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Wirtschaft t tschaft t in Baden-Württemberg

Ausgabe 2 | 2015

Ein Gemeinschaftsprodukt der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

Preis 3,20 Euro | 87639

Handwerk Herausforderungen zuhauf – wie die Branche sie angeht. SEITEN 1 – 8

Pro & Kontra Was spricht für Heimarbeit – und was dagegen? SEITE 19

Druck im Kessel

Illustration: Malte Knaack, Ole Schleef

Große Wirtschaftskanzleien prägen Stuttgart. SEITE 25

Handwerk – der verkannte Riese Die Branche beschäftigt allein im Südwesten fast so viele Menschen wie die gesamte deutsche Autoindustrie. Doch viele Nachwuchskräfte machen einen Bogen um die Betriebe – das ist ein Risiko für deren Entwicklung. Von Klaus Köster

Baden­Württemberg

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m Anfang waren Himmel und Erde. Den ganzen Rest haben wir gemacht“ – so lautet einer der Slogans einer Image­Kam­ pagne, mit denen das Hand­ werk auf sich aufmerksam machen will. Die „Wirtschaftsmacht von nebenan“ demons­ triert Selbstbewusstsein und zeigt, wo in der Wirtschaft sie überall präsent ist. Doch wenn die überragende Bedeutung des Hand­ werks überall bekannt ist – warum macht es dann mit solch einem Aufwand auf sich auf­ merksam? Spricht aus diesem Bemühen nicht die Sorge, eben gerade in seiner Be­ deutung verkannt zu werden? In dieser Aus­ gabe widmen wir uns diesem Wirtschafts­ zweig – seinen Perspektiven, seinen Tätig­ keitsfeldern und den Herausforderungen. Ein kleiner Selbsttest reicht aus für eine Einschätzung, ob es sich beim Handwerk um einen verkannten Riesen handelt. Man muss sich nur die Frage stellen, wer mehr Beschäftigte hat – das deutsche Handwerk oder die deutsche Autoindustrie einschließ­ lich Zulieferer. Wer hätte erwartet, dass das Handwerk mit 5,3 Millionen Beschäftigten siebenmal so viele Stellen bietet wie die Autoindustrie? Allein im Südwesten hat dieser Wirtschaftssektor bereits annähernd so viele Mitarbeiter wie die gesamte deut­ sche Autoindustrie. Während aber die Auto­

branche von großen Namen geprägt ist, ver­ teilt sich das Handwerk auf Hunderttausen­ de Unternehmen. Doch wenn Größe unsichtbar ist, lässt sich das kaum in die Waagschale werfen. Wie leichtfüßig die Politik einen Wirt­ schaftsriesen wie das Handwerk übergehen kann, zeigte sich vor wenigen Wochen, als sie die lange geplante Förderung der energeti­ schen Gebäudesanierung be­ schließen wollte. Dass sich etwa mit der Dämmung von Gebäuden viel Energie einsparen lässt, bestreitet niemand ernst­ haft. Doch weil das Ganze die Länder nichts kosten sollte, kam man auf die Idee, zur Finanzierung die steuerliche Förderung von Handwer­ kerleistungen zu kürzen, die man aber ih­ rerseits eingeführt hatte, um die Schwarz­ arbeit zu bekämpfen, die wiederum auf­ grund des Mindestlohns eher steigen wird. Nun gibt es keine Förderung, und selbst wenn sie gekommen wäre, hätte das Hand­ werk sie selbst finanziert. Da bringt die Autoindustrie für die Forschungsförde­ rung zur Elektromobilität ein ganz anderes Gewicht auf die Waage. Andererseits kommt das Handwerk der­ zeit auch ganz gut ohne zusätzlichen Rü­

ckenwind aus. „Dem Handwerk geht es gut“, sagt Oskar Vogel, Hauptgeschäftsführer des Baden­Württembergischen Handwerk­ stages, im Interview mit „Wirtschaft in Ba­ den­Württemberg“. Im vergangenen Jahr ist der Wirtschaftszweig um 2,2 Prozent ge­ wachsen und damit schneller als der Rest der Südwest­Wirtschaft. Die Niedrigzinspolitik erweist sich da­ bei als Beschäftigungsprogramm erster Güte. Der Trend zu Beton­ gold beflügle „sowohl den Neubau als auch die Renovierungstätigkeit, etwa energetische Sanierun­ gen“, sagt Vogel. „Außerdem profitieren wir vom anhaltend hohen Konsum der Deutschen. Bäcker, Metzger oder Caterer bekom­ men das gerade positiv zu spüren.“ Zunehmend wichtig wird für das Hand­ werk die Frage, ob es seine Entwicklung personell überhaupt bewältigen kann. Die Anforderungen werden immer höher – so gehören komplizierte energietechnische Berechnungen heute vielfach zum Hand­ werkszeug. Doch viele qualifizierte junge Menschen meiden die Branche und ziehen ein Studium vor – vielleicht auch eine Fol­ ge der zu geringen Popularität des Arbeit­ gebers Handwerk. Inzwischen ist es be­ reits im dritten Jahr in Folge unter der

Schwelle von 20 000 neuen Ausbildungs­ plätzen geblieben. Doch immerhin – dieses Mal hört die Politik hin. „Die Gymnasien brauchen einen Kulturwandel“, sagte Landeswirt­ schaftsminister Nils Schmid bereits vor zwei Jahren und leitete damit einen Priori­ tätenwechsel in der Landespolitik ein. In Kürze ist es so weit – im Südwesten soll es ab Klasse 5 ein eigenes Schulfach „Wirtschaft und Berufsorientierung“ ge­ ben. „Wir wollen nicht, dass der Besuch des Gymnasiums automatisch an die Uni führt und eine Berufsausbildung gar nicht erst erwogen wird“, sagte Schmid. Das Hand­ werk will sich diese Chance nicht entgehen lassen. „Es gibt so viele spannende Berufs­ felder, in denen – nebenbei bemerkt – auch gutes Geld verdient werden kann“, wirbt Vogel schon jetzt um den Nachwuchs.

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2 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Inhalt Interview

Mindestlohn­Konkurrenz Der Chef des Südwest­Handwerks, Oskar Vogel, über die Nebenwirkungen politischer Eingriffe. SEITE 3

Branche im Überblick

Wie sich das Handwerk behauptet Schwarzarbeit, Online­Konkurrenz und Billigketten – das Handwerk sucht Antworten. Einige gibt es schon. SEITEN 4 / 5

Erneuerbare Energien

Wachstum auf grünem Boden Die oft als piefig gebrandmarkte Branche entwickelt sich beim Energiesparen zum Innovationstreiber. SEITE 8

Kritik an Mitarbeitern

Der Ton macht die Musik Nicht immer läuft alles glatt zwischen Chef und Mitarbeiter. Beim Problemgespräch zählt Fingerspitzengefühl. SEITE 9

Arbeitsrecht

Wenn eine Abteilung dichtmacht Umstrukturierungen sind eine heikle Angelegenheit – auch in rechtlicher Hinsicht. SEITE 10

Berufsporträt Unternehmensberater

Die Unbequemen Wer schnell mit sich selbst zufrieden ist, sollte besser einen anderen Beruf suchen. SEITEN 12 / 13

Joachim Möhrle

Sybill Storz

Der Netzwerker

Die Matriarchin

Innungen, Kreishandwerkerschaften, Handwerkskammern – es gibt wohl we­ nige Menschen, die das Handwerk im Land in all seinen Ausprägungen so von der Pike auf kennen wie Joachim Möhrle. Seit fast einem Jahrzehnt ist der ge­ bürtige Freudenstädter als Landeshandwerkspräsident so etwas wie der obers­ te politische Repräsentant der viel zitierten „Wirtschaftsmacht von nebenan“ in Baden­Württemberg. Seit über 40 Jahren ist er im Handwerk aktiv. Erst auf Innungsebene in seiner Heimatstadt, später auf Kreis­ und Landesebene. Seit 2004 vertritt der 67­Jährige die Belange des Südwestens auch im Präsidium des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Dabei gilt Möhrle, der in Freudenstadt ein Autohaus führt und dem nachgesagt wird, ungern andere ans Steuer seines Wagens zu lassen, als Pragmatiker, der sich wenig um Parteifar­ ben schert. Mal legte er sich mit konservativen Handwerkerkreisen an, weil er sich offensiv für das grün­rote Modell der Gemeinschaftsschule aussprach („Das dreigliedrige Schulsystem hat keine Antworten mehr parat“), mal redet er der Energiewende das Wort, in der er eine „große Chance“ fürs Handwerk er­ kennt. Seine ihm oft bescheinigte Durchsetzungskraft stellte er zuletzt in Brüs­ sel unter Beweis, wo er für den Erhalt des Meisterbriefs eintrat. Seine Amtszeit als Landeshandwerkspräsident endet im kommenden Juli. wro

Ihre Mitarbeiter begegneten ihr mit einer Mischung aus „Bewunderung und Habachtstellung“, heißt es über Sybill Storz. Tatsächlich ist die Chefin des gleichnamigen Medizintechnikherstellers aus Tuttlingen eine Instanz – so­ wohl im Unternehmen als auch in der Branche. Seit fast zwei Jahrzehnten führt die „Matriarchin“ den für Endoskope und Operationssysteme bekannten Fa­ milienbetrieb, der mit einem Umsatz von knapp 1,3 Milliarden Euro wohl tref­ fender als Welt­Konzern zu beschreiben ist. Dass „präzises Handwerk“ wie Feinoptiken und mechanische Bauteile die Grundlage des Erfolgs sind, darauf legt man bei Karl Storz Wert. Fast 50 Prozent der Storz­Azubis werden in Handwerksberufen ausgebildet. Die Grundlagen legte Firmengründer Karl Storz 1945. Im Jahr 1996 – nach dem Tod des Vaters – übernahm Tochter Sybill die Geschäfte. Sie internationalisierte die Firma endgültig. Heute hat Storz Niederlassungen in mehr als 40 Ländern und beschäftigt über 6700 Mitarbei­ ter. Rund 2000 davon am Tuttlinger Stammsitz. Angriffslustig zeigt sich die ge­ lernte Fremdsprachenkorrespondentin, die den französischen Verdienstorden „Ritter der Ehrenlegion“ trägt, gegen Plagiateure. „Ich lasse mich ungern be­ stehlen“, sagt sie. Ihr Unternehmen will sie auch im hohen Alter weiterführen, irgendwann das Zepter aber an ihren Sohn Karl­Christian abgeben. wro

Fachkräftesuche

Von der Uni aufs Land Was sich Familienunternehmer wie Harald Marquardt einfallen lassen, um gute Leute zu gewinnen. SEITE 14

Homeoffice

Die Wohnung als Büro

Macher der Branche Die Vielfalt macht’s: Egal ob Turmuhren, Lebensmittel oder Medizintechnik – hinter den Erfolgen des baden­württembergischen Handwerks stehen viele innovative Betriebe und ihre Chefs. Wir stellen einige vor. Porträts

Die Arbeit von zu Hause gibt Beschäftig­ ten mehr Flexibilität, bringt aber auch neue Probleme mit sich. SEITE 17

Biotechnologie­Gründer Fotos: Leif Piechowski (2), Perrot, privat, Storz

Viele Ideen – und wenig Kapital Vom flüssigen Holz bis zur Malaria­Impfung: Gründer von Biotech­Unternehmen sind vielseitig. SEITEN 20 / 21

Wirtschaftspolitik

Der tägliche Kampf mit der Bürokratie Komplizierte gesetzliche Regelungen und neue Dokumen­ tationspflichten nerven viele Unternehmen. SEITE 22 Gerd Frischmuth

Stefan Bless

Der Uhrenbauer Perrot

„Die EU möchte noch mehr Daten“

Der Umtriebige

Der Kreative

Die Zeitmacher

Statistik­Chefin Carmina Brenner sieht kaum Chancen, Firmen bei den Meldepflichten weiter zu entlasten. SEITE 23

Gerd Frischmuth (55) ist Bäckermeister mit Leib und Seele. Gute Zutaten und hohe Qualitätsstan­ dards gehören für ihn nicht nur zum Handwerk, sondern sind ihm ein wichtiges Anliegen. Frisch­ muth, Vater von zwei Kindern, führt die gleichna­ mige Bäckerei in Wertheim (Main­Tauber­Kreis) schon in der 13. Generation und gibt sein Fachwis­ sen weltweit für die Hotelkette Kempinski weiter. Der Kontakt kam über einen Freund zustande, sein erster Einsatz war 2009. Seither reist der um­ triebige Bäcker immer mal wieder für eine Woche in eines der weltweit rund 70 Kempinski­Hotels und bringt den Hotelbäckern bei, wie man deut­ sche Backwaren herstellt. Mit selbst angesetztem Sauerteig versteht sich, denn von Fertigmischun­ gen hält er nichts. Egal ob in Schanghai, Dubai, Is­ tanbul oder Dschibuti – die Rezepte für Brot und Brötchen, die Kempinski­Gäste dort genießen, kommen aus Wertheim. Und da hat Frischmuth schon manches Abenteuer erlebt. Ein bisschen mulmig war ihm etwa im Tschad zumute, wo er während der Mali­Krise war. Und sein persönli­ cher Favorit in Sachen Brot? Ein Spessartbrot – ein reines Roggenbrot aus Natursauerteig. imf

Stefan Bless gehen die Ideen nicht aus. Der Flei­ schermeister aus Stuttgart­Möhringen wirkt wie ein Hansdampf, denn nach Stuggi und Schwaben­ chips arbeitet er schon wieder an Innovationen aus der Wurstküche. Der 29­Jährige, der mit seiner Mutter den Familienbetrieb führt – inzwischen in fünfter Generation –, setzt zwar auch auf traditio­ nelle Wurstwaren, ist aber bekannt für außer­ gewöhnliche Kreationen. Seine Stuggis – kleine Weißwürste mit integriertem Senf – sind der Ren­ ner. Dafür und für seine Schwabenchips – frittier­ te, in dünne Scheiben geschnittene Maultaschen – hat ihn die Branche bereits zweimal mit dem Inno­ vationspreis des Fleischerhandwerks bedacht. „Es reizt mich, Klassiker weiterzuentwickeln“, freut sich Bless über solche Erfolge. Apropos Stuggi: wie er auf die Idee dazu kam? „Wenn wir Festivitäten hatten, musste ich eines immer wieder feststellen: die Leute hatten die Hände voll, wollten ihre Wurst mit Senf oder Ketchup essen und haben dabei ihre Kleidung bekleckert. Deshalb habe ich mir gesagt, das muss auch anders gehen“, sagt Bless und hat angefangen, an Prototypen zu basteln, bei denen der Senf schon in der Wurst war. imf

In vielen Ländern der Erde zeigt ein Familien­ betrieb aus dem Schwarzwaldstädtchen Calw, was die Stunde geschlagen hat: Das von den Brüdern (im Foto von links) Johannes (49), Christoph (51) und Andreas Perrot (46) geführte Unternehmen ist weltweit für seine Turmuhren bekannt. Einen Na­ men haben sich die Perrots mit dem Bau der welt­ größten Turmuhr gemacht. Millionen von Musli­ men, die jedes Jahr nach Mekka in Saudi­Arabien pilgern, zeigt sie schon aus acht Kilometer Entfer­ nung die Zeit an – Tag wie Nacht. Das fordert selbst von der in fünfter Generation betriebenen Firma mit 30 Mitarbeitern viel ab. Das Projekt hat eine für sie bis dahin noch nie da gewesene Größen­ ordnung: Der Durchmesser des Zifferblatts der Mecca Royal Clock beträgt 43 Meter, der Stunden­ zeiger ist 17 Meter, der Minutenzeiger 22 Meter lang. Jeder wiegt 7,5 Tonnen. Den Aufbau des 21 Tonnen schweren Uhrwerks konnten die Perrots nicht selbst überwachen, Nichtmuslimen ist der Zutritt zur Heiligen Stadt verboten. Die Montage vor Ort übernahm eine türkische Firma. Auch die Einweihung 2011 verfolgte die Familie fernab des Spektakels – zu Hause in Calw übers Internet. ker

Interview

Interview

„Eine Marke“ Ulrike Paul, Präsidentin der Rechts­ anwaltskammer Stuttgart, über das Selbstverständnis von Anwälten. SEITE 26

Digitalisierung

Ohne Handakte geht es noch nicht Das Internet verändert zunehmend die Organisation und Arbeitsabläufe der Rechtsanwälte. SEITE 27

Arbeitsbelastung

60 Stunden oder mehr Permanent erreichbar zu sein, gehört für Anwälte in großen Kanzleien zum Alltag. SEITE 28

Marktauftritt

Klares Profil gefragt Index

Netzwerken und spezialisieren: das sind Anforderungen an moderne Wirtschaftskanzleien. SEITE 30 Personen Bauer, Karoline

Impressum

Chefredakteure Joachim Dorfs, Dr. Christoph Reisinger Leitung Michael Heller, Klaus Köster Redaktion Imelda Flaig, Werner Ludwig, Walther Rosenberger Gestaltung/Produktion Bernd Fischer, Alexander Kijak, Sebastian Klöpfer, Dirk Steininger, Anna­Lena Wawra E­Mail: redaktion@wirtschaft­in­bw.de Telefon: 07 11/72 05­12 11 und 07 11/72 05­74 01 Internet: www.wirtschaft­in­bw.de „Wirtschaft in Baden­Württemberg“ ist ein Produkt der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH / Stuttgarter Nachrichten Verlagsgesellschaft mbH Anzeigen Marc Becker (verantw.) Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05­16 03 Druck Pressehaus Stuttgart Druck GmbH, Plieninger Str. 150, 70567 Stuttgart Telefon: 07 11/72 05­0

Beisheim, Carsten Birk, Dietrich Bless, Stefan Bloom, Nicholas Braun, Ludwig Georg Brenke, Karl Brenner, Carmina Breymaier, Leni Brücher, Dieter Diem, Frank Dodt, Danile Drees, Joachim Eberle, Bernd Eberle, Jochen Ehrmann, Stephan Feist, Harald Fenkl, Peter Frischmuth, Gerd Fritz, Thomas Fuhrmann, Ralf Gates, Bill Gölzner, Herbert Heiß, Kirsten Helle, Thomas Hoerr, Ingmar Hofmann, Josephine Hollmann, Christa

32 32 18 2 19 24 17 23 17 16 30 4/5 16 16 16 22 8 18 2 12/13 9 20/21 9 20/21 20/21 20/21 17 9

Holpert, Sandor Hopp, Dietmar Horvath, Irmgard Hospach, Frank J. Hunzelmann, Martina Jany, Peter Kappenstein, Bernd Kiefer, Axel Kindervater, Ralf Kretschmann, Winfried Kruse, Claus Kulovnjak, Zoran Ladwig, Peter Lanius, Bernd Legowski, Alexander Lohner, Andreas Lorenzen, Florian Lutz, Manfred Marquardt, Harald Mayer, Barbara Metzger, Christian Möhrle, Joachim Mutschler, Dierk Nägele Helmut Nave, Jose Campos O’Neill, Thomas Paul, Ulrike Perrot, Andreas

4/5 20/21 18 28 16 22 8 16 20/21 7 12/13 18 32 16 4/5 30 12/13 8 14 30 16 2 16 20/21 30 19 26 2

Perrot, Christoph 2 Perrot, Johannes 2 Pfitzer, Jürgen 20/21 Radke, Petra 15 Reiners, Klaus 12/13 Renz, Tilman 31 Richter, Wolfgang 30 Rinn, Thomas 12/13 Rüdisühli, Manfred 31 Sarömba, Annette 18 Schäfer­Wallberg, Eva 10 Scheifele, Bernd 16 Schmid, Nils 1, 17 Schnelle, Ulrich 28 Schork, Alexander 32 Schütze, Stefan 7 Schwannecke, Holger 4/5 Sitzenfrei, Wolfram 28 Stilz, Eberhard 24 Storz, Sybill 2 Szeidl, Steffen 16 Teichmann, Peter 12/13 Treiber, Torsten 4/5 Trieflinger, Rolf 18 Tzeschlock, Peter 16 Uhl, Antje­Kathrin 10 Vogel, Oskar 1, 3 Von Achten, Dominik 16

Walentowski, Sven Winkler, Karin Wollseifer, Hans Peter Wurzel, Hans­Werner

27 18 4/5 12/13

Unternehmen Aesculap 20/21 Apple 10 Arbeitgeber Baden­Würt­ temberg 32 Bäckerei Frischmuth 2 Bauarbeit.de 4 Baker McKenzie 30 Baker Tilly Roelfs 30 Binder, Hillebrecht & Partner 31 Bosch 20/21 BRP Renaud und Partner 32 Cellzome 20/21 CMS Hasche Sigle 10 Coca­Cola 9 Coperion 16 Curevac 20/21 Daimler 18 Dentons 30 Deutscher Anwaltsverein 27 Diem & Partner 30 Dievini 20/21 Drees & Sommer 16

Eberle­Hald 16 Ehrmann­Reisen 22 Eppendorf 20/21 EQT 11 Facebook 11 Freshfields Bruckhaus Deringer 27 Friedrich Graf von Westphalen & Partner 30 Gleiss Lutz 27 Google 9,11 Haver & Mailänder 28 Heidelberg Cement 16 Hengeler Mueller 27 Heuking Kühn Lüer Wojtek 32 Hochland Kaffee 16 Immatics Biotechnologies 20/21 JDSU 18 Jobdoo.de 4 Karl Storz 2 Kasper Knacke 28 Kienbaum 12/13 L­Bank 20/21 LBBW Venture Capital 20/21 Lutz Rolladen­Sonnenschutz 8 Malva 20/21 Marquardt 14 McKinsey 12/13, 20/21 Metzgerei Bless 2

Michelin 16 Microsoft 11, 20/21 MVV 20/21 MyHammer.de 4 Novis 20/21 Novis Biores 20/21 Perrot 2 Phenex Pharmaceuticals 20/21 Profis.de 4/5 Prognos AG 27 Quotatis.de 4/5 Rechtsanwaltskammer Stuttgart 26 Regus 17 Rocket Internet 11 Rödl & Partner 30 Roland Berger 12/13 Rüdisühli, Brenner, Renz 31 Rund ums Haus GmbH 8 SAP 20/21 Stuttgartr Börse 20/21 Tecnaro 20/21 Tetec 20/21 Untdertool.de 4/5 VR­Bank Ellwangen 20/21 W&W 32 Zalando 11 Zeppelin Systems 16 Ziehl­Abegg 18


Wirtschaft in Baden-Württemberg 3

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

„Die Firmen brauchen Luft zum Atmen“ Oskar Vogel, Hauptgeschäftsführer des Baden­Württem­ bergischen Handwerkstages (BWHT), über einen möglichen Kollaps der dualen Ausbildung, die Nebenwirkungen des Mindestlohns und die nervtötende Regelungswut der Politik. Interview

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iedrige Bauzinsen, hohe Kon­ sumausgaben und die gute Kfz­Konjunktur bescheren dem Handwerk gerade gute Geschäfte. Ob gesetzliche Ein­ griffe der Politik die Feierlaune der Bran­ che trüben können, entscheidet sich in den kommenden Monaten, sagt Oskar Vogel, Hauptgeschäftsführer des Baden­Würt­ tembergischen Handwerktages.

Auf Landesebene wäre das geplante Bil­ dungszeitgesetz oder die überarbeitete Landesbauordnung zu nennen, bei der es um scheinbar wichtige Fragen wie Fahrrad­ stellplätze oder Hausbegrünungen geht. Das alles steht unter der Überschrift „Mehr Staat“. Den Unternehmen werden da unnö­ tige Fesseln angelegt. Man sollte vielmehr überlegen, wie das Unternehmertum wie­ der mehr Luft zum Atmen bekommt, um seinem Geschäft nachzugehen.

Herr Vogel, das Handwerk gleicht einem Tanker, der unberührt vom konjunkturellen Auf und Ab Kurs hält. Wie läuft es aktuell? Dem Handwerk geht es gut. Im vergange­ nen Jahr haben wir im Land einen Umsatz­ zuwachs von 2,2 Prozent erreicht, was über dem Schnitt aller Branchen in Baden­ Württemberg und auch deutlich über dem Wachstum im Bund liegt. Wir sind also durchaus zufrieden mit der konjunkturel­ len Entwicklung.

Seit Jahresanfang gilt in Deutschland ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro. Einige klassische Niedriglohnberufe – etwa Friseure – sind Handwerksberufe. Wel­ che Auswirkungen befürchten Sie? In Baden­Württemberg tangiert uns das weniger, als man vielleicht glauben könnte. In fast allen Gewerken lagen wir auch bis­ her schon über den 8,50 Euro je Stunde. Allerdings könnte der Mindestlohn einen allgemeinen Aufwärtstrend im Lohngefüge insgesamt auslösen. Da muss man aufpas­ sen, dass die Firmen nicht überfordert wer­ den. Im Kontext der Mindestlohndebatte gewinnt aber ein anderes Thema Bedeu­ tung, das uns zusehends Sorgen macht.

Wie werden die kommenden Monate? Die Erwartungen für 2015 sind etwas ver­ haltener. Mit einem prognostizierten Um­ satzplus von 1,5 Prozent sind „Politische Vorgaben, wir allerdings immer noch gut im Rennen. wonach Staat vor privat

geht, machen uns Sorgen.“ Oskar Vogel, BWHT, zu staatlichen Gängeleien

Woher kommt das Wachstum? Das ganze Bauhauptgewerbe und alle damit zusammen­ hängenden Gewerke sind die Profiteure der aktuellen Lage, die ja von einem sehr niedrigen Zinsniveau gekenn­ zeichnet ist. Das Geld fließt ins sprichwört­ liche Betongold, und das beflügelt sowohl den Neubau als auch die Renovierungs­ tätigkeit, etwa energetische Sanierungen. Außerdem profitieren wir vom anhaltend hohen Konsum der Deutschen. Bäcker, Metzger oder Caterer bekommen das gera­ de positiv zu spüren. Um zu wachsen, brauchen die Firmen Geld. Bekommen sie das gerade von den Banken? Wir haben da derzeit keine negativen Sig­ nale. Die Kreditversorgung läuft. Impulse erwarten wir uns allerdings von Seiten der Bundesregierung. Die angekündigten zu­ sätzlichen Investitionen des Bundes in die Infrastruktur in Höhe von zehn Milliarden Euro bis 2018 halte ich für viel zu wenig. Das ist deutlich ausbaufähig. Wer das Jahr der Wirtschaft ausruft, wie die Bundeskanz­ lerin das getan hat, muss da schon konsequenter handeln.

Politische Rückendeckung ha­ ben Sie aber. Das Erbschaft­ steuerurteil des Bundesverfas­ sungsgerichts will die Politik unternehmerfreundlich um­ setzen. Einspruch. Man muss genau beobachten, was bei beiden „Wir befürchten nichts Punkten am Ende heraus­ mehr als den Kollaps der kommt. Zunächst stimmt es, dualen Ausbildung, dass das Erbschaftsteuer­ urteil schlechter hätte ausfal­ um die uns alle Welt len können. Bis Juni 2016 sol­ beneidet.“ len die bisherigen Regeln nun Oskar Vogel, Hauptgeschäftsführer überarbeitet werden. Die Sig­ des BWHT, zum Thema Nachwuchs nale deuten tatsächlich auf „minimalinvasive“ Verände­ rung hin, um ein Wort von Bundesfinanz­ minister Wolfgang Schäuble zu bemühen. Sein Pendant im Land, Wirtschafts­ und Fi­ nanzminister Nils Schmid, sieht es ähnlich. Aber ausgemacht ist noch gar nichts. Mit der grün­roten Landesregierung scheint das Handwerk auf Kuschelkurs zu sein. Trifft der Befund zu? Die Atmosphäre stimmt. In vielen Berei­ chen wird die Stimme des Handwerks von der Landespolitik gehört. Bei der Energie­ wende oder dem Ausbau der Gemein­ schaftsschulen liegen wir nahe beieinan­ der. Es gibt aber auch Differenzen. Das geplante Bildungszeitgesetz erfüllt unserer Auffassung nach nicht die Aufgabe, die Arbeitnehmer fit für ihre konkrete Arbeit im Betrieb zu machen. Allgemein gespro­ chen macht uns eine landes­ sowie eine bundespolitische Tendenz Sorgen, die man vielleicht mit dem Satz „Staat vor privat“ beschreiben könnte. Vom Staat kommen immer mehr Vorgaben und Auflagen. Die Rente mit 63, die Mütterrente, der gesetz­ liche Mindestlohn sind nur drei Beispiele.

Die Politik setzt einseitig auf Akademiker, beklagt BWHT­Hauptgeschäfts­ führer Oskar Vogel. Fotos: Lichtgut/Achim Zweygarth

Welches denn? Solo­Selbstständige, also Ein­Mann­Be­ triebe. Wir haben in den vergangenen Mo­ naten eine rasante Zunahme dieser Form der Beschäftigung konstatiert und sind der Meinung, dass das direkt mit dem Mindest­ lohn zusammenhängt. Was ist so schlecht an diesen Kleinstunter­ nehmen? Zunächst einmal ist nichts gegen sie einzu­ wenden. Man muss nur genau prüfen, ob es auch echte Selbstständige sind. Oft handelt es sich in Wirklichkeit nämlich um abhängig Beschäftigte, die Weisungen und Vorgaben von außen entgegennehmen. Ziel ist es, die Mindestlohngesetzgebung zu umgehen. In der Bauwirtschaft greift diese Methode zur Zeit immer mehr Raum. Da kommen Busse mit Arbeitskräften aus Osteuropa in deut­ sche Metropolen. Vorne sitzen ein Dolmet­ scher und ein Anwalt, der den Leuten Ver­ träge unterschiebt, in denen steht, dass sie Selbstständige sind. Die Leute wissen oft gar nicht mal, was sie da unterschreiben, und dass sie sich damit selbst ausbeuten. Die Politik scheint die Wucht dieser Entwick­ lung noch nicht im Entferntesten wahrge­ nommen zu haben. Besonders in Gewerken, die nicht mehr dem Meisterzwang unterlie­ gen, gibt es massive Probleme. Über welche Dimension sprechen Sie? Die Abgrenzung zwischen echter Selbst­ ständigkeit und dieser Form der Schein­ selbstständigkeit ist nicht ganz leicht. Fest steht aber, dass ein Viertel der Solo­Selbst­ ständigen über alle Wirtschaftszweige hin­ weg schon jetzt unterhalb des Mindest­ lohns verdient. Ein Zehntel verdient sogar nur maximal 4,85 Euro die Stunde. Im Handwerk konstatieren wir einen massi­ ven Anstieg dieser Ein­Mann­Betriebe. 1995 waren knapp 14 Prozent aller Firmen Solo­Unternehmen, heute sind es gut 42 Prozent. Die Entwicklung beschleunigt sich gerade. Wer sind die Auftraggeber der Scheinselbst­ ständigen? Etwa deutsche Handwerker, die so ihren Gewinn erhöhen wollen? Wir wollen es nicht hoffen, aber wahr­ scheinlich gibt es auch im Handwerk einige schwarze Schafe. Ich will das nicht bestrei­ ten. Klar ist aber, dass wir des Problems Herr werden müssen. Mit Kontrollen und gesetzlichen Vorschriften. Die EU will den Arbeitsmarkt weiter de­ regulieren und dazu Eintrittsschranken in Berufe, etwa den Meisterbrief, abschaffen. Dagegen wehrt sich das Handwerk vehe­ ment. Was befürchten Sie konkret? Wir befürchten nichts mehr als einen Kol­ laps unserer dualen Ausbildung, um die uns alle Welt beneidet. Einen Vorge­ schmack gibt das Jahr 2004. Damals wurde die Meisterpflicht in gut 50 Gewerken – et­ wa bei Fliesenlegern – abgeschafft. Für das Handwerk war das eine leidvolle Erfah­ rung. Neue Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden, verschwanden aber sofort darauf wieder. Wir führen das darauf zurück, dass es den Gründern ohne Meis­ terbrief schlicht an fachlichen und be­

triebswirtschaftlichem Knowhow fehlte. Eine weitere Erkenntnis von damals ist es, dass Betriebe ohne Meister für die Ausbil­ dung von Azubis quasi wegfallen. Sie bilden heute nur zehn Prozent aller Azubis aus. 90 Prozent dagegen arbeiten in Meister­ betrieben. Die Meisterpflicht weiter aufzu­ weichen, würde also bedeuten, der dualen Ausbildung den Boden zu entziehen. Das Handwerk hat jüngst angeregt, Asyl­ bewerber zu Handwerkern auszubilden. Wie realistisch sind die Pläne? Die Einbindung von Asylbewerbern könn­ te ein wichtiger Mosaikstein zur Fachkräf­ tesicherung darstellen. Wir sind bei der Diskussion aber noch am Anfang. Im Mo­ ment würde das Ansinnen schon an ganz banalen Dingen scheitern. Im schlimms­ ten Fall müsste sich ein asylsuchender Azubi alle drei Monate bei seiner Auslän­ derbehörde melden, die dann neu über sei­ ne Aufenthaltserlaubnis entscheidet. Die­ se Situation ist sowohl für den Arbeitgeber als auch für den Flüchtling völlig unzu­ mutbar. Wir fordern daher, Flüchtlingen, die einen Ausbildungsbetrieb vorweisen können, eine Aufenthaltserlaubnis bis zum Ende ihrer Ausbildung zu erteilen. Im Moment diskutieren wir solche Fragen mit den zuständigen Ministerien und den Regionaldirektionen. Das ganze Verfahren muss einfach schneller gehen und transpa­ renter werden. Das Ausbildungsniveau der deutschen Jugend steigt. Immer mehr junge Menschen streben einen Gymnasialabschluss oder ein Studium an. Die Zahl der Jugendlichen, die eine Ausbildung beginnen, sinkt aber. Was bedeutet das fürs Handwerk? Was Sie ansprechen, ist für uns eine der zentralen Herausforderungen. Im vergan­ genen Jahr haben die Handwerksbetriebe

in Baden­Württemberg rund 19 400 Azubis neu eingestellt. Damit liegen wir seit drei Jahren konstant unter der wichtigen Schwelle von 20 000 neuen Azubis pro Jahr. Aktuell setzen wir alles daran, die Ausbildungszahlen zu halten. Woran liegt es, dass junge Leute Ausbil­ dungsmuffel zu sein scheinen? Einer der großen bildungspolitischen Feh­ ler von Grün­Rot war die zu einseitige Orientierung auf Akademiker. Jahrelang galt das Mantra, jeden zweiten Jugend­ lichen zum Studienabschluss zu führen. Mittlerweile gestehen sogar Ministerpräsi­ dent Winfried Kretschmann sowie sein Vize Nils Schmid ein, dass die Marschrich­ tung falsch war. Wir brauchen in den kom­ menden Jahren in Baden­Württemberg fünfmal mehr junge Leute mit dualer Ausbildung als Akademiker. Besonders in Gymnasien muss für die Ausbildung ge­ worben werden. Es gibt so viele spannende Berufsfelder, in denen – nebenbei bemerkt – auch gutes Geld verdient werden kann. Das Gespräch führte Walther Rosenberger.

ZUR PERSON Der Jurist Nach Abitur und Wehrdienst studierte Vogel, Jahrgang 1961, in Freiburg und München Jura. Er ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht. Der Verbände­Profi Vogel begann seine Karriere 1990 im Württember­ gischen Einzelhandelsverband, wechselte 2000 zum Speditionsverband im Land, wo er ab 2001 Geschäftsführer war. Ab Ende 2008 war er stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Berliner Textil­ und Mode­ verbands. Seit Anfang 2011 ist er Hauptgeschäftsführer des Baden­ Württembergischen Handwerktages. Der Privatmann Der gebürtige Breisacher ist ein ausgesprochener Frankreich­Liebhaber. In seiner Freizeit fährt er mit seiner Frau Rad und ist im Winter auf Loipen unterwegs. wro


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Herausforderungen zuhauf – wie sich das Handwerk behauptet Die Politik meint es nicht immer gut mit dem Handwerk. Der Mindestlohn etwa führt dazu, dass die Schwarzarbeit steigt – die jetzt noch schwieriger zu kontrollieren ist, weil viele der Beamte die Einhaltung des Mindestlohns Branche im Überblick

Kein Schock durch Billigkonkurrenz aus dem Osten Billigkonkurrenz aus dem Aus­ land ist ein Dauerthema im Handwerk, wenngleich es heute nicht mehr ganz so heiß gekocht wird wie noch vor elf Jahren. Damals – im Mai 2004 – führte die EU­Osterweiterung im Handwerk zu Problemen. Zwar galt die Arbeitnehmerfreizügig­ keit für Angestellte aus den neuen EU­Staaten noch nicht, Selbstständige konnten sich aber ohne Einschränkungen in Deutschland niederlassen und ihre Dienste anbieten. Zusam­ men mit der kurz zuvor in Kraft getretenen Änderung der Handwerksordnung – damals wurde der Meisterzwang in 53 von insgesamt 94 Gewerken abgeschafft – hatte das teils erhebliche Auswirkungen. Ein­ Mann­Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden. Be­ sonders betroffen waren Ge­ werke wie Fliesen­ oder Par­ kettleger oder Gebäudereiniger, die nicht mehr durch den Meis­ terzwang geschützt waren. Die oft aus osteuropäischen Län­ dern stammenden Selbststän­ digen booteten die einheimi­

sche Konkurrenz mit Spottprei­ sen aus. Immer wieder wurde auch von Kolonnen von Arbeit­ nehmern berichtet, die als Scheinselbstständige auf Bau­ stellen arbeiteten und so deut­ sche Lohn­ und Sozialstandards unterliefen. Dennoch: der oft befürchtete Ansturm osteuro­ päischer Handwerker blieb aus, übrigens auch, als die ausge­ setzte Arbeitnehmerfreizügig­ keit für die neuen EU­Mitglied­ staaten 2011 endgültig in Kraft trat. Strukturelle Veränderun­ gen im Handwerk gab es aber sehr wohl. So ist die Zahl großer Fliesenleger­Betriebe stark zu­ rückgegangen. Ähnlich wie bei Raumausstattern bestimmen hier Klein­ und Kleinstfirmen das Bild. Die wahre Billigkonkurrenz kommt allerdings weder von den Kleinstfirmen noch aus Osteuropa. Sie kommt von industriellen Anbietern, die Massenware herstellen und Deutschland mit Brötchen und Brezeln aus dem Backshop oder Fleischwaren aus der Super­ markt­Kühltheke fluten. wro

Mit Spezialitäten aus der Backstube den Preisdruck kontern

überwachen. Doch das Handwerk ist so leicht nicht unterzukriegen. Mit der digitalen Vernetzung von Häusern, der Elektromobilität und der ökologischen Sanierung von Gebäuden hat es längst neue zukunftweisende Felder für sich entdeckt. Exot: Bootsbauer – als Azubis haben heute oft nur noch Abiturienten eine Chance.

Milliardenschäden durch Schwarzarbeit Schwarzarbeit hat viele Ge­ sichter. Der Chef, der seine Arbeiter nicht bei der Sozial­ versicherung anmeldet, die Reinigungshilfe, die ohne Steuerkarte arbeitet, oder der Mitarbeiter, der ohne Aufent­ halts­ und Arbeitsgenehmi­ gung tätig ist. Das Tübinger Institut für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) schätzt das Volumen der Schat­ tenwirtschaft in Deutschland auf etwa 340 Milliarden Euro – die Summe entspricht 12,2 Pro­ zent des Bruttoinlandspro­ dukts. Von diesen Milliarden werden weder Steuern gezahlt noch Sozialabgaben abgeführt.

Die Bekämpfung der Schwarzarbeit liegt in der Hand der Zollbehörden – und hier in der Abteilung Finanz­ kontrolle Schwarzarbeit (FKS). Sie rückt, so oft es personell möglich ist, zu unan­ gekündigten Razzien an – vor allem auf Baustellen, wo es im­ mer wieder illegale Beschäfti­ gung und Schwarzarbeit gibt. Weil die FKS seit Jahresbeginn auch die Einhaltung des Min­ destlohns kontrollieren muss, befürchtet der Zentralverband des deutschen Handwerks wei­ tere Lücken bei der Kontrolle der Schwarzarbeit. Nach einer Schätzung des Baden­Würt­

Exotenberufe: Nicht alle sterben aus, manche boomen jetzt erst recht

tembergischen Handwerks­ tages (BWHT) machen etwa 350 000 Schwarzarbeiter dem Handwerk im Land Konkur­ renz. Ein wichtiges Instrument zur Bekämpfung der Schwarz­ arbeit sieht der Branchenver­ band ZDH auch im Steuerbo­ nus für Handwerksleistungen. Derzeit können 20 Prozent der Handwerkerkosten steuerlich abgesetzt werden – maximal 1200 Euro. Damit hätten Kun­ den ein Interesse daran, dass die Leistungen mit Rechnung erbracht werden. Froh ist man, dass die geplante Kürzung vom Tisch ist. imf

Knapp 9800 Elektroniker lie­ ßen sich vergangenes Jahr in einem deutschen Handwerks­ betrieb neu ausbilden. Eine Ausbildung zum Wachszieher trat im selben Zeitraum da­ gegen nur ein Jugendlicher an. Der Beruf ist damit in Deutschland fast ausgestorben, ähnlich wie der Thermometer­ macher, der Bühnenmaler, der Holzmechaniker oder der Filz­ gestalter. Die genauen Gründe liegen im Dunkeln. Seit einiger Zeit verhindern verschärfte datenschutzrechtliche Bestim­ mungen bei Kleinstberufen die Weitergabe von Details, etwa des Ausbildungsbetriebs, selbst an Forschungsstellen wie dem Bundesinstitut für Berufsbil­ dung (BIBB). Nachhaken geht also nicht. Klar ist dennoch: wenn Berufe sterben, hat das nicht zwingend damit zu tun, dass sich keine Jugendlichen

Ketten verdrängen die Meisterbetriebe Was haben Friseure, Hörgerä­ teakustiker, Optiker, Bäcker, Fleischer oder Kfz­Handwer­ ker gemeinsam? In die­ sen Branchen verdrän­ gen immer mehr Ketten die klassischen Betrie­ be. Der Trend geht zur Filialisierung. Im Bä­ ckerhandwerk ist es besonders krass: Die Zahl der Bäckereibetrie­ be sinkt seit Jahren, Ver­ kaufsstellen von Ketten­ bäckern übernehmen zu­ nehmend den Markt. Ketten wie Kamps und Co, Backshops in Dis­ countern und Selbstbe­ dienungsbäckereien ma­ chen klassischen Kleinbe­ trieben das Leben schwer. Anfang der 1990er Jahre gab es noch rund 26 000 Meisterbetriebe im deut­ schen Bäckerhandwerk, mittlerweile sind es noch knapp 13 200. Der Kunde profi­ tiert von niedrigen Preisen.

Brot und Brötchen schmecken dafür aber immer ähnlicher. Manch einer in der Branche spricht schon vom „Einheits­ brei“ – trotz der Vielfalt bei Brot und Brötchen. Die Konkurrenz ist groß, und Kunden erwarten ein im­ mer umfangreicheres Sorti­ ment. Für einen kleinen Bäcker bedeutet dies, dass er für relativ kleine Mengen immer extra Teig anrühren muss. Weil das kaum lohnt, beziehen viele Betriebe immer größere Teile ihrer Ware als fertige Back­ mischungen über Einkaufsge­ meinschaften, denn der Preis­ druck ist enorm. Großfilialisten lassen Teiglinge teils aus dem Ausland importieren – für we­ nige Cent pro Stück. Für heimi­ sche Betriebe wird es immer schwerer mitzuhalten. Manch kleine Bäckerei hat daher nur eine Perspektive, wenn sie auf Spezialitäten setzt – egal ob Bio oder nicht. Denn dafür kann sie höhere Preise verlangen. imf

Sie gelten als die Radikalinskis im Handwerkssektor. Plattfor­ men wie MyHammer.de, Blau­ arbeit.de oder Jobdoo.de tra­ ten vor Jahren mit einer unerhörten Idee an. Mit soge­ nannten Rückwärtsauktionen, bei denen der Anbieter mit dem niedrigsten Angebot zum Zug kommt, mischten sie ab 2004 die Branche auf – und vermiesten den normalen Handwerkern die Preise. Mitt­ lerweile haben sich alle drei Plattformen, die zusammen mehrere Hunderttausend Handwerkeraufträge im Jahr abwickeln, von dem aggressi­ ven Geschäftsmodell verab­ schiedet. Die Handwerker, die auf den Webseiten Angebote etwa zum Streichen der Woh­ nung abgeben, kennen die Preise des jeweils anderen Be­ triebs nicht mehr. Sie kalkulie­ ren hart, der Kunde wählt das beste Angebot aus. Das war’s. „Man kann es sich nicht mit einer ganzen Branche ver­ scherzen“, heißt es von den Plattformen zu den Beweg­ gründen, auf umgekehrte

Das Tablet als Schaltzentrale: gest euert wird das vernetzte Zuhause über mob ile Geräte und passende Apps.

