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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 6 | 2015

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Schwerpunktthema Warum sich Investitionen in die Infrastruktur lohnen. SEITEN 1 – 8

Kontakte als Währung Kollegenersatz, Stellenbörse, Karriereschrittmacher – ohne Netzwerke geht nichts. SEITE 9

Starker Wettbewerb Wie Privatbanken ihren Kunden das Vermögen erhalten. SEITE 25

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Wie wir unsere Zukunft verspielen Seit Jahrzehnten investiert Deutschland zu wenig in den Erhalt von Straßen, Schienen und öffentlichen Gebäuden. Gleichzeitig kommt es bei neuen Projekten oft zu Verzögerungen und massiven Kostenüberschreitungen. Höchste Zeit umzusteuern. Von Werner Ludwig Infrastruktur

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ie deutsche Wirtschaft steht im internationalen Vergleich sehr gut da. Allen globalen Krisen zum Trotz entwickelt sich die Konjunktur hierzulande weiter positiv, das Thema Arbeitslosigkeit verliert an Brisanz, Löhne und Renten steigen. Doch der ökonomische Superstar Deutschland steht auf einem Fundament, das immer wackliger wird. „Wir sehen in Deutschland eine tief greifende Investitionsschwäche. Das führt zum Verfall der Substanz“, heißt es in dem Zehn-Punkte-Plan, den die Expertenkommission „Stärkung von Investitionen in Deutschland“ unter Vorsitz von Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), vorgelegt hat. Eine leistungsfähige öffentliche Infrastruktur sei „Grundvoraussetzung für die langfristige Sicherung von Beschäftigung und Wohlstand in Deutschland“ und für die Zukunftsfähigkeit des Landes, schreiben die Experten. An sichtbaren Belegen für den Investitionsrückstand herrscht kein Mangel: überfüllte Straßen, verspätete Züge, marode Brücken, über die immer nur ein Lastwagen fahren darf, Bahnstrecken, auf denen mangels Oberleitung alte Dieselloks verkehren,

oder vernachlässigte Schulen und andere öffentliche Gebäude. Auf dem flachen Land kommen dazu noch erhebliche Defizite bei der Versorgung mit schnellen Internetzugängen, auf die Unternehmen in einer global vernetzten Wirtschaft zwingend angewiesen sind. Von Staus auf der Datenautobahn ist Baden-Württemberg besonders betroffen, weil im Südwesten viele erfolgreiche Mittelständler – die sogenannten Hidden Champions – ihren Sitz jenseits der großen Ballungszentren haben. Die Landesregierung will deshalb bis 2018 insgesamt 250 Millionen Euro lockermachen, um den Breitbandausbau auch auf dem Land voranzutreiben. Besonders große Sorgen bereitet den Experten der Zustand der Verkehrswege. „Es wurde lange nicht erkannt, dass in Infrastruktur permanent investiert werden muss, wenn man einen gewissen Qualitätsstandard halten will – und dass sich diese Investitionen langfristig auch lohnen“, sagt Klaus-Peter Rössner, Professor für Projektmanagement an der Hochschule Biberach, im Interview mit der Zeitung Wirtschaft in Baden-Württemberg. So könne man etwa

den Abriss einer Brücke verhindern, wenn man sich rechtzeitig um die Sanierung kümmere. „Jahrelang hat die Politik sich vor allem auf den Neubau von Verkehrswegen konzentriert, weil man sich damit mehr brüsten kann als mit einer Sanierung“, kritisiert der Planungsexperte. Die Verkehrsminister von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, Winfried Hermann (Grüne) und Michael Groscheck (SPD), beziffern den Finanzbedarf zur Beseitigung des Sanierungsstaus im Verkehrssektor bundesweit auf mehr als 100 Milliarden Euro in den nächsten 15 Jahren. Viele Projekte würden auch teurer und später fertig als geplant, weil die Politiker mit unrealistischen Annahmen und Budgets planten, kritisiert Rössner. Gewaltige Defizite gibt es auch im Bereich der kommunalen Infrastruktur – etwa bei Schulen, Kindergärten oder Straßen in kommunaler Verantwortung. So haben sich nach Angaben des DIW die Investitionen von Städten und Gemeinden seit 1991 fast halbiert. Allein in den letzten zwölf Jahren sei eine Investitionslücke von 46 Milliarden Euro entstanden, weil Modernisierungen

oder Reparaturen verschoben oder gestrichen wurden. Die Forscher empfehlen deshalb, den Solidarzuschlag umzuwidmen, um Städte und Gemeinden bei den Sozialabgaben zu entlasten. Dadurch würden in den kommunalen Haushalten Mittel für dringend nötige Investitionen frei. Die Voraussetzungen für eine Infrastruktur-Offensive waren angesichts der günstigen Wirtschaftslage lange nicht mehr so gut. „Die öffentliche Hand macht hohe Überschüsse, die prioritär für öffentliche Investitionen genutzt werden sollten“, heißt es im Bericht der Fratzscher-Kommission. Zudem sei genügend privates Kapital vorhanden, das in Infrastrukturvorhaben fließen könnte. Ob privat finanzierte Projekte am Ende günstiger für die Steuerzahler kommen, ist allerdings umstritten.

GEMEINSAME PUBLIKATION Wirtschaft in Baden-Württemberg ist ein Gemeinschaftsprodukt der Wirtschaftsredaktionen von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Die nächste Ausgabe mit dem Schwerpunktthema Logistik erscheint am 16. Februar 2016.


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

Inhalt Öffentlich-private Partnerschaften

Privatfinanzierung ist kein Königsweg Der Staat vergibt immer mehr Infrastrukturprojekte an Privatinvestoren. Das hat nicht nur Vorteile. SEITE 3

Infrastruktur im Land

Straßen und mehr Die Infrastruktur umfasst nicht nur Autobahnen, sondern auch Schienen, Wasserwege oder Stromnetze. SEITEN 4, 5

Schnelles Internet

Lücken im Breitbandnetz Beim schnellen Internet hat der Südwesten einen großen Nachholbedarf – und das nicht nur in der Provinz. SEITE 6

Interview

Zu wenig Geld für Sanierungen Der Projektmanager Klaus-Peter Rössner kritisiert falsche Prioritäten und schlecht geplante öffentliche Bauten. SEITE 8

Interview mit Ursula Biederbick

Weg von der Präsenzkultur Führen in Teilzeit? Das funktioniert, sagt die Mann+HummelManagerin und spricht aus eigener Erfahrung. SEITE 10

Arbeitsrecht

Am Ball bleiben Seit Inkrafttreten des Mindestlohngesetzes Anfang 2015 sorgen viele unklare Regelungen für Verunsicherung. SEITE 11

Verkehr Winfried Hermann

Strom Christoph Müller

Kämpfer für nachhaltige Mobilität

Herr der Leitungen

Winfried Hermann provoziert gern. Als der Abgas-Skandal von VW hochkochte, kündigte der baden-württembergische Verkehrsminister „DopingKontrollen im Straßenverkehr“ für Dieselautos an – und löste bei Landtagsabgeordneten heftige Reaktionen aus. SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel befürchtete, dass Messkommandos braven Autofahrern auflauern könnten. Hermanns „Hass auf das Automobil“ treibe immer exotischere Blüten, der Mann sei „eine Geißel für das Autoland Baden-Württemberg“, schäumte der FDP-Landtags-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Hermann zog später seine Ankündigung zurück, als der Bund Messungen ankündigte. Im Übrigen fühlte er sich

Zwei auf einen Streich

Fragebogen an Erich Harsch

Christoph Müller sorgt in großen Teilen Baden-Württembergs dafür, dass das Licht nicht ausgeht. Als Geschäftsführer der EnBW-Tochter Netze BW verantwortet der 44-Jährige den Betrieb eines Leitungsnetzes, das rund 100 000 Kilometer umfasst. Genauer gesagt geht es um das Hoch-, Mittelund Niederspannungsnetz – also jenen Teil des Stromnetzes, der unterhalb der großen Stromautobahnen angesiedelt ist und für die Verteilung in der Fläche sorgt. Und nicht nur das. Als Verteilnetzbetreiber muss die Netze BW auch sicherstellen, dass der Strom aus Fotovoltaikanlagen und anderen erneuerbaren Quellen eingespeist werden kann. „Die Energiewende findet im Verteilnetz statt, denn dort werden

die Anlagen angeschlossen“, sagt der promovierte Volkswirt Müller. Seine Dienste lässt sich der Netzbetreiber von allen Stromanbietern bezahlen, die seine Leitungen nutzen. Diese geben die Netzentgelte an die Endkunden weiter. 2016 wird die Netze BW knapp 7,5 Cent pro Kilowattstunde verlangen – rund 20 Prozent mehr als derzeit. Auch dabei spielt laut Müller neben höheren Pensionslasten die Energiewende eine Rolle. So müssten neue Leitungen gebaut oder Reservekraftwerke für wind- und sonnenarme Zeiten vorgehalten werden. Extra ausgewiesen würden die Kosten dafür aber nicht, kritisiert der Manager. Für die Politik sei es bequemer, sie „in den lud Netzentgelten zu verstecken“.

Köpfe, die sich kümmern

Studiengang An der Hochschule Reutlingen verbinden Top-Talente beim Studium ihren Master mit der Unternehmenskarriere. SEITE 14

falsch verstanden. Der 63-Jährige sieht sich keineswegs als Autofeind und bekennt sich zu seinem Führerschein. Alternative Antriebe sind ihm indes lieber als Dieselmotoren. BadenWürttemberg soll zum Pionierland nachhaltiger Mobilität werden. Das Fahrrad und der regionale Bahnverkehr spielen dabei eine Schlüsselrolle. Hermann ist seit 2011 Verkehrsminister. Der gebürtige Rottenburger stieß 1982 als friedensbewegter Lehrer zu den Grünen und gilt als etwas linker als sein Landesverband. Von 1998 bis 2011 war Hermann Bundestagsabgeordneter, von 2009 an war er Vorsitzender des Verkehrsausschusses. Sein Fleiß und seine Sachkenntnis brachten ihm in Berlin viel Anerkennung ein. hap

Straße, Schiene, Breitband, Stromnetze – wenn von Infrastruktur die Rede ist, geht es um sehr unterschiedliche Teilbereiche und Probleme. Wir stellen fünf führende Köpfe aus Baden-Württemberg vor, die nach Lösungen suchen.

Porträts

Menschen statt Gewinnziele Fotos: ARTIS/Uli Deck, Deutsche Bahn, dpa, Lg/Leif Piechowski, Waggershauser Straßenbau GmbH + Co. KG

Der dm-Chef erklärt, warum ein Manager nicht wie ein Marionettenspieler die Puppen tanzen lassen darf. SEITE 16

Social Media

Wie Unternehmen sich vernetzen Immer mehr Firmen setzen auf Facebook, Twitter & Co. Doch ohne klare Strategie kommt dabei wenig heraus. SEITEN 17 – 19

Berufswahl

Lehrstelle oder Studium?

Internet Frank Bothe

Bahn Sven Hantel

Bau Mathias Waggershauser

Immer mehr junge Menschen studieren. Doch auch in der beruflichen Ausbildung öffnen sich neue Wege. SEITEN 22 – 24

Gut vernetzt

Mann der Schiene

Plädoyer für die Straße

Frank Bothe ist das Gesicht der Deutschen Telekom, wenn es um Breitband im Südwesten geht. Es ist ein Job mit Herausforderungen. Nicht erst seit Industrie 4.0 – die digitale Vernetzung der Produktion – in aller Munde ist, dreht sich alles um den flächendeckenden Ausbau des superschnellen Internets. Firmen selbst in entlegensten Schwarzwaldtälern fordern eine schnelle digitale Anbindung, und auch Privatkunden verlangen Bandbreite, um Computerspiele und Videos runterzuladen. Bothe (Jahrgang 1958) hat sein bisheriges Berufsleben bei der Telekom verbracht. Zunächst hat er Fernmeldehandwerker (heute heißt es Kommunikationselektroniker) gelernt, anschließend hat er Nachrichtentechnik und Betriebswirtschaft studiert. Seit 2013 leitet er den Bereich Technik in der Niederlassung Südwest der Telekom. Sein Verantwortungsgebiet umfasst neben Baden-Württemberg Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Hier ist er zuständig für das Projektieren, Bauen und Betreiben der kompletten Netzinfrastruktur der Telekom – also für das Fest- und das Mobilfunknetz. Die Aufgabe ist komplex – schließlich geht es nicht nur um wirtschaftlich sinnvolle technische Lösungen, sondern auch um kommunale Belange wie verkehrsrechtliche Vorschriften. ino

Wenn ein Vertreter der DB sich in den Niederungen der Eisenbahn ganz besonders gut auskennt, dann ist es deren oberster Repräsentant: Sven Hantel, seit Mai 2015 der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn für Baden-Württemberg, kann auf eine Ausbildung als Gleisbauer und Bauingenieur mit Vertiefungsrichtung Eisenbau zurückblicken. Seit 1991 hat sich der Mann aus Magdeburg im Land um verschiedene Themen der Bahn gekümmert, allen voran um die Bahnhöfe. „Deren Chef war ich zehn Jahre lang“, sagt er. Als Hauptaufgabe möchte der Eisenbahner „die Interessen der Deutschen Bahn AG in ihrer ganzen Vielfältigkeit im Land vertreten“. Und das Beste für die Bahn sei der zufriedene Fahrgast. Die Infrastruktur ist ein Schwerpunktthema. „Die leistungsfähige Infrastruktur ist entscheidende Voraussetzung für die Verbesserung im Fahrplan vom Takt bis zur Pünktlichkeit.“ Zuletzt sieht er deutliche Fortschritte in diesem Bereich vom Gleis bis zum Bahnhof, „auch wenn wir noch nicht dort sind, wo wir hinwollen“, wie Hantel betont. Dabei schaut er nicht auf einzelne Schweller und Gleise. „Der Schlüssel für Leistungsfähigkeit und mehr Kapazität liegt im Aus- und Neubau der Bahnstrecken“, hält er fest. mip

„Die deutsche Infrastruktur ist heute deutlich schlechter als vor 20 Jahren, sagt Mathias Waggershauser, Vizepräsident des Verbandes Bauwirtschaft Baden-Württemberg. Insbesondere am Zustand der Straßen und Brücken zeige sich das Investitionsdefizit, sagt der Bauingenieur, der den Kirchheimer Straßenbaubetrieb Waggershauser in dritter Generation leitet. „Allein für den Erhalt des Straßennetzes in Baden-Württemberg wären 350 Millionen Euro jährlich nötig. Bund und Land investieren aber nur 230 Millionen“, sagt Waggershauser. Dabei räche es sich, wenn man die Instandhaltung der Straßen aufschiebe. Zwei bis drei Jahre Wartezeit könnten schon das Zehnfache an Kosten bedeuten. Der Zustand des Straßennetzes führe in Kombination mit dem wachsenden Verkehrsaufkommen zu mehr Staus. Diese wiederum seien ein Kostenfaktor für die Industrie. Deshalb plädiert Waggershauser für den Bau des Nordostrings für Stuttgart. Wirkliche Alternativen zu höheren Investitionen in Straßen sieht er nicht: „Die Straße wird auch in den nächsten Jahrzehnten den Löwenanteil des Verkehrs übernehmen. Der Schienenverkehr ist unflexibler.“ Und auf den Schiffswegen seien die meisten Schleusen zu klein für moderne Transportschiffe. hea

Anlagerisiken

Rechtzeitig die Reißleine ziehen Für das Auf und Ab der Kapitalmärkte in diesem Jahr brauchten Anleger ein gutes Nervenkostüm. SEITE 26

Ausblick

Relativ gute Aussichten Bankberater halten die Aktie weiterhin für eine gute Anlage – gerade beim aktuellen Zinsniveau. SEITE 30

Anlagestrategie

Langfristig denken Bankkunden sollten nicht auf jede Schwankung an der Börse reagieren, sondern in längeren Zeiträumen denken. SEITE 32

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen Wirtschaft in Baden-Württemberg? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Index Die Wirtschaftszeitung wurde mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Michael Heller, Klaus Köster Redaktion Imelda Flaig, Werner Ludwig, Walther Rosenberger Gestaltung/Produktion Anna-Lena Wawra, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11/72 05-12 11 und 07 11/72 05-74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Marc Becker (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05-16 03 Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05-0

Personen Abrell, Brigitte 10 Altvater, Markus 17 Anesi, Iris 9 Arnold, Stephan 16 Arns, Tobias 17 Baltner, Uwe 17 Bauer, Theresia 14 Berner, Christian 16 Beyer, Joachim 16 Biederbick, Ursula 10 Bonde, Alexander 4/5 Bothe, Frank 2 Brauckmann, Ingo 16 Braumann, Marlon 20/21 Brettschneider, Frank 18 Buhl, Stefan 4/5 Decker, Uwe 28 Dietrich, Jochen 25 Dobrindt, Alexander 3 Dohmen, Helmut 30 Dulger, Rainer 4,5 Ebert, Marcus 31, 32 Fahrner, Armin 28, 30 Franz, Mischa 16 Fratzscher, Marcel 1 Funke, Christian 28 Gabriel, Sigmar 3 Gansert, Martin 19

Gehling, Domenico 25, 26, 28, 31 Görgens, Michael 27 Groscheck, Michael 1, 3 Groß, Harald 22 Großkurth, Lars 20/21 Gschrei, Michael 12/13 Hantel, Sven 2 Harsch, Erich 16 Hartmann, Heinrich 28 Heilemann, Gerhard 16 Heilig, Markus 25, 28, 30, 31 Herman, Winfried 1, 2, 3, 4/5 Hochrein, Karen 12/13 Hofelich, Wolfram 19 Höller, Dietmar 14 Holtz, Oliver 28, 31 Hoppe, Christoph 16 Hummel, Katrin 16 Kabisch, Emil 20/21 Kräutle, Andreas 16 Kuchenbecker, Lars 11 Kuhn, Wolfgang 31 Lake, Peter 16 Mahler, Helmut 20/21 Mast, Alexander 25, 28, 30 Metzger, Thomas 32 Möller, Joachim 24

Möltgen, Christoph 16 Müller, Christoph 2 Nahles, Andrea 11 Neidhardt-Rosenberger, Jeanette 9 Peric, Mario 26, 28 Pieper, Simon 14 Quignon, Maria 4/5 Rapp, Andreas 28, 32 Reichhold, Rainer 4/5, 24 Rietheimer, Michael 32 Rössner, Klaus-Peter 1, 8 Rothkegel-Hoffmeister, Brigitte 12/13 Scheil, Patrick 14 Schütz, Tobias 14 Seemann, Björn 26 Strähle, Carsten 4/5 Vogt, Holger 9 Waggershauser, Mathias 2 Weise, Frank-Jürgen 22 Zeisl, Hans Rudolf 32 Unternehmen und Organisationen A. Waggershauser ADAC Aldi Süd

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Bank Julius Bär 26 Bankhaus Bauer 32 Bankhaus Berenberg 28, 31 Bankhaus Lampe 28 Bankhaus Metzler 25 Baumann & Baltner 17 Baumann Unternehmensberatung 9 Berner 16 Bertelsmann-Stiftung 20/21 Bethmann Bank 25, 28, 30, 31 Bitkom 17 Bodensee-Wasservers. 4/5 Börse Stuttgart 27 Bosch 19, 22 BA für Arbeit 20/21, 24 BW-Bank 30 Code White 20/21 Commerzbank 25, 26, 28 Daimler 17 Deloitte 12, 13 Deutsche Bahn 2 Deutsche Bank 25, 28, 30 Deutsche Telekom 2 DIW 1 dm 16 Dornier Consulting 8

Elektro Nürk 24 Ellwanger&Geiger 25, 28, 32 EnBW 2, 4/5 Ernst & Young 12/13 Facebook 17, 18, 19 Festo 14 Fürst Fugger Privatbank 25 Gesamtmetall 4/5 Google 17, 19, 20/21 Greenpeace 18 Hafen Stuttgart 4/5 Handelsverband Dtl. 20/21 Handwerkstag BW 4/5, 24 Hewlett-Packard 14 Hochschule Reutlingen 14 Hopper Bräu 20/21 Hypovereinsbank 25, 26, 28, 31 IAB Nürnberg 24 IBM 14 KfW 23 Kfz-Innung Rhein/ Neckar/Odenwald 20/21 KPMG 12/13 Linkedin 17 Lütze 19 Mann + Hummel 10 Menold Bezler 11

Merck Finck & Co. 32 Nestlé 18 Netze BW 2 Pansuevia 3 Porsche 23 Pricewaterhouse Coopers 12/13 Pro Bahn 4/5 Prognos AG 20/21 Schmalz 23 Schuler 16 Schwäbische Bank 31, 32 Store2be 20/21 Südwestbank 25, 28, 31 Thales 16 TRW Automotive 16 Twitter 17, 18, 19 UBS Deutschland 28 Volksbank Stuttgart 32 VW 18, 23 Walser Privatbank 28, 30 Whatsapp 18 Würth 16 Xing 9 Xing 17 Youtube 18, 19 ZV dt. Handwerk 20/21 ZF Friedrichshafen 16


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

Private Finanzierung ist kein Königsweg Der Bund macht immer mehr Infrastrukturprojekte zu Anlageobjekten. Für Kritiker ist das ein Irrweg. Von Thomas Wüpper

Verkehrswege

S

olche Termine mag Alexander Dobrindt. Erfolgreicher Bauabschluss, pünktliche Fertigstellung, ein schöner Festakt. Zur Freigabe der sechsspurig ausgebauten A 8 zwischen Ulm und Augsburg schaute der Bundesverkehrsminister Ende September persönlich vorbei. Der CSU-Mann sieht das Projekt als weiteren Beweis für die Effizienz öffentlich-privater Partnerschaften (ÖPP): „Unsere bisherigen Erfahren zeigen: Wir bauen wirtschaftlicher, die Bauqualität ist hoch, die Straße steht schneller zur Verfügung.“ Für den Bayern ist privates Kapital die Lösung bei der Modernisierung der vielerorts maroden deutschen Infrastruktur, die Bund, Länder und Kommunen lange vernachlässigt haben. Bei dem 58 Kilometer langen Abschnitt der A 8 hat ein privates Konsortium mit dem blumigen Fantasienamen Pansuevia GmbH & Co. KG den Ausbau in vier Jahren erledigt und wird die Strecke nun 30 Jahre lang betreiben. Das Unternehmen, das den Baukonzernen Hochtief und Strabag gehört, soll nach Dobrindts Angaben während der Vertragslaufzeit 1,3 Milliarden Euro in Bau und Erhalt investieren. Dafür kassieren die Inves-

ÖFFENTLICH-PRIVATE PARTNERSCHAFTEN Prinzip Bei öffentlich-privaten Partnerschaften (ÖPP) schließen Bund, Länder oder Kommunen mit Privatfirmen Verträge über den Bau und Betrieb von Straßen, Brücken, Tunneln, Verwaltungsgebäuden, Schwimmbädern oder Schulen. Der Investor finanziert das Projekt und kassiert während der Laufzeit Pacht, Maut oder Miete. Projekte Der Bund hat bereits die dritte Reihe von ÖPP-Projekten

beim Autobahnausbau gestartet. Bei den „A-Modellen“ erhalten die Bauherren neben einer Anschubfinanzierung meist 30 Jahre lang die Einnahmen aus der Lkw-Maut auf einem Autobahnabschnitt. Dafür bauen die Privaten zum Beispiel eine dritte Spur oder erledigen während der Laufzeit die Reparaturen. Der Bund bleibt Eigentümer und übernimmt den Abschnitt nach Ablauf der Konzession wieder in eigene Regie. wüp

toren einen Teil der Lkw-Maut auf der vielbefahrenen Strecke und haben zudem eine staatliche Anschubfinanzierung erhalten. Zwischen Flensburg und Garmisch hat die Bundesregierung bereits zahlreiche Autobahnabschnitte nach diesem Muster an Private vergeben. Das soll nur der Anfang sein. Im Frühjahr brachte Dobrindt elf weitere Projekte im Gesamtvolumen von 15 Milliarden Euro auf den Weg, darunter den sechsspurigen Ausbau der A 6 zwischen den Kreuzen Weinsberg und Feuchtwangen. „Die Erfolgsgeschichte unserer ÖPP-Projekte im Straßenbau geht weiter“, schwärmt er. Kritiker sehen in ÖPP-Modellen dagegen einen Irrweg auf Kosten der Steuerzahler. Unabhängige Experten warnen seit Jahren, dass die Privatisierung auf Zeit am Ende für die Bürger viel teurer wird, große Risiken birgt und vor allem Investoren sowie Beratern üppige Gewinne verschafft. So wies der Bundesrechnungshof vorigen Sommer nach, dass fünf der ersten Autobahnprojekte mit Privaten fast zwei Milliarden Euro teurer werden, als der herkömmliche Bau in staatlicher Regie und mit Bundesmitteln gekostet hätte. Das Gutachten der staatlichen Prüfer fällt in Sachen ÖPP ein geradezu vernichtendes Urteil. Die Ergebnisse sind von besonderer Brisanz, weil die Behörde Zugang zu allen geheimen Verträgen und den Berechnungen zur Wirtschaftlichkeit hat. Diese Unterlagen liegen ansonsten wie Staatsgeheimnisse unter Verschluss und sind selbst für Bundestagsabgeordnete, die der Regierung auf die Finger schauen sollen, nur unter strengsten Auflagen einsehbar. Die fehlende Transparenz der ÖPPProjekte hat neben teuren Fehlschlägen zum schlechten Ruf dieser Finanzierungsmethode beigetragen. Die Wirtschaftlichkeit ist dabei der entscheidende Knackpunkt. Denn der Staat muss im Interesse seiner Bürger die günstigste Alternative bei

Die sechsspurig ausgebaute Autobahn A8 zwischen Ulm und Augsburg ist eines von vielen Beispielen für öffentlichFotos: Horst Rudel, Pansuevia Montage: Rötgers private Partnerschaften im Straßenbau. Auftragsvergaben wählen. Bei ÖPP-Vorhaben bleiben der Öffentlichkeit aber die Vertragsdetails meist verborgen. Die komplexen Projekte sind wegen der langen Laufzeiten und der schwierigen Verteilung von Kosten und Risiken zudem so schwer kalkulierbar, dass Prognosen einem Glücksspiel gleichen. Die Gefahr ist groß, dass Investoren die Rosinen herauspicken und der Staat am Ende die Lasten zu tragen hat. Auch die Opposition im Bundestag warnt davor, Autobahnen und Bundesstraßen zu privaten Anlage- und Spekulationsobjekten zu machen. So würden Schattenhaushalte zu Lasten folgender Generationen geschaffen. Tatsächlich erhält der Staat Kredite über Bundesanleihen fast zum Nulltarif, während private ÖPP-Geldgeber aktuell Renditen von wenigstens sechs Prozent erwarten. Schon deshalb erscheint die private Beteiligung an Autobahnen für Steuerzahler als schlechtes Geschäft, wie auch der Bundesrechnungshof betont. Doch die Pläne auf Bundesebene reichen noch viel weiter. Zu den Vorschlägen einer von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) beauftragten Kommission gehört die Gründung einer Verkehrsinfrastrukturgesellschaft (VIG), die künftig das fast 13 000 km lange Autobahnnetz und später auch die

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40 000 km Bundesstraßen betreiben könnte. Diese private „Autobahn AG“ soll sich über die Lkw- und künftige Pkw-Maut, Kredite und Privatkapital finanzieren. Dafür wären aber Änderungen des Grundgesetzes nötig, unter anderem, weil bisher die Bundesländer im Auftrag des Bundes dessen Fernstraßen verwalten. Gegen die Privatisierungen hat sich auf Länderebene parteiübergreifend Widerstand formiert. So lehnen die Verkehrsminister von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, Winfried Hermann (Grüne) und Michael Groschek (SPD), in einem gemeinsamen Strategiepapier die ÖPP-Modelle und Der Bund erhält Kredite private Fonds von Banken und fast zum Nulltarif. Private Versicherern zur Finanzierung Investoren erwarten öffentlicher Infrastruktur ab. „Wir halten die Finanzie- dagegen Renditen von rung von Infrastruktur nach wenigstens sechs Prozent. wie vor für eine öffentliche, das heißt staatlich zu lösende Aufgabe“, betonen die Minister. Verkehrswege sollten weiter aus Steuern und Nutzungsentgelten finanziert werden. Ergänzt werden könne das durch öffentlich aufgelegte Bürgerfonds. Teilprivatisierungen und Fonds von Banken und Versicherern seien der falsche Weg. Bau und Erhalt von Verkehrswegen dürften nicht von privatem Renditekalkül abhängen.


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

bt es Im Schienennetz gi ld Bi r se viel zu tun. Un i be lle te us Ba zeigt eine z. En n/ ge in Vaih

Noch viel Arbeit auf den Schienen Das Schienennetz Baden- nen Bahnstrecken und fordert Württembergs spielt im Güter- eine Entlastung des Schienenund Personenverkehr eine verkehrs, um Ausfälle und Verwichtige Rolle. Auf einer Ge- spätungen zu vermeiden. Eine weitere Baustelle ist samtschienenlänge von 3900 Kilometern wurden nach Anga- die Rheintalbahn, die durch Baben des Statistischen Landes- den verläuft. Bei dem Vorhaamts im vergangenen Jahr ben, das die zweigleisige Streknapp 600 000 Fahrgäste im cke auf vier Gleise erweitern Schienenverkehr transportiert. soll, stieß die Bahn vor allem 2004 waren es noch um die wegen des Lärmschutzes auf 480 000 Passagiere. Auf Schie- erhebliche Widerstände. Um nen zu reisen, hat nicht nur den Lärmschutz zu garantieökologische Vorteile, sondern ren, investieren Bund und Land entlastet gleichzeitig auch die nun knapp 1,2 Milliarden Euro überfüllten Straßen. Doch die für einen Tunnel in Offenburg schlechte Anbindung der länd- und 565 Millionen Euro für lichen Regionen und die vielen eine Trassenführung zwischen Baustellen bremsen den Schie- Offenburg und Riegel. Die vollständige Inbetriebnahme der nennahverkehr. Die größte Baustelle im insbesondere für den GüterverLand ist Stuttgart 21. Das Pro- kehr zwischen Karlsruhe und Basel so wichtigen jekt ist immer Strecke soll Ende noch umstritten: Die schlechte 2035 erfolgen. fehlende Geneh- Anbindung Fast parallel migungen für ländlicher Regionen zur badischen Sprengungen, PlaStrecke verläuft nungsunsicher- bremst den im Osten Badenheiten und wider- Schienenverkehr. Württembergs die sprüchliche Angaben zum Stand der Arbeiten Südbahn zwischen Ulm und sorgen für Unmut in der Bevöl- Lindau. Sie gehört zu den wenikerung. Ursprünglich war die gen Bahnen Süddeutschlands, Inbetriebnahme des unterirdi- die noch immer nicht elektrifischen Hauptbahnhofs für Ende ziert sind und daher nur mit des Jahres 2021 vorgesehen. Dieselzügen befahren werden Doch nach Ansicht des baden- können. Laut Verkehrsministewürttembergischen Verkehrs- rium soll in diesem Jahr noch ministeriums ist dieser Zeit- die Finanzierungsvereinbaplan „stark angespannt“. Für rung für eine Elektrifizierung die Bau- und Planungskosten der Strecke unterzeichnet werdes Projekts hatte die Deutsche den. Bis Ende 2022 sollen die Bahn knapp sechs Milliarden Bauarbeiten beendet sein. Euro einkalkuliert. Bislang sei Dann entfiele auch der zeitaufschon gut eine Milliarde Euro wendige Lokwechsel in Ulm, was eine direkte und schnellere ausgegeben worden. Unter den Bauarbeiten für Verbindung zum neuen DurchStuttgart 21 leidet immer wieder gangsbahnhof in Stuttgart erauch der S-Bahn-Verkehr in und möglicht. Die Südbahn erum Stuttgart. Stefan Buhl, Lan- schließt nicht nur die Bodendesvorsitzender von Pro Bahn, seeregion, sondern dient auch bemängelt den regelmäßigen als Verbindung nach Österreich bec „Zusammenbruch“ der einzel- und in die Schweiz.

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 6 | Nove

Viele Wege für Autos, Züge, Strom und Daten In einem Flächenland wie Baden-Württemberg sind Erhalt und Ausbau von Straßen, Schienen, Datennetzen oder Stromleitungen eine ganz besondere Herausforderung. Kein Wunder, dass es nicht überall rund läuft. Ein Überblick über die wichtigsten Problemfelder.

Infrastruktur

Ein Ende der Staus ist nicht in Sicht Kilometerlange Staus, mangelhafte Straßenbeläge und zahlreiche Baustellen sind auf Baden-Württembergs Straßen der Normalfall. Sie sind nicht nur Ursache für Lärm und Stress, sondern auch eine Belastung für die Umwelt. Die Zahl der Personenkraftwagen in BadenWürttemberg ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, eine Entlastung ist nicht in Sicht: Waren es im Jahre 2005 noch 5 475 997 Pkw, sind es inzwischen mit 6 171 168 mehr als eine halbe Million mehr. Baden-Württemberg hat damit nach Nordrhein-Westfalen und Bayern den dritthöchsten Pkw-Bestand in Deutschland. Auch die Zahl der Lastkraftwagen ist gewachsen. Im Jahre 2009 waren es noch 278 813 Lkw, heute sind es schon 319 784. Am stärksten befahren ist der Abschnitt auf der A 8/A 81 zwischen dem Autobahnkreuz Stuttgart und dem Autobahndreieck Leonberg mit durchschnittlich 150 000 Fahrzeugen pro Tag. Angesichts des gewaltigen Verkehrsaufkommens sind die Straßen einer enormen Belastung ausgesetzt. Die Folgen sind Schlaglöcher, Aufwölbungen oder Netzrisse, die den Verkehr gefährden können. Um solchen Schäden entgegenzuwirken, stehen für die Landesregierung die Sanierung und der Erhalt der Straßen im Vordergrund. Insgesamt wurden hierfür im vergangenen Jahr 420 Millionen Euro ausgegeben – Jahr 2004 waren es mit 162 Millionen Euro weniger als die Hälfte.

