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JETZT NEU!

Design

News vom London Design Festival Die Macher der Marke Pulpo

Lifestyle Zu Besuch bei Cindy Sherman So wohnt Stefano Seletti

Reise

New York für Fortgeschrittene Kopenhagen neu entdecken

Dossier Leuchten

Die schönsten Entwürfe Lichtbringer Michael Anastassiades

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SPECIAL CHRISTMAS SHOPPING

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DA S I N T E R N AT I O N A L E M AG A Z I N F Ü R I N T E R I O R D E S I G N U N D U R B A N E N L I F E S T Y L E 0 2 /2 0 1 7 - D e z e m b e r 2 0 1 7 - J a n u a r 2 0 1 8 - 6 , 5 0 €


60 YEARS OF ADVENTURE AND DISCOVERY


Der freie und kühne Designer Kenzo Takada, der «Pariser» unter den japanischen Designern, entwarf für Roche Bobois eine außergewöhnliche Kollektion von Stoffen und Keramiken. Um das Sofa Mah Jong neu einzukleiden, ließ er sich inspirieren von historischen Kimonos des Nô Theaters, interpretierte Motive und Farben neu und schuf raffinierte und anspruchsvolle Harmonien, die die drei Tageszeiten symbolisieren: Asa (Morgen), Hiru (Mittag), Yoru (Abend).

Foto Michel Gibert. Foto unverbindlich. Dank an: Stone Sculpture museum of the Fondation Kubach-Wilmsen.

Kenzo Takada bekleidet das Mah Jong

Mah Jong. Modulares Sofa aus einzelnen Elementen, Design Hans Hopfer. Bezogen in Nô Gaku Stoffen, Version Hiru, entworfen von Kenzo Takada.

SONDERPREISE NUR EINMAL IM JAHR AUF ALLE KOLLEKTIONEN WÄHREND DEN 8 SPEZIELLEN TAGE VOM 10. BIS 20. NOVEMBER.

French Art de Vivre www.roche-bobois.com


Morten Holtum

Nadine Najjar

Der Fotograf, der für eine Reihe bekannter europäischer Magazine arbeitet, lebt im angesagten ­Kopenhagener Viertel Sydhavnen zusammen mit seiner Frau und der kleinen Tochter. An seinem Job liebt er besonders die Abwechslung, die vielen ­unterschiedlichen Orte, Menschen und das Reisen. zu Hause entspannt er sich gerne zu Musik der ­dänischen Sängerin Tina Dickow und liest: Zuletzt den Bestseller Darm mit Charme (!), der gerade ins Dänische übersetzt wurde.

Obwohl sie Mode studiert hat, sind Design und ­Architektur die absoluten Leidenschaften der Journalistin und Stylistin. Für das IDEAT Christmas Special (Seite 58–69) stellte sie ihre Spürnase für Schönes unter Beweis. Privat träumt sie von einem Haus in der Provence, bis es soweit ist, lebt sie mit ihrer Familie in Hamburg – noch auf der Baustelle, aber bald (ganz sicher) in einem Traum von Schwarz-Weiß, gekonnten Farbtupfern und liebevoll zusammen­ getragenen Vintage-Schätzen vom Flohmarkt.

Camilla Péus

Sarah Lau

In Kenia aufgewachsen, hüpft das Herz der Kunsthistorikerin und Journalistin jedes Mal, wenn ihr die Schönheit Afrikas begegnet – sei es durch spektakuläre Hotels (Bisate in Ruanda, Seite 240) oder durch die Kunst, die Architektur und das Design des Kontinents, worauf sie sich spezialisiert hat. Ein Besuch in ihrer Wohnung in Berlin-Mitte offenbart weitere Auswüchse dieser großen Liebe: Die Thonet-Stühle um ihren Esstisch ließ sie kürzlich mit afrikanischen Wax-Print-Stoffen beziehen.

Nach Stationen in Toulouse, New York und Hamburg lebt Sarah Lau seit einem Jahr nahe Zürich. Toll daran: die unzähligen Interior-Läden, Galerien und Baden im Zürisee. Neu: überall Frauen auf flachen Schuhen. Die freie Journalistin schreibt über Mode, Zeitgeist, Kunst und Interior, nachdem sie Sally und Lettie Pattinson vom walisischen Label TDS interviewt hat (Seite 96), überlegt sie, endlich mal wieder einen Salon zu geben. Thema: Mütter und Töchter natürlich.

Irina Graewe

Gianni Basso

Nach dem Abitur absolvierte die Stylistin eine Schneiderlehre bei Jil Sander, danach folgte ein Mode-Studium in London – Trends (wie das Revival der Hausbar Seite 116–119) liegen Irina Graewe im Blut. Auf ihren Reisen, am liebsten in Großstädte, sammelt sie Inspirationen, nach dem letzten Trip nach Tokio möchte sie ihre eigene Wohnung am liebsten zen-artig auf das Allernötigste reduzieren. Das Einzige, was noch dazukommen dürfte: ein Hund.

Seine Karriere als Fotograf begann der Italiener dort, wo es am lautesten ist: auf der Bühne. Bei mehr als 200 Rockkonzerten lichtete er seit den 80er Jahren Künstler wie Led Zeppelin, die Rolling Stones oder David Bowie ab. Heute geht es leiser und glamouröser zu, die Fotos des Landhauses­ von Stefano Seletti (Seite 148) etwa stammen von Gianni. Für noch mehr Ruhe fotografiert er sein Lieblingsmotiv und -element: Wasser.

Le Duo

Tina Schneider-Rading

Wie es der Name erahnen lässt, wird in dem Pariser Studio von Albéric und Léopoldine ausschließlich vierhändig gearbeitet. Die Illustrationen des Duos, das an der Kunsthochschule Penninghen in Paris und am Chelsea College of Art and Design in London studierte, zieren zum Beispiel das französische Reisemagazin »A/R«, »Men’s Health USA« und »The Good Life«. Bei IDEAT finden sich die charmanten Arbeiten von Le Duo auf den Opener-Seiten (Seite 22–23, 70–71, 100–101, 21–217).

Die Journalistin ist ein waschechtes Münchner Kindl. Nach dem Literatur- und Psychologiestudium an der LMU München und einem Volontariat an der Deutschen Journalistenschule ist sie seit zwanzig Jahren als Spezialistin für Design-, Reise- und Foodthemen unterwegs – und hat allein 2017 zwei Interior-Bücher veröffentlicht. Fragt man die ­Au­torin nach ihren Vorlieben, überlegt sie nicht lange: die Familie, das eigene Schlafzimmer und ihr Lieblingsessen, frisches Brot mit Salzbutter.

© JONAS VON DER HUDE, MAIRA KOUTSOUDAKIS, CAROLIN KÜST

ID-TEAM

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ID-EDITORIAL

WE LOVE NEW YORK Haben wir in Zeiten wie diesen eigentlich Lust, in die USA zu reisen? Es kursieren völlig unterschiedliche Statistiken dazu – je nachdem, wen man fragt. Und selbst wenn die Buchungen aus Deutschland zurückgehen sollten, weiß keiner so genau, ob’s am Präsidenten liegt, an Wetter-Katastrophen oder am (immer noch) starken Dollar. Aber eine amerikanische Destination ist offenbar immun gegen Liebesentzug: New York steht da wie ein Fels und streckt mit seinem One World Trade Center allen Bösewichten dieser Welt den Mittelfinger entgegen. Ich habe es dieses Jahr nicht nach New York geschafft, aber schon bei meinem letzten Besuch 2016 zeigte sich, welche Neighborhood von Manhattan gerade im Aufbruch ist: NoMad, North of Madison Square Park. Das Viertel befindet sich zwischen der 25sten und 29sten Straße und den Sixth und Madison Avenues, oberhalb vom Flatiron Building. Ich habe dort einen ganzen Tag verbracht und fand es großartig. In dem Straßengitter, das schräg vom Broadway zerschnitten wird, befinden sich zwei der angesagtesten Hotels der Stadt: NoMad und Ace; Daniel Humms Eleven Madison Park wurde gerade als bestes Restaurant der Welt ausgezeichnet. Manhattans Gastronomie-Darling Mario Batali ist mitverantwortlich für den kulinarischen Mega-Store Eataly (wer einen Foodie an seiner Seite hat, kann ihn dort für ein paar Stunden abgeben und in Ruhe Shoppen gehen). Das legendäre Design-Kaufhaus Abc Carpet & Home liegt auch um die Ecke. Concept Stores wie Maison Kitsuné, Dover Street Market und Opening Ceremony machen das Shopping hier so viel interessanter als in Midtown oder SoHo, wo sich nur noch Retail-Ketten ausbreiten, deren Zeug man längst in Deutschland bekommt. Dass es in New York auch nach dem zehnten Besuch und trotz aller Disneylandisierung immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt, macht die eigentliche Faszination dieser Stadt aus, auch wenn sie an allen Ecken und Enden vor sich hin rottet. Ich habe gerade das zauberhaft illustrierte kleine Buch »Durch Manhattan« von Niklas Maak und Leanne Shapton ausgelesen und hatte gleich wieder das Gefühl, ich muss dieses Jahr wieder hin, vielleicht zum zehnten Hochzeitstag, denn meine Ehe schloss im Jahr 2008 eine resolute Standesbeamtin namens Blanca Martinez in der City Hall von Manhattan. New York hat etwas zutiefst Romantisches. Nicht ohne Grund hat Hollywood die schönsten Lovestorys in Manhattan spielen lassen. Die besonders kitschigen Szenen finden in der Vorweihnachtszeit statt, und ich kenne niemanden, der sich nicht davon berühren lässt, zumindest ein bisschen. Insofern, ja, wir haben Lust auf New York, am Ende dieses aufregenden Jahres brauchen wir ein bisschen was fürs Herz. Also auf zum Christmas Shopping nach Manhattan! Die Lieblingsadressen des IDEAT-Teams finden Sie in dieser Ausgabe, und wer doch zu Hause bleibt, kann sich von unseren Geschenketipps und einer traumhaft schönen Wohnung in Brooklyn inspirieren lassen. Ich wünsche Ihnen eine entspannte, besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Start ins neue Jahr! Herzlichst, Ihre

Bettina Billerbeck Chefredakteurin IDEAT Germany ideat@guj.de

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WWW.PAOLOMARIOTTI.COM

Konzertflügel, Corbusier-Liege, Blick aufs Empire State Building? Man wird ja wohl noch träumen dürfen …

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NOT ANOTHER INTERIOR MAGAZINE Das internationale Magazin für Interior Design und urbanen Lifestyle wurde 1999 in Frankreich von Laurent Blanc gegründet und erscheint jetzt auch in Deutschland.

IDEAT GERMANY Verlag und Sitz der Redaktion Gruner + Jahr GmbH & Co. KG, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg

REDAKTION Editor in Chief Bettina Billerbeck Executive Editor Maja Groninger Creative Director Judith Schüller Managing Editor Gabriele Milchers Art Department Katja Kleinebrecht Editor Johannes Hünig Photo Editor Katrin Harmat Assistant Dagmar Höllein Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt Bettina Billerbeck, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg Kontakt zur Redaktion ideat@guj.de

MITARBEITER DIESER AUSGABE Autoren Uta Abendroth, Anne-France Berthelon, Katharina Eidam, Karin Graabaek, Thomas Jeah, Katrin Klatte, Antoine Lorgnier, Sarah Mangold-Lau, Christian Johannes May, Nadine Najjar, Marzia Nicolini, Kathrin Nolte, Camilla Péus, Verena Richter, Stephanie Ringel, Mathilde Rude, Tina Schneider-Rading, Kurt G. Stapelfeldt, Christiane Tillmann, Andreas Tölke, Olivier Waché, Sörre Wieck. Fotografie Filippo Bamberghi, Gianni Basso/Vega MG, Fabrizio Cicconi/Living Inside, Andrea Ferrari, Morten Holtum, Jonas von der Hude, Christophe Jacrot, Young-Ah Kim, Nikolas Koenig/Otto Archive, Germana Lavagna, Antoine Lorgnier, Christian Schaulin, Martin Schoeller/August Image, Jan Verlinde/Living Inside, Wichmann + Bendtsen, Birgitta Wolfgang/Sisters Agency Grafik Mareike Basche Schlussgrafik Angela Reinhardt Schlussredaktion Sibylle Kumm (fr.) Illustration Le Duo, Susan Hunt Yule, Paolo Mariotti

KUNDENSERVICE & ABO IDEAT-Kundenservice, 20080 Hamburg Tel.: 040 55 55 78 09 Tel. für Österreich, Schweiz und das restliche Ausland +49 (0)40 55 55 78 09 Bestellservice für Einzelhefte Tel.: 040 55 55 78 00, E-Mail: heft-service@guj.de Unsere Servicezeiten montags bis freitags von 7.30 bis 20 Uhr, samstags 9 bis 14 Uhr Fragen zum Abonnement E-Mail: abo-service@guj.de Alle Abo-Services können Sie bequem auf unserem Serviceportal im Internet erledigen: www.ideat-germany.de/kundenservice IDEAT im Abonnement Preis pro Jahr, inkl. MwSt. und Versand, Deutschland: 39 Euro, Österreich: 44,40 Euro, Schweiz: 62,40 SFR

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Grand Sofà Developed by Vitra in Switzerland, Design: Antonio Citterio Ihren Vitra-Fachhändler finden Sie unter www.vitra.com/handel

www.vitra.com/grandsofa


VERLAG Publisher Matthias Frei Publishing Manager Andrea Kobelentz Director Brand Solutions Nicole Schostak Vertriebsleiter Andreas Jastrau, DPV Deutscher Pressevertrieb GmbH Marketing Director Ulrike B. Schönborn PR/Communication Andrea Kramer Herstellung Heiko Belitz (Ltg.), Michael Rakowski Druck Appl Druck GmbH, Senefelderstr. 3–11, 86650 Wemding Reproduktion MWW Medien GmbH, Sperberhorst 6, 22459 Hamburg Syndication Picture Press, E-Mail: sales@picturepress.de Der Export der Zeitschrift IDEAT und ihr Vertrieb im Ausland sind nur mit Genehmigung des Verlags zulässig. Lesezirkel dürfen IDEAT nur mit Zustimmung des Verlags führen. © COPYRIGHT 2017 für alle Beiträge bei Gruner + Jahr GmbH & Co KG. Nachdruck, Aufnahme in Onlinedienste und Internet sowie Vervielfältigung auf Datenträger wie CD-ROM, DVD-ROM etc. nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung der Redaktion. Entwürfe und Pläne unterliegen dem Schutz des Urheberrechts. Alle Auskünfte, Preise, Maße, Farben und Bezugsquellen ohne Gewähr. Verantwortlich für den Anzeigenteil Nicole Schostak, G+J e|MS, Am Baumwall 11, 20459 Hamburg Es gilt die gültige Preisliste. Infos hierzu und Mediadaten unter: www.gujmedia.de/ideat

VERKAUFSBÜROS Region Nord – Hamburg / Hannover Tel.: +49 (0) 40 37 03 22 01, E-Mail: vb.nord-hamburg@guj.de Region Nord – Berlin Tel.: +49 (0) 30 25 48 06 50, E-Mail: vb.nord-berlin@guj.de Region West Tel.: +49 (0) 2 11 61 87 50, E-Mail: vb.west@guj.de Region Mitte Tel.: +49 (0) 6 97 93 00 70, E-Mail: vb.mitte@guj.de Region Südwest Tel.: +49 (0) 7 11 22 84 60, E-Mail: vb.sued-west@guj.de Region Süd Tel.: +49 (0) 8 94 15 22 50, E-Mail: vb.sued@guj.de Schweiz Tel.: +41 (0) 4 42 69 70 70, E-Mail: guj.schweiz@guj.de Österreich + Südtirol Tel.: +43 (1) 51 25 64 70, E-Mail: guj.oesterreich@guj.de Italien Tel.: +39 (0) 02 2 05 26 71, E-Mail: guj.italia@guj.de Frankreich Tel.: +33 (0)1 73 05 46 60, E-Mail: gruner.paris@guj.de Großbritannien Tel.: +44 (0) 20 74 37 43 77, E-Mail: guj.uk@guj.de Belgien, Luxemburg, Niederlande Tel.: +32 (0) 92 35 02 13, E-Mail: guj.benelux@guj.de Skandinavien Tel.: +49 (0) 40 37 03 29 49, E-Mail: treves.stefanie@guj.de Weitere Länder G+J International Media Sales. Tel.: +49 (0) 40 37 03 29 48, E-Mail: ims@guj.de, www.internationalmediasales.net

IDEAT FRANCE Founder, Publication Director and Chief Editor Laurent Blanc Editor in Chief Vanessa Chenaie Chief Financial Officer Céline Rhodes International Sales Director Marie-France Allez Licenses, Rights & Content Coordinator Lola Leboulleux Lizenznehmer von IDEAT Éditions, The Good Company SAS IDEAT EDITIONS 12–14, rue Jules-César, 75012 Paris, France

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Style sagt Coupé. Abenteuer sagt SUV. Ich sage Arona. Der neue SEAT Arona. Do your thing. Du magst selbstbewusstes Auftreten? Dann sag Hallo zum neuen SEAT Arona. Nur ein paar Aspekte, mit denen er dich überzeugen wird: dynamisches Design. Voll-LED-Scheinwerfer1. Ausparkassistent1. Kurz: alles, was du brauchst, um deinen Weg zu gehen. Und jetzt: einsteigen, bitte.

SEAT Arona Kraftstoffverbrauch: kombiniert 5,1–4,0 l/100 km; CO2-Emissionen: kombiniert 115–105 g/km. Effizienzklassen: B–A.  Optional ab Style. Abbildung zeigt Sonderausstattung.

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seat.de/arona


ID-INHALT

INHALT

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2 – Dezember 2017 – Januar 2018 JETZT NEU!

Design

News vom London Design Festival Die Macher der Marke Pulpo

Lifestyle Zu Besuch bei Cindy Sherman So wohnt Stefano Seletti

Reise

New York für Fortgeschrittene Kopenhagen neu entdecken

Dossier Leuchten

Die schönsten Entwürfe, Lichtbringer Michael Anastassiades

SPECIAL CHRISTMAS SHOPPING

UNSER COVER: Lebhafte Farben vor grauen Wänden, viel Holz und noch mehr VintageDesign verbreiten Wärme in dieser Jugendstilvilla in Kopenhagen – nicht nur an kalten Wintertagen (Seite 140). © BIRGITTA WOLFGANG / SISTERS AGENCY

DA S I N T E R N AT I O N A L E M AG A Z I N F Ü R I N T E R I O R D E S I G N U N D U R B A N E N L I F E S T Y L E 0 2 /2 0 1 7 - D e z e m b e r 2 0 1 7 - J a n u a r 2 0 1 8 - 6 , 5 0 €

SERVICE 8

IMPRESSUM

256 ADRESSEN 259 VORSCHAU

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36 I D-NEWS DESIGN LONDON Frisch von der Themse: Die besten Neuheiten vom London Design Festival 42 ID-NEWS PHOTO  Auf der Suche nach Gefühl: Rineke Dijkstras Porträts im Louisiana Museum of Modern Art 44 ID-NEWS ARCHITEKTUR > Hilferuf der harten Kerle: Brutalismus-Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt > Punktlandung in Tokio: Ein Museum für Yayoi Kusama 48 ID-NEWS ART > Nichts ist, wie es scheint: Multimediakünstler Ugo Rondinone mit Retrospektive in Miami > Das war’s für »Rheingold«: Die legendäre Sammlung kommt bei Van Ham unter den Hammer 52 ID-NEWS FASHION Familienaufstellung: Akris-Kollektion mit Motiven von Alexander Girard

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© JOHANNES HÜNIG

24 ID-NEWS DESIGN > Wohnzimmer-Erotik: Leyla Piedayesh von Lala Berlin und Fritz Hansen machen gemeinsame Sache > Club der schönen Lichter: Atelier de Troupe > Alles für die wilde Hausfrau: Eine TablewareKollektion von La DoubleJ und Bitossi > Wall of Sound: Bang & Olufsens neue Lautsprecher > Gucci fürs Sofa: Neue Home Collection Gucci Décor > Grün ist das neue Gold: Visionnaire denkt nachhaltig

© YAYOI KUSAMA

CONTEMPORARY NEWS


ID-INHALT

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© CHRISTIAN SCHAULIN

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© ANDREA FERRARI

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54 ID-NEWS HOTEL > Hygge? Find ick jut: In Berlin öffnet das Guldsmeden > Summa cum laude: Das Tamburlaine in Cambridge 58 ID-CHRISTMAS SHOPPING Wunschliste: Zehn Seiten voller Ideen zum Verschenken (oder Behalten)

CONTEMPORARY DESIGN 72 ID-INTERVIEW Erfolgsmodell: Die Gründer des Labels Pulpo über ihre Marke und die Rolle als Designverleger 78 I D-YOUNG DESIGNER Fantastische Welt: Mit exotischen Kreationen wurde Elena Salmistraro zur Magierin der jungen Designszene 80 ID-MANUFAKTUR Hot Stuff: Das Familienunternehmen MCZ fertigt in Norditalien zeitlos schöne Kaminöfen 84 ID-WORKSHOP STUDIO Im Doppel bühnenreif: Zu Besuch im Mailänder Show-Apartment des Designduos Studiopepe 90 ID-LABEL Setzen, Eins!: Thomas Ibsen über sein innovatives Designlabel Please wait to be seated 92 ID-SWISS DESIGN Starke Haltung: Acht Schweizer Gestalter debattieren über die Designkultur der Schweiz

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© MARTIN SCHOELLER / AUGUST – AGENCE A

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© CHRISTOPHE JACROT

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96 ID-FASHION Fake Fur forever: Ein walisisches Mutter-TochterGespann entwirft einmalige Bomberjacken 98 ID-CRAZY Mit Chili, Charme und Zitrone: Das Duo Bompas & Parr und seine herrlich verrückten Food-Events

CONTEMPORARY LIFESTYLE 102 ID-STUDIO VISIT Das Kunst-Chamäleon bei der Arbeit: Zu Besuch in Cindy Shermans New Yorker Atelier 108 ID-SHOPPING Blizzard Style: Die Must-haves des Winters, inspiriert vom Big Apple im Schneesturm 116  ID-HAUSBAR Glimmer mit Glamour: Edle Kristallgläser, schicke Bar-Accessoires und nur die stärksten Drinks 120  ID-HOME 1 Hamburg: Zu Hause im Vintage-Himmel

140  ID-HOME 3 Kopenhagen: Vibekes Villa 148  ID-HOME 4 Parma: Im Designdschungel 158  ID-HOME 5 Paris: Offen für Schönes

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©GIANNI BASSO / VEGA MG

130  ID-HOME 2 Brooklyn: Atelier der Lichter


M A K I N G

R O O M

F O R

P E R S O N A L I T Y

Danish design by Peter J. Lassen

THE MONTANA COLLECTION 36 MODULES / 4 DEPTHS / 42 COLOURS / ENDLESS POSSIBILITIES

Personalized by fashion and film stylist Ingeborg Wolf at her Copenhagen residence.

N E W

D R AW I N G

A P P

AT

M O N TA N A . D K


ID-INHALT

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© JAN VERLINDE / LIVING INSIDE

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© YOUNG-AH KIM

186 168  ID-HOME 6 Brüssel: Raue Schale, weicher Kern 176  ID-HOME 7 Mailand: Nomade mit Wurzeln 185 ID-DOSSIER LEUCHTEN > Lampenfieber: Diese Leuchten sorgen für Aufregung > Der Lichtbringer: Michael Anastassiades im Interview > Angeknipst: Das Designduo Formafantasma > Die Zukunft des Lichts: Zu Besuch bei Artemide 209 ID-DOSSIER SCHLAFZIMMER > Tagträumer oder Nachtschwärmer: Mit Bettwäsche gegen den Winterblues > Die schönsten neuen Betten

CONTEMPORARY TRIPS 218 ID-URBAN SPIRIT New York: Viel größer als seine Klischees 240  ID-RETREAT Ruanda: Land der tausend Hügel 242  ID-HYPE AREA Kopenhagens Zentrum: So gar nicht Mainstream 248  ID-ROADTRIP Chile: Eine Weinreise entlang der La Ruta del Vino 260  ID-VILLAGE PEOPLE Unterwegs mit Tim Seifert, Mitgründer der Onlineplattform Freunde von Freunden

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D I E H A UTE C O U TU R E DE S SC H LAFE N S

www.treca-interiors-paris.com


Contemporary news was jetzt unsere Neugier weckt


© LE DUO

Guggenheim

Tate Modern

MAC

(Bilbao)

(London)

(Niterói / Rio de Janeiro)

Centre Pompidou

TIMA

Palazzo Grassi

(Paris)

(Imabari)

(Venedig)

Rijksmuseum

Elbphilharmonie

Guggenheim

(Amsterdam)

(Hamburg)

(New York)


ID-NEWS DESIGN

»Samt weckt in mir Erinnerungen an meine Kindheit im Iran. Wie kein anderes Material führt er mich auf eine Reise in eine andere Zeit.« Leyla Piedayesh

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Die neue Wohnzimmer-Erotik Plüschiger Samt, dazu in Weinrot? Das galt lange als Interior-Fauxpas. Dass Trendsetter den Schmeichelstoff in die­‑ ser Saison zum Must-have erklären, ist bekannt. Dass Fritz Hansen als Bewahrer skandinavisch-reduzierter Gestaltungs­ prinzipien seinen Stuhl-Klassiker Serie 7™ so sinnlich einkleiden lässt, ist eine Sen­‑ sation! Und ein genialer Stilbruch, der das berühmte Arne-Jacobsen-Möbel nur noch begehrenswerter macht. Leyla Piedayesh, Gründerin des Modelabels Lala Berlin, kann Stilbrüche: Ihre Kollektionen vereinen coolen Big-CityChic immer mit femininer Eleganz. Die beiden Stühle und der Hocker, die aus der Zusammenarbeit mit Republic of Fritz Hansen entstanden, sind in den Lala-Farben Barberry und Caspian erhältlich – für die 1970 in Teheran geborene Leyla Piejadesh Reminiszenzen an ihre Herkunft: »Das dunkle Blau erinnert mich an Mitternacht in der irani‑ schen Stadt Isfahan und die kimmeri­‑ schen Wasser des Kaspischen Meers. Und wenn ich dieses Weinrot sehe, kann ich fast die Berberitzen schmecken, die in der traditionellen persischen Küche verwendet werden.« M. G.


ID-NEWS DESIGN

Der Club der schönen Lichter Von Maja Groninger

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Inspiration findet Gabriel Abraham immer wieder in französischen oder italienischen Filmen aus den 60er Jahren. Die Leuchten und Möbel seines Labels Atelier de Troupe sind elegant wie deren Stars.

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st es ein Zufall, dass der Firmensitz von Atelier de Troupe ausgerechnet am Jefferson Boulevard in Los Angeles liegt? Schließlich ist Gabriel Abraham, der Gründer der Designmanufaktur ein ausgesprochener Cineast. Mit Medienpower und großer Show,

wie sie zwanzig Autominuten weiter nördlich am berühmten Hollywood Boulevard an der Tagesordnung sind, hat die Begeisterung des gebürtigen Franzosen jedoch nichts zu tun. Abraham setzt auf leise Töne, auf edle Materialien, ikonische Formen im Stil von Bauhaus und Art déco und auf unvergleichliche Eleganz. »Für mich ist der Ausgangspunkt für ein neues Stück stets dessen Form«, erklärt er, »das Material und die S­ ilhouette, also eine bestimmte Rundung oder Schräge, machen den Charakter eines Möbels oder

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einer Leuchte aus.« Neben dem Interior-Stil der 60er Jahre findet Abraham im Großraum Los Angeles viel Inspiration in den Bauten des ursprünglich aus Wien stammenden Architekten Rudolph Michael Schindler, der in den USA als wichtiger Vertreter der klassischen Moderne gilt. Seine Gebäude, vor allem Privathäuser, lassen wiederum den Einfluss von Frank Lloyd Wright und Adolf Loos erkennen – zwei weitere Architekten, die für das Design von Atelier de Troupe wichtig sind. Dass man sich beim Betrachten der kantigen Sessel und Bänke, der Leuchten aus Messing und Glas unweigerlich fragt, ob das jetzt Schnee von gestern oder Design für morgen sei, ist für Gabriel Abraham ein willkommener Effekt. Sein Anspruch an Gestaltung heißt Zeitlosigkeit, und der Erfolg gibt ihm recht: Die Kollektion von Atelier de Troupe wächst und gedeiht, das Design findet man Hotels und Restaurants auf der ganzen Welt. Derzeit arbeiten Abraham und sein Team an neuen, aus Bronze gegossenen Leuchten, die wie Skulpturen im Raum wirken. Von uns gibt es dafür jedenfalls schon mal einen Oscar.

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1/ Ein Teil der AdT-Kollek­ tion mit Sessel und ­ Bank Sitio sowie Paravent aus Walnussholz. © OMAR SARTOR 2/ Etoile, Kronleuchter aus Messing und mundgeblasenem Glas. 3/ Vor seiner Zeit bei Atelier de Troupe arbeitete Gabriel Abraham als Art-Direktor in Film und Werbung.

atelierdetroupe.com


embrace Design Kati Meyer-BrĂźhl


ID-NEWS DESIGN

Alles für die wilde Hausfrau Von Christiane Tillmann

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Die Mailänder Modedesignerin J. J. Martin stöbert für ihr Label La DoubleJ alte Muster auf, um sie auf ihrer Mode neu zum Leben zu erwecken. Die Zusammenarbeit mit Bitossi bringt jetzt Blüten auf den gedeckten Tisch.

