte Ludwigsburg Rang 16, im vergangenen Jahr dann schon Platz 12. In der Region liegen nur Stuttgart (7) und Böblingen (4) weiter vorn. Unter Berücksichtigung von Parametern wie Bevölkerungsentwicklung, Arbeitslosenquote, Verschuldung, Investitionsquote, Kaufkraft und anderen bescheinigt Prognos dem Landkreis Ludwigsburg „sehr hohe Zukunftschancen“. Weitere Indikatoren, die in den Atlas einflossen: In Ludwigsburg wurden mehr Patente angemeldet als irgendwo sonst in der Region; der Akademikeranteil ist hoch; das erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt liegt weit über dem Durchschnitt. Einig sind sich die Experten auch in der Frage, auf welchem Fundament die Stärke fußt. Es ist der Mittelstand. „Wir haben hier nicht das eine Großunternehmen, das den ganzen Landkreis dominiert“, sagt der Landrat Rainer Haas, „sondern eine Vielzahl sehr erfolgreicher Firmen. Das garantiert wirtschaftliche Stabilität.“

Im erfolgsverwöhnten Kreis Ludwigsburg stehen einige Firmen vor einem gewaltigen Strukturwandel. Von Tim Höhn

Wirtschaftsstandort

Der bekannteste Konzern mit Sitz im Gesellschaft von Bosch, die ebenfalls digiLandkreis ist der Global Player Bosch, der tale Geschäftsideen vorantreibt. „Ich sehe, in Gerlingen seinen Hauptsitz hat. Aber dass die Unternehmen den Veränderungsauch der Maschinenbauer Trumpf, der druck erkannt haben und strategisch neue Rüstungskonzern Thales (beide in Ditzin- Zukunftsfelder aufbauen“, sagt der Ludgen), der Anlagenbauer Dürr (Bietigheim- wigsburger Oberbürgermeister Werner Bissingen), der Ludwigsburger Filter- Spec. Er sei überzeugt, dass es im Zusamhersteller Mann und Hummel und viele menspiel von Kommunen, Wirtschaft und andere agieren erfolgreich auf den Welt- Wissenschaft gelingen werde, den Wandel märkten. Von insgesamt 193 500 Beschäf- zu meistern. „Allerdings wird uns das nicht tigten arbeiten rund 75 000 im Dienstleis- aus einer saturierten Haltung heraus gelintungssektor, 45 000 im Handel, Gast- gen, sondern nur mit großer Entschlossenheit und vereinten Kräfgewerbe und Verkehr und ten. Von alleine wird es 71 000 im produzierenden „Die Autobahn, der nicht passieren.“ Gewerbe – ein ausgewoge- Güterbahnhof, die Der Verkehr ist eine ner Mix. Zwei Branchen Nähe zum Flughafen – weitere Herausforderung, stechen heraus: die Autodie gelöst werden muss, bei mobil-Zulieferindustrie das waren und sind der die Unternehmen alund der Maschinenbau, die wichtige Faktoren.“ lerdings weitgehend auf beide eng miteinander ver- Reiner Boucsein, stellvertretender die Unterstützung der zahnt sind. Chef der Ludwigsburger IHK Politik angewiesen sind. Ausruhen auf dem ErSeit Jahrzehnten wird im folg kann sich die hiesige Wirtschaft demnach nicht, denn die Auto- Kreis Ludwigsburg über den Bau einer industrie steht vor einem weitreichenden Stadtbahn geredet. In jüngster Zeit wurde Strukturwandel: weg vom Verbrennungs- das Thema zwar wieder verstärkt voranmotor, hin zum Elektroantrieb. Mann und getrieben, passiert ist aber bislang nichts. Hummel macht 90 Prozent seines Umsat- Die Industrie- und Handelskammer wirbt zes in dem an Bedeutung verlierenden Seg- außerdem für den Nordostring, den Bau ment und wird sich in den kommenden einer Schnellstraße zwischen dem Remstal Jahren ein Stück weit aus dieser Abhängig- und dem Raum Ludwigsburg. Das Projekt keit lösen und neue Geschäftsfelder er- ist ein Dauerbrenner. Hinter der Verkehrsproblematik steckt schließen müssen. Der Vorstandssprecher Alfred Weber warnt zwar vor Panikmache, ein grundlegender Konflikt, der viele wirtsagt aber auch: „Wir nehmen die gesell- schaftlich erfolgreichen und entsprechend schaftlichen Veränderungen und die dicht besiedelten Regionen beschäftigt: Die daraus resultierenden neuen technischen Bevölkerung will eine starke Wirtschaft Herausforderungen sehr ernst.“ (Siehe und erfreut sich an zahlreichen Arbeitsplätzen. Aber damit werden die Flächen Interview Seite 29). Auch Porsche stellt sich dem Wandel knapp. Die Bevölkerung will aber auch und hat in der Ludwigsburger Weststadt Naherholungsräume, Grün, Natur. „Ganz eine Digital-Gesellschaft gegründet. Die ohne neue Straßen wird es jedoch nicht mehr als 500 Mitarbeiter haben die Aufga- gehen“, prognostiziert Boucsein. Die Problematik zeigt sich auch an einer be, das Automobil smart weiterzuentwickeln in Richtung des autonomen Fahrens anderen Stelle: Die Nachfrage nach Gewerund der selbstständigen Parkplatzsuche. beflächen ist hoch – das Angebot an freien Nebenan liegt die Zentrale der Startup- Bauplätzen, speziell an größeren Industrie-

und Logistikflächen, ist jedoch gering. Wird irgendwo im Kreis etwas Neues geplant, zieht das meist Streit nach sich. Denn Gewerbegebiete sind unpopulär, weil sie unweigerlich mehr Verkehr auf INNENANSICHTEN die ohnehin schon über- Was macht für Sie den besonderen Reiz lasteten Straßen bringen. des Landkreises Ludwigsburg aus? Ein weiterer immer wichtiger werdender Rainer Haas, Landrat: Für mich ist das Standortfaktor ist die Ver- Besondere die tolle Kombination aus fügbarkeit von schnellem einer schönen Landschaft mit ErholungsInternet. Auch in dieser wert einerseits und Hinsicht sind die Vorauseiner erfolgreichen setzungen noch nicht mittelständischen optimal, weil die großen Wirtschaft andererprivaten Anbieter den seits. Der Kreis ist Ausbau nur zögerlich vonicht nur ein erfolgrantreiben. Die Stadt Ludreicher Hightechwigsburg hat aus diesem Standort, sondern Grund unlängst beschlos- Rainer Haas hat mit Besigheim sen, die Sache selbst in beispielsweise auch die Hand zu nehmen und das schönste Weindorf Deutschlands. im gesamten Stadtgebiet Diese Kombination führt dazu, dass die Glasfaserkabel verlegen Lebensqualität hier so hoch ist. zu lassen. Auch das Landratsamt bereitet in Ab- Werner Spec, Oberbürgermeister Ludstimmung mit mehreren wigsburg: Wir haben attraktive Städte Kommunen und dem Re- und Gemeinden, wir haben eine pulsiegionalverband eine Breit- rende Wirtschaft. Wir haben eine heband-Offensive vor. rausragende SpitTrotz der Verkehrszenkultur mit den probleme, trotz FlächenSchlossfestspielen und auch Fachkräftemanauf internationalem gel, worunter Firmen in Niveau, aber auch ganz Deutschland leiden, ein sehr aktives sind die Aussichten für kulturelles Engagedie hiesige Wirtschaft ment im Amateurrosig, glaubt man den Werner Spec bereich – bis hin zu Wirtschaftsforschern von den Blaskapellen Prognos. Sie berufen sich und Chören in einer beeindruckenden in ihrem Gutachten auf Vielfalt. Dazu kommt für mich ein undie „hohe Innovations- glaublich vielfältiges ehrenamtliches und kraft“ in der gesamten bürgerschaftliches Engagement. All das Region Stuttgart. „Wir zusammen macht für mich den besonsind nicht nur der Land- deren Reiz aus. kreis der Dichter und Denker, sondern auch der Tüftler und Schaffer“, sagt dazu der Landrat Rainer Haas. „Das scheint auch mentalitätsbedingt zu sein. Hier sind einfach kreative Leute vorhanden.“


26 Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg 534 000

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

GROSSE STRASSEN, VIELE GLEISE: DER VERKEHR ROLLT IM KREIS LUDWIGSBURG – DARUM IST ER BEI FIRMEN BELIEBT

Einwohner hat der Kreis Ludwigsburg. Die 269 000 Frauen sind deutlich in der Mehrheit, denn es gibt nur 264 000 Männer. Damit ist der Landkreis nach der Kopfzahl der größte in der Region. Knapp dahinter liegt Esslingen: 524 000 Einwohner.

HEILBRONN Kirchheim a. N.

Bönnigheim

Gemmrigheim

Ochsenbach

Oberstenfeld

Ottmarsheim Freudental

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Löchgau Hohenhaslach Gündelbach

81 c Ne

Horrheim

ENZKREIS

Höpfigheim

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Quadratkilometer groß ist der Kreis. Im Schnitt leben auf jedem davon 778 Menschen. Damit ist der Kreis mehr als doppelt so dicht besiedelt wie das Land, wo durchschnittlich auf jedem Quadratkilometer 305 Menschen leben. In der Region ist nur Esslingen dichter besiedelt: Dort leben 817 Menschen pro Quadratkilometer.

Kleinbottwar Steinheim a. d. Murr

27

Ensingen

Pleidelsheim

Sachsenheim

Sersheim

BietigheimBissingen Unterriexingen

Vaihingen a.d. Enz

66

Großbottwar

Mundelsheim

Besigheim

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Oberriexingen

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Benningen S4 a. N. Freiberg a. N.

REMS-MURR-KREIS

Erdmannshausen

Marbach a. N.

Tamm

Affalterbach

10

Landschaftsschutzgebiete gibt es im Kreis. Doch damit nicht genug: Auch 17 Naturschutzgebiete weist er auf. Damit stehen 40 Prozent der Kreisfläche unter Schutz.

Asperg

Markgröningen Nussdorf

Ludwigsburg Hochdorf

39

Möglingen Schwieberdingen

Eberdingen Hemmingen

Gemeinden hat der Kreis. Nur sechs davon dürfen sich mit dem Prädikat Große Kreisstadt schmücken: Neben Ludwigsburg sind das Bietigheim-Bissingen, Kornwestheim, Ditzingen, Remseck und Vaihingen/Enz.

Heimerdingen

10

Strohgäubahn

Remseck

27

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Kornwestheim

81

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Münchingen

STUTTGART

Hirschlanden Ditzingen

6

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Doppelschleusen im Neckar liegen im Kreisgebiet. 3000 Schiffe passieren sie pro Jahr mit drei Millionen Tonnen Fracht.

BÖBLINGEN

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Die Flächennutzung im Kreis Angaben in Prozent (Gesamt 689 km2) Landwirtschaft

U6 Gerlingen

Wald

Siedlung und Verkehr

Wasser

Sonstige

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Kreis Angaben in Tausend Dienstleistungen

Handel, Gastgewerbe, Verkehr Land-, Forstwirtschaft, Fischerei 1,5

1,3 1,0 45,6

18,2

5

Produzierendes Gewerbe

75,5

55,0

Partnerschaften unterhält der Kreis: mit der Region Oberes Galiläa in Israel, dem Landkreis Zwickau, der Stadt Yichang in China, dem Komitat Pest in Ungarn und mit der Provinz Bergamo in Italien.