Sanierungen allein werden aber nicht ausreichen, um das Verkehrswachstum zu stemmen. Die Verkehrsverflechtungsprognose des Bundes prognostiziere in Baden-Württemberg für 2030 eine Zunahme der Verkehrsleistung um 13 Prozent im Individualverkehr und in der Transportleistung um 43 Prozent. Laut Ministerium kann das Wachstum „nur mit einem Ausbau bewältigt werden“. Das sorgt erst einmal für weitere und vielleicht sogar längere Staus, soll aber in naher Zukunft den Verkehrsfluss auf den Straßen verbessern. Doch die finanziellen Mittel reichten nicht aus, um alle Straßen auf einem hohen Niveau zu halten. Hierzu müssten erst neue Finanzierungsinstrumente gefunden werden, so das Verkehrsministerium. Bis dahin sollen erst einmal technische Einrichtungen wie Streckenbeeinflussungsanlagen oder Zuflussregelungen helfen, den Verkehr einigermaßen in den Griff zu kriegen. Im Rahmen des Projektes „Kooperative Systeme“ soll in naher Zukunft zusätzlich eine Kommunikation zwischen den Fahrzeugen und der Infrastruktur ermöglicht werden, um die Verkehrsbeteiligten individuell und in Echtzeit vor Gefahren und Staus warnen zu können. bec

Strom wird nachhaltiger und teurer Die Nuklearkatastrophe in Fukushima hat nicht nur in Japan Skepsis gegenüber der zivilen Nutzung von Kernenergie hervorgerufen. Bilder und Berichte über den erdbebenbedingten Unfall schwappten über die gesamte Erdkugel. Als Reaktion darauf beschlossen mehrere Länder einen schrittweisen Ausstieg aus der Atomkraft – darunter auch die deutsche Bundesregierung, die bis 2022 alle noch vorhandenen Atomkraftwerke vom Netz nehmen und stattdessen stärker auf erneuerbare Energie setzen will. Das bedeutet nicht nur weniger Kernkraft, sondern auch weniger fossile Brennstoffe wie Öl, Kohle und Erdgas. Stattdessen sollen Windkraft, Solarenergie und Biomasse die Haushalte mit Energie versorgen. Als Konsequenz aus der vermehrten Nutzung erneuerbarer Energien steigen aber auch seit Jahren die Strompreise. Dabei werden vor allem die Verbraucher zur Kasse gebeten. Nach Angaben des baden-württembergischen Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft stieg der Strompreis zwischen 2000 und 2014 von 14 auf 27,3 Cent pro Kilowattstunde.

Damit zahlten Haushalte in Baden-Württemberg zwar im gesamtdeutschen Vergleich immer noch am wenigsten, doch angesichts steigender Netzentgelte – die teilweise auch mit der Energiewende zusammenhängen – könnten die Strompreise weiter klettern. So wird die EnBW vom 1. Januar 2016 an in der Grundversorgung 2,6 Prozent mehr für eine Kilowattstunde verlangen. Das Strom teurer wird, liegt auch an der Ökostrom-Umlage, die 2016 mit 6,35 Cent so hoch sein wird wie nie zuvor. Zudem ist das Land besonders stark von der Energiewende betroffen. Baden-Württemberg bezog vor dem Atomausstieg im bundesweiten Vergleich mit den höchsten Anteil seines Stroms aus Kernkraftwerken. Um den Anteil regenerativer Energien weiter auszubauen, muss auch mehr Strom aus dem windreichen Norden sowie von den Windparks auf hoher See in den Süden transportiert werden. Der Bau der dafür nötigen Leitungen verursacht Kosten, die ebenfalls die Verbraucher tragen müssen. Das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft weist jedoch darauf hin, dass die Erzeugung von Ökostrom immer wirtschaftlicher werde. Bei konventionellen Kraftwerken seien dagegen steigende Kosten zu erwarten, weil fossile Brennstoffe in Zukunft knapper würden. bec

Um die Versorgung mit Strom im Land zu sichern, müssen auch neue Leitungen gebaut werden.

Firmen auf dem Land ford Das im Bundesvergleich dicht besiedelte Baden-Württemberg steht auf der Landkarte des Breitbandausbaus auf den ersten Blick gar nicht so schlecht da. Ende 2014 hatten beispielsweise 70 Prozent der Haushalte im Südwesten einen Internetzugang mit einer Geschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde. Doch der baden-württembergischen Wirtschaft, aber auch der Landesregierung ist das lange nicht genug. In Baden-Württemberg genügt es nämlich aus ökonomischer Perspektive nicht, die Ballungsregionen gut zu versorgen. Die traditionell sehr dezentrale mittelständische Struktur der Wirtschaft stellt ganz besondere Anforderungen. Viele Weltunternehmen, die sogenannten versteckten Champions, befinden sich etwa im Bereich des Maschinenbaus auch im ländlichen Raum. Und genau hier wachsen unter dem Stichwort Industrie 4.0 die Anforderungen in rasantem Tempo. Wer zunehmend weltweit vernetzt beispielsweise seine Maschinen warten und überwachen will, braucht einen absolut zuverlässigen, schnellen Internetzugang. Die vorhandenen Lücken, die es etwa im Südschwarzwald, in Teilen Oberschwabens, aber auch in Gebieten der Schwäbischen Alb gibt, sind deshalb aus Sicht der Wirtschaft nicht tolerabel. „Mittelfristig sollte in jedem Schwarzwaldtal Glasfaser liegen“, sagte im Sommer Rainer Dulger, der Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Ebenfalls im Sommer kündigte deshalb die Landesregierung an, den Kommunen mit staatlichen Zuschüssen beim Ausbau stärker unter die Arme zu greifen. 250 Millionen Euro sollen nach Angaben des Ministers für den ländlichen Raum, Alexander Bonde (Grüne), bis 2018 in den Ausbau des Breitbandnetzes auf dem flachen Land in BadenWürttemberg investiert werden. Davon kommen allerdings nur 31,7 Millionen aus der Landeskasse. Der Rest stammt aus Bundesgeldern, unter anderem aus den Erlösen der jüngsten bundesweiten Versteigerung von Mobilfunklizenzen. Damit liegt Baden-Württemberg aber hinter dem Fördervolumen des doppelt so großen Bayern zurück, das mit insgesamt 1,5 Milliarden Euro den sechsfachen Betrag mobilisieren will. Dem Baden-Württembergischen Hand-

Ohne


Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

tuttgarter Nachrichten ember 2015

Der Anteil der Binnenschifffahrt am Güterverkehr ist deutlich zurückgegangen.

Die Wasserwege bieten noch Kapazitäten

Fotos: dpa (5), factum/Granville, PPFotodesign/Leif Piechowski

Im Gegensatz zum überlasteten Straßennetz gibt es auf den Wasserwegen BadenWürttembergs keine Staus. Auf Rhein, Neckar und Main, so das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur, könnten erheblich mehr Güter transportiert werden als bisher. Auf diese Weise könnten nicht nur Straßen, sondern auch Schienen entlastet werden. Der Güterumschlag in der Binnenschifffahrt war in den letzten Jahren zwar angestiegen, doch im vergangenen Jahr verzeichnete das Ministerium mit insgesamt 31,6 Millionen Tonnen Umschlag wieder einen Rückgang von 5,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Carsten Strähle, Geschäftsführer des Stuttgarter Hafens, blickt dennoch optimistisch in die Zukunft. Er rechnet damit, dass der Güterverkehr auf den Straßen teurer und aufgrund der vielen Staus auch unzuverlässiger werden wird. Viele Betriebe, prognostiziert er, würden auf den Schiffstransport umsteigen, der um einiges kostengünstiger ist. Die Wasserwege hätten neben ökonomischen auch ökologische Vorteile: Ein voll beladenes Transportschiff könne 120 Lastwagen ersetzen, spare Energie und vermindere so den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlenstoffdioxid. Um die Wasserwege in Zukunft attraktiver zu machen, sei in jedem Fall ein Ausbau der Neckarschleusen notwendig. Inzwi-

schen fahren Schiffe, die eine Länge von 135 Meter haben. Die Schleusen in Stuttgart sind aber nur für Schiffe mit einer Länge von bis zu 105 Metern geeignet. Die größeren Schiffe seien mit insgesamt 40 Prozent mehr Ladefläche wirtschaftlicher und somit konkurrenzfähiger als die derzeit auf dem Neckar verkehrenden Schiffe. „Werden die Schleusen für die längeren Schiffe nicht ausgebaut, schadet das der Wirtschaft in der Region“, sagt Strähle. Experten bezweifeln hingegen, dass der Ausbau der Infrastruktur an den schwachen Güterumschlagszahlen der Binnenschifffahrt etwas ändern könnte. Blickt man auf die Statistik, ist die Binnenschifffahrt in Baden-Württemberg der große Verlierer im Güterverkehr. Seit 1990 ist der Anteil an der Güterverkehrsleistung von 12,4 Prozent auf sechs bis sieben Prozent gesunken. Dagegen ist der Anteil des Gütertransports auf der Straße von 70 auf 77 Prozent gestiegen. Um die freien Wasserstraßen besser nutzen zu können, ist das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur noch auf der Suche nach „intelligenten Konzepten“. Das große Problem ist, dass viele Betriebe nicht direkt am Wasser gelegen sind. Verkehrsminister Winfried Hermann will deshalb den kombinierten Verkehr verbessern – also das Umsetzen der Container von Lastwagen oder Zügen auf Schiffe. bec

dern schnelleres Internet werkstag ist das, was im Land passiert, nicht genug. „Da kommt Minister Bonde viel zu spät aus den Startlöchern“, sagt der Verbandspräsident Rainer Reichhold. Eine unbegrenzte staatliche Förderung des Breitbandausbaus ist allerdings aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht möglich. Die Europäische Union setzt auch in diesem Bereich einen Rahmen für staatliche Beihilfen. Sie dürfen nur greifen, wenn sich für private Telekommunikationsunternehmen – etwa wegen einer zu geringen Bevölkerungsdichte – der Ausbau nicht lohnt. „Wir brauchen Hier ist noch offen, wie sich die vom EU-Parlament jüngst gelomittelfristig ckerte sogenannte NetzneutraliBreitband in jedem tät beim Netzausbau auswirkt. Schwarzwaldtal.“ Künftig können Telekommunikationsfirmen bei Spezialdiensten, Rainer Dulger, Chef des für die es schnelle Leitungen Arbeitgeberverbands Gesamtmetall braucht, auf zusätzliche Erlöse hoffen. Die fehlenden Renditemöglichkeiten hatten die Netzbetreiber immer wieder als Argument dafür genannt, warum der Staat selbst im insgesamt dicht besiedelten Deutschland beim Thema Internetzugang in vielen Regionen immer wieder finanziell in die Bresche springen muss. age

mehr. ernen Produktionsbetrieben nichts e Breitbandkabel läuft in vielen mod

IMMER MEHR GÜTER WERDEN AUF DER STRASSE TRANSPORTIERT Güterverkehrleistung in Baden-Württemberg Gesamtangaben in Milliarden Tonnenkilometern*

Güterverkehrleistung in Baden-Württemberg nach Verkehrsträgern, Angaben in Milliarden Tonnenkilometern*

80

Eisenbahn 7,47

60

Binnenschifffahrt 6,25

40

50,23 1,15 Rohölfernleitung

20

1990 1995

Straßenverkehr 35,36

1999

2003

2007

1,17 Rohölfernleitung

1990

2012

*Produkt aus transportierter Masse und zurückgelegter Strecke StZ-Grafik: jev Quelle: Statistisches Landesamt

Eisenbahn 11,25 Binnenschifffahrt 5,12

StZ-Grafik: jev

*Produkt der transportierten Masse (t) und der zurückgelegte Strecke (km)

Straßenverkehr 58,65

76,19

2012 Quelle: Statistisches Landesamt

Wasser- und Erdgasnutzung verändern sich Nicht nur ein ökologischeres Bewusstsein hat den Wasserverbrauch in den letzten Jahren gesenkt. Auch die Entwicklung wassersparender Armaturen und Haushaltsgeräte trug ihren Teil dazu bei. Trotz des geringeren Verbrauchs kostet Wasser mehr denn je – wie erklärt sich das? Laut Statistischem Bundesamt verbrauchte ein Einwohner Anfang der 1990er noch 144 Liter Wasser am Tag. Im Jahr 2013 waren es nur noch 121 Liter. Die Baden-Württemberger waren besonders sparsam: hier wurden durchschnittlich nur 115 Liter am Tag verbraucht. Doch preislich zeigt die Kurve nach oben: 2003 zahlte man für den Kubikmeter noch 33,6 Cent, wohingegen es in diesem Jahr 56,4 Cent sind. „Das hat mehrere Gründe“, sagt Maria Quignon vom Zweck-

verband Bodensee-Wasserversorgung. Zum einen seien die Kosten für Personal gestiegen. Andererseits wurden viele Leitungen seit dem Zweiten Weltkrieg nicht saniert – um die Wasserqualität zu erhalten, seien hier Verbesserungen notwendig. Seit 2013 müssten nun auch die Wasserversorger die EEG-Umlage zahlen. Zusätzlich erhöhte die Landesregierung in diesem Jahr das Wasserentnahmeentgelt von 5,1 auf 8,1 Cent pro Kubikmeter. Der Energieträger Erdgas hat in den vergangenen Jahren auch im Südwesten an Bedeutung gewonnen – sowohl zur Beheizung von Häusern und Wohnungen als auch in der Industrie, die rund ein Drittel ihres Energieverbrauchs mit Erdgas deckt. Auch bei der Energiewende spielt Erdgas eine

wichtige Rolle, da sich Gaskraftwerke schnell hochfahren lassen, um die schwankende Stromproduktion von Solaranlagen und Windrädern auszugleichen. Mit 40 976 Kilometern verfügt Baden-Württemberg über ein weit verzweigtes Gasversorgungsnetz. Um die Klimabilanz der Gasnutzung zu verbessern, will die Landesregierung die Einspeisung von Methan aus Biogasanlagen in das Erdgasnetz ausbauen. bec

Die Landesregierung will mehr Bioerdgas in die Leitungen einspeisen.


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

Große Lücken im Breitbandnetz

Moderne Betriebe brauchen schnelle Datenleitungen. Dafür sind hohe Investitionen nötig. Foto: dpa

Die Wirtschaft im Land ist auf einen schnellen und zuverlässigen Datenfluss angewiesen. Egal ob es um den Austausch von Konstruktionsplänen, die intelligente Steuerung der Logistik oder die Fernwartung von Maschinen und Anlagen geht: ohne einen High-Speed-Internetzugang mit einer Übertragungsrate von 50 Megabit pro Sekunde oder mehr verlieren die Unternehmen schnell den Anschluss. Vor allem in ländlichen Gebieten Baden-Württembergs ist die Abdeckung mit Breitbandanschlüssen für Unternehmen und Privatnutzer teilweise noch recht lückenhaft, wie unsere Übersichtskarte zeigt.

Internet

Breitbandverfügbarkeit > 50 MBit/s Mannheim

Neckar-Odenwald-Kreis

Versorgung der Haushalte in Prozent > 95 bis 100 %

Main-Tauber-Kreis

Heidelberg

> 75 bis 95 % > 50 bis 75 %

RheinNeckarKreis

> 10 bis 50 % 0 bis 10 %

Heilbronn Hohenlohekreis Schwäbisch Hall

Heilbronn

Karlsruhe Enzkreis Ludwigsburg Rems-Murr-Kreis

Ostalbkreis

Pforzheim

Stuttgart BadenBaden

Böblingen Göppingen

Calw

Heidenheim

Esslingen

Freudenstadt

Tübingen Alb-Donau-Kreis

Ortenaukreis Reutlingen

Ulm

Zollernalbkreis Rottweil

Emmendingen

Biberach Schwarzwald-Baar-Kreis Sigmaringen

Freiburg

Ravensburg Konstanz

Lörrach

Bodenseekreis

Waldshut

Bodensee StZ-Grafik: Manfred Zapletal Quelle: BMVI / TÜV Rheinland


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8 Wirtschaft in Baden-Württemberg

V

iele Infrastrukturprojekte werden mit Verspätung fertig und kosten am Ende viel mehr als geplant. Solche Überraschungen ließen sich vermeiden, wenn von Anfang an mit Hilfe neutraler Experten und auf Basis realistischer Budgets geplant würde, sagt der Projektmanager Klaus-Peter Rössner. Herr Professor Rössner, die Klagen über Schlaglöcher in den Straßen, baufällige Brücken oder marode Schulgebäude nehmen zu. Ist der Zustand der Infrastruktur in Deutschland wirklich so miserabel? So schlecht, wie manche meinen, ist die Lage nicht. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland im oberen Drittel. Wenn man zum Beispiel in Großbritannien oder Frankreich unterwegs ist, sieht man oft deutlich schlechtere Straßen. Wenn man zudem berücksichtigt, dass kein anderes europäisches Land ein derart dichtes Straßennetz hat und ähnlich stark vom Transitverkehr betroffen ist wie Deutschland, ist der Zustand unserer Straßen immer noch gut.

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

„In Infrastruktur muss permanent investiert werden“ Der Projektmanager Klaus-Peter Rössner kritisiert Versäumnisse der Politik und unrealistische Vorgaben bei vielen öffentlichen Bauvorhaben.

Interview

Kritiker sagen aber, dass sich das hohe Niveau kaum halten lässt, wenn nicht mehr Geld in den Erhalt der Infrastruktur fließt. Da gibt es in der Tat Versäum„Das Thema Öffentlichkeits- nisse. Es wurde lange nicht erarbeit ist ein entscheidender kannt, dass in Infrastruktur Faktor, um eine Maßnahme permanent investiert werden muss, wenn man einen gewiszeitlich und kostenmäßig sen Qualitätsstandard halten will – und dass sich diese Invesim Rahmen zu halten.“ titionen langfristig auch lohKlaus-Peter Rössner über Strategien zur planmäßigen Realisierung von Projekten nen. Es muss zum Beispiel nicht zum Abriss einer Brücke kommen, wenn man sich rechtzeitig um eine Sanierung kümmert. Mittlerweile hat zum Glück auch die Politik erkannt, dass mehr Geld in den Erhalt der Infrastruktur fließen muss. Aber diese Einsicht kommt reichlich spät. Eine Sanierung lässt sich nicht so gut verkaufen wie ein Neubau. Natürlich. Jahrelang hat die Politik sich vor allem auf den Neubau von Verkehrswegen konzentriert, weil man sich damit mehr brüsten kann als mit einer Sanierung. Zur Einweihung einer neuen Umgehungsstraße kommt der Minister und schneidet das rote Band durch. Beim Abschluss einer Brückensanierung reist kein Minister an, womöglich steht es nicht mal in der Zeitung. Dabei ist der Zustand mancher Brücken so schlecht, dass sie nur einspurig befahren werden können. Welche Rolle spielt die wachsende Verkehrsdichte? Die Verkehrsbelastung hat in den letzten Jahren enorm zugenommen, auch der Schwerlastanteil wächst weiter. Bemerkbar macht sich dies unter anderem auch darin, dass wichtige Verkehrsknotenpunkte mittlerweile drei- oder vierspurig ausgebaut werden. Gleichzeitig entsprechen viele ältere Straßen vom Aufbau her nicht den heutigen Ansprüchen, was naturgemäß zu Schäden führt. Der Schwerlastverkehr nimmt auch zu, weil andere Transportmittel wie Bahn oder Schiff nicht zuverlässig genug sind. Zudem müssen viele Güter auch nach einem Bahn- oder Schiffstransport über die Straße an ihren endgültigen Bestimmungsort gebracht werden. Bei vielen Infrastrukturprojekten wird der Kosten- und Zeitplan nicht eingehalten. So auch bei Stuttgart 21. Was sind die Gründe? Bei Stuttgart 21 bin ich nicht so im Detail drin. Wenn ich mir aber anschaue, wie die Tunnelvortriebe und Baustellen laufen, sehe ich als nicht unmittelbar Beteiligter keine größeren Verzögerungen. Das weit größere Problem ist die fehlende Akzeptanz bei der Bevölkerung. Zum Budget kann man sagen: Wenn das Projekt vor rund 15 Jahren das erste Mal kalkuliert wurde, kann man die damals errechneten Kosten naturgemäß nicht auf heute übertragen. Im Übrigen halte ich die Herangehensweise und die bauliche Umsetzung von S 21 nicht für den besten Ansatz. Warum? Der ICE fährt in den Talkessel hinein und muss dann wieder den Berg hoch. Ich hätte die ICE-Trasse entlang der Autobahn gelegt, dort oben einen neuen Bahnhof beim Flughafen gebaut und die Innenstadt mit einer teilweise unterirdischen Schnellbahnverbindung im Zehn-Minuten-Takt angebunden.

EXPERTE FÜR PROJEKTMANAGEMENT Lehre Klaus-Peter Rössner ist Professor für Projektmanagement an der Hochschule Biberach. Zu seinen Schwerpunkten gehören Projektmanagement im Hoch- und Tiefbau, Kosten- und Terminplanung sowie Vertragsmanagement. Praxis Rössner ist Mitgründer der WPM Weideplan Consulting Projektmanagement GmbH in Stutt-

gart, die im Juli in die bisherige Mutter Dornier Consulting International GmbH integriert wurde. Projekte WPM steuert seit mehr als 20 Jahren große Projekte im Infrastruktur- und Immobilienbereich. Zu den aktuellen Projekten gehört unter anderem der sechsstreifige Ausbau der A 8 zwischen Hohenstadt und Ulm-West. lud

Der Flughafen BER (oberes Bild) zeigt, was bei Projekten alles schiefgehen kann. Besser läuft es beim Ausbau der A 8 auf der Alb. Von Stuttgart 21 zum Berliner Flughafen. Warum läuft dort so vieles schief ? Das Projekt stand von Beginn an unter sehr schlechten Vorzeichen. Die Umsetzung des BER war zuerst als ÖPP-Modell (öffentlichprivate Partnerschaft – d. Red.) konzipiert. Dieser Plan wurde verworfen – und stattdessen per Ausschreibung ein Generalunternehmer gesucht. Später hieß es, die Bieter hätten sich abgesprochen, weil sie den gleichen Preis angegeben haben. Dann ist man zu Ausschreibungen an einzelne Unternehmen übergegangen, obwohl das BER-Projektteam hierfür nicht ausreichend Fachleute hatte, die schon mal einen Flughafen gebaut hatten. Ein mehrfacher Planerwechsel sowie die permanenten Sonderwünsche Einzelner haben sich ebenfalls negativ ausgewirkt. Das entscheidende Problem beim BER ist aber nicht nur der Bau selbst, sondern die unklare Verteilung der politischen Verantwortung. Hinzu kommen die wankelmütigen Bauherren, die glauben, bis kurz vor der Öffnung substanzielle Änderungen durchsetzen zu können. Welche Rolle spielen Widerstände der Bevölkerung bei der Realisierung von Projekten? Angesichts der oft beengten Verhältnisse in Deutschland eine sehr große. Nehmen Sie etwa das Thema Lärmschutz bei Straßenoder Schienenprojekten. Oder Emissionen und generelle Naturschutzbelange. Was die Bevölkerung stört, ist auch der Baustellenverkehr und die Zunahme der allgemeinen Verkehrsintensität rund um die Großbaustellen. Jede Gemeinde ist dagegen, wenn in der Nähe eine Autobahn gebaut wird – selbst wenn der Lärmschutz hinterher gut ist. Die wollen nicht, dass drei oder vier Jahre lang schwere Baustellenfahrzeuge durch den Ort fahren. Deshalb muss man Ausweichstrecken suchen. Wie kann man die betroffenen Bürger besser einbinden? Das Thema Öffentlichkeitsarbeit ist ein entscheidender Faktor, um eine Maßnahme zeitlich und kostenmäßig im Rahmen zu halten. Da hat man in den letzten Jahren einiges dazugelernt. Die Bevölkerung muss möglichst früh beteiligt werden. Wir haben zum Beispiel den Bau einer Ortsdurchfahrt aktiv mit begleitet. Da wurden die Beteiligten gehört und konnten ihre Einwände loswerden. Einige klagten über zu wenig Platz für Fußgänger und Radfahrer. Das wurde bei der Planung und Ausführung teilweise berücksichtigt – mit der Folge, dass man die Fahrbahnbreiten etwas reduziert und dafür

breitere Geh- und Radwege vorgesehen hat. Damit war die Akzeptanz in der Bevölkerung gleich etwas größer. Kostensteigerungen kommen oft dadurch zustande, dass Politiker mit viel zu niedrigem Budget arbeiten, um ein Projekt durchzubekommen. Mit den Folgen müssen sich dann die Nachfolger herumschlagen. Ja. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die Elbphilharmonie. Jeder, der sich mit Theatergebäuden auskennt, weiß, dass man zu dem ursprünglich genehmigten Budget keine Philharmonie mit dieser Fassade und Akustik bauen kann – und dazu noch neben der Elbe. Trotzdem wurde so ein Projekt von den zuständigen Politikern durchgewunken. Wie kann man ein Debakel wie bei der Elbphilharmonie verhindern? Wir brauchen von Beginn an neutrale und von der Politik unabhängige Berater, die eine realistische Budget- und Terminplanung machen. Wichtig ist auch, dass man frühzeitig Leute aus der Praxis einbezieht und der Politik beratend an die Seite stellt. Beim Berliner Flughafen hätte man zum Beispiel Experten ins Team holen können, die schon am Frankfurter Flughafen Projekte betreut haben. Beim Gotthardtunnel in der Schweiz werden Zeit- und Kostenplan eingehalten. Was können wir von den Schweizern lernen? Ein wichtiger Punkt ist, dass der Gotthardtunnel in Segmenten hergestellt wird und vergeben wurde. Beim BER wurden dagegen die gesamten Rohbaumaßnahmen an ein Unternehmen vergeben. Das sollte man bei Großprojekten nicht machen. Sie sollten einzelne Abschnitte an unterschiedliche Firmen vergeben, um eine gewisse Konkurrenz und Vergleichbarkeit zu erzeugen. Dann können Sie zum Beispiel besser beurteilen, ob finanzielle Nachforderungen berechtigt sind oder nicht. Weiterhin kann man aus den Fehlern lernen, die in den ersten Abschnitten passieren – sowohl bei der Ausschreibung als auch bei der Ausführung. Ist in der Schweiz auch die Einbindung der Bevölkerung besser als in Deutschland? Auf jeden Fall. Die sind viel konsensorientierter als die Deutschen. Da gibt es auch ein ganz anderes Miteinander zwischen Planenden und Ausführenden auf der einen und der Bauherrschaft auf der anderen Seite. In Deutschland schauen alle genau auf die Verträge – und wenn was schiefgeht, wird gleich der Knüppel rausgeholt. Wich-

Fotos: dpa, imago, Lichtgut/Achim Zweygarth

tig ist auch eine frühzeitige Einbindung aller politischen Parteien. Dann kann nach einem Machtwechsel auch keiner sagen: Damit habe ich nichts zu tun. Viele fordern eine stärkere Einbindung privater Investoren. Ist bei Infrastrukturprojekten mit privater Beteiligung die Termin- und Kostentreue größer? Privatunternehmen denken anders als der Staat. Für die ist Zeit bares Geld. Im Durchschnitt laufen solche Projekte schneller. Schließlich wollen die Betreiber, dass zum Beispiel die Mauteinnahmen so schnell wie möglich fließen. Von staatlicher Seite gibt es die Kritik, dass die Privaten auch an der Qualität sparen, um schneller fertig zu werden. Das glaube ich nicht, denn die Einnahmen hängen nicht nur von der Zahl der Autos ab, sondern auch von Kriterien wie etwa der Zahl der Baustellen pro Jahr oder auch von der Zahl der Unfälle. Es bringt also nichts, wenn ich „Die Politik hat sich auf den die Tragschicht und den Fahr- Neubau von Verkehrswegen bahnbelag so billig herstelle, konzentriert, weil man sich dass ich sie alle sechs bis siedamit mehr brüsten kann ben Jahre sanieren muss.

als mit einer Sanierung.“

Sollten wir mehr Projekte mit Klaus-Peter Rössner über falsche privater Beteiligung haben? Prioritäten in der Infrastrukturpolitik Auf jeden Fall. Es ist ja auch viel privates Kapital vorhanden, das nach Investitionsmöglichkeiten sucht. Wenn es mehr ÖPP-Projekte gibt, könnte man mehr Vorhaben realisieren, ohne mit Haushaltsgeldern jonglieren zu müssen. Der private Betreiber geht ja erst mal in Vorleistung. Die Rechnungshöfe sehen bei ÖPP-Projekten keine Kostenvorteile und warnen zudem vor langfristigen Haushaltsrisiken. Wer wie die Mitarbeiter des Rechnungshofs beim Staat angestellt ist, hält naturgemäß nicht sonderlich viel von privat finanzierten Projekten. Welche Rolle spielt die Organisation auf den Baustellen? Das Problem ist, dass auf vielen Baustellen noch nach dem Push-Prinzip gearbeitet wird: An einem Tag werden alle Fenster geliefert, obwohl sie noch gar nicht gebraucht werden. Die Autoindustrie macht vor, wie es besser geht – mit dem sogenannten PullPrinzip. Dabei wird genau definiert, welches Teil zu welcher Zeit wo sein muss. Das spart Zeit, Geld und Nerven. Das Gespräch führte Werner Ludwig.


Wir Wirtschaft tschaft & Karriere

November 2015

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Kontakte als Währung Kollegenersatz, Stellenbörse, Akquiseplattform oder Karriereschrittmacher: Netzwerke haben unterschiedliche Funktionen. Gemeinsam ist ihnen eines: ohne sie geht wenig. Von Dorothee Schöpfer

Netzwerke

der virtuellen Netzwerke, deren Zuwächse in den vergangenen Jahren geradezu explodiert sind: „ Xing konnte im vergangenen Jahr 1,1 Millionen neue Mitglieder willkommen heißen. Das ist das größte Mitgliederwachstum seit dem Börsengang im Jahr 2006“, vermeldet Vorstandschef Thomas Vollmoeller stolz im aktuellen Geschäftsbericht. Über 8,3 Millionen Berufstätige sind auf Xing präsent, stellen dort ihren Lebenslauf ein und formulieren kurz und knapp, was sie zu bieten und woran sie Interesse haben. Premiummitglieder können sehen, wer sich für sie interessiert und auf ihr Profil geklickt hat. Während sich Xing vornehmlich auf den deutschen Markt spezialisiert hat, ist Linkedin die richtige Adresse, um international die passenden beruflichen Kontakte zu knüpfen. Sechs Millionen User besitzt Linkedin im deutschsprachigen Raum und wächst und wächst.

Vielleicht, weil ihnen die virtuelle Welt ein böhmisches Dorf ist. Vielleicht, weil sie ihre Karriere schon gemacht haben und nicht erst dabei sind. Vielleicht, weil sie lieber in analogen Netzwerken unter sich bleiben. Ob Rotarier oder Lions Club – hier geht es zwar um Engagement für den guten Zweck, doch warum sollte das Vertrauen, das die Mitglieder solch elitärer Vereinigungen untereinander genießen, ohne Einfluss auf die Geschäfte bleiben? Es wäre eine Verschwendung von sozialem Kapital. Iris Anesi ist eine sehr aktive Netzwerkerin. Um Umsätze oder neue Kunden geht es ihr allerdings nicht – oder nicht mehr. Vor 15 Jahren hat sie sich als Steuerberaterin selbstständig gemacht und war Einzelkämpferin. Heute hat sie fünf Angestellte und wurde jüngst vom Bundeswirtschaftsminister als „Vorbildunternehmerin“ geadelt. „Am Anfang meiner Selbstständigkeit habe ich in Netzwerken nach Menschen gesucht, die in einer ähnlichen Lebenssituation stehen. Da war das Netzwerk auch eine Art Kollegenersatz, das ich gebraucht habe, um mein Selbstbewusstsein zu stärken“, sagt Anesi. Raus aus der Isolation sei gerade bei Selbstständigen ein wichtiges Thema. Die Ludwigsburger Unternehmerinnen, kurz Lunte, sind ihr damals zu einer Heimat geworden. „Man profitiert in einem Netzwerk von der Stärke der anderen. Ich habe dort tolle Frauen kennengelernt“, so Anesi. Jetzt freut sie sich an Treffen mit anderen Vorbildunternehmerinnen und gibt ihr Wissen im Netzwerk Start-up Stuttgart an jüngere weiter. „Ich erweitere durch meine Netzwerke ständig meinen Horizont, das empfinde ich als große Bereicherung“, sagt sie. Die Übergänge von privat zu geschäftlich sind „Ich erweitere durch für sie dabei fließend: „Freizeit meine Netzwerke ständig mit geschäftlichem Bezug“, so verbucht sie die Zeit, die sie meinen Horizont. beim Knüpfen und Pflegen von Das empfinde ich als beruflichen Bekanntschaften große Bereicherung.“ verbringt. „Man muss das Netzwerk finden, das zu einem Vorbildunternehmerin Iris Anesi über die Bedeutung von Kontakten passt, und sollte dabei nicht verkrampft sein. Das Gegenüber spürt sofort, wenn man nur Aufträge sucht. Die Frage beim Netzwerken sollte nicht sein: Was bringt mir das? Sondern: Was kann ich geben?“ So sieht das jedenfalls Iris Anesi. Deshalb mag sie auch die Abende lieber. Und nicht die Frühstücke.

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eanette Neidhardt-Rosenberger ist nicht unbedingt eine geborene Frühaufsteherin. Jeden Mittwoch sitzt sie aber kurz nach sechs im Auto und fährt zum Business-Frühstück des BNI. Ihr Netzwerk heißt „Phoenix“ und trifft sich einmal in der Woche im Industriegebiet von Vaihingen zum Frühstück. Ab 7 Uhr sitzen rund 25 Teilnehmer im Bistro und haben jeweils eine Minute Redezeit, um sich zu präsentieren. Handwerker sind dabei, ein Grafikerin, eine Heilpraktikerin, der Geschäftsführer einer Internetagentur. Unternehmer aus unterschiedlichen Berufen, die alle eines wollen: mehr Umsatz. Wer Mitglied im BNI, im Business Network International, ist, will dort Geschäfte machen. Dieses Netzwerk funktioniert als zielgerichtete Plattform für Empfehlungsmarketing. Ein Franchiseunternehmen, gegründet von einem amerikanischen Unternehmensberater. Über 250 dieser BNIFrühstücksstammtische gibt es in Deutschland. Von jeder Berufsgruppe ist pro Gruppe nur einer vertreten, interne Konkurrenz gibt es nicht. Man empfiehlt sich gegenseitig und spricht Empfehlungen an Dritte aus – und generiert so Umsatz. „Allein in den letzten zwölf Monaten haben wir uns gegenseitig provisionsfrei 1 019 525 Euro Neugeschäft vermittelt“, steht auf der Homepage von BNI Phoenix zu lesen. Für Jeanette Neidhardt-Rosenberger lohnt sich das frühe Aufstehen. Seit über sieben Jahren ist die Innenraumgestalterin beim wöchentlichen Frühstück dabei. Die Regeln sind streng: Wer nicht kann, muss sich um einen Ersatz bemühen. Billig ist das gemeinsame Kaffeetrinken auch nicht. Knapp 900 Euro kostet die Jahresmitgliedschaft, dazu kommt eine einmalige Aufnahmegebühr von 150 Euro. „Diesen Einsatz habe ich aber auf jeden Fall wieder drin“, sagt die Expertin für Möbel und Stoffe. Aber was kann man den gleichen Menschen nach sieben Jahren jede Woche noch Neues in einer Minute präsentieren? Jeanette Neidhardt-Rosenberger hat damit kein Problem: „Es gibt jede Woche etwas Interessantes. Manchmal spreche ich über neue Kunden, manchmal über neue Materialien.“ Sie schätzt auch die persönlichen Verbindungen zu einzelnen Mitgliedern, die sich über die Zeit entwickelt haben. Nicht immer klappt es reibungslos mit dem Empfehlungsmarketing: „Es hat auch schon mal Knatsch gegeben, mit einem Handwerker und seiner Leistung. Aber wer den empfohlen hat, hat auch etwas zu verlieren.“ Man sitzt sich ja nächste Woche wieder gegenüber. Rund 6500 Mitglieder waren im vergangenen Jahr im BNI in Deutschland registriert. Und vermutlich sind die meisten davon auch Mitglieder in mindestens einem

Holger Vogt (51), Projektmanager in der IT-Branche, gehört als digitaler Experte zur ausgewiesenen Zielgruppe von Linkedin. „Das nutze ich aber kaum, das ist mir viel zu kompliziert in den Anwendungen“, sagt er dazu. Tatsächlich? Dabei bekommt man als virtuelle Bekannte ständig E-Mails von Linkedin, die darauf verweisen, mit wem sich Holger Vogt gerade vernetzt und wer seine Expertise bestätigt hat. Diese Meldungen scheint das System allerdings ohne das Zutun des vermeintlich hyperaktiven Nutzers zu generieren. „Natürlich bin ich auf Xing und Linkedin vertreten, das gehört zu meinem Job“, sagt Vogt. Allerdings: „Ich kann mich an keinen Auftrag erinnern, den unsere Agentur direkt über Xing akquiriert hätte“, so der ITProjektmanager. Er nutzt Xing als erweiterten Visitenkartentauschplatz und Adressdatenbank: „Ich synchronisiere meine Kontakte mit den Xing-Kontakten und weiß deshalb, dass sie aktuell sind.“ Er hält über Xing Kontakte zu ehemaligen Mitarbeitern und Partnern von abgeschlossenen Projekten, er amüsiert sich über die indirekten Verbindungen, die sich auftun – wer wen über wen kennt –, und weiß es zu schätzen, dass gemeinsame Bekannte eine Brücke sein können. Natürlich schaut er bei Bewerbern auch ihr Xing- und ihre anderen Profile in der virtuellen Welt an, um ihre Kompetenzen zu checken. Und weiß, dass die Headhunter von heute wie Trüffelschweine in den Karrierenetzwerken unterwegs sind: „Das Recruiting läuft über Xing.“ Manager sind digitale Netzwerkmuffel. Das hat zumindest eine Studie der Unternehmungsberatung Baumann ergeben. Von 300 befragten Chefs sind gerade einmal 14 Prozent aktiv auf Xing unterwegs.