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uf J. J. Martins Kreationen wetteifern Blumenranken, Pfauenfedern, Goldbordüren oder psychedelische Op-Art-Muster um Aufmerksamkeit. Seit 2015 mischt die als Printoholikerin bekannte Designerin die Fashionszene mit ihrem

Vintage-Mustermix auf. Motto: Mehr ist mehr. Jetzt nimmt sich die gebürtige US-Amerikanerin den gedeckten Tisch vor. »La DoubleJ Housewives« heißt die Kollektion, die in Kooperation mit dem toskanischen Keramikhersteller Bitossi und dem Textildruckspezialisten Mascioni entstanden ist: J. J. Martins Hommage an die »Sciura«, die extravagante und wohlbetuchte Ehefrau aus der Mailänder Oberschicht. Schließlich will auch der Kuchenteller mit Stil getragen werden können, kann man auf der Homepage von LaDouble J in ihrer »School of Sciura« lesen. Dafür stöberte Martins im Archiv von Mantero, einem der ältesten Seidenproduzenten Europas am Comer See, nach exklusiven Vintage-Mustern. Das Ergebnis: Eine Serie von feinem Geschirr sowie üppige Tischtextilien, die die Muster vergangener Zeiten tragen. Etwa Pavone, ein Toile-de-Jouy-Dessin aus dem späten 18. Jahrhundert, oder Lilium Blu, ein floraler Druck aus den Neunzigern. Klar, dass die zwei Muster nicht unter sich bleiben, die wilde Mischung ist schließlich Voraussetzung für den markanten DoubleJ-Look. Bei dem man nicht allzu viel falsch machen kann. J. J. Martin rät zu einer harmonischen Farbpalette, dann vertragen sich kleine und große Muster sowie florale und grafische bestens. Wer diesen Ratschlag inhaliert hat, kann sich genüsslich den vielen weiteren Stilregeln aus der »School of Sciura« zuwenden: für die Hausmädchen grundsätzlich nur graue Uniformen, für alle anderen niemals, wirklich niemals Shorts. 

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1/ Speiseteller Pavone mit Tischdecke Ninfea und Serviette Tulipani. 2/ Suppenteller Pavone mit Tischdecke Confetti und Serviette Ninfea. 3/ Dessertteller Lilium Blu mit Tischdecke Kalei‑ dos­cope und Serviette Ninfea. Rechte Seite Die Modedesignerin J. J. Martin liebt extravagante Muster – auf Textilien genauso wie auf Keramik. © ALBERTO ZANETTI FOR LADOUBLEJ.COM

bitossihome.it ladoublej.com


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ID-NEWS DESIGN

Wall of Sound Von Johannes Hünig

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Bang & Olufsens neues Multiroom-System BeoSound Shape inszeniert Lautsprecher als 3-D-Kunstwerk für die Wand – und sorgt auch dann noch für gute Vibes, wenn sie ausgeschaltet sind.

Z

u den großen Segnungen des digitalen Zeitalters gehört, dass Technik nicht mehr wie Technik aussehen muss. So entwickelt manches Gerät, das designaffine ­Menschen früher nur unter Schmerzen in ihrer Wohnung duldeten, plötzlich un-

geahntes Potenzial – Lautsprecher zum Beispiel. Wie sich die klobigen Holzboxen von damals in regelrechte Kunstwerke verwandeln, zeigt Bang & Olufsen mit seinem neuen Lautsprechersystem BeoSound Shape. Statt die Boxen dezent zu verstecken, entschied man sich bei dem dänischen Hersteller – seit Jahrzehnten der Inbegriff ästhetisch herausragender Hi-Fi-Preziosen – für den entgegengesetzten Weg: Das modulare System besteht aus sechseckigen Fliesen, die in beliebiger Anzahl und mit individuellem Muster an der Wand angebracht werden. Verkleidet sind die Klangkunstwerke mit Bezugsstoffen in vielen Farben, etwa vom dänischen Textilhersteller Kvadrat. Die Boxen sind per WLAN verbunden, lassen sich mit allen gängigen Streaming-Diensten verbinden und können mit anderen B & O-Play-Produkten zu einem Multiroom-System erweitert werden – so weit die Fakten. Ihre größte Stärke sieht man den Lautsprechern allerdings nicht an: Sie tragen mit ihrer schalldämpfenden Oberfläche auch dann zur Raum­akustik bei, wenn sie ausgeschaltet sind; schließlich sind nur die wenigsten Menschen 24 ­Stunden täglich auf Empfang eingestellt. »Das akustische Raumklima ist essenziell für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden, genauso wie natürliches Licht, frische Luft und Bewegung«, erläutert Marie Kristine Schmidt, Vice President Brand, Design & Marketing bei B & O. »BeoSound Shape ist dank seiner resonanzabsorbierenden ­Wirkung­ bestens gerüstet, die Herausforderungen der Raumakustik zu meistern.« Die ästhetische Prüfung kann jedenfalls schon mal als bestanden gelten. 

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1/ Die sechseckigen Module beinhalten je einen Lautsprecher, Verstärker oder akus­tischen Dämpfer. 2/ Zahlreiche Farbtöne und Bezüge stehen zur Auswahl. © BANG & OLUFSEN

BeoSound Shape. Standard-Set-up mit sechs Elementen, ab ca. 4000 Euro. bang-olufsen.com


occhio.de /mito

Occhio LED: Energieeffizienzklasse A+


ID-NEWS DESIGN

Gucci fürs Sofa Von Tina Schneider-Rading

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Das Florentiner Modelabel Gucci dringt mit Gucci Décor jetzt auch ins Wohnzimmer vor. Emblematische Kissen, Möbel, Duftkerzen und Paravents machen das Zuhause zum Catwalk – zum Schnurren.

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issen aus feinstem Samt und mit Raubkätzchen – in zehn Stunden aufwendig handbestickt und umrahmt von opulenten Quasten: Guccis Designchef Alessandro Michele ließ mit seiner jüngst lancierten Home Collection »Gucci Décor«

lapidar verlauten: »Die Stücke sind als Ergänzung zum persönlichen Einrichtungsstil

­gedacht.« Übersetzt heißt das: Eigentlich will der gefeierte Kreativdirektor mit Hang zum Theatralischen, dass wir (mehr) zu Hause bleiben. Statt auf Partys und in Klubs lassen sich Guccianer also seit September auf der Couch sehen – zwischen Motten, ­Königsnattern, Oktopussen und Hühnern. Die Kollektion besteht, wie vom Traditionshaus zu erwarten, aus lauter Statement Pieces mit hohem Wiedererkennungswert, die tierischen Motive sind an die erfolgreiche Stilsprache der Modemarke angelehnt. Zu haben sind Paravents mit unterschiedlich bezogenen Seiten, Tapeten aus Seide, Vinyl und Papier mit Allover-Print, glänzend lackierte Stühle in Petrol, Hellblau, Rot und ­Bordeaux, betörende Düfte und feinstes Geschirr aus der Manufaktur Richard Ginori, die zur Gucci-Gruppe gehört. Und: diese Kissen! Jedes Stück ist luxuriös verarbeitet. Auch der Preis der einzelnen Teile ist gewohnt luxuriös, aber schnell vergessen – die ­gelben Augen der Raubkatze scheinen eine Art Hypnosewirkung zu haben. Schmutz machen die neuen Haustiere übrigens auch nicht. Gekauft.

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1/ und 4/ Bestickte Samt­‑ kissen, inspiriert vom alten englischen Adel: Rück‑ seiten aus Wolle-Kaschmirbzw. Seiden-Mix, ab 980 Euro. 2/ Samtkissen mit Böse-Katzen-Sticke­rei, 1400 Euro. 3/ Schmuse­­ kätzchen für 1100 Euro

Gucci Décor. In ausgewählten Filialen. gucci.com


Wir stehen auf perfekt

bearbeitete Haut

Am Anfang war das Leder Sofa: DS-19 | www.desede.ch


ID-NEWS DESIGN

Grün ist das neue Gold Von Maja Groninger

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Die Marke Visionnaire steht für Luxus, Opulenz und maßgeschneiderte Interior-Lösungen made in Italy. Seit Neuestem kommen natürliche Materialien und eine umweltbewusstere Produktion hinzu.

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uf den ersten Blick: viel Gold, Marmor, schwere Stoffe und opulente Muster. Wer einen weiteren Blick riskiert, sieht schimmernde Oberflächen, eine absolut perfekte Verarbeitung und keine Kunststoffe. Die Möbel der italienischen

Luxusmarke Visionnaire sind Diven mit Charakter, ihre Stoffpracht und Art-déco-artigen Linien widersetzen sich jedem Minimalismus-Trend. Tatsächlich machen sich die einzelnen Stücke breit, als besäßen sie ein gewisses Selbstbewusstsein. »Luxus, Stil und eine exzellente Qualität sind die drei Grundpfeiler unseres Unternehmens«, sagt ­Eleonore

1/ Freischwinger Opera. 2/ Wellness-Modul Harmony von Alessandro La Spada. 3/ EsszimmerInterior Revenge. 4/ Lounge­sessel Blondie. © VISIONNAIRE

visionnaire-home.com

Cavalli, Creative Director und verantwortlich für die Kommunikation bei Visionnaire. »Neben einzelnen Möbeln bieten wir immer mehr komplette Interior-Konzepte für ­Privat- und Geschäftskunden an.« Dazu gehören zum Beispiel Hotels und Restaurants auf der ganzen Welt, aber auch ganze im Visionnaire-Look gestaltete Privathäuser und Jachten. Seit Neuestem schreibt sich das italienische Luxuslabel noch ein paar innere Werte auf die Trikolore: Nachhaltigkeit, ein Bewusstsein für die verwendeten Materialien und deren möglichst umweltschonende Verarbeitung. Greenery heißt der Trend, der die gesamte neue Kollektion, die zu großen Teilen aus der Feder des Designers ­Alessandro La Spada stammt, prägt. Ein symbolisches Grün, das nicht nur für ein ­­Leben im Einklang mit der Natur, sondern vielleicht auch für die Sehnsucht nach einem­ Neuanfang steht. Denn die neuen Möbel und Accessoires sind auf jeden Fall moderner, kombinierbarer, man könnte sagen europäischer als je zuvor. Da ist es fast müßig, zu fragen, wie nachhaltig ein zentnerschwerer Esstisch aus Messing mit einer Platte aus Marmormosaik eigentlich sein kann? Rein praktisch gesehen könnte man sagen: Er kann nur für die Ewigkeit gedacht sein. Zum Recyceln ist er viel zu schwer.

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Kennen Sie das Gefühl, umgeben zu sein von schönen Stoffen? Wenn nicht, informieren Sie sich auf www.jab.de oder bestellen Sie kostenlos unser neues Buch TEXTILE LOVE STORIES unter www.love.jab.de


ID-NEWS DESIGN LONDON

Das Beste von der Themse Von Johannes Hünig

Während des »London Design Festivals« verwandelt sich die Stadt in ein Kaleidoskop von Formen, Farben und Ideen. Die 15. Ausgabe in diesem Jahr zeigte, was die Designstadt London draufhat: Individualität, Unternehmergeist – und fantastische Pubs an jeder Ecke.

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unte Vielfalt, internationaler Spirit, Mut zur Exzentrik: Die Kreativmetropole London zieht ihre Energie aus der Diversität der vielen Menschen, die hier ­leben. Jeden September verwandelt das »London Design Festival« die Stadt in eine Büh-

ne für experimentelle Gestaltung – und setzt dabei auf Einzigartigkeit statt Masse. ­Anstelle einer riesigen Möbelmesse mit Weltneuheiten (Mailand!) gibt es vier kleinere Austragungsorte, darunter Perlen wie die »Designjunction« am Bahnhof King’s Cross oder die

»London Design Fair« in der ehemalige Truman Brewery in Shoreditch, wo Youngster aus Großbritannien und dem Rest der Welt ihre Entwürfe zeigen. Natürlich sind auch die besseren Adressen, das Victoria and Albert Museum und das Somerset House, mit ­dabei. Das echte Leben aber spielt sich in den Lieblingsquartieren der Kreativszene ab, wo sich Designstudios, Pubs und Concept Stores aneinanderreihen. Die Viertel selbst sind zu Marken geworden: Clerkenwell Design Quarter, Brompton Design District und Shoreditch Design Triangle werden während des Designfestivals zu Pilgerstätten für ­Freaks in komischen Klamotten – nur logisch, dass etwa auch das deutsche Label ­Pulpo seinen ersten Pop-up-Store in Shoreditch eröffnet hat (siehe Seite 72). 

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1/ Installation Urban Cabin von Mini Living und Sam Jacob Studio, ein modularer Raum für die gemeinschaftliche Nutzung zum Lernen, Lesen, Begegnen und Leben. © JOHANNES HÜNIG 2/ Stuhl Wove Chair des niederländischen Designstudios Truly Truly. Gebogener Stahldraht mit Polyesterbeschichtung. © ALEXANDER POPELIER

London Design Festival. londondesignfestival.com


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1/ Zum mittlerweile 15. Mal feierte das »London Design Festival« mit Messen, Pop-up-Stores, Ausstellungen und Vorträgen die junge Designszene der britischen Hauptstadt. © JOHANNES HÜNIG 2/ Jeder Teller ein Unikat: Aus eingefärbten Tonklumpen, per Hydrau­ likpresse in Tellerform gebracht, entsteht die Keramik­ serie Splatware. granbyworkshop.co.uk 3/ Zu dem­ 21-jährigen Jubiläum der Zusammenarbeit mit der Manu­faktur Isokon Plus präsentierten Barber & Osgerby den Ballot Chair, der in London aus massiver Eiche handgefertigt wird. isokonplus.com © RORY GARDINER 4/ In einem Hinterhof im Brompton Design Disctrict, South Kensington, kuratierte De­signerin Faye Toogood die Ausstellung »The Trade Show« mit Arbeiten der­ 50 einflussreichsten Designer, Künstler, Architekten und Fotografen aus Großbri­tannien. fayetoogood.com © FRENCH + TYE / FRENCHANDTYE.COM 5/ Die Vasen Layers aus eingefärbtem Glas, entworfen von Defne Koz, ergeben ineinandergestellt ein faszinierendes Schichtbild. nudeglass.com 6/ How much is the fish? Eine gold-­grün glänzende Schup­penhaut macht die Kommode Nizwa Chest zum extravaganten Blickfang. shamsian.co.uk

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ID-NEWS DESIGN LONDON

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3 1/ Jijibaba – so heißt die Herrenkollektion, die Jasper Morrison und Jaime Hayon gemeinsam entwickelt haben. Exklusiv bei Dover Street Market oder im Onlineshop erhältlich. jijibaba.xyz 2/ Die brutalis­ tischen Mini-Betonskulpturen von Bethany Stafford werden mit Gummibändern zusammengehalten. bethanystafford.co.uk 3/ Tisch und Stuhl des britischen Designers James Stickley zitieren den postmodernen Look der späten Achtziger. jamesstickley. co.uk 4/ Molteni & C verwandelte den Showroom an der Brompton Road in eine charmante Ausstellung, eine Hommage an Giò Ponti. molteni.it 5/ A match made in heaven: Sonderkollektion von Finn Juhls 108 Chair mit Bezugsstoffen von Paul Smith. finnjuhl.com 6/ Die Installation Gateways des Künstlers Adam Nathaniel Furman am Granary Square zelebriert mit ihren vier Toren die Schönheit türkischer Keramik. turkishceramics.com © JOHANNES HÜNIG 7/ Die Note­book Bench (Entwurf: Maria Gustavsson) ist Teil einer Möbelserie aus Stahl­rohr und Korkwerkstoff, in den farbige Partikel einge­schlossen sind. swedishninja.com

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MELL LOUNGE BY JEHS + LAUB COR.DE


ID-NEWS FOTO

Auf der Suche nach Gefühl Von Camilla Péus

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Rineke Dijkstras Porträts fordern dazu auf, genau hinzusehen – und man tut es gern. Weil die niederländische Fotokünstlerin die Würde ihrer Sujets wahrt, wie ihre Retrospektive im Louisiana Museum of Modern Art zeigt.

Kampf, Frauen mit ihren Säuglingen kurz nach der Geburt: Rineke Dijkstra porträtiert Menschen an der Schwelle zu neuen Lebensabschnitten wie dem Erwach-

senwerden oder dem Muttersein. Dabei gelingen der 58-jährigen Niederländerin Momentaufnahmen, in denen die Gesichter ihrer Laien-Modelle eine Vielzahl an Emotionen zugleich offenbaren: Erschöpfung und Stolz, Verletzlichkeit und Stärke, Furcht und ­Entschlossenheit. »Sie weiß intuitiv, wann der richtige Moment ist, auf den Auslöser ­zu drücken«, sagt ­Kurator Anders Kolt über die Künstlerin, die an der Gerrit Rietveld ­Academie in Amsterdam studierte und im März 2017 den renommierten Hasselblad Award gewann. Für die erste Übersichtsschau The One and the Many in Skandinavien versammelt er im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk ihre bedeutendsten Foto- und ­Videoarbeiten. Bei Marriana (The Fairy Doll) etwa filmt Dijkstra eine junge russische Tänzerin beim harten Training für die Aufnahmeprüfung an der Vaganova Ballet ­Academy in St. Petersburg und blickt für Momente hinter die kontrollierte F ­ assade der Ballerina. »Obwohl sie Personen häufig in intimen Augenblicken festhält, sind ihre ­Arbeiten nie entblößend, sondern sensibel und taktvoll«, so Anders Kolt. »Die Empathie für das S­ ujet ist in jedem Bild deutlich spürbar.« Für ihre eindringlichen Porträts begleitet ­Rineke Dijkstra ihre Protagonisten häufig tage-, manchmal jahrelang. Stärkstes Beispiel sind die Aufnahmen der Bosnierin Almerisa Sehric. Dijkstra fotografierte sie erstmals als Sechsjährige in einem holländischen Flüchtlingslager, später als Teenager und schließlich – im April 2017 – als selbstbewusste junge Mutter.

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4 1/ Soldat der Fremden­ legion: Olivier, Quartier Vienot, Marseille, France, 30. November 2000. 2/ Die Serie »Beach Portraits« machten Rineke Dijkstra bekannt: Kolobrzeg, Polen, 26. Juli 1992. 3/ Außerhalb des Ballett­saals: Marianna and Sasha, Kingisepp, Russland, 2. November 2014. 4/ Rineke Dijkstra © DAPHNE CHANNA HORN

The One and the Many. Louisiana Museum of Modern Art. Bis 30.12. louisiana.dk

© COURTESY THE ARTIST AND MARIAN GOODMAN GALLERY, NEW YORK, PARIS AND LONDON; GALERIE MAX HETZLER, BERLIN AND PARIS AND JAN MOT, BRUXELLES

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eenager in unbeholfenen Posen, blutbeschmierte Toreros Sekunden nach dem


GLÄNZENDE WEIHNACHTEN

Beim Kauf des 24-teiligen, limitierten Speisesets aus der Porzellankollektion TAC erhalten Sie das Sambonet Besteck Taste in elegantem, champagnerfarbenem Gold für 6 Personen geschenkt. Mehr weihnachtliche Inspirationen sowie einen Rosenthal Fachhändler in Ihrer Nähe finden Sie unter www.rosenthal.de/glaenzende-weihnachten


ID-NEWS ARCHITEKTUR

Hilferuf der harten Kerle Von Johannes Hünig

Die Ausstellung »SOS Brutalismus« im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zeigt die krasse Betonarchitektur der 60er Jahre in versöhnlichem Licht – und feiert Meisterwerke, denen der Abriss droht.

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äbe es einen Trostpreis für den am hartnäckigsten missverstandenen Baustil aller Zeiten, der Brutalismus hätte ihn sich längst verdient. Das fängt schon beim Namen an. Der hat nichts mit »brutal« zu tun, sondern ist vom franzö-

sischen »béton brut« abgeleitet, was so viel wie »roher Beton« bedeutet. Entstanden ist die Architekturströmung in den frühen 1950er Jahren unter dem Einfluss Le Corbusiers und des britischen Architektenduos Alison und Peter Smithson. Ihnen ging es nicht nur um die skulpturalen Qualitäten des Baumaterials Beton, sondern um eine neue Einstellung zum Bauen: Unverstellt und ehrlich sollte Architektur sein, ihre konstruktiven Details offenlegen und keine Angst vor rauen, simplen Materialien haben – eine ästhetisch

oft auch anspruchsvolle Architektur, die einen differenzierteren Blick verdient hätte.

Die Wallfahrtskirche in Neviges, 1962–68 nach Plänen von Gottfried Böhm erbaut, ist eines der bekanntesten Bauwerke des Brutalis­‑ mus in Deutschland.

Den liefert nun die Ausstellung »SOS Brutalismus« im Deutschen Architekturmuseum.

© SEIER+SEIER 2008

radikale, bewusst antibürgerliche Haltung. Das Tragische daran ist, dass der Brutalismus neben grandiosen Raumskulpturen auch jede Menge trivialer Büro- und Wohnblocks hervorbrachte, deren düstere Kantigkeit seinen Ruf für lange Zeit verdarb. Was dazu führte, dass viele Bauten jener Zeit heute von der Abrissbirne bedroht sind, d ­ arunter

Sie entstand aus einem Onlineprojekt gleichen Namens, das dem Untergang geweihte Bauten des Brutalismus sammelt und zugleich ein eindrückliches Panorama deutscher Sichtbetonarchitektur der Jahre 1953 bis 1978 entfaltet. Neben akut bedrohten Preziosen sind dabei auch Beton-Stars wie der Nevigeser Wallfahrtsdom des Pritzker-Preis­trägers Gottfried Böhm zu sehen – ein Meisterwerk, das allein schon mit seinen meterdicken Festungswänden jeden Gedanken an einen Abriss absurd wirken lässt.

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SOS Brutalismus. Ausstellung vom 9. November 2017 bis 2. April 2018. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt a. M. dam-online.de


ID-NEWS ARCHITEKTUR

Punktlandung in Tokio Von Sörre Wieck

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In Japans Hauptstadt erhebt sich inmitten braun-grauer Apartmenthäuser ein weißer Kubus mit abgerundeten Ecken: Das vom Architekturbüro Kume Sekkei entworfene Museum feiert die Künstlerin Yayoi Kusama, Königin der Polka Dots.

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unkte auf Wänden. Auf Tieren. Auf Kürbissen: Seit ihrer Kindheit besteht die Welt der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama aus sich ausbreitenden Polka Dots. Dass sie über diese Halluzinationen nicht gänzlich verrückt geworden ist,

verdankt sie ihrer Kunst: Schon als Kind (ver-)bannt sie das, was sie vor ihrem inneren Auge sieht, auf Leinwand – und malt heute noch jeden Tag. Sie gilt als eine der größten Avantgardekünstlerinnen weltweit. Jetzt hat die 88-Jährige ihr erstes eigenes Museum in Tokios Viertel Shinjuku eröffnet. Der vom japanischen Architekturbüro Kume Sekkei entworfene mattweiße Bau erinnert an eine Laterne inmitten des grau-braunen Siedlungsbreis, der ihn in Tokios Westen umgibt. Und an aufeinandergestapelte Kuben mit abgerundeten Ecken und großformatigen Fenstern, die wie vom Metabolismus inspiriert wirken. Das 731 Quadratmeter große, fünfstöckige Gebäude bildet mit seiner ­eleganten, zurückgenommenen Ausstrahlung die perfekte Bühne für die farbenfrohen Werke von Yayoi Kusama. Die einzelnen Etagen sind durch Fahrstühle verbunden, d ­ eren Innenwände gepunktet sind, und auch die Frontfassade gibt einen Vorgeschmack da­ rauf, was den Besucher drinnen erwartet. Sie ist mit weißen Polka Dots auf schwarzem Grund versehen. Kume Sekkei stellte das Gebäude bereits 2014 fertig, sein Verwendungszweck war jedoch bis zum Sommer dieses Jahres geheim, ebenso wie die Kosten für das Objekt. Zu ihrem Museum hat es Kusama übrigens nicht weit: Sowohl ihr Studio als auch die psychiatrische Klinik, in der sie seit 1977 freiwillig wohnt, liegen um die Ecke. Vielleicht kann sie von dort aus ihren Starry Pumpkin sehen, einen riesigen, farbenfrohen Kürbis, der auf dem Dach installiert ist. 

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1/ Yayoi Kusama liebt Kürbisse. Ihre Installation Pumpkins Screaming About Love Beyond Infinity ist jetzt in ihrem Museum zu sehen. 2/ Die 88-Jährige Künstlerin schafft uner­‑ müdlich neue Kunstwerke. Die rote Perücke ist zu ihrem Markenzeichen geworden. Rechte Seite Das Museum ist ein Entwurf des Tokioter Architekturbüros Kume Sekkei.

Yayoi Kusama Museum. yayoi-kusama.jp


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ID-NEWS ART

Nichts ist, wie es scheint Von Camilla Péus

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Theater der Illusionen: The Bass, Miamis Museum für Gegenwartskunst, eröffnet seinen Erweiterungsbau zur Art Basel Miami Beach mit einer Retrospektive des Schweizer Multimediakünstlers Ugo Rondinone.

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at da eben ein Clown geblinzelt? Hat er mit der rosa Socke gewackelt oder schnappt womöglich gleich einer nach dem Bein eines ahnungslosen Besuchers? Nein, keine der 45 lebensgroßen Figuren in der Halle des wieder eröffneten The

Bass Museum of Art am Miami Beach zeigt die geringste Regung. Im Gegenteil. Sie sitzen erschöpft auf dem Boden, lassen die weiß geschminkten Köpfe hängen, die Augen geschlossen. Der erste Blick auf die bunt gekleidete Schar wirkt komisch – doch das ­Lachen bleibt einem im Halse stecken. Dass Freude und Depression, Schönheit und Falschheit häufig nahe beieinander liegen, ist das Thema des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone. Der 53-Jährige, der in New York in einer Kirche in Harlem lebt, ist eine

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Art Anti-Entertainer, der den Betrachter mit Symbolen kindlicher Fantasie, mit Regenbögen, Jelly-Bean-Farben und Glanzfolien in seine Installationen lockt, wo dann gar nichts so ist, wie es scheint: Die Clowns aus Vocabulary of Solitude enttäuschen mit melancholischen Mienen, und die 52 farbig verspiegelten Fenster von Clockwork for oracles II (2008) in einem der neuen Säle reflektieren die Besucher, statt ihnen eine Aussicht zu bieten. Mit dem Felsturm Miami Mountain, den er 2016 vor dem Museum aufstapelte, nimmt Rondinone Bezug auf jahrtausendealte Steinformationen – übertüncht seine Version der Naturdenkmäler aber in grellen Neontönen, als Anspielung an die

IMAGE COURTESY OF THE ARTIST

Künstlichkeit der Metropole Miami. So lässt uns der Künstler in seiner Soloschau zur

Ugo Rondinone. »Good Evening Beautiful Blue«. Bis 19. Februar 2018. thebass.org

Wiedereröffnung des erweiterten Museums (gleichzeitig finden hier Ausstellungen­ von Pascale Marthine Tayou und Mika Rottenberg statt) jede Menge widersprüchliche Empfindungen spüren und nichts ahnend in seine kunterbunte Gefühlsfalle tappen.

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1/ Tagträumer unterm Regenbogen: Clown aus der Installation Vocabulary of solitude, 2016. 2/ Der Schweizer Ugo Rondinone lebt und arbeitet in New York. © CHRISTIAN GRUND


Die neue Dimension des Schlafens Das Auping Essential – preisgekrönt und nachhaltig


ID-NEWS ART

Ein Mythos kommt unter den Hammer Von Nadine Najjar

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»Rheingold«, so hieß die Sammlung des schillernden Kunstberaters Helge Achenbach. Die muss er nun zu Geld machen – und lässt Wer­ke von Daniel Richter, Thomas Struth und Candida Höfer versteigern.

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es einen Freud, des anderen Leid – der altkluge Sinnspruch wird am 6. Dezember dieses Jahres wohl so einigen Besuchern auf der Zunge liegen, wenn im ­Kölner Auktionshaus Van Ham eine Auswahl an Gegenwartskunst legendärer

Provenienz unter den Hammer kommt: Versteigert werden erstklassige Werke aus der Sammlung »Rheingold«, die seit den Medienberichten über Aufstieg und Fall des Kunstberaters Helge Achenbach nicht mehr nur Insidern ein Begriff ist. Die 2002 gegründe-

Preis wird wohl ein Unikat aus der Serie »Freischwimmer« des Fotokünstlers Wolfgang

1/ Candida Höfer, Biblioteca Seminario Patriarcale Venezia III (2003), C-Print, 175 x  152 cm, Ex. 2/6, Schätzpreis 15 000 bis 20 000 Euro. 2/ Thomas Struth, Paradise 22. Sao Francisco de Xavier/Brasil (2001), Cibaprint, 117 x 135,2 cm, Ex. 8/10, Schätzpreis 20 000 bis 30 000 Euro. 3/ Daniel Richter, Ohne Titel (2001), Öl auf Leinwand, 40 x 30 cm, Schätzpreis 12 000 bis 18 000 Euro.

