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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 3 | 2015

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Industrie 4.0 Wie die Digitalisierung unsere Wirtschaft verändert. SEITEN 1 – 8

Wirtschaftskanzleien Juristischer Rat für Unternehmen wird immer wichtiger. SEITEN 20, 21

Gute Aussichten

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Die Bauwirtschaft profitiert vom Zinstief. SEITEN 25 – 28

Die Revolution in der Fabrikhalle Durch die zunehmende Vernetzung von Menschen, Maschinen und Fabriken geraten bestehende Wertschöpfungsketten massiv unter Druck oder verschwinden ganz. Auf der anderen Seite entstehen völlig neue Geschäftsmodelle. Von Inge Nowak

Industrie 4.0

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ie zunehmende Digitalisierung der Produktion (Stichwort Industrie 4.0) wird die Wirtschaft massiv verändern. Da ist sich Thomas Bauernhansl ganz sicher. „Ich bin überzeugt, am Ende wird es eine richtige industrielle Revolution geben“, sagt der Wissenschaftler, der unter anderem Chef des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) ist, im Interview mit der Zeitung Wirtschaft in Baden-Württemberg. Die Digitalisierung führt dazu, dass die gesamte Produktionskette intelligenter wird. Künftig sind die Objekte vernetzt, sie tauschen selbstständig Daten aus und steuern sich damit ohne menschliche Eingriffe selbst. Roboter arbeiten Hand in Hand mit Menschen zusammen. Und Werkstücke, die gerade eine Produktionsstraße durchlaufen, wissen selbst, welcher Arbeitsschritt als Nächstes ansteht. Auf der jüngsten Industriemesse in Hannover waren erste Beispiele dafür zu besichtigen. Durch diese Entwicklungen entstünden künftig völlig neue Geschäftsmodelle, sagt Bauernhansl. Bestehende Kunden-Lieferanten-Verhältnisse würden infrage gestellt. „Es werden ganze Wertschöpfungs-

ketten verschwinden“, prophezeit Bauernhansl, der auch an der Spitze des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb der Universität Stuttgart steht. Beim Smartphone, das als „Standardprodukt in Massenproduktion“ (Bauernhansl) hergestellt wird, sei bereits heute zu besichtigen, wie die Zukunft aussehen könnte. Ein Konzern wie Apple überlasse die eigentliche Herstellung des Geräts einem Konzern in Taiwan und konzentriere sich auf das Design seines iPhones, auf den AppStore und die Interaktion mit den Kunden. Eine ähnliche Entwicklung sagt Bauernhansl dem Roboter voraus. „Google ist genau damit beschäftigt – der Konzern will ein neues System aufbauen, das es dem Anwender erlaubt, auf einen mit dem Internet verbundenen Standardroboter Software-Services zu ziehen“, erläutert der Chef des Fraunhofer-Instituts. Auch dem Auto könnte ein solches Schicksal drohen: „Wenn das autonome Fahren kommt, dann ist der Fahrspaß weg, das Auto ist deemotionalisiert und könnte zum Standardprodukt werden“, so Bauern-

hansl. Der Produktionsexperte redet nicht über die ferne Zukunft: „In den nächsten fünf Jahren werden wir sehr viel Veränderung sehen.“ Sorgen bereiten dem 45-jährigen Maschinenbau-Ingenieur die Entwicklungsaktivitäten des deutschen Maschinenbaus. „Allein Google steckt mehr Geld in die Forschung und Entwicklung als der gesamte deutsche Maschinenbau zusammen.“ Und: „Teilweise leben wir leider von der Substanz.“ Doch viele Aspekte der digitalisierten Welt sind bisher nicht geklärt. Dazu gehören Datenschutz und Datensicherheit. Unklar ist bisher auch, welche Auswirkungen die zunehmende Vernetzung von Menschen, Maschinen und Fabriken auf die Arbeitswelt haben wird. Es gibt zwar erste Pilotprojekte für eine vernetzte Fertigung – Bosch, Festo, Wittenstein oder IBM sehen sich als Pioniere –, doch belastbare Untersuchungen über den Arbeitsalltag von morgen können sie noch nicht vorweisen. Dagegen gibt es viele wissenschaftliche Studien zu dem Thema. „Ich glaube, dass immer mehr Arbeit automatisiert wird. An

die Vorstellung aber, dass der Mensch der gesteuerte Handlanger des Systems ist, glaube ich nicht“, sagt etwa Manfred Broy, Leiter des Lehrstuhls Software & Systems Engineering an der TU München. „Ich denke, die Fabrik der Zukunft ist genauso menschenleer, wie heute das Büro papierlos ist“, prognostiziert Klaus Mittelbach, Geschäftsführer des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). Von einer menschenleeren Fabrik geht niemand aus. Doch der Produktionsmitarbeiter dürfte immer mehr zum Dirigenten und Koordinator werden. „Die harte Muskelarbeit und auch einen Teil der Denkarbeit übernehmen die Maschinen“, erwartet Gunther Reinhart von der TU München.

GEMEINSAME PUBLIKATION Wirtschaft in Baden-Württemberg ist ein Gemeinschaftsprodukt der Wirtschaftsredaktionen von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Die nächste Ausgabe mit dem Schwerpunkt Energiewirtschaft erscheint am 21. Juli. In der übernächsten Ausgabe, die am 22. September erscheint, steht der Werkzeugmaschinenbau im Mittelpunkt.


2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Inhalt Analyse

Der Hype um Industrie 4.0 Woher kommt der Begriff Industrie 4.0 – und wie viel Substanz steckt dahinter? Eine kritische Reflexion. SEITE 3

Unternehmensporträts

Vernetzung treibt die Firmen um Die Digitalisierung der Produktion bietet große Chancen – und viele Unternehmen im Land wollen sie nutzen. SEITEN 4, 5

Interview

„Roboter werden zum Massenprodukt“

Volkmar Denner (Bosch)

Peter Leibinger (Trumpf)

Industrie 4.0 macht ganze Wertschöpfungsketten obsolet, sagt der Fraunhofer-Experte Thomas Bauernhansl. SEITE 6

Der Tempomacher

Ingenieur aus Leidenschaft

Seit knapp drei Jahren sitzt Volkmar Denner auf dem Chefsessel von Bosch. Seitdem hat er den Technologiekonzern ganz auf ein zentrales Thema eingeschworen: die Vernetzung von Autos, Hausgeräten und Maschinen. Der promovierte Physiker (Jahrgang 1956), der bei Bosch auch für Forschung und Entwicklung zuständig ist, lässt kaum eine Gelegenheit aus, um über die vernetzte Welt von morgen zu reden. Der Hobby-Motorradfahrer drückt dabei kräftig aufs Tempo. „Was jetzt zählt, ist Geschwindigkeit. Wir müssen schneller werden“, ruft er anderen Firmenchefs und Politikern zu. Nicht nur deutsche Unternehmen, sondern auch ihre Konkurrenten in aller Welt sehen Chancen in der vernetzten Welt. Bosch ist breit aufgestellt – Autotechnik, Hausgeräte und Maschinen, aber auch Sensorik, Software und Dienstleistungen sind unter dem Dach des Stiftungskonzerns vereint. In allen Bereichen hat sich der Chef auf den Weg in die vernetzte Zukunft gemacht. Aber der analytisch denkende Denner, der ursprünglich Professor werden wollte, strebt beileibe keinen Alleingang an. „Keiner wird in der Lage sein, alles zu machen“, lautet sein Kredo. Er ist gegen herstellerspezifische Lösungen. Berührungsängste kennt Denner nicht – nicht mal gegenüber den Internetgiganten. So fährt das Google-Auto mit BoschTechnik. Und die Stuttgarter haben Interesse an Kartendaten von Google. ino

Als Stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung ist Peter Leibinger bei Trumpf „nur“ die Nummer zwei – hinter seiner großen Schwester Nicola Leibinger-Kammüller, einer promovierten Philologin und Japanologin. Doch wenn es um die Zukunft des Ditzinger Unternehmens geht, hält der Ingenieur Peter Leibinger die Fäden in der Hand. Der Chef des Bereichs Lasertechnik – ein Feld, auf dem Trumpf weltweit führend ist – trägt auch die Verantwortung für Forschung und Entwicklung sowie neue Geschäftsfelder. Er ist der Tüftler. „Ich verbringe ehrlich gesagt lieber mit meinen Entwicklern den Tag, als mit Wirtschaftsprüfern den Jahresabschluss durchzugehen“, hat er einmal in einem Interview gesagt. 3-D-Druck (ein neues Geschäftsfeld), Ultrakurzpulslaser (für den Trumpf zusammen mit Partnern wie Bosch den Deutschen Forschungspreis erhalten hat) und Industrie 4.0 – das sind Stichworte, die Leibingers Augen leuchten lassen. Industrie 4.0 stärke Deutschlands Wettbewerbskraft, sagt er. Er kennt die Vorteile für Kunden und Mitarbeiter. Trumpf hat eine moderne Fertigungslinie in Gerlingen aufgebaut. Leibinger weiß auch, dass Trumpf künftig nicht nur Hardware-Lieferant sein darf, sondern neue Geschäftsmodelle entwickeln muss. In der Fabrik der Zukunft sind die Maschinen besser ausgelastet. Deshalb braucht man weniger davon. ino

Doping am Arbeitsplatz

Wacher, nicht schlauer Pillen zur Leistungssteigerung versprechen den schnellen Erfolg – das täuscht aber. SEITE 9

Arbeitsrecht

Gesetzestreue zahlt sich aus Das Thema Compliance wird für Unternehmen immer wichtiger – was zu beachten ist. SEITE 10

Berufsporträt Software-Entwickler

Handwerker der digitalen Welt Ohne IT-Technologie funktioniert wenig. Entwickler von Software halten die digitale Welt am Laufen. SEITEN 12, 13

Kleidung und Karriere

Mit der Ritterrüstung ins Büro Kompetenz und Körpersprache sind nicht alles, sagt die Stilberaterin Ulrike Mayer. SEITE 14

Branchenporträt

Die Treiber des Fortschritts Viele schlaue Köpfe beschäftigen sich in baden-württembergischen Unternehmen und Organisationen mit der Digitalisierung der Industrie. Wir stellen fünf Persönlichkeiten vor, die dabei eine herausragende Rolle spielen.

Porträts

Franchise wächst weiter Fotos: KD Busch, KIT, Lichtgut/Achim Zweygarth, Peter Petsch, Pilz

Das Kopieren von Geschäftsmodellen gegen Gebühren liegt auch im Südwesten im Trend. SEITEN 17, 18

Risiken

Nicht alle Modelle funktionieren Fast jeder fünfte Franchisenehmer scheitert. Interessenten sollten die Modelle deshalb genau studieren. SEITE 19

Beteiligungsmodelle

Mitarbeiterbeteiligung als Chance Rund 800 Firmen im Land bieten Beteiligungsmöglichkeiten für Beschäftigte. Die Erfahrungen sind meist positiv. SEITE 22

Dietrich Birk (VDMA)

Susanne Kunschert (Pilz)

Joachim Knebel (KIT)

Gastbeitrag

Den Mittelstand im Blick

Auf Roadshow

Wissenschaft und Praxis

„Wir wollen Lösungen in produzierenden mittelständischen Unternehmen anstoßen“, sagt Dietrich Birk – Lösungen, die nach Ansicht des LandesGeschäftsführers des Maschinenbauverbandes VDMA Vorbilder für die gesamte Branche werden könnten. Birk ist nicht nur überzeugt, dass Deutschland beim Thema Industrie 4.0 weltweit ganz vorn mitmischt. Auch der Südwesten ist hier seiner Meinung nach Spitze: „Baden-Württemberg ist das erste Bundesland, das eine Allianz 4.0 ins Leben gerufen hat“. Beteiligt daran sind Maschinenbauer, aber natürlich auch IT-Unternehmen oder Firmen aus der Elektrotechnik. Mit von der Partie sind aber auch Wissenschaftler, Vertreter des Finanz- und Wirtschaftsministeriums sowie die Gewerkschaften – und alle sollen an einem Strang ziehen, um den Südwesten auch bei Industrie 4.0 zu einem Musterländle zu machen. Ein Kunststück? Mit Kunst jedenfalls kennt sich der 1967 geborene ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete auch aus – schließlich war er von 2006 bis 2011 Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Seit gut zwei Jahren leitet er die Geschäfte beim Maschinenbauverband im Südwesten. ey

„Da hab ich nicht den Pilz-Hut auf“, sagt Susanne Kunschert. Die geschäftsführende Gesellschafterin der Pilz GmbH in Ostfildern will „etwas für den Mittelstand tun“, wenn sie als Mitglied des Lenkungskreises Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg auf Tour geht. Dann erklärt sie anderen Unternehmern, wie sie ihre Fabriken fit für den digitalen Wandel machen können. Auf der diesjährigen Industriemesse in Hannover, so sagt die 1970 geborene Pilz-Chefin, habe man anders als auf früheren Messen sehen können, dass „die Firmen anfangen, an Industrie 4.0 zu arbeiten“. Für das heraufziehende Zeitalter der miteinander sprechenden Maschinen habe bereits ihre Mutter Renate Pilz vor Jahren wichtige Weichen gestellt, erinnert sich Kunschert. Schon im Jahr 2009 habe diese dezentrale Steuerungen und auch die entsprechende Software auf den Markt gebracht. Insofern sieht die Chefin des Automatisierungs- und Sicherheitstechnikspezialisten mit einem Umsatz von zuletzt 260 Millionen Euro und weltweit 1950 Beschäftigten in Industrie 4.0 denn auch eher eine Weiterentwicklung als eine Revolution der industriellen Produktion. ey

„Wir in Deutschland sind diejenigen, die das Thema Industrie 4.0 wissenschaftlich und operativ vorantreiben,“ sagt Joachim Knebel. Der Professor hat keinen Zweifel daran, dass Deutschland bei Industrie 4.0 weltweit eine Spitzenposition einnimmt. Der studierte Maschinenbauer ist am Karlsruher Institut für Technologie, kurz KIT, für nicht weniger als 36 Institute verantwortlich, arbeitet mit jungen Firmen, etwa Ausgründungen aus dem KIT, aber auch mit etablierten großen Unternehmen zusammen. „Wir verbinden Forschung, Lehre und Innovation“, sagt er. Damit will er dazu beitragen, dass aus einer Vision Wirklichkeit werden kann. Und diese könnte so aussehen: „Die Maschinen organisieren sich selbst, der Mensch kontrolliert hauptsächlich. Die Anlage ist das Gehirn.“ Und die Mitarbeiter? „Ich muss nur noch das Produkt und das Ergebnis eingeben, das ich haben will, die Anlage macht den Rest.“ Die vernetzte, intelligente Produktion könne große Wettbewerbsvorteile mit sich bringen. „Durch die Flexibilität bei Industrie 4.0 können wir auch kleine Stückzahlen, etwa fünf Teile, genauso preisgünstig produzieren wie große Serien“, sagt Knebel. ey

Mitarbeiter werden Mitunternehmer Beteiligungsmodelle helfen gegen Fachkräftemangel, meint AGP-Geschäftsführer Heinrich Beyer. SEITE 24

Eigenheim

Teures Bauen Die Zinsen sind auf einem historischen Tief, aber das Bauen wird trotzdem immer teurer. Wie kann das sein? SEITE 26

Rohstoffe

Jede Menge Schotter Im Südwesten werden jedes Jahr 100 Millionen Tonnen Gesteinsrohstoffe gewonnen, vor allem Kiese. SEITE 28

Kontakt Kritik und Anregungen Wie gefällt Ihnen Wirtschaft in Baden-Württemberg? Wir freuen aus auf Ihre Reaktionen – ob Lob oder Tadel. Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an redaktion@wirtschaft-in-bw.de

Index Die Wirtschaftszeitung wurde jetzt mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet.

Impressum

Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Michael Heller, Klaus Köster Redaktion Imelda Flaig, Werner Ludwig, Walther Rosenberger Gestaltung/Produktion Bernd Fischer, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger, Anna-Lena Wawra E-Mail: redaktion@wirtschaft-in-bw.de Telefon: 07 11/72 05-12 11 und 07 11/72 05-74 01 Internet: www.wirtschaft-in-bw.de „Wirtschaft in Baden-Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Marc Becker (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05-16 03 Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05-0

Personen Barth, Daniel 16 Bauernhansl, Thomas 1, 6 Baum, Marcus 20/21 Beyer, Heinrich 24 Birk, Dietrich 2, 6 Börsch-Supan, Axel 23 Bosse, Christian 20/21 Brodersen, Torben 17 Broy, Manfred 1, 8 Buddensiek, Dirk 22 Burger, Alexander 20/21 Busch, Roger 16 Chunya, Zhao 4/5 Denner, Volkmar 2, 4/5 Diener, Dieter 25 Dörr, Hans-Joachim 16 Dorst, Wolfgang 8 Engelhardt, Bernd 12/13 Flaig, Stefan 11 Gabriel, Sigmar 12/13 Galert, Thorsten 9 Gordon, Robert 3 Grawe, Matthias 16 Grün, Oliver 12/13 Günther, Mathias 11 Hannemann, Christine 11

Haubold, Jens 20/21 Haußmann, Katrin 10 Heimburger, Bernd 11 Hirsch-Kreinsen, H. 8 Hofmann, Ralf 16 Hoos, Johannes 4/5 Kaeser, Joe 24 Kagermann, Henning 8 Kawai, Mitsuru 8 Kempf, Dieter 12/13 Kinzl, Ulrich-Peter 20/21 Knebel, Joachim 2 Knopf, Martin 16 Kolobov, Alexander 19 Kube, Georg 4/5 Kunschert, Susanne 2 Kurth, Brunhilde 12/13 Kurz, Constanze 8 Kutsch, Alexander 16 Laborenz, Rainer 11 Ladwig, Peter 20/21 Layer, Bertram 20/21 Leibinger, Peter 6 Leibinger-Kammüller, N. 2 Lenz, Christofer 20/21 Lienhard, Hubert 4/5 Mailänder, Peter 20/21

Mayer, Ulrike 14 McDonald, John 16 Middelhoff, Thomas 20/21 Mittelbach, Klaus 1, 8 Pfisterer, Stephan 12/13 Popp, Christian 12/13 Post, Peter 4/5, 8 Prang, Andreas 16 Reinhart, Gunther 1, 8 Rifkin, Jeremy 3 Rohleder, Bernhard 12/13 Rossbach, Carsten 8 Scheel, Hansjörg 10 Schlick, Jochen 4/5 Schmalz, Kurt 22 Schmid, Nils 22 Schürle, Stefan 12/13 Sellers, Kai 18 Spath, Dieter 8 Stephan, Peter 4/5 Wahl-Kordon, Andreas 9 Weitzmann, Cornelius 16 Winkler, Christoph 20/21 Wischmann, Steffen 8 Witt, Stephan 11 Wolf, Elke 23 Wolf, Thomas 26

Yildaz, Ergün Zetzmann-Krien, Diane Zimmermann, Marc Zühlke, Detlef

19 16 16 6

Unternehmen Academy 18 AirBnB 8 Amazon 3, 8 Andrena Objects 12/13 Apple 1, 6 Arge zeitgemäßes Bauen 26 Bau- u. Wohnungsverein 26 Binz Partner 20/21 Bosch 1, 2, 4/5, 12/13, 16 Boston Consulting Group 8 Bremer Förderbank 16 BRP Renaud u. Partner 20/21 Burger King 19 Business Education Int. 19 Daimler 22 Deutsche Bank 16 Dt. Pflegeheim Fonds AG 11 Deutsche Telekom 3 Dulce 19 Enron 23

EY 11 EY Law 20/21 Facebook 3, 20/21 Festo 1, 4/5, 8 FWD Hausbau 11 Getrag 16 Gleiss Lutz 10 Google 1, 3, 6 Haver Mailänder 20/21 Hennerkes, Kirchdörfer Lorz 20/21 Heuking Kühn Lüer Wojtek 20/21 Hewlett-Packard 4/5 IBM 1, 4/5 J. Schmalz 22 Knorr-Bremse 16 KRG Foodservice 19 Kuhn Carl Norden Baum 20/21 Kuka 4/5 Landesvereinigg. Bauwirt. 25 Mahle Turbo Systems 16 McDonald’s 17, 19 Menold Bezler 20/21 MHP 16 Obi 17

Ökonsult 11 Oppenländer Rechtsanwälte 20/21 PersonalMarkt 12/13 Pilz 2 Porsche 22 Portas 17 Rocket Internet 3 Roland Berger 8 SAP 3, 4/5, 8 Schmalz 22 Sick 4/5 Siemens 4/5, 24 Steiff 16 Stihl 22 Tesla 6 Thümmel, Schütze Partner 20/21 Town Country Haus 17 Toyota 8 Trumpf 2, 6 Trumpf Bank 16 Uber 8 Universal Robots 8 Voith 4/5, 16 Wittenstein 1, 4/5 Yi-Ko 17, 19


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Ein sehr deutscher Slogan Wer anfängt, den Begriff Industrie 4.0 auf seine historische und inhaltliche Substanz abzuklopfen, landet schnell bei einer ziemlichen Begriffsverwirrung. Eine kritische Reflexion zu einem inzwischen allgegenwärtigen Schlagwort. Von Andreas Geldner Analyse

I

ndustrie 4.0 – auf diesen Begriff sind die Deutschen ein kleines bisschen stolz. Denn diese griffige Überschrift für den Trend, dass nun auch Maschinen und Geräte sich mit dem Internet verbinden, ist zur Hannover Messe im Jahr 2011 propagiert worden und seither zumindest in Deutschland in der politischen und ökonomischen Debatte geradezu ein Modebegriff geworden. Was zuerst aus der Ecke der Maschinenbauer kam, ist nun auch in der IT-Branche angekommen. Symbolisiert wurde das auf der jüngsten IT-Messe Cebit in Hannover dadurch, dass Anbieter von der Deutschen Telekom bis hin zum Softwarekonzern SAP an ihren Ständen kleine Roboter-Installationen aufstellten. Und wie es bei Modebegriffen so ist, wird auch Industrie 4.0 manchmal bis zur Die Herausforderungen Unkenntlichkeit gedehnt. So hat SAP durch die Digitalisierung sind beispielsweise die im nicht-industriellen Bereich Verladelogistik im fast noch größer. Hamburger Containerhafen gleich mal unter das Motto Industrie 4.0 gestellt. Aber wenn Lastwagen computergesteuert nach optimalen Parkplätzen suchen, dann ist das schlicht traditionelle, aber eben etwas komplexer gewordene Logistik. Nach der Definition des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) ist das Wesen von Industrie 4.0, dass Unternehmen ihre Maschinen und Logistiksysteme zunehmend online vernetzen. Man spricht von sogenannten Cyber-Physical Systems (CPS). Die Produktion wird intelligent, weil sich die vernetzten Objekte durch selbstständigen Datenaustausch ohne zentrale oder menschliche Eingriffe gegenseitig steuern. Die Vision ist die sogenannte Smart Factory, also ein Produktionsbetrieb, in dem jederzeit jedes Produkt im Herstellungsprozess genau identifiziert und lokalisiert werden kann. Möglich wird auch eine bis-

her undenkbare Flexibilisierung und schnelle Reaktion auf individuelle Kundenwünsche. Die Produktion lässt sich beispielsweise auch direkt mit der Abrechnung oder der Logistik verknüpfen. Aber warum eigentlich Industrie 4.0? Es fällt schwer, diese Vokabel mit den Erkenntnissen der Wirtschaftsgeschichte zusammenzubringen. Die 4.0 in diesem Schlagwort, die bewusst auch auf eine Ziffer für Softwareversionen anspielt, bezieht sich nämlich auf drei vorangegangene wirtschaftliche Revolutionen. Die erste davon ist die einzig unumstrittene: die im 18. Jahrhundert beginnende und sich im 19. Jahrhundert entfaltende Mechanisierung der Produktion mit Hilfe der Dampfkraft, die überhaupt erst den Einstieg in die Industrieproduktion erlaubte. Doch dann beginnt die Begriffsverwirrung. Schon bei der Frage, was denn die Revolution Nummer zwei ist, klaffen kontinentaleuropäisches und angelsächsisches Verständnis auseinander. Für einige europäische Historiker fällt in diese Phase das Aufkommen neuer Wirtschaftssektoren, vor allem der Chemie- und der Elektroindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zum ersten Mal wurde beispielsweise die systematische Forschung wichtiger als das Erfahrungswissen. Die Chemieindustrie eroberte neue Anwendungsbereiche für industriell gefertigte Produkte. Die Entwicklung der Elektrotechnik führte die Mechanisierung auf eine neue Entwicklungsstufe. In der angelsächsischen Forschung gilt dagegen erst der Übergang zur Fließbandproduktion Anfang des 20. Jahrhunderts als zweite industrielle Revolution. Die Erfinder des Begriffs Industrie 4.0 schlagen sich hier auf die Seite der Angelsachsen. Sie bezeichnen wie die Amerikaner den Übergang zur Fließbandproduktion als Revolution Nummer zwei. Seltsam ist allerdings, warum man, um am Ende auf die Vier in der Industrie 4.0 zu kommen, den Einzug der Elektronik in die Fabrikhal-

len in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Revolution Nummer drei deklariert. Die Produktion am Fließband hat das nicht grundsätzlich verändert, sondern nur effizienter gemacht. In den USA diskutiert man hingegen immer noch über die Tatsache, ob die Revolution Nummer drei überhaupt schon begonnen hat – oder was sie genau ist. Im Jahr 2011 versuchte der renommierte US-Ökonom Jeremy Rifkin den Begriff dritte industrielle Revolution in einem US-Buchtitel als Überschrift über die epochale Wende hin zur regenerativen Energie zu etablieren. Der US-Wirtschaftsprofessor Robert Gordon sagte hingegen im vergangenen Jahr, dass die dritte industrielle Revolution bereits ihren Höhepunkt überschritten habe. Der durch die Digitalisierung hervorgerufene Produktivitätsschub klinge schon wieder ab. Gordon blickte dabei aber vor allem auf Internetplattformen von Google über Amazon bis Facebook und technische Geräte wie Smartphones und Tablet-Computer. Hier sind die wichtigsten Innovationen in der Tat schon fast zehn Jahre alt. Zugespitzt könnte man sagen, dass mit dem Begriff Industrie 4.0 ein Phänomen des deutschen produzierenden Gewerbes ein wenig bombastisch zum Nabel der ökonomischen Welt aufgewertet wurde. Das Schlagwort hat zweifellos zur Mobilisierung der deutschen Wirtschaft und Politik beigetragen. Doch es kann zu deutscher Nabelschau führen. Es ist bisher noch offen, ob sich der Begriff auch außerhalb des deutschen Sprachraums dauerhaft etablieren wird – auch wenn die internationalen Aussteller auf der jüngsten Cebit und der Hannover Messe ihren jeweiligen Auftritt brav unter dieses Label stellten. Der Begriff „Industry 4.0“ ist außerhalb Deutschlands nur in Expertenkreisen bekannt. Amerikanische und chinesische Firmen forschen zwar intensiv an entsprechenden Fertigungsmethoden, aber sie sehen diese eher als Teil des die ganze Wirtschaft umfassenden Umbruchs namens Digitalisierung. Der Nachteil einer einseitigen Fixierung auf die Industrie 4.0 ist in der Tat, dass Deutschland die radikalen Umbrüche der Digitalwelt zu sehr auf die industrielle Produktion bezieht. Hier hat Deutschland weiterhin seine großen Stärken – und die Weltmarktführerschaft zu verlieren. Wenn aus

dieser Fokussierung konkrete Lösungen, etwa eine Normierung der Maschinensprache, hervorgehen, hat sie ihren Sinn. Man sollte wohl einen Marketingbegriff nicht zu tiefsinnig historisch zerpflücken. Doch wenn ein Schlagwort wie Industrie 4.0 die Aufmerksamkeit von Politik und Wirtschaft so stark absorbiert, birgt das Risiken. Die Herausforderungen durch die Digitalisierung sind nämlich im nicht-industriellen Bereich fast noch größer. Von den Banken über den Handel bis hin zum Gesundheitswesen krempelt das Internet die traditionellen Geschäftsmodelle um. USKonzerne haben die Bereiche Information, soziale Netzwerke und Online-Handel bereits okkupiert. Hier liegen schon heute die größten Schwächen Deutschlands. Ideenkopierer wie Rocket Internet, die aus den USA übernommene Verkaufs- und Dienstleistungsmodelle weltweit zu etablieren versuchen, machen noch keinen digitalen Standort aus. Die Amerikaner haben einen sehr viel weiter gefassten Horizont an Anwendungen im Blick als die meisten deutschen Unternehmen – vom Privatbereich bis zum Dienstleistungssektor. Sie schauen auf die gesamte, gesellschaftliche und ökonomische Revolution, die durch die Vernetzung unseres Alltags ausgelöst wird. Sie sehen wirtschaftliche Möglichkeiten weit über den Bereich der Industrie hinaus. Es wäre also an der Zeit, bei der Debatte über die digitale Zukunft der deutschen Wirtschaft über den fast schon zu erfolgreichen Begriff Industrie 4.0 hinauszublicken.

EIN BEGRIFF OHNE EINDEUTIGE KONTUREN Definition Eine verbindliche Definition des in Deutschland erfundenen Begriffs Industrie 4.0 zeichnet sich noch nicht ab. Gemeint ist die Digitalisierung der industriellen Wertschöpfung dank selbstorganisierender, live kommunizierender und reagierender Systeme. Dies bedeutet einen neuen Automatisierungsgrad, dessen Kern die Kommunikation per Internet ist. Historischer Kontext Die Rede ist auch von der vierten industriellen Revolution – nach der Einführung

der Dampfmaschine und der Mechanisierung im 18. und 19. Jahrhundert, der Einführung der Fließbänder am Anfang des 20. Jahrhunderts und dem Beginn von Automatisierung und mikroelektronischer Steuerung ab 1970. Abgrenzung Eine offene Frage ist, inwieweit die Industrie 4.0 nicht die Fortsetzung der schon vor Jahrzehnten begonnen Computerisierung und Automatisierung ist – und damit letztlich Bestandteil dieser Revolution. age


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Auch intelligente Maschinen brauchen bisweilen die Hilfe des Menschen.

Stuttgarter Zeitung | St Nr. 3 | M

Die Vernetzung treibt viele

Im Maschinenbau oder in der Fahrzeugtechnik spielt Baden-Württemberg ganz vorn mit. Um diese S im Südwesten intensiv mit der Digitalisierung der industriellen Produktion. Dabei geht es nicht nur um die inte

Überblick

Sick: Datensammler aus dem Schwarzwald Im Prinzip beschäftigt sich Sick nur mit einem Thema: Der Sensorhersteller aus Waldkirch im Schwarzwald sammelt Daten, Daten und noch mehr Daten. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass die vernetzte Produktion tatsächlich funktioniert. Sensoren des Familienunternehmens messen Abstände und Füllstände, sichern Gefahrenstellen oder identifizieren Produkte mittels RFIDTechnik und Barcodes. Sick beherrscht auch Kameratechnologien und kann dank 3-D-Erfassung auch Volumina bestimmen. Eines von vielen Beispielen ist die Registrierung von Getränkekartons. Dank moderner Sensoren können die Verpackungen dicht an dicht auf dem Band stehen; und weil sie nicht wackeln, kann das Band sehr schnell

Wie Festo auf den Fildern Maschinen verknüpft „Wir sagen nicht, das ist eine Industrie-4.0-Fabrik“, sagt Peter Post über das derzeit wichtigste Investitionsvorhaben von Festo. Der Leiter des Bereichs Forschung und Technologie bei dem Esslinger Automatisierungsspezialisten sieht Industrie 4.0 eher als schrittweisen Prozess denn als radikalen Wandel. Das gilt auch für die neue Produktionsstätte, die im Herbst in Scharnhausen eingeweiht werden soll. Etwa 1000 Menschen sollen dort arbeiten, 70 Millionen Euro werden investiert. „Das machen wir aber nicht wegen Industrie 4.0, sondern weil wir ohnehin mehr Platz brauchen“, sagt der Forschungschef. Allerdings: die Maschinen sollen auf den Fildern doch enger miteinander verknüpft sein als am derzeitigen Standort in Esslingen-Berkheim: „Alles was technisch möglich ist, wollen wir zeitnah machen“, meint Post, „aber es muss auch eine Notwendigkeit dafür geben.“ Mitten in den Komplex stellt das Unternehmen mit weltweit 17 800 Mitarbeitern und einem Umsatz

von zuletzt 2,45 Milliarden Euro eine „Lernfabrik“ – ein Beleg dafür, dass auch Industrie 4.0 nicht auf eine menschenleere Fabrik hinausläuft. „Hier ist vieles anders als bei konventionellen Fertigungsanlagen“, sagt Projektleiter Johannes Hoos. Hinter Glasscheiben laufen auf einem Transportband Leiterplatten mit fertigen Steuerungen vorbei. Plötzlich stoppt das Band, und ein Greifer schnappt sich gezielt einzelne Bauteile für die nächsten Arbeitsschritte. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine gewöhnliche Produktionsanlage, unterscheidet sich technisch doch erheblich davon. Denn die Intelligenz des Systems sitzt nicht mehr in einer zentralen Steuereinheit, sondern ist dezentral auf die einzelnen Komponenten der Anlage verteilt. Ähnliche Systeme stehen auch in Denkendorf. Bei der Tochter Festo Didactic lernen Azubis, aber auch Ingenieure den Umgang mit Industrie-4.0Komponenten. ey

laufen. 200 000 Verpackungen erfassen die Sensoren pro Stunde. Eine andere Anwendung sind Roboter, die – im Gegensatz zu bisherigen Vertretern dieser Spezies – nicht mehr in einem abgesperrten Sicherheitsbereich agieren müssen. Moderne Roboter arbeiten Hand in Hand mit Menschen. Sensoren messen Bewegungsgeschwindigkeiten und Abstände. Die Daten werden mehrere Tausend Mal pro Sekunde ausgelesen – und auf einen Befehl reduziert: Sobald der Abstand zum Menschen zu gering wird, stoppt Kollege Roboter. Sensoren sollen auch dafür sorgen, dass der Fluggast von morgen sein Gepäck selbstständig aufgeben kann. Der Sensor liest vom Kofferanhänger das Reiseziel ab und erfasst die Koffergröße – wichtige Daten, um eine prä-

zise und zuverlässige Identifikation von Gepäckstücken zu ermöglichen. In der Logistik gehört die Vernetzung bereits zum Alltag. Dank Sensoren kann der Kunde nachverfolgen, wo sich seine Sendung gerade befindet. Sensoren werden künftig auf jeder Stufe der Wertschöpfungsstufe zu finden sein. Das verspricht weiterhin hohe Zuwachsraten. Sick hat innerhalb der vergangenen fünf Jahre den Umsatz verdoppelt; 2014 lagen die Erlöse bei 1,1 Milliarden Euro. In den nächsten Jahren soll das Wachstum zehn Prozent pro Jahr betragen. Aber es ist auch ein forschungsintensives Geschäft; die Entwicklung ist rasant. Zehn Prozent des Umsatzes fließen in Forschung und Entwicklung. Der hohe Anteil dürfte manchen neuen Wettbewerber abschrecken. ino

IBM baut Brücken zwischen Maschinen und Buchhaltung

Im Bereich Industrie 4.0 setzt IBM auch auf die Datenwolke (Cloud) im Internet.

