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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 5 | 2015

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Werkzeugmaschinenbau Wie Firmen und Ingenieure umdenken müssen, um weiterhin vorn mitzuspielen. SEITEN 1 – 8

Dialekt als Karrierebremse? Wer Powerpoint-Folien in breitem Schwäbisch präsentiert, läuft Gefahr, sich lächerlich zu machen. SEITE 9

Manager unter Verdacht

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Warum Schuldsprüche die Ausnahme bleiben. SEITEN 17 – 19

Alleskönner der Industriewelt Ohne Fräsen, Pressen und Laser wäre die heutige Produktwelt undenkbar. Firmen aus Baden-Württemberg zählen zu den bedeutendsten Herstellern weltweit, aber nicht für alle Unternehmen sieht die Zukunft rosig aus. Von Walther Rosenberger

Werkzeugmaschinenbau

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as kann den deutschen Werkzeugmaschinenbau eigentlich schrecken? Eine Branche, deren Produkte die Grundlage für jede industrielle Wertschöpfung sind, die aufs Engste mit wirtschaftlichen Schwergewichten wie der boomenden Automobilindustrie verzahnt ist und die seit Jahrzehnten Konkurrenten aus dem Ausland erfolgreich auf Distanz hält. Zur Zeit – so scheint es zumindest – nicht viel. „Auf höchstem Niveau“ habe man in den Jahren 2013 und 2014 produziert, sagt Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW). Anlagen für 14,4 Milliarden Euro haben die deutschen Firmen im vergangenen Jahr ausgeliefert. Gut die Hälfte davon stammte aus Fabriken in Baden-Württemberg. Und für 2015 rechnet die Branche mit einem Produktionsplus von drei Prozent. Allerdings trüben sich die Vorzeichen mancherorts ein. Zwar wächst der 60 Milliarden Euro schwere Weltmarkt für Fräsen, Pressen, Laser und Erodier-, Drehoder Honmaschinen weiter, mit China und Russland schwächeln derzeit aber gleich

zwei der drei wichtigsten Absatzmärkte der deutschen Unternehmen mit ihren knapp 72 000 Beschäftigten. Die USA dagegen, die als Werkzeugmaschinenbaunation fast keine Rolle mehr spielen, erleben einen wirtschaftlichen Aufschwung, in dessen Folge der Bedarf an Anlagen aus Deutschland steigt. Das stetige Auf und Ab der Märkte müsse den Werkzeugmaschinenbauern denn auch nicht übermäßig zu denken geben, sagt Jürgen Fleischer, Dekan der Fakultät für Maschinenbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), im Gespräch mit „Wirtschaft in Baden-Württemberg“. Dass Märkte wegbrächen oder sich zyklisch entwickelten, komme immer wieder vor. Das liege der Branche „sozusagen in den Genen“. Es sind andere Entwicklungen, die den Fachmann alarmieren. Um genügend Wertschöpfung im Land zu behalten, müssten sich die oft im High-End-Bereich tätigen deutschen Familienunternehmen „nach unten orientieren“, sagt Fleischer, der zwischen 2008 und 2010 den Werkzeugmaschinenbauer MAG leitete. Das alte

Motto der Branche „Das Beste ist gerade gut genug“ funktioniere zusehends weniger, sagt er. Vielmehr gehe es darum, kluge, einfache Lösungen anzubieten, die allerdings nicht zu Lasten der Qualität gingen. Am Ende zähle die Kosteneffizienz. Wie das geht, machen zur Zeit die Asiaten vor. Japan, der Erzrivale der deutschen Hersteller, ist im vergangenen Jahr zu neuer Stärke aufgelaufen und spielt seine Trümpfe im ökonomisch bedeutendsten Maschinensegment der Fräsen voll aus. Mit einem Weltmarktanteil von gut 22 Prozent liegt Nippon in der sogenannten Zerspanung weit vorn. Und Korea schickt sich an, die Maschinenbau-Nation Italien als viertgrößten Hersteller weltweit zu verdrängen. Mit Erfolg hätten beide Länder in den letzten Jahren speziell das „mittlere Maschinensegment“ bedient, sagt Fleischer und ergänzt: „Deutsche Hersteller waren sich vielleicht eine Zeit lang zu fein, da auch hineinzugehen.“ Möglich auch, dass die Branche schlicht anderes im Sinn hatte. Wohl kaum ein Thema treibt die Firmen derzeit mehr um als Industrie 4.0 – jene Technologie also, die

Maschinenbau und IT-Systeme zusammenführen soll. Studien bescheinigen Firmen, denen es gelingt die Welten miteinander zu verschmelzen, Effizienzgewinne von 30 Prozent. Und so stürzen sich vor allem große innovationsstarke Unternehmen wie Trumpf, Wittenstein, Bosch oder Festo auf das Zukunftsthema. Aber können Kleinfirmen da überhaupt mithalten? Oft seien sie zwischen „mächtigen Abnehmern und mächtigen Lieferanten von Schlüsselkomponenten eingequetscht“, sagt Produktionsfachmann Fleischer. Die Gewinnspannen seien oft so dünn, dass die Betriebe nicht genügend Geld in die Forschung stecken könnten. Die Zukunft dieser kleinen und mittelständischen Maschinenbauer „macht mir Sorgen“, sagt er.

GEMEINSAME PUBLIKATION Wirtschaft in Baden-Württemberg ist ein Gemeinschaftsprodukt der Wirtschaftsredaktionen von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Die nächste Ausgabe erscheint am 17. November. Im Januar liegt dann die erste Ausgabe des Jahres 2016 an den Kiosken.


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Inhalt Interview

„Wir müssen lernen, im Rudel zu jagen“ Jürgen Fleischer vom Karlsruher KIT hält es für notwendig, dass im Maschinenbau mehr Effizienz Einzug hält. SEITE 3

Schlaglicht Werkzeugmaschinen

Herausforderungen zuhauf Schwächelnde Märkte, Übernahmeversuche, neue Technologien – vieles hält die Branche in Atem. SEITEN 4, 5

Grafikseite

Stammland Werkzeugmaschinenbau

Nicola Leibinger-Kammüller

Christoph Hahn-Wörnle

Wir zeigen, wo im Land die meisten Unternehmen samt Beschäftigten und Umsatz sitzen. SEITE 6

Die Vorzeige-Maschinenbauerin

Der Mann der leisen Töne

Als Nicola Leibinger-Kammüller im Herbst 2005 an die Spitze des Ditzinger Werkzeugmaschinenbauers Trumpf berufen wurde, war das eine handfeste Überraschung. Immerhin war die damals 45-Jährige – nun ja – eine Frau und außerdem Doktor in Philologie und nicht in Fertigungstechnik. Ihre Liebe zur Literatur Erich Kästners und Thomas Manns war weithin bekannt, eine Neigung zum Laserschneiden und Blechbearbeiten nicht verbürgt. Firmenpatriarch Berthold Leibinger sah in seiner ältesten Tochter dennoch die beste Wahl für die Firmennachfolge – eine Einschätzung, die sich als richtig erweisen sollte. Durch die tiefe Krise der Jahre 2009 und 2010 manövrierte die Mutter von vier Kindern den Werkzeugmaschinengiganten Trumpf vergleichsweise unbeschadet. Trotz roter Zahlen wurden fast alle Mitarbeiter an Bord gehalten, auch weil die Familie frisches, eigenes Geld ins Unternehmen steckte. Unter ihrer Ägide stieg Trumpf ins Bank-Geschäft ein, gab sich ein revolutionär-flexibles Arbeitszeitmodell und trieb die Frauenförderung hartnäckig voran. Von einer Frauenquote hält CDU-Mitglied Leibinger-Kammüller dennoch nichts. Und das sagt sie auch deutlich, so wie sie sich immer wieder in die politische Debatte einschaltet, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. Dem Unternehmen – Umsatz derzeit knapp 2,6 Milliarden Euro – hat das nicht geschadet. wro

Einer, der auf die Pauke haut, ist Christoph Hahn-Wörnle nicht. Eher schon ein Mann der leisen Töne. Als der seit Anfang 2011 amtierende Vorsitzende des Südwest-Maschinenbauverbands VDMA einmal gefragt wurde, ob er seinen Hut nicht auch bei der Wahl des Stuttgarter IHK-Präsidenten in den Ring werfen wolle, antwortete er fast demütig, als „Neuling“ stehe ihm das wohl nicht zu. Erst kurz zuvor war er nämlich in die Vollversammlung der Kammer gewählt worden. Manchmal nur wird er deutlich, wenn er beispielsweise Teile der staatlichen Forschungsförderung als „Kleckerlesprogramme“ bezeichnet oder wenn er sich als ausdrücklicher Unterstützer des Tiefbahnhofs Stuttgart 21 positioniert. Sein besonderes Augenmerk gilt seit jeher dem Thema Bildung. Immer am Ball bleiben, lautet diesbezüglich seine Devise, die gleichzeitig sein eigenes Erfolgsrezept verkörpert. Bereits in den 1970ern erkannte der diplomierte Maschinenbauer und begeisterte Segler die Bedeutung von Computern für Industrieprozesse, und folgerichtig gründete auf ebendiesen digitalen Technologien auch der Erfolg seines eigenen Unternehmens Viastore-Systems. Gute Voraussetzungen für einen Verbandschef, der seine mittelständisch geprägte Branche mit ihren 300 000 Beschäftigten ins digitale Industrie-4.0Zeitalter führen soll. wro

Industrie 4.0

Auch Mittelständler mischen mit Der Südwesten ist auf dem Weg zur weltweiten Anbieterregion für Industrie-4.0-Technologien. SEITE 8

Kapitalanlage

Kunstmarkt mit Fallstricken Taugen Bilder, Skulpturen und Kunstwerke tatsächlich als Geldanlage? SEITE 10

Arbeitsklima

Was ist dran am Burn-out? „Eine Kränkung kann krank machen“, sagt Norbert Grulke, ärztlicher Direktor der Luisenklinik in Bad Dürrheim. SEITE 14

Die Maschinen-Manager

Studiengang

Angehende Manager mit Benzin im Blut Vom Institut für Automobilwirtschaft der Hochschule Nürtingen-Geislingen kommen die künftigen Entscheider. SEITE 15

Interview mit Fredmund Malik

Rund 34 000 Menschen arbeiten im baden-württembergischen Werkzeugmaschinenbau. Wir stellen einige Unternehmenslenker vor, die mit ihren Firmen die Stärken der Region verkörpern. Porträts

Keine Chance ohne Risiko Der bekannte Managementberater hält nicht viel von härteren Strafen und Haftungsregeln für Führungskräfte. SEITE 18

Foto: A. Schmid, dpa (2), Firmenfotos (2)

Innovationen

Freiräume für neue Ideen Wie EnBW und Bosch mit Start-ups im eigenen Haus den Gründergeist der Mitarbeiter fördern. SEITEN 20, 21

Sponsoring

Vom Sport bis zum Naturschutz Mit Milliardenbeträgen tun Unternehmen Gutes – und polieren zugleich ihr Image auf. SEITEN 22 – 24

Flottenmanagement

Fast wie bei Knight Rider Assistenzsysteme nehmen dem Fahrer Aufgaben ab. Für den Fuhrparkleiter bedeuten sie ein Mehr an Arbeit. SEITE 25

Buhlen um Nachwuchskräfte

Suche Azubi, biete Smart Der Dienstwagen für Manager gehört zum guten Ton. Manche Firmen ködern nun auch Auszubildende damit. SEITE 26

Compliance

Verstöße sind kein Kavaliersdelikt Überall, wo Geld direkt oder indirekt im Spiel ist, kommt es laut Experten häufig zu Rechtsüberschreitungen. SEITE 31

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen Wirtschaft in Baden-Württemberg? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Die Wirtschaftszeitung wurde mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Michael Heller, Klaus Köster Redaktion Imelda Flaig, Werner Ludwig, Walther Rosenberger Gestaltung/Produktion Anna-Lena Wawra, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11/72 05-12 11 und 07 11/72 05-74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Marc Becker (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05-16 03 Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05-0

Stefan Klebert

Klaus Winkler

Stefan Brand

Der Navigator

Der Analytiker

Der Vielseitige

Dass ein ausgebildeter Berufspilot auch in seinem wahren Job die Richtung vorgibt, versteht sich eigentlich von selbst. Seit Hebst 2010 hat Stefan Klebert nun den Steuerknüppel beim weltgrößten Pressenhersteller Schuler in der Hand. Damals hatte der Konzern gerade eine harte Landung hinter sich. Die Wirtschaftskrise hatte Schuler eine millionenschwere Landesbürgschaft und zwei Jahre mit roten Zahlen eingebrockt. Klebert sollte es richten. „Nicht gerade zimperlich“ habe er das erledigt, sagen manche. Die Verwaltung wurde verschlankt, Manager und Mitarbeiter vor die Tür gesetzt. Gerade ordnet der Konzern seine Produktionswerke neu, was 450 Jobs kosten soll. Zur Neuaufstellung der Schuler-Gruppe, die seit 2012 im Besitz des österreichischen Andritz-Konzerns ist, gehört auch der Einstieg in Geschäftsfelder jenseits des Automobils. Den Schritt in die Luftfahrtund Eisenbahnindustrie sowie in die EnergieInfrastruktur hat der 50-Jährige, der von sich selbst sagt, im Leben „viel Glück“ gehabt zu haben, schon gemacht. Der 1,2-Milliarden-Konzern stehe „finanziell gesund“ da, sagt Klebert. Umsatz und Gewinn sind in Kleberts Amtszeit gestiegen. wro

Klaus Winkler (57) ist ein Mann der klaren Worte. Auf die Frage, wie das Geschäft zuletzt gelaufen sei, antwortete der Chef des Werkzeugmaschinenherstellers Gebr. Heller jüngst trocken: „2012 – gut. 2013 – befriedigend. 2014 – ausreichend minus.“ Nüchterne Analyse gehört sicher zu den Fähigkeiten, die den gelernten Bankkaufmann auszeichnen. Seit zwölf Jahren führt er den Nürtinger Spezialisten für Fräs- und Drehmaschinen, der stark der Automobilindustrie zuliefert. In dieser Zeit hat der Vater zweier Kinder, der eine Schwäche für japanische Sportwagen der 1970er Jahre hat, die globale Verankerung des Traditionsunternehmens stark vorangetrieben. Zuletzt entstand 2013 ein Werk in China. Mit seinen Produkten rangiert Heller im Premium-Bereich des Werkzeugmaschinenbaus, will sich aber nicht „vollständig ins High-Tech-Segment abdrängen lassen“, wie Winkler betont. Eine 20-köpfige TechnologieTruppe erspürt seit einiger Zeit Branchentrends und setzt sie in neue Anwendungen um. Nach harten Jahren soll es 2015 auch wieder aufwärtsgehen. 2020 will Heller beim Umsatz die 800-Millionen-Euro-Marke knacken. wro

Wer bei Vollmer aus Biberach Chef sein will, sollte etwas von scharfen Dingen verstehen, vor allem aber einen guten Draht zu älteren Damen haben. Auf Stefan Brand trifft beides zu. Seit Herbst 2008 ist der gebürtige Niedersachse Allein-Geschäftsführer bei dem Weltmarktführer fürs maschinelle Schärfen, Schleifen und Erodieren. Dass die Wirtschafts- und Finanzkrise bei Vollmer zu herben Einbrüchen, Entlassungen und Werksschließungen führen würde, war damals noch nicht abzusehen. Ungewöhnlich schnell brachte der promovierte Maschinenbauer Brand das Unternehmen mit heute rund 700 Mitarbeitern wieder auf Kurs. Schon 2010 stand in den Büchern wieder ein kleiner Gewinn. Der Aufschwung sei vor allem der Grande Dame des Unternehmens, Sieglinde Vollmer, zu verdanken, sagte Brand einmal, niedersächsisch bescheiden. Die 90-jährige Tochter des Firmengründers, die alle in Biberach nur „Fräulein Vollmer“ nennen, ist seit Jahrzehnten die Identifikationsfigur im Betrieb, hat sich aber heute aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Vollmer ist derweil auf Kurs. 2015 soll der Umsatz 107 Millionen Euro betragen. wro

Index Personen Ackermann, Josef 17 Arlt, Isabella 15 Bär, Ralf 8 Bauer, Theresia 22 Bauernhansl, Thomas 8 Bausback, Winfried 17 Bausinger, Hermann 9 Becker, Thorsten 31 Beilke, Hans-Jochen 4/5 Birk, Dietrich 7, 8 Böltken, Sarah 12/13 Brand, Stefan 2 Deimel, Markus 16 Denner, Volkmar 8, 20/21 Deuschle, Oliver 20/21 Dieffenbacher, WolfGerd 4/5, 7 Diez, Willi 15 Dohmen, Dieter 26 Drasch, Martin 16 Engelhardt, Bernd 22 Fenkart, Claudia 10 Fenkl, Peter 4/5 Fissenewert, Peter 31 Fitschen, Jürgen 17 Fleischer, Jürgen 3 Freeh, Louis 17

Friedrich, Klaus 4/5 Geist, Gerhard 16 Gottschalk, Bernd 16 Gotza, Rainer 31 Grulke, Norbert 14 Guse, Peter 20/21 Hahn-Wörnle, Christoph 2 Härter, Holger 17 Hennerkes, BrunHagen 4/5 Hess, Albert 16 Hess-Maier, Dorothee 16 Hilt, Hans 9 Hohmann-Dennhardt, Christine 17 Jaschinski, Siegfried 17 Jenner, Hartmut 23 Kammüller, Mathias 8 Karg, Alexandra 16 Klasen, Claas-Jürgen 12/13 Klebert, Stefan 2,7 Knebel, Joachim 8 Kormann, Hermut 4/5 Kutschaty, Thomas 19 Lasarczyk, Christian 20/21 Leibinger-Kammüller, Nicola 2 Lux, Marc-Oliver 10

Maier, Thomas 10 Malik, Fredmund 18 Mastiaux, Frank 20/21 Nick, Leo 12/13 Perneker, Rainer 16 Prinzing, Marc-Oliver 25 Richter, Nicole 22 Ruttke, Tobias 25 Schäfer, Wilfried 4, 8 Schaller, Stephan 16 Schenk, Sylvia 24 Schmidt, Lukas 15 Schuster, Andreas 7 Seeliger, Wolfgang 7 Ulrich, Thorsten 16 Völter, Michael 16 Vollmer, Rudi 16 Wallrich, Stefan 10 Wiedeking, Wendelin 17 Winkler, Christoph 19 Winkler, Klaus 2 Unternehmen und Organisationen Allianz Alpirsbacher Klosterbräu

19 22

Alpirsbacher Naturhilfe 22 Andritz 2 Angermann 4/5 Arcandor 17, 18 Bäckerei Goeken 26 Bär 8 Beratungsgesell. PWC 4/5 BMW 7, 16, 25 Bokela 12/13 Bosch 8, 20/21, 22 Bundesverband Deutscher Compliance Officer 31 Bundesverband Fuhrparkmanagement 25 BV der Unternehmensjuristen 19 BW-Bank 23 Chiron 6 Christie’s 10 Daimler 15, 17, 20/21, 22 Deutsche Bank 17, 18 Deutsche Telekom 22 Deutscher Fußball-Bund 24 Dr. Lux & Präuner 10 Dürr 4/5 EBM-Papst 4/5 Eisengießerei Dossmann 26 Emag 4/5, 6

EnBW 20/21 EnBW New Ventures 20/21 Ernst & Young 22 Festo 8 Fifa 24 Greiner Bio-One GmbH 16 Heller 2, 6 Hermle 6 Hochschule Heilbronn 7 Homag 4/5 Hypo Real Estate 17 IAW 4/5 IFA 15 IHK Region Stuttgart 4/5, 22 Index 6 Inrix 26 Kärcher 23 Kanzlei hww Hermann Wienberg Wilhelm 31 KIT Karlsruhe 3,8 Kuka 8 LBBW 17, 23 LBG Württemberg 22 Luisenklinik 14 Malik Institut 18 Manz AG 16 Porsche 15 , 17, 18 Putzmeister 4/5

Sal. Oppenheim 17 Sany-Konzern 4/5 Schmalz 23 Schuler 2, 6, 7 Schunk 7 Siemens 17, 19 Stihl 23 Stoll 4/5 Stuttgarter Börse 16 Swiss Life Deutschland 31 Tesla 25 Transparency Deutschl. 24 Trumpf 2, 6, 8 Universität St. Gallen 18 Universität Stuttgart 7, 12/13 VDI 12/13 VDMA 4/5, 8 VDW 4,8 Vertiva GmbH 10 Voith 4/5, 8, 16 Vollert Anlagenbau GmbH 16 Vollmer 2 VW 17, 18 Walter 6 Weisser 6 Wittenstein 8 Yello 20/21 Ziehl-Abegg 4/5


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

J

ürgen Fleischer ist in Deutschland einer der führenden Köpfe, wenn es um Fertigungstechnologie geht. Der Ex-Vorstandschef des Werkzeugmaschinenbauers MAG und heutige Maschinenbau-Dekan am Karlsruher KIT will dem deutschen Ingenieur seine Technikverliebtheit austreiben.

„Wir müssen lernen, im Rudel zu jagen“

Herr Prof. Fleischer, es gibt Fabriken in Schwellenländern, die mit 70 Jahre alten Pressen und Drehmaschinen made in Germany fertigen. Was zeichnet deutsche Werkzeugmaschinen außer Beständigkeit sonst noch aus? In der Vergangenheit war es so, dass deutsche Ingenieure die Mechanik oft besser verstanden haben als alle anderen. Das hat den guten Ruf des deutschen Maschinenbaus mit begründet. Heute haben sich die Herausforderungen erweitert. Die Mechanik ist nur noch eine von vielen Variablen, an denen sich Qualität bemisst. Die Abgrenzung zum Wettbewerber findet heute über die Fähigkeit statt, Komplettlösungen anzubieten und diese auch noch zu den günstigsten Kosten zu liefern. Um das zu erreichen, müssen die Ingenieure komplexe Fertigungsprozesse verstehen. Nackte Maschinen, die vom Kunden selbst programmiert und auf seine Bedürfnisse angepasst werden müssen, können heute auf der Welt schon ziemlich viele Hersteller. Das Wissen um das komplexe Ineinanderwirken von Produktionsprozessen ist das eigentliche Pfund, mit dem man wuchern sollte.

Jürgen Fleischer, praxisgestählter Hochschulprofessor aus Karlsruhe, hält es für notwendig, dass im Maschinenbau mehr Effizienz Einzug hält. Dem mitunter arg technikverliebten deutschen Ingenieur will er seine Verspieltheit abgewöhnen.

Wettbewerb

Wie sind die deutschen Hersteller hierbei aufgestellt? Wir sind schon ganz gut. Viele deutsche Maschinenbauer sind im Top-Segment des Marktes und sehen sich als KomplettDienstleister. Die übrigen „Spielereien können wir schwenken zusehends auf diesen Pfad ein. uns nicht mehr leisten.“ Jürgen Fleischer, Maschinenbau-Dekan am KIT

Branchenverbände wie der VDMA dringen darauf, nicht nur High Tech im Auge zu haben, sondern auch den Massenmarkt. Ist das nicht ein Widerspruch? Das Edel-Segment, in dem sich viele deutsche Hersteller tummeln, ist einfach zu klein für alle. Zumal Maschinenbauer aus anderen Nationen wie Südkorea oder Japan dort auch eindringen. Um genügend Wertschöpfung im Land zu behalten, müssen wir uns nach unten orientieren. Die Herausforderung ist es, im Massenmarkt kostenmäßig mitzuhalten. Ist das im Hochlohnland Deutschland überhaupt möglich? Der Schlüssel liegt in optimierten Prozessen. Die deutschen Autobauer sind auch im Massenmarkt wettbewerbsfähig, weil sie die Produktion extrem effizient organisiert haben. Sie fertigen schnell, produzieren keinen Ausschuss und müssen wenig nacharbeiten. Was bedeuten diese Veränderungen für die Mitarbeiter in den Unternehmen? Der klassische Maschinenbauer bekam früher von seinem Auftraggeber eine Anforderung, nach der er eine spezielle Maschine entwickelt hat. Im Normalfall waren solche Maschinen optimiert bis ins Letzte und arbeiteten nicht selten an den physikalischen Grenzen. Das war es auch, was den deutschen Maschinenbau auszeichnete. Trotzdem muss man davon ein Stück weit wegkommen. Man muss heute mehr in Modulen denken und vielleicht das eine oder andere Detail weglassen. Am Ende zählt heute die Kosteneffizienz. Es geht darum, kluge, einfache Lösungen zu finden, die allerdings nicht zu Lasten der Qualität gehen.

„Der Ansatz der Amerikaner beim Thema Industrie 4.0 ist vielleicht etwas Cowboy-mäßig, aber dafür schnell.“ Jürgen Fleischer, Ex-MAG-Chef

Der technikverliebte deutsche Ingenieur muss also umdenken? Ja genau. Das Motto „Das Beste ist grade gut genug“ funktioniert zusehends weniger. Vielmehr müsste es heißen: „Das Beste ist das, mit dem ich die zu erfüllende Funktion mit dem geringsten Aufwand und den geringsten Kosten erreichen kann“. Mit anderen Worten heißt das, dass wertanalytisches Denken den Ingenieuren ins Blut übergehen muss. Spielereien können wir uns nicht mehr leisten. Woher rührt eigentlich diese manchmal an Verspieltheit grenzende Akribie der Ingenieure im Werkzeugmaschinenbau? Die Werkzeugmaschine steht im Produktionsprozess moderner Güter am Anfang. Daraus folgt, dass sie immer exakter gefertigt sein muss als das Produkt, das auf ihr hergestellt wird. Präzision ist also ein absolutes Muss. Sie darf aber keine Entschuldigung sein, die Kosten aus dem Blick zu verlieren. Wie wird Industrie 4.0 die Branche verändern? Was heute unter dem Stichwort Industrie 4.0 läuft, wurde vor 25 Jahren schon einmal unter dem Begriff Computer Integrated Manufacturing (CIM) vorgedacht. Nur hat-

Jürgen Fleischer, ehemals MAG-Chef und heute Hochschullehrer, an seinem Schreibtisch am Karlsruher Institut für Technologie Fotos: jodo-foto Karlsruhe

te man damals nicht die heutige Rechnerinfrastruktur, und das Internet gab es natürlich auch noch nicht. Industrie 4.0 macht die Werkzeugmaschine ja nicht anders, sie gibt ihr aber zusätzliche Funktionalitäten. Diese entstehen, weil sie über das Internet in ein System eingebunden werden kann. So wird es beispielsweise möglich, Zustandsdaten auszutauschen oder sich selbst zu diagnostizieren. Verschleißteile können so schneller ausgetauscht oder die Produktion flexibel umgelenkt werden, wenn sich ein Problem andeutet. Industrie 4.0 ist insofern ein Mittel, die Effizienz in der Produktion noch einmal deutlich zu steigern. Über welche Werte reden wir hier? Alle Studien kommen mehr oder weniger zu dem Ergebnis, dass man die Effizienz unter den Bedingungen von Industrie 4.0 um rund 30 Prozent nach oben bekommt. Eine ganze Menge . . . Die überwiegende Anzahl von Maschinen ist bei Kleinfirmen oder dem Mittelstand im Einsatz und dort mitunter nicht immer voll ausgelastet. Ein atmender Produktionsverbund wie bei einem Automobilkonzern klappt bei Kleinfirmen nicht. Aber er könnte in Zukunft klappen, wenn man die Maschinen vernetzen würde. Das allein würde viel Effizienz bringen. In Deutschland soll eine Plattform aus Verbänden und Ministerien das Megathema Industrie 4.0 voranbringen. In den USA schiebt das offene IIC Leuchtturmprojekte voran. Welcher Ansatz ist vielversprechender? Der Ansatz der Amerikaner ist vielleicht etwas Cowboy-mäßig, aber dafür schnell. Die probieren etwas aus, und wenn es nicht klappt, versuchen sie etwas anderes. Der Vorteil ist, dass man zügig ein Gefühl dafür entwickelt, was erfolgversprechend ist. Der deutsche Ansatz will Industrie 4.0 vom Grunde her denken, etwa indem er versucht übergreifende Standards zu definieren. Das ist allerdings ein langwieriger Prozess. Die Kunst wird sein, beides zu tun. Vernünftige Normung und gleichzeitig die Dynamik aufrechterhalten. Das deutsche Vorgehen erscheint mir im Moment etwas überstrukturiert.

Investieren die Firmen genug, um technologisch am Ball zu bleiben? Mir macht Sorgen, dass kleine und mittelständische Maschinenbauer oft zwischen mächtigen Abnehmern und mächtigen Lieferanten von Schlüsselkomponenten eingequetscht werden. Die Gewinnspannen solcher Unternehmen sind dann oft so dünn, dass sie nicht genügend Geld in die Forschung stecken können. Besonders in der Automobilindustrie herrscht mittlerweile ein Kostendruck, der das Zeug dazu hat, ganze Zulieferindustrien zu gefährden. Anstatt den Zulieferern und Maschinenbauern etwas mehr Luft zum Atmen zu lassen, bringt man sie lieber an den Rand der Pleite und rettet sie dann in letzter Sekunde selbst, weil man es mit der Angst zu tun bekommt, dass Knowhow verloren geht. So ist die Praxis, aber sie ist absurd und hat mit Vernunft nichts mehr zu tun. In der Produktionstechnik gibt es die Maxime, Geschwindigkeitswechsel möglichst zu vermeiden. Immer bremsen und dann wieder beschleunigen ist viel ineffizienter als gleichmäßig durchfahren. Kontinuität ist auch im Geschäftsleben existenziell. Sie wird aber leider immer seltener praktiziert. Der Ausweg? Wir brauchen da einen Kulturwandel. Die Großen müssen den Kleinen auf Augenhöhe begegnen. Das hat auch mit Respekt zu tun. Die Maschinenbauer sollten zusehen, Spezialitäten zu beherrschen, und darauf achten, dem Kunden ein Angebot zu machen, das sein Problem passgenau löst. So entstehen aus Kundensicht Alleinstellungsmerkmale, die einen schwer ersetzbar machen. In jüngster Vergangenheit sind speziell Südkorea und Japan stärker geworden. Japan hat Deutschland in Sachen Produktion überholt, Südkorea ist dabei, Italien den Rang abzulaufen. Deutet sich da eine dauerhafte Verschiebung der Kräfteverhältnisse an? Werkzeugmaschinenbauer aus Asien haben in den letzten Jahren mit Erfolg das mittlere Maschinensegment bedient. Deutsche Anbieter waren sich vielleicht eine Zeit lang zu fein, da auch hineinzugehen. Das Resultat ist, dass beispielsweise koreanische Maschinen hoffähig geworden sind. Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass asiatische

Industriekonzerne wie Hyundai oder Samsung gerade sehr erfolgreich sind und mit Vorliebe national einkaufen. Gibt es genügend Fachkräfte? Unsere Facharbeiterausbildung ist sehr gut, aber sie ist aus meiner Sicht nicht auf dem neuesten Stand. Noch ist zum Beispiel nicht klar, wie wir die Herausforderung von Industrie 4.0 in die Ausbildungswelt übertragen. Gleiches gilt für andere Zukunftsthemen wie den Leichtbau. Andere Länder, die keine formalisierte Ausbildung haben, können hier flexibler reagieren. In puncto Anpassungsfähigkeit ist unser Ausbildungssystem vielleicht sogar etwas hemmend. Bei der Frage, wie man in unsere Bildungspläne schnell die neuesten Erkenntnisse hineinbringt, sehe ich jedenfalls Nachholbedarf. Wie steht der Werkzeugmaschinenbau generell da? Wir sind gut, aber wir müssen lernen, mehr in Netzwerken zu denken. Besonders die Mittelständler haben in puncto Kooperationsfähigkeit noch Nachholbedarf. Die Angst, dass man beklaut wird, sobald man sich öffnet, ist jedenfalls übertrieben. Vielmehr zeigt sich in einer vernetzten Welt immer mehr, dass nicht jeder alles kann – und übrigens auch nicht jeder alles können muss. Die deutschen Firmen müssen lernen, im Rudel zu jagen. Das Gespräch führte Walther Rosenberger.

KENNER BEIDER WELTEN Der Wissenschaftler Nach dem Abitur in Heidelberg studiert Jürgen Fleischer, Jahrgang 1961, Maschinenbau an der TH Karlsruhe und arbeitet am Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebstechnik. Ab 1989 promoviert er in computergestützter Produktion und ist später Gruppenleiter und Oberingenieur am selben Institut. 2003 wird der Vater zweier Kinder Leiter des Instituts für Produktionstechnik in Karlsruhe. Seit vier Jahren führt er als Dekan die Fakultät für Maschinenbau am KIT. Der Manager Den Sprung in die Wirtschaft wagt Fleischer 1992. Für mehr als zehn Jahre bekleidet er Positionen bei Industriekonzernen. Bereits 1993 wird er Vorstandsassistent im Forschungsressort bei Daimler in Stuttgart. Danach folgen Führungspositionen bei ABB, Adtranz und Bombardier. Nach einem Ausflug zurück an die Uni ist er zwischen 2008 und 2010 Vorstandschef der Werkzeugmaschinenbau-Gruppe MAG, hinter der der schillernde Unternehmer Mo Meidar stand. wro


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Siemens-Mitarbeiter prüfen mittels 3-D-Druck gefertigtes Bauteil aus Plastik.

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 5 | Septe

Die großen Herausforderu für den Werkzeugmaschine Als Investitionsgüterbranche spürt der Werkzeugmaschinenbau konjunkturelle Verwerfungen immer schnell. Wenn es irgendwo harzt, wie derzeit in einigen Schwellenländern, rauschen die Bestellungen in den Keller. An schwankende Märkte hat sich die Branche Chancen

Schicht für Schicht Dass es Produktinnovationen im Maschinenbau auf die vorderen Seiten von Tageszeitungen schaffen, kommt nicht eben oft vor. Dem 3-D-Druck ist es gelungen. Seit rund drei Jahren explodieren die Meldungen zu dem Thema, und meist findet sich in den Überschriften das Wort „Revolution“. Tatsächlich ist das Verfahren, das Fachleute mit dem Begriff Additive Fertigung beschreiben, eine der spektakulären Neuheiten in der Maschinenwelt der letzten Jahre. Durch schichtweisen Auftrag werden dabei Strukturen erzeugt, wobei entweder Kunststoffe aufgespritzt werden oder Laser Metallpulver oder Sand Schicht für Schicht aufschmelzen und dann aushärten lassen. Zumindest in der Theorie ist es so möglich, eine schier unbegrenzte Vielfalt von Formen und Bauteilen herzustellen. Der limitierende Produktionsfaktor sei im Zeitalter des 3-D-Drucks „einzig die Fantasie“, sagen manche. Die Technologie habe das Zeug dazu, ganzen Industriesparten die Daseinsberechtigung zu rauben, heißt es. Besonders betroffen: der Werkzeugmaschinenbau. Warum noch Fräsen oder Stanzen, wenn man es doch ausdrucken kann?, lautet die im Raum stehende Frage. In Fachkreisen ist man angesichts des Hypes allerdings sichtlich bemüht, den Ball flach zu halten. „Additive Verfahren werden Fertigungsprozesse er-

gänzen, nicht obsolet machen“, sagt Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des Werkzeugmaschinen-Verbands VDW. Spezialanwendungen sowie den Bau von Einzelstücken oder Kleinserien hält Schäfer für Bereiche, in denen sich die Technologie durchsetzen könnte. Für die Produktion im großen Stil sei der Einsatz von 3-D-Druck schwierig. Tatsächlich kämpfen die Hersteller entsprechender Maschinen vor allem mit widerspenstigen Materialien, die sich nicht für die Schmelzprozesse eignen. Zudem ist es schwierig, Teile in gleicher Qualität zu reproduzieren, und nicht zuletzt sind die Anlagen noch viel zu langsam. Der „Ausdruck“ eines faustgroßen Werkstücks dauert schon mal Stunden. Dennoch: für Spezialbereiche wie den Flugzeugbau, die Medizintechnik oder die Schmuckindustrie arbeitet 3-D-Druck schon wirtschaftlich, heißt es. Deutsche Hersteller wie Eos, SLM-Solutions, Concept-Laser, aber auch Maschinenbauer wie Trumpf oder Arburg haben bei Industrieanwendungen die Nase vorn. Aber gerade auch die US-Konkurrenz schläft nicht. Wie sich der Markt entwickeln wird, ist indes noch unsicher. Immerhin bescheinigen diverse Studien der Technologie einen Boom – mit jährlichen Wachstumsraten von bis zu 25 Prozent. wro

Mitarbeiterin in der Qualitätssicherung prüft eine Walzendrehmaschine. Nur wenige Beschäftigte im Maschinenbau sind weiblich.