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10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

„Weg von der Präsenzkultur“ Kann man in Teilzeit gut führen? Selbstverständlich, sagt Ursula Biederbick, die als Controllerin beim Ludwigsburger Zulieferer Mann + Hummel eine Vier-Tage-Woche hat. Im Interview spricht sie über ihr Teilzeit-Modell und wie Führen in Teilzeit klappt.

Interview

J

edes Unternehmen sollte seinen Führungskräften flexible Arbeitszeitmodelle anbieten, sagt Teilzeit-Führungskraft Ursula Biederbick (44). Führungskräfte seien ausgeglichener und brächten im Job eine bessere Leistung, wenn sie Beruf, Familie und Hobbys unter einen Hut bekommen. Frau Biederbick, Sie arbeiten beim Zulieferer Mann + Hummel als Führungskraft in Teilzeit. Sind Sie eine Exotin? In Teilzeit bin ich keine Exotin. Bei Mann + Hummel gibt es viele verschiedene flexible Modelle. Auf der Führungsebene, das heißt in unserem Top-Management der 100 Führungskräfte, bin ich dagegen schon eine Ausnahme.

Wie sieht Ihr Teilzeit-Modell aus, welche Vereinbarungen gibt es? Ich habe eine Vier-Tage-Woche und richte mir meine Arbeit flexibel ein. Im elektronischen Kalender, auf den meine Mitarbeiter Zugriff haben, trage ich alle Termine ein. Ich bin in der regionalen Verantwortung und habe acht direct reports, also Mitarbeiter in sieben Landesgesell„Ich bin froh über meinen schaften mit kaufmännischer Gestaltungsspielraum, und Verantwortung, die an mich berichten, und nur einen Mitdann muss man eben ein arbeiter am Standort Ludwigsbisschen mitdenken mit burg. In meinem Arbeitsalltag läuft viel über das Telefon und dem Unternehmen.“ über Web-Konferenzen. Da ich Teilzeitführungskraft Ursula Biederbick über unausgesprochene Abmachungen aber gern im Büro bin, verbringe ich mindestens drei Tage hier. Freitags versuche ich, nicht zu arbeiten. Doch je nachdem, wie die betrieblichen Erfordernisse sind – im Finanzbereich gibt es regelmäßige ReportingTermine –, ist der Freitag für mich auch mal ein Arbeitstag. Den gleiche ich in der nächsten oder übernächsten Woche aus. Ich habe wie die anderen Führungskräfte auch Ziele, die ich einhalten muss. Wie, das entscheide ich selbst. Eine Führungskraft muss in erster Linie sich selbst führen.

War es schwer, Ihre Vorgesetzten und Mitarbeiter vom Teilzeit-Modell zu überzeugen? Als mein erster Sohn auf die Welt kam, war ich zwar in einer kleineren Führungsrolle als jetzt, aber ich hatte nie Schwierigkeiten. Es stand nach meiner Rückkehr aus Amerika eher im Vordergrund, was ich als Nächstes tun will, wie wir das machen, wie viele Stunden ich arbeiten möchte und ob ich nicht doch etwas mehr arbeiten könnte, um mehr Aufgaben zu übernehmen. Ich habe mir immer überlegt, was für mich ein guter nächster Job ist oder wo ich einen Beitrag leisten kann. Meine Kollegen kennen mich nicht anders. Nur einer sagt explizit, dass er mich freitags nicht anruft, weil das mein freier Tag ist. Ich bin mir sicher, dass viele nicht wissen, dass ich freitags nach Möglichkeit nicht arbeite, denn meine Arbeitszeit richtet sich nach den Erfordernissen. Dafür habe ich ein gutes Gefühl, wenn ich an einem Montag mal später komme. Kann man in Teilzeit überhaupt gut führen? Davon bin ich voll überzeugt. Eine Führungskraft ist schließlich keine Person, die per se in Vollzeit arbeiten und immer präsent sein muss. Das Verständnis von Führung wandelt sich. Je mehr man von der Präsenzkultur wegkommt, desto flexibler wird man mit der Einteilung seiner Arbeitszeit. Das heißt aber nicht, dass ich nicht dieselben Ergebnisse erziele, nur weil ich weniger präsent bin. Ich bezweifle eine Korrelation zwischen Anwesenheit im Büro und Ergebnis. Die Führungsaufgabe ist eine sehr umfassende Aufgabe. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich mich an meinen freien Tagen nicht mit meiner Arbeit beschäftigen würde. Führungskräfte sind in der Regel getriebener als andere Beschäftigte und stehen stark hinter ihren Aufgaben.

Was ist wichtig, damit Führen in Teilzeit klappt? Man muss aus der Perspektive des Unternehmens schauen, was man als Führungskraft dem Arbeitgeber bieten kann, und was er mir. Dann wird ein Deal daraus. Teilzeit funktioniert nicht einseitig nach dem Motto, man möge mir bitte so und so viele flexibWarum arbeiten Sie in Teilzeit? Der Startpunkt war klassisch die Geburt le Modelle bieten, aus denen ich eines hemeines ersten Kindes vor elf Jahren. Ich hat- rauspicke. Man muss mit dem Arbeitgeber te das Glück und war zu dem Zeitpunkt in im Gespräch bleiben und sich einigen. Amerika, wo mich die Can-do-Mentalität sehr beeinflusst hat: Die Reak- Und worauf kommt es im Privatleben an? tion auf meine Schwanger- Das Hauptkriterium ist, sich so zu organischaft war eine Babyparty und sieren, dass man seine Rollen im Beruf die Aussage, dass ich ja drei Mo- ebenso wahrnehmen kann wie privat – ohne nate nach der Geburt wieder dabei selbst auf der Strecke zu bleiben. Sich auf der Matte stehe, weil im ein Netzwerk aufzubauen hilft, falls es mal Herbst die Planung beginnt. Da klemmt. Mein Mann und ich haben keine dachte ich mir: Wieso sollte ein Eltern am Ort, die sich um die Kinder kümKind beruflich drei Saltos zu- mern könnten. Deshalb haben wir eine rück bedeuten? Im Nachhinein Kinderfrau eingestellt. Grundsätzlich sollte habe ich das als wirklich gut auch mit dem Partner Einigkeit herrschen. empfunden, denn ich kam gar „Ein Mensch ist nicht nur nicht auf die Idee zu denken, Eignet sich Teilzeit für alle Führungs-posidass ich mit Kind Vollzeit-Mut- tionen und Führungskräfte? Führungskraft. Er hat ter sein und mich nur auf diese Nicht jede Position lässt sich auf Teilzeit zueine Familie, für die er schneiden, und nicht jede Person eignet Rolle konzentrieren muss. sich für Teilzeit. Zum Beispiel muss das sorgen will und die seine Ist es einfach, ein Teilzeit-Mo- Zeitbudget zur Führungsaufgabe passen. Ressource ist.“ dell in der Praxis umzusetzen? Eine Arbeitszeit von zehn Stunden in der Biederbick darüber, warum Firmen Es ist nicht immer so, dass ich Woche halte ich für Teilzeit grundsätzlich Führungskräften Teilzeit bieten sollten auf die Uhr schaue oder mir je- für zu wenig. Auch wenn man in seiner Abden Freitag freinehmen kann. teilung 30 Mitarbeiter unter sich hat, mit Und natürlich bin ich bei Reisetätigkeit denen viel Abstimmungsbedarf besteht, häufig schon am Mittwochabend oder Don- oder wenn man eine Aufgabe hat, die Pränerstagvormittag mit meinen vier Tagen senz erfordert und bei der man vor Ort andurch, aber das ist nicht der Deal. Ich mag sprechbar sein muss, sollte man sich tunmeinen Job, bin froh über den Gestaltungs- lichst überlegen, ob man die Herausspielraum, den ich habe, und dann muss forderung annimmt. man eben ein bisschen mit dem Unternehmen mitdenken: Was ist gut für die Firma, Haben Sie sich verändert, seitdem Sie in Teilwas ist für einen selbst gut und wo will man zeit führen? in fünf Jahren stehen? Manchmal muss Ich bin mit meiner Zeit geizig geworden und man für seine Ziele die Zähne zusammen- noch fokussierter auf Dinge, die ich beeinflussen will und kann. Zwar priorisiert jede beißen. Führungskraft, aber die Teilzeit bringt es mit sich, dass ich beim Priorisieren noch mehr Übung bekommen habe. Man darf ZUR PERSON auch keine überzogenen Erwartungen haben und muss sich bewusst sein, dass man Trainee-Programm als Trainee Ursula Biederbick Die langjährige Finance. Es folgten Stellen als Refe- nie alle Dinge gleichzeitig erledigen kann, Mitarbeiterin des Automobilzuweder im Job noch privat. rentin für Mergers & Acquisitions lieferers Mann + Hummel ist 1971 und Geschäftsbereichs-Controllegeboren. Sie studierte von 1991 bis rin, bevor sie im Jahr 2002 für drei Wie schwierig ist die Vereinbarkeit von Beruf 1996 internationale Wirtschaftsund Familie grundsätzlich für FührungsJahre als Geschäftsbereich-Conwissenschaften in Innsbruck und trollerin für Saugrohre nach Ameri- kräfte in Unternehmen in Deutschland? Manchester. Nach ihrem Studium Es ändert sich immer mehr. Viele Kollegen ka ging. Nach ihrer Rückkehr begann ihre Karriere beim Ludbringen ihre Kinder morgens in den Kinwechselte sie 2006 ins Konzernwigsburger Hersteller für Flüssigdergarten und fangen eine halbe Stunde keits- und Luftfiltersysteme. Schon Controlling und danach in die Region Europa, wo sie seit 2011 als später zu arbeiten an. Das sollte heute immer war sie dort im Finanz- und Vice President Finance & Control- eigentlich kein Thema mehr sein. Mein Controlling-Bereich beschäftigt. Mann hat die Kinder immer in den Kinderling arbeitet. sk Ihren Einstieg hatte sie über das

Ursula Biederbick ist Managerin bei Mann + Hummel und arbeitet Teilzeit.

Fotos: Lichtgut/Max Kovalenko

FÜHREN IN TEILZEIT: KARRIEREKICK ODER KARRIEREKNICK? Umstritten Deutschland diskutiert die Teilzeit-Führung kontrovers. Das stellt das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in einer Umfrage innerhalb des Projekts „Führung in der grenzenlosen Arbeitswelt“ fest. So führen nur 2,5 Prozent der 2500 befragten Führungskräfte in Teilzeit. Nach Angaben der Arbeitskräfteerhebung von Eurostat arbeiteten im vergangenen Jahr 6,5 Prozent der Führungskräfte mit reduzierter Stundenzahl. Die Einstellung zum Teilzeit-Führen verändert sich nur langsam: Zehn Jahre zuvor waren es 6,1 Prozent Teilzeit-Führungskräfte.

Mittelfeld Im europaweiten Vergleich ist Deutschland laut Eurostat im Mittelfeld. Spitzenreiter sind die Niederlande. Dort führte 2014 fast jede fünfte Kraft (17,4 Prozent) in Teilzeit, gefolgt von Großbritannien mit 10,9 Prozent. Schlusslicht ist die Tschechische Republik mit 1,6 Prozent. Frauenquote Damit überhaupt mehr Frauen Führungspositionen übernehmen, hat der Bundestag im März eine Frauenquote beschlossen. Von 2016 an sollen in den Aufsichtsräten von Großunternehmen 30 Prozent Frauen sitzen. Ende 2014 lag der Frauenanteil in

garten gebracht, das hat toll geklappt. Ich bin nicht bereit, in die Richtung zu denken, dass das auf den Arbeitsplatz oder die Leistung Auswirkungen haben sollte.

den Aufsichtsräten der 200 größten Unternehmen in Deutschland dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge bei 18,4 Prozent. In dessen Vorständen sind nur 5,4 Prozent Frauen. Literaturtipp Führen in Teilzeit ist möglich – davon ist auch Brigitte Abrell überzeugt, die seit mehr als zwölf Jahren bei einer großen deutschen Versicherung in Teilzeit führt. In ihrem Buch „Führen in Teilzeit“ (Springer Gabler) beleuchtet sie Voraussetzungen und Herausforderungen und gibt Umsetzungstipps und Praxisbeispiele. sk

modelle es anbietet. Paare werden immer gleichberechtigter und teilen sich die Kindererziehung. Arbeitgeber machen sich attraktiver, wenn sie die Präsenz flexibilisieren und sich überlegen, welche Positionen Warum sollten alle Unternehmen ihrenFüh- auf Teilzeit zuschneidbar sind. rungskräften Teilzeit anbieten? Weil ein Mensch nicht nur Führungskraft Fühlen Sie sich ausgeglichener und motivierist. Er hat eine Familie, für die er sorgen will ter als vorher? und die seine Ressource ist; er hat Kinder, Für mich funktioniert mein Modell hervordie er genießen und erziehen möchte; er hat ragend. Ich weiß, wo meine Ressourcen sind Hobbys und Interessen. Führungskräfte und wo ich Kraft auftanken kann. Ich kenne sind ausgeglichener und bringen im Job meine Prioritäten und weiß, wie ich sie umeine bessere Leistung, wenn sie alles unter setzen muss. Sobald man Ziele hat, stellt einen Hut bekommen, was sie möchten, man sich schon richtig in die Spur. Für mich und sich verwirklichen können. Ein Unter- ist das alles eine Frage der Einstellung. nehmen hat eine umso größere Auswahl an Führungskräften, je mehr Arbeitszeit- Das Gespräch führte Stefanie Köhler.


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Am Ball bleiben Seit Inkrafttreten des Mindestlohngesetzes Anfang 2015 haben unklare Regelungen in vielen Unternehmen zu Verunsicherung geführt. Von Lars Kuchenbecker

Mindestlohn

E

in Stück weit ist Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles den Arbeitgebern nach vielfacher Kritik entgegengekommen und hat seit August die Dokumentationspflichten gelockert. Außer bei saisonal Beschäftigten und Mitarbeitern mit stark schwankenden Arbeitszeiten müssen Unternehmen nur dann Beginn, Ende und Dauer der Arbeitszeit erfassen, wenn das regelmäßige Monatsentgelt des Arbeitnehmers weniger als 2000 Euro beträgt. Auch bei der Beschäftigung von Familienangehörigen entfällt die Aufzeichnungspflicht. Unternehmen drohen bei Verstößen gegen das Mindestlohngesetz (Mi„Sachleistungen statt des LoG) Haftungsansprüche, vollen Mindestlohns sind Ordnungswidrigkeitenverfahnur beschränkt möglich.“ ren oder der Ausschluss von der Vergabe öffentlicher AufLars Kuchenbecker, Fachanwalt träge. Mittlerweile gibt es Löfür Arbeitsrecht, über die Bezahlung sungsansätze für die meisten Umsetzungsprobleme in der Praxis, damit Arbeitgeber mit dem Thema rechtssicher umgehen können. Welche Vergütungsbestandteile zählen zum Mindestlohn? Entscheidend ist der im Kalendermonat erzielte Bruttoarbeitslohn, der mindestens das Ergebnis der Multiplikation der in diesem Monat geleisteten Arbeitsstunden mit 8,50 Euro darstellen muss. Zahlungen, die mehr als die eigentliche vertragsgemäße Leistung vergüten und einen darüber hinausgehenden oder anderen Zweck verfolgen, sind regelmäßig nicht anrechenbar. Das gilt für Qualitätsprämien, Trinkgelder, Überstunden-, Sonn- und Feiertags- oder Nachtzuschläge genauso wie für Arbeitgeberbeiträge zur betrieblichen Altersvorsorge. Akkord- und Stücklohn zählen hingegen zum Mindestlohn, wenn eine Aushilfe etwa ausschließlich Stücklohn zwischen 5,50 und 11,20 Euro pro Stunde erhält. Allerdings muss der im Kalendermonat ausgezahlte Bruttolohn geteilt durch die geleisteten Arbeitsstunden wiederum mindestens 8,50 Euro ergeben.

Weil nicht der Jahres-, sondern der Monatslohn maßgeblich ist, dürfen Einmalzahlungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld nur im Monat der Auszahlung angerechnet werden. Der Arbeitgeber kann sie nicht anteilig auf das monatliche Grundgehalt addieren, um auf den Mindestlohn zu kommen. Das Arbeitsgericht Berlin hat Änderungskündigungen für unwirksam erklärt, mit denen der Arbeitgeber einseitig eine Vertragsänderung durchsetzen wollte, die den Wegfall von Weihnachts- und Urlaubsgeld bei gleichzeitiger Erhöhung des Stundenlohns auf 8,50 Euro vorsah. Für Ergebnisbeteiligungen, Tantiemen, Provisionen und Leistungsboni gilt: Sie lassen sich berücksichtigen, wenn sie monatlich unwiderruflich ausgezahlt werden. Der Mindestlohn darf also nicht unterschritten werden, falls das für die Sonderzahlung vorausgesetzte Umsatz- oder Leistungsziel doch nicht erreicht wird. Manche Unternehmen wollen den Mitarbeitern zusätzlich Sachleistungen wie Essens- oder Tankgutscheine gewähren statt den vollen Mindestlohn zu bezahlen. Das ist nur eingeschränkt möglich, da das Gesetz auf Geldleistungen abzielt. Aus rechtlicher Sicht kann es sinnvoll sein, künftig auf Zuschüsse zum Kantinenessen oder für Fahrkarten zu verzichten und stattdessen die hierfür aufgewendete (Einmal-)Zahlung beispielsweise auf einen anteiligen monatlichen Abrechnungsmodus umzustellen. Fällig ist der Mindestlohn spätestens am letzten Bankarbeitstag des Monats, der auf den Monat folgt, in dem die Arbeitsleistung erbracht wurde. Flexibilität ermöglicht nur ein schriftlich vereinbartes Arbeitszeitkonto, in das der Arbeitgeber Überstunden einstellt. Diese muss er binnen zwölf Monaten durch Freizeit oder Zahlung des Mindestlohns ausgleichen. Länger können Überstunden nur dann auf dem Arbeitszeitkonto stehen, wenn das Gehalt so hoch ist, dass der Mindestlohn für alle geleisteten Arbeitsstunden einschließlich Überstunden erreicht wird. Al-

8,50 Euro Mindestlohn pro Stunde – gilt für alle Arbeitgeber, die Mitarbeiter in Deutschland beschäftigen. Fotos: fotolia, privat

lerdings dürfen die in das Arbeitszeitkonto eingestellten Überstunden nicht mehr als 50 Prozent der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit betragen. Strittig ist, ob sich Minusstunden mit nachfolgenden Plusstunden verrechnen lassen; das MiLoG sieht dies nicht explizit vor. Für Fehlzeiten hat das Bundesarbeitsgericht bereits klargestellt, dass Arbeitgeber den Mindestlohn auch an Feiertagen, im Krankheitsfall und bei Urlaub bezahlen müssen. Entsprechendes gilt für Bereitschaftszeiten bei Taxifahrern oder Wartezeiten während Lkw-Beladungen, was als Arbeitszeit gilt. Große Probleme bereitet das MiLoG im Hinblick auf Praktikanten. Freiwillige Orientierungs-, berufs- oder studienbegleitende Praktika müssen nach drei Monaten enden, wenn die Betriebe keinen Mindestlohn vergüten wollen. Häufig sind die Praktikanten nach diesem Zeitraum jedoch gerade eingelernt. Wird ein solches Praktikum verlängert, muss der Arbeitgeber für das gesamte Praktikum 8,50 Euro pro Stunde bezahlen. Nur Pflichtpraktikanten wie Diplomanden, Masterstudenten oder Absolventen von Praxisphasen in dualen Studiengängen können länger als drei Monate geringer bezahlt werden. Außerdem soll es zulässig sein, im Anschluss an ein Pflichtpraktikum noch ein freiwilliges Praktikum zu absolvieren. Wenn eine Firma Nachunternehmer beauftragt, um eigene Verpflichtungen aus einem Werk- oder Dienstvertrag zu erfüllen, haftet sie dafür, dass auch der Nachunternehmer so-

wie von ihm beauftragte weitere Subunternehmer gemäß MiLoG vergüten. Sonst können Mitarbeiter des Nach- oder Subunternehmers den Auftraggeber in Haftung nehmen und die Differenz zum Mindestlohn einfordern. Auftraggeber stehen also eventuell für Verstöße durch einen Dritten ein, den sie gar nicht kennen. Um diese Risiken zu begrenzen, sollten Nach- und Subunternehmer dem Auftraggeber schriftlich zusichern, dass sie ihren Mitarbeitern den Mindestlohn bezahlen, und der Firma entsprechende Kontrollrechte einräumen. In einer Freistellungserklärung kann geregelt werden, dass der Subunternehmer für Haftungsverpflichtungen seines Auftraggebers einstehen wird. Risikominimierung setzt aber früher an: Unternehmer sollten ihre Auftragnehmer sorgfältig auswählen und prüfen, ob sich das Angebot auch bei Zahlung des Mindestlohns rechnet. Wegen unklarer Regelungen im Gesetz und vieler offener Fragen müssen Unternehmer den Diskussionsstand im Blick behalten, um Ärger bei Kontrollen durch den Zoll und Strafen zu vermeiden.

DER AUTOR Lars Kuchenbecker Der Jurist, Jahrgang 1968, studierte Rechtswissenschaften an der Universität Bayreuth. Er ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner in der Wirtschaftskanzlei Menold Bezler in Stuttgart. Er berät vor allem mittelständische Unternehmen in allen Fragen des Individual- und Kollektivarbeitsrechts. red

MARKENBERATUNG | MARKENENTWICKLUNG | CORPORATE DESIGN | EMPLOYER BRANDING | PRODUKTKOMMUNIKATION | DIGITALE UND VERNETZTE KOMMUNIKATION | VERTRIEBSUNTERSTÜTZUNG

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Wirtschaftsprüfer Ein Beruf, der krisensicher ist, weil die Aufgaben gesetzlich vorgegeben sin

Brillante Analysten IT. „Der Prüfer muss kein IT-Profi sein, er hat Experten an seiner Seite“, sagt Rothkegel-Hoffmeister. Jedoch müsse er die richtigen Fragen stellen und die Antworten verstehen. Grundlegende IT-Kenntnisse sind also nötig. Kommunikationsfähigkeit auch. Die Experten aus anderen relevanten uf sie ist Verlass. Und mitunter Risikomanagement oder Compliance – die Bereichen sind Mitarbeiter der Prüfungssind sie gefürchtet: Sie kom- Kontrolle der Einhaltung gesetzlicher Vor- gesellschaft, des Mandanten oder Externe. men immer dann, wenn Unter- gaben. „Es kommen immer neue Aufgaben Ein reger Austausch findet statt. nehmen ihre Jahresabschlüsse hinzu“, sagt Brigitte Rothkegel-HoffmeisZwischen Prüfer und Mandant entsteht erstellt haben. Sie prüfen Bi- ter, Leiterin für Aus- und Fortbildung beim wegen ihrer jahrelangen Zusammenarbeit lanzen, durchforsten Rechnungen, sichten Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutsch- ein tiefes Vertrauensverhältnis. Der Prüfer Anhänge. Je größer das Unternehmen ist, land (IDW): „Wirtschaftsprüfer prüften im agiert auf Augenhöhe mit Geschäftsführern desto länger wühlen sie sich durch die vergangenen Jahr im Auftrag der Europä- und Vorständen. Dabei erfährt er automaDaten. Manchmal monatelang. ischen Zentralbank die Bilanzen von 130 tisch Insiderinformationen. „Man muss Ge„Busy Season“ heißt die Zeit von Herbst europäischen Großbanschäftsführer und Mitbis Frühjahr, in der Wirtschaftsprüfern die ken zur Vorbereitung arbeiter persönlich kenKöpfe rauchen. Sie stecken mitten in der auf die Einführung des nen“, sagt Gschrei, Hochsaison, weil sie die fälligen Abschluss- einheitlichen Aufschließlich prüften die berichte von Großunternehmen und Kapi- sichtsmechanismus.“ Prüfer auch Menschen. talgesellschaften kontrollieren – während Was nach einem tro„Durch den persönliandere Menschen ihr Heim weihnachtlich ckenen Beruf klingt, chen Kontakt lässt sich dekorieren, Geschenke kaufen und unbe- nennt Rothkegel-Hoffauch leichter feststellen, liebte Präsente umtauschen. Von der vielen meister einen abwechswie ehrlich jemand ist.“ Arbeit und den Überstunden des Prüfers lungsreichen und anLängst beschäftigen Foto: IDW bleibt nur das Testat übrig, ein knapper Be- spruchsvollen Top-Job sich Prüfer nicht mehr stätigungsvermerk, in dem er im Idealfall mit Zukunft. Tagelang „Es gibt keinen typischen nur mit Prüfungen. Sie den Jahresabschluss und Lagebericht eines allein im stillen Käm- Arbeitsalltag. Einsatzorte unterstützen MandanUnternehmens als korrekt beurteilt. merlein hocken undGeten als Unternehmens„Betriebswirtschaftliche Prüfungen, be- fahr laufen, unter ein- und Aufgabengebiete berater, Gutachter und sonders Jahresabschlüsse und Jahresbe- stürzenden Papierber- wechseln ständig.“ Sachverständige, treurichte auf Ordnungsmäßigkeit zu kontrol- gen begraben zu Brigitte Rothkegel-Hoffmeister, händerische Verwalter lieren, sind nicht nur die Hauptaufgabe von werden? Weit gefehlt! Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) oder Steuerberater. „Vor Wirtschaftsprüfern“, sagt Michael Gschrei, Zumal viele Daten allem im Mittelstand ist geschäftsführender Vorstand im Verband elektronisch geführt werden. Rothkegel- die Prüfungstätigkeit nicht so stark ausgefür die mittelständische Wirtschaftsprü- Hoffmeister: „Das Reizvolle an dem Beruf prägt“, sagt Gschrei, zwischen Prüfung und fung. „Die Wirtschaftsprüfung ist eine ho- ist, dass es keinen typischen Arbeitsalltag Steuerberatung werde nicht streng geheitliche Aufgabe. Sie ist vom Staat per Ge- gibt. Aufgrund der verschiedenen Mandan- trennt. Wer im Mittelstand arbeiten will, sei setz vorgesehen.“ 4 840 000 Euro Bilanz- ten wechseln Einsatzorte wie Aufgaben- daher mit dem Examen zum Steuerberater summe, 9 680 000 Euro Jahresumsatz, 50 gebiete ständig.“ sehr gut beraten, betont Gschrei. „Je kleiner Arbeitnehmer: Prüfen lassen müssen sich Wirtschaftsprüfer sind in allen Bran- eine Gesellschaft ist, desto weniger PrüfunUnternehmen, die mindestens zwei Krite- chen tätig. In der Regel arbeiten sie vor Ort gen macht sie, und desto eher werden die rien überschreiten. Vor allem Großunter- beim Mandanten in speziell eingerichteten Prüfer zu Generalisten ausgebildet.“ nehmen hätten auch eine Verantwortung Prüferzimmern in Teams, gerade in den Denn: kleinere und mittelständische für die Gesellschaft, da von ihrer Entwick- ersten Jahren ihrer Berufstätigkeit. „Der Gesellschaften betreuen tendenziell kleilung „letztlich das allgemeine Wohlstands- Prüfer muss sich mit dem Unternehmenje- nere und mittelständische Betriebe mit weniveau abhängt“, heißt es zur Erklärung auf des Mandanten intensiv auseinanderset- niger und kürzeren Prüfungen. Viele Mitdem Bildungsportal beruf-wirtschafts- zen. Vor allem muss er die Geschäftspro- telständler erwarten eine persönliche und pruefer.de. Gefälschte Bilanzen gefährden zesse, Kontrollen und Systeme verstehen, umfassende Beratung auf mehreren Gebiedas Niveau, deswegen werden unabhängige um einzuschätzen, wo die besonderen Feh- ten. „Gleichwohl gibt es auch im MittelPrüfer eingesetzt. lerrisiken liegen“, sagt Rothkegel-Hoff- stand und bei kleineren Praxen Spezialisie„Grundsätzlich lassen sich aber auch meister. Da die Systeme weitgehend IT-ba- rungen“, sagt Rothkegel-Hoffmeister. kleinere Unternehmen prüfen“, sagt siert seien, müsse der Prüfer die ZusamBerufseinsteiger sollten sich überlegen, Gschrei. Zum Beispiel, wenn Investoren menhänge der Geschäftsprozesse und der ob sie bei einer kleineren oder großen Gedas verlangen. Zu freiwilligen Prüfungen IT verstehen und seine Prüfmethodik da- sellschaft anfangen wollen. Praktika ergehören Gründungs-, Unterschlagungs- rauf aufbauen. Auf Basis der unternehme- leichtern die Entscheidung und sind bei der und Nachhaltigkeitsprüfungen, Umwelt- rischen Risiken legt er seine Strategie fest. mittelständischen Gesellschaft Ebner Stolz Audits oder Prüfungen im Rahmen von Auch bei der Umsetzung arbeitet er viel mit mit Sitz in Stuttgart ebenso gern gesehen wie bei Ernst & Young (EY) oder PricewaterhouseCoopers (PwC). Letztere zwei Gesellschaften gehören mit Deloitte und EXPERTEN MIT VIELFÄLTIGEM WISSEN KPMG zu den sogenannten Big Four, den Vorbildung von Wirtschaftsprüfern vier Marktführern, die als Arbeitgeber heiß Anzahl ingesamt und der Anteil der Frauen begehrt sind. Sie teilen sich fast die Hälfte des Marktes und zählen das Gros der 160 Unternehmen in den vier wichtigsten deutrechtswissenschaftl. Studium Anzahl insgesamt schen Aktienindizes Dax, M-Dax, S-Dax sonstige 8% 777 und Tec-Dax zu ihren Kunden. „In Sachen 818 32% Anteil der Frauen kein Hochschulstudium Internationalität und Mandatsumfang hat 20% 662 ein Karrierestart bei einem Unternehmen 11605 15% der Big Four sicher eine andere Dimension betriebswirtschaftl. als bei einer kleineren Gesellschaft“, sagt volkswirtschaftl. Studium Studium

Wirtschaftsprüfer erhalten tiefe Einblicke in Unternehmen – und haben glänzende Karriereaussichten. Doch dafür verlangt die Branche dem Nachwuchs einiges ab. Von Stefanie Köhler Berufsprofil

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16% 630

16% 85 landwirtschaftl. und technisches Studium StZ-Grafik: jev

eine Sprecherin von EY. Dort arbeiteten die Mitarbeiter über die verschiedenen Fachbereiche hinaus immer wieder in multidisziplinären Teams gemeinsam an (internationalen) Projekten. Auch PwC erwartet von Bewerbern Flexibilität und Mobilität. „Neben einem guten Studienabschluss sollten sie Beraterkompetenz und Teamfähigkeit mitbringen, eine hohe Einsatz- und Leistungsbereitschaft sowie die Fähigkeit, analytisch, konzeptionell und selbstständig zu arbeiten“, sagt ein Sprecher. Positiv wirkt auch Auslandserfahrung, die über einen Urlaub hinausgeht. Aus Sicht von Gschrei vom Mittelstandsverband sollten Prüfer sicher und stark auftreten. Zum Job gehöre auch Hartnäckigkeit. „Wichtig ist, seine Meinung gut zu vertreten, seiner Linie treu zu bleiben und sich nicht auf Diskussionen einzulassen.“ Besonders dann, wenn Betriebe, die beim Tricksen erwischt werden, Druck auf den Prüfer ausüben. Gschrei zufolge manipulieren Konzerne öfter als Mittelständler. In Konzernen haften die Aktionäre, nicht der Unternehmer selbst, der womöglich viel Eigenkapital investierte. Entdeckt ein Prüfer Schummeleien,offenbart sich spätestens dann sein wohl größtes Problem – der Interessenkonflikt: Er muss seinen öffentlichen Auftrag erfüllen, zugleich ist die gute Beziehung zum Mandanten lukrativ. Immer wieder wird die Unabhängigkeit von Prüfern angezweifelt. Hinzu kommt: Sie prüfen ausgewählte Prüfungsfelder stichprobenartig, nie das ganze Geschäft eines Unternehmens. Die Anforderungen an Prüfer sind hoch. Dafür sind sie gefragte Arbeitskräfte, da sie als brillante Analysten gelten. Und der Beruf ist krisensicher, selbst in schlechten Zeiten müssen Unternehmen sich prüfen lassen. „Die Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten sind für leistungsorientierte Menschen hervorragend“, sagt RothkegelHoffmeister vom IDW. Wer Karriere mache, arbeite weitgehend selbstbestimmt. Bei PwC hat der „klassische Karriereweg“ fünf Stufen. Berufsanfänger starten als Consultants, die den Profis zuarbeiten. Bis zum Partner-Status übernehmen die Prüfer als Manager oder Director zunehmend Aufgaben und Verantwortung. Dazu verpflichtet sind sie aber nicht, betont der Sprecher. „Nicht jeder hat das Interesse, Partner zu werden. Auch das akzeptieren wir und schaffen durch entsprechende Plateaukarrieren die Möglichkeit, dass ein Mitarbeiter auch auf einem gleichbleibenden Grad bei uns eine herausfordernde und spannende Tätigkeit findet.“ Ähnlich sieht es bei Ebner Stolz aus. „Wir orientieren uns an den Wünschen und Lebensplanungen des Einzelnen“, heißt es. Die Karrierestufen seien mit dem Status Prüfungsleiter/Steuerberater, Führungskraft und Partner bewusst flach gehalten.