Industrie 4.0. – das ist ein Stück weit auch Übersetzungsarbeit. Der Anbieter IBM stellt deshalb seine Fähigkeit in den Mittelpunkt, bisher nicht kompatible IT-Systeme aus Produktion und Betriebswirtschaft miteinander verknüpfen zu können. IBM Integration Bus nennt das Unternehmen beispielsweise ein Softwarepaket, das in unterschiedlichen Varianten auch heterogene IT-Systeme und die Systeme in der Fertigung unter einen Hut bringen kann. Erst damit wird ein zuverlässiger Fluss an Daten und Informationen ermöglicht. Die IBM-Software kann zudem die Brücke zwischen IT-Systemen bauen, die ursprünglich von ganz anderen Herstellern stammen. Als ein Fallbeispiel nennt der Konzern die Verknüpfung eines IT-Systems von Siemens bei einem Hersteller von Bandstahl mit einer ursprünglich

teil der d Sensoren sind ein essenzieller Bestand

getrennt angeschafften Planungssoftware von SAP. Auch als Dienstleister für die Entwicklung neuer Anwendungen im „Internet der Dinge“ versucht sich IBM zu profilieren. Eine im vergangenen Herbst gestartete Cloud-Plattform namens Internet of Things Foundation erlaubt es Entwicklern, ohne großen eigenen IT-Aufwand ihre Sensoren und neuen Anwendungen zu testen. Dass das abstrakte Thema Industrie 4.0 manchmal immer noch die unmittelbare Anschauung brauchen kann, zeigt auch die Tatsache, dass in der IBMZentrale in Eningen potenzielle Kunden sich von einem 3-D-Drucker demonstrieren lassen können, wie sich in Zukunft eine flexible Einzelfertigung, die sogenannte Losgröße eins, organisieren lässt. age

Wittenstein: Elektronik spart Fahrten mit dem Materialzug Für Jochen Schlick geht es um nicht weniger als darum, „die Produktion in Europa zu halten“. Schlick leitet bei der Wittenstein AG das Zukunftsfeld Cyber-Physical Systems. Runde zwölf Millionen Euro hat das Unternehmen aus Igersheim bei Bad Mergentheim in seine 2012 eingeweihte Fabrik in Fellbach gesteckt. Industrie 4.0 lautet auch hier das Zauberwort, das Unternehmen und Arbeitsplätze sichern soll. In Fellbach will Wittenstein lernen, wie Maschinen miteinander vernetzt und Menschen durch aufbereitete Informationen bei ihren Entscheidungen unterstützt werden können. Schlick nennt ein Beispiel: „Meine Kapazität ist bis Montag ausgebucht“, könnte etwa eine Maschine mitteilen – entweder einer anderen Maschine, die den Job für sie übernehmen kann, oder einem Menschen, der selbst nach freien Kapazitäten Ausschau hält. An seinem zweitgrößten Standort macht das Unternehmen mit einem Umsatz von zuletzt 275 Millionen Euro und weltweit 1900 Mitarbeitern keine Laborversuche, sondern stellt echte Produkte her – zum Beispiel Spezialzahnräder.

„Ausgangspunkt unserer Überlegungen war nicht, was technisch alles möglich wäre, sondern die Anwendung“, sagt Projektleiter Peter Stephan. Zur Zeit wird daran gearbeitet, den Materialfluss in der Produktion zu verbessern. Papierzettel sollen durch elektronische Informationssysteme ersetzt werden. Der Fahrer hat auf seinem Materialzug einen Tablet-PC, der über Anlieferund Abholaufträge in Echtzeit informiert und erledigte Transportaufträge dokumentiert. Dank der elektronischen Informationsverarbeitung können Fehler reduziert werden. Wie bei Zetteln gilt aber auch in der digitalen Welt: „Dass die Daten stimmen, ist das A und O, auch bei Industrie 4.0“, sagt Stephan. „Zukünftig kann die Materialanlieferung flexibilisiert und etwa die Hälfte der Fahrten eingespart werden. Die Produktivität steigt, die Chance, Produktion in Europa zu halten, ebenfalls.“ ey

An IT-Kapazitäten für industrielle Big-Data-Anwendungen h Unser Bild zeigt das Rechenzentrum in Walldorf.

SAP will auch in der Fabrikhalle

vernetzte Fellbach arbeiten Bei Wittenstein in gungen, in ed rb bo unter La Maschinen nicht e Produkte her. sondern stellen reell

SAP geht es wie vielen angestammten IT-Anbietern: Sie sind mit Programmen für Funktionen abseits der Fabrikhallen groß geworden – und arbeiten sich nun im Zeitalter von Industrie 4.0 zunehmend an die Maschinen heran. Das Walldorfer Unternehmen verweist immer wieder darauf, dass seine Software in 26 Branchen und Industriezweigen schon jetzt komplizierte Prozesse vom Einkauf über die Logistik bis hin zur Abrechnung spezifisch für die jeweiligen Bedürfnisse managt. SAP will seine Programme nun verstärkt bis zur Schnittstelle in der Fabrikhalle bringen. „Wir haben schon früher Maschinen in

der Fertigung direkt angesteuert – das gibt es schon seit einigen Jahren“, sagt Georg Kube, SAP-Experte für das Thema Industrie 4.0. SAP hat gerade erst eine Kooperation mit Siemens angekündigt. „Wir bieten auch IT-Bausteine und Software an, die unsere Kunden in ihren Produkten verbauen und sie somit tauglich für Industrie-4.0Anwendungen ihrer eigenen Abnehmer machen“, sagt Kube. SAP setzt vor allem darauf, dass man dank einer innovativen Datenbank namens Hana bei der Verarbeitung großer Datenmengen in Echtzeit gegenüber der Konkurrenz die Nase vorn habe. Industrie 4.0 bedeutet dabei nicht nur größere Datenmengen, sondern auch die Fähigkeit,


Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

tuttgarter Nachrichten Mai 2015

Firmen im Land um

Spitzenposition auch in Zukunft zu halten, beschäftigen sich viele Unternehmen elligente Steuerung von Fabriken, sondern auch um das Internet der Dinge.

Diese Fertigungslinie bei Bosch Rexroth in Homburg hat den „Industrie 4.0 Awa ziert werden mehr als 200 verschiedene rd“ gewonnen. Produelektrohydraulische Ventile für Trak toren.

Bosch: die vernetzte Welt ist mehr als Industrie 4.0

bruchteilen Getränkekartons. in unserem Bild registriert in Sekunden Sick von teil Bau Das rik. Fab n tale digi

Inventur kann mühsam sein. Zhao Chunya, Produktplanerin bei Bosch im chinesischen Suzhou, weiß das aus Erfahrung. Allein in der ABS-Fertigung habe sich das Zählen der Maschinen manchmal über einen Monat hingezogen, teilweise stand die Produktion still, erinnert sie sich. Denn die Mitarbeiter müssen sich – ausgestattet mit Inventurlisten – auf die Suche nach den Anlagen machen. Das ist Vergangenheit. Jetzt sei die Arbeit in vier Stunden getan – dank RFID-Funktechnik, mit der die ganze Fabrik ausgestattet ist. Die Maschinen melden sich – im wörtlichen Sinne – selbst, sobald der Mitarbeiter an ihnen vorbeigeht. Die Zeitersparnis betrage 97 Prozent, hat der Zulieferer ausgerechnet. Die Inventur ist nur ein Beispiel dafür, wie Industrie 4.0 den Alltag in der Produktion verändern wird.

Mehr als 100 Projekte zur vernetzten Produktion gibt es derzeit in den Bosch-Werken, Tendenz stark steigend. Die Produktionslinie, die bei Bosch Rexroth in Homburg (Saarland) Ende vergangenen Jahres in Betrieb ging, wurde sogar von einer unabhängigen Jury mit dem „Industrie 4.0 Award“ ausgezeichnet. In dem Werk fertigt der Stuttgarter Technologiekonzern elektrohydraulische Ventile für Traktoren, ohne die sich Anbaugeräte wie Pflug, Mähwerk, Frontlader oder Sämaschine weder heben noch senken ließen. Es ist ein kleinteiliges und variantenreiches Geschäft: aus gut 2000 Komponenten werden mehr als 200 Ventilvarianten gefertigt. Dank der Vernetzung ist die Produktion im Hochlohnland Deutschland dennoch wettbewerbsfähig – auch, weil die Lagerhaltung um bis zu 30 Prozent zurückgeht und dank Sensorüberwachung weniger Fehler gemacht werden. Quali-

tät und Flexibilität nehmen zu, während zeitaufwendige und teure Umrüstzeiten wegfallen. Bosch-Chef Volkmar Denner gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er über die künftigen Möglichkeiten spricht. Die Stuttgarter sind Anbieter und Anwender der neuen Technologien, deren Umsatz Denner nicht beziffert. Für ihn geht es um mehr als Produktion, es geht um das Internet der Dinge. Nicht nur Maschinen vernetzen sich, auf der Straße kommunizieren künftig Autos mit Autos, bei der Parkplatzsuche kommuniziert das Auto mit dem Parkhaus, per Smartphone lassen sich aus der Ferne Geschirrspüler, Herd und Heizung steuern. Von 45 000 Forschern und Entwicklern arbeiten allein 3000 an Lösungen für die vernetzte Welt. Und auch das ist Bosch: 1,6 Milliarden Sensoren stellt der Konzern her – Winzlinge, die die Welt in Sekundenbruchteilen wahrnehmen. Bosch ist hier die Nummer eins weltweit. ino

Voith entdeckt die neue Industriewelt Papiermaschinen, Schiffsantriebe, Generatoren für Wasserkraftwerke – das war weit mehr als 100 Jahre lang die Welt von Voith. Dass der Verkauf von Papiermaschinen ein zyklisches Geschäft mit immer wieder heftigen Ausschlägen ist, das war Generationen von Managern bei dem Heidenheimer Familienunternehmen klar. Hubert Lienhard indes, der derzeitige Vorsitzende der Voith-Geschäftsführung, steht vor einer ganz neuen Herausforderung. Angesichts der rasanten Digitalisierung der Medien wird der Verkauf von Papiermaschinen immer schwieriger. Die immer noch wichtigste Einzelsparte des Konzerns kann nicht darauf hoffen, das die Nachfrage nach den Ungetümen irgendwann wieder das Niveau früherer Jahre erreicht. Deshalb sollen in Heidenheim bis zu 370 Stellen im Papiermaschinenbereich wegfallen. Darüber, wie es an verschiedenen anderen Standorten weitergeht, wird noch verhandelt. Das Unternehmen wartet

herrscht bei SAP kein Mangel.

HP plant ein „virt uelles Fort Knox “, sicher lagern solle n wie in dem legen in dem Kundendaten so dären US-Golddep ot.

HP: erst die richtigen Fragen, dann die Informationstechnologie

Kuka ist Spezialist für Roboter. Davon will künftig auch der Voith-Konzern profitieren.

(2), Fotos: Bosch Rexroth, dpa

unterschiedlichste Datenquellen sofort zu erschließen und zu verknüpfen. Wenn es beispielsweise darum geht, den Zustand eines ganzen Maschinenparks, den immer komplexere Sensoren erfassen, so zu überwachen, dass die Anlagen vorausschauend schon vor einer bevorstehenden Panne gewartet werden können, müssen teilweise hochkomplexe Analysen erstellt werden. „Das sind in der Regel Big-Data-Anwendungen, wenn es um einen richtig großen Maschinenpark geht. Da benötigen sie einiges an IT-Kapazität“, sagt der SAP-Experte Kube. Am Ende soll nicht der Mensch an der Maschine den Wartungsdienst anrufen, sondern die Maschine soll sich selbst dort melden. age

Sie haben Sensoren, brauchen Software und müssen auch nicht länger in Sicherheitskäfigen eingesperrt werden, wenn sie mit Menschen zusammenarbeiten sollen – für Voith also Grund genug, sich bei Kuka zu engagieren. Wie die Zusammenarbeit konkret aussehen soll, steht aber offenbar noch nicht fest. Beide Unternehmen agierten operativ weiterhin völlig unabhängig voneinander, heißt es in Heidenheim. Es gebe bislang auch keine gemeinsamen Entwicklungsarbeiten oder Ähnliches. ey

Biwer nstein Illustration: Oliver eto Klar, Sick AG, Witte dapd, Festo, SAP AG/R

e mitmischen

aber nicht nur mit negativen Nachrichten auf: Mit 25,1 Prozent wolle man sich an der Augsburger Roboterschmiede Kuka beteiligen, so lautete die Botschaft wenige Wochen vor Weihnachten. Dabei handele es sich um ein „strategisches Engagement“, das den Weg frei machen solle in die Welt von Industrie 4.0. Auf Gebieten wie Sensorik und Software habe Voith (Umsatz im Geschäftsjahr 2013/14: 5,3 Milliarden Euro) noch Nachholbedarf, räumte das Unternehmen im Februar freimütig ein. Kuka (Umsatz 2014: 2,1 Milliarden Euro) dagegen, so hieß es bei der Bekanntgabe des VoithEinstiegs bei den Augsburgern, sei bestens gerüstet für den „Megatrend Industrie 4.0“ – bei dem künftig auch die Schwaben von der Ostalb mitmischen wollen. Seit Jahrzehnten baut Kuka Roboter etwa für die Autoindustrie, kennt sich aber auch aus mit Automatisierungslösungen für die Medizintechnik oder die Luftfahrt. Roboter seien nicht weniger als eine „Schlüsselkomponente für die digitalisierte Industrie“, heißt es bei Voith.

Ein IT-Anbieter, der in der Industrie 4.0 erfolgreich sein will, darf nicht mehr von der Software aus denken, sondern er muss sich viel intensiver als bisher mit den Geschäftsprozessen des Kunden auseinandersetzen – das ist das Kredo des IT-Konzerns Hewlett-Packard (HP). Erst müssen die richtigen Fragen gefunden sein, bevor dazu die entsprechende ITArchitektur gebaut wird. „Sie müssen dem Kunden vor allem die Möglichkeit geben, die neu gefundenen Anwendungen kostengünstig zu testen, um überhaupt herauszufinden, ob sie funktionieren“, sagt ein HP-Sprecher. IT-Experten werden so auf einmal auch zu strategischen Beratern, weil sie sich gemeinsam mit dem Kunden auch über neue Geschäftsmodelle den Kopf zerbrechen. „Sie müssen vor allem die Fragen stellen, welche der Kunde bisher aufgrund seiner Tradition bisher noch gar

nicht gestellt hat“, sagt der Sprecher. Dies bedeute auch einen Rollenwechsel für die IT-Abteilungen in den Firmen selbst: Sie müssten weniger die bestehenden IT-Prozesse am Laufen halten. Diese werden im Zuge der Industrie 4.0 immer mehr in die Internet-Cloud ausgelagert. Die hauseigenen IT-Experten werden zu Beratern der Geschäftsführung. HP hat sein Augenmerk auch auf einen Bereich gerichtet, der in Deutschland besonders beachtet wird: Wenn Unternehmen verstärkt Daten mit anderen Firmen teilen, dann wollen sie sicherstellen, dass nur die Informationen fließen, die sie auch herausgeben wollen. HP ist gerade dabei, ein mit seinem Namen an das legendäre US-Golddepot angelehntes „virtuelles Fort Knox“ zu entwickeln, das den offenen Datenaustausch mit hoher Sicherheit verbinden soll. age


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

„Roboter werden Massenprodukte“ Interview Die vernetzte Produktion erfordert neue Geschäftsmodelle,

sagt der Chef des Fraunhofer-Instituts IPA, Thomas Bauernhansl.

I

ndustrie 4.0 wird die Produktion revolutionieren, davon ist Thomas Bauernhansl überzeugt. Bereits in zehn Jahren werde sich keiner mehr der Entwicklung entziehen können, sagt der Chef des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA).

Herr Bauernhansl, Industrie 4.0 ist in aller Munde. Ist es mehr als ein Hype? Die grundsätzliche Frage ist, was ist ein Hype? Ist es etwas Sinnloses, oder ist es eine Entwicklung, die zunächst überinterpretiert wird, dann zurückfällt und letztlich tatsächlich eine Veränderung bringt? Industrie 4.0, also die Digitalisierung der Wertschöpfung, hat Züge eines Hypes. Ich bin überzeugt, am Ende wird es eine „Der deutsche Maschinenbau richtige industrielle Revolution werden. könnte mehr investieren.

Teilweise leben wir leider von der Substanz.“

Industrie 4.0 droht nicht das Schicksal der Elektroautos, von Thomas Bauernhansl über Forschung und Entwicklung denen immer weniger sprechen? Um das Elektroauto ist es tatsächlich ruhig geworden. Doch das heißt noch lange nicht, dass es nicht doch kommt – dann aber mit aller Macht. Aus meiner Sicht ist der Erfolg des Elektroautos eng mit dem autonomen Fahren verknüpft. In dem Moment, wo sich das autonome Fahren durchsetzt, wird das Elektroauto insbesondere in der Stadt seine Vorteile ausspielen. Tesla, Apple und Google sind massiv an dem Thema dran. Industrie 4.0 ist kein deutsches Thema. Auch andere Länder sind dran. Wer liegt vorn? Die Amerikaner nennen die Entwicklung Industrial Internet – das klingt nicht so prickelnd wie Industrie 4.0, doch die Themen sind ähnlich. Allerdings haben die Amerikaner einen anderen Ansatz. Sie definieren zunächst Testfelder – beispielsweise die Organisation von Lieferanten in Echtzeit. Dann untersuchen sie, welche Technologien dafür vorhanden sind und welche noch entwickelt werden müssen. Im Gegensatz dazu wollten die Deutschen die technologische Entwicklung gedanklich vorwegnehmen – und zunächst Standards definieren. Die Amerikaner agieren insgesamt geschickter. Tatsächliche Ergebnisse können sie aber bisher nicht vorweisen. Die deutsche Plattform Industrie 4.0 hat sich neu aufgestellt. Bringt uns das Vorteile? Ich hoffe es. Die neue Plattform Industrie 4.0 orientiert sich auf alle Fälle weniger an Normen als vielmehr an der Umsetzung. Die Gewerkschaften sind mit an Bord. Und die Politik engagiert sich.

FERTIGUNGSEXPERTE Funktion Seit September 2011 steht Thomas Bauernhansl an der Spitze des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb der Universität Stuttgart und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart. Bis Anfang dieses Jahres hatte er zusätzlich auch das Institut für Energieeffizienz in Stuttgart geleitet.

Ausbildung Bauernhansl, 1969 im fränkischen Miltenberg geboren, hat in Aachen Maschinenbau studiert, Vertiefungsrichtung Fertigungstechnik. Promoviert hat er über das Thema „Bewertung der Synergien im Maschinenbau“. Seine Karriere begann er beim Mischkonzern Freudenberg in Weinheim. Zuletzt leitete er dort das Technologiezentrum. ino

Wie steht der Maschinenbau zu dem Thema? In allen Größenklassen findet man Maschinenbauer, die sich intensiv mit neuen Geschäftsmodellen und Technologien beschäftigen. 2015 und 2016 wird man viele Neuentwicklungen sehen, die in Teilen disruptiven Charakter haben – die also wirklich Neues bringen und Bestehendes verdrängen. Dann werden auch diejenigen, die bisher abwartend waren, sich intensiver mit Industrie 4.0 auseinandersetzen. Aber die Hannover Messe stand doch ganz im Zeichen der Digitalisierung; viele Firmen haben solche Anwendungen gezeigt. Industrie 4.0 ist auch ein Marketingbegriff. Und wie es mit solchen Begriffen ist, werden sie missbraucht und verwässert. Wohl jeder Stand auf der Hannover Messe hatte ein Industrie-4.0-Schild an seinen Produkten, das stimmt. Aber einen Internetanschluss an eine Maschine zu basteln, ist noch lange keine Industrie-4.0-Anwendung. Jede Firma interpretiert die Digitalisierung so, dass sie zunächst mal gut ins eigene Geschäft passt. Was verbirgt sich also hinter Industrie 4.0? Die Grundidee von Industrie 4.0 ist, wichtige Funktionalität aus einer Maschine in Internetplattformen auszulagern. Dort kann sich der Anwender die nötigen Software-Services dann herunterladen. Nehmen Sie ein Smartphone – mittlerweile ein Standardgerät, vollgepumpt mit Sensorik und Aktorik. Die Basisfunktion ist Telefonieren. Sie können Bilder größer und kleiner ziehen. Aber die eigentliche Funktionalität des Smartphones bestimmen Sie selbst, indem sie sich Apps auf das Smartphone ziehen. Sie entscheiden, was Ihr Gerät können soll. Und dieses Prinzip gilt auch für Maschinen? Genau. Es geht darum, Grundfunktionen der Maschine zu definieren und dort zu belassen. Und gleichzeitig gibt es die Möglichkeit, zusätzliche Funktionalität aus Internetplattformen auf die Maschine zu ziehen, etwa aus einer Cloud. Ein Großteil der Funktionalität entsteht auch dadurch, dass viele Maschinen miteinander vernetzt werden. Bisher gibt es nur wenige Unternehmen, die sich wirklich damit auseinandersetzen. Denn das bedeutet, die eigene Produktarchitektur komplett umzustellen. Und es geht um neue Geschäftsmodelle. Das ist das andere Thema. Wenn ich nämlich die neue Architektur besitze und in Echtzeit auf viele Informationen zugreifen kann und beispielsweise Big Data nutze, um die Daten aufzubereiten, dann ergeben sich daraus ganz neue Möglichkeiten für Geschäftsmodelle. Im Mittelpunkt steht dabei der Kunde. Ich möchte ihm den Zusatznutzen bieten, den er bereit ist zu zahlen. Ein Maschinenbauer muss dabei nicht alles selbst entwickeln. Viele Technologien sind im Netz verfügbar, man kann sie aufwandsminimal an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Und es werden Kooperationen nötig sein. Wollen die Kunden das? Wenn sie Menschen vor 15 Jahren gefragt hätten, wie ein Mobiltelefon aussehen soll, wäre wahrscheinlich kein Smartphone rausgekommen. Die disruptiven Innovationen entstehen meist, nicht weil der Kunde gefragt wird, sondern weil er ein völlig neues,

Bei Big Data hinke Deutschland hinterher, sagt Thomas Bauernhansl. Foto: Martin Stollberg

ihn begeisterndes Angebot bekommt. Man muss sich bewusstmachen, dass solche Entwicklungen nun stattfinden werden. Und damit werden bestehende Kunden-Lieferanten-Verhältnisse schnell infrage gestellt. Es werden ganze Wertschöpfungsstufen verschwinden. Nehmen sie das Smartphone, es wird als Standardprodukt in Massenproduktion hergestellt. Apple beschränkt sich auf das Design der Geräte, gefertigt werden sie in Taiwan. Wichtig sind das von Apple betriebene Ökosystem, der App-Store und die Interaktion mit dem Kunden. Kommt es so auch im Maschinenbau? Im Bereich der Robotik wird dies als Erstes stattfinden. Google ist genau damit beschäftigt – der Konzern will ein neues System aufbauen, das es dem Anwender erlaubt, auf einen mit dem Internet verbundenen Standardroboter Software-Services zu ziehen. Der Kunde zahlt nur für die Nutzung der Services. Der Roboter selbst wird damit zum Massenprodukt, das vermutlich günstig in China hergestellt wird. Ich erwarte diese Entwicklung auch beim Auto. Wenn das autonome Fahren kommt, dann ist der Fahrspaß weg, das Auto ist deemotionalisiert und könnte somit zum Standardprodukt werden. Bedeutet das den Untergang des traditionellen Maschinenbaus? Nein. Schon heute beträgt in vielen Maschinen der Software-Anteil mehr als 50 Prozent – bezogen auf den Gesamtwert der Maschine. Das ist also nichts Neues für den deutschen Maschinenbau. Jetzt kommt der Sprung in die digitale, vernetzte Welt. Das ist nicht der Tod des Maschinenbaus, sondern eine neue Gestaltungsdimension. Es wird Maschinenbauer geben, die noch erfolgreicher als früher sein werden. Aber es werden auch einige verschwinden. Wie viele Firmen sind auf dem richtigen Weg? Auf den Weg gemacht haben sich viele. Aber es gibt unterschiedliche Geschwindigkeiten. In der Robotik muss man schnell sein, will man nicht von Google

abgehängt werden. In Summe sind vielleicht zehn bis 15 Prozent der Unternehmen heute bereits gut unterwegs. Wann erreicht Industrie 4.0 unseren Alltag? In den nächsten fünf Jahren werden wir sehr viel Veränderung sehen. Ab 2020 geht das mehr und mehr in die Breite. Und ab 2025 kann sich wohl keiner mehr der Entwicklung entziehen. Und dann gibt es Branchenveränderungen – es wird viele Kooperationen und auch Übernahmen geben, und Branchengrenzen werden sich verschieben. Ist Deutschland dafür gerüstet? Auf der Maschinenbauseite haben wir alles, was wir brauchen, um erfolgreich zu sein. Wir haben auch viele kleinere, innovative Software-Unternehmen. Was fehlt, ist die Durchdringung im Internet. Wenn sie sich die Patentanmeldungen im Bereich Big Data anschauen, dann spielen Deutschland und Europa nur eine untergeordnete Rolle; die USA, China und Japan sind klar vorn. Da haben wir Nachholbedarf. Das heißt aber nicht, dass wir das alles selbst entwickeln müssen. Wir brauchen die richtigen Partnerschaften. Wer ist im Vorteil: die Maschinenbauer oder die Big-Data-Experten? Wichtig ist der Kundenkontakt. Und den halten im Maschinenbau immer noch die deutschen Unternehmen. Es geht darum, den Kunden noch besser zu verstehen und über die richtigen Angebote enger an sich zu binden. Investieren die Maschinenbauer genug in Forschung und Entwicklung (F&E)? Bei den F&E-Ausgaben gibt es Entwicklungen, die einen nachdenklich machen. Allein Google steckt mehr Geld in F&E als der gesamte deutsche Maschinenbau zusammen. Solche Wettbewerber sind schon sehr ernst zu nehmen. Der Maschinenbau könnte mehr investieren. Teilweise leben wir leider von der Substanz. Das Gespräch führte Inge Nowak.

Die Vision von der Geisterfabrik blieb ein Traum Die zentral gesteuerte Produktion scheiterte an hohen Kosten, der Starrheit und unausgereifter Software. Von Ulrich Schreyer Historie

F

ast wäre es zappenduster geworden: „Wenn Sie in vier Wochen wiederkommen würden, hätten wir hier kein Licht mehr“, wurde Detlef Zühlke bei einem Besuch der Halle 54 bei VW in Wolfsburg gesagt. „Wir brauchen dann kein Licht mehr, weil keine Menschen mehr in der Fabrik sind.“ Es war in den achtziger Jahren, als Zühlke, damals junger Assistent und heute Wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern, ein solches Szenario prophezeit wurde. Ein Rechner, so die damalige Idee, sollte die gesamte Fabrik steuern – möglichst vom Wareneingang über die Buchhaltung, die Produktentwicklung und die Produktion bis hin zum Vertrieb: Computer Integrated Manufacturing hieß das Zauberwort, die „CIM-Fabrik“ wurde zum Kürzel für die Vision von der Produktion der Zu-

kunft. Nachdem schon einige Jahre an der computergesteuerten Fabrik herumgebastelt worden war, kam es gegen Ende der achtziger Jahre gar zu einer „Hype-artigen Blüte“, wie sich Zühlke erinnert. Der Informationsfluss im Betrieb sollte schneller und besser, die Auslastung der Maschinen höher und die Reaktion auf Fehler und Pannen rascher werden. Eine Fabrik, die solchen Ideen nahe kam, ging Ende der siebziger Jahre beim Flugzeugbauer Messerschmitt-BölkowBlohm (MBB) in Augsburg in Betrieb – schon bevor der Begriff Computer Integrated Manufacturing in Mode kam. Man hatte eine Art CIM-Fabrik, wusste dies aber gar nicht so recht. In den Hallen standen bereits vernetzte Maschinen, und weil die Auftragsbücher gut gefüllt waren, spielten auch die Kosten keine so große Rolle wie etwa bei den deutschen Mittelständlern. Der

Traum der Techniker von der vollkommen vernetzten Fabrik scheiterte an den Kosten, aber auch an anderen Unzulänglichkeiten: Die Kapazität der teuren Rechner war noch relativ gering, die Netzwerke nicht ausgereift. Zudem konnte die Software lange nicht so viel wie heute. „CIM ist zu einem gehörigen Teil an der Komplexität und der Unausgereiftheit der Technik gescheitert“, meint Zühlke denn auch. „Es ging einfach nicht so, wie man es sich vorstellte“, sagt Engelbert Westkämper, inzwischen emeritierter Professor am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automationstechnik (IPA) in Stuttgart. „Wollte man neue Maschinen aufstellen oder neue Bauteile bearbeiten, musste man die ganze Fabrik umbauen.“ Weil die Fabrik unflexibel war und vieles nicht zusammenpasste, blieb es nicht beim stillen Abschied von den hochfliegenden Plänen: CIM, das sei „Chaos im Mittelstand“, spöttelten böse Zungen. „Den Begriff habe ich noch nicht gehört, finde ihn aber ganz gut“, sagte Peter Leibinger, der stellvertretende Vorsitzende der

Geschäftsführung beim Maschinenbauer Trumpf, einmal in einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung. „CIM ist daran gescheitert, dass es erstens ein isoliertes Projekt war, das in der Theorie entstanden ist.“ Und falsch sei auch die Vorstellung gewesen, „der Produktionsablauf werde besser, wenn alles über zentrale Rechner gesteuert würde. Dass Unerwartetes, etwa ein Fehler, eintritt, wurde völlig außer Acht gelassen“, meinte Leibinger. Anders als bei den Plänen von menschenleeren Fabriken aus der CIM-Zeit brauche man bei Industrie 4.0 „Mitarbeiter, die umsichtig planen, koordinieren, steuern und kommunizieren,“ so beschreibt etwa Dietrich Birk, Geschäftsführer beim Maschinenbauverband VDMA, einen grundlegenden Unterschied zwischen alten und neuen Zukunftsvisionen. Doch auch bei diesen ist nach Ansicht von Zühlke etwas Skepsis angebracht: „Es klappt nicht, dass man einfach einen Chip an einen Baumstamm nagelt und dann kommt ein Ikea-Stuhl raus“, warnt der Wissenschaftler aus Kaiserslautern.


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8 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Kollege Roboter reicht seinen helfenden Arm Die Vernetzung von Fabrik, Maschine und Mensch wirkt sich auch auf die moderne Arbeitswelt aus. Von Thomas Thieme

Arbeit 4.0

A

rbeiten in der Fabrik der Zukunft überhaupt noch Menschen? Oder bewegen sich darin ausschließlich Roboter im vorprogrammierten Takt? Wie die Vernetzung von Mensch und Maschine funktioniert, ist bisher nur an wenigen Standorten großer Industriekonzerne zu besichtigen. An wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema herrscht dagegen kein Mangel. In Studien des Instituts für Innovation und Technik, des FraunhoferInstituts für Arbeitswirtschaft und Organisation sowie der Boston Consulting Group setzen sich Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft mit den Folgen von Industrie 4.0 für die Arbeitswelt auseinander.

Funktioniert die intelligente Fabrik auch ganz ohne Menschen? Das dachten sich offenbar die Verantwortlichen von Toyota. Um ihr ambitioniertes Ziel von zehn Millionen produzierten Fahrzeugen im Jahr 2014 zu erreichen, trieben die Japaner die Automatisierung in ihren Werken bereits um die Jahrtausendwende massiv voran. Menschen wurden durch Industrieroboter ersetzt oder zu deren Handlangern degradiert, die nur noch für den Materialnachschub zustänFoto: ZVEI/Matthias Haslauer dig waren. „Funktionierten die Maschinen nicht wie er„Ich denke, die Fabrik wartet, konnte kein Arbeiter der Zukunft ist genauso die Probleme mehr selbst menschenleer, wie heutige beheben“, erläutert Steffen Wischmann vom Institut für Büros papierlos sind.“ Innovation und Technik. Die Klaus Mittelbach, Geschäftsführer Folge der Maschinenfehler des Zentralverbands Elektrotechnikund Elektronikindustrie (ZVEI) waren millionenfache Rückrufaktionen und ein erheblicher Imageschaden. „Das waren klare Produktionsmängel, die nicht auf elektronischen oder Softwarefehlern beruhten“, konstatiert Wischmann. Als Konsequenz führte der Autobauer wieder mehr manuelle Arbeitsplätze in der Montage ein. In den heutigen Lernfabriken von Toyota soll der Arbeiter in die Lage versetzt werden, die Arbeitsschritte der Roboter zu verstehen, zu verbessern und im Falle von Fehlern einzuschreiten. „Wir können uns nicht einfach auf Maschinen verlassen, welche dauernd nur ein und dieselbe Arbeit immer wieder ausführen“, sagte Mitsuru Kawai, Technischer Direktor bei Toyota, 2014 in einer Rede vor Mitarbeitern. Manfred Broy, der Leiter des Lehrstuhls Software&Systems Engineering an der TU München, beschreibt die sich verändernde Rolle des Menschen in der Fabrik der

Zukunft so: „Ich glaube, dass immer mehr Arbeit automatisiert wird. An die Vorstellung aber, dass der Mensch der gesteuerte Handlanger des Systems ist, glaube ich nicht.“ Ein Verschwinden des Menschen aus der Produktion schließt auch Klaus Mittelbach, Geschäftsführer des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), aus: „Ich denke, die Fabrik der Zukunft ist genauso menschenleer, wie heutige Büros papierlos sind.“ Wie kann die Zusammenarbeit von Maschine und Mensch gestaltet werden? Die besondere Herausforderung für die Firmen bei der Verschmelzung von digitalen und physischen Ressourcen beschreibt Peter Post, Leiter der Forschungsabteilung des Maschinenbauers Festo, so: „Der Mensch ist unwahrscheinlich flexibel und kann innerhalb kürzester Zeit eine wahnsinnige Fülle von Aufgaben beherrschen. Maschinen sind heute oftmals statisch. Die Aufgabe, für die sie ausgelegt sind, können sie gut. Aber eben nur diese eine. Und diese beiden Welten gilt es näher zu bringen.“ Im Idealfall agiert der Mensch innerhalb der voll automatisierten Produktion Hand in Hand mit Maschinen und Anlagen. Der ehemalige SAP-Vorstandschef Henning Kagermann hat folgende Vision von der Fabrik 4.0: „Dann haben wir anstatt der Käfige, in denen die Maschinen stehen, mehr Teams, in welchen Roboter und Menschen zusammenarbeiten.“ Eine solche barrierelose Zusammenarbeit von Maschine und Mensch ermöglichen die Robotersysteme des dänischen Herstellers Universal Robots. „Die maximalen Kräfte und Geschwindigkeiten des Roboters sind so konzipiert, dass dieser keine Verletzungen verursacht und sofort seinen Betrieb stoppt, sobald ein Mensch in seinem Arbeitsbereich eingreift“, heißt es dazu in der Studie des Instituts für Innovation und Technik. Bereits nach kurzem Training könnten die Arbeiter den Roboter autonom programmieren und steuern. 80 Prozent der Roboter arbeiten bereits eng mit dem Menschen ohne physikalische Sicherheitsbarrieren zusammen. Zu den Kunden von Universal Robots zählen auch die deutschen Autobauer VW und BMW. Braucht die Industrie neue Ausbildungsberufe und Studiengänge ? Die Rolle des Arbeiters in der Fabrik 4.0 wird eine andere sein. „In der Produktionsarbeit der Zukunft sind die Menschen stärker die Dirigenten und Koordinatoren. Die harte Muskelarbeit und auch einen Teil der Denkarbeit übernehmen die Maschinen“, glaubt Gunther Reinhart, Leiter des Insti-

In der Industrie 4.0 werden Roboter und Menschen immer enger zusammenarbeiten, sind Experten überzeugt. Das Bild zeigt Mechatroniker in der Karosseriefertigung von Porsche in Leipzig bei der Installation eines Roboters. Foto: dpa tuts für Werkzeugmaschinen an der TU München. Die Qualifikation für diese neuen Anforderungen müsse vor allem am Arbeitsplatz selbst erlangt werden, ist Dieter Spath, der ehemalige Leiter vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, überzeugt: „Wir werden keine Studiengänge Industrie 4.0 schaffen, das ist keine Grundlagenausbildung.“ Auch neue Ausbildungsberufe sind nach Ansicht von Wolfgang Dorst vom Branchenverband Bitkom nicht notwendig: „Wir müssen vielmehr eine Verknüpfung von bestehenden Ausbildungsgängen und Berufen schaffen.“ Verändert sich der Arbeitskräftebedarf? Trotz zunehmender Verschmelzung von sogenannten Blue-Collar- und WhiteCollar-Tätigkeiten, also der Aufgaben von Fabrikarbeitern und Ingenieuren, werden 2030 nicht ausschließlich Akademiker in der Produktion arbeiten, erwartet Constanze Kurz von der IG Metall. „Es wird nach wie vor einen bedeutenden Anteil an mittleren Berufen geben.“ Der Produktionsarbeiter der Zukunft werde aber verstärkt ingenieurähnliche Tätigkeiten übernehmen, so Kurz. Hartmut Hirsch-Kreinsen rechnet damit, dass Stellen mit niedrigen Qualifikationsanforderungen in hohem Maße durch intelligente Systeme ersetzt werden. Bei-

spiele seien einfache Tätigkeiten in der Logistik, bei der Maschinenbedienung und der manuellen Datenerfassung. „In welchem Umfang Substitutionsprozesse eintreten, ist derzeit allerdings kaum abschätzbar“, sagt der Wirtschafts- und Industriesoziologe von der TU Dortmund. Auch die Fraunhofer-Studie nennt nur einen äußerst vagen Korridor für den veränderten Arbeitskräftebedarf: „Für die Zukunft sehen Experten eine Veränderung der Beschäftigung in der Bandbreite von rund 1,5 Millionen Arbeitsplätzen nach oben oder unten im produzierenden Sektor, abhängig von der Entwicklung des Automatisierungsgrads, der Lohnkosten und weiteren Schlüsselfaktoren.“ Konkreter wird die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group, die mit dem Aufbau von 390 000 neuen Arbeitsplätzen in den kommenden zehn Jahren rechnet. „In der Summe überwiegen die positiven Effekte durch die Industrie 4.0, das zusätzliche Wachstum schafft mehr Arbeitsplätze, als in der Fertigung entfallen“, sagt BCG-Partner Michael Rüßmann. Allerdings seien die Unternehmen gefordert, in Ausrüstung, Maschinen und IT-Infrastruktur zu investieren. Die Studie nennt einen zusätzlichen Investitionsbedarf von 250 Milliarden Euro für die deutsche Industrie bis 2025.