Die Bürokratie macht den Mindestlohn zum Problem „Zumutung“, „praxisfern“, „schlechter Witz“ – die Worte, mit denen sich die obersten Handwerksfunktionäre der Republik in den vergangenen Monaten in die Mindestlohn­ diskussion einschalteten, über­ treiben die Bedeutung, die das Thema für die Branche hat. Lohnuntergrenzen gibt es im Handwerk nämlich schon seit Längerem viele – zuletzt in insgesamt 14 Handwerksbran­ chen. Zudem wurde in den al­ lermeisten Handwerksberufen schon bisher mehr als die jetzt gesetzlich festgelegten 8,50 Euro pro Stunde gezahlt. Wo das nicht der Fall war – etwa in Wäschereien oder bei Friseu­ ren –, einigten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Vergangenheit auf sogenannte Mindestlohntarifverträge. Sie sehen gestaffelte Lohnerhö­ hungen vor. Spätestens Anfang 2017 müssen die 8,50 Euro pro Stunde erreicht sein. Die Probleme, die das Hand­ werk mit dem Mindestlohn hat, liegen eher in dessen indirek­ ten Wirkungen. Ein Beispiel: bislang war der Zoll für die Kontrollen der Schwarzarbeit,

die besonders im Baugewerbe und bei Gebäudereinigern seit Jahren ein Problem darstellt, verantwortlich. Seit Neu­ estem müssen sich die knapp 7000 Zoll­Kontrolleure aber noch zusätzlich um die Ein­ haltung des Mindestlohns kümmern. Der General­ sekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, warnte denn auch vor einer „Verwässerung“ der Schwarz­ arbeitskontrollen, zumal neu­ este wissenschaftliche Unter­ suchungen nahelegen, dass der Mindestlohn zu einem Anstieg der Schattenwirtschaft im Arbeitsmarkt führt. Ein weite­ res Problem sieht man in Doku­ mentationspflichten, die aus dem Mindestlohn resultieren. Dabei geht es etwa um die Auf­ zeichnung von Arbeitszeiten. Es könne nicht sein, dass sich der Handwerksmeister „mehr um die Arbeitszeiterfassung kümmern muss als um die Akquise von Aufträgen“, sagt ZDH­Präsident Hans Peter Wollseifer. In den nächsten Monaten soll das Gesetz daher nachverhandelt werden. wro

Wer schlau ist, richtet das vernetzte Zuhause ein

ohn – 8,50 Euro Mindestl hon sc es bt im Handwerk gi . en nz re rg te lange Lohnun

mehr finden, die an einer Ausbildung Interesse haben. Immerhin sind es die Firmen selbst, die den Markt beobach­ ten und dann entscheiden, ob sie eine neue Ausbildungsstelle schaffen. Manchmal kommt man da­ bei zu dem Schluss, dass es un­ nötig ist, Fachkräfte weiter vor­ zuhalten. Das war beispielswei­ se beim Wagner der Fall, der heute als ausgestorbener Beruf gilt, dessen frühere Bedeutung sich allerdings noch in einem der gebräuchlichsten Nachna­ men der Republik manifestiert. Grundsätzlich sind die Überlebenschancen für exoti­ sche Gewerke aber gar nicht so schlecht. „In sehr vielen Fällen gibt es einen bestimmten Be­ darf, der nicht unterschritten wird, auch wenn der eigentliche Beruf aus der Mode kommt“, sagt etwa Alexander Legowski,

Sprecher beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Gemeint sind hier Spezialanwendungen sowie Kunst­ oder Luxusbereiche. Der Korbflechter etwa ist durch die Mechanisierung na­ hezu überflüssig geworden. Als Ausbildungsberuf hält er sich aber immer noch, weil es eini­ ge wenige Kunden gibt, die auf besonders feine Stücke Wert legen. Auch die Elfenbein­ schnitzerei oder Silberschmie­ dekunst wird von Liebhabern am Leben gehalten. Andere vermeintliche Exotengewerke wiederum boomen gar und sind für Nachwuchskräfte höchst attraktiv. Als Bootsbauer­ Azubis haben heute oft nur noch Abiturienten eine Chan­ ce. Rund 150 Fachkräfte wur­ den zuletzt pro Jahr wieder ausgebildet. wro

Handwerker­Plattformen: die gezähmten Widerspenstigen

„Wahnsinn, was man jetzt alles machen kann.“ Das ist beim Renovieren immer häufiger zu hören. Und zwar von Hand­ werkern selbst. Elektriker, Sa­ nitär­ oder Heizungsfachleute arbeiten immer häufiger im oder am vernetzten Zuhause, auch Smart Home genannt. Rund zehn Millionen Deut­ sche nutzen zumindest einzel­ ne Anwendungen, so der IT­ Branchenverband Bitkom. Sie steuern zum Beispiel ein Haushaltsgerät fern oder er­ halten eine Warnung auf ihr Handy, wenn der Herd ange­ schaltet bleibt. Etliche wollen in Zukunft programmierbare Rollläden, Thermostate und

Leuchten kaufen. Bei älteren und kranken Menschen sind Assistenzsysteme gefragt, die ihnen den Alltag in ihrer Woh­ nung erleichtern. Wer sich spezialisiert, kann vom neuen Markt profitieren. Denn die Kunden wenden sich zur Beratung oft an die Hand­ werksfirmen selbst. Den Top­ Platz im Smart Home nimmt die Heizung ein – schließlich frisst sie im Schnitt drei Viertel der Energie im Haus. Gefragt sind einfache Zeitregler oder raffinierte Sensoren, die sich per Smartphone steuern las­ sen. Die Kunden wollen Rollläden und Beleuchtung steuern, auch weil dies bei

Abwesenheit Sicherheit vor Einbrüchen verspricht. Doch das Handwerk muss den Interessenten vieles noch schmackhafter machen und Aufklärungsarbeit leisten. Denn vielen gilt ein Smart Home als zu teuer und die Be­ dienung zu kompliziert. Etli­ che sorgen sich auch um ihre Privatsphäre und fürchten Ha­ cker­Attacken über das Inter­ net. Eine Voraussetzung ist aber bereits geschaffen: Allein in diesem Jahr werden in Deutschland geschätzt knapp 25 Millionen Smartphones verkauft. Die Fernbedienung für das vernetzte Zuhause liegt schon bereit. dag Handwerkersuche via Internet: My­ Hammer sieht sich als Marktführer.

Auktionen zu verzichten. Die Plattform MyHammer.de, die sich als Marktführer im deutschsprachigen Raum sieht, ist mittlerweile wie fast alle Konkurrenten eine Mi­ schung aus Branchenverzeich­ nis und Angebotsportal. „Wir sind ein Vermittler, der Kun­ den und Betriebe zusammen­ bringt“, sagt Daniel Dodt von MyHammer.de. Rund eine halbe Million Aufträge stellen Kunden allein hier nach Fir­ menangaben jedes Jahr ein. Die Zahl der Ausschreibungen, aber auch die Angebote seien 2014 um 13 Prozent bezie­ hungsweise um 19 Prozent ge­ wachsen, sagt Dodt. „Wir sind auf einem Wachstumspfad.“ Aktuell schreibt das Unter­ nehmen zwar Verluste, und auch die Umsätze und der Ak­ tienkurs sind zuletzt stark zu­ rückgegangen; Dodt führt das aber auf teure Werbemaßnah­ men in der Vergangenheit und die Umstellung des MyHam­ mer­Geschäftsmodells zurück. 2015 will man wieder in die Ge­ winnzone kommen, bei Kunden

und Handwerkern gewinne man ohnehin weiter an Akzep­ tanz. Das Geschäft über die Por­ tale, zu denen beispielsweise auch die Webseiten Profis.de, Quotatis.de oder die echte Auktionsseite Undertool.de gehören, lohnt sich für Tau­ sende Betriebe offenbar, ob­ wohl man bei der Handwerker­ Spitzenorganisation ZDH nicht gut auf die Onliner zu sprechen ist. Allein bei MyHammer.de sind aktuell knapp 15 000 Handwerker gelistet. Einer der Handwerker dort beschreibt seine Motive gegenüber „Wirt­ schaft in Baden­Württem­ berg“: Fast die Hälfte seiner Umsätze erwirtschafte er mitt­ lerweile über die Internetpor­ tale, sagt Sandor Holpert, der im schwäbischen Ludwigsburg einen Ein­Mann­Betrieb hat. Kunden, die er übers Internet gewonnen habe, blieben ihm übrigens meist treu. „Wenn bei denen irgendetwas kaputt­ geht, rufen die mich einfach wieder an.“ wro

E­Mobilität verändert auch die Arbeit in Kfz­ Werkstätten.

E­Mobilität: der Wandel kommt auch in den Werkstätten an

Fotos: dpa (7), Screenshot

Gebäudereiniger – viele sind aus Osteuropa.

Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Noch halten sich Privatkäufer bei Elektroautos vornehm zu­ rück. Doch das dürfte sich in den nächsten Jahren ändern. Das Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2020 eine Million reine E­Autos sowie Plug­in­ Hybride mit Batterie und zu­ sätzlichem Verbrennungs­ motor auf die Straße zu brin­ gen, ist nach Ansicht von Experten durchaus erreichbar. Der Wandel unter der Motor­ haube verändert auch die Arbeit in den Werkstätten. Den Wegfall von Arbeit befürchten diese deshalb aber nicht. „Din­ ge wie der Ölwechsel fallen natürlich weg, dafür kommen etwa aufwendigere Prüfungen der Technik hinzu“, sagt Tors­ ten Treiber, Obermeister der Kfz­Innung Region Stuttgart. Die Werkstätten seien es ge­ wohnt, sich immer wieder auf neue Herausforderungen ein­

zustellen. Schon früher seien Servicebereiche weggefallen wie beispielsweise der Einbau von Radios und Lautsprechern. Für die E­Mobilität würden bereits jetzt Mitarbeiter in den Werkstätten fortgebildet. „Um an den Fahrzeugen arbeiten zu dürfen, muss man einen spe­ ziellen Lehrgang gemacht ha­ ben“, sagt Treiber. In den neuen Berufsbildern für Auszubilden­ de sei dies bereits enthalten. Bisher reiche dafür jedoch ein Mitarbeiter pro Betrieb. „Es dauert sicher noch vier bis fünf Jahre, bis wir da gewisse Men­ gen an E­Autos im Feld haben“, sagt Treiber. Außerdem werde die Wartung von Benzin­ und Dieselmotoren noch zehn Jah­ re parallel laufen, sollte sich der Stromantrieb durchgesetzt ha­ ben. Und wer weiß: vielleicht kommt bis dahin noch die Brennstoffzelle hinzu. mig


4 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Herausforderungen zuhauf – wie sich das Handwerk behauptet Die Politik meint es nicht immer gut mit dem Handwerk. Der Mindestlohn etwa führt dazu, dass die Schwarzarbeit steigt – die jetzt noch schwieriger zu kontrollieren ist, weil viele der Beamte die Einhaltung des Mindestlohns Branche im Überblick

Kein Schock durch Billigkonkurrenz aus dem Osten Billigkonkurrenz aus dem Aus­ land ist ein Dauerthema im Handwerk, wenngleich es heute nicht mehr ganz so heiß gekocht wird wie noch vor elf Jahren. Damals – im Mai 2004 – führte die EU­Osterweiterung im Handwerk zu Problemen. Zwar galt die Arbeitnehmerfreizügig­ keit für Angestellte aus den neuen EU­Staaten noch nicht, Selbstständige konnten sich aber ohne Einschränkungen in Deutschland niederlassen und ihre Dienste anbieten. Zusam­ men mit der kurz zuvor in Kraft getretenen Änderung der Handwerksordnung – damals wurde der Meisterzwang in 53 von insgesamt 94 Gewerken abgeschafft – hatte das teils erhebliche Auswirkungen. Ein­ Mann­Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden. Be­ sonders betroffen waren Ge­ werke wie Fliesen­ oder Par­ kettleger oder Gebäudereiniger, die nicht mehr durch den Meis­ terzwang geschützt waren. Die oft aus osteuropäischen Län­ dern stammenden Selbststän­ digen booteten die einheimi­

sche Konkurrenz mit Spottprei­ sen aus. Immer wieder wurde auch von Kolonnen von Arbeit­ nehmern berichtet, die als Scheinselbstständige auf Bau­ stellen arbeiteten und so deut­ sche Lohn­ und Sozialstandards unterliefen. Dennoch: der oft befürchtete Ansturm osteuro­ päischer Handwerker blieb aus, übrigens auch, als die ausge­ setzte Arbeitnehmerfreizügig­ keit für die neuen EU­Mitglied­ staaten 2011 endgültig in Kraft trat. Strukturelle Veränderun­ gen im Handwerk gab es aber sehr wohl. So ist die Zahl großer Fliesenleger­Betriebe stark zu­ rückgegangen. Ähnlich wie bei Raumausstattern bestimmen hier Klein­ und Kleinstfirmen das Bild. Die wahre Billigkonkurrenz kommt allerdings weder von den Kleinstfirmen noch aus Osteuropa. Sie kommt von industriellen Anbietern, die Massenware herstellen und Deutschland mit Brötchen und Brezeln aus dem Backshop oder Fleischwaren aus der Super­ markt­Kühltheke fluten. wro

Mit Spezialitäten aus der Backstube den Preisdruck kontern

überwachen. Doch das Handwerk ist so leicht nicht unterzukriegen. Mit der digitalen Vernetzung von Häusern, der Elektromobilität und der ökologischen Sanierung von Gebäuden hat es längst neue zukunftweisende Felder für sich entdeckt. Exot: Bootsbauer – als Azubis haben heute oft nur noch Abiturienten eine Chance.

Milliardenschäden durch Schwarzarbeit Schwarzarbeit hat viele Ge­ sichter. Der Chef, der seine Arbeiter nicht bei der Sozial­ versicherung anmeldet, die Reinigungshilfe, die ohne Steuerkarte arbeitet, oder der Mitarbeiter, der ohne Aufent­ halts­ und Arbeitsgenehmi­ gung tätig ist. Das Tübinger Institut für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) schätzt das Volumen der Schat­ tenwirtschaft in Deutschland auf etwa 340 Milliarden Euro – die Summe entspricht 12,2 Pro­ zent des Bruttoinlandspro­ dukts. Von diesen Milliarden werden weder Steuern gezahlt noch Sozialabgaben abgeführt.

Die Bekämpfung der Schwarzarbeit liegt in der Hand der Zollbehörden – und hier in der Abteilung Finanz­ kontrolle Schwarzarbeit (FKS). Sie rückt, so oft es personell möglich ist, zu unan­ gekündigten Razzien an – vor allem auf Baustellen, wo es im­ mer wieder illegale Beschäfti­ gung und Schwarzarbeit gibt. Weil die FKS seit Jahresbeginn auch die Einhaltung des Min­ destlohns kontrollieren muss, befürchtet der Zentralverband des deutschen Handwerks wei­ tere Lücken bei der Kontrolle der Schwarzarbeit. Nach einer Schätzung des Baden­Würt­

Exotenberufe: Nicht alle sterben aus, manche boomen jetzt erst recht

tembergischen Handwerks­ tages (BWHT) machen etwa 350 000 Schwarzarbeiter dem Handwerk im Land Konkur­ renz. Ein wichtiges Instrument zur Bekämpfung der Schwarz­ arbeit sieht der Branchenver­ band ZDH auch im Steuerbo­ nus für Handwerksleistungen. Derzeit können 20 Prozent der Handwerkerkosten steuerlich abgesetzt werden – maximal 1200 Euro. Damit hätten Kun­ den ein Interesse daran, dass die Leistungen mit Rechnung erbracht werden. Froh ist man, dass die geplante Kürzung vom Tisch ist. imf

Knapp 9800 Elektroniker lie­ ßen sich vergangenes Jahr in einem deutschen Handwerks­ betrieb neu ausbilden. Eine Ausbildung zum Wachszieher trat im selben Zeitraum da­ gegen nur ein Jugendlicher an. Der Beruf ist damit in Deutschland fast ausgestorben, ähnlich wie der Thermometer­ macher, der Bühnenmaler, der Holzmechaniker oder der Filz­ gestalter. Die genauen Gründe liegen im Dunkeln. Seit einiger Zeit verhindern verschärfte datenschutzrechtliche Bestim­ mungen bei Kleinstberufen die Weitergabe von Details, etwa des Ausbildungsbetriebs, selbst an Forschungsstellen wie dem Bundesinstitut für Berufsbil­ dung (BIBB). Nachhaken geht also nicht. Klar ist dennoch: wenn Berufe sterben, hat das nicht zwingend damit zu tun, dass sich keine Jugendlichen

Ketten verdrängen die Meisterbetriebe Was haben Friseure, Hörgerä­ teakustiker, Optiker, Bäcker, Fleischer oder Kfz­Handwer­ ker gemeinsam? In die­ sen Branchen verdrän­ gen immer mehr Ketten die klassischen Betrie­ be. Der Trend geht zur Filialisierung. Im Bä­ ckerhandwerk ist es besonders krass: Die Zahl der Bäckereibetrie­ be sinkt seit Jahren, Ver­ kaufsstellen von Ketten­ bäckern übernehmen zu­ nehmend den Markt. Ketten wie Kamps und Co, Backshops in Dis­ countern und Selbstbe­ dienungsbäckereien ma­ chen klassischen Kleinbe­ trieben das Leben schwer. Anfang der 1990er Jahre gab es noch rund 26 000 Meisterbetriebe im deut­ schen Bäckerhandwerk, mittlerweile sind es noch knapp 13 200. Der Kunde profi­ tiert von niedrigen Preisen.

Brot und Brötchen schmecken dafür aber immer ähnlicher. Manch einer in der Branche spricht schon vom „Einheits­ brei“ – trotz der Vielfalt bei Brot und Brötchen. Die Konkurrenz ist groß, und Kunden erwarten ein im­ mer umfangreicheres Sorti­ ment. Für einen kleinen Bäcker bedeutet dies, dass er für relativ kleine Mengen immer extra Teig anrühren muss. Weil das kaum lohnt, beziehen viele Betriebe immer größere Teile ihrer Ware als fertige Back­ mischungen über Einkaufsge­ meinschaften, denn der Preis­ druck ist enorm. Großfilialisten lassen Teiglinge teils aus dem Ausland importieren – für we­ nige Cent pro Stück. Für heimi­ sche Betriebe wird es immer schwerer mitzuhalten. Manch kleine Bäckerei hat daher nur eine Perspektive, wenn sie auf Spezialitäten setzt – egal ob Bio oder nicht. Denn dafür kann sie höhere Preise verlangen. imf

Sie gelten als die Radikalinskis im Handwerkssektor. Plattfor­ men wie MyHammer.de, Blau­ arbeit.de oder Jobdoo.de tra­ ten vor Jahren mit einer unerhörten Idee an. Mit soge­ nannten Rückwärtsauktionen, bei denen der Anbieter mit dem niedrigsten Angebot zum Zug kommt, mischten sie ab 2004 die Branche auf – und vermiesten den normalen Handwerkern die Preise. Mitt­ lerweile haben sich alle drei Plattformen, die zusammen mehrere Hunderttausend Handwerkeraufträge im Jahr abwickeln, von dem aggressi­ ven Geschäftsmodell verab­ schiedet. Die Handwerker, die auf den Webseiten Angebote etwa zum Streichen der Woh­ nung abgeben, kennen die Preise des jeweils anderen Be­ triebs nicht mehr. Sie kalkulie­ ren hart, der Kunde wählt das beste Angebot aus. Das war’s. „Man kann es sich nicht mit einer ganzen Branche ver­ scherzen“, heißt es von den Plattformen zu den Beweg­ gründen, auf umgekehrte

Das Tablet als Schaltzentrale: gest euert wird das vernetzte Zuhause über mob ile Geräte und passende Apps.

Die Bürokratie macht den Mindestlohn zum Problem „Zumutung“, „praxisfern“, „schlechter Witz“ – die Worte, mit denen sich die obersten Handwerksfunktionäre der Republik in den vergangenen Monaten in die Mindestlohn­ diskussion einschalteten, über­ treiben die Bedeutung, die das Thema für die Branche hat. Lohnuntergrenzen gibt es im Handwerk nämlich schon seit Längerem viele – zuletzt in insgesamt 14 Handwerksbran­ chen. Zudem wurde in den al­ lermeisten Handwerksberufen schon bisher mehr als die jetzt gesetzlich festgelegten 8,50 Euro pro Stunde gezahlt. Wo das nicht der Fall war – etwa in Wäschereien oder bei Friseu­ ren –, einigten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Vergangenheit auf sogenannte Mindestlohntarifverträge. Sie sehen gestaffelte Lohnerhö­ hungen vor. Spätestens Anfang 2017 müssen die 8,50 Euro pro Stunde erreicht sein. Die Probleme, die das Hand­ werk mit dem Mindestlohn hat, liegen eher in dessen indirek­ ten Wirkungen. Ein Beispiel: bislang war der Zoll für die Kontrollen der Schwarzarbeit,

die besonders im Baugewerbe und bei Gebäudereinigern seit Jahren ein Problem darstellt, verantwortlich. Seit Neu­ estem müssen sich die knapp 7000 Zoll­Kontrolleure aber noch zusätzlich um die Ein­ haltung des Mindestlohns kümmern. Der General­ sekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, warnte denn auch vor einer „Verwässerung“ der Schwarz­ arbeitskontrollen, zumal neu­ este wissenschaftliche Unter­ suchungen nahelegen, dass der Mindestlohn zu einem Anstieg der Schattenwirtschaft im Arbeitsmarkt führt. Ein weite­ res Problem sieht man in Doku­ mentationspflichten, die aus dem Mindestlohn resultieren. Dabei geht es etwa um die Auf­ zeichnung von Arbeitszeiten. Es könne nicht sein, dass sich der Handwerksmeister „mehr um die Arbeitszeiterfassung kümmern muss als um die Akquise von Aufträgen“, sagt ZDH­Präsident Hans Peter Wollseifer. In den nächsten Monaten soll das Gesetz daher nachverhandelt werden. wro

Wer schlau ist, richtet das vernetzte Zuhause ein

ohn – 8,50 Euro Mindestl hon sc es bt im Handwerk gi . en nz re rg te lange Lohnun

mehr finden, die an einer Ausbildung Interesse haben. Immerhin sind es die Firmen selbst, die den Markt beobach­ ten und dann entscheiden, ob sie eine neue Ausbildungsstelle schaffen. Manchmal kommt man da­ bei zu dem Schluss, dass es un­ nötig ist, Fachkräfte weiter vor­ zuhalten. Das war beispielswei­ se beim Wagner der Fall, der heute als ausgestorbener Beruf gilt, dessen frühere Bedeutung sich allerdings noch in einem der gebräuchlichsten Nachna­ men der Republik manifestiert. Grundsätzlich sind die Überlebenschancen für exoti­ sche Gewerke aber gar nicht so schlecht. „In sehr vielen Fällen gibt es einen bestimmten Be­ darf, der nicht unterschritten wird, auch wenn der eigentliche Beruf aus der Mode kommt“, sagt etwa Alexander Legowski,

Sprecher beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Gemeint sind hier Spezialanwendungen sowie Kunst­ oder Luxusbereiche. Der Korbflechter etwa ist durch die Mechanisierung na­ hezu überflüssig geworden. Als Ausbildungsberuf hält er sich aber immer noch, weil es eini­ ge wenige Kunden gibt, die auf besonders feine Stücke Wert legen. Auch die Elfenbein­ schnitzerei oder Silberschmie­ dekunst wird von Liebhabern am Leben gehalten. Andere vermeintliche Exotengewerke wiederum boomen gar und sind für Nachwuchskräfte höchst attraktiv. Als Bootsbauer­ Azubis haben heute oft nur noch Abiturienten eine Chan­ ce. Rund 150 Fachkräfte wur­ den zuletzt pro Jahr wieder ausgebildet. wro

Handwerker­Plattformen: die gezähmten Widerspenstigen

„Wahnsinn, was man jetzt alles machen kann.“ Das ist beim Renovieren immer häufiger zu hören. Und zwar von Hand­ werkern selbst. Elektriker, Sa­ nitär­ oder Heizungsfachleute arbeiten immer häufiger im oder am vernetzten Zuhause, auch Smart Home genannt. Rund zehn Millionen Deut­ sche nutzen zumindest einzel­ ne Anwendungen, so der IT­ Branchenverband Bitkom. Sie steuern zum Beispiel ein Haushaltsgerät fern oder er­ halten eine Warnung auf ihr Handy, wenn der Herd ange­ schaltet bleibt. Etliche wollen in Zukunft programmierbare Rollläden, Thermostate und

Leuchten kaufen. Bei älteren und kranken Menschen sind Assistenzsysteme gefragt, die ihnen den Alltag in ihrer Woh­ nung erleichtern. Wer sich spezialisiert, kann vom neuen Markt profitieren. Denn die Kunden wenden sich zur Beratung oft an die Hand­ werksfirmen selbst. Den Top­ Platz im Smart Home nimmt die Heizung ein – schließlich frisst sie im Schnitt drei Viertel der Energie im Haus. Gefragt sind einfache Zeitregler oder raffinierte Sensoren, die sich per Smartphone steuern las­ sen. Die Kunden wollen Rollläden und Beleuchtung steuern, auch weil dies bei

Abwesenheit Sicherheit vor Einbrüchen verspricht. Doch das Handwerk muss den Interessenten vieles noch schmackhafter machen und Aufklärungsarbeit leisten. Denn vielen gilt ein Smart Home als zu teuer und die Be­ dienung zu kompliziert. Etli­ che sorgen sich auch um ihre Privatsphäre und fürchten Ha­ cker­Attacken über das Inter­ net. Eine Voraussetzung ist aber bereits geschaffen: Allein in diesem Jahr werden in Deutschland geschätzt knapp 25 Millionen Smartphones verkauft. Die Fernbedienung für das vernetzte Zuhause liegt schon bereit. dag Handwerkersuche via Internet: My­ Hammer sieht sich als Marktführer.

Auktionen zu verzichten. Die Plattform MyHammer.de, die sich als Marktführer im deutschsprachigen Raum sieht, ist mittlerweile wie fast alle Konkurrenten eine Mi­ schung aus Branchenverzeich­ nis und Angebotsportal. „Wir sind ein Vermittler, der Kun­ den und Betriebe zusammen­ bringt“, sagt Daniel Dodt von MyHammer.de. Rund eine halbe Million Aufträge stellen Kunden allein hier nach Fir­ menangaben jedes Jahr ein. Die Zahl der Ausschreibungen, aber auch die Angebote seien 2014 um 13 Prozent bezie­ hungsweise um 19 Prozent ge­ wachsen, sagt Dodt. „Wir sind auf einem Wachstumspfad.“ Aktuell schreibt das Unter­ nehmen zwar Verluste, und auch die Umsätze und der Ak­ tienkurs sind zuletzt stark zu­ rückgegangen; Dodt führt das aber auf teure Werbemaßnah­ men in der Vergangenheit und die Umstellung des MyHam­ mer­Geschäftsmodells zurück. 2015 will man wieder in die Ge­ winnzone kommen, bei Kunden

und Handwerkern gewinne man ohnehin weiter an Akzep­ tanz. Das Geschäft über die Por­ tale, zu denen beispielsweise auch die Webseiten Profis.de, Quotatis.de oder die echte Auktionsseite Undertool.de gehören, lohnt sich für Tau­ sende Betriebe offenbar, ob­ wohl man bei der Handwerker­ Spitzenorganisation ZDH nicht gut auf die Onliner zu sprechen ist. Allein bei MyHammer.de sind aktuell knapp 15 000 Handwerker gelistet. Einer der Handwerker dort beschreibt seine Motive gegenüber „Wirt­ schaft in Baden­Württem­ berg“: Fast die Hälfte seiner Umsätze erwirtschafte er mitt­ lerweile über die Internetpor­ tale, sagt Sandor Holpert, der im schwäbischen Ludwigsburg einen Ein­Mann­Betrieb hat. Kunden, die er übers Internet gewonnen habe, blieben ihm übrigens meist treu. „Wenn bei denen irgendetwas kaputt­ geht, rufen die mich einfach wieder an.“ wro

E­Mobilität verändert auch die Arbeit in Kfz­ Werkstätten.

E­Mobilität: der Wandel kommt auch in den Werkstätten an

Fotos: dpa (7), Screenshot

Gebäudereiniger – viele sind aus Osteuropa.

Wirtschaft in Baden-Württemberg 5

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Noch halten sich Privatkäufer bei Elektroautos vornehm zu­ rück. Doch das dürfte sich in den nächsten Jahren ändern. Das Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2020 eine Million reine E­Autos sowie Plug­in­ Hybride mit Batterie und zu­ sätzlichem Verbrennungs­ motor auf die Straße zu brin­ gen, ist nach Ansicht von Experten durchaus erreichbar. Der Wandel unter der Motor­ haube verändert auch die Arbeit in den Werkstätten. Den Wegfall von Arbeit befürchten diese deshalb aber nicht. „Din­ ge wie der Ölwechsel fallen natürlich weg, dafür kommen etwa aufwendigere Prüfungen der Technik hinzu“, sagt Tors­ ten Treiber, Obermeister der Kfz­Innung Region Stuttgart. Die Werkstätten seien es ge­ wohnt, sich immer wieder auf neue Herausforderungen ein­

zustellen. Schon früher seien Servicebereiche weggefallen wie beispielsweise der Einbau von Radios und Lautsprechern. Für die E­Mobilität würden bereits jetzt Mitarbeiter in den Werkstätten fortgebildet. „Um an den Fahrzeugen arbeiten zu dürfen, muss man einen spe­ ziellen Lehrgang gemacht ha­ ben“, sagt Treiber. In den neuen Berufsbildern für Auszubilden­ de sei dies bereits enthalten. Bisher reiche dafür jedoch ein Mitarbeiter pro Betrieb. „Es dauert sicher noch vier bis fünf Jahre, bis wir da gewisse Men­ gen an E­Autos im Feld haben“, sagt Treiber. Außerdem werde die Wartung von Benzin­ und Dieselmotoren noch zehn Jah­ re parallel laufen, sollte sich der Stromantrieb durchgesetzt ha­ ben. Und wer weiß: vielleicht kommt bis dahin noch die Brennstoffzelle hinzu. mig


6 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Ein Riese aus 76 298 Teilen Das Handwerk im Land ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor – mit mehr als 80 Milliarden Euro Umsatz, 76 298 Betrieben und über 700 000 Beschäftigten. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Maschinenbau. Tausende Handwerksbetriebe sind im Land verstreut. Mehr als die Hälfte haben weniger als fünf Beschäftigte. Alle zusammen bieten eine Vielfalt an Berufen – von A wie Augenoptiker bis Z wie Zupfinstrumentenmacher. Unsere Grafik gibt Hinweise, wie schlagkräftig die Branche wo im Land ist. Überblick

Handwerk in Baden-Württemberg

Main-Tauber-Kreis 1025 1,2 10,1

76 298 Handwerksunternehmen Mannheim

82,9 Mrd. Umsatz

1744 1,7 23,2

710 257 Mitarbeiter

Neckar-Odenwald-Kreis 1128 1,0 8,9

Heidelberg 647 0,7 7,3

Mitarbeiter nach Landkreisen mehr als 30 000

Rhein-Neckar-Kreis 20 000 – 29 999

3863 2,8 28,2

10 000 – 19 999

Hohenlohekreis

3422 2,8 25,5

Zahl der Unternehmen

Kreis Heilbronn

Stadt Karlsruhe 1660 2,0 16,4

Schwäbisch Hall 1692 3,2 17,6

Enzkreis

Rastatt

1627 1,4 12,6

Pforzheim 715 0,8 7,9

1452 1,7 13,5

Ludwigsburg 3367 3,4 31,0

Rems-Murr-Kreis

Calw Böblingen

1304 1,2 10,2

Ostalbkreis

3293 4,3 34,2

Stuttgart 3050 3,2 29,2

Baden-Baden 369 0,3 2,9

824 1,4 9,3

2909 3,5 27,5

Umsatz in Milliarden Euro Mitarbeiter in Tausend

844 1,0 8,6

Stadt Heilbronn

Kreis Karlsruhe

weniger als 10 000

Esslingen

2141 2,2 20,4

2197 2,5 21,1

Göppingen

3624 3,4 31,6

Heidenheim

1927 2,0 16,7

868 0,7 8,0

Freudenstadt 1022 1,4 10,1

Ortenaukreis 2914 4,2 34,7

Tübingen 1377 1,2 11,4

Alb-Donau-Kreis Reutlingen 2276

23,9

Ulm 570 1,2 8,8

Zollernalbkreis

Rottweil

1789

1159 1,1 9,3

Emmendingen

3,1

1486 1,8 13,6

2,7

19,1

1301 1,3 11,3 Schwarzwald-Baar-Kreis

Freiburg

1483

1118 1,5 10,5

1,3

11,9

Biberach

1,8

1161 1,9 13,6

16,4

1888 1,5 15,9

Lörrach Waldshut 1312

14,6

1230 1,2 10,3

Ravensburg

Konstanz

1470 1,3 11,7

1,9

Sigmaringen

Breisgau-Hochschwarzwald 2081

1417

Tuttlingen

1,4

11,7

Quelle: Statistisches Landesamt, Handwerkszählung 2011, zulassungspflichtiges und -freies Handwerk (ohne handwerksähnliche Gewerke), nur Betriebe mit mindestens 17 500 Euro Jahresumsatz

Bodenseekreis 1448 1,0 10,5

Infografik: Manfred Zapletal

2104

2,1

19,6


Wirtschaft in Baden-Württemberg 7

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Langsame Daten, abgehängte Wirtschaft Viele Betriebe in abgelegenen Landesteilen sind mangelhaft versorgt mit schnellen Internetleitungen. Von Walther Rosenberger Breitband

D

ie Rückläufe der Umfrage der Kreishandwerkerschaft Orte­ nau zum Thema Internetver­ sorgung lesen sich wie Berichte aus einem Entwicklungsland. Über „ständige Internetstörungen“ und eine „ganz miserable Geschwindigkeit“ klagt etwa ein genervter Holzbauer aus Oberkirch bei Offenburg. Der Chef eines Metallverarbeiters aus dem beschaulichen Sasbach nahe Baden­Baden berichtet, er sei wegen einer völlig unzureichenden Lei­ tung nun gezwungen, auf eine teure Mobil­ funkverbindung auszuweichen. Und ein Malerbetrieb aus einem Vorort der badi­ schen Gemeinde Lahr erwähnt „ständige Probleme“, weil die Verbindung nach draußen „zu schwach“ sei. Man sitze zwar auf dem Land, aber wohl doch sicher nicht „auf dem Mond“, merkt der Handwerker bit­ ter an. Andere Berufskolle­ gen sehen gar das „Ausblu­ ten von Seitentälern, ge­ werblich und privat“ in nicht mehr allzu weiter Fer­ Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth ne, und wieder andere be­ merken ziemlich verdros­ „Heimat, High Tech, sen: „Arbeiten macht so kei­ High Speed, das will ich ne Freude mehr.“ für unser Land.“ Drohen die ländlichen Räume Baden­Württem­ Winfried Kretschmann, Ministerpräsident bergs – und damit die dort verwurzelten Menschen und Betriebe – von den immer wichtiger wer­ denden weltweiten Datenströmen abgena­ belt zu werden? Tatsache ist, dass es mit dem Aufbau einer leistungsstarken IT­Wirtschaft und ­Infrastruktur in Deutschland langsamer vorangeht, als die Sonntagsreden von Poli­ tikern glauben machen wollen. Im aktuel­ len Monitoring­Report „Digitale Wirt­ schaft“ der Bundesregierung, der 14 starke Industriestaaten in Sachen IT­Stärke ver­ gleicht, landet die Bundesrepublik zwar auf dem fünften Platz, die eigentlich schmei­ chelhafte Wertung relativiert sich aller­ dings, wenn es ans Eingemachte geht: Am für die Wirtschaft besonders bedeutenden Ausbau leistungsfähiger Datennetze hapert es nämlich. Nirgends sonst in Europa sind beispielsweise prozentual so wenige Glas­ faserleitungen verlegt wie hierzulande.

WENN DER MARKT VERSAGT Privat gegen Staat Gerade ländli­ che Regionen leiden unter einer oft unzureichenden Versorgung mit schnellem Internet. Besonders in dünn besiedelten Gebieten lohnt sich für kommerzielle Anbieter der Ausbau von starken Datenleitun­ gen nicht. Wenn die Erschließung nicht vorangeht, heißt das aber noch lange nicht, dass der Staat automatisch mit eigenen Mitteln einspringen darf. „Erst muss er Marktversagen nachweisen“, wie Steffen Jäger vom Gemeindetag

Baden­Württemberg sagt. Grund ist EU­Beihilferecht, das staatli­ chen Subventionen in Europa enge Grenzen setzt. Erst wenn Bedarf nachgewiesen wird und die Privat­ wirtschaft 36 Monate lang untätig bleibt, können Landesgelder flie­ ßen, um die Gebiete aus ihrem informationellen Dämmerschlaf zu erwecken. Zuletzt flossen so in Baden­Württemberg nach Anga­ ben des Landwirtschaftsministe­ riums 13,6 Millionen Euro Landes­ geld in den Breitbandausbau. wro

Das in der Digitalen Agenda der Bundes­ regierung im August 2014 formulierte Ziel, Deutschland bis 2018 flächendeckend mit schnellen 50­Mbit­Leitungen zu versorgen, gilt international als wenig ambitioniert. Viele Nachbarstaaten jedenfalls sind weiter. Vier Fünftel aller Schweizer surfen in ihren Alpentälern schon heute mit 50 Mbit pro Se­ kunde. Jenseits des Rheins rüsten die Fran­ zosen gerade auf, und in den Niederlanden kommen nahezu alle Haushalte bereits seit 2013 in den Genuss des doppelten Daten­ Speeds. Dänemark plant die 100 Mbit pro Sekunde bis 2020 sogar flächendeckend. Kein Wunder, dass speziell die Wirt­ schaft in den besonders wettbewerbsinten­ siven Grenzregionen zur Schweiz und zu Frankreich aufjault. Das diffuse Grummeln des Berufsstandes, das nicht nur in den ab­ geschiedenen Seitentälern des Schwarz­ waldes zu hören ist, hat der Baden­Würt­ tembergische Handwerkstag (BWHT) in einer Umfrage im Frühjahr 2014 genauer zu deuten versucht und dazu 1500 Betriebe quer durchs Land befragt. Fazit: nur rund ein Drittel der Bran­ chenbetriebe, die mit einem Jahresumsatz von gut 80 Milliarden Euro und weit über 700 000 Beschäftigten ein Rückgrat der Südwest­Wirtschaft darstellen, sind mit der Internetversorgung rundum zufrieden. Insgesamt 40 Prozent klagen über Daten­ Bummelbahnen oder befürchten, aufs informationelle Abstellgleis geschoben zu werden. „Es besteht Handlungsbedarf“, fasst Stefan Schütze, Abteilungsleiter Wirt­ schaftspolitik und Statistik des BWHT, die Lage zusammen.

Im Vergleich zu anderen Bundesländern steht Baden­ Württemberg ganz gut da In der von hoher Wirtschaftskraft geprägten Metropolregion Rhein­Neckar sehe es noch am besten aus, sagt Schütze. Im Kammer­ bezirk Mannheim verfügten immerhin knapp die Hälfte der Firmen über High­ Speed­Internet. In den von ländlichen Regionen dominierten Bezirken Freiburg, Konstanz, Reutlingen und Ulm sei der Nachholbedarf dagegen besonders hoch. Gerade mal ein Drittel der befragten Hand­ werker gab in der BWHT­Umfrage an, über sehr schnelle Internetzugänge zu verfügen. Das Versenden von Bauplänen, Dokumenta­ tionen oder CAD­Dateien gerät hier zur zeitraubenden Zitterpartie. Vereinzelt ste­ hen bei besonders internetabhängigen Handwerksbetrieben bis zu 30 Prozent der Umsätze im Feuer, haben die Studienauto­ ren herausgearbeitet. Klar, dass das Thema Internetanbindung zum Reizwort taugt. Dabei steht Baden­Württemberg verglichen mit den übrigen Bundesländern eigentlich noch gut dar. Die größten Versorgungspro­ bleme gebe es im Osten Deutschlands, heißt es vom IT­Branchenverband Bitkom. Im Vergleich dazu rangiere der Südwesten der Republik seit Jahren sogar „weit vorne“. „Ganz vorne“, sagt die Stuttgarter Lan­ desregierung. Sie schreibt sich auf die Fah­ nen, seit 2011 – dem Amtsantritt von Grün­

Schnelle Datenleitungen, hier die Querschnitte von Spezialkabeln, sind für Betriebe wichtig – etwa beim Versenden von Bauplänen und Dokumentationen. Doch daran hapert es in vielen ländlichen Regionen. Foto: dpa Rot – die Zahl der „weißen Flecken“ zwi­ schen Konstanz und Heidelberg von 700 auf 200 gesenkt zu haben. Als weiße Fle­ cken bezeichnet man Gebiete, in denen es fast ebenso viel Sinn machen würde, die Daten per Rauchzeichen zu übertragen, als sie via Datenleitung zu verschicken. Oder technisch ausgedrückt: Datenraten von 2 Mbit pro Sekunde und weniger. Was das Land sich auf die Fahnen schreibt: Strea­ ming von hochauflösenden Videos sei mitt­ lerweile bei über 70 Prozent aller Verbrau­ cher landesweit drin, wie ein Sprecher des für den Datenverkehr zuständigen Minis­ teriums für Ländlichen Raum und Ver­ braucherschutz (MLR) in Stuttgart sagt. Gerade private Kabelnetzbetreiber hätten in den vergangenen Jahren viel investiert. Tatsächlich ist das Thema oben auf der politischen Agenda. In einer Regierungs­ erklärung Ende Oktober vergangenen Jah­ res beschwor Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) den Umbau Baden­ Württembergs zur Digitalwirtschaft als existenziell für den Standort. „Heimat, High Tech, High Speed“, ließ der MP ver­ lauten, sei der ihm vorschwebende Drei­ klang des Regierungshandelns. Das wolle

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2 3 . A P R I L 2 015

man, dafür arbeite man. Folgerichtig sieht der aktuelle Doppelhaushalt Baden­Würt­ tembergs eine Verdreifachung der Mittel für den Breitbandausbau vor. Knapp 32 Millionen Euro pro Jahr an Landes­ mitteln sollen zukünftig jährlich in die Netzertüchtigung fließen.

Das Handwerk ist auf dem flachen Land ein wichtiger Arbeitgeber Im Handwerk erkennt man die Bemühun­ gen an, blickt aber auch mit Neid nach Bay­ ern. Dort hat die Landesregierung bis 2018 jährlich 300 Millionen Euro für schnellere Datennetze bewilligt. In Summe will der Freistaat 1,5 Milliarden Euro investieren. Allerdings rangiert Bayern – das über die doppelte Landesfläche wie Baden­Würt­ temberg verfügt – in Sachen Internet­ infrastruktur unbestritten auch hinter sei­ nem westlichen Nachbarn. Dennoch täte ein größerer Schluck aus der Finanz­Pulle auch den hiesigen Betrie­ ben gut, meint Fachmann Schütze vom BWHT. „Das Handwerk sichert die Be­ schäftigung auf dem flachen Land“, sagt er. Auch das sei ein Standortvorteil.

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8 Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Handwerk wächst auf grßnem Boden Der Umstieg der Republik auf erneuerbare Energien, gedämmte Häuser und effiziente Heizsysteme hat im Handwerk fßr einen Job­Boom gesorgt. Und er treibt die Innovationsfreudigkeit der oft als piefig gebrandmarkten Branche an. Von Ingo Leipner Energiewende

W

enige Branchen profitie­ ren so stark von der Energiewende wie das Handwerk. Einzelne Gewerke erwirtschaften schon ein Drittel ihrer ErlĂśse mit nachhal­ tigen Technologien und Dienstleistungen – und sie treiben die Entwicklung mit neuen Erfindungen an. „Gerade im vergangenen Dezember ha­ ben wir ein europäisches Patent angemel­ det“, sagt Manfred Lutz, Chef des gleich­ namigen Fachbetriebs fĂźr Sonnenschutz aus dem Remstal. Seit 33 Jahren ist sein Urbacher Unternehmen in der Rollladen­ Branche aktiv. Und das Patent? „Wir haben ein Befesti­ gungssystem fĂźr Markisen entwickelt, geeignet fĂźr stark gedämmte Gebäude“, erklärt der Diplomingenieur. Das Pro­ blem: eine AuĂ&#x;enwand wird mit einer bis zu 30 Zentimeter dicken Dämmung ausgekleidet. Wie lässt sich dann an dieser Wand eine Markise „Im Bestand von Gebäuden befestigen? Bis zur schlummert ein Energie­Sparriese.“ massiven Wand ist es ein „weiter Weg“, Bernd Kappenstein, die Hebelkräfte sind Energieexperte groĂ&#x;, wenn Wind an der Markise zerrt. „DafĂźr haben wir eine LĂśsung gefunden“, sagt Lutz, „ein deut­ sches Patent haben wir bereits 2013 bekommen.“ Markisen und Jalousien, die die Ener­ gieeffizienz erhĂśhen und einen Beitrag zur Energiewende leisten? So abwegig ist das nicht, auch wenn viele BĂźrger in Sachen GrĂźner Wende erst einmal an Windräder oder weniger Heizen im Win­ ter denken. Doch der Fachbetrieb aus Urbach hilft. Das System helfe, viel KĂźhlenergie im Sommer einzusparen, sagt Fachmann Lutz. Gut verschattete Gebäude verbrauchten deutlich weniger Strom, um Klimaanlagen zu betreiben. So lasse sich die Energie­ effizienz steigern, was genauso wichtig sei

wie der Ausbau erneuerbarer Energien. Das sehen auch andere Experten so. „Im Bestand von Gebäuden schlum­ mert ein Energie­Sparriese“, sagt Bernd Kappenstein. Kappenstein leitet die zur Metropolregion Rhein­Neckar GmbH ge­ hĂśrende Abteilung „Energie und Um­ welt“. „Wer Keller oder Fassade isoliert, das Dach neu eindeckt oder Fenster er­ neuert, schafft automatisch Aufträge fĂźr die heimische Wirtschaft“, so der Abtei­ lungsleiter – und besonders fĂźr das Hand­ werk. „In den nächsten 10 bis 15 Jahren durchlaufen ungefähr 35 Prozent aller Gebäude ihren ersten Sanierungszyklus, weil sie in den 1950er oder 1960er Jahren gebaut worden sind.“ 80 Prozent aller Bestandsgebäude seien älter als 25 Jahre. 10 von 17 Millionen Heizungsanlagen sind in Privatgebäuden installiert, davon sind sechs Millionen dringend zu erneu­ ern, so Kappenstein. Das sind Zahlen fĂźr ganz Deutschland. Aber auch vor seiner HaustĂźr sieht Kap­ penstein „ein sehr groĂ&#x;es Potenzial“: „In der Metropolregion Rhein­Neckar stehen rund 500 000 Gebäude, darunter sind et­ Die roten Stellen im Wärmebild zeigen, wo Heizwärme verloren geht . wa 250 000 Ein­ und Zweifamilienhäu­ ser, die in der Nachkriegszeit entstanden sind – lange vor der aktuellen Wärme­ gie – und bis 2020 werden 35 000 zusätz­ zur Wartung und Instandhaltung. Hand­ schutzverordnung.“ Wer ein Haus vollstän­ liche Arbeitsplätze erwartet. So wird die werker installieren erneuerbare Energie­ dig saniere, kĂśnne bis zu 85 Prozent der Energiewende zu einem Jobmotor. quellen und optimieren ihre Nutzung, in­ Energie einsparen. „Das schont den Geld­ Das liegt an zwei Trends, die sich Ăźberla­ klusive der nĂśtigen Speichertechnologie. beutel und ist ein wirklicher Beitrag zum gern: „Seit der Finanzkrise haben wir eine Der BWHT spricht von „beeindruckenden Klimaschutz“, so Kappenstein. Flucht in die Immobilie“, sagt Sonnen­ Impulsen“ fĂźr energietechnische Gewerke: Eine Win­win­Situation fĂźr BĂźrger und schutz­Experte Lutz. Hinzu kommt der Um­ „Ein durchschnittlicher SHK­Betrieb er­ Handwerk: „Im Jahr 2009 konnten 4440 bau der deutschen Energieversorgung. „So wirtschaftet 25 Prozent seines Jahres­ Arbeitsplätze im baden­wĂźrttembergi­ machen wir bereits 30 bis 50 Prozent unse­ umsatzes mit erneuerbaren Energien. FĂźr schen Handwerk den erneuerbaren Ener­ res Umsatzes im Segment Rollläden und einen Elektrobetrieb machen die erneuer­ gien zugerechnet werden, rund 9900 Be­ Markisen“, erklärt der Diplomingenieur. baren Energien im Mittel 30 Prozent seines triebe boten Dienstleistungen in diesem AuĂ&#x;erdem bietet sein Fachbetrieb Fenster, Jahresumsatzes aus.“ Die AbkĂźrzung SHK Bereich an“, stellt ein energiepolitisches HaustĂźren oder Terrassendächer an. steht fĂźr „Sanitär, Heizung, Klima“. Positionspapier fest, das der Baden­WĂźrt­ Der BWHT hat genau beschrieben, auf Trotz dieser Vorteile verweist der tembergische Handwerkstag (BWHT) ver­ welchen Stufen der WertschĂśpfung das BWHT auch auf die andere Seite der Me­ Ăśffentlicht hat. Dann gab es einen groĂ&#x;en Handwerk von der Energiewende profi­ daille: Das Handwerk sei von Kosten be­ Sprung: 2011 beschäftigten sich bereits tiert: Das beginnt bei der Energieberatung troffen, „die sich durch die ErhĂśhung der 43 300 Mitarbeiter mit erneuerbarer Ener­ und geht weiter Ăźber die Produktion bis hin Strompreise und notwendige Investitionen in EnergieeffizienzmaĂ&#x;nahmen im eige­ nen Betrieb abzeichnen.“ Und mancher kleine Betrieb ist nicht glĂźcklich, wie die Landesregierung ihre FĂśrderpolitik betreibt. Sie hat 2013 die Weichen gestellt, um das Erneuerbare­ Wärme­Gesetz (EWärmeG) zu verschär­ fen. Der Pflichtanteil erneuerbarer Energie bei der Wärmeversorgung von Häusern und Nicht­Wohngebäuden soll sich von 10 auf 15 Prozent erhĂśhen, und zwar beim Heizungsaustausch. Alte Heizsysteme las­ sen sich durch Solarthermie, Pelletheizun­ gen oder Wärmpumpen ersetzen. Harald Feist schildert das Problem: „Es Die Wirtschaftszeitung der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten fĂźr Stuttgart und die Region wird bei solchen Anforderungen fĂźr kleine­ re Betriebe schwieriger, ihre Leistungen zu verkaufen.“ Feist ist Stuckateur­Meister, Bauleiter und Energieberater. Er leitet die Rund­ums­Haus­GmbH in Bad Friedrichs­ „Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg“ geht Ăźber das umfanghall. Ihr Schwerpunkt liegt auf der energeti­ reiche Wirtschaftsangebot der Stuttgarter Zeitung und der schen Sanierung, die bei einer Renovierung Stuttgarter Nachrichten hinaus und bietet durch die umfassende oder Modernisierung fällig wird, sowie beim Aufbereitung von Schwerpunktthemen noch mehr Orientierung Aus­ und Umbau der Immobilie. Das Kon­ neben den täglich wechselnden Schlagzeilen. zept: alle Leistungen aus einer Hand. Ob Fliesenleger, Dachdecker oder Maler – Feist Holen Sie sich jetzt die Erstausgabe fĂźr 3,20 â‚Ź am Kiosk! bietet diese Gewerke gebĂźndelt an, damit der Kunde bei einer Sanierung keine Einzel­ Oder bestellen Sie eines unserer attraktiven Pakete: aufträge vergeben muss. Hinzu kommt ein | 5 x „Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg“ fĂźr 15 â‚Ź Service rund um die FĂśrdermĂśglichkeiten, die es in den Bereichen Energieeffizienz und | 10 x „Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg“ fĂźr 28 â‚Ź erneuerbare Energien gibt. Daher sieht der Stuckateur­Meister einen | 20 x „Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg“ fĂźr 52 â‚Ź weiteren Schwachpunkt der Energiepolitik: | 50 x „Wirtschaft in Baden-WĂźrttemberg“ fĂźr 99 â‚Ź „Die verschiedenen FĂśrdermodelle und ­be­ dingungen ändern sich ständig, nur wenige        www.wirtschaft-in-bw.de Betriebe kĂśnnen da auf dem neuesten Stand bleiben.“ Feist wĂźnscht sich mehr und besse­ re Informationen, etwa zum Ablauf der FĂśr­ dermaĂ&#x;nahmen. Seine Kritik: „Hier fehlt die UnterstĂźtzung der Landesregierung.“