% Quelle: Wirtschaftsprüferkammer

Nachwuchs scheut den Pr

Foto: fotolia

Die Prüferbranche sieht im Nachwuchsmangel die größte Herausforderung. Sie hofft, dass die Digitalisierung den Beruf attraktiver macht und auch technisch Versierte anlockt. Das zeigt die aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Lünendonk. Viele Gesellschaften wachsen, zugleich sind mehr als ein Drittel der Prüfer älter als 55 und scheiden bald aus dem Berufsleben aus, sagt Brigitte Rothkegel-Hoffmeister vom Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW). Neben dem schwierigen Examen schreckt die mächtige Prüferaufsicht ab. Junge Leute wollten laut Lünendonk-Studie nicht unter Dauerbeobachtung der Abschlussprüferaufsichtskommission APAK stehen und schon wegen kleinster Fehler Ärger bekommen. Zudem halten die Arbeitszeiten ab, die gerade von Herbst bis Frühjahr von Überstunden geprägt sind. „In vielen Gesellschaften können die Prüfer das Plus jedoch für die Vorbereitung auf die Berufsexamina nutzen oder in weniger stressigen Zeiten in Freizeit umwandeln“, sagt Rothkegel-Hoffmeister. Damit Beruf und Familie sich grundsätzlich besser vereinbaren lassen, seien flexible Arbeitszeitmodelle und Homeoffice in vielen Praxen selbstverständlich. Der Marktführer PricewaterhouseCoopers (PwC) setzt auf Work-Life-Choice: Mitarbeiter


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tuttgarter Nachrichten ember 2015

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Sechsstelliges Gehalt möglich Einsteiger verdienen als Wirtschaftsprüfungsassistenten im Schnitt 36 000 bis 39 000 Euro im Jahr. Gesellschaften mit mehr als 1000 Mitarbeitern zahlen ein höheres Gehalt – 41 000 bis 48 000 Euro. Noch mehr Geld gibt es bei den Big Four, den vier größten Gesellschaften EY, PwC, KPMG und Deloitte. Das hat das Vergleichsportal www.gehalt.de ermittelt, eine Tochterfirma der Vergütungsberatung Personalmarkt. Anfänger mit einem Masterabschluss verdienen 2000 bis 5000 Euro mehr im Jahr als Absolventen mit Bachelor. Mit bestandenem Berufsexamen, zunehmender Berufserfahrung und in Führungspositionen steigt das Gehalt. Die Aufgaben und Tätigkeiten bestimmen maßgeblich die Entlohnung, heißt es bei gehalt.de: Nach dem Examen verdienen Wirtschaftsprüfer zwischen 40 000 und 55 000 Euro. Senior-Wirtschaftsprüfer bekommen im Schnitt jährlich 90 000 Euro. Als Partner einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gibt es nach oben keine Grenzen – sofern das Unternehmen erfolgreich ist. sk Zahlen unter der Lupe – auch das gehört zur Arbeit des Wirtschaftsprüfers.

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Der steinige Weg zum Wirtschaftsprüfer Der Einstieg in die Wirtschaftsprüfung erfolgt klassischerweise über ein Studium. Prinzipiell ist es egal, welche Richtung man wählt. Laut Wirtschaftsprüferkammer (WPK) haben vier Fünftel der derzeit 14 577 Wirtschaftsprüfer in Deutschland Betriebswirtschaftslehre studiert. Der Beruf erfordert viel betriebswirtschaftliches Wissen. Nach dem Studium müssen die Absolventen als Consultants oder Assistenten drei bis vier Jahre Berufserfahrung in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sammeln, bevor sie das Examen zum Wirtschaftsprüfer ablegen können. Nur mit bestandenem Examen werden sie zu Wirtschaftsprüfern bestellt. Kandidaten ohne Studium müssen mehr als zehn Jahre Berufspraxis vorweisen. Sie sind mit einem Anteil von unter fünf Prozent aber eine Ausnahme. Alternativ bereiten Masterstudiengänge gezielt und berufsbegleitend auf das WP-Examen und den späteren Job vor. Bis zum Examen legen mehr als 85 Prozent der Frauen und Männer das Examen zum Steuerberater ab. Das WP-Examen gilt als extrem schwierig, ist deshalb gefürchtet – und mit ein Grund für sinkende Bewerberzahlen. 2014 haben der WPK zufolge 57,2 Prozent der Teilnehmer bestanden, weitere 15 Prozent hatten die Option,

Teile zu wiederholen. Experten raten, sich mit speziellen Seminaren gründlich vorzubereiten. Die WPK listet auf ihrer Internetseite www.wpk.de Einrichtungen auf. Weil der Nachwuchs vor dem Examen in der Regel stark in den Arbeitsalltag eingebunden ist, bleibt ihm wenig Zeit für die nötige intensive Vorbereitung. Viele Gesellschaften stellen die jungen Leute daher eine Zeit lang frei. Mit bestandenem Examen haben die Prüfer aber längst nicht ausgelernt. Sie müssen sich permanent weiterbilden, etwa weil die Gesetze zur Bilanzierung oder zu Steuern sich ständigändern oder verschärfen. Brigitte RothkegelHoffmeister, Leiterin für Aus- und Fortbildung beim Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IDW), formuliert es so: „Wer sich für den Berufseinstieg in der Wirtschaftsprüfung entscheidet, muss ein hohes Maß an Lernbereitschaft mitbringen.“ sk

Prüfer als Berater

Viele Wirtschaftsprüfer setzen zunehmend auf Beratung und verdienen damit mehr Geld als mit Prüfungen. Foto: fotolia

Wirtschaftsprüfer setzen zunehmend auf Unternehmensberatung. Damit verdienen sie mehr Geld als mit Prüfungen. Laut Experten macht die Prüfung in einigen Gesellschaften weniger als ein Viertel des Umsatzes aus. „Prüfer erlangen aufgrund der klassischen Prüfungstätigkeit detailliertes Fachwissen über die Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle und Märkte“, sagt Brigitte Rothkegel-Hoffmeister vom Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW). Zugleich wüssten sie viel über Zusammenhänge und Trends in der Wirtschaft. „Das Fachwissen qualifiziert die Prüfer, Unternehmen zu beraten.“ Was Kritikern missfällt. Aus ihrer Sicht leiden die Prüfungsqualität, Objektivität und Neutralität. Für Unmut sorgt die Marktmacht der Big Four, die vier größten Prüfungsgesellschaften EY, PwC, KPMG und Deloitte. Sie beherrschen in Europa mehr als vier Fünftel des Marktes, kontrollieren in Deutschland die Bilanzen fast aller wichtigen Aktiengesellschaften – und beraten sie auch. Entsprechend sträubten sich die Big Four gegen die Pläne der EU, gleichzeitige Prüfung und Beratung zu verbieten oder einen Prüfer-Wechsel nach spätestens sechs Jahren zu verordnen. Damit wollte die EU weitere Bilanzskandale verhindern: In der Finanzkrise hatten Prüfer aus Interessenkonflikten zu spät vor Problemen von Banken gewarnt. Kritiker weisen ihnen daher eine Mitschuld an der Krise zu. Beratung ist weiter erlaubt. Prüfer dürfen Konzerne zwar nur noch zehn Jahre prüfen und müssen dann wechseln. „Die Laufzeit kann aber durch Ausschreibungen auf 20 Jahre ausgedehnt werden“, sagt Michael Gschrei, geschäftsführender Vorstand im Verband für die mittelständische Wirtschaftsprüfung. sk

Beim Mandanten ist das zweite Zuhause aus der Wirtschaftsprüfung, sondern auch aus der IT-Abteilung, Steuerberatung oder Transaktionsberatung, wenn Hochrein Unternehmensbewertungen macht. Die Zusammenarbeit mit Menschen aus verins stand für Karen Hochrein (54) im- möglichst schnell eine Führungsposition zu schiedenen Disziplinen empfindet Hochmer fest: Sie will später Karriere ma- bekleiden, zahlte sich rasch aus: Fünf Jahre rein als spannend. chen und Geld verdienen. Aufgrund nach ihrer Bestellung zur WirtschaftsprüfeSo unterschiedlich Unternehmenschefs ihrer Leidenschaft für Mathematik und rin schaffte Hochrein im Jahr 1997 die Auf- sein mögen – nach 30 Jahren Berufspraxis analytisches Denken spielte sie mit dem nahme in die Partnerschaft und wechselte hat Hochrein festgestellt, was für alle BranGedanken, Steuerberaterin zu werden. Den bald danach nach Stuttgart. Damals hatte sie chen und Größen gilt: Prüfungssituationen Beruf der Wirtschaftsprüferin hielt sie je- noch in Hamburg für eine Wirtschaftsprü- sind für Unternehmen nie einfach und kosdoch für noch interessanter, extrem fungsgesellschaft gearbeitet, die nach der ten auch die Mandanten viel Arbeit. „Die vielfältig und mit mehr Möglichkei- Jahrtausendwende mit ihrem jetzigen meisten möchten alles richtig machen und ten verbunden, viele Unterneh- Arbeitgeber Ernst & Young (EY) fusionierte. sind dankbar für VerbesserungsvorschläDie Vielfältigkeit schätzt Hochrein an ge.“ Für gewöhnlich auch dann, wenn die men intensiv kennenzulernen. „Und ich habe schon immer ihrem Job am meisten, und als Prüferin Unregelmäßigkeiten gern mit Menschen zusam- Partnerin hat sie zudem be- „Wenn ich beim in den Zahlen entdeckt wie ein mengearbeitet. Viele Kollegen sonders viele Freiheiten. „Je Mandanten bin, Missverhältnis zwischen Umund ehemalige Mandanten höher man aufsteigt, desto ist das wie nach satz und Wareneinsatz. Dann sind Freunde geworden“, sagt mehr kann man mitwirken ist Fingerspitzengefühl geHochrein, die auch Denksport- und gestalten“, sagt Hochrein. Hause kommen.“ fragt, sagt Hochrein – gezielFür sich selbst hat sie be- Karen Hochrein, Aufgaben liebt. ten Betrug erlebt sie selten. Sie absolvierte nach ihrem schlossen, dass sie neben der Partnerin bei Ernst & Young Die Prüfung sei nicht darauf Studium der Betriebswirtschafts- Prüfungstätigkeit auch interausgelegt, Schummeleien auflehre an der Universität Hamburg ne Management-Funktionen übernehmen zudecken, dennoch sei ein Anfangsverdas Examen zur will. Als Talent Leader beispielsweise gehö- dacht möglich. Mit der Zeit entwickle man Steuerberaterin ren Einstellungen und Ausbildungen zu ein Gespür dafür. Im Zweifelsfall bespricht und strebte dann ihrem Arbeitsalltag. Hochrein sich mit der Geschäftsführung Trotz ihrer Begeisterung für Recruiting oder den Aufsichtsräten, gegebenenfalls konsequent das Examen will Hochrein die Wertschätzung, die sie als werden Spezialisten für Sonderprüfungen zum Wirt- Prüferin von Auftraggebern erfährt, nicht herangezogen. schaftsprü- missen. „Wenn ich bei einem Mandanten Ausgleich zum Job, der sie vor allem in fer an. Ihr bin, ist das wie nach Hause kommen.“ Als der Hauptprüfungssaison und auf Reisen E h r g e i z , Partnerin betreut sie hauptsächlich in der fordert, findet Hochrein beim Joggen, im Region Stuttgart mehrere Mandanten Garten oder in der Küche. „Ich koche ungleichzeitig – vorwiegend Großunterneh- glaublich gern.“ Ihre Ziele habe sie mehr als men und Konzerne aus allen Branchen, in erreicht. Wechsel in ein Unternehmen wadie sie sich gerade zu Beginn ihrer Berufs- ren immer nur Überlegungen – und bleiben tätigkeit tief einarbeiten musste. Je nach es vermutlich auch. „Bei EY hatte ich imUnternehmensgröße sitzen bis zu zehn mer hervorragende Karriereaussichten“, Kollegen im Prüferteam. Sie sind nicht nur sagt Hochrein. Eine Tätigkeit als Aufsichtsratsmitglied bei EY kann sie sich dagegen vorstellen. In einigen Jahren. Vielleicht. Karen Hochrein löste schon immer gern Denksport-Aufgaben. Für diesen Posten müsste sie nämlich ihre Seit 30 Jahren ist sie Wirtschaftsprüferin. Foto: Lg/Max Kovalenko geliebte Tätigkeit als Partnerin aufgeben.

Als Partnerin bei EY schätzt Karen Hochrein die Vielfältigkeit – und die Wertschätzung ihrer Auftraggeber. Von Stefanie Köhler

Porträt

E

Prüferberuf sollen die Wahl haben. „Der Einzelne muss sich überlegen, wie für ihn die persönliche Balance zwischen Arbeit und Privatleben aussehen soll“, sagt ein Sprecher. Ein Jahresarbeitszeitkonto ermögliche es, so zu arbeiten, wie die jeweilige Arbeitssituation und der persönliche Bedarf es erfordern. Die Flexwork-Regelung erlaube es Mitarbeitern, „egal von welchem Ort aus ihrer Tätigkeit nachzukommen. Natürlich muss das mit den Anforderungen des Mandanten vereinbar sein.“ Auch PwC stellt einen enger werdenden Bewerbermarkt fest. Dennoch hätten sich 2014 mit mehr als 53 000 Kandidaten 15 Prozent mehr als im Vorjahr beworben. Die mittelständische Gesellschaft Ebner Stolz will künftig noch mehr Praktika bieten, um das Interesse am Beruf zu steigern. Zudem wolle man sich auch Studenten mit anderen Studieninhalten als Wirtschaftsprüfung und Steuern öffnen. „Diesen erleichtern wir mit Quereinsteigerschulungen den Einstieg und zeigen ihnen Karriereperspektiven in unserem Unternehmen auf“, heißt es. Wechsel zu Mandanten sind üblich und erwünscht. Experten vermuten eine Fluktuation von bis zu 20 Prozent. Ihre Tätigkeit verschafft Prüfern tiefe Einblicke in Unternehmen sowie Insiderwissen, das an der Öffentlichkeit und selbst an Mitarbeitern vorbeigeht. sk


14 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

Arbeiten und studieren Top-Talente verbinden beim Studium ihren Master mit der Unternehmenskarriere. Dabei: je mehr Fremdsprachen einer kann, desto besser. Von Oliver Schmale

Weiterbildung FH Reutlingen

E

twas außerhalb der Stadt, auf einer kleinen Anhöhe gelegen befindet sich das Gelände der Hochschule Reutlingen. Auf dem Campus, der früheren Fachhochschule, mit seinen teilweise flachen Bauten sind die Wege kurz und alles ist für die Studenten fußläufig erreichbar. Die Universität hat keine Gebäude in der City der rund 110 000 Einwohner zählenden Stadt, die nach Ulm die größte Kommune des Regierungsbezirks Tübingen ist. Die Hochschule bildet seit Jahrzehnten den Nachwuchs für den Mittelstand des Landes mit aus. Gleichzeitig hat sie seit jeher einen Schwerpunkt auf den Bereich Weiterbildung gelegt – die Umsetzung oblag lange Zeit der Exportakademie. Sie hatte unter anderem Lehrgänge und Seminare, Aus- und Weiterbildung für das „internationale Geschäft“ angeboten. In die Fußstapfen der einstigen Exportakademie ist die im Jahr 2008 ins Leben gerufene gemeinnützige Knowledge Foundation an der Hochschule Reutlingen getreten. Eine private Stiftung bürgerlichen Rechts, die berufsbegleitende Studienprogramme und berufliche Weiterbildung und Beratung anbietet. Die Plätze an der akademischen Weiterbildungseinrichtung sind begehrt: Gab es im Jahr 2009 erst 50 Teilnehmer, „Wir sieben noch einmal sind es inzwischen rund 500, aus. Wichtig ist bei wie Dietmar Höller, geschäftsdem Auswahlgespräch, führender Vorstand, berichtet. „Weiterbildung ist nicht dass wir sehen, dass die gleich Weiterbildung“, sagt Kandidaten über den der frühere Manager bei Tellerrand hinausblicken.“ einem Industrieunternehmen BWL-Professor Tobias Schütz über das und betont, dass sich das AnAuswahlverfahren für den Studiengang gebot in Reutlingen hauptsächlich an Berufstätige mit entsprechender akademischer Vorbildung richtet. Der berufsbegleitende Masterstudiengang steht dabei klar im Fokus. Das ist der Unterschied zu den klassischen Masterstudiengängen. „Bei ihnen muss der Teilnehmer komplett aussteigen, und das scheuen viele“, sagt Tobias Schütz, der Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule lehrt. Sie arbeitete mit der Weiterbildungseinrichtung sehr eng zusammen. Ihre Dozenten bilden die Teilnehmer teilweise mit aus und sie nimmt nachher gleichfalls die Prüfungen ab. Die Einrichtung legt mit ihrem „Smart Master Concept“ genannten Programm einen Schwerpunkt auf den Bereich Industrie und Handel. Dort arbeitet sie mit Unternehmen aus der Region zusammen: Hewlett-Packard, IBM, Aldi Süd oder auch Festo – um nur einige zu nennen. Diese Firmen bieten in der Regel ihren Mitarbeitern die Weiterbildung aus mehreren Gründen an. Erstens, um Talente zu gewinnen, wie Schütz berichtet. Und zweitens, um sie auch längerfristig halten zu können. Bis die Mitarbeiter den Master in der Tasche haben, dauert es zwei Jahre. Wer einen der begehrten Plätze bekommt, kann sich glücklich schätzen. Denn zuerst wählen die Unternehmen ihre Kandidaten aus. „Wir sieben dann noch einmal aus“, sagt Schütz. Das Auswahlgespräch dauert bis zu einer Stunde. Da wird dann der Lebenslauf diskutiert oder einmal schnell die Konversationssprache gewechselt, um zu sehen, wie fit der Kandidat in den Fremdsprachen ist. Das Beherrschen

EIN STUDIUM REICHT OFT NICHT Lebenslanges Lernen Ein erster Schul- oder Studienabschluss markiert heute nicht mehr das Ende eines Bildungsweges, sondern die Startposition für weitere Qualifizierungen. Lebenslanges Lernen gewinnt deshalb eine immer stärkere Bedeutung. Die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung muss deswegen erhöht werden, heißt es aus dem Haus von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird die Zahl der Vollzeitstudierenden, die nach dem Schulabschluss ein Hochschulstudium absolvieren, wegen des demo-

grafischen Wandels zurückgehen. Deshalb erschließt sich im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung ein neues und zukunftsorientiertes Betätigungsfeld für die Hochschulen. Studiengänge Es gibt aktuell 40 berufsbegleitende Bachelorstudiengänge (von 1151 Bachelorstudiengängen insgesamt) und 207 Masterstudiengänge (von 1022 Masterstudiengängen insgesamt) an staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen im Land. Die meisten Angebote sind im Bereich BWL, im Ingenieurwesen, Pflege-/Gesundheitswesen. os

von Englisch wird vorausgesetzt, denn einzelne Lehrveranstaltungen werden in der Sprache abgehalten. Je mehr Fremdsprachen, umso besser – gemäß dem Ziel: Top-Talente verbinden ihren Master mit der Unternehmenskarriere. „Wichtig ist bei dem Auswahlgespräch, dass wir sehen, dass die Kandidaten über den Tellerrand hinausblicken“, so der Betriebswirtschaftsprofessor. Weder Schütz noch Höller wollen sagen, was die Unternehmen für die Weiterbildung zahlen müssen. Nur zu folgender Aussage ist der geschäftsführende Vorstand bereit: „Die Unternehmen greifen ordentlich in die Tasche.“ Die Gebühren für die Ausbildung dürften sich aber sicherlich im oberen Viertel im Vergleich zu anderen Institutionen bewegen. An der Hochschule Reutlingen, an der es rund 6000 Studierende gibt, wird Internationalität schon seit jeher großgeschrieben. Das wird auch beim Gang über den Campus deutlich. Deutsch ist eine von mehreren Sprachen, in denen sich Studenten oder die Teilnehmer der Weiterbildungskurse unterhalten. Trotz der Diskussion über den demografischen Wandel machen sich Höller und Schütz keine Sorgen um ein eventuell nachlassendes Interesse von Teilnehmern. „Wir merken keinen Rückgang bei den Bewerberzahlen“, sagt Schütz. Im Bereich Industrie und Handel sind die Teilnehmer im Schnitt zwischen 23 und 25 Jahre alt. Im Bereich Gesundheitsökonomie sind sie etwas über 30 Jahre alt und bei den Angeboten für ausscheidende Offiziere bis zu 35 Jahre alt. Die Bundeswehrangehörigen haben hier die Möglichkeit, ihr Wissen aufzufrischen, und erhalten zugleich eine breite, betriebswirtschaftliche Ausbildung. Damit soll sichergestellt werden, dass sie es nach dem Ausscheiden als Berufssoldat einfacher haben, in der freien Wirtschaft Fuß zu fassen. Die Berufsoffiziere haben normalerweise schon bei der Bundeswehr ein entsprechendes Studium an einer der beiden Hochschulen absolviert. Wachstumschancen sieht die Weiterbildungseinrichtung ganz klar im Bereich Industrie und Handel. Dort bastelte sie auch schon an weiteren Angeboten. „Das Geschäftsfeld Pflege wächst. Aber das sind nicht die Berufsfelder, die Masterstudiengänge erfordern“, sagt Höller. Die berufsbegleitenden Masterstudiengänge umfassen zwischen 64 und 75 Unterrichtstage. Sie starten einmal im Jahr – Anfang Oktober. Je Semester gibt es bis zu 25 Präsenztage. Die in Blöcken von drei bis fünf Tagen in der Regel in zwei Wochenabschnitten absolviert werden. Für die Abschlussarbeit sind die letzten sechs Monate des Studiums vorgesehen. Die Teilnehmer bekommen nicht nur die klassischen Professoren zu Gesicht, sondern an einem Tag kommt auch ein Nachfahre des Freiherrn Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge nach Reutlingen, um den jungen Leuten den letzten Schliff in Sachen Umgang zu geben. Oder im Bereich „Strategic Sales Management“ macht Tim Taxis in der schwäbischen Provinz halt. Er ist 2012 als Trainer des Jahres ausgezeichnet worden und schult in der Regel nicht den Nachwuchs, sondern die, die es schon geschafft haben – beispielsweise Partner von der Unternehmensberatung Roland Berger. Patrick Scheil ist gerade auf der Zielgeraden bei seinem Master, den er im Bereich des strategischen Vertriebsmanagements macht. Solche Dozenten wie Taxis bekomme man nicht an jeder Hochschule geboten, sagt der 24-Jährige, der bei IBM arbeitet und zuerst einen Bachelor in Wirtschaftsinformatik gemacht hatte. Den Vertrieb habe er sich ausgewählt, weil er sich „etwas von der Technik entfernen wollte“. Vier Tage ist er normal im Unternehmen, und am fünften Tag in der Woche kümmert er sich in der Regel um sein Studium. In der Regel ist er alle zwei bis drei Wochen für mehrere Tage in Reutlingen. Er sieht in Reutlingen vor allem den Praxisbezug bei der Ausbildung besonders positiv. Als Beispiel nennt er das Thema internationale Verhandlungsführung. Da habe es erst den theoretischen Teil gegeben und danach sei dies gleich praktisch mit Fallstudien umgesetzt worden, erklärt der junge Mann, der bei IBM im Vertrieb für die öffentliche Hand tätig ist. Die Verhandlungen würden durchgespielt und danach komme gleich die Manöverkritik.

Austausch unter Studenten an der Hochschule Reutlingen, wo auch Vorlesungen in Englisch laufen

Außenansicht des Gebäudes mit Campus

Über Texten brüten – manchmal auch unter freiem Himmel Fotos: Hochschule Reutlingen

Simon Pieper hat sich für „Business Process Management“, also dem Management komplexer Geschäftsprozesse, eingeschrieben. Der Teilnehmer, der bei Hewlett-Packard arbeitet, erklärt, für ihn baue das Studienprogramm perfekt auf dem Wirtschaftsinformatik-Grundstudium auf. „Vieles davon kann ich bereits jetzt in meinem Unternehmen im täglichen Geschäft umsetzen.“ Und Alexander Artamonow, ein Absolvent und beim gleichen Computerkonzern tätig, fügt hinzu: „Statt trockenen Frontalunterrichts bekommen die

Teilnehmer abwechslungsreiche Möglichkeiten, über aktuelle Herausforderungen aus der Praxis auf Augenhöhe mit Dozenten zu diskutieren.“ Dadurch gewännen sie nützliche Expertentipps, die sofort im Geschäftsleben umgesetzt werden könnten. Und das wird alles in einer Region gelehrt, die mit folgendem Slogan wirbt: „Willkommen. Ab hier beginnt die Zukunft.“ Und in der Unterzeile heißt es dann: „Zukunft – wir haben schon einmal angefangen.“ An der Hochschule tickt die Uhr einfach etwas schneller.


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16 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

Der Tiefstapler

Persönliches Stephan Arnold

Ausgefragt

Für ihn zählen Menschen mehr als G

ewinnziele

Eric h Harsch

ist Chef von dm, Europas größtem Dro geriekonzern. Im Fragebogen verrät er, warum ein Chef nicht wie ein Marion ettenspieler die Puppen tanzen lassen darf. Was macht einen guten Chef aus

? Dass er sich selbst nicht als Chef begr eift, der als Marionettenspieler die Puppen tanzen lässt, sondern als Vera licher im Sinne des Ganzen. Als solc ntworther hat er dafür zu sorgen, dass Betr offene zu Beteiligten gemacht wer viele Freiräume wie möglich für eige den und so nverantwortliche initiative Gestaltu ng entstehen, damit sich alle an ihre gaben weiterentwickeln können. n AufUnd welche Eigenschaften davon

haben Sie? Dieser Leitgedanke bewegt mich imm er, und ich versuche, ihn konsequ ent in meiner Verantwortung und nen Entscheidungen zu beherzigen bei mei. Ob mir das im Wesentlichen gelingt, müssen Sie meine Kolleginnen und gen fragen. KolleWie kommt man so weit wie Sie?

Indem man nicht nach der Karrier e schielt, sondern immer das, was man gerade macht, so gut wie möglich bear und sich dabei weiterentwickelt. beitet

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Glück gehört immer dazu. Stellen Sie sich mal vor, ich hätte vor 34 Jah ren die Anzeige nicht gelesen, als in terreichischen Tageszeitung für eine einer ösTätigkeit bei dm inseriert wurde. Abe r Glück allein reicht ja nicht, es mus mit dem Zutrauen der Menschen und dem eigenen Händchen verbinde s sich n, so dass letztlich das Glück oft dem tigen gehört. Tüch-

Stephan Arnold (52) wird zum 1. April 2016 neuer Technikvorstand beim Maschinenbauer Schuler in Göppingen. Er folgt auf Joachim Beyer (60), der das Unternehmen mit Auslaufen seines Vertrags im April nächsten Jahres auf eigenen Wunsch verlassen wird. Der promovierte Ingenieur Arnold ist seit 2010 Leiter Konzernentwicklung bei Miele. Zuvor war er 13 Jahre in verschiedenen Managementpositionen im VolkswagenKonzern tätig – unter anderem leitete er Projekte zur Elektromobilität und verantwortete die Montage Prototypenbau Pkw. Schuler ist Weltmarktführer in der Umformtechnik und stellt unter anderem Pressen her. Der Jahresumsatz mit rund 5300 Mitarbeitern lag zuletzt bei 1,2 Milliarden Euro. imf

Brauckmann, Franz und Möltgen

Drei neue Vorstände bei Berner Das Handelsunternehmen Berner in Künzelsau erweitert den Vorstand um drei Personen, nachdem Christian Berner das Unternehmen mehr als ein Jahr als Alleinvorstand geführt hat. Neu an Bord seit Oktober sind Finanzchef Ingo Brauckmann (45), Logistik- und Produktionschef Mischa Franz (44) und seit Anfang November Christoph Möltgen (48) als neuer IT-Direktor. Brauckmann war zuvor unter anderem bei Henkel, DHL und der Redeem Group tätig, Franz kommt von der SCA Group und Möltgen von der Otto Group. imf

Peter Lake

Was ist typisch für Ihren Arbeits

alltag? Im Gespräch mit Menschen Beiträge zur Bewusstseinsbildung zu leisten, denn das ist die wahre Führungsar heutigen Zeit und nicht das Definie beit der ren von Leitvorgaben oder Anweisu ngen.

Was würden Sie heute anders ma

chen? Das ist eine sehr hypothetische Frag e, denn man ist zwar hinterher imm er schlauer, aber niemals wieder wirk der gleichen Situation, weder vom lich in Geist her noch vom Gemütszustand. Und ich schaue lieber nach vorne, ohnehin immer zu knappe Zeit mit als meine Gedanken über „Was wäre, wenn das ode r jenes gewesen wäre?“ zu verschw Eigentlich kann man nur sagen, dass enden. sicher vieles anders gewesen wäre mit heutigem Wissen, weil sonst hätt der Zwischenzeit ja nichts dazugele e man in rnt. Von wem können Sie am ehesten

Kritik einstecken? Von jedem, aber nicht immer. Das soll sagen, dass ich grundsätzlich für jede Kritik offen sein möchte, auch mir situationsbedingt, wie wohl den wenn es meisten Menschen, nicht immer geli ngt.

Womit können Kollegen Sie nerven

? Eigentlich nur sehr schwer, denn der respektvolle Umgang mit Anliegen der Kollegen sollte selbstverständli Was mich stören kann, aber zum Glü ch sein. ck nicht so häufig vorkommt, sind Verhaltensweisen, die am partikul nutzen orientiert sind statt am gan aren Eigenzheitlichen Interesse. Oder die For malismus oder Bürokratie statt Prozess denken zum Nutzen der Menschen – für Kunden wie für Mitarbeiter – zum Fokus haben. Und umgekehrt?

Mit zu vielen Fragen.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Offen zu sein für Neues und sich und den anderen viele Fragen stellen. Und zu schauen, ob es bei dem Unternehmen, für das ich mich interessiere, um die Mensche n geht oder um Gewinnziele.

Was macht Sie leistungsfähig?

Die klare Überzeugung, dass ich für meine Motivation und Leistungsfä higkeit niemand anderen außer mich selbst verantwortlich machen kann.

ZF schafft Markt-Vorstand Der Vertriebsvorstand von ZF TRW, Peter Lake, ist seit 1. Oktober neuer Vorstand beim Autozulieferer ZF Friedrichshafen. Er verantwortet auch das Vorstandsressort Markt im ZF-Konzern. Der 59-Jährige war seit 2002 bei TRW Automotive (jetzt ZF TRW) in den USA zuständig für den Vertrieb und die Geschäftsentwicklung. Der Betriebswirt Lake soll das Produktportfolio von ZF weltweit vermarkten. Bislang führte Vorstandschef Stephan Sommer das Ressort Markt. Sommer gibt dies nun ab an Lake und verantwortet weiterhin das Service-Geschäft von ZF sowie Forschung und Entwicklung. imf

Christoph Hoppe

Wechsel bei Thales Christoph Hoppe (52) steht seit September an der Spitze von Thales Deutschland. Der promovierte Politikwissenschaftler kommt vom Luftfahrtzulieferer Premium Aerotec. Hoppe begann seine berufliche Laufbahn 1989 nach dem Studium der Internationalen Beziehungen an der Georgetown University in Washington, D.C., bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Seine industrielle Laufbahn startete er 1995 bei der Dasa, einem Vorgängerunternehmen von EADS. Thales ist ein weltweit führender Technologiekonzern in den Märkten Verteidigung und Sicherheit, Luft- und Raumfahrt sowie Transport. Thales Deutschland sitzt in Ditzingen und ist die drittgrößte Landesorganisation im Konzern. Mit rund 3400 Beschäftigen machte sie 700 Millionen Euro, der Konzernumsatz lag bei 13 Milliarden Euro. imf Foto: Thales

Haben Sie Vorbilder?

Es gibt ganz viele Menschen, von den en ich viel gelernt habe und hoffentl ich noch zukünftig lernen werde. Abe war nie der Typ, der ein bestimmtes r ich Idol angehimmelt hat, sondern mei nes Erachtens ist es die höchstpersö Verantwortung jedes Einzelnen, aus nliche den vielfältigen Eindrücken und Lern schen Weg zu finden und zu formen. möglichkeiten seinen eigenen auth enti-

Foto: ZF

Katrin Hummel und Andreas Kräutle

Doppelspitze bei Hahn + Kolb

Foto: Hahn + Kolb

Wechsel an der Spitze des zum Würth-Konzern gehörenden Werkzeug-Dienstleisters Hahn + Kolb in Ludwigsburg: Ab 1. Dezember 2015 bilden Katrin Hummel und Andreas Kräutle die neue Geschäftsführung. Sie lösen den bisherigen alleinigen Geschäftsführer Gerhard Heilemann ab, der das Unternehmen verlässt. Hummel, seit 2003 Einkaufsleiterin bei Hahn + Kolb und seit 2006 Mitglied der Geschäftsleitung, verantwortet Einkauf Logistik und Marketing, Kräutle Vertrieb und Finanzen. Er ist darüber hinaus Geschäftsbereichsleiter Werkzeuge in der Würth-Gruppe. Hahn + Kolb erzielte 2014 einen Umsatz von 218 Millionen Euro. Das Unternehmen, dessen Wurzeln ins Jahr 1898 zurückreichen, beschäftigt rund 850 Mitarbeiter. imf

Der Kunde steht für ihn im Vordergrund: dm-Chef Erich Harsch. Seit Mai 2008 steht er an der Spitze des Drogeriekonzerns. Fotos: dpa

Foto: Hahn + Kolb

E

rich Harsch ist keiner, der sich ins Rampenlicht drängt. Er wolle schon was erreichen, hat er einmal gesagt, „aber ich bin kein Karrieretyp mit Ellbogenmentalität“. Bei den Bilanzkonferenzen der Karlsruher Drogeriekette dm kündigt er regelmäßig eine langweilige Veranstaltung an, weil es bei seinem Unternehmen nichts Neues gibt. Das heißt übersetzt: dm ist schon wieder gewachsen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat dm beim Umsatz europaweit zum ersten Mal die Neun-MilliardenEuro-Marke geknackt. Aber auch das ist in der Philosophie des Unternehmenschefs kein Grund zum Angeben. Weil es nicht das ist, worum es ihm eigentlich geht: Für dm ist Erfolg nicht das Ziel, so sagt Harsch immer, sondern die Folge des Handelns. Gewinnmaximierung wäre, wenn der Konzern die Gewinnsteigerung als Maxime ausrufen würde und bestimmte Maßnahme plane, heißt es bei dem Unternehmen – dm aber denke nicht vom Gewinn, sondern vom Kunden her. Und wer dem eine Dienstleistung bietet, kommt um den Erfolg praktisch gar nicht umhin. Und tatsächlich kommt dm bei den Kunden ziemlich gut an. Zumindest landet dm regelmäßig auf den vorderen Plätzen, wenn es um die beliebtesten Marken der Deutschen geht. Auch diesen Erfolg schreibt sich Harsch aber nicht sich selbst auf die Fahne. Das Unternehmen setzt auf die Eigenverantwortlichkeit der Mitarbeiter. Die Beschäftigten sollen Eigeninitiative ergreifen und das Unternehmen mitgestalten. Harsch sagt, das Unternehmen profitiere vom gesunden Menschenverstand und von der Marktbeobachtungsgabe der Mitarbeiter; dm will eine Unternehmenskultur, in der ständig Innovationsvorschläge von den Beschäftigten kommen. Bislang zahlt sich das aus. Durch die Insolvenz von Schlecker, dem einstigen Marktführer unter den Drogerieketten, hat dm in den Jahren nach 2012 kräftig Kunden dazugewonnen. Doch auch drei Jahre nach dem Schlecker-Effekt wächst dm kräftig weiter. Im Geschäftsjahr 2015/2016 erwartet Harsch ein Wachstum von bis zu sechs Prozent. Aber das ist – natürlich – eine Untertreibung.