Die Digitalisierung des industriellen Herzens

D

igitalisierung und Industrie 4.0 sind seit einiger Zeit in aller Munde, zuletzt boten die Cebit wie auch die Hannover Messe eine Vielzahl von Eindrücken zum Stand der Entwicklung von Anwendungsfeldern, Produkten und Lösungen der Industrie. Jüngst hat auch die EUKommission in ihrer Digitalstrategie Ziele formuliert, die auf die Wettbewerbsfähigkeit der industriellen Basis in der EU zielen. Die Bundesregierung verfolgt ebenfalls zahlreiche Initiativen in verschiedenen Ministerien, allen voran die neu justierte Plattform Industrie 4.0 unter Führung der Bundesminister Wanka und Gabriel sowie Verbänden, Industrie und IG Metall. Man möchte deshalb fast meinen, das Thema Digitalisierung der Industrie habe Wirtschaft und Gesellschaft durchdrungen und harre nun nur noch der Umsetzung. Das Gegenteil ist der Fall, die eigentlichen Aufgaben liegen noch vor uns. Auch die Industrie in Baden-Württemberg steht vor einem radikalen Strukturwandel, denn die digitale Transformation bietet enorme Chancen – bringt aber auch große Herausforderungen mit sich. Die Roland-Berger-Studie „Die digitale Transformation der Industrie“ in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Deutschen In-

dustrie untersucht Ursachen und Auswirkungen der Digitalisierung auf die Industrie in Deutschland und Europa und errechnet ihren wirtschaftlichen Gesamteffekt. So gehen wir davon aus, dass die Digitalisierung der Industrie allein für BadenWürttemberg bis 2025 ein zusätzliches kumuliertes Wertschöpfungspotenzial von mindestens 46 Milliarden Euro in den industriellen Kernsektoren eröffnet, also zum Beispiel im Maschinen- und Anlagenbau, der Elektrotechnik oder der Automobilindustrie. Für Deutschland sind es sogar 425 Milliarden Euro. Gelingt es nicht, die digitale Transformation zum Vorteil Baden-Württembergs zu gestalten, wird die Industrie allerdings in diesem Zeitraum bis zu 24 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung einbüßen, konservativ gerechnet und ohne Berücksichtigung von Sekundäreffekten – etwa für Baden-Württembergs heute ausgesprochen starken IKT-Sektor. Die untersuchten acht Branchen werden in drei Wellen erfasst. Die erste Welle der digitalen Transformation hat bereits die Automobilindustrie und die Logistikbranche erreicht. Hier werden die Auswirkungen am größten sein. Von Welle zwei werden Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotech-

nik, Medizintechnik sowie Energietechnik erfasst. Hier treten die Veränderungen zeitverzögert, aber dennoch mit großer Wirkung auf. Jede dieser vier Branchen muss mit einem Umbruch rechnen, der sich auf ihre Wertschöpfungstiefe auswirkt und einen höheren Margendruck erzeugt. Etwas später werden in der dritten Welle schließlich auch Chemie und Luftfahrt die Folgen der digitalen Transformation erleben. Damit eröffnen sich neue Chancen für die existierenden Marktteilnehmer, aber auch für branchenfremde Akteure, etwa aus der IT-Industrie. Etablierte Firmen mit großem Knowhow in ihrer Branche können so schnell ins Hintertreffen geraten. Bisherige Branchenführer drohen „ge-ubert“ zu werden – in Anspielung auf den digitalen Dienstleister Uber, der mit seiner Applikation international den etablierten Fahrdienst- und Taximarkt herausfordert. Ob Amazon, Uber oder AirBnB: Zahlreiche dieser Beispiele zeigen, wie radikal Marktumbrüche durch die digitale Transformation ausfallen können. Diesen Wandel dürfen wir nicht über uns ergehen lassen. Wir können und müssen ihn gestalten. Es reicht nicht, die Digitalisierung allein als Effizienzhebel zu begreifen, wie dies im Rahmen der Diskussion um Industrie 4.0 und die intelligente Fabrik allzu oft geschieht. Die Unternehmen müssen vielmehr die Möglichkeit einer vollständigen Geschäftsmodellumwälzung verstehen. Neue, unternehmensübergreifende Kooperationen sind hierfür nötig – durch-

aus auch mit Wettbewerbern, zum Beispiel bei der Pilotierung und beim Aufbau gemeinsamer digitaler Plattformen und Geschäftsmodelle. Dabei spielen neue industrielle Standards im Bereich Digitalisierung eine besondere Rolle. Die Erfahrung zeigt: in der digitalisierten Industrie werden sich zunehmend offene Standards in der Vernetzung von Geschäfts-IT, Produktions-IT und Anlagen durchsetzen. Diese Standards werden in der digitalen Wirtschaft nicht per Dekret durch Gremien gesetzt, sondern werden durch Markterfolg etabliert – und zwar mit hoher Geschwindigkeit und einem Netzwerkeffekt, der natürliche Monopole schaffen kann. Unternehmen dürfen hier nicht auf Initiativen, Verbände und Politik warten; diese müssen begleiten, nicht steuern. Unternehmensführer müssen voranschreiten, ihr eigenes Geschäftsmodell in der digitalen Welt vollständig hinterfragen und weiterentwickeln, sich in konkreten Kooperationen und Testfeldern engagieren und somit im Markt jene Basis schaffen, die uns auch in der analogen Welt erfolgreich gemacht hat.

Foto: privat

Die Vernetzung krempelt die Wirtschaft im Eiltempo um. Firmen dürfen daher nicht auf die Politik warten, sondern müssen selbst voranschreiten, um die neuen Chancen zu nutzen. Von Carsten Rossbach

Gastbeitrag

Carsten Rossbach berät seit 2008 als Senior Partner bei Roland Berger Technologieund Telekommunikationsanbieter sowie Klienten aus verschiedenen Industriebranchen in Fragen der digitalen Transformation.


Wir Wirtschaft tschaft & Karriere

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Wacher, nicht schlauer Schöne neue Welt: einfach eine Pille einwerfen und schon ist die Müdigkeit wie weggeblasen, und die Konzentration bleibt selbst nach einem 16-Stunden-Tag noch auf Höchstniveau. So einfach funktioniert das umstrittene Hirndoping allerdings nicht. Von Dorothee Schöpfer

Doping am Arbeitsplatz

D

er Tag war lang und ist noch lange nicht vorbei. Die eigentliche Arbeit liegt immer noch unberührt auf dem Tisch, obwohl man doch schon zehn Stunden im Büro verbracht hat. Erst die wöchentliche Bürobesprechung, dann viele nicht eingeplante Telefonate, ein längst schon abgeschlossenes Projekt macht Ärger. Nachmittags Bauherrenbesuch, am späten Nachmittag das Dauerfragenbombardement eines Mitarbeiters, der allein nichts auf die Reihe kriegt. Dabei sollte doch übermorgen die wichtige Präsentation fertig sein. Es läuft auf eine Nachtschicht raus. Nur sind die Studentenzeiten längst vorbei, als man so etwas noch locker schultern konnte. Schon wieder ein Espresso, pfui Teufel. Aber da gibt es doch diese Pillen, die der Sohn der Nachbarin nimmt, weil er sich in der Schule so schlecht konzentrieren kann. Seit er Ritalin nimmt, ist alles besser, jetzt kann er trotz ADHS-Diagnose ganz gut lernen. Ein Klick ins Netz genügt. „Um Methylphenidat (Ritalin) rezeptfrei zu bestellen, benötigen Sie nur eine Minute Zeit und eine gültige Lieferadresse“, verspricht die Internetseite. Der Ingenieur hat’s nicht getan. Nur kurz dran gedacht. Tatsächlich sind es insgesamt betrachtet nur wenige Angestellte oder Führungskräfte, die zu Pillen greifen, um fitter im Kopf zu werden. Die versuchen, ihre Leistungsfähigkeit mit Hilfe von Medikamenten zu steigern, die sie nicht verschrieben bekommen haben. Eine Studie der DAK unter 5000 Teilnehmern zwischen 20 und 50 Jahren hat kürzlich ergeben, dass sich zwar rund zehn Prozent vorstellen könnten, Gehirndoping zu betreiben. Regelmäßig schlucken aber nur knapp zwei Prozent Medikamente zur vermeintlichen Leistungssteigerung, für deren Einnahme sie keine Indikation haben. Im Wort „Doping“ schwingt die Illegalität schon mit. Doping ist illegal und ethisch nicht korrekt. Unlauterer Wettbewerb – wer dopt, betrügt. Doch wen eigentlich? Im Radsport mag es

Hirndoping mit Pillen? Viele setzen auf Ritalin ja eindeutig sein: Es ist ungerecht, wenn letztlich die Chemie über den Sieg entscheidet. Aber im Berufsleben? In der Schule? Sollte es da nicht jedem Einzelnen freigestellt sein, das Bestmögliche aus sich herauszuholen? Selbstoptimierung liegt im Trend, warum sollte die Medizin dazu nicht ihren Beitrag leisten? Die Fachwelt spricht auch nicht von Gehirndoping, sondern von „pharmakologischem Neuro-Enhancement“. Enhancement, das bedeutet einfach nur Verbesserung. So hat auch der Philosoph und Chemiker Thorsten Galert zusammen mit sechs anderen Wissenschaftlern, Juristen, Medizinern, Philosophen schon vor Jahren in einem Memorandum einen „offenen und liberalen Umgang mit Neuro-Enhancement“ gefordert.

Andreas Wahl-Kordon, ärztlicher Direkter der Schwarzwälder Oberbergklinik, ist überzeugt, dass die Suche nach Optimierung quasi eine anthropologische Konstante ist: „Die Menschheit wird immer versuchen, die Qualität der eigenen Leistungsfähigkeit zu verbessern – möglichst nebenwirkungsarm.“ Wahl-Kordon ist Mediziner in einer Klinik, die ausschließlich Privatpatienten mit psychischen Erkrankungen behandelt, auf Manager und Führungskräfte als Patienten spezialisiert ist. Auf Leistungsträger also, die in der Klinik landen, wenn sie ihr Limit überschritten haben. „In anderen Kulturen kaut man CocaBlätter. Bei uns sind Kaffee und Nikotin legale Stoffe, die wir nehmen, um wacher zu bleiben“, sagt Wahl-Kordon. Wer seine kognitive Leistungsfähigkeit mit Substanzen wie Methylphenidat zu steigern versucht, wird im Normalfall wenig Erfolg haben. Denn das Medikament, das ursprünglich entwickelt wurde, um die USamerikanischen Piloten im Zweiten Weltkrieg länger wach zu halten, hilft zwar dabei, nicht müde zu werden; aber bessere Ergebnisse bei der Arbeit erzielen an sich gesunde Gehirndoper in der Regel nicht. Im Gegenteil. „Wer ein hohes Leistungsniveau hat, der erzielt nach der Einnahme von Ritalin keine besseren Ergebnisse, sondern wird sogar schlechter. Für Menschen, die ein niedrigeres Leistungspotenzial besitzen, sind die Ergebnisse unterschiedlich. Die schnitten bei den Leistungstests mit Ritalin zum Teil besser, zum Teil schlechter ab als ohne“, so Wahl-Kordon über das Ergebnis medizinischer Studien. Dazu passt, dass die regelmäßigen Gehirndoper der DAK-Umfrage überwiegend Angestellte sind, die einfache Tätigkeiten verrichten. Ob sie zu den vermeintlichen Schlaumacherpillen greifen, weil sie tatsächlich einen Nutzen davon haben, oder deshalb, weil sie unsichere und prekäre Arbeitsplätze haben und so einem hohen Stress ausgesetzt sind, dazu sagt die Studie nichts. Wer ohne Indikation zu Psychopharmaka greift, verspürt als Gesunder in der Regel wenig bis keine Wirkung, so Wahl-Kordon. Falls sich das Befinden durch die Einnahme eines Antidepressivums tatsächlich bessere, ist der Pillenschlucker möglicherweise tatsächlich depressiv. Ansonsten macht ein Antidepressivum weder gute Laune, noch verhilft es zu mehr Tatkraft. Die Nebenwirkungen sind beim Missbrauch von Medikamenten höher als bei der verschriebenen und kontrollierten Einnahme. Denn wer sich seine Psychopillen ohne Indikation einwirft und bei einem selbst kreierten Medikamentencocktail die unterschiedlichen Wirkstoffe mixt, hat ein höheres Risiko für eine Überdosierung und Risiken wie Herz-KreislaufBeschwerden. Die typischen Managerkrankheiten sind Depressionen, Burn-out oder Angstattacken, so Andreas Wahl-Kordon. Auch die Abhängigkeit von Medikamenten mit beruhigender Wirkung wie Valium kommt bei seinen Patienten vor. Der Missbrauch von Ritalin ist im klinischen Alltag der Oberbergklinik jedoch nur sehr selten Thema. Noch. „Ich bin mir nicht sicher, ob sich das ändert, wenn die jüngere Generation in den Chefetagen ankommt. Aber es gibt bei

Medikamente als Muntermacher? Bei Stress im Job steigt die Versuchung, zu Pillen zu greifen. Viele erhoffen sich davon mehr Konzentration, mehr Hirnleistung, mehr Tempo – und nehmen Risiken in Kauf. Fotos: dpa uns im Gegensatz etwa zu den USA doch eine viel größere Skepsis gegenüber Stimulanzien wie Ritalin.“ Wenn Manager zu leistungssteigernden und aufputschenden Drogen greifen, dann sind es härtere: Kokain ist immer noch ein Thema in den Führungsetagen, weiß Wahl-

Kordon. Auch hier gilt: der Flash wirkt zwar ungemein leistungssteigernd, doch oft nur in der eigenen Wahrnehmung. Objektiv betrachtet sind die Leistungen auch nach dem Hochziehen einer weißen Linie nicht außergewöhnlich. Es kommt dem Kokser nur so vor.

WELCHE MITTEL ZUM GEHIRNDOPING ES GIBT UND WOFÜR SIE DA SIND Die DAK-Studie unterscheidet zwischen vier verschiedenen Feldern, in denen Gehirndoping betrieben wird, und hat auch nach den Motiven der Gehirndoper gefragt.

Antidepressiva werden gegen Depressionen verordnet. Geschluckt werden sie missbräuchlich, um Unsicherheit und Schüchternheit zu überwinden, aber auch, um aktiver zu werden.

Stimulanzien mit Wirkstoffen wie Methylphenidat und Modafinil werden von Ärzten zur Therapie von ADHS und Narkolepsie verschrieben. Die Doper versprechen sich durch die Einnahme eine Verbesserung der Gedächtnisleistung.

Betablocker sind Mittel gegen Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Sie sollen helfen, Stress, Nervosität und Lampenfieber abzubauen, so die Logik der Gehirndoper.

Antidementiva mit Wirkstoffen wie Piracetam und Memantin werden gegen Alzheimererkrankungen eingesetzt. Gehirndoper schlucken sie, um ihre Gedächtnisleistung zu verbessern.

Die Wirkung Susanne Hildebrand, eine der Autorinnen der DAK-Studie, hält den Einsatz dieser Medikamente bei Gesunden für annähernd wirkungslos, vor allem Placebo-Effekte träten dabei auf. Aussagekräftige Studien zur Einnahme von Medikamenten zum Zweck

des Neuro-Enhancements bei gesunden Menschen gibt es bislang allerdings nur wenige. Die Alternativen Andreas Wahl-Kordon, Ärztlicher Direktor der Oberbergklinik Schwarzwald, nennt Achtsamkeitsübungen als geeignetes Mittel, um fit im Kopf und in der Seele zu bleiben. „Wer seine Aufmerksamkeit nach innen richtet, bekommt ein Gespür dafür, wo die eigenen Grenzen sind.“ Auch Yoga könne helfen, einen klaren Kopf zu bekommen. Marathonläufe seien nicht notwendig, um fit zu bleiben. Es genüge, dreimal pro Woche laufen zu gehen, sich ausgewogen zu ernähren und ausreichend zu schlafen. ds


10 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Gesetzestreue als Aufgabe des Managements Mit Compliance-Untersuchungen wollen Unternehmen prüfen, ob Gesetze, Richtlinien und der unternehmenseigene Kodex eingehalten werden. Das Ziel ist gut, doch das Vorgehen will gut geplant sein. Von Hansjörg Scheel und Kathrin Haußmann Arbeitsrecht

C

ompliance“ ist einer der modernen Anglizismen, der auf den ersten Blick nur etwas Altbekanntes bezeichnet – nämlich, dass Regeln, insbesondere Gesetzesnormen, eingehalten werden müssen. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass mit der Verbreitung dieses Anglizismus – und einigen Gesetzesverschärfungen – auch das Bewusstsein bei den Unternehmen wuchs, genauer auf die Einhaltung rechtlicher Regeln zu achten. Ein zentrales Instrument sind dabei interne Compliance-Untersuchungen, die ein Unternehmen in Auftrag gibt, um zu prüfen, ob und welche Rechtsverletzungen begangen werden oder wurden. Solche Compliance-Untersuchungen werden häufig in guter Absicht in Auftrag gegeben. Die gute „Bereits die Frage, wer überhaupt Tat wird jedoch für die Compliance-Untersuchung schnell zum Fluch, wenn bei der Durchzuständig ist, führt häufig führung der Unterzu rechtlichem Streit.“ suchung selbst die rechtlichen RahJurist Hansjörg Scheel über den Umgang mit Verstößen gegen Recht und Gesetz menbedingung en missachtet werden: Compliance-Untersuchungen durchzuführen heißt, sich auf einen Streifzug durch unterschiedlichste Rechtsgebiete zu begeben, die vom Arbeitsrecht über das Datenschutzrecht bis zu Zuständigkeitsfragen des Gesellschaftsrechts reichen. Bereits die Frage, wer überhaupt für die Compliance-Untersuchung zuständig ist, führt häufig zu rechtlichem Streit: Prüft die betroffene Gesellschaft selbst, oder kann sie die Untersuchung ihrer Muttergesellschaft, z. B. in Form der Konzernrevision, überlassen? Besonders strittig ist, ob in einer Aktiengesellschaft der Vorstand oder der Aufsichtsrat zuständig ist. Um Doppelarbeiten, die mitunter Millionen verschlingen können, zu vermeiden, müssen deshalb

in einem frühen Stadium die Verantwortungsbereiche abgegrenzt und Formen der Zusammenarbeit festgelegt werden. Die Frage, ob und wie kooperiert wird, stellt sich auch hinsichtlich einer Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden, insbesondere Staatsanwaltschaften, Zollund Steuerfahndung, Kartellbehörden, Bafin und Ähnlichem: Im Kartellrecht gehen interne Compliance-Untersuchungen häufig Bußgeldverfahren voran. Da derjenige, der die Kartellbehörden vollumfänglich über einen Kartellverstoß informiert, die Aussicht hat, kein Bußgeld zahlen zu müssen, gibt es nicht selten wahre Wettläufe zwischen den vormals kartellrechtswidrig handelnden Unternehmen, wer den Kartellbehörden den Sachverhalt zuerst offenlegt. Weil insbesondere Staatsanwaltschaften häufig personell stark unterbesetzt sind, versuchen die Ermittlungsbehörden vielfach, Absprachen mit den Unternehmen zu erlangen, dass die Unternehmen durch renommierte Berater eigene Untersuchungen durchführen lassen und die Ermittlungsbehörden dann diese Untersuchungsergebnisse erhalten. Dafür bleibt das Unternehmen (vorerst) von weiteren Durchsuchungen verschont. Auch wird den Unternehmen diese Kooperation dadurch schmackhaft gemacht, dass die Kosten der Compliance-Untersuchungen abgezogen werden können, wenn es bei der Bußgeldfestsetzung gilt, die Vorteile der Tat abzuschöpfen. Bei Compliance-Untersuchungen muss deshalb oft in einer frühen Phase entschieden werden, ob und in welcher Weise das Unternehmen mit den staatlichen Behörden – über ohnehin bestehende Mitwirkungspflichten hinaus – kooperieren will. Bei Ermittlungen der Behörden wie auch bei internen Compliance-Untersuchungen spielt die Auswertung elektronischer Daten, insbesondere der E-Mails,

Compliance – die Einhaltung von Gesetzen und Richtlinien – ist auch gut fürs Firmenimage. eine zentrale Rolle. Um die gigantischen Datenmengen mit einem vertretbaren Aufwand zu sichten, ist ein Research-Programm nötig, das höchste Effizienz bietet: Die Wahl des falschen Anbieters und der unkundige Umgang mit diesen, etwa durch falsch gewählte Suchbegriffe, kann den Untersuchungserfolg gefährden oder die Kosten deutlich erhöhen. Rechtliche Probleme bei der Prüfung von E-Mails stellen sich vor allem dann, wenn ein Unternehmen die private Nutzung dienstlicher E-Mail-Accounts gestattete oder noch gestattet. Bevor die Untersuchung elektronischer Daten begonnen wird, sind für die konkrete Untersuchung die datenschutzrechtlichen Grenzen zu ermitteln. Bedeutsam ist dabei, ob die E-Mail-Accounts ausschließlich zu dienstlichen Zwecken zur Verfügung gestellt wurden oder von privaten E-Mail-

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Accounts klar getrennt sind. Der Einsatz von elektronischen Systemen in Unternehmen ist mitbestimmungspflichtig, soweit sie zur Kontrolle des Verhaltens und der Leistung von Mitarbeitern geeignet sind. Die datenschutzrechtlichen Bestimmungen, die bei gestatteter privater E-Mail-Nutzung zu beachten sind, sollten aber nicht dahingehend missverstanden werden, dass Mitarbeiter ein allgemeines Recht hätten, bei internen ComplianceUntersuchungen Auskünfte zu verweigern. Im Gegenteil: Mitarbeiter sind ihren Arbeitgebern sogar dann in Befragungen zu ihrer Arbeit zur Auskunft verpflichtet, wenn sie sich selbst strafbar gemacht haben. Anders als im Strafrecht gibt es im Verhältnis zum Arbeitgeber grundsätzlich kein Recht, die Aussage zu verweigern, wenn der Mitarbeiter sich mit einer wahrheitsgemäßen Aussage zu seinem Arbeitsverhalten selbst belastet. Noch schwieriger wird die Situation für den Mitarbeiter dadurch, dass Protokolle über seine Befragung im Rahmen von Durchsuchungen in die Hände der Ermittlungsbehörden fallen können. Die Unternehmen fördern deshalb bei vielen Compliance-Untersuchungen die Aussagebereitschaft von Mitarbeitern: Sie zahlen Anwälte der Mitarbeiter, die die- „Entgleist eine gut gemeinte sen beistehen, wenn Compliance-Untersuchung, sie vom Unterneh- ist der Schaden oft größer men und seinen Anwälten befragt wer- als zuvor.“ den. Insbesondere Kathrin Haußmann, bei Compliance-Un- Anwältin für Arbeitsrecht tersuchungen zu Kartellverstößen offerieren die Unternehmen häufig auch Amnestieprogramme. Mit solchen Programmen verzichten Unternehmen gegenüber Mitarbeitern – zumeist aber nicht gegenüber dem Top-Management – auf Kündigungen, Schadenersatzansprüche, Widerruf von Pensionszusagen oder ähnliche Sanktionen, sofern der Mitarbeiter vollständig und wahrheitsgemäß aussagt. Compliance-Untersuchungen bewegen sich auch in zeitlicher Hinsicht in Spannungsverhältnissen: Auf der einen Seite wollen das Unternehmen und seine Berater häufig erst alle wichtigen Quellen ausschöpfen, bevor sie den so ermittelten Sachverhalt rechtlich werten. Auf der anderen Seite können dem Unternehmen aber gravierende Nachteile entstehen, wenn es zu lange wartet. Es kann beispielsweise den Wettlauf mit anderen Mitgliedern eines Kartells verlieren, wer dieses Kartell zuerst bei den Behörden offenlegt und dafür Bußgeldfreiheit erlangt. Im Ergebnis ist es deshalb von zentraler Bedeutung für den Erfolg einer Compliance-Untersuchung, dass von vornherein viele Aspekte der Untersuchung richtig angegangen werden und dass die Compliance-Untersuchung richtig in die Spur gebracht wird. Andernfalls entgleist eine gut gemeinte Compliance-Untersuchung, und der Schaden ist, insbesondere durch die hohen Kosten, größer als zuvor.

DIE GASTAUTOREN Katrin Haußmann Die promovierte Juristin ist Fachanwältin für Arbeitsrecht und seit 2002 Partner der international tätigen Wirtschaftskanzlei Gleiss Lutz in Stuttgart.

Hansjörg Scheel Der promovierte Jurist absolvierte sein Studium in Konstanz und an der University of Illinois (LL.M. 1992). Er ist seit 1997 Partner bei Gleiss Lutz und leitet die Fokusgruppe Compliance. red


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Rendite mit Rentnern Wer in Immobilien investiert, sollte den demografischen Wandel im Blick haben. Wohnanlagen für altere Menschen könnten das Betongold der Zukunft werden. Von Siri Warrlich

Geldanlage

B

etongold ist sicher, vor allem in der Eurokrise – das denkt in Deutschland fast jeder Dritte. „Stellen Sie sich vor, die Eurokrise würde sehr akut. Wie würden Sie Ihr Geld sichern?“, fragte das statistische Internetportal Statista 1000 Menschen. Rund 31 Prozent setzten auf Immobilien. Betongold als Anlage scheint besonders vermögende Privatinvestoren anzuziehen: „Grundsätzlich nimmt das Interesse für die Anlagekasse ‚Immobilie‘ bei privaten Anlegern zu“, sagt Vermögensberater Bernd Heimburger – vor allem aus Mangel an Alternativen. Mit ihrem Vertrauen in Immobilien lassen Anleger aber einen wichtigen Faktor zu häufig außen vor: den demografischen Wandel. Das statistische Bundesamt rechnet mit einem rasanten Bevölkerungsschwund. Danach dürfte die deutsche Bevölkerung in den nächsten 25 Jahren um fast zehn Prozent schrumpfen. „Obwohl der Trend bereits unumkehrbar ist und das Ausmaß über die Höhe des jährlichen Zuzugs nur marginal „Obwohl der Trend beeinflusst wird, hat noch kaum ein Anleunumkehrbar ist, hat kaum ger diesen Aspekt ein Anleger diesen Aspekt auf dem Radar“, sagt auf dem Radar.“ Vermögensberater Rainer Laborenz. Vermögensberater Rainer Laborenz über den demografischen Wandel Wer über die reine Vermögenssicherung hinaus eine langfristige Rendite erwartet, könnte mit Immobilien schlecht beraten sein: Ein Mustergutachten des Instituts für Vermögensaufbau für eine Doppelhaushälfte in Karlsruhe mit Baujahr 2014 und einem Bauwert von 490 000 Euro geht davon aus, dass das Haus 2030 nur zwei Prozent mehr wert sein wird als zum Zeitpunkt des Baus. Der wichtigste Grund: In der Stadt werden 2030 voraussichtlich rund 2,4 Prozent weniger Menschen leben als 2014. Die Nachfrage nach Wohnraum sinkt und mit ihr der Preis. Ein weiterer Faktor, der diesen Trend verstärkt: Immobilienexperten zufolge bleiben viele ältere Menschen in den Objek-

ten wohnen, in denen sie vor Jahren oder Jahrzehnten ihre Kinder aufgezogen haben. In Eigentumswohnungen in Stuttgart beispielsweise reduziert sich die durchschnittliche Haushaltsgröße zwischen Einund Auszug von 2,4 auf 1,8 Personen. Das hat das statistische Amt der Stadt ermittelt. „Klassischer Fall: ein Seniorenpärchen oder sogar eine alleinstehende, ältere Frau leben in einer großen Wohnung, die vor einiger Zeit der ganzen Familie Platz bieten musste“, sagt Stefan Flaig von der Stuttgarter Agentur Ökonsult. Er hat 2011 bis 2014 mit dem Kreis Böblingen mit Blick auf den demografischen Wandel ein Konzept zur Wiederbelebung von Leerständen und untergenutzten Familienwohnungen entwickelt und erprobt. Die Tendenz von älteren Menschen, in Wohnungen zu bleiben, die eigentlich zu groß für sie sind, nennen Experten „Remanenzeffekt“. Die Folge: wenn die Wohnungen der Senioren frei werden, ist der frei werdende Wohnraum im Verhältnis zur Zahl der potenziellen Nachfrager, nämlich junger Familien, sehr hoch. Selbst in Gebieten, in denen in den nächsten Jahrzehnten kein Bevölkerungsschwund erwartet wird – wie etwa in Stuttgart –, könnte das im Remanenzfaktor versteckte überschüssige Angebot an Wohnraum die Preise negativ beeinflussen. In Stuttgart bestand 2011 etwa jeder fünfte Haushalt ausschließlich aus Senioren. Ob Mietwohnungen eine geringe Rendite abwerfen oder leer stehen, hängt von vielen Faktoren ab – etwa von der Bevölkerungsentwicklung am Standort, vom ProKopf-Einkommen und auch vom Leitzins. Auch die Form des Wohnobjekts spielt eine Rolle. Derzeit steigt der Anteil von SingleHaushalten. Zugleich wird es in der Zukunft voraussichtlich immer weniger junge Familien geben. Einfamilienhäuser, so ein Gutachten des statistischen Amts der Stadt Stuttgart, dürften deshalb am stärksten

„Ih re Str ate gie de r for tsc hr Sp eziali sie ru ng – ge tra ge eit en de n n von einer jungen, ambit ionier ten Partn erschaft – geht auf.“ (2011/2012 Juve Handbu ch Wir tschaftsKanzleien)

treibt die in „Ungebroc hen dy na mi sch nz lei ihr en Stu ttg ar t em pfohle ne Ka honorieren Ausbau weiter voran ... Das nz lei fü r Ka auch Ma nd anten , die die ntn is‘ und en hk Fac de gen rra ihre ‚hervo entie ru ng ‘ ‚au sgeprägte Ma ndantenori loben.“ ch Wir tschaftsKanzleien) (2014/2015 Juve Handbu

von den negativen Folgen der Bevölkerungsentwicklung betroffen sein. „Die Erfahrung zeigt schon jetzt, dass ein Hausverkauf im Umland von Stuttgart nicht mehr zum Erwerb einer altersgerechten Wohnung in der Stadt reicht“, sagt Christine Hannemann, die an der Uni Stuttgart zur Stadtentwicklung forscht. Sie deutet an: Wer den Spieß umdreht, kann aus dem demografischen Wandel Profit schlagen. Im Jahr 2020 wird die Anzahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland gegenüber 2009 fast um ein Viertel ansteigen, berechnete das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Ernst & Young. Das käme einem Bedarf von 2000 neuen Pflegeheimen gleich – und einem Investitionsbedarf von rund 17,7 Milliarden Euro. Für diesen Kapitalbedarf versuchen Fondsanbieter auch private Investoren zu mobilisieren. „Zugang zu einem Immobiliensektor, der wie kein anderer ein starkes und nachhaltiges Wachstum“ verzeichne, verspricht etwa die Deutsche Pflegeheim Fonds AG ihren Privatkunden. Geschlossene Immobilienfonds für Pflegeeinrichtungen versprechen mit fünf bis sieben Prozent Zinsen im Vergleich zu anderen Anlageformen ein lukratives Geschäft. Als Miteigentümer ist man aber auch an den Verlusten beteiligt, wenn die Anlage nicht die versprochene Rendite hält. Neben Fondsbeteiligungen können Privatanleger auch direkt Wohnungen in Seniorenwohnanlagen erwerben. Von den rund 80 Anlagen, die etwa die FWD Hausbau aus Dossenheim bei Heidelberg in den letzten Jahren fertig gestellt habe, sei ein guter Teil der Wohnungen von Kapitalanlegern erworben worden, sagt Geschäftsführer Mathias Günther. Solch eine direkte

Investition in altersgerechte Immobilien sieht Vermögensberater Laborenz als die bessere Alternative zu Immobilienfonds, da bei Fonds die Kosten hoch, aber Transparenz und Mitspracherechte niedrig sind. Zudem rät er, lieber in altersgerechte Wohnanlagen in Verbindung mit hinzubuchbaren Serviceangeboten statt in klassische Altenpflegeheime zu investieren. Letztere böten eben nicht nur – im Idealfall – hohe Renditeaussichten, sondern auch Risiken: Aufgrund regulatorischer Eingriffe bei Preis und Leistung (etwa über die Pflegeversicherung) sei die Rentabilität der Heime nur schwer vorherzusehen. Andere Vermögensberater verweisen auf weitere Gefahren, etwa auf den drohenden Mangel an Pflegekräften und die teils geringe Auslastung der Heime. Fazit: Wohnanlagen, die für alte Menschen konzipiert sind, könnten das Betongold der Zukunft werden. Vermögensberater sehen hier größere Renditeaussichten und langfristigere Kapitalsicherheit als bei gewöhnlichen Wohnimmobilien. Risikolos ist diese Anlage aber nicht. Vermögensberater Stephan Witt verweist noch auf eine andere Investitionsalternative: den altersgerechten Umbau von bestehenden Objekten, auch wenn dies kostenintensiver sei. Am demografischen Wandel verdienen könnten aber auch Aktienanleger, sagt Witt. Dass die Bevölkerung immer älter wird, dürfte Gesundheits- und Pharmafirmen in die Hände spielen, sagt Witt.