­Tillmans erzielen; ein Ölbild von Tal R, Riders in the Sky, wird auf 25 000 bis 35 000 Euro

© VAN HAM KUNSTAUKTIONEN/

geschätzt. Außerdem kommen Werke von Imi Knoebel, Daniel Richter, Jonathan Meese,

SAŠA FUIS

Markus Schinwald, Thomas Struth, Jörg Immendorff und Candida Höfer unter den Ham-

Sammlung »Rheingold«. Auktion: 6. Dezember 2017. Vorbesichtigung: 2. bis 5. Dezember 2017. van-ham.com

te private Sammlergemeinschaft hatte über Jahre Arbeiten namhafter Künstler zusammengetragen und daraus eine eindrucksvolle Sammlung geschaffen, die in zahlreichen Museen gezeigt wurde. Um die 1000 Werke umfasst die Kollektion, darunter bedeutende Werkreihen zeitgenössischer Maler und Fotografen. Das Gespür für Talente hatte Achenbach mit in die Runde gebracht: Mit seinem Know-how gelang es, Arbeiten noch unbekannter Künstler aufzuspüren, die später erheblich an Wert gewannen. Doch Achenbach selbst machte noch größere Schlagzeilen als die Sammlung »Rheingold«: Der ehemals international angesehene Geschäftsmann wurde wegen Betrugs zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt, von seinem einst schillernden Leben in der Kunstszene ist nicht mehr viel übrig. Zusätzlich läuft ein Insolvenzverfahren gegen ihn, das ihn nun zwang, Teile seiner Sammlung (rund 70 Werke) zur Auktion freizugeben. Den höchsten

mer. Für Interessenten bietet das Auktionshaus vom 2. bis 5. Dezember eine Vorbesichtigung an. Dass Achenbach auftaucht, ist eher unwahrscheinlich: Er sitzt hinter Gittern, wo er – wie man hört – seinen Mithäftlingen kunsthistorische Kurse gibt. 

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BETTWÄSCHE VOM FEINSTEN www.schlossberg.ch


ID-NEWS FASHION

Familienaufstellung Von Tina Schneider-Rading

Akris-Designchef Albert Kriemler lässt die Puppen tanzen: In Kollaboration mit den Erben Alexander Girards verziert er seine neue Kollektion mit farbenfrohen Motiven des Midcentury-Genies.

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ls Vitra vor einigen Jahren die Wooden-Dolls-Familie in seine Accessoires-Kollektion aufnahm, wurde selbst coolen Interior-Profis warm ums Herz: Die handbemalten Holzfiguren des amerikanischen Designers Alexander Girard (1907–

1993) zeigen menschliche Charaktere so, dass jeder sich selbst – und auch andere – in ihnen wiederfindet. Albert Kriemler, Kreativdirektor der Schweizer Modemarke Akris, fasste die Formen und Farben des US-Architekten jetzt in Textil und setzte bekannte Prints wie das Double Heart um, etwa als Ledergeflecht oder Jacquard-Strick. Dreimal besuchte der Modedesigner die Girard-Ausstellung auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein, flog zur Girard-Stiftung nach Santa Fe und begriff, dass eine Hommage an das vielfältige Schaffen des Midcentury-Genies längst fällig war. »Alexander Girard hatte einen anderen Blick auf die Dinge, und auf seine Weise hat er unseren Blick auf die Welt verändert«, sagt Kriemler, der sich immer wieder von zeitgenössischem Design und ­Architektur inspirieren lässt. Girards abstrakte und geometrische Formen bilden nun die ideale Basis für Kriemlers vitales Modestatement in der Frühjahrs-Sommer-Kollektion 2018, die architektonischen Schnitte unterstreichen die Lebendigkeit der Farben zusätzlich. »Uns war stets bewusst, welches Potenzial Girards Design für Mode birgt«, sagten seine Enkel am Rande der Paris Fashion Week. Im Publikum der Show saßen übrigens auch Girards Schwiegertochter, Vitra-Gründer Rolf Fehlbaum und seine Nichte Nora, die heute an der Spitze steht. Ein kongeniales Familientreffen also.

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»Mode muss einfach sein. Unsere Zeiten sind kompliziert genug«, sagt Akris-Designchef Albert Kriemler. In seiner Hommage an Alexander Girard gibt er uns noch mehr mit auf den Weg: Optimismus und Augenzwinkern.

akris.ch vitra.com


www.raumplus.com


ID-NEWS HOTEL

Hygge? Find ick jut! Von Kathrin Nolte

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Wer hat’s erfunden? Natürlich die Dänen: Alle sprechen über Hygge, der Architekt Marc Weinert lebt es. Und importiert mit dem Lulu Guldsmeden ein Stück Skandinavien nach Berlin.

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rfahrung in der Hotellerie? Hatten weder Marc Weinert noch seine Frau Sandra vorzuweisen, als sie 1999 ihr erstes Hotel in der Guldsmedegade in Aarhus ­eröffneten – dafür aber eine Vision und eine riesige Portion Enthusiasmus. Das

typisch dänische Hygge-Gefühl erklärt Weinert, der aus einer Künstlerfamilie stammt, so: »Gastfreundschaft bedeutet für uns, dass man sich wohlfühlt und es so bequem­ wie im eigenen Wohnzimmer hat – nur eben schicker.« Und dieses Konzept ging auf:­­ Heute umfasst die Boutique-Hotel-Familie Guldsmeden Häuser in Kopenhagen, Oslo, Reykjavík, auf Bali sowie an der Côte d’Azur. Das jüngste Familienmitglied, Lulu Gulds­meden, hat gerade in Berlin das Licht der Welt erblickt. Ein absolutes Wunsch-

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kind, wie Marc Weinert verrät: »Wir lieben Berlins pulsierende Atmosphäre und haben hier lange nach einer passenden Adresse gesucht, um unser erstes Hotel in Deutschland zu eröffnen. Uns schwebte ein charmantes Haus in einem Szeneviertel vor, das wir in eine Art Oase, einen Treffpunkt und Rückzugsort verwandeln konnten.« Die Wahl fiel auf einen klassischen Altbau aus dem Jahr 1850 in der Potsdamer Straße: 81 Zimmer und sechs S­ uiten mit vier Meter hohen Decken, ausgestattet mit Himmelbetten, gemütlichen Schaukeln oder Hängematten. Hier treffen die für die Guldsmeden-Hotels ­typischen balinesischen Interior-Einflüsse auf nordische Klarheit, und Komfort gesellt sich zu Lässigkeit. Auf den Zimmern gibt es Leitungswasser in Design-Flaschen und Fair-Trade-Zahnbürsten aus Bambus, im hauseigenen Café unter anderem köstliches skandinavisches Smørrebrød aus saisonalen Bio-Zutaten. Neben Hausgästen können auch die Berliner bei e­ inem Filmabend Lulu’s Signature Popcorn knabbern oder ein Glas Bio-Wein im romantischen Hinterhof trinken. Oder auch zwei.

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1/ Eine der sechs LuluSuiten mit Himmelbett und Galerie. 2/ Macht ordentlich was her: die Fassade des Lulu Guldsmeden von 1850.

Lulu Guldsmeden. Zimmer inklusive Frühstück ab ca. ­135 Euro pro Nacht. guldsmedenhotels.com


your personality. your style. your choice.

caro.wogg.ch


ID-NEWS HOTEL

Summa cum laude Von Christian Johannes May

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Cambridge hat jetzt noch ein Highlight: Im Hotel The Tamburlaine verschmilzt verschrobene Britishness mit coolem Design. Das Gute daran: Um reinzukommen, braucht man keine guten Noten.

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amburlaine the Great« heißt das berühmteste Theaterstück des englischen Dichters und Dramatikers Christopher Marlowe, der bereits 1584 seinen Master of Arts am Corpus Christi College in Cambridge verliehen bekam. Es handelt von

einem persischen Kaiser, der garantiert seine helle Freude an der opulenten Mix-andMatch-Einrichtung des nach ihm benannten neuen Luxushotels im Herzen der Universitätsstadt gehabt hätte. Hier treffen persische Seidenteppiche auf geometrisch geflieste Böden, in der Bibliothek werden Regale voller antiker Bücher und Chesterfield-Sofas von Art-déco-Lampen in Szene gesetzt, und den Afternoon Tea nimmt man im Garden

barschaft sind die Zimmer des Tamburlaine in drei verschiedene Kategorien unterteilt:

1/ Gesunde Snacks, Kaffee und Fifties-Spirit genießt man im Steam, dem Inhouse-Deli. © JAMES MCDONALD 2/ In der Bibliothek kann man sich bilden – oder es bleiben lassen und ganz entspannt Tee (oder Whisky) trinken. Rechte Seite  Der Garden Room mit Samtsofas und zauberhafter Wandmalerei.

Die King Bedrooms werden als fresher, also Erstsemester, bezeichnet. Die großzügiger

© JAMES MCDONALD/BRYAN

geschnittenen Executive King Rooms heißen scholar, und wer gleich den shortcut zum

O’SULLIVAN STUDIO

Dekan nehmen will, bucht eine der luxuriösen Suiten namens dean in den oberen Stock-

The Tamburlaine. Zimmer inklusive Frühstück, ab ca. 220 Euro pro Nacht. thetamburlaine.co.uk

Room auf roséfarbenen Samtsesseln zwischen tropischen Pflanzen und viktorianischen Wandmalereien ein. Das bunte Potpourri aus unterschiedlichen Epochen und Stilrichtungen ist das Werk des britischen Designers Bryan O’Sullivan. Die 155 Zimmer und Suiten richtete er im Vergleich zu den öffentlichen Räumen klar und schnörkellos ein: Traditionelles Cambridge-Blau, dunkle Holzvertäfelungen und ein Hauch Messing erinnern an die altehrwürdige Location, Wählscheibentelefone auf den Nachttischen und kleine Kofferradios setzen Vintage-Akzente. Als Hommage an die akademische Nach-

werken des Hauses, mit Terrasse, bodentiefen Fenstern und traumhaftem Ausblick über die Stadt. Nach einer Nacht im Hotel steht dann fest: Noch nie war es so bequem, in Cambridge aufgenommen zu werden.

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ID-CHRISTMAS SHOPPING

»Schenken heißt, einem anderen das geben, was man selber behalten möchte.« Selma Lagerlöf (1858–1940), schwedische Schriftstellerin

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Légende

Zu Weihnachten hört das Auge mit: mit Stoff bezogener BluetoothLautsprecher Reykjavik, ca. 200 Euro. Vifa


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1/ Handgefertigte Keramikleuchte Kaskad, ca. 600 Euro. Schneid. 2/ Jeansoverall, ca. 300 Euro. A.P.C. 3/ Sideboard Gabin mit perforierten Metalltüren, ca. 1565 Euro. Hartô. 4/ Tasche Drew aus Veloursleder, ca. 1750 Euro. Chloé über Farfetch. 5/ Skateboard mit plakativem Carré-Motiv, ca. 2500 Euro. Hermès.

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1/ Ohrringe im grafischen Design, ca. 195 Euro. Tory Burch über Shopbop. 2/ Feuchtigkeitsspendende Hand- und Fußcreme, ca. 40 Euro. Buly 1803. 3/ Lidschatten, ca. 50 Euro. Victoria Beckham für Estée Lauder. 4/ Pouf Cilindro, ca. 1870 Euro. Azucena über The Apartment. 5/ Automatik-Chronograf Carrera mit Lederarmband, ca. 4800 Euro. Tag Heuer. 6/ Sneaker Stan Smith aus gepunktetem Stoff, ca. 120 Euro. Adidas Originals x Kvadrat.

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ID-CHRISTMAS SHOPPING

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1/ Ballerina mit Leomuster, ca. 190 Euro. Pretty Ballerinas. 2/ Kleid mit Schmetterlingsärmeln, ca. 225 Euro. Maje. 3/ Lederhandschuhe, ca. 590 Euro. Fendi. 4/ Filigraner Flechtstuhl, ca. 750 Euro. Ames. 5/ Nagellack Psycho Candy, ca. 14 Euro. Smith & Cult über Net-A-Porter.

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1/ Bank mit Samtbezug, ca. 530 Euro. AYTM. 2/ Uhr The September Issue, ca. 150 Euro. Rosefield. 3/ Notizbuch, 20 Euro. Holiday Magazine. 4/ Lederstiefel im SeventiesLook, ca. 1175 Euro. Jimmy Choo. 5/ Tischleuchte Elmetta mit Metallikglanz, ca. 140 Euro. Incipit.

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1/ Schimmernder Blouson mit Jacquardmuster, ca. 1650 Euro. Dolce & Gabbana. 2/ Handtasche Essential Boston, ca. 1120 Euro. MCM. 3/ High Heel mit Zierschleife, ca. 620 Euro. Giorgio Armani. 4/ Schreibtisch im Retro-Stil, ca. 500 Euro. La Redoute. 5/ Interiorbuch »Green Home Book« für Pflanzenliebhaber, ca. 35 Euro. Susanna Vento über Designdelicatessen.

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1/ Ohrringe mit Quarzsteinen, ca. 110 Euro. David Aubrey über Styleserver. 2/ Fotografie, 60 x 80 cm, ca. 200 Euro. Lola James Harper. 3/ Uhr True Thinline Colours, ca. 2010 Euro. Rado. 4/ Fahrrad, ca. 400 Euro. Foffa. 5/ Tischleuchte mit Farbverlauf, ca. 215 Euro. Jordi Canudas.

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ID-CHRISTMAS SHOPPING

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1/ Umhängetasche Monogramme Kate in Kroko-Optik, ca. 1350 Euro. Saint Laurent. 2/ Leuchte Nasse aus Rattan mit Messingdetails, ca. 2075 Euro. Editions Milano. 3/ Regal Alba mit farbigem Glasdesign, 4550 Euro. Arflex. 4/ Wireless Kopfhörer, ca. 650 Euro. Sonderedition Balmain x Apple. 5/ Dekorative Glasschale Arizona, ca. 490 Euro. Reflections Copenhagen. 6/ Schnürstiefelette, ca. 420 Euro. L’ Autre Chose.

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1/ Doppelreihiger gestreifter Blazer, ca. 475 Euro. By Malene Birger. 2/ Parfum Accord Oud, ca. 100 Euro. Byredo über Colette. 3/ Sonnenbrille, ca. 380 Euro. Tom Ford. 4/ Sessel Barba aus Bast, ca. 490 Euro. Honoré Décoration. 5/ Teekanne Edge, ca. 135 Euro. Skagerak.

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ID-CHRISTMAS SHOPPING

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1/ Notizbücher mit Marmormuster, 3er-Set, ca. 20 Euro. Selma Lamai. 2/ Kleid mit Schleifen und Spitzeneinsätzen, ca. 245 Euro. Sandro. 3/ Statement-Kette, ca. 325 Euro. Elisabetta Franchi. 4/ Formschöner Sessel Stay, ca. 5950 Euro. Sé Collections. 5/ Lippenstift Le Rouge, ca. 35 Euro. Givenchy.

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1/ Modulare Leuchte Dorée, ca. 755 Euro. Fleux. 2/ Kompakte Systemkamera PEN E-PL8, ca. 595 Euro. Olympus. 3/ Uhr mit roséfarbenem Zifferblatt, ca. 5750 Euro. Rolex. 4/ Metallik-Pumps mit Blockabsatz, ca. 490 Euro. Miu Miu. 5/ Limitierte Vase Wedgwood, ca. 7500 Euro. Lee Broom über Harrods.

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Contemporary design was uns jetzt vom Hocker haut


© LE DUO

Shell

Capo

Barcelona

(Hans Wegner / Carl Hansen & Søn)

(Doshi & Levien / Cappellini)

(Ludwig Mies van der Rohe / Knoll)

Masters

Vegetal

Swan

(Philippe Starck / Kartell)

(Erwan und Ronan Bouroullec / Vitra)

(Arne Jacobsen / Fritz Hansen)

Acapulco

Up 5 & 6, La Mamma

RAR

(Ok Design)

(Gaetano Pesce / B&B Italia)

(Charles & Ray Eames / Vitra)


ID-INTERVIEW

»Wir sind Designverleger. Der Weg, das Machen und dann am Ende ein Produkt in der Hand zu halten sind das Schönste für uns.« Patrick L’hoste, Pulpo

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Ursula und Patrick L’hoste in ihrem Haus in Lörrach, wo sie vor über zehn Jahren ihr Designlabel Pulpo gründeten. © CHRISTIAN SCHAULIN


ID-INTERVIEW

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1/ Keramikvase Maket aus der neuen »Tableware«-Kollektion, Design: Hermann August Weizenegger. 2/ Tischleuchte Steel Drop, Schirm aus Lochblech, Design: e27. 3/ Karaffe aus der Serie »Potpourri«, mundgeblasenes Glas, Design: Meike Harde. 4/ Vasen Container, gefärbtes, versilbertes Glas, Design: Sebastian Herkner. 5/ Beistelltisch Trio, Stahlblech, Design: Julian Appelius. 6/ Leuchte Oda, mundgeblasenem Glas, Design: Sebastian Herkner. 7/ Sessel Pow und Bang, Design: Hermann August Weizenegger.

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Von ihrem Hauptquartier an der Schweizer Grenze mischen Patrick und Ursula L’hoste die deutsche Designszene kräftig auf: Für ihr Label Pulpo angeln sie sich immer wieder die besten Gestalter Deutschlands und überraschen mit ebenso eigenwilligen wie schönen Möbeln, Leuchten und Objekten. Ihre kürzlich lancierte Accessoire-Kollektion »Tablescapes« beweist: Die beiden können wirklich alles – außer langweilig. Interview Maja Groninger + Johannes Hünig

Wir sind in ihrem pop-up-Store, den sie anlässlich des London design festivals in shoreditch eröffnet haben. wie kam es dazu? Patrick L’hoste (P. H.): Das hier ist eine ganz wichtige Geschichte für uns. Wir, als Marke Pulpo, wollen künftig eigene Läden eröffnen. Der Pop-up-Store hier ist ein Testballon für uns: In London wollen wir lernen und schon mal erste Erfahrungen sammeln.

Sie zeigen erstmals die fabulously awesome »tableware« Collection mit produkten von Ferréol Babin, Studio Furthermore und Sebastian Herkner. Gute namen – gute kollektion ? Ursula L’hoste (U. H.): Auf jeden Fall. Wir freuen uns wahnsinnig, dieses Mal auch in­ ternationale Designer mit im Boot zu haben.

Die Kollektion ist so individuell wie ihre Ge­ stalter und die Materialien – Glas, Bronze, Keramik und Holz – vielfältig und einzigartig.

Unser Eindruck ist, dass table­ scapes entgegen dem Trend zur skandinavischen Reduziertheit eher postmodern verspielt ist. P. H.: Genauso ist es. Die Postmoderne, die 80er Jahre sind, glaube ich, eine Wiederent­ deckung wert. Die Farben und die Materiali­ en sind toll, zum Beispiel diese Lavastruktur, die man lange nicht gesehen hat. Und die auch eine echte Herausforderung war – wir haben dafür ewig im Labor experimentiert. Das ist im Übrigen etwas, das bei uns oft passiert: Wir haben riesigen Spaß am Ent­ wickeln, am Ausprobieren, auch wenn man ­viele Ideen wieder verwerfen muss, um am Ende die einzige gute realisieren zu können.

Holz ist eines der wenigen Materialien, um das sie bisher einen bogen gemacht haben. Warum? P. H.: Wir haben uns bisher noch nicht range­ traut, weil wir einfach noch keinen richtig ­guten Holzproduzenten gefunden haben. So konnten wir die Entwürfe, die an uns range­ tragen wurden, nicht derart umsetzen, dass es gepasst hätte. Aber das wird sich jetzt vielleicht ändern.

Erzählen sie uns etwas über pulpo, wie beschreiben sie ihre marke? U. H.: Wir sind ein Designverlag. In Frank­ reich gibt es dafür ein schönes Wort: Édi­ teur, also Verleger. Im Deutschen ist dieser Begriff noch nicht so etabliert.

Designverleger – wie kann man sich diesen job vorstellen ? P. H.: Das heißt konkret: Wir entwickeln Pro­ dukte gemeinsam mit verschiedenen Desi­‑

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»Die Postmoderne, die 80er Jahre sind in Bezug auf Design eine Wiederent­ deckung wert.«

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»Wir können nur erfolgreich mit jemandem zusammenarbeiten, wenn die Chemie stimmt.« gnern und vertreiben sie. Wir haben keine eigene Produktion, sondern arbeiten mit einzelnen Manufakturen zusammen. Oft bringen die Designer auch schon Kontakte zu den Herstellern mit. Dann ist die Frage: Wer kann was? Wer ist bei welchem Materi­ al spitze? Viele unsere Produkte haben die­ sen handwerklichen Aspekt: Es ist nicht alles Hochglanz und Perfektion, dafür aber sehr individuell. Man sieht: Das kommt nicht hin­ ten aus dem 3-D-Drucker raus. Und: Alles wird in Europa hergestellt.

lassen Sie den designern vollkommen freie hand, oder kommt es vor, dass sie eingreifen? P. H.: Das ist wie ein Pingpong-Spiel. Manch­ mal wird es genau dann spannend, wenn es in der Produktion hakt, etwa wenn eine Fir­ ma anruft und sagt: Bis hierher können wir

1/ Beistelltische und Schalen Mila, glasierte Ke­ramik, Design: Sebastian Herkner. 2/ Ursula L’hoste im Pulpo-Studio in Lörrach. Im Nachbarort Weil am Rhein entsteht bald das neue Haupt­quartier der Marke – nicht weit von Vitra. © CHRISTIAN SCHAULIN

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ID-INTERVIEW

das so fertigen, aber jetzt haben wie Probleme. Dann gehen wir mit den Designern hin und fragen: Wie muss der Entwurf sein, damit es gut funktioniert? Das ist ein toller Prozess, und am Ende entstehen genau auf diese Weise die interessantesten Entwürfe.

Sie kommen beide nicht aus der Designbranche, oder? U. H.: Stimmt. Ich habe vorher im Marketing bei McDonalds gearbeitet, übrigens hier in London, und Patrick hatte eine eigene Musikschule – auch tolle Jobs, aber wir hatten Lust auf etwas Neues und auf die Freiheit, die eine eigene Firma mit sich bringt. Natürlich ist nicht immer alles leicht, aber wir­ sind niemandem Rechenschaft schuldig, das fühlt sich auch nach gut elf Jahren Pulpo immer noch richtig an.

War der anfang nicht aufregend? P. H.: Natürlich. Das hat sich angefühlt wie der Sprung ins kalte Wasser. Wir hatten nur ein einziges Produkt, einen Wandhaken! Trotzdem haben wir uns gesagt: Komm, das machen wir jetzt. Das war der Startschuss.

Wo sehen Sie pulpo im Vergleich zu den grossen Designlabels? U. H.: In einer kleinen, komfortablen Nische. Wir haben mit Pulpo ja erst vor elf Jahren angefangen – die fetten Jahre, die die großen Labels hatten, fehlen uns natürlich. P. H.: Dafür sind wir super wendig und können viel mehr ausprobieren. Mit sieben

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»Eine Woche auf der Messe kann einem echt den Zahn ziehen, aber wir wollen uns zeigen und wachsen.« Mit­ar­beitern haben wir ein überschaubares Team, das hält uns beweglich.

Wie ist es, mit unterschiedlichen Designern zusammenzuarbeiten? P. H.: Immer wieder spannend. Es geht bei uns recht familiär zu, jeder redet mit jedem. Das ist für uns auch ganz wichtig: Wir sind nicht abgehoben, dafür sehr nahbar. U. H.: Wir können tatsächlich nur erfolgreich mit jemandem zusammenarbeiten, wenn die Chemie stimmt. Außerdem spielt Spaß an der Arbeit eine wahnsinnig große Rolle.

Ist das auch der Grund, warum einige der besten Gestalter Deutschlands, etwa sebastian herkner, bei Ihnen vertreten sind? P. H.: Nein, das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber es ist uns einfach so passiert. Wir geben keine Briefings raus, wir machen keine Pitches – das gibt’s bei uns alles nicht. Dafür kommt sehr viel aus dem Bauch, oder die eine Bekanntschaft ergibt sich ganz natürlich aus der anderen. U. H.: Vielleicht hilft es, dass wir beide sehr experimentierfreudig sind und immer offen für Neues. Ich würde auch sagen, dass wir ­relativ viel Mut haben, das hilft …

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Und was haben Sie vielleicht unterschätzt, als Sie in die Designbranche gestartet sind? P. H.: Ich ziehe meinen Hut vor allen, die als Aussteller noch mehr Messen stemmen als wir. Eine Woche auf dem Messestand – das zieht einem echt den Zahn! Spaß macht es trotzdem: Man will sich ja zeigen, will wachsen. Und wir sind es natürlich auch unseren Designern schuldig, alles zu geben.

Wo sehen sie sich in den nächsten ein, zwei jahren? P. H.: Ein Punkt sind, wie anfangs erwähnt, die eigenen Shops. Und dann steht noch ein Neubau an: Wir vergrößern uns und bauen ein Haus für Pulpo, mit Büro, einem Lager, einem Fotostudio. Das Grundstück dafür ­ liegt nicht weit von Lörrach in Weil am Rhein, wo Vitra ansässig ist. Wir befinden uns dort dann also in allerbester Nachbarschaft.

Stichwort Herkner, war er eine art beschleuniger für ihre Marke?

Gibt es ein Produkt, dass sie gerne im pulpo-Portfolio hätten?

U. H.: Sebastian war ein echter Glücksfall, ein Motor für Pulpo. Seine Entwürfe, wie zum Beispiel die Leuchte Oda aus mundgeblasenem Glas oder auch die Keramiktische Mila treffen gestalterisch irgendwie einen Nerv der Zeit und haben uns bekannt gemacht.

U. H.: So einiges. Spontan fällt mir da ein Fertighaus ein, außen und innen mit Pulpo-Design ausgestattet. Übergangsweise würde es aber auch erst mal ein Gartenhäuschen tun.

Was ist das schönste an ihrem Beruf?

1/ Statuette Giraffe aus der neuen »Tableware«Kollektion, Bronzeabguss eines Papiermodells, Design: Kai Linke. 2/ Leuchte Boule, mund­ geblasener Glaskörper auf Porzellansockel von Rosenthal, Design: Sebastian Herkner.

P. H.: Das Machen, der Weg und dann am Ende ein Produkt in der Hand zu halten.


ID-YOUNG DESIGNER

Elenas fantastische Welt Geschöpfe wie aus Fantasyfilmen, Ornamente wie exotische Blätter: Mit ihren Kreationen avanciert Elena Salmistraro zur Magierin der jungen Designszene.

Bosa, die die Designerin und Illustratorin Elena Salmis-

Von Camilla Péus

für den ­persönlichen Stil der 34-Jährigen, die an jedem

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traro den wilden Geschöpfen nachempfunden hat. Detailreichtum, fein aufeinander abgestimmte Farbtöne und dekorative Texturen sind typisch für die Arbeiten – und Finger ­einen Ring und mindestens ebenso viele Tattoos

in blaubäckiger Mandrill, eine Goldmeerkatze

trägt. Sich selbst bezeichnet sie als »aufmerksame Be-

und ein spitzbärtiger De-Brazza-Affe waren ­die

obachterin der Natur und ihrer fantastischen Farb- und

heimlichen Stars der diesjährigen Mailänder Mö-

Formenpracht«. So inspirierten sie etwa die Silhouetten

belmesse. Wer ihnen begegnete, bewunderte ihre Physio­

spitzer Kakaobohnen zu ihren jugendstilartig geschwun-

gnomie, die goldenen Fellkronen und leuchtenden Far-

genen Relieffliesen Dornette Corcoa. Die Kombination

ben. ­Dabei handelte es sich nicht um drei aus dem Zoo

von ­traditionellen Handwerkstechniken und Hightech

entlaufene Primaten, sondern um Keramikvasen von

ist ­für sie dabei selbstverständlich: »Für meine Desi­gner-

Ausdrucksstarke Farben, Muster und Texturen sind ein fester Bestandteil des Design- und Modestils der Mailänder Gestalterin Elena Salmistraro.


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ge­nera­­tion ist es unerlässlich, dass man Vergangenheit

mit Schoko-Muffin in ihrer Lieblingsbar – findet die Ge-

und ­Zukunft verbindet«, sagt die Absolventin des Mailän-

stalterin in ihrem Atelier im Mailänder Navigli-Viertel.

der Politecnico, die 2017 den »Best Emerging Designer

»Dort ist es normalerweise ziemlich chaotisch – so wie

Award« des ­Salone del Mobile gewann. »Uns stehen neu-

ich«, sagt Elena Salmistraro und lacht. »Vor einem neu-

este Fertigungsarten zur Verfügung – also sind wir im

en Projekt versuche ich aufzuräumen. Wenn es beendet

gewissen Sinne auch dazu verpflichtet, diese zu nutzen –

ist, gleicht das Studio dann wieder einem Schlachtfeld.«

allerdings ohne Sklaven dieser Techniken zu werden.«

Teil des kreativen Kosmos sind jede Menge Zeichenstifte, mit denen erste Projektskizzen, aber auch eigenständige

Innovatives Design, humorvolle Illustrationen

Kunstwerke entstehen. Ihr expressiver Strich ist zu i­ hrem

Ihre ausdrucksstarken Möbel und Objekte für namhafte

Markenzeichen geworden: So bemalte sie Porzellan­hände

Firmen konzipiert Elena Salmistraro eher als Kunst- denn

des Künstlers Mimmo Paladino mit Schamanen-­Figuren

als Gebrauchsobjekte. Zu ihren neuesten Kreationen

und Tapeten mit Hunderten von Spechten und Dinosau-

­zählen eine Bürsten-Armee chinesischer Krieger aus­

riern, die mit Abstand betrachtet zu grafischen Mustern

dem 3-D-Printer für Alessi, pastellfarbene Glas-Kera-

mutieren. Ihre Affenbande hat sich übrigens auch ver-

mik-Leuchten als Hommage an Giorgio Morandi für

mehrt: Jetzt bevölkern die Kreaturen in gezeichneter

Seletti oder das an einen Zyklop erinnernde Kabinett für

Form ein komplettes Porzellanservice – und machen als

De Castelli. Ruhe zum Arbeiten – nach einem Frühstück

exotische Dinner-Gäste von sich reden.