Foto: dpa

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anlagen, Effizienzsanierungen von Häusern oder die Aus­ stattung von Gebäuden mit Smart­Home­Technologien. Die Aufgaben Die Kosten fßr Energie, die in Gebäuden sowohl in den Haushalten als auch in der Wirtschaft anfal­ len, belaufen sich nach aktu­ ellen Daten der Deutschen Energieagentur (Dena) in Deutschland auf ßber 80 Mil­

liarden Euro pro Jahr. Davon entfallen rund 50 Milliarden Euro auf die Raumwärme und je rund 15 Milliarden Euro auf Warmwasser und auf die Be­ leuchtung. Insgesamt entfal­ len 38 Prozent des Endener­ gieverbrauchs Deutschlands auf den Gebäudebereich. Somit ist die Modernisierung von Gebäuden eines der wich­ tigsten Stellräder der Energie­ wende. wro


Wir Wirtschaft tschaft & Karriere

März 2015

9

Der Ton macht die Musik Viele Konfliktsituationen in Unternehmen sind hausgemacht. Im schlimmsten Fall müssen Vorgesetzte mit ihren Mitarbeitern schwierige Gespräche führen. Der Umgang mit Emotionen spielt dabei eine wichtige Rolle. Von Stefanie Köhler Mitarbeitergespräche

F

ünf Abteilungsleiter kämpfen bei viele. Personalmanager Gölzner teilt sie in der Ressourcenverteilung um zwei zwei Kategorien ein. Einmal sind es Anläs­ Stellen. Jeder Abteilungsleiter soll se, die am Mitarbeiter liegen. Das können dem Vorgesetzten erläutern, wa­ Probleme mit der Leistung sein, weil der rum gerade er eine Stelle erhalten Mitarbeiter aus Sicht des Unternehmens soll. Klar ist: am Ende werden nicht alle ineffizient oder nicht produktiv genug zufrieden sein mit der Entscheidung des arbeitet, oder zwischenmenschliche Pro­ Arbeitgebers. Trotzdem schafft dieser es, bleme, wegen Spannungen im Team oder dass seine Mitarbeiter den Entschluss weil ein Angestellter einen anderen mobbt. nachvollziehen können und nicht gefrustet Andererseits können die Gründe für Ge­ sind. Und mehr noch: sie bringen sogar Ver­ sprächsbedarf am Unternehmen liegen. ständnis für ihn auf. Eine Firma erleidet Umsatzeinbrüche und Herbert Gölzner, Professor für Human muss Mitarbeitern kündigen oder sie ver­ Resource Management & Leadership an setzen. Möglich ist auch, dass eine Firma der Fachhochschule Salzburg und Mitbe­ verkauft wird oder Ressourcen gekürzt gründer des Employer Branding Institute oder erhöht werden. in Stuttgart und Salzburg, gehörte einst zu „Den Arbeitnehmer kann man jederzeit den Abteilungsleitern, die eine halbe Stelle zu einem dienstbezogenen Gespräch holen, zugewiesen bekamen. Aus Gölzners Sicht um zum Beispiel Fehler zu besprechen und hat der Chef mehrere Dinge richtig ge­ mehr Leistung von ihm zu fordern“, sagt macht. Er hat über seine Gefühle geredet der Stuttgarter Anwalt für Arbeitsrecht, („Mir ist die Entscheidung schwergefal­ Ralf Fuhrmann. Im Bereich des Verhaltens, len“), zugleich hat er die Gefühle der be­ also wenn Mitarbeiter sich nicht kollegial troffenen Mitarbeiter angesprochen („Ich verhalten, sei der Arbeitgeber dagegen weiß, dass einige mit der Situation unzu­ verpflichtet einzugreifen. „Der Arbeitgeber frieden sind“). Drittens hat der Vorgesetzte hat eine Fürsorgepflicht. Leidet ein trotzdem basierend auf seinen Mitarbeiter unter dem Ver­ Werten und Zielen gehandelt halten eines anderen, muss er („Fakt ist aber, dass wir eine das prüfen und, falls nötig, neue Ausrichtung brauchen. Abhilfe schaffen.“ Deshalb verteile ich die Stel­ Experten bezeichnen Ge­ len folgendermaßen“). spräche zwischen Mitarbei­ Die eigenen Emotionen tern und Vorgesetzen als wie die des Gesprächspartners kurzfristig geschaffenen zu thematisieren, ist Teil einer Raum, in dem Führung und Foto: privat emotional intelligenten Füh­ Feedback stattfinden sowie rung. Laut Gölzner setzen „Der Arbeitgeber wichtige Fragen geklärt wer­ Firmen sie zunehmend um. kann den den. Grundsätzlich sollten Ziel ist es, im Gespräch Reso­ Führungskräfte sich Gedan­ nanz zum Mitarbeiter herzu­ Arbeitnehmer ken über das – realisierbare – stellen: Er fühlt sich wertge­ jederzeit zu einem Ziel des Gesprächs machen. schätzt, verstanden, ist moti­ dienstbezogenen Wollen sie Mitarbeiter moti­ viert und setzt Dinge wie die vieren? Oder ermahnen? gewünschte Verhaltensände­ Gespräch holen.“ Ohne Ziel führt ein Gespräch rung um. Die Gesprächspart­ Ralf Fuhrmann, ins Nichts und endet für beide ner suchen Lösungen, sie sind Anwalt für Arbeitsrecht Seiten unbefriedigend. Eine nicht auf Abwehr oder Kon­ gute Vorbereitung ist also un­ frontation aus. „Dieser Führungsstil, bei erlässlich. Dazu gehört, dass Führungskräf­ dem der Umgang mit Emotionen eine gro­ te entsprechende Informationen einholen ße Rolle spielt, ist relativ neu für Firmen, oder recherchieren, wie das Unternehmen hält aber langsam Einzug“, sagt Gölzner ähnliche Probleme bisher gelöst hat. und nennt Coca­Cola und Google als Bei­ Die Personalentwicklerin Christa Holl­ spiele. Viele Führungskräfte seien es nicht mann hat verschiedene Eskalationsstufen gewohnt, Emotionen zu zeigen. Sie verbän­ herausgearbeitet. Sie rät Führungskräften, den das mit Schwäche und handelten lieber sich besonders bei kritischen Gesprächen faktenorientiert, nüchtern. Dass dabei klarzuwerden, auf welcher Stufe sie stehen. Emotionen außen vor bleiben, sei aber ein Im Motivationsgespräch gibt man Mit­ Trugschluss, sagt Gölzner. „Alles Handeln arbeitern positives Feedback. Daneben oder Verhalten basiert auf Emotionen. Es werden Leistungsschwächen hinterfragt ist nur fachlich verpackt.“ Veränderungen und Aspekte eliminiert, die die Motivation in Organisationen etwa passierten im hemmen. Helfen mehrere Motivations­ Wesentlichen emotional. gespräche nicht, folgt ein Kritikgespräch. Gründe für schwierige Gespräche mit Darin vereinbart man mit dem Mitarbeiter Mitarbeitern gibt es für Führungskräfte konkrete Verhaltensänderungen – außer er

EMOTIONAL INTELLIGENT FÜHREN Innere Grundhaltung und Einstellung Vor einem schwierigen Gespräch soll­ ten Führungskräfte sich ihrer Grund­ einstellung gegenüber dem Mitarbei­ ter bewusst werden. Diese sollte posi­ tiv sein, um das Gespräch konstruktiv führen zu können, sagt Herbert Gölz­ ner, Professor für Human Resource Management & Leadership an der Fachhochschule Salzburg. „Man muss den Mitarbeiter unabhängig von seiner Leistung als Menschen wahrnehmen“, so Gölzner, der auf die Devise „Weich zur Person, hart zur Sache“ setzt: Per­ son und Sache seien zwei unterschied­ liche Dinge. Wer der Person weich gegenübersteht, kann die Sache, etwa das Verhalten, umso härter angehen, weil das einen Ausgleich schafft. Eine positive Haltung lässt sich lernen, sagt Gölzner. Als Beispiel zieht er das Bild eines Obdachlosen heran, der zur Führungskraft ins Zimmer kommt: sieht man die fehlenden Zähne oder den einen Zahn, der gut erhalten ist? Sichtweise Auch die Sichtweise auf die kommende Situation spielt eine wich­

tige Rolle. Gölzner rät Führungskräften, immer die gesamte Situation im Auge zu behalten und sich nicht nur auf den Mangel des Mitarbeiters zu konzen­ trieren. Hier gilt es, das Glas als halbvoll zu sehen, nicht als halbleer. Außerdem ist es wichtig, Meinungsunterschiede zuzulassen, sagt Gölzner. Führungs­ kräfte sollten akzeptieren, dass sie und der Mitarbeiter verschieden sind. Das Ziel ist es, sich in den Mitarbeiter hineinzuversetzen, sich auf ihn und seine Emotionen einzulassen, diese zu kommunizieren und zu reflektieren. Zugleich sollte die Führungskraft die eigenen Emotionen benennen. „Dabei darf man aber nicht vergessen, auf Basis der eigenen Werte und Ziele zu handeln“, sagt Gölzner. Gesprächstechniken Führungskraft und Mitarbeiter können sich zwar über Begriffe wie Effizienz und kollegiales Verhalten unterhalten, doch sie müs­ sen nicht unbedingt dasselbe darunter verstehen. Wichtig für ein gemein­ sames Ziel ist deshalb, ein gemein­ sames Verständnis zu schaffen. Das

geschieht mit einem Austausch und Rückfragen: Was verstehen Sie da­ runter? Welche Aspekte gehören für Sie dazu? Zudem sollte man Vorwürfe vermeiden und stattdessen Wünsche als Ich­Botschaften formulieren, sagt Gölzner: „Herr Schmidt, ich möchte, dass Sie künftig pünktlich zur Arbeit erscheinen“, nicht „Herr Maier, Sie sind unverschämt und unpünktlich“. Kritik äußert man am besten, nach­ dem man eine positive Eigenschaft genannt hat. „Wer einen Satz positiv beginnt, kann die Kritik klarer äußern. Allerdings sollte das Positive der Wahrheit entsprechen“, sagt Gölzner. Mitarbeitertyp erkennen Gölzner unterscheidet zwischen Mitarbeitern, die man fördern, und solchen, die man fordern muss. Zu fördernde Typen reden gern über private Angelegenhei­ ten. Mit ihnen können Führungskräfte sich auf die Beziehungsebene bege­ ben. Zu fordernde Mitarbeiter sind dagegen leistungsorientiert. Sie ver­ schweigen Privates und lassen sich mit Leistungsanforderungen motivieren. sk

Manch ein Chef würde unliebsame Mitarbeiter am liebsten im hohen Bogen hinauskomplimentieren. Doch bevor es dazu kommt, haben Chefs andere Möglichkeiten, auf eine Verhaltensänderung hinzuwirken. Illustration: Ernst Mattiello hat sich gravierende Fehler geleistet. Dann fallen Motivationsgespräche weg. Verän­ dert ein Mitarbeiter sein Verhalten nicht, ist ein Konfliktgespräch nötig. Hier kann der Vorgesetzte zugleich eine Ermahnung aussprechen, die als Vorstufe der Abmah­ nung gilt. Im Abmahnungsgespräch selbst müssen Führungskräfte deutlich machen, dass das Arbeitsverhältnis gefährdet ist. Spätestens jetzt müssen sie exakt ihre Er­ wartungen an den Mitarbeiter formulie­ ren. „Arbeitgeber sollten deutlich machen, wo ihre Toleranzschwelle liegt“, sagt Fuhr­ mann. Andernfalls nehmen Mitarbeiter Abmahnungen nicht ernst – und müssen das rechtlich gesehen auch nicht unbe­ dingt. Wieso sollte nach der dritten Abmahnung nicht die vierte kommen? Protokolle helfen, Gespräche und Er­ gebnisse zu bewerten oder Schritte zu ver­ einbaren, um Ergebnisse umzusetzen. Die schriftliche Dokumentation des Abmah­ nungsgesprächs ist umso wichtiger, da eine einzige Abmahnung je nach den Umstän­ den des Einzelfalls reichen kann, um eine Kündigung auszusprechen, sollte der Mitarbeiter sein inakzeptables Verhalten wiederholen. Das muss der Arbeitgeber im Gespräch klar hervorheben. „Außerdem muss er den Sachverhalt konkret beschrei­ ben und die Pflichtverletzung benennen. Arbeitgeber sind immer in der Beweis­ pflicht“, sagt Anwalt Fuhrmann. Abge­ mahnt werden in der Regel lediglich verhaltensbedingte Gründe, das heißt, wenn der Mitarbeiter Anforderungen nicht erfüllen will. Kann ein Beschäftigter aus personenbedingten Gründen wie Krank­ heit Anforderungen nicht erfüllen, muss der Arbeitgeber das aber auch nicht auf Dauer hinnehmen, sagt Fuhrmann. Personalmanager Gölzner empfiehlt eine schrittweise Gesprächsführung mit mehreren Treffen. „Dabei ist es wichtig, für das jeweils nächste Gespräch konkrete Zie­ le zu vereinbaren.“ Ob der Vorgesetzte hin­ terher in einer E­Mail an den Mitarbeiter das Gespräch zusammenfasst, bleibe zwar

ihm überlassen, jedoch: „So übernehme ich mehr Verantwortung für den Prozess. Die Frage ist, ob ich als Führungskraft das möchte“, sagt Gölzner. Aus Sicht von Fuhr­ mann können beide Parteien die Zielver­ einbarungen auch formalisieren, indem jeder unterschreibt. Den Mitarbeiter vorher über den Inhalt des Gesprächs zu informieren, sehen die Experten kritisch. „Sobald ich den Inhalt ankündige, bin ich schon mitten im Ge­ spräch“, sagt Gölzner. Anders sieht es laut Fuhrmann aus, wenn der Arbeitgeber etwa ein Anhörungsgespräch vor einer Ver­ dachtskündigung plant. „Der Mitarbeiter braucht Gelegenheit zur Stellungnahme, schriftlich oder im Gespräch.“ Schwierige Gespräche empfinden Füh­ rungskräfte meist als unangenehm. Doch wer schwierige Gespräche schlecht führt oder meidet, der riskiert Demotivation im Unternehmen. Mitarbeiter benötigen Rückmeldung, auch negative. Bleibt sie aus, verspielt der Arbeitgeber Möglichkeiten zu Veränderungen. Zudem kann bei Kollegen der Eindruck entstehen, dass unkollegiales Verhalten oder schlechte Leistungen keine Folgen haben. Umgekehrt halten Experten regelmäßi­ ge Mitarbeitergespräche für sinnvoll. Je­ doch finden diese seltener statt als nötig. „Die Gespräche sollten eine Motivations­ funktion haben“, sagt Fuhrmann. Beschäf­ tigte fühlten sich besser mitgenommen, wenn sie Feedback erhalten oder ihre Mei­ nung sagen dürfen. Darüber hinaus sind viele Probleme mangels frühzeitiger und offener Gespräche hausgemacht. „Mit­ arbeitergespräche schützen vor Eskalation und Kündigung“, sagt Personalmanager Gölzner. Er stellt fest, dass Führungskräfte Probleme zwar oft und schnell erkennen oder ein ungutes Gefühl haben, sich aber scheuen, Dinge anzusprechen. Im schlimmsten Fall entlädt sich der Frust irgendwann einmal mit geballter Ladung – und die betroffenen Mitarbeiter fallen aus allen Wolken.


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Die Hürden beim Schließen einer Abteilung Umstrukturierungen können für viel Unruhe in einem Unternehmen sorgen. Ist der Betriebsrat mit ins Boot zu holen? Wenn ja, wie ist er einzubinden und welche Schritte sind rechtlich notwendig? Von Antje­Kathrin Uhl und Eva Schäfer­Wallberg Beteiligungsrechte

E

in Unternehmen aus Reutlingen mit rund 400 Arbeitnehmern hat sich entschieden, Kosten einzuspa­ ren. Nach längeren Berechnungen, einer Vielzahl von Gesprächen und Untersuchungen stellt sich heraus, dass IT­Leistungen deutlich kostengünstiger von einem dritten, darauf spezialisierten Unternehmen erbracht werden können. Auch die Rechnungsabteilung (Controlling und andere Aufgaben) könnte deutlich kos­ tengünstiger, nämlich in Ungarn, betrieben werden – die Entgeltkosten sind dort um bis zu zwei Drittel geringer. So wird die Ent­ scheidung getroffen: die IT­Abteilung wird outgesourct und die Rechnungsabteilung nach Ungarn verlagert. Dadurch fallen ins­ gesamt 33 Arbeits­ „Wichtig ist also, dass auch plätze weg. Dieses Beispiel bei kleineren Maßnahmen aus dem Alltag zeigt: im Vorfeld geprüft wird, ob Sie sind als Arbeit­ überhaupt Beteiligungsrechte geber zwar grund­ sätzlich frei, Ihren bestehen.“ Betrieb so zu organi­ Antje­Kathrin Uhl, sieren, wie Sie es für Fachanwältin für Arbeitsrecht richtig halten. Aber nach dem Betriebsverfassungsgesetz müs­ sen Sie vor der Umsetzung einer solchen Maßnahme den Betriebsrat und den Wirt­ schaftsausschuss beteiligen. Wenn ein Betriebsrat gebildet ist, muss er, wenn das Unternehmen mehr als 20 Arbeitnehmer beschäftigt, vor Umset­ zung der geplanten Maßnahme beteiligt werden, wenn die Betriebsänderung „we­ sentliche Nachteile“ für die Belegschaft oder erhebliche Teile der Belegschaft zur Folge haben kann. So ist es in Paragraf 111 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) gere­ gelt. Was aber ist unter solchen „wesent­ lichen Nachteilen“ zu verstehen? Ist es schon wesentlich, wenn 33 von rund 400 Arbeitsplätzen betroffen sind? Paragraf 111 BetrVG nennt als Beispiele u. a. die Ein­ schränkung, Stilllegung oder Verlegung des ganzen Betriebs oder von wesentlichen

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Betriebsteilen und auch Änderungen der Betriebsorganisation. Aber die Frage nach der „Wesentlichkeit“ ist damit nicht beant­ wortet. Diese bestimmt sich sowohl nach quantitativen Kriterien (Anzahl der betrof­ fenen Arbeitnehmer) als auch nach quali­ tativen Gesichtspunkten (Verdiensteinbu­ ßen, Leistungsverdichtung, Qualifikations­ verluste). Ob der betroffene Belegschafts­ oder Betriebsteil als „erheblich“ bezie­ hungsweise „wesentlich“ anzusehen ist, beurteilt sich maßgeblich anhand der Arbeitnehmerzahl unter Berücksichtigung der Zahlengrenzen von Paragraf 17 Abs. 1 Kündigungsschutzgesetz (KSchG – z. B. in Betrieben mit 60 bis 500 Arbeitnehmern: zehn Prozent oder mehr als 25 Arbeitneh­ mer betroffen), wobei aber immer mindes­ tens fünf Prozent der Belegschaft betroffen sein müssen. In unserem oben genannten Beispiel der Abteilungsschließung ist der Schwellenwert überschritten, und der Betriebsrat muss beteiligt werden. Wenn es hier wesentliche Änderungen gibt, dann müssen diese und die geplante Betriebsänderung in einem Interessen­ ausgleich und Sozialplan mit dem Be­ triebsrat vereinbart werden. Der Interes­ senausgleich regelt das Ob, Wann und Wie der Maßnahme und soll die wirtschaftli­ chen Nachteile für die Arbeitnehmer ver­ hindern oder abmildern. Geregelt werden Termine für Entlassungen, Modalitäten der Betriebsänderung oder auch Bestim­ mungen zur Einschaltung einer Transfer­ gesellschaft. Dem Interessenausgleich kann auch eine Namensliste der zu kündi­ genden Arbeitnehmer beigefügt werden. Der Arbeitgeber muss mindestens versu­ chen, sich mit dem Betriebsrat über den Interessenausgleich zu einigen. Sonst kön­ nen den betroffenen Arbeitnehmern sog. Nachteilsausgleichsansprüche auf Zah­ lung einer Abfindung zustehen. In dem Sozialplan werden die Nachteile für die Arbeitnehmer kompensiert und insbeson­ dere die Regelungen über die Höhe der

Das Betriebsverfassungsgesetz enthält zahlreiche Beteiligungsrechte des Betriebsrates. Abfindungen vereinbart. Sind von einer Betriebsänderung mehrere Standorte oder sogar mehrere konzernangehörige Unter­ nehmen betroffen, stellt sich die Frage, mit welchem Organ der Arbeitgeber über Inte­ ressenausgleich und Sozialplan verhan­ deln muss. Bei einer betriebs­ oder unter­ nehmensübergreifenden Maßnahme ist häufig der Gesamt­ oder der Konzern­ betriebsrat für den Interessenausgleich zuständig. Allerdings besteht kein zwin­ gender Gleichlauf der Zuständigkeiten für den Interessenausgleich und den Sozial­ plan. So kann es dann tatsächlich sein, dass der Unternehmer mit verschiedenen Arbeitnehmergremien verhandeln muss, was die Umsetzung der Maßnahmen natürlich nicht beschleunigt. Größere Unternehmen mit mehr als 100 Arbeitnehmern müssen bei „wirtschaft­ lichen Angelegenheiten“ neben dem Kon­ zern­, dem Gesamt­ und/oder dem örtli­ chem Betriebsrat auch noch den Wirt­

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schaftsausschuss unterrichten und mit ihm über die geplante Umstrukturierungs­ maßnahme beraten (Paragrafen 106 ff. BetrVG). Dies muss vor oder mindestens zeitgleich mit der Unterrichtung des Be­ triebsrats passieren, sonst ist gleich zu An­ fang für Unruhe und Irritation gesorgt, was nur unnötig Kraft kostet. Der Wirtschafts­ ausschuss hat die Aufgabe, den Betriebsrat zu unterstützen. Das kann er nur, wenn er selbst informiert ist. Als Beispiele für eine „wirtschaftliche Angelegenheit“ nennt auch Paragraf 106 BetrVG die Verlegung, Einschränkung oder Stilllegung von Be­ trieben oder Betriebsteilen. Allerdings lö­ sen nur Maßnahmen von einigem Gewicht eine Informationspflicht aus. Als Faustfor­ mel kann man sich merken, dass immer dann, wenn die Voraussetzungen des er­ wähnten Paragrafen 111 BetrVG erfüllt sind, auch eine Unterrichtung des Wirt­ schaftsausschusses erfolgen muss. Ver­ stößt der Unternehmer gegen seine Aus­ kunftspflicht gegenüber dem Wirtschafts­ ausschuss, kann gegen ihn ein Bußgeld von bis zu 10 000 Euro verhängt werden. Wich­ tig zu wissen in diesem Zusammenhang: für Pflichtverletzungen haften Geschäftsfüh­ rer und Personalleiter auch persönlich. Vor Ausspruch betriebsbedingter Kün­ digungen muss dann nach Abschluss der Verhandlungen der örtliche Betriebsrat noch zusätzlich zu jeder einzelnen Kündi­ gung angehört werden, Paragraf 102 BetrVG. Außerdem muss geprüft werden: ist eine sog. Massenentlassungsanzeige bei der örtlich zuständigen Agentur für Arbeit notwendig? Das hängt davon ab, ob eine be­ stimmte Anzahl an Arbeitnehmern in be­ stimmter Zeit gekündigt werden soll (Para­ graf 17 KSchG). Im Rahmen dieses Massen­ entlassungsanzeigeverfahrens muss in bestimmter Form dokumentiert werden, dass die Entlassungen mit dem Betriebsrat beraten wurden; eine Stellungnahme des Betriebsrats muss der Massenentlassungs­ anzeige beigefügt werden. Werden hier Formfehler begangen, die wegen der eher komplizierten Rechtsvorschriften leider nicht selten sind, sind die Kündigungen allein deswegen unwirksam. Wichtig ist also, dass auch bei „kleineren“ Maßnahmen, wie oben in dem Beispiel geschil­ dert, im Vorfeld geprüft wird, ob überhaupt Beteiligungs­ rechte bestehen und wenn ja, wer wann und wie zu betei­ ligen ist und welche Schritte rechtlich notwendig sind.

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Eva Schäfer­Wallberg war von 2009 bis 2011 zunächst als Assessorin bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Schwer­ punktstaatsanwaltschaft für Wirtschafts­ kriminalität, tätig und beschäftigte sich insbesondere mit dem Steuerstrafrecht und mit Untreue­Fällen. Im April 2011 begann sie ihre anwaltliche Tätigkeit bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle am Stand­ ort Stuttgart. Sie berät Unternehmen zu allen Fragestellungen auf den Gebieten des Individual­ und Kollektivarbeitsrechts sowie des Dienstvertragsrechts und zu Compliance­Fragen. red

Antje­Kathrin Uhl ist Rechtsanwältin und Fachanwältin für Arbeitsrecht und als Part­ nerin in der Rechtsanwaltssozietät CMS Hasche Sigle tätig. Die promovierte Juristin verfügt über umfangreiche Erfahrungen auf allen Gebieten des Arbeitsrechts. Ihr Schwerpunkt ist das Kollektivarbeitsrecht, insbesondere die Beratung der Unterneh­ merseite in der Vorbereitungs­ und Um­ setzungsphase sowie die Begleitung in den Verhandlungen mit zuständigen Arbeit­ nehmervertretungen und Gewerkschaften bei Umstrukturierungen, Betriebsverein­ barungen und Haustarifverträgen. red


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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Überflieger ans Werk! Bevor Banken oder andere Kapitalgeber einspringen, kümmern sich Business Angels um junge Firmen. Von Raimund Haser Vermögensanlage

D

ank Business Angels entstehen mit Geld und Knowhow in kur­ zer Zeit erfolgreiche Firmen, an die vorher nur wenige geglaubt haben. Was wäre wohl passiert, wenn Steve Jobs in Ulm, Stuttgart oder Karlsruhe aufgewachsen wäre? Hätte Steve Jobs auch Harald Häberle heißen können – und alles wäre so gekommen, wie es ist? Wohl kaum. Harald Häberle wäre ein guter Ingenieur geworden. Ganz bestimmt. Aber ein Steve Jobs? Nie im Leben. Denn mit Technologie hat der Erfolg von US­ameri­ kanischen Start­ups, hat letztlich auch der Erfolg von Apple, Google, Microsoft, Face­ book, und wie sie alle heißen, nicht aus­ schließlich zu tun. Was zählt, sind Geld, Ma­ nagement, Kontakte und die richtigen Leu­ te an der Seite junger Gründer, die noch gar nicht recht realisieren, was sie da gerade erfunden haben. Und von dieser Mentalität sind weite Teile der deutschen Wirtschaft meilenweit entfernt – was nicht heißt, dass es sie nicht auch hierzulande gibt. Kein Zweifel: bei allem Knowhow der Nachwuchs­Dichter und ­Denker muss die Wirtschaft in Sachen Fi­ nanzierung vieles über­ BUSINESS ANGELS denken. Was diese jungen Mehr als ein Investor Business Angels Menschen brauchen, sind weisen eine definierte „Grundmotiva­ nicht nur Banker mit klu­ tion“ auf, das heißt, sie investieren ren­ gen Ratschlägen und viel diteorientiert, sind sich des möglichen Bedenken oder IHK­Bera­ Verlustes der Investition bewusst, wol­ ter, die grundsätzlich prü­ len unternehmerische Erfahrungen und fen, ob sich da auch keiner Knowhow weitergeben und austau­ verhebt, und die helfen, schen und leisten damit einen Beitrag Formulare auszufüllen. zur Zukunft der jeweiligen Region. Sie Das ist wichtig! Aber die haben ein verfügbares Mindestkapital Harald Häberles und Steve von 250 000 Euro, sind bei Totalverlust Jobs dieser Welt brauchen des investierten Kapitals nicht existen­ mehr, insbesondere in ziell gefährdet. Business Angels bringen schnell wachsenden, kapi­ als Investoren auch eine nachweisbare talintensiven Bereichen. unternehmerische Leistung mit. Sie Sie brauchen Engel, die sie besitzen auch persönliche Integrität. rh beschützen, die ihnen den Weg zur Börse zeigen und die bereit sind, selbst viel Geld zu investie­ ren und mit ihrem Knowhow zu helfen. In Amerika haben diese Engel Namen. Sie hei­ ßen Angels – Business Angels. Auch in Deutschland gibt es Business Angels, und zwar schon sehr lange. Den da­ zugehörigen Bundesverband gibt es schon seit 1998. Meist in regionalen Netzwerken organisiert – zum Beispiel auch in Stutt­ gart – werden Chancen gemeinsam ausge­ lotet, interessante Deals entdeckt, Firmen gefördert, an die Hand genommen und im Idealfall gewinnbringend an die Börse gebracht. Das hat nichts mit Wildwest­ Investments zu tun und ist zudem außer­ ordentlich seriös. Aber trotzdem ist es nichts für jedermann.

Kapital allein reicht nicht – Geldgeber sollen auch Knowhow mitbringen Auf der Website des Stuttgarter Netz­ werks, von dem Internetanbieter genauso wie Erfinder oder Dienstleister profitie­ ren, wird vorbildlich transparent gezeigt, wer an welchen Unternehmen beteiligt ist – hier gibt es keine Geheimniskräme­ rei. Stattdessen steht im Mitglieder­ bereich eine Ansage, für wen das hier alles nichts ist: für Menschen, die keine 250 000 Euro verlieren dürfen, für Men­ schen, die nur an einer Kapitalanlage inte­ ressiert sind, für Menschen, die neben Geld nicht auch noch Knowhow in einem bestimmten Bereich mitbringen.

Wo die Grenze zu anderen Formen unternehmerischer Beteiligung verläuft, ist nicht ganz klar. Manche sagen, Private Equity – unterteilt in Risikokapital (Ven­ ture Capital), das im Ernstfall weg ist, oder Gelder, für die zumindest jemand im Ernst­ fall geradestehen muss – greife zu spät, als dass es Gründern nutzen könnte. Haupt­ unterschied ist aber wohl, dass Business Angels nicht nur Kapital, sondern auch Knowhow mitbringen und sich damit mit Haut und Haaren an ihre Invests hängen. Von einem solchen Engagement sind klas­ sische Private­Equity­Fonds meist meilen­ weit entfernt.

Statt Geld zur Bank zu tragen, gehen viele Investoren selbst auf die Suche Die Tatsache, dass immer mehr unterneh­ merisch verdientes Geld umherschwirrt, verändert auch an dieser Stelle das klassi­ sche Finanzierungssystem. Anstatt Geld zur Bank zu tragen und die Bank als Kredit­ geber fungieren zu lassen, gehen viele In­ vestoren mit großem Geldbeutel selbst auf die Suche. Der Markt ist verwirrend vielfäl­ tig – was nicht heißt, dass das alles nebulös oder unseriös wäre. Es ist lediglich anders als das, was viele kennen. Da gibt es Family Offices, die das Ver­ mögen betuchter Familien verwalten und nach Investmentmöglichkeiten suchen. Da gibt es Einzelpersonen, die sich über Scouts gewinnträchtige Start­ups suchen und in der Hoffnung auf große Gewinne einstei­ gen. Da gibt es Investorenclubs, in denen Männer – meistens sind es ausschließlich Männer – bei Zigarre und Whiskey darüber reden, ob sie sich nun gemeinsam ein Windrad oder eine Internetbude kaufen sollen. Und da gibt es Business Angels, die mit ihrem finanziellen Engagement auch den Spaß des unternehmerischen Han­ delns mit einkaufen. Vorbilder auf dem internationalen Beteiligungsmarkt – siehe Steve Jobs und Co. – gibt es längst: Der schwedische In­ vestor EQT, hinter dem die Firma Inves­ tor AB und damit die Familie Wallenberg steht, tut seit 1916, also seit fast 100 Jah­ ren, nichts anderes, als aus gewinnver­ sprechenden Investments gewinnbrin­ gende Investments zu machen. Die von den Medien geliebten Gebrüder Sam­ wer, die unter anderem durch Bör­ sengänge wie Zalando oder Rocket Internet von sich reden gemacht haben, sind zwar keine Business Angels im echten Sinne – ihr Schwerpunkt liegt auf der Kapi­ talseite. Aber das Prinzip ist dasselbe: Lass einen anderen etwas Gutes erfinden, ich sorge dafür, dass es klappt. Und zumindest sie selbst hatten bislang stets Er­ folg damit, auch wenn die Kritik, mancher Börsengang käme etwas verfrüht, wohl nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Ob diese ris­ kante Form der Finanzierung im­ mer klappt, ist natür­ lich fraglich. Aber da­ rum geht es auch nicht. Ein Volltreffer wie Apple

verträgt zehn Nieten, bei denen am Ende nur Verlus­ te ins Haus stehen. Business Angels sind also im wahrsten – und positivsten – Sin­ ne des Wortes auch Glücksritter, die auf der Suche nach Gewinn und mit ho­ hem persönlichen Einsatz auf das Glück angewiesen sind. Wenn es klappt, sind hin­ terher weitaus mehr Menschen glücklich als nur die Investoren. Jene Gründer nämlich, die Harald Häberle oder Steve Jobs hei­ ßen und die nur eines unter­ scheidet: Steve hatte einen Engel, Harald musste ohne Engel klarkommen.

Wagniskapital als Schlüssel zum Unter­ nehmenserfolg: Business Angels sind für Firmen, bei denen sie sich engagieren, weit mehr als nur Geldgeber. Illustration: Oliver Biwer

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Unternehmensberater Ein Beruf, der bei Höchstleistung einen rasanten Aufstieg garantiert

Die Unbequemen

U

Sicherheit Energie, Wasser

Verkehr, Gastgewerbe Handel Professional Services (z.B. Ingenieurdienstleistungen) Sonstige

Festgehalt steigt mit Beratungsgröße Früh übt sich: Campus Consultants

Junior­ und Senior­Beratern. Als Partner stehen sie an der Spitze der Karriereleiter. Doch der rasante Aufstieg hat seinen Preis. Der Nachwuchs sollte sich zuerst über seine Wünsche und Ziele klarwerden, be­ ruflich wie privat. Für Sesshafte oder Familienmenschen eignet sich McKinsey nternehmensberatern eilt ein sobald die Firma zurück in der Gewinnzone so wenig wie für Reiselustige die benach­ schlechter Ruf voraus. Sie gel­ ist, neue Mitarbeiter eingestellt. barte Drei­Mann­Beratung. Je größer das ten als Arbeitsplatzvernichter Ob Sanierung oder Wachstum: der Bera­ Beratungshaus ist, desto internationaler oder arrogante Wichtigtuer, die tungsbedarf ist groß und steigt weiter, sagt sind die Kunden, was mit steigender Inter­ keine Ahnung von Firmen ha­ Reiners. In einer zunehmend komplexeren nationalisierung des Hauses und hoher ben, ihnen aber sagen, was sie zu tun haben. Welt müssen Firmen sich ständig neu erfin­ Reisetätigkeit der Berater einhergeht. Mitunter gelten sie als Menschen, die im den und weiterentwickeln. BDU­Präsident McKinsey, Kienbaum oder Roland Berger Betrieb alles auf den Kopf stellen, um am Hans­Werner Wurzel spricht von einem beraten Konzerne und Mittelständler, klei­ Ende bereits bekannte Probleme zu benen­ Paradigmenwechsel in Industrie und Wirt­ ne und mittlere Berater konzentrieren sich nen. Dabei sollen sie eigentlich gemeinsam schaft. Die Digitalisierung entwickele sich auf mittelständische und regionale Firmen. mit den Kunden ein Unternehmen ent­ mehr und mehr zu Nicht selten fühlen weder wettbewerbs­ und zukunftsfähig einem Wachstums­ KMU sich von gro­ machen oder erhalten. treiber für Consul­ ßen Beratungen un­ Klaus Reiners, Sprecher des Bundesver­ tants, sagte Wurzel verstanden. Reiners bands Deutscher Unternehmensberater kürzlich. „Die digita­ erklärt das mit der (BDU), reagiert auf die Klischees gelassen, le Vernetzung verän­ unterschiedlichen weiß er doch, wie sie entstanden sind. Bis dert Unternehmen Kultur. „Viele KMU Anfang 2000 sei es in Deutschland üblich grundlegend. Betrof­ erwarten Berater auf gewesen, dass Berater zu bestimmten The­ fen sind sowohl Pro­ Augenhöhe, gern men Konzepte erarbeiteten, „eine Umset­ zesse, Organisations­ auch solche, die ihre Foto: McKinsey zung war in der Regel von den Kunden strukturen, Mit­ Sprache sprechen, nicht erwünscht“. Sie wollten das Wissen arbeiterentwicklung „Wir verstehen uns als Firma, am besten aus eige­ für eigene Zwecke nutzen. Allerdings: „Die als auch ganze in der jeder nach seiner Leistung ner Erfahrung.“ Betriebe waren weder personell noch vom Geschäftsmodelle.“ Kleine und mittlere Knowhow her in der Lage, die Konzepte Firmen stellt sich beurteilt wird.“ Beratungen haben umzusetzen“, sagt Reiners. Die Ideen die Frage, ob sie mit Thomas Fritz, sich zudem häufig verschwanden in der Schublade. einer Aufgabe regel­ Recruiting­Chef bei McKinsey auf ein Gebiet spe­ Aus den Fehlern haben Berater wie mäßig betraut sind zialisiert. Das setzt Klienten gelernt, sagt Reiners. Beide hätten und Mitarbeiter schulen oder neues Perso­ viel Erfahrung voraus. Da kommt es der sich professionalisiert mit dem Ziel, dass nal einstellen müssen. Oder ob es aufgrund Branche entgegen, wenn Berater ein ent­ das Wissen und Knowhow belastbar im Be­ der Aufgabenstellung besser ist, einen Be­ sprechendes Studium mitbringen oder in trieb bleibt. „Unternehmensberater sind rater zu holen – etwa weil sich neue Mit­ der Industrie oder Wirtschaft arbeiten, be­ heute in hohem Maß auch Umsetzungs­ arbeiter langfristig nicht lohnen oder der vor sie Berater werden. Umgekehrt wech­ berater“, sagt Reiners. Das ermöglicht nach Betrieb sofort handlungsfähig sein muss. seln auch viele Berater die Seiten. Mitunter der Konzept­ und Strategiephase eine er­ Die gute Lage auf dem Beratermarkt dauern Projekte Monate oder Jahre – eine folgreiche Implementierung. Zugleich wis­ spiegeln die Zahlen aus der aktuellen BDU­ Zeit, in der man sich gegenseitig intensiv sen die Kunden genau, was sie vom Berater Studie wider. Die Klienten fragten 2014 Be­ kennen­ und schätzen lernt. „Wenn Berater erwarten: dass er ein ebenso umsetzungs­ ratungsleistungen im Wert von 25,2 Mil­ abgeworben werden, ist das eine große Aus­ wie berufs­ und beratungserfahrener Ex­ liarden Euro nach, ein Plus von 6,4 Prozent zeichnung“, sagt Reiners. perte ist. Wichtig sei dabei, dass die Klien­ gegenüber dem Vorjahr. Ebenso stieg die Nun heißt das nicht, dass McKinsey und ten sich überlegen, welche Ziele sie mit Zahl der Beratungen auf 15 390 und die der Co. nur Absolventen beschäftigen. „Die einem Projekt erreichen wollen, bevor sie Berater auf 106 450. Großen haben sich deutlich verändert und ein Beratungshaus engagieren. Entsprechend glänzend sind die Berufs­ stellen auch berufserfahrene Berater ein“, Tatsächlich sind nur zwei von zehn Pro­ aussichten für Berater, die in einem span­ sagt Reiners. Thomas Fritz, Recruiting­ jekten Sanierungs­ oder Krisenberatun­ nenden, sehr abwechslungsreichen Umfeld Chef von McKinsey, sagt: „Fast 30 Prozent gen, sagt Reiners, um auch das letzte Vor­ arbeiten. Reiners sagt: „Berater sammeln unserer neuen Berater kommen mittler­ urteil – das des Arbeitsplatzvernichters – so viel Projekterfahrung wie nirgendwo. weile mit mehreren Jahren Erfahrung aus zu widerlegen. Man müsse das so sehen: Ihre Lernkurve ist steil.“ Ebenso steil wie der Industrie zu uns, Tendenz steigend. Durch Restrukturierungen werden die schnell geht es die Karriereleiter hoch. Aber auch die Absolventen bringen schon restlichen Arbeitsplätze erhalten, und Binnen weniger Jahre werden Analysten zu Auslands­ und Berufserfahrung, etwa aus Praktika, mit. Viele sind sehr industrienah.“ Ein Grund sei, dass Geschäftsangebot und Angebotspalette ständig weiterentwickelt würden, zum Beispiel bei der Umsetzung erarbeiteter Strategien. „Das erfordert immer mehr Spezialwissen“, sagt Fritz. GESAMTMARKT NACH BERATUNGSFELDERN, 2014 Berater müssen hohe Anforderungen Anteile der Branchen am Umsatz Umsatzverteilung nach Beratungsfeldern erfüllen. Der Beruf ist herausfordernd. Angaben in Prozent, 2014 Angaben in Prozent, 2014 Nicht selten ist die Arbeitswoche 60 Stun­ den und mehr lang. Junge Berater müssen Human Resources Organisation- und Verarbeitendes Nächte durcharbeiten und Senior­Berater 33,6 Gewerbe Beratung Prozessberatung unterstützen. „Berater müssen strategisch 8,2 43,4 Finanzdienstund analytisch denken und Lösungen über­ 24,4 leister tragen können. Sie müssen flexibel auf die IT-Beratung Öffentliche Hand 9,1 21,4 Bedürfnisse der Kunden reagieren kön­ Telekomm., Medien, nen“, sagt Reiners. Kommunikationsfähig­ IT, Unterhaltung, 7,8 keit sei unerlässlich, um Mitarbeiter­ %

Angehende Nachwuchsberater sollten sich vorher überlegen, welche Wünsche und Ziele sie haben. Je größer das Beratungshaus ist, desto mehr reist der Berater. Von Stefanie Köhler Berufsprofil

Teams in Firmen mitzunehmen. McKinsey sucht Persönlichkeiten. „Menschen, die ge­ zeigt haben, dass sie sich engagieren und hohe Einsatzbereitschaft einbringen kön­ nen, auch über das Studium oder den Job hinaus. Interessante Erfahrungen sind uns wichtiger als ein im Höchsttempo absol­ viertes Studium“, sagt Fritz. Auch stark ausgeprägte Kreativität und Teamfähigkeit verlangt McKinsey. Roland Berger legt zudem Wert auf „Kandidaten mit strategi­ scher Praxiserfahrung und Internationali­ tät. Wichtig ist uns, dass Bewerber unter­ nehmerisch denken und Interesse an betriebswirtschaftlichen Fragestellungen und Trends mitbringen“. Große Häuser sieben Berater gnadenlos aus. Stillstand ist das K.­o.­Kriterium. Wer in seiner Entwicklung stagniert, muss die Firma verlassen oder geht vorher freiwillig – ist out. Wer immer mehr Leistung zeigt und die Kriterien für die jeweils höhere Hierarchiestufe erfüllt, steigt auf (up). Hinter dem Prinzip „Up or out“ steckt die Absicht, dass sich nur die besten Berater durchsetzen. Daher dauert eine Karriere bei den Großen oft nur drei bis fünf Jahre. Entsprechende Regelungen sind vertrag­ lich vereinbart. „Das ‚Up or out‘­Prinzip bei McKinsey beruht darauf, dass wir uns als Firma verstehen, in der jeder nach sei­ ner Leistung beurteilt wird und zum Bei­ spiel nicht nach der Länge seiner Firmen­ zugehörigkeit“, sagt Fritz. Die individuelle Leistung werde bei der Klientenarbeit und im internen Engagement gemeinsam offen und regelmäßig diskutiert. „Sollte die Ent­ wicklung in bestimmten Punkten nicht den Erwartungen entsprechen, können spezielle Trainingsprogramme genutzt werden“, sagt Fritz. Heißt es am Ende doch „out“, lässt McKinsey die Abgänger aber nicht fallen. Die Firma hat ein weltweites Netz aus Ehemaligen aufgebaut, inzwi­ schen sind es mehr als 28 000. Die meisten gehen irgendwann aus eigenem Antrieb, weil sie ein spannendes Jobangebot aus Wirtschaft oder Politik bekommen. In kleinen und mittelgroßen Häusern ist das „Up or out“ weniger verbreitet. Dort kann ein Berater jahrelang ein und dieselbe Position haben. Die Kleinen wollen ihr Per­ sonal länger binden, weil sie ihrer Ansicht nach viel in die Ausbildung steckten und das Wissen bei sich halten wollen. Etwa die Hälfte der Berater in Deutsch­ land ist selbstständig. Wie Claus Kruse aus Schopfheim, der bis 1998 leitender Ange­ stellter in einer Bank war. Heute berät er Firmen in Finanzierung und Controlling. Der Schritt in die Selbstständigkeit sollte gut überlegt sein. Laut Kruse ist ein Netz­ werk ein Muss. „Es ist schwer, Fuß zu fas­ sen, wenn man in der Branche weder einen Namen noch Berufserfahrung hat.“

Sie tauschen Jeans und Pullis gegen Anzüge und führen Kundengespräche, statt in der Kneipe zu sitzen: Campus Consultants heißen Studenten, die Firmen beraten. Von der Struktur her ähneln die studentischen Unternehmensberatungen „richtigen“ Beratungen. Laut Florian Lorenzen, Erster Vorsitzender des Bundesverbandes Deut­ scher Studentischer Unternehmensberatungen (BDSU), gibt es jedoch einen zentralen Unter­ schied: Weil die Nachwuchsberater noch studie­ ren, besitzen sie aktuelles Forschungswissen. „So können sie Trends direkt mit in die Projekte einbringen“, sagt Lorenzen. Neben Fachwissen verfügten sie über eine hohe Beratungsleistung. Studentische Unternehmensberatungen eigne­ ten sich grundsätzlich für alle Firmen, sagt Loren­ zen. Vor allem Unternehmen mit einem niedrigen Budget profitieren aber. „Die Stundensätze liegen unter dem Branchendurchschnitt.“ Die Nachwuchsberater sammeln im Gegen­ zug eine Menge Berufserfahrung für den späte­

ren Berufseinstieg, indem sie theoretische Kennt­ nisse in die Praxis umsetzen. „Praktika liefern meist nur einen kleinen Einblick in den Arbeitsall­ tag“, sagt Lorenzen. Zudem knüpfen die Studen­ ten frühzeitig Kontakte zu „richtigen“ Unterneh­ mensberatungen und Firmen aus allen Branchen – potenzielle Arbeitgeber nach dem Studium. Der Markt der Nachwuchsberater wächst: Derzeit gibt es laut Lorenzen bundesweit rund 160 studentische Unternehmensberatungen. Die Beratungen sind eingetragene Vereine, die als Hochschulgruppen tätig sind. Dem BDSU ge­ hören derzeit 32 Beratungen mi t mehr als 2300 Mitgliedern an. Sie haben im vergangenen Kalen­ derjahr zwei Millionen Euro Umsatz gemacht. Die bundesweit erste studentische Unterneh­ mensberatung ist Junior Comtec, im Jahr 1988 an der Technischen Universität in Darmstadt gegründet. Der Wirtschaftsingenieurstudent Peter Teichmann hatte studentische Unterneh­ mensberatungen während seines Auslandsse­ mesters in Frankreich kennen­ und schätzen gelernt. Nach eigenen Angaben zählen zu Junior Comtecs Kunden 43 Pro­ zent der Dax­Konzerne. Über­ wiegend seien die Auftraggeber der Nachwuchsberater jedoch mittelständische Firmen aus der regionalen Umgebung, sagt Lorenzen. sk

Auch Studenten beraten Unternehmen.