„Die empfohlene Kanzlei aus Stuttgart hat ihre Position im Markt weiter ausgebaut.“ (2013/2014 Juve Handbuch WirtschaftsKanzleien)

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Wohnungsbau bietet Anlegern Chancen – aber nicht jedes Projekt ist lukrativ. Foto: fotolia

„‚D ie ju ng en A nw ä lte vo wollen etwas erreichen, sin n BR P d hungrig‘, sag t ein Stuttgarter richtig Anwa lt anerkennend.“ (2008/2009 Juve Handbu

achstum „BRP hat sich dy n. W ieben. hr au f die Fa hnen gesc le i ih r nz Dabe i de hnt die Ka in al le n Be ratu ng sa ngeb ot g stark iti Be re ic he n gleich ze aus.“ Handbuch (2012/2013 Juve ien) Wirtschaft sKanzle

BRP Renaud und Partner mbB · Rechtsanwälte Patentanwälte Steuerberater · Stuttgart Frankfurt · www.brp.de

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12 Wirtschaft in Baden-Württemberg

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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Software-Entwickler Ein Beruf, der Tätigkeiten in allen Branchen bietet

Handwerker der digitalen Welt

schen Software-Entwicklung lange verfolgt“, sagt Popp. Im Laufe der Jahre wandelten sich die Ansprüche an Software-Spezialisten. Die Systeme werden immer komplexer, man kann sie nicht mehr in voneinander getrennten Einzelteilen bauen. „Aufgrund in junger Mann sitzt in einem ab- Branchen und Bereiche. Die ITK ist die der Komplexität können sich Randbedingungen ändern. Es gibt neue Erkenntnisse, gedunkelten Raum. Er trägt eine Branche des Jahrtausends.“ Weniger eindeutig ist die Definition der oder der Kunde hat neue Wünsche“, sagt Jogginghose und ein ausgeleiertes T-Shirt. Neben ihm stapeln sich einzelnen Berufsbezeichnungen. Manche Popp. Zugleich muss Software schnell ausleere Getränkedosen, Pizzakar- Experten unterscheiden zwischen Pro- geliefert werden. „Sonst ist man weg vom tons und Chipstüten. Wie in Trance hackt grammierer und Software-Entwickler oder Markt.“ All das hat den Software-Ingenieur der junge Mann in seine Tastatur. Auf dem -Ingenieur. Für andere entspricht der Pro- begründet: Er hat den Überblick, er weiß, Monitor erscheinen Codes. Die Software grammierer dem (klassischen) Software- wie das gesamte System und die Prozesse Entwickler, der sich vom Ingenieur ab- funktionieren und zusammengehören. muss in zwei Tagen beim Kunden sein. So in etwa stellen sich noch immer viele grenzt. „Die Abgrenzung zwischen Soft- „Können muss er trotzdem nicht alles. Menschen einen Software-Entwickler vor. ware-Entwickler und -Ingenieur ist nicht Dazu bilden sich Teams“, sagt Popp. Gern nennen sie ihn Nerd oder Freak. Da- normiert“, sagt Stephan Pfisterer, bei BitEin Abschluss „Software-Ingenieur“ bei sind Software-Entwickler meist mehr kom Experte für Bildungspolitik und existiert aber nicht. „Der Begriff macht jeals Programmierer, die im stillen Käm- Arbeitsmarkt. Nicht seldoch klar, dass Softwaremerlein vorgegebene Lösungen in Codes ten gebe es für die gleiche Ingenieure nicht nur umwandeln. „Die Berufsbilder für IT-Spe- Tätigkeit unterschiedliProgrammierer sind“, zialisten sind vielfältig und gehen weit che Bezeichnungen. Die sagt Grün. Sie seien auch über das reine Programmieren hinaus“, Bezeichnung SoftwarePlaner und Projektmasagt Bernhard Rohleder, Hauptgeschäfts- Ingenieur erfordert ein nager. Der Kunde beführer des Digitalverbands Bitkom. „Kom- Studium. Das heißt aber schreibt ein Problem munikation, Kreativität und der Kontakt nicht, dass jemand, der oder Ziel, der Weg dortmit Menschen gewinnen in der IT immer als Entwickler arbeitet, hin liegt im Ermessen mehr an Bedeutung.“ des Entwicklers. „Softnicht studiert hat. Die Foto: Bundesverband IT-Mittelstand ware-Spezialisten haben Software-Spezialisten sind zudem Teil Spezialisten nehmen in große Freiheiten“, sagt einer gigantisch wachsenden Branche. In einer Firma häufig eine „Software erobert alle den vergangenen fünf Jahren entstanden oder mehrere Rollen ein. Bereiche. Die ITK-Branche Grün. Daneben nehmen sie Software in Betrieb in IT- und TelekommunikationsunternehProgrammierer oder und warten sie. „Ingemen mehr als 120 000 Arbeitsplätze. Laut klassische Entwickler ist die Branche nieure kennen auch die Bitkom-Präsident Dieter Kempf beschäf- bekommen Aufgaben in des Jahrtausends.“ wirtschaftliche Seite von tigt die sogenannte ITK-Branche, die Pro- Häppchen. „Der klassi- Oliver Grün, Vorstand des Software“, sagt Grün. dukte und Dienstleistungen für die Digita- sche Entwickler setzt in Bundesverbands IT-Mittelstand Aus seiner Sicht kann lisierung der Wirtschaft liefert, bis zum klassischen Projekten Jahresende fast eine Million Mitarbeiter. eine vorgeschriebene Funktionalität um. sich ein Software-Entwickler durch WeiDamit sei sie der zweitgrößte industrielle Er erledigt die Aufgabe allein oder im klei- terbildung oder Berufserfahrung zum SoftArbeitgeber in Deutschland, sagte Kempf – nen Team“, sagt Christian Popp, Vorstand ware-Ingenieur qualifizieren. Die Anforderungen an Entwickler sind hinter dem Maschinenbau mit 993 000 Be- des Vereins der Karlsruher Software-Ingeschäftigten. Hinzu kommen Mitarbeiter in nieure, eine Special Interest Group im entsprechend gestiegen. Sie sollen Brücken den sogenannten Anwenderbranchen von Unternehmernetzwerk Cyberforum. Spä- schlagen, indem sie zwischen ProgramIT-Systemen wie Handel, Produktion oder ter würden die Arbeitspakete zu einem mier- und Kundensprache switchen. „GeDienstleister. Oliver Grün, Präsident des großen Ganzen zusammengesetzt. Von fragt sind Leute, die betriebswirtschaftliBundesverbands IT-Mittelstand (Bitmi), dem weiß der klassische Entwickler aber che Anforderungen erfüllen, die Sprache formuliert es so: „Software erobert alle wenig. „Dieser Ansatz wurde in der klassi- der Anwender sprechen und sie in die Sprache der Entwickler übersetzen“, sagt Bitmi-Vorstand Grün. Wie wichtig der KunEXPERTEN FÜR BIG DATA GEFRAGT denkontakt ist – gerade für IT-Berater –, Für welche Bereiche suchen Unternehmen mit offenen Stellen Software-Entwickler? betont auch Popp vom Cyberforum. „Die nach Anwendungsbereichen, Angaben in Prozent Spezialisten stellen schließlich Software für Nutzer her.“ Weil sie sich zunehmend mit Endprodukten und Kunden beschäfti53 2014 Cloud Computing gen, seien Soft Skills wichtiger denn je, sagt 40 2013 Popp. Die Spezialisten sollten teamfähig, 44 Big Data kommunikativ und ausdrucksstark sein. für 2013 wurden keine Daten erhoben Daneben brauchen sie einen Hang zu 34 den sogenannten MINT-Fächern MatheSocial Media 38 matik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Sie sollten logisch und analy28 Webpräsenzen tisch denken können und vor allem gern 29 tüfteln und Probleme lösen. „Wenn eine 26 Technik, die man auf den Markt bringt, Apps und mobile Webseiten 22 noch nicht ausgereift ist, muss man sich fragen, wie man damit umgeht“, sagt Popp. 23 IT-Projektmanagement Software-Spezialisten können in allen 10 Firmen und Branchen arbeiten. Sie müssen 20 betriebswirtschaftliche sich nicht schon im Studium festlegen, Anwendungen 27 wenngleich jede Branche Schwerpunkte hat. „Grundsätzlich ist ein Branchenwech12 Spiele sel gut möglich“, sagt Popp. „Unternehmen 4

Software-Entwickler sind Teil einer gigantisch wachsenden Branche. IT- und Telekommunikationsunternehmen bieten nach dem Maschinenbau die meisten Jobs. Von Stefanie Köhler

Berufsprofil

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Embedded Systems StZ-Grafik: zap

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legen Wert darauf, dass Software-Spezialisten bereit sind, sich mit der jeweiligen Branche auseinandersetzen.“ Sowohl ITK-Unternehmen als auch Anwender suchen händeringend Spezialisten. Laut Bitkom sind in der Gesamtwirtschaft 41 000 Stellen für IT-Fachkräfte offen. 16 500 freie Stellen haben Firmen der Informationstechnologie und Telekommunikation, davon suchen drei von vier ITKUnternehmen Entwickler. Hier seien Fähigkeiten rund um Cloud-Computing und Big Data gefragt, aber auch Kenntnisse im Bereich Social Media und zur Programmierung von klassischen Webpräsenzen, Apps und mobilen Internetseiten. Die Anwender von IT-Systemen haben 24 500 freie Jobs. Fast jeder Fünfte sucht Entwickler. Damit hat sich der Anteil im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. „Der steigende Bedarf an Entwicklern in den Anwenderbranchen zeigt, dass sich die Digitalisierung in der gesamten Wirtschaft beschleunigt“, kommentierte Bitkom-Präsident Kempf die Entwicklung. Beispiel Bosch: Der Autozulieferer arbeitet wie sein Hauptkonkurrent Continental unter anderem an der Technik zum automatisierten Fahren. Aber auch zur Digitalisierung von Industrie- oder Haushaltsmaschinen sucht er Entwickler und Programmierer. Doch warum ergreifen zu wenige einen Beruf mit glänzenden Berufsaussichten? „Wir kriegen das negative Bild nur schwer los“, sagt Bitmi-Chef Grün. Man müsse unbedingt ein modernes Bild des Software-Spezialisten schaffen. „Der Ruf der IT ist hinsichtlich der Attraktivität noch lange nicht gleichzusetzen mit anderen Branchen“, sagt auch Popp. Pfisterer von Bitkom stellt fest, dass besonders bei Frauen offensichtlich noch Hürden für die Wahl technischer Studienfächer bestehen. Zwar stieg der Frauenanteil bei den Erstsemestern im Informatikstudium auf den Rekordwert von fast einem Viertel, doch in der ITK-Branche sind nur etwa 15 Prozent aller Beschäftigten weiblich. Seit Jahren bemühen sich Politik und Wirtschaft um mehr Abiturienten und speziell Frauen in technischen Studiengängen. Der Nationale Pakt für Frauen in MINTBerufen – „Komm, mach MINT.“ – etwa ist die einzige bundesweite Netzwerk-Initiative, die junge Frauen für MINT-Studiengänge und -Berufe begeistert. Hinzu kommen Angebote wie der Girls’ Day, die BitkomInitiative „erlebe IT“ in Schulen oder das Hochschulnetzwerk sowie Mentoring-Programme in Unternehmen. Experten sind sich einig, dass die Anstrengungen weiter ausgebaut werden müssen – insbesondere vor dem Hintergrund des gigantischen Wachstums der Branche.

Prozessor – wer Hardware und Software versteht, kann punkten.

Basis: ITK-Unternehmen mit mindestens einer offenen IT-Stelle für Sofwareentwickler (Mehrfachnennung möglich) Quelle: Bitkom

Informatik als Pflichtfach? IT-Experten, aber auch die Mehrheit der Bürger – laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom mehr als drei Viertel – fordern in der Schule Informatik als Pflichtfach. „Und zwar ab Klasse fünf“, sagt Stephan Pfisterer, bei Bitkom zuständig für Bildungspolitik und Arbeitsmarkt. Aus seiner Sicht ist es wichtig, dass Informatik gleichberechtigt zu den Naturwissenschaften steht. „Ein grundlegendes Verständnis für IT ist in fast allen Lebens- und Arbeitsbereichen erforderlich“, sagt Pfisterer. Ebenso gehöre Medienkompetenz zum Alltag. Wolle man Kindern etwas über Datensicherheit erklären, müsste man ihnen auch beibringen, wie Datenbanken funktionieren oder wo Daten abgelegt werden. „Die IT ist die Grundlage der Zukunft. Für Innovationen benötigen wir ein Verständnis für Informatik“, sagt auch Oliver Grün, Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand (Bitmi). Deutschland hinke Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden oder Polen hinterher, wo Informatik teils schon in Klasse eins Pflicht ist. Hierzulande steht Informatik nur in Sachsen obligatorisch auf dem Lehrplan. Unterstützung bekommt die IT-Branche zwar aus der Politik – Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte vorgeschlagen, Programmiersprachen als zweite Fremdsprache in Schulen anzubieten, um Kinder und Jugendliche an Computer heranzuführen –, die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Brunhilde Kurth, hat der Idee aber eine Abfuhr erteilt. sk


Was Software-Ingenieure verdienen

Programm für Studienabbrecher Ein Projekt der IHK Region Stuttgart bietet ehemaligen Absolventen Unterstützung. Von Stefanie Köhler

speed.it

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ehr als 50 Prozent der Informatikstudenten brechen laut Digitalverband Bitkom ihr Studium ab. Schon länger sind einige Experten davon überzeugt, dass der Fachkräftemangel in der IT-Branche vor allem daran liegt, dass zu viele junge Leute schon während des Studiums scheitern. Zum Beispiel deshalb, weil sie in der Schule nicht genug auf das anspruchsvolle Studium vorbereitet werden. Damit ehemalige Informatikstudenten und Abbrecher aus anderen technischen Studiengängen der IT-Branche nicht verloren gehen, indem sie sich zum Beispiel beruflich umentscheiden, hat die Industrieund Handelskammer (IHK) Region Stuttgart das Ausbildungsprogramm „speed.it“ gestartet. In Zusammenarbeit mit der it.schule stuttgart, einer gewerblichen und kaufmännischen Schule für Informationstechnik, hat die IHK dort eine sogenannte speed.it-Klasse eingerichtet. Dort können ehemalige Studenten mit Hard- und Software-Kenntnissen aus den MINT-Studienfächern Mathematik, Physik, Informatik, Wirtschaftsinformatik, aber auch aus ähnlichen Fachrichtungen ihre Ausbildung zum Fachinformatiker Anwendungsentwicklung oder zum Fachinformatiker Systemintegration machen – und zwar innerhalb einer verkürzten Ausbildungsdauer von 18 Monaten, wenn die ehemaligen Absolventen mindestens zwei Semester studiert und dabei 20 Credit Points erworben haben.

In der verkürzten Ausbildung werden Methoden des selbst gesteuerten Lernens verwendet: Die Teilnehmer haben jede Woche einen Unterrichtstag, außerdem besuchen sie an einem Abend die Abendschule. Zu den allgemeinbildenden Fächern gehört lediglich Wirtschaftskunde. Die restlichen vier Tage verbringen die Lehrlinge im Betrieb. Seit März haben zwölf ehemalige Studenten die Ausbildung begonnen. IHKGeschäftsführer Bernd Engelhardt wertet das als Erfolg. „Für diejenigen, die über einen Ausstieg aus dem Studium nachdenken, bietet der Einstieg in eine verkürzte Ausbildung eine Möglichkeit, doch noch gut ins Berufsleben zu starten.“ Interessierte können sich an die Ausbildungsberatung der IHK beziehungsweise die 07 11/20 05-11 11 oder an die Studienberater der Hochschulen wenden.

Das Gehalt von Software-Entwicklern und -Ingenieuren hängt immer von der Region, Branche und Größe des Unternehmens ab. Als Einsteiger verdienen Software-Entwickler laut www.gehalt.de, eine Tochterfirma der Vergütungsberatung Personalmarkt, im Schnitt 41 000 Euro brutto im Jahr. Mit der Zahl der Berufsjahre steigt das Gehalt: Entwickler erhalten nach mehr als neun Jahren im Schnitt 60 000 Euro, Entwickler mit Personalverantwortung verdienen durchschnittlich knapp 89 000 Euro. Zu den fünf Branchen, die im Schnitt am meisten zahlen, gehören Banken, Luftfahrt, Medizintechnik, Autoindustrie und Versicherungen. IT- und Telekommunikationsunternehmen zahlen Software-Ingenieuren laut der ITKEntgeltanalyse der IG Metall – immer bezogen auf eine 35-StundenWoche – in den ersten Jahren im Schnitt 41 300 Euro. Nach drei bis fünf Jahren liegt das Gehalt bei durchschnittlich rund 55 000 Euro. In Führungspositionen verdienen Software-Ingenieure als Top-Spezialisten, Software-Manager oder Chefarchitekten im Schnitt fast 100 000 Euro. sk

Wer Software-Entwickler oder -Ingenieur werden will, kann eine Ausbildung machen oder studieren. Nach einer dualen Ausbildung zum Fachinformatiker Anwendungsentwicklung etwa entwickeln und programmieren die Spezialisten Software nach Kundenwünschen, testen bestehende Anwendungen, passen sie an und entwickeln anwendergerechte Bedienoberflächen. Zudem schulen und beraten sie Anwender. Im Südwesten machen derzeit 1400 junge Leute diese Ausbildung. Klassische Studiengänge für angehende Software-Ingenieure sind Software-Technik/ Software-Engineering, Informatik und Wirtschaftsinformatik. Weil Wirtschaftsinformatik Richtung BWL geht, programmieren die Absolventen später weniger, sondern arbeiten häufig als Projektmanager. Informatiker dagegen konzentrieren sich auf die SoftwareEntwicklung. Doch sie können ebenso in die Planung gehen wie Wirtschaftsinformatiker in die Entwicklung. Auch ein Studium in einem ingenieur- oder naturwissenschaftlichen Studiengang wie Maschinenbau oder Elektrotechnik bietet Einstiegsmöglichkeiten in die Software-Entwicklung. Laut Digitalverband Bitkom genügt bereits ein Bachelorabschluss. Grundsätzlich haben auch Quereinsteiger gute Chancen in der Branche. Jedoch tun sie sich aufgrund der immer komplexeren Software-Systeme zunehmend schwer. sk

Der Teamspieler

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in alter Computer mit Schwarz-WeißMonitor ist verantwortlich dafür, dass Stefan Schürle (34) Software-Entwickler geworden ist. Als er 13 war, schenkte ein Nachbar ihm ein ausrangiertes Gerät. „Er hat mir gezeigt, wie man programmiert. Das machte mir richtig Spaß. Von da an war klar, dass ich später in die Richtung gehen will“, sagt Schürle. Sein Berufsziel verfolgte der junge Mann aus Böblingen konsequent. Mathe und Physik sind seine Lieblingsfächer, in der Freizeit programmierte er Spiele oder Rätsel. Nach dem Abitur studierte Schürle am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Informatik. Parallel war er als wissenschaftliche Hilfskraft am Forschungszentrum für Informatik tätig, um Praxiserfahrung zu sammeln. Seit 2006 arbeitet Schürle für das IT-Beratungs- und Entwicklungshaus andrena objects. Vor mehr als einem Jahr hat er die Leitung des damals neuen Standorts Stuttgart übernommen. Nach eigenen Angaben gehört das Unternehmen mit Hauptsitz in Karlsruhe und 130 Mitarbeitern zu den Vorreitern im Agile Software Engineering. „Im Kern geht es bei der agilen SoftwareEntwicklung darum, möglichst flexibel auf sich verändernde Anforderungen reagieren zu können“, sagt Schürle. Die Spezialisten planen und entwickeln eine Software

Entwickler Stefan Schürle sitzt selten an seinem Schreibtisch. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

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r mi t W i e d e ur s, d To Guid e emen d e n th h e n is c sp ezi f n g e n hru Fachfü

Ausbildung und Studium

Bankensektor oder Energiewirtschaft: Als Software-Entwickler lernt Stefan Schürle neue Branchen kennen. Von Stefanie Köhler

Qualität braucht Perfektion

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IT-Fachleute sind zwar meist Technik-Freaks, Sozialkompetenz ist aber auch extrem wichtig.

Porträt

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Wirtschaft in Baden-Württemberg 13

deshalb nicht über Jahre bis ins Detail und die Herausforderung, sich immer wieder in bis zur Vollendung. Sie entwickeln fertige neue Branchen hineinzuversetzen, immer Software in kurzen Iterationen von zwei bis wieder die Sprache der Beschäftigten zu maximal vier Wochen. So können sie flexi- lernen. Für Banken hat Schürle schon Akbel auf Probleme oder Änderungswünsche tienhandelssysteme entwickelt, für die Inder Kunden reagieren. „Die agile Entwick- dustrie Lüftersteuerungen für Räume, für lung erlaubt uns mehr Gestaltungsmög- die Personalwirtschaft Software zur Persolichkeiten. Der Kunde bekommt die maxi- nalvermittlung. Derzeit hat er einen Kunden aus der Energiewirtschaft – sein Liebmale Transparenz“, sagt Schürle. Deshalb sitzt er den Großteil seiner lingssektor. „Wegen der Energiewende ist Arbeitszeit beim Auftraggeber. Gemeinsam die Branche im Umbruch. Das finde ich sehr spannend“, sagt Schürle. entwickeln sie die Software Hat er den Traum, dass am Computer. „Die Nähe zum „Die Nähe zum Kunden und der ständige Aus- Kunden und der seine Software eines Tages tausch sind sehr wichtig“, sagt ständige Austausch zum Beispiel in einem HighTech-Roboter steckt? SchürSchürle. Auf diese Weise erhalte man vom Kunden regel- sind sehr wichtig.“ le schüttelt den Kopf. „Vielleicht in einem Produkt, das mäßig eine Rückmeldung: Stefan Schürle, jeder kennt. Ein Produkt für Treffen wir seine Probleme? Software-Entwickler Ist die Software für seinen bei andrena objects den Endkunden wäre mal interessant.“ Viel lieber will er Markt relevant? Wo müssen die Software-Spezialisten anpassen? Zu- Firmen dabei unterstützen, Methoden des gleich definieren sie mit den Kunden die Agile Software Engineering einzuführen. weiteren Schritte. Schürle berät bereits Unternehmen, gibt Schürle sieht sich klar in der Rolle des Schulungen und Trainings. „Es ist toll, wie Teamspielers. „Im Team sind wir alle sich das Thema zunehmend durchsetzt.“ gleichberechtigt. Wir entscheiden kooperaDa er im Job fast nur sitzt, treibt Schürtiv und finden zusammen eine Lösung“, le als Ausgleich Sport. Er spielt Basketball, sagt der Informatiker. Teamarbeit reduziert joggt, geht ins Fitnesscenter. Überstunden nicht nur das Arbeitsvolumen des Einzel- kommen für ihn nicht infrage. Schürle nen. „Als Team profitieren wir vom Know- sagt, dann habe man das Projekt falsch gehow vieler. Und man senkt das Risiko, falls plant. Arbeit nimmt er grundsätzlich nicht ein Entwickler krank wird“, sagt Schürle. mit heim. Und doch fesselt seine LeidenEines schätzt er an seinem Beruf schaft ihn auch privat. Wie schon als Kind besonders: Kein Projekt ist wie das voran- programmiert er auch als Erwachsener gegangene. Schürles Auftraggeber sind aus in seiner Freizeit. Das Programmieren allen Branchen. Dem Informatiker gefällt braucht er wie die Luft zum Atmen.


14 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

„Sich kleiden ist wie sprechen“ Erfolg und Kleidung hängen zusammen. Wie? Über den ersten Eindruck. Denn das Outfit ist genauso wichtig wie die Körpersprache, sagt Stilberaterin Ulrike Mayer, die auch Manager berät.

Interview

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o gehe ich hin? Wen treffe ich? Was möchte ich erreichen? „Das sind die wichtigsten Fragen, wenn es darum geht, Kleidung bewusster für die eigenen Kommunikationsziele einzusetzen“, sagt Textilbetriebswirtin Ulrike Mayer und ist davon überzeugt, dass perfekte Kleidung die Karriere fördert. Frau Mayer, Sie sind Textilbetriebswirtin. Kann man guten Geschmack erlernen? Ja. Ich lese häufig, dass man Stil habe – oder eben nicht. Das sehe ich ganz anders. Sich zu kleiden ist wie sprechen lernen: Man muss den Grundwortschatz und die Grammatikregeln erlernen, dann kann man die Sprache auch sprechen. In dieser Metapher steht der Grundwortschatz für die Ausstattung an hoch qualitativen, perfekt passenden Stücken. Die Regeln, zum Beispiel für festliche Anlässe und zur Farbwahl, lernen Kunden bei mir im Coaching.

Sie schreiben auf Ihrem Blog, dass starre Moderegeln heutzutage aufgeweicht sind. Selbst mit dem Anzug kombiniert sind Turnschuhe heute tragbar. Ist die „Viele Kunden sagen Kleiderwahl für Menschen in Führungspositionen einfacher mir, ihre Rüstung – also geworden? die Kleidung – gebe Die Rückmeldungen, die ich ihnen Sicherheit.“ von meinen Kunden erhalte, zeigt eher das Gegenteil: In Ulrike Mayer, Stilberaterin puncto korrekte Kleidung herrscht oft Unsicherheit. Häufig landen Personen in Führungspositionen, die ihren Job am liebsten im Polohemd machen würden. Da ist es ganz entscheidend, wie authentisch jemand in seiner Kleidung wirkt und wie gut er sein Äußeres zur Kommunikation einzusetzen weiß. Ein Beispiel dafür ist der Obama-Effekt. Wer Obama genau beobachtet, merkt genau: Wenn es etwas wirklich Wichtiges gibt, zieht er seine rote Krawatte an. Wenn es um Vertrauen geht, kleidet er sich entsprechend in Blau, um diese Glaubwürdigkeit auch auszustrahlen. Sie sprechen von Kleidung als Kommunikation. Selbst ein perfekt gekleideter Chef kann seine Mitarbeiter aber wohl nur schwer motivieren, wenn er durch den Gang schlurft und eine Schnute zieht. Beraten Sie Ihre Kunden auch in Sachen Körpersprache? Es heißt nicht umsonst „Schuster, bleib bei deinen Leisten“. Für Körpersprache vermittele ich an andere Profis. Ich würde aber sagen, dass die Kleidung an der gesamten nonverbalen Kommunikation rund 70 Prozent ausmacht. Der Rest sind Gestik und Mimik. In einer Ritterrüstung kann es im Sommer ganz schön heiß werden – im Anzug aber auch. Was raten Sie Managern, die auf Jackett und Krawatte nicht verzichten können, für die nahenden heißen Monate? Viele wissen nicht, dass es Stoffe gibt, die speziell für den Sommer gemacht sind, zum

Beispiel sogenannte „Cool Wool“-Stoffe oder sehr leichte Stoffe. Die haben oft nur 200 Gramm pro Meter, ein klassischer Anzug dagegen hat 260 bis 280 Gramm. Außerdem im Sommer unbedingt auf bügelfreie Hemden verzichten. Die haben oft eine Kunstharzummantelung, die zu stärkerem Schwitzen führt. Auch Doppelmanschetten stauen Wärme. Haben es Damen im Sommer leichter? Definitiv. So wie Damen viel weniger „Don’ts“ im Dresscode haben, tun sie sich im Sommer leichter. In der Vorstandsetage kommen Damen um die Feinstrumpfhose auch im Sommer aber natürlich nicht herum, und die Arme sollten bedeckt sein. Ein Bestandteil Ihrer Stilberatung für Manager seien Tipps zu „Inszenierungsmöglichkeiten“, heißt es auf Ihrer Website. Kann mangelnde Kompetenz durch die entsprechende Kleidung vorgetäuscht werden? Vortäuschen finde ich das falsche Wort. Aber inszenieren geht natürlich. Viele Kunden sagen mir, ihre Rüstung – also die Kleidung – gebe ihnen Sicherheit. Wenn ein Mensch im Anzug erscheint, empfängt er einen ganz anderen Respekt als ohne. „Wie du kommst gegangen, so du wirst empfangen“, sagte Goethe schon vor 200 Jahren – und nicht umsonst. Wir müssen lernen, unsere Kleidung noch viel bewusster für unsere Kommunikationsziele einzusetzen. Die wichtigsten drei Fragen sind immer: Wo gehe ich hin? Wen treffe ich? Was möchte ich erreichen? Meine Garderobe muss darauf Antwort geben können. Welche Rolle spielen Marken in den Führungsetagen von deutschen Unternehmen? Das Markenbewusstsein wird natürlich von der Industrie gesteuert. Die neuesten Trends der Designer sind die eine Seite. Der Service von Maßschneidern – dass die Kleidung perfekt sitzt, die Farbe optimal zum Kunden passt, die Silhouette stimmt –, das alles hat null mit Mode zu tun. Diese Aspekte sind aber meiner Meinung nach viel wichtiger und sinnvoller, als durch Marken immer neue Trends zu generieren. Sie bieten selbst maßgeschneiderte Ware an. Wo liegt der Einstiegspreis für einen Anzug oder ein Kostüm? Ich persönlich arbeite im Premium-Bereich. Bei mir gibt es nur Stoffe aus den englischen und italienischen Webereien, die in Manufakturen in Europa gefertigt werden. Ich starte bei 779 Euro für einen Zweiteiler für Damen und Herren. Nach oben gibt es keine Grenzen. Wir glauben heute, dass wir mit einem Anzug für 199 Euro perfekt gekleidet seien, vergessen aber, dass ein guter Anzug schon vor Jahrzehnten richtig Geld gekostet hat. Woran erkennen Sie das? Das beste Beispiel: Schauen Sie sich um, wenn Sie morgens um sieben in der S-Bahn stehen. Da sehen sie zig Herren in bügelfreien Hemden, nichtssagenden, mausgrauen Anzügen, mit unüberlegten,

Hat einen Blick dafür, welche Kleidung zu wem passt: Stilberaterin Ulrike Mayer gestreiften Krawatten und dazu irgendwelchen Tretern – Hauptsache, man kann mit denen auch zwischendurch mal schnell auf die Baustelle. Wenn es statt Kleidung ums Grillen geht, besorgen diese Männer sich doch auch keine Aldi-Grills und irgendwelche Billig-Würstchen. Da muss es dann schon der Webergrill sein. Komischerweise hört das Qualitätsbewusstsein vieler Menschen bei der Kleidung auf. Für Ihre Managertrainings versprechen Sie „Tricks und Kniffe in der geschäftlichen Garderobe“. Welche Geheimtipps geben Sie Ihren Kunden zum Abschluss mit auf den Weg? Die Tricks hängen letztlich auch wieder mit Grundregeln zusammen. Zum Beispiel: Wenn ich einen Menschen treffe, den ich noch nie gesehen habe, kleide ich mich nicht in den Machtfarben Schwarz und Rot, sondern halte die Garderobe lieber zurückhaltend und sachlich. Außerdem ist es wichtig, die eigene Idealfarbe zu kennen. Es bringt nichts, wenn ein Manager kreativ wirken will und dann eine Farbe wählt, die

Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

gar nicht zu ihm passt. Die individuelle Idealfarbe ermittele ich in meiner Beratung mit Hilfe eines goldenen und silbernen Tuchs – je nachdem, wie die Reflexion auf der Haut wirkt, entsprechen dem Kunden eher gelbliche oder bläuliche Töne. Zu guter Letzt: achten Sie ganz besonders auf Ihr Schuhwerk. Selbst einem sehr hochwertigen Anzug raube ich durch schlechte Schuhe die Wirkung. Im Gegenzug kann ich mit feinen Schuhen auch einen günstigeren Anzug aufwerten. Das Gespräch führte Siri Warrlich.

ULRIKE MAYER Stilberaterin Manager, Politiker und Privatleute, die Erfolg suchen, sind ihre Kunden. Ulrike Mayer (49) ist Stilberaterin und weiß, welche Farbe ihnen am besten steht. Die Textilbetriebswirtin stammt aus einer alteingesessenen Modefamilie aus Besigheim am Neckar. In einem Vierteljahr-

hundert Erfahrung hat sie mehrere Hundert Kleiderschränke von innen gesehen. Denn die Garderobe ihrer Kunden kennenzulernen, steht für sie am Anfang jeder Beratung. Daneben bietet sie maßgeschneiderte Mode an. Über ihre Kleidung senden Menschen ständig Signale aus, sagt Mayer. swa

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16 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Ein Chef auf Kuschelkurs

Persönliches Stephan Weng

Neuer Getrag-Manager

Daniel Barth ist mit einem Steiff-Tier groß geworden und hat nicht nur deshalb einen emotionalen Bezug zum Unternehmen. In der Internationalisierung sieht er eine der größten Herausforderungen – vor allem in Asien. Von Anne Guhlich Steiff-Geschäftsführer

Foto: Getrag

Ausgefragt

Geht nicht gibt’s nicht! führt den Spielwarenhersteller Steiff. Im Fragebogen sagt er, warum er sich nicht mit Details aufhält und was er Berufsanfängern rät. Dan iel Bar th

Marc Zimmermann

?

Ein guter Chef ist in der Lage, seine Mitarbeiter so zu motivieren, dass ihnen die Arbeit Spaß macht. Das ist lute Voraussetzung dafür, dass die eine absoMitarbeiter auch bereit sind, Vera ntwortung zu übernehmen und gern an den verschiedensten Herausforde e im Team rungen zu arbeiten, die das Geschäf tsleben ständig für uns bereithält. Teamarbeit wirkt sich sehr stark auf Effektive die Prozesse im Unternehmen aus, und davon hängen wesentlich die Wir lichkeit und die Wettbewerbsfähigkei tschaftt des Unternehmens ab – der Chef ist nur so stark wie seine Mitarbeiter. Un

d welche Eigenschaften davon

haben Sie? Als Geschäftsführer hat man gegenüb er den Mitarbeitern immer eine gew isse Vorbildfunktion, und was wär ein Vorgesetzter, wenn ich mich nich e ich für t an meinen eigenen Idealen orientie ren würde. Man muss nur aufpasse im Alltag das Zwischenmenschlich n, dass e nicht zu kurz kommt. Wie kommt man so weit wie Sie?