Mal Kanonenrohr, mal Laternenmast Was kann mit einer Werkzeugmaschine alles hergestellt werden? Diese Frage rückt dann ins Blickfeld, wenn eine Firma eine ihrer Anlagen in politisch sensible Regionen liefern will. Fertigt die Drehmaschine wirklich nur Lippenstifte oder nicht auch Patronenhülsen? Und: Dürfte eine Anlage, die beides könnte, gemäß den deutschen Exportvorschriften überhaupt ausgeführt werden? Dual-Use – zu Deutsch: doppelter Verwendungszweck – heißt diese Problematik, und sie betrifft die Werkzeugmaschinenbranche zentral. „Aufgrund ihrer vielseitigen Verwendbarkeit sind Werkzeugmaschinen stark von den Themen Exportkontrolle und Dual-Use betroffen“, sagt Klaus Friedrich, der beim Maschinenbauverband VDMA für das Thema zuständig ist. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache – zumindest auf den ersten Blick. „Unter zwei Prozent“ der bei der zuständigen Behörde Bafa eingereichten Genehmigungsanträge werden abgelehnt, heißt es aus Branchenkreisen. Ein geringer Wert, der aber die wahre Dimension der Angelegenheit verkennt. „Zu den Ländern, bei denen Exportanträge auch abgelehnt werden, gehören wich-

tige Märkte wie Indien, China oder Russland“, sagt VDMA-Experte Friedrich. Letztere zwei Nationen waren 2013 unter den Top-3-Exportmärkten der deutschen Branche. Im vergangenen Jahr hätten sich die Ablehnungsquoten in Russland „deutlich erhöht“, sagt Friedrich, der noch ein weiteres Problem sieht. Die Kunden tendierten dazu, Maschinen „möglichst aus einer Hand zu kaufen“. Könne eine spezielle Anlage nicht geliefert werden, wechselten die Auftraggeber „komplett zur asiatischen Konkurrenz,“ sagt der VDMA-Experte. Generell bezweifelt die Branche, dass die in Deutschland bestehenden Regeln zur Exportkontrolle ihren Zweck überhaupt noch erfüllen. Der Grund: besonders das TopSegment der Werkzeugmaschinen unterliegt den strengen Richtlinien. Der Hintergedanke ist, dass hoch präzise Rüstungsgüter auch auf HighTech-Maschinen gefertigt werden müssten. Insider sagen aber, dass das gar nicht mehr der Fall ist. In den meisten Fällen würden zur Herstellung von Panzern und Kanonen Standardanlagen genügen. Der Staat kontrolliere oft das Falsche, heißt es. VDMA-Experte Friedrich drückt es anders aus: „Eine breite, kritische Überprüfung“ der Regelungen „quer durch alle Branchen“ sei überfällig. wro

gewöhnt, aber es gibt auch schwerer berechenbare Gefahren. Die resultieren zum Beispiel aus disruptiven Technologien wie dem 3-D-Druck, Übernahmeversuchen von Konkurrenten oder aus Streit unter Firmenerben. Eine Übersicht über zentrale Herausforderungen.

Der Drache liegt auf der Lauer – doch Feuer speit er bisher nicht Der jüngste Zugriff galt einem schwäbischen Traditionsunternehmen: Seit Ende August ist die Shang-Gong-Gruppe aus Schanghai Mitbesitzer des 1873 gegründeten Textilmaschinenherstellers Stoll in Reutlingen. Was die Chinesen für den Einstieg bezahlten und wie hoch ihr Anteil ist, wurde nicht mitgeteilt. Allerdings: die Familie Stoll behält die Mehrheit an dem Unternehmen mit seinen 850 Mitarbeitern. Das war in der Vergangenheit nicht immer so, wenn Manager aus dem Reich der Mitte im Schwäbischen zukauften: Der Werkzeugmaschinenhersteller Emag in Salach gehört ihnen bereits seit 2009 zur Hälfte, der Betonpumpenpro-

duzent Putzmeister in Aichtal wurde 2012 komplett von dem chinesischen Sany-Konzern übernommen. Als bekannt wurde, dass die Chinesen Putzmeister schluckten, schrillten vielerorts die Alarmglocken. Die Abgesandten aus dem Reich der Mitte versuchten sich als strategische Aufkäufer und seien weniger an den Unternehmen selbst als an deren gesammeltem Wissen interessiert, warnten Experten. Tatsächlich gehört die Herstellung hochwertiger Investitionsgüter wie etwa Maschinen zu den von der Regierung in Peking proklamierten strategischen Feldern, auf denen das Reich der Mitte seine Wirtschaft modernisieren will. Be-

reits in den vergangenen Jahren hat China seinen Maschinenbau kräftig auf Touren gebracht: Setzten die chinesischen Hersteller 2006 noch 160 Milliarden Euro um, so war dieser Wert bis zum vergangenen Jahr auf 826 Milliarden Euro geklettert – Platz eins im weltweiten Maschinenbau. Und sie kauften auch kräftig High Tech ein: Bei Werkzeugmaschinen etwa stiegen die deutschen Ausfuhren in den vergangenen zehn Jahren von sieben auf fast 19 Milliarden Euro. Und mit einer Produktion in Höhe von knapp 13 Milliarden Euro hat sich das Land inzwischen zum weltweit größten Hersteller von Werkzeugmaschinen gemausert. Davon

Wie Firmen Frauen zu Maschinenbauern machen wollen Drumherum reden hilft nicht: Frauen für den Maschinenbau zu begeistern, ist eine ziemlich zähe Angelegenheit. Gerade mal 16 Prozent der Beschäftigten waren 2013 – neuere Daten liegen nicht vor – weiblichen Geschlechts. Und auch diese Zahl ist zumindest im engeren Verständnis noch zu hoch, denn meist arbeiten Frauen auf kaufmännischen Stellen oder im Sekretariat. Der Anteil von Vollblut-Technikerinnen liegt also noch deutlich niedriger. Von den Azubis sind 15 Prozent Frauen. Dabei haben die Firmen längst erkannt, dass es in Zukunft nötig sein wird, Frauen in technische Berufe zu bringen, um das Unternehmenswachstum nicht zu gefährden. Sie or-

ganisieren Girls’ Days oder bieten Müttern nach der Elternzeit familienfreundliche Arbeitszeiten an. Nach Daten des Maschinenbauverbands VDMA hatten bereits im Jahr 2010 rund 60 Prozent der Betriebe demografische Projekte angestoßen, die Frauenförderung voranbringen sollten. Als „nach wie vor schwierig“ bezeichnet es Susanne Krebs vom VDMA, Frauen für den Maschinenbau zu begeistern. Wenn es gelänge, wählten Studentinnen oft Nischenbereiche wie Bekleidungs- oder Umwelttechnik. Nur selten konzentrierten sie sich auf Kernfächer wie Maschinenwesen. „Sie suchen die menschliche Komponente im Technikbereich“, sagt Krebs. Bei der Bezahlung tragen Frauen übrigens auch die Rote Laterne. Vollzeitbeschäftigte verdienten 2013 durchschnittlich 3905 Euro. Bei Männern waren es 4712 Euro. wro

wurden 14 Prozent exportiert, besonders in Schwellenländer. Doch höhere Technologien fest im Blick, könnten die Hersteller aus dem Fernen Osten auch deutschen Unternehmen zunehmend Konkurrenz machen. Dabei könnten ihnen auch Zukäufe im Schwäbischen helfen: „Wir sind als Maschinenbauland interessant für ausländische Investoren“, meint etwa Dietrich Birk, Geschäftsführer des Branchenverbands VDMA. Von einem Ausverkauf indes kann nicht die Rede sein. „Wir sind selbst international stark unterwegs“, sagt Birk – mit eigenen Produktionsstätten in China, aber auch, wie der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf, durch Zukäufe. Klares

Wo Techniker als Nachfol „Da gibt es streitende Familien, die viel Geld für Anwälte ausgeben“, sagt Hans-Jochen Beilke. Beilke war lange Jahre Vorsitzender der Geschäftsführung des Hohenloher Ventilatorenherstellers EBM-Papst, heute noch sitzt er in Beiräten verschiedener mittelständischer Unternehmern. Bei seinem früheren Arbeitgeber habe es keine Probleme mit der Nachfolge gegeben, er sei als familienfremder Geschäftsführer eingestiegen. Doch wenn er sich so umsieht, gibt es für ihn oft nur eine Lösung: „Da muss sich dann halt eine Partei ausbezahlen lassen und gehen.“ Dies ist etwa der Fall, wenn die ältere Generation sich nicht auf eine klare Regelung für die Nachfolge einigt – und dann möglicherweise zwei Junioren in das Rennen um die Unternehmensführung schickt. Oder auch, wenn zwei Nachfolger in der Geschäftsführung zwar am gleichen Strang ziehen, aber in unterschiedliche Richtungen. „Manches Unternehmen könnte mehr verdienen, wenn es nicht so viele Reibereien gäbe“, meint Beilke. Der von ihm beschriebene Zoff im Zuge der Nachfolge ist nicht die Regel, aber auch kein Einzelfall. Und Streitereien können sowohl im Unternehmen als auch in der gesamten Volkswirtschaft ganz erhebliche Schäden anrichten. Jedes Jahr, so Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung an der Universität Bonn, muss bei mehr als 70 000 Familienunternehmen zwischen Kiel und Konstanz die Nachfolge geregelt werden. In Baden-Württemberg ist jeder dritte Selbstständige älter als 55 Jahre, die IHK Region Stuttgart hat zusammen mit dem Institut für angewandte Wirtschaftswissenschaften (IAW) an der Universität Tübingen alarmierende Zahlen veröffentlicht: Allein im Großraum Stuttgart drohen danach bis 2017 etwa 3400 Betriebe mit 28 000

Leopard-2-Panzer in einer Übung. Mit vielen Werkzeugmaschinen kann man sowohl zivile als auch militärische Güter herstellen.

hfolger gr Mancher Chef hinterlässt seinem Nac


Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

tuttgarter Nachrichten ember 2015

WER WILL WEN IM MASCHINENBAU?

ungen enbau

Transaktionen mit deutscher Beteiligung Vergleich 2013 und 2014

Übernahmen deutscher Firmen durch ausländische Käufer Angaben in Prozent

Käufer aus Nordamerika 23

12 Käufer aus Europa 46

8

6

ausländische Käufer deutscher Werkzeugmaschinenbauer

1

deutsche Käufer ausländischer Werkzeugmaschinenbauer

5

nationale Übernahmen

3

% 31 Käufer aus Asien

2 3

2013

2014

StZ-Grafik: jev

Quelle: M&A International

Feindlich oder freundlich – droht ein Ausverkauf deutscher Firmen?

Fotos: dpa Montage: Rötgers

Ziel: die eigene Position im mittleren Segment bei Werkzeugmaschinen auszubauen. Genau dort nämlich wird sich der Wettbewerb verschärfen. Für die Beschäftigten im Südwesten indes scheinen chinesische Investoren nicht von Nachteil zu sein: „Das sind Investoren wie andere auch“, sagt etwa Martin Purschke, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall in Göppingen, die auch für Emag zuständig ist. Und bei Putzmeister in Aichtal wurde erst Anfang August zwischen Geschäftsführung und IG Metall ein bis 2020 laufender Vertrag zur Sicherung des Standorts abgeschlossen. Fazit: der Drache liegt auf der Lauer – doch Feuer speit er bisher nicht. ey

lger gefragt sind

hsen. roße Schuhe – doch der kann reinwac

, Tom Pingel Fotos: dpa (2), fotolia (2), Siemens

Beschäftigten zu verschwinden, wenn die Nachfolge nicht klappt. Die Probleme fangen schon damit an, dass viele Chefs von Familienunternehmen zwar gerne Söhne und Töchter hereinholen – diese dann aber oft Jahre warten müssen, bis sie ans Ruder dürfen. „Dass der Patriarch nicht loslassen kann, ist meist das größte Problem bei der Nachfolgeregelung in Familienunternehmen“, sagt Brun-Hagen Hennerkes, der Vorsitzende der Stiftung Familienunternehmen. Und Hermut Kormann, lange Jahre Vorsitzender der Geschäftsführung des Heidenheimer Papiermaschinenherstellers Voith, findet es kaum verständlich, wenn Familienunternehmer darauf drängen, dass die Kinder unbedingt in ihre Fußstapfen treten sollen: „Wichtiger ist, dass die Familie oben im Beirat sitzt als unten in „Dass der Patriarch nicht der Geschäftsführung.“ Gerade im mittelständisch ge- loslassen kann, ist meist prägten Maschinenbau indes sehen sowohl Hennerkes als auch Kor- das größte Problem.“ mann, der heute in Ulm ein Bera- Mittelstandsexperte Hennerkes tungsbüro für Familienunterneh- über die Nachfolgeregelung men betreibt, eine Besonderheit. „Es wäre gut, wenn eines der Kinder Ingenieur studiert hätte“, meint Kormann. In der südwestdeutschen Vorzeigebranche nämlich sei viel technisches Wissen nötig, „einen Betriebswirtschaftler kann ich mir auch am Markt kaufen“. Ähnlich argumentiert auch Hennerkes: „In die Spitze des Unternehmens gehören Maschinenbauer, man braucht als Chef einen Fachmann, der ganz nah am Produkt ist“, meint der Vorsitzende der Stiftung Familienunternehmen. „Controller findet man heutzutage überall auf der Welt.“ ey

Wenn die Wirtschaft unter Volldampf läuft, haben auch Firmenübernahmen Hochkonjunktur. 2014 fanden nach Daten der Beratungsgesellschaft PWC im Maschinenbau weltweit 200 große Deals statt. Blickt man allein auf Werkzeugmaschinenbauer und den deutschen Markt, sinken die Zahlen natürlich. Experten bezeichnen die M&A-Aktivitäten im langjährigen Vergleich dennoch als „hoch“. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Angermann weist für Deutschland acht Übernahmen für das Jahr 2013 aus. Für 2014 sind es zwölf. Und Anfang 2015 folgte mit der Mehrheitsübernahme des ehemaligen Gildemeister-Konzerns durch den langjährigen Partner DMG Mori Seiki ein Geschäft, das allein durch seinen Transaktionswert von knapp 1,4 Milliarden Euro für Furore sorgte. Knapp die Hälfte der Transaktionstätigkeit findet seit mehreren Jahren rein national statt, das heißt, deutsche Maschinenbauer kaufen oder beteiligen sich an heimischen Konkurrenten. Eines der Paradebeispiele der letzten Jahre stellt die Übernahme von Homag durch den Anlagenbauer Dürr aus dem Jahr 2014 dar. Bei der anderen Hälfte der Deals sind nach AngermannDaten ausländische Firmen mit im Boot, entweder als Ziel deutscher Hersteller oder – weit

überwiegend – als Käufer hiesiger Firmen. Sechsmal kamen 2014 ausländische Investoren zum Zug und verleibten sich einheimische Technologieträger ein. Von einem „Ausverkauf“ will Nadine Ulrich, Direktorin bei Angermann, nicht reden. Allerdings konstatiert sie „vermehrte Übernahmen von deutschen Werkzeugmaschinenbauern durch asiatische Unternehmen“. Fast ein Drittel aller deutschen Firmen wird von chinesischen oder japanischen Investoren erworben, wobei die Zahl der von Asiaten avisierten Deals weitaus höher ist, wie Ulrich bemerkt. ÜbernahmeChampion sind derzeit allerdings die USA. Neben der Technologie lockt die Ausländer vor allem der Zugang zum europäischen Markt. Die deutschen Firmen wiederum können oft dem Reiz des Geldes nicht widerstehen und gehen fremd. „Ausländische Investoren zahlen oft mehr als deutsche“, sagt Ulrich. Diese legen schon mal das Zwölffache des operativen Gewinns (Ebit) für ihre Wunschkandidaten auf den Tisch. Bei den Firmenkäufen geht es übrigens meist recht kultiviert zu. In der mittelständisch geprägten Branche sind Aktiengesellschaften mit hohem Freefloat die Ausnahme. „Feindliche Übernahmen sind im Werkzeugmaschinenbau kein Thema“, sagt Beraterin Ulrich. wro

Russland tut den Unternehmen weh, der Iran weckt Hoffnungen „Wir haben deutlich weniger Geschäft, aber es hat sich nicht so dramatisch entwickelt wie befürchtet“ berichtet WolfGerd Dieffenbacher. Im vergangenen Jahr setzte sein Unternehmen, vor allem mit Anlagen zur Bearbeitung von Spanplatten für die Möbelindustrie, etwas mehr als 500 Millionen Euro um – etwa 20 Prozent des Umsatzes brachten Exporte nach Russland. Dass die Ausfuhren nicht deutlich stärker eingebrochen sind, verdankt der geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens aus Eppingen bei Heilbronn auch der langen Laufzeit seiner Projekte – so profitiert er noch von Aufträgen aus besseren Zeiten. Das aktuelle Russlandgeschäft der Maschinenbauer aber steht unter Druck: Die Exportzahlen, so der Branchenverband VDMA, sind in diesem Jahr bisher um 30 Prozent zurückgegangen – schlechtere Konjunktur in Russland, politische Sanktionen und sinkende Ölpreise sind die Ursachen der Misere. Ähnliches wie für den gesamten Maschinenbau gilt auch für die Hersteller von Werkzeugmaschinen – nach einem dramatischen Minus im vergangenen Jahr ging es 2015

weiter bergab. Auch andere leiden unter den Problemen. So etwa der Ventilatorenhersteller Ziehl-Abegg aus Künzelsau. Nicht nur, weil er selbst weniger Ventilatoren verkauft: „Auch für unsere Kunden ist das Geschäft fast zum Erliegen gekommen“, sagt Ziehl-AbeggChef Peter Fenkl. Wie stark ihn Russland trifft, kann er nicht sagen – weil die Kunden nicht mitteilen, welche Anlagen mit seinen Ventilatoren nach Russland gehen. Doch zurückziehen aus dem Riesenreich wollen sich weder Dieffenbacher noch Fenkl. Andere haben Die Sanktionen gegen Russland – hier die Zwiebeltürm e in Moskau – haben dagegen schon auch die Werkzeu gmaschinenbauer im Südwesten getr offen. Neuland entdeckt: Mit dem baden-württembergischen Wirtschaftsund Finanzminister ist eine Unternehmerdelegation in den Iran aufgebrochen. Im Gepäck: Hoffnung auf ertragreiche Geschäfte mit dem wiederentdeckten Ölstaat. ey


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Im Kraftzentrum des Werkzeugmaschinenbaus Baden-Württemberg ist das Stammland des deutschen Werkzeugmaschinenbaus und liegt in Sachen Betriebe, Beschäftigte und Produktion weit vor Bayern und Nordrhein-Westfalen. Mehr als jede zweite deutsche Werkzeugmaschine wird zwischen Konstanz und Weinheim gefertigt. Mit Trumpf, Schuler, Index, Heller, Walter, Emag, Hermle, Chiron oder Weisser haben einige der größten Firmen hier ihren Sitz. Besonders im Speckgürtel um Stuttgart, im Landkreis Heilbronn und auf der Schwäbischen Alb ballen sich die Fräsen-, Pressen- und Drehmaschinenbauer, deren Produkte nicht selten im Top-Segment angesiedelt sind. Von Walther Rosenberger und Imelda Flaig Werkzeugmaschinenbau

Main-Tauber-Kreis 4 Mannheim 1 Neckar-Odenwald-Kreis 6

Heidelberg 1 in REGIERUNGSBEZIRK

Rhein-Neckar: keine Angaben

Heilbronn-Franken: 3613

Rhein-Neckar-Kreis

Umsatz aller Unternehmen in Milliarden Euro

19 Hohenlohekreis 4

Karlsruhe 28

in Region Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer

Mittlerer Oberrhein: keine Angaben

Heilbronn

Heilbronn

Schwäbisch Hall

1

34

10

REGIERUNGSBEZIRK STUTTGART

Stadt Karlsruhe in Land- oder Stadtkreis

6

Zahl der Werkzeugmaschinenbaubetriebe

5,9

Enzkreis Rastatt

53

KARLSRUHE

1,5

4

Ludwigsburg

Ostalbkreis 25

30

Pforzheim

Mrd. Euro

Mrd. Euro Rems-Murr-Kreis 44

19

Ostwürttemberg: 2050

7 Stuttgart Baden-Baden 1

Region Stuttgart: 15 169 Calw 18

Nordschwarzwald: 5261

Esslingen

14

Ortenaukreis 22

Göppingen

Böblingen

Heidenheim

48

7

68 Tübingen 16

Freudenstadt 16

Alb-Donau-Kreis 21

Neckar-Alb: 3407

Südlicher Oberrhein: 3105

Reutlingen

Ulm 2

41 Zollernalbkreis

Rottweil 28

28

Emmendingen 12

TÜBINGEN

1,1

FREIBURG

1,9

Donau-Iller: 1700

Schwarzwald-BaarHeuberg: 4300

Mrd. Euro

Mrd. Euro Biberach

Freiburg 2

Sigmaringen SchwarzwaldBaar-Kreis

Breisgau-Hochschwarzwald

Tuttlingen 32

24

14

Konstanz (zu Region Hochrhein-Bodensee) Lörrach 17

17

19

Hochrhein-Bodensee: 846

Bodensee-Oberschwaben: 3028 Ravensburg 20

8

Waldshut

Bodenseekreis 8

4

StZ-Grafik: Manfred Zapletal

Die Daten beziehen sich auf 2012, neuere Daten sind nicht vorhanden. Aus Geheimhaltungsgründen sind bestimmte Daten auf Kreis- und Regionenebene nicht zugänglich.

Quelle: Statistisches Landesamt


Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg 7

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Die Industrie kämpft gegen lästige Pfunde Die Zulieferer der Autoindustrie bauen Pressen fßr die Fahrzeuge von morgen. Doch auch die Maschinenbauer im Sßdwesten lockt die neue Leichtigkeit des Seins. Von Ulrich Schreyer

Leichtbau

H

ier entsteht fĂźr Baden-WĂźrttemberg ein entscheidendes StĂźck Zukunft“, lobte Ministerpräsident Wilfried Kretschmann. Was den Regierungschef erfreute, war die offizielle ErĂśffnung des Forschungscampus „Arena 2036“ an der Universität in Stuttgart-Vaihingen. Dieser hat seinen Betrieb zwar noch nicht komplett aufgenommen, das gemeinsame Projekt von Land, Industrie und Forschungseinrichtungen soll aber dennoch richtungsweisende Erkenntnisse liefern, sobald es erst mal gestartet ist. „Wir wollen BadenWĂźrttemberg zu einem Land fĂźr den Leichtbau machen“, lautet die „Das spart dann nicht Vorgabe von Kretschmann. Die Politik kann dafĂźr alnur Energie, lerdings nur Hilfe leisten – die sondern auch Kosten.“ wirklich wichtigen Weichen VDMA-GeschäftsfĂźhrer Birk Ăźber werden in den Unternehmen die Vorteile des Leichtbaus gestellt. Vor allem derzeit noch in der Autoindustrie. Die Fahrzeugbauer wissen, dass sie etwa das Gewicht ihrer Karossen ganz erheblich reduzieren mĂźssen, um den AusstoĂ&#x; von Kohlendioxid zu reduzieren oder die Last der schweren Batterien fĂźr Elektroautos zu kompensieren. Von diesem Trend profitieren auch ihre Zulieferer. So etwa der Pressenhersteller Schuler AG in GĂśppingen. „Wir sind der einzige Hersteller, der LĂśsungen fĂźr alle wichtigen Leichtbauverfahren anbietet“, sagt der Vorstandsvorsitzende Stefan Klebert. Klebert will nicht nur auf eine Karte setzen: „Das Auto der Zukunft besteht aus einem Material-Mix“, so die Ăœberzeugung des Schuler-Chefs. Tatsächlich dĂźrften weiter sowohl Stahl als auch Aluminium oder Karbon in die Fahrzeuge eingebaut werden. Schon beim Stahl aber kĂśnnte sich einiges ändern. „Warmumformung“ heiĂ&#x;t das Stichwort fĂźr eine Methode, bei der der Stahl erst auf 930 Grad erhitzt und dann abgeschreckt wird. Diese Art der Umformung, die Schuler mit seinen Pressen bereits seit einiger Zeit anbietet, hat einen

kaum zu unterschätzenden Vorteil: Der abgeschreckte Stahl ist härter und fester als normaler Stahl. Damit aber kĂśnnen die Teile, die in ein Auto eingebaut werden, leichter sein – auf die Dicke kommt es weniger an als bei normalem Stahl. Um die Warmumformung zu zeigen, aber auch, um weiter an dieser Technologie zu forschen, will Schuler im kommenden Jahr in GĂśppingen ein „Hot Stamping Center“ in Betrieb nehmen. Am FuĂ&#x;e des Hohenstaufen werden allerdings nicht nur Pressen fĂźr den Ăźblichen Stahl, abgeschreckten Stahl oder Aluminium produziert. Schuler stellt auch Pressen fĂźr die Verarbeitung von kohlefaserverstärkten Kunststoffen wie etwa Karbon her. So wurden etwa schon Pressen geliefert, aus denen Teile fĂźr das BMW-Elektroauto i3 kommen. Allerdings, gerade bei Karbon gibt es noch viel zu tun: Bei dem abgeschreckten hochfesten Stahl spuckt eine Presse bis zu 96 Teile in der Minute aus – bis ein Karbonteil aus der Presse kommt, dauert es bis jetzt dagegen noch drei bis vier Minuten – vor allem, weil der mit Harz vermischte Werkstoff aushärten muss. Doch dass das Geschäft mit Karbon Zukunft hat, davon ist auch Wolf-Gerd Dieffenbacher Ăźberzeugt. „Wir liefern das komplette System von der Materialaufbereitung, dem Legen der Karbonmatten bis hin zu den Pressen“ sagt der Chef des gleichnamigen Anlagenbauers aus Eppingen bei Heilbronn. GrĂśĂ&#x;ter Bereich des Unternehmens mit weltweit 1800 Mitarbeitern sind zwar Anlagen fĂźr die Herstellung von Spanoder Faserplatten fĂźr die MĂśbelindustrie – doch bis zu 200 Mitarbeiter sind inzwischen im Leichtbaubereich tätig. Im Geschäft ist Dieffenbacher vorwiegend mit der Autoindustrie, so auch mit Anlagen, die Teile fĂźr den 7er-BMW, das Flaggschiff der weiĂ&#x;-blauen Autobauer aus MĂźnchen, liefern. Mit den Anlagen aus Eppingen kĂśnnen etwa Abdeckungen, aber auch TĂźrschweller oder Armaturenbretter aus Verbundwerkstoffen hergestellt werden. Kunden kommen auch aus verschiedenen

MARKENBERATUNG MARKENENTWICKLUNG CORPORATE DESIGN EMPLOYER BRANDING PRODUKTKOMMUNIKATION DIGITALE UND VERNETZTE KOMMUNIKATION VERTRIEBSUNTERSTĂœTZUNG

Das Markenversprechen von KSPG. Entwickelt von RTS Rieger Team.

Unser Herz schlägt für Ihren Antrieb. Wie kreiert man für die renommierten Marken Kolbenschmidt, Pierburg und Motorservice ein gemeinsames Versprechen, das stark genug ist, um für ihre neue Dachmarke zu stehen? Seit 46                              ! "#   $%"      & #  '   (    )     ) (  )" '*!& (+  ,  "%         -.// 0.11/

anderen europäischen Ländern sowie aus den USA, China, Korea oder Japan. Die Maschinenbauer wollen aber nicht nur Maschinen fĂźr leichtere Teile liefern. Auch die Maschinen selbst sollen leichter werden. „Damit kĂśnnen sie oft auch schneller arbeiten“, meint Dietrich Birk, GeschäftsfĂźhrer des Maschinenbauverbandes VDMA in Baden-WĂźrttemberg. Zudem muss in leichteren Maschinen nicht so viel Material eingebaut werden: „Das spart dann nicht nur Energie, sondern auch Kosten“, so Birk. „Generell spielen klassische Stahl- und Gusseisenwerkstoffe die Hauptrolle im Werkzeugmaschinenbau“, meint Wilfried Schäfer, GeschäftsfĂźhrer des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW). Doch auch Schäfer sieht den Vorteil des Leichtbaus. „Leichtbau ist durchaus ein Thema“, meint er. WĂźrden etwa Maschinen leichter, kĂśnnten auch deren Antriebe kleiner werden. Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen fĂźr das Thema Leichtbau zu interessieren, hat sich Wolfgang Seeliger auf die Fahnen geschrieben. „Wir sind mit den Industrie- und Handelskammern im Gespräch, um an die Maschinenbauer heranzukommen“, sagt der GeschäftsfĂźhrer der 2013 gegrĂźndeten Landesagentur fĂźr Leichtbau. „Viel Potenzial steckt bereits in der Entwicklung des Produkts“, meint der Agenturchef. Dies zu erkennen und daraus dann auch die Konsequenzen zu ziehen, ist aber mĂśglicherweise so einfach nicht: „Der Ingenieur denkt heute zuerst an das Material, mit dem er arbeiten mĂśchte“, so die Erfahrung von Seeliger. „Ideal wäre es, wenn er fragt, welche Funktion brauche ich, und dann das Material auswählt.“ Oftmals mĂźsste aber „das Denken des Ingenieurs komplett umgekrempelt werden“. Der Leiter der Leichtbauagentur kennt inzwischen auch die Pioniere im deutschen SĂźdwesten. Einer davon ist der Greiferhersteller Schunk aus Lauffen am Neckar. FĂźr das Unternehmen, das mit dem frĂźheren Nationaltorwart Jens Lehmann als einem der einst besten „Greifer“ wirbt, ist der Leichtbau gleich doppelt interessant. So jedenfalls sieht dies Andreas Schuster, Professor an der Hochschule Heilbronn und bei

Greifer mit Karbongehäuse – Schunk setzt auch auf Leichtbau. Foto: Schunk

Schunk noch immer fĂźr den Leichtbau zuständig. Zum einen kĂśnne das Unternehmen seine eigenen Produkte leichter machen, zum anderen sich aber auch ganz neue Geschäftsfelder erschlieĂ&#x;en, meint der frĂźhere Entwicklungschef von Schunk. „Wenn geringere Massen bewegt werden, kann das Beschleunigen und Abbremsen von Anlagen verbessert werden, das fĂźhrt dann auch zu einem geringeren VerschleiĂ&#x;. In seinem Programm hat Schunk den weltweit ersten GroĂ&#x;hubgreifer mit einem Gehäuse aus Karbonfaserkunststoff (CFK)“, erklärt der Leichtbauexperte. Dieser kann sowohl kleine Teile in eine Schachtel legen, als auch die Box dann weitertransportieren, ohne dass ein Mensch eingreifen oder ein Greifwerkzeug gewechselt werden muss. Durch das Karbongehäuse wird das Gewicht des Greifers reduziert – Roboter, an die dieser angebaut wird, kĂśnnten selbst wieder kleiner und leichter werden. Mit Karbon aber hat Schunk noch mehr vor. „Neue Greiftechniken fĂźr die Handhabung der Fasermatten kĂśnnten ein entscheidender Schritt zur Reduktion der Kosten sein“ – und damit die heute noch relativ teure Karbonverarbeitung wettbewerbsfähiger machen. Das wäre ein neues Arbeitsfeld fĂźr Schunk – und ein Beitrag des Unternehmens aus Lauffen zur Entwicklung des Leichtbaulandes Baden-WĂźrttemberg.


8 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Auch die Mittelständler mischen mit Wenn Baden-Württemberg führender Anbieter werden soll, müssen auch kleinere Unternehmen mitziehen. Manchmal gehören sie schon heute zu den Pionieren. Und Forscher aus Karlsruhe haben schon China im Visier. Von Ulrich Schreyer

Industrie 4.0

I

n der Halle sind flache Metallplatten aufgebockt – doch wer genau hinschaut, sieht, dass diese Räder haben. „Unsere fahrerlosen Transportsysteme werden auch bei der Fertigung des Audi R8 eingesetzt“, sagt Ralf Bär. Bär ist geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Herstellers von Sondermaschinen und Automatisierungseinrichtungen in Gemmingen bei Heilbronn. Die elektrisch betrieben Transportfahrzeuge haben für ihn eine ganze Reihe herausragender Eigenschaften: Statt Batterien werden Kondensatoren verwendet, die eine schnelle Aufladung möglich machen und auch eine weitaus längere Lebensdauer als Batterien haben. Zudem kann ein Werkstück auf den Fahrzeugen weiterbearbeitet werden, während diese kurz an der Stromtankstelle haltmachen. Und zudem können die Fahrzeuge autonom fahren, brauchen keine Induktionsschleifen im Boden: „Wenn es sein soll, kann ein solches Fahrzeug quer durch die Fabrikhalle fahren“, erklärt Bär. Wird ihm dann noch durch ein Computersystem über Wlan gesagt, wo es hinsoll – „Was jetzt zählt, ist dann ist dies für Bär auch ein Schritt in Richtung von IndusGeschwindigkeit. Wir müssen schneller werden.“ trie 4.0. Bär sitzt auch im LenkungsBosch-Chef Volkmar Denner über kreis der vom baden-württemIndustrie-4.0-Technologien in Fabriken bergischen Wirtschaftsminister Nils Schmid aus der Taufe gehobenen „Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg“, in der Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Gewerkschaften möglichst an einem Strang ziehen sollen, um vor allem im Mittelstand das Thema Industrie 4.0 voranzutreiben. „Wir sind das kleinste unter den dort vertretenen Unternehmen“, sagt Bär über seinen 100-Mann-Betrieb. Dieser indes ist ein Beispiel dafür, dass auch kleinere Unternehmen das Thema Industrie 4.0 vorantreiben können: „Größere Marktschwankungen, kürzere Produktlebenszyklen, mehr Varianten etwa in der Autoindustrie – all dies zeigt, dass wir wesentlich flexibler werden müssen.“ So kann etwa das Fahrzeug, das einen Audi durch die Fabrikhallen transportiert, aus der Kolonne ausscheren und ein langsameres überholen, wenn an diesem etwa eine aufwendigere Montage nötig wird. „Dass wir alle nötigen Daten haben, das ist für uns die Botschaft von Industrie 4.0“, sagt Vertriebsleiter Elmar Klamser. Dass gerade Baden-Württemberg dank seines starken Maschinenbaus zum „Leitanbieter“ für Industrie 4.0 werden könnte, ist für Wirtschaftsminister Nils Schmid

Wartung per Tablet-PC im Bosch-Werk Blaichach (oben), Arm mit Steuerungselement für das von Festo konstruierte Känguru

eine Chance, die sich der Südwesten nicht entgehen lassen darf. Die Industrie 4.0 sei ein „herausragendes Handlungsfeld“ für die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des baden-württembergischen Maschinenund Anlagenbaus, meint denn auch Dietrich Birk. Der Stuttgarter Geschäftsführer des Branchenverbands VDMA, bei dem auch die Geschäftsstelle der Industrie-4.0-Allianz sitzt, hat ein klares Ziel vor Augen: Der deutsche Südwesten soll „die weltweit führende Anbieterregion für Industrie-4.0Technologien“ werden. Tatsächlich gibt es hier schon eine ganze Reihe von Unternehmen, die ganz vorn mitmarschieren. Bosch, der große „Mittelständler“, gehört dazu, aber auch Maschinenbauer wie Wittenstein aus Igersheim, Trumpf aus Ditzingen oder der Esslinger Steuerungstechnikhersteller Festo. Dieser will noch in diesem Herbst in Scharnhausen auf den Fildern eine neue Produktionshalle in Betrieb nehmen, die auch wegen der Aktivitäten bei Industrie 4.0 gebaut wurde. Wittenstein präsentiert Ansätze für die neue Industriewelt in einer Fabrik in Fellbach. Dort wurden wegen des großen Interesses schon regelrechte Besuchertage eingerichtet. Den eigenen Weg zu neuen Produktionskonzepten zu finden – das ist für Mittelständler nach Meinung von Wittenstein, der auch dem Lenkungskreis der Industrie-4.0-Allianz vorsitzt, „die eigentliche Herausforderung“. „Wir haben eine flexible, automatisierte und vernetzte Fertigung für Standardwerkzeuge“, berichtet Trumpf-Geschäftsführer Mathias Kammüller. Bei dieser Fertigung sorgen Roboterzellen für das Handling des Materials, mit einem Laser werden die Werkzeuge mit Informationen zum gerade bearbeiteten Auftrag versehen. Ein Baustein für die Industrie 4.0 ist für Kammüller auch das seit 2010 betriebene Telepräsenzportal, das Zugriff auf mehr als 10 000 vernetzte Maschinen bei den Kunden bietet. Industrie 4.0 ist für Professor Joachim Knebel vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) denn inzwischen auch mehr als ein Hype: „Es ist ein Fak- Vernetzung heißt das Zau berwort bei Industrie-4.0-Produktion stechnologen – wie hier im Foto bei tum“, sagt Knebel. „Die Maschine er- Sie sind gefragt mit ihrem Trumpf. Blick fürs Detail, wenn es um Optimie rung der Produktionsprozesse geht kennt selbst, wenn ein Werkzeug abge. Fotos: dpa nutzt ist, und wechselt dann das Werkzeug auch selbst aus“ – was helfen kann, die Taktzeiten in der Produktion zu verkürzen. Kunden – und bei diesen genießen gerade die Verbindung zu diesem wachsenden „Früher wusste ein erfahrener Meister, die deutschen Maschinenbauer weltweit Markt zu intensivieren, werden wir im November in der Wissenschaftsstadt Suzhou wann etwa Material nachbestellt werden höchstes Ansehen. muss – heute macht dies die Maschine Wie auch immer das werbewirksame ein Demonstrations- und Innovationsselbstständig und auch rechtzeitig.“ Damit Schlagwort Industrie 4.0 im Einzelnen de- zentrum für Industrie 4.0 eröffnen“ , künwerde „die Intelligenz des Mitarbeiters als finiert wird – daran, dass in Fabriken im- digt Knebel an. „Was jetzt zählt, ist Geschwindigkeit“, Algorithmus in die Maschine eingebaut“. mer mehr Daten miteinander verknüpft Die Mitarbeiter, so Kammüller, „sind nicht werden, kann es keinen Zweifel geben. So meint Bosch-Chef Volkmar Denner. „Wir mehr Knöpfchendrücker an einer einzigen hat sich beispielsweise auch der traditio- müssen schneller werden.“ Dies indes kann Station, sondern sie werden Prozessmana- nelle Papiermaschinenhersteller Voith aus nicht nur für den Ausbau von Industrie 4.0 ger, die ganze Produktionsprozesse eigen- Heidenheim mit etwas mehr als 25 Prozent in den Fabrikhallen gelten. Ralf Bär aus ständig lenken“, sagt der Trumpf-Ge- beim Augsburger Roboterbauer Kuka ein- Gemmingen hat denn auch die Sorge, die schäftsführer zu der größeren Verantwor- gekauft, um von dessen Wissen über In- wachsende Datenflut könne unsere Netze tung der Beschäftigten. Doch im dustrie 4.0 zu profitieren. Die Industrie ist überfordern. „Aber auch beim weltweiten Zusammenspiel in den Firmen muss sich schon nach China aufgebrochen, und auch Datenaustausch mit Kunden und Zuliefewohl noch einiges ändern: „Die IT-Leute das Karlsruher Institut für Technologie rern zählt Geschwindigkeit“, sagt der Chef müssen mehr darüber wissen, wie eine Ma- will im Reich der Mitte aktiv werden: „Um des Automatisierungsspezialisten. schine funktioniert, die Maschinenbauer brauchen mehr IT-Kenntnisse“, meint Knebel. Doch es könnte auf dem Weg in die neue Industriewelt auch zu durchaus dramati- WACHSTUMSCHANCEN DURCH INDUSTRIE 4.0 schen Veränderungen in der gesamten Bruttowertschöpfung ausgewählter Branchen in Deutschland Branche kommen. Gefragt nämlich seien Angaben in Milliarden Euro bei der Durchsetzung von Industrie 4.0 in Chemische Erzeugnisse Maschinenbau Kraftwagen und Kraftwagenteile elektrische Ausrüstung der Produktion „neben den MaschinenITK-Branche Land- und Forstwirtschaft bauern auch die Anbieter einzelner Komponenten und die Werkzeugbauer bis hin zu den Steuerungsherstellern“, meint Wilfried Schäfer, Geschäftsführer beim Verein deut2013 2025 (Prognose) scher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) 52,1 in Frankfurt. Durch die Bündelung der in 40,1 diesen verschiedenen Bereichen vorhande107,7 93,7 nen Kompetenzen könnte möglicherweise auch „ein Gegengewicht gegen die weltweit agierenden IT-Anbieter“ geschaffen werden. In der Tat sind etwa amerikanische 74,0 88,8 Konzerne wie Google oder Microsoft den 343,3 422,1 deutschen Maschinenbauern in allen ITgesamt gesamt Fragen weit voraus. Ein Grund zur Kapitu21,3 lation sei dies aber noch lange nicht, meint 18,6 etwa Thomas Bauernhansl, Leiter des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA). 40,3 52,4 Die Lücke bei der IT-Technik könne etwa 76,8 durch Partnerschaften geschlossen werden, 99,8 sagte er unlängst in einem Interview. Ganz Quelle: Fraunhofer IAO/Bitkom entscheidend aber sei der Kontakt zu den StZ-Grafik: mik


Wir Wirtschaft tschaft & Karriere

September 2015

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Wir können alles – auch Hochdeutsch

Wer Powerpoint-Folien im Dialekt präsentiert, macht sich schnell lächerlich. Doch Hochdeutsch kann man lernen. Selbst als Schwabe. Schwerer haben es nur die Sachsen – sie liegen im Ranking der beliebtesten Dialekte ganz weit hinten. Von Dorothee Schöpfer

Dialekt

Dialektsprecher haben oft schlechtere Karten. Doch auch Hochdeutsch hat seine Tücken, denn es kommt auch auf den Klang der Stimme und die Aussprache der Laute an.