5,1 4,3

24,8 Strategieberatung

3,7

Herausforderung Generation Y Die Generation Y – geboren zwischen 1980 und Anfang der 1990er – stellt die Berater­ branche vor enorme Herausforderungen. Der Beruf verlangt einen hohen Einsatz, doch die um die 30­Jährigen wollen nicht um jeden Preis arbeiten, sondern im Einklang mit ihren Bedürfnissen. Karriere zu machen und Geld zu verdienen ist nicht alles, die Jun­ gen fordern auch Zeit für Familie und Freizeit. „Die Beratungen suchen intensiv nach Modellen, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Wir lassen nichts unversucht“, sagt Klaus Reiners vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU). Als Beispiele nennt er Sabbaticals und Homeoffice. McKinsey hat 2011 etwa das Pro­ gramm „Take Time“ eingeführt: Jeder Berater kann sich pro Jahr bis zu zwei Monate zu­ sätzlich zum Jahresurlaub freinehmen. Recruiting­Chef Thomas Fritz, der die Flexibili­ tät durch Projektarbeit als entscheidenden Vorteil sieht, sagt: „Die Kollegen sind heute immer noch sehr loyal und einsatzbereit, aber nur, solange sie auch ihre persönlich gesteckten Ziele erreichen.“ Programme, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern, sollen zugleich die Frauenquote erhöhen, was kleinen und mittleren Häu­ sern besser gelingt als großen: Bei Junior­Beratern liegt die Quote zwischen 32 und 42 Prozent und sinkt mit steigender Position in großen Häusern auf vier, in mittleren auf 18 und in kleinen Häusern auf 30 Prozent Frauenanteil in der Unternehmensleitung. sk

Verschiedene Beratertypen Das Staufenbiel Institut hat verschiedene Beratertypen herausgearbeitet: Der Stratege muss auf höchster Vorstands­ oder Geschäftsführerebene auf Marktbedingungen angepass­ te Strategien finden. Er braucht scharfe Analysen und weit­ sichtige Konzepte. Er darf ein kreativer, unternehmerischer Querdenker mit Mut zum Risiko sein. Der Umsetzer setzt erarbeitete Strategien und Konzepte um und führt sie ein. Er arbeitet eng mit den Mitarbeitern des Kunden zusammen, muss also einfühlsam, kommunikations­ und teamfähig sein. Der Mediator schlichtet emotionale Konflikte zwischen Mitarbeitern, die sich negativ auf die Firma auswirken. Dazu benötigt der Vermittler Fingerspitzengefühl und Geduld. Der Technologieberater entwickelt strategische Technologie­ ziele, identifiziert Technologiepotenziale, führt Technologie­ bewertungen durch und implementiert die neuen Technolo­ gien in den Unternehmen. Dieser Beratertyp muss analytisch denken und eine Leidenschaft für Technik haben. Der Markt­ und Markenmacher betreibt eine intelligente Markenpolitik, baut international ausgerichtete Vertriebsnetze auf oder er­ stellt passende Preismodelle. Ziel ist es, auf Basis von Markt­ und Wettbewerbsanalysen geeignete Maßnahmen für die Stärkung der Markt­ und Markenposition des Kunden zu fin­ den. Der Veränderer muss im Change­Management­Prozess bei den Mitarbeitern Akzeptanz für die Projektziele und ­ergebnisse in fachlicher, finanzieller oder technischer Hinsicht schaffen. Der Veränderer involviert dazu so früh wie möglich alle Beteiligten, kommuniziert offen mit ihnen, motiviert sie und baut ihre Ängste ab. Der Kulturbeauftragte kommt bei Fusionen, Kooperationen oder strategischen Neuausrichtun­ gen von Firmen, um Orientierungslosigkeit zu verhindern. Er passt Unternehmensidentitäten an oder hilft, sie neu aus­ zurichten. Am Ende sollen alle Mitarbeiter die Unternehmens­ kultur selbst hinterfragen und neue Sichtweisen entwickeln. sk

Foto: fotolia

Thomas Rinn wollte nur zwei Jahre Unternehmensberater sein. Daraus sind 17 Jahre geworden. Von Stefanie Köhler Porträt

A Ein Studium ist zwingend

4,3

Berufseinsteiger, die für gewöhnlich als Analysten starten, verdienen je nach Umsatzstärke des Beratungsunternehmens im Schnitt 28 900 bis 39 300 Euro brutto. Als Consultant ist ein durchschnittliches Festgehalt von 39 700 Euro in kleineren und 51 200 Euro in großen Beratungen möglich. Für Partner fällt das Festgehalt umso höher aus, je größer der Umsatz der Beratung ist. Im Schnitt erhalten Partner großer Beratungen ein Festgehalt von rund 213 000 Euro pro Jahr. In niedrigeren Umsatzklassen sinkt das Festgehalt auf rund 135 500 bis 85 000 Euro. Je größer und umsatzstärker die Unterneh­ mensberatungsgesellschaft ist, desto geringer fällt auf Partnerebene der Anteil des Festgehaltes an den Gesamteinkünften aus. Umgekehrtes gilt in den unte­ ren Hierarchiestufen. Die höchsten Festgehälter gibt es über alle Hierarchie­ stufen hinweg in Consultingfirmen mit den Schwerpunkten Organisations­, Prozess­ und Strategieberatung. sk

Kunden nicht nach dem Mund reden

7,7

StZ-Grafik: zap Quelle: Bundesverband Deutscher Unternehmensberater

Foto: fotolia

Wirtschaft in Baden-Württemberg 13

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Eine Karriere als Berater klappt nur mit Studium. In den vergangenen Jahren hat sich bei Einsteigern der Schwer­ punkt der Studienrichtung verändert: Eine Umfrage des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) zeigt, dass 44 Prozent der Absolventen mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulab­ schluss als Junior­Berater beginnen – bislang waren es mehr als 65 Prozent. Jeder Zehnte hat Mathematik oder Naturwissenschaften studiert, 15 Prozent haben ein Ingenieurstudium. Jeweils drei Prozent steigen nach einem medizinischen, sprach­ oder kulturwissen­ schaftlichen Studium ein. „Der Zugang zur Beratung ist vielfältiger denn je“, sagt BDU­Sprecher Klaus Reiners, ein Bachelorabschluss genüge. Grundsätzlich müssten die Noten exzellent sein. „Größere Häuser bieten Einsteigern auch an, den Master zu machen“, sagt Reiners. Zudem gibt es Masterstudiengänge mit dem Schwerpunkt Consulting. Der BDU hat festgestellt, dass bei den Senior­Bera­ tern der Anteil mit einem Ingenieurstudium mit 23 Pro­ zent deutlich höher liegt als beim Einstieg in die Bera­ terwelt. Bei den großen Marktteilnehmern über zehn Millionen Euro Jahresumsatz betrage der Anteil sogar 33 Prozent. Der BDU geht davon aus, „dass für die Auf­ gabenstellungen in den Beratungsprojekten verstärkt auch berufserfahrene und gleichzeitig technologie­ orientierte Unternehmensberater benötigt werden“. Im Recruiting versuchten die Consultingfirmen, diesen Bedarf intensiv mit Quereinsteigern aus der Wirtschaft und Industrie zu decken, sagt Reiners. sk

ls seine beiden Söhne noch klein größtenteils in Deutschland, Österreich und waren, erklärte Thomas Rinn (44) der Schweiz, wo er überwiegend mit einem ihnen, er sei eine Art Arzt für Unter­ Team beim Kunden an einem Projekt arbei­ nehmen, die mit seiner Hilfe gesund wer­ tet. „Das ist das Schönste an meinem Job.“ den. Im Kindergarten erzählten die Jungen Restrukturierungen gehören eher selten zu fortan, ihr Vater sei ein Doktor. Dass er Rinns Aufgaben. Oft verlangen die Kunden weniger Zeit für sie hat als andere Väter, Wachstumsthemen, Produktoptimierung verstanden sie nun besser. oder Kostensenkung. Firmen zu beraten, die Spricht Thomas Rinn über seinen Beruf gut sind, noch besser werden und ihr als Unternehmensberater bei Roland Berger Wachstum stemmen wollen, sei fachlich und Strategy Consultants, eine der weltweit füh­ inhaltlich sehr anspruchsvoll, sagt Rinn, renden Strategieberatungen, der sich um bis zu fünf Pro­ sprüht er vor Begeisterung. Er „Als Berater kann jekte parallel kümmert. Dank liebt seinen Beruf, das merkt ich etwas bewegen. seines großen Netzwerks berät man sofort. Ebenso, dass er Beratung bedeutet, er den Großteil seiner Kunden sich Zeit für seine Familie immer wieder. nimmt, obwohl er einen Veränderungen Rinn sagt, dass er einen herausfordernden und reise­ anzustoßen.“ Beruf gefunden hat, in dem er intensiven Job hat. etwas bewegen kann. Beratung Thomas Rinn, Viele Freiheiten trotz des Partner bei Roland Berger bedeute, Veränderungen anzu­ hohen Arbeitspensums hat stoßen. Man müsse Eigenini­ Rinn aber erst, seitdem er 2003 bei Roland tiative zeigen, Trends erkennen, Missstände Berger zum Partner aufgestiegen ist. Das Bü­ oder Probleme objektiv ansprechen und ro mal für zwei Stunden verlassen, um ein nicht dem Kunden nach dem Mund reden. Tennisspiel des Sohnes anzuschauen, steht „Ich muss meinen Klienten gut zuhören für ihn außer Frage. Die Kunden akzeptier­ können und am richtigen Punkt meine Ar­ ten das, „sie wissen, dass wir immer für sie da gumente einbringen und durchsetzen.“ Es sind“. Zudem verbringt er inzwischen mehr gehe darum, mit dem Kunden gemeinsam Zeit zu Hause. Die Familie spielt dann ge­ einen Weg zu gehen. „Meine Stärke ist es, die meinsam Tennis oder unternimmt Städte­ Menschen einzufangen, sie als Partner mit­ reisen. „Heute schlafe ich unter der Woche zunehmen und den gemeinsam definierten zwei Nächte im Hotel und zwei Nächte da­ Weg zu ihrem Weg zu machen“, sagt Rinn. heim. Davor waren es vier Nächte im Hotel“, Damit, einmal Partner bei Roland Berger sagt Rinn. Mit daheim meint er sein Haus in zu werden, hätte er als Hochschulabsolvent Dettingen an der Erms. „Wir haben uns be­ Ende der 1990er nie gerechnet. Nach dem wusst gegen die Stadt und für das Land ent­ Studium der Betriebswirtschaftslehre in Tü­ schieden, wo meine Familie sich wohlfühlt.“ bingen, dem der MBA in Portland (Oregon) Alle zwei Wochen arbeitet der Diplom­ folgte, dachte sich Rinn: „Zwei Jahre arbeite Kaufmann einen Tag am Standort Stuttgart, ich in einer großen Unternehmensberatung, den er leitet, „sonst bin ich unterwegs bei danach gehe ich in die Industrie. Roland Ber­ unseren Klienten“. Seine Zeit verbringt er ger ist aber ein sehr guter Arbeitgeber. Es gab

Unternehmensberater aus Leidenschaft: Thomas Rinn hat sich bei Roland Berger zum Partner hochgearbeitet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth für mich nie einen Grund, diesen Schritt in Richtung Industrie zu machen.“ So sind aus zwei Jahren 17 geworden, in denen Rinn Konzerne ebenso beraten hat wie kleinere Firmen aus den Branchen Transport, Ma­ schinen­ und Anlagenbau, High Tech, IT oder Telekommunikation. Der Spagat zwi­ schen klein und groß ist Rinn wichtig – er liebt die Herausforderung des Wechsels. Dass ihm der Mittelstand am Herzen liegt, ist auch familiär bedingt: Rinn ist als Sohn eines Handwerksunternehmers aufge­ wachsen. Während des Studiums arbeitete er viele Jahre in der Firma, in der er heute Auf­ sichtsratsvorsitzender ist. Ob Rinn sich jetzt noch einen Wechsel in die Industrie vorstel­ len kann? Das sei bisher kein Thema gewe­ sen, sagt Rinn, „aber man soll nie Nie sagen“. Angebote von Kunden bekomme er genug. Für eine andere Beratung zu arbeiten, schließt Rinn dagegen aus. „Es wäre sehr schwer, in diesem wettbewerbsstarken Umfeld dieselbe Loyalität für eine andere Beratung aufzubringen.“


12 Wirtschaft in Baden-Württemberg

»

Unternehmensberater Ein Beruf, der bei Höchstleistung einen rasanten Aufstieg garantiert

Die Unbequemen

U

Sicherheit Energie, Wasser

Verkehr, Gastgewerbe Handel Professional Services (z.B. Ingenieurdienstleistungen) Sonstige

Festgehalt steigt mit Beratungsgröße Früh übt sich: Campus Consultants

Junior­ und Senior­Beratern. Als Partner stehen sie an der Spitze der Karriereleiter. Doch der rasante Aufstieg hat seinen Preis. Der Nachwuchs sollte sich zuerst über seine Wünsche und Ziele klarwerden, be­ ruflich wie privat. Für Sesshafte oder Familienmenschen eignet sich McKinsey nternehmensberatern eilt ein sobald die Firma zurück in der Gewinnzone so wenig wie für Reiselustige die benach­ schlechter Ruf voraus. Sie gel­ ist, neue Mitarbeiter eingestellt. barte Drei­Mann­Beratung. Je größer das ten als Arbeitsplatzvernichter Ob Sanierung oder Wachstum: der Bera­ Beratungshaus ist, desto internationaler oder arrogante Wichtigtuer, die tungsbedarf ist groß und steigt weiter, sagt sind die Kunden, was mit steigender Inter­ keine Ahnung von Firmen ha­ Reiners. In einer zunehmend komplexeren nationalisierung des Hauses und hoher ben, ihnen aber sagen, was sie zu tun haben. Welt müssen Firmen sich ständig neu erfin­ Reisetätigkeit der Berater einhergeht. Mitunter gelten sie als Menschen, die im den und weiterentwickeln. BDU­Präsident McKinsey, Kienbaum oder Roland Berger Betrieb alles auf den Kopf stellen, um am Hans­Werner Wurzel spricht von einem beraten Konzerne und Mittelständler, klei­ Ende bereits bekannte Probleme zu benen­ Paradigmenwechsel in Industrie und Wirt­ ne und mittlere Berater konzentrieren sich nen. Dabei sollen sie eigentlich gemeinsam schaft. Die Digitalisierung entwickele sich auf mittelständische und regionale Firmen. mit den Kunden ein Unternehmen ent­ mehr und mehr zu Nicht selten fühlen weder wettbewerbs­ und zukunftsfähig einem Wachstums­ KMU sich von gro­ machen oder erhalten. treiber für Consul­ ßen Beratungen un­ Klaus Reiners, Sprecher des Bundesver­ tants, sagte Wurzel verstanden. Reiners bands Deutscher Unternehmensberater kürzlich. „Die digita­ erklärt das mit der (BDU), reagiert auf die Klischees gelassen, le Vernetzung verän­ unterschiedlichen weiß er doch, wie sie entstanden sind. Bis dert Unternehmen Kultur. „Viele KMU Anfang 2000 sei es in Deutschland üblich grundlegend. Betrof­ erwarten Berater auf gewesen, dass Berater zu bestimmten The­ fen sind sowohl Pro­ Augenhöhe, gern men Konzepte erarbeiteten, „eine Umset­ zesse, Organisations­ auch solche, die ihre Foto: McKinsey zung war in der Regel von den Kunden strukturen, Mit­ Sprache sprechen, nicht erwünscht“. Sie wollten das Wissen arbeiterentwicklung „Wir verstehen uns als Firma, am besten aus eige­ für eigene Zwecke nutzen. Allerdings: „Die als auch ganze in der jeder nach seiner Leistung ner Erfahrung.“ Betriebe waren weder personell noch vom Geschäftsmodelle.“ Kleine und mittlere Knowhow her in der Lage, die Konzepte Firmen stellt sich beurteilt wird.“ Beratungen haben umzusetzen“, sagt Reiners. Die Ideen die Frage, ob sie mit Thomas Fritz, sich zudem häufig verschwanden in der Schublade. einer Aufgabe regel­ Recruiting­Chef bei McKinsey auf ein Gebiet spe­ Aus den Fehlern haben Berater wie mäßig betraut sind zialisiert. Das setzt Klienten gelernt, sagt Reiners. Beide hätten und Mitarbeiter schulen oder neues Perso­ viel Erfahrung voraus. Da kommt es der sich professionalisiert mit dem Ziel, dass nal einstellen müssen. Oder ob es aufgrund Branche entgegen, wenn Berater ein ent­ das Wissen und Knowhow belastbar im Be­ der Aufgabenstellung besser ist, einen Be­ sprechendes Studium mitbringen oder in trieb bleibt. „Unternehmensberater sind rater zu holen – etwa weil sich neue Mit­ der Industrie oder Wirtschaft arbeiten, be­ heute in hohem Maß auch Umsetzungs­ arbeiter langfristig nicht lohnen oder der vor sie Berater werden. Umgekehrt wech­ berater“, sagt Reiners. Das ermöglicht nach Betrieb sofort handlungsfähig sein muss. seln auch viele Berater die Seiten. Mitunter der Konzept­ und Strategiephase eine er­ Die gute Lage auf dem Beratermarkt dauern Projekte Monate oder Jahre – eine folgreiche Implementierung. Zugleich wis­ spiegeln die Zahlen aus der aktuellen BDU­ Zeit, in der man sich gegenseitig intensiv sen die Kunden genau, was sie vom Berater Studie wider. Die Klienten fragten 2014 Be­ kennen­ und schätzen lernt. „Wenn Berater erwarten: dass er ein ebenso umsetzungs­ ratungsleistungen im Wert von 25,2 Mil­ abgeworben werden, ist das eine große Aus­ wie berufs­ und beratungserfahrener Ex­ liarden Euro nach, ein Plus von 6,4 Prozent zeichnung“, sagt Reiners. perte ist. Wichtig sei dabei, dass die Klien­ gegenüber dem Vorjahr. Ebenso stieg die Nun heißt das nicht, dass McKinsey und ten sich überlegen, welche Ziele sie mit Zahl der Beratungen auf 15 390 und die der Co. nur Absolventen beschäftigen. „Die einem Projekt erreichen wollen, bevor sie Berater auf 106 450. Großen haben sich deutlich verändert und ein Beratungshaus engagieren. Entsprechend glänzend sind die Berufs­ stellen auch berufserfahrene Berater ein“, Tatsächlich sind nur zwei von zehn Pro­ aussichten für Berater, die in einem span­ sagt Reiners. Thomas Fritz, Recruiting­ jekten Sanierungs­ oder Krisenberatun­ nenden, sehr abwechslungsreichen Umfeld Chef von McKinsey, sagt: „Fast 30 Prozent gen, sagt Reiners, um auch das letzte Vor­ arbeiten. Reiners sagt: „Berater sammeln unserer neuen Berater kommen mittler­ urteil – das des Arbeitsplatzvernichters – so viel Projekterfahrung wie nirgendwo. weile mit mehreren Jahren Erfahrung aus zu widerlegen. Man müsse das so sehen: Ihre Lernkurve ist steil.“ Ebenso steil wie der Industrie zu uns, Tendenz steigend. Durch Restrukturierungen werden die schnell geht es die Karriereleiter hoch. Aber auch die Absolventen bringen schon restlichen Arbeitsplätze erhalten, und Binnen weniger Jahre werden Analysten zu Auslands­ und Berufserfahrung, etwa aus Praktika, mit. Viele sind sehr industrienah.“ Ein Grund sei, dass Geschäftsangebot und Angebotspalette ständig weiterentwickelt würden, zum Beispiel bei der Umsetzung erarbeiteter Strategien. „Das erfordert immer mehr Spezialwissen“, sagt Fritz. GESAMTMARKT NACH BERATUNGSFELDERN, 2014 Berater müssen hohe Anforderungen Anteile der Branchen am Umsatz Umsatzverteilung nach Beratungsfeldern erfüllen. Der Beruf ist herausfordernd. Angaben in Prozent, 2014 Angaben in Prozent, 2014 Nicht selten ist die Arbeitswoche 60 Stun­ den und mehr lang. Junge Berater müssen Human Resources Organisation- und Verarbeitendes Nächte durcharbeiten und Senior­Berater 33,6 Gewerbe Beratung Prozessberatung unterstützen. „Berater müssen strategisch 8,2 43,4 Finanzdienstund analytisch denken und Lösungen über­ 24,4 leister tragen können. Sie müssen flexibel auf die IT-Beratung Öffentliche Hand 9,1 21,4 Bedürfnisse der Kunden reagieren kön­ Telekomm., Medien, nen“, sagt Reiners. Kommunikationsfähig­ IT, Unterhaltung, 7,8 keit sei unerlässlich, um Mitarbeiter­ %

Angehende Nachwuchsberater sollten sich vorher überlegen, welche Wünsche und Ziele sie haben. Je größer das Beratungshaus ist, desto mehr reist der Berater. Von Stefanie Köhler Berufsprofil

Teams in Firmen mitzunehmen. McKinsey sucht Persönlichkeiten. „Menschen, die ge­ zeigt haben, dass sie sich engagieren und hohe Einsatzbereitschaft einbringen kön­ nen, auch über das Studium oder den Job hinaus. Interessante Erfahrungen sind uns wichtiger als ein im Höchsttempo absol­ viertes Studium“, sagt Fritz. Auch stark ausgeprägte Kreativität und Teamfähigkeit verlangt McKinsey. Roland Berger legt zudem Wert auf „Kandidaten mit strategi­ scher Praxiserfahrung und Internationali­ tät. Wichtig ist uns, dass Bewerber unter­ nehmerisch denken und Interesse an betriebswirtschaftlichen Fragestellungen und Trends mitbringen“. Große Häuser sieben Berater gnadenlos aus. Stillstand ist das K.­o.­Kriterium. Wer in seiner Entwicklung stagniert, muss die Firma verlassen oder geht vorher freiwillig – ist out. Wer immer mehr Leistung zeigt und die Kriterien für die jeweils höhere Hierarchiestufe erfüllt, steigt auf (up). Hinter dem Prinzip „Up or out“ steckt die Absicht, dass sich nur die besten Berater durchsetzen. Daher dauert eine Karriere bei den Großen oft nur drei bis fünf Jahre. Entsprechende Regelungen sind vertrag­ lich vereinbart. „Das ‚Up or out‘­Prinzip bei McKinsey beruht darauf, dass wir uns als Firma verstehen, in der jeder nach sei­ ner Leistung beurteilt wird und zum Bei­ spiel nicht nach der Länge seiner Firmen­ zugehörigkeit“, sagt Fritz. Die individuelle Leistung werde bei der Klientenarbeit und im internen Engagement gemeinsam offen und regelmäßig diskutiert. „Sollte die Ent­ wicklung in bestimmten Punkten nicht den Erwartungen entsprechen, können spezielle Trainingsprogramme genutzt werden“, sagt Fritz. Heißt es am Ende doch „out“, lässt McKinsey die Abgänger aber nicht fallen. Die Firma hat ein weltweites Netz aus Ehemaligen aufgebaut, inzwi­ schen sind es mehr als 28 000. Die meisten gehen irgendwann aus eigenem Antrieb, weil sie ein spannendes Jobangebot aus Wirtschaft oder Politik bekommen. In kleinen und mittelgroßen Häusern ist das „Up or out“ weniger verbreitet. Dort kann ein Berater jahrelang ein und dieselbe Position haben. Die Kleinen wollen ihr Per­ sonal länger binden, weil sie ihrer Ansicht nach viel in die Ausbildung steckten und das Wissen bei sich halten wollen. Etwa die Hälfte der Berater in Deutsch­ land ist selbstständig. Wie Claus Kruse aus Schopfheim, der bis 1998 leitender Ange­ stellter in einer Bank war. Heute berät er Firmen in Finanzierung und Controlling. Der Schritt in die Selbstständigkeit sollte gut überlegt sein. Laut Kruse ist ein Netz­ werk ein Muss. „Es ist schwer, Fuß zu fas­ sen, wenn man in der Branche weder einen Namen noch Berufserfahrung hat.“

Sie tauschen Jeans und Pullis gegen Anzüge und führen Kundengespräche, statt in der Kneipe zu sitzen: Campus Consultants heißen Studenten, die Firmen beraten. Von der Struktur her ähneln die studentischen Unternehmensberatungen „richtigen“ Beratungen. Laut Florian Lorenzen, Erster Vorsitzender des Bundesverbandes Deut­ scher Studentischer Unternehmensberatungen (BDSU), gibt es jedoch einen zentralen Unter­ schied: Weil die Nachwuchsberater noch studie­ ren, besitzen sie aktuelles Forschungswissen. „So können sie Trends direkt mit in die Projekte einbringen“, sagt Lorenzen. Neben Fachwissen verfügten sie über eine hohe Beratungsleistung. Studentische Unternehmensberatungen eigne­ ten sich grundsätzlich für alle Firmen, sagt Loren­ zen. Vor allem Unternehmen mit einem niedrigen Budget profitieren aber. „Die Stundensätze liegen unter dem Branchendurchschnitt.“ Die Nachwuchsberater sammeln im Gegen­ zug eine Menge Berufserfahrung für den späte­

ren Berufseinstieg, indem sie theoretische Kennt­ nisse in die Praxis umsetzen. „Praktika liefern meist nur einen kleinen Einblick in den Arbeitsall­ tag“, sagt Lorenzen. Zudem knüpfen die Studen­ ten frühzeitig Kontakte zu „richtigen“ Unterneh­ mensberatungen und Firmen aus allen Branchen – potenzielle Arbeitgeber nach dem Studium. Der Markt der Nachwuchsberater wächst: Derzeit gibt es laut Lorenzen bundesweit rund 160 studentische Unternehmensberatungen. Die Beratungen sind eingetragene Vereine, die als Hochschulgruppen tätig sind. Dem BDSU ge­ hören derzeit 32 Beratungen mi t mehr als 2300 Mitgliedern an. Sie haben im vergangenen Kalen­ derjahr zwei Millionen Euro Umsatz gemacht. Die bundesweit erste studentische Unterneh­ mensberatung ist Junior Comtec, im Jahr 1988 an der Technischen Universität in Darmstadt gegründet. Der Wirtschaftsingenieurstudent Peter Teichmann hatte studentische Unterneh­ mensberatungen während seines Auslandsse­ mesters in Frankreich kennen­ und schätzen gelernt. Nach eigenen Angaben zählen zu Junior Comtecs Kunden 43 Pro­ zent der Dax­Konzerne. Über­ wiegend seien die Auftraggeber der Nachwuchsberater jedoch mittelständische Firmen aus der regionalen Umgebung, sagt Lorenzen. sk

Auch Studenten beraten Unternehmen.

5,1 4,3

24,8 Strategieberatung

3,7

Herausforderung Generation Y Die Generation Y – geboren zwischen 1980 und Anfang der 1990er – stellt die Berater­ branche vor enorme Herausforderungen. Der Beruf verlangt einen hohen Einsatz, doch die um die 30­Jährigen wollen nicht um jeden Preis arbeiten, sondern im Einklang mit ihren Bedürfnissen. Karriere zu machen und Geld zu verdienen ist nicht alles, die Jun­ gen fordern auch Zeit für Familie und Freizeit. „Die Beratungen suchen intensiv nach Modellen, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Wir lassen nichts unversucht“, sagt Klaus Reiners vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU). Als Beispiele nennt er Sabbaticals und Homeoffice. McKinsey hat 2011 etwa das Pro­ gramm „Take Time“ eingeführt: Jeder Berater kann sich pro Jahr bis zu zwei Monate zu­ sätzlich zum Jahresurlaub freinehmen. Recruiting­Chef Thomas Fritz, der die Flexibili­ tät durch Projektarbeit als entscheidenden Vorteil sieht, sagt: „Die Kollegen sind heute immer noch sehr loyal und einsatzbereit, aber nur, solange sie auch ihre persönlich gesteckten Ziele erreichen.“ Programme, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern, sollen zugleich die Frauenquote erhöhen, was kleinen und mittleren Häu­ sern besser gelingt als großen: Bei Junior­Beratern liegt die Quote zwischen 32 und 42 Prozent und sinkt mit steigender Position in großen Häusern auf vier, in mittleren auf 18 und in kleinen Häusern auf 30 Prozent Frauenanteil in der Unternehmensleitung. sk

Verschiedene Beratertypen Das Staufenbiel Institut hat verschiedene Beratertypen herausgearbeitet: Der Stratege muss auf höchster Vorstands­ oder Geschäftsführerebene auf Marktbedingungen angepass­ te Strategien finden. Er braucht scharfe Analysen und weit­ sichtige Konzepte. Er darf ein kreativer, unternehmerischer Querdenker mit Mut zum Risiko sein. Der Umsetzer setzt erarbeitete Strategien und Konzepte um und führt sie ein. Er arbeitet eng mit den Mitarbeitern des Kunden zusammen, muss also einfühlsam, kommunikations­ und teamfähig sein. Der Mediator schlichtet emotionale Konflikte zwischen Mitarbeitern, die sich negativ auf die Firma auswirken. Dazu benötigt der Vermittler Fingerspitzengefühl und Geduld. Der Technologieberater entwickelt strategische Technologie­ ziele, identifiziert Technologiepotenziale, führt Technologie­ bewertungen durch und implementiert die neuen Technolo­ gien in den Unternehmen. Dieser Beratertyp muss analytisch denken und eine Leidenschaft für Technik haben. Der Markt­ und Markenmacher betreibt eine intelligente Markenpolitik, baut international ausgerichtete Vertriebsnetze auf oder er­ stellt passende Preismodelle. Ziel ist es, auf Basis von Markt­ und Wettbewerbsanalysen geeignete Maßnahmen für die Stärkung der Markt­ und Markenposition des Kunden zu fin­ den. Der Veränderer muss im Change­Management­Prozess bei den Mitarbeitern Akzeptanz für die Projektziele und ­ergebnisse in fachlicher, finanzieller oder technischer Hinsicht schaffen. Der Veränderer involviert dazu so früh wie möglich alle Beteiligten, kommuniziert offen mit ihnen, motiviert sie und baut ihre Ängste ab. Der Kulturbeauftragte kommt bei Fusionen, Kooperationen oder strategischen Neuausrichtun­ gen von Firmen, um Orientierungslosigkeit zu verhindern. Er passt Unternehmensidentitäten an oder hilft, sie neu aus­ zurichten. Am Ende sollen alle Mitarbeiter die Unternehmens­ kultur selbst hinterfragen und neue Sichtweisen entwickeln. sk

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Thomas Rinn wollte nur zwei Jahre Unternehmensberater sein. Daraus sind 17 Jahre geworden. Von Stefanie Köhler Porträt

A Ein Studium ist zwingend

4,3

Berufseinsteiger, die für gewöhnlich als Analysten starten, verdienen je nach Umsatzstärke des Beratungsunternehmens im Schnitt 28 900 bis 39 300 Euro brutto. Als Consultant ist ein durchschnittliches Festgehalt von 39 700 Euro in kleineren und 51 200 Euro in großen Beratungen möglich. Für Partner fällt das Festgehalt umso höher aus, je größer der Umsatz der Beratung ist. Im Schnitt erhalten Partner großer Beratungen ein Festgehalt von rund 213 000 Euro pro Jahr. In niedrigeren Umsatzklassen sinkt das Festgehalt auf rund 135 500 bis 85 000 Euro. Je größer und umsatzstärker die Unterneh­ mensberatungsgesellschaft ist, desto geringer fällt auf Partnerebene der Anteil des Festgehaltes an den Gesamteinkünften aus. Umgekehrtes gilt in den unte­ ren Hierarchiestufen. Die höchsten Festgehälter gibt es über alle Hierarchie­ stufen hinweg in Consultingfirmen mit den Schwerpunkten Organisations­, Prozess­ und Strategieberatung. sk

Kunden nicht nach dem Mund reden

7,7

StZ-Grafik: zap Quelle: Bundesverband Deutscher Unternehmensberater

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Wirtschaft in Baden-Württemberg 13

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Eine Karriere als Berater klappt nur mit Studium. In den vergangenen Jahren hat sich bei Einsteigern der Schwer­ punkt der Studienrichtung verändert: Eine Umfrage des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) zeigt, dass 44 Prozent der Absolventen mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulab­ schluss als Junior­Berater beginnen – bislang waren es mehr als 65 Prozent. Jeder Zehnte hat Mathematik oder Naturwissenschaften studiert, 15 Prozent haben ein Ingenieurstudium. Jeweils drei Prozent steigen nach einem medizinischen, sprach­ oder kulturwissen­ schaftlichen Studium ein. „Der Zugang zur Beratung ist vielfältiger denn je“, sagt BDU­Sprecher Klaus Reiners, ein Bachelorabschluss genüge. Grundsätzlich müssten die Noten exzellent sein. „Größere Häuser bieten Einsteigern auch an, den Master zu machen“, sagt Reiners. Zudem gibt es Masterstudiengänge mit dem Schwerpunkt Consulting. Der BDU hat festgestellt, dass bei den Senior­Bera­ tern der Anteil mit einem Ingenieurstudium mit 23 Pro­ zent deutlich höher liegt als beim Einstieg in die Bera­ terwelt. Bei den großen Marktteilnehmern über zehn Millionen Euro Jahresumsatz betrage der Anteil sogar 33 Prozent. Der BDU geht davon aus, „dass für die Auf­ gabenstellungen in den Beratungsprojekten verstärkt auch berufserfahrene und gleichzeitig technologie­ orientierte Unternehmensberater benötigt werden“. Im Recruiting versuchten die Consultingfirmen, diesen Bedarf intensiv mit Quereinsteigern aus der Wirtschaft und Industrie zu decken, sagt Reiners. sk

ls seine beiden Söhne noch klein größtenteils in Deutschland, Österreich und waren, erklärte Thomas Rinn (44) der Schweiz, wo er überwiegend mit einem ihnen, er sei eine Art Arzt für Unter­ Team beim Kunden an einem Projekt arbei­ nehmen, die mit seiner Hilfe gesund wer­ tet. „Das ist das Schönste an meinem Job.“ den. Im Kindergarten erzählten die Jungen Restrukturierungen gehören eher selten zu fortan, ihr Vater sei ein Doktor. Dass er Rinns Aufgaben. Oft verlangen die Kunden weniger Zeit für sie hat als andere Väter, Wachstumsthemen, Produktoptimierung verstanden sie nun besser. oder Kostensenkung. Firmen zu beraten, die Spricht Thomas Rinn über seinen Beruf gut sind, noch besser werden und ihr als Unternehmensberater bei Roland Berger Wachstum stemmen wollen, sei fachlich und Strategy Consultants, eine der weltweit füh­ inhaltlich sehr anspruchsvoll, sagt Rinn, renden Strategieberatungen, der sich um bis zu fünf Pro­ sprüht er vor Begeisterung. Er „Als Berater kann jekte parallel kümmert. Dank liebt seinen Beruf, das merkt ich etwas bewegen. seines großen Netzwerks berät man sofort. Ebenso, dass er Beratung bedeutet, er den Großteil seiner Kunden sich Zeit für seine Familie immer wieder. nimmt, obwohl er einen Veränderungen Rinn sagt, dass er einen herausfordernden und reise­ anzustoßen.“ Beruf gefunden hat, in dem er intensiven Job hat. etwas bewegen kann. Beratung Thomas Rinn, Viele Freiheiten trotz des Partner bei Roland Berger bedeute, Veränderungen anzu­ hohen Arbeitspensums hat stoßen. Man müsse Eigenini­ Rinn aber erst, seitdem er 2003 bei Roland tiative zeigen, Trends erkennen, Missstände Berger zum Partner aufgestiegen ist. Das Bü­ oder Probleme objektiv ansprechen und ro mal für zwei Stunden verlassen, um ein nicht dem Kunden nach dem Mund reden. Tennisspiel des Sohnes anzuschauen, steht „Ich muss meinen Klienten gut zuhören für ihn außer Frage. Die Kunden akzeptier­ können und am richtigen Punkt meine Ar­ ten das, „sie wissen, dass wir immer für sie da gumente einbringen und durchsetzen.“ Es sind“. Zudem verbringt er inzwischen mehr gehe darum, mit dem Kunden gemeinsam Zeit zu Hause. Die Familie spielt dann ge­ einen Weg zu gehen. „Meine Stärke ist es, die meinsam Tennis oder unternimmt Städte­ Menschen einzufangen, sie als Partner mit­ reisen. „Heute schlafe ich unter der Woche zunehmen und den gemeinsam definierten zwei Nächte im Hotel und zwei Nächte da­ Weg zu ihrem Weg zu machen“, sagt Rinn. heim. Davor waren es vier Nächte im Hotel“, Damit, einmal Partner bei Roland Berger sagt Rinn. Mit daheim meint er sein Haus in zu werden, hätte er als Hochschulabsolvent Dettingen an der Erms. „Wir haben uns be­ Ende der 1990er nie gerechnet. Nach dem wusst gegen die Stadt und für das Land ent­ Studium der Betriebswirtschaftslehre in Tü­ schieden, wo meine Familie sich wohlfühlt.“ bingen, dem der MBA in Portland (Oregon) Alle zwei Wochen arbeitet der Diplom­ folgte, dachte sich Rinn: „Zwei Jahre arbeite Kaufmann einen Tag am Standort Stuttgart, ich in einer großen Unternehmensberatung, den er leitet, „sonst bin ich unterwegs bei danach gehe ich in die Industrie. Roland Ber­ unseren Klienten“. Seine Zeit verbringt er ger ist aber ein sehr guter Arbeitgeber. Es gab

Unternehmensberater aus Leidenschaft: Thomas Rinn hat sich bei Roland Berger zum Partner hochgearbeitet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth für mich nie einen Grund, diesen Schritt in Richtung Industrie zu machen.“ So sind aus zwei Jahren 17 geworden, in denen Rinn Konzerne ebenso beraten hat wie kleinere Firmen aus den Branchen Transport, Ma­ schinen­ und Anlagenbau, High Tech, IT oder Telekommunikation. Der Spagat zwi­ schen klein und groß ist Rinn wichtig – er liebt die Herausforderung des Wechsels. Dass ihm der Mittelstand am Herzen liegt, ist auch familiär bedingt: Rinn ist als Sohn eines Handwerksunternehmers aufge­ wachsen. Während des Studiums arbeitete er viele Jahre in der Firma, in der er heute Auf­ sichtsratsvorsitzender ist. Ob Rinn sich jetzt noch einen Wechsel in die Industrie vorstel­ len kann? Das sei bisher kein Thema gewe­ sen, sagt Rinn, „aber man soll nie Nie sagen“. Angebote von Kunden bekomme er genug. Für eine andere Beratung zu arbeiten, schließt Rinn dagegen aus. „Es wäre sehr schwer, in diesem wettbewerbsstarken Umfeld dieselbe Loyalität für eine andere Beratung aufzubringen.“


14 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

„Geld ist ein wichtiger Faktor, aber nicht alles“ Viele Firmen tun sich schwer, gute Mitarbeiter zu finden. Unternehmer Harald Marquardt spricht über seine Erfahrungen. Der Chef des gleichnamigen Autozulieferers aus Rietheim­Weilheim sagt, der ländliche Raum habe auch Vorteile. Interview

G

roße Firmen mit bekannten Namen haben meist weniger Probleme, Fachkräfte zu finden – kleinere dagegen schon. Diese könnten mit Flexibilität und flachen Hierarchien punkten, sagt Familienunternehmer Harald Marquardt. Herr Marquardt, Ihr Unternehmen sitzt abseits im ländlichen Raum, wie gelingt es Ihnen, Fachkräfte zu finden? Sie können uns nicht mit Unternehmen in einem Ballungsgebiet vergleichen, schon gar nicht im Großraum Stuttgart. Aber wir ha­ ben auch Berufspendler, die weitere Stre­ cken in Kauf nehmen, um bei uns arbeiten zu können. Für mich ist das ein Beweis, dass der ländliche Raum keinesfalls ein Stand­ ortnachteil sein muss. Wichtig ist, dass das Unternehmen attraktive Perspektiven und persönliche Weiterentwicklungsmöglich­ keiten bietet. Da waren wir in den vergange­ nen Jahren schon sehr gut. Dies und die fla­ chen Hierarchien in einem Familienunter­ nehmen sind für Fachkräfte durchaus interessant. Wir profitieren auch davon, dass unsere Region, also Schwarzwald­Baar­ Heuberg, wegen einer großen Anzahl erfolg­ reicher Unternehmen einen hervorragen­ den Ruf hat, zu dem auch Marquardt ein Stück weit beiträgt.

Fachkräfte finden ist die eine Sache, Fach­ kräfte binden die andere. Begehrte Fach­ kräfte wechseln, wenn sie mit etwas nicht zufrieden sind. Was tun Sie, um gute Leute zu halten? Geld ist sicherlich ein wichtiger Faktor, aber nicht alles. Im Übrigen sind wir tarifgebun­ den. Mitarbeiterbindung ist darüber hinaus ein wichtiges Thema. Da zählen Punkte wie Sicherheit, Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit und ein solides Umfeld. Das „Bei uns haben Sie wissen unsere Mitarbeiter zu schätzen. Wir feiern 10, 25, 40 schneller ein Gesicht und sogar 50 Jahre Betriebszu­ und sind nicht nur gehörigkeit – und da haben wir ein No­Name.“ jedes Jahr Dutzende Jubilare. Fachkräfte können bei uns Unternehmer Marquardt über Karrierechancen auch relativ schnell Karriere machen, sich einbringen und viel Verantwortung übernehmen. Bei einem Familienunternehmen fällt das, was jeder Einzelne leistet, deutlich schneller auf, als das in einem Konzern der Fall ist. Bei uns ha­ ben Sie schneller ein Gesicht und sind nicht nur ein No­Name. Wie viele Mitarbeiter im Unternehmen ken­ nen Sie persönlich? Von den rund 2500 Mitarbeitern an unse­ ren drei deutschen Standorten etwa ein Viertel mit Namen. Das liegt auch daran, dass ich in der Region aufgewachsen bin und mit manchem schon die Grundschul­ bank gedrückt habe. Spüren Sie den Wertewandel der Generation Y, für die Themen wie Work­Life­Balance und Mitarbeiterentwicklung zählen? Unterschiedliche Generationen wollen unterschiedlich geführt werden und haben unterschiedliche Schwerpunkte. Ich bin der Überzeugung, dass Arbeit einen Teil unseres Lebens ausmacht, und wer in sei­ nem Beruf zufrieden ist, der findet seine Balance automatisch. Wir nehmen die An­ sprüche aber ernst und entwickeln mit der Generation Y neue Arbeits­ und Lebensfor­ men, die sowohl den Mitarbeitern, dem Unternehmen und letztendlich auch den Kunden gerecht werden.

Zum Beispiel? Wir haben extrem flexible Arbeitsplätze und Arbeitszeiten in Kombination mit Homeoffice und individueller Weiterent­ wicklung. Bei der Kinderbetreuung arbei­ ten wir mit einem Kindergarten vor Ort zusammen. Unsere Mitarbeiter schätzen das. Unser Standort Rietheim­Weilheim hat 2700 Einwohner, und wir stellen hier 2200 Arbeitsplätze. Das zeigt doch, dass wir auch viele Einpendler haben, auch viele unterschiedliche Nationen. Vor 25 Jahren waren es Badener und Würt­ temberger, heute arbeiten am Standort 40 unterschiedliche Nationen – Tendenz steigend. Setzen Sie auch auf ausländische Fachkräfte insbesondere aus Südeuropa? Wir haben einige, die sich mittlerweile schon gut integriert haben. Einige aus Spanien haben Aufgaben, bei denen sie in ihrer Muttersprache kommunizieren können – etwa wenn es um Kunden in Spanien und Südamerika geht. Dasselbe gilt für Fachkräfte aus Portugal und ande­ ren Nationen. Kleine und mittelständische Unternehmen müssen sich mehr anstrengen, um Personal zu gewinnen, als große Firmen mit bekann­ ten Namen. Wie punkten Sie gegen solche Konkurrenz? Das mag sein. Mittlerweile sind wir nicht mehr ganz so klein. Wir haben weltweit über 8000 Mitarbeiter und sind über die Region hinaus bekannt. Wichtig ist, dass wir uns über andere Merkmale abheben und gewisse Alleinstellungsmerkmale haben. Dazu gehören unter anderem die individuelle Weiterentwicklung der Mit­ arbeiter sowie ein gutes, persönliches und vor allem ein wertschätzendes Miteinan­ der. Man kann nicht mit jedem Mitarbei­ ter in direkten Kontakt kommen, aber wir von der Geschäftsführung versuchen das so gut wie möglich. Darüber hinaus bietet die Region viele kulturelle Möglichkeiten einer Großstadt mit allen Vorteilen des ländlichen Raumes: Fahrzeiten, Luftqua­ lität, Sicherheit – das schätzen vor allem junge Familien. Bauplätze dürften in der Region auch güns­ tiger sein als in Ballungsräumen? Ja, auch die Lebenshaltungskosten. Unterm Strich – also abzüglich der Kosten für Miete und Einkäufe – bleibt netto mehr übrig. Bei Marquardt arbeiten einige Inge­ nieure aus Berlin. Genau solche Themen sind es, die diese von der Weltstadt Berlin ins ländliche Rietheim treiben. Teils haben diese 30 Prozent mehr Gehalt übrig, weil die Lebenshaltungskosten geringer sind. Klar ist es auch ein Antrieb, dass sie hier schneller Karriere machen können. Wie brisant ist das Thema Fachkräfte­ rekrutierung generell für Firmen im länd­ lichen Raum zu sehen? Die Brisanz ist da, aber wahrscheinlich nicht größer als in Städten. Mittel­ und langfristig können wir den Fachkräfteman­ gel sicher nicht ohne Zuwanderung aus dem Ausland bewältigen, wenn wir in Deutschland wettbewerbsfähig bleiben wollen. Im Übrigen: nicht alle Fachkräfte wollen in die Großstadt. Viele sind hier auf­ gewachsen, Eltern und Schwiegereltern leben hier. Das schätzen viele, vor allem wenn sie Kinder haben. Sie bilden auch aus. Bekommen Sie denn genügend Bewerber? Angesichts der geburtenschwachen Jahr­ gänge bekommen wir weniger Bewerbun­ gen, im Vergleich zu den Unternehmen in der Region aber relativ viele. Manche Stel­ len bleiben angesichts mangelnder Qualifi­ kation aber unbesetzt. Zahlen Sie eigentlich Mitarbeitern, die einen neuen Kollegen werben, noch immer eine Prämie? Ja, das können bis zu 1000 Euro Prämie sein. Wir machen damit ganz gute Erfah­ rungen und gewinnen auf diese Weise ein gutes Dutzend Mitarbeiter pro Jahr. Den Jubilaren stelle ich immer die Standard­ frage: „Wie sind Sie zu Marquardt gekom­ men?“ Die Mehrzahl der Leute über Emp­ fehlungen.