% 24,4

StZ-Grafik: zap

193,5

70,9

Quelle: Landkreis

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Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg 27

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Der Kreis zieht Global Player an Die Autobahn, Gewerbegebiete, eine hohe Lebensqualität: Fßr diese Vorteile der Stadt und des Kreises Ludwigsburg nehmen viele Firmen die Mßhen eines Umzugs in Kauf. Von Peter Meuer

Standort

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igentlich sind es gleich drei UmzĂźge gewesen: Im Sommer 2014 legte Thales seine Standorte Zuffenhausen, Korntal-MĂźnchingen und Pforzheim in Ditzingen zusammen. Weltweit beschäftigt der Technologiekonzern fĂźr Luft- und Raumfahrt, Transport und Verteidigung bei einem Umsatz von 15 Milliarden Euro 64 000 Mitarbeiter â&#x20AC;&#x201C; in Städten wie Paris, Wien, Los Angeles. Die 2000 Mitarbeiter des deutsches Hauptsitzes dagegen sitzen im beschaulichen Strohgäu und fĂźhlen sich dort offenbar wohl. Der Umzug sei richtig gewesen, sagt der Thales-Sprecher Pitt Marx: â&#x20AC;&#x17E;Ditzingen und der Kreis Ludwigsburg haben eine ausgezeichnete Verkehrsinfrastruktur mit Anschluss an alle wich-

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Kreis Ludwigsburg schätze ich besonders . . . . . . seine Innovationskraft und seine Vielfalt. Schon seit Generationen verbinden die Menschen ihren Ideen- und Erfindungsreichtum mit groĂ&#x;em FleiĂ&#x;, ob im Handwerk, in Dienstleistungsberufen oder in der Industrie. Das hat Betriebe unterschiedlicher GrĂśĂ&#x;e zu Champions in ihren jeweiligen Ligen gemacht und den Landkreis so erfolgreich.â&#x20AC;&#x153; Heinz-Werner Schulte Vorsitzender des Vorstands der Kreissparkasse Ludwigsburg Mitarbeiter 1613 Bilanzsumme 10,15 Milliarden Euro

tigen europäischen Wirtschaftszentren.â&#x20AC;&#x153; AuĂ&#x;erdem seien die forschungsstärksten Städte Europas mit ihren Hochschulen und Instituten nicht weit. Auch die Lebensqualität sei hoch und das kulturelle Angebot reichhaltig. Das wĂźssten die Thales-Mitarbeiter sehr zu schätzen. Thales ist nicht allein: Viele Firmen sehen die Vorteile im Kreis Ludwigsburg und haben dafĂźr in den vergangenen Jahren die MĂźhen eines Umzugs in Kauf genommen. Die Lackiermaschinenspezialisten von DĂźrr etwa bezogen 2009 ihre Zentrale in Bietigheim-Bissingen. Gerade im Bau ist der neue Campus der WĂźstenrot und WĂźrttembergischen Gruppe in Kornwestheim. Die viele Millionen Euro teure BĂźrolandschaft wird im nächsten Jahr fertig. Vor allem sind es aber laut der Industrie- und Handelskammer kleine und mittelgroĂ&#x;e Unternehmen, die umziehen â&#x20AC;&#x201C; mehr als 90 Prozent der Firmen, die in der Region den Standort wechseln, haben nur bis zu 20 Mitarbeiter. Diese Zahlen trägt die IHK Stuttgart regelmäĂ&#x;ig in einer Studie zusammen. Darin ist auch zu lesen, dass der Kreis Ludwigsburg von 2009 bis 2012 netto 77 IHK-Mitgliedsunternehmen dank UmzĂźgen hinzugewonnen hat â&#x20AC;&#x201C; ein Spitzenwert in der Region. Zum Vergleich: Der Kreis Esslingen gewann im gleichen Zeitraum 72, der Kreis GĂśppingen 28 Firmen. Stuttgart hat dagegen 115 Betriebe verloren, der Kreis BĂśblingen 23. Viele Firmen ziehen innerhalb der Region Stuttgart um. GrĂźnde fĂźr die Attraktivität des Kreises Ludwigsburg nennt auch Reiner Boucsein von der IHK-Bezirkskammer. â&#x20AC;&#x17E;In Ludwigsburg wie in der Region sitzen die Kunden und Kooperationspartner der Unternehmenâ&#x20AC;&#x153;, erklärt er, â&#x20AC;&#x17E;im Maschinenbau, in der Automobilindustrie.â&#x20AC;&#x153; NatĂźrlich spielten gerade bei

Von Ludwigsburg aus liefert die Firma Hahn und Kolb innerhalb eines Tages Werkzeuge an Unternehmen in ganz Deutschland. Fotos: Hahn+Kolb, Scheyhing kleineren Firmen oft auch private GrĂźnde eine Rolle. Und die Frage â&#x20AC;&#x17E;Wo kriege ich Ăźberhaupt ein GrundstĂźck?â&#x20AC;&#x153; sei ebenfalls wichtig. Hier konnte der Kreis Ludwigsburg in den vergangenen Jahren eine Stärke ausspielen: Es gibt erfolgreiche, teils interkommunale Gewerbegebiete wie den Park Eichwald bei Sachsenheim. Und dann spiele natĂźrlich die gute Verkehrsanbindung eine Rolle, sagt Boucsein. â&#x20AC;&#x17E;Die S-Bahn, die beiden BundesstraĂ&#x;en, der GĂźterbahnhof in Kornwestheim und die Autobahn.â&#x20AC;&#x153; Die nahe SchnellstraĂ&#x;e ist fĂźr die Werkzeug-Experten von Hahn und Kolb ein gewichtiger Pluspunkt. Sie zogen 2013 in das neue Verwaltungs- und Logistikzentrum an der Ludwigsburger MĂśri-

kestraĂ&#x;e. â&#x20AC;&#x17E;FĂźr die An- und Auslieferung von Produkten ist diese Nähe von groĂ&#x;em Vorteilâ&#x20AC;&#x153;, sagt die Firmensprecherin Jasmin Sieverding. â&#x20AC;&#x17E;Die Lastwagen kĂśnnen ohne Umwege auf den Autobahnzubringer fahren.â&#x20AC;&#x153; Deutschlandweit liefere der Werkzeug-Dienstleister so alles binnen eines Tages aus, betont sie. Ein Nachteil der positiven Entwicklung: Es gibt kaum noch freie Flächen, weniger Immobilien sind verfĂźgbar und die Preise steigen. Die IHK-Studie fĂźr die Jahre 2013 bis 2016 ist zwar nicht ganz fertig, aber es zeichnet sich ab, dass sich im Kreis inzwischen die Zu- und WegzĂźge die Waage halten. Unterm Strich gibt es heute 8600 Unternehmen â&#x20AC;&#x201C; 7800 waren es anno 2012.

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        Das Unternehmen OLYMP aus Bietigheim-Bissingen steht fĂźr hochwertige Herrenhemden, an denen Mann lange Freude hat. Jetzt stĂśĂ&#x;t der Hersteller mit der Produktlinie â&#x20AC;&#x17E;SIGNATUREâ&#x20AC;&#x153; ins Premium-Segment vor â&#x20AC;&#x201C; und hat sich dafĂźr prominente UnterstĂźtzung gesichert. Hollywoodstar Gerard Butler wirbt fĂźr die neue Produktlinie. Die OLYMP Bezner KG kann sich in einem schwierigen Umfeld gegen den allgemeinen Branchentrend stemmen. Im ersten Halbjahr 2017 betragen die ErlĂśse des Anbieters von Herrenoberbekleidung 124,2 Millionen Euro, ein Umsatzplus von 2,1 Prozent gegenĂźber dem Vorjahreszeitraum. Mit 822 Mitarbeitern in Deutschland und Ă&#x2013;sterreich ist auch die Belegschaft erneut gewachsen. Und OLYMP will weiter eine sehr wichtige Rolle in der Modebranche Ăźbernehmen. Dazu stĂśĂ&#x;t das Unternehmen in das gehobene Segment vor. Mit OLYMP SIGNATURE, einem Produkt, das nach Ă&#x153;berzeugung seiner Designer die Handschrift der Perfektion trägt. Mark

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Olymp-Firmenchef Mark Bezner

Foto: Olymp

Bezner erläutert diesen strategischen Schritt so: â&#x20AC;&#x17E;Unter OLYMP SIGNATURE haben wir die Summe unserer langjährigen Erfahrung vereint, um das gehobene Premiumsegment fĂźr Herrenhemden zielgerichtet zu erobern. Gleichzeitig erhoffen wir uns eine Aufwertung der Marke, die zur weiteren Nachfragesteigerung gegenĂźber allen unseren Produkten beitragen wird.â&#x20AC;&#x153; Die Erstauslieferung hat bereits begonnen, zusätzlich wird das neue Premiumhemd einschlieĂ&#x;lich passender Krawatten mit zwei Modekollektionen pro Jahr sowie ergänzendem Lagerprogramm offensiv vermarktet. Besonders stolz sind Mark Bezner und alle OLYMP-Mitarbeiter, dass ein weltweit bekannter Schauspieler als Gesicht der neuen Marke gewonnen werden konnte: Gerard Butler, der in Filmen wie â&#x20AC;&#x17E;Olympus has fallenâ&#x20AC;&#x153; oder â&#x20AC;&#x17E;Gods of Egyptâ&#x20AC;&#x153; BerĂźhmtheit erlangt hat. â&#x20AC;&#x17E;Gerard Butler spielt ab sofort fĂźr uns eine Hauptrolleâ&#x20AC;&#x153;, sagt Mark Bezner. Die Anziehungskraft, die von Hollywood ausgeht, soll auf die Marke und die Produkte ausstrahlen. Mit SIGNATURE wird OLYMP â&#x20AC;&#x17E;Flagge zeigenâ&#x20AC;&#x153;, ist der Firmenchef Ăźberzeugt. Was sind die Besonderheiten der neuen Produktlinie aus BietigheimBissingen? â&#x20AC;&#x17E;Sie liegen zum Beispiel in der ausschlieĂ&#x;lichen Verwendung auserlesener Materialien in Verbindung mit aufwendigen Verarbeitungsmethodenâ&#x20AC;&#x153;, erläutert Mark Bezner. Es werden vorwiegend hochwertige Vollzwirngewebe eingesetzt, die mit den von OLYMP gewohnten BĂźgel- und Pflegeeigenschaften versehen sind.

Hollywoodstar Gerard Butler: â&#x20AC;&#x17E;OLYMP SIGNATURE ist ein Produkt, das mir Fotos: Olymp zutiefst entspricht, in dem ich mich absolut wohlfĂźhle.â&#x20AC;&#x153;

Feinste Handkappnähte, herausnehmbare Kragenstäbchen, KnĂśpfe aus echtem Perlmutt, die gemäĂ&#x; der neapolitanischen Tradition per Hahnentrittstich auf Stiel angenäht und umwickelt werden, sind weitere Merkmale, die fĂźr hochwertigste Qualität in der Herrenoberbekleidung stehen. Die Tailored-fit-Schnittform umfasst einen differenzierten GrĂśĂ&#x;enspiegel. Das bedeutet, jede einzelne GrĂśĂ&#x;e wird nach individuellen MaĂ&#x;en gesondert geschnitten. â&#x20AC;&#x17E;Dadurch passt sich das Hemd den Formen des Trägers an, und es trägt sich wie maĂ&#x;geschneidertâ&#x20AC;&#x153;, bestätigt der OLYMP-Firmenchef. Im Bereich des Kragenknopfes haben die

Designer darauf geachtet, dass der Halsauschnitt etwas tiefer als Ăźblich sitzt. Das sorgt mit Krawatte getragen oder ohne fĂźr spĂźrbar mehr Bequemlichkeit. Ein weiteres wichtiges Detail: Bei den Manschetten wird der SchlieĂ&#x;knopf näher am Ă&#x201E;rmel positioniert, was diesen bei entsprechenden Bewegungen des Armes ermĂśglicht, die Weite flexibel anzupassen. Trotz aller dieser Premium-Elemente ist es OLYMP gelungen, eine attraktive Preisgestaltung zu garantieren. Die unverbindliche Preisempfehlung wird bei 89,95 Euro und 99,95 Euro liegen, in Einzelfällen, je nach qualitativer Ausstattung, bei 119,95 Euro.

O LY M P Zahlen, Daten, Fakten GrĂźndung: 1951 von Eugen Bezner GeschäftsfĂźhrung: Mark Bezner (geschäftsfĂźhrender Gesellschafter) Unternehmensbeirat: Eberhard Bezner (Vorsitzender des Beirats) Standort: Bietigheim-Bissingen Mitarbeiter (Stand Juni 2017): 822 in Deutschland u. Ă&#x2013;sterreich Umsatz (in 2016): 250,4 Millionen Euro Exportquote: 34,4 Prozent


28 Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Der Flirt mit den Fachkräften Beim Buhlen um die besten Köpfe lassen sich Firmen im Kreis einiges einfallen – vom Wäscheservice bis zur völligen Freiheit in der Arbeitsgestaltung. Von Sandra Dambacher-Schopf

Ludwigsburg

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Kreis Ludwigsburg schätze ich besonders . . . . . . dass wir von einem gewachsenen Netzwerk an Unternehmen und Bildungseinrichtungen profitieren. Wir fühlen uns im Landkreis Ludwigsburg tief verwurzelt. Nicola Leibinger-Kammüller Vorsitzende der Geschäftsführung und Arbeitsdirektorin der Firma Trumpf in Ditzingen Jahresumsatz 2808,5 Millionen Euro Mitarbeiter 11 181

In den Räumen von Bosch Startup herrscht ein kreatives Chaos. Die vielen Freiheiten der Mitarbeiter sollen ihnen dabei helfen, auf neue und lukrative Ideen zu kommen. Fotos: factum/Granville, Trumpf mit der Logistik als Männerdomäne, in der nicht mehr so viele wie einst arbeiten wollen. Heute hilft die Vollautomatisierung des Logistikzentrums dabei, auch Frauen zu gewinnen. Schwere Kabeltrommeln müssen sie – anders als früher – nicht mehr selbst herumwuchten. 15 Prozent der dortigen Mitarbeiter sind bereits weiblich. Beim international agierenden Konzern Valeo ist eine Herausforderung, dass rund die Hälfte der Mitarbeiter aus dem Ausland kommt. „56 Nationen arbeiten bei uns“, berichtet der Personalchef Thomas Lerch. Um diese Menschen zu halten, gelte es, sie in Deutschland zu integrieren. „Es ist zum Beispiel wichtig, ihnen zu erklären, was es mit den in anderen Ländern unbekannten Sozialversicherungen oder mit der schwäbischen Kehrwoche auf sich hat.“ Dafür