D

Aber es schlug ein. Heute beschäftigt WilliDer Volkskundler Hermann Bausinger konsky knapp 50 Mitarbeiter in verschie- hat sich ein Berufsleben lang und auch dadenen Filialen von Bad Cannstatt bis ins nach immer wieder mit der Soziologie des Allgäu. Zwischen 20 und 30 Schüler sind es Dialekts beschäftigt. Der gebürtige Aalener, in der Woche, die lernen möchten, hoch- der lange Zeit das Tübinger Institut für Emdeutsch und nicht mehr honoratioren- pirische Kulturwissenschaft geleitet hat, schwäbisch zu sprechen. Auch kann heute schmunzelnd daHochdeutsch für Sachsen und „Ich will von erzählen, wie er sich nach Bayern hat sie mittlerweile im niemandem einem Vortrag in Hamburg Programm, ebenso Kurse für seinen Dialekt einst ein bisschen geschmeiakzentfreies Deutsch, etwa chelt fühlte, als eine Zuhörerin abtrainieren. für Russen. ihm versicherte, sie hätte ihm Eins ist Willikonsky dabei Das ginge auch gar noch stundenlang zuhören ganz wichtig: „Ich will nieman- nicht. Genauso können. Allerdings: am Inhalt dem seinen Dialekt abtrainielag es nicht. „Ihr Schwäbisch ren. Das ginge auch gar nicht. wenig wie man ist so entzückend!“, lautete das Genauso wenig wie man Schwimmen zwiespältige Kompliment. Schwimmen oder Fahrradfah- verlernen kann.“ Dialektsprecher, so eine Sturen verlernen kann.“ Dialekt die, haben als Professoren ist ein Reichtum. Eine Bezie- Sprachexpertin Willikonsky zwar eine sympathischere hungssprache, die Nähe und über Dialektsprecher Ausstrahlung, aber sie wirken Verbundenheit ausdrückt. Der auch inkompetenter. Wer das Wortschatz ist im Dialekt variantenreicher Hochdeutsche beherrscht, erscheint daund viel größer als im Standarddeutsch. gegen souverän und intelligent. „Schwäbisch ist die Sprache meiner Seele“, Eine Erfahrung, die auch viele der Hochsagt der Pfarrer Hans Hilt. Auch im Ruhe- deutsch-Schüler von Willikonsky schon gestand predigt er noch ab und zu auf Schwä- macht haben. Dass es nicht auf das Was, bisch. Nicht um die Leute zum Lachen zu sondern auf das Wie ankommt. Auf Körperbringen. Sondern um weite Gedankenräu- sprache, Ausstrahlung und eben auf den me aufzuspannen und von der Kanzel aus Klang der Stimme. Im Dialekt fehlt der darüber nachzudenken, warum es im Brustton der Überzeugung, weiß WillikonsSchwäbischen keine Liebe gibt. Zumindest ky. Das Schwäbische sei auch deshalb so unnicht als Substantiv. Man hat sich lieb, oder beliebt, weil es sich bruddlig oder quäkig anman tut sich was zulieb. „Wer Dialekt höre. Die Kunden von Willikonsky sind fast spricht, vermittelt Nähe, Sympathie und alles Führungskräfte, ebendeshalb überdas Gefühl, man ist auf einer Wellenlänge“, wiegend männlich, und in der Regel zwisagt Willikonsky. Was allerdings nur vor der schen Ende zwanzig und Mitte vierzig. Sie eigenen Haustür funktioniert. In der Be- wollen alle noch höher klettern auf der Karrufswelt gelten andere Regeln. Dort fühlen riereleiter. Der Dialekt steht ihnen dabei im sich Dialektsprecher oft beschmunzelt und Weg. „Viele Klienten haben mir schon von nicht ernst genommen. dem Frust erzählt, dass sie den Job nicht bekommen haben, obwohl sie besser qualifiziert gewesen sind“, so Willikonsky. Dass einem seine Herkunft nicht auf der Zunge DIALEKT GEFÄLLIG ODER HOCHDEUTSCH? liegt, kann im entscheidenden Moment das Sprachkunde am Smartphone Die ven Karte, wo sonst noch so gesproZünglein an der Waage sein. „Bleichen Leiche, die leise im weißen App „Grüezi, Moin, Servus“ findet mit chen wird. Oder hört sich an, wie man Dabei ist „regional“ doch im Moment der Kleid des Scheichs schleicht“ spricht. einem kurzen Quiz heraus, wo man in Leipzig oder München spricht. große Trend. Beim Essen zumindest. Und in sprachlich gesehen herkommt. 24 Frader Politik. Dort wird der Dialekt oft eingeHochdeutsch lernen Kurse in Hochgen in der Art, ob man zum bequemen Honoratiorenschwäbisch Das entsetzt, wenn sich die Volksvertreter besondeutsch als Einzel- oder GruppenSchuhen Schlappen, Schluffen oder steht, wenn das schriftliche Hochunterricht, kompakt oder über mehrere ders volksnah und jovial geben wollen. Hausschuhe sagt, oder wie man die deutsch in gesprochene Sprache umManfred Rommel war so ein Lokalpolitiker, Einheiten beim Fon Institut, Ariane Uhrzeit 10.15 Uhr ausspricht, dann gesetzt wird, ohne die Besonderheiten „der Klimmzüge nach unten machen konnWillikonsky, www.foninstitut.de. kommt das Ergebnis. Wer einen vorge- der Aussprache zu berücksichtigen. te“, um sich sprachlich gemein zu machen, Das Buch „Wir können alles – auch gebenen Satz im eigenen Dialekt aufEi ist eben nicht gleich ei, das merkt so Hermann Bausinger. Auch bei AktionärsHochdeutsch“ ist im Rororo-Verlag nimmt, sieht dann auf einer interaktijeder, der den Übungssatz von der versammlungen von schwäbischen Firmen erschienen. ds ie Tüftler und Schaffer im Südwesten leisten zwar gute Arbeit und haben auch ein gutes Image, doch den Klang ihrer Sprache mag man nicht im Rest der Republik. „Wir können alles – außer Hochdeutsch“ – mit dieser Kampagne hat die Landesregierung einst eine Charmeoffensive gestartet. Beliebter ist das Schwäbisch deshalb nicht geworden. Ariane Willikonsky findet diesen Slogan sowieso blödsinnig. Die Expertin für das gesprochene Wort hat ihn umgedreht und als Titel für eines ihrer Bücher verwendet: „Wir können alles – auch Hochdeutsch“. Willikonsky ist in Hechingen auf der Alb geboren. Selbst die Bewohner der Landeshauptstadt haben manchmal Mühe, die Bewohner der Albhochfläche zu verstehen. Lepra, Cholera, Alb ra. Ariane Willikonsky ist als Tochter eines Paares aus Norddeutschland allerdings zweisprachig aufgewachsen und spricht mit sonorer Stimme klar und ohne dialektalen Einschlag. Verheiratet ist sie mit einem Schwaben, der eine Kundin am Telefon schon mal mit den Worten begrüßt: „Ach, sen Sie die, die wo des Poschder bschtellt hot?“ Oliver Willikonsky ist ein harter Brocken. Dabei müsste er eigentlich nur einen Tag lang ein Seminar bei seiner Frau besuchen, danach noch drei Monate jeden Tag ein wenig üben, dann würde man ihm seine Herkunft nicht mehr anhören. Seit 2003 bietet Ariane Willikonsky Seminare an, in denen sie Schwaben Hochdeutsch beibringt. Der Markt floriert. Als sich die Sprecherzieherin und Sprachtherapeutin selbstständig gemacht hat, war das Hochdeutsch-Lernen ein Angebot unter vielen, das sie im Portfolio hatte.

kommt der Dialekt gern zum Einsatz, hat Bausinger beobachtet. Wir verstehen uns, wir sprechen die gleiche Sprache. „Wenn Dialekt bewusst eingesetzt wird, dann, um Echtheit und Authentizität zu bezeugen“, so Hermann Bausinger. Allerdings: der akustische Klangteppich des Dialekts ist ziemlich fadenscheinig geworden. In den Medien kommt Dialekt nur am Rande vor, in der Schule schon gar nicht. Was im Übrigen schon im 18. Jahrhundert eine Forderung an Geistliche und Lehrer war. Wo der Intellekt herrscht, hat die regionale Ausprägung der Sprache nichts verloren. „Das Hochdeutsch soll ja nicht den Dialekt verdrängen“, sagt Ariane Willikonsky über ihre Seminare. „Es geht nur darum, es zu beherrschen und bei Bedarf auch einsetzen zu können, die eigene Sprachkompetenz zu erweitern.“ Und das sei auch gar nicht schwer zu lernen: Die wichtigsten Regeln hat man in einem Tag intus, weiß die Trainerin. Erst mal geht es um Grammatik: „Die wo“ ist immer falsch, der Genitiv kann tückisch sein, und die Butter ist nun einmal weiblich genauso, wie die Schokolade nicht männlich ist. Im Seminar werden auch Wortschatzfragen geklärt. Breschdlingsgsälz ist außerhalb von Schwaben unbekannt, und wer eine Wolldecke verkaufen will, sollte nicht die Vorzüge des Teppichs anpreisen. Das Wichtigste im Hochdeutsch-Seminar sind jedoch der Klang der Stimme und die Aussprache der Laute. Die Lippen nicht zu sehr in die Breite ziehen, den Kiefer weiter aufmachen, die Zunge nach vorn holen, wenn man „Sportler“ sagt – das muss man üben. Zum Beispiel jeden Tag mit dem ersten unbekannten Anrufer. Oder beim Einkaufen, wo einen keiner kennt. Das Hochdeutsche muss kommen, ohne viel darüber nachzudenken– und das geht nur mit viel Routine, aber es geht. Im Gegensatz dazu kann man Dialekte nicht lernen. Deshalb klingt es oft unerträglich, wenn im Fernsehen Dialekt gesprochen wird. Ariane Willikonsky trainiert manchmal Darsteller, die keine Native-Speaker sind, aber Nebenrollen auf Schwäbisch spielen sollen: „Das Ergebnis ist nie zufriedenstellend“, sagt sie selbstkritisch. Noch peinlicher als Schwaben, die sich erfolglos im Hochdeutschen versuchen, sind nur noch Nordlichter, die angeblich schwäbisch schwätzen.

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10 Karriere

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Kunstmarkt mit Fallstricken Wer sich für eine Investition in Sachwerte interessiert, für den könnte auch der Kunstmarkt interessant sein. Doch taugen Bilder, Skulpturen und sonstige Kunstwerke tatsächlich als Geldanlage? Von Thomas Spengler

Geldanlage

W

as ist bleibend?“, hatte sich Stefan Wallrich gefragt, just als er mit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes an der Börse 2010 „ein Urerlebnis“ gehabt hatte, wie er es selbst nennt. Die Antwort, die Wallrich damals für sich gefunden hatte, war die Kunst. Er, der im Hauptberuf Vermögensverwalter ist, hat sich seitdem zu einem professionellen Sammler mit Herzblut gemausert und eine beeindruckende Sammlung von bekannten jungen Gegenwartskünstlern aufgebaut. „Der wichtigste Antrieb zum Aufbau einer Sammlung war von Anfang an meine Leidenschaft für die Kunst“, sagt Wallrich. Denn ohne Herzblut komme auch keine gute Sammlung zustande, lautet sein Kredo. Auch wenn es für viele nicht gleich eine ganze Sammlung sein muss, steigt das Interesse von Unternehmen und Privatpersonen, sich in Kunst zu engagieren. „Dabei sollten die Käufer zunächst ihrem Geschmack folgen, denn sie leben ja dann auch mit den Werken“, rät Claudia Fenkart, unabhängige Kunstexpertin bei der Vermögensverwaltung Vertiva GmbH, einer Tochter der Südwestbank AG. Neben der persönlichen Präferenz kann aber der Wertaspekt eines Kunstengagements nicht außer Acht gelassen werden. Die Vorstellungen darüber, welche Renditen freilich mit Kunst zu erzielen sind, werden in der öffentlichen Wahrnehmung von immer neuen Rekordpreisen am

internationalen Markt stark beeinflusst. So fiel im Mai dieses Jahres beim New Yorker Auktionshaus Christie’s der Hammer für ein einziges Bild bei rund 180 Millionen Dollar (umgerechnet mehr als 161 Millionen Euro). Das Ölgemälde „Die Frauen von Algier“ von Pablo Picasso aus dem Jahr 1955 ist damit das teuerste Kunstwerk, das je bei einer Versteigerung den Besitzer gewechselt hat. Und im Skulpturenbereich hatte ebenfalls im Mai eine Bronzestatue von Alberto Giacometti mit 141,3 Millionen Dollar (rund 127 Millionen Euro) eine neue Bestmarke gesetzt. Diese gigantischen Summen erachtet Thomas Maier,

Die teuerste je versteigerte Skulptur stammt von Alberto Giacometti.

Pablo Picassos „Die Frauen von Algier“ von 1955 ist mit 180 Millionen Dollar das teuerste Gemälde aller Zeiten, das je versteigert wurde.

Stuttgarter Kunsthändler mit dem Schwerpunkt auf Impressionisten, als absolute Ausnahmeerscheinungen und als einen Beleg für „völlig überzogene Jagdgelüste weniger Superreicher nach Prestigeobjekten“, wie er es nennt. „Diese Ausreißer stehen dann eben in der Presse – von den unverkauften Objekten der Superauktionen in London und New York redet niemand“, sagt er. Ein Folgeproblem sieht Maier darin, dass potenzielle Kunstkäufer von derart exorbitant hohen Preisen abgeschreckt werden und ihren Weg erst gar nicht in die Galerien finden. Und einen weiteren Effekt erkennt er darin, dass „die restlichen 99,9 Prozent“ der Kunstwerke, die derzeit nicht „als Trophäen des Reichtums“ angesehen werden, tendenziell sogar eher günstiger zu haben seien. Wer bei seiner Suche auf Nummer sicher gehen will, der sollte nach Überzeugung von Claudia Fenkart Werke erwerben, die bereits „kunstgeschichtlich festgeschrieben“ sind, also von Künstlern stammen, deren Werke bereits in bedeutenden Museen, Sammlungen und etablierten Galerien hängen und die von seriösen Kunstzeitschriften und Kunstjournalisten besprochen werden. „Dies zeigt, dass nicht das Werk und der Künstler allein Qualitätsansprüchen genügen müssen, sondern erst die Wahrnehmung durch den Kunstmarkt seinen Wert erzeugt“, so Fenkart. Kunst von regionalen Künstlern zu kaufen, sei in Ordnung, meint sie, eigne sich aber nur in Ausnahmefällen als Werterhalt. Klar, wer heute einen Dix, Schlemmer, Baumeister, Ackermann oder Hölzel zu Hause habe, könne sich glücklich schätzen. „Dagegen sind andere Künstler aus

Fotos: dpa (2), Firmenfoto

Süddeutschland heute völlig in Vergessen- hungsweise Auktionatoren sowie aus Zöllen und Steuern zusammen. Hinzu heit geraten“, sagt Fenkart. Wer daher den Schwerpunkt auf ein In- kommen Kosten für Lagerung und Versivestment legt, für den darf Kunst keine aus- cherungen. Gerade in Deutschland erachschließliche Alternative zu den traditionel- tet Lux unterm Strich den Erwerb von len Finanzanlagen sein, sie kann aber eine Kunst als mit hohen Kosten belastet. So sinnvolle, langfristig orientierte Beimi- wurde der Mehrwertsteuersatz von einst schung darstellen. „Ähnsieben auf 19 Prozent anlich den konservativen gehoben. Bei der AukFonds- beziehungsweise tion eines Kunstwerks Vermögensverwaltungen im Wert von 20 000 geht es auch hier um den Euro könne man in Vermögenserhalt statt Deutschland inklusive um schnelles Geld – und Steuern und Transakder ästhetische Genuss tionskosten von insgesowie steuerlich interessamt 50 bis 70 Prozent sante Aspekte kommen des Zuschlagspreises dazu“, sagt Maier. In dieausgehen, rechnet Lux sem Sinne rät der Stuttvor, bei einem Wert von garter Kunsthändler da- „Der wichtigste Antrieb fünf Millionen Euro mit zu, dass Einzelobjekte 30 bis 40 Prozent. Da in eines Kunstportfolios zum Aufbau einer der Schweiz oder den einen Einkaufswert von Sammlung war von Anfang USA die Steuerbelastung mindestens 100 000 an meine Leidenschaft deutlich niedriger ist, Euro aufweisen sollten würden viele Kunstinund auf dem internatio- für die Kunst.“ vestoren die Objekte gar nalen Markt handelbar Kunstsammler Stefan Wallrich nicht erst nach Deutschsind. Außerdem gelte es über Kunst als Geldanlage land einführen, sondern in der Regel, dass Spitlieber in ausländische zenstücke eines „zweiten Meisters“ der Zolllager einliefern – mit dem Ergebnis, „Marginalie eines vermeintlich großen dass viele Kunstwerke als reines InvestMeisters“ vorzuziehen seien. ment hinter Stahltüren verschwinden. Immerhin, auch nach dem Jahr 2008 beFür Stefan Wallrich kommt dies freilich trägt die Spekulationsfrist für Kunstwerke nicht infrage. Als Partner der Frankfurter im Gegensatz zu Aktien weiterhin ein Jahr. Schirn-Kunsthalle, einem der führenden Hinzu kommen Möglichkeiten zur 60-pro- Ausstellungshäuser in Europa, nimmt er zentigen Reduktion oder vollständigen Ver- seit einem Jahrzehnt an der „Kunst primeidung von Erbschaft- und Schenkung- vat!“-Veranstaltung teil. Bei diesem exklusteuer im Privatbereich. Voraussetzung siven Event öffnen einige Banken, Versidafür ist aber, dass die Erhaltung der Kunst- cherungen, Anwaltskanzleien, Finanzberagegenstände im öffentlichen Interesse liegt. ter und andere ihre Räumlichkeiten – und Außerdem müssen die Eigentümer bereit zeigen einem kunstinteressierten Publisein, die Objekte etwa Ausstellungen zur kum ihre Schätze. Verfügung zu stellen und zehn Jahre lang nicht zu veräußern. Dennoch bleibt der Kunstmarkt für den reinen Investor mit vielen Fallstricken be- AUGEN AUF BEIM KUNSTKAUF haftet. „Von einer Preissetzung nach Ange- Einsteigertipp Für Nicht-Experten doch immer die Limitiertheit der bot und Nachfrage kann nur bedingt ge- ist es schwer zu beurteilen, ob das Kunst. Masse widerspricht Klasse. sprochen werden“, macht Marc-Oliver Werk eines Künstlers etwas taugt. Lux, Geschäftsführer der Vermögensver- Sich zu informieren, ist das A und Echtheit Bei einem Foto ist eine waltungsgesellschaft Dr. Lux & Präuner in O. Um ein Gespür für den Kunstniedrige Auflage wichtig. Bei einem München, klar. Preismanipulationen seien markt zu entwickeln, sollte man Gemälde sollte man darauf achten, nicht selten, hat er erfahren. Erstens ver- Ausstellungen besuchen, Galerien dass es die Stammgalerie des suchten Galeristen, Preissenkungen für kennenlernen, sich auf Internetsei- Künstlers für echt hält, auch sollte ihre Kunstwerke zu vermeiden. Und zwei- ten wie Artfacts.net über Künstler es ins Werkverzeichnis aufgenomtens sei die Größe eines Kunstwerks oft der schlaumachen – all das hilft. men werden. Solche Verzeichnisse wichtigste preisbestimmende Faktor. Galekann der Künstler oder seine Galeristen vermeiden es nach Lux’ Beobach- Klasse statt Masse Für Einsteiger rie führen. Am besten ist es, wenn tung in der Regel, ähnlich große Werke eignen sich Arbeiten zeitgenössies von einem Verlag publiziert wird. eines einzigen Künstlers mit verschiede- scher Künstler, weil hier die Ausnen Preisen zu versehen. wahl größer ist. Klar ist: die Grenze Signatur Hilfreich für spätere Darüber hinaus sind die Transaktions- zwischen Kunst und Kitsch ist Schätzungen und Wiederverkäufe kosten beim Kunstkauf zu beachten. Diese Definitionssache und hängt stark von Kunst sind eine Signatur und setzen sich aus Gebühren beziehungswei- vom Geschmack des Betrachters Datierung auf der Rückseite sowie se Kommissionen für Galeristen bezie- ab. Ein Zeichen für Qualität ist jeeine detaillierte Rechnung. imf


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12 Wirtschaft in Baden-Württemberg

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Stuttgarter Zeitung | St Nr. 5 | Septe

Verfahrenstechniker Ein Beruf, der unsere Zukunft mit beeinflusst

Die Wandlungsfähigen „Der Beruf ist schwierig zu erklären und kaum etabliert. In der Schule etwa wird er nicht kommuniziert“, bedauert Clemens Merten, Studiendekan für Verfahrenstechnik. Das bringe dem Studiengang gleichermaßen Vor- und Nachteile. Weil der Begriff Verfahrenstechnik zunächst für fragende ie steckt überall drin. In Kopf- verfahrenstechnik, Energietechnik, Mess-, Blicke sorgt, bedarf es der Beschäftigung schmerztabletten zum Beispiel. Steuerungs- und Regelungstechnik, die mit ihm. „Dadurch, dass sich potenzielle Oder in alkoholischen Getränken, chemische Reaktionstechnik, aber auch Studierende mit dem Beruf auseinanderdie vor der Einnahme von Kopf- „die Klassiker der thermischen oder setzen müssen, wissen sie hinterher aber schmerztabletten gelegentlich in mechanischen Verfahrenstechnik“. genau, worauf sie sich einlassen, und sind Strömen fließen. Und natürlich in den GläMehr als 70 Prozent der Verfahrens- motiviert. Wir haben wissende Studenten“, sern und Flaschen, aus denen man Alkoho- techniker arbeiten in der Industrie. sagt Merten. Dagegen bereiteten Studienlika und das Wasser zum Runterspülen der Schwerpunkte sind laut gänge wie Mathematik Tabletten trinkt. Es ist die Verfahrenstech- Klasen stoffumwanoder Informatik Stunik, dank der solche Produkte überhaupt delnde Industrien wie denten später eher entstehen können. Die Menschen dahinter, die chemische IndusProbleme: Aufgrund die Verfahrenstechniker – auch Ingenieure trie, die pharmazeutider vermeintlichen der Fachrichtung Verfahrenstechnik oder sche Industrie oder die Klarheit fehlt die AuseiChemieingenieure genannt –, „entwickeln, Lebensmittelindustrie, nandersetzung mit den realisieren und betreiben Herstellungsver- aber auch MedizintechAnforderungen und Infahren, in denen mittels chemischer, biolo- nik oder Kraftwerkshalten. gischer und physikalischer Prozesse hoch- technik. „Alle IndusDoch nicht jeder Foto: VDI wertige Produkte mit gewünschten Eigen- trien, in denen Abluft-, entscheidet sich nach schaften aus Rohstoffen erzeugt werden“. Abfall- und Abwasser- „Das Studium zählt sicher seinem Exkurs in die So lautet die Definition der Gesellschaft ströme anfallen, wer- nicht zu den einfachen. Welt der StoffumwandVerfahrenstechnik und Chemieingenieur- den von Verfahrenslung für ein Studium wesen (GVC) im Verein Deutscher Inge- technikern unter- Dafür stehen einem der Verfahrenstechnik. nieure (VDI). Verfahrenstechniker schaf- stützt“, sagt Klasen. hinterher alle Türen offen.“ In Stuttgart beginnen fen demnach neue Produkte aus Rohstof- Speziell in Baden- Claas-Jürgen Klasen, jedes Wintersemester fen. Diese mischen und trennen, reinigen Württemberg beschäf- Vorsitzender VDI-GVC 70 bis 80 junge Leute und zerkleinern sie. Und sie kümmern sich tigen viele Filterherdas Bachelorstudium. um die Anlagen, die diese Prozesse umset- steller VerfahrenstechDie Universität hat jezen. Gern werden Verfahrenstechniker niker, bei den Autobauern entwickeln sie doch Kapazitäten für rund 120 Studienauch als Stoffumwandler oder Vordenker Motoren oder Klimaanlagen mit. Jenseits anfänger, sagt Merten. bezeichnet. Als Allrounder, Generalisten der Industrie sind Verfahrenstechniker im Entsprechend intensiv bemühen sich oder interdisziplinäre Experten. öffentlichen Dienst tätig sowie in freien Be- Hochschulen und Fachverbände um NachIhre Bezeichnungen sind so vielfältig rufen, etwa als Berater. „Die Vielfalt der wuchs. „Absolventen, junge Mitarbeiter, wie die Produkte, die sie herstellen, die In- Spezialisierungs- und Entwicklungsmög- teils auch Professoren gehen gezielt an dustriezweige, in denen sie tätig sind, und lichkeiten ist sicher selten in einem Beruf Schulen und informieren über den Beruf“, die Experten, mit denen sie zusammen- anzutreffen“, sagt Nick von der For- sagt Merten. Auch das „Kompetenznetz arbeiten. Wo auch immer Verbrauchsgüter schungs-Gesellschaft GVT. Klasen ergänzt: Verfahrenstechnik Pro3“, eine Initiative entstehen und verwendet werden – das „Das Studium zählt nicht zu den einfachen von Universitäten, ForschungseinrichtunKnowhow von Verfahrenstechnikern ist und ist sehr anspruchsvoll. Dafür stehen gen und Unternehmen, engagiert sich in unabdingbar. Allerdings: „Die Definition einem hinterher alle Türen offen.“ Der Ver- Schulen. Der Verein setzte sich unter andeder Verfahrenstechnik(er) ist sehr allge- fahrenstechniker sei Netzwerker zwischen rem dafür ein, dass das Land Baden-Würtmein. Daher muss sich ein Verfahrenstech- verschiedenen Disziplinen und Funktio- temberg das Fach „Naturwissenschaft und niker im Laufe seines Berufslebens spezia- nen in einem Unternehmen. Darüber hi- Technik“ eingeführt hat. lisieren. Im Aufbaustudium ist in der Regel naus sei die Aufgabe mit der Bereitschaft Wer sich für ein Studium entscheidet, eine gewisse Spezialisierung notwendig“, verbunden, Verantwortung zu überneh- steigt hinterher in einem Unternehmen oft sagt Leo Nick, Geschäftsführer der For- men. „Der Erfolg ist direkt sichtbar bezie- in der Forschung und Entwicklung ein. schungs-Gesellschaft Verfahrens-Technik hungsweise greifbar.“ „Dort werden neue Herstellprozesse und (GVT). All das weiß bloß kaum jemand. Die Be- Produkte entwickelt oder weiter verbesBei den Spezialisierungen gebe es „ein rufsdefinition ist nicht nur allgemein, sie sert“, sagt Klasen. Ein weiteres klassisches breites Spektrum mit verschiedenen Ver- gilt auch als schwer zugänglich. „Mit dem Betätigungsfeld sei die Produktion, in der tiefungsrichtungen“, sagt der GVC-Vorsit- Begriff Verfahrenstechnik sind die wenigs- Verfahrenstechniker als Betriebsingenieuzende Claas-Jürgen Klasen. Als Beispiele ten Menschen vertraut“, steht auf der re, Betriebsleiter oder Instandhaltungsnennt er Umwelt-, Lebensmittel- und Bio- Internetseite der Universität Stuttgart. ingenieure arbeiten. Auch für den Bau von Produktionsanlagen und im Engineering würden überwiegend Verfahrensingenieure eingesetzt. „Aufgrund der breiten AusZUKUNFTSFELDER IN DER VERFAHRENSTECHNIK bildung finden sich Verfahrensingenieure Wie beurteilen Sie die Bedeutung der Verfahrenstechnik in vielen weiteren Funktionen, sei es im zur Lösung der genannten Herausforderungen Einkauf, Marketing und Vertrieb oder in Hoch (+2) bis Niedrig (-2) der Logistik“, sagt Klasen. Nick von der Forschungs-Gesellschaft GVT sagt, dass Verfahrenstechniker übliRohstoffsicherung cherweise als eine Art Problemlöser oder Entwickler einsteigen. Nach einigen JahEnergieversorgung ren Berufserfahrung könnten sie sich um Ressourcen- und das operative Geschäft kümmern oder als Prozesseffizienz Abteilungsleiter Personalverantwortung

Von der Rübe zum Zucker: Verfahrenstechniker schaffen aus Rohstoffen neue Produkte. Ihre Einsatzmöglichkeiten sind gigantisch. Das wissen bloß wenige Menschen. Von Stefanie Köhler

Berufsprofil

S

übernehmen. Klasen kennt viele Verfahrensingenieure im Global Management und einige in Vorständen von Firmen. Experten bescheinigen Verfahrenstechnikern eine glänzende Zukunft. „In den vergangenen zehn Jahren hatten wir kaum Probleme, unsere Absolventen zu vermitteln“, sagt Studiendekan Merten von der Universität Stuttgart. Etwa jeder Fünfte entscheidet sich für eine Promotion. „Die Berufsaussichten sind exzellent, der Bedarf ist sehr groß“, bestätigt Klasen von der GVC. „Auf dem Gebiet der Verfahrenstechnik ist die Ausbildung in Deutschland noch immer klar führend und hat einen geringen Wettbewerb im internationalen Umfeld.“ Auch das mache die Berufsgruppe „zu einer sehr nachgefragten Spezies“. Laut VDI benötigt die Wirtschaft dieses Jahr insgesamt 84 400 Ingenieure. Dem gegenüber stehe ein Arbeitskräfteangebot von 80 200 Hochschulabsolventen und zuwandernden Ingenieuren. Das Angebot werde sich laut Ingenieurverein in den nächsten Jahren verringern – wegen Sondereffekten durch die Aussetzung der Wehrpflicht und die doppelten Abiturjahrgänge. Rund ein Drittel aller Verfahrenstechniker ist übrigens weiblich. Die GVC-Mitgliederumfrage hat außerdem ergeben, dass mehr als 40 Prozent der Unternehmen 2015 zusätzliche Stellen schaffen wollen. Drei Viertel der Umfrageteilnehmer sind aus der Industrie mit den Branchenschwerpunkten Chemie sowie Maschinen- und Anlagenbau. Jedoch: viele Stellen sind im Ausland. „Die chemische Industrie ist stark von den Rohstoff- und Absatzmärkten abhängig“, sagt Klasen. Daher hätte ein Drittel der Unternehmen Bereiche ins Ausland verlagert. Jedes vierte Unternehmen plane das zu tun, besonders in der Produktion und in der Fertigung. „Im Rahmen der fortschreitenden Globalisierung und des starken Exports deutscher Firmen steigt die Zahl der im Ausland tätigen Verfahrenstechniker kontinuierlich“, sagt Klasen. Viele Investitionen international agierender Unternehmen würden im Ausland getätigt. Klasen: „Das Marktwachstum in den Branchen, in denen Verfahrenstechniker tätig sind, ist in vielen Ländern deutlich größer als in Deutschland.“ Nick von der GVT stellt fest, dass vor allem die Chemieindustrie sich sehr zyklisch verhalte. Anfang der 1990er Jahre etwa habe die Branche wenige neue Mitarbeiter eingestellt. Das habe sich geändert, wenngleich eine gewisse Unsicherheit herrsche. „Die Chemiebranche erlebt derzeit weltweit einen Wechsel bei den Rohstoffen“, sagt Nick. Das sollte die Wahl für den Studiengang Verfahrenstechnik aber nicht beeinflussen. Nick rät Absolventen, grundsätzlich flexibel zu bleiben und sich nach Möglichkeit nicht zu früh zu spezialisieren.

Raps ist ein wertvo

Wasser- und Abwassertechnologie

Verfahrenstechnik und Ernährung sonstige

0,5 StZ-Grafik: jev

1,0

1,5

2,0 Quelle: VDI-Gesellschaft

Kreativität ist gefragt

Foto: fotolia

Gerade im Hinblick auf die Herausforderungen der Zukunft schätzen Unternehmen ausdauernde und vor allem kreative Verfahrenstechniker. Beispiel: das Speichern erneuerbarer Energien wie etwa Windkraft. „Wie geht man mit Überkapazitäten bei Windanlagen um? Man weiß derzeit nicht genau, wo die Reise hingeht. Davon profitieren Verfahrenstechniker“, sagt Leo Nick, Geschäftsführer der Forschungs-Gesellschaft Verfahrens-Technik (GVT). „Lange Zeit ging es um die Optimierung bestehender Verfahren. Jetzt wird intensiv nach neuen Konzepten gesucht.“ Neben der Fähigkeit zur Kreativität müssen Verfahrenstechniker analytisch, logisch und strukturiert denken können. Clemens Merten, Studiendekan für Verfahrenstechnik an der Universität Stuttgart, sagt: „Verfahrenstechniker arbeiten oft projektbezogen. Allein schon deshalb sollten sie strukturiert vorgehen und Zeitpläne einhalten können.“ Verfahrenstechniker und Naturwissenschaften gehören zusammen. Ein Verständnis für den Bereich sowie für Technik ist deshalb auch unabdingbar. Aus Sicht von Claas-Jürgen Klasen, Vorsitzender der Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen


Wirtschaft in Baden-Württemberg 13

tuttgarter Nachrichten ember 2015

Mehr Gehalt dank Master und Doktor Ernährung und Energieversorgung sicherstellen Verfahrenstechniker entwickeln bestehende Prozesse und Produkte ständig neu und weiter. Zugleich beschäftigen sie sich angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung, schrumpfender Erdgas- und Ölvorkommen oder nicht heilbarer Krankheiten wie Krebs und Aids mit der Zukunft der Erde. (Nachwachsende) Rohstoffe und erneuerbare Energien sind große Themen, zumal Prozesse oft noch auf fossilen Ressourcen beruhen und Deutschland kaum Rohstoffe besitzt. Mit Hilfe der Verfahrenstechnik können teure und schlecht verfügbare Rohstoffe ersetzt oder effizient genutzt werden. Klimaschutz, Energie- und Lebensmittelversorgung, Wasseraufbereitung, Gesundheit, Transport: auf Verfahrenstechniker wartet also weiter viel Arbeit. „Der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen, Rohstoffen und Energien, (Trink-) Wasser, das Thema Recycling und Abfallwirtschaft wird maßgeblich durch Verfahrensingenieure bestimmt“, sagt Claas-Jürgen Klasen,

oller nachwachsender Rohstoff und steckt etwa in Biodiesel.

Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen (GVC). Produkte und ihre Herstellprozesse zu entwickeln, die Rohstoffe effizient nutzen, die einen geringen Wasser- und Energieverbrauch haben und die das Zurückgewinnen der Einsatzstoffe ermöglichen, seien auch in Zukunft klassische Aufgabenfelder. Konkret hat die erste Umfrage der VDI-GVC unter 400 Mitgliedern drei Handlungsfelder ergeben, zu denen Verfahrenstechniker erheblich Lösungen beitragen können: Ressourcen- und Prozesseffizienz (Prozessdesign für variables Rohstoffangebot und optimierte Messtechnik), Energieversorgung (dezentrale Energieumwandlung, alternative Brenn- und Treibstoffkonzepte), Rohstoffsicherung (Recycling, Aufbereitungstechnologien für primäre Rohstoffe, Alternativen zu Erdöl und -gas) und Wasserund Abwassertechnologie (integriertes Wasser-, Stoff- und Energiemanagement, emissionsarme Produktion) sowie Ernährung (Verwertung von Reststoffen aus der Lebensmittelproduktion, intelligente, funktionale und nachhaltige Verpackungen). Aus Sicht der befragten Mitglieder haben die Themen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit Relevanz. sk

Das Einstiegsgehalt eines Verfahrenstechnikers liegt durchschnittlich bei 45 000 Euro. Die Spanne bewegt sich laut Vergleichsportal www.gehalt.de, einer Tochterfirma der Vergütungsberatung Personalmarkt, zwischen 36 000 und 54 000 Euro im Jahr. Mit einem Bachelor verdient man mit rund 40 000 Euro deutlich weniger als mit Master und Doktortitel: Beide Qualifikationen erhöhen gehalt.de zufolge das Einstiegsgehalt um zwölf beziehungsweise 33 Prozent. Unternehmen mit mehr als 5000 Angestellten zahlen höhere Gehälter als kleine Firmen, und nach zwei bis fünf Jahren Berufserfahrung können Verfahrenstechniker mit einem Jahresgehalt von 50 000 Euro rechnen – zuzüglich Bonuszahlungen. In einer Führungsposition wie Leiter der Verfahrenstechnik beträgt das Jahresgehalt im Schnitt rund 80 000 Euro. Generell nimmt die variable Vergütung zu. In Abhängigkeit von Abschluss, Berufserfahrung und Verantwortung ist das Gehalt flexibel verhandelbar. sk

Fachübergreifendes Studium Das Studium der Verfahrenstechnik ist anspruchsvoll, doch wer es meistert, kann sich Allrounder nennen, der umfassend in vielen Naturwissenschaften ausgebildet ist – und daher eine gefragte Arbeitskraft. Jedoch: „Wer im Studium scheitert, der scheitert oft an Mathematik“, sagt Leo Nick, Geschäftsführer der Forschungs-Gesellschaft Verfahrens-Technik (GVT). Neben dem Fach stehen Physik und Chemie ebenso auf dem Stundenplan wie Biologie und Mechanik. Studenten höherer Semester haben Vertiefungsfächer der Verfahrenstechnik wie mechanische oder thermische Verfahrenstechnik. Hinzu kommen praktische Übungen. Man kann aber auch mit einem naturwissenschaftlichen oder ingenieurtechnischen Studium – Chemietechnik oder Maschinenbau mit der Vertiefungsrichtung Verfahrenstechnik – in den Beruf einsteigen. Experten zufolge finden Absolventen mit Bachelor bereits eine gute Stelle. Viele setzen trotzdem einen Master drauf. Dann ist eine Spezialisierung nötig – im Berufsleben kann man sich aber dennoch auf einen anderen Bereich umorientieren. An der Universität Stuttgart sind die chemische, die mechanische und thermische Verfahrenstechnik sowie die Bio- und Energieverfahrenstechnik beliebte Vertiefungsfächer, sagt Studiendekan Clemens Merten. Laut Claas-Jürgen Klasen, Vorsitzender der Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen (GVC) im Verein Deutscher Ingenieure (VDI), fehlen im Bereich Mess- und Steuerungstechnik viele Verfahrenstechniker. Studenten mit dem Schwerpunkt können demnach profitieren. sk

Foto: dpa

Am Anfang steht die Stoffprobe Als Verfahrenstechnikerin beim Karlsruher Filterspezialisten Bokela ist Sarah Böltken häufig im Ausland. Von Stefanie Köhler

Porträt

A

(GVC) im Verein Deutscher Ingenieure (VDI), müssen Verfahrenstechniker die physikalischen und chemischen Grundlagen von Verfahren und Prozessen kennen, „um zu verstehen, warum etwas funktioniert“. Er hält zudem Flexibilität und Internationalität für wichtig. „Viele Aufgabenstellungen sind nur in einer globalen und für eine globale Welt zu lösen.“ Da Verfahrenstechniker häufig mit anderen Experten und Disziplinen zusammenarbeiten, müssen sie zudem teamfähig und offen sein. „In der Entwicklung sind es Chemiker, Pharmazeuten, Biologen, Physiker oder auch Mathematiker, mit denen Verfahrenstechniker in der Regel immer in Teams zusammenarbeiten. In der Produktion sind die verantwortungsvolle Zusammenarbeit und das Führen von Produktionsmitarbeitern das Tagesgeschäft“, sagt Klasen. Eine wesentliche Kooperation sieht er mit den kaufmännischen Bereichen innerhalb eines Unternehmens und auch mit Kunden: „Die beste technische Lösung ist nicht immer die kaufmännisch sinnvollste Lösung für ein Unternehmen.“ Darüber hinaus seien Neuentwicklungen ebenfalls schwer umsetzbar, wenn Verfahrenstechniker weder den Markt noch die Kundenbedürfnisse kennen. sk

n ihre Geschäftsreise nach Australien lacht. Beim Durchsetzen unter vielen erinnert sich Sarah Böltken (28) noch Männern hilft ihr andererseits aber auch gut. Keine drei Jahre war sie als Ver- genau dieses Lachen – zusammen mit fahrensingenieurin bei Bokela angestellt, als einer charmanten Ingenieurin lassen sich sie 2014 ans andere Ende der Welt geflogen Herausforderungen deutlich unkompliist, um dort eine Filtrationsanlage in Betrieb zierter meistern. Bei Bokela – ein weltweit führender Liezu nehmen – ohne den unmittelbaren Beistand ihrer Kollegen und mit dem Bewusst- ferant von Filtrationsanlagen und ein als sein, dass sie beim Kunden alle seine Fragen Center of Excellence für Fest/Flüssigkompetent beantworten und ihm jederzeit Trennung bekanntes Unternehmen – hat Böltken längst ihr Können beLösungsvorschläge bieten wiesen. Am Hauptsitz in muss. „Eine Inbetriebnahme „Mit dem Beruf Karlsruhe arbeiten zehn Verist sehr spannend. Komplexe kann man später fahrenstechniker, darunter Anlagen werden aufgebaut viel erreichen.“ zwei Frauen. „Ich finde es toll, und sollen reibungslos funkdass ich so viel unterwegs bin tionieren, das heißt, auf den Sarah Böltken, beim und so früh reisen durfte“, laufenden Prozess eingestellt Verfahrenstechnikerin Filterspezialisten Bokela sagt Böltken. Im vergangenen und optimiert sein“, sagt BöltJahr habe sie etwa ein Drittel ken. Große Probleme bei den nach Kundenwünschen angefertigten Anla- ihrer Arbeitszeit im Ausland verbracht. gen gab es nie. Es passiert jedoch durchaus, Englisch beherrscht sie im Schlaf, denn nur dass sich bei der Programmierung ein Feh- die Kommunikation mit deutschen Kunler eingeschlichen hat oder der Filter nicht den ist auf Deutsch. Jedoch ist Böltkens im optimalen Betriebszustand läuft. Mit Job nicht nur abwechslungsreich, sondern Fachwissen und Diplomatie soll Böltken auch herausfordernd. Mit einer Stoffprobe beginnt ihre Arbeit dann dafür sorgen, dass die Anlage spätesin der Regel. Unternehmen schicken ihr tens am Tag ihrer Abreise läuft. Böltken sagt, dass sie bei Inbetriebnah- Kohle oder Eisenerz, chemische oder pharmen oft ihren Mann stehen muss. Nicht mazeutische Materialien, selbst Kaffeesatz nur, weil sie in einer Männerdomäne kommt bei ihr an. Im Labor startet Böltken arbeitet und als junge, zierliche Frau wenig dann eine mehrtägige Versuchsreihe an der dem klassischen Bild eines Ingenieurs ent- Testapparatur, um herauszufinden, ob ein spricht. Als Spezialistin für Vakuumfilter Filter die Anforderungen des Auftraghat sie zudem häufiger mit Produkten aus gebers erfüllen kann. Welche Trenneigendem Bergbau zu tun, ein Bereich, in dem schaften hat das Produkt? Lässt es sich ein mitunter rauer Ton herrscht. Und we- überhaupt trennen? Enthält es einen gegen der Kulturunterschiede im Ausland ist fährlichen Stoff? Erteilt der Kunde einen sie ohnehin ständig mit anderen Umgangs- Auftrag für einen Filter, nachdem er die formen konfrontiert. „Unhöflich ist nie Auswertung erhalten hat, kümmert sich jemand, doch im Notfall kann ich mich Böltken um die nötigen Dokumente. Sie erschon durchsetzen“, sagt Böltken und stellt Durchsatzdiagramme, berechnet die

An der firmeneigenen Testanlage macht Sarah Böltken mehrtägige Foto: sk Versuchsreihen mit Stoffproben. Menge der Druckluft oder die Kapazität der Vakuumpumpe. Eine Aufgabe, die viel Sorgfalt erfordert: auf der Grundlage von Böltkens Berechnungen wird die Filtrationsanlage ausgelegt und konstruiert. Nach dem Abitur wusste die Karlsruherin zunächst nicht, was sie studieren soll. Da ihr Vater Ingenieur ist, recherchierte sie in die Richtung und stieß auf Verfahrenstechnik. „Mit dem Beruf kann man später viel erreichen“, sagt Böltken, die schon als Kind gern Probleme gelöst hat. „Ich muss Dinge anfassen und sehen, um sie besser zu begreifen.“ Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) schrieb Böltken sich für Chemieingenieurwesen und Verfahrenstechnik mit den Schwerpunkten Lebensmittel- und mechanische Verfahrenstechnik ein. Dort lernte sie auch die Grundlagen der Filtration kennen. Und ihren künftigen Arbeitgeber, der mit der Karlsruher Hochschule eng zusammenarbeitet.


14 Karriere

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

„Kränkung kann krank machen“ Ausgebrannt und antriebslos? Was ist dran am Burn-out? Norbert Grulke, ärztlicher Direktor der Luisenklinik in Bad Dürrheim mit Dependance in Stuttgart, spricht im Interview über Risiken und mögliche Auslöser.

Interview

D

er Führungsstil hat eine hohe Bedeutung für die psychische Gesundheit der Mitarbeiter. Auch hat der Chef Vorbildfunktion. Mangelnde Wertschätzung und Anerkennung können krank machen, sagt Medizinier Norbert Grulke. Herr Prof. Grulke, was ist Burn-out? Umgangssprachlich bedeutet es, dass Menschen sich leer, eben ausgebrannt fühlen, das Gefühl haben, dass sie nicht mehr können, dass sie keine Freude mehr haben, dass sie einfach nicht mehr in der Lage sind, ihren gewohnten Tätigkeiten nachzugehen. Wenn man es medizinisch, wissenschaftlich beschreiben will, wird es schwieriger, denn es gibt keine allgemein gültige Definition. Häufig handelt sich um depressive Erkrankungsbilder. Wie äußern sich die? Unlust, keine Freude, der Antrieb ist gestört. Häufig haben die Leute auch Schlafprobleme, zum Teil auch Schmerzsymptome und ein allgemeines Unwohlsein. Nicht selten rauchen sie dann mehr oder trinken mehr. Das ist eher die männliche Bewältigungsmethode. Frauen greifen eher zu Medikamenten. Oft sind es auch Ängste oder sogenannte somatoforme Störungen – Erkrankungen, bei denen der Patient was spürt, der Arzt aber nichts findet.

Es gibt etliche prominente Burn-out-Opfer wie Sven Hannawald, Tim Mälzer, Matthias Platzeck, Miriam Meckel oder Ralf Rangnick – haben solche Promis das „Arbeit ist ein ganz Thema salonfähig gemacht? wichtiger Pfeiler im Leben Man kann sich trauen, über Burn-out zu reden. Burn-out eines Menschen, ebenso darf man haben – so wie früher Familie und Partnerschaft den Herzinfarkt. Man hat ja für sowie das soziale Umfeld.“ etwas gebrannt. Es klingt cool, nach dem Motto, der hat was Mediziner Norbert Grulke über geschafft. Wenn jemand sagt, die Bedeutung von Arbeit er hat eine Depression, gilt er eher als Schwächling. Sagen Sie mal als Mann am Stammtisch, dass Sie eine Angststörung haben. Das ist nicht im gleichen Maße hoffähig, als wenn Sie sagen, Sie haben Burn-out. In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Durch prominente Burnout-Opfer sind psychische Störungen aus der „Schmuddelecke“ herausgekommen. Es ist aber gleichzeitig auch problematisch, denn mit Burn-out – und da spricht der Therapeut aus mir – externalisiert man die Ursachen. Da hat man Gründe, die in der Außenwelt liegen. Manchmal stimmt das, aber meistens ist es eine Interaktion zwischen Außen- und Innenwelt. Gibt es den typischen Burn-out-Patienten? Jemand, der mit viel Hingabe und Engagement seinen Job macht und damit auch eine hohe Leistungs- und Verausgabungsbereitschaft hat. Kommt nun eine Kränkung dazu – etwa mangelnde Anerkennung durch den Chef oder angesichts einer Umstrukturierung –, gibt es ein Missverhältnis zwischen dem, was man gibt, und dem, was man bekommt.

Sicherheit, Aufstiegschancen und Perspektiven. Neben der Gratifikationskrise gibt es noch ein anderes Modell, das sogenannte Job-Strain. Dabei geht es um Anforderungen und Kontrolle. Nehmen wir als Beispiel meinen Arbeitsalltag. Ich habe zwar insgesamt eine sehr hohe Arbeitsdichte, aber auch sehr viel Kontrolle über meine Arbeit. Das ist in den meisten Führungsjobs besser gegenüber anderen Tätigkeiten. Dies wird dann eher als aktiv und leistungsfähig empfunden. Stress macht, wenn die Arbeitsdichte hoch ist und man wenig subjektive Kontrolle besitzt. Ist Burn-out berufsspezifisch? Das kann man nicht sagen, auch wenn es eine Erscheinung ist, die vor allem in sozialen Berufen vorkommt. Wenn man mit Menschen zu tun hat, sind die Anforderungen an die emotionalen Ressourcen offenbar viel höher. Nehmen wir die Krankenschwester: dort können beide Modelle Job Strain (Arbeitsverdichtung) und Gratifikationskrise (mangelnde Wertschätzung) vorkommen. Oder im mittleren Management. Da arbeitet jemand viel, verausgabt sich, hofft, Karriere zu machen. Wenn nun jedoch der Kollege, der nach eigener Meinung nicht mehr leistet als man selbst, bei der Beförderung vorgezogen wird – das kann kränken. Und diese Kränkung kann unter Umständen auch krank machen. Vor allem, wenn Anerkennung und Wertschätzung fehlen, brennen die Leute aus. Es fehlt dann die Balance zwischen erbrachter Leistung und Belohnung. Durch fehlende Anerkennung können Sie Leute in eine Gratifikationskrise treiben. Also geht es auch um Führungsqualität? Ja, das hat auch mit guter Führung zu tun. Ich will es mal etwas flapsig formulieren: Ich kann nicht als Chef an den Baggersee gehen, mir die Sonne auf den Bauch brennen lassen und von meinen Mitarbeitern verlangen, dass sie in schwierigen Zeiten halt etwas mehr arbeiten müssen. Oft ist es doch auch so, dass in der Arbeitswelt unrealistische Ziele gesteckt werden. Ja, ich weiß das von Aussagen von Führungskräften. Manche Chefs verlangen 150 Prozent und argumentieren, sie müssten solche Ziele setzen, damit sie annähernd dahin kommen, wo sie hinwollen. Doch das ist kein guter Motivator. Es bleibt stets das Defizit des „nicht Erreichten“. Ein sich stets beschleunigendes Hamsterrad ist keine gute Sache. Dabei ist aus wissenschaftlicher Sicht Arbeit insgesamt eher gesundheitserhaltend als krankmachend. Arbeitslosigkeit ist ein Gesundheitsrisiko. Das hängt aber von der Arbeit ab? Ja, wenn eine Arbeit gut ist, also ethisch anständig, und man selber einen Sinn drin sieht, ausreichend bezahlt wird und Anerkennung bekommt, gehört Arbeit zu den Glücksbringern. Wird aber die Arbeitsdichte erhöht, und die Leute haben keine Kontrolle darüber, ist das natürlich ein Stressfaktor. Bei vielen kommt dann noch die Innenwelt dazu. Es sind viel häufiger interaktive Schwierigkeiten, wenn es in Richtung Burn-out und psychische Erkrankung geht – sei es, dass der Zusammenhalt unter den Kollegen fehlt oder auch der Chef schlecht mit dem Mitarbeiter umgeht. Solche Konflikte sind viel häufiger der Stressfaktor am Arbeitsplatz als die eigentliche Arbeit selbst.

Also ist dieses Missverhältnis eine der Ursachen für Burn-out? In der Wissenschaft gibt es das Modell der Gratifikationskrise. Wenn ein Mensch bereit ist, sich einzubringen und zu engagieren, subjektiv aber zu wenig dafür bekommt, gerät er früher oder später in eine Gratifikationskrise. Von Untersuchungen weiß man, dass Anerkennung und Wert- Welche Rolle spielt das private Umfeld? schätzung am wichtigsten sind, nicht das Arbeit ist ein ganz wichtiger Pfeiler im LeGehalt. Zuvor kommen noch Themen wie ben eines Menschen, ebenso Familie und Partnerschaft sowie das soziale Umfeld. Die meisten ertragen es ganz gut, wenn einer dieser Pfeiler wegfällt. Wenn mehrere wegZUR PERSON krachen, gehen die meisten in die Knie – also z. B. Probleme zu Hause und im Norbert Grulke Der ärztliche Dimatische Medizin und PsychoJob keine Anerkennung. rektor der Luisenklinik in Bad Dürrtherapie. Er bekam etliche heim – Zentrum für Verhaltenswissenschaftliche AuszeichHeute reden viele von der medizin – ist 1960 geboren. Mittels nungen, ist seit Jahren in Work-Life-Balance, also daStipendium der Friedrich-Ebertder Aus-, Fort- und Weitervon, Arbeits- und Privatleben Stiftung studierte er Medizin und bildung für Ärzte und miteinander in Einklang zu Psychologie mit Blick über den TelPsychotherapeuten tätig. bringen. Stimmt diese Balance, lerrand zur Soziologie und PhilosoSeit 2007 ist er Ärztlicher ist alles o. k.? phie. Seine akademische Laufbahn Direktor der Luisenklinik mit Standorten in Das kollidiert mit dem, startete er an der Uni Tübingen, was ich vorher gewo er in Medizin und Sozialwissen- Bad Dürrheim, Stuttgart und sagt habe. Die Beschaften promovierte. Später Radolfzell. grifflichkeit ist wechselte er an die Uni Ulm. Seit nicht gut, weil es 2008 ist er Professor für Psychoso- imf

Stress kann krank machen – weiß Norbert Grulke, ärztlicher Direktor der Luisenklinik in Bad Dürrheim, aus ErfahFotos: Hämmerling, Lichtgut/Max Kovalenko rungen mit Patienten.

PSYCHISCHE ERKRANKUNGEN – SECHS WARNSIGNALE Stimmung Hat sie sich deutlich verändert. Leiden Sie unter Niedergeschlagenheit, Gleichgültigkeit, ausgeprägten Stimmungsschwankungen, Lustlosigkeit, Schuldgefühlen . . .? Leistungsfähigkeit Hat die sich im Alltag und Berufsleben auffällig gegenüber dem gewohnten Niveau verändert? Leiden Sie unter fehlendem Antrieb, innerer Getriebenheit, Kraftlosigkeit, Ermüdbarkeit . . .? Körperliches Befinden Hat es sich seit Längerem in auffälliger Weise gegen-

über dem Normalzustand (relatives Wohlbefinden) verändert? Leiden Sie unter Muskelverspannungen, Schlafstörungen, Appetitveränderungen . . .? Umgang mit anderen Hat sich Ihr Umgang mit Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen in letzter Zeit auffällig verändert? Schnelle Reizbarkeit, geringere Frustrationstoleranz . . .? Erwartungen Haben sich Ihre Erwartungen an Ihre berufliche und private Zukunft auffällig verändert? Ängste, Gefühle der Hilflosigkeit . . .?

gerade so klingt, als ob die Arbeit die Menschen runterzieht. Arbeit müsste menschlich gestaltet werden, also wertschätzend. Es kann nicht sein, dass Arbeit krank macht und Menschen in ihrer Freizeit wieder nach ihrer Gesundheit schauen müssen. Ich hoffe, dass sich die Arbeit mehr den menschlichen Bedürfnissen und Lebenszyklen anpasst. Da sind aber auch die Arbeitgeber gefragt.

Problematisches Gesundheitsverhalten Beobachten Sie so etwas in letzter Zeit verstärkt bei sich? Mehr rauchen, Alkohol, Beruhigungs- oder Aufputschmittel, erhöhte Risikobereitschaft bei Freizeitaktivitäten, Sport . . .? Die Fragen hat Norbert Grulke zusammengestellt. Wer beim Selbsttest auf zwei oder mehr Fragen mit „Ja“ antworten kann oder sich in einem Bereich sehr stark belastet empfindet, sollte sich nicht scheuen, professionellen Rat zu suchen – bei Arzt, Beratungsstelle oder Psychotherapeut, rät Grulke. imf

merkt, dass einem die Dinge früher leichter von der Hand gingen, dass man sich mehr oder minder zur Arbeit schleppt. Also schon mehr als eine Montagmorgen-Unlust. Wenn man merkt, dass einem das Mitgefühl, die Empathie verloren geht, man zynisch mit Kollegen, Kunden und Anvertrauten umgeht. Aber auch bei verstärktem riskanten Verhalten (Alkohol, Zigaretten, beim Autofahren). Da sollte man aufpassen.

Was kann der Einzelne tun? Innehalten. Auch wenn man diese Symptome nicht hat, ist es immer wieder gut, eine Art Kassensturz zu machen, sich zu fragen, wo stehe ich, was will ich, wie soll es weitergehen? Bei Symptomen ist der nächste Gibt es Warnsignale, um solche Stressfallen Schritt, sich nach Hilfe umzuschauen. zu erkennen? Wenn man sich leer und lustlos fühlt, man Das Gespräch führte Imelda Flaig. Indem sie zum Beispiel Homeoffice-Tage erlauben? Das geht in die richtige Richtung, weil sich Arbeits- und Privatleben besser koordinieren lassen.


Karriere 15

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Für angehende Manager mit Benzin im Blut

Studenten: Lukas Schmidt und Isabella Arlt

Am Institut für Automobilwirtschaft der Hochschule Nürtingen-Geislingen werden die zukünftigen Entscheider von Porsche, Daimler und Co. ausgebildet. Von Michael Gerster Studiengang

A

ls kleiner Junge durfte Lukas Schmidt mit seinem Vater alle zwei Jahre zur Internationalen Automobilausstellung nach Frankfurt. Schon damals bewunderte er dort vor allem die schönen Sportwagen aus Zuffenhausen. Am 1. Mai hat Lukas Schmidt bei Porsche als Projekteinkäufer angefangen. „Für mich ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt der 23-Jährige im adretten Anzug. Der Weg dorthin führte ihn aber nicht etwa über ein klassisches Ingenieurstudium an der Uni Stuttgart, sondern über die Hochschule Nürtingen-Geislingen. Seit über 25 Jahren ist das Institut für Automobilwirtschaft (IFA) eine der Kaderschmieden Deutschlands, um in der Branche Fuß zu fassen. Professor Willi Diez hat das Angebot aufgebaut und ist auch heute noch Chef des auf dem Campus in Geislingen angesiedelten IFA. „Wir haben eine breite Streuung und ein weites Einzugsgebiet“, sagt Diez nicht ohne Stolz. Die meisten seiner Studenten suchen gezielt den Weg an den Rand der Schwäbischen Alb. Jedes Jahr beginnen 50 bis 60 Studierende eine akademische Ausbildung zum Bachelor in Automotive Business. Im Masterstudiengang Automotive Management sind es noch einmal 20. Insgesamt sind etwa 400 Studierende eingeschrieben. Damit ist das IFA laut Diez die größte automobilwirtschaftliche Einrichtung an einer deutschen Hochschule. Studenten wie Lukas Schmidt oder Isabella Arlt (24) aus Heilbronn, die sich für den Master eingeschrieben hat, kommen nicht nur wegen der idyllischen Studienbedingungen. „Mit dem Abschluss bin ich rundum gerüstet für die Automobilbranche“, sagt Arlt, eine der wenigen Frauen im IFA. Nach einem Studium an der FH in Heilbronn und einem Praktikum bei einem Autohändler war für sie klar, dass sie in der Branche arbeiten will. Glaubt man dem Berufsziel im Faltblatt zum Masterstudiengang, ist ein guter Job für sie garantiert. „Karriere in den oberen Führungsebenen von Automobilherstellern, -zulieferern oder -handelsunternehmen“ steht dort nicht ganz unbescheiden.

STUDIENGÄNGE Bachelor und Master Der Bachelorstudiengang „Automobilwirtschaft – Automotive Business“ wendet sich als erster berufsqualifizierender Studiengang an Schulabgänger mit Abitur oder Fachhochschulreife. Die Studierenden bekommen ein ganzheitliches Verständnis der automobilwirtschaftlichen Managementprozesse. Studiengang Der „Master of Automotive Management“ ist inhaltlich noch breiter angelegt. Neben dem Vertrieb und Marketing steht das

Entwicklungs- und Produktionsmanagement im Vordergrund. Anmeldeschluss Für das Sommersemester ist es beim Bachelorstudiengang der 15. Januar. Fürs Wintersemester ist es der 15. Juli, für den Master der 15. August. Informationen zu den Studiengängen: Telefonnummer 0 73 31/22-498. Adresse: Hochschule für Wirtschaft und Umwelt NürtingenGeislingen, Parkstraße 4, 73312 Geislingen an der Steige. www.ifa-info.de mig

Die beiden Studiengänge behandeln die verschiedensten Aspekte der Automobilindustrie. „Wir decken alle Teile der Wertschöpfungskette ab“, sagt Diez. Es geht also nicht nur um Hersteller selbst, sondern auch um Zulieferer oder den Handel. Studieninhalte sind etwa die Markt- und Absatzstrukturen, Produkt- und Preispolitik, Konzepte und Strategien im Automobilmarketing, aber auch Unternehmensführung oder Personalwirtschaft. Dabei profitiert das IFA von der zunehmenden Akademisierung. „Wo man früher einen gelernten Industriekaufmann eingestellt hat, suchen die Unternehmen heute gezielt nach Hochschulabsolventen“, sagt Diez. Die Hürden für den Eintritt ins IFA sind hoch. Die Bewerberzahlen sind jedes Semester weitaus höher als die Zahl der Studienplätze. Zuletzt kamen auf 863 Anwärter rund 70 Plätze. Wegen der Zulassungsbeschränkung ist ein gutes Abitur oder eine gute Fachhochschulreife Voraussetzung. Die Eignung für den Masterstudiengang soll zudem über einen Eignungstest herausgefunden werden. Hier zählt auch die Bachelornote zur Hälfte mit. Die Praxis hat in den Studiengängen von Anfang an einen hohen Stellenwert, anders als an vielen Massenuniversitäten. So müssen die Studenten im vierten Semester an einem Projekt arbeiten und dies in einem Unternehmen präsentieren. In den vielen Jahren hat Willi Diez zudem ein breites Netzwerk geschaffen. Dazu zählen vor allem hochkarätig besetzte Veranstaltungen wie der Tag der Automobilwirtschaft, der in diesem Jahr am 3. und 4. November im Kongresszentrum in Nürtingen über die Bühne geht. Jedes Jahr versammeln sich dort die Topmanager der Branche. Zuvor findet eine Karrieremesse statt. Stargast unter den mehr als 500 Kongressbesuchern ist in diesem Jahr Daimler-Chef Dieter Zetsche. Auch auf dem Forum Automotive mit vielen Referenten können die Studenten Kontakte knüpfen für ihre spätere Karriere. Das Gleiche passiert, wenn Praktiker aus den großen Automobilfirmen und -zulieferbetrieben als Lehrende an der Hochschule ihr Wissen weitergeben. Porsche sucht sich über das Stipendium „PolePosition“ gezielt seinen Nachwuchs. Erfahrungsgemäß landen die Absolventen am Ende eher bei den Herstellern als bei den Zulieferern. Dies liegt laut Diez daran, dass diese stärker technisch orientiert sind – auch im Vertrieb. Die Chancen bei erfolgreich absolvierter Prüfung sind gut. „Manche könnten drei Stellen antreten“, sagt Diez. Die meisten landen in den Bereichen Vertrieb, Logistik und Beschaffung, Controlling oder Unternehmensführung. Dafür muss man jedoch auch etwas tun. „Die Jobsuche beginnt, wenn man mit dem Studium beginnt, es braucht schon einen Plan“, sagt Diez. Lukas Schmidt hat sein Studium am IFA jedenfalls nicht bereut. Und mit seinem Job bei Porsche dürfte der Traum aus Kindheitstagen vom eleganten Sportwagen wohl bald in Erfüllung gehen.

Eingang der Hochschule in Geislingen

Professor Willi Diez, Chef und Initiator des IFA Fotos: IFA Geislingen

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16 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Der Mann mit Herz für Anleger Michael Völter hält es für wichtig, mehr Menschen für Aktien zu begeistern, und sieht in dem neuen Schulfach Wirtschaft einen Schritt in die richtige Richtung. Von Sabine Marquard Der neue Börsenchef

Eine offene Tür für Mitarbeiter Mic hae l Völ ter

ist der neue Kopf der Stuttgarter Bör se. Im Fragebogen sagt er, dass Veränderungen auch Chancen brin gen, und was er Berufsanfängern rät. Was macht einen guten Chef aus

? Wichtig sind eine offene Tür, Freude am Dialog auf Augenhöhe mit den Mit arbeitern und Respekt vor deren Leis Außerdem braucht ein Chef sicherlic tung. h eine klare strategische Linie, Stri ngenz im Handeln und in der Aussage manchmal auch professionelle Gela sowie ssenheit. Und welche Eigenschaften davon

haben Sie? Ich bin überzeugt, dass ich mir in mei ner beruflichen Laufbahn in über 20 Jahren einige dieser Fähigkeiten net habe. Allerdings: Nobody is perf angeeigect, man muss ständig an sich arbe iten.

Wie kommt man so weit wie Sie?

Man sollte immer ein feines Gespür dafür haben, wo Veränderungen auch Chancen bringen. Diese gilt es zu und sich dabei mit voller Kraft einz nutzen ubringen. Ohne großzügige Mentore n und persönliche Förderer geht es nicht. aber auch

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er Karriere? Natürlich ist eine Prise Glück unerläs slich, um zur richtigen Zeit am rich tigen Ort zu sein.

Haben Sie Vorbilder?

Ich halte wenig von Personenkult. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wic htiger sind mir Werte, die sich mit verbinden lassen. Zu seiner Überzeu Personen gung zu stehen, setze ich als Wert gan z oben an. Da fällt mir insbesondere deskanzler Helmut Schmidt ein. Altbun-

Was ist typisch für Ihren Arbeits alltag? Mein Arb

eitstag ist meist sehr durchgeplant. Meetings sind ein wichtiges Führun dings ist an der Börse dann doch wied gsinstrument eines Managers. Alle er jeder Tag anders. Die Märkte sind rpermanent in Bewegung und nehmen auch keine Rücksicht auf einen Kale dabei nder. Ich nehme Überraschungen aber gerne an.

Was würden Sie heute anders ma

chen? Ich würde im Rückblick nichts änd ern. Arbeit war für mich immer posi tiv besetzt. Jede Erfahrung hat mic Ich durfte vieles sehen und bin zufr h geprägt. ieden mit meinem Weg. Und es ist interessant: Immer wenn ich dach der Karriere nicht weiter vorwärts te, es ginge in , kam die nächste Offerte um die Eck e. Von wem können Sie am ehesten

Rückzug bei Ravensburger Dorothee Hess-Maier, seit 2000 Mitglied des Aufsichtsrats und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende seit 2005, hat Ende Juli ihr Mandat im Ravensburger-Aufsichtsrat niedergelegt. Nachfolger wurde Albert Hess (44), Rechtsanwalt und Mitglied der GesellschafterFamilie. Hess-Maier (78) war viele Jahre in der Geschäftsführung des Otto Maier Verlages und im Vorstand der Ravensburger AG tätig, ehe sie in den Aufsichtsrat wechselte. Hess-Maier gehört zur dritten Generation der Verlegerfamilie Maier, die den Namen Ravensburger und das blaue Dreieck in der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Nachfolger von Carel Halff, seit 2008 Mitglied im Aufsichtsrat, wurde Thomas Vollmoeller (55), Vorstandschef der Xing AG. Weiterhin im Aufsichtsrat sind Dieter Kurz (67) als Vorsitzender, Wolfgang Freudenberg (74), ClausDietrich Lahrs (52) und Valerie Maier (46). imf Foto: Ravensburger

Ausgefragt

Dorothee Hess-Maier

Kri

tik einstecken? Von meinen Kindern, auch wenn dies die schärfste Kritik ist. Zudem lassen sie kein Thema aus. Man muss das aber auch entsprechend würdigen. Womit können Kollegen Sie nerven

? Unmotivierte Mitarbeiter und Kol legen sind mir nicht angenehm, Das gilt auch für solche, die nicht mit am gleichen Strang ziehen und außerhalb des Teams arbeiten. Die gibt es zum Glück an der Börse Stuttgart nicht.

Alexandra Karg

Frauenpower an der Börse Alexandra Karg hat Anfang August 2015 die Leitung des Bereiches Informationsprodukte übernommen – ein zentrales Wachstumsfeld der Stuttgarter Börse. Sie berichtet direkt an Börsengeschäftsführer Ralph Danielski und ersetzt Torsten Ulrich, der das Unternehmen verlassen hat. Zuvor war sie als Geschäftsleitungsmitglied für den Bereich Data Operations bei SIX Financial Information in Zürich. imf

Markus Deimel

Neuer Geschäftsführer Markus Deimel (40) ist seit Juli 2015 neuer Geschäftsführer bei der Vollert Anlagenbau GmbH in Weinsberg. Er übernimmt stufenweise die Aufgaben von Gerhard Geist, der Ende nächsten Jahres nach über 35 Jahren bei Vollert in den Ruhestand wechseln wird. Deimel kommt vom BaustoffAnlagenhersteller Grenzebach BSH. Dort war Deimel zuletzt als Bereichsleiter Engineering tätig. imf Foto: Vollert

M

Stephan Schaller

Wechsel bei Voith

Und umgekehrt?

Mit der Frage, bis wann ich endlich

meine Vorlagen oder Redemanuskrip te

Was raten Sie Berufsanfängern?

bekomme.

Jeder sollte sich genau überlegen, welc he Arbeitsform ihn leistungsfähig mac ht: Teamworker oder Einzelkämpfer, Spezialist oder General ist. Dabei sollte man sich für nichts zu schade sein. Zudem sollte man den Mut haben, regelmäßig eine n Wechsel auch in unbekannte Geb iete vorzunehmen – sei es räumlich oder fachlich.

Was macht Sie leistungsfähig?

Foto: BMW

Eine ausgewogene Mischung mehrere r Faktoren ist entscheidend. Dazu zählen meine Familie, Sport und hier insbesondere Bergwandern, aber auch Selbstvertrauen und Zeit , um gründlich nachzudenken.