1/ Kakaobohnen waren Vorbild für die Fliesen Dornette Cocoa (Bosa). 2/ Einen tierisch guten Messestand schuf die Designerin für Bosa und ihre Kollektion »Primates« auf der Maison & Object in Paris. 3/ Erste Ideen für ihre Affen-Vasen skiz­zierte sie während einer TV-Dokumentation über Primaten. © TIZIANO ROSSI 4/ Bodenkissen Belte mit Metallgürtel (My Home Collection).

Elena Salmistraro. elenasalmistraro.com

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ID-MANUFAKTUR

Hot Stuff In einer Manufaktur nördlich von Venedig fertigt das Familienunternehmen MCZ zeitlos schöne Kamine, die gemütliches Feuerprasseln als Teil moderner Architektur inszenieren. Von Katharina Eidam

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in glutleuchtendes Glasfenster, elegant gerahmt in Stahl: Kaum etwas erinnert bei den minimalistischen Kaminöfen der Gegenwart noch an archaische Feuer­ stätten von früher, die unseren Vorfahren Leib und Seele wärmten. Aber das wohli­

ge Gefühl, das nur ein loderndes Feuer im Wohnzimmer auslösen kann, ist das gleiche geblieben – auch wenn sich die Ansprüche an Funktion und Ästhetik radikal gewandelt haben. Wohl kaum ein Hersteller folgt dieser Erkenntnis so konsequent wie der italie­ nische Kaminspezialist MCZ, kurz für Manufatti Cemento Zanette. Gegründet 1975, ist das Unternehmen bis heute im Besitz der Gründerfamilie Zanette, die in den 70er Jahren als Hersteller für Zementerzeugnisse begann und sich später mit gemauerten Grillkaminen (uaaaah!) und offenen Feuerstellen einen Namen machte. Heute gestal­ ten die Italiener am Stammsitz nördlich von Venedig Heizkamine, die sich mit ihrem minimalistischen Design optisch im Hintergrund halten – die Flammen selber spielen die Hauptrolle. Flaggschiff der Kollektion ist der neue Holzkamin Plasma, ein Kamin­ einsatz mit Fronteinsicht oder mit zweiseitiger Verglasung, die einen geradezu poeti­ schen Blick durch die Flammen hindurch in den Nachbarraum ermöglicht. Unsichtba­ rer Benefit zum puristischem Feuer im Kasten: Die Öfen und Kamine erfüllen neueste Emissionsrichtlinien. Denn die hermetische Brennkammer verbraucht keinen Sauerstoff aus dem Raum, sondern führt Luft ausschließlich von außen zu, was sie selbst für die Wohnräume von Passivhäusern qualifiziert. Dazu kommen moderne Jäger und Samm­ ler hervorragend mit der Kaminsteuerung mit dem sprechenden Titel Easy Going­ klar – absolute Feuer-Dilettanten übrigens auch.

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Kamineinsatz Plasma zur Holzfeuerung. Ab ca. 3300 Euro. © MCZ

MCZ. mcz.it/de


DRINK RESPONSIBLY


ID-WORKSHOP STUDIO

Im Doppel bühnenreif Wenn im All zwei Sterne aufeinanderprallen, entsteht ein Feuerwerk. Wenn etwas Ähnliches auf der Erde passiert, entsteht – alle paar Jahrzehnte –­ ein neuer Stil. Studiopepe liefern mit ihrem Projekt The Visit den Beweis. Von Tina Schneider-Rading / Fotos Andrea Ferrari

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ie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei junge Frauen zehntausend ­Kilometer weit weg von ihrer Heimatstadt zufällig über den Weg laufen? Mexiko, 2006: ­Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto sind Absolventin-

nen der Politecnico­-Universität in Mailand. Jede für sich macht allein Urlaub an einem einsamen Abschnitt der Pazifikküste. Rein zufällig treffen sie aufeinander. Sie kommen ins Gespräch – und gehen ihren Weg ab sofort gemeinsam. Zunächst im Urlaub, später als Designstudio. Heute sind sie die Marke, deren ­Raffinesse jeden Interior-Profi zum Schwärmen bringt. »Das ist total Studiopepe!« Unter Stylisten ist dies längst ein Ritter­ schlag. Der Name übrigens ist ein Souvenir aus frühen Tagen: Arianna Lelli Mamis ­erstes Büro war in der Via Pepe. Mit dem Projekt The Visit setzten sich Studiopepe während der Mailänder ­Möbelmesse im April selbst ein Stildenkmal. Dafür krempelte das Duo eine Wohnung im Kreativquartier Brera um, das normalerweise für Meetings und Konferenzen gemietet werden kann. Studiopepe staffierte die hundert Quadratmeter in der Via Palermo zu einem kompletten Zuhause aus, und zu was für einem! »Wir erzählen ein modernes Märchen«,

Linke Seite Seit 2006 lassen Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto (rechts) designmäßig die Puppen tanzen. Hier posieren sie vor einem Samtvorhang im Mai­‑ länder Show-Apartment The Visit. 1/ Studiopepe inszenieren Schaubilder, deren DNA aus hochwertigster Verarbeitung, raffinierten Farbtönen und klassischen Materialien besteht. Wandschirm aus Holz, von ­ Spotti Edizioni, Marmortisch von Agapecasa. 2/ Die Liebe zur Geometrie wird in dieser Raumecke voll ausgelebt.

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Matt trifft glänzend: Im Wohnzimmer bilden Farbflächen auf Wand und Boden die Bühne für ein Kaleidoskop an Möbelklassikern, etwa für die Reedition von Gio Pontis Sessel D.153.1 (Molteni) oder den Hocker von Herzog/ de Meuron (Vitra). Wand­objekt und Teppich von Studiopepe (cc-tapis).


ID-WORKSHOP STUDIO

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beschreiben sie das Konzept. Tatsächlich beginnt ein Rundgang gekonnt theatralisch: Man betritt die Wohnung durch die Küche, ein roter Samtvorhang verkleidet hier sämtliche Wände. »Egal, ob Schaufenster, Fotostyling oder privates Apartment: Farbe spielt bei uns immer die Hauptrolle. Die Möbel kommen erst später dazu.« Studiopepe ­bedienen sich einer zeitgemäßen Farbpalette und setzen große geometrische Flächen an den Wänden so, dass die Töne von Raum zu Raum ineinander übergleiten und immer wieder neu Tiefe erzeugen.

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Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafraum und Bad: Mit The Visit schafften sich S­ tudiopepe ein dreidimensionales Portfolio. »Wir hatten bei der Planung Menschen im Kopf, die in der City wohnen. Und die ihr Zuhause als ›urban shelter‹ schätzen, als ihren persönlichen Schutzraum mitten in der Stadt.« Der Altbau mit Stuckdecken, Flügeltüren und Fischgrätparkett erlaubt Modernität, aber auch Reminiszenzen an große Meister des Bauhaus, des Mid-Century Design oder der Memphis-Gruppe. Diese Stildekaden zu ­einem homogenen Bühnenbild zusammenzustellen gleicht einem komplizierten Puzzle. »All die ausgewählten Möbel und Accessoires stehen für Exzellenz in Sachen Design«,

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2 1/ Große Farbflächen mogeln Tiefe an die Wand. Die Räume im Design-Apartment gehen auch farblich ineinander über, der weiß getünchte Türrahmen fängt das nächste Zimmer schon mal als Bild ein. Konsole von Pietro Russo Design Studio, Spiegel von AYTM. 2/ Vorhang auf: Das Schlafzimmer serviert samtige Sinnlichkeit mit Faltenwurf. Bett von Spotti Edizioni.


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fasst das Interior-Duo den gemeinsamen Nenner zusammen. So trifft etwa Gio Ponti auf Jean ­Prouvé, Ettore Sottsass auf Angelo Mangiarotti. Diese Wohngemeinschaft ist hochklassig, bei aller Lässigkeit durchdacht inszeniert und dazu noch höchst unterhaltsam. Vielleicht weil hinter der Eleganz so viel Sinnlichkeit zu spüren ist. »Wir versuchen, bei der Auswahl der Materialien immer besonders mutig zu sein«, ­lüften Studiopepe ihr Geheimnis. Deshalb schimmern im Apartment Baumwollsamt, Messing und Marmor, dazu steuerten die beiden Teppiche und Wandobjekte aus Seide und ­Himalayawolle aus dem eigenen Atelier bei. Man dreht sich im Wohnraum einmal um die ­eigene Achse und lässt sich von dem Spiel aus Geometrie, Farbe und Haptik m ­ itreißen. »Dein Zuhause ist ein Spiegel dessen, was du bist«, ist ein Studiopepe-Credo. Ihre ­Wohnung ist für die beiden Designerinnen die gegenständliche Darstellung ihrer ­Persönlichkeit. Damit deren Ausstrahlung reifen kann, braucht sie immer wieder neue ­Inspiration: in Form von Kunstobjekten, einem einzelnen Gemälde, einem Film, oder einem Outfit. Arianna und Chiara gönnen sich deshalb trotz Auftragsflut genügend ­Freiraum – und hohen Himmel. Zu finden beispielsweise in Mexiko.

3/ Farbe und Materialien werden erst lebendig, wenn das Licht stimmt. Dabei darf das Leuchten­ design bei aller Opulenz rundum gern zurückhaltend sein. Lichtleiste von Lambert & Fils. 4/ Ihr Stil: lässig distanziert. Ihre Wirkung: wie ein Sog. Arianna Lelli Mami (links) und Chiara Di Pinto liefern Szenenbilder für Schaufenster, Fotoproduktionen, Ausstellungen und private Räume.

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ID-LABEL

Setzen, Eins! Von Christiane Tillmann

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Ganz schön ehrgeizig: Thomas Ibsen will das dänische Design mit seinem Label Please wait to be seated um ein paar neue Klassiker bereichern. Könnte klappen. Please wait to be seated klingt ungewöhnlich. Wie kam es zu dem Namen? Ich war mit einem Freund in einem Restaurant, als er ein Schild mit der Aufschrift »Please wait to be seated« entdeckte. Ich dachte gleich: Warum nicht? Sollten wir jemals PR für unser Label bekommen, würden sich die Kunden an einen tollen Restaurantbesuch erinnert ­fühlen – nicht so schlecht. Der Name impliziert für mich neben dem Bezug zu Möbeln Höflichkeit, Humor und dass es sich lohnt, auf etwas Gutes zu warten.

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Sie waren früher Interior-Fotograf – wieso haben sie die Seiten gewechselt? Stimmt, ich habe zehn Jahre lang in London für verschiedene Magazine gearbeitet. Eine prima Zeit. Während ich Kataloge für Firmen wie Gubi oder Fritz Hansen ­produzierte, begann ich, mir selbst neue Designs auszudenken. So kam der Gedanke eines eigenen Interior-­ Labels für gutes Design auf.

War es nützlich, schon mit der Welt der Möbel vertraut zu sein? Ja, denn ich sehe direkt, ob etwas richtig oder falsch ist. Manchmal denke ich: Wow, das ist richtig gut! Das ist neu, besonders. Ein anderes Mal ist es eben nur ein weiterer Tisch oder Stuhl. In der Zeit als Fotograf habe ich ein gewisses Gespür dafür entwickelt.

Und auf was konkret? Neue dänische Klassiker, die auf hochwertigem Handwerk, modernem Design und den alten Mid-CenturyIkonen basieren.

Gibt es ein Erfolgsrezept für klassiker? Leider nicht. Ich glaube, es braucht einfach etwas Vertrautes und obendrauf etwas Modernes, Neues. Ein Schuss Geschichte plus Gegenwart. Ob es nachher funktioniert, weiß man nie.

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Trotzdem überlassen sie das Entwerfen anderen. Warum? Die Zusammenarbeit zwischen mir und den verschiedenen Designern funktioniert prima. Manchmal habe ich eine Idee, dann zeichne ich sie auf und gebe sie weiter, so wie bei unserem Pinboard Nouveau vom Design­ büro All the way to Paris. Ich finde es toll, wenn viele schlaue Köpfe an einer Sache sitzen. Das bringt die besten Ergebnisse. Warum sollte ich das ändern?

1/ Wer hätte das gedacht? Thomas Ibsen (rechts) ist der Mann für die Optik, Peter Mahler Sørensen der für die Zahlen. 2/ Wand­leuchte Planet von Mette Schelde für PWtbS. 3/ Beistelltisch Kanso von Laura Bilde für PWtbS. Rechte Seite Thomas Ibsen weiß, wie er Möbel in Szene setzt: Tischlampe Blooper von Mette Schelde für PWtbS, Stuhl Spade von Faye Toogood, Pinboard Nouveau und Wall Box von Ludvig Storm (alles PWtbS). Stuhl Eiermann SE 68 (Wilde+ Spieth), Tisch Eiermann 1 (Richard Lampert), erhältlich über PWtbS.

pleasewaittobeseated.dk


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ID-SWISS DESIGN

Starke Haltung zur Gestaltung Erfindungsreich, präzise, verspielt – Schweizer Design ist viel mehr als nur funktional. Bei einem Gipfel‑ ­treffen hoch über Zürich diskutieren acht Gestalter darüber, ob es nationales Design überhaupt gibt, ihre Vorreiterrolle in einer Erfinder-Nation und darüber, was die Zukunft bringen wird. Von Stephanie Ringel

Liegt wirklich nur hier auf der (faulen) Haut: Alfredo Häberli, der das Sofa DS-373 (De Sede) in fünf Milli­meter dickes Leder hüllt.

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Aurel Aebi/Atelier Oï In ihrem »Moïtel« in La Neuveville arbeiten Aurel Aebi, Armand Louis und Patrick Raymond an Möbeln und Leuchten, gestalten Häuser, Messe‑ stände oder Showrooms. Der Name ist Programm: Atelier Oï leitet sich von Troika ab, dem klassischen Dreier­gespann. Typisch für das Design der Multitalente: Materialexperimente und Poesie.

Jörg Boner Jörg Boner kombiniert technologisches Know-how mit Ästhetik und Funktionalität. Eine zentrale Rolle in Boners Entwürfen spielen Kartonmodelle, die auf der Grundlage von digitalen 3-D-Visua­li­‑ sier­ungen entstehen – als Annäherung an die phy­sische Präsenz der späteren Produkte. Jörg Boner lebt und arbeitet in Zürich. joergboner.ch

Alfredo Häberli Alfredo Häberli, der wohl bekannteste Schweizer Designer mit Büro in Zürich, entwirft alles – vom zeitlosen Kindergeschirr bis zum farbenprächtigen Hotelinterieur. Das Sofa TT für Alias oder das Geschirr Origo für Iittala sind längst moderne Klassiker. Das Credo des gebürtigen Argentiniers: »Beobachten ist die schönste Form des Denkens.« alfredo-haeberli.com

Ihre Möbel spielen die Hauptrolle. Sie selbst bleiben lieber im Hintergrund, obwohl eini­ge ihrer Entwürfe längst moderne Klassiker sind. Auf Einladung des Architekten und­­ De­si­gners Stefan Zwicky trafen sich im Vor‑ feld der Messe Neue Räume 17 Aurel Aebi von Atelier Oï, Alfredo Häberli, This Weber, Moritz Schmid, Charles O. Job, Stephan Hürlemann und Jörg Boner. Das Restaurant uniTurm der Universität Zürich ist hoch über der Stadt gelegen und bietet einen grandio‑ sen Ausblick auf die schneebedeckte Alpen‑ kette. Ein guter Ort, um von hier aus die ­Ideen fliegen zu lassen.

aber nur für die Deutschschweiz – nicht für das Tessin oder die Romandie. Deren Kul‑ turen sind anders, viel poetischer und ver­ schwen­derischer im Ausdruck. Darum ist es wichtig, Schweizer Design nicht auf die Per‑ fektion à la Victorinox-Taschenmesser zu re‑ duzieren, sondern zu verstehen, dass wir auf kleinem Raum ganz viele Einflüsse haben.

Welchen Denn?

atelier-oi.ch

Ein kleines Gedankenexperiment: mal vorausgesetzt, wir sehnen uns nach Design, weil es uns an gute Eigenschaften erinnert. Welche wären das bei typisch schweizerischer Gestaltung? Aurel Aebi (A. A.): Für mich ist Schweizer Design Präzision und Einfachheit. Das gilt

Man hört oft über Schweizer Design, dass es sehr rational sei. Die Gestalter gehen sparsam mit Material um, verwenden dünne Hölzer und wenig Metall. Wie kann man in der Tradition bleiben und trotzdem begehrenswerte Möbel entwerfen? Jörg Boner (J. B.): Ich bin der gleichen Mei‑ nung wie Aurel. Dass es Schweizer Design überhaupt gibt, habe ich erst an der Design‑ hochschule ECAL in Lausanne gemerkt. Dort lernte ich französische Designer kennen. Die haben einen ganz anderen Gestaltungsansatz.

J. B.: Bei den Tessinern oder Westschweizern kann man eine schöne Linie zeichnen – und sie ist gut, weil sie schön ist. Es ist meiner Meinung nach falsch, den Deutschschweizer Mythos auf das ganze Land zu übertragen.­ In der Schweiz gab es lange keinen Platz für Design. Wir hatten gute Brückenbauer, die schöne Formen geprägt haben. Über die Ingenieure der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH konnte man Gestaltung ein‑ f­ach besser verkaufen. Charles O. Job (C. J.): Ich komme aus Nige‑ ria. Bevor ich in die Schweiz zog, hatte ich keine Ahnung von Schweizer Design. Ich war von seinem Ruf fasziniert. Als ich dann This ­Weber kennenlernte, stellte ich fest, dass Erfindungsgeist ein wesentlicher Aspekt ist.

Gutes Schweizer Design definiert sich über Erfindung? C. J.: Ja. Für Reduziertheit stehen auch die Skandinavier. Aber Erfindungen – und die

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1/ Schaukelsitz Swing Boat von Atelier Oï (Louis Vuitton). 2/ Sessel Roya von Jörg Boner (Wogg). 3/ Leuchte Nox von Alfredo Häberli (Astep).

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ID-SWISS DESIGN

Charles O. Job Charles O. Job stammt aus Lagos (Nigeria), stu­‑ dierte in Oxford und arbeitete als Architekt in London, bevor er nach Zürich kam. Er unterrichtet Designtheorie in Bern und gestaltet Architektur, Möbel und Leuchten. Sein Entwurf für den Schwei­‑ zer Pavillion anlässlich der Biennale in Venedig 2018 gewann kürzlich den zweiten Platz. charlesjob.com

Moritz Schmid Beobachten, verstehen, hinterfragen: Moritz Schmid war gerade 25 Jahre alt, da zählte das Magazin »Wallpaper« den Zürcher zu den Top 20 der auf­‑ strebenden Designer. Seine Entwürfe verraten Sinn für Materialien und ungewöhnliche Details, so etwa das Möbel Etage (Röthlisberger), eine tolle Kombination von Sideboard und Regal. moritzschmid.com

This Weber Komplexe Dinge einfach machen – das ist die Maxime des Zürcher Produktdesigners. Weber entwirft für italienische und Schweizer Firmen und sieht Design nicht als etwas Elitäres, sondern für jedermann Zugängliches. Einige seiner Möbel sind in der von Alfredo Häberli für Atelier Pfister kura­‑ tierten Kollektion erhältlich. thisweber.com

kommen oft aus dem Ingenieurswesen – sind für mich typisch schweizerisch. Jörgs Stuhl für Wogg beispielsweise: Man sieht es nicht mit bloßem Auge, doch Rahmen und Polster sind auf raffinierte Art neu konstruiert. Und USM ist mit einem Systemmöbel berühmt ge‑ worden, das aus Kugeln und Stäbchen zu‑ sammengehalten wird. Stephan Hürlemann (S. H.): Ich kann keinen formalen Stempel auf Schweizer Design drü‑ cken. Schweizer Designhersteller haben eine gewisse konservative Art. Sie sind eher zu‑ rück­haltend, aber gleichzeitig extrem kos‑ mopo­litisch. Beispielsweise Horgenglarus – eine Marke aus den Glarner Bergen, die auf Bugholzstühle spezialisiert ist. Die sind sehr traditionsverbunden und gehen trotzdem voller Stolz in die Welt hinaus. Ihre Möbel sind emotional aufgeladen und gleichzeitig sachlich. Ich sehe uns Gestalter als Zeitzeu‑ gen. Wir sind beeinflusst von Millionen Bil‑ dern, se­hen japanisches, italienisches, süd‑ amerikanisches Design. Das prägt unser Auge.

Stefan Zwicky (S. Z.): Ich habe das Gefühl, das Schweizer Erbe geht womöglich zurück auf die 1930er, 1940er und vor allem die Nach‑ kriegsjahre – auf die sogenannte »gute Form«.

Bewilligung, sonst dürfe ich nicht hin. Also habe ich mich krankgemeldet und bin trotz‑ dem gefahren. Als ich nach drei Tagen zu‑ rückkam, sagten die Lehrer: Achtung! Das ist modisch! Ich hatte viele Zeitschriften ge‑ kauft. Darin war japanisches Design abgebil‑ det – das hatte ich noch nie gesehen! Diese Zeitschriften habe ich immer noch, denn sie haben mich enorm geprägt und mir die Au‑ gen geöffnet. S. Z.: Der Schweizer Gestalter Kurt Thut sagte nach einer Möbelmesse: Die Italiener dürfen alles bauen. Sie sind Katholiken und ­ge­hen im Nachhinein einfach beichten. Wir können das nicht, unsere Gestaltung muss gut sein.

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Sind eventuell nationale Tugenden wichtig? S. Z.: Meiner Meinung nach ja. Man arbeitet gerne mit den Schweizern zusammen, weil sie pünktlich, zuverlässig und genau sind. A. A.: Wir bei Atelier Oï verfolgen Arbeits‑ prozesse ganz genau. Wenn wir mit einem Glasbläser ein Produkt entwickeln, sind wir bei ihm vor Ort, schauen ihm über die Schul‑ ter. Wir quatschen nicht rum oder so. Es ist wichtig, dass man nicht nur die Idee skizziert, sondern auch den kreativen Prozess seriös begleitet. Ordnung und strukturiertes Arbei­ ten haben wir in der Schule gelernt. Alfredo Häberli (A. H.): Im ersten Jahr mei‑ ner Ausbildung, das war 1986, wollte ich zur Möbelmesse nach Mailand fahren. Es hieß vonseiten der Schule, ich brauche dafür eine

Erforscht ihr, wie sich Leben und Wohnen verändern, um daran eure Gestaltung zu orientieren? S. H.: Ich bin Architekt und Designer. Meine Produkte entstehen aufgrund neuer Bedürf‑ nisse. Wenn sich Rituale verändern, etwas nicht gut funktioniert oder einfach nicht

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1/ Sekretär Seq von Charles O. Job (Mox). 2/ Aufbewahrungsmöbel Etage von Moritz Schmid (Röthlisberger). 3/ Sessel Kite von This Weber (Intertime).

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© PORTRAITS BENJAMIN KURTZ / NEUE RÄUME

mittlerweile Sofas, ohne vorher darauf Probe zu sitzen.

Stefan Zwicky Stefan Zwicky ist so breit aufgestellt, dass es schwerfällt, ihm einen Stempel aufzudrücken. Er ist Architekt und Innenarchitekt, macht Ausstellungsbau und Möbel – etwa für Wogg, Röthlisberger oder de Sede. 2005 publizierte er das Schweizer Möbellexikon, ein Handbuch mit über 300 innovativen Möbeln und Leuchten. stefanzwicky.ch

Stephan Hürlemann Wenn der Zürcher Designer Sofas, Leuchten, Uhren oder Türgriffe konzipiert, orientiert er sich als studierter Architekt stets am Bauplan. Erst wenn die Struktur klug und nachvollziehbar ist, folgt die formale Beseelung. Seine Beobach­‑ tung: Eine Störung oder eine Merkwürdigkeit im Design verleiht dem Objekt erst den Charakter. huerlemann.com

schön ist. Wohnungsgrundrisse sind zum Bei­ spiel immer noch auf die klassische Familie ausgerichtet, auf ein Paar mit einem oder zwei Kindern. Das ist ein schwindendes Le­ bensmodell. Wir denken stattdessen über verschiedene Lebensphasen nach und darü­ ber, was die Menschen als Singles, Verheira­ tete oder Pflegebedürftige brauchen. J. B.: Ich forsche nicht. Ich entwerfe auch nicht für Grundrisse, sondern für Kunden. C. J.: Die Hälfte meiner Arbeitszeit unterrich­ te ich. An der Schule forschen wir zu Materi­ alien. Wenn ich für mich selbst arbeite, spie­ le ich gern – was eher unschweizerisch ist. S. H.: Die Frage ist doch, was für Produkte aus sich wandelnden Ritualen entstehen! S. Z.: Beispielsweise die Küche. Es ist ein Verlust, dass Kochen und Essen oft in einem großen Raum zusammengefasst sind. Man kann nicht mehr von Zimmer zu Zimmer ge­ hen. Wir kochen jetzt neben dem Sofa. C. J.: Das nennt sich Loft-Wohnung. This Weber (T. W.): Veränderungen kommen

ja nicht erdrutschartig, sondern entstehen subtil. Meiner Meinung nach können wir Schweizer gut subtile Probleme neu lösen: so präzise wie in den 50er Jahren, mit einer Erfindung hier und da, die man nicht sehen muss, die aber Einflüsse aus der ganzen Welt in sich trägt. A. H.: Trotzdem, verschiedene Länder haben verschiedene Formen. Die Skandinavier strei­‑ chen einmal im Jahr ihre Wände neu. Sie woh­nen farbiger, viel gemütlicher. Die Hol­ länder leben sehr offen. Die Schweizer be­ vorzugen rechteckige Esstische. Wenn ich reise, sehe ich auch die Unterschiede. J. B.: Die Wurzel des Designs ist doch, dass Entwürfe formal und inhaltlich ihre Zeit über­ dauern. Ich sehe unseren Beruf so, dass wir Dinge gestalten, die zehn Jahre oder länger halten. Man schaut sie an und denkt: Ich werfe den Stuhl nicht fort, er ist noch gut.

Wie verändert die Digitalisierung eure Arbeit? Wir kaufen ja

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C. J.: In Nigeria haben die Kinder ihre Spiel­ zeuge gebaut. Wir hatten keine Spielzeug­ läden. Man geht los, findet etwas und macht etwas daraus. Des­wegen glaube ich auch, dass Anfassen und Anschauen sehr wichtig sind. Mit meinen Studenten reise ich für zwei Wochen nach Ägyp­ten. Sie lernen dort unter anderem Lehmziegel herzustellen. Ich sage ihnen immer: Leg den Computer fort und lass uns etwas von Hand erschaffen. J. B.: Wir sollten dennoch ein entspanntes Verhältnis zur digitalen Welt finden. Es gibt doch längst Showrooms, wo man am Sams­ tagmorgen ein Sofa ausprobieren kann, nach­ dem man in der Cafébar nebenan einen ­Espresso getrunken hat. Bestellt wird dann von zu Hause, über den Computer. T. W.: Wir müssen einfach mehr bieten, ein echtes Erlebnis, damit die Menschen über­ haupt aus dem Haus gehen, um sich unsere Entwürfe live anzusehen. A. H.: Ja, die Leute müssen gelockt werden. T. W.: Das ist eine Herausforderung an uns. Ich vergleiche das mit Essen: Es soll immer besser oder raffinierter sein, doch einfache Küche wird auch zunehmend geschätzt. Wir sollten uns einfach darauf einstellen, dass wir tolle Produkte für wenig Geld entwickeln und noch viel tollere für viel Geld.

EINE SCHWEIZER DESIGNSCHAU BIETET VIELE CHANCEN: »Zusammenkommen, Zufallsbekanntschaften machen, etwas Neues kennenlernen.« Das erhofft sich Stefan Zwicky von der Messe Neue Räume, die es seit 2001 gibt. Der Zür­ cher Architekt und Designer veranstaltet das Event als Plattform für nationale und in­ ternationale Aussteller, für Schweizer Desig­ ner und deren Entwürfe. Auf der Messe, die alle zwei Jahre stattfindet, präsentieren rund 100 Aussteller aus 13 Ländern Möbel, Leuchten, Textilien, Rauminstallationen. Dazu werden Designtrends, neue Wohnideen und Produktinnovationen vorgestellt. Neue Räume 17, 15. bis 19. November 2017. ABB-Halle Zürich-Oerlikon.

4/ Holzstuhl Viena von Stefan Zwicky (Seledue). 5/ Leuchte Hello von Stephan Hürlemann (Belux).

neueraeume.ch

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ID-FASHION

Fake Fur Forever!