L EADER

SHIPINFI L T R A T I O N I M G R O S S E N W I E I M K L E I N

gibt es spezielle Mentoren, die die Neuankömmlinge begleiten. Wie Valeo befindet sich Bosch im Umbruch zu einem IT-Unternehmen. Besonders in solchen Zeiten werden Querdenker gesucht, die aber oft nicht von straffen Konzernstrukturen angezogen werden. Mit Bosch Startup bietet der Autozulieferer seit zwei Jahren den jungen Wilden eine Spielwiese. Dort machen sich autonome Teams ihre eigenen Regeln, wann, wo und wie gearbeitet wird. Junge Teams machen Das Vorbild: Silicon Valley. „Hier kommen Bosch-Mitarbeiter her, die sich ihre eigenen für ihre Idee brennen“, sagt der Lei- Regeln, wann, wo und ter Peter Guhse. Sie wollten sich mit wie sie arbeiten. Das ihrer Arbeit selbst verwirklichen. Mit Geld aus dem Konzern haben Vorbild: Silicon Valley. sie hier die Chance, ihr Startup auf die Beine zu stellen. Für die abenteuerliche Reise gehen die Quasi-Gründer kein hohes finanzielles Risiko ein, steigen aber aus dem Tarifvertrag aus. Reich zu werden, ist nicht das Ziel, die Idee bleibt bei Bosch. „Nicht jede Idee fliegt“, sagt Guhse. Nur eines von fünf Teams aus dem Konzern, das eine Idee vorstellt, schaffe es zu Bosch Startup. Und dann kann eine Erfindung – wie zuletzt ein Spargel-Ernte-Roboter – trotzdem eingestampft werden. Er stieß bei den Bauern auf mangelndes Interesse. Andere Ideen haben Bosch aber schon neue Geschäftsfelder eröffnet. Künftig werden die Unternehmen noch mehr solche Anreize bieten müssen, denn die Babyboomer-Generation beginnt nun, sich massenhaft in die Rente zu verabschieden. Fachkräfte werden noch rarer.

Nachgefragt

Der Mangel wird sich verschärfen Der Wirtschaft gehen die Fachkräfte aus. Rainer Boucsein, der stellvertretende Geschäftsführer der IHK Region Stuttgart, blickt deshalb mit Sorge in die Zukunft.

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ie IHK ermittelt mittels eines Fachkräftemonitors, wie sich der Mangel auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft in den einzelnen Branchen weiterentwickeln wird. Rainer Boucsein fordert angesichts der Dynamik die Firmen zum Handeln auf.

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Wann wird der Fachkräftemangel in der Region kritisch? Unseren Zahlen zufolge herrscht bereits heute ein kritischer Mangel an Fachkräften, der sich noch verschärfen wird. Für dieses Jahr zeigt sich ein Engpass von 27 000 Fachkräften für die Region Stuttgart – das sind 2,6 Prozent der Nachfrage. Grob gerechnet, dürften davon 15 bis 20 Prozent auf den Kreis Ludwigsburg entfallen. Für 2020 wird ein Engpass von 82 000 Stellen prognostiziert, acht Prozent der Nachfrage. Für 2030 geht man von 119 000 Stellen aus, also 13 Prozent der Nachfrage.

Woher stammen die Zahlen des Fachkräftemonitors? Die IHKs in Baden-Württemberg haben den IHK-Fachkräftemonitor als interaktive Webanwendung vom Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR in Darmstadt entwickeln lassen. Der jährlich aktualisierte Monitor stellt die prognostizierte Entwicklung von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2030 anschaulich im Internet dar. Er ermöglicht eine Analyse des Fachkräftemangels in 105 Berufsgruppen und 19 Wirtschaftszweigen in zwölf Regionen Baden-Württembergs. Foto: privat

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Oder der französische Autozulieferer Valeo in Bietigheim-Bissingen, dessen Zentrum für Schalter und Sensoren boomt. Die beiden Autozulieferer suchen vor allem Software-Entwickler, die der Wandel der Branche hin zu mehr Automatisierung fordert. Auch Lapp Kabel hat Probleme, seine ITStellen zu besetzen, sucht aber vor allem Techniker und Mechatroniker. Ganz oben auf der Checkliste der Bewerber stehen heute Familienfreundlichkeit und flexible Arbeitszeiten. Und das nicht nur bei Frauen. „Bei uns arbeiten 70 Prozent Männer“, sagt Uhlemann. Auch sie wollten heute mehr für die Familie da sein und forderten deshalb häufiger Teilzeit. Aber auch wer keine Familie habe, wolle heute zum Beispiel Zeit für Hobbys haben – das gelte für beide Geschlechter. Lapp reagiert als Familienunternehmen auf jede Situation individuell und bietet im Schichtdienst eine Tauschbörse an. Bei Bosch wählen die Mitarbeiter aus mehr als 100 Arbeitszeitmodellen. Valeo bietet Gleitzeit. Im Kampf um die Talente reicht das aber nicht. Die Unternehmen versuchen, sich mit ihren Angeboten zu übertrumpfen. Sie suchen für ihre Mitarbeiter auch nach Kitaplätzen, Babysittern, Pflegekräften oder sogar Putzhilfen. Keine Zeit, Hemden zu bügeln? Bei Valeo kein Problem, der Service holt die Wäsche am Arbeitsplatz ab und bringt sie wieder zurück. Alles, was das Image prägt, ist heute wichtig. Mit dem guten Eindruck machen die Unternehmen Werbung für sich auf Messen und an Universitäten, um die besten Köpfe frühzeitig für sich zu begeistern. Ist ein Mitarbeiter gewonnen, muss er in Zeiten des Fachkräftemangels gehalten werden. Dabei gilt es heute, die Beschäftigten bis zum Rentenalter fit zu halten. Der Einsatz der Unternehmen reicht von Gratis-Obst und Rückenfit-Kursen bis hin zur anonymen psychologischen Betreuung. Dazu kommt die Umgestaltung grauer Büros zu Arbeitswelten, in denen sich die Mitarbeiter wohlfühlen. All diese Maßnahmen bringen bei Lapp, Valeo und Bosch ähnlichen Erfolg. Die Fluktuationsquote liegt in den Unternehmen bei etwa drei Prozent. Aber: Jede Firma hat mit speziellen Herausforderungen zu kämpfen. Lapp ringt

elches Smartphone bekomme ich dann?“ Das sei eine wichtige Frage im Gespräch mit jungen Bewerbern, sagt Frank Uhlemann, der stellvertretende Personalleiter der Firma Lapp Kabel. „Früher hätte man sich nicht getraut, solche Fragen zu stellen.“ Das sei seit einigen Jahren anders. Die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt haben sich umgekehrt, seit Fachkräfte rar geworden sind. Laut einer Umfrage der IHK hat fast jede zweite Firma im Kreis Ludwigsburg offene Stellen, die sie seit Längerem nicht besetzen kann. Sechs von zehn Firmen suchen vergeblich nach Fachleuten mit Hochschulabschluss, die Hälfte nach Fachkräften mit einer dualen Berufsausbildung und drei von zehn nach Meistern, Fachwirten und Fachkaufleuten. Jede zweite Firma sieht im Fachkräftemangel ein akutes Geschäftsrisiko. Daher müssen nicht mehr nur Bewerber mit dem ersten Eindruck punkten, sondern auch Unternehmen. Wie man mit besonderen Angeboten und Arbeitsweisen Fachkräfte anzieht, zeigt die Firma Lapp Kabel, die ein Logistikzentrum in der Ludwigsburger Weststadt betreibt. Oder Bosch Startup, wo man mit experimentellen Arbeitsregelungen Neuland im Werkzentrum West betritt.

Was passiert mit Unternehmen, die nicht auf die Problematik Lage reagieren? Das ist keine Option. Selbst wer derzeit keine Mitarbeiter sucht, muss sich um die Mitarbeiterbindung kümmern und rechtzeitig Vorsorge treffen. Fragen von Sandra Dambacher-Schopf.


Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg 29

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

„Wir brauchen viel Kreativität“ Alfred Weber, der Chef des Filterherstellers Mann und Hummel, sieht dem Wandel in der Autoindustrie gelassen entgegen. Interview

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on seinem Büro aus hat Alfred Weber einen Blick über Ludwigsburg. Der Vorstandschef von Mann und Hummel residiert im fünften Stock eines im vergangenen Jahr eröffneten Technologiezentrums. Ein schmucker Neubau, äußerst funktional – und in diesem Sinne ein Symbol für die Innovationskraft des Filter-Herstellers, der seine Wurzeln in Ludwigsburg hat, aber weltweit agiert. Eineinhalb Stunden lang steht der Manager Rede und Antwort und führt die Gäste persönlich durch das Unternehmen. Es sind keine einfachen Zeiten: Mann und Hummel ist stark abhängig von der Automobilindustrie und speziell vom Verbrennungsmotor. Doch Weber zeigt sich gelassen: „Es gibt keinen Grund, die Nerven zu verlieren.“

Herr Weber, Mann und Hummel engagiert sich bei den Ludwigsburger BasketballRiesen als Sponsor, aber auch im Motorsport der GT-3-Rennserie mit dem Mann-FilterTeam. Sitzen Sie da selbst auf der Tribüne? Bei den Riesen gehöre ich dem Verwaltungsbeirat an und sehe viele Heimspiele. Das sind immer besondere emotionale Erlebnisse. Auch den Motorsport verfolge ich mit Interesse. Eine Affinität zu schnellen Autos ist sicher kein Nachteil, wenn man mit der Automobilbranche zu tun hat. Mann und Hummel macht satte 90 Prozent seines gesamten Umsatzes mit der klassischen Automobilindustrie. Angesichts der anhaltenden Debatten über Elektromobilität und die Nachteile der Verbrennungsmotoren: Ist Ihnen nicht manch„Eine Affinität zu mal himmelangst vor der Zukunft der Firma? schnellen Autos ist Keine Frage, wir hängen mit sicher kein Nachteil, unseren Produkten im Mowenn man mit der ment stark am VerbrennungsAutoindustrie zu tun hat.“ motor. Sie können aber sicher sein: Wir verfolgen die EntAlfred Weber unterstützt mit der Firma wicklungen, auch die politiMann und Hummel den Motorsport. schen, aufmerksam. Unabhängig davon kann ein Blick auf die Fakten helfen: Auf Deutschlands Straßen sind zurzeit etwa 50 Millionen Fahrzeuge unterwegs, darunter gerade einmal 50 000 Elektroautos. Es wird meiner Ansicht nach noch lange dauern, bis wir die immer wieder in den Raum gestellten Quoten von 20, 30 Prozent an Elektromobilen erreicht haben. Und auch weltweit sehe ich nicht, dass ein kompletter Verzicht auf den Verbrennungsmotor mittelfristig in irgendeiner Form darstellbar wäre. Ihre Gelassenheit in Ehren. Aber die Grünen sprechen sich für ein Zulassungsverbot von Verbrennungsmotoren schon ab 2030 aus. Ich möchte ja nur zum Ausdruck bringen, dass wir über längerfristige Prozesse reden und sich damit die Dramatik relativiert, die das Thema bisweilen zu haben scheint. So gesehen gibt es für uns als Unternehmen keinen Grund – und das ist auch die Botschaft an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter –, die Nerven zu verlieren. Andererseits sind wir nicht blauäugig. Inwiefern? Wir nehmen die gesellschaftlichen Veränderungen und die daraus resultierenden neuen technischen Herausforderungen sehr ernst. Der Rahmen ist mittlerweile klar abgesteckt. Über allem steht: Unsere Kernkompetenz ist die Filtration, sprich die Trennung des Schädlichen vom Nützli-