Stephan Schaller, Leiter der weltweiten Motorradsparte der BMW Group, wird zum 1. Oktober 2015 in den Gesellschafterausschuss sowie in den Aufsichtsrat der Voith GmbH eintreten. Er folgt dort auf das ehemalige Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz AG Bernd Gottschalk, der mit Erreichen der satzungsmäßig vorgesehenen Altersgrenze nach 20 Jahren Zugehörigkeit planmäßig aus beiden Gremien ausscheidet. Schaller (Jahrgang 1957) studierte Maschinenbau an der Technischen Hochschule Aachen. Es folgten Stationen bei BMW, Linde, VW und Schott, ehe er 2012 wieder zu BMW wechselte. „Stephan Schaller ist mit seiner langjährigen Konzernerfahrung, insbesondere in der Automotive-Industrie, eine Bereicherung für den Gesellschafterausschuss und den Aufsichtsrat von Voith, sagte Hans-Peter Keitel, Vorsitzender des Gesellschafterausschusses und Aufsichtsrats der Voith GmbH. imf

Rudi Vollmer

Neuer Technik-Geschäftsführer

Michael Völter hat lange Erfahrung in Finanzdingen. Nach etlichen Jahren bei der Sparkassenversicherung steuert er jetzt die Geschicke an der Stuttgarter Börse. Foto: Börse Stuttgart

Rudi Vollmer (61) ist neuer Technischer Geschäftsführer der Greiner Bio-One GmbH. Der bisherige Leiter der Produktion am Standort Frickenhausen löst Rainer Perneker ab, der sich damit aus der Geschäftsleitung in Deutschland zurückgezogen hat, um sich auf die Aufgaben als Spartenleiter der Greiner BioOne International GmbH zu fokussieren. Greiner Bio-One ist in vier Geschäftssparten untergliedert: Preanalytics, BioScience, Diagnostics und OEM. 2014 erzielte die Greiner Bio-One International GmbH mit 1800 Mitarbeitern einen Umsatz von 388 Millionen Euro. imf

Martin Drasch

Manz verstärkt Vorstand Der Reutlinger Maschinenbauer Manz AG hat den Vorstand verstärkt. Martin Drasch (40) unterstützt als neuer Chief Operating Officer (COO) seit Anfang August den Vorstandsvorsitzenden Dieter Manz sowie Finanzvorstand Martin Hipp. Drasch ist damit für die Bereiche Produktion, Logistik und Beschaffung verantwortlich. Er war zuvor beim anlagenbauer Eisenmann tätig, der in Böblingen sitzt. imf Foto: Manz

it Begeisterung stürzt sich Michael Völter in neue Aufgaben. Das war schon bei der SV Sparkassenversicherung so, wo er viele Jahre Finanzvorstand war. Jetzt ist es auch wieder zu spüren. Seit Mai ist der 52-Jährige Chef der Börse Stuttgart, und es wirkt ansteckend, wenn er mit Verve sagt: „Wir wollen mehr sein als eine normale Börse.“ Stuttgart ist der führende europäische Börsenplatz für Privatanleger. Den weitaus größten Umsatz macht die Börse mit verbrieften Derivaten, wo sie im börslichen Handel Marktführer in Europa ist. Die anderen großen Standbeine sind Anleihen und Aktien. Bei Unternehmensanleihen ist Stuttgart Marktführer in Deutschland. Die Ausrichtung auf Privatanleger, die seit Anfang der 90er Jahre begonnen hat, führte sehr bald dazu, dass private Anleger in Stuttgart zu Bedingungen handeln, die ansonsten nur professionellen Investoren vorbehalten sind. Die Börse hatte sich sehr bald den Ruf erworben, sehr innovativ zu sein. Viele Neuerungen, die angestoßen wurden, sind heute Standard an anderen Börsenplätzen. Die größten Konkurrenten sind aber nicht mehr andere vergleichbare Börsenplätze. Immer öfter wandert Geschäft auf die außerbörslichen Handelsplattformen ab. Und da sind noch die vielen Vorurteile, die deutsche Anleger gegen Aktien haben. Deutschland ein Land von Aktienmuffeln? Michael Völter ist Optimist. Bei der Aktienkultur sieht der promovierte Jurist hierzulande noch viel Luft nach oben. Den Vater von vier Kindern freut es, dass Baden-Württemberg das Fach Wirtschaft an Schulen einführen wird. Schon seit Jahren bemüht sich die Börse Stuttgart mit ihren Bildungsangeboten, Seminaren und ihren Internetseiten, Interessierte für die Aktienanlage zu gewinnen. Ein Thema, das auch dem neuen Börsenchef am Herzen liegt. Außer für Finanzanlagen ist Völter für Sport zu begeistern. Er liebt sportliches Fahrradfahren, fährt Ski und wandert gern. Ein Termin ist dem ItalienFan, der sehr gerne Opern besucht, heilig: Samstagmorgens spielt er Tennis mit seiner Frau.

Persönliches


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

September 2015

Siegfried Jaschinski LBBW

Rolf Breuer Deutsche Bank

Josef Ackermann Deutsche Bank Fotos: AP, dpa (5), Heinz Heiss, imago, picture alliance Bildbearbeitung: Schlösser

er t t n u ach d r e v

Heinrich von Pierer Siemens

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Wendelin Wiedeking Porsche

Jürgen Fitschen Deutsche Bank Holger Härter Porsche

Georg Funke Hypo Real Estate Carl Janssen Sal. Oppenheim

Die Beweishürden liegen hoch Immer öfter müssen deutsche Manager ihr Tun vor Gericht verantworten. Schuldsprüche bleiben jedoch die Ausnahme, weil eine persönliche Schuld nachgewiesen werden muss. Managementfehler sind nicht strafbar. Ins Gefängnis geht kaum jemand. Im Oktober beginnt der spektakuläre Prozess gegen das frühere Porsche-Führungsduo. Von Thomas Magenheim und Michael Heller

Wirtschaftsprozesse

M

anager hatten hierzulande schon ein unbeschwerteres Leben. Denn die Wirtschaftsstrafkammern dieser Republik haben in den letzten Jahren aufgerüstet. Gleiches gilt für Staatsanwaltschaften mit Schwerpunkt Wirtschaftskriminalität. Immer mehr Führungskräfte müssen sich deshalb vor Gericht verantworten. Begonnen hat die Reihe spektakulärer Fälle im Herbst 2006 mit einer Razzia beim Siemens-Konzern, aus der rasch ein Korruptionsskandal riesigen Ausmaßes wurde. Danach mussten vor allem Banker vor den Kadi, wobei die Verfahren oft ernüchternd enden. Ins Gefängnis geht kaum jemand. Die Regel sind Geldauflagen ohne VorstrafencharakIn Deutschland gibt es ter oder Freisprüche. Aktuell stehen in München anders als in den USA kein fünf Topmanager der DeutUnternehmensstrafrecht, schen Bank vor Gericht. Mit mit dem man einen dem amtierenden Co-Chef Jürgen Fitschen und seinen Konzern für sein Vorgängern Josef Ackermann Handeln verantwortlich sowie Rolf Breuer sitzen drei machen könnte. Managergenerationen auf der Anklagebank, weil sie sich des versuchten Prozessbetrugs in einem früheren Verfahren schuldig gemacht haben sollen. Noch steht das Urteil nicht fest, aber hinter Gitter muss wohl niemand. Alles andere als Freispruch mangels Beweisen oder Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflagen wäre eine Überraschung. Verhandelt wird der Prozess von Richter Peter Noll, der schon im Siemens-Korruptionsprozess geurteilt hat und seine Verfahren souverän führt. Beim DeutscheBank-Prozess ist die Wahrheitsfindung schier unmöglich. „Ich kann niemand in den Kopf schauen“, bekannte der Richter. Um die Banker zu verurteilen, müsste ihnen nicht nur nachgewiesen werden, dass sie in einem vorangegangenen Schadenersatzprozess, den noch der inzwischen verstorbene Pleitier Leo Kirch angestrebt hatte, bei Aussagen gelogen haben. Bewie-

sen werden müsste auch, dass sie das in der Absicht getan haben, die Regressansprüche zu Fall zu bringen und nicht etwa nur versehentlich, weil sie sich nicht mehr genau erinnern können. So ähnlich ist es fast immer. Bei Wirtschaftsstrafprozessen liegen die Beweishürden hoch. Managern muss eine persönliche Schuld nachgewiesen werden, die über bloßen Irrtum oder Fehlentscheidungen hinausgeht. In Deutschland gibt es – anders als in den USA – kein Unternehmensstrafrecht, mit dem man einen Konzern für sein Handeln verantwortlich machen könnte. Gefordert wird das zwar immer wieder, aber der Gesetzgeber bleibt hart. Zuletzt hat Bayerns Justizminister Winfried Bausback eine solche Forderung zurückgewiesen, weil Schuld die Eigenverantwortung eines Menschen voraussetze und ein Unternehmen immer durch Menschen handle. Die Folge dieses Prinzips ist, dass sich schon die Ermittlungen oft sehr lange hinschleppen. So hat die Staatsanwaltschaft im Fall des Bankenrettungsfalls Hypo Real Estate (HRE) sechseinhalb Jahre ermittelt, bevor sie im Herbst 2014 Anklage gegen die Vorstandsriege um den früheren HRE-Chef Georg Funke erhoben hat. Einen Prozesstermin gibt es immer noch nicht. Im Fall der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) kreißte der Berg und gebar eine Maus. Mit großem Aufwand stellte die Staatsanwaltschaft Stuttgart im Dezember 2009 bei einer Razzia Unterlagen sicher und leitete Ermittlungen gegen mehrere Vorstandsmitglieder wegen Untreue im Zusammenhang mit Kreditgeschäften ein. Anlass hierfür war die Schieflage der Bank, die mit einer Kapitalspritze von fünf Milliarden Euro und einer Bürgschaft von 12,7 Milliarden Euro vor dem Untergang gerettet werden musste. Der Untreueverdacht ließ sich aber nicht halten; im November 2012 erhob die Staatsanwaltschaft lediglich wegen Bilanzfälschung Anklage. Bis zum Prozessauftakt vergingen noch viele Monate; verhandelt wurde von

Februar 2014 an. Aber nach zwei Monaten wurde der Strafprozess gegen den ehemaligen Vorstandschef Siegfried Jaschinski und acht weitere Angeklagte gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt, weil sich keine Bilanzfälschung nachweisen ließ. Im Siemens-Korruptionsskandal mussten zwei Ex-Vorstände vor Gericht, keiner kam ins Gefängnis. Einer von ihnen wurde freigesprochen, das zweite Verfahren mangels Beweisen abgebrochen. Andere Manager wie der Ex-Chef Heinrich von Pierer einigten sich mit Siemens auf einen Vergleich in Millionenhöhe, ohne aber eine Schuld einzugestehen. Zu den tragischen Einzelschicksalen gehört der frühere Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger. Er nahm sich im vergangenen Jahr unter dem Druck von Anschuldigungen das Leben. Der Daimler-Korruptionsskandal, der durch die US-Justiz aufgedeckt wurde, hat nie den Vorstand erreicht. Vor fünf Jahren einigte sich das Unternehmen mit dem US-Justizministerium und der amerikanischen Börsenaufsicht auf die Zahlung von 185 Millionen Dollar. Die Stuttgarter räumten damit ein, dass nicht genug zur Eindämmung von Korruption getan worden war, als der Gang an die Wall Street erfolgte. Denn damit begab sich der Konzern in den Geltungsbereich amerikanischen Rechts. Zudem wurden Geschäftspraktiken nicht geändert, als sich die Rechtslage in Deutschland verschärfte. In der Anklageschrift der Amerikaner, die Fälle in 22 Ländern auflistete, war von einer Firmenkultur die Rede, die Bestechung nicht nur toleriert, sondern sogar ermuntert habe; es sollen Schmiergelder in Höhe von 56 Millionen Dollar geflossen sein. Daraus hat der Konzern Konsequenzen gezogen und unter anderem ein Vorstandsressort Integrität und Recht geschaffen, das die frühere Richterin am Bundesverfassungsgericht, Christine Hohmann-Dennhardt leitet. Im Zuge der Aufarbeitung der Probleme trennte sich der Konzern von 45 Mitarbeitern. Drei Jahre nach dem Ver-

gleich lobte der frühere FBI-Chef Louis Freeh, der Daimler beaufsichtigte, die eingeführten Standards bei der Bekämpfung von Korruption und Bestechung. Anklagen, die dann auch zu Verurteilungen führen, so wie jüngst im Fall von vier Ex-Spitzenmanagern der Privatbank Sal. Oppenheim, bleiben die Ausnahme. Wegen schwerer Untreue bei Investitionen in den pleitegegangenen Arcandor-Konzern muss nur der ehemalige Risiko-Vorstand Carl Janssen ins Ge- Nach langen Ermittlungen fängnis. Seine Kollegen erhiel- und einem kurzen Prozess ten nach zwei Jahren Verhaben sich die Vorwürfe handlung Bewährungsstrafen. „Es geht in die richtige gegen die früheren Richtung“, findet Thomas Vorstandsmitglieder der Hechtfischer. Wenn Manager LBBW in Luft aufgelöst. neuerdings in Regress genommen werden, würden zwar bei weitem nicht die Schadensummen aufgerufen, die ihr Wirken bisweilen verursacht, sagt der Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Aber ungeschoren kämen sie oft auch nicht mehr davon. Wer Vorstandsvergütungen wie in den USA fordere, müsse sich zumindest zivilrechtlich auch Haftungsrisiken stellen. Strafrechtlich verurteilt würde aber weiterhin kaum ein Manager. Der Grat zwischen krimineller Untreue und bloßen Managementfehlern sei oft auch schmal, räumt Hechtfischer ein. Mit Spannung wird nun im Oktober der Beginn des Prozesses gegen das frühere Porsche-Führungsduo Wendelin Wiedeking und Holger Härter erwartet. In dem Verfahren geht es um die Frage, ob der Vorstandsvorsitzende Wiedeking und Finanzvorstand Härter bei der versuchten Übernahme von VW die Anleger 2008 bewusst an der Nase herumgeführt und ihnen hohe Verluste eingebrockt haben. Die Höchststrafe im Fall einer Verurteilung beträgt fünf Jahre. Härter wurde zuvor in einem weiteren Verfahren bereits wegen Kreditbetrugs zu einer Geldstrafe verurteilt.

Start-ups unterm Konzerndach

Sponsoring – aber richtig

Die festen Strukturen und Hierarchien in Großunternehmen gelten nicht als Nährboden für Kreativität. Die Beispiele EnBW und Bosch zeigen, wie Konzerne unter dem eigenen Dach Start-up-Atmosphäre schaffen. SEITEN 20, 21

Sport, Kultur, Naturschutz – Unternehmen engagieren sich auf vielen Feldern als Sponsoren. Damit davon sowohl die Förderer als auch die Geförderten profitieren, gilt es jedoch einige Regeln zu beachten. SEITEN 22 – 24


18 Debatte

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

D

as deutsche Modell mit einem unabhängigen Vorstand und einem mitbestimmten Aufsichtsrat wappnet Unternehmen nach Ansicht von Fredmund Malik hervorragend gegen Fehlentwicklungen – besser jedenfalls als die USVariante. Der Managementlehrer nennt das deutsche Modell im Interview sogar „beispielgebend“. Von schärferen Haftungsregeln für Manager hält er gar nichts. Herr Professor Malik, die Medien berichten immer wieder über Prozesse, die gegen aktive und ehemalige Manager geführt werden. Das wirft kein gutes Licht auf unsere Wirtschaftsordnung. Geschieht mehr Unrecht als früher, oder schaut die Justiz genauer hin? Welche Fälle haben Sie da im Auge? Ich denke an die Deutsche Bank und Leo Kirch, die Vorgänge rund um die gescheiterte Übernahme von VW durch Porsche, die Arcandor-Pleite und Thomas Middelhoff . . . Mein Eindruck ist, dass es im Ausland viel mehr solcher Fälle als in Deutschland gibt; hier werden die Unternehmen insbesondere in der Gegenwart gut bis sehr gut geführt. Die drei von Ihnen genannten Fälle haben ihre Wurzeln weit, weit in der Vergangenheit; das ist teilweise zehn Jahre her. Ich würde die Fälle nicht als typisch ansehen. Sie stammen aus einer Zeit, in der die Stimmung eine andere war, wo auch die Maßstäbe zum Teil andere waren. Juristisch mag ich das nicht beurteilen, dafür sind die Gerichte zuständig.

„Wer Chancen ergreift, geht Risiken ein“ Der Managementlehrer Fredmund Malik hält nichts davon, gescheiterte Führungskräfte mit dem Strafgesetzbuch zu verfolgen. „Wir brauchen die Innovationskraft der Unternehmen“, sagt der Chef der Denkfabrik Malik Management Zentrum in St. Gallen und fordert mutige Entscheidungen. Das Risiko von Fehlern müsse hingenommen werden, meint er. Interview

Vorstände werden aber selten für die Folgen ihrer Entscheidungen verantwortlich gemacht. Ihnen droht allenfalls die Entlassung, die noch durch entsprechende Abfindungen erträglich gemacht wird. Pleiten werden nicht geahndet, nur fal„Der Ertrag entsteht sche Abrechnungen – siehe Middelhoff. beim Kunden, Das ist so. Wenn es zu unternicht an der Börse.“ nehmerischen Fehlleistungen Fredmund Malik über die Empfehlung, kommt, dann kann das sehr den Kunden ins Visier zu nehmen viele Ursachen haben. Manchmal geht es einfach um Situationen, für die niemand etwas kann. In der Tat ist das unternehmerische Risiko weitgehend außerhalb der Haftung. Lassen wir den Fall der Fahrlässigkeit außer Betracht, dann kann das unternehmerische Risiko im Fall von angestellten Führungskräften nur so behandelt werden, wie das gegenwärtig der Fall ist. Was meinen Sie mit „Situationen, für die niemand etwas kann“? Ich meine damit das eigentliche unternehmerische Risiko: Was macht morgen der Ölpreis, und was hat das für Konsequenzen? Was spielt sich an den Devisenmärkten ab? Wie steht es um die Länderrisiken, zum Beispiel im Fall Griechenland? Das alles lässt sich nicht versichern und kaum vorhersagen. Deshalb ist die bestehende Regelung gut. Manchmal entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, die Führungskräfte würden auch noch für das Versagen belohnt. Ich sehe das nicht so. In den Fällen, die ich kenne, gab es einfach bestimmte vertragliche Regelungen, an die man sich nun einmal halten muss. Über eine verschärfte Haftung wird ja durchaus diskutiert. Neigen wir dazu, zu schnell mit dem Strafgesetzbuch zu wedeln? Würde das nicht einen Typ Manager schaffen, der Risiken vermeidet und damit fast zwangsläufig die Zukunft verschläft? Ja. Im Zusammenhang mit Fehlleistungen kann es natürlich zu Untersuchungen kommen. Aber bei womöglich falschen Einschätzungen geht es zum Beispiel auch um Innovationen, die plötzlich da sind. Nehmen Sie das Beispiel der Digitalisierung; da kennen wir längst noch nicht alle Auswirkungen. Das ist nun einmal die „Meist wird versucht, Welt der Wirtschaft. Es geht Komplexität zu nicht um juristische, sondern reduzieren. Aber es um unternehmerische Fragen. Wir brauchen die Innovagibt auch eine positive tionskraft der Unternehmen. Eigenschaft der Wer Chancen ergreift, der Komplexität. Sie ist der geht Risiken ein. Das gilt gerade jetzt, wo gewaltige VeränRohstoff für Intelligenz derungen im Gange sind, die und Kreativität.“ auch gewaltige Möglichkeiten Fredmund Malik über die Bedingungen bieten. Diese Chancen muss für unternehmerischen Erfolg man ergreifen. Ist die Gesamtverantwortung von Vorständen angesichts der Größe und Komplexität vieler Konzerne nicht einfach eine Fiktion? Die Regelung im deutschen Aktiengesetz führt zu sehr abgewogenen, risikobewussten und konsensorientierten Entscheidungen. Ich halte das, verglichen mit dem angelsächsischen Konzept, bei dem der Chef eine herausgehobene Stellung hat und die anderen Mitglieder des obersten Führungsgremiums dominieren kann, für die bessere Lösung. Somit ist die Gesamtverantwortung keine Fiktion, denn der Vorstandschef kann nicht gegen die Mehrheit entscheiden. Hat die Komplexität zugenommen?

Fredmund Malik plädiert für ein Bonussystem, das sich an der langfristigen Entwicklung ausrichtet. Fotos: MZSG

Ja, und zwar rasant. Nehmen Sie die Globalisierung und die Rahmenbedingungen an den Finanzmärkten als Stichworte. Komplexität wird leider in der Regel als etwas Bedrohliches und etwas Negatives angesehen, so dass meist versucht wird, sie zu reduzieren. Das ist die allgemeine Denkweise. Aber es gibt auch eine positive Eigenschaft der Komplexität. Sie ist der Rohstoff für Intelligenz und Kreativität. Wer es versteht, die Komplexität positiv zu nutzen, hat in den heutigen Zeiten einen ganz gewaltigen Vorteil. Werden Manager adäquat bezahlt, oder haben die Vergütungen mittlerweile alle Maßstäbe gesprengt? Ich bin dafür, dass Vorstände sehr gut verdienen. Die Anforderungen sind sehr hoch, das Privatleben muss zurückgestellt werden, und es gibt sehr viele Risiken. Aber: die Frage ist, wofür werden sie bezahlt? Die Bonussysteme der letzten zehn bis 20 Jahre sind nicht das Gelbe vom Ei. Hier wurde zu oft kurzfristiges Handeln stärker belohnt als die langfristige Unternehmensstrategie. Aber diese Fehler werden jetzt korrigiert. Der Gewinn alleine genügt nicht als Basis. Und ich rate auch ab von einer arithmetischen Verkettung von Bonuszahlungen mit irgendwelchen Finanzkennziffern. Die Kennziffern sollen natürlich eine Rolle spielen, aber nicht die einzige. Wichtiger sind Verbesserungen bei der Innovationskraft, bei der Marktstellung, bei der Produktivität und bei der Attraktivität als Arbeitgeber. Für die Anleger geht es aber doch oft um kurzfristige Erfolge – um die Dividende und um den Aktienkurs. Diese Entwicklung gibt es; so denken Aktionäre sehr häufig, aber nicht immer. Es gibt Unternehmen, vor allem solche mit einem stabilen Eignerstamm, die außerordentlich langfristig denken. Auch Manager verfolgen die Ziele, die ihnen von den Eigentümern oder dem Aufsichtsrat vorgegeben werden. Nein. Vorstände handeln in eigener Ver-

antwortung, auch wenn sie sich an den Meinungen und Planungen ihrer Aufsichtsräte und Eigentümer orientieren. Verglichen mit angelsächsischen Ländern spielen in Deutschland Zukunftstechnologien eine weit größere Rolle. Im sozialen Bereich, im Kontakt mit Arbeitnehmervertretungen, geht es um die Fähigkeit, zwischen den unterschiedlichen Interessen zu balancieren. Insgesamt sind die Verhältnisse hier sehr viel besser als in anderen Ländern, um nicht zu sagen beispielgebend. Übrigens wird mittlerweile in den angelsächsischen Ländern das deutsche Governance-Modell durchaus nachgeahmt, auch wenn das nicht immer sichtbar ist. Es gibt Leute wie Warren Buffett, und es gibt Familienunternehmen wie Mars. Aber unter dem Strich ist es noch so, dass die Möglichkeiten für Exzesse unlimitiert sind. Gibt es so etwas wie „Corporate Social Responsability“, die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens? Ja, die gibt es in mehrfacher Hinsicht. Aber der wirtschaftliche Auftrag steht im Zentrum, und den mache ich am Kunden fest. Denn ein Unternehmen mit zufriedenen Kunden hat immer die Möglichkeit, auch andere Interessen zu befriedigen, auch gesellschaftliche. Wer nur den Aktionär im Blick hat – und das ist die Gefahr des angelsächsischen Einflusses –, der tut das auch zu Lasten des Kunden. Kurzfristig mag das für die Aktionäre gut sein, langfristig nicht. Der Ertrag entsteht beim Kunden, nicht an der Börse. Diesen Ansatz verfolgen Sie seit Langem. Stellt sich jetzt der Erfolg ein? Das vermag ich nicht zu beurteilen. Aber klar ist, dass für immer mehr Unternehmen, von Auto bis zu Pharma, IT und Banken, eindeutig der Kunde im Zentrum steht. Das klingt womöglich einfacher, als es ist. Denn der Kunde von heute ist nicht unbedingt der Kunde von morgen. Trotzdem ist das der beste Ansatz für den langfristigen Erfolg, der dann auch den Aktionären zugutekommt. Der Nutzen für den Kunden ist

ein Fixstern. Daran kann man sich zuverlässig orientieren. Und der zweite ist die Wettbewerbsfähigkeit, wobei auch hier wieder der Blick dem Kunden gilt, denn der kann ja auch bei der Konkurrenz kaufen. Das Prinzip Gewinnmaximierung ist weiter in Kraft, aber die Restriktionen durch Compliance-Regeln nehmen zu. Sind Führungskräfte in Familienunternehmen besser dran, die diesem Druck nicht ausgesetzt sind? Die Vorschriften haben in der Tat zugenommen. Per saldo ist das auch gut, selbst wenn im Einzelfall womöglich übertrieben wird. In den Familienunternehmen ist es genauso. Nur gibt es da weniger formalisierte Vorschriften. Werden Familienunternehmen prinzipiell besser geführt als börsennotierte Konzerne? Nicht unbedingt. Familienunternehmen sind typischerweise etwas kleiner als börsennotierte Unternehmen; das erleichtert manches. Sie tun sich mit gewissen Entscheidungen leichter. Größe, die mit Komplexität einhergeht, kann heute aber auch von einem enormen Nutzen sein. Denn daraus resultiert jene kontrollierte Vielfalt, die speziell in hart umkämpften Märkten oft mächtige Vorteile hat. Das Gespräch führte Michael Heller.

DER VORDENKER Position Der Managementlehrer und Berater Fredmund Malik gehört zu den führenden Vertretern seiner Zunft. Der Wirtschaftswissenschaftler, geboren am 1. September 1944 in Lustenau (Vorarlberg), hat stets eigenständige Positionen eingenommen. Die Orientierung an der Börse, am sogenannten Shareholder-Value, die von seinen Kollegen fast durchweg gutgeheißen wurde, stieß bei ihm von Anfang an auf massive Kritik. Lehre Malik war Professor für Unternehmensführungslehre in St. Gallen (1974–2004) und ist an drei Universitäten in China als Sonder- oder Honorarprofessor tätig. 1984 gründete er das Beratungs- und Bildungsunternehmen Malik Institut, in dem er Managern sein Verständnis der Wirtschaft als System vermittelt. Malik ist zudem Autor zahlreicher Management-(Lehr-)Bücher, in denen er stets über den Tellerrand der kurzfristigen Gewinnmaximierung hinausblickt. Gerade ist im Campus Verlag sein neues Buch „Navigieren in Zeiten des Umbruchs“ erschienen. mih


Debatte 19

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Schärfere Sanktionen drohen Das Bundesjustizministerium plant ein Novum im deutschen Recht: eine eigene Haftung von Unternehmen für Fehlverhalten ihrer Mitarbeiter, Geschäftsführer oder Vorstände. Dabei reicht das vorhandene rechtliche Instrumentarium aus. Von Christoph Winkler

JURIST UND BERATER Karriere Christoph Winkler (Jahrgang 1970) studierte Rechtswissenschaften in Mainz und Genf. Der promovierte Jurist ist Rechtsanwalt und seit 2014 Managing Partner bei Menold Bezler Rechtsanwälte Partnerschaft in Stuttgart. Themen Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zählt die Beratung großer und mittlerer Unternehmen vor allem im Gesellschaftsrecht, bei internationalen Unternehmenstransaktionen und bei VentureCapital-Beteiligungen. red

eine Verbandsgeldstrafe bis zu zehn Prozent des Gesamtumsatzes des Unternehmens, eine Art neuen Prangers in Form der öffentlichen Bekanntmachung der Verurteilung, der Ausschluss von der Vergabe öffentlicher Aufträge und als ultimative Sanktion die Auflösung des Unternehmens. Außerdem soll die Staatsanwaltschaft bei Vorliegen eines Anfangsverdachts zwingend ermitteln. Bisher darf sie darüber nach pflichtgemäßem Ermessen entscheiden. Positiv zu bewerten ist an den Plänen Kutschatys, dass Compliance-Maßnahmen honoriert werden sollen. Das Gericht kann von einer Strafe absehen, wenn das Unternehmen ausreichende organisatorische oder personelle Maßnahmen ergriffen hat, um vergleichbare Straftaten in Zukunft zu vermeiden, und ein bedeutender Schaden zumindest zum wesentlichen Teil wiedergutgemacht ist. Um einen Anreiz für Compliance-Systeme zu schaffen, bedarf es aber keines neuen Unternehmensstrafrechts. Der Bundesverband der Unternehmensjuristen (BUJ) hat einen Alternativvorschlag erarbeitet, um das Ordnungswidrigkeitenrecht entsprechend anzupassen. Anders als der Gesetzesvorschlag Kutschatys enthält er konkrete Anhaltspunkte, welche Compliance-Maßnahmen ein Unternehmen durchführen muss, um Geldbußen zu mildern. Beispielsweise beschreibt der BUJ Grundelemente für ein effektives Compliance-System, die auch für kleine und mittelständische Unternehmen umsetzbar sind. Dazu zählt, Risiken für Rechtsverstöße regelmäßig zu bewerten, die Mitarbeiter entsprechend zu schulen und vertrauliche Hinweise auf etwaige Straftaten zu ermöglichen. Bestenfalls soll ein Konzern einem Bußgeld sogar ganz entgehen können, wenn er einen Verstoß freiwillig meldet und beweisen kann, dass er über ein ordnungsgemäßes Compliance-ManagementSystem verfügt. Zwar ist fraglich, ob ein so weitgehender Ansatz durchsetzbar ist; richtig ist aber, mehr Rechtssicherheit zu schaffen, nach welchen Kriterien die Justiz eine Strafe bemisst, wenn sich ein Unternehmen um Aufklärung und Wiedergutmachung bemüht und Fehlverhalten anzeigt. Jedenfalls bedarf es keines neuen Unter-

Wie sich Manager vor Haftungsrisiken schützen Spezielle Policen verhindern, dass Top-Führungskräfte bei Fehlverhalten zur Kasse gebeten werden. Von Thomas Magenheim Versicherungen

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hne eine Manager-HaftpflichtversiZahlungspflichtig ist die Assekuranz cherung geht heute auch in deut- nur in Fällen, die nicht über grobe Fahrlässchen Konzernen nichts mehr. sigkeit eines Managers hinausgehen. VorSelbst rund drei Viertel aller mittelständi- sätzliches Fehlverhalten oder Gesetzesbrüschen Unternehmen haben hierzulande che sind also nicht abgedeckt. Letztere sind nach Einschätzung von Experten derartige allerdings de facto kaum nachweisbar. Bei Policen für ihr Spitzenpersonal abge- fahrlässigem Fehlverhalten ist die Deckung schlossen. Ohne eine Haftpflichtversiche- durch die Versicherung meist ausreichend, rung wäre die Gefahr für das Spitzenperso- so dass Manager selten selbst zur Kasse genal zu groß, bei Fehlverhalten mit Millio- beten werden. Wenn ein Fall zwischen Vernenbeträgen zur Rechenschaft gezogen zu sicherung, Manager und Unternehmen werden. Schon eine falsche Entscheidung strittig ist, wird das diskret per Vergleich kann einen Manager im schlimmsten Fall erledigt, meist ohne dass die Öffentlichkeit wirtschaftlich ruinieren, denn grundsätz- etwas davon erfährt. lich haften die Führungskräfte mit ihrem Ihren Ursprung haben die Managergesamten Privatvermögen für die von ih- haftpflichtversicherungen in den USA, wo nen verursachten Schäden. Unter Umstän- Gerichte sündige Manager und Unternehden können sie auch für men mit hohen Summen das Fehlverhalten von Kol- Um einen potenziellen bisweilen in Milliardenlegen oder Mitarbeitern Schaden von dimension in Regress nehzur Rechenschaft gezogen 250 Millionen Euro men. In den USA gibt es – werden. anders als in Deutschland Die Anbieter sogenann- zu decken, sind jährlich – auch ein Unternehmenster D&O-Policen – die Ab- rund 1,5 Millionen Euro strafrecht. US-Versicherer kürzung steht für Direc- Prämie fällig. dominieren den Spezialtors and Officers Liability markt für Manager-HaftInsurance – sind ein bepflichtpolicen. Die Kosten sonders verschwiegener Spezialzweig der für derartige Versicherungen richten sich Assekuranz. Über konkrete Fälle oder gar unter anderem nach dem Umsatz und dem Summen plaudern die Versicherungs- Umfang der Versicherung – etwa mit Blick unternehmen nur ungern. Deckungssum- auf mögliche Schadenersatzansprüche men von bis zu einer halben Milliarde Euro Dritter. In Deutschland schätzen Experten für ein komplettes Vorstandsgremium sind das Prämienaufkommen für Managerhierzulande nach Angaben von Branchen- Haftpflichtpolicen auf rund 800 Millionen kennern möglich. Hohe Versicherungs- Euro. Die Prämien für Banker gelten in der summen werden meist von einem Konsor- Branche als besonders hoch. Um einen tium mehrerer Versicherungsgesellschaf- potenziellen Schaden von 250 Millionen ten geschultert. In Deutschland bietet zum Euro zu decken, seien jährlich rund 1,5 MilBeispiel die Allianz derartige Policen an. lionen Euro Prämie fällig, sagt ein Insider.

Illustration: Cartoonstock

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m Moment zieht die Justiz Manager meist über den Tatbestand der Untreue nach Paragraf 266 des Strafgesetzbuchs für Fehlverhalten zur Verantwortung, beispielsweise bei Risikogeschäften. Das ist problematisch, weil Entscheidungsträger aufgrund des unbestimmten Gesetzeswortlauts oft schwer einschätzen können, wann ihr Verhalten als Untreue zu werten ist. Hinzu kommt: Manager müssen oft sehr schnell entscheiden. Dagegen können die Strafrichter ex post die Hintergründe des „Es bedarf keines neuen inzwischen feststehenden Unternehmensstrafrechts, Misserfolgs ergründen. Um nicht nur Einzelpersoum eine einheitlichere nen, sondern auch UnternehAnwendung des Rechts men selbst für Wirtschaftsstraftaten zu sanktionieren, sicherzustellen und prüft das Bundesministerium Wirtschaftskriminalität der Justiz und für Verbrauwirksamer zu bekämpfen.“ cherschutz derzeit Regelungskonzepte für ein UnterRechtsanwalt Christoph Winkler über die Ahndung von Wirtschaftsdelikten nehmensstrafrecht. Bis jetzt lassen sich juristische Personen wie Unternehmen, Verbände und Vereine nur nach dem Ordnungswidrigkeitengesetz (OWiG) zur Verantwortung ziehen. Wenn ein Vorstand vorsätzlich ein Strafdelikt begeht und Unternehmenspflichten verletzt oder das Unternehmen bereichert, droht der Aktiengesellschaft danach eine Geldbuße bis zu zehn Millionen Euro. Außerdem kann die Justiz den durch die Tat rechtswidrig erlangten wirtschaftlichen Vorteil abschöpfen: So summierte sich der Bußgeldbescheid der Staatsanwaltschaft in der Korruptionsaffäre des Industriekonzerns Siemens auf 395 Millionen Euro. Nach dem Gesetzentwurf für ein neues Unternehmensstrafrecht, den der Justizminister Thomas Kutschaty aus Nordrhein-Westfalen erarbeitet hat, droht nun

Foro: privat

Strafrecht

nehmensstrafrechts, um eine einheitlichere Anwendung des Rechts sicherzustellen und Wirtschaftskriminalität wirksamer zu bekämpfen. Das bestehende Rechtssystem enthält bereits eine Vielzahl von Möglichkeiten, um auf innerbetriebliches Fehlverhalten zu reagieren. Dessen Wirksamkeit belegt ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik: In den Jahren 2009 bis 2013 ging die Zahl der Wirtschaftsdelikte zurück. Deshalb ist es sinnvoller, das Ord-

nungswidrigkeitenrecht zu reformieren und mehr Rechtssicherheit zu schaffen hinsichtlich der Anforderungen an die Einhaltung der Regeln guter Unternehmensführung. Der Vorschlag des BUJ liefert dafür eine wertvolle Orientierungshilfe. Nicht zuletzt schützt ein funktionierendes Compliance-Management Führungskräfte davor, bei ihren Entscheidungen in den Geltungsbereich des Untreuetatbestands zu gelangen.