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Nichts für die Schafweide: Das walisische Mutter-Tochter-Gespann The Design Studio zielt mit seinen Bomberjacken aus Kunstpelz ganz klar auf die Laufstege der Modewelt.

gefragt wurde, welche Tubestation dieses ›Hawarden‹

Von Sarah Mangold-Lau

dank der großartige Möglichkeiten von Internet und So‑

W

cial Media von überall auf der Welt erfolgreich Geschäf‑

ist«, sagt Lettie grinsend. Bei The Design Studio ist sie

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für das Marketing zuständig und springt auch mal selbst als Model ein. »Wir sind der beste Beweis, dass man

enn Mütter für ihre Töchter nähen, kann

te machen kann.« Besonders Instagram war in der An-

das auch in die Hose gehen. Im Fall Sally

fangszeit das perfekte Medium, um die erste Kollektion

und Lettie Pattinson (was für Namen!) geht

gratis und unkompliziert bekannt zu machen.

es dagegen um die Jacke. Was mit der privaten Kleiderschrankausstattung der damals noch in Liverpool stu-

Die Kleidergröße ist unwichtig

dierenden Tochter Lettie begann, entwickelte sich schnell

Ein Post des Models Suki Waterhouse, ein Streetstyle­

zu einem beeindruckenden Geschäftsmodell. »Meine

foto von Schauspielerin Sophie Turner und ein Kompli-

Kommilitonen waren verrückt nach Moms grob gestrick‑

ment von Musiker Kanye West lenkten die Aufmerksam-

ten Cardigans«, erinnert sich die heute 23-jährige Lettie

keit auf das kleine Label. Das seither kaum mit den

an die Anfänge von The Design Studio, kurz TDS. Das

Bestellungen nachkommt: »Ich habe immer schon an

Duo entwirft kunstfellbesetzte Bomberjacken, die durch

meine Mutter geglaubt«, sagt Lettie, »ihre Designs sind

ihre starken Farben und den lässigen Schnitt auffallen –

einfach irre gut.« TDS trifft in verschiedenster Hinsicht

und sich verkaufen wie warme Semmeln. Sally Pattinson,

den Zeitgeist: Fake Fur statt Echtpelz, nur individuelle

die schon vor der Gründung des eigenen ­Labels über­

Einzelstücke, keine Massenware. Dazu ein Schnitt, des-

30 Jahre lang in der Modebranche gear­beitet hatte, ent-

sen Chic nicht von Kleidergrößen abhängt. »Klar, lassen

wirft und näht fast jede Jacke selbst. Mit nur einer wei-

auch wir neue Trends in unsere Designs mit einfließen.

teren Schneiderin hat die 58-Jährige in den vergangenen

Im Moment arbeiten wir viel mit metallischen Stof­‑

zwei Jahren über 5000 Stück in Hawarden, einer klei-

fen, orientalisch gemusterter Seide und Lammfell«, be-

nen Ortschaft im walisischen Nirgendwo, angefertigt.

schreibt Lettie die kommende Kollektion. Der tägliche

»Unser Studio ist in einer schönen viktorianischen Villa

Netzcheck ist für sie übrigens nach wie vor der aufre-

1/ Zarte Eiscreme-Töne von der Stange. 2/ Mutter und Tochter entwickeln alle Designs gemeinsam. 3/ Die Bomberjacke in Electric Green und Rose Blush zählt zu den Best­‑ sellern. 4/ Während sich Sally (links) als gelernte Schneiderin um die Fer­ti­‑ gung kümmert, ist Toch‑ ter Lettie für Presse, und Marketing zuständig. Linke Seite 2018 kommt Schwarz-Weiß groß raus. Modell Dalma, ca. 200 Euro.

untergebracht, inmitten von üppig bewachsenen, grünen

gendste Moment des Tages: »Es macht mich jedes Mal

© LETTIE PATTINSON

Bergen. Die meisten Leute denken, dass wir unseren Sitz

happy, zu sehen, wenn unsere Designs von Wales aus

in London haben, und ich weiß nicht, wie oft ich schon

rund um die Welt geschickt werden!«

thedesignstudio hawarden.co.uk

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ID-CRAZY

Mit Chili, Charme und Zitrone Von Christiane Tillmann

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Jetzt wird aufgetischt: Die britischen Künstler Sam Bompas und Harry Parr gestalten Design-Events wie aus einer anderen Welt. Die Zutaten: Schokolade, Physik und eine extragroße Prise schräger Humor.

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enn Meerjungmänner in einer Unterwasser-Bar Cocktails im Schuppenkleid servieren, ein Silvesterfeuerwerk nach Erdbeere, Kirsche und Banane duftet oder Drinks vorm Verzehr vom Blitz getroffen werden, dann ist man

entweder wie durch ein Wunder in Willy Wonkas Schokoladenfabrik gelandet oder Alice und dem weißen Kaninchen zu weit ins Loch gefolgt. Man könnte sich aber auch auf einer Veranstaltung des Künstlerduos Bompas & Parr befinden, denn die Briten sind für ihre sensorischen Experimente bekannt, bei denen sie Essen und Trinken auf ungewöhnliche Weise erlebbar machen. Als Köche würden sie sich nicht bezeichnen: »Wir sind auch nicht scharf auf irgendwelche Label«, erklärt Sam Bompas fast ein bisschen ­trotzig. Über die vergangenen Jahre seien einfach zu viele unterschiedliche Projekte zusammengekommen, um sich festlegen zu lassen. Die Künstler haben Flüsse eingefärbt, Häuser aus Wackelpudding gebaut, essbare Biografien erschaffen oder mit Lava gekocht. »Auf Partys sage ich der Einfachheit halber immer, dass ich Berater bin«, sagt B ­ ompas lachend. Ist er natürlich nicht. Jedenfalls nicht nur – die Arbeiten des Duos sind tatsächlich schwer in irgendeiner Schublade zu verstauen. Grenzen, etwa physikalische, schrecken Sam Bompas und Harry Parr auf jeden Fall nicht. Dazu ist ihr Spieltrieb zu ausgeprägt. ­Aktuell beschäftigen sie sich mit essbaren Seifenblasen und mit der Frage, wie man mithilfe von Nahrungsmitteln Wetterverhältnisse simulieren kann, kleine Wölkchen zum Beispiel. In einer Ästhetik, die auf permanenter Reizüberflutung basiert, Kitsch mit ­Sahnehäubchen quasi. Und mit voller Absicht, wie Sam Bompas erklärt: »Wenn unsere Zuschauer montags wieder zur Arbeit gehen, wollen wir, dass sie die besten Geschichten erzählen können. Schließlich sind sie die wahren Helden unserer Märchen.«

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4 1/ Mit GötterspeiseArchitektur kam 2008 der Durchbruch für das Duo. © NATHAN CEDDIA 2/ Nichts für schwache Nerven: Installation Meat Bouquets. 3/ Beauty-Event The Spa of unconscious desires auf der London Design Week 2017. 4/ Future Forest, ein IndoorGarten. © BOMPAS & PARR Rechte Seite  Hot, hotter, hottest: Sam Bompas (links) und Harry Parr mit Peperoni-­ Kronen. © NATHAN PASK

bompasandparr.com


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Contemporary life was unseren Stil nach vorne bringt


Familie »Hipster«

Familie »Arty«

Familie »Healthy«

(New York)

(Berlin)

(Los Angeles)

Familie »Urban chic«

Familie »Retro«

Familie »Bobo«

(Madrid)

(Paris)

Familie »Business«

Familie »Hippie chic«

Familie »Fashion«

(Schanghai)

(Amsterdam)

(Mailand)

© LE DUO

(London)


New York

Cindy Sherman: Das Kunst-Chamäleon Kunstmilchspritzende Plastik‑ brüste und aufgestülpte Hakennasen, Psycho-Clowns und alternde Filmdiven: Cindy Sherman scheut weder Aufwand noch Tabus, wenn es darum geht, mal wieder in eine neue Rolle zu schlüpfen. Je skurriler, desto besser. Mit ihren wechselnden Identi‑ täten und grotesken Selbst‑ inszenierungen wurde die ameri‑ kanische Foto-Performerin zu einer der bedeutendsten Künst‑ lerinnen der Welt. Brodelnde Brutstätte dieser immer wieder verblüffenden Reinkarnatio‑ nen ist ihr New Yorker Atelier. Ein Besuch.

© SYSTEM MAGAZINE

Text Camilla Péus / Fotos Nikolas Koenig

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Linke Seite Die kitschige Kaminattrappe ist ebenso unecht wie die Masken, Plastikbrüste und Wimpern, die Cindy Sherman in ihrem Atelier in SoHo hortet. Diese Seite Ihr wahres Gesicht zeigt die Künstlerin kaum öffentlich. Im Jahr 2000 durfte der deutsche Fotograf Martin Schoeller sie porträtieren – noch dazu fast ungeschminkt.

© MARTIN SCHOELLER / AUGUST – AGENCE A

ID-STUDIO VISIT

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ID-HOME

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Während vor ihrem Loft Wolken‑ kratzer in die Höhe wachsen, entwickelt Cindy Sherman neue Bildkonzepte. Ein bebrillter Chuck Close über ihrem Schreib‑ tisch schaut ihr dabei zu. Mit Perücken in jeder Haarlänge und -farbe auf den Fensterbän‑ ken, falschen Schnurrbärten, Sticker-Tränen und viel Make-up schlüpft die Verwandlungs‑ künstlerin immer wieder in ein neues Ich.

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ID-STUDIO VISIT

À Titre

Titre Chapeau Par signature

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indy Shermans Atelier in einem Hochhaus-Loft in Manhattan gleicht einem vortrefflich bestückten Theater- und Visagisten-Fundus: Struppige Augenbrauen und falsche Tränen, Plastikbrüste und Perücken – zahllose Accessoires, die

sie nach Streifzügen über Flohmärkte und durch das Internet in Archivschränke sortiert, warten dort auf ihren Einsatz. Schlüpft die Künstlerin in eine neue Rolle, streift sie sich das Kunsthaar über und trägt dickes Make-up auf. Dann rollt sie den grasgrünen Hintergrund in ihrem Studio herunter, posiert vor einem Standspiegel, lichtet sich selbst ab und fügt Hintergründe am Computer hinzu. Dass ihr Alter Ego dabei meist overdressed und überschminkt wirkt, ist Konzept. Konventionelle Schönheit interessiert Sherman nicht. Das Schräge fasziniert sie, etwa das Darstellungsbedürfnis alternder Society-Damen, die mit artifiziellem Lächeln und viel zu brauner Haut krampfhaft versuchen, ihre Jugendlichkeit zu wahren. Mit Abbildungen dieses Frauentyps bedeckte Cindy Sherman eine ganze Atelierwand. Denn das Thema Älterwerden beschäftigt sie auch im Hinblick auf die eigene Kunst: »Ich sehe mein Gesicht als meine Leinwand, d ­ ie ich bemalen kann. Vor ungefähr fünfzehn Jahren war es ideal: Damals konnte ich beides, viel jünger und viel älter aussehen. Jetzt bin ich wohl im hinteren Spektrum gelandet«, sagte die heute 63-Jährige einmal in einem Interview mit dem »Zeitmagazin«. Tatsächlich hat sich Cindy Sherman, eine der einflussreichsten Fotokünstlerinnen der Gegenwart, so häufig neu erfunden, dass kaum jemand weiß, wie sie wirklich aussieht. Ein Koffer voller Kleider ihrer Großmutter fachte einst ihre Lust am Verkleiden an. Und schon als kleines Mädchen wollte sie lieber Hexe als Prinzessin sein. 1977, als 23-Jährige, begann sie die Schwarz-Weiß-Serie Untitled Film Stills, die ihr den Durchbruch verschaffte. Darin verkörpert sie 69 Frauen-Stereotypen der Zeit – von der biederen Hausfrau bis zum Vamp. Seitdem verkleidet und schminkt sie sich immer wieder bis zur

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1/ Schaufensterpuppen und Frisierköpfe vom Flohmarkt gehören zum Inventar von Cindy Sherman. 2/ Je eigentüm‑ licher und zerbeulter, desto besser: Auf VintageMärkten sammelt Cindy Sherman abgerissene und geschundene Puppenköpfe, Fratzen und Horror‑ masken mit Glas- und Glupschaugen – zur Inspira‑ tion für ihre Kostümierungen.


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Unkenntlichkeit, wird sozialkritischer, zynischer. Für die querformatigen Centerfolds

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lichtet sie sich in Anspielung auf die »Playboy-«Ausklappseiten liegend ab. In den Society Portraits nimmt sie die durch Schönheits-OPs entstellte Elite aufs Korn. Zu ihren grellfarbigen Clowns inspiriert sie ein Pyjama vom Flohmarkt mit aufgenähten Pompons. Und in den History Paintings irritiert sie mit derben Interpretationen altmeisterlicher Gemälde von Botticelli oder Caravaggio, in denen pralle Silikonbrüste aus Rüschen­ gewändern quellen. Ihre Lust am Verunstalten gipfelt in verstörenden Close-ups von Sexpuppen mit amputierten Gliedmaßen. Für ihre jüngsten Arbeiten kehrt sie zurück zu ihren Wurzeln und persifliert die Holly­ woodstars der goldene Zwanziger. Cindy Sherman ist längst auf dem Zenit der Kunst-

­Account öffentlich machte. Plötzlich waren da nicht nur mehr harmlose Schnappschüsse

3/ Das professionelle Fotostudio, in dem sie vor diversen Hintergründen posiert, das Licht setzt, ihre Requisiten drapiert – und schließlich auf den Auslöser drückt. 4/ Als grell geschminkte Diva im Kunstpelz inszeniert sich Cindy Sherman 2011 für die amerikanische Kosmetik­ marke MAC.

von Gemüsebeeten ihres Anwesens in den Hamptons, sondern auch jede Menge gro-

© CINDY SHERMAN FOR MAC.

welt angekommen, einen Abstieg wie ihre Sujets hat sie nicht zu befürchten. Die Arbeit Untitled #96 (1981) aus der Centerfolds-Serie, die sie liegend im orangefarbenen ­Outfit zeigt, erzielte 2011 bei Christie’s 3,89 Millionen Dollar. 2016 bekam sie den »Praemium Imperiale«, den Nobelpreis der Künste. Und der Modedesigner Jun Takahashi druckte

© NIKOLAS KOENIG / OTTO – AGENCE A

kürzlich ihre Porträts auf Kleider seines Labels Undercover. Aufnahmen, die das wahre Gesicht der öffentlichkeitsscheuen Künstlerin zeigen, gibt es kaum. Umso mehr staunte die Kunstwelt, als Cindy Sherman im August – ohne Vorwarnung – ihren Instagram-

tesk verzerrte Selfies, sozusagen eine Ausstellung mit mehr als 600 Fotos, gratis, sofort und für jeden zugänglich. So schürt sie den Voyeurismus ihrer Follower und gibt doch nichts über sich preis. Die Frage, was privat ist und was öffentlich, bleibt im Raum ­stehen. Eines jedoch macht Cindy Sherman mit ihrem Werk klar: Fotografie ist schon lange nicht mehr dafür da, um nur die Wirklichkeit abzubilden.

Cindy Shermans Arbeiten sind Teil der Ausstellung Silberglanz. Von der Kunst des Alterns. Landesmuseum Hannover. Bis 18. Februar 2018.

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ID-SHOPPING

Blizzard Style

New York an Weihnachten und im Schnee: für viele ein Sehnsuchtsszenario, für den französischen Fotografen Christophe Jacrot Inspiration für seine Serie »New York sous la neige«. Unsere Auswahl an Möbeln, Mode und Dekoration ist genauso cool, trotzt aber jedem Frost. Text Maja Groninger / Fotos Christophe Jacrot *

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1/ Sessel Conférence von Eero Saarinen, ca. 14oo Euro. Knoll. 2/ Ledershopper Pannier aus Kalbsleder, Preis auf Anfrage. Marni. 3/ Schnürstiefel Edna, ca. 350 Euro. Ganni. 4/ Damenfahrrad Mercer, ca. 1200 Euro. Martone über Thegoodconceptstore.com 5/ Der Bildband »More Women in Trees« von Jochen Raiß zeigt anonyme Schnappschüsse von, nun ja, Frauen auf Bäumen eben. 15 Euro. Hatje Cantz. *»New York sous la neige« sowie weitere Fotoserien und Bücher unter christophejacrot.com

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ID-SHOPPING

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1/ Trenchcoat Mira, ca. 475 Euro. A.P.C. 2/ Fünfteilige Leuchte Shape Up, ca. 12 670 Euro. Roll & Hill. 3/ Duftkerze Fern & Moss, ca. 30 Euro. Brooklyn Candle Studio. 4/ Lounge Chair & Ottoman von Charles und Ray Eames, ab ca. 6290 Euro. Vitra. 5/ Der Bildband »Appetizer« zeigt wunderschöne Restaurant- und Café-Interieurs, 39,90 Euro. Die Gestalten.

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Spektakuläre Snow Show auf dem Times Square. Echte New Yorker bleiben davon eher unbeeindruckt.


ID-SHOPPING

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1/ College-Jacke aus einer Wolle-Kaschmirmischung, ca. 640 Euro. Marc Jacobs über Net-A-Porter. 2/ Sunburst Clock von George Nelson, ab ca. 320 Euro. Vitra. 3/ Notizbuch mit Grafik-Print, ca. 25 Euro. Nuuna. 4/ Lautsprecher Acton Multi-Room, WLAN-fähig, ca. 350 Euro. Marshall Headphones. 5/ Schultertasche Pixie aus Leder und Veloursleder, ca. 1190 Euro. Chloé über Net-A-Porter. 6/ Kräuterlikör KR 23, ca. 25 Euro für 0,7 Liter. The Liquor Company.

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Glimmer mit Glamour Die Hausbar ist zurück: Zu ihrem Revival gehören edle Kristallgläser, durchgestylte Bar-Accessoires und natürlich nur der feinste Stoff – Messing, Samt und Silber machen den Barwagen zu einem zuverlässigen Ort der Wärme, auch wenn die Drinks cool sind. Cheers! Text Johannes Hünig / Fotos Jonas von der Hude / Produktion Irina Graewe

Auf dem Barwagen oben: Korkenzieher Sky, Georg Jensen. Messingschälchen Ballerina, Skultuna. Rum Atlantico Reserva, Delinero. Messbecher und Cocktailshaker Barbry, Georg Jensen. Karaffe mit Marmorverschluss Alba, Nude Glass. Cocktaillöffel Barbry, Georg Jensen. Kleine Gläser Bouquet und Perfection, Holmegaard. Champagnerglas Premium, Rosendahl. Auf dem Barwagen unten: Messingtabletts mit Ledereinlage Karui, Skultuna. Cocktailshaker und Messbecher Collar, Stelton.

Barsieb Julep, Barstuff. Bonbonniere Legacy, Georg Jensen. Auf dem Beistelltisch: Karaffe mit Griff und Schälchen Urkiola, Georg Jensen. Schälchen und Karaffe mit Marmoruntersetzer Chill, Nude Glass. Flaschenöffner Sesame, Skultuna. Weitere Ausstattung: Leuchte Hobo, Örsjö über Lys Vintage. Spiegel Rainbow, Fritz Hansen über Markanto. Teewagen Come as you are, Dante Goods & Bads. Wandfarbe Farbton 04.035.03, Schöner Wohnen Farbe. Tapete Boiserie, Texturae. Beistelltisch: privat.


Flaschenöffner Marli, Alessi. Schale bzw. Aschenbecher Nr. 14 Schlüsselloch, Motiv »Auge«, Fornasetti über Markanto. Messbecher, Löffel, Messer aus dem sechsteiligen Original BarSet, Stelton. Flaschenkühler Mateglacé, Alessi. Wodka Owls Organic Vodka, LQR Company über rumundco. de. Champagnerflöten Intervalle, Hermès. Schale mit Deckel Ponti

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Centerpiece, Sambonet über Markanto. Korkenzieher mit Hebelmechanik Socrates, Alessi. Whiskeyglas Cibi, Cini Boeri über Markanto. Leuchte Voie mit Neonröhre und Fuß aus weißem CarraraMarmor, Bloc Studios. Samt­stoffe Champion in den Farbtönen 1-3114-034 (Blaugrau als Untergrund) und 1-3114-042 (Karamell als Vorhang), Jab Anstoetz.


ID-HAUSBAR

Leuchte Terrazzo Lamp, Studio Moss Design. Barsieb Julep, Barstuff. Glaskaraffe mit Löffel Spirit II, Leonardo. Glasschälchen mit Holzdeckel Sarek, Orrefors. Wermouth Belsazar Rosé, Belsazar. Flaschenverschluss Mr & Mrs Muse, Jonathan Adler über Von Wilmowsky. Kerzenständer Single #2, Fritz Hansen über Markanto. Whiskybecher Giraffe, Theresienthal. Spiegeltablett Margo, AYTM. Uhr True Thinline Colours aus Hightech-Keramik, Grey, Rado. Tellerchen Malachite, Jonathan Adler über Markanto. Schwarzes Kräutermesser Pure Black, Stelton.

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ID-HOME 1

Hamburg

Zu Hause im Vintage-Himmel Wie wohnt eine Mid-Century-Besessene, die selbst mit Möbelklassikern handelt? Jedenfalls nicht wie in einem vollgestopften Designmuseum. Sondern mit viel Platz, viel Beton, starken Farben – und einer feinen Auswahl eigenwilliger Vintage-Stücke, von denen jedes seine eigene Geschichte erzählt. Wir haben Ulla Jahn und ihren Mann Mathias in ihrer Hamburger Wohnung besucht. Text Johannes Hünig / Fotos Morten Holtum / Produktion Lykke Foged

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Linke Seite Ulla Jahn gehört Func., ein Geschäft für ausgesuchte Vintage-Möbel. Hier sitzt sie auf Gianfranco Frattinis Sessel 877 aus dem Jahr 1951. Diese Seite Roher Beton an Decke und Boden lässt die Wohnung so lässig wirken wie ein Loft. Die ­Mitte des Wohnbereichs markiert Antonio Citterios Sofa Ettore (Flexform), davor steht der Couchtisch ETR von Charles und Ray Eames (Vitra). Hinten: Unistandardtisch von Atelier Alinea und Leuchte Spider von Joe Colombo (Oluce).

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ls sie schließlich die fünfzigste Neubauwohnung mit beige gefliestem Badezimmer besichtigt hatten, wussten Ulla und Mathias Jahn: Das wird nichts mehr. Das kreative Duo und die fade Investorenarchitektur, das passte einfach nicht

zusammen. Nach einem halben Leben in Hamburg und einem kurzen Intermezzo am Starnberger See hatten sich die beiden – er Mitinhaber einer Werbeagentur, sie Vintage-­ Möbelhändlerin – gerade entschieden, an die Elbe zurückzukehren, als sich die Suche nach einem schönen Zuhause als ausgesprochen deprimierend erwies. »Und dann entdeckten wir das hier«, sagt Ulla lächelnd, die mit einer Tasse frisch gebrühtem Filterkaffee am Florence-Knoll-Tisch sitzt: »Einen Rohbau.« In einer Baulücke im Hamburger Stadtteil Ottensen war gerade ein neues Gebäude mit großzügigen Etagenwohnungen im Entstehen, die nach Käuferwunsch ausgebaut werden sollten. »Als wir die Wohnung im Rohbauzustand sahen, dachten wir: ein fantastischer Raum! Den lassen wir so«, sagt Ulla, »na ja – zumindest teilweise.« Den Betonboden ließen sie leicht anschleifen, die Rohbaudecke blieb unverputzt. Und statt die weitläufigen 225 Quadratmeter mit Wänden zu unterteilen, ließen sie zwei raumgroße Boxen fertigen, die je ein Schlafzimmer beherbergen und rundum mit Schränken aus amerikanischem Nussbaum verkleidet sind – Holz von einem einzigen Baum, entdeckt bei einem Furnierhändler im Hamburger Hafen. Die Boxen gliedern die Wohnung, indem sie den Raum zwischen Küche und Wohnbereich zu einem Gang verengen, der aber noch genügend Durchblick lässt, um die schiere Größe der Fläche zu spüren. »Wenn wir von einer Reise zurückkommen, ist mein erster Eindruck Geborgenheit«, erzählt Mathias. »Und das, obwohl die Wohnung ja nicht gerade klein ist.« Was im Übrigen auch dem Koch-Ess-Bereich zugutekommt. Ausgehend von der Regel, dass jede gute Party irgendwann in der Küche ­endet,

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Oben An der tiefblau gestrichenen Wohnzimmerwand wird Dieter Rams’ Regalsystem 606 (Vitsœ) zum kunterbunten Gesam­t‑ kunstwerk. Wandfarbe ­ (Kt.Color), Sofa (Flexform), rote Leuchte Big Shadow (Cappellini). Rechts Die feuerrot lackierte Holzskulptur im Regal ist eine Arbeit des Künstlers Florian Borkenhagen.


Wenn sich der Hamburger Sommer gnädig zeigt, öffnen Ulla und Mathias die Fensterfront auf ganzer Breite – dann sitzen sie an ihrem ovalen Esstisch (eigentlich ein Konferenztisch von Florence Knoll) fast wie im Freien. Die Eames-Stühle (Herman Miller) sind ebenso Vintage-Klassiker wie die Leuchte PH Artichoke (Louis Poulsen). Wandbild und Skulp­‑ tur stammen von Florian Borkenhagen, einem befreun­deten Künstler, der sein Atelier mitten im Hamburger Hafen hat.


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1/ Mathias Jahn im Wohnzimmer, von wo der Blick bis in den offenen Essbereich geht. 2/ Schreibtischstuhl Pollock von George Nelson (Knoll), Sideboard von USM Haller. 3/ Sessel von Antonio Citterio (Flexform). 4/ Vintage-Sideboard aus Wenge von einem unbekannten italienischen Hersteller. Diese Seite Eine Edelstahlkochinsel von Hummel bildet den Mittelpunkt der Küche. Die grafisch gemusterten Flie­sen (Mosaic del Sur) wurden in Marokko handgefertigt, die Leuchtre­klame stammt aus dem ehemaligen Hamburger Kino »Passage« und ist nachts von der Straße aus zu sehen.


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planten Ulla und Mathias eine frei stehende Kochinsel mit viel Platz drum herum, garniert mit einer Braun-Kaffeemaschine und einer alten Kino-Leuchtreklame. 15 bis 20 Leute können hier locker stehen, ohne sich auf die Füße zu treten, wenn die beiden – gut ­vernetzt in Hamburgs Kreativszene – zum gemeinsamen Kochen und Feiern rufen. Spielt das Wetter mit, öffnen sie die Fensterfront zum Marktplatz und sitzen im ersten Stock wie auf der Piazza, nur mit mehr Privatsphäre. Und natürlich mit besserem Design um sich herum. Für die Einrichtung wählten Ulla und Mathias teils aktuelle Stücke, teils Klassiker aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Inhaberin des Möbelshops Func. weiß Ulla nicht nur alles über gutes Design, sondern sitzt ­direkt an der Q ­ uelle für die besten Vintage-Exemplare; auch Mathias ist seit Jahren vom Mid-Century-­Fieber infiziert. Doch sie widerstanden der Versuchung, ihre Räume zum Designmuseum zu machen, und setzten stattdessen auf kontrastierende Farben und wenige ­ausdrucksstarke Solisten: darunter einen Konferenztisch von Florence Knoll mit einer Gruppe Two-Piece Plastic Chairs von Charles und Ray Eames aus einer seltenen Sonderedition, Cini Boeris Ghost-Sessel von 1987 und Leuchten von Joe Colombo. Ullas Lieblingsstück hängt über dem Esstisch: eine PH-­Artichoke mit kräftiger Patina. »Um die habe ich drei J­ ahre ­gekämpft, während sie bei einem Händler abhing«, erzählt sie. »Eine Wahnsinns-­Leuchte. Aber furchtbar zu ­reinigen.« Das perfekte Gesamtbild ist kein Zufall. »Die Möbel hatten wir vor dem Einzug zusammengestellt. Als dann der Umzugs­wagen vor der Tür stand, waren wir richtig nervös: Würde alles zusammenpassen? Aber das Konzept ging genau auf.« So gut ­sogar, dass ein Grundprinzip des Wohnens außer Kraft gesetzt scheint: der ­permanente Wandel. »Aber warum sollten wir etwas ändern, das perfekt funktioniert?«, fragt ­Mathias. Je länger man sich umsieht, desto bereitwilliger stimmt man ihm zu. 

3 Linke Seite und 1/ Die Schlafzimmer sind dunkel gestrichen, die Schranktüren aus amerikanischem Walnussholz gefertigt. Der rote Stuhl stammt aus dem Wartebereich des Flughafens Berlin-Tegel. 2/ Im Bad kontrastieren dunkle Fliesen von Barber & Osgerby (Mutina) ­ mit Möbeln in Knallorange. 3/ In ihrem Shop Func. in der Hamburger Innenstadt verkauft Ulla Jahn VintageMöbel der 20er bis 70er Jahre und industrielle Antiquitäten.

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Brooklyn

Atelier der Lichter Skulpturale Lichtkunstwerke aus geblasenem Glas machten Lindsey Adelman zum Liebling der New Yorker Designszene. Ihre Wohnung in Park Slope dient als ruhiger Gegenpol zu ihrem brummenden Designstudio – und als Testlabor für ihre Leuchten. Text Karin Graabaek + Johannes Hünig / Design Helle Walsted / Fotos Wichmann + Bendtsen Photography

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Diese Seite Die Leuchten­‑ designerin Lindsey Adelman zu Hause in Brooklyn. Linke Seite An der Wand im Esszimmer ein Bild des Minimal-Art-Künst­lers Richard Serra. Am Seg‑ mented Table von Charles und Ray Eames (Vitra) stehen die Stühle Deer vom Designstudio Auto­‑ bahn (De La Espada) und die Conference Chairs von Eero Saarinen (Knoll). Sideboard von USM.