chen. Dazu bekennen wir uns, dafür wird es immer Bedarf geben. Deshalb müssen wir uns nicht auf ganz anderen Märkten tummeln, sondern können unsere Fähigkeiten auf andere Bereiche übertragen. Wichtige Treiber unserer Entwicklung sind die Digitalisierung, alternative Mobilitätslösungen, vom autonomen Fahren bis zu elektrischen oder anderen Antriebsformen, und die stetig zunehmende Bedeutung der Nachhaltigkeit. Für alle drei Geschäftsfelder entwickeln wir innovative Produkte und sehen viele neue Marktchancen. Mann und Hummel ist eine der 50 größten Patentschmieden in Deutschland. Wird das reichen, um den Wandel zu schaffen? Nehmen wir die Automobilindustrie. Sie finden mittlerweile in den allermeisten E-Fahrzeugen Produkte aus unserem Haus. Das heißt, es gibt selbst in diesem Sektor Chancen. Und Wachstumsmärkte sehen wir auch, wenn es um eine gute Raumluft und sauberes Wasser geht. Wie das? Schauen Sie sich um in der Welt: In unzähligen Metropolen ist die Luftverschmutzung das Problem Nummer eins. All die Städte mit regelmäßigem Smogalarm sind eine Zielgruppe, wenn es darum geht, wenigstens in den Innenräumen für ein gesundes Klima zu sorgen. Wir sammeln mit unseren Produkten Schadstoffe und unerwünschte Partikel jeder Art und sortieren diese aus. Dabei übertragen wir unser Know-how aus Fahrzeuginnenräumen in Gebäude und nutzen dabei auch die Möglichkeiten der Digitalisierung: Sensoren erfassen die Luftdaten, die über eine Cloud aufs Smartphone gehen, dort ausgewertet werden, um dann das Problem optimal zu lösen. Was zeichnet eigentlich gute Filter aus? Wir können heute extrem kleine Teilchen erfassen. Klebstoffe etwa, die aus Möbeln diffundieren, oder Dämpfe, die Farbanstriche ausströmen. Fest steht, dass Filtration immer wichtiger wird. Denken Sie an die Mikrokunststoffe unserer Waschmittel, die ganze Fischpopulationen verändern. Oder denken Sie an den Nitrateintrag durch eine intensive Landwirtschaft. Dabei haben wir in Deutschland ja noch eine vergleichsweise komfortable Situation. Weltweit aber wird die Situation in Meeren, Flüssen und Seen immer dramatischer. In China sind ganze Reisanbaugebiete regelrecht verseucht. Überall dort ist die Filtration des Wassers oder des Abwassers ein Thema. Zugegeben, das sind kleine Pflänzchen – aber mit Wachstumspotenzial. Trotz aller Innovationen: Zuletzt hat es bei Mann und Hummel betriebsbedingte Kündigungen und auch Veränderungen in der Geschäftsführung gegeben. Ist das Ausdruck eines extremen Marktdrucks? Natürlich stehen wir unter Druck. Wir müssen finanziell erfolgreich sein, nicht zuletzt, um uns aufwendige, aber notwendige Forschung leisten zu können. Den Spagat, den wir dabei machen müssen, sehen Sie am Standort Ludwigsburg: hier unser neues Technologiezentrum – mit 30 Millionen Euro die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Unternehmens – und auf der anderen Straßenseite eine Produktion, die einen schweren Stand hat. Das ist im Fall von Betroffenen sehr hart. Sie sind ein Ludwigsburger Traditionsunter-

„Wir können extrem kleine Teilchen erfassen“, sagt der Mann-und-Hummel-Chef Alfred Weber. nehmen. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Stadt und in der Region Stuttgart? Wir fühlen uns hier stark verankert. Nicht ohne Grund haben wir in Ludwigsburg unseren Think-Tank gebaut. Hier sitzen die kreativen Köpfe, hier laufen die Fäden zusammen. Wichtig ist uns auch ein lokales gesellschaftliches Engagement, das wir an allen Standorten zu pflegen versuchen. Dazu gehört im Falle von Ludwigsburg das Sponsoring der Basketballer und ebenso des Behindertensportvereins. Über unsere Stiftung unterstützen wir maßgeblich die Städtepartnerschaften Ludwigsburgs. Fühlen Sie sich – umgekehrt – auch von der Stadt unterstützt? Absolut. Das gilt nicht nur bei Bauplanungen oder ähnlichen Dingen. Auch wenn es darum geht, neue Produkte zu testen, ist die Stadt ein Partner. Generell freut es uns natürlich auch, wie sich die Weststadt entwickelt, in der wir sitzen. Oberbürgermeister Spec spricht bescheiden vom Silicon Valley der Region. Ich war neulich im echten Silicon Valley, um einige Startups zu besuchen. Wir brauchen diese Offenheit für Neues und viel Kreativität. Insofern hilft es uns, wenn sich in unserem direkten Umfeld Firmen wie Bosch oder Porsche digital ansiedeln. Das schafft eine gute Atmosphäre. Dennoch expandieren Sie gezielt auch in anderen Ecken der Welt. Warum? Das ist ein anderes Thema. Wir stehen dazu, dass unsere Schlüsselkompetenz hier sitzt. Wir müssen jedoch auch andernorts vertreten sein. Gerade in der Forschung gilt immer stärker, dass in der Welt Lösungen für die Welt gefunden werden müssen, dass die für bestimmte Gegenden und Kulturen spezifischen Sichtweisen in die Problemlösungen mit einfließen. Deshalb haben wir ein Forschungszentrum in den

Foto: factum/Weise

USA und eines in Shanghai. Und deshalb haben wir Singapur als Standort dazugenommen, um das Internet der Dinge voranzutreiben. Letzte Frage, mit der sich der Bogen schließt: Wo steht das Unternehmen Mann und Hummel in zehn Jahren, vor allem hinsichtlich der Abhängigkeit vom Automobil? Wir haben eine gute Mannschaft, mit der wir den Umsatz in diesem Jahr auf 3,8 Milliarden Euro steigern werden. Wir wollen organisch sowie durch Zukäufe weiter wachsen. Und wenn wir dann in zehn Jahren ein Drittel des Umsatzes nicht mit Autos machen, wären wir gut vorangekommen. Das Gespräch haben Tim Höhn und Achim Wörner geführt.

DIE WELT DER FILTER Der Manager Alfred Weber, Jahrgang 1957, ist bei Mann und Hummel Vorsitzender der Geschäftsführung. Nach zwölf Dienstjahren bei der Bundeswehr, an deren Münchner Universität er Wirtschafts- und Organisationswissenschaften studiert hat, begann er seine industrielle Laufbahn als Führungskraft 1989 bei Kühnle, Kopp und Kausch in Frankenthal. 1997 ging er zu Borg-Warner in Kirchheimbolanden. Für den USamerikanischen Automobilzulieferer Borg-Warner wechselte Weber 2002 in die USA und leitete dort als Präsident und General Manager unterschiedliche Geschäftsbereiche. 2010 kam er zu Mann und Hummel, wo er seitdem den Vorsitz der Geschäftsführung innehat. In seiner Freizeit läuft Alfred Weber Marathon und rudert gerne

auf dem Neckar – ein Hobby, das der Manager mit seiner Frau und den beiden Töchtern teilt. Die Firma Mann und Hummel ist ein 1941 gegründetes weltweit führendes Unternehmen im Bereich der Filtration. Die Gruppe mit Sitz in Ludwigsburg entwickelt Lösungen für Automobile, industrielle Anwendungen, saubere Luft in Innenräumen und die nachhaltige Nutzung von Wasser. Im Jahr 2016 erwirtschafteten weltweit mehr als 20 000 Mitarbeiter an weltweit über 80 Standorten einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro. Zu den Produkten gehören unter anderem Luftfiltersysteme, Saugsysteme, Flüssigkeitsfiltersysteme, technische Kunststoffteile, Filtermedien, Innenraumfilter, Industriefilter und Membranfilter. wö

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30 Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg

Produkte undercover Rollenpressspan, Mehrschichtisolierstoffe oder Dünnschichtmodule – unter den Dingen, die in der Firma Krempel gefertigt werden, kann sich der Laie wenig bis gar nichts vorstellen. „Wir stellen erklärungsbedürftige Produkte her, die nicht zu sehen sind“, sagt der Marketingleiter Reinhard Kersten. Zur Palette gehören

unter anderem das Basismaterial für beheizte Autospiegel, Isolierungen im Motor des Scheibenwischers, Rückseitenfolien für Solarmodule, Abstützungen für den Passagierraum in verschiedenen Airbus-Typen und das Trägermaterial, mit dem Chips auf Geldkarten aufgebracht wer-

den. Die 1871 in Stuttgart gegründete und 1988 nach Vaihingen verlagerte Firma hat als Papierhandel begonnen. Heute beschäftigt Krempel weltweit 1200 Mitarbeiter. Zu den jüngsten Entwicklungen gehören Folien an Tankstutzen für E-Autos.

Hightech versteckt im Tankstutzen

Exotisch

Markiges Design Auf den ersten Blick mag der runde, sich nach oben hin verjüngende Kunststoffzylinder an einen Lippenstift erinnern. Tatsächlich aber markiert er eine Revolution in der Entwicklung der Layout-Marker. Die Firma Schwan-Stabilo hat ihn 1987 auf den Markt gebracht und der Ludwigsburger Ewald Winkelbauer hat das Design entworfen. Dem Ludwigsburger Stadtmuseum ist diese Innovation ein Platz

in einer Vitrine wert. Wodurch Winkelbauer die seltene Ehre zuteil wurde, sein Werk noch zu Lebzeiten in einem Museum ausgestellt zu finden. Dabei hatte das Projekt zunächst nach Enttäuschung geschmeckt: Bei einem Wettbewerb hatte der Designer nur Platz zwei belegt. Überraschenderweise ging sein Kompaktstift dann doch noch in Serie und Winkelbauer wurde Designberater bei Stabilo, wo er noch viele weitere Marker und Stifte gestaltet hat. Die Marker von Schwan-Stabilo haben Geschichte geschrieben.

Didymos ist altgriechisch und heißt Zwilling. Das so genannte Tragetuch aus Ludwigsburg verdankt seine Herkunft der Not einer Mutter, die 1971 Zwillinge bekommen hat. Die Geschichte von Didymos ist in mehrfacher Hinsicht exotisch: Erika Hoffman holte sich Inspirationen in fernen Ländern, wo sich die Mütter ihre Kinder kurzerhand umbinden. Das wiederum fand man Anfang der siebziger Jahre hierzulande überaus exotisch. Pädagogen warnten vor einer Verweichlichung der Kinder und Ärzte davor, dass diese Rückenschäden davontrügen. Trotzdem setzte sich das ungewöhnliche Transportmittel durch – nicht zuletzt dank einer Reportage im Magazin „Stern“. Danach wollten Eltern aus der gesamten Republik solche Tücher haben, aber Erika Hoffmann hatte selbst nur eins. So wurde die Idee für eine Firma geboren.

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 4 | Ju

Erfinder und findige

Im Kreis Ludwigsburg gibt es auffallend viele Hidden Champi einer weiß, dass sie hier ansässig sind. Viele verdanken ihren Erfolg einem raffi Motor Innovation

E

s wäre schön, wenn man sagen könnte, die Erfindung des Reibezündholzes durch den Ludwigsburger Jakob Friedrich Kammer sei die Initialzündung für eine endlose Erfolgsgeschichte gewesen, die der Landkreis danach erleben durfte. Doch damit wäre nur eine weitere Legende in der Welt. Tatsächlich ähnelt die Geschichte, die auf die feurige Erfindung von 1832 folgte, eher einer Berg- und Talfahrt. Zu groß waren – und sind – die Herausforderungen, und zu heftig ist der Wandel vom Agrar- zum Industrieland und vom produzierenden Gewerbe zum zurzeit ausgerufenen Experimentierfeld Industrie 4.0. Gefragt waren indes zu allen Zeiten findige Geister. Ihnen vor allem verdankt der Landkreis Ludwigsburg auch heute seinen Wohlstand. Nicht alle sind namentlich bekannt. Und auch da, wo Namen überliefert sind, hat sie das Produkt oft in den Schatten gestellt. Jeder kennt Aspirin, aber kaum einer weiß, dass der Chemiker, dem es als Erstem gelungen ist, die Substanz Acetylsalicylsäure herzustellen, aus Ludwigsburg kam. Ähnliches gilt für moderne Produkte. Das Babytragetuch Didymos wird in aller Welt benutzt, aber die Idee kam von hier, und auch heute noch werden die Herstellung und der Vertrieb von einem in Ludwigsburg ansässigen Familienbetrieb gemanagt. Die Zahl der Hidden Champions – Firmen, die zwar global agieren, aber einer breiten Öffentlichkeit unbekannt sind – ist in der Stadt und dem Kreis Ludwigsburg hoch. Dass man sie nicht kennt, mag in manchen Fällen dem schwäbischen Understatement geschuldet sein. Ganz sicher aber hat ihr Erfolg viel mit einem guten Krisenmanagement zu tun. Die Anfänge von vielen jetzt in globalem Maßstab erfolgreichen Unternehmen gehen auf das Industriezeitalter oder auf klassisches Handwerk zurück. Geschichten wie die von der Firma Krempel in Vaihingen/Enz, die von der Herstellung von Papier und Pappe lebte, dokumentieren, dass die Inhaber nicht die Hände in den Schoß legten, wenn ihr bewährtes Geschäftsmodell auf Grund lief. Sie suchten vielmehr nach Auswegen und bewiesen dabei viel Weitsicht. An