Neuer Schuler-Technikvorstand

Foto: Schuler

Der Drogeriekonzern dm ist der Marktführer in der Branche und landet bei Beliebtheitsrankings immer ganz vorn. Bei Bilanzkonferenzen präsentiert dm-Chef Erich Harsch regelmäßig Bestzahlen. Doch das sei gar nicht sein Ziel, sagt er. Von Anne Guhlich Der dm-Chef


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

November 2015

17

Ob Facebook oder Twitter – nicht nur Konzerne wie Daimler nutzen Social-Media-Kanäle. Auch kleine und mittlere Unternehmen sind dort vertreten. Foto: dapd, Screenshots: StZ

Ohne Social Media läuft nichts Der Großteil der Unternehmen ist inzwischen in den sozialen Medien unterwegs. Mit der Nutzung von Facebook, Twitter und Co. verfolgen die Marken verschiedene Ziele. Von Nora Stöhr Kommunikation

E

gal, ob kleines, mittleres oder großes Unternehmen – die meisten haben das Potenzial von Social Media mittlerweile für sich entdeckt“, sagt Tobias Arns vom IT-Branchenverband Bitkom. Nicht mehr nur die großen, bekannten Marken seien im Social Web präsent, berichtet der Experte für soziale Medien. Auch kleine und mittlere Unternehmen profitierten von den direkten Dialogmöglichkeiten und der „Die wachsende Reichweite dieser Netzwerke. So nutzen laut einer aktuelBedeutung von Social len Bitkom-Studie drei von Media spiegelt sich vier deutschen Unternehmen in der Professionalisierung soziale Netzwerke wie Facedieser Aktivitäten wider.“ book, Xing, Google+, Twitter oder Linkedin für die interne Markus Altvater, und externe Kommunikation. Bitkom-Marketingexperte Das Statistische Landesamt hat im Jahr 2013 Zahlen für Baden-Württemberg erhoben, nach denen sich 38 Prozent der Unternehmen im Land in mindestens einem der vielfältigen sozialen Netzwerke bewegen. Uwe Baltner von der Ludwigsburger Content-Marketing-

Berlin Chair, Design: Meinhard von Gerkan / Lox, Design: PearsonLloyd © Walter Knoll

D E R

Agentur Baumann & Baltner geht sogar davon aus, dass mittlerweile 100 Prozent der baden-württembergischen Konzerne mit mehr als 50 000 Mitarbeitern Social Media nutzen, bei Unternehmen mit weniger als 50 000 Mitarbeiter schätzt er den Anteil auf 80 Prozent. Viele Unternehmen hätten die sozialen Medien zunächst für die externe Kommunikation genutzt, so Arns. Inzwischen jedoch nutzten Unternehmen die verschiedenen Kanäle im Netz auch für die interne Kommunikation – um den Austausch und die Zusammenarbeit unter den Mitarbeitern zu verbessern. Insbesondere vervollständigten Social Media die Kommunikation per E-Mail, da viele Anfragen auf diesen Kanälen schneller und transparenter beantwortet werden könnten als über die klassische E-Mail. Zudem ergänzten Social Media in vielen Unternehmen mittlerweile das bislang übliche Intranet. Nach Bitkom-Angaben wollen drei Viertel (77 Prozent) der deutschen Unternehmen durch die Präsenz in sozialen Medien ihre Bekanntheit steigern. Zwei Drit-

tel (68 Prozent) möchten sich laut der Befragung in der Öffentlichkeit als Experten für ihr Thema positionieren. Etwas mehr als jedes zweite Unternehmen nennt es als Ziel, Bewerber (56 Prozent) oder Kunden (55 Prozent) zu gewinnen. Jedes dritte Unternehmen, nämlich 31 Prozent, will Kontakt zu Journalisten oder anderen Interessengruppen aufbauen. Nur jedes fünfte Unternehmen (20 Prozent) plant, den Kundenservice über Social Media zu verbessern. Jeweils ein gutes Viertel setzt soziale Medien zur unternehmensinternen Kommunikation oder zur Kommunikation mit den Geschäftspartnern ein. Mit 26 Prozent liegen die Einbindung von Kunden in Innovationen und die Entwicklung von Waren oder Dienstleistungen nur unwesentlich darunter. In Baden-Württemberg steht laut der Erhebung des Statistischen Landesamts für 80 Prozent der Unternehmen die Stärkung des eigenen Profils oder die Präsentation ihrer Produkte im Vordergrund. Eine knappe Hälfte nutzt die sozialen Medien zur Pflege von Kundenkontakten, also etwa zur Annahme von Anfragen oder zum Einholen von Kritik oder Meinungen sowie die Beantwortung derselben. Fast genauso viele Unternehmen im Land – rund 43 Prozent – setzen soziale Medien zur Personalrekrutierung ein.

Insgesamt gaben nur zwei Prozent der Unternehmen an, keine spezifischen Ziele mit ihren Social-Media-Aktivitäten zu verfolgen. „Angesichts der immer vielfältigeren Social-Media-Plattformen, die von unterschiedlichen Zielgruppen genutzt werden, ist es wichtig, klare Ziele zu definieren. Nur so lassen sich die richtigen Maßnahmen für die richtigen Kanäle planen und die Erfolge bewerten“, sagt der Bitkom-Marketingexperte Markus Altvater. Gerade auch deshalb würden die SocialMedia-Aktivitäten der Unternehmen immer stärker professionalisiert. So würden in mehr und mehr Unternehmen eigene Teams die Kommunikation in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Co. verantworten, so Altvater: „Die wachsende Bedeutung von Social-Media-Kanälen für die Kommunikation mit Kunden und Geschäftspartnern spiegelt sich in der Professionalisierung der Social-Media-Aktivitäten der Unternehmen wider.“ Soziale Medien sind nach Bitkom-Angaben vor allem in der Dienstleistungsbranche beliebt. Hier setzten mehr als acht von zehn Unternehmen (84 Prozent) auf Social Media. Im Handel nutzten rund sieben von zehn Unternehmen (73 Prozent) soziale Netzwerke. Ähnlich hoch sei mit rund 70 Prozent der Anteil der Unternehmen aus der Industrie.

Gründen ist keine Altersfrage

Auszubildende gesucht

Unternehmen werden nicht nur von jungen Menschen gegründet. Manch einer stellt auch noch im reiferen Alter ein Start-up auf die Beine. Wir porträtieren einen 58-jährigen und einen 26-jährigen Gründer. SEITEN 20, 21

Angesichts steigender Studierendenzahlen tun sich viele Betriebe schwer, Lehrstellen zu besetzen. Auf der anderen Seite verlangt die Arbeitswelt immer höhere Qualifikationen. Viele verbinden deshalb betriebliche und akademische Bildung. SEITE 22

N E U E

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18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

„Social Media brauchen eine Strategie“ Interview Der Hohenheimer Medienwissenschaftler Frank Brettschneider hält die Vorstellung, dass Unternehmen in der digitalen Welt ihre

Kommunikation kontrollieren können, für eine Illusion. Wer einen Shitstorm vermeiden will, sollte dennoch Regeln beachten.

Wie ist der Einsatz bei Firmen? Das ist ganz unterschiedlich. Ich würde zwischen Anfängern, Fortgeschrittenen und Könnern unterscheiden. Die Anfänger nutzen Social Media lediglich als einen weiteren Kanal, um ihre Botschaften abzusetzen – neben der gedruckten Mitarbeiterzeitschrift, den klas„Könner integrieren Social sischen Marketing-InstruMedia in die gesamte Unter- menten für die Kunden und nehmenskommunikation. den Pressemitteilungen. Die Fortgeschrittenen sind weiSie betrachten sie als eine ter. Sie verstehen Social Mehervorragende Möglichkeit dia als die Möglichkeit, mit Mitarbeitern, Kunden und für Themen- und der allgemeinen ÖffentlichBeziehungsmanagement.“ keit in einen Dialog zu treten. Frank Brettschneider über die Chancen, Und die Könner integrieren die soziale Medien für Firmen bieten Social Media in ihre gesamte Unternehmenskommunikation. Sie betrachten sie als eine hervorragende Möglichkeit für Themen- und Beziehungsmanagement. Das erfordert ein erhebliches Umdenken, den Abschied von Gewohnheiten, das Aufbrechen traditioneller Strukturen. Welche Branchen setzen solche Instrumente besonders ein? Naturgemäß ist der Einsatz von Social Media in der IT-Branche und bei den Start-ups besonders verbreitet. Gerade neue Unternehmen, die von den klassischen Massenmedien nicht stark beachtet werden, suchen den direkten Weg zu ihren Anspruchsgruppen. Daneben finden wir den Einsatz in den B2C-Branchen, unter anderem in der Unterhaltungselektronik, der

Was sind die Unterschiede zu den klassischen Kommunikationsformen? Die klassischen Kommunikationsformen bauen auf dem Sender-Empfänger-Prinzip auf. Das Unternehmen sendet eine Botschaft und hofft, dass die Zielgruppe die Botschaft wahrnimmt. Bei Social Media ist das grundlegend anders. Die klassische Unterscheidung in Sender und Empfänger ist weitgehend aufgehoben. Jeder kann selbst Botschaften und Inhalte in die Welt setzen – den User Generated Content. Die technischen Voraussetzungen dafür sind gering, die Kosten ebenfalls. Aus den Konsumenten von Inhalten werden auch Produzenten, die sogenannten Produser. Und jeder kann Inhalte sehr schnell mit anderen teilen. Einerseits können Unternehmen den Filter der Massenmedien umgehen, andererseits geben sie aber auch Kontrolle über die Kommunikation aus der Hand. Damit tun sich viele Unternehmen noch schwer. Sie merken, dass sie die Kommunikation, die über sie stattfindet, nicht mehr so leicht steuern können – und haben Angst davor. Welche Aktivitäten bringen am meisten – Facebook, Twitter oder Whatsapp? Das hängt vom Anwendungsfall ab. Ein CEO-Blog kann Mitarbeiter orientieren – etwa über eine neue Unternehmensstrategie. Hier wendet sich der Vorstandsvorsitzende direkt an seine Mitarbeiter. Youtube-Filme und Facebook-Inhalte können zur schnellen Verbreitung von Botschaften beitragen – indem sie geliked und geteilt werden. Der Aufbau von Communities ist hier besonders wichtig. So können beispielsweise Produktideen erfasst und weiterentwickelt werden. Und Twitter-Meldungen richten sich vor allem an Journalisten. So oder so: für viele Unternehmen ist es wichtig, systematisch

Montage: Schlösser Foto: dpa

Herr Brettschneider, wie haben sich Social Media in der Gesellschaft verbreitet? Der Begriff Social Media umfasst ja eine große Bandbreite von Anwendungen im Web 2.0. Zu den wichtigsten zählen Content Communities (wie Youtube), soziale Netzwerke (wie Facebook), Blogs, Foren und Microblogs (wie Twitter). Die Verbreitung in der Gesellschaft erstreckt sich auf alle Lebensbereiche: das Privatleben ebenso wie Vereine, den Journalismus und die Wirtschaft.

Automobilwirtschaft, aber auch in der Lebensmittelbranche. Seltener verwenden Unternehmen aus dem B2B-Bereich Social Media – etwa die Maschinenbauer oder die Zulieferer. Aber auch hier nimmt der Einsatz von Social Media an Fahrt auf.

Illustration: CartoonStock.com

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ocial Media eröffnen Unternehmen neue Möglichkeiten, mit ihren Kunden in einen Dialog zu treten, sagt der Kommunikationsexperte Frank Brettschneider. Auch bei der Mitarbeiterwerbung spielten sie eine immer wichtigere Rolle. Der Experte warnt aber auch vor neuen Risiken.

ein Social-Media-Monitoring zu betreiben. Sie beobachten, was in einzelnen Gruppen oder der gesamten Gesellschaft über sie gesprochen wird. Das kann sich auf einzelne Produkte beziehen, aber auch auf die Reputation des Unternehmens. Und wenn man weiß, worüber gesprochen wird, kann man sich an dieser Diskussion beteiligen. Welche Gefahren bestehen? Die größte Gefahr aus Sicht von Unternehmen ist der Kontrollverlust. Aber die Vorstellung, Kommunikation vollständig kontrollieren zu können, ist ohnehin eine Illusion. Eine weitere Gefahr ist, den Erwartungen der Anspruchsgruppen nicht gerecht zu werden. Wenn beispielsweise Kunden den Dialog mit einem Unternehmen suchen – etwa auf der FacebookRepräsentanz des Unternehmens – , dann erwarten sie auch eine schnelle Reaktion.

Wenn man hier zu lange wartet oder nur mit Phrasen antwortet, führt das oft zu hämischen oder ablehnenden Reaktionen. Und drittens fürchten sich viele Unternehmen vor „Shitstorms“ – vor der rasend schnellen Verbreitung von Kritik in den sozialen Netzwerken. Der ADAC durfte das im letzten Jahr erleben. Nestlé ebenfalls, als das Unternehmen zum Ziel einer Kampagne von Greenpeace wurde. Von VW ganz zu schweigen. Der Konzern hat gerade keinen Spaß an den Kommentaren in sozialen Netzwerken – vor allem in den USA, aber nicht nur dort. Was kann man tun, um sich keinen Shitstorm einzuhandeln? Das Beste ist natürlich, keinen Anlass für einen Shitstorm zu liefern. Aber im Ernst: gerät man in einen Shitstorm, ist es eigentlich schon zu spät. Dann lässt sich der Schaden nur noch begrenzen. Vor allem durch Transparenz und Information. Viel wichtiger ist es jedoch, bei den Mitarbeitern, Kunden und der Öffentlichkeit langfristig Vertrauen aufzubauen. Das ist der beste Schutz gegen einen Shitstorm. Welche Rolle spielen Social Media für die Gewinnung von Personal? Die Bedeutung wächst – nicht nur angesichts des absehbaren Fachkräftemangels. Unternehmen müssen sich stärker darum bemühen, qualifizierte Mitarbeiter von sich zu überzeugen. Für viele Menschen sind nicht mehr nur die Bezahlung oder die Aufstiegsmöglichkeit im Unternehmen wichtige Kriterien bei der Wahl des Arbeitgebers. Sie orientieren sich zunehmend auch am „guten Ruf“ eines Unternehmens, an einer innovativen Unternehmenskultur. Hier ist die Präsenz in sozialen Netzwerken sehr wichtig. Es gibt aber noch einen anderen Aspekt: Personaler schauen zunehmend auch, wie sich ein künftiger Mitarbeiter in sozialen Netzwerken, vor allem auf Facebook, präsentiert. Auch künftige Mitarbeiter haben so etwas wie eine Web-Reputation. Und die sollten sie pflegen. Ab welcher Unternehmensgröße sind Social Media unabdingbar? Das hängt nicht von der Unternehmensgröße ab. Sowohl der kleine Handwerksbetrieb als auch der Mittelständler und der Dax-Konzern sind gut beraten, wenn sie die Chancen der Social Media nutzen. Nicht wahllos, sondern gezielt und auf der Grundlage einer durchdachten Strategie. Das Gespräch führte Oliver Schmale.

EXPERTE FÜR KOMMUNIKATION Forscher Frank Brettschneider ist einer der bekanntesten Kommunikationsforscher in Deutschland. Er ist seit April 2006 Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Publizistik und Jura in Mainz promovierte er an

der Universität Stuttgart. Im Jahr 2002 folgte dort die Habilitation. Themen Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Kommunikation bei Bau- und Infrastrukturprojekten, die Verständlichkeitsforschung, die Politische Kommunikation (insbesonde-

re Wahlforschung) und das Kommunikationsmanagement. In einem Projekt wird beispielsweise die Verständlichkeit der Reden von DaxVorstandschefs untersucht. Darüber hinaus wird die Verständlichkeit der Kommunikation von Finanzdienstleistern und Energieversorgern unter die Lupe genommen. os


Wirtschaft in Baden-Württemberg 19

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

Mitarbeitergewinnung und Imagepflege im Netz Der Konzern Bosch und der Mittelständler Lütze haben den Umgang mit sozialen Medien professionalisiert. Von Nora Stöhr

Beispiele

M

it insgesamt 360 000 Mitarbeitern ist Bosch in etlichen Geschäftsbereichen auf unterschiedlichen Märkten in rund 60 Ländern aktiv. Diese Diversität spiegelt sich auch in den Social-Media-Aktivitäten wider. Der Technologiekonzern betreibe, so berichtet Martin Gansert, zuständig für den Bereich Social Media bei Bosch, etwa 350 eigene Social-Media-Kanäle. Zusammengenommen 5,3 Millionen Menschen folgen damit den Angeboten des Mischkonzerns im Internet – ob auf den global bekannten Plattformen wie Facebook, Twitter oder Youtube oder auch in länderspezifischen sozialen Medien wie „Das Social Web macht nicht der nur in China aktiven Facebook-ähnlichen Seite um 17 Uhr Feierabend, die Überwachung muss rund namens Renren. Welches soziale Medium um die Uhr stattfinden.“ für Bosch am relevantesten sei, das lasse sich so pauschal Wolfram Hofelich, Social-MediaVerantwortlicher bei Lütze nicht beantworten, sagt Gansert. Vielmehr komme es darauf an, welchen Sinn und Zweck man jeweils verfolge und welche Zielgruppe man mit den Botschaften erreichen wolle. Den Microblogging-Dienst Twitter etwa nutzten die Kollegen aus der Bosch-Presseabteilung vorrangig, um sich mit Journalisten zu vernetzen. Mit speziellen Facebook-Seiten möchte Bosch Schüler und potenzielle Mitarbeiter ansprechen. „Wir wollen über die sozialen Medien mit unseren Zielgruppen in Dialog treten und unsere Reputation steigern. So nutzen wir zum Beispiel auch im Personalmarketing diese Kanäle, um potenziellen Mitarbeitern zu vermitteln, warum Bosch ein attraktiver Arbeitgeber ist und um mit ihnen ins Gespräch zu kommen“, so Gansert. Auf anderen Facebook-Seiten stellt Bosch seine Produkte und Innovationen vor. In der Bosch-Zentrale kümmern sich insgesamt drei Mitarbeiter um den Bereich

Bosch betreibt 350 Kanäle mit unterschiedlichen Zielgruppen. Die Facebook-Seite „Bosch Karriere“ richtet sich an potenzielle Mitarbeiter. soziale Medien.„Wir betreiben die Kanäle der zentralen Unternehmenskommunikation und haben darüber hinaus eine beratende und koordinierende Funktion für alle Bosch-Bereiche weltweit“, sagt Gansert. Wenn beispielsweise eine Abteilung einen Social-Media-Auftritt plane, werde diese von Gansert und seinen Kollegen dabei unterstützt. Im englischen Liverpool sei außerdem eine Abteilung angesiedelt, die alle Bosch-Kanäle im Internet beobachte, Antworten auf allgemeine Anfragen von Kunden gebe und spezielle Fragen an die entsprechende Fachabteilung weiterleite, berichtet Gansert. Für das Unternehmen Lütze aus Weinstadt, Anbieter elektrotechnischer Komponenten und Lösungen, ist Twitter das wichtigste Social-Media-Instrument. „In keinem Kanal erreichen wir innerhalb kürzester Zeit weltweit so viele qualifizierte Kontakte wie auf Twitter“, sagt Wolfram Hofelich, der als Marketingleiter den Be-

reich soziale Medien bei Lütze verantwortet. Bei den insgesamt gut 1450 Twitter-Followern handele es sich zu über 80 Prozent um technikaffine Menschen oder auch um Fachmagazine, Zeitschriften, Online-Magazine, Verbände und Kunden, so Hofelich. Neben Twitter und den gängigen Plattformen wie Facebook und Co. ist Lütze auch bei Induux vertreten – einer speziellen Plattform für die Investitionsgüterindustrie. Insgesamt, so Hofelich, betreibt das Unternehmen 15 Kanäle mit zusammengenommen 4000 Followern. Momentan baue Lütze weitere Twitter-Kanäle für ausländische Vertriebsgesellschaften auf. Bei dem Mittelständler mit seinen insgesamt rund 400 Mitarbeitern kümmern sich zwei Angestellte der Marketingabteilung um die sozialen Medien. Geteilt würden Inhalte sowie Material, die den Hauptsitz laufend aus allen weltweiten Vertriebsgesellschaften erreichen, berichtet Hofelich. „Hier haben wir inzwischen

einen kontinuierlichen Zustrom an Geschichten und Meldungen.“ Mit den Social-Media-Aktivitäten betreibt Lütze nach Angaben von Hofelich Markenbildung, Imagepflege, Personalmarketing, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Marktbeobachtung. Ein wichtiger Punkt betreffe auch die Suchmaschinenoptimierung, sagt Hofelich: „Google registriert durchaus, wie aktiv eine Marke oder ein Produkt im Social Web ist, wie darüber geredet wird, und lässt dies in seine Suchergebnisse einfließen.“ Die Herausforderung für ein vergleichsweise kleines Unternehmen sei es, ständig Inhalte zu generieren und die unterschiedlichen Kanäle aktuell zu halten. Auch die permanente Überwachung der Angebote sei ziemlich aufwendig, sagt Hofelich: „Es muss Notfallpläne geben, das Social Web macht nicht um 17 Uhr Feierabend, sprich: das Monitoring muss rund um die Uhr und an allen Tagen stattfinden.“

Screenshot: StZ


20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 6 | Nove

Jeder Gründer-Typ ist a Lange Berufserfahrung – oder noch unerprobte Ideen? Es gibt kein Einheitsrezept für den richtigen Zeitpunkt einer Firmengründung. Zwei Start-ups aus Stuttgart und Karlsruhe zeigen das breite Spektrum der Möglichkeiten. Im Bereich IT-Sicherheit zählen bereits bestehende Kontakte, eine lange Berufslaufbahn und gestandene Seriosität. Unternehmertum

Gründen mit 58 Jahren? Ein IT-Experte hat es gewagt Start-ups verbindet man mit jungen Leuten, doch Helmut Mahler von der Ulmer Firma Code White zeigt, dass man auch in reiferem Alter gründen kann.

Computersicherheit

H

elmut Mahler ist trotz seiner grauen Haare unübersehbar jung geblieben. Dennoch ist sein Weg zum eigenen Unternehmen für Deutschland ungewöhnlich. Senior-Berater und Investoren, die sich im gesetzteren Alter bei jungen Unternehmen engagieren, gibt es zuhauf. Aber in einem Alter, in dem andere schon an den Ruhestand denken, noch selbst ein eigenes Start-up anzupacken und ein wirtschaftliches Risiko einzugehen, das gibt es nicht so oft. Dabei ist die Kombination aus einem erfahrenen SeniorGründer und einem jungen Team aus Mahlers Sicht optimal: „Wenn sie sich umschauen, sind solche Konstellationen überHelmut Mahler kann dank seiner Gründung die Vertriebstalente ausleben, für die in durchschnittlich erfolgreich.“ seiner langen Berufslaufbahn zuvor kein Platz war. Fotos: Lg/Horst Rudel (2) Zweieinhalb Jahrzehnte war der 58-Jährige für das IT-Management eines Autoherstellers zuständig. Eine höchst verantwortungsvolle und – wie man annehmen kann – gut bezahlte Position. Und dennoch hatte Mahler das Gefühl, dass eines seiner Talente dort keine Chance hatte. „Ich bin eigentlich der geborene Vertriebler“, sagt er, „aber wenn sie einmal der IT-Mensch sind, kommen sie aus dieser Ecke nie mehr heraus.“ Der studierte Elektroingenieur war auf eher diagonalem Weg beim Thema Software gelandet. Nach dem Studium war er in der Chipentwicklung für ein großes internationales IT-Unternehmen tätig. Dann landete er bei dem Autohersteller und wuchs in das Thema IT-Management hinein. Er sei kein Experte für Computertechnologie oder Programmierer gewesen, sondern einer mit Blick für Zusammenhänge. Vor zwei Jahren beschloss er, noch einmal ganz neu anzufangen. Er ging in den vorzeitigen Ruhestand, aber nicht, um, wie mancher Altersgenosse, sein Golfspiel zu perfektionieren, sondern um eine Idee umzusetzen, die in seiner Zeit als Manager gereift war. Wenige Monate später gründete er das IT-SicherheitsWAS MACHT CODE WHITE? unternehmen Code White. JahUnternehmen Code White ist ein Methode Gezielt werden relange Erfahrung als BetroffeUnternehmen mit Sitz in StuttSchwachstellen in den IT-Systener hatte ihn gelehrt, wo die gart und Ulm, das sich auf hochmen, aber auch in Steuerungen Schwächen moderner IT-Siwertige Beratung in der IT-Sicher- von Industrieanlagen oder in cherheitsarchitektur liegen: heit spezialisiert hat. Zielsetzung Elektroniksystemen, etwa von „Wir bauen immer höhere Zäuist es, Unternehmen zu helfen, Fahrzeugen, identifiziert. Die Exne – und übersehen, dass sich sich vor Angriffen aus dem Interperten von Code White bewerten die Hacker darunter durchgranet wirksam zu schützen. Dazu das Risiko, das von Schwachstelben.“ Die Geschäftsidee von imitiert Code White mit Hilfe von len ausgeht, und schlagen Schritte Code White ist es, Hackerangrifeigenen Experten das Verhalten vor, um diese wirksam zu beseitife vollkommen realistisch zu siprofessioneller Angreifer und gen. Um einen ständigen Schutz mulieren. „Ich rede dafür nicht setzt die Unternehmen damit vor Angriffen zu gewährleisten, realistischen Angriffen aus dem beobachtet Code White IT-SysInternet aus. teme von Kunden dauerhaft. StZ

mit dem IT-Menschen in der Firma, sondern direkt mit dem Chef oder dem Finanzvorstand.“ Der muss dann nichts anderes tun, als Code White die Erlaubnis zur Attacke zu geben. „Wir brauchen null Informationen über die IT. Wir googeln, genauso wie ein Hacker, einfach nach den Firmeninformationen und fangen dann an, nach Schwachstellen zu suchen.“ Nach einigen Wochen erhält der Kunde dann einen Report darüber, wo die offenen Flanken liegen – und wenn er will, kann er Code White damit beauftragen, permanent nach Einfallstoren zu suchen. Im Gegensatz zu dem von vielen IT-Dienstleistern angebotenen Ansatz, die etwa einzelne Softwarepakete testen, verfolgt Code White eine umfassende Strategie – bis hin zum Versuch, über soziale Netzwerke, in denen Mitarbeiter Interna ausplaudern, an Informationen zu kommen. Und so arbeitet der seriöse Ex-Manager in seiner Firma mit Hackern zusammen, die sich am Ulmer Standort als Büroausstattung erst einmal ein paar Lümmelkissen besorgt haben und denen der Dienstwagen weniger wichtig ist als das Essen beim Edelitaliener. „Ich habe schon ein wenig mit den Augen gerollt, als die mir sagten, dass ihnen der Chinese direkt gegenüber von unserem Büro nicht gut genug ist“, sagt Mahler lachend. Gute Hacker haben im Übrigen nicht nur hohe Ansprüche an die Unternehmenskultur. Wer in der Szene einen Namen hat, ist richtig teuer. Die Gehälter können hier durchaus im fünfstelligen Bereich landen. Folgerichtig will sich Code White als Premiumanbieter für Firmen positionieren, für die eine funktionierende IT und der Schutz vor Industriespionage das Rückgrat ihres Geschäfts sind. Eine Marktlücke sieht Mahler hier gerade bei Mittelständlern. Um mit seinem Unternehmen durchzustarten, gewann er zwei junge Kollegen aus seiner ehemaligen Firma für das Projekt. Während diese etwa für den Einsatz und die Koordination des IT-Teams zuständig sind, ist Mahler das Gesicht nach außen. Dank seiner langjährigen Arbeit in dem Bereich ist er gut vernetzt. „Ein junger Gründer käme bei den Vorständen nie durch die Tür“, sagt Mahler. Man kann sich gut vorstellen, wie sonst eine Firma auf das Ansinnen reagieren würde, doch einmal ein Team von Angreifern sich in der IT austoben zu lassen – zumal im Sinne einer realistischen Simulation die firmeneigenen IT-Verantwortlichen nicht darüber informiert werden sollen. Mahlers Name und Berufserfahrung sind für die Vertrauensbasis unabdingbar. Doch auch er war dazu bereit, radikal umzudenken. „Fehlende Risikobereitschaft“, fällt auch ihm als erstes Stichwort auf die Frage

ein, warum so wenige aus seiner Generation noch den Schritt hin zum eigenen Unternehmen gehen. Doch im weiteren Gespräch wird klar, was noch dazugehört: man muss loslassen können, außerhalb von gewachsenen Strukturen denken, sein Statusdenken außen vor lassen, teamfähig sein und den Mitarbeitern Freiräume verschaffen – alles Dinge, die in traditionellen deutschen Unternehmenskulturen manchmal zu wenig gepflegt werden. Diesen Rollenwandel hat Mahler sehr unmittelbar erlebt. Das Geringste war es noch, die traditionellen Annehmlichkeiten des Managerdaseins hinter sich zu lassen: „Ich habe keine Sekretärin mehr. Und auf Dienstreisen bin ich halt nicht mehr in einem Vier-Sterne-Hotel, sondern im Raucherzimmer eines Bed and Breakfast.“ Schwieriger war es schon, denselben Mitarbeitern, für „Ein junger die man gerade noch der Vor- Gründer käme bei gesetzte war, nun als CoEigentümer auf Augenhöhe den Vorständen gegenüberzustehen. nie durch die Tür.“ Mahler machte nämlich Helmut Mahler über das die beiden deutlich jüngeren für viele Firmen sehr heikle Leute aus seiner früheren Thema IT-Sicherheit. Firma ebenfalls zu Anteilseignern. Er nennt sich deshalb Managing Partner und nicht Geschäftsführer. „Das war schon ein Schritt für mich, auf die hundertprozentige Kontrolle zu verzichten“, sagt er. In der Lebenssituation seiner jungen Gründer-Partner sei der Schritt in die Selbstständigkeit aber ein riskanterer Sprung gewesen als für ihn selbst, sagt er. Er selbst sei bei seinem Kapitaleinsatz kein existenzielles Risiko eingegangen. Wenn die Sache schiefgehe, dann reiche es ihm immer noch zum Leben. Externe Investoren sind nur mit zehn Prozent beteiligt, so dass die unternehmerische Freiheit gewahrt bleibt. „Ich habe meinen Schritt noch keinen Tag bereut“, sagt Mahler. Er würde sich wünschen, dass mehr junge Gründer in Deutschland die Chance bekämen, sich mit erfahrenen Menschen wie ihm zusammenzutun, die nicht nur von der Seitenlinie als Berater oder Investor mitmachen, sondern selbst anpacken. Unschätzbar sei etwa seine Erfahrung, die er über viele Jahre in rechtlichen Fragen gesammelt habe. Das sei für viele Start-ups, die sich keine teuren Rechtsanwälte leisten könnten, eine Hürde: „Vor Kurzem war ich Berlin und habe ein junges Start-up erlebt. Die haben mir fast leidgetan. Sie hatten eine fantastische Idee, aber kein Geld – und niemanden, der ihnen bei diesen Fragen unter die Arme greift.“


Wirtschaft in Baden-Württemberg 21

tuttgarter Nachrichten ember 2015

anders In der „Sharing Economy“ geht es um ein innovatives Herangehen an bestehende Strukturen. Hier werden Energie und die Bereitschaft, außerhalb von Schablonen zu denken, zum Trumpf. Die noch nicht von materiellen oder familiären Zwängen geprägte Lebenssituation eines Gründerteams, das frisch von der Hochschule kommt, sorgt für Flexibilität. Von Andreas Geldner

Jung gründen – das heißt erst einmal geduldig Klinken putzen Das junge Team von Store2be passt ins Bild der Sharing Economy. Doch hinter dem Geschäftsmodell steckt viel Kalkül. Flächenmarketing

K

linkenputzen hieß das früher. Heute nennt man es wohl eher: Telefon-Wählknöpfe polieren. Wer bei dem jungen Viererteam von Store2be im Karlsruher Cyberlab in einer ehemaligen Brauerei vorbeikommt, der kann sich ziemlich sicher sein, dass gerade jemand am Hörer hängt, um neue Kontakte zu potenziellen Kunden zu knüpfen. Seit rund sechs Wochen ist das Team der Mittzwanziger offiziell am Start mit einer Idee, die es selbst als Teil der sogenannten Sharing Economy bezeichnet. „Wir sehen zwei Trends: Einerseits merken wir, dass sich der Einzelhandel weiterentwickeln muss. Es geht zunehmend um Erlebnisse und weniger um die reine Bedarfsdeckung der Kunden. Gleichzeitig merken aber gerade Online-Player, wie wichtig es ist, wenn sie ihren Kunden ein Offline-Erlebnis bieten“, sagt Marlon Braumann (26), der als Geschäftsführer für die betriebswirtschaftliche Seite des Projekts verantwortlich ist.“ Store2be will stationäre Einzelhändler mit Interessenten verbinden, die sich ihren Kunden kurzfristig nicht nur online, sondern auch real präsentieren möchten. Der Gedanke ist, dass es dabei auch zu überraschenden Kombinationen kommt: In einem Karlsruher Laden für Papierbedarf könnte sich zum Beispiel eine Kaffeerösterei präsentieren. „Es geht darum, dass die Kundengruppen deckungsgleich sind, nicht die Angebote“, sagt „Die Bereitschaft, Braumann. Das Geschäftsmomit jungen dell ist es, eine Provision für Gründern zu diese Vermittlungstätigkeit zu bekommen. Noch erforkooperieren, ist dert das Knüpfen der Kontakeindeutig größer te zwischen Vermietern und geworden.“ Kurzzeitmietern viel persönlichen Einsatz. Irgendwann Store2be-Geschäftsführer Marlon Braumann einmal, wenn das Angebot, das zunächst Deutschland und die deutschsprachigen Länder im Visier hat, groß genug ist, soll das Ganze automatisiert und damit höchst rentabel werden. Eine attraktiv gestaltete Website hat Store2be schon am Start: Eine Kacheloptik, einladende Innenaufnahmen und eine GoogleMaps-Karte mit den Standorten soll Interessenten schon mit wenigen Klicks die wichtigsten Informationen von den zur Ver-

fügung stehenden Flächen, der Mietdauer bis hin zur Miethöhe vermitteln. Genau genommen steht hier der Begriff Sharing Economy, der im deutschen Verständnis immer noch einen Hauch von sozial motiviertem Teilen vermittelt, für ein messerscharf kalkuliertes Geschäftsmodell: Co-Marketing könnte man die KurzzeitSymbiose von verschiedenen Anbietern vielleicht besser nennen. Der Ladeneigentümer bekommt Mieteinnahmen, aber auch einen neuen Kundenmagneten. Der Kurzzeit-Mieter erhält, wenn er etwa Flächen inmitten eines vielfrequentierten Geschäfts nutzen kann, eine Präsentationsmöglichkeit in bester Lage. Der Erstkunde von Store2be demonstriert das schon fast perfekt: Für die Hamburger Mikrobrauerei Hopper Bräu konnte das Start-up kurzzeitig eine Verkaufsfläche in einer Markthalle im Stadtteil St. Pauli vermitteln. Zwei kreative neue Biersorten kann Hopper dort für einige Zeit präsentieren. Und der Hamburger Brauereigründer Lars Großkurth liefert gleich unten auf der Homepage das, was die jungen Karlsruher Gründer zum Start ganz besonders brauchen: Ein munteres Youtube-Testimonial für das Projekt. Die nötigen Flächen sind klein: Das kann bei zwei Quadratmetern anfangen und reicht zurzeit etwa bis hin zur Größenordnung von 30 Quadratmetern. „Wir wollen gerade für junge Unternehmen, für die Ladenflächen in guter Lage oft kaum zu mieten sind, die Einstiegshürden senken“, sagt Braumann. Eine etwas härtere Nuss sind da schon die Inhaber der Ladenflächen selbst: Das sind oft deutlich größere Unternehmen mit anderen Strukturen und Entscheidungswegen. Die Technik ist selbst designt und wird stetig weiterentwickelt. Einen Investor gibt es nicht. Das Kapital sind die Kreativität und der Elan der vier Beteiligten – auch das ist typisch für junge Gründer. Ein ExistGründerstipendium für Start-ups aus dem Hochschulbereich und die kostenlos zur Verfügung stehende Infrastruktur im Cyberlab, Kaffee und Wasser inklusive, schaffen für die kommenden Monate den nötigen Freiraum. Die bisher fehlenden Referenzen muss man durch Engagement kompensieren. Um wirklich attraktiv zu sein, müssen deutschlandweit gute Lagen zur Verfügung stehen. Da heißt es mit Geduld und Spucke auch bei großen Ketten vorstellig zu werden – in der Hoffnung, dass man zum richtigen Ansprechpartner durchgestellt wird. „Als 26Jähriger hat man es da nicht immer leicht, im

ersten Anlauf durchzukommen“, sagt Braumann. Sein Rezept: Hartnäckigkeit, gepaart mit Ehrlichkeit, die genau widerspiegelt, an welchen Punkt das junge Start-up gerade steht. „Wenn gar nichts geht, kann man immer fragen, ob man vielleicht in drei Monaten noch einmal anrufen darf – und da sagt niemand Nein.“ Das sei nämlich einer der Vorteile einer jungen Gründung: „In drei Monaten tut sich enorm viel – so dass man dann auch wirklich Neues zu erzählen hat“, sagt Braumann. Es gilt erst mal ernst genommen zu werden – ein Aufwand, den erfahrene, ältere Gründer so nicht mehr betreiben müssen. „Man muss mal Dennoch will sich der Mit- ein bisschen begründer von Store2be nicht beklagen: „Die Bereitschaft, losrennen und mit jungen Gründern zu ko- die Dinge einfach operieren, ist eindeutig grö- ausprobieren.“ ßer geworden.“ Zufrieden ist er jedenfalls damit, dass es in- Emil Kabisch, Designer und Entwickler für Store2be zwischen einen Kontakt zum Handelsverband Deutschland (HDE) gibt. „Wenn wir die Möglichkeit bekommen, uns bei einer internen HDE-Veranstaltung zu präsentieren, wäre das natürlich für uns ein großes Ding.“ Einen Vorteil hatte allerdings die Gründung aus der Hochschule heraus: Für alle Beteiligten war im Studium Zeit für Ideen und erste Gründungsversuche. Insbesondere in Karlsruhe gibt es im Umfeld der Hochschule inzwischen eine gut vernetzte Gründerszene, in der sich auch Mitgründer für die eigenen Ideen finden lassen. Emil Kabisch passte zusammen mit seinem ebenfalls technikaffinen Freund perfekt dazu. „Ich habe mich schon lange in Start-up-Kreisen bewegt“, sagt der 24-Jährige. Er war in der Gründer-Hochschulgruppe aktiv und hatte selbst schon während des Studiums an einigen kleineren Projekten gebastelt. „Man muss mal ein bisschen losrennen und die Dinge einfach ausprobieren. Neben dem Studium hat man dafür eben die perfekte Möglichkeit“, sagt Kabisch. „Mir war klar, dass ich gleich nach dem Abschluss irgendwo mitmachen möchte.“ Als die Initiatoren von Store2be wenige Monate vor dem Studienabschluss auf ihn zukamen, war dies für ihn der perfekte Zeitpunkt. Eine Ausbildungsetappe war vorbei, berufliche Festlegungen gab es noch nicht. Vom Konzept war er schnell begeistert. Doch auch die Erinnerung an eigene Gründungsversuche zahlte sich aus: „Mir war klar, dass dies sehr viel Arbeit erfordert.“ Eine Ehrung und 36 000 Euro Preisgeld hat das junge Unternehmen bereits eingeheimst. Im Rahmen eines vom Karlsruher Cyber-Forum veranstalteten Kongresses zum Thema „Share Economy“ wurde das Konzept als Idee gewürdigt, die auch einen gesellschaftlich relevanten Beitrag leiste.