20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 5 | Septe

Wie etablierte Unternehmen In Baden-Württemberg gehen auch einige große Unternehmen bei der Förderung von Innovationen neue Wege. Anstatt auf konventionelle Entwicklungsprozesse setzen sie auf innovative Gründungen im eigenen Haus, die ganz nach dem Muster von normalen Start-ups gefördert und gefordert werden. Das Energieunternehmen EnBW und der TechnoInnovation

Aufbruch in die Zukunft neben der Kohlehalde Start-ups im eigenen Haus sollen helfen, die von der Energiewende gebeutelte EnBW zu erneuern. Von Andreas Geldner

Innovationscampus

Z

ukunft und Herkunft liegen auf dem Innovationscampus der EnBW im Karlsruher Rheinhafen nur einen Steinwurf auseinander. Ein massiver Kraftwerksblock, hohe Schornsteine und Halden aus Steinkohlenstaub bilden hier die Kulisse. Die Mitarbeiter von EnBW, die in zwei früheren Verwaltungsgebäuden an Ideen für die Zukunft feilen, haben von ihren Fenstern aus das bisherige Geschäftsmodell des Energiekonzerns immer im Blick. „Neue Geschäftsmodelle im Angesicht der alten Eichen zu entwickeln, welche die Identität der EnBW ausmachen, das passt sehr gut zusammen“, sagt Oliver Deuschle, Programmmanager in der Innovationsabteilung. Dabei repräsentiert das erst 2013 modernisierte Rheinhafen-Dampfkraftwerk Karlsruhe direkt gegenüber nicht das Gestern. Es ist ein hochmodernes Steinkohlekraftwerk, weltweit nach „Entscheidend ist, ob Angaben der EnBW das effizienteste. Doch aus dem für die führenden Personen eine so massive Anlage recht im Unternehmen elegant designten Kraftdahinterstehen.“ werksblock RDK 8 steigt an EnBW-Innovationschef Uli Huener über diesem strahlenden Tag kein Rückendeckung für den Kulturwandel Rauch auf. „Vermutlich gibt es heute genügend Solarund Windenergie im Netz, so dass es nicht gebraucht wird”, sagt Uli Huener, der im Vorstand für den Innovationscampus zuständig ist. High Tech allein hilft nicht, das hat der durch die Energiewende in seinen Grundfesten erschütterte Konzern begriffen. Ohne das Bewusstsein einer tiefgreifenden Krise wäre es fast gleichzeitig mit der Eröffnung des Kraftwerks nicht zu einem radikal neuen, von der US-Start-up-Kultur inspi-

rierten Innovationsprojekt gekommen. Die EnBW ist hier stärker unter Druck als Unternehmen wie Bosch und Daimler, die sich zwar ebenfalls dem Start-up-Denken geöffnet haben, deren existenzielle Bedrohungen – etwa durch IT-Konzerne, die selbstfahrende Autos entwickeln – aber erst am Horizont sichtbar sind. Der seit Ende 2012 amtierende EnBWChef Frank Mastiaux hat dem Konzern einen Aufbruch verordnet, der in seiner Stringenz in Deutschland einmalig ist. Immer mehr Firmen haben heute einen Startup-Zweig oder eine Risikokapitalgesellschaft, die neue Geschäftsideen finden und Investitionsmöglichkeiten erschließen sollen. Doch bei der EnBW soll das Start-upDenken im Herzen der Firma ankommen und sie von innen umkrempeln – ohne dabei gleichzeitig das bisherige Geschäftsmodell, das noch lange eine tragende Säule bleiben muss, aus den Angeln zu heben. Für diesen Balanceakt ist Uli Huener zuständig. Bis 1992 hat er acht Jahre lang in San Francisco gearbeitet. „Ich hatte immer einen Gedanken: Wenn man es schaffen würde, den amerikanischen Umgang miteinander, diese Hierarchielosigkeit und Businessorientierung, mit deutschen Ingenieurtugenden und unserer Disziplin zu paaren, dann hätte man die perfekte Kombination,“ sagt Huener. Seit fast zwei Jahren versucht der Manager, der zuvor für den Konzern die Strommarke Yello aufgebaut hatte, bei der EnBW an die Entwicklungsprozesse der modernen Start-up-Kultur anzuknüpfen. „Entscheidend bei solchen Umbrüchen ist die Frage, ob die führenden Personen im Unternehmen dahinterstehen,“ sagt er. „Anders, komplett neu, skalierbar und ressortübergreifend“, so beschreibt er, was neue Ideen für den

Die Gründer können sich ihre ArbeitsInnovationscampus mitbringen müssen. Das Konzept geht weit über die Frage hi- zeit zwar selbst einteilen – der Innovanaus, ob daraus am Ende wirtschaftlich tionscampus ist Tag und Nacht zugänglukrative Spin-offs entstehen. Die ganze in- lich –, aber der betriebliche Rahmen für die terne Kommunikation im Unternehmen Arbeitszeit bleibt grundsätzlich bestehen. soll offener werden, damit neue Ideen Luft „Sie haben auch Zugriff auf 20 000 Wiszum Atmen bekommen. Stichworte sind: sensträger bei der EnBW, die wiederum Offenheit selbst gegenüber vermeintlich ihre Kontakte oder eigene Fähigkeiten haverrückten oder abwegigen Ideen, flache ben, die sie unterstützen können“, sagt InHierarchien, schlanke Strukturen, Eigen- novationsmanager Oliver Deuschle. Doch verantwortung und Vertrauen in die Initia- für einzelne Abteilungen und Vorgesetzte tive der Mitarbeiter, die herausgelöst aus war es anfangs gewöhnungsbedürftig, dass ihren bisherigen Arbeitsbereichen wie sie Mitarbeiter an den Innovationscampus Gründer agieren sollen. Zentral ist auch die abtreten sollten oder dass immer wieder einer der EnBW-internen Gründer mit Kooperation mit externen Start-ups. Das Ganze begann Ende 2013 mit einer Fragen oder der Bitte um Unterstützung nach dem Muster des sogenannten Design anklopfte. „Den Weg durch die Türen inThinking organisierten, offenen Ideenfin- nerhalb des Unternehmens dürfen sie sich dung. „Wir haben beispielsweise mit einer nicht so einfach vorstellen“, sagt der Innooffenen Veranstaltung und den vier von uns vationschef Huener. Schließlich fiel der vorgegebenen Themen Straßenbeleuch- ganze Prozess in eine Zeit, in der die EnBW tung, Solartechnologie, interne Kommuni- intern umstrukturierte und Arbeitsplätze kation und Crowdfunding begonnen“, sagt über Abfindungen abbaute. Der Innovationschef wehrt sich gegen Innovationsmanager Deuschle. 150 Leute kamen bei Bier und Pizza freiwillig zur Auf- die bei Start-ups „auf freier Wildbahn” gelegentlich vorzufindende Meinung, dass taktveranstaltung. Daniel Schneider, EnBW-Gründer der einem solchen in ein Unternehmen eingeersten Stunde und inzwischen kaufmänni- betteten Gründungsprozess der nötige exisscher Leiter bei Smight, einem Start-up für tenzielle Druck und die nötige Radikalität innovative Straßenlaternen, ist ein Parade- fehle. Der von einem internen Gremium beispiel dafür, dass man kein Tüftler sein betriebene Auswahlmuss, um sich mit neuen Ideen einzubrin- prozess sei rigoros. gen. Er war zuvor im zentralen Projektma- „Das ist kein Spiel, das nagement der EnBW tätig – und hätte sich wir hier machen. Wir wohl nicht vorgestellt, dass er einmal Stra- haben im ganzen den ßenlampen optimiert. „Ich bin selber gar Unternehmen kein Techniker“, sagt er. „Die erste Sitzung Druck, die Dinge, die war noch typisch am Besprechungstisch. wir im etablierten GeAber dann haben wir in einer Gruppe von schäft verlieren, in 18 Leuten gesagt, dass wir das ganz anders den kommenden Jahmachen müssen.“ Nach einer Sitzung, in ren wenigstens teilder auch schon bei potenziellen Kunden weise zu kompensieIdeen und Wünsche eingeholt wurden, gab ren“, sagt Huener. Für die beteiligten es ein völlig offenes Brainstorming. „Wir haben am Anfang knapp 500 Ideen Mitarbeiter stehe gesammelt, egal wie verrückt sie erschie- vielleicht nicht die nen: von Lampen als Bierzapfhähnen oder Existenz auf dem trotzdem als Aufhänger für Hundekotbeutel bis hin Spiel, zu einer Funktion als Wlan-Antennen- müssten die Grünmast,“ sagt Schneider. Der erste Prototyp der des Innovazu wirkt fast wie eine Kinderbastelei. An tionscampus einem Mini-Mast aus Pappkarton simulie- denselben Etappen ren bunte Attrappen mögliche Antennen wie andere Start-ups einige Benchmarks und unterschiedliche Lichtfarben. Am di- erreichen. „Auch die haben genügend Ercken Lampenfuß stapeln sich die Kartei- folgsdruck und wollen unbedingt bestehen“, sagt Huener. karten einer Vielzahl von Ideen. Binnen zwei Jahren hat es Smight fast bis Die EnBW will bei der Frage, was mit den zur Marktreife geschafft. Ein inzwischen Projekten am Ende passiert, flexibel bleifertig montiert im Treppenhaus des Innova- ben. „Nach zwölf bis 18 Monaten sind tionscampus stehender gelber Mast dient sie spätestens aus dem Innovationcampus nun in der Tat als Plattform für Wlan und heraus“, sagt Huener. Im Prinzip stünden Notrufe sowie als Ladedann vier Wege offen: Die stützpunkt für Elektro- „Wir haben am Anfang interne Gründung könne autos. Auf der Automobil- knapp 500 Ideen als Start-up eigene Wege ausstellung IAA wurde das gesammelt, egal wie gehen. Es könne zu einem Konzept vor wenigen Tagen Joint Venture kommen, an vorgestellt. Es ist das von verrückt sie erschienen.“ dem die EnBW beteiligt der EnBW gerne präsen- Daniel Schneider über den Start ist, oder etwa zu einer tierte Vorzeigemodell da- der smarten Straßenlampe Smight GmbH, die unter Beteilifür, wie seitherige Kompegung der EnBW weitergetenzen sich mit neuen Ideen verknüpfen las- führt wird. Und als letzte Alternative bleibt sen. Wenn man die Vorgängerunternehmen für die Beteiligten der Weg zurück ins einbezieht, ist die EnBW schon seit 130 Jah- Unternehmen. Erfahrungen mit „Corporen für die Laternen von Städten und Ge- rate Start-ups“ in anderen Firmen hätten meinden zuständig. 300 Kommunen stehen aber gezeigt, dass man die unabhängiges auf der Kundenliste. Arbeiten und eigene Ideen gewohnten Das begleitete Gründen im Rahmen des Teams besser sozusagen auf einer externen Programms hat nicht nur für Daniel Umlaufbahn weiterarbeiten lasse, sagt Schneider den Neubeginn leichter ge- Huener: „Es besteht da schon die Gefahr, macht. Die EnBW ist bei ihren Start-ups in dass sie sonst beim Wiedereintritt in die der Aufbauphase als Investor beteiligt, die Atmosphäre verglühen.“ Gründer sparen sich das „Pitchen“ vor exNoch ist der Erfolg nicht in nackten Zahternen Investoren. Sie haben Netz und len zu messen. Im Vergleich zum Gesamtdoppelten Boden, weil immer die Möglich- konzern trägt die Innovationsabteilung biskeit besteht, am Ende wieder in den Betrieb her minimal zum Umsatz bei. Es geht aber zurückzukehren, wenngleich nicht unbe- um Zukunftsperspektiven und nicht um ein dingt auf dieselbe Stelle. schnelles Aufpolieren der Bilanz.

Neben den Kohlehalden des Rheinhafen-Dampfkraftwerks Karlsruhe – unser Bild zeigt die Förderanlage zur Beschickung des Kraftwerks – spielen EnBW-Mitarbeiter mit unkonventionellen Ideen. Foto: dpa

DIE VERSCHIEDENEN FACETTEN DES START-UP-KONZEPTS BEI DER ENBW

EnBW-Innovationschef Uli Huener (l.) und Daniel Schneider, Geschäftsleiter von Smight, zeigen, wie Ideen wachsen: Das Gebilde aus Pappe ist der erste Entwurf, hinten steht die fertige, smarte Lampe. Foto: jodo-foto Karlsruhe

Projekte Neben dem Konzept einer intelligenten Straßenlaterne namens Smight wurden auf dem EnBW-Innovationscampus auch noch weitere Projekte entwickelt. Campus One ist beispielsweise eine aus einer internen Kommunikationsplattform der EnBW herausgewachsene Software, die bereits kommerziell am Start ist. Sie soll Kommunen und Unternehmen den internen Informationsaustausch und über sogenanntes E-Training die Fortbildung der Mitarbeiter erleichtern. Die Gründer haben große Ambitionen und wollen auf den Weltmarkt.

Investitionen Die EnBW will aber zusätzlich zu den Projekten des firmeneigenen Innovationscampus über eine mit 100 Millionen Euro ausgestattete Risikokapitalgesellschaft namens EnBW New Ventures auch auf dem offenen Beteiligungsmarkt als Startup-Investor auftreten. Bei ihrem ersten Investment stieg diese Gesellschaf im Juli bei dem Hamburger EnergieStart-up DZ-4 ein. Die Firma verpachtet Solarstromanlagen und Stromspeicher an Privatkunden zu deren Eigenversorgung und liefert bei Bedarf auch Ökostrom aus dem Netz.

Kooperationen Die EnBW will bei Innovationen nicht nur mit Start-ups zusammenarbeiten. In Zusammenarbeit mit dem Autohersteller Daimler will EnBW den auf dem Karlsruher Innovationscampus entwickelten intelligenten Energiemanager für Privathaushalte namens „Energy-Base“ mit einem von Mercedes-Benz ursprünglich für Elektrofahrzeuge konzipierten Energiespeicher verknüpfen. Der stationäre Speicher wurde auf Basis der LithiumIonen-Technologie entwickelt und speichert überschüssigen Strom fast ohne Verluste. age


Wirtschaft in Baden-Württemberg 21

tuttgarter Nachrichten ember 2015

Raum für neue Ideen schaffen logiekonzern Bosch sind auf diesem Weg schon relativ weit. Die Firmen erhoffen sich zusätzlich den Nebeneffekt, dass die separaten Start-up-Strukturen auch auf das Denken und die Prozesse innerhalb der Firma abfärben. Dies ist mindestens so wichtig wie die Frage nach dem geschäftlichen Erfolg der Projekte, die sich auf dem freien Markt erst noch bewähren müssen.

Bis zu 40 Zentimeter tief im Boden steckt der Stab, der mit Sensoren bestückt ist. So kann Christian Lasarczyk die Temperatur in unterschiedlicher Tiefe messen.

Fotos: Bosch

Die exotischen Tüftler von Bosch Der Stuttgarter Technologiekonzern hat vor zwei Jahren eine Start-up-Tochter gegründet. Drei Teams loten künftige Geschäftsfelder aus. Ein Beispiel sind Sensoren für den Spargelanbau. Von Inge Nowak Strategie

N

Das Autogeschäft – hier eine Zündkerze – ist nach wie vor die wichtigste BoschSparte. Doch die Stuttgarter sind auch auf der Suche nach ganz neuen Geschäftsfeldern.

ein, so wie das Produkt daherkommt, passt es auf den ersten Blick überhaupt nicht zu Bosch. In der rechten Hand hält Christian Lasarczyk eine graue Box, die in einem haushaltsüblichen Gefrierbeutel steckt, in der linken hält er ein Teil, das an das Setzholz eines Hobbygärtners erinnert – und das steckt auch noch in einem roten Luftballon. „Den habe ich von meinen Töchtern“, erzählt Lasarczyk. Die beiden Mädchen sind drei und fünf Jahre alt. Was ihr Vater genau tut, verstehen die Töchter vermutlich nicht, doch mit ihrer freundlichen Gabe haben sie vielleicht mit zu seinem geschäftlichen Erfolg beigetragen. Denn der Gefrierbeutel und die Luftballons passen sehr wohl zu dem Technologiekonzern Bosch. Lasarczyk arbeitet nicht für den „großen“ Bosch, der nicht nur auf Technik, sondern auch auf die optische Perfektion wert legt, sondern bei der Robert Bosch Start-up GmbH. Salopp formuliert ist es die „Spielwiese“ für die Tüftler innerhalb des BoschKonzerns. Dort landen Ideen, die beim „großen Bosch“ kaum eine (Entwicklungs-) chance haben. Die E-Bike-Antriebe von Bosch wären ein solches Projekt gewesen; doch damals gab es die Start-up GmbH noch nicht. „Es geht darum, schnell herauszufinden, ob eine Idee funktioniert, es geht nicht um eine perfekte Produktentwicklung“, erläutert Peter Guse, einer der Geschäftsführer der Start-up GmbH. Genau das hat Lasarczyk getan. Im Team aus fünf Kollegen haben sie eine vernetzte Sensorlösung für den Spargelanbau entwickelt. Gerade mal drei Wochen hat das gedauert – damit konnte das Team noch während der diesjährigen Spargelsaison ein Pilotprojekt mit sieben Landwirten und zehn Spargelfeldern starten. Luftballon und Gefrierbeutel waren dabei übrigens nützliche, wenn auch unkonventionelle Utensilien, um den Sensor und das Funkgerät vor äußeren Einflüssen wie Nässe zu schützen. Aber warum benötigt ein Spargelerzeuger überhaupt einen solchen Sensor? In Deutschland beginnt die Spargelsaison Anfang April. Zu dieser Zeit kann es hierzulande noch ziemlich kalt sein. Traditionell nutzen Landwirte Folien, die

sie über die Spargelfelder ziehen, um optimale Wachstumsbedingungen zu schaffen und damit auch eine gute Qualität zu gewährleisten. Temperaturmessungen sind üblich auf einem Spargelfeld, erläutert Lasarczyk. Bisher geschah das vor Ort; der Bauer musste aufs Feld fahren. Künftig stecken die Bosch-Sensoren bis zu 40 Zentimeter tief in den Spargeldämmen. Der Landwirt kann die erfassten Daten dann über eine Smartphone-App aus der Cloud abrufen. Landwirte sind durchaus offen für neue Technologien, dafür genügt ein Blick auf die Landtechnik, für die Bosch unter anderem Hydrauliksysteme zuliefert. Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass Lasarczyk sich diesen Markt genauer angeschaut hat. In Gesprächen mit Landwirten ging es darum, deren Bedürfnisse zu erkennen und diese – mit Bosch-Technologie – möglichst zu erfüllen. „Zuerst ging es gar nicht vorrangig um Spargel“, erzählt der Tüftler. Man habe auch über Viehzucht und Kräuter geredet – und entschied sich dann doch für das Edelgemüse. Mittlerweile wurde sogar ein ansprechendes Design ganz in Schwarz für das neue Produkt gefunden. Ob es allerdings jemals mit dem BoschLogo auf den Markt kommen wird, ist noch nicht entschieden. „Wir wissen, dass der Markt der Spargelsensoren allein zu klein für Bosch ist“, sagt Geschäftsführer Guse. Es müssen also weitere landwirtschaftliche Anwendungen hinzukommen. Das wissen Lasarczyk und seine Kollegen auch – und sind bereits auf der Suche. So waren sie etwa in Brasilien vor Ort, um mit Viehzüchtern zu reden. Möglich wäre etwa, das Gewicht der Tiere oder deren Laufleistung zu messen. Denkbar wäre auch die Erfassung des Stickstoffgehalts im Boden, um Informationen für eine optimale Düngung zu erhalten. Doch dies sind Spekulationen. Aus wettbewerbsrechtlichen Gründen will Bosch sich nicht näher äußern. Nur so viel: es geht darum, Bosch-Technologie in der Landwirtschaft zu einem profitablen Geschäft zu machen. Ende 2013 hat der Konzern, der den größten Teil seines Umsatzes mit der Automobilindustrie erzielt, die Plattform für Start-ups in Ludwigsburg gegründet. Mittlerweile arbeiten dort 50 Beschäftigte in drei Teams an unterschiedlichen Ideen. So kümmert sich ein Team um künftige Lösungen für Warenbewegung, heißt es bei Bosch. Dabei spielen Gabelstapler eine Rolle, die in einer Halle direkt neben dem

Start-up-Großraumbüro stehen. Versuche Endeffekt an den Start gehen dann ein bis mit ihnen können sofort durchgeführt wer- zwei Geschäftsideen pro Jahr. Den neuen den. Auch der Automatisierung im Haus- „Gründern“ stellt Bosch einen einstelligen halt haben sich Bosch-Tüftler zugewandt. Millionenbetrag pro Jahr bereit, über den Ziel von alldem ist, neue Geschäftsideen sie frei verfügen können. Allerdings müssen zu entwickeln, mit denen der Konzern künf- die Gründer drei- bis viermal pro Jahr Retig Geld verdienen kann. „Es geht darum, chenschaft über die Fortschritte ablegen – schnell und billig zu lernen“, erläutert Guse. wobei auch da der Daumen wieder sinken Die Tüftler sollen mit mögkann. Und sie müssen lichst wenig Aufwand – da- „Nur mit neuen Ideen selbst Produktion und Verrum der Luftballon – die können wir unser trieb planen. So will Lasarczyk bis MitChancen ausloten. „Nur bestehendes Geschäft te des Jahres eine Kleinserie mit neuen Ideen können der Spargelsensoren verwir unser bestehendes Ge- schützen und bleiben kaufen. Messebesuche sind schäft schützen und blei- zukunftsfähig.“ bereits geplant. Sie sind ben zukunftsfähig“, sagt Bosch-Chef Volkmar Denner über quasi Unternehmer im der Bosch-Konzernchef die Bedeutung von Innovationen Unternehmen. Freilich Volkmar Denner. Und er müssen die Gründer nicht fügt hinzu: „Unsere Startup-Plattform ist auch ein gutes Beispiel für alles selbst machen. Sie können jederzeit auf das, was für mich heute ein wesentlicher Teil die Ressourcen des Konzerns zurückgreifen. einer modernen Unternehmenskultur ist: Und die Infrastruktur wird ihnen von der Gründergeist – auch oder gerade in etablier- Start-up GmbH zur Verfügung gestellt. Sie ist ten Unternehmen. Wir fördern bei Bosch etwa für die Räumlichkeiten, die Möbel und zunehmend das Unternehmertum im eige- die Buchhaltung zuständig. Übrigens: nicht nen Unternehmen.“ Denner spricht sich für nur in Deutschland gibt es solche Start-ups. eine Kultur aus, „in der Rückschläge Teil des „Es ist ein weltweites Thema“, sagt Guse. Lernprozesses sind“. Allerdings werden die Derzeit sind Teams von Bosch im kaliforni„Gründer“ bei Bosch durchaus an der Leine schen Palo Alto am Start. Wer Bosch-Gründer werden will, muss gehalten. Ein strenger Auswahlprozess regelt, wer das bewusst tun. Er schließt einen Aufhein die Start-up GmbH darf. Beileibe nicht je- bungsvertrag mit dem Konzern und einen de Idee erhält auch eine Chance. Von den neuen Vertrag mit der Start-up GmbH; er rund 100 Geschäftsideen, die pro Jahr auf ist angestellt bei der kleinen Tochter. Eine den Tisch von Guse kommen, werden nur Rückkehrgarantie an den alten Arbeitsplatz etwa sechs einem Gremium vorgestellt, das gibt es nicht. Der Weg zurück zum „großen aus zwei Ingenieuren und zwei Kaufleuten Bosch“ läuft über eine Bewerbung. Die besteht, die den Daumen heben oder sen- Tüftler sind auch nicht am Geschäftserfolg ken. Die Kriterien dafür sind vorgegeben: So ihres Start-ups beteiligt (aber auch nicht muss beispielsweise die Idee zum Bosch-Ge- am Misserfolg). Dafür haben sie ein sicheschäft passen, die konzerneigene Technolo- res Einkommen – ein wichtiger Aspekt für gie nutzen und neue Märkte ansprechen. Im den Familienvater Lasarczyk.

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG BEI BOSCH Aufwendungen Bosch hat 2014 fünf Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (F&E)investiert, das waren gut zehn Prozent des Umsatzes. Im Vergleich zum Vorjahr ist der F&E-Anteil leicht um 0,2 Prozentpunkte gestiegen – in absoluten Zahlen sind das 500 Millionen Euro. 2010 hatte der Konzern „nur“ 3,8 Milliarden Euro oder 8,1 Prozent des Umsatzes für F&E ausgegeben. Entwickler Ende 2014 beschäftigte der Zulieferer 45 700 Mitarbeiter in der F&E. Sie sitzen an 94 Standorten in 25 Ländern. Demnächst wird das neue Forschungszentrum in Renningen eröffnet. Mittlerweile

ist jeder Dritte im Bereich F&E ein Softwareentwickler. Mehr als 3000 Entwickler kümmern sich um das Internet der Dinge. 2015 will Bosch 12 000 Hochschulabsolventen einstellen – vor allem Ingenieure und Softwarespezialisten. Themen Bosch ist enorm breit aufgestellt. Schwerpunkt ist das Auto, hier geht es um neue Antriebe wie die Elektrifizierung, Fahrerassistenzsysteme und Energieeffizienz. Auch im Haus ist Bosch aktiv – Stichworte sind Smart Home und Thermotechnik. Beispiele für praktische Anwendungen sind der Roboter-Rasenmäher oder der Sensor-Backofen. ino

Die gemessenen Bodentemperaturen werden auf das Smartphone übertragen.


22 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Für einen Autozulieferer wie Bosch ist es naheliegend, sich als Motorsportsponsor zu engagieren. Unser Bild zeigt ein Rennen der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft. Fotos: dpa, imago, LBG

Großzügigkeit bringt Aufmerksamkeit Deutsche Firmen fördern den Sport jährlich mit drei Milliarden Euro. Auch Naturschutz und Kultur werden unterstützt. Hilfreich ist, wenn das Sponsoring zum Kerngeschäft passt. Von Oliver Schmale

Sponsoring

D

as Firmenlogo auf dem Trikot der örtlichen Fußballmannschaft, der Name des Handwerkbetriebs auf einer Eintrittskarte oder der freundliche Hinweis während einer Veranstaltung auf deren Förderer: beim Sponsoring gibt es keine Grenzen. Vor allem in den Bereichen Sport und Kultur spielen Zuwendungen von Firmen eine wichtige Rolle bei der Finanzierung. So wurden im vergangenen Jahr in Deutschland allein „Im Idealfall generiert rund drei Milliarden Euro im Sport-Sponsoring ausgegeSponsoring eine positive ben, wie Nicole Richter vom Reputation bei einer Beratungsunternehmen Ernst Zielgruppe, die unter & Young unter Berufung auf einschlägige Erhebungen beUmständen nicht über klassische Marketingkanäle richtet. Das Engagement als Sponerreicht wird.“ sor helfe Firmen, auf die eigeNicole Richter, Sponsoring-Expertin beim ne Marke aufmerksam zu maBeratungsunternehmen Ernst & Young chen und diese mit einem positiven Image zu besetzen. „Im Idealfall generiert Sponsoring eine positive Reputation bei einer Zielgruppe, die unter Umständen nicht über klassische Marketingkanäle erreicht wird.“ Mit Sponsoring solle auch die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen dokumentiert werden, sagt Bernd Engelhardt von der IHK Region Stuttgart. Genaue Daten über das Volumen der Sponsoring-Aktivitäten in Baden-Württemberg gibt es nicht. Großunternehmen wie Daimler oder die Deutsche Telekom investieren Millionen in

Events und einzelne Projekte, um auf sich aufmerksam zu machen. Einen etwas anderen Weg geht dabei die in Stuttgart ansässige Landes-Bau-Genossenschaft (LBG) Württemberg. Sie engagiert sich nicht im klassischen Sponsoring, sondern ist stattdessen ganz bewusst im Bereich soziales Engagement unterwegs. Dies passe genau zum genossenschaftlichen Prinzip, sagt Vorstand Josef Vogel. Die herausragenden Projekte dabei sind die erste Senioren-WG in Stuttgart, das erste Mehrgenerationenhaus in Stuttgart, das Projekt „fleißige Bienen“ mit der Caritas zur Wiedereingliederung von langzeitarbeitslosen Frauen in die Arbeitswelt oder das seit zehn Jahren laufende Projekt mit der Erzdiözese Freiburg zur Wiedereingliederung von Wohnungslosen in Sigmaringen. Die Brauerei Alpirsbacher Klosterbräu hingegen sieht in Sponsoring seit Jahrzehnten ein probates Mittel, um die Marke zu pflegen und die Öffentlichkeit anzusprechen. Das Engagement in den Bereichen Kultur und Naturschutz über die Alpirsbacher Galerie und die Alpirsbacher Naturhilfe sei richtungsweisend für die Branche gewesen, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Carl Glauner. „Wir haben uns sehr früh auf diese beiden Felder konzentriert und haben uns nur in geringem Umfang im Bereich des Sportsponsorings engagiert.“ Die Ernst-&-Young-Expertin Richter weist zugleich darauf hin, dass es als Unternehmen auch durchaus sinnvoll sein kann, nicht in die Sportförderung zu investieren,

Auch in den Naturschutz fließen etliche Millionen Euro von Unternehmen. So engagiert sich die Brauerei Alpirsbacher für den Naturpark Schwarzwald. Unser Bild zeigt eine Gruppe Nordic Walker im Nordschwarzwald.

gerade wenn das nicht zum eigentlichen Kerngeschäft oder Unternehmensprofil passe oder Anlass für Kritik geben könne. „Über den Sport hinaus sind dem Sponsoring keine Grenzen gesetzt: jegliche Aktivitäten, bei denen es möglich ist, die eigene Marke in ein positives Licht zu rücken, sind denkbar, also auch soziale und Umweltinitiativen, Kultur-, Kunst- oder Wissenschafts- und Bildungsmaßnahmen“, sagt Richter. Alpirsbacher-Chef Glauner bekommt zahlreiche Anfragen mit der Bitte um zumeist finanzielle Unterstützung. „Da wir an diesem Punkt sehr tugendhaft sind, überlegen wir uns genau, welche Maßnahmen wir begleiten. Daher kommunizieren wir auch offen, dass nicht jede Anfrage nach Sponsorship positiv beantwortet werden kann.“ Es gelte ein faires Maß an Leistung und Gegenleistung zu finden, damit man nicht in den Bereich des reinen Mäzenatentums gelange, unterstreicht der Brauerei-Chef. Was so eine Unterstützung den Firmen bringt, ist schwer festzustellen. Natürlich wünscht sich der Förderer eine erhöhte Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Ob sich diese tatsächlich einstellt, lässt sich jedoch nicht unmittelbar messen. Fachfrau Richter ergänzt: „Um überprüfen zu können, ob ein Unterschied zwischen einer Zielgruppe besteht, die von ihrer gesponserten Aktivität weiß beziehungsweise daran beteiligt war, und einer Zielgruppe, die nichts von der Aktivität weiß oder nicht beteiligt war, muss ein Unternehmen aufwendige Befragungen und Analysen durchführen.“ Generell gebe es aber den Trend, dass sich gerade größere Unternehmen um eine verstärkte Wirkungsmessung bemühten, um ihre Aktivitäten legitimieren zu können. Viele Partnerschaften liegen auf der Hand – etwa zwischen einer Krankenkasse und dem Veranstalter einer Radtour. Weitere Beispiele sind der Buchhändler, der die Schultombola mit Gutscheinen unterstützt, das Sportgeschäft, das die Bandenwerbung im heimischen Stadion bestückt, oder der Gärtner, der den Kreisverkehr am Ortseingang verschönert. Dass Sponsoring auch als Geschäftsmodell interessant ist, zeigen die Aktivitäten des Unternehmens Futuresport. Es fungiert als Mittler und Klinkenputzer, um Geldgeber für Sportvereine zu suchen. Dafür wird dann eine Provision fällig. Der Technologiekonzern Bosch handhabt das Thema Sponsoring sehr streng. „Dabei legen wir Wert darauf, dass das gesponserte Objekt oder Ereignis unmittelbar zu dem Kern der Marke, den Produkten und Dienstleistungen sowie zu den Kompetenzfeldern von Bosch passt. Die Wirkung des Sponsoring wird dabei kontinuierlich überprüft“, erklärt ein Sprecher. Derzeit wird Geld für die Deutsche TourenwagenMeisterschaft gegeben. „Hier gibt es eine enge Verbindung zwischen den Kompetenzen von Bosch und dem Hochleistungsbereich der Automobilbranche.“ Zusätzlich unterstütze das Unternehmen die Rennteams oder engagiere sich im Bereich E-Bikes. Über die Höhe der eingesetzten finanziellen Mittel machte der Sprecher

Die Landes-Bau-Genossenschaft (LBG) Württemberg setzt auf soziales Engagement – etwa mit der Stuttgarter Senioren-WG.

AUCH MINISTERIEN LASSEN SICH SPONSERN Millioneneinnahmen Nicht nur Vereine, Kultureinrichtungen oder soziale Projekte lassen sich finanziell unterstützen. Auch der Staat greift auf Sponsoring zurück. Im vergangenen Jahr bekamen die Ministerien und die Regierungspräsidien insgesamt mehr als 59 Millionen Euro, wie aus dem Sponsoringbericht der baden-württembergischen Landesregierung hervorgeht. Dort sind systematisch Einnahmen aus Schenkungen, Spenden und Sponsoring ab einem Betrag von 1000 Euro erfasst. Teilweise sind die Namen der Gönner mit veröffentlicht, wenn diese damit einverstanden waren.

Kunstförderung Mit 54,5 Millionen Euro bekam das Haus von Wissenschaftsministerium Theresia Bauer (Grüne) das meiste Geld. Der Löwenanteil der Mittel ging dabei in die Bereiche Hochschule, Kunst und Kultur. Dieses Geld wurde beispielsweise zum Ankauf von Kunst verwendet. Oder es wurden die Oper in Stuttgart und das dortige Ballett gefördert. Drittmittel wurden nicht erfasst. Das Kultusministerium erhielt Zuwendungen in Höhe von 3,6 Millionen Euro. Der größte Teil davon wurde in die Begabtenförderung von Grundschulkindern gesteckt. os

keine Angaben. Er betont: „Generell führt gutes Sponsoring zum Bekanntheitsaufbau der Marke. Dieser kann beim Sponsoring höher ausfallen als mit anderen werblichen Maßnahmen.“ Ernst-&-Young-Expertin Richter sieht bei den Unternehmen generell das Bestreben, ihre Sponsoring-Aktivitäten wesentlich näher und langfristig am Kerngeschäft auszurichten, anstatt Gelder und Ressourcen willkürlich nach dem Gießkannenprinzip zu streuen.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Hilfe für andere hilft auch Helfern Viele Unternehmen sehen sich nicht nur als Wirtschaftsfaktor. Sie wollen auch etwas für ihre Umgebung tun. Davon kann der kleine Sportverein aus der Nähe ebenso profitieren wie ein Theater. Und die Firmen können ihr Ansehen steigern. Von Ulrich Schreyer Sponsoring

BW-Ba nk Die Tochter der LBBW fördert das traditionsreiche Reitturn ier Stuttgart German Masters.