Aus der Not der Mütter geboren: das Tragetuch Didymos

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Kreis Ludwigsburg schätze ich besonders . . . . . . dass in meinem Heimatlandkreis viele Handwerksbetriebe existieren, die mit schwäbischem Fleiß und Präzision nach historischen Vorbildern Ersatzteile fertigen, die wir zur Restaurierung hochwertiger Mercedes-Benz-Oldtimer benötigen. Der Kreis Ludwigsburg ist für unsere Arbeit ein Schlaraffenland. Klaus Kienle geschäftsführender Gesellschafter der Firma Kienle Automobiltechnik in Heimerdingen, die auf die Restaurierung von Mercedes-Benz-Oldtimern spezialisiert ist Mitarbeiter 80 Jahresumsatz 35 Millionen Euro

A

O F u D d E s V g r k S


Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg 31

tuttgarter Nachrichten uli 2017

e Entwickler

Muckefuck

ions – Unternehmen, die global erfolgreich agieren, von denen aber kaum inierten Krisenmanagement. Von Ludwig Laibacher die Stelle des klassischen Tüftlers, der BadenWürttemberg im 19. Jahrhundert reich machte, sind findige Entwickler getreten, die die Produkte anpassen, wenn sich die Nachfrage verändert. Manchmal reicht es, ein Produkt minimal zu verändern, um damit einen völlig neuen Markt zu erobern. Aber um auf die Idee zu kommen, muss man das Potenziel erst mal erkennen. Manche Anpassungen wiederum sind so komplex, dass ihr Wert und Innovationsgrad nur mit Fachverstand zu erfassen sind. Da viele Hersteller als Autozulieferer tätig sind, galt es in den vergangenen Jahrzehnten vor allem, den Routen zu folgen, die die Autoindustrie eingeschlagen hat. Das ist heute schwieriger geworden. Zum einen, weil sich die Autoindustrie bei der Suche nach Ersatz für die klassischen Verbrennungsmotoren selbst neu erfinden muss. Zum anderen, weil die Digitalisierung fast alle Bereiche von Grund auf verändert hat. In Ludwigsburg möchte man den Stier gern bei den Hörnern packen und sich selbst an die Spitze dieser Digitalisierung setzen. Um auf dem Sektor voranzukommen, der gern mit dem Schlagwort Industrie 4.0 umschrieben wird, haben sich jüngst große Konzerne wie Bosch, Porsche und Daimler in der Ludwigsburger Weststadt zusammengefunden, um gemeinsam zukunftsfähige Strategien zu entwickeln. Dass es nicht immer die erste Idee ist, die am Ende zündet, sondern häufig erst deren Weiterentwicklung, zeigt das Beispiel von Jakob Friedrich Kammerer. Der Schwabe war nicht der Erste, bei dem die Funken durch Reiben flogen: Der englische Apotheker John Walker hatte schon 1826 Schwefel, Kaliumchlorat, Stärke und Gummi arabicum miteinander vermengt. Auch diese Mischung entzündete sich durch Reiben, aber die Sache hatte einen Haken: Die Flamme brannte unregelmäßig und stank. Kammerers Beitrag bestand darin, dass er die Mixtur für den Zündkopf um weißen Phosphor anreicherte. Das machte ihn zum erfolgreichen Geschäftsmann, der seine Waren bis nach England, Schweden und Algerien exportierte. Er beschäftigte zwei Dutzend Mitarbeiter, die täglich 400 000 Zündhölzer anfertigten.

Ein Lied über die Ludwigsburger Luft gibt es zwar noch nicht, aber an manchen Tagen schweben schon sehr spezielle Aromen durch die Stadt. Es handelt sich um den süßlichherben Geruch von frisch geröstetem Getreide und Zichorien. Seit 1954 wird in der Nähe des Ludwigsburger Bahnhofs CaroKaffee hergestellt. An der Stelle, an der die einstige Kaffee-Dynastie Franck mehr als 100 Jahre lang alle Arten von Kaffee geröstet hat, produziert die Firma Nestlé heute nur noch Kathrei-

ner-Malzkaffee, Linde’s Kornkaffee und eben Caro. Ursprünglich war der Ersatzkaffee – im Volksmund Muckefuck, was vom französischen Mocca Faux, also falscher Kaffee abgeleitet sein soll – schon im 18. Jahrhundert für Menschen erfunden worden, die sich das Luxusgut Bohnenkaffee nicht leisten konnten. Der Name Caro verdankt sich Robert Francks Spitznamen. Der Enkel des Firmengründers wurde von seinen Kameraden Karo gerufen – Karo wie Kaffee-Robert.

Schmutzfänger Der Dreck bleibt hängen: Innenraumfilter von Mann und Hummel.

„Unsere Vision ist Leadership“, sagt Alfred Weber, der Vorsitzende der Mann-und-HummelGeschäftsführung. Ihr Ziel sei es, das Nützliche vom Schädlichen zu trennen. Das klingt so anschaulich, wie das Geschäft vielleicht noch 1941 gewesen ist, als Adolf Mann und Erich Hummel das Filterwerk in Ludwigsburg gegründet haben. Mittlerweile haben sich deren Nachfolger auf die Herstellung von Hightech-Produkten verlegt, die vor allem in Autos eingesetzt werden. Mann und Hummel beschäftigt 20 000 Mit-

arbeiter an 80 Standorten weltweit. 1000 davon sind Forscher und Entwickler. Denn Innovation wird großgeschrieben, das Unternehmen will damit seine Position als Marktführer in der Filtrationstechnik festigen und ausbauen. Der Global Player, der einer der größten Steuerzahler in Ludwigsburg ist, besitzt 3000 Patente und macht einen jährlichen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro. Allein im Werk Marklkofen – dem größten Filterwerk der Welt – werden pro Jahr mehr als 170 Millionen Filter hergestellt.

Schluss mit Weiß und Hellblau: Auch der Mann darf im Büro modisch auffallen.

Stoff für Männer Während die Konkurrenz regelmäßig Einbußen hinnehmen muss, steigt der Umsatz des Bietigheimer Hemdenherstellers Olymp kontinuierlich. Dabei ging es anfangs sicher nicht um modische Extravaganz: Der Firmengründer Eugen Bezner begann nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1951 damit, in der Waschküche seines Wohnhauses Hemden zu schneidern. Logisch, dass er

Streichhölzer – eine der vielen zündenden Ideen aus dem Kreis

Die Marke mit der roten Raute: Caro-Kaffee

damals vor allem mit Fallschirmseide arbeiten musste. Inzwischen hat sich die nach dem Wohnort der griechischen Götter benannte Firma zu einem der führenden Hersteller von Businesshemden entwickelt. Inzwischen lassen sich sogar Hollywoodstars wie Gerard Butler als Markenbotschafter für Hemden aus Bietigheim einspannen.

Fotos: Di dymos, fac tum/Gra nville, Kr empel, M ann+Hum mel, Mus eum Ludw igsburg (2 ), Olymp, Sorokin/A dobe Stoc k

ZEIT FÜR EINE VERÄNDERUNG.

Allheilmittel

Ob Schnupfen, Kopfweh, Mandelentzündungen oder Rheuma: Für alles scheint Acetylsalicylsäure (ASS) – besser bekannt unter dem Namen Aspirin – der richtige Wirkstoff zu sein. Das Schmerzmittel ist so etwas wie ein Allheilmittel geworden, viele Menschen nehmen es ein wie Vitamintabletten. Entdeckt wurde der von der Firma Bayer vermarktete Wirkstoff von einem Ludwigsburger: Felix Hoffmann wollte seinem Vater helfen, der unter starkem Rheuma litt. 1897 ist es ihm gelungen, aus Salicyl- und Essigsäure Acetylsalicylsäure in reiner Form herzustellen. Übrigens: Hoffmann, der als Chemiker bei Bayer arbeitete, ist es nur elf Tage nach der ASSSynthese auch gelungen, Heroin synthetisch herzustellen.

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32 Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Die Fußgängerzone in Ludwigsburg ist bei den Bürgern beliebt – aber die Stadt und die Händler müssen viel dafür tun, damit dies auch so bleibt.

Fotos: factum/Weise, Stollenberg

Der Kunde will stets etwas Neues Ludwigsburg ist laut einer neuen Studie zurzeit die attraktivste Mittelkommune Deutschlands – und die Barockstadt strengt sich an, dieses Niveau zu halten. Von Achim Wörner Handel

W

enn in diesen Sommermonaten an Samstagen ein buntes Markttreiben herrscht, entfaltet der Marktplatz in Ludwigsburg ein besonderes Flair. In der Mitte steht jener Brunnen, an dem der Stadtgründer Herzog Eberhard Ludwig vor mehr als 300 Jahren Audienz hielt. Das Karree ist von Arkadengebäuden und zwei Einkaufen auf der einander gegenüberstehenden Gotteshäusern begrenzt. Aus jeder der grünen Wiese oder vier Himmelsrichtungen gibt es in einer lebendigen einen Zugang. Nicht ohne Grund Innenstadt? sprach Bundespräsident Theodor Heuss einst vom „stolzesten Platz, Dies ist nicht nur den Württemberg hat“. in Ludwigsburg Die barocke Atmosphäre in der ein Spannungsfeld. Innenstadt ist freilich nicht der Grund dafür, dass die von 1704 an am Reißbrett entstandene Residenz des württembergischen Regenten jüngst zur attraktivsten deutschen Mittelstadt gekürt wurde. Die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) hatte bei ihrer Studie

DIE ATTRAKTIVSTEN DEUTSCHEN MITTELSTÄDTE Platzierung* 1 1 2 3 4 6 12 12 16 16 18 18

Stadt Ludwigsburg Troisdorf Sindelfingen Erlangen Langenhagen ... Ulm Heilbronn Waiblingen Bruchsal Esslingen Tübingen Konstanz

Bundesland Baden-Württemberg Nordrhein-Westfalen Baden-Württemberg Bayern Niedersachsen Baden-Württemberg Baden-Württemberg Baden-Württemberg Baden-Württemberg Baden-Württemberg Baden-Württemberg Baden-Württemberg

* bei gleicher Platzierung/Punktezahl wurden Ränge mehrfach belegt

Quelle: GMA

weniger die städtebauliche Qualität von bundesweit 209 Kommunen mit 40 000 bis 120 000 Einwohnern im Blick als vielmehr wirtschaftlich relevante Standortfaktoren: die Einwohner- und die Kaufkraftentwicklung, das Einzugsgebiet, die Zentralität, das Mietpreisniveau. Auch wenn diese Parameter recht nüchtern klingen, zeigt die Expertise eines „eindrucksvoll“, wie der GMA-Geschäftsführer Stefan Holl befindet: nämlich „dass viele Mittelzentren hochattraktive Einzelhandelsstandorte sind, die bei Investoren, Projektentwicklern und Händlern keinesfalls hinten anstehen müssen“. Der Blick in die zweite Reihe hinter den Großstädten lohnt sich. Das gilt speziell für Sindelfingen, Ulm, Esslingen und Heilbronn, für Waiblingen, Bruchsal, Konstanz und Tübingen, die im GMA-Ranking allesamt unter den Top 20 gelandet sind. Das gilt aber besonders für Ludwigsburg, die Nummer eins in dieser Liste. Dabei ist der Spitzenplatz für die gut 90 000 Einwohner zählende größte Mittelstadt in Baden-Württemberg nicht von vornherein ausgemacht gewesen. Denn in den vergangenen Jahren hatte Ludwigsburg – wie viele andere Kommunen – unter dem Wettbewerb der Innenstädte speziell auch in der Region Stuttgart und den Veränderungen in der Handelslandschaft insgesamt zu leiden. Teilweise waren die Probleme auch hausgemacht: Allzu groß erschien die Magnetfunktion des Breuningerlands vor den Toren der Stadt, wo in einem direkt an der Autobahn und der Bundesstraße 27 gelegenen Gewerbepark auch noch der Möbelriese Ikea eine Filiale unterhält. Bis heute besteht dieses Spannungsfeld zwischen beliebten, weil gut erreichbaren kommerziellen Angeboten auf der grünen Wiese und der Sehnsucht nach einer funktionierenden Fußgängerzone im Zentrum der Stadt – auch weil die Unternehmensgruppe Breuninger immer wieder ihren Erweiterungshunger artikuliert. Noch vor

einigen Jahren galt die Faustregel, die Konsumtempel alle zehn Jahre aufzuhübschen. Mittlerweile sollte spätestens nach zwei Jahren eine Anpassung vorgenommen werden, wie Hanspeter Gondring von der Dualen Hochschule in Stuttgart sagt. „Sie leben von der permanenten Attraktion wie ein Freizeitpark. Wenn es beim dritten Mal nichts Neues gibt, geht der Kunde woanders hin“, sagt der Leiter des Studiengangs Immobilienwirtschaft/Versicherung. Doch wie viel Konkurrenz verträgt die Innenstadt? Das ist eine Frage, die in Ludwigsburg so intensiv diskutiert wird wie kaum anderswo im Land. Die Position der Stadt sei dabei klar, betont der Rathaussprecher Peter Spaer: Die Verkaufsfläche soll sich drinnen wie draußen insgesamt bei jeweils 70 000 Quadratmetern bewegen. „Das ist so und soll so bleiben“, wirbt er für ein Gleichgewicht der Kräfte – wobei die City für ihn das „Aushängeschild“ ist. Die City voranzubringen – darum haben sich in den vergangenen Jahren viele in Ludwigsburg bemüht. Einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Revitalisierung soll nun ausgerechnet das Marstall-Center leisten, ein 1973 aus dem Boden gestampftes Einkaufszentrum, das schwer in die Jahre gekommen war. Nach einer grundlegenden Sanierung und mit den Marketingprofis der Unternehmensgruppe ECE im CenterManagement hat das Haus wieder an Strahlkraft gewonnen. Zusammen mit dem örtlichen Konkurrenten, der WilhelmGalerie, bildet das Center einen wichtigen Anker. „Die Kritiker sollten sich daran erinnern, wie es noch vor drei Jahren ausgesehen hat“, sagt der GMA-Chef Holl. „Es war so düster, dass sich kaum jemand getraut hat, dort entlangzulaufen.“ Und doch ist das Marstall-Center allein auf Dauer keine Lebensversicherung. Das wissen auch die Mitglieder des Ludwigsburger Innenstadtvereins Luis. Sie kämpfen beispielsweise für längere und einheitliche Kernöffnungszeiten, um dem zunehmenden Online-Handel besser Paroli bieten zu können. Und sie wollen alles dafür tun, die Vielfalt an kleineren, inhabergeführten Geschäften zu bewahren, die Ludwigsburg im Moment noch auszeichnen. Eine Herkulesaufgabe.