Indem man stets den Überblick beh ält und sich nicht zu sehr mit Details aufhält. Sich selbst und anderen Ziel zen und die Maßnahmen zur Zielerre e zu setichung konsequent abzuarbeiten, das ist meiner Ansicht nach eine unb Voraussetzung für den Erfolg. Natürli edingte ch spielen auch Fleiß und Ehrgeiz dabei eine Rolle.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

er

Karriere? Natürlich spielt es immer eine best immte Rolle, vor allem wenn man das Glück hat, mit seinen Vorgesetzten und Mitarbe itern gut zusammenzuarbeiten. Was ist typisch für Ihren Arbeits alltag? Er beginnt

morgens um 7 Uhr, und ich weiß nie, wann

er endet!

Von wem können Sie am ehesten

Kritik einstecken? Ich bin eigentlich offen für Kritik, solange sie in einem vernünftigen Ton vorgetragen wird.

Womit können Kollegen Sie nerven

? Mich nervt so schnell niemand. Was ich allerdings nicht so sehr schätze, sind Menschen, die einmal getroffene Ent scheidungen immer wieder hinterfr agen und diese nicht umsetzen. Natürli ch kommt es vor, dass bei der Viel zahl der Entscheidungen, die das Geschäftsle ben von uns fordert, auch hin und wieder ein falscher Entschluss gefasst wird . In meinen Augen ist es viel besser, diesen zu korrigieren, als – aus Angst vor Fehlern – gar keine Entscheidung zu treffen. Und umgekehrt?

Ich hoffe natürlich, dass ich meine Kollegen nicht zu sehr strapaziere, aber ich rede manchmal etwas schnell und gehe vielleicht hin und wieder zu schnell über Themen hinweg, die mir nicht sehr wichtig erscheinen.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Sich jeder Herausforderung zu stel len. Egal für welchen Beruf man sich ents cheidet, wenn man weiterkommen will, soll te man sich immer die Zeit nehmen, über eine gestellte Aufgabe ernsthaft nachzuden ken, und sich gegebenenfalls mit Kol legen und Vorgesetzten darüber austausc hen. Den Satz „Das geht nicht“ sollte man aus seinem Sprachschatz löschen.

Was macht Sie leistungsfähig?

Neben Ralf Hofmann ist Marc Zimmermann (im Foto) seit März 2015 zweiter Geschäftsführer bei der Porsche-Tochter MHP. Der 46-jährige Diplom-Kaufmann verantwortet die Bereiche Finanzen und Controlling sowie IT. Gleichzeitig ist er für das Qualitätsmanagement und die Qualitätssicherung in Projekten zuständig. MHP-Gründer und Gesellschafter Hofmann ist als Vorsitzender der Geschäftsführung weiterhin für die strategische Ausrichtung und Weiterentwicklung des Unternehmens verantwortlich. Bevor Zimmermann 2013 zu MHP wechselte, war er seit 1995 bei der Porsche AG beschäftigt. Die Porsche-Tochter MHP ist eine der führenden Prozess- und IT-Beratungen – vor allem für die Automobilbranche. Über 1200 Mitarbeiter betreuen von zwölf Standorten in Deutschland über 250 Kunden weltweit. imf

Cornelius Weitzmann

Wechsel bei Voith Turbo Anfang April wurde Cornelius Weitzmann Geschäftsführer des Geschäftsbereichs Power, Oil & Gas der Voith Turbo GmbH & Co. KG. Er folgte damit auf Matthias Grawe, der das Unternehmen Ende März 2015 verlassen hat. Weitzmann (38) kam 2007 nach seiner Tätigkeit in einer Unternehmensberatung zu Voith, zunächst in den Bereich der strategischen Planung. Der Voith Turbo Geschäftsbereich Power, Oil & Gas entwickelt und fertigt regelbare Getriebe, Kupplungen, Ventile und Regler. imf

Diane Zetzmann-Krien

Neu bei Maschinenbau-Bank Diane Zetzmann-Krien ist seit Februar 2015 Geschäftsführerin der Trumpf Bank für den Bereich Marktfolge und verantwortet damit auch das Risikomanagement sowie die Unternehmenssteuerung. Sie leitet die Bank des Ditzinger Maschinenbauers Trumpf zusammen mit Hans-Joachim Dörr. Zetzmann-Krien blickt auf über 20 Jahre operative und strategische Analysten-, Auslands- und ManagementErfahrung im Bankbereich zurück. Vor ihrem Wechsel zur Trumpf Financial Services war sie Vorsitzende der Geschäftsführung der Förderbank Bremens und Managerin bei der Deutschen Bank AG. In den bisherigen TrumpfFinancial-Services-Aktivitäten wurden bislang gut 7000 Maschinen mit einem Gesamtvolumen von etwa 1,6 Milliarden Euro finanziert. imf Foto: Trumpf

Zeit mit Familie und mit Freunde n, Sport und Freude an der Arbeit.

Zuwachs bei Porsche-Tochter

Foto: MHP

Was macht einen guten Chef aus

Roger Busch und Alexander Kutsch

Neues Führungsduo

Steiff-Chef Daniel Barth ist schon viel herumgekommen – doch das Steiff-Museum ist einer seiner Lieblingsorte. Foto: Steiff

Wechsel in der Geschäftsführung bei Bosch Mahle Turbo Systems: Roger Busch und Alexander Kutsch (Foto) lösen die einstigen Geschäftsführer Martin Knopf und Andreas Prang ab. Busch ist neuer Geschäftsführer Entwicklung, Vertrieb, Finanzen und IT. Er folgt auf Knopf, der das Unternehmen verlassen hat. Busch verfügt über langjährige Berufserfahrung in der Bosch-Gruppe. Zuletzt war er dort Chefentwickler im Geschäftsbereich Gasoline Systems. Alexander Kutsch wird das Amt des Geschäftsführers in den Ressorts Technologie, Qualität, Einkauf, Personal und Produktion übernehmen. Nach langjähriger internationaler Tätigkeit im Mahle-Konzern, zuletzt als Managing Director Mahle Filter Systems (India) Ltd., tritt Kutsch seine neue Position zum 1. Juni 2015 an. Er folgt auf Andreas Prang, der das Unternehmen im Januar 2015 verlassen hat. Bosch Mahle Turbo Systems wurde 2008 als Joint Venture von Bosch und Mahle gegründet und entwickelt, produziert und vertreibt Abgasturbolader. Beschäftigt sind 700 Mitarbeiter in Stuttgart, Blaichach, St. Michael/Österreich und Schanghai. imf Foto: KD Busch

A

m schwersten zu beantworten ist für Daniel Barth die Frage, woher er eigentlich kommt. „Am längsten habe ich in München gewohnt“, sagt er. Auch wenn man ihm das nicht anhört. Insgesamt ist er viel rumgekommen in seiner Karriere. „Auch in den USA habe ich acht Jahre lang gelebt“, sagt er. Seit Oktober 2013 leitet er den Kuscheltierhersteller Steiff in Giengen an der Brenz. Ob der 19 000-Einwohner-Ort nicht ein bisschen zu klein sei für einen wie ihn? „Im Gegenteil.“ Das Steiff-Museum dort bezeichnet er sogar als seinen Lieblingsort. „Dort hole ich mir einmal am Tag die nötige Dosis Steiff.“ Barth ist einer, der große Marken liebt. „Und es gibt in Deutschland kaum eine Marke, die so stark ist wie Steiff – das ist für die Menschen hier ja schon fast ein Kulturgut.“ Das Schöne an der Marke sei: jeder hat einen emotionalen Bezug dazu, weil sie ihn an bestimmte Momente aus seiner Kindheit erinnert. Auch Barth ist mit einem Tier aus Giengen groß geworden: Mit dem Affen Charly. „Meinem Sohn habe ich auch so einen Affen geschenkt – wir führen die Tradition also in der Familie fort.“ Rund 1000 Beschäftigte arbeiten bei Steiff, 2014 lag der Umsatz der Firma bei über 50 Millionen Euro. Dass es immer weniger Kinder gibt, macht Barth weniger zu schaffen. „In den nächsten Jahren soll die Geburtenrate stabil bleiben“, sagt er. Passend für einen, der viel rumgekommen ist, sieht Barth in der Internationalisierung eine der größten Herausforderungen. Als zentralen Wachstumsmarkt nennt er Asien. „Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum nicht jedes Kind in China ein Steiff-Tier besitzen sollte.“

Anfang April ist Stephan Weng (im Foto) ins Führungsgremium des Autozulieferers Getrag in Untergruppenbach gerückt – als Chief Operating Officer (COO). Diese Funktion bündelt Produktion, Einkauf und Qualität. Weng war zuvor bei Knorr-Bremse und Bosch tätig. Er folgte auf John McDonald, der die neu geschaffene Position des stellvertretenden Vorstandschefs für globale strategische Planung übernommen hat. Getrag machte zuletzt rund 3,2 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigt 13 250 Mitarbeiter. imf


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

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Fotos: fotolia Repros: StZ Montage: Fischer

Mai 2015

Die multiplizierte Geschäftsidee Das Prinzip ist immer das gleiche: Ein bereits etabliertes Geschäftsmodell wird gegen Gebühr von einem Unternehmen an viele andere weitergereicht. Mit Hamburgern hat McDonald’s diesem Franchisegedanken in Amerika zum Durchbruch verholfen. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland fast nichts mehr, was nicht kopiert wird – vom Pflegedienst bis zur Schülerhilfe. Von Thomas Thieme

Franchisesysteme

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aymond Albert Kroc war der Pionier des modernen Franchisegedankens. Als Verkäufer für Milchshake-Maschinen aus Chicago traf dieser in den frühen fünfziger Jahren auf die Brüder Dick und Mac McDonald, die kurz zuvor das bis heute bewährte Verfahren zur Hamburgerzubereitung entwickelt und in ihrem Selbstbedienungsrestaurant in San Bernardino (Kalifornien) eingeführt hatten. Der Erzählung nach war Kroc so begeistert von der Idee, dass er seinen Beruf als Handelsreisender an den Nagel hängte, bei den Brüdern McDonald BREITER BRANCHENMIX einstieg und 1955 mit deren erster LiDeutsche Franchise-Wirtschaft zenz einen eigenen Marktanteile nach Branchen in Prozent Diner in Des PlaiDienstHandwerk nes (Illinois) eröffleistungen 7 nete. 1961 kaufte Fitness, Gesundheit 38 Kroc den Gründern 9 ihre Markenrechte ab und machte Gastronomie, Hotel McDonald’s in ganz 19 Amerika und spä% ter in der ganzen Welt bekannt. Nicht nur das Erfolgsrezept der H a m b u r g e r k ett e 27 Handel selbst wurde seitStZ-Grafik: zap Quelle: Deutscher Franchise-Verband dem tausendfach kopiert, sondern auch das Prinzip dahinter: Ein sogenannter Franchisegeber verkauft einem selbstständigen Unternehmer, dem Franchisenehmer, ein erprobtes Vertriebskonzept, eine Geschäftsidee oder das Recht, seine Waren und Dienstleistungen zu verkaufen. Er bietet Knowhow und erlaubt dem Partner, Name und Marke zu führen. Zudem koordiniert er das Marketing und garantiert, dass kein anderer Franchisenehmer in seinem Gebiet einen Betrieb eröffnet. Dafür zahlt der Franchisenehmer eine einmalige Einstiegs- sowie eine laufende Lizenzgebühr,

die sich oft am Umsatz orientiert. Die Investitionssumme reicht von wenigen Tausend Euro bis in den Millionenbereich. Rechte und Pflichten beider Seiten regelt ein Franchisevertrag. Unterschiedliche Auffassungen über die vereinbarten Pflichten führen immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Vertragspartnern – gerade wenn eine der beiden Seiten in eine wirtschaftliche Schieflage geraten ist. Der Druck auf die Franchisenehmer ist vor allem in teuren Modellen extrem hoch. Sie müssen nicht nur einen Teil ihrer Gewinne abgeben, sondern auch den Kredit zurückzahlen, den sie für den Einstieg aufnehmen mussten. In manchen Systemen regelt der Franchisegeber die Arbeitsweise bis ins kleinste Detail, so dass der Unternehmer kaum eigenständiger als ein angestellter Filialleiter agiert. Dabei ist es gerade einer der Grundgedanken des Franchisings, dass der Franchisenehmer engagierter als ein angestellter Geschäftsführer ist, weil er mehr Verantwortung trägt. Der Einstieg in ein Franchisesystem ist besonders für Existenzgründer verlockend: Sie müssen ihr Geschäftskonzept nicht erst aufwendig entwickeln und eine Firma komplett neu aufbauen. Stattdessen finden sie beim Start schon eine gewisse Infrastruktur vor, die es ihnen erleichtert, schneller in den regulären Geschäftsbetrieb zu gelangen und schwarze Zahlen zu schreiben. Eine Erfolgsgarantie gibt es natürlich nicht. „Die Vorstellung, dass man sich als Franchisenehmer ins gemachte Nest setzt, ist falsch“, betont Torben Brodersen, der Geschäftsführer des Deutschen Franchising Verbandes (DFV). Franchisenehmer seien selbstständige Unternehmer mit allen Chancen und Risiken. Natürlich könnten sie ebenso scheitern wie die Einzelkämpfer unter den Gründern. „Wer als Franchisegeber Sicherheit anpreist, arbeitet aus meiner Sicht nicht seriös“, sagt der Verbandschef über schwarze Schafe in der Wachstumsbranche.

Im vergangenen Jahr zählte der DFV erstmals mehr als 1000 Franchisesysteme in Deutschland. 540 000 Beschäftigte in der deutschen Franchisewirtschaft erwirtschafteten 2014 einen Gesamtumsatz von 73 Milliarden Euro, 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig ist die Zahl der Franchisenehmer um fünf Prozent auf 72 400 gesunken. Diese Entwicklung ist laut Brodersen konjunkturell bedingt: „Bei der aktuell stabilen Arbeitsmarktlage sind nur schwer Personen zu finden, die ihre ‚sichere‘ Festanstellung gegen eine Selbstständigkeit tauschen wollen“, sagt der Verbandschef. Gerade große Franchisegeber sind daran interessiert, dass ihre bestehenden Partner expandieren und auch noch eine achte, neunte und zehnte Filiale eröffnen oder übernehmen. Weil das finanzielle Risiko bei dieser Art der Expansion stärker auf den Schultern der selbstständigen Franchisenehmer lastet, stellt das Modell für die Unternehmen eine Alternative zum klassischen Filialsystem dar. Dass pure

Größe kein allgemein gültiges Erfolgsrezept ist, zeigt die Affäre um den BurgerKing-Franchisenehmer Yi-Ko (Seite 19). Bei den Geschäftsmodellen gibt es praktisch nichts mehr, was sich nicht multiplizieren lässt – vom Hundetrainer über den Diätberater bis zum Hochzeitsplaner. Auch für Fahrschulen gibt es mit dem AcademyVerbund aus Ludwigsburg (Seite 18) ein erfolgreiches Franchisesystem am Markt. Die meisten Franchisenehmer sind Dienstleister, zum Beispiel Reisebüros, Immobilienmakler und Autovermieter. Es folgen die beiden traditionellen Franchisebranchen Gastronomie und Handel mit den Vorreitern Obi und McDonald’s, die seit 1970 und 1971 am deutschen Markt sind. Ein dynamisches Wachstum verzeichnen die Bereiche Gesundheit und Fitness. Eingebüßt hat dagegen zuletzt das Handwerk, dessen Anteil laut DFV von elf auf sieben Prozent geschrumpft ist. Zwei bekannte Systeme in diesem Bereich sind Portas (Renovierung) und Town & Country Haus (Fertighäuser).

AUF WACHSTUMSKURS Franchise-Nehmer in Tausend

Beschäftigte und Umsatz Mitarbeiter in Tausend, Umsatz in Mrd. Euro 76,5 72.7

Mitarbeiter 72,4

Mitarbeiter 500

65,5 66,9 61,0 55,0 45,0

48,0

57,0

400

Umsatz 80

300

60

51,0

Umsatz

200

40 20

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2004 05

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09 2010 11

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13

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Quelle: Deutscher Franchise-Verband

StZ-Grafik: zap

Gutes Recht für Unternehmen

Mitarbeiter werden Teilhaber

Immer mehr Unternehmen suchen juristischen Rat. Beim Round-Table mit Stuttgarter Kanzleien ging es unter anderem um die Erbschaftsteuer und die richtige PR-Strategie bei Prozessen. SEITE 20, 21

Immer mehr Unternehmen setzen auf Beteiligungsmodelle für die Beschäftigten – nicht zuletzt, um begehrte Fachkräfte an sich zu binden. Experten sehen aber auch Risiken. SEITE 22–24

Kapitalbeteiligung


18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Der Fuhrpark des Heilbronner Fahrschulunternehmers Kai Sellers umfasst alle Fahrzeugklassen. Er und seine Fahrlehrer begleiten jeden zum Führerschein, vom Teenager bis zum angehenden Brummifahrer.

Foto: Academy Fahrschule

Nur der Wagen muss schwarz sein Franchise verbinden die meisten mit Burgerketten oder Baumärkten. Doch auch im Dienstleistungssektor gibt es erfolgreiche Ideen, wie der Academy-Fahrschulverbund zeigt. Von Thomas Thieme Konzepte

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er cholerisch veranlagt ist, sollte die Finger von dem Beruf lassen. Diesen Ratschlag gibt Kai Sellers allen, die mit dem Gedanken spielen, ihre Brötchen als Fahrlehrer zu verdienen. Stattdessen seien Geduld, Gelassenheit und Humor gefragt: „Keiner macht absichtlich einen Fehler“, sagt der 41-Jährige. Dem einen Schüler müsse er anfangs 30-mal sagen, „Lass die Kupplung langsam raus“, der nächste verstünde das Prinzip schneller, was neben dem Getriebe auch die Nerven des Ausbilders schont. Seinen eigenen Entschluss, diesen Berufsweg vor 20 Jahren eingeschlagen zu haben, hat der gelernte Karosseriebauer nie bereut. Die ersten sieben Jahre hat Sellers als angestellter Fahrlehrer in Heilbronn gearbeitet. 2002 machte er sich selbstständig, übernahm später noch zwei weitere Schulen und betreibt heute ein Fahrschulunternehmen mit vier Niederlassungen in

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Heilbronn und Umgebung. Sellers hat zwölf angestellte Fahrlehrer, die auf allen Fahrzeugklassen vom Moped bis zum Lastwagen ausbilden. Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund – vom Teenager bis zum angehenden Brummifahrer – zum Führerschein zu bringen, das beschreibt er als die „eigentliche Herausforderung“ in seinem Beruf. Doch daneben sind vor allem im Zuge der Expansion eine Reihe von Aufgaben hinzugekommen, die, wie Sellers es nennt, „außerhalb meines Kerngeschäfts“ liegen. Vor allem um seinen organisatorischen Aufwand zu minimieren, hat er sich 2009 dazu entschlossen, Franchisepartner der Academy-Fahrschulen zu werden. Seitdem tragen alle Fahrzeuge das markante Firmenlogo. Im einheitlichen Markenauftritt liegt wahrscheinlich der größte Vorteil für die Academy-Fahrschulen: Obwohl dahinter rund 160 selbstständige Fahrschulen stecken, wirken sie nach außen hin wie ein großes Unternehmen. „Kunden sagen zu

mir, ‚Du bist ja sogar in Hamburg vertreten‘, nachdem sie dort einen Academy-Schriftzug gesehen haben. Das ist kostenlose Werbung für mich – bundesweit“, sagt der Heilbronner Fahrschulunternehmer. Damit das Erscheinungsbild stimmt, müssten alle Autos einheitlich schwarz sein. „Das ist das Einzige, wozu mich der Franchisevertrag verpflichtet“, sagt Sellers, dem es wichtig war, seine unternehmerische Freiheit zu behalten: „Mir schreibt niemand vor, welche Kleidung ich trage, wie viel Umsatz ich brauche oder welche Preise ich verlangen muss“, sagt er in Anspielung auf restriktivere Franchisemodelle in der Branche. Über den beschriebenen Werbeeffekt hinaus erhält der Franchisenehmer unterschiedliche Beratungsleistungen über die Dachorganisation. Sie vermittelt ihm Agenturen, die seine lokalen Werbemaßnahmen planen und umsetzen, seien es Flyer, Kinospots oder Werbung im Lokalradio. Bezahlen muss er die Erstellung zwar immer noch selbst, allerdings fällt die Suche nach geeigneten Dienstleistern weg. Das Gleiche gilt für die Vermittlung von juristischer Beratung. Zudem garantiert der Franchisegeber seinen Fahrschulen einen Gebietsschutz für die Dauer des Vertrags, der zunächst auf fünf Jahre abgeschlossen wird und dem Franchisenehmer eine

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Monatsgebühr von 250 Euro auferlegt. Die Einstiegsgebühr beträgt 1500 Euro. Sellers’ Gebiet umfasst die Stadt und den Landkreis Heilbronn: „Hier bin ich die einzige Academy-Fahrschule“, sagt er. Der Gebietsschutz wird zwischen den Partnern vor Vertragsabschluss ausgehandelt. In Großstädten wie Stuttgart gibt es mehrere Academy-Fahrschulen, auf dem Land wachsen deren Einzugsbereiche. Als Richtwert nennt Matthias Wimpff eine Zahl von 30 000 Einwohnern pro Fahrschule; bei großen Betrieben könne sich die Grenze auf bis zu 100 000 erhöhen. Der Vorstand der Academy Holding AG, dem Franchisegeber, beschreibt die Kooperation zwischen der Dachorganisation und den Fahrschulen als „offenes und faires Franchisesystem mit wenigen Regularien“. Der Fokus bei der Auswahl der Partner liege darauf, dass sie wie im Falle von Kai Sellers bereits eigene wirtschaftliche Erfahrungen gesammelt haben. Existenzgründer seien zwar nicht prinzipiell ausgeschlossen, aber eher die AusFoto: privat nahme. Neben der ein- „Mir schreibt niemand vor, heitlichen Fahrzeug- welche Kleidung ich trage, farbe bezeichnet Wimpff die Kunden- wie viel Umsatz ich brauche oder orientierung als ein- welche Preise ich verlangen muss.“ zige Pflicht der Kai Sellers, Chef einer Academy-Fahrschule, Franchisenehmer, über seine Freiheiten als Franchisenehmer die sich auch ohne Vorgaben eher im oberen Preissegment bewegen würden: „Beschwerden sind für uns der Hebel, um uns von Partnern zu trennen.“ Wimpff spricht von einem harten Wettbewerb im Dienstleistungssektor Fahrschulen; eine Folge der schrumpfenden Zielgruppe der jungen Kunden. Weil die Fahrlehrer gleichzeitig immer älter würden, falle es ihnen schwerer, den Wünschen der jungen Leute noch gerecht zu werden. Auch hier setzt das Franchisekonzept von Academy an, indem es den Fahrschulen Kommunikationsagenturen vermittelt, die gezielt Ideen zur Kundenansprache entwickeln. Die Franchisenehmer bekommen eine Homepage und werden in Sachen Facebook & Co beraten, wenn sie wollen. Kai Sellers schätzt auch den direkten Austausch mit Kollegen aus anderen Academy-Fahrschulen: „Ich kann da ganz offen über Preise und Strategien sprechen, weil wir uns gegenseitig keine Kunden wegnehmen“, sagt der 41-Jährige. Für die Konkurrenten vor Ort gilt das natürlich nicht. Sellers sieht sich durch das Franchisemodell nicht seiner Selbstständigkeit beraubt: „Ich würde auch ohne Academy als Fahrschule überleben – aber manche Dinge wären dann nicht so einfach“, sagt er.

300-MAL IM BUNDESGEBIET Geschichte Academy wurde 1996 in München gegründet. Zunächst übernahm das Unternehmen einige große Fahrschulen, „um Erfahrungen in der Branche zu sammeln“, wie Vorstandschef Matthias Wimpff erklärt. Seit 1999 fungiert die Academy-Holding AG ausschließlich als Franchisegeber. In Eigenregie betreibt die Holding, die im Jahr 2000 ihren Sitz von München nach Ludwigsburg verlegt hat, heute nur noch eine Musterfahrschule in Winnenden.

Marktführer Academy ist derzeit der einzige Franchiseverbund auf dem deutschen Fahrschulmarkt. Die Unternehmensgruppe erwirtschaftete zuletzt einen Außenumsatz von 60 Millionen Euro. Dazu gehören auch die Einnahmen aus Angeboten wie Finanzdienstleistungen, Unternehmensberatung und der Fahrlehrerausbildung, die die Ludwigsburger nicht nur ihren eigenen Franchisepartnern anbieten, sondern auch deren Konkurrenz.

Partner Das Franchisenetz von Academy umfasst bundesweit rund 170 Fahrschulen mit 300 Niederlassungen. Der Fokus liege zwar auf BadenWürttemberg und Bayern, erläutert Vorstand Matthias Wimpff, allerdings gebe es Franchisenehmer auch in allen anderen alten Bundesländern. Nur in Ostdeutschland konnten die Schwaben bisher nicht richtig Fuß fassen: „Der dortige Fahrschulmarkt ist bisher nicht attraktiv für unser Franchisemodell“, so Wimpff. tht


Wirtschaft in Baden-Württemberg 19

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Imageprobleme liegen Burger King schwer im Magen Der Franchisegeber leidet bis heute unter den Folgen der Pleite seines Geschäftspartners. Von Thomas Magenheim

Fast-Food-Kette

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ranchise ist ein System, das nach Ansicht von Gewerkschaften wie der NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten) mit einem latenten Hang zu Niedriglöhnen einhergeht. Aber es beinhaltet auch Risiken für den Franchisegeber wie die vorjährige Affäre der FastFood-Kette Burger King mit seinem größten Franchisenehmer Yi-Ko verdeutlicht hat. Zumindest in jüngster Zeit war der Yi-Ko-Skandal, bei dem 89 Filialen zeitweise geschlossen wurden und der in der gesamten Burger-King-Kette einen herben Imageschaden hinterlassen hat, der spektakulärste, den ein Franchisemodell in Deutschland bislang verkraften musste. 3000 Beschäftigte gerieten Ende 2014 zwischen die Fronten von Yi-Ko und dem Franchisegeber Burger King Europe, der hierzulande über die MarDer Deutschland-Umsatz kenrechte wacht. Eine entscheivon Burger King ist im dende Besonderheit vergangenen Jahr von 870 auf des Falls war, dass 800 Millionen Euro geschrumpft, Yi-Ko gleich 89 von knapp 700 Burgerschätzt der Bundesverband King-Filialen in der Systemgastronomie. Deutschland unter seiner Kontrolle hatte und sich Fehlentwicklungen so durch einen gefährlichen Multiplikatoreffekt ausbreiten konnten. Derart viele Filialen hält branchenweit sonst kein einzelner Geschäftspartner von Burger King in Händen. Monatelang stand Yi-Ko 2014 wegen Verstößen gegen Arbeitnehmerrechte am Pranger. Das Sündenregister des Franchisenehmers reichte von durch ein TVTeam aufgedeckten Hygienemängeln über illegale und verspätet gezahlte Dumpinglöhne bis zum Rauswurf erkrankter Mitarbeiter und Betriebsräte. Hinzu kamen unzählige Arbeitsgerichtsprozesse. Unter anderem wurde altes Gemüse mit einem neuen Zeitstempel umetikettiert und auf diese Art wieder „frisch“ gemacht. Yi-Ko war die gemeinsame Holding der beiden Geschäftspartner Ergün Yildaz (Yi) und Alexander Kolobov (Ko), wobei Yildaz als eigentlich treibende Kraft und Kolobov

als Finanzier im Hintergrund galt. Burger King hatte dem Treiben lange mit zaghaft mahnenden Worten, aber auch weitgehend ohnmächtig zugesehen. Denn wenn eine Markenfirma erst einmal Franchiserechte abgegeben hat, ist der Einfluss auf die Geschäftspraktiken vor Ort ziemlich beschränkt. Eigentlich bleibt nur der große Hammer, den Burger King dann auch ausgepackt hat. Für die 89 Yi-Ko-Filialen wurde ein Lieferstopp verhängt und der Franchisevertrag gekündigt. Die betroffenen Restaurants mussten kurz vor Weihnachten schließen, als ihnen die Ware ausging. Die Yi-Ko-Betreibergesellschaft Burger King GmbH ging pleite. Das hat deutschlandweit Spuren hinterlassen. Der Deutschland-Umsatz von Burger King ist im vergangenen Jahr von 870 auf 800 Millionen Euro geschrumpft, schätzt der Bundesverband der Systemgastronomie (BdS). Zuvor war es für die Nummer zwei der Branche hinter McDonald’s jahrelang nur aufwärts gegangen. Yi-Ko brachte einen Einbruch, der dem Konzern in Deutschland auch Verluste beschert haben dürfte. Selbst nennt die deutsche Tochter des US-Riesen aber keine Finanzkennzahlen und gibt auch keine Hinweise, ob sich das Geschäft Anfang 2015 wieder erholt hat. Noch immer ist die Affäre nicht ganz vom Tisch. Die 89 betroffenen Restaurants sind zwar längst wieder offen und Yi-Ko eine andere Firma. Der Türke Yilmaz ist aus der Geschäftsführung ausgeschieden, und der Russe Kolobov hat die Holding jüngst in KRG Foodservice umbenannt. Aber offiziell bestätigt hat Burger King Europe immer noch nicht, dass es mit KRG und Kolobov weitermachen will. Bislang toleriert die Markenfirma den Weiterbetrieb durch Kolobov lediglich. Die Filialen werden nur unter Vorbehalt beliefert. Hinter den Kulissen arbeiten Rechtsanwälte seit drei Monaten an einem neuen Franchisevertrag. Die Rechtsvertreter Kolobovs sind zuversichtlich, dass dieser bis zum Sommer steht und KRG dann offiziell an die Stelle von Yi-Ko treten wird. Derzeit operiere

Mahlzeit? So manchem Kunden ist der Appetit wegen der Affäre um den Franchisenehmer Yi-Ko vergangen. man aber noch in einem „Schwebezustand“, räumte ein Kolobov-Rechtsanwalt ein. Es sei komplex, Verträge für 89 Restaurants neu zu bündeln. Burger King Europe ist zurückhaltend. Man poche auf neue Strukturen, heißt es. Eigentlich wollte Burger King ein Klumpenrisiko wie bei Yi-Ko künftig vermeiden und die 89 Restaurants auf mehrere Franchisenehmer verteilen. Ob das noch gilt, sagt der deutsche Ableger des US-Konzerns nicht. Er lobt aber, dass die Geschäfte mit KRG reibungslos laufen und die neue

Geschäftsführung darauf achtet, dass nach Tarif entlohnt wird. Erst wenn die Zukunft der 89 Yi-KoFilialen endgültig geklärt ist, will sich Burger King Europe zu den Lehren äußern, die man möglicherweise aus dem Fall gezogen hat. Anders als McDonald’s betreibt die Nummer zwei der Branche hierzulande beispielsweise überhaupt keine Filialen mehr in Eigenregie. Von den 1447 deutschen McDonald’s-Restaurants werden dagegen immerhin noch 229 Filialen von der Kette selbst gemanagt.

Fast jeder fünfte Franchisenehmer scheitert Oft enden Auseinandersetzungen mit den Rechteinhabern vor Gericht. Spezielle Gesetze für die Branche gibt es aber bislang nicht.

Stuttgart | Berlin | Dresden | Frankfurt | Brüssel | Singapur

Risiken

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ranchise ist ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor. Mit mehr als 1000 verschiedenen Modellen werden hierzulande jedes Jahr gut 70 Milliarden Euro umgesetzt. Selbst die besten Marken funktionieren aber nicht an jedem Standort, und mancher Franchisegeber operiert mit fragwürdigen Methoden. Letztere ködern gutgläubige Franchisenehmer bevorzugt mit völlig überzogenen Gewinnprognosen wie im Fall der Eiscafé-Kette Dulce, die auch Pralinen anbietet. Filialbetreiber haben hier grobe Qualitätsmängel kritisiert. So waren in einigen Fällen gelieferte Pralinen mottenverseucht, und das Haltbarkeitsdatum war überschritten. Ein anderes Negativbeispiel ist Bubble Tea, das Kultgetränk des Sommers 2012. Es ist so schnell wieder in der Versenkung verschwunden, wie es aufgetaucht war, nachdem Berichte über angeblich gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe die Runde gemacht hatten. Als diese sich später als unwahr herausgestellt hatten, war es aber

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Ein Franchiseflop kostet die Geschädigten im Schnitt 250 000 Euro. Foto: dpa

für viele Franchisenehmer schon zu spät. Als grundsätzlich fragwürdig gilt unter Experten die Fitness-Kette der Business Education International Group (BEI-Training), bei der nach Angaben Betroffener mindestens 80 von 100 Franchisenehmern ihre Verträge vorzeitig wieder auflösen mussten und auf hohen Verlusten sitzengeblieben sind. Knapp ein Fünftel aller Franchisegründer scheitert innerhalb der ersten drei Jahre, hat das Internationale Centrum für Franchising und Cooperation der Uni Münster in einer Studie ermittelt. Über alle Franchisemodelle hinweg münden in Deutschland jedes Jahr rund 4000 gefloppte Franchisepartnerschaften in einem Rechtsstreit, schätzen auf die Branche spezialisierte Anwälte. Im Schnitt hinterlässt ein Misserfolg beim Franchisenehmer einen Schaden von 250 000 Euro. Platzt beispielsweise der Traum einer eigenen McDonald’s-Filiale, kann der Verlust aber auch in den Millionenbereich gehen. Der Gesamtschaden gescheiterter Franchisenehmer liegt nach seriösen Schätzungen bundes- und branchenweit bei mindestens einer halben Milliarde Euro per annum. Spezielle Gesetze für die Branche gibt es in Deutschland zum Bedauern vieler Experten bislang nicht. Wer die Filiale einer Markenfirma eröffnen will, sollte sich davor auf alle Fälle mit anderen Franchisenehmern über deren Erfahrungen unterhalten, raten sie. Dabei dürfe man sich nicht auf Ansprechpartner beschränken, die von den Franchisegebern vermittelt werden. Diese stehen nicht nur im Wettbewerb mit direkten Konkurrenten, sondern sie buhlen auch branchenweit um Existenzgründer, was nicht selten in allzu optimistische Prognosen mündet. tmh

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20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Die Wirtschaftskanzleien sehen s Juristischer Rat in Wirtschaftsfragen gewinnt für die heimischen Unternehmen immer mehr an Bedeutung. Denn die Rechtslage wird im Zuge der Internationalisierung und neu auftauchender Themen – vor allem rund ums Internet – komplexer. Das stellt höchste Anforderungen an die Wirtschaftskanzleien am Standort Stuttgart. Die Zeitung Wirtschaft in Baden-Württemberg wollte wissen, wie es um die Branche und deren Selbstverständnis bestellt ist, und hat zum Round-Table in die „Speisemeis-

Diskussionsrunde

Der Beratungsbedarf vieler Unterne hmer bei der Nachfolgeregelung verschafft Bertram Layer (l.) und Christoph Winkler viel Arbeit.