W

Fotos: Baumann, Kärc her, Schmalz, Stihl , Voba Kirchheim-Nür

tingen

ir unterstützen als Spon- männische Aspekte eine Rolle bei der Aussor gerne sehr unter- wahl von Sponsoringprojekten“, sagt eine schiedliche Sportarten“, Sprecherin. Damit Kosten und Nutzen in sagt Hartmut Jenner. einem zufriedenstellenden Verhältnis steJenner ist Vorsitzender hen, führt Stihl stets Erfolgskontrollen der Geschäftsführung des Reinigungsgerä- durch. Untersucht werden dabei Reichweiteherstellers Kärcher in Winnenden. Das te und Wirkung des Sponsorings. Trotz Unternehmen, vor allem bekannt für seine vielfältiger Aktivitäten auch etwa im soziamen hat bei den Kä rch er Das Unterneh Hochdruckreiniger, bekennt sich auch zu len Bereich ist gerade Timbersports für er Kapelle ein Reinigungsarbeiten an den Vorteilen, die ihm die eigenen Sponso- Stihl der wohl wichtigste Imageträger – en. olf geh ms St ih l Der Waiblin des Aachener Do ger ring-Aktivitäten bringen: „Wir profitieren und im November 2016 will das Unternehdie Holzfäller-Welt Sägenhersteller unterstützt durch ein gutes Image und eine Steigerung men die Weltmeisterschaft wieder einmal meisterschaft Tim bersports. unseres Bekanntheitsgrades“, erklärt der nach Stuttgart holen. Vielgefragte Adressen in Sachen Herr der Hochdruckreiniger. Einer der Vereine, die Kärcher sponsert, ist sogar in Sponsoring sind Volksbanken und der Bundesliga: Die Handballer des TV Bit- Sparkassen. Die Volksbank Kirchheimtenfeld, die seit einiger Zeit als TVB 1898 Nürtingen etwa ist auch dieses Jahr Stuttgart firmieren, spielen seit dieser Sai- wieder mit ihrer Aktion „Gemeinsam mehr bewegen“ unterwegs. 75 000 Euro son in der obersten deutschen Spielklasse. Ein anderer ebenfalls von Kärcher werden dafür bereitgestellt, bewerben unterstützter Verein – der VfB Stuttgart – konnten sich Menschen, Vereine und schaffte dagegen mit Ach und Krach den Initiativen. Die Spende muss für eine Klassenerhalt. Zudem greift Kärcher dem konkrete Anschaffung im laufenden Jahr Fußballverein Sonnenhof Großaspach genutzt werden. Interessant ist das Auswahlverfahren: Nach einer unter die Arme. Das SportVorauswahl entscheiden sponsoring ist schon lange „Wir wollten auch den nicht die Vorstände der klar in die Firmenstrate- Bekanntheitsgrad gie eingebunden. Seit Mit- unserer Marke steigern.“ Bank, sondern die Mitglieder via Internet, wer wie te der 1980er Jahre wandviel bekommt. Auch bei der te sich Kärcher mit seinen Hartmut Jenner, Chef des Geräten verstärkt auch Reinigungsgeräteherstellers Kärcher Volksbank sind die AktiviVol ks ba nk K ir s täten recht vielfältig – so Privatkunden zu: „Nun ch ezialist au ti ngen Die Ba he im -N ür Vakuumsp en. er d galt es, den Bekanntheitsgrad der Marke wurde über das Internetportal der Bank l il w nk k o“ hat einen n ec li w o n n der ech Bauwagen für durch entsprechende Maßnahmen zu stär- durch Crowdfunding Geld bei vielen kleiProjekt „T egeisterung von Kin den Waldkinem d it M b lz dergarten gesp nen Spendern gesammelt. Damit konnte ken“, heißt es in einem Rückblick. Schma ie Technik onsert. arzwald d Jedes Jahr flattern rund 1500 Anfragen für einen Waldkindergarten ein Bauwagen dem Schw ins Haus. Nicht allen Bittstellern kann ge- gekauft und restauriert werden. Eine lange Tradition hat Sponsoring holfen werden, aber jedes Gesuch wird individuell beantwortet. Besonders spekta- bei der Landesbank Baden-Württemberg. dem Reitturnier auch der VfB Stuttgart Zeit an das politische, wirtschaftliche und kulär indes ist das Kultursponsoring: Mit- Rechnet man die Aktivitäten des Vorgän- unterstützt. Und wenn am Zusammenfluss soziale Leben herangeführt werden – etwa arbeiter haben das Brandenburger Tor gerinstituts hinzu, kommen bereits 31 Jah- von Rhein und Neckar der Puck über das Eis indem sie Berufe lernen und als Schneider ebenso gereinigt wie die in Fels gehauenen re zusammen, in denen die heutige LBBW saust, ist die LBBW ebenfalls dabei: Auch oder Maler etwas produzieren oder eine Gesichter amerikanischer Präsidenten am das Stuttgarter Reitturnier German Mas- den Mannheimer Adlern wird von dem Dienstleistung erbringen. Anfragen für eine Mount Rushmore. Kürzlich war eine Ka- ters unterstützt. „Als öffentlich-rechtliche Spitzeninstitut der Sparkassen geholfen. In Förderung gebe es reichlich, bei neuen Verpelle am Aachener Dom an der Reihe – und Bank fühlen wir uns selbstverständlich letzter Zeit werden verstärkt soziale Aktivi- pflichtungen aber verhalte sich die LBBW, dabei ging es nicht nur um die Beseitigung auch dem Gemeinwohl verpflichtet“, meint täten unterstützt, der Schwerpunkt liegt da- auch wegen des naturgemäß beschränkten Budgets, „sehr restriktiv“. Und natürlich von Schmutz, sondern „um eine restaura- Marcus Recher, Leiter Konzernkommuni- bei auf dem Thema Bildung. So gehören die LBBW und ihre Tochter- schaut auch die Bank auf den Nutzen: „Alle torische Reinigung“, wie ein Sprecher des kation und Marketing. Beispiele für das Unternehmens sagt. Kärcher hilft, hat aber Kultursponsoring sind Hilfen für das gesellschaft BW-Bank zu den Unterstützern Aktivitäten im Kultur- oder Sportbereich auch den eigenen Vorteil im Sinn. „Wir wol- Kunstmuseum oder die Oper Stuttgart, aber der Stuttgarter Kinderspielstadt Stutengar- haben eine hohe Resonanz bei unseren len zeigen, was wir können“, heißt es bei auch eine Unterstützung für das National- ten, die erst vor Kurzem ihre Tore geschlos- Kunden. Dies ist für uns ein wichtiges Kritedem Unternehmen mit einem Jahresum- theater Mannheim. Im Sport wird neben sen hat. Kinder sollten in dieser Stadt auf rium“, erklärt Recher. satz von 2,1 Milliarden Euro und weltweit etwas mehr als 11 000 Mitarbeitern. So groß ist der Vakuumspezialist Schmalz aus Glatten bei Freudenstadt lange nicht. Aber auch die Sponsoring-Aktivitäten des Unternehmens mit 900 Mitarbeitern sind recht umfangreich. „Wir konzentrieren uns auf unser lokales Engagement“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Kurt Schmalz. „Wirtschaftlicher Erfolg, ökologische Verantwortung und soziales Engagement“ sind die drei Ziele, von denen Schmalz sich leiten lässt. Deswegen dreht sich nicht nur ein Windrad über Tannenwipfeln, deswegen haben auch Auszubildende mitgeholfen, die Umkleidekabinen im Freibad umzubauen oder eine Kletterwand aufzustellen – was nicht nur andern hilft, sondern auch die Auszubildenden „Alle Aktivitäten im „in ihrer persönlichen Entwicklung weiterbringt“, wie Sponsoring von Sport Schmalz meint. Im Kindergarund Kultur finden ten sollen beim Projekt „Techbei unseren Kunden nolino“ schon die Kleinen Spaß an Technik und Natureine große Resonanz.“ Hier in oder in Berlin | Essen | Frankfurt a. M. | Hamburg | Köln | München wissenschaften finden. Marcus Recher, Unterstützt werden auch Marketing-Chef der LBBW Sportvereine, Kunst- und Musikprojekte sowie karitative Einrichtungen. „Wir wollen einen Beitrag für die Entwicklung unserer Region leisten“, erklärt Schmalz. „Es geht nicht nur darum, dass wir durch unser Engagement einen guten Ruf bekommen.“ Klar sei aber, inkl. Praktikum im In- oder Ausland inkl. Auslandssemester dass ein positives Image auch dem Unternehmen helfen könne, „etwa bei der Gewinnung von Fachkräften“. Ähnlich langfristig wie Schmalz denkt auch der Waiblinger Sägenhersteller Stihl, ebenfalls ein Familienunternehmen. Bereits seit 1985 gibt es die Stihl Timbersports Series, eine Art Holzfällerwettbewerb. Bei dieser wohl bekanntesten SponsoringAktivität des Unternehmens – die Galerie Stihl ist eine private Familienstiftung – kann Stihl Jahr für Jahr Millionen von Fernsehzuschauern seine Sägen präsentieren, „in einem maximal emotionalen und passgenauen Umfeld“. Das Unternehmen hat Mitte dieses Jahres aber auch mehr als 50 000 Euro für ein SOS-Kinderdorf in Nepal gespendet. Mitarbeiter helfen, den Garten eines Dorfes zu pflegen. Zudem engagiert sich Stihl beim Europäischen Gestaltungspreis für Holzbildhauer. „Als schwäbisches Familienunternehmen spielen bei Stihl natürlich auch kauf-

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Abi 2015 – und dann? Europäisch studieren. Stuttgart

» European Business & Psychology* Bachelor of Science (B.Sc.)

» European Management* Bachelor of Arts (B.A.)

Semesterstart: 15. September 2015

Nächste Infoabende in Stuttgart: 13.10. | 08.12. | 16.02.16 studienberatung @ eufom.de | 0800 1 97 97 97 * Doppelter Hochschulabschluss der FOM Hochschule und der eufom University Luxemburg eufom European School for Economics & Management – eine School der FOM Hochschule


24 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 5 | September 2015

Auch im Kultursektor treten Unternehmen häufig als Sponsoren auf. Kritiker sehen dadurch die Unabhängigkeit der Kultur in Gefahr.

Karikatur: Teresa Habild Foto: privat

Falsches Sponsoring schadet allen Die Wirtschaft steckt Milliarden in die Förderung von Sport, öffentlichen Projekten und Kultur. Damit sowohl die Geförderten als auch die Geldgeber profitieren, braucht es aber eine detaillierte Planung und Überwachung der Sponsoring-Aktivitäten. Von Sylvia Schenk Gastbeitrag

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ponsoring ist ein Milliardengeschäft. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Repucom wurden in Deutschland im vergangenen Jahr 4,8 Milliarden Euro dafür ausgegeben. Das Geld floss an Organisationen, Veranstalter oder Einzelpersonen – als Gegenleistung für deren Werbewert oder spezifische Marketingmöglichkeiten. Aber es profitierten auch Medien, Agenturen und sonstige Anbieter rund um das Thema Sponsoring. Spitzenreiter bei den Empfängern war der Sport mit knapp drei Milliarden Euro, wovon zwei Drittel auf den Fußball entfielen. Den zweiten Platz nahm das Medien-Sponsoring mit 900 Millionen Euro ein, 600 Millionen Euro gingen an öffentliche Projekte. Die Kultur erhielt 400 Millionen Euro – und verzeichnete damit 2014 als einziger Bereich einen Rückgang der Sponsoring-Einnahmen. Für die Zukunft prophezeit Repucom einen weiteren Rückgang bei der Kultur, während der Sponsoring-Markt insgesamt weiter wachsen soll.

Die Attraktivität von Sponsoring als Marketinginstrument scheint also ungebrochen – kein Wunder, lassen sich doch gerade im Sport mit vergleichsweise geringen Mitteln oft hohe Reichweiten und Sympathiewerte erzielen. Das gilt international und national ebenso wie auf regionaler Ebene, wobei insbesondere in letzterem Fall die Grenzen zur Corporate Social Responsibility (CSR) meist fließend sind – wenn etwa der örtliche Fußballclub in der Landesliga oder das Sozialprojekt an einer Schule unterstützt werden. Da dient das Sponsoring dann oft mehr dem bloßen Imagegewinn oder dem gesellschaftlichen Engagement vor Ort als dem Absatz der eigenen Produkte oder Dienstleistungen. So vielfältig das Sponsoring, so spezifisch die Risiken, die damit verbunden sein können. Das beginnt schon bei der Auswahl: nicht jede Art von Sponsoring passt zum geplanten Marketingziel oder zur eigenen Marke. Ein Anbieter für die ältere Generation trifft seine Zielgruppe beispielsweise eher nicht bei einem Punk-Konzert, selbst

wenn diese Musikrichtung denjenigen, die über das Sponsoring entscheiden, mehr zusagt. Es geht eben nicht um eigene Vorlieben, sondern bedarf einer genauen Vorstellung davon, was für den Sponsor wie erreicht werden soll. Größere Unternehmen erstellen deshalb ausgefeilte Sponsoring-Konzepte, um vor unliebsamen Ergebnissen geschützt zu sein und kein Geld zu verpulvern. Hinzu kommt, dass der Marktwert eines Sponsorings nicht immer leicht zu bestimmen ist, zumindest wenn es – anders als etwa bei der Bandenwerbung in Fußballstadien – keine Preislisten gibt. Welches Honorar ist für ein Testimonial eines bestimmten Sportstars angemessen? Welchen Geldwert hat das Titelsponsoring bei einer Konzertreihe tatsächlich? Da hier oft Emotionen mit im Spiel sind – es geht neben dem eigentlichen Marketing meist auch um die „gute Sache“ oder ein attraktives Projekt –, geraten kritische Fragen leicht in den Hintergrund. Gerade deshalb sind die detaillierte Planung und Prüfung

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Dr. Denis Mourlane

Ermutiger, Überlebensberater

Diplom-Psychologe, Unternehmensberater, Coach

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8. Oktober 2015 Kennen Sie das Gefühl, dass Sie gerne etwas Neues angehen möchten, doch es fehlt Ihnen der Mut? In den meisten Fällen benötigen wir lediglich einen mutigen Gedanken, um den ersten Schritt zu tätigen. Aber oft hindern wir uns selbst mit Sätzen wie „Du kannst das nicht!“ am Losgehen. Mit klaren Botschaften und Witz ermutigt Johannes Warth Sie zu freiem unternehmerischen Denken und Handeln. Die eigene Einstellung ist und bleibt einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Denn wer die Dinge gelassen angeht, wagt den nächsten Schritt und kommt im Beruf und Privatleben umso leichter voran.

19. November 2015 Warum meistern manche Personen schwierige Situationen mit Leichtigkeit, bringen selbst unter hohem Druck Höchstleistungen und lassen sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen? Fähigkeiten, nach denen sich viele Menschen sehnen und die in unserer heutigen Zeit immer bedeutender werden. Resilienz macht stark gegen Stress und verhilft zu mehr Gelassenheit. Der Psychologe Denis Mourlane führt Sie in das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft ein und zeigt Ihnen, wie Sie Ihre Resilienz weiterentwickeln und trainieren können.

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B E S S E R

L E S E N .

jeglicher Sponsoring-Vereinbarung sowie der späteren Umsetzung wichtig. Drei Punkte sind dabei besonders zu beachten. Erstens: Ein Sponsoring darf weder dem „Clean-Washing“ dienen, noch auch nur den Eindruck von Einflussnahme wecken. Umweltsünden in der Produktion lassen sich nicht durch Förderung eines Umweltprojektes aus der Welt schaffen – wenn so eine Verknüpfung bekannt wird, ist jegliche Glaubwürdigkeit dahin. Auch wer Fachleute in Schulen schickt oder Forschung und Wissenschaft unterstützt, muss Interessenkonflikte vermeiden und zudem aufpassen, nicht in den Verdacht der Manipulation junger Menschen oder der Herbeiführung bestellter Ergebnisse zu kommen. Weniger ist da oft mehr, ein Sponsoring muss stimmig sein und darf die Unabhängigkeit des Gesponserten nicht antasten. Besondere strafrechtliche Bestimmungen gelten für den öffentlichen Bereich, auch die Reputationsrisiken sind hier „Umweltsünden in der hoch. Hilfreich sind dazu die Produktion lassen sich von der Innenministerkonfe- nicht durch Förderung renz erlassenen Richtlinien. Zweitens: Die hohe öffent- eines Umweltprojektes liche Aufmerksamkeit vor al- aus der Welt schaffen.“ lem beim Sportsponsoring Transparency-Aktivistin Sylvia Schenk wird zum Bumerang bei nega- über die Grenzen des Sponsoring tiven Ereignissen. Die internationale Debatte über die Rolle der Fifa-Sponsoren zeigt die gewachsenen Ansprüche der Öffentlichkeit an Unternehmen, ein Dopingfall kann so auch schon auf nationalem Niveau imageschädigende Wirkung haben. Dagegen gilt es, sich frühzeitig abzusichern – durch sorgfältige Auswahl der Sponsoring-Partner und darüber hinaus mit entsprechenden ComplianceKlauseln im Vertrag. So kann ein Sponsor dazu beitragen, Werte durchzusetzen, statt sich womöglich zum Komplizen dubioser Praktiken zu machen. Drittens: Bei Events – ob in Sport oder Kultur – gehören VIP-Einladungen für Geschäftspartner und Kunden zum wesentlichen Teil der Umsetzung des Sponsorings. Kontakte in anregender Atmosphäre zu pflegen, ist per se nicht verwerflich, allerdings gerät manche Einladung in die Grauzone heutiger Compliance-Vorgaben, setzt die Eingeladenen der Versuchung aus oder überschreitet gar die rote Linie zur Strafbarkeit. Die Deutsche Fußball-Liga und der Deutsche Fußball-Bund DFB geben mit einem Leitfaden zur Hospitality samt Selbstverpflichtungserklärung wichtige Informationen, wie man Fehler vermeidet. Risiken lassen sich managen, ein authentisches, transparentes Sponsoring – gut vorbereitet und begleitet – kann dagegen eine Win-win-Situation für alle Beteiligten sein. Ganz abgesehen davon, dass Qualität und Quantität vieler Angebote in Kultur und Sport, aber auch soziale Maßnahmen und manch anderes nicht zuletzt vom Engagement der Wirtschaft abhängen.

KÄMPFERIN FÜR TRANSPARENZ Autorin Sylvia Schenk leitet die Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International Deutschland. Von 2006 bis 2013 war die Juristin und ehemalige Leichtathletin Mitglied des Vorstands der Nichtregierungsorganisation. Von 2007 bis 2010 hatte sie den Vorstandsvorsitz inne. red


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

FLOTTENMANAGEMENT SEPTEMBER 2015 Lockmittel für Azubis

Aktuelle Daten

Beim Kampf um Nachwuchskräfte gehen Unternehmen neue, ungewöhnliche Wege: zum Beispiel die Lehrstelle plus Dienstwagen.

Durch die Vernetzung der Fahrzeuge lassen sich deren Sensordaten erstmals auch für andere Fahrer nutzen. Erste Konzepte entstehen.

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Fast wie bei Knight Rider D

ie meisten Fuhrparkmanager dürften die legendäre Fernsehserie „Knight Rider“ kennen, in der der sprechende Sportwagen Kitt die Herzen der Autoliebhaber eroberte. Der automobile Hauptdarsteller konnte die Umgebung überwachen, den Fahrer auf Gefahren aufmerksam machen und in kritischen Situationen selbst die Initiative ergreifen. Damals in den achtziger Jahren war ein autonomes Fahrzeug noch Science-Fiction. Heute ist es das erklärte Entwicklungsziel der Automobilindustrie. Es gibt bereits Assistenzsysteme, die bei Stau und zäh fließendem Verkehr bis Tempo 60 das Fahrzeug anfahren, beschleunigen, bremsen und in der Spur halten können. Die nächsten Generationen dieser Systeme werden noch mehr Fahraufgaben übernehmen. Geht das Timing der Autohersteller und Zulieferer auf, fahren vom Jahr 2030 an die ersten völlig autonomen Fahrzeuge auf den Straßen.

A n A d

utos mit modernen Assistenzsystemen ehmen dem Fahrer immer mehr ufgaben ab. Das Fuhrparkmanagement agegen bekommt eher mehr zu tun.

der Autos mit Assistenz- und Telematiksystemen erzeuge zum Beispiel jede Menge Daten und Informationen, die analysiert und überwacht werden müssten. Auch das Schadenmanagement wird im Fuhrpark noch für lange Zeit auf der Tagesordnung stehen. Schließlich bedeuten immer mehr Assistenzsysteme im Dienstwagen nicht automatisch weniger Unfälle. „Natürlich ist es eine feine Sache, wenn das eigene Fahrzeug mit Notbremsassistent ausgestattet ist. Schlecht ist es jedoch, wenn das System DIENSTWAGEN beim Hintermann fehlt. Das beste Mittel, um ASSISTENZSYSTEME Unfälle zu vermeiden, ist nach wie vor eine FUHRPARK passive Fahrweise und TECHNIKGLÄUBIGKEIT genügend Abstand zum Vordermann“, ÜBERSCHÄTZUNG weiß Marc-Oliver Prinzing. Tatsächlich sieht er auch auf lange Sicht in erster Linie den FahABSTAND SICHERHEIT rer in der Pflicht. „AsSCHADENMANAGEMENT sistenzsysteme entbinden den Menschen am Steuer nicht von seiner Verantwortung. Wer sich bei einem Unfall auf ein Versagen der Systeme beruft, hat damit vor Gericht kaum Chancen.“ Prinzing sieht die Gefahr, dass mit der Zahl der elektronischen Helfer an Bord bei manchen Mitarbeitern die Versuchung steigen könnte, den Fähigkeiten des Fahrzeugs mehr zu vertrauen, als das die Verantwortung erlauben würde. Ein Außendienstmitarbeiter könnte zum Beispiel trotz seiner Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag auf die Autobahn fahren, weil er auf die Funktion des Spurhalte- und Abstandswarnsystems vertraut. Ein anderer könnte aus Zeitdruck stärker als sonst auf das Gaspedal drücken, weil er davon ausgeht, dass im Notfall das Assistenzsystem regelnd eingreift. Ein handfester Risikofaktor fürs Unternehmen wäre der Mitarbeiter, der mit deaktiviertem Assistenzsystem unterwegs ist und das System erst dann einschaltet, wenn er kurz davor steht, einen Auffahrunfall zu verursachen. „Schwachpunkt ist und bleibt der Mensch. Solange Systeme abgeschaltet werden können, wird der eine oder andere mehr auf die eigenen Fahrkünste vertrauen“, bilanziert daher MarcOliver Prinzing. Joachim Geiger

DATEN

RISIKO

UNFALL AUTONOMES FAHREN

DER FAHRER WIRD DURCH TECHNIK NICHT BESSER Und welche Rolle spielt der Mensch in den Planspielen, die den Fahrer durch Technologie ersetzen wollen? Der Psychologe Tobias Ruttke vom Lehrstuhl für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sieht die Technikgläubigkeit der Branche mit Skepsis. „Assistenzsysteme machen das Fahren sicherer. Sie machen aber einen schwächeren Fahrer nicht zu einem besseren Fahrer. Umgekehrt können hoch entwickelte Systeme einen guten Fahrer zu einem schwächeren Fahrer machen, wenn er die Motivation verliert, sein Fahrzeug gut zu beherrschen.“ Im Fuhrparkmanagement jedenfalls wird die Integration technischer Hilfsmittel in das Fahrzeug für neue Akzente sorgen. „Der Fuhrparkleiter braucht einen genauen Überblick, welche Assistenzsysteme in welchen Fahrzeugen verfügbar sind und ob ihr Einsatz wirtschaftlich sinnvoll ist“, erklärt Marc-Oliver Prinzing, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Fuhrparkmanagement. „Er muss wissen, wie sie funktionieren und wo ihre Grenzen sind. Die von der Berufsgenossenschaft vorgeschriebene Einweisung erhält daher in der Praxis einen noch höheren Stellenwert.“ Aus Prinzings Sicht zieht mehr Technik auch mehr Arbeit fürs Management der Fahrzeuge nach sich. Die Ausstattung

Foto: Jenny Sturm/fotolia

E-Autos bleiben eine Nische Die Fahrer von Elektromobilen können sich als Vorreiter fühlen

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tolz sitzt der Dreikäsehoch am Steuer des BMW i8. Sein Papa fotografiert durch die offene Flügeltür des Sportwagens. Plötzlich springt der Kleine heraus und stürmt auf eine Kundenberaterin zu: „Wie viel fährt der?“ Im Münchner BMW-Pavillon für Elektromobilität ist ebenso wie im Tesla-Store viel von Nachhaltigkeit die Rede. Aber am Schluss geht es doch meistens um ganz andere Dinge – da unterscheidet die E-Autos kaum etwas von herkömmlichen Benziner- oder Dieselmodellen. Ansonsten aber haben die Elektrofahrzeuge noch deutlichen Nachholbedarf, meinen Fachleute. Für die meisten Autokäufer seien E-Autos heute kein Thema, sagt Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach. „R.I.P.: Reichweite, Infrastruktur, Preis – solange das nicht gelöst ist, ruht die E-Mobilität in Frie-

den“, so der Professor. Auch Christoph Stürmer, Autoexperte bei der Unternehmensberatung PWC, sieht E-Autos aktuell als Nischenfahrzeuge: eher für Betuchte mit Bahn-Netzkarte, Lufthansa-Meilenkarte und anderen Autos in der Garage. Dieser Kundenkreis hat auch andere Fragen – etwa, ob die Golftasche auf die Kindersitze passt. „Ich verkaufe auch ein Image“, sagt Ralf Reichert, Schauraumleiter im BMW-Pavillon. Mit Solaranlage auf dem Haus lasse sich der i3 klimafreundlich betanken, die Türverkleidung ist aus Pflanzenfasern, die Sitze können mit Recyclingstoff bezogen werden. Ein junger Araber im FC-Bayern-Trikot zeigt auf den i8 und hält Reichert ein Smartphone mit dem Foto des gleichen Wagens in Grün vor die Nase: „Mein Auto! In den Emiraten.“ Auf solche Eindrücke zielt auch Tesla: „Ein Auto ist für viele die emotionalste Sa-

che, die man kaufen kann“, sagt Tesla-StoreManager Benedikt Bucher. Viele Interessenten, die in den Laden kommen, seien bereits gut informiert. „Die wollen sich das mal live anschauen, mal reinsitzen und fahren.“ So wie Stephanie Schwindhammer aus dem Allgäu. Mit Mann und Kindern hat sie eben eine Probefahrt in einem Tesla absolviert. „Mir hat gefallen, dass er so leise war. Sehr geräumig innen.“ Aber: „Ich war skeptisch, ob das Auto noch sexy ist, wir sind eine gewisse Kraft gewöhnt.“ Der Vorführwagen von Tesla hat 700 PS. „Die Beschleunigung ist beeindruckend“, lobt Schwindhammer. Aber ob sie ihn kauft? Da ist sie noch unentschlossen. Laut Kraftfahrt-Bundesamt hat Tesla im ersten Halbjahr in Deutschland knapp 700 Autos verkauft. Der BMW i3 fand rund 1000 Käufer, der i8 etwa 250. Insgesamt machten

Elektrofahrzeuge drei Promille der Zulassungen aus. Tesla-Mann Bucher sagt: „Viele Leute haben Spaß an der Beschleunigung.“ In drei Sekunden von 0 auf 100, das ist ein Verkaufsargument. Und außerdem auch noch „für lau laden“. An den Tesla-Schnellladestationen kann der Kunde das kostenlos tun. In 75 Minuten ist der Akku voll. Aber: in München gibt es keine einzige Tesla-Ladestation – in ganz Deutschland gerade mal 46. Reicht das? „Die Frage nach der Reichweite kommt natürlich immer“, räumt Bucher ein. Das Spitzenmodell fährt maximal 500 Kilometer weit. Wenn der Käufer aber Vollgas gibt, die Klimaanlage aufdreht und das Radio anmacht, geht schon nach der halben Strecke der Saft aus. Notfalls lässt sich der Tesla an einer normalen Steckdose laden. Einmal abschleppen ist im Kaufpreis mit drin. dpa


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FLOTTENMANAGEMENT

September 2015

Suche Azubi, biete Smart Wie das Auto beim Buhlen um Nachwuchskräfte helfen kann

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er Dienstwagen ist im Personalmarketing längst ein probates Lockmittel, um neue Mitarbeiter für ein Unternehmen zu gewinnen. Mit den Begehrlichkeiten steigen dann häufig Hubraum und Leistung des Angebots. Ein Smart oder ein VW Up wären demnach das falsche Signal an den Geschäftsführer oder Abteilungsleiter in spe. Für den Auszubildenden hingegen wäre ein Stadtflitzer eine gute Wahl. Ein Dienstwagen für den Azubi? Immer mehr Unternehmen in Deutschland müssen gute Kandidaten für eine Ausbildung mit der Lupe suchen. Handel und Industrie können derzeit rund 80 000, das Handwerk rund 25 000 Ausbildungsplätze nicht besetzen. Hier wie dort sind kreative Ideen gefragt, um dem Engpass entgegenzuwirken. „Die Ausbildungsbetriebe müssen sich auf einen stärkeren Wettbewerb um qualifi-

zierte Jugendliche einstellen“, erklärt Dr. Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin. „Das Angebot eines Dienstwagens für Auszubildende kann ein Ausbildungsmarketing nicht völlig ersetzen, trotzdem ist es eine gute Werbemaßnahme für ein Unternehmen. Zudem würde das Fahrzeug den Jugendlichen in ländlichen Regionen einen handfesten Mehrwert bieten“, beschreibt Dohmen den Vorteil. Die Eisengießerei Dossmann im badenwürttembergischen Walldürn-Rippberg praktiziert seit eineinhalb Jahren genau diese Variante des Ausbildungsmarketings. Der mittelständische Betrieb bildet unter anderem Industriemechaniker, Elektroniker und Gießereimechaniker aus. Die ländliche Lage bringt es jedoch mit sich, dass das Unternehmen mit öffentlichen Verkehrsmitteln

nur schwer zu erreichen ist. Der Dienstwagen soll daher nicht nur die Auszubildenden motivieren, sondern auch ihre Mobilität sichern.

KLEINWAGEN NACH DER PROBEZEIT Nach Ablauf der viermonatigen Probezeit stellt das Unternehmen den Lehrlingen daher einen Smart zur Verfügung, der den Schriftzug „Heißes Eisen“ auf der Karosserie trägt. Derzeit sind sieben von 15 Azubis mit einem heißen Eisen auf Achse. Dossmann least die Fahrzeuge für drei Jahre mit einer jährlichen Laufleistung von 15 000 Kilometern. Die Azubis dürfen die Flitzer für Fahrten zur Arbeitsstätte ebenso nutzen wie für private Zwecke. Wer die Ausbildung beendet, gibt den Dienstwagen an den nächsten Interessenten weiter. Für die Eisengießerei hat sich die Aktion gelohnt. „Die Nachfrage nach Praktika und Ausbildungsplätzen ist dreimal so hoch wie früher. Auch die Lehrstelle für einen

Foto : Hers telle r

technischen Modellbauer haben wir nach dreijähriger Vakanz erfolgreich besetzt“, zieht Geschäftsführer Jörg Doßmann Bilanz. Eine Alternative zum vollen Dienstwagenprogramm können auch CarsharingModelle bieten. Damit lassen sich ebenfalls Azubis fürs Unternehmen finden und bei der Stange halten. Die Bäckerei Goeken im nordrhein-westfälischen Bad Driburg zum Beispiel zeichnet angehende Bäcker, Konditoren, Bäckereifachverkäufer und Bürokaufleute für besondere Leistungen mit dem Titel „Azubi des Monats“ aus. Zusammen mit einer Urkunde gibt’s dann den Schlüssel und eine Tankkarte für einen Ford Ka, der dem Titelträger dann einen Monat für Beruf und Freizeit zur Verfügung steht. Beim Finanzamt allerdings ist ein Sympathiebonus für den Kleinwagen nicht zu erwarten. „Der Smart für den Lehrling ist wie der AZUBIS BMW für den Abteilungsleiter mit der Ein-ProzentPERSONALMARKETING Regelung und der EntferSTEUER nungspauschale zu veranschlagen“, erklärt der LEHRSTELLEN CARSHARING Steuerexperte Frank Balmes von der WirtschaftsFACHKRÄFTEMANGEL prüfungs- und SteuerberaPROBEZEIT TANKKARTE tungsgesellschaft PKF Fasselt Schlage in Köln. Bei ENTFERNUNGSPAUSCHALE der Gehaltsabrechnung landet in DIENSTWAGEN AUSZEICHNUNG diesem Fall EIN-PROZENT-REGELUNG meistens etwas weniger Netto auf dem Konto des Azubis. Für einen Tarifvertrag ist dieses Prozedere in der Regel unbedenklich. Beim DGB Rechtsschutz in Düsseldorf heißt es dazu, dass im Ausbildungsvertrag grundsätzlich Abweichungen vom Tarifvertrag vereinbart werden dürfen. Diese seien aber nur dann rechtlich wirksam, wenn die Abmachungen für die Azubis in einer Gesamtschau günstiger ausfielen. Kein Problem stellt der Dienstwagen auch für den Bezug des Kindergelds dar – der Anspruch auf die Förderung hängt bei einer Erstausbildung nicht mehr von den Einkünften des Jugendlichen ab. Joachim Geiger

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Achtung, Regen! Datennutzung vernetzter Fahrzeuge

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ensoren von Autos bekommen heute viele Daten über potenziell gefährliche Straßenverhältnisse wie Nässe oder Glätte. Mehrere Anbieter arbeiten daran, solche Informationen zwischen Fahrzeugen auszutauschen. So weitet zum Beispiel der Verkehrsdatenanbieter Inrix sein Angebot auf die Anzeige wetterbedingter Straßenverhältnisse aus. Die Fahrer sollen damit frühzeitig etwa vor nasser Fahrbahn, Glatteis oder Nebel gewarnt werden. Für den Service sollen neben öffentlichen Datenquellen auch Informationen aus Sensoren vernetzter Autos ausgewertet werden, wie Inrix ankündigte. Zudem setzt die Firma auf die Prognosetechnologie des Wetterdienstes Global Weather, um gefährliche Straßenverhältnisse vorherzusagen. Die Warnungen werden alle 15 Minuten aktualisiert. Bisher beliefert Inrix Autoher-

steller und Telematikdienste vor allem mit Verkehrsinformationen. Aktuell gibt es diverse Projekte dazu, wie mit Hilfe von Daten aus Fahrzeugsensoren auch weitere Fahrer gewarnt werden können. Volvo setzte dafür einen eigenen Dienst nur für Fahrzeuge der eigenen Marke auf. Man wolle nicht warten, bis sich die gesamte Industrie auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt habe, hieß es. Der von Audi, BMW und Daimler gekaufte Nokia-Kartendienst Here will seine Technologie als branchenweiten Standard für den Austausch von Fahrzeugdaten etablieren. Der Inrix-Wetterdienst mit dem Namen „Road Weather“ ist ab sofort für Fahrzeughersteller, App-Entwickler sowie öffentliche Einrichtungen verfügbar. In der von Verbrauchern genutzten App soll der Service laut Unternehmen „in Kürze“ zugeschaltet werden. dpa

„Ich bin dabei, weil …

ich gespannt bin, wie erfolgreiche Unternehmen die Herausforderung ‚Individualisierung‘ in ihrer Marketingstrategie umsetzen.“

42. DEUTSCHER MARKETING TAG Inkl. Verleihung des Deutschen Marketing Preises 3. Dezember 2015 in Stuttgart Veranstaltungsort: ICS Internationales Congresscenter • Messepiaza 1 • 70629 Stuttgart

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Daten sollen für mehr Verkehrssicherheit bei Nässe sorgen.

Foto: Trendobjects/Fotolia


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SCHWERPUNKT: SCHOLPP WELTWEITE INDUSTRIEMONTAGEN

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Foto: Scholpp / Gottfried Stoppel

Alles aus einer Hand Ob Betriebsumzüge, Produktionsverlagerungen, Maschinentransporte, Maschinenmontagen oder -modernisierungen: Scholpp ist der richtige Ansprechpartner.

Scholpp bewegt die Industrie Eindrucksvoll: Mehr als 1,5 Millionen Monteurstunden haben die Mitarbeiter der Scholpp Gruppe im vergangenen Jahr geleistet. Und dieses Jahr dürften es nicht weniger werden. Der dafür genutzte Gerätepark vom Schraubenzieher bis zu Hubgeräten, die Hunderte Tonnen schwere Lasten bewegen können, beziffert sich auf einen Gegenwert von etwa 25 Millionen Euro. Noch so eine beachtliche Zahl. Einblicke in ein Unternehmen, das Tag für Tag Herausforderungen meistert – im Großen und im Kleinen.

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Die Geschichte des Unternehmens Wir schreiben das Jahr 1956. Im Nachkriegsdeutschland ist der Wiederaufbau allerorten im Gange. In diesem wirtschaftlich schwierigen Umfeld gründet Alfred Scholpp ein Unternehmen – „H. + A. Scholpp“. Die Firma bewegt für Menschen Lasten des täglichen Lebens. Im Laufe der Zeit werden die Gegenstände größer und schwerer. Mit der Komplexität von Gebäuden, Maschinen und Produktionsprozessen steigen auch die Anforderungen. Eine Entwicklung, die Scholpp begleitet und mit immer neuen Service-Angeboten beantwortet. Heute unterstützt das Unternehmen die Kunden als Dienstleister für das Bewegen von Lasten, für die Installation oder die Modernisierung von Maschinen und Anlagen in fast allen Branchen.

Wenn in der Industrie Maschinen verlagert oder neue montiert werden müssen, wenn bei Anlagen Wartung oder Modernisierung ansteht, wenn eine ganze Produktionsstraße den Standort wechselt – dann kommt man an Scholpp nicht vorbei. Das Unternehmen sieht sich als Partner der Industrie, als Spezialist und Generalist gleichermaßen. Scholpp schöpft aus der Erfahrung einer fast 60-jährigen Firmengeschichte, setzt auf das Knowhow seiner 1200 Mitarbeiter und eine moderne technische Ausstattung.

nik GmbH mit Niederlassungen in Stuttgart, Dietzenbach bei Frankfurt/Main, Chemnitz, Berlin, Erfurt, Dresden, Hamburg, Köln und Oberhausen. Weitere Außenstellen gewährleisten große Kundennähe. Im Ausland präsent ist die Gruppe im spanischen Barcelona, in Mailand und Oderzo (Italien), in Kuala Lumpur (Malaysia) sowie in der chinesischen Millionenmetropole Schanghai. Gleichwohl ist Scholpp mittelständisch geprägt. Was das bedeutet? Als inhabergeführtes Unternehmen wird eine besondere Nähe zum Kunden gepflegt.