Blick in die Produktion beim Zulieferer Marquardt – hier im Werk für Automobilsysteme in Rietheim­Weilheim

Das Gespräch führte Imelda Flaig.

Setzt auch auf Empfehlungen, um gute Leute zu finden: Unternehmer Harald Marquardt

FAMILIENUNTERNEHMER Automobilexperte Harald Marquardt (53) steht seit 2004 an der Spitze des Fami­ lienunternehmens Marquardt GmbH in Rietheim­Weilheim bei Tuttlingen – als Sprecher der Geschäftsführung. Nach seiner Ausbildung zum Bank­ kaufmann studierte er BWL in München. Nach Stationen bei Osram, unter anderem als Finanzdirektor bei der engli­ schen Tochterfirma in London, trat er 1996 in die Geschäfts­ führung des Familienunter­ nehmens ein. 1997 promovier­

te er in Stuttgart. Marquardt ist auch ehrenamtlich enga­ giert – unter anderem als stell­ vertretender Vorsitzender des Vorstands von Südwestmetall. Unternehmen Die Marquardt­ Gruppe beschäftigt an ins­ gesamt 14 Standorten in Deutschland, den USA, Frank­ reich, Tunesien, Indien, China, Mexiko, der Schweiz, Maze­ donien und in Rumänien mehr als 8000 Mitarbeiter. Der Umsatz des 1925 gegründeten Familienunternehmens lag

im vergangenen Jahr bei mehr als 800 Millionen Euro. Mar­ quardt ist Spezialist für elek­ tromechanische und elektro­ nische Schaltsysteme. Drei Viertel des Umsatzes macht das Unternehmen mit der Autoindustrie – Produkte wie elektronische Zündschlösser und Funkschlüssel, Keyless­ Pakete, zu denen Antennen und Steuergeräte gehören, und Start­Stopp­Schalter. Auch stecken Marquardt­ Schalter in Elektrowerkzeugen und Haushaltsgeräten. imf

Fotos: Marquardt


Wirtschaft in Baden-Württemberg 15

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Den Erfolg studieren – mit dualem Master

Das Studium hat viele Gesichter – etwa auch die Recherche in der Bibliothek, aber auch den Austausch mit anderen.

Die einstigen Berufsakademien im Land bieten acht standortübergreifende Masterstudiengänge an. Das Prinzip des praxisorientierten Lernens wird auch auf dem Weg zum Master konsequent fortgesetzt. Von Raimund Haser Duale Hochschule

Fotos: DHBW­RV

D

ie Duale Hochschule Baden­ zen. In Radkes Büro häufen sich Württemberg mit über 30 000 aber Informationsanfragen potenzieller Studierenden hat sich als Er­ Masterstudenten. Auf die Frage, ob die folgsmodell erwiesen. Die von zeitliche Belastung vor allem die bereits Studierenden und Unterneh­ mitten im Job stehenden Führungskräfte men gleichermaßen stark nachgefragte nicht abschreckt, sagt sie: „Ich würde Studienform, in der junge Menschen neben empfehlen, im Beruf etwas kürzerzutre­ ihrem dreijährigen Studium zum Bachelor ten, damit man sich auf das Studium kon­ bei einem Unternehmen in der betriebli­ zentrieren kann.“ Es gehe ja nicht nur um chen Praxis ausgebildet werden, war Vor­ die Präsenztage, sondern auch darum, sich bild für zahlreiche ähnliche Hochschulfor­ wissenschaftlich mit der Thematik aus­ men im In­ und Ausland. Auch aus anderen einanderzusetzen. Bundesländern oder den benachbarten Dass es sich lohnt, einen dualen Master Staaten kommen Studierende zu den zu machen – daran lässt Radke keinen Standorten der DHBW nach Lörrach, Vil­ Zweifel. Gerade in der Medienwelt ändere lingen­Schwenningen, Stutt­ sich so vieles, dass es guttut, gart, Karlsruhe, Mannheim, „Im Beruf sollte man sich auf den aktuellen Stand Mosbach, Heilbronn, Heiden­ etwas kürzertreten, zu bringen. Dank eines modu­ heim und Ravensburg. Unter­ um sich auf laren Studienaufbaus, bei nehmen aus ganz Deutschland dem man je nach persönli­ bilden hier ihre zukünftigen das Studium chen Neigungen den Lehr­ Fach­ und Führungskräfte konzentrieren plan individuell gestalten aus. Nach drei Jahren erhalten zu können.“ kann, ist die Masterstudien­ sie akademisch ausgebildetes richtung „Medien und Marke­ Personal, das neben den Stu­ Professorin Petra Radke ting“ laut Radke für Men­ dieninhalten auch den Ausbil­ zu Masterstudiengängen schen unterschiedlicher dungsbetrieb in den Praxis­ Branchen sehr interessant. phasen kennengelernt hat und deshalb „Zu uns kommen ja nicht nur Leute aus ohne jegliche Einarbeitungszeit nach Ab­ dem Verlagswesen. Auch Pressesprecher schluss des Studiums eingesetzt werden oder Marketingleute großer, internationa­ kann. Die Übernahmequoten liegen bei et­ ler Unternehmen, Produktionsleiter beim wa 90 Prozent. „Wer übernommen werden ZDF oder Führungskräfte von Konzernen will, wird auch übernommen“, sagte jüngst oder mittelständischen Betrieben, in de­ ein Personalleiter einer mittelständischen ren Verantwortungsbereich das Thema IT­Firma am Bodensee. Kommunikation und Medien eine Rolle Für die Fortsetzung des Studiums nach spielt, bilden ihren Führungsnachwuchs Abschluss der Bachelorprüfung hat die bei uns auf diese Weise fort.“ DHBW mit Gründung des CAS (Center for Im Gegensatz zum ursprünglichen Stu­ Advanced Studies) in Heilbronn zum 1. Ok­ dienmodell der DHBW, das seit Jahrzehn­ tober 2014 nunmehr eine neue Struktur für ten etabliert ist, müssen sich die Master­ die berufsintegrierten Masterstudiengän­ studiengänge am umkämpften Markt der ge geschaffen. Das CAS bündelt ab dem MBA­ und M.A.­Angebote aus dem In­ und Wintersemester 2015/2016 am Standort Ausland erst noch bewähren. „Dual zum Heilbronn die General Management­ Doktor“ könnte dann der nächste Schritt Bereiche des Masterstudiengangs, die zum Erfolg werden. Natürlich wieder in Lehrveranstaltungen der spezialisierten Baden­Württemberg, dem Gründungsland Studienrichtungen werden teilweise in dualer Studienangebote. Heilbronn, teilweise an den übrigen DHBW­Standorten gelehrt. Konkret sieht das am Beispiel der Fa­ kultät Wirtschaft so aus: Das Masterstu­ dium an der DHBW, das in der Regel ein Jahr nach Abschluss des Bachelorstu­ diums begonnen werden kann, bietet die Studienrichtungen Accounting/Control­ ling/Steuern, Dienstleistungen, Finance, Handel, International Business, Marke­ ting, Medien und Marketing, Personal/ Organisation sowie Supply Chain Ma­ nagement/Logistik/Produktion an. Es fallen dabei Studiengebühren in Höhe von 15 000 Euro an. Voraussetzungen für die Zulassung zum Studium sind ein min­ destens sechssemestriges Hochschulstu­ dium mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt sowie ein Abschluss mit mindestens 180 ECTS­Punkten und eine Abschlussnote besser als 2,6. An der DHBW Ravensburg, wo gleich zwei der acht genannten Studiengänge künftig beheimatet sind, begrüßt man diese Neuordnung. Professorin Petra Radke, die den Masterstudiengang Medien und Mar­ keting (M.A.) verantwortet, freut sich ins­ besondere darüber, dass die DHBW das Prinzip des dualen Studiums nun konse­ quent fortführt. „Studienort ist bei uns ja nicht nur Ravensburg, wo wir über entspre­ chende Infrastruktur im Medienbereich verfügen. Wir reisen auch in Verlagshäuser, schauen uns Medienagenturen an, disku­ tieren mit Praktikern aktuelle Trends oder lassen uns von IT­Experten und Psycho­ logen aus der Praxis berichten, wie sich Medientrends entwickeln.“ Wie groß die Nachfrage nach den Mas­ terstudiengängen nach der CAS­Neuord­ nung sein wird, lässt sich schwer abschät­

Gebäude der Dualen Hochschule BW in Ravensburg – hier werden Inhalte für den Master in Business Manage­ ment gelehrt.

Büffeln neben dem Job – hier Studierende der DHBW in Ravensburg

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DUALE HOCHSCHULE Studiengänge An der dualen Hochschule lassen sich Fächer mit wirt­ schaftlicher, technischer und sozialer Ausrichtung studieren. Die Wirt­ schaftsfächer umfassen Masterstudiengänge in Business Management sowie Steuer/Rechnungslegung/Prüfungswesen. Bei der technischen Ausrichtung gibt es unter anderem Studiengänge in Automotive System Engineering, Wirtschaftsingenieurwesen, Maschinenbau und Elektro­ technik. Die Fakultät Sozialwesen bietet einen Masterstudiengang an, der für Leitungsaufgaben in sozialen Organisationen qualifiziert. Informationsquellen Mehr Informationen über die Studienmöglichkei­ ten am CAS gibt es im Internet unter www.cas.dhbw.de. In den ersten 18 Monaten sind 60 Präsenztage zu absolvieren, der Rest besteht aus Selbststudium und Masterarbeit. rh

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16 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Martina Hunzelmann steht seit mehr als 20 Jahren an der Spitze der Stuttgarter Kaffeerösterei Hochland – ein Familienunternehmen, das sich erfolgreich gegen die übermächtige Konkurrenz der Großröster behauptet. Von Imelda Flaig Hochland­Geschäftsführerin

Ausgefragt

„Freude am Leben macht leistungsf ähig“ Mar tina Hun zelm ann

ist Familienunternehmerin mit Leib und Seele. In unserem Fragebogen verrät sie unter anderem, wer ihr Vor bild ist und worauf es im Beruf ankom mt. Was macht einen guten Chef aus

?

Die Kombination aus Herzensbil dung, Analytik, Durchsetzungsstär ke, Bodenständigkeit, Visionen und Humor.

Und welche Eigenschaften davon

haben Sie?

Von allem etwas – je nach Tagesform.

Wie kommt man so weit wie Sie?

er Karriere?

Meine Familie und ein bisschen Glü ck, die richtigen Menschen zur rich tigen Zeit zu treffen, und ein „guter Dollarkurs“ gehören dazu.

Haben Sie Vorbilder?

Meine Oma, die zusammen mit mei nem Großvater die Firma Hochlan d Kaffee gegründet hat, und als Wit mit Mut, Durchsetzungsstärke und we Weitsicht dieses Juwel durch den Zwe iten Weltkrieg und darüber hinaus geführt hat.

Was ist typisch für Ihren Arbeits alltag?

Totale Flexibilität, und dass ich plan e und

Was würden Sie heute anders ma

es trotzdem manchmal anders kom mt.

chen?

Ich wäre in manchen Situationen stre nger und bei ein paar Entscheidunge n härter.

Von wem können Sie am ehesten

Von jedem, wenn sie bedacht ist.

Kritik einstecken?

Womit können Kollegen Sie nerven

?

Mit fehlender Achtsamkeit und nich t mitdenken.

Und umgekehrt?

Mein Perfektionismus und meine Spo ntaneität, das ist sicher manchmal ans trengend.

Was raten Sie Berufsanfängern?

Nach moralischen Prinzipien zu lebe n. Ein Ziel zu haben und darauf zuz usteuern, Umwege gelassen anzune men, aber dranbleiben, auch wenn h­ es manchmal schwierig zu sein sch eint, und sich über erreichte Zwisch ziele richtig freuen!!! en­

Heidelberg Cement stärkt US­Geschäft Seit 1. Februar ist Dominik von Achten neuer stellvertretender Vorstandsvorsitzender beim Heidelberger Dax­Konzern Heidelberg Cement. Die Stelle wurde neu eingerichtet. Von Achten ist unter anderem zuständig für den Konzern­ einkauf des Baustoffunternehmens und den wieder erstarkenden nordamerikanischen Markt. Der Vertrag von Heidelberg­Cement­ Chef Bernd Scheifele wurde im selben Zug vom Aufsichtsrat um weitere fünf Jahre verlängert. Heidelberg Cement beschäftigt rund 45 000 Mitarbeiter in über 40 Ländern. wro

Steffen Szeidl

Drees & Sommer setzt auf IT Seit Jahresbeginn ist der studierte Architekt Steffen Szeidl (34) neuer Digital­Vorstand beim Stuttgarter Beratungsunternehmen Drees & Sommer. Er ergänzt das bestehende Zweier­Vorstandsteam um Peter Tzeschlock und Dierk Mutschler. Gleichzeitig zieht sich Joachim Drees aus dem Vorstand des Bau­ planungsspezialisten zurück. Drees gehörte dem Gremium gut zwei Jahre an. Er bleibe dem Unternehmen weiterhin verbunden, hieß es. Der gebürtige Heidelberger Szeidl ist seit 2006 bei Drees & Sommer, studierte zuvor in Darmstadt und an der ETH in Zürich. Als Vorstand wird er sich schwerpunktmäßig um die digitale Unternehmenswelt, die digitale Vernetzung von Gebäuden und Organisationsaufgaben kümmern. wro Foto: Firmenfoto

Was macht Sie leistungsfähig?

jede Tasse Kaffee . . .

Hanspeter Mürle

Neuer Ravensburger­Vorstand Hanspeter Mürle wird neuer Finanzchef der Ravensburger AG. Der Aufsichtsrat des Spieleherstellers hat den 45­Jährigen zum Mitglied des Vorstands bestellt. Mürle soll spätestens zum 1. Juli 2015 seinen Dienst antreten. Er wird neben dem Vorstands­ vorsitzenden Karsten Schmidt und den Vorstandsmitgliedern Florian Knell und Cle­ mens Maier für die Res­ sorts Finanzen, Personal, Recht und IT verant­ wortlich sein. Nach Sta­ tionen bei EADS und Carl Zeiss ist Mürle der­ zeit bei der Gruppe s.Oliver als Finanzchef und Geschäftsführer tä­ tig. Der bisherige Ravensburger­Finanzvor­ stand Jörg­Viggo Müller geht zum 31. März in den Ruhestand. imf Foto: Ravensburger AG

Meine Freude am Leben und die Lieb e und

Anfang April übernimmt der gebürtige Stutt­ garter Axel Kiefer (52) den Vorsitz der Ge­ schäftsführung der An­ lagenbau­Sparte des Friedrichshafener Zep­ pelin­Konzerns, der Zep­ pelin Systems GmbH. Kiefer folgt Dieter Brü­ cher nach, der die Ge­ schäftseinheit interims­ mäßig rund ein Jahr geführt hatte und dem Unternehmen weiter be­ ratend zur Verfügung steht. Zuvor war Kiefer als Geschäftsführer beim Stuttgarter Maschi­ nenbauer Coperion tätig. Der diplomierte Kaufmann blickt auf eine über 20­jährige Kar­ riere im Anlagenbau zurück. Der Zeppelin­ Konzern mit juristischem Sitz in Friedrichsha­ fen und Zentrale in München erwirtschaftete 2013 mit über 7700 Mitarbeitern einen Um­ satz von 2,43 Milliarden Euro. wro

Dominik von Achten

Die Freude an dem, was ich tue, und den Mut zu haben, ein Familienuntern ehmen in die nächste Generation zu führen – und auch „Geht nicht gibt es nicht“.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihr

Stuttgarter bei Zeppelin

Jochen und Bernd Eberle

Generationswechsel beginnt

Karriere mit Kaffee: Hochland­Chefin Martina Hunzelmann trinkt gerne ein Tässchen. Foto: Uli Maier

Die Unternehmensnachfolge beim Baumaschi­ nenspezialisten Eberle­Hald (Metzingen) ist gesichert. Firmengründer Bernd Eberle (60) hat nun seinen Sohn Jochen (links im Bild mit Bernd Eberle) als Gesellschafter in die Eberle­Hald­Gruppe eingebunden. Der 25­Jährige leitet zudem die Nieder­ lassung Metzingen. Nach seiner Ausbildung zum Groß­ und Außenhandels­ kaufmann hat der Juniorchef noch ein duales Studium BWL­Handel draufgesetzt und in verschiedenen Eberle­Hald­Partnerfirmen gearbeitet. Mit acht Standorten zählt die Eber­ le­Hald­Gruppe mit Sitz in Metzingen zu den größten Baumaschinen­ und Baugerätehänd­ lern in Baden­Württemberg, drei Niederlas­ sungen kommen noch in Sachsen hinzu. Das Unternehmen beschäftigt rund 220 Mit­ arbeiter und erzielt etwa 75 Millionen Euro Jahresumsatz. imf Foto: Firmenfoto

K

affee fließe in ihren Adern, sagt sie selbst über sich. Martina Hunzelmann, Eigentümerin und Chefin der Kaffeemanu­ faktur Hochland in Stuttgart, ist mit dem schwarzen Heißgetränk auf­ gewachsen. Schon als Vierjährige hat sie in der familieneigenen Rösterei Bohnen gemahlen. Wenn sie über Kaffee redet, glänzen ihre Augen, und mancher wähnt sich fast in einem Weinseminar, wenn von eleganter Note oder Säure die Rede ist. Mit Kaffee kennt sie sich aus. Was einen guten Kaffee ausmacht? „Wenn er einen beglückt und im Gaumen eine Kathedrale bildet“, beschreibt sie es gern. Die 56­Jährige meint damit, dass er von der Zungenspitze nach oben steigt, nussig im Abgang ist und keinen bitteren Beigeschmack hat. Die gebürtige Stuttgarterin ist seit 1992 Geschäftsführerin des Familien­ unternehmens Hochland Kaffee Hun­ zelmann GmbH & Co. KG. Seit 1997 hält sie 75 Prozent der Firmenanteile. Mar­ tina Hunzelmann, Enkelin des Firmen­ gründers, ist keine, die sich in den Vor­ dergrund drängt oder gerne über Erfol­ ge redet. Im Vergleich zu Riesen wie Tchibo oder Jacobs, die ihre Margen über Menge verdienen, ist Hochland ein Winzling – aber ein erfolgreicher mit einer Jahresproduktion von rund 1000 Tonnen, etwa 100 Mitarbeitern und rund 13 Millionen Euro Umsatz. Schiere Größe bedeutet noch kein Qualitätsversprechen, so das Credo der Hochland­Chefin. Qualität steht für sie ganz oben. Die Kaffeebohnen etwa kommen aus Costa Rica, wo man auf eine bewährte Partnerschaft mit einheimischen Bauern setzt. Hoch­ land spekuliert nicht an den Kaffee­ börsen, sondern garantiert den Ver­ tragsbauern Preise, die deutlich über denen an der Kaffeebörse liegen. Statt über Preise redet Hunzel­ mann aber lieber über Qualität und Fairness. Denn der faire Umgang ist ihr nicht nur mit Lieferanten wichtig, auch mit Kunden und Mitarbeitern. Nur so könne schließlich eine be­ stimmte Betriebskultur funktionie­ ren. Gesunder Menschenverstand, die Liebe zu Kaffee oder auch der res­ pektvolle Umgang miteinander sind für die Chefin wichtig – genauso wie Herz und Humor.

Axel Kiefer

Foto: Zeppelin

Chefin mit Herz und Humor

Persönliches


Wir Wirtschaft tschaft & Debatte

März 2015

My home is my office? Die Arbeit vom heimischen Schreibtisch aus ermöglicht vielen Beschäftigten mehr Flexibilität und Zeitsouveränität. Sie kann aber auch zusätzlichen Stress mit sich bringen.

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Fotos: fotolia (2), Biopro

Am Ende zählt nur das Ergebnis Büroarbeit von zu Hause ist aus der modernen Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. In Deutschland ist sie allerdings längst nicht so verbreitet wie in vielen anderen EU­Ländern. Auch das mobile Arbeiten von unterwegs per Smartphone, Tablet oder Laptop verändert das Leben vieler Berufstätiger. Gewerkschaftsvertreter fordern deshalb klare Regeln für die Trennung von Arbeit und Freizeit. Von Oliver Schmale Homeoffice

B

eim Frühstück oder während der Hausarbeit eine Telefonkonfe­ renz mitverfolgen oder auf dem Sofa eine wichtige Präsentation vorbereiten? Derartige Szenarien sind bei der Heimarbeit eher die Ausnah­ me. Familienfreundlicher ist es bestimmt, wenn der Schreibtisch zu Hause steht. Doch in den meisten Fällen unterscheidet sich der Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden nicht groß von dem im Büro. „Heimarbeit ist ein Teil der zunehmend flexibleren Arbeitsformen“, sagt Josephine Hofmann vom Fraunhofer­Institut für Arbeitswissenschaft „Wir müssen weg von der und Organisation in Stuttgart. Präsenzkultur und hin zu einer In Baden­Würt­ modernen Arbeitswelt mit einer temberg ist nur ein echten Vielfalt von Berufs­ und relativ kleiner Teil der Erwerbstätigen Karrieremodellen.“ in Heimarbeit tätig. Der baden­württembergische Wirtschafts­ Im Jahr 2013 arbei­ und Finanzminister Nils Schmid, SPD teten 107 000 Men­ schen hauptsächlich und 287 000 manchmal daheim, wie aus Zahlen des Statistischen Landesamtes her­ vorgeht. Zum Vergleich: insgesamt gab es 2013 rund 2,9 Millionen Erwerbstätige im Land. Die klassische Telearbeit stagniere sogar, so Hofmann. Was dagegen zunehme, sei die „mobile Arbeit“ – also die Erledi­ gung geschäftlicher Angelegenheiten von unterwegs. Dank Laptop und Smartphone ist hier mittlerweile vieles möglich. „Zwi­ schen 10 und 30 Prozent der Arbeit werden heute mobil oder von daheim aus erledigt“, sagt die Fraunhofer­Expertin. Viele Selbstständige arbeiten von zu Hause aus. Vor allem bei Versicherungen und Banken ist die klassische Telearbeit verbreitet. Sie wird häufig von Beschäftig­ ten im Vertrieb genützt. Auch in der Me­ dienbranche ist die Arbeit am heimischen Schreibtisch ein Thema. „Am schlechtes­ ten geht das natürlich im produzierenden Bereich“, so Hofmann. Besonders viele Heimarbeiter gibt es dagegen unter den Beamten und im öffentlichen Dienst. Aber auch Juristen, IT­Kräfte und Ingenieure finden sich darunter. Generell hat das sogenannte Home­ office in Deutschland einen schweren

Stand – im Gegensatz zu anderen Ländern der Europäischen Union. Aus einer jüngst veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) geht hervor, dass die Heimarbeit in Deutschland in den vergangenen Jahren sogar an Bedeutung verloren hat. 2012 arbeiteten demnach 4,7 Millionen Men­ schen überwiegend von zu Hause aus – 800 000 weniger als vier Jahre zuvor. Da­ mit läuft die Entwicklung gegen den euro­ päischen Trend. Sowohl in skandinavi­ schen Ländern als auch in Großbritannien, Frankreich oder der Schweiz hat die Heim­ arbeit nach DIW­Angaben stetig zugenom­ men. Es sind vor allem Akademiker, die ab und zu oder immer von zu Hause aus arbei­ ten. Zwischen Männern und Frauen sowie Altersgruppen gibt es der DIW­Studie zu­ folge dagegen keine großen Unterschiede. Der DIW­Arbeitsmarktexperte Karl Brenke kann die Ursachen für die relativ geringe Zahl von Homeoffice­Beschäftig­ ten in Deutschland nicht eindeutig benen­ nen. Zwar gebe es hierzulande viele Arbeitsplätze in der Industrie, die sich für

Heimarbeit generell nicht eigneten, sagt er. „Doch insgesamt dürfte sich die Berufs­ struktur nur wenig von Ländern wie der Schweiz oder Schweden unterscheiden.“ Als Erklärung blieben lediglich die allge­ meinen Arbeitsbedingungen, die sich in an­ deren Ländern möglicherweise besser für Heimarbeit eigneten – oder eine generell höhere gesellschaftliche Akzeptanz des Homeoffice. Baden­Württembergs Finanz­ und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) be­ fürwortet eine Kulturveränderung in der Arbeitswelt, gerade auch um die Chancen­ gleichheit in Fach­ und Führungspositio­ nen für Frauen und Männer zu erhöhen: „Wir müssen weg von der Präsenzkultur und hin zu einer modernen Arbeitswelt mit einer echten Vielfalt von Berufs­ und Kar­ rieremodellen“, sagt Schmid. Die Verdi­Landeschefin Leni Breymaier verweist beim Thema Heimarbeit auf die Digitalisierung und pocht auf das Einhal­ ten bestimmter Regeln, um die Rechte der Beschäftigten zu wahren. „Der verschärfte Wettbewerb im Netz darf nicht auf dem

DEUTSCHLAND HINKT BEI DER HEIMARBEIT HINTERHER Arbeitnehmer in Deutschland und der EU, die manchmal oder überwiegend von zu Hause aus tätig sind Anteile in Prozent

Manchmal EU 7 6 Deutschland

5 4

EU

Überwiegend 3 2 1

2000

Deutschland 2001

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StZ-Grafik: zap

Biotechnologie braucht Investoren Die Biotechnologie­ und Gesundheitsbranche holt bei den Gründungen auf. Doch viele Start­ups hätten weiter Probleme, Geldgeber zu finden, sagt Ralf Kindervater, der Chef von Biopro Baden­Württemberg, im Interview. SEITEN 20 / 21

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Quelle: DIW

Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden“, sagt sie. Auch die Dienstleistungs­ gewerkschaft stellt fest, dass die Nachfrage nach klassischer Telearbeit eher rückläufig ist. Nachgefragt wird sie aber zum Beispiel noch zur teilweisen Weiterarbeit während einer Elternzeit. Sorge bereitet Breymaier jedoch folgender Umstand: „Was sich aber – bisher weitestgehend unreguliert – breitmacht, ist mobiles Arbeiten. Die Tech­ nik macht es scheinbar problemlos mög­ lich, die Probleme liegen woanders.“ Die Verfügbarkeit außerhalb der eigent­ lichen Büro­ und Arbeitszeiten komme „on top“ dazu und werde eben nicht durch „Wir brauchen klare Regeln, die Freizeit an anderer es Beschäftigten erlauben, zum Stelle ausgeglichen. Beispiel abends, am Wochenende „Die in immer mehr Berufen um sich oder im Urlaub nicht erreichbar greifende Entgren­ zu sein, sowie eine breite zung der Arbeit und gesellschaftliche Debatte, damit damit die fehlende eindeutige Tren­ dieses Recht auch akzeptiert wird.“ nung zwischen Be­ Leni Breymaier, Landesvorsitzende ruf und Privatleben der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist neben der gestie­ genen Arbeitsverdichtung sicher der Hauptfaktor für die dramatische Zunahme psychischer Erkrankungen.“ Die Gewerkschaften werden die aus Breymaiers Sicht beschriebene Entwick­ lung nicht aufhalten können. „Aber wir müssen sie mitgestalten. Wir brauchen kla­ re Regeln, die es Beschäftigten erlauben, zum Beispiel abends, am Wochenende oder im Urlaub nicht erreichbar zu sein, sowie eine breite gesellschaftliche Debatte, damit dieses Recht auch akzeptiert wird: von Vor­ gesetzten, von Kolleginnen und Kollegen und auch von Kunden.“ Unternehmen, die Heimarbeit oder mo­ biles Arbeiten anbieten, haben nach Auffas­ sung von Experten keine Angst davor, dass die Beschäftigten faul auf der Couch rum­ sitzen. Denn jenseits der Stechuhr arbeiten Menschen durchaus länger. Mitarbeiter brüten offenbar länger über ihrer Arbeit, wenn sie daheim sind. Zu diesem Schluss kommt eine repräsentative Befragung des Bürodienstleisters Regus. Demnach sitzt je­ der fünfte Angestellte im Heimbüro täglich länger als elf Stunden am Schreibtisch.

Wie viel Bürokratie ist nötig? Die Wirtschaft stöhnt oft und gerne über zu viel Bürokratie. Eberhard Stilz, Präsident des Staatsgerichtshofs Baden­ Württemberg, hält in seinem Gastbeitrag dagegen: ohne klare Regeln gebe es keine Rechtssicherheit. SEITEN 22 – 24


18 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Wenn das Zuhause zum Büro wird Organisation ist bei der Heimarbeit das A und O, sagt die Controllerin Annette Sarömba. Von Oliver Schmale Daimler

S

tatt den Mantel überzuziehen, sich ins Auto zu setzen und von Würzburg ins Büro im Daimler­ Stammwerk Untertürkheim zu fahren, schaltet Annette Sarömba morgens an drei Tagen pro Woche ihren Computer am heimischen Schreibtisch an. Die 51 Jahre alte Wirtschaftsingenieurin beantwortet wichtige E­Mails und bereitet Themen vor, die in den kommenden Tagen fertig werden müssen. Die Akademikerin beschäftigt sich täglich mit Kolonnen von Zahlen. „Ich bin im Con­ trolling des Bereiches Nutzfahrzeugaggrega­ te­Entwicklung tätig“, sagt sie. Dabei geht es um die Budgetplanung und die Überwa­ chung der Entwicklungskosten der Aggrega­ te. Das Thema biete sich für Heimarbeit an, da die erforderlichen Daten systemtech­ nisch erfasst würden. Bevor Sarömba im Jahr 2002 an den heimischen Schreibtisch wechselte, hatte sie pro Woche zwei ganze Tage in Untertürkheim gearbeitet. Sie hatte damals zwei Gründe, sich für das Modell Heimarbeit zu entscheiden. Ihre Tochter wechselte „Komischerweise hatte ich auf das Gymnasium. Zugleich kam der zunächst Vorbehalte gegen die Heimarbeit und mich gefragt, Sohn in die erste Klasse. Eine Nach­ wie das gehen soll.“ mittagsbetreuung für Schulkinder habe es Die Daimler­Mitarbeiterin Annette Sarömba über ihre Arbeit im Homeoffice damals noch nicht gegeben. Dies hätte die Wirtschaftsingenieurin auch nicht ge­ wollt. „Meine Hauptintention war, dass ich die Kinder sehen und in ihrer Entwicklung begleiten kann. Und ich wohne in Würz­ burg. Von dort sind es 170 Kilometer nach Stuttgart – eine Strecke“, sagt die Frau, die seit 1986 im Controlling tätig ist. Wegen der Kinderbetreuung hat sie zwischendurch auch mal eine komplette Auszeit vom Job genommen, die sieben Jahre währte. Und wie sieht Sarömbas Arbeitsplatz zu Hause aus? Arbeitet die Daimler­Control­ lerin etwa mit dem Laptop am Küchen­ oder Esstisch, oder sitzt sie entspannt im Sessel? Von wegen. Sarömba betont: „Sehr wichtig ist ein abgetrennter Bereich.“ Das kann ein Arbeitszimmer sein oder eine spe­ ziell für die Tätigkeit eingerichtete Ecke. Bei der 51­Jährigen gibt es keinen großen Unterschied zu den entsprechenden Ein­ richtungen bei dem Autobauer. „Mein Büro zu Hause sieht aus wie ein normales Büro bei Daimler.“ Die Organisation ist bei der Heim­ arbeit das A und O. „Wichtig ist, dass man eine gewisse Disziplin hat. Sonst hat man nur das Büro im Kopf.“ Was zählt, sind die Ergebnisse, die sie bringt, und nicht wo sie arbeitet. Gemessen wird der Erfolg auf

Basis einer Zielvereinbarung mit dem zu­ ständigen Vorgesetzten. Der Autobauer, der 169 000 Mitarbeiter in Deutschland zählt, versucht, auf die Wünsche seiner Mitarbeiter einzugehen, wenn es um das Büro in den eigenen vier Wänden geht. Seit Ende der 1980er Jahre wird die Möglichkeit dazu angeboten. Seit 1996 sind die Details in einer Betriebsvereinbarung geregelt. Genaue Zahlen über die Anzahl der Beschäftigten, die bei dem Autobauer mehr oder weni­ ger regelmäßig den Arbeitsplatz in Wohnung oder Haus haben, gibt es nicht. Ein Daim­ ler­Sprecher be­ tont aber: von zurückgehendem Interesse sei ihm nichts bekannt. Insgesamt bringt es der Konzern auf 300 verschiedene Modelle zur flexiblen Arbeitszeit­ gestaltung. Sarömba arbeitet fünf Stunden am Tag. Sie ist in einem bestimmten Zeit­ fenster immer für die Mit­ arbeiter aus der Zentrale an­ sprechbar. „Im Homeoffice habe ich Kernarbeitszeiten von 9 bis 12 Uhr. In dieser Zeit bin ich immer erreichbar, und die Kollegen und Vorgesetzten wissen, dass sie fest mit mir rechnen können.“ Die rest­ lichen zwei Stunden Arbeitszeit lege sie so, wie es sich ergebe. „Da bin ich sehr flexi­ bel.“ Dann kann es auch schon einmal frü­ her Abend werden, wenn sie mit Kollegen aus Amerika in Kontakt treten muss. Ein­ mal pro Woche ist die Akademikerin vor Ort in Untertürkheim. „Wichtig ist der fe­ ste Tag im Büro. Dort treffe ich dann bei­ spielsweise mit Kollegen, Entwicklern oder Mitarbeitern aus anderen Bereichen zu­ sammen. Wenn man sich persönlich kennt, kann man Themen und Probleme leichter am Telefon lösen.“ Mit ihrer Situation ist sie „sehr, sehr glücklich“. Die Alternative wäre damals ge­ wesen, die Stelle in Untertürkheim aufzu­ geben. „Komischerweise hatte ich zunächst Vorbehalte gegen die Heimarbeit und mich gefragt, wie das gehen soll.“ Tatsächlich scheint es gut zu klappen. Denn immerhin arbeitet sie seit 13 Jahren überwiegend vom eigenen Schreibtisch aus.

Illustration: Ron Coleman

„Es muss schön sein, einen Job zu haben, bei dem man zu Hause arbeiten kann.“ MASCHINENBAUER TUN SICH OFT NOCH SCHWER Zurückhaltung Bei den Ma­ schinenbauern im Südwesten ist die Arbeit im Homeoffice oft noch die Ausnahme. „Wir möchten dazu eigentlich nichts sagen“, heißt es bei einem bedeutenden Herstel­ ler, „weil wir da nicht so viel machen.“ Dies schon deswe­ gen, weil in der Branche viele Mitarbeiter in der Produktion tätig sind. Doch auch in der Verwaltung gilt oft: „Wir ha­ ben unsere Mitarbeiter ganz gerne im Büro.“

Entwicklung Auch in mittel­ ständischen Unternehmen werde sich die Arbeit im Homeoffice noch stärker durchsetzen, meint Dietrich Birk, Geschäftsführer des Ma­ schinenbauverbandes VDMA in Baden­Württemberg. Bei kleinen Unternehmen sei die Heimarbeit zwar noch nicht so verbreitet, sie könne aber ein wichtiges Argument werden, um sich gerade jüngeren Men­ schen als attraktiver Arbeit­ geber zu empfehlen.

Zeitverschiebung Zoran Kulov­ njak steuert beim US­Konzern JDSU Finanzangelegenheiten. Wegen der unterschiedlichen Zeitzonen in Asien, Europa und USA hat ihn sein US­Chef in Eningen platziert. Morgens laufen die Kontakte nach Asien, gegen Abend die nach USA – meist von zu Hause aus. Die Zwischenzeit kann er etwa für Sport nutzen. 40 bis 60 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt der 42­Jährige im Homeoffice. ey

Die Mischung zwischen Betrieb und Heimarbeit macht’s Nicht nur bei Großkonzernen arbeiten Beschäftigte von zu Hause aus. Zwei Beispiele aus dem Südwesten. Von Ulrich Schreyer Mittelstand

W

ürde Karin Winkler aus dem Fenster schauen, sähe sie im Tal eine Fabrik. Rechts davon ziehen sich schmucke Einfamilienhäuser den Hang hoch zur Hohenloher Ebene. Doch Karin Winkler schaut angestrengt auf ihren Laptop. Die Mitarbeiterin des Ventilato­ renherstellers Ziehl­Abegg aus Künzelsau hat in ihrem Wohnzimmer die Unterlagen ausgebreitet für eine Tätigkeit, die sie sehr schätzt – die Arbeit im Homeoffice. Im Haus hat sie zwar auch noch ein Büro, aber dort ist der Schreibtisch kleiner. Braucht sie mehr Platz, wird der Laptop eben in der gu­ ten Stube aufgestellt. „Durch die Arbeit im Homeoffice kann ich Beruf und Familie gut

unter einen Hut bringen“, sagt die 46­jähri­ ge Maschinenbautechnikerin. Ihr Mann pendelt jeden Tag nach Esslin­ gen – umso wichtiger, dass sie durch ihre Arbeit zu Hause Gelegenheit hat, sich um die 11 und 14 Jahre alten Kinder zu küm­ mern oder sie von der Schule abzuholen. Be­ reits seit 14 Jahren ist sie im Homeoffice tä­ tig: „Wenn ich die ganze Zeit im Büro gewe­ sen wäre, hätte ich auch meinen Vater nicht pflegen können“, sagt sie mit Blick auf die Flexibilität, die ihr die Arbeit von zu Hause bietet. Sie selbst ist in dieser Zeit ihren Wor­ ten nach keinen Tag wegen Krankheit aus­ gefallen. Arbeit, die liegen blieb, hat sie nachgeholt – etwa am Wochenende.

Wenn sie mal mehr Platz braucht, klappt Karin Winkler den Laptop einfach im Wohnzimmer auf.

Foto: Rainer Grill

Winkler sieht einen weiteren Vorteil der Heimarbeit, der auch dem Unterneh­ men zugutekommt: „Oft kann man kon­ zentrierter arbeiten, etwa nachts, wenn die Kinder im Bett sind.“ Und so erstellt sie am Laptop in den eigenen vier Wänden Preislisten, pflegt die Daten von Lieferan­ ten oder überarbeitet Schaltpläne für Ven­ tilatoren. Direkt kontrolliert wird die Arbeitszeit nicht, allerdings stempelt sie, wenn sie aus der Firma geht, und schreibt die Arbeitsstunden zu Hause auf – Ver­ trauenssache: „Ich habe eben die Vorgabe, wir brauchen die Daten bis Ende des Mo­ nats.“ Von ihren 15 Wochenstunden arbei­ tet sie acht Stunden in der Firma – was sie keineswegs missen möchte. „Man be­ kommt schneller Auskunft, man erfährt eher, was es Neues gibt, was auf dem Gang so gesprochen wird.“ Ob Beschäftigte zu Hause arbeiten dür­ fen, entscheidet bei Ziehl­Abegg der zu­ ständige Abteilungsleiter. Beschäftigte mit Homeoffice sind eher die Ausnahme – schon weil dafür nur Bürotätigkeiten in­ frage kommen. Peter Fenkl, der Vorstands­ vorsitzende des Unternehmens mit einem Umsatz von 423 Millionen Euro und rund 3400 Mitarbeitern – davon 1900 in Hohen­ lohe –, steht der Arbeit zu Hause durchaus positiv gegenüber: „Wir können dadurch, etwa wenn sich jemand um die Kinder kümmern muss, Mitarbeiter halten, die das Unternehmen kennen“ – für ihn alle­ mal besser, als kurzfristig neue Beschäftig­ te anzulernen: „Mich interessiert nicht, wie lange die Mitarbeiter den Stuhl hier warm halten, sondern welche Leistung sie bringen“, sagt Fenkl. Auch Rolf Trieflinger, Deutschland­ Chef beim US­Konzern JDSU, sieht Vortei­ le, wenn Mitarbeiter zu Hause tätig wer­ den. Der Hersteller von Messgeräten für die Informations­ und Kommunikations­ technik beschäftigt in seiner Deutschland­ zentrale in Eningen bei Reutlingen 300 Mitarbeiter und setzte dort zuletzt etwa

107 Millionen Euro um. Auch in Eningen ist die Arbeit im Homeoffice eher die Ausnah­ me als die Regel – und Trieflinger geht es dabei keineswegs nur um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: „Zu Hause können die Mitarbeiter oft konzentrierter arbeiten als in der Firma.“ In der Produktion, im Service und bei Reparaturen können die Beschäftigten zwar nicht vom heimischen Schreibtisch aus tätig werden, doch in anderen Berei­ chen ist mit Zustim­ mung des Vorgesetz­ „Mich interessiert nicht, ten teilweise auch wie lange die Mitarbeiter Arbeit zu Hause den Stuhl warm halten.“ möglich. Es gibt aber auch die Möglich­ Ziehl­Abegg­Chef keit, kurzfristig zu Peter Fenkl sagen, dass man lie­ ber zu Hause bleibt: „Da kann auch mal ein Mitarbeiter anrufen und sagen, ich stecke wegen eines Schneegestöbers im Stau, ich drehe um und arbeite von zu Hause“, sagt Trieflinger – möglicherweise ein Zuge­ ständnis an die Nähe des Unternehmens zur rauen Alb. Für die 45 Jahre alte Irmgard Horvath, Mutter von vier Kindern, ist der Wiederein­ stieg in den Beruf dank Homoffice wesent­ lich leichter gewesen. „Wenn ein Kind sich mal nicht so wohlfühlt, kann ich sagen, ich arbeite zu Hause“, sagt Horvath – natürlich auch bei JDSU nur mit Zustimmung des Vorgesetzten. Sitzt sie am eigenen Schreib­ tisch, muss sie den Nachwuchs keineswegs ständig im Auge haben: „Den Kindern reicht es oft, dass überhaupt jemand da ist.“ Etwa 20 Prozent ihrer Arbeitszeit ver­ bringt Horvath am heimischen Schreib­ tisch. Das klappt, obwohl sie ein Team von vier Mitarbeitern leitet, die Aufträge aus Spanien, Portugal, Italien, der Schweiz und den Benelux­Ländern bearbeiten. In ihrem Firmenbüro ist sie zwar jeden Tag präsent, allerdings ohne feste Uhrzeiten einzuhal­ ten zu müssen. „Die Mischung ist genau das Richtige“, sagt die Teamleiterin.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 19

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Macht Heimarbeit produktiver – oder nicht? Beschäftigte, die vom heimischen Schreibtisch aus arbeiten, können sich ihre Zeit freier einteilen und Beruf und Familienleben besser unter einen Hut bringen. Das kann sich positiv auf die Motivation auswirken. Auf der anderen Seite haben Heimarbeiter aber weniger Möglichkeiten zum unmittelbaren Austausch mit ihren Kolleginnen und Kollegen in der Firmenzentrale. Unsere Autoren Kathrin Haasis und Rafael Binkowski debattieren über die Vor­ und Nachteile der Arbeit im Homeoffice. Homeoffice

Pro

Kontra

Konzentration aufs Wesentliche

Der Teamgeist leidet

Effizient Heimarbeit ist nicht nur familienfreundlich, sondern steigert sogar die Produktivität. Die Technik macht es möglich – und eine entsprechende Unternehmenskultur. Von Kathrin Haasis

Abgekapselt Je mehr Beschäftigte im Homeoffice arbeiten, desto schwieriger wird der Austausch mit den Kollegen – und die Firma bleibt ein anonymes Gebilde. Von Rafael Binkowski

E

s ist wissenschaftlich erwiesen: Mit­ arbeiter, die ihr Büro nach Hause verle­ gen können, sind leistungsfähiger. Mangels Kollegen, Kantine und Kaffee­ küche legen sie einfach viel weniger Pausen ein. Trotzdem macht ihnen die Arbeit mehr Spaß, und sie melden sich seltener krank. So lauten die Ergebnisse eines Experiments von Nicholas Bloom. Der Wirtschaftsprofessor von der US­Eliteuniversität Stanford schickte im Auftrag eines chinesischen Reiseanbieters 249 Angestellte nach Hause. In den neun Monaten zeigte sich, dass die Heimarbeiter ihre Produk­ tivität um 13 Prozent steigerten. Zu Hause zu arbeiten, sei einfach bequemer und ruhiger, erklärten die Versuchs­ Heimarbeit ist ein sehr personen dem Wissen­ schaftler. Außerdem wa­ wirksames Mittel, um ren sie ihrem Arbeit­ Beruf und Familie zu geber gegenüber viel vereinbaren. Die größten positiver eingestellt als Vorteile: die kurzen Wege vor dem Experiment. Angesichts solcher und die Zeitersparnis. Erkenntnisse ist es er­ staunlich, dass in Deutschland weniger als acht Prozent der Arbeitnehmer von zu Hause arbeiten. Eine Er­ klärung dafür liefert die Studie gleich mit: Die Heimarbeiter wurden nicht so oft befördert wie die Kollegen im Büro. Die Präsenzkultur, die mit der Wandlung der Agrar­ zur Industrie­ gesellschaft zur Norm wurde, hält sich eben hartnäckig. Ebenso hartnäckig hält sich das Vorurteil vom Drückeberger, der die Heim­ arbeitszeit schnarchend auf dem Sofa ver­ bringt. Dabei bringt Anwesenheit nicht auto­ matisch Leistung, sie gilt aber oft als Arbeits­ nachweis. Der kanadische Psychologe Thomas O’Neill hat herausgefunden, dass Cybersla­ cking im Dienst, also der Zeitvertreib im Inter­ net, eine Frage der Persönlichkeit und nicht des Arbeitsplatzes ist. Gewissenhafte Mitarbeiter neigen dazu weder im Büro noch zu Hause. Natürlich lässt sich nicht jede Tätigkeit an jeden beliebigen Ort transferieren: Teamarbeit und persönlicher Kontakt sind für manche Auf­ gaben absolut notwendig. Aber in den meisten

N

Fällen kann zumindest ein Teil des Jobs da­ heim erledigt werden. Mit der aktuellen Tech­ nik lässt sich mittlerweile jede Distanz über­ brücken. Das eigentliche Problem bei der Ein­ führung von Homeoffice­Arbeitsplätzen ist, dass dafür Gewohnheiten aufgegeben werden müssen; dass man zum Beispiel statt der einge­ speicherten Durchwahl des Kollegen eine neue Nummer wählen muss; oder dass man nicht mehr zwischen Tür und Angel, sondern zu ver­ einbarten Zeiten konferiert. Im Prinzip geht es um eine neue Unternehmenskultur, die zu mehr Effizienz und Fairness führen kann. Heimarbeit erfordert eine gute Organisation und ein Management, das seine Mitarbeiter an objektiv definierten Leistungen misst. Der Chef muss auch nicht fürchten, irgend­ wann allein im Büro zu sitzen. Bei dem Stan­ ford­Experiment zeigte sich, dass die Ange­ stellten am besten selbst wussten, ob diese Art der Selbstständigkeit für sie richtig ist. Rund 100 der 249 Studienteilnehmer gingen am En­ de zurück an ihren alten Schreibtisch. Diejeni­ gen, die das Angebot zur Heimarbeit nutzen, motiviert dagegen die Eigenverantwortung. Diese Freiheit befördert möglicherweise bei so manchem Arbeitnehmer die Kreativität. Wobei die meisten Heimarbeiter schlichtweg auf die­ ses Arbeitsmodell angewiesen sind, weil sie Kinder haben oder einen Angehörigen pflegen. Die größten Vorteile eines Homeoffice sind die kurzen Wege und die Zeit, die man etwa durch den Wegfall des Pendelns spart; und dass es fle­ xibel je nach Bedarf mal mehr und mal weniger genutzt werden kann. Ein heimisches Büro ist deshalb vor allem ein sehr wirksames Mittel, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Das Angebot nicht zu machen, ergibt für Unter­ nehmen keinen Sinn: Sie würden damit nur Potenziale verschwenden.

ein, das soll kein reaktionäres Plä­ doyer für die permanente Verfüg­ barkeit von Arbeitnehmern im Bü­ ro sein. Natürlich ist die Arbeits­ welt flexibler geworden, natürlich müssen Unternehmen mit der Zeit gehen und ihren Angestellten ermöglichen, Beruf und Fa­ milienleben besser unter einen Hut zu brin­ gen. Und dafür ist die Telearbeit zumindest in Einzelfällen ein gangbarer Weg – der sich in Zeiten der totalen Vernetzung auch ohne tech­ nische Probleme umsetzen lässt. Trotzdem spricht einiges dagegen, die Arbeit am heimi­ schen Schreibtisch für die Mehrzahl der Be­ schäftigten zur Regel zu machen. Egal, ob man ein hippes IT­Unternehmen betrachtet oder ein Forschungszentrum, ob man Ingenieure bei Bosch oder einen kleinen mittelständi­ schen Weltmarktführer heranzieht, wie er so typisch für Baden­Württemberg ist: für alle gilt, dass für gute Ergebnisse ein starker Team­ geist notwendig ist. Das erfordert auch die phy­ sische Präsenz der Mitarbeiter. Und das gleich aus mehreren Gründen. Ers­ tens ist ein Unternehmen ein soziales Gebilde. Ideen, Projekte und Dienstleistungen werden nicht von Einzelkämpfern geschaffen, die still vor sich hin werkeln. Die tägliche Begegnung, das Gespräch in der Mittagspause, die Kommu­ nikation in Konferenzen, aber auch gemeinsa­ me Arbeitsabläufe sind das Lebenselixier einer Firma. Und dazu muss man sich Auge in Auge gegenübersitzen. Nur so entsteht soziale Inter­ aktion, nur so können Konflikte, Führungsfra­ gen, aber auch Zwischenmenschliches bespro­ chen werden. Wer nur virtuell anwesend ist, per Mail, Skype oder Handy kommuniziert, schließt sich selbst aus. Und für die Kollegen ist die Frau oder der Mann im Homeoffice nicht greifbar für Absprachen, Pläne, Ideen, Kritik oder schlicht als persönlicher Ansprechpartner. Würde die Mehrzahl der Mitarbeiter so abgekapselt arbei­ ten, könnte sich keine Gemeinsamkeit entwi­ ckeln, die Firma bliebe ein anonymes Gebilde. Zweitens wirkt sich das soziale Miteinander auch unmittelbar auf die Arbeitsergebnisse aus. Natürlich kann der eine oder andere Text

Kathrin Haasis arbeitet in der Böblinger Kreisredaktion der Stuttgarter Zeitung – und gerne auch mal zu Hause.

oder eine Kalkulation auch mal zu Hause be­ arbeitet werden. Aber nur wenn alle in einem Gebäude zusammenarbeiten, entstehen die be­ rühmten Synergieeffekte, befruchtet der eine den anderen, bilden sich Cliquen und Gruppen, die notwendig sind für Produktivität. Gemein­ same Ziele müssen besprochen und umgesetzt werden, eine Corporate Identity muss wachsen können – und das geht nur, wenn alle ansprech­ Nicht nur in der bar sind und miteinan­ Stahlfabrik oder im der sprechen. Modegeschäft braucht Drittens ist es natür­ lich auch eine Frage der es real anwesende Kontrolle und der Ge­ Mitarbeiter. Die beste rechtigkeit. Nun müs­ Technik ersetzt nicht die sen nicht alle stramm­ stehen wie bei der Bun­ persönliche Begegnung. deswehr, wenn der Chef einläuft zum Morgenappell. Aber auf Dauer entsteht ein Ungleichgewicht, wenn ein Teil der Mitarbeiter unter ständiger Aufsicht und unter Regularien wie Arbeitszeit und Mittags­ pause seiner Tätigkeit nachkommt und der an­ dere im Vergleich dazu viele Freiheiten ge­ nießt, sich die Arbeit besser einteilen und im Haushalt nebenher Privates erledigen kann. Auch wenn die Erfahrung zeigt, dass viele Tele­ arbeiter sogar mehr arbeiten und produktiver sind – die berühmten schwarzen Schafe, die es überall gibt, können hier ungehindert auf nied­ rigem Level arbeiten, ohne dass es wirklich nachweisbar ist. Daher gilt – bei allem Verständnis für mo­ derne Arbeitsabläufe und voller Bewunderung für die Segnungen der virtuellen Arbeitswelt: nicht nur in der Stahlfabrik oder im Modege­ schäft braucht es real anwesende Mitarbeiter. Selbst die beste Technologie ersetzt nicht die persönliche Begegnung.