DAS GESCHÄFTSMODELL VON STORE2BE Konzept Store2be ist ein OnlineMarktplatz zur temporären Anmietung von Verkaufs- und Promotionsflächen in Einzelhandelsgeschäften und Einkaufszentren. Auf store2be.com können Unternehmen die passenden Flächen für ihre Marken und Produkte mit wenigen Klicks anfragen und buchen. Sie profitieren von der bestehenden Kundenfrequenz auf den Flächen und können zudem neue und für sie passende Kunden ansprechen.

Ohne Teamwork geht nichts: Neben der geduldigen Vermarktung des eigenen Konzepts gehört auch eine stetige Weiterentwicklung der Technik dazu. Marlon Braumann (rechts) agiert als Geschäftsführer, Emil Kabisch vor allem als Entwickler. Fotos: jodo-foto Karlsruhe (3)

Organisation Store2be übernimmt die Zahlungsabwicklung und ermöglicht die einfache Kommunikation zwischen Unternehmen und Flächeninhabern. Zusatzleistungen wie StandbauEquipment oder Personal können direkt dazugebucht werden. Flächeninhaber können ihr Geschäft in wenigen Schritten auf Store2be präsentieren. Sie lernen neue Produkte kennen, profitieren von Mieteinnahmen sowie von besserer Kundenwahrnehmung. StZ


22 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

Werkstatt oder Hörsaal ? Immer mehr junge Menschen beantworten diese Frage mit der Entscheidung für ein Studium.Es gibt aber auch Möglichkeiten, beide Wege miteinander zu verbinden.

Fotos: Mauritius

Der Gesellenbrief reicht vielen nicht Das Handwerk tut sich zunehmend schwer, genügend Auszubildende zu finden. Viele Betriebe setzen deshalb stärker auf Modelle, die Lehre und Studium verbinden. Von Thomas Thieme

Bildungswege

D

er kleine Handwerker um die Ecke hat vielleicht einen, die Bankfiliale gleich eine Handvoll und ein Industriekonzern wie Bosch sogar mehr als 1400. Die Rede ist von neuen Lehrlingen zum Ausbildungsstart im September. Beim Stuttgarter Autozulieferer sind allerdings diejenigen Nachwuchskräfte schon mit eingerechnet, die ein duales Studium absolvieren. Der Trend geht in den letzten Jahren eindeutig zu dieser Kombination aus Studium und Ausbildung, „Die gesellschaftliche was nicht nur mit der Aufwertung der früheren BerufsakaAnerkennung der Berufe demien zu Dualen Hochschuaus dem Handwerk oder len im Jahr 2009 zu tun hat. dem verarbeitenden An den heute neun badenGewerbe ist heute genauso württembergischen Studienakademien zwischen Ravensgroß wie die einer burg und Mannheim waren im akademischen Ausbildung.“ Wintersemester 2014/15 laut statistischem Landesamt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit 34 390 Studierende eingeschrieben. Die Zahl ist binnen fünf Jahren um mehr als ein Drittel angestiegen und hat sich seit 2004 nahezu verdoppelt. Heute lernt fast jeder zehnte Studierende im Land an einer Dualen Hochschule. Der Akademieverbund wirbt selbstbewusst mit dem Titel „größte Hochschule Baden-Württembergs“. Sorgen bereitet der Wirtschaft, insbesondere dem Handwerk, dagegen die Entwicklung der Zahl der Auszubildenden, die das im Ausland oft gepriesene System der dualen Berufsausbildung durchlaufen. Zwar erwarten die Industrie- und Handels-

kammern im Land für das laufende Ausbildungsjahr erstmals seit drei Jahren keinen weiteren Rückgang der neuen Lehrverträge – auch das Handwerk verzeichnete gerade einen leichten Anstieg –, dennoch sind die Perspektiven alles andere als rosig. Einen alarmierenden Befund stellten im Oktober die Wirtschaftsforscher der Prognos AG auf: In einer von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie sagen sie einen bundesweiten Rückgang der betrieblichen Auszubildenden um 80 000 auf 400 000 bis zum Jahr 2030 voraus. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks befürchtet, dass den Betrieben dann rund eine Million Fachkräfte fehlen werden. In Baden-Württemberg zählt das Handwerk bereits jetzt zu den großen Verlierern. Die Zahl der Lehrlinge in den Bäckereien, Tischlereien und Gärtnereien im Land ist seit 1995 von mehr als 60 000 auf unter 48 000 gesunken. Die freien Berufe verzeichneten prozentual sogar noch stärkere Einbußen: Während vor 20 Jahren noch mehr als 20 000 junge Männer und Frauen Steuerfachangestellte oder Krankenpfleger werden wollten, waren es 2014 nur noch gut 14 000. Im öffentlichen Dienst ging die Zahl der Azubis im gleichen Zeitraum von 7000 auf 5500 zurück. Lediglich in der Landwirtschaft ist die Lehrlingszahl in etwa konstant bei 3700 geblieben. Die industriellen und kaufmännischen Ausbildungsberufe verzeichneten als einziger Bereich Zuwächse, und zwar deutliche: so stieg die Zahl der Lehrlinge von 93 000 auf mehr als 120 000 an.

DIE SCHERE GEHT WEITER AUF

Auszubildende und Studenten

354,2

Angaben in Tausend Studierende an Hochschulen insgesamt 250

192,4

200 Auszubildende 150

100 Studierende an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg

50

1985 StZ-Grafik: zap

1990

1995

2000

2005

2010

34,4

2014

Quelle: Statistisches Landesamt

Dass beispielsweise Büroberufe überproportional stark gefragt sind, sieht der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, durchaus kritisch: „Es gibt immer weniger Stellen im Bereich der klassischen Büroberufe, weil da durch die Digitalisierung viel rationalisiert worden ist“, sagt Weise. Auf der anderen Seite würden für viele Ausbildungsstellen im technischen Bereich, im Handwerk, im Dienstleistungssektor oder in der Gastronomie nicht mehr genügend geeignete Bewerber gefunden. Die Kandidaten lassen sich Weise zufolge von der falschen Vorstellung leiten, dass ihnen in einem Handwerksberuf keine angemessene Wertschätzung zuteilwird, und streben stattdessen eher ein Studium an. „Dabei ist die gesellschaftliche Anerkennung der Berufe aus dem Handwerk oder dem verarbeitenden Gewerbe heute genauso groß wie die einer akademischen Ausbildung“, so der Behördenchef. Während die Studentenzahlen im Land in den vergangenen Jahren sukzessive gestiegen sind – innerhalb der letzten fünf Jahre von 275 000 auf 355 000 (Wintersemester 2014/15), sank die Zahl der Auszubildenden im gleichen Zeitraum von 205 000 auf 192 000. Anders als im Bund, wo die Zahl der Studienanfänger 2013 erstmals die der neuen Auszubildenden übertroffen hat, standen in Baden-Württemberg im Wintersemester 2014/15 immerhin noch rund 74 000 neue Azubis 62 700 Erstsemestern gegenüber. Die Forscher prognostizieren jedoch, dass die Schere zwischen Studien- und Ausbildungsanfängern weiter auseinandergehen wird. Die Jugendlichen versprechen sich oft einen erfolgreicheren Karriereweg von einem Studium. Dabei wissen sie vielfach gar nicht, welche Möglichkeiten es im Bereich der beruflichen Ausbildung gibt. Die Vertreter von IHKs und Handwerkskammern schimpfen seit Langem darüber, dass Schüler an Gymnasien zwar übers Studium informiert werden, aber nicht über die Ausbildung. Sie setzen darauf, dass sich das durch das neue Unterrichtsfach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung, das im kommenden Jahr an allen allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg eingeführt wird, ändert. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt zur Stärkung der betrieblichen Ausbildung die Einführung einer zweijährigen Kombination aus Studium und Ausbildung, an deren Ende den Teilnehmern drei Optionen offenstehen: Fortführung der Berufsausbildung, des Studiums oder Aufnahme eines dualen Studiums. Einem vergleichbaren Prinzip folgt das Projekt „Abi und Auto“ in Mannheim. Abiturienten und Studienabbrecher sind die Zielgruppe; sie können gleich drei Berufe innerhalb von dreieinhalb Jahren erlernen. Im ersten Schritt absolvieren sie eine „normale“ Lehre zum Mechatroniker. Nach der Gesellenprüfung folgt die Ausbildung zum technischen Fachwirt und im letzten Schritt die Meisterprüfung. Ende dieses Jahres werden die ersten Teilnehmer des Programms so weit sein. „Sie geben richtig Gas“, sagt Harald Groß. Der Geschäftsführer der Innung des Kraftfahrzeuggewerbes Rhein-Neckar-Odenwald berichtet, dass für jede

Jahrgangsklasse bisher 16 bis 18 Teilnehmer ausgewählt wurden. Auch er kennt die Fälle, bei denen junge Menschen mit Dienstwagen, Reisen oder Smartphones „geködert“ würden, allerdings wirke dies bei weitem nicht so erfolgreich als Entscheidungshilfe für einen Bewerber wie solide Karrie- „Auch die Autozulieferer reperspektiven. sind an Arbeitskräften Das Programm sei zwar interessiert, die ambitioniert und verlange viel Einsatz von den Absol- schon einmal einen venten, doch es lohne sich Schraubenschlüssel auch: „Sie schaffen das, wofür in der Hand hatten.“ Real- oder Hauptschüler in der Regel mindestens sieben Harald Groß, Chef der Innung des KfzJahre brauchen, in der Hälfte Gewerbes Rhein-Neckar-Odenwald der Zeit“, erklärt Groß. In den Betrieben seien diese Nachwuchskräfte anschließend heiß begehrt, schließlich könnten sie schnell Verantwortung übernehmen. Der Trend zur Filialisierung im Autohaus- und Werkstattbereich sorge dafür, dass immer mehr gut qualifizierte Mitarbeiter auf verantwortungsvollen Posten benötigt würden, etwa als Betriebsstättenleiter. Zudem seien auch die Automobilzulieferer an Arbeitskräften interessiert, „die schon einmal einen Schraubenschlüssel in der Hand hatten“, sagt Groß. Einen Schritt weiter als das Mannheimer Modell geht der Ansatz des sogenannten trialen Studiums, der allerdings erst an wenigen deutschen Standorten angeboten wird. Die Teilnehmer erwerben dabei neben dem Gesellen- und dem Meisterbrief auch den akademischen Grad des Bachelor of Arts. In Köln gibt es das Modell bereits seit 2010, in Hannover seit vergangenem Wintersemester an den privaten Fachhochschulen des Mittelstands. Und an der Hochschule Niederrhein startet gerade der erste Jahrgang im fünfjährigen Studiengang Handwerksmanagement – BWL. Dieser richtet sich etwa an Bewerber, die nach ihrem Abschluss den Handwerksbetrieb der Eltern übernehmen und in der nächsten Generation weiterführen wollen. Die Frage „Ausbildung oder Studium?“ stellen sie sich nicht – schließlich geht beides.

328 LEHRBERUFE UND 866 STUDIENGÄNGE Ausbildung In Deutschland gibt es insgesamt 328 anerkannte Ausbildungsberufe im Rahmen des dualen Ausbildungssystems. Darüber hinaus werden weitere Ausbildungsberufe außerhalb des dualen Systems beispielsweise in vollzeitschulischen Ausbildungen an Berufsfachschulen gelehrt. Favoriten An der Rangfolge der häufigsten Lehrberufe hat sich in den vergangenen Jahren wenig geändert: Bei Jungen stehen technische Berufe wie Kfz-Mechatroniker, Industriemechaniker oder Elektroniker hoch im Kurs. Auch Einzelhandelskaufmann ist beliebt. Junge Frauen wollen vor allem Kauffrauen im Einzelhandel oder Verkäuferinnen, Kauffrauen für Büromanagement sowie medizinische Fachangestellte werden.

Studium Die Website studis-online.de listet 19 063 Angebote in insgesamt 866 Studiengängen auf. Im Bereich der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studieren bundesweit die meisten jungen Männer und Frauen. Im Wintersemester 2014/15 waren es laut Statistischem Bundesamt knapp 823 000. Fächer Dahinter folgen die Ingenieurwissenschaften (545 000), Sprach- und Kulturwissenschaften (500 000) sowie Mathematik/ Naturwissenschaften (490 000). Zahlenmäßig weniger stark sind die Fächergruppen Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften (157 000), Kunst (91 000), Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften (53 000), Sport (28 000) und Veterinärmedizin (8000). tht


Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg 23

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

Gesucht: motivierte Nicht-Akademiker Porsche besetzt 40 Prozent der Lehrstellen mit Hauptschulabsolventen und Bewerbern, die nicht auf direktem Weg in eine Ausbildung kommen. Auch der Vakuumspezialist Schmalz gibt Jugendlichen mit niedrigen AbschlĂźssen eine Chance. Von Oliver Schmale Praxisbeispiele

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as Stichwort „Quote“ bewegte die Wirtschaft zuletzt, als es um den Frauenanteil in Aufsichtsräten von Dax-Unternehmen ging. Auch der Autobauer Porsche hat sich eine Quote verordnet – allerdings geht es hier nicht um das Geschlecht, sondern um den Schulabschluss. Um HauptschĂźler zu fĂśrdern, hat sich der Sportwagenbauer das Ziel gesetzt, 40 Prozent der Lehrstellen mit Absolventen dieser Schulart zu besetzen. Das habe in frĂźheren Jahren in etwa auch dem tatsächlichen Anteil von HauptschĂźlern in einem Jahrgang entsprochen, sagt ein Unternehmenssprecher. „Heute sind es nur noch knapp 20 Prozent.“ Hinter der Quote stehe der Gedanke, auch jenen Jugendlichen die Chance auf einen Ausbildungsplatz zu bieten, die auf den ersten Blick als Bewerber „Bei einem Haupt- oder weniger interessant erscheiRealschĂźler ist in der Regel nen. „Heute sind dies nicht mehr nur die HauptschĂźler, eine deutlich bessere sondern auch Jugendliche, die Identifikation mit dem aus einem anderen Grund bei Ausbildungsberuf gegeben.“ einer schnellen Sichtung der Bewerbungsunterlagen auf Ein Sprecher von Porsche Ăźber den Absagestapel kommen – die Motivation der Auszubildenden etwa weil sie nach der Schule nicht direkt den Weg in eine Ausbildung gefunden haben. „Aus diesem Kreis versuchen wir einen groĂ&#x;en Teil unserer Ausbildungsplätze zu besetzen, ZielgrĂśĂ&#x;e sind hier nach wie vor 40 Prozent“, so der Sprecher. Heute schlieĂ&#x;t rund die Hälfte aller Jugendlichen die Schule mit einem Zeugnis ab, das zur Aufnahme eines Studiums berechtigt. Im Zuge des anhaltenden Trends zur Akademisierung erscheint dann vielen SchĂźlern und Eltern eine Berufsausbildung im technischen Bereich unattraktiv, so die Erfahrung bei der VW-Tochter. Manche strebten auch dann ein Studium an, wenn ihnen die Eignung dafĂźr fehle. Andere starteten in eine technische Ausbildung – aber nur mit dem Ziel, gleich danach zu studieren. Beides wolle Porsche aus naheliegenden GrĂźnden nicht. „Bei einem Haupt- oder RealschĂźler ist in der Regel eine deutlich

bessere Identifikation mit dem Ausbildungsberuf und der späteren Berufstätigkeit gegeben.“ Deshalb wirbt Porsche auch gezielt um Nicht-Abiturienten. Die Unternehmen lassen sich auf der Suche nach guten Lehrlingen inzwischen einiges einfallen. Der Grund sind die sinkenden Bewerberzahlen. Der gut 950 Mitarbeiter zählende Vakuumspezialist J. Schmalz GmbH mit Sitz im Schwarzwald hat keine grĂśĂ&#x;eren Probleme, Nachwuchs anzuwerben. Voraussetzung fĂźr die verschiedenen Ausbildungsberufe ist je nach Berufsbild ein Hauptschulabschluss, mittlere Reife oder Abitur. „Schmalz achtet sehr auf einen ausgewogenen Mix – das gilt fĂźr Abiturienten und Nicht-Abiturienten genauso wie fĂźr Akademiker und Nicht-Akademiker“, sagt ein Sprecher. Das Familienunternehmen hat zwar keine Quote wie Porsche, es bildet aber auch gezielt junge Leute mit niedrigerem Bildungsabschluss aus. Schmalz hat bereits 2007 gemeinsam mit anderen Unternehmen aus der Region eine Ausbildungsinitiative fĂźr Jugendliche mit FĂśrderbedarf ins Leben gerufen. Zielgruppe sind FĂśrderschulabgänger im Landkreis Freudenstadt, die sich allgemein einer äuĂ&#x;erst schwierigen Ausbildungsplatzsituation gegenĂźbersehen. Die Partner bieten den Angaben zufolge fĂśrderbedĂźrftigen Jugendlichen die MĂśglichkeit, sich zum Metallfeinbearbeiter ausbilden zu lassen. Die Ausbildungsinhalte sind speziell auf die BedĂźrfnisse der Jugendlichen zugeschnitten. Ziel ist es, die ausgebildeten Metallfeinbearbeiter auch nach der Ausbildung zu unterstĂźtzen und in ein festes Angestelltenverhältnis zu Ăźbernehmen, wie der Sprecher erläutert. Auch eine eineinhalbjährige sich anschlieĂ&#x;ende Ausbildung zum Industriemechaniker oder Zerspanungsmechaniker ist mĂśglich. Die Ausbildungsinitiative ist eine Erfolgsgeschichte: Seit 2007 haben rund 70 Jugendliche die Ausbildung zum Metallfeinbearbeiter durchlaufen. Porsche schlieĂ&#x;t keine Absolventengruppe bei den angebotenen Ausbildungs-

Porsche besetzt einen Teil seiner Lehrstellen ganz bewusst mit Nicht-Abiturienten. Unser Bild zeigt das AusbilFoto: Porsche dungszentrum des Sportwagenbauers. plätzen aus. „Aber wir wählen, wenn wir von unserem FĂśrderjahr-Programm absehen, natĂźrlich leistungsorientiert aus. DafĂźr sind die Schulnoten maĂ&#x;geblich“, sagt der Unternehmenssprecher. Besonders wichtig seien fĂźr Porsche die Noten fĂźr das Sozialverhalten, die sogenannten Kopfnoten fĂźr Verhalten und Mitarbeit. „Es ist allerdings nicht so, dass wir nur auf Einsernoten Wert legen. Die Begeisterung fĂźr den Ausbildungsberuf und die spätere berufliche Tätigkeit und die Teamfähigkeit sind genauso bedeutend.“ Auch wenn Porsche traditionell eine soziale Unternehmenskultur habe, mĂźsse das Unternehmen schon sehr auf die Leistungsfähigkeit des Nachwuchses achten. Ă„hnliche Anforderungen gelten sicherlich auch bei kleineren und mittleren Unternehmen. Trotz der zurĂźckgehenden Bewerberzahlen konnten sie in den letzten Jahren ihre Lehrlingszahlen stabil halten. Nach Angaben des Mittelstandspanels der staatlichen FĂśrderbank KfW sind seit 2008

die Azubizahlen in Deutschland von Jahr zu Jahr um drei Prozent zurĂźckgegangen. Kleine und mittlere Betriebe konnten die Zahl ihrer Lehrlinge aber weitgehend konstant bei 1,2 Millionen halten. Schmalz setzt vom ersten Tag an auf ein abwechslungsreiches Ausbildungsprogramm, bei dem der Teamgedanke und die gemeinsame Arbeit an Projekten im Vordergrund stehen. 2015 begann das neue Ausbildungsjahr bereits einen Tag vor dem offiziellen Start in einem Naturfreundehaus in der Nähe von Freudenstadt. Dort hätten sich die neuen Schmalz-Mitarbeiter in lockerer Atmosphäre kennengelernt, so der Sprecher. „Auf der Agenda standen verschiedene Kennenlern- und Geschicklichkeitsspiele, Gruppenarbeit und ein gemeinsames Projekt, bei dem die neuen Mitarbeitenden ihre Kreativität, innovatives Denken und technisches Geschick unter Beweis stellen konnten. Den jungen Nachwuchskräften standen zwei professionelle Teamcoaches zur Seite.“

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24 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 6 | November 2015

Studium oder Ausbildung? Debatte

Die Zahl der Studierenden nimmt weiter zu. Dagegen machen immer weniger Jugendliche eine Ausbildung. Droht Deutschland eine Akademikerschwemme? Darüber streiten Handwerkspräsident Rainer Reichhold und IAB-Chef Joachim Möller in zwei Gastbeiträgen.

Das Bild vom Handwerk muss sich ändern

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ie Landesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, dass mittelfristig mindestens 50 Prozent eines Altersjahrgangs ein Hochschulstudium abschließen. Dieser Satz zeugt von einem grundsätzlichen Missverständnis der Bedeutung von Handwerksberufen in vielen Köpfen – nach dem Motto: Nur wer studiert hat, kann im Leben etwas erreichen. Deshalb streben viele Eltern für ihre Kinder möglichst hohe Schulabschüsse an und haben gedanklich bereits schon sehr konkrete Karrierepläne für sie entwickelt. Dabei sieht die Lebenswirklichkeit anders aus: Viele Akademiker hangeln sich mit Anfang dreißig von einem schlecht bezahlten und zudem befristeten Job zum anderen, den meist wenig mit dem vorherigen Studium verbindet. Oft finden sich solche Jobs nur in Großstädten wie Stuttgart oder Berlin, das Leben dort ist teurer als anderswo. Wenn von der Generation Praktikum die Rede ist, dann sind meist eben diese jungen Menschen gemeint. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hat „Die Handwerksberufe kürzlich aufgezeigt, das die werden stetig modernisiert Erwerbslosenquote unter Hochschulabsolventen höher und gehen mit der ausfällt als unter Meistern Zeit. Wenn etwa von und Technikern. Der gleichaltrige HandwerIndustrie 4.0 geredet ker dagegen steht zu diesem wird, ist das Handwerk Zeitpunkt zumeist schon rund längst mit im Boot.“ 15 Jahre in Lohn und Brot, hat eine unbefristete Anstellung Handwerkspräsident Rainer Reichhold über Berufsbilder in der Branche in einem wohnortnahen Handwerksbetrieb oder ist vielleicht schon selbst Unternehmer. Er wohnt im zur Hälfte abbezahlten Eigenheim und hat eine eigene Familie gegründet. Er musste nicht weit wegziehen, denn das Handwerk bietet Arbeitsplätze vor Ort, auch im ländlichen Raum. Er hat die Schule mit dem Hauptschul- oder Realschulabschluss verlassen und sich für eine Ausbildung in einem von über 130 Handwerksberufen entschieden. Er hat ein Praktikum im Ausland absolviert und einen höheren Schulabschluss erworben. Nach der Ausbildung hat er noch eine Fortbildung zum Handwerksmeister absolviert und mit dem

Die Politik will den Anteil der Akademiker weiter steigern. Doch der Weg an die Universität ist nicht immer die richtige Entscheidung. Und schon gar nicht für jeden. Von Rainer Reichhold

Ausbildung

Meisterbrief automatisch die allgemeine Hochschulreife erhalten. Aber studieren will er gar nicht mehr, denn die Arbeit mit den eigenen Händen macht ihm Spaß, und verdienen tut er auch genug. Das Handwerk ist die Wirtschaftsmacht von nebenan und arbeitet mit seiner bundesweiten Kampagne an einem neuen Image. Dies wird uns dann gelungen sein, wenn sich insbesondere in den Köpfen der Eltern und Lehrkräfte das Bild des Handwerks verändert hat. Das moderne Handwerk ist nicht schmutzig und mühsam. Natürlich muss man auch mal zupacken können. Aber die Berufsbilder, die viele Eltern und Lehrkräfte aus ihrer eigenen Jugend noch im Kopf abgespeichert haben, gibt es heutzutage gar nicht mehr. Die Handwerksberufe werden stetig modernisiert und gehen mit der Zeit. Wenn etwa von Industrie 4.0 geredet wird, ist das Handwerk längst mit im Boot. Natürlich gibt es auch noch das althergebrachte traditionelle Handwerk. Was wäre auch das Leben beispielsweise ohne Butterbrezeln oder Metzger-Maultaschen? Dieses andere Bild des Handwerks zu vermitteln, ist auch die Aufgabe der Lehrkräfte im Rahmen der Berufsorientierung an den Schulen. Große Hoffnungen setzt das Handwerk daher in das neue Fach Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung sowie in die neue Leitperspektive Berufliche Orientierung, welche im Rahmen der Bildungsplanreform 2016 verpflichtender Bestandteil des Unterrichts an allen allgemeinbildenden Schulen werden. Bei der Vielzahl an Ausbildungsberufen fehlt den Schülern heute manchmal der nötige Durchblick, den Lehrern aber leider ebenso. Dies gilt in besonderem Maße für die Gymnasien im Land. Auch für Abiturienten bietet das Handwerk interessante Karrierewege. Da müssen die Lehrer noch mal ran: Sie müssen lernen, dass der Weg an die Universität nicht immer die richtige Entscheidung ist. Und schon gar nicht für alle.

Und nicht zuletzt: muss man eigentlich daran erinnern, dass die von der OECD so hoch gelobten west- und südeuropäischen Länder mit hohen Studierquoten größte Probleme haben beim Berufszugang für Hochschulabsolventen? Eine objektive Bedarfsfeststellung gibt es nicht. Wir im Handwerk aber wissen: Mehr als 8000 Ausbildungsplätze konnten nicht besetzt werden, mehr als 18 000 Betriebe suchen in den nächsten fünf Jahren einen Nachfolger. Die Auftragsbücher sind voll, die Zukunftsaussichten blendend. Akademisierung ist nicht universell notwendig und schon gar nicht wünschenswert. Ein System schulischer Bildungsgänge und berufsbezogener Qualifizierung ist die bessere Alternative. Das duale System eben. Es eröffnet im Übrigen den Anschluss an weitere Bildungswege, akademische oder nichtakademische. Und was passiert, wenn all die Bemühungen zur besseren Berufsorientierung fehlschlagen und der Drang zu höheren Schulabschlüssen und auf die Hochschulen weiter anhält? Wenn das mittelfristige Ziel der Landesregierung einer 50-prozentigen Akademikerquote erreicht wird? Dann wird der Jammer groß sein. Denn am Ende regeln Angebot und Nachfrage die Preise auf dem

Handwerkermarkt. Je weniger Handwerker es gibt, desto teurer werden ihre Dienstleistungen und desto länger muss man auf den Fachmann warten. Vielleicht kommen dann die ersten Eltern auf die Idee, dass Handwerker vielleicht doch ein lohnenswerter Beruf für das eigene Kind sein könnte. Rainer Reichhold ist Präsident des BadenWürttembergischen Handwerkstages und geschäftsführender Gesellschafter der Firma Elektro Nürk in Nürtingen-Zizishausen.

Rainer Reichhold plädiert für eine bessere Berufsorientierung an den Schulen. Foto: BWHK

Es gibt kein Überangebot an Akademikern

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ie Debatte über das Verhältnis von Ausbildung und Studium wird in Deutschland weiterhin sehr kontrovers geführt. „Akademisierungswahn“ steht gegen „Akademikerlücke“. Entscheiden sich zu viele junge Leute für ein Fachhochschul- oder Universitätsstudium und zu wenige für eine duale Ausbildung? Oder ist es genau andersherum? Zum einen wird argumentiert, dass der starke Zuwachs der Studierquoten am zu erwartenden zukünftigen Bedarf an Hochqualifizierten vorbeigeht, während der dualen Berufsausbildung der geeignete Nachwuchs ausgehe. Zum anderen verweist man auf den Übergang zur Wissensgesellschaft und die Erfordernisse einer digitalisierten Wirtschaft: Hochlohnländer mit zu geringen Investitionen in die Hochschul- und Universitätsabsolventen könnten rasch ins Hintertreffen geraten.

Der Anteil an Geringqualifizierten ist nach wie vor zu hoch, meint IAB-Chef Joachim Möller. Foto: IAB

Der Trend zur Höherqualifizierung hält an. Deshalb ist es richtig, dass sich viele junge Leute für ein Studium entscheiden. Das muss nicht zu Lasten der dualen Ausbildung gehen. Von Joachim Möller Studium

Traditionell ist das duale Berufsbildungssystem das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Es vereinigt Praxis und Theorie und schult Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die duale Berufsausbildung gilt als wichtige Voraussetzung für eine hohe Qualität von Produkten und Dienstleistungen, sei es im Handwerk oder der Exportwirtschaft. Das Ausbildungssystem ist ein wichtiger Baustein des erfolgreichen „deutschen Modells“. Von daher versteht es sich von selbst, dass das duale Berufsbildungssystem nicht aus-

trocknen darf. Es ist auf einen ausreichenden Zustrom von talentierten und motivierten Jugendlichen angewiesen. Nun dünnen sich aber aufgrund der demografischen Entwicklung die Jahrgänge der infrage kommenden Jugendlichen zunehmend aus. Immer mehr machen das Abitur und streben verstärkt an die Hochschulen. Unter dem Strich verliert der klassische Qualifikationsweg – Abschluss von Hauptoder Realschule und anschließende Berufsausbildung – im Konkurrenzkampf der Bildungsangebote deutlich Marktanteile. In Deutschland hat sich die durchschnittliche Ausbildungszeit der Beschäftigten innerhalb von einer Generation um etwa 1,5 Jahre erhöht. Der Anteil der Erwerbstätigen in Berufen mit hohem Qualifikationsbedarf wie Wissenschaftler, Programmierer, Ingenieure, Ärzte und Lehrer, aber auch Techniker und Physiotherapeuten, ist in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen von 42 Prozent im Jahr 2004 auf 46,5 Prozent im Jahr 2014 spürbar gestiegen. Festzustellen ist, dass der Trend zur Höherqualifizierung alle Bereiche der Wirtschaft erfasst. Überall sind die Anforderungen zur Erledigung der beruflichen Aufgaben gestiegen. Zwar gibt es auch Personen mit höherer Ausbildung, die für die ausgeübten Tätigkeiten überqualifiziert sind; diese Fälle sind aber nicht besonders häufig: 86 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland geben an, qualifikationsadäquat beschäftigt zu sein. Einen Beleg für ein Überangebot von akademisch ausgebildeten Arbeitskräften gibt die Arbeitslosenstatistik nicht her: Je niedriger die Qualifikation ist, desto höher ist die Arbeitslosenquote. Immer noch ist fast jede fünfte gering qualifizierte Person trotz günstiger Großwetterlage auf dem Arbeitsmarkt ohne Beschäftigung,

während bei Fachhochschul- und Universitätsabsolventen weitgehend Vollbeschäftigung herrscht. Vergleichbar gut stellt sich die Lage für Personen mit Meister- oder Technikerausbildung dar. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Blick auf die Verdienste. Universitätsabsolventen mittleren Alters verdienen heute im Schnitt etwa das 2,5-Fache dessen, was Geringqualifizierte erhalten, und doppelt so viel wie Absolventen des klassischen dualen Ausbildungswegs. Die Unterschiede haben sich seit Mitte der 1990er Jahre noch vergrößert. Selbst unter Einberechnung der längeren Ausbildungszeiten ergeben sich Unterschiede in den zu erwartenden Lebensverdiensten, die eine Million Euro oder mehr erreichen können. Zum vollständigen Bild gehört aber auch: Meister und Techniker liegen in ihren Lebensverdiensten nicht weit entfernt von Fachhoch- „Junge Leute verhalten sich schulabsolventen. durchaus rational, wenn Vor diesem Hintergrund sie in höhere Ausbildungsverhalten sich junge Leute durchaus rational, wenn sie in formen drängen.“ höhere Ausbildungsformen IAB-Chef Joachim Möller über drängen. Wie aber kann ver- die wachsende Zahl Studierender hindert werden, dass das Bewerberpotenzial für die duale Ausbildung allzu sehr schrumpft? Falsch wäre es, die duale Ausbildung und die Ausbildung an den Hochschulen gegeneinander auszuspielen. Der wachsende Anteil der Hochqualifizierten muss keineswegs zwingend zu Lasten des Anteils der Personen gehen, die sich für eine duale Berufsausbildung entscheiden. Zurückgehen kann und sollte vielmehr der Anteil der Geringqualifizierten. Derzeit liegen noch viele Potenziale bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen brach, die ohne abgeschlossene Ausbildung in den Arbeitsmarkt eintreten. Personen, die vielleicht eine zweite oder dritte Chance benötigen, können noch für die duale Ausbildung gewonnen werden. Joachim Möller ist Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg.