Hilfreich ist dabei ein attraktives Gesamtumfeld, hilfreich sind aber auch Angebote mit Magnetfunktion jenseits des Kommerzes. „Wenn sich Handelsformate und Systemgastronomie bundesweit angleichen, müssen die Städte die individuellen Unterschiede stärker ansprechen“, sagt der Experte Stefan Holl. „Ob es das mittelalterliche Stadtbild von Esslingen oder der barocke Markenkern von Ludwigsburg ist – beides ist für die Kunden und Touristen gleichermaßen als Orientierung wichtig.“ Das Residenzschloss samt dem Blühenden Barock ist in Ludwigsburg solch ein Orientierungspunkt. Außerdem ist das neue Kultur- und Informationszentrum MIK, welches das Ludwigsburg Museum, den Kunstverein und die Touristik-Information vereint, eine gute Anlaufstelle. Trotzdem wollen die Rathausoberen nicht stillstehen, wohl wissend, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Intensiv bereiten sie die Bewerbung für eine Landesgartenschau im Zeitraum von 2026 an vor. Damit ist das Ziel verknüpft, die Bundesstraße 27, die durch die Stadt führt, unter die Erde zu legen und, wie der Sprecher Spaer betont, die Trennung zwischen dem Schloss und der Innenstadt aufzuheben.

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Kreis Ludwigsburg schätze ich besonders . . . . . . die reizvolle Kombination aus attraktiven Arbeitsplätzen und hohem Freizeitwert. Starke Unternehmen haben aktuelle Risiken gut im Blick und erwarten weiterhin hohe Drehzahlen. Hervorragende Karrieremöglichkeiten kombiniert mit guten Freizeitangeboten ziehen Fachkräfte an, die wie ihre Arbeitgeber nachhaltige Lösungen für drängende Herausforderungen erwarten, etwa für die Verkehrsproblematik. Sigrid Zimmerling Geschäftsführerin der IHK Ludwigsburg Mitarbeiter 26

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Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg 33

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Arme Städte, reiche Städte Im Landkreis Ludwigsburg liegen einige der wohlhabendsten Kommunen der Region – und solche, die deutlich weniger Steuern einnehmen. Woher kommt dieser Unterschied? Von Julian Illi Haushalt

E

s hat für Siegmar Kellert schon schwierigere Zeiten gegeben. Als der Kämmerer seinen Posten in Remseck vor 20 Jahren antrat, hatte die Stadt 18 Millionen Euro Schulden mehr als heute, die Gewerbesteuer betrug einen Bruchteil der knapp 7,5 Millionen Euro, mit denen Kellert zurzeit plant. Sie markieren einen Rekordwert für die Große Kreisstadt, in der knapp 26 000 Einwohner leben – und liegen trotzdem deutlich unter den Gewerbesteuer-Einnahmen anderer Städte. Um zu verstehen, wie groß der Unterschied selbst in einem der reichsten Landkreise der Republik ist, muss man nur 15 Kilometer Luftlinie weiterblicken. Dort, in Gerlingen, fließt knapp fünfmal so viel

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Kreis Ludwigsburg schätze ich besonders . . . . . . dass dieser nicht nur inmitten des ökonomischen Herzens von Baden-Württemberg liegt, sondern gleichzeitig auch in der wirtschaftlich stärksten Region der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Außerdem liegen hier der Ursprung und die Geschichte von Olymp.“ Mark Bezner geschäftsführender Gesellschafter der Firma OLYMP Bezner Mitarbeiter mehr als 800 Jahresumsatz 250,4 Millionen Euro

Gewerbesteuer: 55 Millionen Euro werden es in diesem Jahr wohl sein. Warum ist das so? Was macht bestimmte Kommunen für Unternehmen attraktiv, während andere um jeden Arbeitsplatz kämpfen müssen? Für Siegmar Kellert liegt ein Grund auf der Hand: die Geschichte seiner Stadt. Im Jahr 1975 ist Remseck aus fünf Bauerndörfern entstanden, keines davon war ein Zentrum für umliegende Gemeinden. So ist es bis heute weitgehend geblieben: Viele Einwohner schätzen die Lage und die Einrichtungen der Stadt. Zum Arbeiten aber pendeln sie nach Stuttgart, Fellbach oder Ludwigsburg. Zur Historie kommt: „Es wurde nie eine aktive Ansiedlungspolitik gefahren“, sagt Kellert. Nie ließen sich größere Unternehmen an Rems und Neckar nieder, die eine Sogwirkung erzeugt hätten für andere Gewerbetreibende. Die meisten ansässigen Betriebe sind Kleinunternehmen, die in der Stadt selbst gegründet wurden. Ihr Wachstumspotenzial ist begrenzt. Für die Stadt Gerlingen war das Jahr 1970 der Ursprung allen wirtschaftlichen Glücks. Damals beschloss Bosch, seine Zentrale aus der Stuttgarter Stadtmitte auf die Schillerhöhe zu schieben. Heute ist der Weltkonzern mit Abstand der größte Steuerzahler am Ort. Vom „Leuchtturm“ spricht der Bürgermeister Georg Brenner gerne. Doch die Gerlinger Wirtschaft lässt sich nicht auf den Giganten allein reduzieren: 8500 Arbeitsplätze weist das Statistische Landesamt im Ort aus, weniger als ein Fünftel davon, rund 1600, befinden sich auf der Schillerhöhe. Entgegen der landläufigen Meinung pendeln mehr Menschen in die Stadt hinein als hinaus. Eine Seltenheit im Speckgürtel der Landeshauptstadt.

Die Firma Bosch leuchtet über Gerlingen – und beschert der Stadt hohe Einnahmen. Gerlingen und Remseck mögen Extrembeispiele aus dem Landkreis sein, doch sie liefern Erklärungsansätze über den Einzelfall hinaus. Laut den Wirtschaftsförderern ist kaum ein Standortfaktor wichtiger als die Infrastruktur: je nach Branche die Anbindung an Autobahnen, Schienenstrecken, Flüsse. Auch die räumlichen Erweiterungsmöglichkeiten sind wichtig. Und nicht zuletzt: die Steuersätze. Wie viel die Kommunen ihrem örtlichen Gewerbe abverlangen, bestimmen sie selbst – und sind doch eingeschränkt in ihrer Entscheidung. Fehlt es den Städten am Geld, drehen sie an der Steuerschraube. Neue Unternehmen werden von hohen Sätzen jedoch abgeschreckt und ziehen seltener zu. Hohe Einnahmen ermöglichen dagegen einen niedrigen Hebesatz, der trotzdem Geld bringt und neues Gewerbe anlockt. Der Gerlinger Gemeinderat hat zuletzt mit nur 290 Punkten den niedrigsten Wert in der Region und einen der geringsten landes-

weit festgesetzt. „Alle Betriebe partizipieren damit am Erfolg“, sagt der Bürgermeister Brenner. Eine Abhängigkeit vom großen Steuerzahler Bosch sieht er nicht: „Es gibt keine Machtposition.“ Er glaubt als Erfolgsfaktor vielmehr an die kurzen Wege im Rathaus: Kontakte zu halten und mit interessierten Unternehmern zu sprechen, sei „Chefsache“. Einen Wirtschaftsförderer beschäftigt Gerlingen nicht. Die kommunalen Kassen klingeln nicht nur durch Unternehmen. Auch das Gehalt der Bürger bringt Geld, wobei die Zuweisungen aus der Einkommensteuer in Remseck und Gerlingen vergleichbar sind. Wohlhabende Einwohner leben in beiden Städten, auch dank der Stadtbahnanschlüsse nach Stuttgart. Mit dem gut situierten Publikum steigen gleichwohl die Ansprüche: an Kitas, Schulen und Freizeitangebote. „Es ist nicht gesagt, dass es Kommunen mit mehr Geld leichter haben“, sagt Siegmar Kellert.

Fotos: factum/Weise, privat


34 Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Produktionen mit Wiedererkennungseffekt, an denen Ludwigsburger mitgewirkt haben (von links): die Kugeltiere des Projekts „Rollin’ Wild“ sowie Szenen aus den Kinofilmen „Independance Day“ und „The Grand Budapest Hotel“, der SWR-Filmkomödie „Schmitts Katze“ und der Fernsehproduktion „Der Grüffelo“ Fotos: Verleih

Die kreative Kraft der Provinz Dank der Filmakademie hat sich die einst verschlafene Beamtenstadt Ludwigsburg zu einem begehrten Standort für Gründer und Digital Natives entwickelt. Von Akiko Lachenmann Medien

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n der Mittagshitze flitzen zwischen imposanten Gebäuden aus rotem Backstein Skateboardfahrer herum. Junge Menschen, darunter Bart- und Rastaträger, quatschen miteinander auf provisorisch aufgestellten Bierbänken und essen dabei Couscous-Salat. Im Gebäude hinter ihrem Rücken befindet sich eine kubistische Landschaft aus weißen Quadern. Man könnte meinen, sich in die Kreativszene von Brooklyn verirrt zu haben. Doch die Backsteine sind eindeutig württembergischer Natur. Sie gehören zur Mathildenkaserne der einstigen Garnisonsstadt Ludwigsburg – und beherbergen heute eine der renommiertesten Filmakademien weltweit. Dieser Akademie ist es letztlich zu verdanken, dass sich der Automobilstandort Region Stuttgart auch ein wenig in Glanz und Glamour sonnen kann. Unter den Preisträgern in Hollywood und Cannes findet man regelmäßig Studenten und Absolventen der Ludwigsburger „Einige Filmschaffende Hochschule. Außerdem etablierte sich ihrem Gefolge in verlassen Ludwigsburg zunächst, später lassen sie Ludwigsburg und Umgebung eine Gründer-Szene, die Aufsich dann aber mit ihrer traggeber aus der internatioFirma wieder hier nieder.“ nalen Filmszene, aber auch Konzerne aus der Region wie Tanino Bellanca, der Ludwigsburger Bosch und Daimler anzieht. Medienbeauftragte Nach Angaben der Stadt Ludwigsburg zählt die „Kreativwirtschaft“ dort heute 450 Firmen mit knapp 2000 Beschäftigten, Tendenz steigend. Zuletzt habe das französische Augmented-Reality-Unternehmen Diota eine Niederlassung in Ludwigsburg aufgemacht, berichtet Tanino Bellanca, der Medienbeauftragte der Stadt. Genaue Zahlen zum Wachstum und Umsatz sind in dieser Branche allerdings kaum verlässlich, zu hoch ist die Fluktuation, und die Zahl der Freischaffenden ist schwer zu erfassen. Fest steht aber, dass sich der Kreativstandort ungewöhnlich rasch entfaltet hat – die Gründung der Akademie, die als Initialzündung des Standorts gilt, liegt erst 26 Jahre zurück. Es dürften auch die roten Backsteine gewesen sein, die Albrecht Ade Anfang der neunziger Jahre vom Standort Ludwigsburg überzeugt hatten. Der Trickfilmer, der zuvor an der Staatlichen Akademie der Bil-