Rafael Binkowski ist stellver­ tretender Redaktionsleiter bei der Leonberger Kreiszeitung.

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Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Malva­Mitgründerin Kirsten Heiß zeigt eine Box mit noch nicht infizierten Mücken. Helmut Nägele und Jürgen Pfitzer zeigen ihr vielseitig verwendbares Granulat.

Foto: Tecnaro

Malva Gesucht: ein Impfstoff gegen Malaria

Tecnaro Öko­Kunststoff aus Holz Verpackungen, Computergehäuse, Zahn­ bürsten oder Auto­Innenverkleidungen: Kunststoffe bestimmen unseren Alltag. Doch ihre Umweltbilanz ist schlecht, weil sie aus Erdöl produziert werden und schwer abbaubar sind. Das war Jürgen Pfit­ zer und Helmut Nägele schon Mitte der neunziger Jahre ein Dorn im Auge, als sie am Fraunhofer­Institut für Chemische Technologie forschten. „Unser Ziel war es, umweltfreundliche Kunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe zu entwickeln“, sagt Pfitzer, der zusammen mit Nägele die Tecnaro GmbH in Ilsfeld gegründet hat. Dabei stießen die beiden auf Lignin. Der Stoff, der Holz seine Festigkeit gibt, hat zu­ dem den Vorteil, dass er ein Abfallprodukt der Papierproduktion ist, bei der nur die im Holz enthaltene Zellulose genutzt wird. Die Tecnaro­Gründer vermischen Lig­ nin mit natürlichen Additiven und Fasern und produzieren so ein Granulat, dass sich wie ölbasierte Kunststoffe verarbeiten lässt. Auch bei den mechanischen Eigen­ schaften ist das „flüssige Holz“ konventio­ nellen Kunststoffen ebenbürtig. Heute lie­ fert Tecnaro 3000 verschiedene Granulat­ mischungen, aus denen sich etwa Folien, Kunststoff­Formteile für die Autoindustrie

oder auch die Ohrmuscheln eines Kopfhö­ rers herstellen lassen. Gute Marktchancen sieht Pfitzer auch bei Lebensmittelverpa­ ckungen. Mittlerweile macht Tecnaro mit 30 Mitarbeitern einen Umsatz „im oberen einstelligen Bereich“. Im Gründungsjahr 1998 lief es noch nicht so gut. „In der ersten Bilanz stand ein Umsatz von null Euro – und mein Wohn­ zimmer war unser Büro“, erinnert sich Pfitzer. Um finanziell über die Runden zu kommen, arbeiteten die Gründer zunächst parallel weiter am Fraunhofer­Institut. Verhandlungen mit Risikokapitalgebern hätten nichts gebracht. „Manche wollten die Zusage, dass wir unsere Anteile im Falle eines Verkaufs ganz abgeben. Das haben wir abgelehnt“, so Pfitzer. Auf der Suche nach Geld verlagerte Tecnaro im Rahmen des unter anderem vom Bundesfor­ schungsministerium geförderten Projekts „Futour“ im Mai 2000 den Sitz nach Thü­ ringen. 2006 kehrte das Unternehmen in den Südwesten zurück. Das Einwerben eines normalen Firmenkredits erwies sich anfangs als Mammutaufgabe. Schließlich fanden die Gründer in der VR­Bank Ell­ wangen einen Partner, der frühzeitig einen fünfstelligen Eurobetrag lockermachte. lud

Curevac­Mitgründer Ingmar Hoerr setzt auf das natürliche Molekül mRNA.

Foto: Curevac

Curevac Biotech mit Millionen von Hopp und Gates Der Zeitpunkt war nicht gerade glücklich gewählt. Als der Tübinger Biologe Ingmar Hoerr und seine vier Mitstreiter im Jahr 2000 Curevac gründeten, war die Spekula­ tionsblase am Neuen Markt gerade erst ge­ platzt. Entsprechend schwierig war anfangs die Suche nach Geldgebern für die Entwick­ lung einer neuen Krebstherapie. Die Grün­ der ließen sich davon nicht bremsen. „Die Daten aus meiner Doktorarbeit waren so überwältigend, dass wir den Sprung in die Selbstständigkeit einfach wagen mussten“, erinnert sich Hoerr. Angesichts knapper Mittel bot Curevac zunächst Serviceleis­ tungen für etablierte Pharmahersteller an, um an Aufträge zu kommen. „Wir mussten früh lernen, unternehmerisch zu denken.“ Das habe auch den SAP­Mitgründer Dietmar Hopp überzeugt. Dessen Biotech­ Holding Dievini hat seit 2006 rund 145 Mil­ lionen Euro in Curevac gesteckt, denen nun weitere 21 Millionen Euro folgen. Die Auf­ stockung findet zeitgleich mit dem Einstieg eines weiteren prominenten Geldgebers statt: der Stiftung des Microsoft­Gründers Bill Gates, die sich mit 46 Millionen Euro an Curevac beteiligt. Hopp denkt vor diesem Hintergrund sogar bereits über einen Bör­ sengang von Curevac nach.

Inzwischen hat das Unternehmen 160 Beschäftigte. Die Ergebnisse erster Tests an Patienten seien positiv, sagt Geschäftsfüh­ rer Hoerr. Grundlage der Immuntherapie ist das natürliche Molekül mRNA (Messen­ ger­RNA). Es dient in lebenden Zellen dazu, die in der DNA gespeicherten Baupläne für Eiweiße weiterzuleiten. Curevac bestückt die mRNA mit den Informationen zur Bil­ dung von Eiweißmolekülen, die das Im­ munsystem stimulieren. Hoerr: „Wir helfen der körpereigenen Abwehr, Krebszellen zu finden und zu zerstören.“ Entwicklungs­ schwerpunkte für die mRNA­basierte Im­ muntherapie sind unter anderem Prostata­ und Lungenkrebs. Hinzu kommt die Ent­ wicklung von Impfstoffen gegen Infek­ tionskrankheiten, die künftig von der Gates­Stiftung mit weiteren Mitteln in nicht genannter Höhe gefördert wird. Dass es in Deutschland relativ wenig Biotech­Gründungen gibt, liege nicht an fehlendem Knowhow, sondern an der schwierigen Finanzierung, meint Hoerr. Er fordert daher bessere Rahmenbedingun­ gen für Investoren – etwa mehr Möglichkei­ ten, um Verluste steuerlich geltend zu machen. „Das bringt mehr als zusätzliche staatliche Fördermittel.“ lud

Foto: Malva

„Die Gesundheitsindustrie holt bei Gründungen auf“ Interview Biopro­Chef Kindervater erklärt, welche Probleme Start­ups

aus den Branchen Pharma, Biotechnologie und Medizintechnik haben.

I

n den letzten Jahren wurde die Grün­ derszene von Unternehmen aus der IT­Branche dominiert. Doch auch in der Gesundheitsindustrie tut sich etwas. Ralf Kindervater, Geschäftsführer der Landesgesellschaft Biopro Baden­Würt­ temberg, erläutert die Hintergründe. Herr Kindervater, beim Blick auf die Grün­ derszene im Land bekommt man den Ein­ druck, dass aus der IT­Branche deutlich mehr Start­ups kommen als aus den Bran­ chen Pharma, Biotechnologie und Medizin­ technik. Entspricht das den Tatsachen? Wenn man die zurückliegenden Jahre be­ trachtet, stimmt dieser Eindruck. Aber seit einiger Zeit holen Pharma, Biotech und Medizintechnik, die wir unter dem Dachbe­ griff Gesundheitsindustrie betreuen, spür­ bar auf. Beim jüngsten Venture­Capital­ Wettbewerb von L­Bank und Stuttgarter Börse gab es erstmals eine Parität. Von 37 Projekten, die Gründer dort vor Investo­ ren präsentiert haben, stammte rund die Hälfte aus den genannten Branchen. Die andere Hälfte entfiel auf den IT­Sektor. Aus dem Bereich Technik gab es nur ganz weni­ ge Kandidaten.

dung sind dann unter Umständen dreistel­ lige Millionenbeträge nötig. Und wenn das neue Mittel am Ende floppt, droht den Geldgebern ein Totalverlust. Als Investor im Biotech­Sektor braucht man natürlich eine gewisse Risikobereit­ schaft – und einen langen Atem, um das Pferd, auf das man gesetzt hat, über die komplette Distanz ins Ziel zu bringen. Es kann zehn oder mehr Jahre dauern, bis ein marktfähiges Medikament herauskommt oder ein Pharma­Partner in einer späteren Entwicklungsphase groß einsteigt. Aber es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen im Land, die es geschafft haben – zum Beispiel Phenex Pharmaceuticals oder Cellzome aus Heidelberg. Für positive Schlagzeilen sorgte zuletzt auch Curevac. Die Tübinger erhal­ ten 46 Millionen Euro von der Gates­Stif­ tung. Bis zum fertigen Produkt können aber noch Jahre vergehen. Wenn sie dagegen eine App entwickeln, sind sie in einem Jahr fertig. Und nach ein, zwei Jahren haben sie vielleicht schon eine Million Euro Umsatz.

Welchen Stellenwert hat die Finanzierung über die Börse? Ein Börsengang war bis zum Jahr 2000 das erklärte Ziel vieler Biotech­Gründer und Was steckt hinter dieser Entwicklung? deren Investoren. Doch nach dem Crash Ich denke, dass unsere Unterstützungsakti­ des neuen Marktes wurde die Branche zu­ vitäten insbesondere in den sammen mit dem IT­Sektor frühen Gründungsphasen sich „Wenn sie eine abgestraft. Davon hat sie sich hier positiv auswirken. Wenn App entwickeln, bis heute nicht ganz erholt. man Gründer richtig unter­ sind sie in einem stützt und das große Potenzial Welche Rolle spielen öffent­ der Universitäten und Jahr fertig.“ liche Förderprogramme für Forschungseinrichtungen im Ralf Kindervater über Biotech­Gründer im Land? Land konsequent nutzt, kann Gründungen im IT­Sektor Da hat sich in den letzten Jah­ die Gesundheitsindustrie in ren einiges getan – vor allem puncto Gründungsdynamik in Zukunft bei der Finanzierung der frühen Grün­ durchaus noch mehr bewegen. Aber dass dungsphase. Ein Beispiel dafür ist das För­ wir gegenüber der IT­Branche auf Dauer derprogramm Junge Innovatoren. Das er­ vorn sein können, sehe ich nicht. laubt es jungen Wissenschaftlern an Unis und Hochschulen, sich für eine Weile aus Generell scheint es für Biotech­, Medizin­ dem Wissenschafts­ und Lehrbetrieb zu­ technik­ oder Pharma­Start­ups schwieriger rückzuziehen und sich mit dem Thema zu sein, an Risikokapital zu kommen als für Gründung zu befassen. Zur Anschlussfi­ einen IT­Gründer, der zum Beispiel eine neue nanzierung bietet sich das Exist­Programm App entwickeln will. Woran liegt das? des Bundes an. Auch der Seedfonds BW und Die Summe, die man auf den Tisch legen der High­Tech­Gründerfonds zielen auf die muss, um eine App zu entwickeln, ist im frühen Phasen der Gründung. Vergleich zu den Kosten der Entwicklung eines pharmazeutischen Wirkstoffs fast Nach der Frühphase wird es für viele Grün­ schon vernachlässigbar klein. Nehmen Sie der deutlich schwieriger, an frisches Geld zur zum Beispiel das Start­up Malva GmbH, das Wachstumsfinanzierung zu kommen. einen Malaria­Impfstoff entwickelt. Die Das stimmt. Nur mit Seedfonds kommt brauchen schon eine siebenstellige Summe, man nicht weit – sonst heißt es irgendwann: um ein Medikament so weit zu entwickeln, Firma gegründet, Geld alle, Feierabend. dass die Wirksamkeit im Rahmen erster Aber zum Beispiel mit dem neuen VC Fonds Studien gezeigt werden kann. Für die Wei­ Baden­Württemberg, über den neben dem terentwicklung bis zur praktischen Anwen­ Land die Württembergische Versicherung

und die Sparkassenversicherung in Start­ ups investieren, kommt man zumindest et­ was besser hin. Vorher hatten wir da eine noch größere Lücke. Eine weitere Möglich­ keit zur Anschlussfinanzierung ist zum Bei­ spiel die LBBW Venture Capital, die auch größere Pakete schnüren kann. Welche spezifischen Probleme haben Phar­ ma­, Medizintechnik­ oder Biotech­Gründer noch – abgesehen von der Finanzierung? Ein großer Unterschied zu anderen Bran­ chen ist die starke Reglementierung des Ge­ sundheitsmarktes. Das Gesundheitssystem wartet nicht auf die Innovationen der Gründer, sondern legt ihnen oft Steine in den Weg. Das Problem ist nicht nur der all­ gemeine Sparzwang, sondern auch das Prinzip, dass alles Neue akribisch auf Wir­ kung und Nutzen geprüft wird, während bestehende Therapien in der Regel nicht mehr infrage gestellt werden. Unser Ge­ sundheitswesen ist da sehr träge. Die hohen Markteintrittshürden sorgen auch dafür, dass ein Investor lange warten muss, bis er wieder Geld zurückbekommt – oder dass er auch mal ein, zwei Millionen Euro nach­ schießen muss. Die Biotechnologie für nicht­medizinische Anwendungen – etwa zur Produktion von Kunststoffen aus Bio­ materialien – hat es da etwas leichter. Was sind die häufigsten Fehler der Gründer? Oft kommt es vor, dass ein Gründer auf einen Berater trifft, der sagt: Ich helfe dir gerne, wenn du mir 20 Prozent an deiner Firma gibst. Wenn es dann später Proble­ me gibt – etwa Uneinigkeiten über die wei­ tere Strategie –, kriegt man so einen An­ teilseigner nicht mehr raus. Deshalb ist eine frühe, unabhängige Unterstützung von Gründern so wichtig, die ja auch vom Land mit den sogenannten Exi­High­Tech­ Gründungsscheinen möglich wird. Damit lassen sich viele Anfangsfehler vermeiden. Manchen Gründern im Bereich der Ge­ sundheitswirtschaft fehlt es auch an der nötigen Marktorientierung. Erschwert nicht auch die Komplexität vieler Biotech­Projekte die Suche nach Investoren? Viele Projekte kann man in der Tat nicht so leicht erklären. Doch daran führt kein Weg vorbei, wenn man potenziellen Geldgebern erklären will, warum sie in eine Idee inves­ tieren sollen. Beim jüngsten VC­Wettbe­ werb haben wir die Akteure so trainiert, dass sie den Investoren ihre Projekte in acht Minuten in einer auch für Nichtwis­ senschaftler verständlichen Form präsen­ tieren konnten. Müssten angesichts begrenzter öffentlicher Mittel die etablierten Unternehmen mehr Geld für innovative Gründer bereitstellen? Die haben teilweise eigene Fonds, mit denen sie in Start­ups investieren. Das Problem dabei ist nur, dass gestandenen

Unternehmen die radikalen Konzepte, die manche Gründer im Kopf haben, oft zu weit gehen. Die setzen lieber auf schrittweise Verbesserungen bestehender Technologien als auf völlig neue, revolutionäre Ideen. Es gibt aber auch Fälle, in denen das funktio­ niert – etwa bei Tetec in Reutlingen, die aus körpereigenen Knorpelzellen Ersatzknor­ pel züchten. Die wurden von Anfang an vom Medizintechnikkonzern Aesculap finan­ ziert. Unternehmen, die sich in der soge­ nannten Corporate­Venture­Finanzierung engagieren, schauen aber in der Regel welt­ weit nach erfolgversprechenden Start­ups und zielen nicht auf Investitionen im Land.

der Uni von mittelständischen und großen Unternehmen angeworben werden, machen die sich über den Sprung in die Selbstständig­ keit erst mal keine Gedanken. Umso wichti­ ger wäre es, das Thema Gründung bereits an den Schulen zu vermitteln – etwa mit Unter­ nehmensspielen.

Die Motivation von Kirsten Heiß lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: eine Mil­ lion. So viele Menschen – großteils Kinder unter fünf Jahren – sterben jedes Jahr an Malaria. Damit diese Zahl kleiner wird, arbeitet die Biologin mit ihrem Team an einem Impfstoff gegen die Infektions­ krankheit, die von Stechmücken übertra­ gen wird. Zusammen mit fünf Mitstreitern hat sie im Jahr 2011 in Heidelberg die Malva GmbH ins Leben gerufen. „Wir sind natürlich nicht die Einzigen, die an einem Malaria­Impfstoff arbeiten. Einige große Pharmaunternehmen haben vielversprechende Produkte in der Pipe­ line“, sagt Heiß. Malva sucht nach einem Impfstoff, der nicht nur hochwirksam ist, sondern sich zudem einfach herstellen und verabreichen lässt. Die Impfstoffe, an denen andere Teams arbeiten, erfüllten je­ weils nur eine dieser Anforderungen, so die Forscherin. Sie seien entweder leicht zu produzieren, aber schwach in der Wir­ kung – oder umgekehrt. Manche Impfstof­ fe müssten bis zu fünfmal intravenös – also direkt in die Blutbahn – injiziert werden. Während die Konkurrenz teilweise auf komplette abgeschwächte Malaria­Erreger setzt, arbeitet Malva mit einzelnen Eiweiß­

Die Gesundheitswirtschaft ist laut einer McKinsey­Studie ein wichtiges Wachstums­ feld für Baden­Württemberg. Trotzdem steht sie in der öffentlichen Wahrnehmung im Hintergrund. Das liegt auch an der Statistik. Die derzeiti­ ge Form der Datenerhebung führt zu einer massiven Unterschätzung der Bedeutung Welchen Ansatz verfolgt Biopro Baden­ der betroffenen Branchen. Da werden zum Als Thomas Helle ans Telefon geht, ist er Württemberg? Beispiel große Medizintechnikunterneh­ gerade in Malaysia unterwegs. Dort plant er Mit Geld oder Kapital können wir nicht die­ men unter der Rubrik „Handel“ eingestuft. eine Anlage, mit der sich aus den bislang un­ nen, aber mit Rat und Tat – nicht nur bei der Und in der Region Tuttlingen gibt es viele genutzten Rückständen der Palmölproduk­ Suche nach Fördermöglichkeiten. Wir se­ Medizintechnik­Familienbetriebe, die in tion Energie gewinnen lässt. „Das verbes­ hen uns vor allem als Infor­ der Statistik komplett unter sert die Umwelt­ und Klimabilanz ganz ent­ mationsmakler für Gründer. „Als Investor den Tisch fallen, weil sie keine scheidend“, sagt der Chef der Novis GmbH. Wenn Sie zu uns kommen und im Biotech­Sektor sozialversicherungspflichti­ Das Tübinger Unternehmen konzipiert seit sagen, was Sie vorhaben, be­ braucht man gen Beschäftigten haben. Das 2009 Anlagen, die aus Reststoffen wie Bio­ kommen Sie sehr schnell rele­ Problem ist erkannt, und wir müll, Mist, Kakaoschalen oder altem Cham­ vante Ansprechpartner mit eine gewisse arbeiten mit dem Statisti­ pignonsubstrat umweltfreundlich Energie Adressen, die Ihnen zeigen, Risikobereitschaft.“ schen Landesamt an einer rea­ gewinnen – sowohl in Industrie­ als auch in wie und wo Sie sich in Baden­ Ralf Kindervater über die litätsnäheren Erfassung. Entwicklungs­ und Schwellenländern. Württemberg optimal vernet­ Finanzierung von Start­ups Beschäftigt werden derzeit in Europa zen können. Früher wusste ein Vielleicht kommt dabei ja he­ neun und in Afrika zwölf Mitarbeiter. Die Gründer oft nur durch Zufall, dass zum Bei­ raus, dass alles viel besser ist als gedacht und eigentliche Arbeit machen aber die Bakte­ spiel in Heidelberg ein Professor sitzt, der man gar nicht so viele Gründer braucht. Im­ rien, die in Bioreaktoren auch aus schwer zu den Kapazitäten auf dem Gebiete der in­ merhin gilt Baden­Württemberg schon jetzt vergärbaren Ausgangsstoffen Biogas zur dustriellen Katalyse gehört. Mit unserer als Apotheke Deutschlands. Wärme­ und Stromerzeugung produzieren. Hilfe können Gründer solche Informatio­ Trotzdem brauchen wir einen perma­ Ein weiteres Feld ist das Recycling von Ab­ nen gezielt nutzen. nenten Nachschub an neuen Unternehmen fällen zu Kompost und anderen nutzbaren mit neuen Ideen. Das ist jetzt zwar eine an­ Stoffen. Zudem setzt Helle seine Bakterien­ Hängen die spezifischen Probleme der dere Branche, aber wenn man es genau stämme ein, um aus Verbrennungsrück­ Gesundheitsindustrie auch damit zusam­ nimmt, war SAP die letzte große Gründung ständen von Müllheizkraftwerken Edel­ men, dass sie im Schatten von Auto und mit breiter, internationaler Geltung in metalle und seltene Erden für die Elek­ Maschinenbau steht? Baden­Württemberg. Und das war in den tronikindustrie herauszulösen. „Allein in Das ist sicher ein wichtiger Faktor. Es wäre siebziger Jahren! Wir wissen heute zwar Deutschland könnte man so jedes Jahr aber falsch, die Bereiche gegeneinander nicht, wer der nächste Bosch oder SAP ist, wertvolle Rohstoffe für bis zu 400 Millio­ auszuspielen. Stattdessen muss die Zusam­ aber wir müssen zumindest die Grundlagen nen Euro zurückgewinnen“, schätzt er. Die menarbeit intensiviert werden. So eröffnet dafür schaffen. zum Beispiel die Automatisierung der Bio­ technologie – etwa im Bereich der Analytik Das Gespräch führte Werner Ludwig. oder bei der Züchtung von Ersatzgeweben – für den hiesigen Maschinenbau neue An­ wendungsgebiete, die die Unternehmen BERATER FÜR GRÜNDER AUS GESUNDHEITSINDUSTRIE UND BIOÖKONOMIE vielleicht noch gar nicht kennen. Person Ralf Kindervater ist der Gesellschaft für Biotechno­ Organisation Die Landes­ seit 2003 Geschäftsführer der logische Forschung mbH (GBF) gesellschaft Biopro Baden­ Hochqualifizierte haben im Biopro Baden­Württemberg in Braunschweig. Weitere Sta­ Württemberg wurde im Jahr Südwesten sehr gute und seit 2014 Honorar­ tionen waren die Universität 2003 gegründet und wird von Job­Perspektiven. Geht es professor am Karlsruher Tübingen und das Fraunhofer­ den Ministerien für Finanzen den Menschen im Land Institut für Technologie Institut für Grenzflächen­ und und Wirtschaft sowie Wis­ zu gut, um das Risiko (KIT).Er promovierte Bioverfahrenstechnik. Beim senschaft, Forschung und der Selbstständigkeit als Diplom­Chemiker Hamburger Laborspezialisten Kunst getragen. Die Organi­ auf sich zu nehmen? der Fachrichtungen Eppendorf AG war Kinderva­ sation mit insgesamt 15 Mit­ Existenzangst ist auch Biochemie und Bio­ ter im Bereich Marketing und arbeitern berät Firmengründer kein guter Gründungs­ technologie bei Vertrieb tätig. 1997 wechselte aus den Branchen Pharma, berater. Aber die Quasi­ erzur Regionalansiedlungs­ Biotechnologie und Medizin­ Vollbeschäftigung bei gesellschaft Biostart in Jena. technik. Hinzu kommt der Ingenieuren ist schon 2001 und 2002 folgten Inte­ Bereich Bioökonomie, in ein Hemmschuh. rimsvorstands­ und Geschäfts­ dem es unter anderem um Wenn gute Leu­ führungspositionen bei meh­ die industrielle Anwendung te schon an reren Biotech­Unternehmen. biologischer Prozesse geht. lud

bestandteilen des Einzellers Plasmodium. Ziel ist ein Impfstoff, der durch einen einzi­ gen Stich ins Muskelgewebe oder unter die Haut zu einer hochwirksamen Immunisie­ rung führt. „Bis dahin gibt es noch viel zu tun“, räumt Heiß ein, „doch wir sind auf einem erfolgversprechenden Weg.“ Bei den Tierversuchen im Rahmen der sogenann­ ten präklinischen Prüfung habe sich der Malva­Impfstoff als wirksam erwiesen. Darauf folgen weitere Tests, in denen Unbedenklichkeit und Wirkung an Men­ schen untersucht werden. Heiß schätzt, dass es noch rund fünf Jahre dauert, bis Malva einen zugelassenen Impfstoff vor­ weisen kann. Potenzielle Investoren sollten also keine schnellen Rückflüsse erwarten. Dafür winkten nach der Zulassung des Impfstoffs gute Chancen „auf einem bisher nicht bedienten Markt“, so Heiß. Bisher konnten die Gründer auf 650 000 Euro an Fördermitteln zurückgreifen – unter ande­ rem aus dem „Exist­Forschungstrans­ fer“­Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Für die nächsten Entwicklungsschritte ist Malva derzeit auf der Suche nach Geldgebern. „Neben Investoren kommt hierbei auch die Gates­Stiftung in Betracht“, sagt Heiß. lud

Novis Biores Rohstoffe und Energie aus Abfall

Foto: Biopro

industrielle Anwendung des Verfahrens soll im Rahmen eines Pilotprojekts in drei Müll­ kraftwerken der MVV Umwelt, einer Toch­ ter des Versorgers MVV, getestet werden. Für den Bereich der sogenannten mikro­ biellen Erzlaugung hat Helle 2014 die Toch­ terfirma Novis Biores gegründet, deren ein­ ziger Beschäftigter und Finanzier bislang er selbst ist. Doch Helle sieht gute Wachs­ tumschancen. Nach eigenen Angaben hat er bereits mehrere kommerzielle Projekte an Land gezogen. Bis daraus Umsätze werden, wird aber noch einige Zeit vergehen. Die Vorlaufzeit betrage bis zu fünf Jahre. lud

Thomas Helle zeigt eine Tüte mit Kompost aus Kaffeeabfällen. Foto: Novis


20 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Wirtschaft in Baden-Württemberg 21

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Malva­Mitgründerin Kirsten Heiß zeigt eine Box mit noch nicht infizierten Mücken. Helmut Nägele und Jürgen Pfitzer zeigen ihr vielseitig verwendbares Granulat.

Foto: Tecnaro

Malva Gesucht: ein Impfstoff gegen Malaria

Tecnaro Öko­Kunststoff aus Holz Verpackungen, Computergehäuse, Zahn­ bürsten oder Auto­Innenverkleidungen: Kunststoffe bestimmen unseren Alltag. Doch ihre Umweltbilanz ist schlecht, weil sie aus Erdöl produziert werden und schwer abbaubar sind. Das war Jürgen Pfit­ zer und Helmut Nägele schon Mitte der neunziger Jahre ein Dorn im Auge, als sie am Fraunhofer­Institut für Chemische Technologie forschten. „Unser Ziel war es, umweltfreundliche Kunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe zu entwickeln“, sagt Pfitzer, der zusammen mit Nägele die Tecnaro GmbH in Ilsfeld gegründet hat. Dabei stießen die beiden auf Lignin. Der Stoff, der Holz seine Festigkeit gibt, hat zu­ dem den Vorteil, dass er ein Abfallprodukt der Papierproduktion ist, bei der nur die im Holz enthaltene Zellulose genutzt wird. Die Tecnaro­Gründer vermischen Lig­ nin mit natürlichen Additiven und Fasern und produzieren so ein Granulat, dass sich wie ölbasierte Kunststoffe verarbeiten lässt. Auch bei den mechanischen Eigen­ schaften ist das „flüssige Holz“ konventio­ nellen Kunststoffen ebenbürtig. Heute lie­ fert Tecnaro 3000 verschiedene Granulat­ mischungen, aus denen sich etwa Folien, Kunststoff­Formteile für die Autoindustrie

oder auch die Ohrmuscheln eines Kopfhö­ rers herstellen lassen. Gute Marktchancen sieht Pfitzer auch bei Lebensmittelverpa­ ckungen. Mittlerweile macht Tecnaro mit 30 Mitarbeitern einen Umsatz „im oberen einstelligen Bereich“. Im Gründungsjahr 1998 lief es noch nicht so gut. „In der ersten Bilanz stand ein Umsatz von null Euro – und mein Wohn­ zimmer war unser Büro“, erinnert sich Pfitzer. Um finanziell über die Runden zu kommen, arbeiteten die Gründer zunächst parallel weiter am Fraunhofer­Institut. Verhandlungen mit Risikokapitalgebern hätten nichts gebracht. „Manche wollten die Zusage, dass wir unsere Anteile im Falle eines Verkaufs ganz abgeben. Das haben wir abgelehnt“, so Pfitzer. Auf der Suche nach Geld verlagerte Tecnaro im Rahmen des unter anderem vom Bundesfor­ schungsministerium geförderten Projekts „Futour“ im Mai 2000 den Sitz nach Thü­ ringen. 2006 kehrte das Unternehmen in den Südwesten zurück. Das Einwerben eines normalen Firmenkredits erwies sich anfangs als Mammutaufgabe. Schließlich fanden die Gründer in der VR­Bank Ell­ wangen einen Partner, der frühzeitig einen fünfstelligen Eurobetrag lockermachte. lud

Curevac­Mitgründer Ingmar Hoerr setzt auf das natürliche Molekül mRNA.

Foto: Curevac

Curevac Biotech mit Millionen von Hopp und Gates Der Zeitpunkt war nicht gerade glücklich gewählt. Als der Tübinger Biologe Ingmar Hoerr und seine vier Mitstreiter im Jahr 2000 Curevac gründeten, war die Spekula­ tionsblase am Neuen Markt gerade erst ge­ platzt. Entsprechend schwierig war anfangs die Suche nach Geldgebern für die Entwick­ lung einer neuen Krebstherapie. Die Grün­ der ließen sich davon nicht bremsen. „Die Daten aus meiner Doktorarbeit waren so überwältigend, dass wir den Sprung in die Selbstständigkeit einfach wagen mussten“, erinnert sich Hoerr. Angesichts knapper Mittel bot Curevac zunächst Serviceleis­ tungen für etablierte Pharmahersteller an, um an Aufträge zu kommen. „Wir mussten früh lernen, unternehmerisch zu denken.“ Das habe auch den SAP­Mitgründer Dietmar Hopp überzeugt. Dessen Biotech­ Holding Dievini hat seit 2006 rund 145 Mil­ lionen Euro in Curevac gesteckt, denen nun weitere 21 Millionen Euro folgen. Die Auf­ stockung findet zeitgleich mit dem Einstieg eines weiteren prominenten Geldgebers statt: der Stiftung des Microsoft­Gründers Bill Gates, die sich mit 46 Millionen Euro an Curevac beteiligt. Hopp denkt vor diesem Hintergrund sogar bereits über einen Bör­ sengang von Curevac nach.

Inzwischen hat das Unternehmen 160 Beschäftigte. Die Ergebnisse erster Tests an Patienten seien positiv, sagt Geschäftsfüh­ rer Hoerr. Grundlage der Immuntherapie ist das natürliche Molekül mRNA (Messen­ ger­RNA). Es dient in lebenden Zellen dazu, die in der DNA gespeicherten Baupläne für Eiweiße weiterzuleiten. Curevac bestückt die mRNA mit den Informationen zur Bil­ dung von Eiweißmolekülen, die das Im­ munsystem stimulieren. Hoerr: „Wir helfen der körpereigenen Abwehr, Krebszellen zu finden und zu zerstören.“ Entwicklungs­ schwerpunkte für die mRNA­basierte Im­ muntherapie sind unter anderem Prostata­ und Lungenkrebs. Hinzu kommt die Ent­ wicklung von Impfstoffen gegen Infek­ tionskrankheiten, die künftig von der Gates­Stiftung mit weiteren Mitteln in nicht genannter Höhe gefördert wird. Dass es in Deutschland relativ wenig Biotech­Gründungen gibt, liege nicht an fehlendem Knowhow, sondern an der schwierigen Finanzierung, meint Hoerr. Er fordert daher bessere Rahmenbedingun­ gen für Investoren – etwa mehr Möglichkei­ ten, um Verluste steuerlich geltend zu machen. „Das bringt mehr als zusätzliche staatliche Fördermittel.“ lud

Foto: Malva

„Die Gesundheitsindustrie holt bei Gründungen auf“ Interview Biopro­Chef Kindervater erklärt, welche Probleme Start­ups

aus den Branchen Pharma, Biotechnologie und Medizintechnik haben.

I

n den letzten Jahren wurde die Grün­ derszene von Unternehmen aus der IT­Branche dominiert. Doch auch in der Gesundheitsindustrie tut sich etwas. Ralf Kindervater, Geschäftsführer der Landesgesellschaft Biopro Baden­Würt­ temberg, erläutert die Hintergründe. Herr Kindervater, beim Blick auf die Grün­ derszene im Land bekommt man den Ein­ druck, dass aus der IT­Branche deutlich mehr Start­ups kommen als aus den Bran­ chen Pharma, Biotechnologie und Medizin­ technik. Entspricht das den Tatsachen? Wenn man die zurückliegenden Jahre be­ trachtet, stimmt dieser Eindruck. Aber seit einiger Zeit holen Pharma, Biotech und Medizintechnik, die wir unter dem Dachbe­ griff Gesundheitsindustrie betreuen, spür­ bar auf. Beim jüngsten Venture­Capital­ Wettbewerb von L­Bank und Stuttgarter Börse gab es erstmals eine Parität. Von 37 Projekten, die Gründer dort vor Investo­ ren präsentiert haben, stammte rund die Hälfte aus den genannten Branchen. Die andere Hälfte entfiel auf den IT­Sektor. Aus dem Bereich Technik gab es nur ganz weni­ ge Kandidaten.

dung sind dann unter Umständen dreistel­ lige Millionenbeträge nötig. Und wenn das neue Mittel am Ende floppt, droht den Geldgebern ein Totalverlust. Als Investor im Biotech­Sektor braucht man natürlich eine gewisse Risikobereit­ schaft – und einen langen Atem, um das Pferd, auf das man gesetzt hat, über die komplette Distanz ins Ziel zu bringen. Es kann zehn oder mehr Jahre dauern, bis ein marktfähiges Medikament herauskommt oder ein Pharma­Partner in einer späteren Entwicklungsphase groß einsteigt. Aber es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen im Land, die es geschafft haben – zum Beispiel Phenex Pharmaceuticals oder Cellzome aus Heidelberg. Für positive Schlagzeilen sorgte zuletzt auch Curevac. Die Tübinger erhal­ ten 46 Millionen Euro von der Gates­Stif­ tung. Bis zum fertigen Produkt können aber noch Jahre vergehen. Wenn sie dagegen eine App entwickeln, sind sie in einem Jahr fertig. Und nach ein, zwei Jahren haben sie vielleicht schon eine Million Euro Umsatz.

Welchen Stellenwert hat die Finanzierung über die Börse? Ein Börsengang war bis zum Jahr 2000 das erklärte Ziel vieler Biotech­Gründer und Was steckt hinter dieser Entwicklung? deren Investoren. Doch nach dem Crash Ich denke, dass unsere Unterstützungsakti­ des neuen Marktes wurde die Branche zu­ vitäten insbesondere in den sammen mit dem IT­Sektor frühen Gründungsphasen sich „Wenn sie eine abgestraft. Davon hat sie sich hier positiv auswirken. Wenn App entwickeln, bis heute nicht ganz erholt. man Gründer richtig unter­ sind sie in einem stützt und das große Potenzial Welche Rolle spielen öffent­ der Universitäten und Jahr fertig.“ liche Förderprogramme für Forschungseinrichtungen im Ralf Kindervater über Biotech­Gründer im Land? Land konsequent nutzt, kann Gründungen im IT­Sektor Da hat sich in den letzten Jah­ die Gesundheitsindustrie in ren einiges getan – vor allem puncto Gründungsdynamik in Zukunft bei der Finanzierung der frühen Grün­ durchaus noch mehr bewegen. Aber dass dungsphase. Ein Beispiel dafür ist das För­ wir gegenüber der IT­Branche auf Dauer derprogramm Junge Innovatoren. Das er­ vorn sein können, sehe ich nicht. laubt es jungen Wissenschaftlern an Unis und Hochschulen, sich für eine Weile aus Generell scheint es für Biotech­, Medizin­ dem Wissenschafts­ und Lehrbetrieb zu­ technik­ oder Pharma­Start­ups schwieriger rückzuziehen und sich mit dem Thema zu sein, an Risikokapital zu kommen als für Gründung zu befassen. Zur Anschlussfi­ einen IT­Gründer, der zum Beispiel eine neue nanzierung bietet sich das Exist­Programm App entwickeln will. Woran liegt das? des Bundes an. Auch der Seedfonds BW und Die Summe, die man auf den Tisch legen der High­Tech­Gründerfonds zielen auf die muss, um eine App zu entwickeln, ist im frühen Phasen der Gründung. Vergleich zu den Kosten der Entwicklung eines pharmazeutischen Wirkstoffs fast Nach der Frühphase wird es für viele Grün­ schon vernachlässigbar klein. Nehmen Sie der deutlich schwieriger, an frisches Geld zur zum Beispiel das Start­up Malva GmbH, das Wachstumsfinanzierung zu kommen. einen Malaria­Impfstoff entwickelt. Die Das stimmt. Nur mit Seedfonds kommt brauchen schon eine siebenstellige Summe, man nicht weit – sonst heißt es irgendwann: um ein Medikament so weit zu entwickeln, Firma gegründet, Geld alle, Feierabend. dass die Wirksamkeit im Rahmen erster Aber zum Beispiel mit dem neuen VC Fonds Studien gezeigt werden kann. Für die Wei­ Baden­Württemberg, über den neben dem terentwicklung bis zur praktischen Anwen­ Land die Württembergische Versicherung

und die Sparkassenversicherung in Start­ ups investieren, kommt man zumindest et­ was besser hin. Vorher hatten wir da eine noch größere Lücke. Eine weitere Möglich­ keit zur Anschlussfinanzierung ist zum Bei­ spiel die LBBW Venture Capital, die auch größere Pakete schnüren kann. Welche spezifischen Probleme haben Phar­ ma­, Medizintechnik­ oder Biotech­Gründer noch – abgesehen von der Finanzierung? Ein großer Unterschied zu anderen Bran­ chen ist die starke Reglementierung des Ge­ sundheitsmarktes. Das Gesundheitssystem wartet nicht auf die Innovationen der Gründer, sondern legt ihnen oft Steine in den Weg. Das Problem ist nicht nur der all­ gemeine Sparzwang, sondern auch das Prinzip, dass alles Neue akribisch auf Wir­ kung und Nutzen geprüft wird, während bestehende Therapien in der Regel nicht mehr infrage gestellt werden. Unser Ge­ sundheitswesen ist da sehr träge. Die hohen Markteintrittshürden sorgen auch dafür, dass ein Investor lange warten muss, bis er wieder Geld zurückbekommt – oder dass er auch mal ein, zwei Millionen Euro nach­ schießen muss. Die Biotechnologie für nicht­medizinische Anwendungen – etwa zur Produktion von Kunststoffen aus Bio­ materialien – hat es da etwas leichter. Was sind die häufigsten Fehler der Gründer? Oft kommt es vor, dass ein Gründer auf einen Berater trifft, der sagt: Ich helfe dir gerne, wenn du mir 20 Prozent an deiner Firma gibst. Wenn es dann später Proble­ me gibt – etwa Uneinigkeiten über die wei­ tere Strategie –, kriegt man so einen An­ teilseigner nicht mehr raus. Deshalb ist eine frühe, unabhängige Unterstützung von Gründern so wichtig, die ja auch vom Land mit den sogenannten Exi­High­Tech­ Gründungsscheinen möglich wird. Damit lassen sich viele Anfangsfehler vermeiden. Manchen Gründern im Bereich der Ge­ sundheitswirtschaft fehlt es auch an der nötigen Marktorientierung. Erschwert nicht auch die Komplexität vieler Biotech­Projekte die Suche nach Investoren? Viele Projekte kann man in der Tat nicht so leicht erklären. Doch daran führt kein Weg vorbei, wenn man potenziellen Geldgebern erklären will, warum sie in eine Idee inves­ tieren sollen. Beim jüngsten VC­Wettbe­ werb haben wir die Akteure so trainiert, dass sie den Investoren ihre Projekte in acht Minuten in einer auch für Nichtwis­ senschaftler verständlichen Form präsen­ tieren konnten. Müssten angesichts begrenzter öffentlicher Mittel die etablierten Unternehmen mehr Geld für innovative Gründer bereitstellen? Die haben teilweise eigene Fonds, mit denen sie in Start­ups investieren. Das Problem dabei ist nur, dass gestandenen

Unternehmen die radikalen Konzepte, die manche Gründer im Kopf haben, oft zu weit gehen. Die setzen lieber auf schrittweise Verbesserungen bestehender Technologien als auf völlig neue, revolutionäre Ideen. Es gibt aber auch Fälle, in denen das funktio­ niert – etwa bei Tetec in Reutlingen, die aus körpereigenen Knorpelzellen Ersatzknor­ pel züchten. Die wurden von Anfang an vom Medizintechnikkonzern Aesculap finan­ ziert. Unternehmen, die sich in der soge­ nannten Corporate­Venture­Finanzierung engagieren, schauen aber in der Regel welt­ weit nach erfolgversprechenden Start­ups und zielen nicht auf Investitionen im Land.

der Uni von mittelständischen und großen Unternehmen angeworben werden, machen die sich über den Sprung in die Selbstständig­ keit erst mal keine Gedanken. Umso wichti­ ger wäre es, das Thema Gründung bereits an den Schulen zu vermitteln – etwa mit Unter­ nehmensspielen.