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WĂœRTTEMBERG

P R I VAT B A N K E N IM SĂœDWESTEN N OV E M B E R 2 0 1 5 ReiĂ&#x;leine ziehen

Aktie hat Zukunft

Besser als gefĂźhlt

Durch das Auf und Ab an den Kapitalmärkten in diesem Jahr wurde das Nervenkostßm vieler Anleger ziemlich strapaziert.

Wer sein VermÜgen nicht schmälern will, kommt um Aktien nicht herum. So lautet das Fazit der Expertenrunde im Pressehaus.

Ausblick auf die kommenden Monate: mit welchen Entwicklungen verschiedene Privatbanken an den Finanzmärkten rechnen.

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Starker Wettbewerb Privatbanken konzentrieren sich auf die Betreuung groĂ&#x;er VermĂśgen

K

Ăźrzlich gab die auf Kapitalmarktdienstleistungen fĂźr Unternehmen spezialisierte SĂźddeutsche Aktienbank bekannt, dass sie sich nun um Private Banking und damit die Betreuung privater VermĂśgen kĂźmmern will. Und das kĂźnftig Ăźber Stuttgart hinaus auch in Freiburg und Baden-Baden, in Mannheim, Heilbronn und Karlsruhe. Der Marktauftritt zeigt einmal mehr, wie attraktiv der SĂźdwesten Deutschlands fĂźr VermĂśgensbetreuer ist. „BadenWĂźrttemberg gehĂśrt zu den wirtschaftsstärksten Bundesländern und Stuttgart zu den Städten mit der grĂśĂ&#x;ten Kaufkraft sowie der hĂśchsten Millionärs- und Managerdichte“, sagt Domenico Gehling, bei der Hypovereinsbank Leiter des Private Banking WĂźrttemberg/Bodensee. Kein Wunder ist es da, dass GroĂ&#x;banken und Privatbanken um die Wohlhabenden ebenso buhlen wie traditionsreiche Edeladressen, die heute unter dem Dach groĂ&#x;er Konzerne auftreten. Die Universalbanken setzen auf ihre aus der GrĂśĂ&#x;e und dem breiten Leistungsspektrum resultierenden Stärken und verbinden sie mit der Präsenz von Spezialistenteams vor Ort. Das Private Banking der Hypovereinsbank etwa kĂźmmert sich um Anleger, die der Bank mindestens ein VermĂśgen von 500 000 Euro anvertrauen. Die erhalten neben der VermĂśgensbetreuung auch Finanzierungen, Dienstleistungen rund um die Immobilie und sogar Spezialitäten wie Kunstberatung und Oldtimer-Expertise. „Es gilt, Kunden persĂśnlich zu betreuen und gleichzeitig die Vorteile zu nutzen, die sich durch eine Zentralisierung von wichtigen Dienstleistungen bieten“, beschreibt Alexander Mast, Leiter Wealth Management BANKEN Region WĂźrttemberg WEALTH MANAGEMENT Deutsche Bank, die VorzĂźge der groĂ&#x;en PRIVATHAFTUNG KAPITAL Häuser. Er zählt zu den Vorteilen den Zugang NACHFOLGE zu globalen Experten MILLIONĂ„RE und Ressourcen. Denn viele VermĂśgende sind unternehmerisch vom weltweiten Wettbewerb geprägt und wĂźnschen auch die Betreuung des VermĂśgens Ăźber Ländergrenzen hinweg. Die Commerzbank, die anders als andere GroĂ&#x;banken nicht auf FilialschlieĂ&#x;ungen setzt, sucht auch bei der Beratung Wohlhabender noch mehr Kundennähe. Derzeit verfĂźgt sie in Deutschland Ăźber 42 Standorte. Spätestens bis Ende 2016 soll es in jeder der 65 Niederlassungen ein Wealth-Management-Team geben. In Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe und Baden-Baden sind diese Teams ebenso vor Ort wie in Freiburg und Konstanz. Ein typischer Kunde hat ein liquides VermĂśgen von gut einer Million Euro und wird von einem Relationship-Manager betreut, der Spezialisten hinzuziehen kann. Auf ein breites Leistungsspektrum setzen aber auch kleinere Wettbewerber. Die SĂźdwestbank ist seit dem Verkauf an private Investoren vor elf Jahren eine der grĂśĂ&#x;ten unabhängigen Privatbanken geworden. Neben dem Ausbau des Kreditgeschäfts fĂźr den Mittelstand hat sich vor allem die VermĂśgensverwaltung zu einem Wachstumstreiber entwickelt. Allein 2014 ist das verwaltete Volumen um 60 Prozent nach oben geschnellt. Auch das traditionsreiche Bankhaus Ellwanger & Geiger ist stark im Mittelstand verankert, wobei ein klarer Schwerpunkt auf Immobilien und VermĂśgensverwaltung bis

hin zur Nachfolgeplanung liegt. Was Kunden solcher Privatbankiers besonders schätzen: die Geschäftsfßhrung liegt in den Händen persÜnlich haftender Gesellschafter, deren Privathaftung das Eingehen hoher Risiken quasi per se verhindert. Die Privatkunden von Ellwanger & Geiger verfßgen in der Regel ßber ein liquides Kapital von mindestens 500 000 Euro und schätzen die Verwurzelung in der Region. Die auf hochwertige private Immobilien spezialisierte Tochtergesellschaft ist in Sindelfingen, Esslingen, Waiblingen und am Bodensee vertreten. Mit dem 1674 in Frankfurt am Main gegrßndeten Bankhaus Metzler ist auch die immer noch im Familienbesitz befindliche älteste deutsche Privatbank mit einer Geschäftsstelle in Stuttgart vertreten. Ihr Ziel lautet, mit einer konservativen Anlage auch

 

das VermĂśgen ihrer Kunden im Private Banking Ăźber mehrere Generationen hinweg zu erhalten und zu vermehren. Die exquisite Zielgruppe beginnt bei einem Anlagebedarf von mehr als drei Millionen Euro und schätzt es, dass sich Metzler Private Banking ausschlieĂ&#x;lich mit dem Kapitalmarktgeschäft beschäftigt: von der privaten VermĂśgensverwaltung Ăźber die Verwaltung von StiftungsvermĂśgen bis zur VermĂśgenstreuhand. Auch die FĂźrst Fugger Privatbank aus Augsburg ist in Stuttgart seit zehn Jahren präsent und findet wachsenden Zuspruch. „Unser Einzugsbereich reicht bis zum Bodensee“, sagt Jochen Dietrich, Leiter der Niederlassung Stuttgart. Die Bank betreut wohlhabende Privatpersonen und Institutionelle wie Stiftungen und Verbände mit einem freien VermĂśgen von mindestens 250 000

Euro. Wichtig sind ihr neben einem ganzheitlichen Ansatz und einer sehr individuellen Beratung nachvollziehbare und zugleich nachhaltige Anlagestrategien. „Der Fokus liegt auf Aktien, Renten, Immobilien und Gold; Termingeschäfte und andere komplexe Produkte bleiben auĂ&#x;en vor“, so Dietrich. Traditionsreiche Häuser treten heute auch unter dem Dach groĂ&#x;er Finanzkonzerne auf. Bei der Bethmann Bank etwa ist das die niederländische ABN Amro. Seitdem die Bethmann Bank das deutsche Private-Banking-Geschäft der Credit Suisse Ăźbernommen hat, gehĂśrt sie hier zu den drei grĂśĂ&#x;ten Anbietern und ist auch in Stuttgart und Mannheim präsent. „Diese Region ist fĂźr uns ein sehr attraktives Marktsegment“, sagt Markus Heilig, Niederlassungsleiter Stuttgart. Norbert Hofmann

 

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PRIVATBANKEN IM SÜDWESTEN

November 2015

Foto: germanskydive110/fotolia

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Rechtzeitig Reißleine ziehen Tipps für einen besseren Umgang mit dem Anlagerisiko

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as hektische Auf und Ab der Kapitalmärkte mit den Rücksetzern an den Aktienbörsen in diesem Jahr hat gezeigt, dass Anleger ein gutes Nervenkostüm brauchen. Hier kann ein professionelles Risikomanagement der begleitenden Banken für Entlastung sorgen. Im Kern können sich die Risiken bei der Vermögensanlage mit drei Tipps spürbar reduzieren lassen. „Breit streuen!“, lautet die erste Devise hierfür bei der Commerzbank. Wer in Wertpapiere investiere, solle niemals alles auf ein Pferd setzen, sagt Mario Peric, Niederlassungsleiter Privatkunden des Instituts in Stuttgart. Die breite Streuung über verschiedene Anlageklassen und Investmentregionen reduziert Schwankungen und schafft so die Voraussetzung für eine ansprechende Wertentwicklung. „Wir empfehlen dabei, mindestens die vier Anlageklassen Aktien, Renten, Rohstoffe und Immobilien zu berücksichtigen. Denn gerade diese vier ergänzen sich gut“, so Peric, der darauf hinweist, dass Immobilieninvestments während der Aktienmarktkorrektur weiter an Wert zugelegt und so den negativen Wertbeitrag von Aktien deutlich kompensiert hätten. Die genaue Aufteilung hänge dabei von Risikofreude und Anlagehorizont ab. Darüber hinaus rät die Commerzbank dazu, „Reißleinen zu ziehen“, nämlich dann,

wenn Investments, von denen man überzeugt ist, enttäuschten und Kursverluste erlitten. „Hier macht es Sinn, Untergrenzen zu definieren und beim Unterschreiten dieser Untergrenzen die Reißleine zu ziehen“, sagt Peric. Am bequemsten gehe dies mit Hilfe sogenannter Stop Limit, bei deren Unterschreiten die Bank das jeweilige Wertpapier automatisch verkauft. Oder besonders intelligent mit dem Trailing Stop Loss, das mit weiter steigenden Kursen mitwächst. Aber auch den Wiedereinstieg solle man nicht vergessen, heißt es bei der Commerzbank. Dem disziplinierten Ausstieg bei unerwarteten Kursverlusten sollte der ebenso disziplinierte Einstieg nach einer Kursberuhigung folgen. Auch dazu bietet es sich an, feste Marken zu definieren. „Wer nämlich nicht an die Märkte zurückkehrt, setzt seine Vermögensstruktur aufs Spiel und geht so ungewollt ebenfalls Risiken ein“, warnt Peric. „Einerseits geht es darum, Chancen gezielt zu suchen und andererseits ein Vermögen möglichst robust auf verschiedene Sze-

narien einzustellen“, umschreibt Domenico Gehling den Beratungsansatz der Hypovereinsbank (HVB). Dabei seien die Herausforderungen für Anleger derzeit beträchtlich. „Vermögende haben jedoch häufig keine Zeit, sich täglich mit ihren Vermögensanlagen intensiv auseinanderzusetzen“, weiß der Leiter des Private Banking der HVB für den Raum Baden-Württemberg/Bodensee. Eine professionelle Vermögensverwaltung mit systematischem Investmentprozess und integriertem Risikomanagement biete dabei eine sinnvolle Alternative – für einen Teil des liquiden Vermögens im Rahmen eines Gesamtkonzepts. „Die Umsetzung ist von handwerklichem Können und hoher Disziplin geprägt und kann am Ende für eine entsprechend gute Performance sorgen“, sagt Gehling. Im Private Banking der HVB erfolgt diese über einen mehrstufigen Prozess. Zunächst geht

es laut Gehling darum, in verschiedenen Szenarien zu denken. Daher müsse man sich folgende Fragen stellen: „Was könnte passieren, was sollte passieren und was wird wahrscheinlich passieren?“ Letzteres bildet bei der HVB als Basisszenario die Grundlage für die Gewichtung des Portfolios in Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Liquidität. „Ein Krisenszenario hat auch seinen Wert: Es dient dazu, sich Risiken zu vergegenwärtigen und Handlungsalternativen zu entwickeln“, erläutert Gehling, für den es darüber hinaus darum geht, ausgewogene Portfoliostrukturen zu schaffen. Gerade im Niedrigzinsumfeld und bei immer wieder aufkommenden Marktturbulenzen bleiben demnach breit gestreute Wertpapierdepots ein wichtiger Baustein in der Gesamtvermögensstruktur. „Eine globale Mischung aus verschiedenen Anlageklassen stellt immer noch eine der besten Möglichkeiten dar, in vielen Marktsituationen zu bestehen“, weiß Gehling. Aus Kosten- und Transparenzgründen setze sein Institut dabei grundsätzlich auf einzelne Aktien und Anleihen und verzichte auf komplexe Produkte. Außerdem müsse die Überwachung und Anpassung gesichert sein. „Hier geht es um die permanente Beobachtung der Wertentwicklung einzelner Anlagen und eine ständige Analyse von fundamentalen Entwicklungen“, so Gehling. Ganz wichtig sei die Bereitschaft, eine einmal getroffene Entscheidung vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen schnell zu revidieren. Und schließlich gehört nach der HVB-Philosophie ein aktives Risikomanagement zu den Hauptaufgaben. „All diese Grundsätze sind keine Garantie für einen bestimmten Anlageerfolg, aber Irrationalitäten und Fehlerquellen können auf diesem Weg deutlich reduziert werden“, macht Gehling klar. Das Fachwissen verschiedener Spezialisten, gepaart mit Leidenschaft für die tägliche Arbeit, sei dabei essenziell, um dauerhaft überDIVERSIFIKATION durchschnittliche Leistungen zu erzielen. ROHSTOFFE Dass auch die nächsRENTEN IMMOBILIEN ten Jahre herausfordernd bleiben werden, macht SZENARIEN indessen Björn Seemann klar. „Damit möchte ich WIEDEREINSTIEG keine WeltuntergangsVERMÖGENSVERWALTUNG stimmung erzeugen. Wir müssen einfach nur lernen, dass zum einen Schwankungen zur Normalität werden und zum anderen das aktuelle Nullzinsumfeld eine risikoorientierte Anlagestrategie verlangt“, sagt der Niederlassungsleiter Stuttgart der Bank Julius Bär Europe. Dabei ist es nach seiner Überzeugung entscheidend, einen dynamischen Investmentansatz gemeinsam mit dem Kunden zu entwickeln, der angemessene Anlagerenditen erzielt, aber auch das Kapital vor hohen Verlusten schützt. „Hier sind tatsächlich signifikante Verluste gemeint. Ein sofortiges Eingreifen bei jeder negativen Entwicklung ist meines Erachtens nicht zielführend“, so Seemann. Daher sei eine auf das individuelle Risikoprofil abgestimmte Anlagestrategie so wichtig. „Mit einem aktiven Risikomanagement schaffen wir Klarheit für alle Seiten, wie sich schlechtere Rahmenbedingungen auf die Performance auswirken, und ermöglichen, im Ernstfall schneller reagieren zu können, um hohe Verluste zu vermeiden“, erläutert der Experte. Sobald das Risikoprofil des jeweiligen Anlegers erst einmal erstellt sei, könne die renditeorientierte Anlagestrategie entwickelt werden. Es bestehe aus einem Portfolio mit einem breiten Spektrum von Anlageklassen mit Konzentration auf substanzstarke Anlagen, die hinsichtlich Ertrag, Innovation und Wachstum überzeugten. Dieser Ansatz bietet neben der attraktiven Rendite auch eine Reihe weiterer Vorteile: „Es kann die Stabilität verbessern, die Diversifikation erhöhen und damit auch signifikante Verluste vermeiden“, so Seemann. Thomas Spengler

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PRIVATBANKEN IM SÜDWESTEN

November 2015

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Anlegers neue Lieblinge Die Erfolgsgeschichte der börslich gehandelten Indexfonds

A

ufgrund ihrer hohen Transparenz, einer breiten Diversifizierung und den geringen Kosten haben Anleger die Assetklasse der börslich gehandelten Indexfonds, der Exchange Traded Funds (ETFs), zu einem ihrer neuen Lieblinge erkoren. Das Interesse an ETFs spiegelt sich auch in der Umsatzstatistik der Börse Stuttgart wider. Laut dieser wurden in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres rund 9,8 Milliarden Euro mit Exchange Traded Products – also Exchange Traded Funds, Exchange Traded Commodities und Exchange Traded Notes – umgesetzt. Damit ist das Handelsvolumen um satte 59 Prozent nach oben geschnellt. „Eines der Hauptargumente, das für ETFs spricht, sind sicherlich die relativ geringen Kosten“, sagt dazu Michael Görgens, Leiter des ETF- und Anleihenhandels an der Börse Stuttgart. Im Gegensatz zu klassischen Fonds entfallen die oft üblichen Ausgabeaufschläge. Diese können bei aktiv gemanagten Fonds zwischen 1,25 Prozent und fünf Prozent betragen, was bei einer Anlagesumme von 10 000 Euro eine Kostenbelastung von bis zu 500 Euro bedeutet. Auch bei den laufenden Kosten sind ETFs günstiger als klassische Investmentfonds. Die jährliche Managementgebühr, die für die Verwaltung eines Indexfonds anfällt, liegt bei deutlich unter einem Prozent. Hinzu kommt der Vorteil der Flexibilität durch die börsentägliche Handelbarkeit von ETFs, für die an der Börse Stuttgart, wo aktuell mehr als 1400 ETFs gelistet sind, von 8 bis 22 Uhr fortlaufend Preise gestellt werden. „Der Anleger kann also jederzeit kaufen oder verkaufen – und zwar unverzüglich zum aktuell besten Preis an der Börse“, so Görgens. Durch die seit März 2013 in den Abend hinein erweiterten Handelszeiten in Stuttgart wird jede eingestellte Order bis zum Börsenschluss in den USA überwacht. Dies gilt insbesondere für risikobegrenzende Ordertypen wie Stop-Loss-Orders: Sie werden in Stuttgart losgelöst von Umsätzen aktiv durch die Handelsexperten, die soge-

nannten Quality-Liquidity-Provider, betreut und ausgelöst. Für Anleger bedeutet dies, dass sie beispielsweise mit einer TrailingStop-Order in Stuttgart auf bequeme Weise Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen können. „Insbesondere im ETF-Bereich wird diese Möglichkeit von vielen Anlegern genutzt“, weiß Görgens. Zudem wird die Lücke ohne Limitüberwachung für Orders während der Nacht auf nur noch zehn Stunden verkleinert. Für Privatanleger hat die Börse Stuttgart mit ETF BestX ein spezielles Handelssegment entwickelt, in dessen Regelwerk für rund 400 ausgewählte ETFs maximale Handelsspannen und mindes-

ment unzugänglich wären. Investoren kaufen auf bequeme Weise den Markt, den sie sich ausgesucht haben – egal welche Region, welcher Sektor oder welcher Index. Zudem sorgen die passiven, börsengehandelten Fonds von vornherein für eine gewisse Diversifizierung, da ihnen jeweils ein kompletter Index zugrunde liegt. Wie Investmentfonds handelt es sich bei ETFs zudem um Sondervermögen, das nicht mit einem Ausfallrisiko des Emittenten behaftet ist. Der Anleger partizipiert in steigenden wie auch in fallenden Märkten von der Entwicklung des zugrunde liegenden Index. Steigt also beispielsweise der Deutsche Aktienindex Dax um fünf Prozent, so nimmt auch der Wert eines Dax-ETFs um fünf Prozent zu. Zu den beliebtesten Produkten zäh-

abbildungen bieten und beispielsweise Fremdwährungsrisiken ausschließen. Daneben dürfte sich auch die Entwicklung fortsetzen, dass immer mehr Anbieter neben synthetischen zunehmend vollreplizierende ETFs in ihrer Produktpalette haben. Einen weiteren Trend stellen sogenannte Smart-Beta-ETFs dar. In den meisten Indizes werden die enthaltenen Werte nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet. Beim SmartEXCHANGE TRADED FUNDS Beta-Ansatz werden die SMART BETA enthaltenen Unternehmen nach anderen FakEURO STOXX 50 toren gewichtet, beispielsweise nach einer VERWALTUNG geringen historischen Volatilität. Ziel dieser alAUSFALLRISIKO VERMÖGEN ternativen Gewichtungsmethoden ist es, die Renditechancen zu verbessern und in der Strategie zu variieren. Smart-Beta-ETFs bieten dabei dieselben Vorteile wie traditionelle Indexfonds: Sie lassen sich schnell und einfach an der Börse handeln, sind als Sondervermögen besonders sicher und deutlich kostengünstiger als aktiv verwaltete Fonds. Derzeit sind rund 80 Smart-Beta-ETFs an der Börse Stuttgart gelistet. „Eine starke Weiterentwicklung des Produktuniversums durch Abbildung aller relevanten Länder sowie die Besetzung von Trendthemen zeigt, dass der Markt für Indexfonds beim Privatanleger angekommen ist“, analysiert Görgens. Viele Anleger und Vermögensverwalter nutzten Exchange Traded Funds mittlerweile, um ihre Portfolios zu strukturieren. Darüber hinaus habe das aktuelle Jahr gezeigt, dass sich die Anleger selbst bei Einbrüchen am Aktienmarkt von ihren ETF-Engagements nicht abschrecken ließen. „Gerade bei Indexfonds handeln viele private Anleger als Selbstentscheider, die extrem gut informiert sind und schnell auf neue Entwicklungen reagieren“, sagt der Börsenexperte. Dabei positionierten sie sich intelligent, um sowohl an der aktuellen Marktdynamik zu partizipieren, als auch für gegenläufige Entwicklungen gewappnet zu sein. „Die Erfolgsgeschichte der Indexfonds ist also noch nicht beendet“, so Görgens. spe

DAX

FONDS

KOSTEN

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Foto: tashatuvango/fotolia

tens handelbare Volumina festgelegt sind. „Damit gewährleistet die Börse Stuttgart im ETFHandel eine hohe Preisqualität und Ausführungssicherheit“, sagt Görgens. Darüber hinaus bietet die Börse Stuttgart noch bis zum Jahresende den spread-losen Handel für 22 ausgesuchte ETFs auf den Dax und den Euro Stoxx 50 und senkt damit die impliziten Kosten eines jeden Trades. Zu den Stärken von ETFs zählt deren breit diversifiziertes Spektrum, wodurch Anleger in die verschiedensten Märkte investieren können, die ihnen für ein Direktinvest-

len nach wie vor ETFs auf die bedeutendsten Indizes Dax und Euro Stoxx 50, die zusammen genommen rund ein Drittel des ETFHandelsvolumens an der Börse Stuttgart ausmachen. Daneben stößt auch die zweite Reihe der Aktienindizes, die mittelgroße und kleinere Unternehmen umfasst, auf steigendes Interesse. Ein wichtiger Markttrend sind ETFs mit einem Absicherungsmechanismus, die einen Mehrwert gegenüber klassischen Index-

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PRIVATBANKEN

November 2015

Uwe Decker, stellvertretender Direktor Bankhaus Lampe

Armin Fahrner, Leiter der Niederlassung Walser Privatbank

Christian Funke, Leiter der Niederlassung UBS Deutschland

Domenico Gehling, Leiter Private Banking Württemberg Hypovereinsbank/Uni Credit

Heinrich Hartmann, Generalbevollmächtigter Südwestbank AG

BAN KH AUS LAM PE Seit 2007 in Stuttgart Im Jahr 1852 gründete Hermann Lampe das Bankhaus Lampe in Minden. Nach der Währungsreform wurde das Bankhaus Lampe 1949 von einer offenen Handelsgesellschaft in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Wenige Jahre später wurde der Firmensitz nach Bielefeld verlegt. Das Bankhaus Lampe entwickelte sich im Lauf der Zeit zu einer der führenden deutschen Privatbanken. Es ist heute ein Tochterunternehmen der Dr. August Oetker KG. Im Jahr 2007 eröffnete das Bankhaus Lampe seinen Standort in Stuttgart. red

BETH M AN N BAN K Traditionsreiches Bankhaus Seit mehr als 300 Jahren betreut die Bethmann Bank vermögende Privatkunden – und ist damit eines der traditionsreichsten Bankhäuser Deutschlands. Sie entstand aus dem Zusammenschluss der historischen deutschen Bankhäuser Delbrück, Bethmann und Maffei unter dem Dach der renommierten niederländischen ABN AMRO Bank im Jahr 2004. Im Jahr 2011 wurde die LGT Bank Deutschland in diesen Verbund aufgenommen. Zum 1. September 2014 schließlich ging das in Deutschland gebuchte PrivateBanking-Geschäft der Credit Suisse auf die Bethmann Bank über. red

BEREN BERG Älteste Privatbank Die Geschichte der Berenbergs lässt sich bis ins ausgehende 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Familie stammt ursprünglich aus dem Bergischen Land. Die Privatbank gehört zu den ältesten Banken der Welt. Mit einem verwalteten Vermögen von 36,1 Milliarden Euro und 1250 Mitarbeitern zählt sie zu den führenden Privatbanken in Europa. Die persönliche Haftung der Inhaber gewährleistet eine besondere Unabhängigkeit von Konzerninteressen, ein strenges Risikomanagement sowie Kontinuität in der Unternehmensführung. red

CO M M ERZBAN K Internationale Großbank Die 1870 gegründete Commerzbank ist eine führende, international agierende Geschäftsbank mit Standorten in mehr als 50 Ländern. Kernmärkte der Commerzbank sind Deutschland und Polen. Mit den Geschäftsbereichen Privatkunden, Mittelstandsbank, Corporates & Markets und Central & Eastern Europe bietet sie Privat- und Firmenkunden sowie institutionellen Investoren ein umfassendes Portfolio an Dienstleistungen. Die Commerzbank betreut rund 15 Millionen Privat- sowie eine Million Geschäfts- und Firmenkunden. red

D EUTSCH E BAN K Die deutsche Großbank Die Deutsche Bank AG ist das nach Bilanzsumme und Mitarbeiterzahl größte Kreditinstitut Deutschlands und gilt als eine der einflussreichsten Banken der Welt. Das Unternehmen mit Sitz in Frankfurt am Main ist als Universalbank tätig und unterhält bedeutende Niederlassungen in London, New York, Singapur und Hongkong. Die Bank wurde 1870 in Berlin gegründet, wo sie auch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Sitz hatte. Sie wurde auch durch Übernahmen und Fusionen zur Großbank. red

Die an der Diskussionsrunde teilnehmenden Experten waren sich darüber einig, dass der Gesetzgeber auf dem besten Weg sei, unter dem Deckmantel des

An der Aktie kommt kein

R o u n d - Ta b l e - G e s p r ä c h d e r w i c h t i g s t e n S t u t t g a r t e r P r i v a t b a n k e n i m P r e s s e h

D

as aktuell niedrige Zinsniveau stand beim Round-Table-Gespräch der Privatbanken im Stuttgarter Pressehaus im Mittelpunkt. Ein Ergebnis der Diskussion: wer sein Vermögen nicht schmälern will, kommt um eine Aktienanlage nicht herum. Aber auch um das Image der Banken ist es nicht gerade zum Besten gestellt. Was das bedeute, wollte Moderator und Wirtschaftsjournalist Heimo Fischer von der Runde wissen. Von einer Sinnkrise der Banken will Alexander Mast von der Deutschen Bank jedoch nicht sprechen. Sehr wohl aber steckten die Banken allesamt in einer Krise, wie er einräumt: „Wir müssen das Vertrauen unserer Kunden wieder zurückgewinnen.“ Hinzu kommt: den Banken weht im noch lukrativen Privatkundensegment ein immer rauerer Wind um die Nase. Immer öfter konkurrierten die etablierten Institute mit freien Vermögensverwaltern um die Gunst der Kunden. Die Rendite-Erwartungen des Kunden unter dem aktuell niedrigen Zinsniveau beschäftigen auch Domenico Gehling von der Hypovereinsbank. „Es gibt keine Zinsen mehr. Das muss eine Bank ihren Kunden heute ehrlich sagen.“ Dann seien die Kunden mit einer niedrigeren Performance zufrieden, resümiert er. Um das Vermögen zu erhalten, muss der Anleger heute ins Risiko gehen, ist Markus Heilig von der Bethmann Bank sicher. Da es immer ein Risiko geben werde, müsse sich die Beratung um die Frage drehen, wie viel Risiko der Einzelne zu tragen bereit sei. Und das geht laut Uwe Decker vom Bankhaus Lampe nur über eine klare Aussage zur Risikoneigung und Risikotragfähigkeit in Verbindung mit einer individuellen Beratung. „Mit einem Produkt von der Stange ist da nichts zu machen“, lautet Deckers Fazit. Für Andreas Rapp von Ellwanger & Geiger geht es heute nicht darum, welche Bank letztendlich das bessere Angebot hat, sondern um

Transparenz. „Der Kunde will heute verstehen, Christian Funke. Er müsse ein Gefühl dafür beum was es geht“, so sein Kredo. Mario Peric von kommen, was es bedeutet, wenn sich zum Beider Commerzbank würde am liebsten den spiel die Finanzkrise noch einmal wiederholt. Weltspartag abschaffen und einen Weltanlage- Oder welche Konsequenzen es hat, sich aus tag ins Leben rufen. „Solange die Deutschen einer Geldanlage zu verabschieden. „Es geht Sparweltmeister sind, haben wir ein Problem darum, mit dem Kunden darüber zu sprechen, mit der Aktionärskultur“, sagt der Finanz- wie lange er unter Umständen auf sein Geld experte. Der Kunde möchte heute auch wissen, verzichten kann“, sagt Funke. Insgesamt sei die Beratung in den verganwelches Geschäftsmodell seine Bank hat, sagt Christian Funke von der UBS. Doch das ist genen Jahren viel besser geworden, bricht Olinicht trivial, sondern hochkomplex. „Das eine ver Holtz eine Lanze für seinen Berufsstand. Es gebe keine Bank, die nicht über Analysetools Geschäftsmodell gibt es nämlich nicht.“ Aus Sicht von Oliver Holtz von der Beren- verfüge, um Rendite oder Risikoprofile zu erberg Bank müssten die Deutschen ihre Vorbe- mitteln. „Die Beratung ist viel profunder als halte gegenüber der Aktienanlage aufgeben. noch vor einiger Zeit. Wir machen keinen „Aktien werden ohne Grund verteufelt“, sagt er schlechten Job, auch wenn wir immer noch an und fügt hinzu: „Geldanlage geht in der heuti- den Pranger gestellt werden.“ Domenico Gehling gen Zeit nur mit Aktien.“ glaubt: „Wir machen heuFür Heinrich Hartmann „DIE BANKEN MACHEN te einen besseren Job, als von der Südwestbank ist EINEN BESSEREN JOB, es der Markt wahrnimmt.“ dabei vor allem ehrliche Unterstützung bekommt Beratung ein elementarer ALS ES DER MARKT er dabei von Mario Peric, Bestandteil. „Wir müssen WAHRNIMMT“ der bemängelt, dass die dem Kunden sagen, welGeldanlage in Europa oft che Chancen, aber auch welche Risiken es bei dieser oder jener Geldan- in die Spielbank-Ecke gerückt werde. „Allein lage gibt.“ Dazu gehöre, die möglichen Risiken für die Beratungsprotokolle bei einer vernünfmit Zahlen zu unterlegen. Damit der Kunde tigen Geldanlage brauche ich heute einen Trolwirklich alles verstehe, versuche sein Institut, ley“, verdeutlicht der Banker aus seiner Sicht die zumeist englischen Fachbegriffe ins Deut- die Tücken der Bürokratie. „Das deutsche Banken gut und fair beraten, hat aber nicht mit sche zu übersetzen. Armin Fahrner von der Walser Privatbank den zahlreichen gesetzlichen Anforderungen sieht die aktuelle Niedrigzinsphase durchaus zu tun, die bei der Geldanlage erforderlich seials Chance für die Privatbanken. In der Bera- en.“ Das sieht Markus Heilig genauso: „Unsere tung spüre er, dass die Kunden mittlerweile eigenen Kundenbefragungen sind besser als ein anderes Verständnis von Rendite hätten als das Gesamtbild der Branche in der Öffentlichnoch vor ein paar Jahren. Mario Peric hat ähn- keit. Es besteht eine große Diskrepanz zwiliche Erfahrungen gemacht. Das Bedürfnis, schen der Qualität der Beratung und der öfsich beraten zu lassen, nehme zu. Auch weil fentlichen Meinung.“ Und dabei spiele es keine immer mehr Anleger erkannten, dass Sparen Rolle, ob es sich um ein strukturiertes Produkt oder eine Einzelanlage handele. „Es kommt allein für eine Geldanlage nicht ausreiche. Doch wie bringt man einem Kunden Risiko immer darauf an, dass der Kunde versteht, was bei? „Das muss visualisiert werden“, erläutert er kauft“, sagt Heinrich Hartmann. Christian

Funke ergänzt: Selbst s funktionierten, wenn si parent gemacht werden. Egal für welche An entscheidet, letztendlic von der Rendite-Erwartu gig sein, sagt Alexande Rapp ist die hohe Immo Württemberg ein Grund Wertpapiere investiert w bilien hat, tut sich schw und in andere Asset-Klas seine Erfahrung. Doch ist die Aktie a einzige Renditebringer auch andere Asset-Klass „Doch rein handwerkl Aktie, wenn ich zwische 1,5 und zwei Prozent Ren dite erwirtschaften will sagt Christian Funke. Und wie ist es mit An leihen? „Unternehmens anleihen können eine A ternative sein“, sagt Fun ke. Allerdings müss Risikotragfähigkeit betra min Fahrner. Im Gegen man heute eine Anleihe Jahre liegen lassen. Uwe Ein Rentenportfolio sei w Aktiendepot. Hier müsse Schwankungsbreite bea dieser neuen Angebote dass sie nicht einmal von den werden, gibt Dom wunden zu. „In vielen d stecken mehr Risiken d zen kann“, sagt der Bank Für Heinrich Hartm Liquidität an den Rente Da die Europäische Zent Anleihen aufkauft, würd


IM SÜDWESTEN

Markus Heilig, Leitender Direktor Bethmann Bank

November 2015

Oliver Holtz, Leiter der Niederlassung Berenberg

Alexander Mast, Leitung Region Württemberg Deutsche Bank

Mario Peric, Leiter der Niederlassung Commerzbank

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Andreas Rapp, Bereichsleiter Private Banking Ellwanger & Geiger

ELLWAN GER & GEI GER Privatbank in Stuttgart Als Wilhelm Ellwanger und Eugen Geiger im Februar 1912 ihr Bankhaus gründeten, verfolgten sie eine einfache Geschäftsidee. Als unabhängige Privatbankiers wollten sie ihre Kunden mit Leistungen überzeugen, die sich durch persönliches Engagement und professionelle Beratung auszeichnen. Seit der Gründung haben sich die Kapital- und Immobilienmärkte entscheidend verändert. Bis heute jedoch liegt die Geschäftsführung bei Ellwanger und Geiger Privatbankiers in den Händen persönlich haftender Gesellschafter. red

H YPOVEREI N SBAN K Fünftgrößte Bank Die Unicredit Bank AG, bekannt unter ihrer Marke Hypovereinsbank, ist nach der Bilanzsumme unter allen deutschen Kreditinstituten die fünftgrößte und nach Mitarbeiterzahl viertgrößte Bank in Deutschland. Sie hat ihren Sitz in München und ist Mitglied der Cash Group. Seit 2005 ist die Unicredit Bank AG ein Tochterunternehmen von Unicredit S.p.A., einer italienischen Holding von Finanzdienstleistungsunternehmen mit Sitz in Rom und Hauptsitz in Mailand. Die Bank ist auch mit einer Filiale in Stuttgart vertreten. red

SÜDW ESTBAN K 90 Jahre im Südwesten Verbraucherschutzes die Aktienkultur in Deutschland vollends zu zerstören.