Mehr aus der Qualität machen Mit der Stärkung des Standorts Stuttgart wollen sich die Kanzleien im Wettbewerb behaupten. Von Stefanie Köhler

Konkurrenz

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ie Geschäfte laufen gut, doch gen statt seitenweise Abhandlungen“, sagte auch die Wirtschaftskanzleien Christoph Winkler (Menold Bezler). Insgeim Südwesten kämpfen gegen samt seien die Stuttgarter Kanzleien zwar Konkurrenz. Großkanzleien kleiner als die internationalen Wettbeweraus dem Ausland drängen auf ber, Auslandsgeschäfte könnten sie denden Markt, und die Zahl neuer Anbieter noch problemlos stemmen. Statt auf große wie Versicherungen oder Banken, die Büros setzen sie auf befreundete Kanzleium Mandate der Unternehmen buhlen, en, die sie den Rechtsrat suchenden Firwächst. Zugleich ist Stuttgart als Anwalts- men guten Gewissens empfehlen können. standort Studien zufolge nicht so bedeu- Mailänder betonte: „Mit einem guten Netztend wie Frankfurt, München oder Düs- werk sind wir besser aufgestellt als mit seldorf. Dabei haben die Anwaltskanzlei- zig Niederlassungen, aber fehlendem en in Baden-Württemberg keinesfalls ein Ansprechpartner am Ort des Mandanten.“ Laut den Experten wären die Kanzleien Qualitätsproblem. „Wir sind mindestens so gut wie die gut beraten, wenn sie ihre Kompetenz besKanzleien in Frankfurt oder München“, ser darstellen würden. „Wir machen zu wesagte Peter Mailänder (Haver & Mailän- nig aus unserer Qualität“, sagte Ladwig. der). Die hiesigen Kanzleien seien nicht Aus Sicht von Lenz gilt für die Kanzleien im auf ihren Standort beschränkt, sondern Land das Gleiche wie für viele Mittelständmit ihrer Expertise bundesweit gefragt, ler im Südwesten: „Wir sind die Hidden sagte auch Christofer Lenz (Oppenländer). Champions.“ Die Anwälte denken nun über Doch Nordrhein-Westfalen habe eben ein gemeinsames Marketing nach, das auch mehr bekannte Großunternehmen als der den Standort Stuttgart stärkt. Bei Rechtsfragen, die heikel sind, speSüdwesten. „Frankfurt steht auch deshalb so gut da, weil die Stadt ein internationales zielles Fachwissen erfordern oder aus anderen Gründen über den Radius Einfallstor ist und ausländider internen Rechtsabteilung sche Firmen dort Standorte „Wir sind hinausgehen, sind die Wirthaben“, sagte Peter Ladwig mindestens so gut schaftskanzleien einerseits die (Heuking Kühn Lüer Wojtek). wie die Kanzleien Dennoch ist vor allem MaiAnsprechpartner für Unterländer davon überzeugt, dass in Frankfurt nehmen. Lenz beschreibt die es die Konkurrenz schwer ha- oder München.“ Zusammenarbeit mit internen ben wird, den „heimischen Peter Mailänder über Rechtsabteilungen als angePlatzhirschen“ das Geschäft konkurrierende Standorte nehm. „In den vergangenen im Südwesten madig zu ma15 Jahren sind sie immer beschen. In der räumlichen Nähe ser geworden“, sagt der Ansieht der Anwalt einen entscheidenden walt. Nach den Worten von Marcus Baum Vorteil für das wichtige Vertrauensverhält- (Kuhn Carl Norden Baum) führt eine gute nis zwischen Anwalt und Mandant. „Ein interne Rechtsabteilung dazu, „dass mehr weiterer Aspekt ist die Vertretung vor Ge- Fragen gestellt werden. Das ermöglicht eine richt. Viele Mandanten suchen sich einen bessere Beratung.“ Anwalt, der auch vor Ort zugelassen ist, Doch andererseits wachsen durch Fusiofalls es zu einer Verhandlung kommt.“ Laut nen die Unternehmen – und damit auch die Jens Haubold (Thümmel, Schütze & Part- Rechtsabteilungen. „In den Rechtsabteilunner) haben Unternehmen oft mehrere gen wächst die Fachkompetenz“, stellt MaiKanzleien „und nehmen dann die in An- länder fest. Diese Konkurrenz verschärfe spruch, der sie im jeweiligen Fall am meis- den Kostendruck bei Honoraren, zumal ten vertrauen und von der sie sich am bes- Unternehmen größere Mandate meist nur ten beraten fühlen“. Ulrich-Peter Kinzl noch über Ausschreibungen vergeben. Das (BRP Renaud und Partner) glaubt indes, müsse jedoch kein Nachteil sein, meint dass Betriebe im Land manche Mandate Lenz: „Wegen der Ausschreibungen schlägt bewusst an auswärtige Anwälte vergeben, die Qualität mehr zu Buche als bisher.“ wenn sie zum Beispiel besonders heikel Als weitaus stärkere Konkurrenten sind und nicht in der Öffentlichkeit vor Ort sehen die Kanzleien die Unternehmen bei breitgetreten werden sollen. der Personalgewinnung. Immer wieder Grundsätzlich verfolgten die Stuttgarter wechselten gut ausgebildete Anwälte von Kanzleien auch einen anderen Beratungs- einer Kanzlei in ein Unternehmen. „Viele ansatz als die global tätigen Anwälte. „Wir Firmen sind gerade für junge Leute attrakgehen pragmatisch an die Fälle heran und tiv, weil sie auf gute Bedingungen und Famipräsentieren unseren Mandanten Lösun- lienfreundlichkeit setzen“, sagte Winkler.

Gruppenfoto beim Round-Table Wirtschaftskanzleien der Zeitung Wirtschaft in Baden-Württemberg mit Schloss Hohenheim im Hint der), StN-Wirtschaftsressortleiter Klaus Köster, Bertram Layer (Hennerkes, Kirchdörfer & Lorz), Reimund Abel (Leiter Sonderthemen Law), Christoph Winkler (Menold Bezler), StN-Chefredakteur Christoph Reisinger, Alexander Burger (Binz & Partner) und Peter Ladw

estiegen ist. Litigationländer (l.) in den Anwaltsberuf eing Mai r Pete seit , dert geän sich en Die Zeiten hab piel noch nicht. Dem generationen htsfragen, gab es damals zum Beis Rec in beit tsar hkei ntlic se. Wei Öffe er die PR, in kein mit Christian Bosse – schadet das aber übergreifenden Fachgespräch – hier

Die Erbschaftsteuer sorgt für Unruhe Das Bundesverfassungsgericht erzwingt eine Neuregelung. Das belebt das Geschäft der Kanzleien. Von Andreas Schröder Nachfolge

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Ulrich-Peter Kinzl (l.) und Marcus Baum sind überzeugt davon, dass der Kanzleistandort Stuttgart zahlreiche Stärken hat, mit denen die hier ansässigen Juristen punkten können. Kinzl kennt aber auch Fälle, in dene n sich potenzielle Kunden bewusst gegen die Landeshauptstadt entschieden haben, um öffentliche Aufmerksamkeit zu verm eiden.

eim oft emotionalen Thema Nachfolgeregelung in den Betrieben ist bei den Wirtschaftsanwälten viel Fingerspitzengefühl gefragt – erst recht dann, wenn die Unternehmer wie derzeit durch die Diskussion um eine Neuregelung der Erbschaftsteuer verunsichert sind. Der Beratungsbedarf steigt. Überhastet zu agieren und die Nachfolge ausschließlich am steuerlichen Aspekt zu orientieren, wäre grundfalsch, da waren sich die Wirtschaftsanwälte in der Diskussion einig. Die Unternehmer ärgern sich derzeit insbesondere über Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Seine Pläne für eine Neuregelung der Erbschaftsteuer sorgen für Unruhe und stoßen bei den Betrieben in Baden-Württemberg auf wenig Gegenliebe. Die Familienunternehmer sehen sich nun vor der Frage, wann und wie sie ihre Nachfolge regeln sollen. „Sollen sie schnell handeln und die alte Regelung nutzen oder abwarten?“, fragte Michael Heller, Wirtschaftsressortleiter der Stuttgarter Zeitung, der gemeinsam mit Klaus Köster, Wirtschaftschef der Stuttgarter Nachrichten, die Diskussion moderiert hat. Bertram Layer von Hennerkes, Kirchdörfer & Lorz – die Kanzlei ist auf Regelungen zur Unternehmensnachfolge speziali-

siert – hat dazu eine klare Meinung: „Die Unternehmer sollten eher jetzt als später eine Lösung suchen. Klar ist: besser wird es nicht – und billiger auch nicht.“ Überproportional viele Betriebe seien in den vergangenen Monaten bereits tätig geworden und hätten die Nachfolge geregelt, berichtete Alexander Burger (Binz & Partner).

Schenkungen haben zugenommen Auch die Zahl der Schenkungen sei deutlich gestiegen, sagte Ulrich-Peter Kinzl. Wenn die neuen Regeln in Kraft seien, werde es ein riesiges Chaos geben. Peter Mailänder warnte trotz aller Unsicherheit jedoch – genauso wie Layer – davor, rein „steuerinduziert“ zu handeln. „An erster Stelle steht die Nachfolge, danach erst sollte man nach einer Steuerlösung suchen“, sagte Mailänder. Berater stoßen nach Einschätzung von Peter Ladwig an ihre Grenzen, wenn es keinen geeigneten Nachfolger gibt, der Familienbetrieb zu klein ist, um ihn zu verkaufen oder um einen externen Geschäftsführer zu verpflichten. In Bewegung gekommen ist die kontroverse Diskussion um die Erbschaftsteuer durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Die Karlsruher Richter hatten im Dezember 2014 die geltende Erbschaft-

Christofer L Betriebe imm

steuer, die vielfach eine Steuerbefreiung beim Vererben von Betrieben vorsieht, in Teilen als verfassungswidrig gekippt. Unternehmer befürchten nun, dass künftig mehr Firmenerben höhere Steuern zahlen müssen und die Betriebe dadurch in ihrer Existenz gefährdet sein könnten. BadenWürttembergs Finanzminister Nils Schmid (SPD) setzt sich für eine gemäßigte Reform ein: Familienunternehmen sollen bis zu einem Wert von 100 Millionen Euro von der Erbschaftsteuer ausgenommen werden. Anders die Pläne Schäubles: danach sollen Erben bereits ab einem Betriebsvermögen von 20 Millionen Euro nicht mehr pauschal von der Steuer verschont bleiben. Unternehmen, die verschont werden wollen, müssten sich einer Bedürfnisprüfung unterziehen, zu der auch die Hälfte des Privatvermögens herangezogen wird, so Schäuble. Allein die Bedürfnisprüfung sorge dafür, dass das Projekt Nachfolge komplexer werde, meinte Layer. Mitentscheidend für den Erfolg sei, dass die beratende Kanzlei gut zusammenarbeite mit den „Experten, die die laufenden Prozesse im Unternehmen gut kennen“ – also den Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern. Zwar zögerten insgesamt immer noch viele Unternehmer eine Nachfolgeregelung hinaus, aber ein erheblicher Teil der Betriebe geht nach Einschätzung Burgers professionell um mit dem Thema. Unternehmen nutzten oft das Instrument der Familiencharta, die den Umgang mit-


Wirtschaft in Baden-Württemberg 21 www.shp-anwaltskanzlei.de

sich als „Hidden Champions“ terei“ in Stuttgart-Hohenheim eingeladen. Auf dieser Doppelseite beschreiben wir, wo die Wirtschaftskanzleien ihre Stärken und Schwächen sehen, wie sie den Standort Stuttgart einordnen und welche Antworten sie auf Fragen haben, die für ihre Kundschaft von Interesse sind. Dabei haben wir mit Blick auf die Aktualität zwei Themen ausgewählt: die Beratung bei der Nachfolge im mittelständischen Familienunternehmen und die Öffentlichkeitsarbeit bei Prozessen im Dienste des Klienten.

Jürgen Schmitt Fachanwalt für Arbeitsrecht

Dr. Robert Hartmann Fachanwalt für Arbeitsrecht

Angelika Protte Fachanwältin für Familienrecht Wirtschafts- und Familienmediation

Dieter Schenk Fachanwalt für Arbeitsrecht, Fachanwalt für Sozialrecht

tergrund (von links): Joachim Dorfs (StZ-Chefredakteur), Christofer Lenz (Oppenländer), StZ-Wirtschaftsressortleiter Michael Heller, Peter Mailänder (Haver & Mailännredaktion), Marcus Baum (Kuhn Carl Norden Baum), Jens Haubold (Thümmel, Schütze & Partner), Ulrich-Peter Kinzl (BRP Renaud und Partner), Christian Bosse (EY Fotos: factum/Weise wig (Heuking Kühn Lüer Wojtek).

Öffentlichkeitsarbeit wird wichtiger Prozessbeteiligte versuchen immer häufiger über die Medien Einfluss auf das Verfahren zu nehmen. Von Andreas Schröder

Litigation-PR

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Lenz lobt, dass die Rechtsabt ei mer profession eller geworden lungen der sind.

einander regelt und Leitlinien festlegt – etwa, wenn jemand seine Anteile veräußern will. Um Streitigkeiten zu vermeiden, gebe es oft eine klassische Aufgabenteilung zwischen den Gesellschaftern, ergänzte Layer. Christian Bosse von EY Law versteht, dass es in den Unternehmen eine „natürliche Hemmschwelle“ gibt, sich mit der Nachfolgefrage zu beschäftigen. „Das ist eine unangenehme Aufgabe“, sagte er.

ie Öffentlichkeit während eines laufenden Gerichtsverfahrens gezielt zu informieren, wird immer häufiger als strategisches Mittel der Prozessführung eingesetzt – sei es vom Prozessbeteiligten selbst oder mit Hilfe von dessen Rechtsanwälten, stets jedoch unter Einschaltung von Profis in Sachen Öffentlichkeitsarbeit (PR). In den angelsächsischen Ländern ist die prozessbegleitende Rechtskommunikation, die sogenannte Litigation-PR, seit Langem üblich. Ziel ist es natürlich immer, den Prozessverlauf im eigenen Sinn zu beeinflussen. „Auch Richter lesen Zeitung“, ist dabei ein gängiges Argument. Möglichkeiten zur Beeinflussung bietet auch die Kommunikation im Internet über Facebook und Twitter. Auch in Deutschland wird seit einigen Jahren bei juristischen Auseinandersetzungen auf PR gesetzt: Für den jüngsten prominenten Fall hat der ehemalige Bertelsmann- und Arcandor-Chef Thomas Middelhoff gesorgt. Monatelang hatte er

versucht, auf Kaution aus der Haft entlassen zu werden. Doch nach seiner Verurteilung wegen Untreue und Steuerhinterziehung waren mehrere Haftbeschwerden wegen Fluchtgefahr abgelehnt worden. Dann machten seine Anwälte der Essener Haftanstalt über die Medien schwere Vorwürfe. Middelhoff habe in der Haft wochenlang nicht durchschlafen dürfen, so lautete der Vorwurf. Im April wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Beweisen lässt sich solch ein Zusammenhang natürlich nicht. Für ein „sehr vermintes Gelände“ hält Alexander Burger die Litigation-PR, ganz entziehen könne man sich ihr nicht: Sich selbst öffentlich zu äußern, „wird einem manchmal aufgezwungen, wenn von der anderen Seite Dinge gestreut werden“. Sich nicht gegenüber der Presse zu äußern, könne dann bedeuten, „dass man den Mandanten im Regen stehen lässt“, meinte Burger. Peter Mailänder hingegen, der von sich selbst sagt, in einer längst vergangenen Zeit den Anwaltsberuf ergriffen zu

haben – er ist seit dem Jahr 1965 als Rechtsanwalt zugelassen –, lehnt Litigation-PR ab: „Ich habe noch nie erwogen, einen Prozess durch Beeinflussung der Öffentlichkeit zu gewinnen.“ Und während auch Christoph Winkler sagte, Litigation-PR „ist nicht Stil von Menold Bezler“, plädierte Christofer Lenz dafür, die Branche solle „die Augen aufmachen für die Realität“. Bei Anwälten in den Vereinigten Staaten „sitzen selbstverständlich PR-Agenten mit am Tisch“. Mandanten machten da schon mal selbst Termine mit Journalisten aus und „vermitteln es uns Anwälten“, erzählte Lenz. Die Öffentlichkeit zu suchen, ist „Teil der Show“, bestätigte Ulrich-Peter Kinzl. So sei seine Kanzlei von Mandanten schon gefragt worden, wie sie sich die Öffentlichkeitsarbeit vorstelle. „Anwälte sind damit schlicht überfordert“ und brauchten in solchen Fällen PR-Profis zur Unterstützung, sagte Kinzl. Nach Ansicht Burgers kann der Schuss auch nach hinten losgehen: Bei so manchem Richter erreiche man mit dem Versuch der öffentlichen Einflussnahme vielleicht gerade das Gegenteil. Kinzls Meinung: „In der Presse werden keine Prozesse gewonnen.“

Felix Teichmann Fachanwalt für Versicherungsrecht

Eliana Pollmann Fachanwältin für Arbeitsrecht

Alexis Gossweiler Fachanwalt für Miet- und Wohnungseigentumsrecht

Offenheit setzt Vertrauen voraus

Johannes Gerking Familienrecht, Arbeitsrecht

Nach Ansicht Mailänders muss der Anwalt seinen Mandanten wenn nötig auch ungeschminkt die Wahrheit sagen können: „Bei Nachfolgeregelungen muss man manchmal mutig sein.“ Dazu gehöre auch, dem Unternehmer zu sagen, „dass der potenzielle Kandidat nicht als Nachfolger geeignet ist“. Man kenne die Verhältnisse, den Senior, wisse, wozu „die Junioren taugen und wozu nicht“. Um sich so offen äußern zu können, müsse das Vertrauen zwischen Mandant und Anwalt entsprechend groß sein, sagte Mailänder. Deshalb differenzierten die Betriebe genau, welche Kanzlei die Familienangelegenheiten betreue und welche das Tagesgeschäft regele, ergänzte Burger, der die Möglichkeit aufzeigte, dass der Unternehmer nicht alles auf einmal entscheiden müsse: „In einer GmbH und Co. KG können die Anteile an die Kinder übertragen werden, ohne dass man sich gleichzeitig festlegen muss, wer operativ das Sagen haben wird.“

Jürgen Beneke Bankenrecht, Bau- und Immobilienrecht

ig, dass die ihren Kollegen ein könnten. it m h sic d sin ig dw rken (l.) und Peter La dort Stuttgart stä Alexander Burger Marketing den Stan en m sa ein m ge em Kanzleien mit ein

Die Wahl des Anwalts ist für Unt ernehmen Vertrauenssache, weiß Jens Haubold .

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22 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Mitarbeiter des Kettensägenherstellers Stihl können Anteile am Unternehmen zeichnen und erhalten dafür sogar noch einen Zuschuss vom Arbeitgeber. Die erzielbaren Renditen sind beachtlich.

Foto: dpa

Mitarbeiterbeteiligung als Chance Im Südwesten bieten rund 800 Unternehmen unterschiedliche Modelle der Beteiligung an. Von Oliver Schmale

Baden-Württemberg

B

elegschaftsaktien, Gewinnausschüttungen oder Genossenschaftsanteile – Betriebe haben viele Möglichkeiten, ihre Beschäftigten am Unternehmen und dessen Erfolg zu beteiligen. In Deutschland ist das Instrument der Kapitalbeteiligung allerdings noch wenig verbreitet. Bundesweit haben gerade einmal zwei Prozent der Unternehmen entsprechende Programme, wie aus Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) hervorgeht. In Baden-Württemberg bieten nach Schätzungen des Wirtschaftsministeriums etwa 800 Unternehmen Beteiligungsmodelle an. „Mitarbeiterbeteiligung ist eine Chance für ein partnerschaftliches Miteinander, sie trägt zur langfristigen Bindung qualifizierter Mitarbeiter bei und ist Bestandteil einer Unternehmenskultur auf Augenhöhe“, sagt Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD). Das bringe Unternehmen wie auch Arbeitnehmern Vorteile. So setzt der Autobauer Daimler seit 1973 auf Belegschaftsaktien. Die Mitarbeiter halten zwi-

schen ein und zwei Prozent des Stammkapitals des Stuttgarter Unternehmens, wie ein Sprecher berichtet. „Daimler bietet beim Kauf einer bestimmten Anzahl von Belegschaftsaktien zusätzliche Anreize wie Zuschüsse und Bonusaktien.“ Die Beteiligungsquote liege seit Jahren stabil bei rund einem Fünftel der teilnahmeberechtigten Mitarbeiter. Damit habe das Programm einen festen Stamm an Teilnehmern im Unternehmen. Unabhängig vom Kauf von Belegschaftsaktien werden die Daimler-Beschäftigten am Erfolg des Autobauers beteiligt. Die Ergebnisbeteiligung für das vergangene Jahr beträgt 4350 Euro je Mitarbeiter. Porsche zahlt mit 8600 Euro für 2014 deutlich mehr. Doch nicht nur Großkonzerne gewähren ihren Mitarbeitern Prämien, wenn es gut läuft, sondern auch viele Mittelständler. Etwa 13,6 Prozent aller baden-württembergischen Beschäftigten sind 2013 am Betriebsgewinn beteiligt gewesen, wie das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen jüngst ermittelte. Deut-

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lich seltener sei dagegen eine Beteiligung der Mitarbeiter am Firmenkapital, schreibt der Wissenschaftler Tobias Brändle in einer aktuellen Erhebung. Nur etwa 3,2 Prozent aller Beschäftigten im Südwesten in 0,2 Prozent aller Betriebe könnten solche Programme nutzen. Gerade für den Mittelstand gibt es die unterschiedlichsten Wege, die Mitarbeiter zu beteiligen. So können sie über eine Kapitaleinlage stille Gesellschafter werden. Dabei wird das Kapital in der Regel verzinst und nach einer Sperrfrist zurückgezahlt. Je nach Ausgestaltung ist auch eine Verlustbeteiligung möglich. Wichtig dabei: die Mitarbeiter haben Informations-, aber keine Mitentscheidungsrechte. Eine Beteiligung ist auch in Form von Genussrechten möglich. Ein Beispiel dafür ist der Waiblinger Motorgerätehersteller Stihl. 70 Prozent der Stammbelegschaft nutzen dort das Angebot der Mitarbeiterkapitalbeteiligung. Jedes Jahr können Anteile bis zu einem Nennwert in Höhe von 1350 Euro von den Mitarbeitern gezeichnet werden, wie ein Sprecher berichtet. Das Familienunternehmen beteilige sich daran mit einem Zuschuss von bis zu 900 Euro, also mit zwei Drittel der Einlage. Je nach Unternehmensgewinn wird der ge-

samte Betrag mit bis zu zehn Prozent pro Jahr verzinst. Diese Höchstverzinsung wurde in den letzten 20 Jahren nur im Krisenjahr 2009 (neun Prozent) etwas unterschritten, berichtet der Sprecher. Das Gesamtkapital der Stihl-Genussrechteinhaber liege mittlerweile bei 35 Millionen Euro – der höchste Wert seit Einführung des Modells im Jahr 1985. Ein Mitarbeiter, der seitdem jährlich den Höchstsatz gezeichnet hat, verfügt nach Unternehmensangaben heute inklusive Gewinnbeteiligung und Zinsen über ein Gesamtkapital von 67 300 Euro – bei einem Eigenanteil von 5000 Euro. Seltenere Formen der Beteiligung sind nach Angaben des Bundesverbands Mitarbeiterbeteiligung (AGP) Genossenschaften, GmbH-Anteile und Mitarbeiterdarlehen oder Mitarbeiterguthaben. Beim Mitarbeiterguthaben baut der Arbeitgeber für den Mitarbeiter einen Kapitalstock auf, indem Mittel aus einer freiwilligen Erfolgsbeteiligung nicht an den Beschäftigten ausgezahlt, sondern im Unternehmen angelegt werden. Das Guthaben wird dem Mitarbeiter auf einem Beteiligungskonto gutgeschrieben, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt ausgezahlt. Mitarbeiterguthaben erfreuen sich einer zunehmenden Beliebtheit als Ergänzung oder auch als Alternative zu einer betrieblichen Altersversorgung. Das Land unterstützt die Unternehmen im Südwesten mit einem besonderen Programm zur Förderung der Mitarbeiterbeteiligung. Die Verantwortung dafür liegt bei der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG). Deren Geschäftsführer Dirk Buddensiek ist zufrieden mit der Resonanz auf das jüngst angelaufene Programm: „Es gibt 15 konkrete Projekte, und zwei davon wurden von Unternehmensseite abgeschlossen.“ Inwieweit diese Unternehmen eine ergänzende Fi- Nicht nur Großkonzerne nanzierung zum Anschub zahlen ihren Mitarbeitern eines Mitarbeiterkapitalbe- Prämien, wenn es gut teiligungsmodells bräuchten, läuft, sondern auch viele bleibe abzuwarten. „Grundsätzlich finden Mittelständler. 2013 waren wir es erstaunlich, dass sich im Südwesten 13,6 Prozent in so kurzer Zeit so viele Unternehmen überhaupt für der Beschäftigten am ein Mitarbeiterkapitalbetei- Betriebsgewinn beteiligt. ligungsmodell interessieren und es umsetzen wollen“, so Buddensiek. Beim Vakuumtechnik-Spezialisten Schmalz in Glatten bei Freudenstadt gibt es die Mitarbeiterbeteiligung schon seit Anfang der 2000er Jahre. Das Programm umfasse die Bereiche Gesundheit und Wohlbefinden, Perspektiven und Bildung, Familie und Freizeit sowie Finanzen und Sicherheit, erläutert der geschäftsführende Gesellschafter Kurt Schmalz. Ein zentrales Element ist die Mitarbeiterbeteiligung auf dem Weg einer Gewinnbeteiligung mit Vermögensbildung. Alle Mitarbeitenden mit unbefristetem Voll- oder Teilzeitarbeitsverhältnis – rund 500 Personen – profitierten automatisch davon. Die Gewinnbeteiligung habe im Schnitt in den letzten Jahren bei etwa 2500 Euro gelegen. Die Prämien bleiben aber erst einmal fünf Jahre liegen und werden mit einem Zinssatz von 1,5 Prozent über dem durchschnittlichen jährlichen Basiszinssatz fest verzinst. Obendrein gibt es bei dem Weltmarktführer noch verschiedene Boni. Der zweite geschäftsführende Gesellschafter Wolfgang Schmalz ergänzt: „Darüber hinaus bieten wir zahlreiche weitere Leistungen, die die Mitarbeitenden ,on top‘ erhalten können. So fördern wir eine gesunde Lebensweise, indem beispielsweise alle Mitarbeitenden eine Prämie erhalten, die auf dem Firmengelände nicht rauchen. Auch Mitarbeitende ohne Krankheitstage erhalten einen Zusatzbonus.“


Wirtschaft in Baden-Württemberg 23

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Verluste nicht ausgeschlossen

WIE BESCHÄFTIGTE ZU TEILHABERN WERDEN Formen der Kapitalbeteiligung

Nicht immer ist eine Beteiligung am eigenen Unternehmen für die Mitarbeiter sinnvoll. Von Barbara Schäder

Klumpenrisiko

Kapitalbeteiligung

D

en Job los und die Altersvorsorge kräftig geschrumpft: Dieses Schicksal erlitten im Jahr 2001 Tausende von Mitarbeitern des US-Konzerns Enron. Die Pleite des Energiekonzerns ist ein Beispiel dafür, wie die Beteiligung von Angestellten am Unternehmenskapital schieflaufen kann. Denn rund zwei Drittel der betrieblichen Altersvorsorge der Enron-Beschäftigten waren in Aktien des eigenen Unternehmens angelegt. Schlimmer noch: die Angestellten durften diese Papiere erst im Alter von 50 Jahren verkaufen. Ein Extremfall, sicherlich. Dennoch besteht bei Kapitalbeteiligungen von Mitarbeitern am eigenen Unternehmen grundsätzlich das Dilemma, dass sie von Fehlentwicklungen gleich „Die Risiken für die Mitarbeiter doppelt betroffen sind: Geht es der überwiegen die vermuteten Firma schlecht, geVorteile bei weitem.“ fährdet das neben Axel Börsch-Supan, Direktor des Max-PlanckArbeitsplätzen auch Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik den Wert ihrer Anteile. Der wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums sprach sich deshalb 2008 vehement gegen die steuerliche Förderung von Mitarbeiterbeteiligungsmodellen aus. Sie werde „Arbeitnehmer in ein Anlageverhalten locken, das ganz besonders risikoreich ist“, schrieb der damalige Vorsitzende des Beirats, Axel Börsch-Supan, in einem offenen Brief an das Wirtschaftsministerium. Gleichwohl trat ein Jahr später das Mitarbeiterkapitalbeteiligungsgesetz in Kraft. Danach sind Unternehmensbeteiligungen, die Mitarbeitern kostenlos oder vergünstigt gewährt werden, bis zu einem Wert von 360 Euro pro Jahr steuerfrei. Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) wirbt für eine Erhöhung dieses Freibetrags, der im internatio-

nalen Vergleich „lächerlich niedrig“ sei. Die Bundesregierung solle den Freibetrag „auf mindestens 1000 Euro pro Jahr anheben“. Börsch-Supan, Direktor des MaxPlanck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, hält an seiner Kritik an der steuerlichen Förderung fest. „Die Risiken einer Mitarbeiterbeteiligung für die Mitarbeiter überwiegen die vermuteten Vorteile bei weitem“, bekräftigt er auf Anfrage. Das sei in der Finanzkrise noch einmal deutlich geworden. Interessanterweise gibt es aber auch Stimmen, die als Konsequenz aus der Krise eine verstärkte Beteiligung der Belegschaft am Unternehmenskapital fordern. Sie kommen vor allem aus dem Gewerkschaftslager. Dabei standen die Arbeitnehmervertreter dem Thema noch bis in die 80er Jahre ablehnend gegenüber: Eine finanzielle Beteiligung der Beschäftigten am eigenen Unternehmen, so argumentierten Gewerkschafter damals, verwische die Grenzen zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberlager und erschwere die Durchsetzung von Lohnerhöhungen. Zum Sinneswandel führte die Tatsache, dass Gewinne und Kapitaleinkommen über Jahrzehnte stärker stiegen als die Löhne. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte deshalb schon 1996 „eine bessere Beteiligung der Beschäftigten am Produktivkapital“. In der Weltwirtschaftskrise setzte sich das damalige DGB-Vorstandsmitglied Dietmar Hexel dafür ein, Belegschaftskapital als Stütze für Unternehmen in Schwierigkeiten zu verwenden: Wenn Arbeitnehmer etwa durch Lohnverzicht zur Sanierung ihrer Firma beitrügen, sollten sie dafür Unternehmensanteile erhalten. Für die Wahrnehmung der Interessen der Neu-Eigentümer sollte ein Verein oder eine Gesellschaft gegründet werden.

Eigenkapitalbeteiligung

Mischformen

Fremdkapitalbeteiligungen

z. B. durch

z. B. durch

z. B. durch

• Belegschaftsaktie • Kommanditistenanteil • GmbH-Beteiligung • Genossenschaftsanteil

• stille Beteiligung • indirekte Beteiligung • Genussrecht bzw. Genussschein

• Mitarbeiterdarlehen • Schuldverschreibung (Wandel- oder Gewinnschuldverschreibung)

StZ-Grafik: zap

Lohnverzicht gegen Einfluss – dieser Vorschlag stieß bei der Arbeitgeberseite auf wenig Gegenliebe. Gerade für Familienunternehmer sei die Vorstellung einer von Gewerkschaftern verwalteten Beteiligungsgesellschaft unerfreulich, warnte damals etwa Gesamtmetallpräsident Martin Kannegießer. Sinnvoller als Kapitalbeteiligungen seien Erfolgsprämien, wie sie etwa in der Autobranche gang und gäbe sind. Zwar gibt es durchaus Beispiele für erfolgreiche Kapitalbeteiligungsmodelle – auch in mittelständischen Unternehmen (siehe Seite 22). Ob sich die Mitarbeiterbeteiligung tatsächlich positiv auf den Unternehmenserfolg auswirkt, ist jedoch nicht so sicher wie oft behauptet. Zwar sind Unternehmen mit Erfolgs- oder Kapitalbeteiligungsmodellen nachweislich produktiver,

dieser Zusammenhang komme aber dadurch zustande, dass hauptsächlich erfolgreiche Firmen solche Modelle anböten, sagt die Wirtschaftsprofessorin Elke Wolf von der Münchener Hochschule für angewandte Wissenschaften. In einer Studie von 2008 stellte Wolf fest, dass finanzielle Anreize für Mitarbeiter die Produktivität von Unternehmen nicht messbar beeinflussten. Die Wissenschaftlerin hält zwar für möglich, dass einige Firmen mittlerweile durch eine bessere Ausgestaltung ihrer Anreizsysteme positive Effekte erzielen. „Aber ein Selbstläufer ist das nicht.“ So sei der Einfluss eines einzelnen Angestellten auf den Aktienkurs eines Unternehmens wohl zu gering, als dass Belegschaftsaktien tatsächlich einen Motivationsschub bewirken könnten.