„Weltweit nah“ – unter diesem Motto wird die Strategie zusammengefasst. Die Scholpp-Familie wächst Die PTC PressEngineering mit Sitz in Oberhausen ist seit 2012 Teil des Industriedienstleisters. „Damit können wir zusätzlich umfangreiche Überholungsmaßnahmen von Maschinen anbieten“, erklärt Lars Gerlach, der auch Geschäftsführer der PTC PressEngineering GmbH ist, warum die Firma mit Sitz in Oberhausen ideal zu Scholpp passe. Maschinen müssen nach einer gewissen Laufzeit

SCHOLPP-STANDORTE IN DEUTSCHLAND

Rostock Vor Ort und weltweit nah Hamburg Die Scholpp Gruppe ist heute der führende Dienstleister für die Verlagerung und Montage von IndusBremen trieanlagen – und Marktführer im Berlin Nordhorn Bereich der weltweiten Industriemontagen. Dafür braucht es gutes Personal. Mehr als 1200 Mitarbeiter an 20 Oberhausen Leipzig deutschen und vier StandDresden orten rund um den Erdball Erfurt sorgen dafür, dass ein CHEMNITZ Köln Unternehmen beweglich bleibt. „Es geht darum, dass wir das Herz einer Firma wieFrankfurt der zum Schlagen bringen“, Sterbfritz sagt Götz Schleith, Regionalleiter und Prokurist der Nürnberg DIETZENBACH Scholpp Montage GmbH. Dafür stehen jährlich mehr als Heilbronn 20 000 Transport- und MontaKarlsruhe geleistungen. Gunzenhausen Was vor fast 60 Jahren als Kranunternehmen im regionalen Umfeld Mehr Infos im Internet: STUTTGART Augsburg entstand, ist inzwischen zu einem weltWer noch mehr erfahren umspannenden Unternehmen heranwill, kann den Newsletter gewachsen, die Scholpp-Firmenfamilie von Scholpp ist stattlich geworden. Maschinenbestellen. verlagerungen und IndustriemontaEinfach diegen übernehmen die Scholpp Montage sen QR-Code GmbH und die Scholpp Montagetechabscannen.

gewartet oder modernisiert werden. Hier kommt PTC ins Spiel. PTC übernimmt auch die Verbesserung der Leistung von Anlagen oder die Zertifizierung. ProTec, ebenfalls zu Scholpp gehörend, erweitert seit 2014 das Angebot durch einen Service für die Instandhaltung und Wartung von kompletten Industrieanlagen oder der technischen Reinigung komplexer Produktionssysteme und Versorgungstechnik. Mit der Marke TimeProfessionals will Scholpp Unternehmen beweglicher in Personalfragen machen. Mitarbeiter in gewerblichen und kaufmännischen Berufen stehen auf Abruf bereit – und das deutschlandweit von mehreren Standorten. TimeProfessionals, heißt es bei Scholpp, mache für seine Kunden aus fixen Personalkosten variable. Vielfalt in der Dienstleistung Als die Daimler AG 2010 den Entschluss fasste, das erste Auslandspresswerk von Mercedes-Benz im ungarischen Kecskemét zu errichten, hat Scholpp die betroffene komplette Pressenlinie umgezogen. Das geht nicht von heute auf morgen. Von der ersten Planskizze bis zum Eindrehen der letzten Schraube nahm das Projekt mehrere Monate in Anspruch. Mehr als 3500 Tonnen Material, verteilt auf 150 Lkws und Container sowie auf 30 Schwertransporte, machten sich auf die Reise nach Ungarn. Das Projekt dokumentiert die Bandbreite dessen, was Scholpp leistet. Das Unternehmen koordinierte die mechanische und elektrische Demontage und den Wiederaufbau in Ungarn, die maschinenbautechnischen Überholungen, die Anlagensteuerung sowie die komplette Logistik. Es muss aber nicht die komplette Verlagerung einer Pressenlinie sein. Wenn die Projekte kleinerer Natur sind, sieht sich Scholpp ebenfalls als kompetenter Partner. Für Arbeiten am Teilchenbeschleuniger im Darmstädter GSI Helmholtz-Zentrum für Schwerionenforschung steuerte Scholpp eine spezielle Portalkranlösung bei, mit der das Risiko minimiert wurde, andere Anlagenteile zu beschädigen. Der Wohnmobilspezialist Hymer in Bad Waldsee setzt auch auf Fähigkeiten von Scholpp. Die Herausforderung war groß, der Zeitplan sehr eng

DA S SAGEN KUN D EN „Scholpp hat ein ausgesprochenes Händchen im Umgang mit hochsensibler Technik.“ Dr. Hartmut Reich-Sprenger, Abteilungsleiter Vakuumsysteme im GSI Helmholtz-Zentrum für Schwerionenforschung „Die Verlagerung einer kompletten Pressenlinie in ein gerade neu entstehendes Werk ist ein extrem komplexes Projekt. Scholpp hat es unter schwierigen Rahmenbedingungen punktgenau ins Ziel gebracht.“ Dr. Andreas Heuer, Leiter des Mercedes-Benz-Presswerks in Kuppenheim „Wir haben einen Spezialisten mit Problemlöserqualitäten gesucht. Und in Scholpp gefunden.“ Detlef Neidhart, Contract Manager FLSmidth Wadgassen GmbH

getaktet. Innerhalb der dreiwöchigen Werksferien sollten vier Montagelinien und die Vorfertigung für die Produktion der populären Wohnmobile abgebaut, neu strukturiert und in der gleichen Halle wieder aufgebaut werden. Klare Strukturierung im Vorfeld und ein präzises Projektmanagement waren wesentlich für den Erfolg des Projekts. Ebenso zählt die Halbleiterindustrie zu den Kunden der Scholpp Gruppe. Zum Portfolio gehören zudem die Einbringung von Fahrtreppen in Bahnhöfen oder an Flughäfen – häufig unter beengten räumlichen Verhältnissen. Unmöglich, heißt es bei Scholpp selbstbewusst, ist ein Begriff, der im Wortschatz der Firma keinen Platz hat. Die Dienstleistungsmodule Alles aus einer Hand: damit will Scholpp punkten. Doch kein Dienstleistungsprojekt gleicht dem anderen. Eine Herausforderung, der das Unternehmen mit einem Baukastensystem begegnet, aus dem ein Kunde sein individuelles Paket schnüren kann. Am Anfang steht die Planung, bei der die Beratung und Projektierung im Mittelpunkt stehen. Weitere Module können die Demontage, der Transport und die dazu notwendige Logistik, die Anlagenelektronik sowie die Inbetriebnahme sein. Aber auch die Montage von Ersatzteilen sowie der Service lassen sich integrieren. Großgeschrieben wird die Sicherheit mit einer Prüfung und der Zertifizierung beispielsweise einer Presse. Jedes der insgesamt elf Module ist selbst in Segmente unterteilt, die weitere Feinjustierungen erlauben. Reimund Abel


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SCHWERPUNKT: SCHOLPP – WE

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Beratung, Planung, Verlagerung und Modernisierung – das Angebot von PTC rund um die Pressentechnologie ist in Europa einzigartig. Foto: Scholpp

Vollservice für Pressentechnologie Investitionen in Pressentechnologie, die vor allem in der Fahrzeugindustrie zum Einsatz kommt, gehen häufig in die Millionen. Da stellt sich die Frage: Kann die Anlage modernisiert werden, oder muss es eine neue sein? Beantworten kann diese Fragen die PTC PressEngineering GmbH. Das Unternehmen hat sich auf Pressentechnologie spezialisiert und ist seit 2012 Teil der Scholpp Gruppe. Geht es um Wartung, Modernisierung, Leistungsverbesserung oder Zertifizierung von Pressen und Maschinen, kommt man an PTC nicht vorbei. Vor 15 Jahren startete der PTC-Gründer Dr. Jürgen Pielen mit einem Team aus sechs Mitarbeitern. Heute ist das Unternehmen auf mehr als 50 Mitarbeiter gewachsen. Kunden können von der langjährigen Erfahrung profitieren, etwa auf den Gebieten Konstruktion, Neubau und Überholung von Maschinen für die Blech- und Massivumformung sowie für die Verarbeitung von glasfaserverstärkten Kunststoffen. Als Teil der Scholpp Gruppe kann PTC seine Expertise mit anderen Dienstleistungen des Unternehmens verknüpfen. Wer zum Beispiel Maschinen mit der Hilfe von Scholpp verlagert, kann die Modernisierung nun aus einer Hand erhalten. Umgekehrt können Kunden eine

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eventuell erforderliche Verlagerung gleich mitbestellen, wenn sie eine Anlage überholen, optimieren oder auf den aktuellen Stand der Technik bringen lassen wollen. Wenn ohnehin Veränderungen anstehen, ist es meist ein günstiger Zeitpunkt für eine Modernisierung von Maschinen. Diese Kombination ist laut Scholpp in Europa einzigartig. „Für unsere Kunden ist das eine simple Rechenaufgabe“, sagt Lars Gerlach, seit 2012 Geschäftsführer der PTC PressEngineering GmbH. „Wenn eine Neuanlage 30 Millionen Euro kostet und die Modernisierung der Altanlage, die 85 Prozent der Leistung der Neuanlage bringt, nur fünf Millionen Euro kostet, dann erschließen wir gemeinsam mit PTC einen riesigen neuen Markt.“ Damit nicht genug, auch alles, was rund um die Presse gebraucht wird, konzipiert und modernisiert PTC: Bandzuführungen, Sondertransfer-Einrichtungen, Platinenlader, Roboterverkettungen, automatische Verpackungseinheiten und Richtautomaten. Damit verbunden sind die gesamte Automatisierung und der zugehörige Steuerungsbau. Mittlerweile bietet PTC einen Vollservice, der beim Kauf einer Anlage von der Beratung über Konzeption und Detailplanung bis zur Aufstellung der Maschinen reicht. red

Der Südwesten kann als Herzstück der Scholpp Gruppe bezeichnet werden. Hier in Stuttgart hat vor fast 60 Jahren die Erfolgsgeschichte des Unternehmens ihren Anfang genommen. Im Südwesten, mit seiner durch den Maschinenbau geprägten Wirtschaft, sitzen viele der langjährigen Kunden. Als Alfred Scholpp im Nachkriegsdeutschland seine Firma aufbaute, war er in bester Gesellschaft. In Baden-Württemberg und Bayern wuchsen kleine Garagenbetriebe zu bedeutsamen mittelständischen Unternehmen oder gar Weltkonzernen heran. Scholpp übernahm die Vorreiterrolle im Bewegen von schwersten Lasten für Bauunternehmen und die produzierende Industrie. Egal ob der erste Autokran (1956), der erste Teleskopkran (1965) oder die ersten Sat-

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telauflieger und 80-Tonner in den Siebzigern – Alfred Scholpp und seine Söhne prägten die gesamte Branche von Stuttgart aus. In den 80er Jahren kam das erste hydraulische Hubgerüst hinzu, in den Neunzigern wurden die technischen Konzepte verfeinert. Das Unternehmen legte das Image des „Kranen-Scholpp“ ab und entwickelte sich zum Dienstleister für die Industriemontage. Die sich schnell entwickelnde Technik spielte in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Beispielsweise lassen sich heute mit Hubgerüsten und geringem Rüstaufwand große Komponenten als komplette Einheiten bewegen und so Montagezeiten verkürzen. Schnell montierbare Aluminiumportale oder die wendigen Schnellläuferkrane ersparen dem Kunden ebenfalls Zeit und Geld.

Nicht nur sauber, sondern rein! Produktionsanlagen, die im Dauereinsatz sind, müssen gewartet und gereinigt werden. Seit 22 Jahren bietet ProTec aus Nürnberg mit 300 Mitarbeitern hierzu einen umfassenden Service für Industrieunternehmen in Deutschland und dem benachbarten Ausland an. Im vergangenen Jahr wurde das Unternehmen als Tochter in die Scholpp Gruppe integriert und wird zukünftig als Fachbereich Service fortgeführt. Scholpp baute sein Standortnetzwerk in der Region Süd mit dem Zukauf aus. Zum Kundenstamm gehören große Namen der Automobilbranche wie die Zulieferer ZF oder GKN sowie der bayrische Kfz-Hersteller BMW, aber auch Unternehmen wie Siemens, Diehl, Schwan Stabilo und AEG. An der Spitze des Unternehmens steht von Beginn an Horst Obergruber. In Deutschland befinden sich neben der Niederlassung in Nürnberg weitere Standorte in Gunzenhausen und Sterbfritz. Auch in Italien gibt es zwei Scholpp-Standorte, in Mailand und Oderzo (bei Venedig). Dort sind etwa 25 Mitarbeiter überwiegend für Unternehmen der Kunststofffertigung in der Anlageninstandhaltung und -reinigung tätig. Der Standort in Mailand wird

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gerade aufgebaut und setzt den Schwerpunkt auf die typische Dienstleistung der Scholpp Montage. „Auch in Deutschland ist die Reinigung von Lackieranlagentechnik, vor allem großer Durchlauflackieranlagen von Herstellern wie Dürr oder Eisenmann, ein wichtiges Geschäftsfeld“, sagt Lars Gerlach, Geschäftsführer der Scholpp Montage GmbH. D e r Fachbereich Service erbringt die turnusgemäße Reinigung, den Filterwechsel und die Roboterpflege am Wochenende oder nachts, wenn die Anlagen stillstehen. Die schichtbegleitenden Tätigkeiten erfolgen mit speziell ausgebildeten, eingespielten Teams. Das garantiert, dass die Anlagen länger intakt bleiben. red

Scholpp is auch Partn der Chemi und Petroindustrie.

Foto: Scholpp

Mehr verstehen, besser ausrüsten Die einen nennen es Schwermontage. Andere bezeichnen sie als Grobmontage. Für Scholpp ist die Ausrüstungsmontage ein gesetzter Begriff. Viel mehr noch: eine hoch spezialisierte Dienstleistung. Nicht erst seit gestern, sondern seit weit mehr als zehn Jahren haben die Mitarbeiter von Scholpp einiges an Expertise aufgebaut. So profitieren heute zahlreiche internationale Engineering- und Rohrleitungsunternehmen vom Knowhow und intelligenten Lösungen des Industrie-Dienstleisters. Viele Kunden im Anlagenbau zählen auf die Erfahrung von Scholpp. Ob Chemie, Petrochemie, Kraftwerke oder die Pharmaindustrie, Ausrüstungen werden präzise und sicher installiert und

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Speziell geschulte Mitarbeiter sorgen für den reibungslosen Lauf von Produktionsanlagen. Foto: Scholpp

bewegt – bis hin zu den größten und schwersten Teilen innerhalb komplexer Bauprojekte. Mit eigenem Equipment und eigenem Personal. Mit einem tiefen Verständnis für die Besonderheiten der Branche oder das Gesamtprojekt. Wo früher Einzelteile aufwendig bewegt wurden, spart Scholpp heute Zeit durch die effiziente Montage von Komplettkomponenten. Seien es Behälter, Kolonnen, Wärmetauscher, Turbinen, Verdichter, Öfen, Behälter oder Pumpen aller Art – es gibt nahezu kein Modul, das Scholpp nicht erfolgreich innerhalb von Anlagen verlagert und montiert hat. Je undenkbarer eine Einbringung oder eine Installation erscheint, desto mehr ist Scholpp in seinem Element.


ELTWEITE INDUSTRIEMONTAGE

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Wiege im Südwesten Scholpp ist in Baden-Württemberg groß geworden. Der hiesige Maschinenbau profitiert davon besonders. Für Transport und Montage bietet Scholpp feste Teams direkt beim Kunden vor Ort. Foto: Scholpp

Große Kundennähe durch Servicepoints L Seit 20 Jahren befindet sich die Scholpp-Zentrale Süd im Stuttgarter Hafen, mit Schwerlastkai auf dem Firmengelände. Der Standort mit direkter Anbindung an das Wasser-, Schienen- und Straßennetz leistete von Anfang an einen wertvollen Beitrag für die Beweglichkeit des Unternehmens, für günstige Transportkosten und den industriellen Umweltschutz. Denn sogenannte trimodale Transporte mit der intelligenten Kombination aus Straße, Schiene und Wasser waren für Scholpp an der Tagesordnung. Dieser Dreiklang der Logistik ist auch heute sehr gefragt. Sogar die Schausteller auf dem Cannstatter Volksfest wählen den kombinierten Verkehrsweg. Daher sieht man sie ab und zu mit Achterbahnen und Riesenrädern über den ScholppHof in Hedelfingen fahren: Sie nutzen die

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bereitstehenden Scholpp-Krane für die Be- und Entladung der Transportschiffe, Lkws und Bahnwaggons. Räumliche Nähe bringt Flexibilität für den Auftraggeber. Wenn Unternehmen von heute auf morgen reagieren müssen, brauchen sie Partner, die dazu in der Lage sind. Für Scholpp bedeutet diese Beweglichkeit: Maschinentransporte jederzeit abrufbar – mit Kapazitäten, die unter Umständen die kundeneigenen Personaldecken in jedem Umfang ausgleichen. Scholpp ist im Südwesten ein gefragter Partner der Industrie. Nicht zuletzt, weil niemals an moderner Technik gespart und auf ein hohes Maß an Sicherheit gesetzt wird. Und wer regional schwere Lasten bewegen oder komplexe Transportprobleme lösen möchte, muss sich genau darauf verlassen können. red

Unebene Rampe – kein Problem L

Servicepoint – dieser Begriff beschreibt bei Scholpp ein Konzept, bei dem eine feste Mannschaft beim Kunden vor Ort einsetzbar ist. Mit vielen Unternehmen ist der Industriedienstleister so eng zusammengewachsen, dass sich die Servicepoints inmitten der Produktionsbetriebe befinden, etwa bei Daimler oder Bosch. So sind die Mitarbeiter von Scholpp zum Beispiel vom Standort Feuerbach aus an allen Standorten der Bosch-Gruppe im Großraum Stuttgart aktiv. Mit festen Ansprechpartnern und erfahrenen Teams vor Ort unterstützt

Trumpf und Scholpp verbindet seit mehr als 15 Jahren eine Partnerschaft. Seit 1999 hat Scholpp mehr als 3000 Maschinen für das Hochtechnologie-Unternehmen aufgestellt. Für den High-Tech-Konzern, der seinen Stammsitz in Ditzingen hat, übernimmt der Industriedienstleister die Montage von Neumaschinen, die Verlagerung von Gebrauchtmaschinen sowie Wartungs- und Reparaturarbeiten auf der ganzen Welt. Doch nur selten war der Transport vom Lkw zum geplanten Standort so knifflig wie beim Aufbau einer Maschine

zur 3-D-Laserbearbeitung in einer Halle der Uni Erlangen-Nürnberg. Statt wie üblich durch ein großes Eingangstor mit freiem Zugangsweg musste der neun Tonnen schwere und zig Meter lange Koloss über eine unebene, sehr steile Rampe transportiert werden. Der Montagetrupp von Scholpp hatte schnell eine Lösung für dieses Problem parat: Die Maschinen wurden mit einem Mobilkran in die Halle „eingeschnorchelt“: Der Kran hob die Maschinenteile über die tückische Bodenwelle hinweg und setzte sie auf den dahinter stehenden Transportroller. red

Scholpp alle logistischen Prozesse – bis hin zur eigenverantwortlichen Komplettabwicklung, werksintern oder für Lieferanten und Partner. Die Kombination aus moderner Transporttechnik und der Erfahrung aus dem internationalen Kran-, Transport- und Montagegeschäft bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten – inklusive geschulten technischen Personals für standardisierte Aufgaben in Wartung und Instandhaltung oder für individuelle Projekte. Kurze Wege und rasche Reaktionszeiten sind ein weiterer Vorteil, zudem sind Personalstruktur und Auslastungsgrad individuell anpassbar. red

Scholpp-Mitarbeiter verlagerten tonnenschwere Maschinen beim Medizintechnikunternehmen Aesculap in eine neue Produktionshalle. Foto: Aesculap

Nachweise für Aufsichtsbehörden L

Auch für knifflige Transportaufgaben finden die Montageteams rasch eine Lösung. Foto: Scholpp

Wenn große Maschinen im laufenden Betrieb zu verlagern sind, gleicht das einer Operation am offenen Herzen. Ein Beispiel ist die Aesculap AG aus Tuttlingen, die speziell für die Chirurgie Medizinprodukte und Medizintechnik herstellt. Von Juli bis Oktober 2014 stand bei dem Unternehmen der Umzug der Motoren- und Containerfertigung an. Etwa 100 Großmaschinen mit einem Einzelgewicht von mehr als drei Tonnen galt es in eine neue Produktionshalle zu verlagern. Scholpp übernahm den Auftrag – und einige Spezialaufgaben dazu. So stand nach der Demontage der Maschinen und deren Transport in die neue Halle die Reinigung der einzelnen Teile an. Besondere Schwerpunkte wurden bei der anschließenden Remontage auf das Ausrichten und die sogenannte Revalidierung gelegt. Hierbei ging es darum, geforderte Nachweise für die US-Aufsichtsbehörde für Lebensmittelund Arzneimittelsicherheit zu erbringen:

Dazu mussten alle Maschinen vorab einem Test unterzogen werden. Die dabei ermittelten Werte mussten nach dem Wiederaufbau aufgezeigt werden, um den Stand vor und nach der Verlagerung zu sichern. Zusammen mit den Maschinenbedienern und dem Qualitätsmanagement erfolgte im Anschluss an die Installation die Verifizierung. red

I M PRESSUM Redaktion

Scholpp Montage GmbH Am Mittelkai 20 70327 Stuttgart

Produktion

Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH Service- und Sonderthemenredaktion Plieninger Straße 150 70567 Stuttgart

V. i. S. d. P.

Götz Schleith, Scholpp Montage GmbH, Adresse s. o.

Druck

Pressehaus Stuttgart Druck GmbH


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SCHWERPUNKT: SCHOLPP WELTWEITE INDUSTRIEMONTAGEN

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Zwei aus der Führungsriege des Industrie-Dienstleisters Scholpp: Lars Gerlach (l.) und Götz Schleith Fotos: Mierendorf

„Angebotspalette ideal erweitert“ L

Herr Gerlach, zu Beginn ein Test. Können Sie Ihr Unternehmen in einem Satz beschreiben? Weltweite Industriemontagen, Maschinentransporte und Produktionsverlagerungen: Scholpp Montage. Was wäre Ihre Aussage, Herr Schleith? Egal ob alt oder neu, egal ob einfach oder komplex: wir bewegen die Industrie. Schauen wir detaillierter hin: Wie sieht die Bilanz aus? (Gerlach) 2014 ist das bislang beste Jahr der Firmengeschichte gewesen. Das bedeutet in Zahlen einen Gruppenumsatz von circa 125 Millionen Euro, bei einem sehr guten Ergebnis. Darauf aufbauend ist weiteres Wachstum geplant. Zusammengefasst: Scholpp steht wirtschaftlich äußerst gesund da.

Scholpp ist Dienstleister für Industriemontagen, Maschinentransporte oder Produktionsverlagerungen. Und das sehr erfolgreich: 2014 war das beste Jahr der Firmengeschichte. Das weltweit tätige Unternehmen mit allein 20 Standorten in Deutschland will weiter wachsen. Wie stellt sich Scholpp den Herausforderungen der nächsten Jahre? Was wird unternommen, damit der Aufschwung nachhaltig anhält? Lars Gerlach, Sprecher der Geschäftsführung Scholpp Montage GmbH und Geschäftsführer PTC PressEngineering GmbH, sowie Götz Schleith, Regionalleiter und Prokurist, beziehen Stellung. Alles das bietet Scholpp aus einer Hand an, als Komplettpaket. Können Sie erläutern, wo PTC besonders stark ist? (Schleith) PTC rundet unser Portfolio perfekt ab. Ich mache Ihnen das am Beispiel von Pressen deutlich. Wir haben mit PTC einen Sprung nach vorn gemacht, wenn es etwa um die Modernisierung (Retrofit), mechanisch oder elektrisch, den Tausch der Steuerungstechnik inklusive Neuprogrammierung von Pressen oder von verketteten Anlagen geht.

Weshalb war 2014 so erfolgreich? (Gerlach) In 2014 konnten wir mehrere Großaufträge gewinnen und erfolgreich abwickeln. Wir sind auch durch Zukäufe In welchen weiteren Feldern gewachsen. Bereits in 2012 wurde die ist Scholpp erfolgreich? PTC PressEngineering GmbH erworben, (Gerlach) Wir sind ebenso in unserem welche seit dem originären Bereich, der Kauf kontinuierlich Industrie-Montage, gegewachsen ist und „SCHOLPP STEHT wachsen. Übrigens in 2014 ebenfalls ÄUSSERST GESUND DA“ auch im Süden ihr bislang bestes LARS GERLACH Deutschlands, wo der Geschäftsjahr hatte. Maschinenbau besonAußerdem haben wir 2014 die ProTec in ders stark vertreten ist. Im Großraum Nürnberg übernommen. Damit ist ein Stuttgart sind da beispielsweise HerstelDienstleister an Bord, der durch seine ler wie Trumpf zu nennen. Auch das Kompetenz bei der Instandhaltung oder Geschäftssegment unserer ServiceReinigung von Industrieanlagen unsere Points verläuft erfreulich. Dort sind wir in Angebotspalette ideal erweitert. Über großen Werken unserer Kunden mit fedie ProTec Montage haben wir den sten Mannschaften von Scholpp kontinuGrundstein für unser Wachstum im Mon- ierlich im Einsatz. tagebereich in Bayern gelegt. Was sind die Stärken von Scholpp? (Schleith) In den Jahren 2011 bis 2014 hat unser Unternehmen einen Quantensprung im Dienstleistungs-Portfolio zu verzeichnen. In Gesprächen mit Industriekunden im Süden Deutschlands stelle ich fest, dass mehr und mehr ganzheitliche Angebote nachgefragt werden. Denn es geht längst nicht mehr um das reine Verschieben von Eisen von A nach B, also den Umzug einer Anlage von einem Standort zum anderen. Immer wichtiger werden sogenannte Retro-Fit-Maßnahmen bei Industrieanlagen. Damit meine ich Überholungsmaßnahmen mit dem Ziel der Leistungserhöhung, den Austausch von Teilen, eine Neu-Zertifizierung der Anlage oder eine Reinigung.

Spüren Sie das Auf und Ab konjunktureller Zyklen? (Gerlach) Grundsätzlich ja. Aber meistens mit sechs bis neun Monaten Verzögerung. Wenn im Maschinenbau keine Aufträge mehr eingehen, erwischt uns das mit der gerade genannten Verspätung. Diesem Trend entgegen laufen allerdings Verlagerungsprojekte. Müssen Werke aus wirtschaftlichen Gründen verlagert oder sogar geschlossen werden, kommt Scholpp zum Einsatz. Zum Beispiel bei der Schließung des Ford-Werks im belgischen Genk. Da galt es, Maschinen auf die Produktionsstätten in Valencia und Saarlouis zu verteilen. (Schleith) Wir sind ohnehin in vielen Branchen unterwegs und hängen nicht am Tropf der Automobilhersteller. So denken in wirtschaftlich schwierigeren Phasen viele Firmen darüber nach, ihre Produktion oder ihre Standorte neu zu organisieren. Das ist unsere Chance. Zurück zu den wirtschaftlichen Kerndaten. Wie läuft es 2015? (Gerlach) Das erste Halbjahr 2015 war etwas verhaltener als der Vorjahreszeitraum. Viele Kunden zögern mit Entscheidungen, besonders bei Großprojekten. Die Russland-Krise mag dazu beigetragen haben, auch die politische Unsicher-

ZUR PERSO N Lars Gerlach

Götz Schleith

Wichtige Stationen: 1969 in Kassel geboren Bis 1997 Studium zum Diplom-Kaufmann 1997 Eintritt bei Scholpp 2003 Kaufmännischer Leiter der ScholppGruppe 2005 Geschäftsführer der Scholpp Kran & Transport GmbH Seit 2010 Geschäftsführer der Scholpp Montage GmbH Seit März 2015 Sprecher der Geschäftsführung der Scholpp Montage GmbH

Wichtige Stationen: 1970 in Esslingen geboren, Ausbildung zum Industriemechaniker und Maschinenbaustudium 1996 Eintritt bei Scholpp 2000–2004 Aufbau und Leitung der Abteilung Materialwirtschaft der Scholpp Montage Ab 2006 Leitung der Projektsteuerung Scholpp Montage in Stuttgart Heute Regionalleiter für den Verkauf und Projektsteuerung für den Süden

heit rund um den Euro war sicher nicht förderlich. Aber die Anfragen nehmen wieder zu. So sind wir zuversichtlich, bis Ende des Jahres einiges aufzuholen.

(Gerlach) Wir wollen bis 2017 in eine Größenordnung des Umsatzes von 150 Millionen Euro vordringen. Ziehen die Mitarbeiter da mit? (Gerlach) Das funktioniert nur über eine klare Führungsstruktur von oben nach unten. Darüber hinaus bedarf es in unseren Niederlassungen vor Ort sozusagen „kleiner Unternehmer“, die ihr Geschäft sehr gut verstehen. Wir beteiligen diese Mitarbeiter über variable Vergütungen am Unternehmenserfolg. (Schleith) Das unternehmerische Denken ist bei jeder Führungskraft gefragt, unabhängig, ob es um einen kleinen Service-Point oder eine große Niederlassung geht. Dafür brauchen wir Mitarbeiter, die Kampfgeist in sich tragen.

Wo kann Scholpp noch zulegen? (Schleith) Wachstumschancen sehe ich in der Modernisierung und dem Retro-Fit bestehender Anlagen, wie vorher beschrieben. Das gilt Wie sichert Scholpp für den Pressenbau, „UNTERNEHMERISCHES sich einen Stamm aber auch für den an gut ausgebildetem Bereich der Sonder- DENKEN IST GEFRAGT“ Fachpersonal? maschinen. Viele GÖTZ SCHLEITH (Schleith) Das ist eine Kunden planen zum Beispiel, eine Maschine, die zehn Jahre schwierige Aufgabe. Wir bilden selbst zuverlässig ihren Dienst getan hat, nicht Fachkräfte aus, und wir sichten permaauszutauschen, sondern sie mit dem nent den Markt nach Personal mit entKnowhow von Scholpp wieder fit zu sprechender Qualifikation. Mitarbeitern, die bei uns an Bord sind, bieten wir die machen für weitere zehn Jahre. Möglichkeit, sich durch Weiterbildungsmaßnahmen zu qualifizieren und die Leiden Sie etwas unter dem Karriereleiter nach oben zu klettern. Kran-Image Ihres Unternehmens? (Gerlach) Leiden? Nein. Aber dass wir der größte Montage-Dienstleister in Was, glauben Sie, ist eine der Europa sind, ist vielen Firmen nicht prä- größten Herausforderungen sent. In Baden-Württemberg kennt man der nächsten Jahre? uns als Kran-Unternehmen, in anderen (Gerlach) Wenn wir weiter wachsen Bundesländern kennt man uns jedoch wollen, und das wollen wir, muss der teilweise gar nicht. Wir können daher in- Mitarbeiterbestand mitwachsen – nerhalb Deutschlands durch Neukunden sowohl qualitativ als auch quantitativ. Wir könnten aber schneller wachsen, deutlich zulegen. wenn uns mehr Fachkräfte zur Verfügung stünden. Können Sie das konkretisieren? (Gerlach) Im größten Bundesland, in Nordrhein-Westfalen, machen wir einen Scholpp ist Spezialist für schwere vergleichsweise bescheidenen Umsatz. Lasten. Alles wird minutiös geplant. Genauso in Bayern. Mit ProTec haben wir Wie häufig muss Ihr Team auf unvorin Nürnberg ein erstes Montage-Pflänz- hergesehene Ereignisse reagieren? chen gesetzt, und ein weiteres kleines (Gerlach) Täglich. Wenn zum Beispiel gePflänzchen sitzt in Augsburg. Aber auch brauchte Maschinen zu verlagern sind, in Baden-Württemberg, dem Bundes- findet sich fast nie eine vollständige Doland, in dem viele wichtige Maschinen- kumentation der Anlage im Ist-Zustand. bauer ihren Sitz haben, können wir Den Monteuren begegnen vielfältige durch intensive Marktbearbeitung deut- Probleme, etwa zu schmale Türen, durch lich zulegen. Darüber hinaus ist Scholpp die die Anlage nicht passt, zusätzliche natürlich weltweit aktiv, wir haben in Bauteile, die erst später dazukamen, und, mehr als 50 Ländern rund um den Erd- und, und. Das gibt es bei jedem Projekt. Aber das ist Alltag bei Scholpp, wir ball Projekte durchgeführt. bewältigen das. Wie soll sich diese Strategie Die Fragen stellte Reimund Abel. in Zahlen niederschlagen?


COMPLIANCE

September 2015

31

Kein Kavaliersdelikt Compliance steht für die Einhaltung regulatorischer und gesetzlicher Vorgaben

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ISO 19 600

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RISIKO

Der enorme Aufwand, den Swiss Life betreibt, um die Risiken zu minimieren, die das Geschäft eines Lebensversicherungskonzerns birgt, scheint angesichts einiger Skandale in anderen Unternehmen angebracht. So hat das Bundeskartellamt in einem Fall unzulässiger Einflussnahme bei der Festlegung des Wiederverkaufspreises von Software ein Bußgeld in Höhe von neun Millionen Euro ausgesprochen. Noch teurer wurde es für Siemens: Der Elektronikkonzern musste in den USA eine Geldbuße von 600 Millionen Euro zahlen, weil ihm Schmiergeldzahlungen nachgewiesen werden konnten. Außerdem verhängte die Staatsanwaltschaft München ein Bußgeld von 395 Millionen Euro. Tim Wybitul vom B u n d e s v e r b a n d Deutscher ComplianceOfficer konstatiert: „Es liegt noch immer in vielen Betrieben vieles im Argen.“ Professor Peter Fissenewert, einer der führenden Compliance-Experten in Deutschland und Partner in der Berliner Rechtsanwaltskanzlei hww Hermann Wienberg Wilhelm, sagt: „Überall dort, wo Geld fließt oder wo über den Fluss des Geldes entschieden wird, kommt es häufig zu Rechtsüberschreitungen.“ Fissenewert berät Unternehmen in straf- und zivilrechtlicher Präventionspraxis und Haftungsfragen. Aber auch beim Umweltschutz, Arbeitnehmerschutz oder Markenrechten komme es öfter zu Vergehen, als man gemeinhin vermute, so der Experte. Fissenewert erklärt Unternehmen zunächst die Begrifflichkeit: „Compliance steht für die Einhaltung von gesetzlichen BestimFo

ainer Gotza ist Leiter der ComplianceAbteilung beim Finanzberatungsund Versicherungsunternehmen Swiss Life Deutschland. Er kann die Grundwerte des Unternehmens im Schlaf aufsagen: „Unsere obersten Prinzipien sind Solidität, Sicherheit und finanzielle Stabilität: Wir gehen sorgfältig mit dem Geld unserer Kunden um und vermeiden Risiken, um das in uns gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.“ Gotza wacht darüber, dass die rund 1400 Mitarbeiter der beiden Standorte München und Hannover die gesetzlichen und aufsichtsrechtlichen Vorschriften sowie die internen Anweisungen beachten. Das Ziel: eine ethisch und rechtlich korrekte Geschäftstätigkeit. Swiss Life beschäftigt in Deutschland sieben Mitarbeiter mit Compliance-Aufgaben. Zum Jahresbeginn 2016 wird die künftig in der Versicherungswirtschaft gesetzlich vorgeschriebene Schlüsselfunktion „Compliance“ eingerichtet. Die Compliance-Officer sollen durch Beratung, Schulungen und Überwachung dafür sorgen, so Gotza, „dass regulatorische und reputationsschädigende Risiken rechtzeitig erkannt und vermieden werden können“. So sollen beispielsweise Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung unmöglich gemacht werden. Auch der Schutz der Daten der Kunden und von Geschäftsgeheimnissen fällt in die Überwachungstätigkeit der Compliance-Officer. DATENSCHUTZ Seit 2006 ist bei Swiss Life ein Code of Conduct in Kraft, in dem das Unternehmen genau festgelegt hat, wie sich Mitarbeiter zu INTERIM-MANAGEMENT verhalten haben. Zudem existiert eine VielHAFTUNG zahl weiterer innerbetrieblicher Regelungen. „Die gesetzlichen Vorschriften sind nur die Basis“, erläutert Gotza. „Wir haben uns selbst sehr viel strengere Richtlinien gesetzt.“ Als Versicherer und Finanzvermittler sei man in einem außergewöhnlich sensiblen Bereich tätig: „Schon bei der Produktgestaltung und der Qualitätssicherung gilt es, auch Compliance-Vorgaben zu berücksichtigen.“

mungen, regulatorischen Standards und die Erfüllung wesentlicher, in der Regel vom Betrieb selbst gesetzten, ethischen Standards und Richtlinien.“ Es folge eine Risikoanalyse und schließlich die „Bändigung“ der Gefahren in einer Compliance-Struktur, „weil das Strafrecht immer schärfer wird, die Haftungsrisiken für Geschäftsführer und Vorstände immer größer und die Anforderungen der Versicherungen immer höher werden“. Viele öffentliche Ausschreibungen setzten Compliance-Strukturen bei den sich bewerbenden Firmen voraus: „Darüber hinaus verlangen viele Großunternehmen mit implementierten Strukturen zur Regelüberwachung Gleiches von ihren Zulieferern. Spätestens mit der Einführung der ersten internationalen Norm, der ISO 19 600, mit der Compliance zertifiziert werden könne, sei Compliance „zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor geworden“. Ein Compliance-Beauftragter sollte nach Überzeugung von Fissenewert organisatorisch relativ nahe an der Geschäftsleitung angesiedelt sein: „Er muss aber vor allem unabhängig arbeiten können und mit allen notwendigen Ressourcen ausgestattet sein.“ Mittelständischen Firmen, die die Einrichtung einer Stabsstelle Compliance scheuen, empfiehlt der Branchen-Vordenker, einen externen Compliance-Officer zu beauftragen. Auch auf Compliance spezialisierte Interim-Manager können helfen: Ein solcher ist Jürgen Pauthner. Als Compliance-Führungskraft, die für eine begrenzte Zeit als Freiberufler in Unternehmen tätig ist, hat er

Erfahrung in vielen kleinen und großen Unternehmen gesammelt. Derzeit verantwortet er das weltweite Compliance-System eines Konzerns mit Töchtern in 150 Ländern. Zudem unterrichtet Pauthner Manager in Compliance-Grundtechniken, unter anderem im Studiengang Certified Compliance Professional an der Frankfurt School of Finance & Management. Sämtliche Compliance-Aktivitäten eines Unternehmens müssten präzise an den individuellen Risiken des Unternehmens ausgerichtet sein, so Pauthner. Deren Bewertung hänge immer auch von Betriebsgröße und -komplexität, Branche, Produkten, internationalen Aktivitäten und Geschäftspartnern ab. Nur durch die richtige Dokumentation der Risikoermittlung und -bewertung sowie der daran ausgerichteten Maßnahmen könne der wirksame Nachweis geführt werden, dass die Unternehmensführung ihren Leitungs- und Steuerungspflichten bei der Compliance nachgekommen sei. Dazu gehöre auch eine schriftliche ComplianceManagementstrategie als Basisdokument. Die Unternehmensleitung könne zwar die Umsetzung des Compliance-Managements „großenteils delegieren“, so Pauthner, nicht aber die Gesamtverantwortung dafür. Thorsten Becker, Geschäftsführer der auf Interim-Management spezialisierten Hamburger Personalberatungsfirma Management Angels, unterstreicht die Vorteile eines unabhängigen Compliance-Managers, der auf Zeit in einer Firma arbeitet: „Ein I M PRESSUM Interim-Manager verfügt durch die Redaktion: STZW Sonderthemen Vielzahl an UnterI. Dalcolmo, M. Vogel nehmen, in denen er Produktion: Christina Middendorf gearbeitet hat, über Titelfoto: Jenny Sturm/fotolia umfangreiche Kompetenzen, orientiert Anzeigen: Stuttgarter Zeitung sich sehr schnell und Werbevermarktung GmbH Telefon 07 11/72 05-16 03 konzentriert sich daTelefax 07 11/72 05-16 14 bei auf die wesentlisvanzeigen@stzw.zgs.de chen WirksamkeitsAnzeigenMarc Becker und Entlastungsfraverkaufsleitung: Telefon 07 11/72 05-16 03 gen des ComplianceDruck: Pressehaus Stuttgart Managements.“ Druck GmbH Jürgen Hoffmann

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