Fotos: Wilhelm Mierendorf

n Anleger vorbei

haus zum Thema Geldanlage

teurer. Das führe dazu, dass der Anleihemarkt heute bereits bei Anlagen ab einer Million Euro zucken würde. „Wer da eine ordentliche Rendite machen will, muss teilweise abenteuerliche Konstruktionen wählen und geht dabei erheblich ins Risiko“, warnt Alexander Mast. Sicher, früher wurde mit Rentenanlagen viel Geld verdient. Man dürfe heute nichts erzwingen wollen und sollte sich auch mit einer niedrigeren Performance zufriedengeben, so Mario Peric. Doch wie sieht es mit anderen Asset-Klassen aus? Zum Beispiel mit Rohstoffen oder aktuell tatsächlich der Hedgefonds. Derzeit werde kein Produkt so r? „Es gibt natürlich kontrovers diskutiert wie Hedgefonds zur Beisen“, sagt Mario Peric. mischung im Depot, sagt Christian Funke. „Wir lich brauche ich die empfehlen bis zu 18 Prozent Beimischung, um das Risiko zu minimieen ren.“ Heinrich Hartmann nSIND HEDGEFONDS NUN fehlt bei Hedgefonds die l“, EINFACH TEUFELSZEUG Transparenz. Für Armin Fahrner ist es gar „TeufelsnODER DOCH zeug“. „Schon die EinsRENDITEBRINGER? flussmechanismen einfaAlcher Anlageformen dem nse auch hier die Kunden zu erklären, ist schwierig. Und dann achtet werden, sagt Ar- auch noch einen Hedgefonds.“ Es gebe aber nsatz zu früher könne Kunden, die genau diese risikoreichen Anlagen nicht einfach ein paar angeboten bekommen wollen, entgegnet e Decker differenziert: Mario Peric. Mancher will sein Vermögen mit Kunst, weit komplexer als ein e eine vielschichtigere Gold oder Waldbesitz machen. „Wie sieht es achtet werden. Einige damit aus?“, fragt Moderator Fischer. Das sei seien so kompliziert, nur etwas für jemanden, der sich wirklich dan den Bankern verstan- für interessiert. Gold sei wie eine Brandschutzmenico Gehling unum- versicherung, sagt Mario Peric. Da gebe es so dieser Rentenprodukte viele Meinungen wie Anwesende. „Beim Thema drin, als man einschät- Wald herrscht Nachfrage ohne Ende, doch das Angebot ist gleich null“, so Alexander Mast. ker. Themenwechsel. Viel diskutiert wurde in mann ist vor allem die enmärkten das Risiko. den zurückliegenden Monaten die Frage, ob tralbank praktisch alle Banken besser beraten, wenn sie für die Beraden diese automatisch tung vom Kunden bezahlt werden und nicht

strukturierte Produkte ie dem Kunden trans. nlage sich der Berater ch werde man immer ung des Kunden abhäner Mast. Für Andreas obilienquote in Badend, warum so wenig in wird. „Wer viele Immower, diese zu verkaufen ssen zu investieren“, ist

über die Provisionen der Fondsgesellschaften, deren Produkte sie dem Kunden empfehlen. Für die Privatbanken sei Unabhängigkeit wichtig, sagt Heinrich Hartmann. Vor allem bei den Produkten sei das wichtig. Dass sich Großbanken schwerer tun als kleinere Institute, will Christian Funke so nicht im Raum stehen lassen. „Wir konzentrieren uns auf das, was wir können. Alles andere fahren wir zurück.“ Domenico Gehling argumentiert, die Größe einer Bank allein sei noch kein Qualitätsmaßstab. „Nur weil ich mit meiner Ente auf der Autobahn keinen Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens bekomme, bin ich noch lange nicht der bessere Autofahrer.“ Für Mario Peric kommt es auf das Geschäftsmodell an. „Der Kunde muss wählen können aus Spiel, Spaß und Schokolade. Die Old School sei längst nicht mehr geschäftsfähig“, sagt er. Und Markus Heilig sagt, beim Privatbanking gehe es vor allem um Unabhängigkeit. Man müsse frei sein von Interessenkonflikten. Dazu gehöre, die Beratung zu bepreisen und nicht die Transaktion. Christian Funke wiederum findet, dass Größe auch einen Mehrwert bieten kann. Am Ende des Tages schauen alle Kunden auf ihr Guthaben, merkt Armin Fahrner an. Und dazu gehört Beständigkeit, ergänzt Andreas Rapp. Die Kunden wollen einen Ansprechpartner, und das nach Möglichkeit für die gesamte Dauer der Geschäftsbeziehung. Bei den Honorarmodellen sieht Alexander Mast einen Wandel: „Die Beratungsgebühr als Pauschale muss kommen.“ Mario Peric plädiert dafür, zwischen Beratung und Verkauf zu trennen: „Unabhängig abhängige Berater, das versteht doch kein Mensch.“ Allerdings räumt Andreas Rapp ein, dass die Honorarberatung gerade an die kleinen Banken sehr hohe organisatorische und gesetzliche Anforderungen stelle. „Je kleiner das Haus, umso schwieriger die Umsetzung“, ergänzt Armin Fahrner.

Auch wenn der Kunde zunehmend die Bereitschaft zeige, eine pauschale Beratungsgebühr zu akzeptieren – von einem Stundensatz für eine Bankberatung wie beim Steuerberater sei man noch weit entfernt, sagt Markus Heilig. Zumal durch die zunehmende Regulierung der Finanzberatung die flächendeckende Vermögensberatung weiter abnehmen werde. Mario Peric sagt dazu: „Die Schere zwischen Arm und Reich wird hier weiter auseinandergehen.“ Ein Großteil der Bevölkerung, befürchtet er, müsse künftig eventuell auf persönliche Beratung verzichten und sich mit teuren Anlageprodukten von der Stange begnügen müssen, weil der regulatorische Aufwand den Banken bei kleineren Anlagebeträgen schlichtweg zu groß sei. Der Gesetzgeber sei auf dem besten Weg, die Aktienkultur in Deutschland unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes vollends zu zerstören, so die einhellige Meinung der Finanzexperten. Ingo Dalcolmo

M EH R I M N ETZ Warum Aktien wichtig sind Im Video unter https://youtu.be/ THvAEHS3lkg gibt es noch eine Zusammenfassung, warum Aktien für die Geldanlage so wichtig sind. Wer sich das Abtippen der Internetadresse ersparen will, kann auch mit dem Smartphone und der kostenlosen App Barcoo den nebenstehenden QR-Code scannen. red

Die Wurzeln der Südwestbank reichen mehr als 90 Jahre zurück. 1922 wurde sie als Württembergische Landwirtschaftsbank in Stuttgart gegründet. 1964 erhielt sie ihren heutigen Namen. Im Mittelpunkt des Geschäfts stehen der gewerbliche Mittelstand und die Privatkunden. Seit 1970 firmiert die Südwestbank als Aktiengesellschaft. Mit dem Verkauf an private Investoren im Jahr 2004 wechselte die Bank in den privaten Bankenverband. Seitdem ist sie eine unabhängige mittelständische Privatbank mit einer stabilen Eigentümerstruktur. red

UBS D EUTSCH LAN D Schweizer Großbank Die UBS Group AG ist eine Schweizer Großbank mit Sitz in Zürich und ist in mehr als 50 Ländern vertreten. Sie zählt zu den weltweit größten Vermögensverwaltern. UBS ist ein Konzern mit 150-jähriger Erfahrung. Niemand auf der Welt verwaltet mehr Kundengelder im Wealth Management als UBS. Die Höhe des verwalteten Vermögens betrug Ende des Jahres 2014 rund 2734 Milliarden Schweizer Franken. Damit nimmt die UBS AG nach eigenen Angaben die Position des führenden und wachstumsstärksten Vermögensverwalters der Welt ein. red

WALSER PRI VATBAN K Ein Stück Österreich Ein Stück Österreich mit schwäbischer Prägung – so versteht sich die Niederlassung der Walser Privatbank in BadenWürttemberg mit Sitz in Stuttgart. Als eine der ersten Genossenschaftsbanken überhaupt hat sich die österreichische Bank im Jahr 1977 auf die Betreuung vermögender Privatkunden spezialisiert. Anfang der neunziger Jahre folgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Und schließlich eröffnete die Walser Privatbank zur Jahrtausendwende ein großes und modernes Private-BankingCenter. red


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PRIVATBANKEN IM SÜDWESTEN

November 2015

Lage besser als gefühlt Mit welchen Entwicklungen Privatbanken an den Finanzmärkten rechnen

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bnehmendes Wachstum in China, jede Menge geopolitische Konflikte sowie Unsicherheiten über den künftigen Kurs der internationalen Notenbanken: das Jahr 2015 war nichts für schwache Nerven bei den Aktienanlagern. Doch langfristig sehen Aktienstrategen gute Perspektiven. „Die Lage mag sich zuletzt eingetrübt haben“, sagt dazu Alexander Mast, „dabei ist sie besser als gefühlt.“ Auch wenn die Unruhe für erhöhte Schwankungen spreche, dürfte im aktuellen Niedrigzinsumfeld kaum ein Weg am Aktienmarkt vorbeiführen, meint das Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank AG in Stuttgart. Doch zunächst haben die Anlageexperten des Wealth Management der Deutschen Bank (Deutsche AWM) ihre globale Wachstumsschätzung für 2016 um 0,3 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent gesenkt. Vor allem die Wachstumsabschwächung in den Schwellenländern bremst demnach das Welt-Bruttoinlandsprodukt. „Die aktuellen Marktturbulenzen sollten nicht davon ablenken, dass sich die internationalen wirtschaftlichen Fundamentaldaten deutlich verbessert haben“, so Mast. Zum einen zeige sich in den USA ein positiveres Bild. Laut Deutscher AWM könnte die US-Wirtschaft über das Gesamtjahr um 2,3 Prozent wachsen. Zum anderen schwenke die Eurozone, CHINA für die die Deutsche AWM ein WirtschaftsZUKUNFT USA MÄRKTE wachstum von 1,4 ProZINSWENDE zent voraussagt, auf einen soliden WachsREZESSION DAX tumspfad ein. Die Strategen der Deutschen AWM schätzen Aktien mittel- bis WACHSTUM langfristig weiterhin KONJUNKTUR positiv ein. Nur sollten ihre ErwartunBRUTTOINLANDSPRODUKT Anleger gen an Aktienrenditen INDUSTRIE mäßigen, ist Mast überzeugt. Zudem sei es wichtig, was in den USA passiere, wenn die US-Notenbank Fed die Zinswende einläute: „Der Arbeitsmarkt verbessert sich stetig, der private Konsum entwickelt sich positiv und die Inflation bleibt stabil. Damit scheinen die Voraussetzungen für einen ersten Zinsschritt gegeben“, sagt Mast. Vor allem bei amerikanischen Aktien könnte es rund um die erste Zinserhöhung zu Rückschlägen kommen. Diese Marktturbulenzen böten aber Chancen zum Zukauf: „Amerikanische Aktien bieten weiterhin Potenzial“, so Mast. „Der US-Aktienmarkt ist im Konzert der globalen Aktienmärkte nicht der spannendste, weist aber immerhin eine positive Gewinn-

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entwicklung auf. Nach einem Jahr rückläufiger Erträge im S&P-500-Index und beinahe unveränderten Gewinnen 2015 rechnen wir für 2016 mit allgemein höheren US-Gewinnen.“ Grundsätzlich positiv zu Aktien ist auch die Bethmann Bank gestimmt. Die Einbrüche im Sommer seien schmerzhaft gewesen, werden aber nur von dem Institut als eine Momentaufnahme betrachtet. „Wir denken, dass sich die Sorgen um die globale Konjunktur, die das Geschehen im Sommer geprägt hatten, allmählich auflösen werden“, sagt der Stuttgarter Niederlassungsleiter Markus Heilig. Die Binnenkonjunktur in den USA und in der Eurozone sei äußerst robust. Aus den europäischen Peripherieländern kamen zahlreiche überraschend gute ökonomische Daten. Die Sorge, dass ein Abschwung in China die westlichen Industrienationen zurück in eine Krise stürze, scheint laut Bethmann Bank nicht zutreffend zu sein. „Wir sehen vielmehr erste Anzeichen einer Stabilisierung der Lage. Die sich dann weiter fortsetzende Erholung, die immer stärker durch die Konsumenten getragen wird, verspricht ein positives Umfeld für Aktien“, erläutert Heilig. Der niedrige Ölpreis steure seinen Teil dazu bei: Zum einen ist er nach wie vor ein Konjunkturprogramm, da er Kosten senkt und die Kaufkraft erhöht. Zum anderen sind die auf den Ölpreis zurückgehenden niedrigen Inflationsraten Grund für die Zentralbanken, weiterhin sehr expansiv zu bleiben. „Es gibt neben Aktien also kaum noch renditebringende Anlageformen“, schlussfolgert Heilig. Mit Blick auf das große Ganze hält es die BW-Bank für unwahrscheinlich, dass es zu einer allgemeinen Rezession kommt – „dafür ist der Aufschwung in den Industriestaaten zu stabil“, ist Helmut Dohmen, Leiter Privatkunden/Private Banking Region Stuttgart bei der BW-Bank, überzeugt. Das insgesamt erreichte Bewertungsniveau auf dem Aktienmarkt preise die bestehenden Risiken ausreichend ein. Der Dax wird mit dem 13-Fachen des laufenden Gewinns gehandelt –

dies erscheint laut Dohmen moderat, insbesondere weil angesichts der extrem niedrigen Renditen auf den Rentenmärkten die Alternativen fehlten. Die Dividendenrendite des Dax liegt knapp zwei Prozent über der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen. „Dass Aktien deutlich höhere laufende Erträge bringen als Renten, ist historisch ein seltenes Phänomen“, erläutert Dohmen, dessen Haus den fairen Wert des Dax Ende kommenden Jahres deshalb im wahrscheinlichsten Szenario bei 12 000 Punkten sieht. Aber sind die Anleger bereit, für Aktien auch solche Preise zu bezahlen? „Dafür spricht einiges“, meint Dohmen. Zunächst einmal habe die Börse im August und Sep-

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tember einen Ausverkauf erlebt, insofern dürften die Aktien nun überwiegend in „festen Händen“ sein. Außerdem sicherten risikoarme festverzinsliche Anlagen keine auskömmlichen Renditen mehr. „Deshalb sind die institutionellen Anleger gezwungen, in riskantere Anlageformen zu gehen“, schlussfolgert Dohmen. Das von der Europäischen Zentralbank geschaffene Umfeld eines lang anhaltenden Niedrigzinsniveaus und überreichlicher Liquidität biete den Anlegern hierfür ein Sicherheitsnetz. Die Kurserholung im Oktober deutet laut BW-Bank darauf hin, dass dieser Umstand für die Investoren nun wieder stärker in den Vordergrund rückt. „Privatkunden sollten es deshalb den Großanlegern nachtun und ihr Geld nicht zinslos verleihen“, rät Helmut Dohmen.

KURZFRISTIGE EINBRÜCHE FÜR NACHKÄUFE NUTZEN Auch die Walser Privatbank befasst sich mit dem Einfluss der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank auf den Aktienmarkt. „Nachdem die Zentralbank nun angedeutet hat, den Geldhahn im Dezember weiter aufzudrehen, rechnen viele Marktteilnehmer wieder mit einer Entspannung am Aktienmarkt“, sagt ihr Stuttgarter Niederlassungsleiter Armin Fahrner. Der private Konsum sei dank niedriger Energiepreise und zunehmender Beschäftigung weiterhin robust, die Differenz zwischen der erwarteten Dividendenrendite und deutschen Bundesanleihen auf dem höchsten Stand seit vielen Jahren. „Vor allem wird es aber auf die künftige Gewinnentwicklung der Unternehmen ankommen“, so Fahrner. Nach der Wachstumsdelle im dritten Quartal 2015 erwartet sein Institut für 2016 ein robustes Wachstum in der Eurozone. Auch eine externe Schwäche, zum Beispiel aus China, sollte Europa demnach verdauen können. Profitieren sollten dabei Unternehmen aus dem zyklischen Konsumbereich. „Die mittelfristig guten Perspektiven sprechen weiter für Aktien. Kurzfristige Einbrüche können für Nachkäufe genutzt werden“, resümiert Armin Fahrner. Thomas Spengler

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PRIVATBANKEN IM SÜDWESTEN

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Wie eine Leitwährung Vertrauen ist die Basis eines jeden Bankgeschäfts

KUNDENBINDUNG INTERNET

Problemlöser und Dienstleister für den Kunden sein. Wenn sie im Endeffekt nur als Verkäufer eigener Fonds und Produkte agiere, werde sie dem Anspruch des Kunden nicht gerecht. „Als Privatbank mit persönlich haftenden Gesellschaftern haben wir nicht nur die Möglichkeit, aus der Fülle aller am Markt angebotener Finanzprodukte das für den Kunden in seiner jeweiligen Situation geeignete Produkt ohne Rücksicht auf den Anbieter auszuwählen – wir tun es auch“, so Holtz. Für Markus Heilig ist Vertrauen der Grundstock jedes Bankgeschäfts. „Doch Vertrauen entsteht nicht von selbst“, sagt der Stuttgarter Niederlassungsleiter der Bethmann Bank. „Es wächst langsam im gemeinsamen Wirken durch unterschiedliche Phasen in den Märkten und im Leben.“ Und es wolle täglich aufs Neue verdient werden: durch Ehrlichkeit, Offenheit und Verständnis – Eigenschaften, die allesamt zu Menschen gehören und nicht zu Institutionen. Das Bankgeschäft sei ein Geschäft mit Menschen und zwischen Menschen. „Deshalb sind Menschlichkeit und Nähe entscheidend für ein vertrauensvolles Verhältnis zum Kunden“, so Heilig. Nach den Erfahrungen von Domenico Gehling zeigt sich vor allem in den letzten Jahren ganz deutlich, dass es für den Anleger immer wichtiger werde, seinem Berater vertrauen zu können. „Handwerklich solide Arbeit, eine Performance, die nochmals besser als die der Peergroup ist, und ein angemessener Preis, all das ist heute eher eine selbstverständliche Voraussetzung und dient nicht wirklich dazu, sich in der Wahrnehmung des Anlegers deutlich vom Wettbewerb zu unterscheiden“, sagt der Stuttgarter Leiter des Private Banking der zur Unicredit gehörenden Hypovereinsbank. Sehr wohl aber werde die Entscheidung für oder gegen eine Bank und einen Berater von Vertrauen bestimmt. Dies müsse man im Beratungsgespräch erreichen, hilfreich sei aber auch eine langjährige Marktpräsenz. „Denn Vertrauen entsteht auch durch Kontinuität in der Zusammenarbeit, im Sich-Kennen“, macht Gehling klar. Das Vertrauen des Kunden erreiche man nicht durch ein paar knackige Slogans, sondern nur durch jahrelange erfolgreiche

Beratungsarbeit, ist Marcus Ebert sicher, Vorstand der Schwäbischen Bank, einer Tochter der Privatbank M. M. Warburg. „Diese schlichte Einsicht habe sich nicht zuletzt durch die Finanzkrise wieder bewahrheitet. „Unsere Beratungstätigkeit ist daher seit vielen Jahren durch den offenen und intensiven Dialog mit dem Kunden geprägt“, so Ebert weiter. Der vertrauensvolle Austausch sei entscheidend, wenn man über Generationen hinweg zusammenarbeiten wolle. Das Vertrauen des Kunden sei dabei das höchste Gut der Bank und Grundlage einer erfolgreichen Beratungstätigkeit. „Wir haben es uns über Jahre und Jahrzehnte erarbeitet. Es darf keinesfalls aufs Spiel gesetzt werden, indem man für den Kunden unverständliche Entscheidungen trifft.“ Die Südwestbank bezeichnet Vertrauen als die eigentliche Leitwährung der Finanzwelt. „Ohne das Vertrauen, dass die Münzen und Scheine morgen so viel wert sind wie gestern, ist Geld nur geprägtes Metall oder bedruckte Baumwolle mit geringem Materialwert“, sagt der Vorstandssprecher des Instituts, Wolfgang Kuhn, und nennt ein Beispiel: ein Durchschnittslohn, ausgezahlt in Fünf-Euro-Scheinen, ergäbe rund 370 Gramm Baumwolle. Daraus könnte man noch nicht einmal ein T-Shirt herstellen. Sicher nicht zufällig steht auf den amerikanischen Dollar-Noten – Sinnbilder für das Geldgeschäft schlechthin – das Motto „In God We Trust“. Zwingende Voraussetzung für das Bankgeschäft sei Vertrauen – und zwar gegenseitiges. Seit der Finanzkrise habe das Ansehen der Branche sehr gelitten, doch die Beziehung der Kunden zu ihren Hausbanken ist überwiegend intakt geblieben. „Das erleben wir so auch bei der Südwestbank. Unsere regionale Ausrichtung ist ein klarer Vorteil. Als in BadenWürttemberg seit mehr als 90 Jahren ansässige Privatbank kennen wir unsere Kun-

den und sie uns“, so Kuhn weiter. Teilweise betreue sein Institut Familien und Unternehmen über Generationen hinweg. „Bei unseren Kreditentscheidungen müssen wir uns natürlich an Kennzahlen orientieren, doch der persönliche Kontakt ist die Basis unseres Geschäftsverständnisses.“ Regelmäßige Testkäufe von unabhängigen Instituten und eigene Kundenbefragungen würden helfen, die Qualität an allen 28 Standorten auf einem einheitlichen Niveau zu halten. Insbesondere mit dem Blick auf neue Wettbewerber im Netz gilt laut Kuhn: „Vertrauen ist das A und O. Nur wer Vertrauen aufbaut und alles dafür tut, es zu bewahren, kann die heute sehr wechselwilligen Kunden halten.“ Thomas Spengler

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enn ein Unternehmen – wie in unserem Fall – seit 425 Jahren besteht, dann liegt das vor allem an Prinzipien, die wir immer berücksichtigen“, sagt Oliver Holtz, der Stuttgarter Niederlassungsleiter des Bankhauses Joh. Berenberg, Gossler & Co. „Wir stellen die Interessen unserer Kunden in den Mittelpunkt und gehen sehr verantwortungsvoll mit dem uns entgegengebrachten Vertrauen um.“ Vertrauen müsse langfristig aufgebaut werden, es bilde sich selten sofort. Erst durch eine enge Zusammenarbeit entwickle sich eine tiefe Verbundenheit zwischen Kunde, Berater und Bank. „Hieraus erwächst ein Verständnis für die individuellen Belange und ErforBERATUNG INDIVIDUELL dernisse“, so Holtz. Nur WETTBEWERB KONTINUITÄT wer die persönliche und geschäftliche SituUNABHÄNGIG ation des Kunden, sein Umfeld und seine Zukunftspläne kenne, wer dem Kunden zuhöre und die individuellen Bedürfnisse in die Gesamtplanung miteinbeziehe, könne aus der Fülle der Möglichkeiten ein maßgeschneidertes Konzept entstehen lassen. Zuverlässigkeit erachtet man bei Berenberg hierbei als eine weitere zentrale Komponente in der Vertrauensbildung zwischen Kunde und Berater. „Es ist kein Geheimnis, dass eine wirklich umfassende Vermögensberatung nur durch kontinuierliche Betreuung zu gewährleisten ist“, sagt Holtz. Es handle sich hierbei um eine komplexe Dienstleistung, vielfältige Besonderheiten müssten berücksichtigt werden. Ein Vertrauensverhältnis entsteht nach seiner Überzeugung zudem auf der Grundlage kontinuierlicher und transparenter Informationen darüber, wie die Bank das Vermögen ihrer Kunden betreut und welche Dienstleistungen oder Produkte eingesetzt wurden. Hierzu gehört eine umfassende und ausführliche Dokumentation. „Der Berater muss gerade in schwierigen Marktphasen sehr nah am Kunden sein und ihn aktiv beraten“, macht Holtz klar. Dabei sollte der Kunde von seiner Bank eine umfassende, individuelle und neutrale Beratung erwarten können – die Bank müsse


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PRIVATBANKEN IM SÜDWESTEN

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Langfristiger Ertrag Kunden müssen nicht jedes Auf und Ab der Börsen mitmachen

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sionalität“, erläutert der Vorstandschef der Volksbank Stuttgart. So biete man an, typischerweise alle Vermögensthemen, die den Kunden betreffen, abzudecken – von der Vermögensanlage über die Immobilienfinanzierung und die Altersvorsorge bis hin zur Vermögensnachfolgeplanung. „Ausgehend von einer solchen ganzheitlichen Betrachtung erarbeiten wir konkrete Lösungen, die für den Kunden einen Nutzen bringen“, erläutert Zeisl. Dabei versteht sich die Bank als „vertrauensvolles Gegenüber in allen Lebensfragen mit finanziellem Bezug“. Und je besser das Gesamtbild ist, das sich die P ri vat e - Ban ki n g- Be rat e r machen können, desto detaillierter und hochwertiger ist der Rat, den sie geben können. Ein solch umfassender „Privatdialog“, den Zeisl mit den regelmäßigen Wartungsterminen in der Autowerkstatt vergleicht,

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eduld gilt als ein Schlüssel zum Erfolg, wenn es um stabile Renditen geht. Die damit verbundene langfristige Denkweise teilen die Banken vielfach mit ihren Kunden. Denn je besser sich Privatbanker und Privatkunde kennen, desto hochwertiger können die finanziellen Lösungen sein, die die Institute entwickeln. Für Andreas Rapp hat sich die Kernfrage, wie man eine krisenfeste Aufteilung für das eigene Vermögen findet, nie wirklich verändert. Nur die Rahmenbedingungen hierfür wandelten sich ständig, meint der Leiter Private Banking bei Ellwanger & Geiger Privatbankiers. Man denke nur an steuerliche Themen, Zinsentwicklungen oder volatile KAPITALMARKT Kapitalmärkte. „Unsere Kunden legen Wert auf ALTERSVORSORGE eine langfristig stabile Rendite. Bei der Frage STRATEGIE PERFORMANCE der richtigen VermöBERATUNG STRATEGIE gensanlage denken vermögende Kunden in TAKTIK NIEDRIGZINSPHASE Jahrzehnten, weniger in Jahren“, macht Rapp klar. Auch in der gegenERTRAG SCHNELLES GELD wärtigen Niedrigzinsphase spielten Geduld ZIELE und ein langfristiger Ansatz eine elementare Rolle, so Rapp weiter. GENERATION Vor dem Hintergrund der zunehmenden Schwankungen an den Kapitalmärkten gilt es nach seiner Überzeugung, sich nicht von sämtlichen kurzfristigen Entwicklungen treiben zu lassen. „Dies trifft ganz besonders auf Anlagen in Aktien zu: Wen Schwankungen nachts um den Schlaf bringen, der befindet sich in der falschen Anlageklasse. Bei Aktien benötigen Privatkunden immer einen langen Atem“, so Rapp, für den die Keimzelle für die Erarbeitung einer solchen finanziellen Strategie die Analyse des gesamten Vermögens und der persönlichen Situation ist.

PORTFOLIO

ANLAGEHORIZONT GEDULD

NACHHALTIGKEIT UND KONTINUITÄT Traditionell an Werten wie Nachhaltigkeit und Kontinuität ausgerichtet, versteht die Volksbank Stuttgart als genossenschaftliches Institut ihr Geschäftsmodell. Im Kern rede man beim Private Banking mit den Kunden über eine langfristig ausgerichtete Strategie, sagt Hans Rudolf Zeisl. „Dabei verbinden wir Kundenorientierung mit Profes-

stelle am Ende die Basis für langfristigen Erfolg dar. „Nicht von ungefähr sitzen bei uns oft drei Generationen einer Familie zusammen am Tisch“, so Zeisl. Dass die aktuelle Lage mit anhaltenden Niedrigzinsen und volatilen Märkten den Anlegern viel Geduld abverlangt, darüber ist man sich bei der Schwäbischen Bank im Klaren. „Das schnelle Geld ist

derzeit gar nicht oder nur mit sehr hohem Risiko zu machen“, sagt Vorstandsmitglied Marcus Ebert. Letztlich komme das dem Beratungsansatz des Hauses entgegen. „Denn wir zielen darauf ab, den langfristigen Ertrag für die Kunden im Fokus zu haben und uns nicht auf die kurzfristige Rendite zu konzentrieren.“ Es gelte, im Dialog den Kunden für die Chancen und Risiken der besonderen Marktbedingungen zu sensibilisieren und ihm die Konsequenzen konkreter Strategien klar vor Augen zu führen. Dabei sei es von Nutzen, dass man als Tochter der Privatbank M. M. Warburg

unabhängig von institutionellen Einflüssen sei. „Wir sind nicht darauf angewiesen, kurzfristige Wachstumsgeschichten zu generieren, und können uns voll auf die Wünsche und Bedürfnisse unserer Kunden konzentrieren“, so Ebert weiter. Bei allen unterschiedlichen Vorstellungen macht die Situation laut Schwäbischer Bank eines klar: Anleger müssten sich in Zeiten anhaltender Niedrigzinsen mit einer höheren Aktienquote in ihren Portfolios anfreunden, wollten sie mit ihrem Kapital noch ordentliche Erträge erzielen. Für das kommende Jahr schätzt Ebert, dass die Bedeutung einer Grundregel noch zunehmen wird: „Im Portfolio sollten verschiedene Branchen und Regionen abgebildet und so auf eine breite Streuung geachtet werden.“ Neukunden würden ihm oftmals sagen, dass sie langfristig orientierte Anleger seien, erzählt Michael Rietheimer. Frage man dann konkret nach, werde eine nicht unerhebliche Zahl von ihnen jedoch bereits bei kurzfristigen Marktbewegungen nervös, so der Stuttgarter Niederlassungsleiter von Merck Finck & Co. Privatbankiers. Kurzfristigkeit oder Langfristigkeit seien dabei keine absoluten Werte an sich. Sie helfen jedoch, den Kunden und seine Bedürfnisse genauer einzuschätzen, und dabei, dem Kunden die Unterschiede zwischen seinen verschiedenen Bedürfnissen zu erläutern.

ANLAGEHORIZONT BEEINFLUSST ERGEBNIS

Wo Werte besser reifen Die Walser Privatbank ist im Raum Stuttgart eine erste Adresse für ausgereie Anlagekonzepte. Dabei gehen wir ähnlich vor wie ein erfahrener Winzer – mit Bodenständigkeit, Bedacht und Liebe zum Metier. Wir beherrschen die Kunst der nachhaltigen Vermögensplanung. In einem ausführlichen Gespräch gehen wir auf Ihre persönlichen finanziellen Ziele ein und erläutern, wie Sie die Zukun Ihrer Werte sichern. Die Walser Privatbank hat ihre Wurzeln in Österreich und gehört zu den besten Private-BankingAdressen im deutschsprachigen Raum. Im „Fuchs-Report 2015“ wurden wir zur Nummer 1 für Anleger in Deutschland gekürt. Wir sind ganz in Ihrer Nähe im Herzen von Stuttgart. Gerne beraten wir Sie in unserer Niederlassung oder an einem Ort Ihrer Wahl. Walser Privatbank AG | Niederlassung Stuttgart Kronprinzstraße 30 | 70173 Stuttgart Telefon +49 (711) 252 805-8 51 | stuttgart@walserprivatbank.com

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Mit gutem Grund

„Vereinfacht gesagt versuchen wir, den Anlegern klarzumachen, dass sie selbstverständlich auch langfristige Ziele haben sollten und dass es für die Verfolgung solcher Ziele auch einer ebenso langfristigen Strategie bedarf “, sagt Rietheimer. Es sei jedoch so, dass man in den Kundendepots immer wieder einen Zusammenhang zwischen Anlagehorizont und Ergebnis sehe. Die Depots der Kunden, die langfristig investiert seien, stünden häufig einfach besser da als diejenigen, die versuchten, möglichst jede Auf- und Abwärtsbewegung der Märkte mitzunehmen. „Zu viel Bewegung kann durchaus der Performance schaden“, resümiert Rietheimer. Eine höchst individuelle Umsetzung des kundenspezifischen Nachhaltigkeitsgedankens bezüglich sozialer, ethischer sowie ökologischer Anlagekriterien erfolge beim Bankhaus Bauer, sagt der Leiter des Portfolio Managements, Thomas Metzger. Der Kunde erarbeitet dabei gemeinsam mit seinem Portfolio-Manager und Berater zu diesem Zweck einen Kriterienkatalog, der als Vorgabe für die Investitionen im Rahmen des Vermögensverwaltungsmandats dient. „Somit werden keine pauschalen, von der Bank vorgegebenen Nachhaltigkeitsgrundsätze dem Kunden aufgezwungen. Er muss keine Kompromisse bezüglich seiner Nachhaltigkeitsvorstellung eingehen“, erläutert Thomas Metzger. Gerade für langfristig orientierte Privatkunden biete sich im Multi-Asset-Bereich ein Vermögensverwaltungsmandat als Lösung an. „Der Grundsatz einer jeden Vermögensverwaltung ist, dass der Portfolio-Manager das Vermögen innerhalb vereinbarter Anlagegrundsätze anlegt“, sagt Metzger. Dadurch nehme man den Kunden neben der strategischen Ausrichtung des Vermögensaufbaus vor allem die taktischen Entscheidungen ab. Thomas Spengler

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