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24 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 3 | Mai 2015

Mitarbeiter werden Mitunternehmer Beteiligungsmodelle stärken das ZugehÜrigkeitsgefßhl zum Betrieb und helfen, gute Mitarbeiter zu halten. Von Heinrich Beyer

M

itarbeiter, die sich finanziell an ihrem Unternehmen beteiligen, sind motivierter und identifizieren sich stärker mit ihrem Betrieb. Das zeigt eine Vielzahl von personalwirtschaftlichen Forschungen, die in den letzten Jahren die Auswirkungen einer Mitarbeiterbeteiligung auf wesentliche unternehmerische Erfolgsfaktoren, wie Produktivität, WertschĂśpfung und Wettbewerbsfähigkeit, untersucht haben. Bestätigt werden diese positiven Auswirkungen von Erfolgs- und Kapitalbeteiligung der Mitarbeiter vor allem auch durch die Erfahrungen von mehr als 4000 Unternehmen in Deutschland, die derartige Programme eingefĂźhrt haben. Mitarbeiter, die sich in das betriebliche Geschehen einbringen kĂśnnen und Entscheidungen sowie deren Konsequenzen mit verantworten, sind engagierter und kostenbewusster und setzen sich verstärkt fĂźr die „In der Praxis hat sich die stille Verbesserung von Betriebsabläufen ein. Gesellschaft als das attraktivste Siemens-Chef Joe Beteiligungsprogramm fĂźr Kaeser sprach in dieden Mittelstand herausgebildet.“ sem Zusammenhang in einem GastkomAGP-VerbandsgeschäftsfĂźhrer Heinrich Beyer mentar im „Handelsblatt“ auch von einer „Kultur des verpflichtenden Eigentums“, die durch die Beteiligung der Mitarbeiter an ihrem Unternehmen geschaffen werde. Eine solche Kultur schlage eine BrĂźcke zwischen dem Verhalten als Angestellte und dem unternehmerischen Handeln als EigentĂźmer und fĂśrdere damit die Verantwortlichkeit und das ZugehĂśrigkeitsgefĂźhl der Mitarbeiter zum Betrieb. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ein nicht zu unterschätzender Wettbewerbsvorteil. So ist auch zu erklären, dass die ehemals eher verhaltene bis skeptische Einstellung insbesondere der mittelständischen Familienunternehmer zur Mitarbeiterkapitalbeteiligung sich aktuell deutlich ändert. Denn der Mittelstand ist von der Fachkräfteproblematik weitaus mehr betroffen als

die bekannten GroĂ&#x;unternehmen in den attraktiven Regionen. Entsprechend ist ein wesentlich hĂśheres Interesse der Unternehmen an mehr Mitarbeiterbindung durch finanzielle Teilhabe zu verzeichnen. Immer deutlicher wird aber auch, dass die Mitarbeiterbeteiligung in einzigartiger Weise mit den Wertvorstellungen der Familienunternehmer korrespondiert. Eine Kapitalbeteiligung der Mitarbeiter ist ein starkes Zeichen fĂźr die mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur im Mittelstand und ein Ausdruck der Wertschätzung des Unternehmens fĂźr seine Beschäftigten. FĂźr die Mitarbeiter selbst kann eine Kapitalbeteiligung ein weiterer Baustein fĂźr die persĂśnliche VermĂśgensbildung und Altersvorsorge sein. Gerade in der derzeitigen Niedrigzinsphase werden derartige Programme zu einer immer wichtigeren Ergänzung der privaten Kapitalbildung. In der Praxis hat sich die stille Gesellschaft als das attraktivste Beteiligungsprogramm fĂźr den Mittelstand herausgebildet. Der EinfĂźhrungs- und Verwaltungsaufwand ist kalkulierbar und fĂźr jedes Unternehmen verkraftbar. AuĂ&#x;erdem werden Eigentumsund Entscheidungsrechte der Gesellschafter nicht tangiert. Auch die rechtlichen und finanzwirtschaftlichen Risiken von Beteiligungsprogrammen sind fĂźr die Unternehmen Ăźberschaubar. Zudem kĂśnnen in der stillen Gesellschaft, wie auch bei anderen Formen der Mitarbeiterkapitalbeteiligung, die steuerlichen Vorteile nach dem Mitarbeiterkapitalbeteiligungsgesetz (MKBG) genutzt werden, die die Attraktivität der

Illustration: John Morris/Cartoonstock; Montage: SchlĂśsser

Gastbeitrag

Programme fßr die Mitarbeiter und die Unternehmen nochmals steigern. Neben den personalwirtschaftlichen Auswirkungen einer Mitarbeiterbeteiligung schätzen die Unternehmen zunehmend auch die positiven Auswirkungen im Hinblick auf die Ausstattung mit Eigenkapital. Wenn beispielsweise ein Unternehmen seinen Mitarbeitern eine stille Beteiligung mit mindestens fßnfjähriger Festlegung anbietet, wird bei 100 Beschäftigten, von denen sich 60 Prozent an einem entsprechenden Programm beteiligen, bei einer durchschnittlichen Einlage pro Mitarbeiter und Jahr von 600 Euro und einem Zuschuss des Unternehmens von 240 Euro schon in fßnf Jahren ein Kapital von 4200 Euro pro Mitarbeiter aufgebaut. Fßr das

ZUR PERSON Verbandschef Heinrich Beyer ist Geschäftsfßhrer der AGP – Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung in Kassel. Der Verband setzt sich seit 1950 fßr die Verbreitung der Mitarbeiterbeteiligung in Deutschland ein und bietet Unternehmen

eine Plattform fĂźr Beratung, Information und Erfahrungsaustausch rund um das Thema Mitarbeiterbeteiligung. Struktur Mitglieder des gemeinnĂźtzigen Vereins sind Unternehmen, die Mitarbei-

EY Law – Wirtschaftsrecht glasklar. Interdisziplinär denken, international beraten: Nach diesem Erfolgsrezept sorgen wir mit Ăźber 1.200 Rechtsanwälten in 60 Ländern fĂźr klare Verhältnisse in allen Fragen des Wirtschaftsrechts. Unsere fachĂźbergreifende Ausrichtung ermĂśglicht es uns, Unternehmen aller Branchen auĂ&#x;ergewĂśhnlich umfassend und individuell zu begleiten. Wie Sie von unserem Know-how      Dr. Christian F. Bosse Tel. +49 711 9881 25772 christian.f.bosse@de.ey.com www.ey-law.de

„EY“ und „wir“ beziehen sich auf alle deutschen Mitgliedsunternehmen von Ernst & Young Global Limited, einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach englischem Recht. ED None.

terbeteiligung praktizieren, sowie Wissenschaftler, Fachexperten und PerP : AG Foto sonalverantwortliche. red

Unternehmen ergibt sich daraus ein Kapitalstock (Eigenkapital) von 252 000 Euro. Auch wenn nach Ablauf der Anlagedauer die ersten Einlagen wieder ausgezahlt werden, bleibt dem Unternehmen ein konstanter – in aller Regel weiter steigender – Kapitalstock erhalten, wenn es weiterhin das Beteiligungsprogramm jährlich anbietet. Mitarbeiterkapitalbeteiligung ist eine „unternehmerische Beteiligung“ mit Chancen und Risiken. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter im Extremfall ihr Kapital teilweise oder ganz verlieren kĂśnnen, wenn das Unternehmen insolvent wird. Gleichwohl ist dieses Risiko Ăźberschaubar; denn die Mitarbeiter kĂśnnen – im Gegensatz zu anonymen Anlageformen – das Investment in ihr Unternehmen besser einschätzen als die Qualität jeder anderen Anlageform. Sie erleben diese Qualität tagtäglich und kĂśnnen durch ihre eigene Arbeit und ihr Engagement zumindest bedingt darauf Einfluss nehmen. Und natĂźrlich gilt die alte Regel, nicht „alle Eier in einen Korb zu legen“, der auch die Unternehmen durch eine Begrenzung der maximalen Einlage pro Mitarbeiter Rechnung tragen.


EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

W I R T S C H A F T S FA K TO R BAUBRANCHE MAI 2015 Teures Bauen

Marode Brücken

Mächtig Schotter

Trotz historisch niedriger Zinsen ist der Traum vom eigenen Heim in den vergangenen 15 Jahren deutlich teurer geworden.

Viele Straßenbauwerke sind in die Jahre gekommen. Immer mehr werden zum Sanierungsfall oder müssen ganz neu gebaut werden.

In Baden-Württemberg werden jedes Jahr 100 Millionen Tonnen Gesteinsrohstoffe abgebaut. Den größten Anteil haben Kiese.

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Gute Zeiten – schlechte Zeiten Nach einem guten Jahr 2014 ist die Bauwirtschaft im Südwesten auch für dieses Jahr optimistisch

F o to : Je n s /F o to

D

li a

as vergangene Jahr ist für die badenwürttembergische Bauwirtschaft ein gutes gewesen. Die Branche legte kräftig zu. Vor allem der Wohnungsbau profitierte dank der niedrigen Zinsen. In das laufende Jahr sind die Unternehmen aber nicht ganz so gut gestartet. Dies macht Dieter Diener, Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung Bauwirtschaft, an folgenden beiden Faktoren fest: an den geleisteten Arbeitsstunden und den Umsätzen. Diese beiden Indikatoren lagen für die ersten beiden Monate des Jahres 14,3 beziehungsweise 8,6 Prozent unter den Werten des Vergleichszeitraums im Vorjahr. Das hat die Fachleute nicht verwundert, so fand nämlich im vergangenen Jahr der Winter nicht statt, weshalb witterungsbedingte Arbeitsausfälle auch nicht zu verzeichnen waren. Aber das Ganze ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Die Bauwirtschaft schaut optimistisch auf das Gesamtjahr, denn die Auftragseingänge liegen im Januar und Februar gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs bei einem Plus von 17,5 Prozent. Für die gesamte Branche erwartet der Verband im laufenden Jahr ein moderates Umsatzwachstum von 1,5 bis zwei Prozent. Grund für den eher verhaltenen Ausblick sind unter anderem mögliche Verteuerungen beim Bauen, die durch die neuen Regelungen bei der Landesbauordnung entstehen könnten. Sie schreibt künftig in speziellen Fällen eine Fassaden- oder Dachbegrünung vor sowie wettergeschützte Fahrradabstellplätze. „Angesichts der nach wie vor steigenden Anforderungen an das Bauwerk befürchten wir, dass trotz der niedrigen Zinsen das Bauen für weitere Kreise unerschwinglich wird, insbesondere wenn die Zinsen wieder ansteigen sollten“, sagt DieAUFTRÄGE ner weiter. Im Kontext mit der MietpreisbremÜBERSTUNDEN se werde darüber hiKONKURRENZ naus die Immobilie als Anlageklasse dann WETTBEWERBSVERZERRUNG auch wieder uninteressanter werden. WOHNUNGSBAU Der Wohnungsbau VERTEUERUNG INVESTITIONEN entwickelt sich insgeGESETZGEBER samt nach wie vor gut, sieht man von dem witterungsbedingten Einbruch zum Jahresbeginn ab, berichtet der Hauptgeschäftsführer weiter. Der Auftragseingang liegt demnach in den ersten beiden Monaten nur um 0,3 Prozent unter dem Vorjahreswert, hat dabei aber im Vergleich zu den anderen Sparten etwas an Dynamik eingebüßt. Bezogen auf das abgelaufene Jahr haben sich somit der öffentliche Bau und der Wohnungsbau gut geschlagen, der Wirtschaftsbau hat zwar noch zugenommen, lag aber bezogen auf die Zuwächse hinter den beiden anderen Sparten. Für dieses Jahr erwartet die Branche tendenziell ein sich abschwächendes Wachstum im Wohnungsbau, ein wieder stärkeres Anziehen des Wirtschaftsbaus und einen unveränderter Zuwachs bei den öffentlichen Bauinvestitionen. Zu schaffen macht der Branche der drohende Wettbewerb durch kommunale Betriebe. Deshalb forderte der Verband die

UMSATZ

EU-PLAN

RISIKO

ZINSEN

Politik auf, in ihren aktuellen Gesetzesvorhaben keine Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten privater Bauunternehmen zuzulassen. Auf Landesebene geht es konkret um das neue Gesetz über kommunale Zusammenarbeit. Dieses soll nach Verbandsangaben die interkommunale Zusammenarbeit in Baden-Württemberg stärken, damit klassische Gemeindeaufgaben im Bereich der reinen Daseinsvorsorge effektiver wahrgenommen werden können. „Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden“, sagt Diener. Wenn allerdings unter dem Deckmantel der kommunalen Koopera-

tion kleinen und mittelständischen Unternehmen auf unlautere Weise Konkurrenz gemacht werde, sei dies nicht hinnehmbar. Er verweist in diesem Zusammenhang auf bereits bestehende gesetzliche Regelungen, wonach sich Kommunen nur dann wirtschaftlich betätigen dürfen, wenn es keinen privaten Anbieter gibt, der diese Leistung ebenso gut erbringen kann. Dadurch sollen einseitige Wettbewerbsvorteile vermieden werden, denn im Gegensatz zu privaten Firmen finanzieren sich Gemeinden bekannter-

maßen durch allgemeine Abgaben und tragen kein Marktrisiko. In der Branche, dem Bauhauptgewerbe, gibt es im Südwesten 90 000 Mitarbeiter in 7200 Betrieben. Die Anzahl der Auszubildenden beträgt 5100. Die Bauwirtschaft erwartet sich keine größeren positiven Effekte von dem Plan der EU-Kommission, mit Hilfe eines entsprechenden Programms Milliardeninvestitionen auch im Bereich Infrastruktur anzuschieben. Der Plan beruht auf einem Kapitalfonds von 21 Milliarden Euro der EU zusammen mit der Europäischen Investitionsbank. Oliver Schmale


WIRTSCHAFTSFAKTOR BAUBRANCHE

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Der Sanierungsfall Viele Brücken sind in die Jahre gekommen – teils hilft nur ein Neubau

Sanierung der Brücke auf der A81 bei Horb Foto: Martin Stollberg

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risches Geld muss her: Der Investitionsstau bei Straßen und Brücken in Baden-Württembergs ist riesig. Die Bauwerke kommen in die Jahre. Durch den zunehmenden Verkehr werden sie auch immer stärker belastet. Die Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg warnt deshalb vor Brückensperrungen. Das Thema hat schon seit Längerem das Verkehrsministerium auf den Plan gerufen. Vor allem die Belastung nimmt zu. „Wo früher höchstens Zwölftonner fuhren, donnern heute bis zu 40-Tonner über die Straßen“, hatte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) vor Kurzem erläutert. Fast fünf Prozent aller Autobahnbrücken fallen in die Kategorie ungenügend, nahezu ein Viertel sind nicht ausreichend; 20 Prozent der Bundesautobahnen, 38 Prozent der Bundesstraßen und 49 Prozent der Landesstraßen werden als schlecht oder sehr schlecht bewertet. Wegen häufiger Prüfungen leide die Verkehrssicherheit aber nicht unter dem mangelhaften Zustand, heißt es aus dem Ministerium. Insgesamt gibt es in Baden-Württemberg fast 9200 Brücken, davon rund 2000 auf Bundesautobahnen, 4000 auf Bundesfernstraßen und fast 3200 auf Landesstraßen. Das Netz von Bundesautobahnen, Bundesund Landesstraßen umfasst 15 350 Kilometer. Zu bestimmten Stichtagen prüfen Messfahrzeuge im normalen Verkehr die Oberflächen und den Unterbau der Straßen. Die Ergebnisse werden durch Erkenntnisse der Regierungspräsidien ergänzt. Bei Brücken sieht das Prüfverfahren laut Verkehrsministerium folgendermaßen VERKEHRSMINISTERIUM aus: Alle Brücken werden im Abstand von drei Jahren einer einfaAUTOBAHN chen Prüfung und im Abstand von sechs JahFERNSTRASSE ren einer umfangreichen Hauptprüfung unterzogen. Diese Prüfungen PRÜFUNG werden von besonders qualifizierten und erSPERRUNG fahrenen Ingenieuren der StraßenbauverwalSICHERHEIT tung oder von ausgewählten externen Ingenieurbüros durchgeführt. Die Ergebnisse der Bauwerksprüfung sind Grundlage für alle weiteren Planungen und Maßnahmen der Brückenerhaltung. Als ein besonderes in die Jahre gekommenes und marodes Bauwerk gilt die Neckartalbrücke auf der Autobahn 6 zwischen Neckarsulm und Heilbronn. Die mit 1350 Metern längste Autobahnbrücke in BadenWürttemberg ist in einem derart schlechten Zustand, dass sie nicht mehr saniert werden kann und stattdessen komplett erneuert werden muss, wie die Landesvereinigung berichtete. Ursache sei die enorm hohe Verkehrsbelastung, insbesondere durch den Schwerlastverkehr. Auf der wichtigen Verbindungsbrücke der Ost-West-Magistrale zwischen Prag und Paris rollen täglich mehr als 115 000 Fahrzeuge, der Schwerlastanteil beträgt etwa ein Drittel. Weil die Neckartalbrücke diesen Belastungen nicht mehr gewachsen ist, darf sie seit Herbst 2013 vorläufig nur noch auf vier statt auf sechs Spuren befahren werden. Zudem wurde die Geschwindigkeit für Lkws auf 60 Stundenkilometer begrenzt. „Dieser

SÜDWESTEN

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NECKARTALBRÜCKE

LKW

VERKEHR

KOSTEN

Zustand scheint sich zur Dauereinrichtung zu entwickeln und ist nicht länger hinnehmbar“, kritisiert der Geschäftsführer der Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg, Dieter Diener, und verlangte eine Beschleunigung der entsprechenden Planungs- und Genehmigungsverfahren für den seit Längerem intendierten sechsspurigen Ersatzneubau an gleicher Stelle. Hierfür gab es bereits vom Bundesverkehrsministerium und auch vom baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Herrmann grünes Licht. Die Kostenschätzungen liegen zwischen 150 und 175 Millionen Euro. Die bestehende Stahlbrücke wurde 1967 gebaut. Generell setzt das Verkehrsministerium auf das Motto „sanieren statt planieren“. Die Mittel für den Erhalt von Landesstraßen

wurden demnach in den vergangenen fünf Jahren auf 120 Millionen Euro nahezu verdoppelt; davon dienen 20 Millionen Euro der Ertüchtigung von Brücken, um sie höheren Belastungen anzupassen. In diesem Jahr werden für den Erhalt der Bundesfernstraßen 335 Millionen Euro ausgegeben, davon 80 Millionen für Brücken. Der BadenWürttembergische Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) sieht den Willen der Politik, beim Thema Infrastruktur etwas zu machen. Allerdings müssten die Mittel für die Sanierung der Brücken weiter erhöht werden. Das bisherige schlechte Zustandsniveau nur zu bewahren reiche nicht aus. „Nun gilt es, mit gleichem Einsatz den Aus- und Neubau von Landesstraßen voranzutreiben und gleichfalls die Mittel zu erhö-

hen“, fordert BWIHK-Präsident Peter Kulitz. Die Beseitigung von Engpässen sei genauso wichtig wie die Verbesserung des Straßenzustands, sagt er. Eine Brücke kann jedoch nicht auf die Schnelle saniert oder neu gebaut werden. Denn, so heißt es im baden-württembergischen Verkehrsministerium, im Ergebnis sei heute für nahezu alle grundhaften Instandsetzungsmaßnahmen ein Planfeststellungsverfahren durchzuführen. So vergehen bei größeren Projekten selten weniger als drei Jahre, in der Regel vier bis fünf Jahre, bis der Bau beginnen kann. Erschwerend komme hinzu, dass für diese umfangreichen Vorarbeiten in der Straßenbauverwaltung des Landes nur begrenzt personelle Ressourcen zur Verfügung stünden. Oliver Schmale

Aktiv im Kampf gege n Jugendarbe itslosigkeit!


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WIRTSCHAFTSFAKTOR BAUBRANCHE

Mai 2015

Jede Menge Schotter I m S ü d w e s t e n w e r d e n p r o J a h r 1 0 0 M i l l i o n e n To n n e n G e s t e i n s r o h s t o f f e g e w o n n e n

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atürlich weiß Thomas Beißwenger, dass hierzulande nicht an jeder Ecke eine Ölquelle sprudelt und wir beim Gas weitgehend auf andere Staaten angewiesen sind. „Aber wer behauptet, Gips sei der einzige Rohstoff, den wir haben, hat in Erdkunde nicht aufgepasst“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Steine und Erden Baden-Württemberg (ISTE). Dies untermauern Daten des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau: Demnach werden im Südwesten von 500 Werken jährlich 100 Millionen Tonnen mineralische Gesteinsrohstoffe gewonnen. Den größten Anteil an dieser gewaltigen Fördermenge haben Kiese (41 Prozent), die sich vor allem in Baggerseen und Kiesgruben am Oberrhein und in Oberschwaben finden. An zweiter Stelle liegen Jura- und Muschelkalksteine (33 Prozent) aus der Schwäbischen Alb, dem Schwarzwald-BaarKreis, Nordschwarzwald, Kraichgau und dem Gebiet im Norden der Region Stuttgart.„Bei zehn Millionen Einwohnern heißt das, dass wir für jeden Baden-Württemberger ein Kilo Gestein gewinnen“, rechnet Beißwenger vor. „Nicht pro Tag, sondern pro Stunde!“ Dies entspricht fast genau dem Bedarf im Land. Natursteine, Sand, Kies, Gips, Kalk oder Zement sind nahezu allgegenwärtig in unserem Leben. „Angefangen von den Häusern, in denen wir wohnen und arbeiten, den Straßen, auf denen wir fahren, über Flughäfen, Brücken und Eisenbahngleisen bis hin zu riesigen Fundamenten für Windräder – überall werden Steine benötigt“, sagt Beißwenger. Auch bei der Herstellung vieler industrieller Produkte sind mineralische Rohstoffe mit im Spiel. Sogar in der Zahnpasta, deren Grundsubstanz aus Steinmehl besteht. „Daran zeigt sich, wie wichtig unsere Branche ist“, sagt Beißwenger, „und dass wir uns“, wie er mit einem Schmunzeln ergänzt, „nach wie vor in der ‚Steinzeit‘ befinden.“ Weniger amüsant findet der ISTE-Geschäftsführer die andere Art von Steinen, die der Branche in den Weg ge-

legt würden. Durch einige der zwölf Regionalverbände, denen die Landesregierung die langfristige Rohstoffsicherung übertragen hat. Nach Meinung von Beißwenger kommen manche Verbände dieser Aufgabe nicht mehr in vollem Umfang nach. „Die Regionalplanung ist verpflichtet, Abbau- und Sicherungsgebiete mindestens für die kommenden 30 Jahre auszuweisen.“ In der Praxis sei die Versorgung mit Rohstoffen aufgrund von Restriktionen für kaum mehr als die Hälfte dieses Zeitraums gesichert. „Häufig stellen wir fest, dass die Planer den Rohstoffabbau nur einseitig als Eingriff in die Natur bewerten.“ Mit diesem Argument werden die Gewinnungsflächen, die ohnehin nur 65 Quadratkilometer und 0,18 Prozent der Landesfläche umfassen, weiter reduziert. Ein Beispiel ist der aktuelle Regionalplan für Stuttgart: Allein dort wurde die Größe der sogenannten Vorranggebiete für die Gewinnung oberflächennaher Rohstoffe um 15 Prozent gekürzt: von 1813 auf 1534 Hektar. Noch drastischer fällt die planerisch verordnete Schrumpfkur am Mittleren Oberrhein aus: Von 1992 bis heute ging die Zahl der Baggerseen, aus denen Kies gewonnen wird, von 62 auf 36 zurück. 2045 sollen es sogar nur noch 21 sein. „Folglich müssen die Fördermengen an den verbliebenen Standorten erhöht werden“, sagt Beißwenger. „Nur so können wir den Bedarf abdecken.“ Hinzu komme, dass auf Basis

der aktuellen Planung in 2045 nur noch zwei statt bisher acht Kiesförderstätten über die Möglichkeit zur Schiffsverladung verfügen. „Das heißt, dass sich die Lkw-Transporte drastisch erhöhen“, erklärt Beißwenger. „Gleichzeitig verfünffacht sich der Ausstoß von Kohlendioxid pro Kilometer durch wegfallenden Schiffstransport.“ Dies könne weder im Interesse der Politik noch der Bevölkerung sein. „Was wir brauchen sind Pläne, die eine dezentrale, verbrauchernahe, bedarfsunabhängige und nachhaltige Rohstoffgewinnung erhalten und auch weiterhin ermöglichen“, fordert der Diplom-Biologe. In der Frage, wie man Ökonomie und Ökologie vereinen kann, besteht mittlerweile ein breiter Konsens. Das beweist eine gemeinsame Erklärung von ISTE, dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Gewerkschaft IG Bau mit dem Titel „Nachhaltige Rohstoffnutzung in Baden-Württemberg“. Das Papier dient dem Ziel, mögliche Konflikte bereits im Vorfeld zu vermeiden und das gegenseitige Verständnis und Vertrauen weiter zu fördern. Die Betonung liegt darauf, dass „natürliche Rohstoffe eine wesentliche Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung Baden-Württembergs bilden und das Einkommen vieler Menschen sichern“. Derzeit sind in der Branche 15 000 Mitarbeiter beschäftigt, dazu kom-

men rund 150 000 indirekte Arbeitsplätze. Gleichzeitig bekennen sich die Unternehmen zu ihrer Verantwortung, Ressourcen und Klima zu schonen. Parallel dazu verabschieden sich Naturschützer von dem Argument, dass sich Eingriffe in die Landschaft durch Rohstoffgewinnung zwangsläufig negativ auswirken müssen. „Oftmals finden sich gerade auf Abbaugebieten viele seltene und streng geschützte Arten, die auf Felsflächen oder spärlich bewachsene Landflächen angewiesen sind.“ Dasselbe gilt für Steinbrüche, die nach ihrer Nutzung renaturiert und rekultiviert werden. „Dort entstehen nicht nur Rückzugsräume für viele geschützte Tiere und Pflanzen, sondern auch zahlreiche land- und MUSCHELKALK forstwirtschaftliche Flächen“, so Beißwenger. Ein JURA Beispiel dafür ist ein ehemaliger Steinbruch im SCHIFF Markgräfler Land, wo heute die Rebsorte Gutedel angebaut wird. GRUNDWASSER Umso unverständlicher ist für den Verband GESTEIN SAND eine geplante Verordnung, die eine VerschärKALK fung der Grenzwerte beim Boden- und GrundZEMENT wasserschutz zur Folge hätte – und damit strengere Auflagen für die VerBERGBAU füllung von Steinbrüchen. „Große Mengen an Steinen und Erde mit geringen Verunreinigungen, insbesondere Stadtböden, könnten dann in eine Risikoklasse rutschen. Die Verfüllung wäre dann nur noch im Einzelfall möglich und mit schwierigen wasserrechtlichen Genehmigungen verbunden“, erklärt Bernd Susset, ISTE-Referent und Diplom-Geologe. „Dabei haben wir sowieso schon deutlich niedrigere Grenzwerte als in anderen Ländern.“ Beißwenger findet es gar paradox, dass beim Grundwasser 240 Milligramm Sulfat pro Liter erlaubt sind, während der Grenzwert beim Mineralwasser 1200 Milligramm beträgt. Während dem Verband in dieser Frage noch eine emotionale Debatte bevorsteht, hat die Überzeugungsarbeit bei Boris Palmer bereits gefruchtet. Ursprünglich wollte Tübingens OB sein Rathaus mit Steinen aus dem sächsischen Elbsteinsandgebirge renovieren. Bis Beißwenger Wind von der Sache bekam und Einspruch erhob. Mit Erfolg. Jetzt wird Stubensandstein aus dem benachbarten Pliezhausen verwandt – und beim Transport jede Menge CO₂ gespart. „Häufig“, sagt Beißwenger, „liegt das Gute eben doch ganz nah.“ Gerhard Hörner

KIES

ROHSTOFFE

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Südwestbank: Mittelstand im Fokus Die Unternehmen in Baden-Württemberg stehen durch die Staatsschuldenkrise vor großen Herausforderungen

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Ein Teil des Wegs ist geschafft Noch ist die Wirtschaft in vielen Mitgliedsstaaten längst nicht über dem Berg, und damit müssen auch deutsche Unternehmen weiter mit vielen Fragezeichen leben. „Immerhin aber ist die Unsicherheit nicht mehr so groß wie noch vor ein paar Jahren“, sagt Professor Lars Feld von der Universität Freiburg, Leiter des Walter Eucken Instituts und einer der fünf Wirtschaftsweisen im Sachverständigenrat. Irland und Portugal etwa haben bereits einen gehörigen Sprung nach vorn gemacht und melden wieder Leistungsbilanzüberschüsse. In Spanien sorgen Strukturreformen in Verbindung mit den europäischen Hilfsprogrammen für Fortschritte beim Wachstum und dem Abbau der Arbeitslosigkeit. Und im Hickhack um Griechenland sehen Investoren mittlerweile keine allzu große Gefahr mehr für Europa. Wahr ist aber auch: Im großen Nachbarland Frankreich geht kaum etwas voran. Dort stagniert die Wirtschaft ebenso wie in Italien, wo die starke Position von Regierungschef Renzi immerhin stabilisierend wirkt und erste Reformen am Arbeitsmarkt angestoßen wurden. Ob und wie sie Wirkung zeigen, ist noch offen. „Die schleppende Entwicklung in Frankreich und Italien trifft den deutschen Mittelstand durchaus, er reagiert darauf andererseits aber durchaus flexibel“, sagt Feld. Er verweist darauf, dass viele Unternehmen ihr Geschäft in den USA ausgebaut und weiter in Asien investiert haben: in China, in Südostasien mit Ländern wie Indonesien sowie in Indien. Von dieser Erschließung neuer

Quantitative Easing nennt EZB-Präsident Mario Draghi sein Programm für den Kauf von Anleihen, mit dem er Wirtschaft und Währung des Euroraums weiter stabilisieren will. Ein gutes Stück Vertrauen in den Euro hat er schon mit seiner bisherigen Politik geschaffen. Was aber hat das dem deutschen Mittelstand bislang gebracht? Haben die Niedrigzinsen die Investitionen beflügelt und können die Unternehmen bald wieder auf bessere Exportchancen in Europa hoffen? Märkte profitiert letztlich die Wirtschaft in der Heimat. „Die Unternehmen integrieren die Auslandsinvestitionen in ihre Wertschöpfungskette, schaffen damit Arbeitsplätze in Deutschland und investieren die Gewinne wieder“, sagt Feld. Die aus der EZB-Politik resultierenden günstigen Finanzierungskosten dagegen kommen dem Mittelstand nur sehr bedingt zugute. Denn die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren viel Eigenkapital aufgebaut und brauchen derzeit Fremdfinanzierungen in großen Teilen gar nicht. Andererseits

wird der Niedrigzins mitunter sogar zum Problem – zum Beispiel bei der betrieblichen Altersvorsorge. „Die Unternehmen müssen jetzt tendenziell ihre Pensionsrückstellungen erhöhen, weil der Kapitalaufbau für die späteren Verpflichtungen schwieriger geworden ist“, sagt Feld. Selbst die vom Geldstrategen Draghi zielstrebig herbeigeführte Euroschwäche, dank der die Preise der deutschen Exporteure noch wettbewerbsfähiger geworden sind, hat ihre Kehrseite. Denn solche Vorteile lindern erfahrungsgemäß den Druck, weitere Produktivitätssteige-

Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten in der Eurokrise.

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rungen umzusetzen. „Die Währung erzeugt kurzfristige Effekte, hilft dem deutschen Mittelstand aber nicht auf Dauer“, betont der Wirtschaftsweise. Stattdessen bereitet ihm Sorgen, dass die Lohnsteigerungen bereits seit dem Jahr 2008 über den Produktivitätszuwächsen liegen. Die Möglichkeiten der Unternehmen, das zu finanzieren, seien begrenzt. Von einer Investitionsschwäche bei den privaten Unternehmen in Deutschland kann aber trotz aller anhaltenden Unsicherheiten um Europa derzeit keine Rede sein. Im Gegenteil: Einhergehend mit den seit dem vierten Quartal des vergangenen Jahres deutlich gestiegenen Konjunkturerwartungen bewegt sich auch die Investitionstätigkeit nach oben. Allenfalls kommt es zu einer Verlagerung ins Ausland. „Für die Politik gäbe es jedoch durchaus Ansatzpunkte, diesen Trend abzumildern“, sagt Professor Feld. Er verweist auf die hohen Stromkosten, von denen nur energieintensive Unternehmen entlastet werden, oder eine in Teilen innovationsfeindliche Haltung der Bundesregierung. Für mehr Schwung könne schon eine konsequent neutrale steuerliche Behandlung der Unterneh-

mensfinanzierung sorgen. Zwar sind die Finanzierungsquellen Fremdkapital und einbehaltene Gewinne seit der Steuerreform des Jahres 2008 annähernd gleichgestellt. „Beteiligungskapital dagegen unterliegt immer noch einer um fast 20 Prozentpunkte höheren Besteuerung als andere Finanzierungsformen, und darunter leiden vor allem junge innovative Firmen, die keinen Zugang zu Fremdkapital haben“, kritisiert Feld. Der Sachverständigenrat habe deshalb vorgeschlagen, eine kalkulatorische Eigenkapitalverzinsung steuerlich abzugsfähig zu machen. Generell freilich steht die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich prächtig da. Das liegt vor allem daran, dass die Unternehmen die Globalisierung stärker und früher angenommen haben als die Firmen in anderen europäischen Staaten. Heute spiegelt sich das in einem Leistungsbilanzüberschuss von über sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts wider. Dass sich daran seit einiger Zeit zum Teil heftige Kritik aus dem Ausland entzündet, mag Lars Feld nicht so recht einleuchten. Denn Deutschland trägt einen großen Teil zur Finanzierung der Rettungsschirme und damit letztlich zum Erhalt der Eurozone bei. „Sie erleichtern den betroffenen Mitgliedsstaaten den Übergang beim Abbau ihrer Leistungsbilanzdefizite, so dass ihnen abrupte schmerzliche Maßnahmen erspart bleiben“, sagt der Wirtschaftsprofessor. Ermutigend ist dabei, dass dieser Übergang schon ein gutes Stück weit geschafft ist. Norbert Hofmann

M I T EI N EM KO N SO RTI ALKRED I T H AT D ER BEKAN N TE O UTD O O R- AUSRÜSTER VAUD E D I E PA SSEN D E AN SCH LUSSFI N AN ZI ERUN G Gemeinsam Verantwortung übernommen Nachhaltigkeit wird bei Vaude Sport in Tettnang konsequent gelebt. Ob umwelt- und gesundheitsfreundliche Produkte oder Marken-Image, ob Sicherung der Mitarbeiter oder Gesellschafterstruktur: das vor gut vier Jahrzehnten gegründete Familienunternehmen hat immer wieder vorgemacht, dass sich ökologisch und sozial verantwortliches Handeln mit wirtschaftlichem Erfolg verbinden lässt. Vaude hat es damit zur führenden Bergsportmarke gebracht und darf sich als der nachhaltigste Outdoor-Ausrüster Europas bezeichnen. Der Wille zur Nachhaltigkeit schlägt sich auch in der Finanzierungsstrategie

nieder. Eine starke Kapitalbasis ist ebenso wichtig wie langfristige Planbarkeit, die im Tagesgeschäft Luft zum Atmen lässt und die Entwicklung neuer Produkte ermöglicht. All diese Überlegungen spielten eine Rolle, als 2014 eine Konsortialvereinbarung mit den bisherigen Hausbanken zur Kontokorrentfinanzierung abgelaufen war. „Wir wollten das günstige Zinsumfeld nutzen und uns für eine Zeitspanne von mindestens fünf Jahren finanzieren, gleichzeitig aber auch die Eigenkapitalbasis stützen“, sagt Erwin Gutensohn, Geschäftsleiter Finanzen von Vaude. Mit der LBBW als Konsortialführer unter Beteiligung von

sechs weiteren Banken sowie unter Einbeziehung von Fördermitteln der KfW wurde ein exakt zu den Zielvorstellungen passendes Paket geschnürt. Für einen Teil der Finanzierung steht ein zehnjähriges Nachrangdarlehen, das eigenkapitalstärkend wirkt. Dieses sowie die anderen, fünf Jahre laufenden Kredite dient zum einen wie bisher der Kontokorrentabdeckung. Ein weiterer Teil fließt in die Finanzierung von zwei Forschungsprojekten. Dabei geht es zum einen um die Weiterentwicklung des firmeneigenen Bewertungssystems, das besonders umweltfreundliche Produkte kennzeichnet. „Ein anderer Teil

fließt in die Entwicklung PFC-freier Ausrüstung“, sagt Gutensohn. „Dieses Projekt war auch Voraussetzung für die KfW-Förderung war.“ Das Konzept hat ebenso wie das Geschäftsmodell des gesamten Unternehmens in kürzester Zeit auch die neben der Kreissparkasse Esslingen neu in das Konsortium aufgenommene Südwestbank überzeugt. „Wir tragen mit unseren Ursprüngen als landwirtschaftliche Bank die Vorstellung von Nachhaltigkeit schon seit den Kinderschuhen in uns“, sagt Matthias Veit, Firmenkundenbetreuer der Südwestbank. Da war eine gemeinsame Basis schnell gefunden, zu-

mal die Südwestbank dem Familienunternehmen auch aufgrund ihrer langjährig erfolgreichen Fokussierung auf den Mittelstand als idealer Partner erschien. „Vaude legt viel Wert auf langfristige Kundenbeziehungen, das wollen wir auch“, sagt Veit. Nicht minder wichtig war, dass Vaude nun auf Basis klar geregelter Vertragsbedingungen kalkulieren kann. Diese hatte das Unternehmen mit der LBBW im Rahmen eines Term Sheets vereinbart, dem die Banken zustimmen mussten. „Die Südwestbank hat uns auf dieser Grundlage sehr schnell und unbürokratisch die Zusage gegeben“, so Gutensohn. nh


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Wolfgang Jung verantwortet im Vorstand der Stuttgarter Privatbank unter anderem die Geschäftsfelder Firmenkunden, Landwirtschaftsund Agrargewerbe. Foto: Andy Ridder

In der Haut des Mittelstands Herr Jung, wie stellt sich in Ihren Augen die Situation des deutschen Mittelstands aktuell dar? Auch wenn für deutsche Unternehmen grundsätzlich noch eine gute Stimmung konstatiert werden kann, wird beispielsweise ein Unternehmer, der einen hohen Anteil nach Russland exportiert, gerade eher von Sorgen berichten. Allgemein gilt, dass die Situation der Mittelständler immer abhängig von dem Markt ist, auf dem sich das einzelne Unternehmen bewegt. Denken Sie, dass die Unternehmen angesichts des „süßen Giftcocktails“ aus schwachem Euro und niedrigem Ölpreis nicht Gefahr laufen, andere Dinge wie Restrukturierungen zu verpassen? Nun, Öl wird nach wie vor in Dollar gehandelt, dadurch wird dieses „süße Gift“ etwas abgeschwächt. Die Unternehmen, die ich kenne – insbesondere hier bei uns – lassen sich davon aber nicht blenden und machen ihre „Hausaufgaben“. Kommt es vor, dass Mittelständler angesichts der guten Auftragslage Investitionen zurückstellen? Die Entscheidungen für Investitionen werden in der Tat mit Bedacht getroffen. Zu tief sitzt noch die Erinnerung an Überkapazitäten, die nach 2008/2009 in vielen Unternehmen bestanden. Notwendige Ersatzinvestitionen werden jedoch nicht zurückgestellt. Und das ist für mich ein wichtiger Punkt, der zeigt, dass Unternehmen nach wie vor in die Substanz investieren.