Die Motivation von Kirsten Heiß lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: eine Mil­ lion. So viele Menschen – großteils Kinder unter fünf Jahren – sterben jedes Jahr an Malaria. Damit diese Zahl kleiner wird, arbeitet die Biologin mit ihrem Team an einem Impfstoff gegen die Infektions­ krankheit, die von Stechmücken übertra­ gen wird. Zusammen mit fünf Mitstreitern hat sie im Jahr 2011 in Heidelberg die Malva GmbH ins Leben gerufen. „Wir sind natürlich nicht die Einzigen, die an einem Malaria­Impfstoff arbeiten. Einige große Pharmaunternehmen haben vielversprechende Produkte in der Pipe­ line“, sagt Heiß. Malva sucht nach einem Impfstoff, der nicht nur hochwirksam ist, sondern sich zudem einfach herstellen und verabreichen lässt. Die Impfstoffe, an denen andere Teams arbeiten, erfüllten je­ weils nur eine dieser Anforderungen, so die Forscherin. Sie seien entweder leicht zu produzieren, aber schwach in der Wir­ kung – oder umgekehrt. Manche Impfstof­ fe müssten bis zu fünfmal intravenös – also direkt in die Blutbahn – injiziert werden. Während die Konkurrenz teilweise auf komplette abgeschwächte Malaria­Erreger setzt, arbeitet Malva mit einzelnen Eiweiß­

Die Gesundheitswirtschaft ist laut einer McKinsey­Studie ein wichtiges Wachstums­ feld für Baden­Württemberg. Trotzdem steht sie in der öffentlichen Wahrnehmung im Hintergrund. Das liegt auch an der Statistik. Die derzeiti­ ge Form der Datenerhebung führt zu einer massiven Unterschätzung der Bedeutung Welchen Ansatz verfolgt Biopro Baden­ der betroffenen Branchen. Da werden zum Als Thomas Helle ans Telefon geht, ist er Württemberg? Beispiel große Medizintechnikunterneh­ gerade in Malaysia unterwegs. Dort plant er Mit Geld oder Kapital können wir nicht die­ men unter der Rubrik „Handel“ eingestuft. eine Anlage, mit der sich aus den bislang un­ nen, aber mit Rat und Tat – nicht nur bei der Und in der Region Tuttlingen gibt es viele genutzten Rückständen der Palmölproduk­ Suche nach Fördermöglichkeiten. Wir se­ Medizintechnik­Familienbetriebe, die in tion Energie gewinnen lässt. „Das verbes­ hen uns vor allem als Infor­ der Statistik komplett unter sert die Umwelt­ und Klimabilanz ganz ent­ mationsmakler für Gründer. „Als Investor den Tisch fallen, weil sie keine scheidend“, sagt der Chef der Novis GmbH. Wenn Sie zu uns kommen und im Biotech­Sektor sozialversicherungspflichti­ Das Tübinger Unternehmen konzipiert seit sagen, was Sie vorhaben, be­ braucht man gen Beschäftigten haben. Das 2009 Anlagen, die aus Reststoffen wie Bio­ kommen Sie sehr schnell rele­ Problem ist erkannt, und wir müll, Mist, Kakaoschalen oder altem Cham­ vante Ansprechpartner mit eine gewisse arbeiten mit dem Statisti­ pignonsubstrat umweltfreundlich Energie Adressen, die Ihnen zeigen, Risikobereitschaft.“ schen Landesamt an einer rea­ gewinnen – sowohl in Industrie­ als auch in wie und wo Sie sich in Baden­ Ralf Kindervater über die litätsnäheren Erfassung. Entwicklungs­ und Schwellenländern. Württemberg optimal vernet­ Finanzierung von Start­ups Beschäftigt werden derzeit in Europa zen können. Früher wusste ein Vielleicht kommt dabei ja he­ neun und in Afrika zwölf Mitarbeiter. Die Gründer oft nur durch Zufall, dass zum Bei­ raus, dass alles viel besser ist als gedacht und eigentliche Arbeit machen aber die Bakte­ spiel in Heidelberg ein Professor sitzt, der man gar nicht so viele Gründer braucht. Im­ rien, die in Bioreaktoren auch aus schwer zu den Kapazitäten auf dem Gebiete der in­ merhin gilt Baden­Württemberg schon jetzt vergärbaren Ausgangsstoffen Biogas zur dustriellen Katalyse gehört. Mit unserer als Apotheke Deutschlands. Wärme­ und Stromerzeugung produzieren. Hilfe können Gründer solche Informatio­ Trotzdem brauchen wir einen perma­ Ein weiteres Feld ist das Recycling von Ab­ nen gezielt nutzen. nenten Nachschub an neuen Unternehmen fällen zu Kompost und anderen nutzbaren mit neuen Ideen. Das ist jetzt zwar eine an­ Stoffen. Zudem setzt Helle seine Bakterien­ Hängen die spezifischen Probleme der dere Branche, aber wenn man es genau stämme ein, um aus Verbrennungsrück­ Gesundheitsindustrie auch damit zusam­ nimmt, war SAP die letzte große Gründung ständen von Müllheizkraftwerken Edel­ men, dass sie im Schatten von Auto und mit breiter, internationaler Geltung in metalle und seltene Erden für die Elek­ Maschinenbau steht? Baden­Württemberg. Und das war in den tronikindustrie herauszulösen. „Allein in Das ist sicher ein wichtiger Faktor. Es wäre siebziger Jahren! Wir wissen heute zwar Deutschland könnte man so jedes Jahr aber falsch, die Bereiche gegeneinander nicht, wer der nächste Bosch oder SAP ist, wertvolle Rohstoffe für bis zu 400 Millio­ auszuspielen. Stattdessen muss die Zusam­ aber wir müssen zumindest die Grundlagen nen Euro zurückgewinnen“, schätzt er. Die menarbeit intensiviert werden. So eröffnet dafür schaffen. zum Beispiel die Automatisierung der Bio­ technologie – etwa im Bereich der Analytik Das Gespräch führte Werner Ludwig. oder bei der Züchtung von Ersatzgeweben – für den hiesigen Maschinenbau neue An­ wendungsgebiete, die die Unternehmen BERATER FÜR GRÜNDER AUS GESUNDHEITSINDUSTRIE UND BIOÖKONOMIE vielleicht noch gar nicht kennen. Person Ralf Kindervater ist der Gesellschaft für Biotechno­ Organisation Die Landes­ seit 2003 Geschäftsführer der logische Forschung mbH (GBF) gesellschaft Biopro Baden­ Hochqualifizierte haben im Biopro Baden­Württemberg in Braunschweig. Weitere Sta­ Württemberg wurde im Jahr Südwesten sehr gute und seit 2014 Honorar­ tionen waren die Universität 2003 gegründet und wird von Job­Perspektiven. Geht es professor am Karlsruher Tübingen und das Fraunhofer­ den Ministerien für Finanzen den Menschen im Land Institut für Technologie Institut für Grenzflächen­ und und Wirtschaft sowie Wis­ zu gut, um das Risiko (KIT).Er promovierte Bioverfahrenstechnik. Beim senschaft, Forschung und der Selbstständigkeit als Diplom­Chemiker Hamburger Laborspezialisten Kunst getragen. Die Organi­ auf sich zu nehmen? der Fachrichtungen Eppendorf AG war Kinderva­ sation mit insgesamt 15 Mit­ Existenzangst ist auch Biochemie und Bio­ ter im Bereich Marketing und arbeitern berät Firmengründer kein guter Gründungs­ technologie bei Vertrieb tätig. 1997 wechselte aus den Branchen Pharma, berater. Aber die Quasi­ erzur Regionalansiedlungs­ Biotechnologie und Medizin­ Vollbeschäftigung bei gesellschaft Biostart in Jena. technik. Hinzu kommt der Ingenieuren ist schon 2001 und 2002 folgten Inte­ Bereich Bioökonomie, in ein Hemmschuh. rimsvorstands­ und Geschäfts­ dem es unter anderem um Wenn gute Leu­ führungspositionen bei meh­ die industrielle Anwendung te schon an reren Biotech­Unternehmen. biologischer Prozesse geht. lud

bestandteilen des Einzellers Plasmodium. Ziel ist ein Impfstoff, der durch einen einzi­ gen Stich ins Muskelgewebe oder unter die Haut zu einer hochwirksamen Immunisie­ rung führt. „Bis dahin gibt es noch viel zu tun“, räumt Heiß ein, „doch wir sind auf einem erfolgversprechenden Weg.“ Bei den Tierversuchen im Rahmen der sogenann­ ten präklinischen Prüfung habe sich der Malva­Impfstoff als wirksam erwiesen. Darauf folgen weitere Tests, in denen Unbedenklichkeit und Wirkung an Men­ schen untersucht werden. Heiß schätzt, dass es noch rund fünf Jahre dauert, bis Malva einen zugelassenen Impfstoff vor­ weisen kann. Potenzielle Investoren sollten also keine schnellen Rückflüsse erwarten. Dafür winkten nach der Zulassung des Impfstoffs gute Chancen „auf einem bisher nicht bedienten Markt“, so Heiß. Bisher konnten die Gründer auf 650 000 Euro an Fördermitteln zurückgreifen – unter ande­ rem aus dem „Exist­Forschungstrans­ fer“­Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Für die nächsten Entwicklungsschritte ist Malva derzeit auf der Suche nach Geldgebern. „Neben Investoren kommt hierbei auch die Gates­Stiftung in Betracht“, sagt Heiß. lud

Novis Biores Rohstoffe und Energie aus Abfall

Foto: Biopro

industrielle Anwendung des Verfahrens soll im Rahmen eines Pilotprojekts in drei Müll­ kraftwerken der MVV Umwelt, einer Toch­ ter des Versorgers MVV, getestet werden. Für den Bereich der sogenannten mikro­ biellen Erzlaugung hat Helle 2014 die Toch­ terfirma Novis Biores gegründet, deren ein­ ziger Beschäftigter und Finanzier bislang er selbst ist. Doch Helle sieht gute Wachs­ tumschancen. Nach eigenen Angaben hat er bereits mehrere kommerzielle Projekte an Land gezogen. Bis daraus Umsätze werden, wird aber noch einige Zeit vergehen. Die Vorlaufzeit betrage bis zu fünf Jahre. lud

Thomas Helle zeigt eine Tüte mit Kompost aus Kaffeeabfällen. Foto: Novis


22 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Auch im Zeitalter von E­Mail und elektronischer Akte produziert die Bürokratie jede Menge Papier – bisweilen mit fraglichem Nutzen.

Fotos: vario­press, fotolia

28 Tage – 50 Formulare Viele Unternehmen haben das Gefühl, von komplizierten Vorschriften und aufwendigen Dokumentationspflichten erdrückt zu werden – nicht nur beim Thema Mindestlohn. Ganz unerhört bleiben die Klagen bei der Bundesregierung offenbar nicht. Von Raimund Haser Bürokratie

E

in Betrieb, wie es ihn oft gibt in Ba­ den­Württemberg: 19 Omnibusse, 18 Festangestellte, 22 Teilzeitange­ stellte. Mittelstand eben, boden­ ständig, erfolgreich, engagiert. Und der Chef, Stephan Ehrmann, Inhaber von Ehrmann­Reisen in Bad Wurzach in Ober­ schwaben, legt natürlich selbst mit Hand an. „Heute fahre ich nach langer Zeit einmal wieder selbst“, sagt er. Aber ungeprüft darf er das nicht. Die letzten 28 Tage werden von einer Mitarbeiterin überwacht. Stimmen seine Ruhezeiten? Ist alles ordnungsge­ mäß? Schließlich bekommt er von seiner Mitarbeiterin das Okay, er darf. „Mit 50 Zetteln belege ich das, was ich in den letzten 28 Tagen gemacht habe. Und das nur, damit ich einen Tag als Fahrer einspringen kann. Das ist doch absurd.“ Die Idee, die hinter dieser Überwachung steckt, findet Ehrmann nicht absurd. Es geht darum, Ausbeutung zu verhindern, schwarze Schafe herauszufiltern und um die Sicherheit auf der Straße – letztlich auch um Fairness im Wettbewerb. „Absurd ist der Aufwand, der damit verbunden ist“, sagt Ehrmann. „Da werden viele Dinge nicht zu Ende gedacht.“ Als Beispiel nennt er den Mindestlohn. Vielen Unternehmen bereitet der „Ich bräuchte eine Mindestlohn keine großen Sorgen 450­Euro­Kraft, die nichts anderes tut, – im Gegensatz zu den mit seiner als die Arbeitszeiten Durchsetzung verbundenen der anderen zu über­ Berichtspflichten und Kontrollen. wachen“, sagt Ehr­ mann. „Dabei geht bei mir niemand unter elf Euro pro Stunde nach Hause.“ Auf dem Bau, ja, da brauche man die Kontrollen. Aber bei ihm? Ehrmanns Firma gehört zu den 73 Pro­ zent aller deutschen Betriebe, die laut Ifo­ Institut nicht direkt von der Einführung des Mindestlohns betroffen sind, weil sie dieses Lohnniveau bisher schon erreichen oder überschreiten. Die zur Überwachung des Mindestlohns eingeführten Kontrollen aber treffen alle. Genau da setzt die Kritik vieler Wirtschaftsverbände und auch die von Stephan Ehrmann an. Peter Jany, Hauptgeschäftsführer der IHK Bodensee­ Oberschwaben, sieht in der wirtschaftlich starken Region Bodensee­Oberschwaben weniger das Problem, dass durch den Min­ destlohn die Lohnsummen signifikant stei­ gen. „Da ist der Fachkräftemangel schon eher ein Thema.“ Ihm geht es um das Mehr an Bürokratie. „Die Rückmeldungen, die uns bisher von den regionalen Unternehmen erreicht ha­ ben, zielen allesamt in die gleiche Richtung:

Die zusätzlichen Aufzeichnungs­ und Do­ kumentationspflichten über die geleisteten Arbeitszeiten machen gerade den kleineren Unternehmen schwer zu schaffen.“ Auch die Kontrollen durch die Behörden koste­ ten die Unternehmen viel Geld. Klar ist aber auch: ein Gesetz ohne Kon­ trolle ist nicht viel wert. Und genau das ist das Dilemma beim Thema Mindestlohn: Es gibt etliche Unternehmer, die eine Lohn­ untergrenze im Grunde genommen für eine gute Idee halten – insbesondere im Bereich der IHK Bodensee­Oberschwaben. Aber in der Umsetzung belastet der Mindestlohn die Unternehmen so stark, dass die Stim­ mung kippt. Für den IHK­Dachverband DIHK ist der Mindestlohn nur ein Beispiel von vielen dafür, wie Unternehmen unter einer über­ bordenden Bürokratie leiden. In vielen Ini­ tiativen und Argumentationspapieren wendet sich der starke Wirtschaftsverband an die EU genauso wie an die Bundesregie­ rung oder die Länder. Mehr als 100 konkre­

te Vorschläge zum Bürokratieabbau hat der DIHK bereits gemacht, nur wenige da­ von wurden umgesetzt. Im Papier „18 Vor­ schläge zur Vereinfachung des EU­Rechts“ präsentieren die Kammern dazu beeindru­ ckende Zahlen. So wurden vom Normen­ kontrollrat allein für die deutsche Wirt­ schaft 10 900 unterschiedliche Informa­ tionspflichten identifiziert, die je Unternehmen mit bis zu 10 000 Euro zu Buche schlagen. Da geht es zum Beispiel um Informatio­ nen über Unternehmen, die diese im Geschäftsbericht veröffentlichen müssen, obwohl sie keine finanzielle Bedeutung haben, oder um die bis zu 100 000 Euro teure Handhabung sogenannter Reihen­ geschäfte im Umsatzsteuerrecht. Im Rah­ men eines solchen Geschäfts lässt bei­ spielsweise ein Unternehmer die bei sei­ nem Zulieferer bestellte Ware von diesem direkt an den Endkunden liefern. Nach aktuellen Zahlen des DIHK schla­ gen die zehn kostenintensivsten Informa­

Regulierungswütige EU? An fragwürdigen Vorschriften ist nicht allein Brüssel schuld. Auch Nationalstaaten und Firmen mischen mit. Von Christopher Ziedler Politik

A

us Brüssel kommt etwa die Hälfte unserer Gesetze – Tendenz stei­ gend. Da ist es kein Wunder, dass auch viele allzu bürokratisch anmutende Vorschriften europäischen Ursprungs sind. Drei Varianten sind dabei zu unterscheiden. Es gibt EU­Richtlinien, die auf Vorschlag der Kommission gemeinsam vom Minister­ rat und dem Europaparlament verabschie­ det werden. Die Krux: diese gesetzlichen Mindestanforderungen müssen in nationale Gesetze überführt werden, wobei sie nicht selten noch verschlimmbessert werden. Ein bekanntes Beispiel ist das Antidiskriminie­ rungsgesetz, das in der deutschen Ausfüh­ rung weiter ging als die Brüsseler Vorgaben und einigen Unmut erregte. Zudem sorgen Richtlinien nur für annähernd gleiche Be­ dingungen im EU­Binnenmarkt. Die Regeln bleiben – mit dem entsprechenden Mehrauf­ wand – von Land zu Land unterschiedlich. In der EU setzt man daher immer häu­ figer auf sogenannte Verordnungen, die un­ mittelbar in ganz Europa gelten. Beispiel sind die neuen Kennzeichnungsregeln für

Lebensmittelverpackungen oder die Daten­ schutzverordnung. Über sie wird seit zwei Jahren eben deshalb so heftig gestritten, weil sie das komplette deutsche Datenschutz­ recht ersetzen soll. Das Bewusstsein dafür, keine unnötigen Bürokratiemonster zu schaf­ fen, ist dabei in Brüssel durchaus vorhanden: So sollen etwa kleine und mittlere Firmen mit weniger als 250 Mitarbeitern von der Pflicht ausgenommen werden, einen Datenschutz­ beauftragten zu benennen. Außerdem wird derzeit überlegt, gut 80 bereits angestoßene Gesetzesinitiativen wieder zurückzuziehen. Die meisten Fälle, die für die angebliche Brüsseler „Regelungswut“ stehen, stam­ men dagegen oft gar nicht aus der Feder übereifriger Beamter, sondern von der In­ dustrie selbst. Auf ihren Wunsch werden technische Standards, die den Handel im Binnenmarkt erleichtern sollen, von den europäischen Normierungsbehörden als verbindlich festgelegt. Berühmte Beispiele sind das Rezept für die Pizza Napoletana oder der mittlerweile wieder kassierte Krümmungsgrad von Salatgurken.

tionspflichten der Wirtschaft alljährlich mit 23 Milliarden Euro zu Buche. Zwar ha­ be der Normenkontrollrat dafür gesorgt, dass die Belastung seit 2006 um 25 Prozent zurückgegangen sei, die Bürokratie in an­ deren Bereichen, also jenseits der Informa­ tionspflicht, habe aber im gleichen Maße zugenommen. „In allen Handlungsbe­ Im Rahmen des Projekts reichen – Beschäfti­ „Amtlich einfach“ befragt gung, Energieein­ die Bundesregierung 6000 Bürger satz, Umweltschutz, Finanzierung – wer­ und Unternehmen zu ihren den Betriebe durch Erfahrungen mit den Behörden. die Gesetzesinitiati­ ven der Bundesregierung wieder zuneh­ mend bürokratisch belastet“, schreibt der DIHK in seinen aktuellen wirtschaftspoliti­ schen Positionen. Die Bundesregierung hat die Klagen zu­ mindest teilweise erhört und ein bemer­ kenswertes Projekt gestartet: „Amtlich einfach“ heißt eine bundesweite Studie mit 6000 Probanden, die das Statistische Bun­ desamt nach ihren Erfahrungen mit Be­ hörden in bestimmten Lebenssituationen wie der Geburt eines Kindes oder dem Ein­ zug ins Eigenheim befragt. Auch Unter­ nehmen gehören zur Zielgruppe der Untersuchung. Von der Initiative erhofft sich das Kanzleramt Erkenntnisse, wie Ge­ setze gemacht werden müssen, damit die Bürger nicht das Gefühl haben, von Büro­ kratie erdrückt zu werden. Der oberschwäbische Unternehmer Ehrmann bleibt trotzdem skeptisch. Aus Erfahrung weiß er, dass, sobald das eine Gesetz vereinfacht wurde, ein neues hinzu­ kommt. Was ihn als Unternehmer am meis­ ten ärgert, ist die Tatsache, dass viel Geld für Regelungen ausgegeben wird, die am Ende nur einen minimalen Nutzen haben. „Wenn ich 1000 Kilometer mit dem Rei­ sebus durch Europa fahre, zum Beispiel durch Österreich oder Tschechien und wie­ der zurück, dann muss ich die anteilig in diesen Ländern hereingefahrene Umsatz­ steuer an die dortigen Steuerbehörden ab­ führen. Umgekehrt macht es Deutschland genauso. Und am Ende hat jeder gleich viel Umsatzsteuer wie zu­ vor“, schimpft Ehrmann. Mit einem Unter­ schied: „Wir müs­ sen das alles hier genau ausrech­ nen und melden. Und den Auf­ wand bezahlt uns keiner.“

STAATLICHE VORGABEN BELASTEN UNTERNEHMEN Die zehn kostenintensivsten Informationspflichten der Wirtschaft Angaben in Milliarden Euro

0,93

1,45

BeratungsKörperund Dokuschaftsmentationssteuerpflicht des erklärungsVersicherers pflicht StZ-Grafik: zap

1,85

Gewerbesteuererklärungspflicht

1,98

Stichtagsinventur

2,51

Ausstellung von Rechnungen

2,76

Abgabe der Steuererklärung

3,22

Aufbewahrung von Rechnungen

3,54

3,56

Allgemeine Buchführung

Abschlusserstellung für Kapitalgesellschaften

Quelle: Statistisches Bundesamt 2014

2006 verursachten 9500 verschiedene Informationspflichten bei Unternehmen jährliche Kosten von 49,3 Milliarden Euro. Bis heute ist diese Belastung um rund ein Viertel auf 37 Mil­ liarden Euro gesunken. Allerdings seien auch neue bürokratische Vorschriften in den Bereichen Beschäf­ tigung, Energie, Umweltschutz und Finanzierung hinzugekommen, klagt der Deutsche Industrie­ und Handelskammertag.


Wirtschaft in Baden-Württemberg 23

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

„Die EU möchte noch mehr Daten“ nen Zusatzprogramms werden die Daten selbstständig aus der Buchhaltung gezogen, was allerdings nicht bei allen Anbietern funktioniert.

Statistikchefin Carmina Brenner sieht nur einen geringen Spielraum für die weitere Entlastung der Unternehmen. Interview

Gibt es grundsätzlich die Bereitschaft, auf Daten zu verzichten? Das sehe ich gegenwärtig nicht. Es ist eher andersherum. Die EU möchte eigentlich noch sehr viel mehr Daten haben. Dabei geht es aber weniger um die Industrie. Das Interesse gilt eher Bevölkerungsdaten, zum Beispiel über Arbeitsbedingungen. Hinzu kommt, dass die Daten sehr viel schneller als bisher gewünscht werden. Da müssen wir schauen, wie wir das hinkriegen. Denn die EU hat da ziemlich harsche Disziplinie­ rungsmaßnahmen.

D

ie Statistiker kommen heutzu­ tage anders als früher zu ihren Daten; nicht nur die Fragebo­ gen gehören der Vergangenheit an. Was sich geändert hat und welche künftige Entwicklung sich abzeich­ net, erläutert die Präsidentin des Statisti­ schen Landesamtes, Carmina Brenner. Die amtliche Statistik gehört zu den Büro­ kratielasten, über die die Wirtschaft immer wieder klagt. Wie hoch sind die Belastungen, und warum ist der Aufwand nötig? Gemessen an dem sogenannten Papier­ krieg, den ein Unternehmen führen muss, hat die Statistik einen Anteil von acht Pro­ zent. Der Rest entfällt auf Steuern, auf Arbeitsrecht und inzwischen auch auf Um­ weltdokumentationen. Der Aufwand ist er­ forderlich, weil wir ja unabhängig, objektiv und neutral Daten liefern sollen, auf denen dann andere Planungen aufsetzen können. Auf unsere Daten verlassen sich viele Insti­ tutionen; die Politik ebenso wie die Verbän­ de, die sich zum Beispiel auf Tarifverhand­ lungen vorbereiten, die Universitäten mit ihren Forschungsinstituten und die Kom­ munen mit ihren Gremien.

Es gibt viele Informationen über Landwirt­ schaft und Industrie. Über Dienstleistungen wissen wir weniger. Ist das noch zeitgemäß? Die Landwirtschaft hat nicht mehr die Be­ deutung wie früher. Alles, was unter einer Fläche von fünf Hektar liegt, fällt unter die Abschneidegrenze. Die großen Erhe­ „Wir werden bisweilen gefragt, bungen sind nicht weshalb wir diese Zahlen nicht mehr jährlich. Aller­ haben. Die Antwort: weil ihr euch dings kommt 2016 auf die 49 000 land­ mal beschwert habt und es dann und forstwirtschaft­ Entlastungen für die Kleinen gab.“ lichen Betriebe im Carmina Brenner über die Meldepflicht Land eine umfang­ im Beherbergungsgewerbe reiche Agrarstruk­ turerhebung zu. Der Dienstleistungsbereich mit seinen 117 000 Unternehmen im Land ist seit Jahren der Jobmotor. Architektur­ und Ingenieur­ büros darunter haben sich in den vergange­ nen Jahren besonders dynamisch ent­ wickelt. Der Dienstleistungsbereich ist sehr heterogen. Da gibt es manchmal auch Zuordnungsprobleme. Zum Beispiel ver­ steht sich nicht jeder Online­Händler als Händler, also dem Einzelhandel zugehörig.

Wie viele Unternehmen sind betroffen? Wir haben in Baden­Württemberg 490 000 Unternehmen, die teilweise mehr als nur eine Betriebsstätte haben; zusammen sind das 690 000 Betriebe. Die sind aber nicht alle berichtspflichtig, das ist lediglich die Basis. Wirklich herangezogen werden nur 15 Prozent, 85 Prozent sind befreit. Kleine Unternehmen sind nach früheren Untersuchungen stärker belastet als große. Das stimmt so schon lange nicht mehr. Be­ ginnend 2006 mit insgesamt drei Mittel­ standsentlastungsgesetzen, die vom Land Baden­Württemberg auf den Weg gebracht wurden, sind Abschneidegrenzen herauf­ gesetzt worden. Seitdem sind Kleinstunter­ nehmen überhaupt „Für die Gründer wird nicht mehr in der Statistik. Existenz­ die Umsatzgrenze auf gründungen sind im 800 000 Euro heraufgesetzt; ersten Jahr nicht was darunterliegt, soll nicht drin und in den bei­ den folgenden in der berichtspflichtig sein.“ Regel auch nicht. Carmina Brenner über das geplante Bürokratieentlastungsgesetz

Wer wird wie häufig befragt? Die Auskunftspflicht kann monatlich, vier­ teljährlich oder jährlich bestehen. So mel­ den uns rund 3900 Betriebe des Verarbei­ tenden Gewerbes monatlich ihre Daten; im Bauhauptgewerbe sind es 850 Betriebe monatlich sowie 6800 Betriebe jährlich. Bei der jährlichen Strukturerhebung im Dienstleistungsbereich sind 19 000 Unter­ nehmen meldepflichtig. Darunter muss et­ wa der Einzelhandel mit mehr als 250 000 Euro Jahresumsatz monatlich in einer Stichprobe melden. In der Beherbergungs­ statistik werden nur die 6800 Betriebe mit mehr als zehn Betten erfasst; Ferien auf dem Bauernhof fällt da nicht darunter. Wir werden übrigens von den Verbänden bis­ weilen gefragt, weshalb wir diese Zahlen nicht haben. Da können wir nur sagen: weil ihr euch mal beschwert habt und es dann die Entlastungen für die Kleinen gab. Muss eigentlich immer wieder neu gefragt werden? Die Statistikämter könnten doch auf die Daten anderer Behörden zugreifen. Das machen wir auch. So greifen wir auf unser Unternehmensregister und auf die Register der Handwerkskammern zurück. Das bedeutet, dass wir 4500 Handwerks­ betriebe nicht mehr befragen müssen. Ein anderes Beispiel ist im Bereich der Land­ wirtschaft die HIT­Datei (Herkunftssiche­ rungs­ und Informationssystem für Tiere), aus der wir die Informationen über den Rinderbestand holen. Warum wird die Industrie – vor allem die Metallindustrie – so stark herangezogen? Das ist ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Stärke und der großen Zahl der Industrie­ unternehmen in Baden­Württemberg, denn die gesetzliche Auskunftspflicht ist in

CHEFIN MIT EINER ADER FÜR DIE POLITIK Karriere Carmina Brenner ist seit dem 17. Oktober 2007 Leiterin des Statistischen Landesamtes Baden­Württemberg. Sie ist CDU­Mitglied und gehört seit 1989 dem Gemeinderat ihrer Heimatstadt Horb am Neckar an. Aufgrund des Wechsels zum Statistischen Landesamt gab sie ihr Mandat im baden­württembergischen Landtag auf; ein Jahr später schied sie auch als Kreisrätin für den Landkreis Freudenstadt aus. Ausbildung Die 58­Jährige hat in Tübingen und Ann Arbor (USA) Be­ triebs­ und Volkswirtschaft sowie Germanistik studiert. Auf die Promo­ tion und einen Forschungsaufenthalt (Harvard) folgte ein Lehrauftrag an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Reutlingen. Bis 1996 war sie Referentin für Europapolitik im Landeswirtschaftsministerium. red

Amtschefin Brenner muss Daten künftig womöglich schneller liefern. ganz Deutschland gleich. 39 Prozent der Bruttowertschöpfung im Südwesten kommt aus der Industrie. Das ist einzigartig in Deutschland und Platz zwei in der EU. Je stärker ein Unternehmen heraussticht, desto wahrscheinlicher ist, dass weitere Meldepflichten zum Beispiel bei Energie­ oder Umweltstatistiken bestehen. Wären nicht längere Erhebungsintervalle eine sinnvolle Entlastung? Wir legen die Intervalle nicht willkürlich fest; da gibt es gesetzliche Grundlagen, die meist auf EU­Wünschen beruhen. Das geht von monatlich bis mehrjährlich. Monatlich kommt etwa die Beherbergungsstatistik.

Foto: Lg/Achim Zweygarth

Uns würde viertel­ oder halbjährlich rei­ chen, aber das wollen die Verbände nicht. Werden konsequent alle Möglichkeiten genutzt, die das Internet bietet? Seitdem wir das E­Government­Gesetz ha­ ben, also seit dem letzten Jahr, dürfen wir an Unternehmen keine Fragebögen mehr verschicken, sie müssen ihre Meldungen online abgeben. Das ist auch kein Problem, heutzutage hat ja jeder einen PC. Die Unter­ nehmen bekommen mit Passwort einen Zugang zu unserer Internetseite, rufen den Fragebogen auf und machen online ihre Angaben. Es gibt aber auch eine noch ele­ gantere Möglichkeit. Mit Hilfe eines klei­

Was wissen wir über Gründungen? Wir kennen die Zahl der Existenzgründun­ gen und die Zahl der Insolvenzen. Ob das dann dieselben sind, wissen wir aber nicht. Erst wenn die Gründer bestimmte Umsatz­ klassen erreichen, tauchen sie auch in der Statistik auf. Mitte des Jahres kommt voraussichtlich ein neues Bürokratie­ entlastungsgesetz. Durch dieses sollen die Gründer weiter stark entlastet werden. So wird die Umsatzgrenze auf 800 000 Euro heraufgesetzt; was darunterliegt, soll nicht berichtspflichtig sein. Aber eines ist klar: Diese genauen Daten zum Gründungs­ geschehen werden wir dann auch nicht mehr anbieten können. Das Gespräch führte Michael Heller.

Mehr Wissen für Ihre Azubis. zett – die Azubi-Initiative der Stuttgarter Nachrichten Regelmäßiges Lesen einer Tageszeitung ist für den persönlichen Entwicklungsprozess junger Menschen sehr wichtig. Zahlreiche Gespräche mit Unternehmern aus der Region haben gezeigt, dass eine bessere Allgemeinbildung und Medienkompetenz bei Azubis gewünscht wird. Deshalb bieten die Stuttgarter Nachrichten die AzubiInitiative „zett“ an, die sich in enger Kooperation mit Unternehmen der Region für mehr Wissen durch Zeitunglesen stark macht. zett.stuttgarter-nachrichten.de

Wir sind schon dabei:

Interesse oder Fragen zum Projekt? Stuttgarter Nachrichten Azubi-Initiative Yvonne Eiting Fon 0711 7205 - 7101 E-Mail zett@stn.zgs.de


24 Wirtschaft in Baden-Württemberg

Stuttgarter Zeitung | Stuttgarter Nachrichten Nr. 2 | März 2015

Die Welt ist zu komplex für den Bierdeckel Bürokratie schafft Regeln und hilft bei deren verlässlicher Durchsetzung. Die Kehrseite eines unbedachten Bürokratieabbaus wäre ein Verlust an Sicherheit und Verlässlichkeit. Von Eberhard Stilz Gastbeitrag

M

it Ärmelschonern und Paragrafen bewaffnet, hin­ ter staubigen Aktenbergen verschanzt verlangen sie von dem, der mit recht­ schaffenem Schwung die Welt am Laufen halten will, zuerst einen „Antrag auf Ertei­ lung eines Antragsformulars“, schaffen mit ihrer Weltferne Investitionshemmnisse und verzögern die wichtigsten Geschäfte. Kein Schrecken, der nicht noch steigerbar ist; selbst die Bürokraten werden noch ge­ toppt von den Eurokraten, die vom fernen Moloch Brüssel aus die unsinnigsten Vor­ schriften ausdenken und penibel durchset­ zen. Generationen von Ent­ bürokratisierern haben dieser Seuche nicht Einhalt gebieten, sie mindestens nicht beseitigen können. All das soll vonnöten sein? Einig wird man sich auch mit Wirtschaftsführern schnell darüber, dass Wirtschaft wie Ge­ sellschaft ohne Regeln nicht funktionieren. Einleuchtend ist „Worauf man aber angewiesen ist, auch, dass diese Re­ geln nicht beliebig sollte man nicht schlechtreden allgemein und offen und verhöhnen, sondern sein können, denn fit machen für den Erfolg.“ sie sollen klare und eindeutige Hand­ Eberhard Stilz über die Rolle der öffentlichen Verwaltung lungsanweisungen und Grenzziehun­ gen im täglichen Leben geben. Es ist auch nachvollziehbar, dass sie nicht einfacher werden können, wenn ihr Gegenstand, unser Zusammenleben und zusammen Wirtschaften, immer differenzierter, glo­ baler und interdependenter wird. Komple­ xe Probleme haben bekanntlich keine ein­ fachen Lösungen. Gewiss, manchmal machen wir die Dinge auch erst kompliziert. Man kann einen Knoten aufknüpfen oder durch­ schneiden, man kann eine Steuererklä­ rung auf einem Bierdeckel zulassen oder für jede Lebenssituation eigene Regeln erdenken. Theoretisch ist jeder für die einfache Lösung – bis er selbst davon

Berlin Brüssel Dresden Düsseldorf Essen Frankfurt a. M. Hamburg Hannover Köln Leipzig London Luxemburg München Shanghai Singapur Stuttgart

praktische Nachteile hat. Die Kompli­ ziertheit vieler Regelungssysteme rührt auch daher, dass die Politik von Einzel­ und Gruppeninteressen zu immer mehr Verfeinerungen getrieben wird, denen sie sich schon aus demokratischen Gründen nicht einfach verweigern kann. Dass Recht dennoch ein Standortvorteil sein kann – und in Deutschland bei aller Kritik im Einzelnen noch immer ist, hat der große Unternehmer Ludwig Georg Braun aufgezeigt, als er als Präsident des DIHK ebendies 2005 zum Jahresthema machte. Mit dem Bild von einem starken Motor, der ohne Antriebsstrang nicht wirken kann, hat er auch die Bedeutung der Justiz in den Vordergrund gerückt. Die besten Gesetze nützen nichts, wenn sie nicht von einer kompetenten Justiz zuverlässig und zeit­ nah durchgesetzt werden. Zwar kann auch die deutsche Justiz fehlerhaft sein wie alles Menschenwerk, und doch nimmt sie im internationalen Vergleich als unbestechlicher Rechts­ durchsetzungsgarant eine Spitzenstel­ lung ein. Ähnliches gilt für unsere herge­ brachte Rechtsordnung mit ihrer zuver­ lässigen Systematik. Bedenklich stimmt, dass eben die systematische Klarheit des deutschen Rechts immer weniger zu er­ kennen ist, weil sie durch hektische De­ tailregelungen immer mehr verwässert wird. Verliert das Recht selbst seine Aus­ gewogenheit und Verständlichkeit, seine innere Balance, kann es auch nicht mehr auf die grundsätzliche Akzeptanz von Ge­ sellschaft und Wirtschaft setzen. Ohne diese aber verliert es seine Autorität, wird gering geschätzt und, wo es die Möglich­ keit gibt, umgangen. Bürokratiekritik gilt in erster Linie je­ nen, die in den öffentlichen Verwaltungen die Gesetze und andere Vorschriften um­ zusetzen haben. Doch sind aus altbacke­ nen Amtsstuben bei uns längst moderne Büros mit kompetenten Mitarbeitern ge­ worden. Zwar möchte man sich hin und wieder noch mehr Dienstleistungsbereit­

Viele klagen über die Bürokratie. Doch ohne sie funktioniert unser Zusammenleben nicht. schaft und Flexibilität wünschen, doch angesichts der keineswegs von Privilegien und materiellen Anreizen gekennzeichne­ ten Arbeitsbedingungen scheint mir die Leistungsbereitschaft und ­fähigkeit der öffentlichen Bediensteten bemerkenswert hoch zu sein. Unser Staatswesen ist auf sie angewiesen. Und auch Unternehmen – je größer, je mehr – kommen ohne eigene Bürokratie nicht aus. Organisationen jeder Art brauchen Regeln und verlässliche Strukturen, welche die erforderlichen in­ ternen Standards schaffen, weiterentwi­ ckeln, umsetzen und garantieren. Unternehmen können ebenso wenig wie der Staat darauf verzichten. Seit der Begriff der Compliance das Gebot der Rechtstreue in Unternehmen ersetzt, ist dies in den Geschäftsleitungen Gemeingut geworden. Das liegt nicht etwa daran, dass dort Eng­ lisch heute besser verstanden wird, son­ dern dürfte mit den bei fehlender Compli­ ance bestehenden Haftungsmechanismen für Unternehmen und ihre Geschäftsleiter zusammenhängen. Daraus sind neue Betä­ tigungsfelder für die interne Regelsetzung

Fotos: Caro, Stilz

und ­durchsetzung, also für die bürokrati­ sche Ordnung, entstanden. Worauf man aber angewiesen ist, sollte man nicht schlechtreden und verhöhnen, sondern fit machen für den Erfolg. Seit ich öffentliche Verwaltungen kenne, wird dort – wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg – an Reformen der Bürokratie gearbeitet. Das ist mit Blick auf Ausbildung und Fortbildung der Mitarbeiter, Strukturreformen und zeit­ gerechte Ausstattung eine Daueraufgabe. Öffentliche Verwaltungen müssen vor allem lernbereit bleiben, und sie können gewiss auch von Unternehmen lernen. Aber sie brauchen sich mit ihren beständigen Re­ form­ und Modernisierungsanstrengungen keineswegs grundsätzlich hinter dem zu ver­ stecken, was große Unternehmen an interner bürokratischer Ordnung vorzuweisen haben.

Autor Als Präsident des Staatsgerichtshofs Baden­ Württemberg ist Eberhard Stilz (Jahrgang 1949) der oberste Verfassungsrichter im Land. Bis 2012 war Stilz 16 Jahre lang Präsident des Oberlandesgerichts Stuttgart.

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EIN SONDERTHEMA DER ZEITUNG WIRTSCHAFT IN BADEN-WÜRTTEMBERG

WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN MÄRZ 2015 Qualitätssiegel

Arbeitsbelastung

Großstadt

Die Bezeichnung „Rechtsanwalt“ ist eine Marke, sagt Ulrike Paul, die Präsidentin der Rechtsanwaltskammer Stuttgart.

Das Arbeitspensum in großen Wirtschaftskanzleien ist hoch. 60 Wochenstunden sind die Regel. Mehr Flexibilität soll die Jobs attraktiver machen.

Bei den Rechtsanwälten ist es in der Regel wie bei den Ärzten: In den Städten sitzen die Spezialisten – vor allem bei den Wirtschaftskanzleien.

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Druck im Kessel Im Wirtschaftsrecht prägen große Kanzleien das Bild der Branche

I

n der Bevölkerung herrscht immer noch das Bild des klassischen Einzelkämpfers vor, wenn es um die Anwaltschaft geht. Doch der Einzelkämpfer, der nach dem Examen voller Stolz sein Schild an der Hauswand anbringt und seine anwaltliche Tätigkeit anbietet, ist seit Jahren ein Auslaufmodell. Er steht im harten Wettbewerb mit kleineren und mittleren Kanzleien sowie den großen Anwaltsfabriken. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr knapp 163 000 Rechtsanwälte gezählt, im Vorjahr waren es knapp 161 000, wie aus den Zahlen der Bundesrechtsanwaltskammer hervorgeht. Die wenigsten davon arbeiteten in den namhaften Großkanzleien, die vor allem dann tätig werden, wenn Unternehmen Rat und Hilfe brauchen. Ob Übernahme, Verkauf oder Aktienplatzierung, Kanzleien wie Hengeler Mueller, Freshfields Bruckhaus Deringer oder Gleiss Lutz zählen zu den Top-Adressen in Wirtschaftsfragen.

oftmals Erreichbarkeit und Einsatz rund um die Uhr. Sieben Tage die Woche. Ein Grund, warum das viele Juristen auf sich nehmen, ist der Wunsch, Partner in einer der Großkanzleien zu werden. Das motiviert zusätzlich.

le Ziel. Für realistisch halte es in dieser Altersstufe gerade mal jeder Dritte. Aber: je länger junge Anwälte in den Kanzleien arbeiteten, desto mehr keime dann doch wieder die Hoffnung auf, Partner zu werden. Die Großkanzleien sind bislang von einer eigenen Dynamik geprägt: Wenn es mit der Partnerschaft langfristig nicht klappt, kann das in vielen Fällen das

UMSATZBRINGER SIND DIE GROSSEN Den großen Wirtschaftskanzleien scheint es in Deutschland gutzugehen. Nach Angaben des Fachmagazins „Juve“ setzten die größten 50 Kanzleien in Deutschland im Geschäftsjahr 2013/14 zusammen rund 4,1 Milliarden Euro um. „Allerdings wird der Wettbewerb unter den großen Sozietäten immer schärfer“, konstatieren die Experten. Sie nehmen auch das Verfolgerfeld genauer unter die Lupe. Und da sieht es dann bei den Umsatzzahlen nicht mehr ganz so stark aus. Zusammen kommen die Kanzleien auf den Plätzen 51 bis 75 auf einen Umsatz von 0,5 Milliarden Euro. Während der Finanzkrise hatten die großen Player Einbußen hinnehmen müssen. Eine der bekanntesten deutschen Großkanzleien hat ihre Ursprünge in Stuttgart. Alfred Gleiss legte 1949 hier den Grundstein für die Kanzlei mit inzwischen mehr als 300 Anwälten. Die Arbeit in den großen Häusern ist keineswegs einfach. Viele Juristen arbeiten bis zum Umfallen. Die Kunden verlangen

sich flexibel und mandatsbezogen in Netzwerken zusammenschließt. Eine weitere Erkenntnis: das Wissensmonopol der Anwaltschaft werde schrumpfen, die allgemeine Verfügbarkeit des Rechtswissens nehme zu. Durch die Virtualisierung entstehen neue Online-Geschäftsmodelle, von denen insbesondere Verbraucher profitieren. „Der Mehrwert der Anwaltsleistung liegt künftig stärker in der hoch spezialisierten, umfänglichen und begleitenden Beratung“, heißt es dazu beim DAV. Dies sei auch erforderlich, da der Anwalt in der Zukunft mit nichtanwaltlichen Akteuren wie beispielsweise Versicherern und Verbänden konkurriere. Der Anwalt im Jahr 2030 berate als Dienstleister und Problemlöser seine Mandanten mobil auch außerhalb der Kanzlei und dort, wo rechtlicher Rat gebraucht werde. Das spricht wiederum für die Großkanzleien (siehe auch Seite 30). Das Thema Rechtsdienstleistungen wird der Studie zufolge auch weiterhin erst einmal in der Hand von hauptsächlich hier ausgebildeten Juristen bleiben. Während Deutschland den demografischen Wandel unter anderem durch Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland abzuINTERNATIONALISIERUNG federn versuche, sei eine Internationalisierung der hiesigen Anwaltschaft auch langfristig nicht ohne Weiteres möglich. Sprachbarrieren sowie die erforderlichen sehr guten landesspezifischen Rechtskenntnisse stellten für ausländische Rechtsanwälte Hürden beim Markteintritt in Deutschland dar. Gleiches gelte für deutsche Rechtsanwälte, die zum Beispiel in nicht-englischsprachigen Kanzleien im Ausland arbeiten möchten. Vorerst steige die Zahl der Studienanfänger in den Rechtswissenschaften in Deutschland und so mittelfristig die Zahl der Anwälte, heißt es weiter. Oliver Schmale

JURIST PARTNER

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Denn wer nicht mitmacht, gerät in die Gefahr, abgehängt zu werden. Doch das Karrieresystem in den Kanzleien scheint ins Wanken zu geraten. So kommt eine von der Fachzeitschrift „Juve“ veröffentliche Erhebung zu dem Schluss, dass die Partnerschaft nicht mehr das erste Ziel des anwaltlichen Nachwuchses ist. Der Fachverlag hatte 1250 Juristen befragt. Demnach ist nur noch für jeden Vierten der Berufseinsteiger unter 30 Jahren die Partnerschaft das prägende professionel-

Karriere-Aus in der entsprechenden Anwaltskanzlei bedeuten. Der Wettbewerbsdruck wird weiter zunehmen. Deshalb hat sich die in Basel ansässige Prognos AG im Auftrag des Deutschen Anwaltvereins (DAV) mit der Zukunft des Berufsstands befasst. Dazu sind 7200 Anwälte befragt und Fachgespräche sowie Workshops ausgewertet worden. Eine Erkenntnis der Erhebung: das Geschäft verlagert sich in die Ballungsgebiete. In ländlichen Regionen geht die Nachfrage nach juristischen Dienstleistungen zurück. Besonders betroffen ist der klassische „Wald- und Wiesenanwalt“. Dieser wird nur überleben können, wenn er

KARRIERE

ZUKUNFT

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„EY“ und „wir“ beziehen sich auf alle deutschen Mitgliedsunternehmen von Ernst & Young Global Limited, einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach englischem Recht. ED 1017.


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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

März 2015

„Eine Marke“ Ulrike Paul über das Selbstverständnis der Rechtsanwälte

D

ie Berufsbezeichnung „Rechtsanwalt“ sei ein Qualitätsnachweis, sagt Rechtsanwältin Ulrike Paul, die Präsidentin der Rechtsanwaltskammer Stuttgart. Damit unterscheide sich diese Tätigkeit von der anderer Anbieter im Markt für Rechtsberatungen. Frau Paul, was macht einen erfolgreichen Anwalt aus? Fachwissen, Sozialkompetenz und unternehmerisches Denken zeichnen neben den anwaltlichen Kernpflichten, wie Unabhängigkeit und Verschwiegenheit, einen erfolgreichen Rechtsanwalt aus.