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oher beziehen Sie Ihre Inspiration?« – eine triviale Frage, sollte man meinen. Erst recht bei jemandem wie Lindsey Adelman. Denn die Designerin könnte nun locker auf die brodelnde Millionenstadt verweisen, in der sie

lebt, auf deren Vielfalt und das kreative Chaos. Zumal sie von ihrer Wohnung in Park Slope einen grandiosen Blick über das Häusermeer von Brooklyn bis hin zur Skyline von Manhattan hat. Doch ihre Antwort überrascht. »Ich weiß gar nicht, ob Inspira­tion die Quelle meiner Arbeit ist«, sagt sie. »Ich betrachte Design eher als eine Art Ausflug. Ich zeichne gern und liebe es, vor mich hin zu träumen. Man könnte das auch Prokrastination nennen, aber ich habe das Glück, dass diese schlechte Angewohnheit nützlich für meine Arbeit ist.« Was man kaum bestreiten kann. Seit der Gründung ihres Designstudios im Jahr 2006 haben ihre skulpturalen Leuchten aus geblasenem Glas und ­Kupferrohren die Designwelt wie im Sturm erobert. Und die Leitung ihres Unternehmens mit 35 Mitarbeitern? Lindsey Adelman wirkt nicht wie eine strenge Design­chefin, sondern eher wie ein verspieltes Kind mit künstlerischem Gestaltungsdrang.

Arbeit und Meditation Ihr Team leitet sie mit lockerer Haltung, aber unbestrittener Kompetenz – und nimmt sich die Zeit, nebenbei weitere kreative Hobbys zu pflegen. Gemeinsam mit einigen befreundeten Designern ist sie Mitglied in einem Bogenschießclub, jeden Dienstag schwänzt sie den Job im Designstudio. »Ich habe mein altes Keramikatelier behalten«, erzählt­ sie. »Ich liebe es, dort ganz ohne Druck tätig zu sein.­Selbst wenn es im Studio hektisch zugeht, verschwinde ich in mein Studio in der Chrystie Street, um meine Hände in Ton zu versenken. Dort vergesse ich alles andere.« Dieses Gefühl möchte sie auch in ihrem Designstudio in NoHo (North of Houston Street), Manhattan, heraufbeschwören. Und

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Oben Das Gebäude, in dem Lindsey Adelman wohnt, befindet sich beim Prospect Park – direkt am Montgomery Place, eine der schönsten Straßen von Park Slope, Brooklyn. Rechte Seite Im Wohnzimmer strahlen die Deckenleuchten Branching (Studio Lindsey Adelman) über dem Sofa Extrasoft ­von Piero Lissoni (Living Divani).


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Page de gauche. Légende

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1/ Ein Objekt von Derek Weisberg, einem befreundeten Keramikkünstler. 2/ Skandinavische Vintage-Kommode. 3/ 27 Pros­pect Park West, an der Ecke Pros‑ pect Park West und Montgomery Place, in Brooklyns Stadtteil Park Slope. In dem Gebäude von 1928 befin­det sich die Wohnung der Desi­gnerin. Rechte Seite Lindsey Adelmans Leuchte BP.05.02 aus gebürstetem Messing und mit weißen Minikugeln aus Glas hängt über den weiß lackierten Möbeln in der Küche.

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Die Skyline von Manhattan, vom Schlafzimmer aus gesehen. Der Blick geht einmal quer ßber das Häusermeer von Brooklyn.


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es scheint zu gelingen: Das Entwerfen geht ihr leicht von der Hand. »Mir gefällt die Freiheit, die mit dem Design von Leuchten einhergeht. Licht ist flüchtig und bietet e­ inen großen Handlungsspielraum mit etlichen Möglichkeiten.« Schon während ihres Studiums an der Rhode Island School of Design (RISD) fand sie Glaskugeln und Kabel viel spannender als die Kurven eines Sofas – diese Liebe hält bis heute.

An den Wänden: das Schönste von Freunden und Kollegen Nach dem Diplom 1996 arbeitete Lindsey einige Jahre mit dem New Yorker Designer David Weeks zusammen, bevor sie schließlich ihr eigenes Studio gründete. Freundschaft und Zusammenarbeit mit anderen Kreativen prägen seitdem nicht nur ihre Arbeit, sondern zeigen sich auch an den Wänden und in den Regalen ihrer Wohnung. Kunstwerke, Keramik, Leuchten und Kerzenleuchter, die befreundete Künstler und Designer entworfen haben, geben den hell gestrichenen Räumen Charakter. Kleine Vintage-Möbel in dunklen Hölzern stehen in beinahe jedem Raum. An der Decke bewähren sich – natürlich – Lindseys eigene Leuchten im Praxistest. Damit die Inspiration zu neuen Entwürfen niemals versiegt, hat sich die Designerin zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Jeder Mitarbeiter kann pro Jahr eine zusätzliche Woche Urlaub nehmen, um einen Workshop nach Wahl zu besuchen, etwa um zu lernen, wie Surfbretter hergestellt ­werden. »Das gibt ihnen die Möglichkeit, ihre privaten Interessen zu vertiefen und E ­ rfahrungen zu sammeln, von denen wir alle profitieren«, erzählt sie. Und selbst als Kunde ist man bei Lindsey dazu eingeladen, kreativ zu werden: Einige ihrer Leuchten bietet sie inzwischen unter dem Titel You Make It als DIY-Set zum Selberbauen an. Wer Geduld zum Schrauben und Stecken mitbringt, wird schließlich mit einem unvergleichlichen Lichtobjekt à la LindseyAdelman belohnt. 

Linke Seite Im Schlafzimmer wird die Deckenleuchte Terrarium (Studio Lindsey Adelman) aus geblasenem Glas durch das Messingmedaillon Marina er­‑ gänzt, das wie ein Tattoo an der Raumdecke wirkt. Diese Seite 1/ Schwarze Kerzenleuchter mit Messing­ element, aus der Kollektion »Biedermeier« von Ted Muehling – für E. R. Butler, beides Freunde ­ der Designerin. 2/ Dieter Rams’ Regalsystem 606 (Vitsœ), dazu der Womb Chair von Eero Saarinen (Knoll).

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Kopenhagen

Vibekes Villa À Titre Vibeke Tjalve liebt Farbe, Möbel aus den Siebzigern und ihre Familie. Ihre Jugendstilvilla vor den Toren Kopenhagens lässt sie von Design, Kunst und Souvenirs bespielen. Und nebenbei vom Leben.

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Text Mathilde Rude + Katrin Klatte / Fotos Birgitta Wolfgang

Chapeau Par signature

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Diese Seite Lebhafte Farben, viel Holz und Fell sorgen im Wohnzimmer für Wärme. Der japanische Couchtisch und das blaue Sofa Seville (Bolia) sind Flohmarktfunde aus Kopenhagen. Die Bilder hat ein franko-algerischer Freund der Familie gemalt. Rechte Seite Vibeke und ihre Tochter Nanna posieren im Esszimmer vor einem Bild der schwedischen Künstlerin Anna Odell.


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rt-déco-Leuchten stehen neben Flohmarktfunden, Souvenirs treffen auf Kunstdrucke, und das Rotbraun dänischer Teakholzmöbel flirtet mit blaugrüner ­Keramik. Die Villa vor den Toren Kopenhagens stammt zwar aus der Zeit des

Jugendstils, aber drinnen garantiert der lässige Vintage-Mix eine moderne Atmosphäre. »Ich mag das Wort Stil als Beschreibung für Inneneinrichtung nicht«, sagt Vibeke T ­ jalve, »es klingt, als ginge man einfach in ein Geschäft, um die passenden Stücke zu kaufen. Aber wenn mehrere Personen zusammenleben, entsteht die Gestaltung eher spontan, weil man ganz unterschiedliche Dinge zusammenträgt.« Die Villa mit 190 Quadrat­ meter Wohnfläche und prächtigem Stuck lässt noch erkennen, dass sie einst Sommersitz eines vermögenden Kaufmanns und in drei Wohnungen aufgeteilt war. Heute wohnen hier Vibeke, ihr Mann Anders, die Tochter Nanna (6) und der Sohn Elias (2). »Als wir die Villa kauften, war sie noch ganz anders aufgeteilt. Es gab es eine große Küche und viele kleine Zimmer. Wir mussten einige Zwischenwände entfernen. Jetzt gibt es Blickachsen zwischen den verschiedenen Wohnbereichen – das vergrößert nicht nur die Räume, sondern auch das Zusammengehörigkeitsgefühl«, findet Vibeke. Die großzügig geschnittenen Zimmer im Erdgeschoss bilden eine optimale Kulisse für Möbelklassiker, Antiquitäten und Vintage-Design aus den Siebzigern. »Mein Mann ist in einer Akademikerfamilie aufgewachsen, umgeben von Holzschnitten und Büchern. Ein eher klassischer, konservativer Stil, den wir aber sehr mögen, weil er so gemütlich ist. Mich dagegen prägten die 70er Jahre, und ich werde bis heute schwach, wenn ich auf Trödelmärkten Accessoires aus dieser Zeit entdecke.« Hinzu kommen geliebte Erbstücke, etwa ein

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1/ Familienporträt: Vibeke und Nanna nach einem vierhändigen Klavierspiel. 2/ Skandi-Design ­ am Schreibplatz im Wohnzimmer: Auf dem Nussbaumtisch von Finn Juhl steht ein Stillleben aus Keramikvasen. Darüber ein Bild des Illustrators Rasmus Nellemann. Hocker Sit von Andreas Lund (Illums Bolighus). Rechte Seite Nanna und Elias teilen sich das Sofa … und das Familien-Tablet.


Diese Seite In Kopenhagen aufgestöberte Möbel wie die kleine Kommode aus Mangoholz kom­‑ bi­niert Vibeke mit Souvenirs aus Asien, London, Deutsch­land, Schweden … Vintage-Stuhl von ­ Børge Mogensen. Rechte Seite Vom Wohnzimmer wandert der Blick ins Esszimmer mit dem Gemälde von Anna Odell. Tisch Loop Stand ­ (Hay), Leuchte und Teak-Stühle Vintage.


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Zylindersekretär aus dem Biedermeier vom Schwiegervater oder den ausgemusterten Spiegel eines Nachbarn. Ästhetik und Nostalgie sind dabei oft wichtiger als Funktio­ nalität: »Von unseren Reisen bringen wir immer Souvenirs nach ­Hause, und wir schleppen tonnenweise Bücher an, die wir erst mal herumliegen lassen, bevor wir uns eingestehen, dass wir viele davon niemals lesen werden.«

Petrolblau als roter Faden Ein einfaches Prinzip untermalt Vibekes eklektischen Look. Die erste Regel ihres Kon­ zepts lautet: kein helles Holz – ungewöhnlich für Skandinavien. »Als wir einzogen, rotbraunen Holznoten findet man Grüntöne und Blaunuancen von Petrol bis Türkis, die sich wie ein Leitmotiv durch alle Räume ziehen. »Wir umgeben uns gerne mit F ­ arben. Im Sommer harmoniert Petrol mit den Blumen der Saison, im Winter mit dem Eisblau des Himmels«, erklärt die Hausherrin. »Zu jeder Atmosphäre gehört eine Tonspur. ­Unsere Einrichtung erinnert mich an den Jazz der Sechziger, den Rock der Siebziger und den Wind in den Bäumen unseres Gartens. Wir mögen das Klassische, das Grafische, aber auch den Mix und die Ungezwungenheit, mit Musik und Büchern in jeder Ecke.« Und wie bei jedem leidenschaftlich bewohnten Zuhause, entwickeln sich manche D ­ inge ganz ungeplant und selbstständig. Und Vibeke kann davon ein Lied singen: »Unser Haus ist in gewisser Weise paradox, wir haben es wirklich sorgfältig und mit viel formal g­ utem Design eingerichtet, sitzen aber am liebsten auf dem Boden!«

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1/ Einzelne dunkle Objekte setzen Schwerpunkte in ­der weißen Küche. Pendelleuch­ten Caravaggio von Cecilie Manz (Lightyears). 2/ Eine Art-décoLeuchte vom Trödler ziert das Klavier. Rechte Seite Das geräu­‑ mige Esszimmer versammelt Highlights des dänischen Designs: Um den Tisch Loop Stand (Hay) reihen sich Vintage-Stühle aus Teak von Børge Mogensen; Vintage-Pendelleuchte PH 5 von Poul Henningsen (Louis Poulsen).

© SISTERS AGENCY

­haben wir als Erstes den weiß gekalkten Boden geölt, damit er dunkler wird.« Neben


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Über Seletti-Design lächeln selbst ausgesprochene Pessimisten: Mit humorvoller Gestaltung entwickelt sich die italienische Marke schön langsam zum Kultlabel. Doch wer kennt den Gründer Stefano Seletti? Ein Besuch in seinem Familienlandhaus bei Parma. Text Kurt G. Stapelfeldt + Maja Groninger / Fotos Gianni Basso

Parma

Im Designdschungel

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Linke Seite Stefano Seletti mit seiner Frau Adriana Toledo Piza und den Töchtern Petra und Marià. Der schräge Humor, für den die Marke Seletti bekannt ist, liegt ganz offensichtlich in den Genen. Diese Seite Im Wohnzimmer bildet das Sofa Nebula Nine (Diesel mit Moroso) eine Einheit mit dem Beistelltisch Massolo von Piero Gilardi (Gufram). Teppich Phone aus der Kollektion »Seletti Wears Toiletpaper« (Seletti). Über dem Sofa hängt ein Bild von Petra Schwarz, links ein Porträt der kleinen Adriana mit ihrer Großmutter von der brasilianischen Künstlerin Isabelle Tuchband.


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tefano Seletti hatte sein Traumhaus schon immer genau vor der Nase: »Ich ­konnte es als Kind vom Fenster meines Zimmers aus sehen, weil wir auf der anderen Straßenseite wohnten. Natürlich habe ich immer gedacht, dass ich als Erwach-

sener sowieso wegziehen würde.« Wie man sehen kann, kam es anders – heute lebt ­Seletti mit seiner Familie in ebendiesem Haus nahe Parma in der Lombardei. Das O ­ bjekt der Begierde besteht aus zwei Teilen: dem eigentlichen Familiensitz und der angrenzenden Scheune, die als eine Art Gästehaus fungiert. »Das Haupthaus wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut, und wir haben so viel wie möglich davon erhalten. Die Scheune ist neuer, wahrscheinlich aus der Nachkriegszeit, aber es musste ganz schön viel daran gemacht werden«, sagt Stefano. »Da sie von den Materialien und der Architektur her komplett anders war als das große Haus, haben wir beschlossen, diesen Unterschied noch zu betonen – durch eine modernere Aufteilung und zeitgemäßere Materialien. Jetzt haben wir zwei unterschiedliche Atmosphären. Die eine ›riecht‹ nach Erlebtem, mit ­Aufklebern an den Wänden und Geschichten in jedem Winkel, die andere ist sehr viel nüchterner. Farblich zum Beispiel haben wir uns im Gästehaus sehr zurückgehalten.« Die Einrichtung bei Familie Seletti ist wie eine Reise durch die Jahrzehnte. Neben ­berühmten italienischen Klassikern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts finden sich verschiedenste Stücke aus der eigenen Kollektion – inklusive der Ironie, für die die Marke berühmt ist. Hier schaukelt ein Affe mit Glühbirne durch den Raum, dort sind kastige Bauernhoftiere zu einem Schrank aufgestapelt. Stefanos und Adrianas Fröhlichkeit ­begleitet einen durch das ganze Haus. »Wir teilen alle einen etwas schrägen Humor, und unser Haus ähnelt uns in d ­ ieser Hinsicht«, erzählt Stefano. »Ich arbeite einfach gern mit Leuten zusammen, die sich selbst nicht so ernst nehmen: Maurizio Cattelan, Studio Job, Marcantonio Raimondi Malerba, aber auch das Team von Diesel, unter der Regie von Andrea Rosso, gehören dazu. Wir können über dieselben Sachen lachen, das sieht

Oben Das Haus, dem gegenüber Stefano Seletti aufgewachsen ist und von dem er lange geträumt hat, hat eine Backsteinterrasse und große Sprossenglasfenster. Linke Seite Der helle Flur wird gleich mehrfach genutzt, neben der Wendeltreppe der auszieh‑ ­bare Schreibtisch Kenn mit inte­grierter Lampe von Kenyon Yeh (Seletti), an der Wand ein Bild von Isabelle Tuchband.

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Im großen, gemütlichen Wintergarten rahmen ein verschnörkeltes Bettgestell (links) und ein Vintage-Sofa den Hängekamin (Focus) ein. Davor steht ein Prototyp des Sessels Fjord von Patricia Urquiola (Moroso).


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Linke Seite Der Geschirrschrank im Esszimmer ist eine Antiqui­‑ tät. Auf dem Tisch die Wachstuch‑ decke TP Pattern Mix, darüber die Hängeleuchte Line White aus der Kollektion »Multilamp«, an der Wand ver­schiedene Porzel­lan‑ teller aus der Kollektion »Seletti Wears Toilet­paper« (alles Seletti). 1/ Ein idealer Hintergrund für die Wandleuchte Monkey Hanging: Der von Designer Marcantonio Raimondi Malerba gemalte Dschungel ist eine Hommage an Adrianas brasilia­nische Wurzeln. 2/ Noch mehr Viehzeug in der Küche: Die aufeinandergestapelten Anrichten Kuh und Schwein sowie der Beistelltisch Gans aus der Kollektion »Sending Animals«, alle von Marcantonio Raimondi Malerba. Neben dem Stuhl der Obstkorb Schwein aus der Kollektion »Fantastico Domestico« und der Beistelltisch Gnome Attila von Philippe Starck (Kartell). 3/ Ente und Hase im Gäste­‑ haus stammen vom Flohmarkt in Stockholm.

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man an unseren gemeinsamen Produkten.« Und nicht jeder Designer oder Hersteller würde sich privat mit seinen eigenen Kreationen umgeben: »Bei mir liegt das daran, dass mir wirklich gefällt, was ich entwerfe. Es sind fast alles D ­ inge, die ich auch für mich gekauft hätte. Logisch, dass ich sie selbst benutze. Natürlich sind einige Proto­ typen darunter – Modelle, die nie in Produktion gegangen sind, oder Stücke, die nur sehr langsam ihren Weg in den Katalog gefunden haben«, erzählt Stefano.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft humorvoll verknüpft Die Villa Seletti ist nicht nur der Ort, in dessen unmittelbarer Nähe Stefano aufgewachsen ist, sondern auch der, an dem er seine Kinder aufwachsen sieht und wo er arbeitet – das Büro, in dem die vielen schrägen Entwürfe entstehen, ist nur einen Steinwurf ­entfernt. Vor einigen Jahren lud ­er den Designer Marcantonio Raimondi Malerba dazu

1/ Die Selettis – inklusive Hund Rio – vereint in ihrer Badewanne. 2/ Die Kommode Trip, darüber der Spiegel Still Life (Seletti). Rechte Seite Erstaunlich seriös: Das große Eltern­schlafzimmer mit Vintage-Möbeln und -Accessoires, darunter ein alter Holzofen.

ein, in der Küche ein großes Wandfresko in Form eines tropischen Waldes zu malen. »Das ist der brasilianische Dschungel, eine Hommage an meine Frau Adriana, die aus Brasilien stammt. Marcantonio hat eine ganze Woche gebraucht und nur Kost und ­Logis verlangt. Während dieser Zeit konnten wir uns auch besser kennenlernen und auf eini­ gen Projekten herumdenken, die wir danach auch wirklich entwickelt haben. Er ist e­ iner der Künstler, mit denen ich am besten arbeiten kann. Von ihm stammen übrigens auch das eigene Zuhause und die Marke längst nicht mehr zu trennen. Gibt es das ideale Haus überhaupt? Für Stefano Seletti hat es weniger mit der äußeren Hülle zu tun, als mit den Erinnerungen, Gefühlen und den Menschen, die sich darin ansammeln. Und Harmonie entsteht für ihn sowieso immer dann, wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nahtlos ineinander übergehen. Wenn dieser Vorgang einmal nicht reibungslos ablaufen sollte, nimmt er es mit Humor. 

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© GIANNI BASSO / VEGA MG

die Monkey-Leuchten, unser Bestseller des Jahres 2016.« Für die Familie Seletti sind


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Paris

Offen für Schönes

Glamour geht auch auf 85 Quadratmetern: Indem die Architektin Laure Ardouin-Marie den Grundriss ihres Pariser Apartments neu ordnete, verstärkte sie seinen Charakter. Mit dem geballten Stoff ihrer Fantasie und viel Freiraum für ein lebendiges Familienleben. Text Andreas Tölke / Fotos Fabrizio Cicconi

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Linke Seite Laure ArdouinMarie vor dem Messing­‑ spiegel Nymphé (La Chance). Diese Seite Das Regal im Hintergrund ist ein Entwurf der Hausherrin. Davor der Stuhl Maritime (Casamania). Sofa My Beautiful Backside (Moroso), Noguchi Coffee Table (Vitra).


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eine Kunst, kein Foto an den Wänden. Dass fällt erst auf den zweiten Blick auf. Die Wohnung der Familie Ardouin-Marie ist tatsächlich nur in diesem Punkt

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­reduziert, alles andere strahlt. Die Hausherrin beschreibt ihren Stil so: »Für ­mich

sind die Möbel die Stars.« Und die setzt sie gekonnt in Szene. Denn Laure ArdouinMarie arbeitete für Label wie Louis Vuitton, Emilio Pucci and Fendi, beschäftigte sich mit der Visualisierung der Marken und der Gestaltung ihrer Showrooms, bevor sie ihr eigenes kleines Interior-Label Stiletta gründete. Sie hat ein Faible für Einzelstücke, die »… jedes für sich ein ästhetisches Statement sind«, wie sie sagt. Ihre Wohnung ist­ darum wie eine Bühne für einen Chor aus vielen Stars. Das Know-how, Atmosphäre zu schaffen, setzt die studierte Architektin selbstverständlich ein und um. In Paris ist das nicht ganz einfach. Die Grundrisse im Zentrum sind verschachtelt, und oft sind nur in den Vorderhäusern der opulenten Palais großzügige Wohnungen zu finden. »Wir haben Wände entfernt, die Bereiche neu gegliedert, und so nicht nur mehr Raum, sondern auch mehr Licht in unser Zuhause gebracht.« Konkret heißt das: Aus vier Zimmer wurden drei. Aus den ehemaligen Schlafzimmern wurde der Wohnbereich mit i­ntegrierter Küche im Industrial Style, der ehemals enge Korridor öffnet sich jetzt zum Zentrum der Wohnung. Die 85 Quadratmeter wirken nach dem Umbau deutlich größer – und für Pariser Verhältnisse unglaublich luxuriös. Noch luxuriöser: Die Erdgeschosswohnung hat einen kleinen Garten. »Der Blick ins Grüne – aus der Küche, dem Wohnzimmer oder dem Schlafzimmer – ersetzt für mich jedes Bild an der Wand«, sagt Laure Ardouin-Marie. Und ihre Einrichtung bietet noch andere Alternativen: Das Erste, das man nach dem ­Betreten der Wohnung sieht, ist ein schöner Rücken. My Beautiful Backside – ­so heißt das Sofa von Moroso, das eine Art Essenz der Wohnphilosophie von Laure

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1/ Blick ins Wohnzimmer – mit Sofa von Red Edition, Vitrine von Laure ArdouinMarie, Puzzle-Teppich (La Corbeille), Leuchten (Original BTC). 2/ VintageGarderobe aus Messing, Tapete The Great Wave (Cole & Son). Rechte Seite Im Essbereich ein Kabinett im Fifties-Stil (Red Edition), Leuchte (Lightyears), der Ledersessel ist ein Familienerbstück.


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Hinter der Trennwand aus Glas verbirgt sich die K체che. Davor der Compass Table von Matthew Hilton (SCP), Vintage-St체hle Mademoiselle (Artek), Holzsessel Maritime von Benjamin Hubert (Casamania), gl채serne Leuchte 체ber dem Esstisch (Original BTC).


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1/ Laure mit ihren Töchtern auf der Terrasse. 2/ Das kleine Schreibmöbel ließ Laure selber aus einer antiken Konsole bauen. 3/ Auch die Küche stammt aus ihrer Hand, die Unterschränke sind mit Folie im Marmor-Look (Stiletta) beklebt. Rechte Seite Dort, wo früher Wände waren, blickt man jetzt auf das Sofa My Beautiful Backside (Moroso).

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Ardouin-Marie bildet, weil es wie eine Skulptur von jeder Seite anders und aus jeder Richtung schön aussieht. Zu dem Entwurf aus dem Jahr 2008 kombinierte Laure­ Vitras Noguchi Coffee Table von 1947. Das geht. Gut sogar. Und direkt daneben im Essbereich der Compass Table des britischen Designers Matthew Hilton (SCP) zusammen mit Mademoiselle-Stühlen von Artek aus den Vierzigern. Was so lässig und bei­ nahe ­zufällig wirkt, hat eine lange Vorgeschichte: »Ich bin keine Spontankäuferin, ich suche lange und überall«, räumt die Architektin ein. Es muss ja auch nicht nur ihr ge© FABRIZIO CICCONI / LIVING INSIDE, PRODUKTION: CHIARA DAL CANTO

fallen. Ihr Mann Thomas und die beiden Töchter haben allerdings nur eingeschränktes Mitspracherecht. »Ich entscheide nicht allein, lasse aber nur wenige Alternativen zu«,

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sagt sie lachend. Und wenn sie nichts findet, das ihren Vorstellungen entspricht – dann ­entwirft Laure Ardouin-Marie eben selbst. Accessoires, wie im Wohnzimmer die Kissen auf dem Sofa von Red Edition, aber auch ganze Räume: Das Kinderzimmer mit dem Hochbett und die Küche – von den Glaswänden bis zu den Einbauten – stammen komplett von ihr. Dieser loftartige Glaskubus in einem Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert war eine mutige Entscheidung. »Stimmt. Historisch gesehen hat er da nichts zu suchen«, gibt Laure zu, »Wohnen hat aber nichts mit akademischer Strenge zu tun.« Und das ­Ergebnis gibt ihr recht: Der radikale chirurgische Eingriff hat die Wohnung erhellt. »Wir haben den ganzen Tag Sonne«, sagt Laure an einem strahlenden Herbsttag kaffeetrinkend auf ihrer Terrasse. Vom Kauf der Wohnung über den Umbau bis zum Status quo hat es ­sieben Jahre gedauert. »Eigentlich wäre es jetzt Zeit für etwas Neues«, sinniert Laure ­Ardouin-Marie. Was ­sie auf jeden Fall in ein neues Domizil mitnehmen würde? Ihre Antwort kommt ganz spontan: »Nichts. Jede Wohnung, jedes Haus hat seinen ­eigenen Charakter, den will ­ich erspüren und dann erst en­tscheiden, was dazu passt.«

1/ Das Hochbett im Kinderzimmer ist ein Entwurf von Laure. 2/ Gar nicht kleinkariert: Metro- und Mosaikfliesen in verschiedenen Grautönen im Badezimmer. 3/ Die Kissen auf dem Polsterbett (Habitat) sind von Stiletta, die Tapete stammt von Cole & Son. Linke Seite Luxus im Schlafzimmer: Die Palette softer Grautöne und das Licht, das durch die großen Fenster fällt.

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Diese Seite Das ehemalige Wohnhaus des belgischen Architekten Louis Herman de Koninck (1896–1984) befindet sich im Brüsseler Vorort Uccle. Rechte Seite Im Eingangsund im Essbereich sind noch die Originalfußböden erhal­‑ ten. Die jetzige Bewohnerin Caroline Notté, ebenfalls Architektin, richtete die Räume u. a. mit Stühlen von Warren Platner (Knoll) und einem Paravent von Alvar Aalto 168 ein. An der Wand: Leuchte Elgar (Sammode). (Artek)


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Brüssel

Raue Schale, weicher Kern Der Sichtbeton des rationalistischen Baus konnte die Architektin Caroline Notté nicht abschrecken. Sie machte es sich mit einem Mix aus Alt und Neu darin gemütlich. Das Haus wurde in den 20er Jahren von Louis Herman De Koninck gebaut. Und je länger Caroline darin wohnt, umso mehr Gemeinsamkei­ten entdeckt sie. Text Marzia Nicolini + Verena Richter / Fotos Jan Verlinde

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ls ich hier einzog, habe ich gar nicht viel verändert«, erinnert sich Caroline Notté. Warum sollte sie auch? Schließlich hatte der frühere Bewohner, der belgische Star­architekt Louis Herman De Koninck, das bereits zur Genüge getan.

Der Rationalist betrachtete das von ihm erbaute Haus als eine Art architektonisches Labor, in und an dem er neue Materialien und Ideen ausprobierte. »Zum Glück sind viele seiner Originalelemente erhalten geblieben«, sagt Caroline Notté, die ein Fan von De Koninck ist, ebenfalls ein Architektur- und Designbüro in Brüssel leitet und – genau wie er – Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereint. Entstanden ist das Gebäude im Jahre 1924, sah damals aber noch ganz anders aus: ein eingeschossiger, von der Straße abgewandter Quader, der die Hanglage mit einem ­Sockelgeschoss nutzt. Erst in den 50er Jahren wurden die beiden oberen Etagen hinzugefügt, deren Fensterfronten die raue Sichtbetonfassade gleich viel einladender wirken lassen. »Aussicht und Lichtverhältnisse sind fantastisch«, schwärmt Caroline Notté. Nur auf der Terrasse im Garten sei es noch schöner. Und auch da würde der Vertreter der Moderne ihr zustimmen. Das verraten alte Schwarz-Weiß Fotos, die De Koninck und seine Frau immer wieder zwischen Blumen und Obstbäumen zeigen.