denden Künste in Stuttgart eine Animationsklasse aufgebaut hatte, wollte damals eine praxisorientierte Filmhochschule ins Leben rufen. Auch wenn viele das Projekt belächelten, hatte er den Segen der Landesregierung. Nach Entlassungswellen im Automobilsektor war der politische Wille da, den Strukturwandel zu fördern. In Stuttgart mangelte es aber – schon damals – an Platz. Der damalige Ludwigsburger Oberbürgermeister Hans-Jochen Henke bekam davon Wind. In seiner Stadt standen nach dem Abzug der Amerikaner mehr als ein Dutzend Kasernen leer. Ihr Charme überzeugte alle Beteiligten. Im Jahr 1991 öffnete die Filmakademie BadenWürttemberg ihre Tore. Bald zeigte sich, dass das Konzept von Ade – Learning by Doing mit viel Freiraum für die Gestaltung eigener Ideen – voll aufging: Von Anfang an heimsten seine Absolventen Preise ein. Den ersten großen Coup landete 1998 Thorsten Schmidt, der für seine Abschlussarbeit „Rochade“ den Studenten-Oscar erhielt. Außerdem wurden in Ludwigsburg wichtige Weichen zum richtigen Zeitpunkt gestellt: 1995 wurde die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg gegründet, deren Fördersumme sich seitdem mit heute 15 Millionen Euro pro Jahr fast verdreifacht hat. 2002 eröffnete gegenüber der Akademie das Institut für Animation, Visual Effects und digitale Postproduktion, weil sich abgezeichnet hatte, dass in diesen Bereichen die Stärken der Ludwigsburger Ausbildung lagen – eindrücklich belegt durch den Oscar für die visuellen Effekte in Roland Emmerichs „Independance Day“, die vorwiegend Ludwigsburger Studenten zu verdanken sind. Abgerundet wurde der Campus 2007 mit dem Einzug der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, in der Studenten vorwiegend für Berufe auf der Bühne vorbereitet werden. Den Akteuren ist es jedoch nicht nur gelungen, mit dem Campus ideale Studienvoraussetzungen für den späteren Broterwerb im hart umkämpften Filmgeschäft zu schaffen. Sie haben auch Anreize für die Absolventen geschaffen, nach dem Studium in Ludwigsburg zu bleiben: 1998 öffnete das Film- und Medienzentrum seine Pforten für Jungunternehmer, denen die Stadt als Starthilfe die Miete reduzierte

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oder ganz erließ. Hinzu kamen später die Startup-Zentren Jägerhofpalais, das Medienhaus Luitpold, die Medias-Residenz und das Werkzentrum Weststadt. Die Bürogebäude sind völlig ausgelastet. Denn es gehen zwar noch immer viele Absolventen – besonders jene, die es ins klassische Filmgeschäft zieht – in die Filmhochburgen Berlin oder München, aber knapp die Hälfte der Absolventen bleiben da. „Oder sie verlassen Ludwigsburg, später lassen sie sich aber mit ihrer Firma wieder hier nieder“, beobachtet Tanino Bellanca. Wie etwa die Produktionsfirma Fabrikfilm, die meist Imagefilme für Unternehmen macht. Von Beginn an geblieben sind Jonas Kirchner, der Gründer der Firma Pixelcloud, und seine Mitstreiter Christoph Rasulis und Benjamin Rudolf. Ihre Kreativund Werbeagentur befindet sich im GetragAreal, einem weiteren Kreativzentrum in der Weststadt. In dem Großraumbüro sitzt ein Dutzend junger Leute vor Bildschirmen mit animierten Bildern. Man steckt die Köpfe zusammen, fragt am Nebentisch um Rat, es wird gelacht, diskutiert, gehirnt. Pixelcloud ist nicht einfach eine einzelne Firma, sondern ein Netzwerk aus Jungunternehmern, die projektbezogen miteinander arbeiten. Durch ihr breites Fachwissen können sie ihren Kunden eine Palette anbieten, die vom klassischen Werbefilm bis hin zu virtuellen mobilen Spielewelten reicht. Dass sich die drei Akademieabsolventen entschieden haben zu bleiben, liegt nicht nur an der günstigen Büromiete und öffentlichem Fördergeld. „Wir schätzen an Ludwigsburg die Größe: Man läuft sich ständig über den Weg und weiß genau, was der andere gerade tut“, sagt Benjamin Rudolf. „Außerdem profitieren wir stark vom Wirtschaftsstandort“, ergänzt Jonas Kirchner, der als Geschäftsführer das finanzielle Risiko trägt. „Unsere Auftragslage ist viel zu gut, um nach Berlin oder München zu ziehen.“ Die Filmakademie spielt bei der Vermittlung zwischen den traditionellen Firmen vor Ort und den Kreativen eine wichtige Rolle: Benötigt etwa ein Maschinenbauer einen Imagefilm, kann er sich an die „Drittmittelabteilung“ der Hochschule wen-

den, die den Auftrag öffentlich ausschreibt. Zum Zuge kommen oft Studenten oder ehemalige Absolventen. Die bunte Mischung aus Studenten, Persönlichkeiten aus der Filmbranche und Kreativschaffenden hat die Stadt auch atmosphärisch stark verändert. Die einst etwas verschlafene Beamtenstadt organisiert heute am laufenden Band Veranstaltungen und kann eine Gastro-Szene vorweisen mit hippen Bars, Clubs und Restaurants, in denen auch Schauspieler wie Iris Berben oder Jan Josef Liefers ein und aus gehen. Veit Haug von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart beobachtet außerdem innerhalb der Gründerszene eine sogenannte Maker-Kultur, eine Subkultur, die bei technischen „Man läuft sich ständig Problemen einfache statt über den Weg und kommerzielle Lösungen weiß genau, was sucht, etwa mithilfe des 3-DDruckers. „Diese Bewegung der andere tut.“ birgt sehr viel Potenzial“, sagt Benjamin Rudolf findet die Größe der Stadt optimal. Veit Haug. Das Flair der Stadt und das kreative Potenzial der Digital Natives haben längst auch Konzerne für sich entdeckt: Porsche hat sein Büro in der Weststadt zu seiner Digitalzentrale erklärt, Bosch hat gleich um die Ecke ein StartupZentrum eröffnet. Der rasante Zuzug an Firmen hat allerdings auch eine Kehrseite: Der freie Raum, der Ludwigsburg einst zum Vorteil gereichte, ist heute knapp. „Für Gründer wird es immer schwieriger, bezahlbaren Raum zu finden“, sagt Jasmin Srouji, die im Auftrag der Stadt Ludwigsburg Absolventen der Akademie bei der Immobiliensuche unterstützt. Die Preise liegen mittlerweile über dem Hamburger Niveau.

Im Großraumbüro von Pixelcloud herrscht Teamgeist.

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Am Wirtschaftsstandort Kreis Ludwigsburg schätze ich besonders . . . . . . die gute Infrastruktur und die vielen Universitäten und Ausbildungsbetriebe im Umfeld. Zudem bietet die Region einen hohen Freizeitwert. Das trägt dazu bei, dass wir unseren Mitarbeitern attraktive Arbeitsbedingungen bieten können. Durch die hohe Dichte an Maschinen- und Automobilbauern sind wir nah bei vielen Kunden, können aber auch schnell unsere Standorte und Projekte weltweit erreichen. Ralf Dieter Vorstandsvorsitzender des Maschinenund Anlagenbauers Dürr in Bietigheim-Bissingen

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Mitarbeiter 14 400 Jahresumsatz 3,6 Milliarden Euro

Fotos: factum/Granville, Dürr


Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg 35

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Kollege Roboter hilft, wo es nötig ist Im Dienstleistungs- und Logistikzentrum des Kabelherstellers Lapp schleppen Transportroboter die wuchtigen Kabeltrommeln durch die Halle. Von Stefanie Köhler Automatisierung

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ie Halle 1 wirkt wie eine Kulisse in einem Science-Fiction-Film. Umso mehr, da alle Hauptfiguren, neun an der Zahl, gleich aussehen – wie breite weiße Ls mit schwarzen Armen auf Rädern – und wohlgeordnet umherfahren. Sie nehmen Rücksicht aufeinander, gewähren Vorfahrt. Fast lautlos bringen die fahrerlosen Transportfahrzeuge Kabeltrommeln zur Ablängerei, zu den Mitarbeitern, die die Kabel nach den Wünschen der Kunden zurechtschneiden. Die angebrochenen Trommeln fahren die Transportroboter zurück ins automatische Trommellager. Dort hat die Maschine neue Kabeltrommeln zur Abholung bereitgelegt. In diesem Lager befinden sich mehr als 70 000 Kabeltrommeln. Über ein rund 700 Meter langes Förderband werden sie vollautomatisch zu den 18 Regalen transportiert. Auch die Zuordnung zu ihrem Platz erfolgt mittels Lichtschranken und Chips vollautomatisch. „Was Industrie 4.0 anbelangt, sind wir hier schon sehr weit“, sagt

In einem Satz Am Wirtschaftsstandort Kreis Ludwigsburg schätze ich besonders . . . . . . die Innovationskraft der Unternehmen, die Bildungschancen, die hier geboten werden, und die gute Infrastruktur. All dies ist die Basis des Erfolgs der vielen kleinen und großen Firmen im Landkreis Ludwigsburg. Davon profitieren die Bürgerinnen und Bürger, denen die Politik und die Wirtschaft zusammen eine hohe Lebensqualität bieten können. Ursula Keck Oberbürgermeisterin von Kornwestheim Mitarbeiter 614

der Betriebsleiter Gerd Michler stolz. Das Besondere an den Transportrobotern: Sie rollen flexibel dorthin, wo sie gebraucht werden. Sie haben eine Navigationseinrichtung und orientieren sich an der Decke. Der Kabelhersteller Lapp hat mehr als 50 Millionen Euro in das nach eigenen Angaben vermutlich modernste Dienstleistungs- und Logistikzentrum dieser Art in Ludwigsburg investiert. Die Stuttgarter Siemens-Niederlassung hat es als Pilotprojekt eingerichtet. Seit vier Jahren gehen von Ludwigsburg aus Kabel und Leitungen in die ganze Welt. Besonders der interne Transport ist voll automatisiert. Inzwischen erledigen die rund 120 Mitarbeiter zusammen mit den Maschinen täglich gut 5000 Transportaufträge. Vor einigen Jahren waren es noch 3000. „Die Menge ist nur durch die Automatisierung zu bewerkstelligen“, sagt Michler. Auch die Lieferung binnen 24 Stunden hat der Kunde der Automatisierung zu verdanken. Ihre Vorteile liegen für Lapp auf der Hand. Am häufigsten bestellen die Kunden Kabel auf Trommeln mit einem Durchmesser von 40 bis 80 Zentimetern. Weil diese so stark nachgefragt werden, kommen sie aus einem automatischen Trommellager. „Die vielen Mitarbeiter, die sonst nötig wären, würden sich dort gegenseitig nur behindern“, sagt Michler. Außerdem erledigten die Maschinen ihre Aufgaben fehlerlos und sicher. Im automatischen Trommellager befördern spezielle, von Lapp patentierte Greifarme die Kabeltrommeln auf ein Band, ohne die Kabel zu berühren. „Das vermeidet Schäden, die beim Transport mit Gabelstaplern passieren können“, sagt Michler. Und anders als ein Gabelstaplerfahrer übersehen die Transportroboter weder ein Hindernis noch eine Person, die sonst möglicherweise verletzt würde. Die Fahrzeuge haben rundum Sensoren und bremsen, sobald sich ihnen etwas nähert. Verschwindet das Hindernis nicht, hupen sie.

Die fahrerlosen Transportfahrzeuge im Dienstleistungs- und Logistikzentrum von Lapp fahren herum, ohne sich Fotos: factum/Granville, Scheyhing gegenseitig anzurempeln. Sie gehorchen ihren eigenen Vorfahrtsregeln. Arbeit wird in der Industrie seit Jahren automatisiert. Die Transportroboter bei Lapp sind ein Beispiel dafür, dass die Systeme flexibler werden und sich immer besser auf die Zusammenarbeit mit Menschen einstellen können. „Die Vernetzung und Verfügbarkeit von Daten ermöglichen es, immer mehr Intelligenz in die Maschinen zu bringen“, sagt Thomas Bauernhansl, der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung. Er prophezeit, dass Maschinen künftig immer mehr Dinge immer besser können als Menschen. In der direkten Arbeit – der Herstellung von Produkten und der Bereitstellung von Dienstleistungen – wie in der indirekten. Dazu zählen Büroarbeiten im Banken- oder Versicherungswesen, aber auch Tätigkeiten in der Logistik oder im Vertrieb. Menschen konzentrierten sich verstärkt auf intellektuelle, gestaltende Aufgaben. Sie forschen und entwickeln, ler-

nen Maschinen an, integrieren und warten sie. Aus Bauernhansls Sicht sind die Betriebe im Land bei der Automatisierung ihrer Produktion selbst gut aufgestellt. Nachholbedarf sieht er jedoch bei den Beziehungen zwischen den Produktionsunternehmen, den Zulieferern und den Endkunden. Das Geschäft im reinen Konsumentenbereich sei zwar auch schon gut automatisiert, aber die Produktionsbetriebe müssten die Vernetzung mit den Zulieferern und den Endkunden über Produktionsplattformen noch viel weiter vorantreiben, fordert Bauernhansl. Ein Vorreiter sei zum Beispiel der Ditzinger Maschinenbauer Trumpf. Bei Lapp in Ludwigsburg steigt die Zahl der Mitarbeiter, etwa in der Ablängerei. „Die Kunden wollen ganz unterschiedlich lange Kabel. Jeder Auftrag ist anders als der vorige“, sagt Michler. Das Etikettieren dagegen ist ein gleichförmiger Prozess, der deshalb auch bald automatisiert wird.