Wie wichtig sind individuelle Strategien und unternehmerische Konzepte? Das Berufsbild des Rechtsanwalts hat sich in den vergangenen Jahren erheblich gewandelt. Eine hohe Anwaltsdichte sowie die Liberalisierung und Internationalisierung des Rechtsberatungsmarktes haben die Wettbewerbssituation verschärft. Individuelle Strategien für die Kanzleigründung sind daher von großer Relevanz. Jeder Berufsanfänger sollte sich im Vorfeld der Kanzleigründung darüber klarwerden, wie er sein Angebot von Rechtsdienstleistungen so gestalten kann, dass er sich im Wettbewerb mit anderen Kanzleien behaupten kann. Wie wichtig ist die Kanzleigröße für den wirtschaftlichen Erfolg? Derzeit ist die häufigste Organisationsform auf dem Rechtsbera-

ZUSAMMENARBEIT MIT SOZIETÄTSFREIEN BERUFEN Welche Rolle spielen heute Netzwerke – und wo machen schon heute fallbezogene Kooperationen Sinn? Unsere Lebens- und Arbeitswelt ist in hohem Maße reguliert. Die rechtlichen Informationen und die Zahl der Rechtsgebiete nehmen weiter zu. Es ist klar, dass der einzelne Rechtsanwalt im Vergleich zu früher nicht mehr in der Lage ist, sein Wissen in allen Rechtsgebieten gleichermaßen aktuell zu halten. Die Erwartungen des Verbrauchers beziehungsweise Mandanten an die Rechtsberatungsleistung werden hingegen immer vielfältiger und schließen verschiedene Rechtsgebiete oder auch andere Fachgebiete, wie zum Beispiel die Steuerberatung, ein. Netzwerke und berufliche Kooperationen sind daher praktisch unabdingbar. Das Berufsrecht der Rechtsanwälte sieht hier auch verschiedene Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den sogenannten sozietätsfähigen Berufen, wie Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern, vor. In der berufspolitischen Diskussion ist derzeit auch eine Liberalisierung der Möglichkeiten beruflicher Zusammenarbeit, beispielsweise mit Ärzten. Die fallbezogene Kooperation mit nicht sozietätsfähigen Berufen, wie zum Beispiel Ärzten, ist darüber hinaus bereits jetzt grundsätzlich möglich. Wie substanziell für die Arbeit sind Spezialisierung, fachliche Expertise, Netzwerkkooperationen und die technologische Unterstützung bei der künftigen Gewinnung von Mandanten? In einer repräsentativen Umfrage des Instituts für freie Berufe Nürnberg aus dem Jahr 2013 gaben 80 Prozent der befragten Rechtsanwälte an, vorwiegend in bestimmten Rechtsgebieten tätig zu sein. Ich empfehle jungen Kollegen bei ihrer Vereidigung

www.sechzighundert.de

Foto: Rechtsanwaltskammer

Müssen Wirtschaftsanwälte unternehmerisch denken können? Jeder Rechtsanwalt muss unternehmerisch denken. Wir Rechtsanwälte üben einen freien Beruf aus und sind Organ der Rechtspflege. Jede Anwaltskanzlei ist jedoch auch ein Wirtschaftsunternehmen. Unternehmerisches Wissen und Denken ist unabdingbar, um eine Kanzlei erfolgreich zu führen und um mit dem eigenen Angebot im Rechtsberatungsmarkt bestehen zu können.

tungsmarkt noch immer die Einzelkanzlei. Eine Strukturerhebung des Statistischen Bundesamtes für den Rechtsberatungsmarkt, bezogen auf das Jahr 2011, hat jedoch gezeigt, dass nur zwölf Prozent der Einzelkanzleien einen Jahresumsatz erzielen, der über 250 000 Euro liegt. Der Gesamtumsatz der Branche liegt hingegen, ebenfalls bezogen auf das Jahr 2011, bei knapp 19 Milliarden Euro. Der Großteil des Gesamtumsatzes der Branche wird also von größeren Kanzleien erwirtschaftet. Dies belegen auch die statistischen Zahlen des Soldan Instituts für Anwaltmanagement in Essen. Die Unternehmens- beziehungsweise Kanzleigröße wird auch in Zukunft ein erheblicher Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg sein.

in unserer Kammer regelmäßig, sich frühestmöglich auf einige wenige Rechtsgebiete zu spezialisieren. Nur so ist es bei der Vielzahl von Rechtsgebieten möglich, sein Fachwissen aktuell zu halten und ausreichend Mandate bearbeiten zu können, um fachliche Expertise zu erlangen. Dass die Spezialisierung auf bestimmte Rechtsgebiete eine unaufhaltsame Entwicklung ist, zeigt auch die Zunahme der Rechtsgebiete, in denen Fachanwaltschaften erlangt werden können. Hiervon gibt es mittlerweile 20, angefangen hat es mit vier Fachanwaltschaften. Auch für Mandanten spielt die Spezialisierung, nachgewiesen beispielsweise durch einen Fachanwaltstitel, eine wesentliche Rolle bei der Suche nach einem geeigneten Rechtsanwalt. Sind Zertifizierungen zu rechtsnahen Dienstleistungen und innovative Geschäftsmodelle in der wachsenden Online-Welt die Zukunft? ISO 9001 Die Zertifizierung der R e c h t s a nwa l t s k a n z l e i ZULASSUNG wird in der Berufspolitik bereits seit einigen JahFORTBILDUNGSPFLICHT ren diskutiert. Organisationsprozesse können beHAFTUNG reits jetzt nach ISO 9001 zertifiziert werden. Die anwaltliche DienstleisBERATUNG SPEZIALISIERUNG tung als solche, also die Leistung der Rechtsberatung und Vertretung, KANZLEI kann hingegen nicht zertifiziert werden. Das „GüLIBERALISIERUNG tesiegel“ ist, wenn Sie so wollen, die Berufsbezeichnung „Rechtsanwalt“. Diese Bezeichnung darf nur tragen, wer bei einer Rechtsanwaltskammer zugelassen ist, und die Zulassung selbst ist an verschiedene Voraussetzungen geknüpft. Zulassungsvoraussetzung ist neben dem bestandenen zweiten juristischen Staatsexamen auch der Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung, die den Mandanten bei anwaltlicher Falschberatung schützt. Bereits hier liegt ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen nicht-anwaltlichen Anbietern von Rechtsdienstleistungen. Ein weiteres „Gütesiegel“ ist die Fortbildungsverpflichtung, beispielsweise bei Fachanwälten. Diese müssen pro Fachanwaltschaft mindestens 15 Stunden Fortbildung jährlich nachweisen, damit sie sich weiter als Fachanwalt bezeichnen dürfen.

NETZWERKE

FACHANWALT

EINZELKANZLEI SOZIALKOMPETENZ

BRANCHENSTRUKTUR REGULIERUNG

AUFERLEGTE BERUFSPFLICHTEN Wie wichtig ist die Marke „Rechtsanwalt“? Die Berufsbezeichnung „Rechtsanwalt“ ist in der Tat eine Marke. Der Rechtsanwalt ist der freie und unabhängige Berater und Vertreter in allen Rechtsangelegenheiten. Durch seine umfassende Rechtsberatungsund Vertretungsbefugnis, aber auch durch die ihnen von der Bundesrechtsanwaltsordnung auferlegen Berufspflichten, wie insbesondere der Verpflichtung zur Verschwiegenheit, unterscheiden sie sich von anderen Erbringern von Rechtsdienstleistungen. Stichwort ganzheitliche Problemlösungen: welchen Einfluss hat das auf die Tätigkeit? Wie gesagt, hat der Verbraucher eine hohe Erwartungshaltung an die Erbringer von Dienstleistungen im Allgemeinen und an die Erbringer von Rechtsdienstleistungen im Besonderen. Unsere Lebens- und Arbeitswelten sind komplex. Diese Komplexität spiegelt sich auch in der Rechtsberatung wider, die zunehmend ganzheitliche Problemlösungen erforderlich macht und neben Rechtsfragen auch beispielsweise wirtschaftliche und steuerliche Fragen erfasst.

Stuttgart · Frankfurt · Dresden · Brüssel

In Stuttgart daheim, global zuhause. HAVER & MAILÄNDER Rechtsanwälte ist eine der wenigen unabhängigen deutschen und international aufgestellten Wirtschaftskanzleien mit Hauptstandort in Stuttgart. In diesem Jahr feiern wir unser 50-jähriges Bestehen. Traditionell beraten wir Unternehmen und Unternehmer in allen Bereichen des nationalen und internationalen Wirtschaftsrechts. Unser Team von 30 Anwälten/-innen berät individuell und zielorientiert, international sind wir weltweit vernetzt. Das stetige Wachstum unserer Kanzlei beruht gleichermaßen auf der Zufriedenheit unserer Mandanten wie auch unseres anwaltlichen Nachwuchses. Mittelstand und Großunternehmen: beide wollen Lösungen – schnell, maßgeschneidert und aufwandsgerecht – dafür stehen wir, darauf können Sie sich verlassen.

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In welchem Umfang sind Europa und die Internationalisierung von Relevanz? Europäisierung und Internationalisierung haben den Rechtsberatungsmarkt erweitert. Gerade wirtschaftsrechtliche Mandanten sind ohne europäische oder auch internationale Bezüge kaum noch denkbar. Eine Entwicklung, die die Satzungsversammlung, das Parlament der Anwaltschaft, aufgenommen hat. Seit dem vergangenen Jahr gibt es den Fachanwalt für Internationales Wirtschaftsrecht. Die Fragen stellte Ingo Dalcolmo.

ZUR PERSON Rechtsanwältin Ulrike Paul ist Präsidentin der Rechtsanwaltskammer Stuttgart. Paul ist seit 1987 Rechtsanwältin und seit 1995 Seniorpartnerin der Kanzlei Kullen Müller Zinser in Sindelfingen. Die in Esslingen geborene Wirtschaftsstrafrechtlerin steht seit dem Jahr 2012 an der Spitze der Rechtsanwaltskammer Stuttgart und wurde im vergangenen Jahr für eine weitere Amtszeit gewählt. Die Rechtsanwaltskammer Stuttgart hat mehr als 7400 Mitglieder und ist die Selbstverwaltungsorganisation der Rechtsanwälte in den Landgerichtsbezirken Stuttgart, Ellwangen, Heilbronn und Ulm. oh


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Die Handakte lebt noch Die Digitalisierung macht auch vor den Kanzleien nicht halt

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Vorgang enthalten sind. Immerhin ist ihr Umfang nicht mehr ganz so groß wie früher. „Die nahezu unbegrenzte Speicherfähigkeit von Daten führt zu der positiven Entwicklung, dass die sogenannten Handakten stark abgeschmolzen sind“, erläutert Swen Walentowski vom Deutschen Anwaltverein (DAV) mit Sitz in Berlin. Zudem können weitere Unterlagen oder Akten auch per Tablet-PC zu Besprechungen oder in den Gerichtssaal mitgenommen werden. Natürlich biete das Internet auch die Chance, den Mandanten noch besser in die Bearbeitung seines Falles einzubeziehen. So besteht technisch die

Foto: Svort/Fotolia

as Internet hat die Arbeit der Anwälte stark verändert. Die Organisation von Arbeitsabläufen ist einfacher geworden, zum Beispiel die Recherche bei Patentangelegenheiten für Mandanten. Früher mussten oftmals Reisen getätigt oder entsprechende Kollegen am Sitz der Institutionen eingeschaltet werden, um an die Informationen zu kommen. Heute reichen in vielen Fällen ein paar Klicks im Internet aus, um das Ergebnis zu sehen. Das Wichtigste in der Beziehung Mandant und Anwalt ist aber immer noch die gute alte Handakte, in der viele wichtige Informationen über den aktuellen

Möglichkeit, den Mandanten – sofern er das wünscht – über Zugang zu seiner persönlichen elektronischen Mandantenakte laufend über weitere Schritte wie neue Schriftsätze auf dem Laufenden zu halten. „So kann der Mandant seinem Anwalt bei der Arbeit über die Schulter schauen“, sagt Walentowski. Zugleich weist er aber auf die Tücken und Fragen hin, die bislang noch nicht geklärt sind.

ELEKTRONISCHER RECHTSVERKEHR Das Internet biete zum Beispiel kaum sichere Möglichkeiten der verschlüsselten Ende-zu-Ende-Kommunikation zwischen Anwälten und ihren Mandanten. Der elektronische Rechtsverkehr wird aber eines Tages kommen. Daran arbeiten verschiedene Institutionen. „Dies wird sicherlich zu einer Umstellung führen, jedoch auch zu einer Erleichterung der anwaltlichen Tätigkeit beitragen“, sagt Walentowski. Generell hat das Internet auch zu einer Verdichtung der Arbeit beigetragen. „Die schnell geschriebene Mail bringt die Erwartungshaltung mit sich, dass auch die Antwort schnell und umfassend kommt“, verdeutlicht Walentowski. Daneben leistet auch Fachsoftware sicherlich einen Beitrag zur Professionalisierung des anwaltli-

chen Workflows, und Online-Datenbanken erleichtern schnellere und umfassendere Recherchen, so Walentowski weiter. „Daneben spielt es – in Verbraucherrechtsfragen zum Beispiel oder im Arbeitsrecht – natürlich eine Rolle, dass auch die Mandanten das Internet nutzen und versuchen, ihre Fragen vorab in Foren zu diskutieren und womöglich zu lösen.“ Das könne bei einer Kündigung zum Beispiel die Arbeit des Anwalts deutlich erschweren, wenn sich der Mandat erst „fünf vor zwölf “, also ganz kurz vor Fristablauf, bei ihm melde. „Denn das Chatforum beantwortet vielleicht nur die erste Frage, ohne auf rechtlich notwendige Folgefragen einzugehen. Da ist dann schnell Holland in Not“, sagt Walentowski. Die zunehmende Digitalisierung wird auch die Nachfrage nach den entsprechenden Rechtsgebieten stärken. Gefragt nach der wirtschaftlichen Entwicklung der Fachgebiete in den Kanzleien waren laut einer Studie des DAV unter den ersMEDIENRECHT ten drei Plätzen der aktuell wachstumsstärksten Fachgebiete sowohl das Thema Informationstechnologierecht CHAT als auch das Thema Urheber- und Medienrecht TABLET-PC INTERNET zu finden. Die Autoren der Studie des Beratungsunternehmens Prognos kommen ferner zu dem Schluss, dass die Kanzleien in Deutschland noch nicht in der Breite an den Innovationen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik partizipieren. Das Kanzleimanagement werde zwar bereits bei zwei Dritteln der Kanzleien durch spezialisierte Softwarelösungen flankiert, die internen Arbeitsprozesse erfolgen jedoch nur in der Ausnahme in eigenen IT-Netzwerken, und elektronische Mandantenakten werden ebenfalls erst von einem Drittel der Kanzleien geführt. Das Kanzlei-Marketing steckt größtenteils noch im Web 1.0 fest. KanzleiWebsites gehören zum Standard, SocialMedia-Aktivitäten dagegen sind die Ausnahme, heißt es weiter. Oliver Schmale

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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

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60 Stunden sind ziemlich normal Foto: Syda Productions/Fotolia

Wer als Anwalt in einer großen Wirtschaftskanzlei arbeitet, betreut internationale Klienten in Deutschland, aber auch in anderen Ländern

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ls Richter arbeitet man in der deutschen Sprache. Daher kam für den Juristen Ulrich Schnelle nur der Anwaltsberuf infrage. „Mich reizten die internationalen Kontakte und Aufgaben – denn damit hatte ich auch die Möglichkeit, Englisch zu sprechen.“ Schnelle beschreibt, warum er nach dem Jurastudium, das er unter anderem an der University of Illinois in den USA mit einem Master of Laws (LL.M.) abschloss, in einer größeren Kanzlei zu arbeiten begann. Heute ist Schnelle Partner in der Wirtschaftskanzlei Haver & Mailänder, in der insgesamt 30 Anwälte in Stuttgart, Frankfurt, Dresden und Brüssel beschäftigt sind. Spezialisiert hat sich der Rechtsanwalt auf europäisches und deutsches Kartellrecht, er berät aber auch in- und ausländische Unternehmen im Bereich Gesellschaftsrecht, im Fall von Mergers und Acquisitions, also Fusionen und Unternehmensübernahmen, oder im Vertriebsrecht. Gute Fremdsprachenkenntnisse sind da unerlässlich. 50 Prozent seiner Gespräche

führt Schnelle vor allem in Englisch, aber auch sein Französisch oder Russisch ist gefragt. Das bedeutet allerdings, dass aufgrund der Zeitverschiebung zu anderen Ländern auch mal mitten in der Nacht Telefonkonferenzen mit Klienten und Kollegen durchgeführt werden müssen. „Man versucht, alles Machbare möglich zu machen. Wer auf internationaler Ebene mitspielen will, muss erreichbar sein“, sagt er. Da kommen in der Regel mehr als 60 Wochenstunden Arbeit zusammen, oft gehöre dazu auch mindestens ein halber Tag am Wochenende.

UMDENKEN BEI DER GENERATION Y „Das ist ziemlich normal in unserem Beruf, gerade wenn man als Seniorpartner in der Geschäftsführung einer Sozietät tätig ist“, sagt er. Aber er betont, dass die jüngeren Kollegen eine andere Einstellung hätten.

Die nächste Etappe können Sie mit Taktik erreichen. Das Ziel nur mit der richtigen Strategie.

Die nun ins Berufsleben nachrückende Generation Y sei nicht mehr bereit, ein Arbeitspensum wie die Baby-Boomer auf sich zu nehmen und quasi in der Kanzlei zu leben. „Und sie liegen damit ja auch nicht ganz falsch“, so der Jurist weiter. Durch die digitalen Medien könne man sich manche zeitaufwendige Reise sparen. Unerlässlich sei indes, bei sehr wichtigen Konferenzen oder Gesprächen anwesend zu sein, auch zu außergewöhnlichen Uhrzeiten. Anderes wiederum ließe sich auch im Homeoffice erledigen. „Unser Bestreben ist es, die Arbeitszeit effektiver zu nutzen. Homeoffice ist ein drängendes Thema und funktioniert jedenfalls für jene gut, die nicht ständig vor Ort Klienten betreuen müssen“, sagt er. Auch Teilzeitarbeit nehme zu. Wer gute Mitarbeiter will, der müsse einen familienfreundlichen Arbeitsplatz bieten. Elternsein und Beruf unter einen Hut zu bringen, sei ein zentrales Thema. Wichtig sei, dass man in Kontakt mit der Kanzlei sowie den Kollegen

und Mandanten stehe. Der Austausch sei wichtig. „Anders als in kleineren Kanzleien ist in einer größeren vor allem Spezialisierung gefragt“, sagt er. Der Vorteil dabei sei das vielseitige Fachwissen des Teams, das in sogenannten Kompetenzgruppen eingebracht werde. „Schwierige, größere Fälle, die uns fordern, aber auch mehr Umsatz bringen, werden praktisch immer von mehreren Kollegen bearbeitet“, erläutert Schnelle. Den Austausch untereinander und das Wissen der Kollegen werden auch in der Kanzlei Kasper Knacke geschätzt. In der Stuttgarter Partnerschaftsgesellschaft sind insgesamt 50 Mitarbeiter beschäftigt, darunter 22 Anwälte. „Wir könnten nicht ohneeinander“, sagt Wolfram Sitzenfrei lachend, der Arbeitsrecht, Gesellschaftsrecht, Handelsrecht sowie Mergers & Acquisitions bearbeitet. Er verweist auf seinen Kollegen Frank J. Hospach. Dieser ist in mehreren Rechtsbereichen tätig, von Bau- und Architektenrecht bis IT- und Wettbewerbsrecht und spricht Englisch und Französisch. „Ich bringe das Spanische ein. Sprachen sind wichtig, der Mittelstand agiert längst stark international“, so Sitzenfrei. „Größere Einheiten erlauben es auch, größere Aufträge anzunehmen und zu erfüllen.“ Der Diskurs in Kollegengruppen sei wichtig, weil es für manche Probleme noch keine Rechtsprechung gebe und für diese individuell Lösungen entwickelt werden müssten. „Die Verrechtlichung aller Bereiche hat über die Jahre stetig zugenommen, auch die Rechtsvorgaben der Europäischen Union bestimmen das Leben zunehmend, alles wird komplexer“, so Hospach. Ein Gutteil Unsicherheit bringe zudem das Internet in die Diskussionen ein. Denn dort seien allerlei juristische Kommentare eingestellt und nachzulesen. „Der Aufwand für uns hat zugenommen, und die Klienten sichern sich mehr ab.“ Entsprechend können die beiden Kanzleipartner ein Lied von SPRACHEN langen Arbeitstagen singen. „Es kommt auf die Tätigkeit an, FRAUEN aber im Projektgeschäft fallen schon mal 80 Wochenstunden an“, sagt der Anwalt, der zum Ausgleich immer wieder „extensive Urlaube“ anberaumt. Auch bei Kasper Knacke macht man die Erfahrung, dass die jüngeren Kollegen nicht mehr so viele Stunden in die Kanzlei stecken wollen. Denn der Preis, den sie sonst dafür im Privatleben oder körperlich zahlten, könne durchaus hoch sein. „Nicht jeder Lebenspartner macht das mit“, so Sitzenfrei. „Die Welt wandelt sich, die Work-Life-Balance, die Familie und das Thema Zeitmanagement stehen mehr im Vordergrund – und das ist auch gut so!“ Was 1973, im Gründungsjahr der Kanzlei, noch undenkbar schien, wird bei Kasper Knacke inzwischen zunehmend zum Alltag: Teilzeitstellen, die Arbeit zu Hause, die Zusammenarbeit mit Freiberuflern – oder gar der Laufstall mit Kuscheldecke im Büro. „Da kann es schon mal sein, dass ein kleines Kind quäkt während einer Telefonkonferenz“, so Hospach – doch das störe in der Regel keinen. Und mitunter auftretende Terminkonflikte seien lösbar. Sein Kollege Sitzenfrei ergänzt, dass es unter den Nachwuchskräften gerade die Frauen sind, die zunehmend die besten juristischen Examina vorlegten: „Und als Kanzlei wollen wir freilich die kompetentesten Mitarbeiter haben. Denen müssen wir auch etwas bieten.“ peix

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Wer unternehmerische Verantwortung trägt, muss kurzfristig handeln, aber langfristig denken. Nichts anderes erwarten Unternehmer von ihren Beratern. Beispielsweise, wenn es um die Durchsetzung ihrer Interessen in einem gesellschaftsrechtlichen Konflikt geht. Oder um Fragen der Unternehmensnachfolge. Um die Verhandlung und Dokumentation wichtiger Unternehmenstransaktionen. Oder um die Gestaltung notarieller Urkunden und Verträge jeder Art.

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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

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Klares Profil Vor die Wahl gestellt: Spezialisierung oder Größe

Fachanwalt für Arbeitsrecht

Dr. Robert Hartmann Fachanwalt für Arbeitsrecht

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ndividuelle Beratung wird bei der Stuttgarter Rechtsanwaltskanzlei Diem & Partner großgeschrieben. Die 16 Anwälte sind stolz darauf, dass sie als mittelgroße Kanzlei die Kompetenz konkreter Ansprechpartner mit einem hohen Maß an Flexibilität verbinden können. Gleichzeitig haben sie sich einen Namen für anspruchsvolle Mandate wie etwa die grenzüberschreitende Rechtsberatung von Unternehmen gemacht. „Meine Vorstellung vom Beruf des Rechtsanwalts war schon immer mit eigenverantwortlichem Arbeiten verbunden, in den Schatten einer Großkanzlei hätte ich mich nie stellen können“, sagt der Gründer und Partner Frank Diem. Der ehemalige Präsident der Rechtsanwaltskammer Stuttgart hat die Marktposition gefunden, die seinen SPEZIALIST Vorstellungen entNur ein PROFILIERUNG GENERALIST spricht. Zehntel aller Berufsangehörigen bundesweit arbeitet in solchen FACHKRÄFTE Kanzleien mit mehr als zehn Anwälten. Die BOUTIQUE meisten haben sich in kleineren Einheiten zusammengetan oder treten als Einzelkämpfer auf. Nur ein Prozent aller Anwälte dagegen arbeitet in großen Gesellschaften mit über 100 Kollegen. Ungeachtet dessen, so prognostiziert eine Zukunftsstudie des Deutschen Anwaltvereins zum Rechtsdienstleistungsmarkt 2030, wird die Größe als Erfolgsfaktor zunehmend wichtiger. Die Studie zählt dazu auch die Kooperation von Einzelkämpfern und kleinen Kanzleien in flexiblen Netzwerken. „Immer mehr Anwälte und kleine Kanzleien schließen sich zusammen, weil sie allein nicht ein breites Spektrum abdecken und gleichzeitig hohen fachlichen Ansprüchen gerecht werden können“, bestätigt Rechtsanwältin Barbara Mayer, Managing Partner bei Friedrich Graf von Westphalen & Partner.

NETZWERK

WIRTSCHAFTSPRÜFER

SOZIETÄT Angelika Protte Fachanwältin für Familienrecht Wirtschafts- und Familienmediation

Dieter Schenk Fachanwalt für Arbeitsrecht, Fachanwalt für Sozialrecht

WACHSTUM

DAS INDIVIDUUM BLEIBT SICHTBAR

Felix Teichmann Fachanwalt für Versicherungsrecht

Eliana Pollmann Fachanwältin für Arbeitsrecht

Die Sozietät gehört mit rund 80 Anwälten, davon 40 in Freiburg, zu den bundesweit rund 100 großen Kanzleien, die bei hohem Spezialisierungsgrad ein breites Fachspektrum abdecken können. Dennoch bleibt – verglichen mit den Großkanzleien – die Individualität gewahrt. „Der einzelne Anwalt kann in dieser Größenordnung das Mandat sowie das Erscheinungsbild der Kanzlei mitgestalten“, so Mayer. Größe und Marktauftritt prägen auch die Honorargestaltung. Während die kleineren Anbieter und Einzelkämpfer nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz abrechnen, stellen mittlere und große Kanzleien ihre Honorare auf der Basis von Zeitaufwand oder von Pauschalen für ein bestimmtes Projekt in Rechnung. „Über die Kosten für die Mandanten sagt das noch nichts aus“, sagt

Mayer. Denn selbst wenn kleinere Anbieter günstigere Stundensätze berechnen, ist für die gesamte Honorarsumme auch die Anzahl der aufgewendeten Stunden entscheidend. Und ein spezialisierter Anwalt sei meist schneller als ein Generalist, der sich erst einarbeiten müsse. Oft kommt man sich ohnehin nicht ins Gehege. Kleinere Kanzleien befassen sich häufig nur mit den Rechtsangelegenheiten privater Mandanten, während sich die größeren Kanzleien vorrangig auf das Wirtschaftsrecht fokussieren. „Der Trend geht zu großen Einheiten, weil es die Komplexität der Aufgaben erfordert“, sagt Wolfgang Richter, der im Management-Board der multidisziplinären Kanzlei Baker Tilly Roelfs für den Bereich Recht und Steuern verantwortlich ist. Als Beispiele nennt er Käufe, Verkäufe oder Fusionen, aber auch die wachsende Zahl gehobener Nachfolgelösungen. Hinzu kommt die Internationalisierung. Und nicht zuletzt suchen vermehrt Vorstände und Geschäftsführer rechtlichen Schutz, um sich vorbeugend gegen persönliche Haftungsrisiken abzusichern. Große Gesellschaften wie Baker Tilly Roelfs, zu deren sechs Standorten in Deutschland auch Stuttgart gehört, können für größere Projekte auch kurzfristig hoch qualifizierte Spezialistenteams zusammenstellen und darüber hinaus auf Erfahrungen aus verschiedenen Branchen zurückgreifen. „Spezialisierung liegt im Trend“, sagt Richter. Neben den großen Anbietern finden deshalb zunehmend auch spezialisierte Beratungsboutiquen, die sich auf bestimmte Themen oder Brachen fokussieren, ihre lukrative Nische im Markt. Profilierung tut not in einem Markt, der von intensivem Wettbewerb geprägt ist. Dieser nimmt etwa im Bereich Wirtschaftsrecht zu, weil viele mittelständische Unternehmen ihre Rechtsabteilungen ausbauen. Zudem versuchen die großen internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften mit der Expansion in die margenstarke Rechtsberatung ihre Profitabilität zu verbessern. Ebenso tragen Großunternehmen zu erhöhtem Wettbewerbsdruck bei, die bei der Ausschreibung ihrer Mandate Kostenvorgaben machen. Und nicht zuletzt schmälern seit einigen Jahren die großen Rechtsschutzversicherer das Marktpotenzial, indem sie Exklusivverträge mit einzelnen Kanzleien abschließen. „Die ganz großen Kanzleien sind auf hohe und schnelle Gewinnmaximierung ausgerichtet“, sagt José Campos Nave, Leiter Rechtsberatung und

geschäftsführender Partner von R ö d l & Pa r t n e r . Die auch in Stuttgart mit einer Niederlassung präsente Wirtschaftskanzlei dagegen setzt auf ein kontinuierliches Wachstum und den Mittelstand. „Wir begleiten deutsche, international agierende Familienunternehmen, die wir eben besser verstehen können als eine US-Beratungsgesellschaft“, sagt Campos Nave. Die zu diesem Konzept passenden Kollegen sucht die Kanzlei gezielt aus, wobei ein gewisser Fachkräftemangel auch nicht zu leugnen ist. „Es gibt immer weniger gute und sehr gute Hochschulabsolventen, der Kampf um fähige Anwälte ist voll entbrannt“, sagt Campos Nave. Norbert Hofmann

Foto: Minerva Studio/Fotolia

Jürgen Schmitt

Begleiter in die Welt Die Internationalisierung erfordert viel Rechtsberatung Alexis Gossweiler Fachanwalt für Miet- und Wohnungseigentumsrecht

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Jürgen Beneke Bankenrecht, Bau- und Immobilienrecht Friedrichstraße 5 Zeppelin Carré 70174 Stuttgart Tel. 0711 - 22 41 99 - 0 Fax 0711 - 22 41 99 - 79 Mail: kanzlei@shp-anwaltskanzlei.de

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it der Internationalisierung der Wirtschaft entsteht in den Unternehmen auch ein zunehmend komplexer rechtlicher Beratungsbedarf. Die Anwaltskanzleien reagieren mit globalen Partnerschaften, Netzwerken und dem Aufbau eigener Niederlassungen. Im angelsächsischen Sprachraum würde man es wohl einen „bigger bang“ nennen. Durch den Zusammenschluss einer aus amerikanischkanadisch-französischen Einheiten geschmiedeten Top-Ten-Kanzlei mit dem führenden chinesischen Anbieter Dacheng ist im Januar die größte Anwaltskanzlei der Welt entstanden. Unter dem Namen Dentons arbeiten jetzt mehr als 6500 Berufsträger an 120 Standorten in mehr als 50 Ländern. Sinn macht das allemal, wenn man an die zunehmend engen Verflechtungen zwischen westlicher und fernöstlicher Wirtschaftssphäre denkt. Immer größer, immer enger, immer intensiver: die Beziehungen der globalen Wirtschaft bringen auch komplexere rechtliche Herausforderungen mit sich. Den Unternehmen im Lande des Exportweltmeisters Deutschland muss man das nicht lange erzählen. Noch vor zehn Jahren etwa machte sich vielleicht ein Firmenchef auf der Schwäbischen Alb nicht viele Gedanken darüber, wie genau der Vertrieb oder ein Partner im fernen Asien dort die Produkte verkauft. „Heute muss man bekanntlich genau aufpassen, dass nicht bestochen wird und das eigene Unternehmen womöglich Probleme bekommt“, sagt Andreas Lohner, Co-Practice Group Head Corporate bei der globalen Kanzlei Baker McKenzie. Vom Marktforschungsunternehmen Acritas gerade erst wieder zum fünften Mal als weltweit stärkste und bekannteste Kanzleimarke

geführt, arbeiten für Baker McKenzie 5600 Berufsträger in 77 Ländern. In Deutschland, wo die Kanzlei seit 1962 präsent ist, sind es heute 200 Anwälte in vier Büros. Lohner betreut seine Mandanten in Baden-Württemberg von München aus. An Bedarf für seinen Rat fehlt es gerade in Deutschland nicht, wo viele Unternehmen weltweit aktiv sind. „Wenn ein deutscher Mittelständler grenzüberschreitend tätig wird, ist er oft auch gleich in mehr als 50 Märkten unterwegs – das findet man in anderen Ländern mit einer weniger exportorientieren Wirtschaft nicht in dieser Form“, erklärt Lohner.

Er ist für den Bereich Compliance zuständig, also um die Einhaltung regulatorischer Bestimmungen. Zu tun hat Lohner vor allem in Osteuropa mit Schwerpunkt Russland, in China und anderen asiatischen Staaten ebenso wie in der Golfregion und Südamerika. Andere Kollegen erarbeiten die Verträge für Firmenkäufe deutscher Unternehmen in China oder Akquisitionen von Firmen aus Nordamerika und China in Deutschland. „Wer global beraten will, muss sowohl im nationalen Recht als auch den lokalen Rechtsordnungen zu Hause sein – in unterschiedlichen Fachgebieten.“ nh

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WIRTSCHAFTSKANZLEIEN IM SÜDWESTEN

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Vorteil: Großstadt Wirtschaftskanzleien laufen vor allem in den Ballungsräumen

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ei den Rechtsanwälten ist es in der Regel wie bei den Ärzten: In den Städten sitzen die Spezialisten. Die Wirtschaftskanzleien und Zusammenschlüsse vieler Juristen mit unterschiedlichen Spezialgebieten finden sich vor allem in den Ballungsräumen. Zum Beispiel die Wirtschaftskanzlei Binder, Hillebrecht & Partner. Sie ist auf Gestaltungs- und Steuerthemen spezialisiert. Auf drei Wirtschaftsanwälte kommen 25 Steuerberater und 15 Wirtschaftsprüfer. Oftmals wenden sich Mandanten an die Kanzlei, wenn es um die Unternehmensgestaltung geht. Welche Rechtsform soll ich wählen? Wie ist die Geschäftsführung zu besetzen? Wie kann ich die Unternehmensnachfolge organisieren, und welche Steuerbelastung erwartet mich dann? – Das sind klassische Fragen, die Partner und Geschäftsführer Tilman Renz täglich beantwortet. „Ich stelle eine große Unsicherheit der Unternehmer bei Nachfolgethemen fest“, sagt der diplomierte Wirtschaftsingenieur und Steuerberater. Gemeinsam mit der Unternehmerfamilie macht die Kanzlei eine Analyse, wie der starke Geschäftsführer das Unternehmen verlassen kann, ohne Schaden anzurichten – also beispielsweise ob geeignete Nachfolger im Familienkreis vorhanden sind. Das Problem: zum einen haben Geschäftsführer heute weniger Kinder als früher. Zum anderen gibt es das Bedürfnis der jungen Generation nach mehr Freizeit und Lebensqualität. Das lässt sie Macht und Verantwortung ausschlagen und stellt den ausscheidenden Firmenchef vor die Herausforderung, einen Käufer oder Nachfolger außerhalb der Familie zu suchen. Weil zur gleichen Zeit die Belastung an Erbschaftsteuer für Unternehmen höher wird, glaubt Renz, dass in den nächsten Jahren noch mehr Firmen ohne Nachfolger von

Investoren aus dem Ausland aufgekauft werden. „Das ist bedauerlich, denn ich befürchte hier mittelfristig eine Abwanderung von Knowhow und Arbeitskräften.“ „Wir stellen fest, dass viele Unternehmen aus dem ländlichen Raum mit ihren Spezialthemen zu uns kommen“, sagt Renz. Denn viele kleinere Kanzleien aus dem Umland haben nicht die Erfahrung, die seine Kollegen bei wirtschaftsrechtlichen Fragen mitbringen. „Wir sind Spezialisten im internationalen Steuerrecht, weil wir jede Woche zwei bis drei solcher Fälle bearbeiten.“ Die Unternehmen seien somit gezwungen, bei speziellen und internationalen Themen

Foto: Jürgen Fälchle/Fotolia

„Ih re Str ate gie de r for tsc hr Sp eziali sie ru ng – ge tra ge eit en de n n von einer jungen, ambit ionier ten Partn erschaft – geht auf.“ (2011/2012 Juve Handbu ch Wir tschaftsKanzleien)

treibt die in „Ungebroc hen dy na mi sch nz lei ihr en Stu ttg ar t em pfohle ne Ka honorieren Ausbau weiter voran ... Das nz lei fü r Ka auch Ma nd anten , die die ntn is‘ und en hk Fac de gen rra ihre ‚hervo entie ru ng ‘ ‚au sgeprägte Ma ndantenori loben.“ ch Wir tschaftsKanzleien) (2014/2015 Juve Handbu

Anwälte und Berater aus den großen Städten zu konsultieren. „Diese sitzen wie wir in Stuttgart, aber auch in München, Mannheim oder Frankfurt“, so der Geschäftsführer. „Wirtschaft und Recht kann man nicht trennen“, konstatiert Manfred Rüdisühli. Und der Gesellschafter und Gründer der Kanzlei Rüdisühli, Brenner, Renz in Stuttgart lebt diesen Gedanken auch. Der Insolvenzverwalter und -berater ist zusätzlich zu seiner Arbeit als juristischer Beistand mit Produktentwicklern verzahnt. „Ich interessiere mich für grüne Energie und habe gemeinsam mit einem Unternehmen ein Energiemanagementsystem entwickelt, das meiner

BERATUNG

STUTTGART NACHFOLGE INSOLVENZ

IT PROZESSKOSTEN

„Die empfohlene Kanzlei aus Stuttgart hat ihre Position im Markt weiter ausgebaut.“ (2013/2014 Juve Handbuch WirtschaftsKanzleien)

„Als Full-Service-Kanzlei mit mehr als 40 hochspezialisierten Berufsträgern bietet BRP ihren Mandanten ein äußerst breites Beratungsspektrum. An beiden Standorten gut aufgestellt ist die Kanzlei nicht nur in fachlicher Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf die Altersstruktur.“ (Nomos Kanzleien Deutschland 2013)

Meinung nach das derzeit beste auf dem Markt ist“, schwärmt Rüdisühli. Solche Partnerschaften verschaffen dem Juristen Kontakte zu Firmen, die er dann in seine Kanzlei einbringt. Besondere Beziehungen pflegt die Kanzlei nach Israel, China und in die Schweiz. Insgesamt stellt Rüdisühli die MEDIATION Nähe seiner Kanzlei zu Industrie und Mittelstand gerne in den Vordergrund. „Meine LeuSTEUERRECHT te verstehen die alltäglichen Arbeitsabläufe und Produktionsprozesse in Industrieunternehmen“, sagt der Wirtschaftsanwalt, der in vielen Vereinen und Verbänden engagiert ist. Das sei Hauptkriterium für eine mandantenorientierte Beratung. „Beratungsbedarf gibt es beispielsweise im Bereich IT“, sagt Rüdisühli. Denn in der heutigen Zeit sollen Produktion, Logistik und Arbeit immer besser digital miteinander verknüpft und transparent werden. Oft funktioniert diese Industrie 4.0 über internetbasierte Lösungen. „Mit der Technik kommen auch neue Rechtsfragen, beispielsweise bei der Datensicherheit“, sagt Rüdisühli. Wenn möglich verzichten Rüdisühli und seine 14 Anwälte darauf, Streitfälle vor Gericht auszutragen. „Wir haben hier gute Erfahrungen mit Wirtschaftsmediation gemacht“, sagt er. Zwar lässt sich manchmal der Gang vor den Richter nicht verhindern, aber in vielen Fällen sind Prozesse langwierig und teuer. „Es kommt vor, dass man etwa nach zehn Jahren Rechtsstreit mit einem Vergleich den Sitzungssaal verlässt. Dann ist keine Partei auf ihre Prozesskosten gekommen, und alle haben viel Zeit vertan. Das ersparen wir unseren Mandanten, wo es nur irgendwie geht.“ Leila Haidar

„‚D ie ju ng en A nw ä lte vo wollen etwas erreichen, sin n BR P d hungrig‘, sag t ein Stuttgarter richtig Anwa lt anerkennend.“ (2008/2009 Juve Handbu

achstum „BRP hat sich dy n. W ieben. hr au f die Fa hnen gesc le i ih r nz Dabe i de hnt die Ka in al le n Be ratu ng sa ngeb ot g stark iti Be re ic he n gleich ze aus.“ Handbuch (2012/2013 Juve ien) Wirtschaft sKanzle

BRP Renaud und Partner mbB · Rechtsanwälte Patentanwälte Steuerberater · Stuttgart Frankfurt · www.brp.de

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Der neutrale Blick Externe Rechtsberatung bietet Mehrwert – nicht nur bei Spezialthemen

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EXTERN

RECHT

ird die Materie spezieller und komplexer, greifen Unternehmen bei Rechtsfragen zunehmend auf externe Expertise zurück – kleine Firmen ohne eigene Rechtsabteilung ohnehin. Aber es kann noch andere Gründe geben, die den Rat von außen sinnvoll erscheinen lassen. So gilt die Vertretung in Rechtsstreiten als traditionelle Domäne externer Kanzleien. Zum einen herrscht am Landes- und Oberlandesgericht Anwaltszwang. „Es ist aber auch inhaltlich sinnvoll, sollte man sich doch im Interesse objektiver Beurteilung der Rechtsaussichten nicht in eigener Sache vertreten“, sagt Peter Ladwig, Partner der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek in Stuttgart. Hat die Rechtsabteilung den Fall beraten, bevor er streitig wurde, fehle mitunter ohnehin der neutrale Blick. Hinzu kommt die Beratung in Spezialfragen, für die die eigene Rechtsabteilung keine Expertise hat. Bei großen Rechtsabteilungen mit hoher interner Spezialisierung ist das weniger häufig der Fall als bei kleinen. „Aber da die Spezialisierung generell im juristischen Umfeld immer mehr um sich greift, ist zwischenzeitlich auch die Beratung in Spezialfeldern ein sehr wichtiger Bereich der externen Beratung“, weiß Ladwig. Eine Rechtsabteilung mit zwei oder drei Anwälten sei sicher besser geeignet als ein externer Anwalt, um für das Unternehmen branchentypische Rechtsfragen des Tagesgeschäfts sehr gut und effizient zu erledigen. „Rechtsfragen, die nicht regelmäßig auftreten, sollte man aber besser extern vergeben“, meint er und nennt Fälle COMPLIANCE fehlender Kapazitäten, etwa bei größeren oder sehr eiligen Projekten und Transaktionen, etwa für die Durchführung einer Due Diligence. Eine hausinterne Betreuung von Rechtsthemen bietet sich aus Sicht der Rechtsabteilung der Wüstenrot & Württembergische AG (W&W) immer da an, wo tiefe unternehmensspezifische Kenntnisse erforderlich

BERATUNG

ANWALTSZWANG OBJEKTIV

INTERN

RECHT

AUFKLÄRUNG

sind und besondere, oftmals wiederkehrende oder über einen langen Zeitraum zu begleitende Rechtsthemen zu betreuen sind. „Hier sichert die interne Bearbeitung kurze Reaktionszeiten sowie individuell auf das Unternehmen abgestimmte und auf ebendiese Besonderheiten eingehende Lösungen“, sagt Carsten Beisheim, Leiter Konzern Recht und Compliance der W&W. Aber auch über den grundsätzlichen Rahmen des Tagesgeschäfts hinaus sprechen nach seiner Auffassung Kostenaspekte für eine weitgehende Bearbeitung von Rechtsthemen durch entsprechend qualifizierte, im Unternehmen angestellte Anwälte.

hinaus sei in Zeiten allerorten knapper Ressourcen externe Unterstützung bisweilen zudem geschätzt zum befristeten Ausgleich von Arbeitsspitzen oder zur Erledigung von Routine-Dienstleistungen. Nach Beobachtung der Arbeitgeber Baden-Württemberg, der Spitzenorganisation von 42 Arbeitgeberverbänden im Land, greifen insbesondere kleinere und mittelgroße Betriebe auf externes juristisches Knowhow zurück. „Ein Kleinbetrieb kann schlicht keinen eigenen Firmenanwalt beschäftigen, der sich nur um rechtliche Fragen kümmert“, sagt Karoline Bauer, Geschäfts-

Illustration: Eichinger/Fotolia „Die Hinzuziehung externen Sachverstands kommt etwa dann in Betracht, wenn spezifisches, aus Kosten- beziehungsweise Kapazitätsgründen im Unternehmen nicht führerin Arbeitsrecht und Soziale Sicherung oder nur in Grundzügen vorgehaltenes der Arbeitgeber Baden-Württemberg. Doch Knowhow gefordert ist“, sagt Beisheim und auch in mittelgroßen Betrieben ist Unternennt als Hintergrund Themen des Aus- stützung von außerhalb gefragt, weiß Bauer. landsrechts oder besondere Fragen des Kar- Denn selbst wenn es dort einen Volljuristen tell- oder Markenrechts. Auf allen Rechts- gibt, wird bei vertieften Fragen der verschiegebieten könne es ferner sein, dass sich etwa denen Rechtsgebiete externe Hilfe benötigt. aufgrund unterschiedlicher Sichten auf ein Eine stärkere Spezialisierung bis hin zu eigeThema die Einholung eines neutralen Gut- nen Fachabteilungen für die verschiedenen achtens einer externen Adresse empfehle. Rechtsgebiete findet sich daher naturgemäß „Die externe Sicht als solche bietet dann eher bei großen Unternehmen. „Aber selbst einen Mehrwert“, sagt Beisheim. Darüber Konzerne arbeiten regelmäßig mit Fach-

kanzleien oder insbesondere in Fragen des Arbeitsrechts mit uns als Arbeitgeberverband zusammen“, sagt Bauer. „Das hat einerseits mit der hochgradigen Spezialisierung und dem damit verbundenen Expertenwissen in Verbänden oder Fachkanzleien zu tun. Andererseits gibt es beispielsweise bei einer Umstrukturierung ein so stark erhöhtes Volumen von Rechtsfragen, das dann mit den internen Kapazitäten gar nicht mehr bewältigt werden kann.“ Als einen generellen Trend beschreibt die Kanzlei BRP Renaud und Partner in Stuttgart das Insourcing von Rechtsdienstleistungen. So seien interne Anwälte nicht nur näher dran am operativen Geschäft und würden die Abläufe im Unternehmen kennen, auch die Kosten seien nur halb so hoch wie die externer. „Trotzdem werden sie zu oft noch als Kostenfaktor begriffen, weil der monetäre Wert juristischer Arbeit kaum zu messen ist“, sagt Alexander Schork, Rechtsanwalt bei BRP. Rechtsabteilungen sollten nach seiner Überzeugung aber zumindest Routineaufgaben übernehmen und die operativen Abteilungen im juristischen Alltag begleiten. „Externe Berater sollten bei komplexeren Rechtsfragen oder Projekten hinzugezogen werden“, rät Schork. Insgesamt, so seine Prognose, werde der Bedarf an Rechtsberatung künftig auch mit den IMPRESSUM rechtlichen Anforderungen an Redaktion: STZW Sonderthemen Unternehmen – Reimund Abel (Leitung), Stichwort: ComIngo Dalcolmo, pliance – steigen. Michael Vogel „Interne RechtsProduktion: Alexandra Eichendorf abteilungen werden daher weiter Anzeigen: Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH wachsen“, sagt Telefon 07 11/72 05-16 03 Schork. GleichTelefax 07 11/72 05-16 14 zeitig werde aber svanzeigen@stzw.zgs.de auch der Bedarf AnzeigenMarc Becker an externer verkaufsleitung: Telefon 07 11/72 05-16 03 Rechtsberatung zunehmen. Druck: Pressehaus Stuttgart Thomas Spengler Druck GmbH

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2015, Ausgabe 2

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