Küchenpsychologie Ein Streifzug durch das Zuhause von Caroline Notté wird schnell zur Architekturführung: »Die Böden und sogar die Küche sind Entwürfe von De Koninck«, erklärt sie begeistert. Vor allem über Letztere gibt es jede Menge zu erzählen. Denn das belgische Aäquivalent zur Frankfurter Küche im Deutschland der 20er- und 30er Jahre war­ De Konincks Cubex: ein standardisiertes, modulares Möbelsystem, das auf die damaligen Bedürfnisse des Haushalts zugeschnitten war und unter anderem dank des gut

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Oben Der Eingangsbereich wurde von der Brüsseler Interior­ Designer­in Céline Nassaux mit Blattgold verkleidet. Die VintageLeseleuchte stammt von dem dänischen De­signer Svend Aage Holm Sørensen, und die beiden Rosewood Chairs sind von Grete Jalk. Auf dem hinteren Bowl Table von Ayush Kasliwal und Thomas Lykke (Mater) stehen Gläser und Dekanter aus Tom Dixons »Tank-« Kollektion. Vor dem Fenster: Vase Calice von Ettore Sottsass (Bitossi). Rechte Seite 1/ Die beiden oberen Etagen wurden in den 50er Jahren hinzugefügt, der Ferrari 250 GT ist etwa aus derselben Zeit. 2/ Die Architektin Caroline Notté auf der Venus Bench von Hans J. Wegner (Getama), dahinter Screen 100 von Alvar Aalto (Artek). 3/ Auf der Terrasse: Reeditionen des Stuhls Butterfly (Airborne), der 1938 u. a. von Jorge Ferrari Hardoy entworfen wurde. Auf Michel Antoines Kelim Black & White stehen Esstisch und -stühle von Warren Platner (Knoll).


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Linke Seite Caroline Notté freut sich über die originalen Elemente von De Koninck. Beispielsweise im Flur der raue Beton und die Farbigkeit von Flie‑ sen und Fensterglas. Diese Seite Teak- und Rattan-Daybed von Hans J. Wegner (Getama). Darauf: Vasen der Serie Calice von Ettore Sottsass, eine Leuchte von Jean-François D’or und ein Plaid (Mille et Claire). Vor dem Fenster: Vase Tribe von Arik Levy (Bitossi). Kelim Multicolor von Michel Antoine.

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organisierten Stauraums das Kochen einfacher machen sollte. Ein Konzept, das bis heute aufzugehen scheint. Denn auch die Brüsseler Designerin findet: »Die Küche ist immer noch modern und ihre Anordnung sehr ausgeklügelt.«

Warm und respektvoll Bei so viel bedeutender Architekturgeschichte ist es kein Wunder, dass Caroline Notté ihrem neuen Zuhause beim Einzug mit Respekt begegnete: »Für die Einrichtung habe ich nur Möbel und Accessoires ausgewählt, die in den Kontext passen«, erklärt sie. Das bedeutet aber nicht, dass sie lediglich mit klassischer Moderne wohnt. Im Gegenteil: »Ich habe alles Mögliche kombiniert: Vintage- und zeitgenössische Möbel, Kunstwerke, Kunsthandwerk und Souvenirs, die ich von meinen Reisen um die Welt mitgebracht habe. Ich mag diese heitere Mischung aus unterschiedlichen Epochen und Stilen.« Wie perfekt ihr das gelungen ist und wie harmonisch sich der Mix aus Fotografien von Benoît Feron, Teppichen von Michel Antoine und Sesseln von Hans J. Wegner in die ­rationale Architektur einfügt, beweist, dass sie eine würdige Nachfolgerin im Hause­ De Konincks ist. Nicht umsonst hat sie wie er einen Abschluss an der Brüsseler Académie © JAN VERLINDE / LIVING INSIDE

royale des Beaux-Arts und zusätzlich noch ein Architekturstudium an der Talentschmiede La Cambre absolviert, an der De Koninck bis in die 70er Jahre lehrte. »Am meisten liebe ich die starken Emotionen, die der Bau herruft«, gesteht Caroline Notté, die dem Sichtbeton mit warmen Farben und Materialien jede Menge Wohnlichkeit geschenkt hat. Aber die größte Inspiration ist und bleibt der Garten: »Wenn ich früh morgens aus dem Fenster sehe, weiß ich, dass ich die richtige Wahl getroffen habe.« Das galt auch für De Koninck, der erst den Garten entwarf und dann das Haus so in den Hang baute, dass sich seine raue Schale ganz und gar der Natur öffnen konnte. 

Linke Seite Stehleuchte IC F2 von Michael Anastassiades (Flos) neben Hans J. Wegners Bench (Getama). Oben Louis Herman De Konincks abstrakte Wandge‑ stal­tung im Treppenhaus erinnert an Leitsysteme oder Grundrisse, seine farbigen Glasfenster an Entwürfe von Le Corbusier, der fünf Jahre lang der Lehrer des Brüsseler Architekten war.

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Mailand

Nomade mit Wurzeln Galerist, Designer oder Architekt? Nicolas Bellavance-Lecompte ist alles in einem. Der gebürtige Kanadier pendelt zwischen London, Beirut und Mailand, bringt in seinem Apartment Ost und West zusammen – und nebenbei all seine Berufe unter einen Hut. Seine Privatgalerie hat das Zeug zum Kokon, der die Welt stilvoll draußen lässt. Text Tina Schneider-Rading / Fotos Gianni Basso

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Linke Seite Die Farben verra­ten es: Nicolas Bellavance-Lecompte ist ein erdverbundener Mensch. Intellektuelle Höhenflüge schätzt er trotzdem. Das Holzobjekt an der Wand ist Teil eines arabi­‑ schen Schriftzugs und bedeu‑ tet „Schule“. Diese Seite Fast vier Meter hohe Decken lassen Spielraum zum Herunterkom‑ men. Auf dem Sofa orientalische Kissen aus der Alberto Levi Gallery, der Couchtisch ist ein Werk des Designstudios Oeuffice.

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icolas Bellavance-Lecompte reist immer mit einem unkaputtbaren Rimowa-Koffer, seinem Laptop und einem knitterfreien Jackett. Gerade aus seiner zweiten Heimat Beirut angekommen, lässt er sich auf die Ottomane im Wohnzimmer

fallen und genießt die Ruhe des hellen Raums. Ganz still ist es allerdings nicht: Ein F­ensterflügel steht offen, von der Straße dringen ein paar italienische Wortfetzen und Motorengeräusche herauf. Unten zwängen sich Autos durch die schmalen Gassen des mittelalterlichen Viertels Cinque Vie. Der Designer sagt: »Das hier ist mein Lieblingsplatz. Ich atme einmal durch und fühle mich sofort zu Hause.« Ein Berberteppich, ein niedriger Marmortisch und einige Kissen – sein Landeplatz für die Seele. Bellavance-Lecompte ist ein moderner Nomade. Geboren und aufgewachsen in Kanada, studierte er Architektur und Design in Montreal, Venedig und Berlin. In Beirut führt­

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er mit einigen Partnern die Carwan Gallery, betreut Kunstmessen in St. Moritz und ­Monaco und arbeitet mit dem eigenen Londoner Studio Oeuffice als Designer und ­Architekt. Sein Faible für Interior Design entdeckte er mit 14 Jahren: »Ich habe schon immer gern Vintage-Möbel gesammelt. Meine Mutter verzweifelte, weil ich mein Geld für Kühlschränke aus den Sixties ausgab und sie in der Garage lagerte.« Sein MAiländer Apartment, das er seit 2015 einen Großteil des Jahres bewohnt, besteht im Grunde nur aus zwei Zimmern, mit Küche und Bad. »Anfangs sah es hier schrecklich aus. Auf dem Parkett klebte alter Teppichboden, die Wände bröckelten mit jeder Menge Farbschichten vor sich hin, und der Grundriss war in lauter kleine Räume unterteilt.« ­Bellavance-Lecompte vergrößerte die Türöffnungen, riss einige Wände ein und ließ das Parkett restaurieren. Im Flur und in der Küche schmeichelt jetzt ein Zementboden den Sohlen und vereinheitlicht die Optik. In den fast vier Meter hohen Räumen entstand

Linke Seite Über dem Sofa eine Arbeit des Künstlerkombinats Rotor. 1/ Optische Täuschung: Die Spiegeltür zum Schlaf­‑ raum schenkt Tiefe. Über dem Marmortisch (Oeuffice) hängt eine Leuchte von Bec Brittain. 2/ Konsole aus Travertin (Oeuffice) mit Boxen aus Holz und Acryl und Carlo Massouds goldene Arab Doll.

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Verspiegelte Fronten machen die kleine Küche groß. Der farbige Marmor stammt aus Brasilien, in Sicht­höhe stellt der Hausherr Reisesouvenirs aus aller Welt aus – und trinkt den Morgenkaffee auf Vintage-Klappstühlen von Egon Eiermann.


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Stück für Stück eine klug kuratierte Privatgalerie für gelebte Möbelklassiker und g­ eliebte Designobjekte. »Ich brauchte einfach einen Ort, wo ich arbeiten, zur Ruhe kommen und Gäste bewirten kann«, erklärt er und öffnet die Tür zu einer seiner beiden Terrassen. Nomaden haben das Talent, überall Zelte aufzuschlagen und mit wenigen Mitteln einen bequemen Zufluchtsort zu schaffen. Im Fall von Nicolas Bellavance-Lecompte wurde ein minimalistischer Palast daraus. Edler Marmor kleidet die Küche aus, eine breite, verspiegelte Tür zwischen Schlaf- und Wohnraum sorgt dafür, dass man sich immer wieder neu orientieren muss. »Ich mag Spiegel als Gestaltungselement. Nicht um mich selbst zu bewundern. Sondern weil sie die Wahrnehmung verändern.« Seine Lieblingsmaterialien sind mattes Holz und Naturstein in stillen Tönen, die ihn den eigenen Herzschlag spüren lassen. Wiederholt hat der Architekt Reminiszenzen an seine arabischen Wurzeln untergebracht: Im Flur begleiten den Gast vier Coca-Cola-Schriftzüge auf dem Weg zur Küche. Bett, Sofa und Gartenbank sind mit Quastenplaids dekoriert, auf dem Nachttisch liegt das Buch »Diary of a Djinn« von der Ägypterin Gini Alhadeff. Nicolas Bellavance-Lecompte muss bald weiter, das Tagesgeschäft wartet. Was wäre, wenn man ihm jetzt einfach zwei Tage »unplugged« schenken würde? Er zögert nicht: © GIANNI BASSO / VEGA MG

»Ich würde mit meinem Labrador Siwa spazieren gehen. Später in dem kleinen Fruttivendolo unten an der Ecke Obst und Gemüse kaufen, für meine Freunde kochen und bis tief in die Nacht auf der Dachterrasse feiern.« Klingt bodenständig. Die Wahrheit ist: Sein Kopf arbeitet fast rund um die Uhr: Die Beirut Design Fair hat er gerade h ­ inter sich gebracht, jetzt entwickelt er für die nächste Mailänder Möbelmesse zwei Ausstellungen und sucht parallel nach neuen Designern für seine Galerie im Libanon. Doch den Bezug zum Boden verliert er nie. Er bleibt verwurzelt – auch im eigenen Stil. 

1/ Das Esszimmer mit Marmortafeln und Sesseln des New Yorker Labels BDDW. Der antike Parkettboden schenkt dem Raum Struktur. 2/ Zement und Marmor steuern Sinnlichkeit zur verspiegelten Küche bei. 3/ Arabische Cola-Wer­‑ bung im schmalen Flur, die Spiegelwand ist bereits Teil der Küche. 4/ Das Mini-Schlafzimmer hat ei­nen Zugang zur Terrasse. Die Marmortische stammen aus Nicolas’ Designstudio Oeuffice. Oben Hier fühlt sich Arbeit nach Urlaub an. Am Abend empfängt Nicolas auf der Terrasse gern Freunde.

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DIE GROSSE FREIHEIT.

500 GÄ STE, UNENDLICH VIEL FREIR AUM. Dieses Schiff ist ein Ort, an dem unsere Freiheit nicht nur in Quadratmetern gemessen wird. Sondern auch in Stunden, Entdeckungen, Ideen, Horizonten, Genüssen und unglaublichen Augenblicken.


DOSSIER LEUCHTEN

Einfach Zucker: Pendelleuchte Lollipop aus amor­‑ phen Glas­platten. Designer: Boris Klimek. Lasvit.

Es tut sich was in Sachen Licht: grandiose Formen, neue Technologien und helle Köpfchen des Designs.


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Lampenfieber! Farbig, verblüffend, formschön: Die aktuellen Leuchten sorgen für Aufregung. Weil sie technisch innovativ und raffiniert gearbeitet sind – und alle anders mit dem schönen Schein spielen. Von Johannes Hünig

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1/ Deckenleuchte Zé Pendant, ca. 1880 Euro. Atelier de Troupe. 2/ Pendelleuchte Piola, Design: Christophe Mathieu, ca. 780 Euro. Marset. 3/ Leuchte Equatore, Design: Gabriele & Oscar Buratti, ca. 735 Euro. Fontana Arte. 4/ Pendelleuchte Grape Small, Design: Morten & Jonas, ca. 185 Euro. Bolia. 5/ Leuchte Wagasa, Design: Servomuto, Preis auf Anfrage. GTV. 6/ Leuchte Spin, Design: Lucie Koldová, Preis auf Anfrage. Lasvit. 7/ Leuchte Bumling Mini, Design: Anders Pehrson, ca. 370 Euro. Ateljé Lyktan.

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1/ Pendelleuchte Carronade, Design: Markus Johansson, ca. 940 Euro. Le Klint. 2/ Pendelleuchte Alba, Design: Mariana Pellegrino Soto, Preis auf Anfrage. Oluce. 3/ Pendelleuchte Mathieu Lantern, ca. 590 Euro. Atelier de Troupe. 4/ Tischleuchte Sitar, Design: Christian Werner, ca. 505 Euro. Ligne Roset. 5/ Tischleuchte Piano Lamp, Design: Studio Jan Plechac & Henry Wielgus, ca. 350 Euro. Rosenthal. 6/ Schreibtischleuchte Bellevue Plugin, Design: Arne Jacobsen, Preis auf Anfrage. &tradition.

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7/ Pendelleuchte Gridlock, Design: Philippe Malouin, ca. (!) 27 500 Euro. Roll & Hill. 8/ Deckenleuchte Hudson, Design: Søren Rose Studio, ca. 350 Euro. Menu. 9/ Tischleuchte Grape, Design: Morten & Jonas, ca. 435 Euro. Bolia. 10/ Leuchte Gaku, Design: Nendo, Preis auf Anfrage. Flos. 11/ Schreibtischleuchte VL38, Design: Vilhelm Lauritzen, ca. 470 Euro. Louis Poulsen.

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1/ Pendelleuchte Capsula, Design: Lucie Koldová, ca. 950 Euro. Brokis. 2/ Pendelleuchte A110, weinrote Sonderedition, Design: Alvar Aalto, ca. 380 Euro. Artek. 3/ Tischleuchte Streck, Design: Joel Karlsson, ca. 375 Euro. Örsjö Belysning. 4/ Marmor-Tischleuchte Eight Over Eight, Design: Louise Roe, ca. 565 Euro. Louise Roe. 5/ Tischleuchte Panthella Mini LED, Design: Verner Panton, ca. 375 Euro. Louis Poulsen.

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6/ Tischleuchte Arch, Design: Mia Cullin & ÅF Lighting, Preis auf Anfrage. Ateljé Lyktan. 7/ Pendelleuchte Satellite, Design: Mathieu Matégot, ca. 650 Euro. Gubi. 8/ Schreibtischleuchte System T, Preis auf Anfrage. Blux. 9/ Faltbare Outdoor-Akkuleuchte Cri-Cri, Design: Studio Natural, Preis auf Anfrage. Foscarini.

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ID-DOSSIER NEWS

Von Johannes Hünig

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Nemo

Le Klint

Tala

Schattenspiel

Biolumineszenz

Goldene Lichttropfen

Industriedesign? Klingt nüchtern, aber wenn ein Formenzauberer wie Charles Kalpakian den Begriff nur weit genug dehnt, kommen poetische Lichtkunstwerke dabei heraus, die die Grenze zwischen Design und Kunst immer weiter verschieben. Jüngstes (und schönstes) Beispiel: die Leuchtenserie »Wall Shadow«, die der Franzose für den italienischen Hersteller Nemo entwarf. Sie besteht aus mehreren Aluminium-Wandelementen unterschiedlicher Größe, deren Oberfläche wie in Origamitechnik gefaltet ist und das Licht der darunterliegenden LED-Leuchten zu geometrischen Schat­‑ tenspielen transformiert. Die Wandleuchte wird so zur dreidimensionalen Skulptur, deren Licht gedämpft und damit angenehm atmosphärisch ist. Ist das nun Kunst? Industriedesign? Eine meisterhafte Ingenieursleistung? Oder ist diese Kategorisierung vielleicht völlig egal? Wir sind in jedem Fall erleuchtet. —

Zwei Dinge waren es, die dem DesignDuo Takagi & Homstvedt den Weg zu seiner neuen Leuchtenserie »Lamella« wiesen. Einerseits: die Wiederentde­‑ ckung einer lange vergessenen LamellenFalttechnik für Leuchtenschirme, die beim dänischen Traditionshersteller Le Klint in den Archiven schlummerte. »Ich liebte diese gebogenen Falten und wartete im Laufe der Jahre auf den richtigen Moment, um diese Technik wiederzubeleben«, so Firmenchef Kim Weckstrøm Jensen. Inspiration Nummer zwei: Jonah Takagi und Hallgeir Homstvedt, die sich unter anderem wegen ihrer gemeinsamen Leidenschaften Design, Radfahren und Bier anfreundeten, ließen sich zur Form der Leuchten von den feinen Lamellen an der Unterseite von Pilzhüten anregen – ob nur optisch oder auch kulinarisch, ist nicht überliefert. So oder so überzeugt das Ergebnis mit einer poetisch-zarten, wie im Raum schwebenden Erscheinung.

Zu den paradoxen Nebeneffekten des LED-Siegeszugs gehört die Wieder­entdeckung des warmen Lichts traditioneller Kohlefadenlampen – und ihre Rückkehr als sparsame, auf Leuchtdioden basie­ rende Variante. Das britische Unterneh­ men Tala etwa hat sich ganz der Entwi­ck­lung gut gestalteter LED-Leuchtmittel verschrieben, die inzwischen diverse Shops und Cafés auf den britischen Inseln erhellen. Jüngstes Erfolgsmodell: die LED-Lampe Voronoi, deren orga­nisch geformter Glaskörper immerhin stolze 30 Zentimeter misst und mit warmweißen 40 Lumen auch Privaträume in ange­neh­ mes Licht taucht. Dem steht ein Ener­gie­ verbrauch von nur drei Watt gegenüber – und die Möglichkeit, auf den Leuch­ten­ schirm zu verzichten; Kabel und Fassung reichen. Dazu passt die umweltbe­wusste Maxime des von vier Uni-Absolven‑ ten gegrün­deten Labels: Conservation through Beauty. Und tatsächlich: Wann sah Verzicht zuletzt so gut aus?

Preis: ca. 2945 Euro. nemolighting.com

Preis: ab ca. 520 Euro. leklint.com

Preis: ca. 140 Euro. talaled.com


extrem strapazierfähig

einfach zu reinigen

hautverträglich

made in Germany

Bauhaus-Licht fürs 21. Jahrhundert

frei von Chemie

Jahrzehntelang war die Marke Midgard fast vergessen. Jetzt sind die genial konstruierten Gelenkleuchten aus den 20er Jahren wieder da – gefertigt auf historischen Maschinen.

W

enn selbst ein Säulenheiliger der Moderne wie der Bauhaus-Leiter Walter Gropius zum Fan wurde, kann Curt Fischers Erfindung so schlecht nicht

­gewesen sein: Die Arbeitsleuchte, die der Tüftler in den 1920er Jahren entwickelte und in seiner thüringischen Fabrik fertigen ließ, revolutionierte das Arbeiten mit künstlicher Beleuchtung (und brachte Fischer den inoffiziellen, aber schönen Titel Erfinder des lenkbaren Lichtes). Während die klassischen Leuchten von damals nur Licht von oben spendeten, ließen sich die Midgard-Modelle dank ihrer Gelenke so verstellen, dass der Arbeiter oder Künstler sein Werkstück perfekt und von allen Seiten sehen konnte – am Bauhaus versah man die Arbeitssäle darum mit Leuchten von Midgard. Nachdem Fischers Fabrik in der DDR verstaatlicht wurde, geriet seine Erfindung in Vergessenheit. Nach einigen erfolglosen Wiederbelebungsversuchen h ­ aben sich nun zwei Experten der Marke angenommen, die wissen, was sie tun: David Einsiedler und Joke Rasch, Gründer des

Ein großer Anspruch feiert sein Comeback: der unbedingte Wunsch nach Qualität. Die exklusiven Hitex®-Möbelbezugsstoffe aus der Manufaktur Rohleder sind deshalb zu 100% Made in Germany und setzen höchste Vertrauenstandards im Bereich Wohnen und Einrichten.

Hamburger Möbellabels PLY, haben Namen und Werkzeuge übernommen und legen die gelenkigen Leuchten neu auf. So kann nun jeder zum Midgard-Fan werden.  — Leuchte Typ 500, ab ca. 630 Euro. ply.com/midgard

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ID-DOSSIER INTERVIEW

Michael Anastassiades

Der Lichtbringer

Unter dem grauen Himmel Londons entwirft Michael Anastassiades, Sohn griechisch-zypriotischer Eltern, zauberhafte Lichtskulpturen zwischen Kunst und Design. Den Alltagstest müssen sie in seinem Zuhause bestehen – manchmal mit überraschendem Ergebnis. Interview Johannes Hünig

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Sie sind gelernter Bauingenieur und Industriedesigner, Ihre Leuchten aber wirken wie Kunstwerke. Wie sehen Sie sich selbst – als Künstler oder als Designer? Am liebsten bezeichne ich mich als Creative, aber eigentlich sind mir diese Begriffe völlig egal. Wenn Leute etwas nicht sofort einordnen können, haben sie offenbar das Bedürfnis, ein Label draufzukleben. Das können sie von mir aus gern tun – es ändert aber nichts an meinem Selbstverständnis. Wenn ich gefragt werde, was ich mache, sage ich meistens: Ich bin Designer. Damit kann fast jeder etwas anfangen.

Linke Seite Michael Anastassiades neben einer Leuchte IC Lights (Flos) in seinem Studio in London. 1/ Die Leuchtenserie »IC Lights« (Flos) ist von einem Artisten inspiriert, der Bälle auf seinen Armen balanciert. © FRANK HÜLSBÖMER 2/ Für sein eigenes Label entwarf Anastassiades die Leuchte Mobile Chandelier, die geo­metrische Linien mit opaken Glassphären verbindet. 3/ Die String Lights (Flos) pendeln an frei gespannten Kabeln, die die Leuchten mit dem Raum interagieren lassen. © GIUSEPPE BRANCATO 4/ Auf der Mailänder Möbelmesse 2017 inszenierte Anastassiades für Flos die Lichtinstallation Arrangement.

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Sie haben alles Mögliche entworfen, aber berühmt wurden Sie mit Ihren Leuchten. Was fasziniert Sie so am Thema Licht? Es ist ein schönes, poetisches Medium, mit dem ich einfach gern arbeite. Zum Entwerfen kam ich allerdings durch Zufall: Als ich vor mehr als 20 Jahren mein Wohnstudio im Westen Londons einrichten wollte, fand ich keine Leuchten, die mich restlos überzeugten – und baute einfach meine eigenen. Befreundete Designer haben mich daraufhin ermutigt, sie auf den Markt zu bringen und weiterzuentwickeln. Ab da führte ein Entwurf zum nächsten.

Wie viele dieser frühen Leuchten benutzen Sie noch? Fast alle. Ich tausche selten etwas aus, wenn es seinen Platz gefunden hat und gut funk­tioniert.

Wie fühlt es sich an, mit seinen eigenen Entwürfen zu leben? Es ist unverzichtbar. Ich besitze zwar auch Leuchten anderer Designer, darunter einige Klassiker, die ich sehr mag, aber die stehen im Archiv. Ich nutze mein Zuhause als Test­ labor, um Entwürfe im Alltag zu erproben, denn ich finde, der Designer ist der beste Kritiker seiner eigenen Arbeiten: Man muss

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ID-DOSSIER INTERVIEW

Klingt eigentlich ganz charmant. Genau das ist der Punkt: Es sah fantastisch aus, weil es dem Spiegel den Reiz des Unper­ fekten verlieh. Also haben wir es so gelas­ sen, obwohl man das Glas auch ohne Verzer­ rungen hätte produzieren können. Man muss einem Entwurf zugestehen, dass er sich verändert.

auf der Mailänder Möbelmesse haben Sie in diesem Jahr ausgreifende Lichtinstallationen in­ szeniert. Welche Rolle spielt der Raum für das Leuchtendesign?

Bei Michael Anastassiades werden Leuchten zu poetischen Lichtskulpturen. © FILIPPO BAMBERGHI

seine Objekte erfahren und mit ihnen leben. Dann erst entdeckt man deren Schwächen und Stärken und lernt daraus.

Hat sich jemals ein Entwurf in Ihrem Zuhause nicht bewährt? Es geht mir dabei nicht um Top oder Flop. Es ist komplizierter. Sehen Sie: Wenn man an ei­ nem Entwurf arbeitet, meint man oft, jeden Schritt unter Kontrolle zu haben und genau zu wissen, wie das fertige Produkt funktio­ nieren wird. Und dann geschieht etwas Un­ vorhergesehenes: Wenn der Entwurf plötz­ lich real ist, zeigt er Eigenschaften, an die niemand gedacht hat. Das kann man als Feh­ ler werten und sich ärgern – oder man kann diesen Überraschungsmoment als Bereiche­ rung sehen und willkommen heißen. Dann kann daraus etwas Großes entstehen. Aber man muss es wollen und zulassen.

Haben Sie ein Beispiel? Der spannendste Fall war der »Corner Mirror«, eine Serie von Wandspiegeln, die sich mit ihrem gebogenen Glas in die Zimmerecke schmiegen. Als ich die ersten Exemplare in den Händen hielt, merkte ich, dass der Spie­ gel durch das Biegen Verformungen bekom­ men hatte, die das Spiegelbild leicht verzerrt wirken ließen. Damit hatte ich über­ haupt nicht gerechnet …

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Eine riesengroße. Als Designer denkt man Objekt und Raum zwangsläufig zusammen – das gilt natürlich erst recht für Leuchten, die ihre Umgebung erhellen. Es ist natürlich schön, wenn man beides zusammen gestalten kann. Bei einer in Serie produzierten Leuchte aber liegt die Herausforderung darin, dass sie beim Käufer in ganz unterschiedlichen Räu­ men und Einrichtungen funktionieren muss, auf die ich keinen Einfluss habe. Das bedeu­ tet: Ich muss die Leuchte in die Freiheit ent­ lassen und auf ihre Stärken vertrauen.

Klingt nicht ganz einfach. Ist es auch nicht. Es hilft, den Entwurf nicht nur auf den Raum, sondern auch auf sein menschliches Gegenüber zu beziehen – etwa durch vertraute Formen und sinnliche Mate­ rialien, die eine Emotion auslösen.

Stichwort Formen: manche Ihrer Leuchten erinnern an BauhausEntwürfe, andere an Art Déco ... Nun ja, ich glaube, man darf diese Bezüge nicht überbewerten. Design wiederholt ­sich, manche Formen und Materialien kehren im­‑

»Wenn man mit seinen eigenen Entwürfen lebt, entdeckt man ihre Stärken und Schwächen – und lernt daraus.«

mer wieder. Mein Ziel ist Zeitlosigkeit. Wenn mein Entwurf nun den einen Betrachter an diese Periode erinnert und den nächsten an einen ganz anderen Stil, bin ich zufrieden. Denn es heißt, dass sich das Objekt einer klaren Zuordnung entzieht.

Ist das nicht etwas beliebig? Finde ich nicht. Ich glaube, man sollte als ­Designer nicht dauernd versuchen, das Rad neu zu erfinden, denn es wird einem sowie­ so nicht gelingen. Es gibt einen überzeit­ lichen Vorrat von Formen, Farben und Mate­ rialien, die den Menschen auf ihre je eigene Weise berühren, und daraus schöpfe ich.

Sie haben Ihr eigenes Label, arbeiten aber auch für Flos. Worin liegt der Unterschied? Ich habe 1994 mein eigenes Studio deshalb gegründet, weil ich keine Kompromisse ein­ gehen und so arbeiten wollte, wie ich es für richtig hielt – und so mache ich es heute noch immer. Manche Projekte, die tech­nisch etwas herausfordernder sind, brauchen aber ein größeres Investment und techni­ sche Expertise. Dafür ist es gut, einen Spezi­ alisten wie Flos als Partner zu haben. Wir vertrauen uns blind. Wenn ich mit einer Idee ankomme, heißt es fast jedes Mal: Super, machen wir! Und dann machen wir es. Ein großer Luxus für einen Designer!

Letzte Frage an den Leuchten-­ Guru: Welches ist der häufigste Fehler, den menschen bei der Beleuchtung ihrer Wohnung machen? Sie hoffen wahrscheinlich auf einen konkre­ ten Tipp wie zum Beispiel »Hängen Sie diese Leuchte über den Tisch, und alles wird gut«, oder? Damit kann ich leider nicht dienen. Was ich viel wichtiger finde: Ich habe die Er­ fahrung gemacht, dass viele Leute in Sachen Licht sehr unsicher sind und denken: Je mehr Beleuchtung, desto besser. Sie miss­ trauen der Dunkelheit. Das ist schade, denn der Schatten gehört zum Licht untrennbar dazu. Erst die partielle Dunkelheit gibt ei­ nem Raum wirklich Atmosphäre. Wir Men­ schen haben früher schließlich auch in Höh­ len gelebt, oder? Das prägt unsere Bedür­f­‑ ­nisse noch heute. Ich finde, das sollten wir nicht ignorieren.