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Stark für die Region Viele Menschen träumen vom eigenen Zuhause, auch in Ballungsräumen wie Stuttgart oder München. Wohneigentum ist daher dort knapp und heiß begehrt. Die Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH (WHS), ein Unternehmen der Wüstenrot & Württembergische-Gruppe (W&W), realisiert bundesweit Neubauprojekte an gefragten Standorten. Komplettiert wird das Wohnungsangebot durch die bundesweit tätige Schwestergesellschaft Wüstenrot Immobilien GmbH (WI), die auf Immobilienvermittlung spezialisiert ist.

Seit über 65 Jahren stellt die WHS Wohnraum bereit. 1949 als gemeinnützige Hausbau Wüstenrot gegründet, versorgte das Unternehmen zunächst die unter den Folgen des Krieges leidende Bevölkerung mit preiswertem Wohnraum. Mit ihren „Eigenheimen auf der Etage“ gilt die WHS als der Erfinder der Eigentumswohnung. Bis heute hat sie mehr als 23 000 Einheiten realisiert und verwaltet im Rahmen des Immobilienmanagements rund 11 000 Miet- und Eigentumswohnungen. Auch aktuell plant die WHS um Geschäftsführer Alexander Heinzmann

und Marcus Ziemer bundesweit unterschiedlichste Bauprojekte. Beim Projekt „Urban Living“ in Stuttgart etwa errichtet sie 19 moderne Wohnungen in einem alten Bürogebäude. Neben Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen sind sogenannte Stadthäuser mit Wohnungen auf zwei Ebenen geplant. Beim Projekt „CityFlair“ im Stuttgarter Hospitalviertel weicht ein altes Bürogebäude einer Reihe neuer Wohnhäuser mit 48 Wohneinheiten. Das Angebot reicht von der Zwei- bis zur Vier-Zimmer-Eigentumswohnung. Die künftigen Bewohner können hier zentrale Punkte der Stadt fußläufig erreichen.

Ein zeitgemäßes Erscheinungsbild kennzeichnet die Frontansicht der WHS-Wohnungen in der Stuttgarter Visualisierung: W&W Urbanstraße. Bereits vor Baubeginn sind alle Wohnungen erfolgreich verkauft. Auch in Leonberg ist die WHS mit drei Neubauten präsent: Quartier Seestraße 80, Stohrerpark und Wohnen

Auch in Leonberg realisiert die WHS moderne, familiengerechte Wohnmöglichkeiten.

in Höfingen. Alle drei Bauten bieten Eigentumswohnungen im mittleren Preissegment in unterschiedlicher Größe an. Sie liegen bestens angebunden an Infrastruktur und Verkehrs-

Visualisierung: W&W

wege. Beim Stohrerpark findet sich die Wohnanlage in ein parkähnliches Gelände eingebettet und bildet so ein neues, attraktives Wohngebiet. Das Quartier Seestraße 80 und Wohnen in Höfingen überzeugen ebenfalls mit zentraler Lage und moderner Architektur. Die Makler der Wüstenrot Immobilien GmbH (WI) vermitteln Immobilien in ganz Deutschland: Insbesondere gebrauchte Wohnimmobilien, aber auch Neubauprojekte verschiedener Bauträger. Daneben übernimmt die WI auch vielfältige Dienstleistungen rund um die Immobilie, wie die Immobilienbewertung für Verkäufer, Beratung bei Erbschafts- und Schenkungsfragen und die kompletten Vertragsverhandlungen zwischen Verkäufer und Käufer. Weitere Informationen: https://www.whs-wuestenrot.de/ https://www.wuestenrot-immobilien.de/


36 Wirtschaft im Kreis Ludwigsburg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 4 | Juli 2017

Im Westen viel Neues Der Immobilienentwickler Max Maier will die Weststadt neu erfinden: Aus dem alten Industriegebiet soll ein Dorado für Kreative werden, ein kleines Silicon Valley. Porsche und Bosch sind schon da. Weitere Firmen sollen folgen. Von Tim Höhn Ludwigsburg

E

s ist nicht immer leicht, Max Maier zu folgen. Der Investor und Immobilienentwickler ist schnell, redet schnell und wechselt schnell von einem Thema zum nächsten. Auf die Frage, wo er gerade stehe, springt er vom Stuhl auf, zeigt lachend auf seine Füße und sagt: „Na hier.“ Eigentlich wollte man wissen, wo er mit seinem Projekt steht, dem Werkzentrum West, oder pathetischer ausgedrückt: mit der Neuerfindung der Ludwigsburger Weststadt. Auch darauf hat er eine passende Antwort: „Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, und auch das Werkzentrum wird nicht an einem Tag erbaut.“ Dann redet er über Kunst, über den Weg des Essens vom Acker auf den Teller, über 3-D-Drucker und die Digitalisierung, seinem wichtigsten Thema. „Mit den Methoden des 19. Jahrhunderts werden wir den Wandel nicht meistern“, sagt Max Maier. Er verstehe ja die Bürokraten, ihre Vorschriften und Zwänge, aber ihm gehe das alles zu langsam. Er wünsche sich, dass die Pläne für die Weststadt jetzt umgesetzt werden. Hätte Maier das alleinige Sagen, er würde das Stadtviertel zwar nicht an einem Tag umbauen, aber es würde vermutlich recht schnell gehen. Der Ludwigsburger Westen ist ein klassisches Industriegebiet. Traditionsreiche Unternehmen haben sich hier in den vergangenen Jahrzehnten angesiedelt: das Handelsunternehmen Lotter, der Filterhersteller Mann und Hummel, der Werkzeughersteller Hahn und Kolb, ein Baumarkt, ein Supermarkt, Tankstellen, Werkstätten, eine Disco. Man könnte sagen: ein großer Gemischtwarenladen an Firmen. Wenig deutet darauf hin, dass hier Besonderes entsteht, dass hier, so drückt es der Ludwigsburger Oberbürgermeister Werner Spec gerne aus, ein kleines Silicon Valley wachsen soll. „Wir sind in der Vorbereitungsphase“, so Spec. Erst in der Umsetzungsphase, also in zwei bis drei Jahren, werde der Wandel auch optisch sichtbar. Ludwigsburg hat sich das Ziel gesetzt, die Weststadt zum Dorado für HightechFirmen umzuformen, und Max Maier ist ein entscheidender Gestalter. In der Mitte des Gewerbegebiets lässt sich „Wir haben früh erahnen, wie die Zukunft aussehen könnte. In den 90er Jahren entschieden, nicht hat Maier dort, an der Schwieabzuwarten, bis die berdinger Straße, Produktionsersten Branchen stätten der Firma Eisfink geArbeitsplätze abbauen.“ kauft und daraus das Werkzentrum West geformt, in dem Werner Spec, Oberbürgerseither zahlreiche Firmen aus meister in Ludwigsburg der Medienbranche ihre Heimat gefunden haben. Im Jahr 2008 übernahm er zudem Grundstücke des Maschinenbauers Hüller Hille, und recht bald zog er mit Porsche und Bosch zwei dicke Fische an Land. Porsche hat eine Digital-AG gegründet, die Ideen für das Auto der Zukunft entwickeln soll, mit Standorten im Silicon Valley und in Berlin. Der Hauptsitz aber ist im Werkzentrum West, wo auch die PorscheAbteilung Connected Car untergebracht ist. Die insgesamt rund 700 Mitarbeiter werden in der ehemaligen Hüller-HilleKantine und in alten Produktionshallen arbeiten, die aufwendig umgebaut werden. Nebenan widmen sich Kreative von Bosch ebenfalls den Herausforderungen der digitalen Zukunft. Gegessen wird im Speisewerk, einer modernen Kantine mit digital vernetzter Küche, Lounge und Containern, die als Büroräume gemietet werden können. Von derzeit rund 150 000 Quadratmeter Fläche soll das Werkzentrum in den kommenden Jahren auf mehr als 300 000 Quadratmeter wachsen. „Mindestens“, betont Maier. Es gebe zahlreiche weitere Firmen, die Interesse signalisiert hätten, bald in die Ludwigsburger Weststadt zu kommen.

Ein Schmuckstück des Werkzentrums Weststadt: die Zollinger Halle

Fotos: factum/Granville

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Wenn da nur nicht die unterschiedlichen Vorstellungen wären, welches Tempo angemessen ist. Maier wartet darauf, dass die gesamte Weststadt endlich modern wird. „Uns wurde mitgeteilt, dass in diesem Jahr etwas passiert, aber das hier sieht noch immer aus wie ein normales Industriegebiet“, sagt er. Das sei nicht die Atmosphäre, die sich die Kreativen von Porsche, Bosch und Co. vorstellen. Sie wollten ein inspirierendes Arbeitsumfeld. Dafür geben die Unternehmen viel Geld aus. Dafür lassen sie Maier eine alte Kantine und alte Hallen aufmotzen. Denn in der Kreativbranche finden nur Firmen, die ihren Mitarbeitern etwas Besonderes bieten, auch die besten Köpfe. Doch es dauert seine Zeit, bis kommunale Prozesse in Gang kommen, und in diesem Fall ist die Kommune nicht mal der einzige Akteur. Der Foto: factum/Granville Stadt gehören vor allem die Straßenräume. Der Rest ist in „Rom wurde nicht an Besitz von Max Maier und vie- einem Tag erbaut, auch das len anderen, oft alteingesessenen Unternehmen. Die Ziele Werkzentrum wird nicht sind immerhin klar definiert: an einem Tag erbaut.“ In der Weststadt soll ein Cam- Max Maier, Investor und pus entstehen, eine Freiflä- Immobilienentwickler che, auf der Mitarbeiter sich austauschen, mit dem Laptop im Freien arbeiten, sich erholen können. Kunst im öffentlichen Raum, mehr Grün, Fahrradwege, Ladesäulen für Pedelecs, attraktivere Fußwege, ein Boulevard entlang der Schwieberdinger Straße, Baumalleen, freies WLAN, schnelles Internet – das alles soll die Transformation vorantreiben. Künftig werden Schnellbusse vom Bahnhof in die Weststadt fahren. Vor Kurzem wurde zumindest einmal die Taktung der regulären Buslinien verbessert. Aber für alles Neue braucht es Platz, doch der fehlt, weil fast jede freie Fläche als Parkplatz genutzt wird. „Die Unternehmen müssen bereit sein, einen Teil dieser Flächen freizuschaufeln“, sagt Spec. Während Maier in großen Dimensionen denkt, muss die Stadt den Schwerpunkt erst einmal auf ein vernünftiges Parkraummanagement legen. Den Vorwurf, alles gehe zu langsam, weist der OB zurück: „Wir arbeiten daran mit höchster Intensität. Die Gespräche mit den Unternehmen verlaufen gut.“ Die Stadt sei hochmotiviert, „richtig Gas zu geben“. Für Ludwigsburg handle es sich um ein elementares Projekt. Die Autoindustrie stehe vor einem grundlegenden Wandel. „Wir haben früh entschieden, nicht abzuwarten, bis die ersten Branchen Arbeitsplätze abbauen. Wir wollen schon jetzt, aus einer Position der Stärke heraus, alles dafür tun, dass hier zukunftsfähige Arbeitsplätze entstehen.“ Zukunftsfähig heißt: Arbeitsplätze in der Digital-Branche. Aus diesem Grund ist die Verwaltung gewillt, Maier entgegenzukommen, auch wenn der manchmal mit schwierigen Vorschlägen anklopft. So würde der Immobilienentwickler in der Weststadt am liebsten auch Wohnungen für Expats bauen – für Mitarbeiter, die nur für eine gewisse Zeit in Ludwigsburg arbeiten, um dann weiter nach Kalifornien oder Asien zu ziehen. Aber Wohnungen sind in Industriegebieten nicht zulässig, weswegen nun über hotelähnliche Apartments verhandelt wird. Maier denkt aber schon wieder einen Schritt weiter. Das Speisewerk soll künftig auch ein öffentliches Museum für digitale Kunst sein. In einem Treppenaufgang steht bereits ein unauffälliges Klavier, das ungewöhnliche Fähigkeiten hat: Es kann Werke der großen Komponisten dieser Welt spielen, digital gesteuert. „Alle Dinge, auch die hochwertigsten, werden in Zukunft digital funktionieren“, so Maier. „Das müssen die Menschen verstehen.“

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