Mit harten Bandagen kämpft die Kreditindustrie um bonitätsstarke Mittelstandskunden. Um hierbei eigene Akzente zu setzen, will die Südwestbank AG ihren Kunden maßgeschneiderte Lösungen bieten. Eine Bank darf dabei nicht zum „reinen Produktlieferanten“ werden, betont Wolfgang Jung, der im Vorstand der Stuttgarter Privatbank unter anderem die Geschäftsfelder Firmenkunden, Landwirtschafts- und Agrargewerbe verantwortet, im Interview. Oder besteht die Gefahr, dass die Kundenpflege vernachlässigt wird? Da bin ich als kundenorientierter Banker rigoros. Wenn ich als Mitglied des Vorstands mitbekäme, dass ein Betreuer seine Kunden vernachlässigte, würden alle Alarmglocken läuten. Genauso gilt dies bei unseren Kunden. Auch ihm sollte natürlich an einer langfristigen und nachhaltigen Kundenpflege gelegen sein, um sein Unternehmen zukunftsfähig zu halten. Und deshalb hat gerade die Industrie in den vergangenen Jahren verstärkt in Tools für das Kundenbeziehungsmanagement investiert. Sie sehen, Investitionen erfolgen nicht nur in Form von Gebäuden oder Maschinen.

kommt es darauf an, sämtliche Möglichkeiten mit einzubeziehen, vor allem auch Fördermittel.

Aufgrund ihrer guten Auftrags- und Liquiditätslage ist ein Großteil der Unternehmen in Baden-Württemberg derzeit häufig in der Lage, sich weit gehend bankenunabhängig zu finanzieren. Inwieweit braucht der Mittelstand also noch Kreditinstitute? Ein Kreditinstitut muss mehr sein als bloßer Kreditlieferant. Die Kundenbetreuer stehen den Unternehmern heute eher als strategischer Gesprächspartner zur Seite und zeigen dem Unternehmen Lösungen über den aktuellen Bedarf der Finanzierung hinaus auf. Da

Man hat den Eindruck, dass manche Banken den Mittelstand neu als Kundengruppe entdeckt haben. Was bedeutet das für den Wettbewerb? Der Wettbewerb hat sich bereits deutlich verschärft, und die Bandagen werden im Kampf um interessante und bonitätsstarke Adressaten härter. Dies zeigt sich in erster Linie an den Konditionen, die wir zurzeit am Markt sehen. Umso wichtiger ist es, den Kunden etwas Besonderes zu bieten. Die Südwestbank setzt dabei auf Flexibilität, Geschwindigkeit und maßgeschneiderte Lösungen

Inwiefern ändern sich das Serviceangebot und damit auch die Rolle einer Bank gegenüber ihrer mittelständischen Kundschaft? Die Bank darf kein „Produktlieferant“ im herkömmlichen Sinne sein, sondern muss es schaffen, sich in die Rolle des Unternehmers hineinzuversetzen und dessen Herausforderungen zu verstehen. Somit kommt der Kundenbeziehung und vor allem dem Verständnis, wie diese aus Sicht der Bank gelebt wird, eine völlig andere Bedeutung zu.

für ihre mittelständischen Kunden. Diese sind für die Wahl eines langfristigen Partners wichtiger als das letzte Zehntel beim Zinssatz. Wie sehen Sie die Zukunft des baden-württembergischen Mittelstands mit Blick auf die demografische Entwicklung? Wie eine aktuelle Veröffentlichung der KfW zeigt, stehen in Deutschland bis 2017 rund 580 000 Inhaber vor der Übergabe ihres Unternehmens. Auf Baden-Württemberg heruntergebrochen ist das eine stattliche Zahl. Ich sehe aber die Zukunft des baden-württembergischen Mittelstands dennoch positiv, da mit dem vielerorts anstehenden Generationenwechsel auch neue Ideen und Impulse in die Unternehmen kommen können. Wichtig ist aber, dass alle Partner – also auch die Banken – frühzeitig in den Prozess der Nachfolgeregelung eingebunden werden. Welche Bedeutung messen Sie dem Thema Industrie 4.0 bei? Ich sehe aktuell die Gefahr, dass Industrie 4.0 als Schlagwort oder Marketingthema abgetan wird. Dies kann dazu führen, dass sich mittelständische Unternehmen nicht oder zu spät mit den Aus-

wirkungen auf ihre Leistungsprozesse auseinandersetzen. Fakt ist, dass mit Industrie 4.0 die Art und Weise, wie Produktionsabläufe und Wertschöpfungsketten funktionieren und ineinandergreifen, nachhaltig verändert wird. Wer hier intelligente und kreative Lösungen für sein Unternehmen findet, hat deutliche Wettbewerbsvorteile. Wir als Südwestbank wünschen uns, bei dieser Entwicklung als Partner von Anfang an eingebunden zu sein und die Innovationen nicht nur zu finanzieren, sondern auch die Auswirkungen auf künftige Evolutionen zu verstehen. Was zeichnet in Ihren Augen eine Mittelstandsbank aus? Um eine Mittelstandsbank zu sein, gehört mehr dazu, als auf einen fahrenden Zug aufzuspringen. Denn das Geschäft kann nur verstehen, wer schon lange mit den typischen Branchen, deren Besonderheiten und Herausforderungen vertraut ist und damit die spezifischen Bedürfnisse seiner Kunden kennt. Dies gelingt mit räumlicher Nähe zum Kunden am besten – auf allen Entscheidungsebenen einer Bank. Regional orientierte und lokal ansässige Institute nutzen diesen Vorteil. Mittelstand „kann“ nur die Bank, die zudem auskömmliche Eigenkapitalreserven vorhält, die aus der Regionalität heraus ihre Kunden kennt, die Beständigkeit und Verlässlichkeit – auch in Krisen – bewiesen hat, die aktiv und umfassend berät und die mit ihren Kunden auf Augenhöhe kommuniziert. Die Fragen stellte Thomas Spengler.

Bürgschaften erleichtern Gründern den Start Im Gastbeitrag für die Südwestbank erläutert die Bürgschaftsbank anhand eines Beispiels, wie sie Existenzgründer unterstützt.

Yagmur Topuz kommt aus einer Unternehmerfamilie. Deshalb war es für die 30-jährige Wirtschaftsjuristin fast schon selbstverständlich, sich ebenfalls selbstständig zu machen. Noch während ihres Jurastudiums 2010 gründete sie die Lazzoni GmbH – ein Designmöbelladen, der seine Ware ausschließlich aus Ankara be-

zieht. Allerdings dauerte es fast zweieinhalb Jahre, bis ihr Konzept stand. „Den geeigneten Standort zu finden, war die größte Herausforderung“, sagt die Unternehmerin. Als in Friedrichshafen in der Nähe des Bodensee-Centers neu gebaut wurde, bekam sie den Zuschlag für mehr als 1000 Quadratmeter Ladenfläche auf zwei Etagen. 2013 eröffnete sie die erste Lazzoni-Filiale in Deutschland. „Der Standort ist top“, sagt Yagmur Topuz. Finanziert hat die Jungunternehmerin die Anlaufkosten und die erste Ware aus Eigenmitteln sowie mit Unterstützung ihrer Hausbank, der Südwestbank Friedrichshafen. „Meine Firmenkundenbetreuerin hat mich auf den L-Bank-För-

derkredit ,Startfinanzierung 80‘ aufmerksam gemacht, bei dem automatisch eine 80-prozentige Bürgschaft der Bürgschaftsbank dabei ist.“ Guy Selbherr, Vor-

Jungunternehmerin Topuz

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stand der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg, sagt: „Die Bürgschaften der Bürgschaftsbank sind vor allem für Gründer und junge Unternehmer wichtig, weil sie zwar meist eine tolle Gründungsidee haben, aber zu wenige Sicherheiten, um einen Kredit zu bekommen.“ Sein Haus hat 2014 insgesamt 2242 Finanzierungen von Unternehmen in Baden-Württemberg begleitet. Über 60 Prozent davon waren Neugründer und Unternehmensnachfolger. Beim Programm „Startfinanzierung 80“ übernimmt die Bürgschaftsbank 80 Prozent des Risikos der Hausbank. Für größere Gründungsvorhaben gibt es den L-Bank Förderkredit „Gründungsfinanzierung 50“, bei dem die Bürgschaftsbank stan-

dardisiert 50 Prozent des Risikos übernimmt. Fehlt es nicht nur an Sicherheiten, sondern auch an Eigenkapital, dann lässt sich in die Finanzierung auch eine Kleinstbeteiligung aus dem Mikromezzaninfonds einbinden. „Die Gründer oder Jungunternehmer bekommen mit Mikromezzanin bis zu 50 000 Euro, die sie erst nach sieben Jahren zurückzahlen müssen“, erklärt Selbherr. Yagmur Topuz kann inzwischen auf einen erfolgreichen Geschäftsbetrieb zurückblicken. „Bisher konnten wir unseren Umsatz meist verdoppeln, manchmal sogar verdreifachen“, sagt sie stolz. Doch nicht nur die Geschäfte laufen gut. Die Unternehmerin hat, Stand heute, auch schon sechs Arbeitsplätze geschaffen.


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Eine Nachfolgelösung innerhalb der Familie ist nicht immer einfach. Klare Absprachen und Zuständigkeiten helfen – und der Wille, es gemeinsam zu schaffen.

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Klare Strategie gefragt Ein neutraler externer Manager könne seine Vorzüge gegenüber einem Unternehmensnachfolger aus der Familie haben, sagt Matthias Ulmer, Geschäftsführer des gleichnamigen Fachverlags in Stuttgart: „Ein externer Bewerber ist fachlich meist besser qualifiziert. Damit die besonderen Stärken eines Familiennachfolgers wirksam werden, muss schon früh eine Menge richtig gemacht werden. Sonst ist es die schlechtere Lösung.“ Vor allem, wenn die Kommunikation innerhalb der Familie gestört ist, sei es besser, jemanden von außen ins Unternehmen zu holen, ist Ulmer überzeugt. Der 50-Jährige ist selber im Verlag groß geworden und in der fünften Generation auf seinen Vater gefolgt. Allerdings habe er sich erst während des Studiums dafür entschieden, „den Weg ins Verlagsgeschäft anzunehmen“. Aus der langen Tradition des Generationenwechsels heraus hat seine Familie ein paar wichtige Erfahrungen gemacht. Etwa dass potenzielle Nachfolger psychologisch auf ihre Aufgabe vorbereitet sein müssen. Dabei ist es ganz wichtig, dass innerhalb der Familie keine Konflikte herrschen, dann können Defizite im Chefbüro daheim ausgeglichen werden. „Mein Vater und ich haben bei der Arbeit auch gestritten, aber uns spätestens beim Abendessen wieder versöhnt.“ Ulmer nennt es das Ödipus-Prinzip, wenn eine Übergabe funktionieren soll. „Der

Wenn Firmenchefs kleiner und mittlerer Unternehmen in den Ruhestand gehen wollen, gehört die Suche nach dem passenden Nachfolger zu den wichtigsten und schwierigsten Aufgaben. Der Großteil von ihnen hält an dem althergebrachten Modell der Familiennachfolge fest und legt die Geschäfte in die Hände seiner Kinder. Sohn muss akzeptieren, dass er vom Vater ein bisschen kastriert wird. Und der Vater muss es hinnehmen, dass er vom Sohn ein bisschen getötet wird.“

KLEINE VERLETZUNGEN SIND UNVERMEIDLICH Auf die heutige Zeit übertragen heißt das: Man muss zugestehen, dass auf beiden Seiten Verletzungen stattfinden. Wenn der Junior die Leistungen des Seniors honoriert und auf dessen Erfahrungen hört, dann kann der Senior sein Gesicht wahren. Dieser dagegen sollte sich nicht gegen alle Ziele sträuben, die der Junge neu einführen will. Vorausgesetzt, dieser beabsichtigt nicht, das Lebenswerk des Vaters zu zerstören. Auf lange Sicht gewinnt sowieso immer der Sohn. „Ein gemeinsam von beiden Seiten aufgesetztes Strategiepapier hält allerdings die Verletzungen klein und schafft eine gemeinsame Basis des Zusammenarbeitens“, betont der Verleger. Ulmers Fazit lautet: Einen Eigentümer kann man nie ganz entmachten. Für den

alten Chef ist eine Rolle als Gesellschafter oft ganz wichtig. So kann er weiter geregelt Einfluss nehmen und sein Wissen und seine Erfahrung einbringen. Aber für die strategischen Entscheidungen und Umsetzungen ist allein der Geschäftsführer, sprich der Nachfolger, zuständig. Wenn das funktioniert, fällt auch der Wechsel leicht. Auch für die Mitarbeiter ist eine reibungslose Übergabe wichtig, nach der der Senior immer noch im Unternehmen zu sehen ist. Prägt sein Gesicht doch oft auch die Firmenkultur. Die Anwesenheit des Firmengründers ist nicht nur für die Mitarbeiter bedeutend, auch viele Kunden, gerade die „älteren Schlags“, verlangen immer noch nach dem „alten“ Chef, ist die Erfahrung von Michael Helle. Bei dem Werkzeugmaschinenanbieter in Rechberghausen geht Gründer Rolf Helle nach wie vor ein und aus. Dennoch sind die Rollen klar verteilt. Der Junge gibt den Ton an, der Alte steuert seine Erfahrung bei. Rolf Helle war froh über den Nachfolger. Er, der seine Firma als Einzelkämpfer gegründet und betrieben hat, hat jetzt einen Partner an der Seite, mit dem er

sich sachlich austauschen kann. „Mein Vater darf gerne bleiben, das hält ihn geistig fit“, bestätigt der Sohn die gute Zusammenarbeit. Bei Familie Helle erfolgte die Überschreibung von einem Tag auf den anderen. „Der Senior hat dies zudem noch deutlich positioniert, indem er aus seinem Büro ausgeschieden und ins zweite Glied getreten ist.“

AUCH AUF DEN PARTNER KOMMT ES AN Michael Helle versteht es aber auch durchaus, dass es vielen Firmeneignern schwerfällt, eine Herzenssache einfach loszulassen. „Daher gehen zahlreiche Unternehmer die Regelung der eigenen Nachfolge nur halbherzig an oder schieben sie zu lange auf. Viele Inhaber arbeiten, bis sie krankheitsbedingt aufgeben müssen oder gar bis zum Tod – ohne Nachfolgeregelungen getroffen zu haben.“ Mit verheerenden Folgen. Nicht zu unterschätzen für einen erfolgreichen Generationenwechsel sei auch die Frau an der Seite eines Unter-

nehmers. „Meine Mutter machte die Buchhaltung im Betrieb“, erzählt Michael Helle. Diese Aufgabe habe jetzt seine Frau, eine Diplom-Betriebswirtin, übernommen. Er selbst ist von klein auf ins Metier hineingewachsen. „Mit sanftem Druck vom Vater, der nach dem Maschinenbaustudium zum Wirtschaftsingenieur geraten hat.“ Doch nach dem Studium war zunächst der Blick über den Tellerrand angesagt. Ein international agierender Zulieferer suchte einen technischen Leiter. Sechs Jahre blieb Michael Helle dort, bis der Stabwechsel im eigenen Haus anstand. Das läutete zeitgleich einen Strukturwandel ein. Aus der reinen Geschäftsvertretung wurde ein Maschinenhersteller. Arbeiteten bei Rolf Helle drei Leute, beschäftigt der Sohn nun 30. Doch bei allem Familiensinn, zu viel davon kann auch gefährlich werden. Würde noch Michael Helles Schwester in der Leitung mitmischen, ginge das nicht gut, ist der Bruder überzeugt. „Oft werden durch die Partner der Geschwister Nebenkriegsschauplätze eröffnet, die der Firma schaden.“ Daher ist er seiner Schwester dankbar, dass sie ihm ihre Anteile beim Wechsel geschenkt hat. Um bei seinen beiden Kindern schon über die Nachfolge nachzudenken, sind sie noch zu klein. „Aber natürlich würde ich mich darüber freuen, wenn sie sich mal für Technik oder Buchhaltung interessieren“, so der 42-Jährige. Corina Wießler

STO LPERSTEI N E BEI D ER N ACH FO LGEREGELUN G Verträge sollten auch das momentan Undenkbare berücksichtigen Über eine Antwort auf die Frage nach den häufigsten Fehlern bei der Nachfolgeregelung von Familienunternehmen muss Thomas Jorde nicht lange nachdenken. Häufig würden im Vertrauen auf die Grundannahme, dass sich die Gesellschafter nie streiten, Verträge und Strukturen herbeigeführt, die im Ernstfall nicht hielten. „Dies kann für das Unternehmen und die Beteiligten fatale Folgen haben“, sagt der erfahrene Partner und Fachanwalt für Steuerrecht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein Grant Thornton mit Hauptsitz in Düsseldorf, die gemeinsame Geschäftskontakte auch mit der Südwestbank pflegt. Warth & Klein Grant Thornton ist eine der größten partnerschaftlich geführten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die mit 700 Mitarbeitern an elf Standorten in Deutschland vertreten ist. In der Stuttgarter Niederlassung sind 60 Mitarbeiter beschäftigt. Leider lehre die Praxis immer wieder, dass Verträge, die den Streitfall nicht vorweggedacht haben, vielfach geradezu zur juristischen Schlacht einladen, weiß Jorde. Als Beispiel nennt er die gängige Abfindungsregel, wonach der Ausscheidende den „wahren Wert“ er-

hält oder dies ein Gutachter entscheiden soll. Um derartige Tretminen zu vermeiden, gilt es laut Jorde zunächst ein klares Lenkungskonzept für das Unternehmen zu etablieren, das einen Family Codex beinhaltet, der die Werte der Firma umreißt und klärt, wie die operative Unternehmensführung gestaltet werden soll. „Dies muss in der Unternehmensfamilie kommuniziert und gelebt werden“, sagt Jorde, der auch Vorsitzender im Arbeitskreis Unternehmensnachfolge beim Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) ist. Und schließlich müsse den Kindern in der Familie klargemacht werden, warum eines das Unternehmen erhält und das andere den aus dessen Sicht weniger werthaltigen Grundbesitz. Dann könnten auch Fälle vermieden werden, in denen Unternehmerkinder sich benachteiligt fühlen und etwa ihren Pflichtteil geltend machen. Wenn dann die Abfindungsregeln nicht passen, ist der Streit über die zu treffende Zahlung oft die Konsequenz. Bedenke man, dass diese Prozesse leicht fünf Jahre dauern könnten, komme schnell eine Zahllast von zwei Millionen Euro zusammen, warnt der Experte.

Oft kann auch das Steuerrecht bei der Nachfolgeregelung zum Bumerang werden – etwa dann, wenn ein Unternehmer seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt, um Steuern zu sparen. Zu prüfen wäre dann, ob ein Pflichtteilsverzicht seiner Kinder dort auch wirksam ist. Auch bei „kosmopoliten Familien“ und internationalem Besitz komme es immer wieder zu Fehlern, die irreparabel sein können, berichtet Jorde. Wenn etwa ein deutscher Unternehmer eine US-Amerikanerin heiratet und mit ihr

Beratung ist wichtig.

Foto: Joern Wolter

eine Scheidungsfolgevereinbarung nach deutschem Recht trifft und sich nach einiger Zeit in den USA wieder scheiden lässt, kann Folgendes passieren: „Seine Frau klagt den Zugewinn nach US-Recht ein und vollstreckt in das deutsche Familienunternehmen.“ Als weiteren Dauerbrenner für Streits in Familienunternehmen nennt Jorde die Berufung ungeeigneter Familienmitglieder in die Geschäftsführung. „Dies ist einer der häufigsten Gründe für das spätere Scheitern der Firma“, weiß er. Daher könnten Klauseln im Gesellschaftsvertrag, die ausschließlich Familienmitglieder zur Geschäftsführung zulassen, nachteilig sein. „Die Frage zu thematisieren, ob der Junior zur Firmenleitung taugt, erfordert sehr viel Empathie und Loyalität gegenüber der Familie“, erläutert Jorde und rät zur Gründung eines Beirats, der die Geschäftsführung bestimmt oder bei der Bestimmung mitwirken kann. Ein steter Zankapfel bei mehrgliedrigen Publikumsgesellschaften ist das Thema Gewinnverwendung – also die Frage, ob Gewinne ausgeschüttet oder im Unternehmen belassen werden. Hier kann es laut Jorde sinnvoll sein, im Ge-

sellschaftervertrag einen bestimmten Mindestsockelbetrag für die Rücklagenzuführung festzuschreiben. „Kommt es zum Ausscheiden eines Gesellschafters, muss unbedingt vermieden werden, dass dadurch das Unternehmen in eine existenzbedrohende Situation gerät“, warnt der Experte. In den Gesellschaftsvertrag sollte daher eine Klausel aufgenommen werden, wonach Abfindungen zu reduzierten Werten erfolgen und gestreckt in Raten gezahlt werden können. Ansonsten sollte die Planung der Unternehmensnachfolge unbedingt rechtzeitig angegangen werden, wie Jorde sagt. Das heißt, das Unternehmen arbeitet eine Reihe von Schritten ab. Es beginnt mit der Aufnahme des Status quo in Sachen Vermögen, Nationalität und Güterstandsregelung. Es folgen die Erarbeitung eines Lenkungskonzepts und dessen Kommunikation in der Familie sowie die Anpassung der Gesellschaftsstrukturen. Schließlich müssen Gesellschaftsverträge angepasst, Abfindungsregeln klar formuliert und Schenkungsverträge sowie Nachlassreglungen nachgebessert werden. Und am Ende steht die Erarbeitung eines Steuerkonzepts. spe


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SCHWERPUNKT: MITTELSTANDSFINANZIERUNG

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Am Puls des Gewerbetreibenden Andreas Maurer, der für die Geschäftsfelder Privat-, Vermögens- und Gewerbekunden zuständige Vorstand der Südwestbank, macht klar, dass Unternehmen häufig nicht aufgrund ihrer Eigenkapitalausstattung in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, sondern aufgrund fehlender Liquidität. Um diese zu sichern, sollten Anschaffungen wie Pkws, Maschinen oder sonstige Betriebsmittel sowie die Geschäftsausstattung nicht über das laufende Konto finanziert werden, rät daher der erfahrene Banker. „Damit ist der erste wichtige Puffer geschaffen.“ Auch die Rechnungstellung und die Überwachung des Zahlungseingangs würden besonders bei Gewerbetreibenden im kleineren Segment oft vernachlässigt. Dadurch lasse sich aber schon ein nicht unerheblicher zweiter Puffer erzielen. Grundsätzlich benötigen größere und langfristige Vorhaben einen langen Finanzierungshorizont, weiß Maurer. Kurzfristig zu tätigende Investitionen dagegen sollten kurzfristig finanziert sein. „Eine fristenkongruente Finanzierung und mittelfristige Finanzierungen des Bodensatzes sind wichtig, um die eben angesprochene Kontokorrentlinie für ,echte‘ Betriebsmittel zur Verfügung zu halten“, sagt er. Hier greife die Beratungsqualität einer Bank. All diese Möglichkeiten – auch Leasing und die Einbindung von Fördermitteln – müssten gemeinsam durchgesprochen werden. Die Lage vieler Gewerbetreibender erachtet der Südwestbank-Vorstand derzeit als gut, sie hätten ausreichend Geldmittel und gut gefüllte Auftragsbücher. Doch den Gewerbetreibenden beschäftigen vor dem Gespräch mit der Bank viele Fragen: „Wo sehe ich Bedarf, wo möchte ich wachsen und wo ist es notwendig zu investieren, um am Markt bestehen zu können?“ In diesem Zuge könnten Grundstücke und Gebäude in Betracht kommen. Doch der aktuelle Anlagenotstand und das niedrige Zinsumfeld haben laut Maurer für einen deutlichen Anstieg bei den Immobilienpreisen gesorgt. Unternehmen, die wachsen wollen, stießen vor Ort auf ein begrenztes Angebot an Gewerbeflächen mit sehr hohen Preisen. „Die Entscheidung muss im Spannungsfeld zwischen Wachstumswunsch und überhöhten Preisen getroffen werden“, sagt er. Die Umsatz- und Ertragsplanung des Betriebs sei daher sehr

Drei Fragestellungen beschäftigen Gewerbetreibende am meisten: Wie erhalte und sichere ich Liquidität und damit Flexibilität? Wie und wo kann und sollte ich derzeit am besten investieren – in welchen Bereichen möchte ich wachsen? Und schließlich ein auch politisch hochaktuelles Themenfeld: Wie gewinne ich qualifizierte Mitarbeiter – wie binde ich sie und wie bleibe ich ein attraktiver Arbeitgeber?

Andreas Maurer kennt als Vorstand der Südwestbank die Herausforderungen der Gewerbetreibenden.

wichtig, um die Tragfähigkeit und die Rentabilität einer Investition beurteilen zu können. Auf die Frage, ob die Betreuung von Gewerbekunden nicht eher ein unliebsames Nebengeschäft der Banken sei, sagt Maurer, der Gewerbetreibende sehe sich zurzeit in der Tat in einem Umfeld, in dem Banken ungern Kredite an „die Kleinen“ vergeben würden. „Viele Banken sind stark auf den gehobenen Mittelstand fokussiert und ziehen sich aus dem Gewerbekundensegment zurück“, so seine Beobachtung. Bei der Südwestbank habe man in diesem Geschäftsfeld aber nicht nur personell kräftig aufgestockt,

sondern auch bei der Beratungsqualität der Kundenbetreuer sowie in schnelle und einfache Prozesse investiert. „Wir wissen, dass für den Geschäftsführer eines kleinen Handwerksbetriebs eine Investition in der Dimension eines Einfamilienhauses nicht unerheblich ist und er damit viel Verantwortung trägt“, so Maurer. Vor Ort in den Filialen könnten die Kundenbetreuer bei der Beratung von Gewerbetreibenden und Selbstständigen schnelle und einfache Kreditentscheidungen treffen. „So können Kreditzusagen bis 50 000 Euro innerhalb von 24 Stunden, bis 250 000 Euro innerhalb von drei Tagen getroffen werden.

Foto: Wilhelm Mierendorf

Von der so ermöglichten Flexibilität profitieren die Kunden unmittelbar“, erläutert der Experte, der nicht alle Gewerbetreibenden über einen Kamm scheren will. Zu branchenabhängig sei deren Wettbewerbssituation. Man könne aber sagen, dass Handwerksbetriebe derzeit grundsätzlich gut ausgelastet seien und sie nahezu jeden Preis verlangen könnten. Dagegen sind laut Maurer andere Branchen einem hohem Wettbewerbsdruck ausgesetzt und müssen sich preislich anpassen oder sind gar abhängig von großen Kunden. Um zu verhindern, dass die Kunden angesichts der niedrigen Zinsen leichter

und vielleicht auch leichtsinnig Kredite aufnehmen, sieht der Vorstand die Bank als beratende Instanz in der Pflicht. „Sie ist mit dafür verantwortlich, dass sich ein Kunde nicht übernimmt – und zwar unabhängig von der Zinssituation“, sagt Maurer. Gerade im gewerblichen Bereich schauten die Banken besonders auf die Bonität und die Kapitaldienstfähigkeit eines Kunden. „Wir würden nie zu einem Kredit raten, der nicht erfüllt werden kann“, versichert er. Das sei auch der große Unterschied zu reinen Online-Banken, wo ein Kreditantrag anhand eines ausgefüllten Formulars entschieden werde, und nie Menschen miteinander gesprochen hätten. Dabei räumt Maurer mit der Vorstellung auf, dass es „den klassischen Kredit“ gebe: „Wir stellen unseren Kunden bedarfsorientierte Produkte zur Verfügung. Die Kunden bekommen die Kredite, die sie benötigen.“ Zu den drei gängigsten gehören – je nach Vorhaben oder Anlass – Betriebsmittelkredite, Investitionsdarlehen sowie Rahmen für Avale, um leichter Aufträge zu erhalten. „Uns geht es nicht um das Produkt an sich, sondern darum, im gemeinsamen Gespräch ganzheitliche Lösungen zu finden“, sagt Andreas Maurer. Am Ende kommt er noch auf die Bedeutung der Qualifikation der Mitarbeiter, der Mitarbeiterbindung und der Mitarbeitergewinnung für Gewerbetreibende zu sprechen. Zum einen führe der demografische Wandel tatsächlich in manchen Bereichen zu einem Mangel an Fachkräften, beobachtet er. Zum anderen rücke die Attraktivität der Arbeit, des Umfelds und des Arbeitgebers zunehmend in den Fokus der Arbeitnehmer. Neben dem Gehalt seien Zusatzangebote und Fortbildungsmöglichkeiten wichtige Gründe bei der Entscheidung für einen Job. „Gewerbetreibende sehen sich hohen Anforderungen hinsichtlich der Flexibilität ausgesetzt“, sagt Maurer, der weiß, dass Modelle wie Teilzeit, Job-Sharing oder Sabbaticals insbesondere für kleinere Betriebe nur schwer zu ermöglichen sind. Auch das Thema Gesundheitsmanagement gewinnt zunehmend an Bedeutung, kann es doch beispielsweise in einem Handwerksbetrieb mit zehn Mitarbeitern nur mit entsprechendem Aufwand umgesetzt werden, so sein Resümee. Thomas Spengler

Internetplattform Fintura: Investitionskredite per Mausklick Im Juni dieses Jahres geht ein neues Vergleichsportal für Investitionskredite bundesweit an den Start.

Derzeit würde es vier bis sechs Wochen dauern, bevor Kleinunternehmen, Freiberufler und Selbstständige die Zusage für einen Kredit erhalten würden, beschreibt Gernot Overbeck, CEO der im April 2014 von ihm und Thomas Becher gegründeten Plattform Fintura, eine aus seiner Sicht unbefriedigende Situation. „Dies dauert viel zu lange.“ Hinzu komme, dass die Konditionen – je nach Bonität des Kreditnehmers – mit Zinsen von sechs bis neun Prozent zu teuer seien. „Der Aufwand für ein Unternehmen, einen Kreditvorschlag von einer Bank zu erhalten, ist sehr groß, ein Vergleich der Konditionen zwischen unterschiedlichen Banken deshalb sehr schwer“, meint Overbeck, der diesen Zustand mit Fintura verbessern will. So soll der Nutzer des Portals innerhalb von 15 Minuten eine Angebotsübersicht der Partnerbanken mit den Konditionen erhalten, die angepasst sind auf die Bonität seines Unternehmens. Es werden konkrete Zinssätze

angeboten, keine Zinsspannen, die einen richtigen Vergleich unmöglich machen. Nachdem der Kunde eine Bank aus dem Angebot gewählt hat, muss der Kunde einen klar definierten Satz von Dokumenten hochladen – unter anderem die Jahresabschlüsse der vergangenen zwei Jahre und die betriebswirtschaftliche Auswertung. Damit kann überprüft werden, ob der Kunde ausreichend Geld verdient, um die Zinsen und die Tilgung des Kredits zu bedienen. Dann, so der Anspruch von Fintura, wird dem Kunden im Durchschnitt innerhalb von 72 Stunden die Kreditzusage durch

die gewählte Bank erteilt. Um dieses Ziel zu realisieren, arbeitet Fintura mit den Partnerbanken daran, die Abläufe zu verbessern und zu beschleunigen. Dass das Portal den Wettbewerb am Kreditmarkt eher noch verschärfen wird, gibt man bei Fintura unumwunden zu. „Für Institute aber, die gut sind, ist das eine Riesenchance – unter anderem, weil wir eine neue Vertriebsplattform schaffen“, sagt Overbeck. Auf diese Weise können die Banken neues Geschäft etwa außerhalb ihres bisherigen Marktgebiets oder in neuen Branchen generieren. Ebenso ist es denkbar, dass sich die be-

Schnell und übersichtlich: Finanzierung für Mittelständler über das Internet. Foto: Zoonar.com/Erwin Wodicka

teiligten Banken nur bestimmte Bonitäten aussuchen, die sie bedienen wollen. „Die Institute können genau definieren, wo sie Neugeschäft haben wollen“, sagt Overbeck. Als weiteren Vorteil nennt er, dass Banken mit der Plattform ihre Prozesskosten reduzieren können: „Unsere Partner erhalten von uns die Unterlagen vollständig und vorgeprüft aufbereitet, so dass sie eine schnelle Kreditentscheidung treffen können. Dadurch, dass wir wissen, welche Banken welche Arten von Darlehen im Fokus haben, erhalten die Partnerinstitute nur die Kreditanträge, die sie mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit auch abschließen wollen.“ So reduziere man auch den Anteil der „Leerberatung“, die im Kreditgeschäft die Kosten der Banken erhöht. Als weiterer Vorteil komme hinzu, dass die Banken mit Hilfe von Fintura ihre Risikodiversifikation verfeinern können. „Das sind alles Möglichkeiten, die die Banken bisher nicht hatten“, meint Overbeck. Darüber hinaus soll unterm Strich noch genügend Spielraum bleiben, um auch die Konditionen für die mittelständischen Kreditnehmer zu verbessern, indem die Banken einen Teil des geschaffenen Vorteils weitergeben. „Damit haben alle Beteiligten von unserem

Modell einen Nutzen“, sagt Overbeck, der davon überzeugt ist, dass das Geschäftsmodell in der Kreditwirtschaft angenommen wird. Bisher hätten mehr als 80 Prozent der Angefragten positiv auf den Ansatz reagiert, die Entscheidungen dauerten bei den verschiedenen Banken allerdings unterschiedlich lange. Indessen betont Overbeck den volkswirtschaftlichen Nutzen, den ein solches Modell haben kann. Bei einem ausstehenden Kreditvolumen im kleinen Mittelstand von rund 350 Milliarden Euro würde eine Zinssenkung um ein Prozent 3,5 Milliarden Euro ausmachen, die die Unternehmen jährlich würden einsparen können. spe

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V. i. S. d. P.

Jochen Sautter, Südwestbank AG, Adresse s. o.

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Wirtschaft in Baden-Württemberg  

2015, Ausgabe 3

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