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ID-DOSSIER PORTRÄT

Formafantasma tragen Licht nicht nur ins Dunkel Simone Farresin (l) und Andrea Trimarchi gründeten 2009 ihr Studio Formafantasma. Die beiden haben sich vor allem durch den experimentellen Umgang mit Materialien einen Namen gemacht. © DELFINO SISTO LEGNANI

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Objekte, die eine Geschichte erzählen oder aus ungewöhnlichen Materialien wie etwa Fischhaut oder Bioplastik bestehen, sind die Spezialität von Formafantasma. Nun hat das Design-Duo erstmals serienreife Produkte entworfen: spektakuläre Leuchten für Flos.

wissen nicht, wo wir hinkommen werden. Wir sind of-

Von Uta Abendroth

ihren Entwürfen ein wie sonst keiner. Ein aktuelles Bei-

M

fen für den Prozess, um Einblicke zu gewinnen und sogar Fehler zuzulassen.« Formafantasma – allein der Name klingt nach Kunst, nach Fantasie, ein bisschen nach Magie. Dabei bedeutet fantasma im Italienischen so viel wie »Geist«. Den hauchen die beiden Designer spiel sind die Leuchten, die sie für den italienischen Her-

it dem sprichwörtlichen Stilgefühl der Italie-

steller Flos gestaltet haben. Bei der Blush lamp und der

ner gehen sie an die Arbeit. Und mit einer

Leuchte WireRing handelt es sich um die ersten beiden

­großen Portion Courage. Denn was Simone

serienreifen Produkte des Duos. Typisch ist, dass den

Farresin und Andrea Trimarchi seit der Gründung ihres

Leuchten jeweils Motive zugrunde liegen, die sich aus

Studios Formafantasma kreiert haben, lässt sich kaum

Erfahrungen der Designer ergeben: Simone Farresin und

mit dem normalen Design-Maßstab messen. Zu außer-

Andrea Trimarchi hatten sich in Florenz kennengelernt

gewöhnlich sind ihre Objekte, zu experimentell, um sie

und dann als Team an der Design Academy Eindhoven

bloß als Produkte zu bezeichnen. Dabei verstehen sich

beworben. Gemeinsam absolvierten sie das Studium und

die beiden Männer, der eine aus Vicenza, der andere aus

die Abschlussarbeit, anschließend gründeten sie ihr

1/ Die Tischleuchte Helmet entstand für das »Delta«-Projekt der Roman Design Gallery Giustini/ Stagetti Galleria O. Roma.

Sizilien, als Designer, die Gebrauchsgegenstände entwer-

­gemeinsames Studio. Das war 2009. Nach mehreren Jah-

MAXIME GALATI-FOURCADE

fen. Aber das Experiment ist ihr Weg, zu einem Ergeb-

ren in Eindhoven zog Formafantasma nach Amsterdam

nis zu finden. Oft genug kommen schließlich Dinge da-

und machte eine alte Ofenfabrik in einem Randbezirk

bei heraus, die am Ende in Museen wie dem Metropolitan

zu einer Form der Casa bottega, das heißt, oben woh-

Museum of Art in New York oder im Shanghai Museum

nen die beiden, unten wird gearbeitet. Dadurch zerfällt

of Glass landen – oder in Galerien wie der Mailänder

das Leben nicht in verschiedene Teile, alles ist eins. Und

Dilmos Gallery und der Gallery Libby Sellers in London.

doch: Italiener in Holland vermissen manchmal das

»Das Experiment ist die einzige Art zu arbeiten, die wir

­südliche Licht, die Helligkeit, das Spiel der Farben bei

kennen«, sagt Andrea Trimarchi. »Wenn wir ein neues

Sonnenauf- und -untergang. Und so inspirierte das feh-

Projekt beginnen, wissen wir, wo wir anfangen, aber wir

lende Licht in den Wintermonaten Formafantasma zur

© 2016 LAURA FANTACUZZI –

2/ Das erste Serienpro‑ dukt des Studios: die Blush lamp für Flos. Mittels sogenannten Farbeffektglases entstehen auf der Wand farbige Reflektionen, die die Erinnerung an einen langen Sommertag wecken sollen. 3/ Die Leuchte Magnifico zählt ebenfalls zur »Delta«-Kollektion. © MASIAR PASQUALI

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ID-DOSSIER PORTRÄT

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Blush lamp. Dabei setzt das Duo auf sogenanntes dichro­

anlässlich der Mailänder Möbelmesse im Spazio Krizia

itisches Glas oder Farbeffektglas, das seine Farbe abhän­

präsentierten, waren weitere Arbeiten zu sehen, die ver­

gig vom Betrachtungswinkel oder der natürlichen Licht­

anschaulichen, dass Licht eben nicht nur Raumbeleuch­

einstrahlung ändert. Durch das Glas entstehen farbige

tung bedeutet. Licht ist heute dank moderner Technolo­

Reflexionen auf der Wand, die die Erinnerung an einen

gien in ganz neue Formen zu bringen, ja das Licht selbst

langen Sommertag wecken sollen. Ganz anders, viel

dient inzwischen als Gestaltungsmittel mit eigenständi­

­reduzierter, ist das Design der Leuchte WireRing. Sie setzt

gem Charakter. Andrea Trimarchi sagt rückblickend:

sich aus zwei Komponenten zusammen, einem flachen

»Der wichtigste Punkt war, eine Show zu schaffen, die

Kabel und einem Ring, in dessen Innenseite ein LED-Strei­

der Öffentlichkeit einen tieferen Einblick in unser Den‑

fen verbaut ist. Das Kabel dient nicht nur als Energie­

ken über Beleuchtung ermöglicht, von der Forschung bis

lieferant, sondern auch als Halterung des an die Wand

zum fertigen Produkt.« Sich mit dem gestalterischen An­

­gedrückten Rings. Was sich in den beiden Leuchten

satz von Studio Formafantasma auseinanderzusetzen ist

­ausdrückt, ist mehr als Technik. »Die Beziehung, die

faszinierend. Die beiden Kreativen sind Experten darin,

Menschen zum Licht haben, übersteigt die rein funktio­‑

längst in Vergessenheit geratene Materialien und Tech­

nale Dimension«, erklärt Simone Farresin. »Wir haben

niken wiederzubeleben. So hantierten sie für eines ihrer

­versucht, den emotionalen Aspekt zu betonen. Denn

ersten Projekte mit Holzmehl und Ochsenblut, auch

­obwohl Leuchten entworfen wurden, um die Welt zu

­bekannt als bois durci. Aus diesem natürlichen Polymer

­beleuchten und dadurch jederzeit hell zu machen, geht

der Vor-Plastik-Ära kreierten sie 2011 die Vase ­Botanica.

es doch auch um die Intimität des Schattens. Unserer

2012 schufen die beiden im Auftrag des Vitra Design

Meinung nach kann die Qualität des Lichts nicht nur

Museums Objekte aus Kohle, die sie schlicht ­Charcoal

durch seine Intensität gemessen werden.« Und Andrea

nannten. Für das Projekt waren sie mit Doris Wicki, eine

Trimarchi ergänzt: »Beleuchtung fühlt sich experimen‑

der wenigen Köhlerinnen in Europa, im ­Wald vor Zü­

tell an und offener als Möbeldesign. Leuchtendesign­

rich auf Entdeckungstour gegangen. Wie könnte man

ist sowohl technisch als auch ausdrucksvoll. Im Laufe

­Formafantasma charakterisieren? Vielleicht als Grundla­

der Zeit hat sich das Sofa nicht so sehr verändert, die

genforscher oder praxisorientierte Wissenschaftler. Denn

Beleuchtung dagegen befindet sich in ständiger Weiter­

was Trimarchi und Farresin in ihren Projekten tun (und

entwicklung.« Als Formafantasma die Flos-Leuchten

tun werden), reicht weit über Design hinaus.

1/ Im April 2017 präsentierte Formafantasma anlässlich der Mailänder Möbelmesse zahlreiche Leuchtenentwürfe im Spazio Krizia. Diese Glasscheibe auf einem Stab aus der »Delta«Kollektion gehörte dazu. © JOHANNA SEELEMANN

2/ Die Bell Lights für die Gallery Libby Sellers kombinieren mundgeblasenes Glas mit Lederaufhängungen. 3/ Der Kerzenleuchter Bugia für Roll & Hill.

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ID-DOSSIER COMPANY

Artemide Die Zukunft des Lichts

Der Name Artemide steht für technisch anspruchsvolle und zugleich gut gestaltete Leuchten. In seinem Stammsitz bei Mailand fertigt das 1960 gegründete Unternehmen nach neuesten Methoden – und forscht in Hightechlabors am Licht von morgen. Text Olivier Waché / Fotos Germana Lavagna

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2 Linke Seite Carlotta De Bevilacqua, Vizepräsidentin von Artemide und Präsidentin von Danese Milano, mit den Hängeleuchten Incalmo und Invero sowie der Tischleuchte Empatia (mit Paola Di Arianello entworfen). 1/ Im Innovationszentrum von Artemide: »Light over Time«, die Leuchtenserie von Tapio Rosenius, und das Spotsystem Olmo von Giulio Lacchetti. 2/ Im Labor werden die Leuchten bei­ 35 Grad Umgebungstemperatur harten Tests unterzogen. 3/ Artemide ist der einzige italienische Leuchtenhersteller, der ein Goniophotometer dieses Typs besitzt – ein gewaltiger Apparat, der die Verteilung des Lichts im Raum misst.

D

ie Morgensonne erwärmt die kühle Fassade. Ihre Strahlen berühren die acht weißen Buchstaben auf rotem Grund, die weithin sichtbar zwei Gebäudeteile miteinander verbinden. Nein, das

Morgenlicht wird beim Leuchtenhersteller Artemide nicht von Designerhand geschaffen. Trotzdem sollte man zu einer Tour durch die 28 000 Quadratmeter des Werks in Pregnana Milanese, einem Vorort von Mailand, am frühen Morgen aufbrechen. Im Wirrwarr der Gebäude sind zwischen unzähligen Regalen, die von oben bis unten mit Materialien und Teilen bestückt sind, die Mitarbeiter bereits am Werk. In der Abteilung für Metallurgie ist eine Gruppe Arbeiter mit dem Zuschneiden, Biegen und Lochen beschäftigt, während eine Laserschneidemaschine die großen Metallplatten weiterverarbeitet. Ein Stück weiter werden in der Extrusionsabteilung die Metallprofile geformt. In der Lackiererei laufen derweil Dutzende Komponenten von der Fertigungsstraße, werden einzeln geprüft und mitunter manuell fertiggestellt. Schließlich setzen in riesigen Montagebereichen geschickte – meist weibliche – Hände die Teile zu einigen der berühmtesten Kreationen des Hauses zusammen: darunter Tolomeo natürlich, die kürzlich ihren 30. Geburtstag feierte, Tizio, Eclisse, Pipe,

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ID-DOSSIER COMPANY

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Pirce, Genesy und einige weitere bekannte Entwürfe. Nicht alle Leuchten werden hier entworfen und hergestellt, aber Pregnana Milanese ist das wichtigste der fünf europäischen Werke des Unternehmens, denn hier werden Bauteile aus den anderen Standorten angeliefert, kontrolliert und an die unterschiedlichen Abteilungen weitergegeben. Aus dem vollständig automatisierten Auslieferungslager schließlich werden die Bestellungen in die ganze Welt verschickt.

Brillante Ingenieure, Designer und Architekten Dass gute Leuchten mehr können müssen, als nur schön aussehen, hat man bei Artemide früh erkannt – und der technologischen Entwicklung stets einen hohen Stellenwert eingeräumt, um bei Innovation, Forschung und Design stets einen Schritt voraus zu sein. Das überrascht nicht bei dem Unternehmen, das 1959 von Sergio Mazza und Ernesto Gismondi gegründet wurde: der eine Designer, der andere Ingenieur mit Abschlüssen in Luft- und Raumfahrttechnik sowie in Raketentechnik. Rund ­einhundert namhafte Designer und Architekten haben bis heute zum ­Artemide-Portfolio beigesteuert und dabei zahlreiche Preise gewonnen – den »Compasso d’Oro«, aber auch den »Red Dot Design Award« oder den »iF Product Design Award«. Zugleich hat sich Artemide das Ziel ­gesetzt, die Technologie in jeder Hinsicht in den Dienst des Menschen und seiner Bedürfnisse zu stellen. Diese Philosophie mit dem Namen­ The Human Light wurde in den 90er Jahren von Carlotta De Bevilacqua, der Vizepräsidentin des Unternehmens und Lebensgefährtin von Ernesto Gismondi, formuliert. Wer also in Pregnana Milanese eine futuristische Fabrik erwartet, in der Roboter in sterilen Räumen massenhaft Leuchten

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4

1/ Artemide hat eine Nachhaltigkeitsphilosophie entwickelt, die sich auf alle Unternehmensbereiche erstreckt: auf Produktentwicklung und Forschung, aber auch auf Entsorgung und Produktion. 2/ Facharbeiterin Elisabetta bringt LEDStreifen an der Pendelleuchte Copernico an. 3/ Der glockenförmige Korpus der Pendelleuchte Nur wird mit einer Poliermaschine auf Hochglanz gebracht. 4/ Nach Durchlaufen der Fertigungsstraße werden die Leuchten lackiert. Manche Stücke müssen von Spezialisten vollständig per Hand bearbeitet werden. 5/ Jedes Produkt wird eingehend auf Funktion und Langlebigkeit geprüft, auch die verbauten LEDs. 6/ Niemals aufhören! Artemide hat sich permanente gestal­terische und funktionale Innovation auf die Fahne geschrieben.

5

6

ARTEMIDE IN ZAHLEN > Gründungsjahr: 1959 > Produktionsfläche: 28 000 m2 (Standort Pregnana Milanese) > Produktionsstandorte: Pregnana Milanese, Telgate, Venedig, SaintFlorent-sur-Cher (Frankreich), Paks (Ungarn), Montréal (Kanada) > Mitarbeiterzahl: 750 (davon 340 in Italien) > Showrooms 55 in 98 Ländern (davon 37 in Europa) > Umsatz: 126 Mio. Euro (2015)

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ID-DOSSIER COMPANY

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3

2 1/ Seit 1986 wächst die Produktfamilie Tolomeo von Michele De Lucchi und Giancarlo Fassina immer weiter. Der 30. Geburtstag der Aluminiumleuchte wurde mit einer goldfarbenen Variante gefeiert. 2/ Noch mehr Farbe: Stehleuchte Illio von Ernesto Gismondi, hier im Mailänder Showroom von Artemide. 3/ Im 2015 errichteten Hauptquartier von Artemide sind das Innovationszentrum und die Labors unter­ gebracht. In diesem Raum können sich Architekten und Händler mit den neuesten Leuchtenentwürfen vertraut machen.

produzieren, wird enttäuscht. Selbst die Prototypenabteilung, in der ­Ernesto Gismondi viel Zeit mit der Entwicklung neuer Modelle verbringt, wirkt auf den ersten Blick wie ein Bastelraum. Tatsächlich ist die rund 60 Mitarbeiter starke Forschungs- und Entwicklungsabteilung das Herzstück des Unternehmens. Hier wird keineswegs nur gebastelt, sondern den physikalischen Eigenschaften des Lichts auf den Grund gegangen, etwa mithilfe der Photonik, die sich der Erforschung von Lichtpartikeln widmet und an der Artemide intensiv arbeitet. Darum sitzen in einem moder­ nen Gebäude auf der anderen Straßenseite die mit Optik und ­Mechanik befassten Ingenieure des Innovationszentrums und entwickeln die Produkte von morgen. Dort liegen Laboratorien, die mit neuesten und in Italien teils einmaligen Geräten ausgestattet sind, etwa einem G ­ oniophotometer, das die Verteilung des Lichts im Raum misst. Dank dieser Hilfsmittel kann Artemide Fallstudien durchführen, Lichtquellen testen, das Verhalten der Anlagen über einen bestimmten Zeitraum prüfen und an der Zukunft des Lichts forschen. Mit anderen Worten: eine futuristische Vision guter Beleuchtung entwerfen, die zugleich in der Gegenwart verankert ist. Schön sind Artemide-Leuchten übrigens auch – strahlend schön.

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DOSSIER SCHLAFZIMMER Bettwäscheserie Decode, hier Style Five aus Satin – mit einem Rahmen aus fünf feinen Linien. Luiz.

Because the night belongs to you: Wohliges vom Leinenkissen bis zum Kaschmirplaid, dazu die bequemsten und zugleich schicksten (wo gibt’s das sonst schon?) Betten der Saison.


ID-DOSSIER BETTWÄSCHE

Auf Bettwäsche Lani fliegen fein gezeichnete Eisvögel und ihre schemenhaften Schatten. Schlossberg.

Für Tagträumer ... Verspielt, romantisch – und wenn nicht im Schlafzimmer, wo dann? Rosa und Pink lassen dem Winterblues keine Chance und haben mit Naturtönen und Grau in dieser Saison nicht nur eine Bettgeschichte.

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3 1/ Kissenbezug Majbritt schmückt ein dynamischer Schwarm Flamingos, 50 x 50 cm, ca. 6 Euro. Ikea. 2/ Luxuriöser Baumwollsatin mit edlem Glanz, Kissenbezüge ab 119 Euro. Lexington. 3/ Bettwäsche Nebulosa aus schimmernder Baumwolle mit dezenten Minipünktchen in Schwarz, Set ca. 115 Euro. Skagerak. 4/ Erst zusammen wird ein großes Ganzes daraus: die wie von Hand getupften Blüten der Kissenbezüge Nap Star plus Bettwäsche Rem in Anthrazit und Plaid Multi Throw aus babyzarter Alpakawolle, ca. 185, 305 und 420 Euro. Society Limonta. 5/ In guter britischer Tradition, aber mit modernem Twist: karierte Wolldecke Check aus Merino, 150 x 180 cm, ca. 290 Euro. Tom Dixon. 6/ Plaid Crinkle ist in Groß und Extragroß zu haben. 150 x 210 cm und 270 x 270 cm, ca. 100 und 185 Euro. Hay. 7 Klassisch schön: Bettwäsche Astor natural, Kissenbezug ab ca. 35 Euro. Designers Guild.

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ID-DOSSIER BETTWÄSCHE

… und Nachtschwärmer Diese Beziehung geht tief: Dunkle Töne wie Blau, Anthrazit oder Braun passen fast in jedes Schlafzimmer und besonders gut zu Holz. Und sogar Schwarz darf jetzt mit ins Bett, Sachen gibt’s …

Country ist so was von back: gesteppte Tagesdecke Cut ca. 280 Euro. Ferm Living.

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3 1/ Garnitur Body, Kissenbezug ab ca. 35 Euro. Yves Delorme bei Calvin Klein. 2/ Bettüberwurf Aron in Lind, Weiß, Grau und Marine, drei Größen, ab ca. 170 Euro. Schlossberg. 3/ Kombiniere, kombiniere: Bettwäsche Dot in Schwarz mit Überwurf Tenji in zarten Wasserfarben, ca. 85 und 190 Euro. OyOy. 4/ Traumduo Grau und Blau. Kissen aus der Kollektion Memories, verschiedene Materialien und Größen, ab ca. 75 Euro. Luiz. 5/ Achtung, Klassiker! Unikko ist einer der bekanntesten Prints des 20. Jahrhunderts. In Blau, Dunkelgrün und Rosa, Kissenbezug, 50 x 50 cm, ab ca. 15 Euro. Marimekko. 6/ Bettwäsche Nyoka schmückt eine geheimnisvolle Berglandschaft mit bewaldeten Hügeln und dunklen Gipfeln. Baumwollperkal, in 135 x 200 und 80 x 80 cm, ca. 90 Euro. Cloth & Clay.

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ID-DOSSIER BETTEN

Von Katharina Eidam

Auping

Schramm

Poliform

Garantiert ohne Erbse

Flügeltier

Schlank im Schlaf

Wie vielseitig kann Schlafen sein? Aupings Boxspringbett Portofino wird in diversen Größen und Farben, aus­‑ gestattet mit verschiedenen Toppern und Auflagen, zur an wirklich jedes Körper­ bedürfnis angepassten und wohnlichen 24-Stunden-Raststätte. Die inneren Werte: Eine Spiralunterfederung und der Taschenfederkern bieten Halt für die Schultern und den unteren Rücken. Der äußere Rahmen? Schlank, schön und dank eingerückter Füße wie schwe­bend wirkend. In zartem Grau, dunklem Marineblau oder zum Beispiel in Lindgrün. Ab ca. 2240 Euro.

Schöne Beine, abgerundetes Kopfteil und ein eigenwilliger Materialmix für ein Plus an Charakter. Wir dürfen vorstellen: Kelly. Das Bett stammt aus der Feder von Emmanuel Gallina, der es als Beweis dafür entwarf, dass auch schlanke Formen weich und weiblich wirken können – danke dafür. Kellys Haupt ist wahlweise mit abziehbarem Stoff bezogen oder mit Leder gepolstert. Das Gestell ist aus Massivholz, weiblich oder männlich, das ist hier nicht ganz klar. Dafür die Breite: 160 oder 180 cm. Preis auf Anfrage.

Alle mal ruhig bleiben: Mit Calm zieht genau die Art von Stille ein, den das Bett im Namen trägt, denn unter dem ausladenden Kopfteil fühlt man sich geborgen und behütet. Das im Studio von Designer Sebastian Herkner entwickelte Modell ist ein echter Hauptdarsteller – der seinen Platz beansprucht. Vorteil: Vor Calm wirkt selbst das System aus zwei dicken Matratzen, gefedertem Rahmen und eventuellen zusätzlichen Auflagen optisch beinahe zierlich. Mit hölzernen Haken für Kopfhörer und Krimskrams sowie integrierter Ablage in Stoff und mit Taschenfederkern‑ matratze ab ca. 470o Euro.

auping.com

— poliform.it

schrammwerkstaetten.com

Flexform  She Isabels anmutige Gestalt stammt aus der Feder von Designer Carlo Colombo. Ihr kühler

214

Charme entsteht durch das emaillierte Metallgestell und die leicht ausgestellten Füße. Der Bezug aus edlem Kernleder

oder Leder wirken dagegen warm und wohnlich. Das neue Bett ist in neun Farben und fünf Breiten erhältlich und wird

durch superbequeme Matratzen in drei Qualitäten ergänzt. Preis: ab ca. 8370 Euro. — flexform.it


Treca

Minotti

Hästens

Auf Wolke Sieben

Italiener mit Lederjacke

Königlich schnarchen

Das Kopfteil Cosy zum Bettensystem aus der französischen Traditions­ manufaktur trägt eine Steppdecke. Die sieht nicht nur super aus, sondern lässt sich beim Lesen im Nacken bequem zurechtziehen. Welches Bett uns Treca vor Cosy stellt? In dieser Frage sind die Franzosen flexibel. Klassische Boxspringsysteme mit zwei Matratzen, ganz traditionell mit Rosshaarfüllung, Taschenfedern oder High-End-Latex‑ schäumen? Wer die Wahl hat, hat hier tatsächlich (nur vorübergehend!) die Qual. In 160 x 200 cm, Preis ab ca. 10 000 Euro.

Sie tragen aristokratische Namen wie Marquis, Excel und Auroria und kommen aus Schweden. Seit bereits sechs Generationen werden Luxus-Boxspring­ betten bei Hästens hergestellt, natürlich ist das Traditionshaus Lieferant des schwedischen Königshauses. Die Schlaf­systeme aus Naturmaterialien wie Rosshaar, Gänsedaunen, Leinen oder Merinowolle werden in Handarbeit gefertigt und bekommen schlanke Kopf­teile wie etwa Atlas an das (königliche) Haupt gestellt. Preis modellabhängig und auf Anfrage.

Lawrence ist groß, geradlinig, zuverlässig und extrem gutaussehend, ein echter Traumtyp eben. Der weich gepolsterte Rahmen kaschiert zwei Matratzen–Taschenfedern für Schultern und Hüfte, das grafisch gesteppte Kopfteil besteht aus einem (Foto) oder zwei vonein­ander abgesetzten Elementen, sodass sich symmetrische und asymmetrische Kompositionen ergeben und unterschied­liche Bezüge kombiniert werden können. Übrigens – wer hätte das gedacht: Das FünfSterne-Kopfteil lässt sich problemlos abziehen und reinigen. Preis ohne Matratze: ab ca. 8650 Euro.

treca-interiors-paris.com

— hastens.con

minotti.com

Poltrona Frau  He Auch wenn das Leder­‑ kopfteil von Mr Moon‑ light tiefe Sorgenfalten aufweist – durch seine

Füllung mit feinsten Gänse­daunen ist es herrlich anschmieg­sam. Der Entwurf stammt vom Designer-Duo Ludovica und Roberto

Palomba. Die Liege­ fläche ruht auf einem schmalen, mit Leder bezogenen Metallrah­ men. Und der wiederum hält sich glänzend

auf zierlichen, zurückversetzten Alumi­nium­füßen. Preis auf Anfrage. — poltronafrau.com

215


Contemporary trips was uns jetzt in Fahrt bringt


Š LE DUO

Schanghai

Miami

New York City

London

Sydney

Moskau

Paris

Rio de Janeiro

Venedig


ID-URBAN SPIRIT

»Hundert Mal habe ich gedacht, New York ist eine Katastrophe, und fünfzig Mal: Es ist eine wunderbare Katastrophe.« Le Corbusier, Paris, 1937

218


Fulton Street und Wall Street geben den Blick frei auf das mit 104 Etagen höchste Gebäude New Yorks, das One World Trade Center (541 m).

New York (the) City

Was gibt es über diese Stadt zu erzählen, das noch nicht erzählt wurde? Vieles! Denn New York ist größer als seine Klischees. Hier blühen und gedeihen Superlative – und Utopien. Und die Stadt, die niemals schläft, überrascht umso mehr, je besser man sie zu kennen meint. Reportage Thomas Jean / Fotos Young-Ah Kim

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ID-URBAN SPIRIT

1

P

220

2

3

olizeifahrzeuge mit heulenden Sirenen lassen uns

Oh no! Streift man heute durch SoHo, wird man zwar

aus dem Schlaf schrecken. Es ist vier Uhr morgens.

kaum noch die Vibrationen der Underground spüren,

Aus dem Fenster sieht man, wie die Bagger und

die einst die sagenumwobenen Häuserblöcke zum

Presslufthämmer auf der nahe gelegenen Baustelle schon

Schwingen brachte, wo Yoko Ono Musik machte und

zu dieser frühen Stunde mit Hochdruck arbeiten, damit

Trisha Brown mit ihrer Truppe auf den Dächern tanzte.

auch dieser neue Wolkenkratzer rechtzeitig fertig wird.

Mittlerweile ist South of Houston Street, so der vollstän­

Nebenan betritt eine gestylte Mittdreißigerin eine Filiale

dige Name des Viertels, vor allem für seine aufwendig

von Duane Reade, eine rund um die Uhr geöffnete

sanierten Fassaden und Luxusboutiquen bekannt. Vom

­Apothekenkette. Ganz alltägliche Szenen in Manhattan,

Concept Store M. Crow bis hin zur Brillenmode von

wo die Uhrzeit vergessen und der biologische Rhythmus

Retro­superfuture: Die begehrtesten Marken findet man

auf den Kopf gestellt wird. »Da ist irgendetwas in der

in der Howard Street. In der Greene Street erstrahlen die

New Yorker Luft, das Schlaf sinnlos macht«, versicherte

Cast-Iron-Gebäude mit den für diese Gegend so typi­

schon Simone de Beauvoir, die 1947 hier einige Monate

schen außen liegenden Feuertreppen in neuem Glanz.

verbrachte. Ein Klischee, sicher. Dennoch trägt »die Stadt,

Auch die angrenzenden Viertel sind inzwischen trendy.

die niemals schläft« ihren Beinamen zu Recht.

Für die frischen Eiergerichte im Egg Shop, dem letzten

Die Attentate vom 11. September hinterließen New York

Schrei in NoLIta, muss man geduldig anstehen, und­

tief traumatisiert, aber die Stadt trägt ihre Narben mit

in der auf Fotografie spezialisierten Buchhandlung Dash­

Würde: Tief unter der Erde wurden zwei Gedenkräume

wood Books in NoHo drängen sich die Besucher auf der

mit Wänden aus Wasser errichtet, die viel Raum für Emo­

Suche nach Raritäten.

tionen lassen. Oft wirft man Manhattan die hohen ­Preise,

Wer einen weniger aufgemotzten Teil von New York

Enge und seine Insellage vor. Die jungen Leute ziehen

­erleben will, besucht die ein paar Blocks weiter östlich ge‑

das weitläufigere Brooklyn vor und überlassen Down­

legene Lower East Side. Hier haben die jungen Kreati­

town, Midtown und Uptown Manhattan seinem glänzen­

ven ihren Platz gefunden – nicht alle wollen nach Brook­

den Reichtum. Ist Manhattan zum Stillstand verdammt?

lyn. Dies ist kein Hotspot für vegetarische Freelancer,

1/ Blick von der Terrasse des Hotels Indigo auf das Hotel The Ludlow und die Lower East Side. 2/ Isabella Enrico in der Galerie von Dominique Lévy. 3/ Im Concept Store M. Crow findet man Kinderspielzeug, schöne Kleidung und Möbel der Hausmarke BDDW. Rechte Seite Das CitizenM in Midtown ist ein Boutique-Hotel in der Nähe von Broadway, Central Park und Empire State Building. Für den Check-in und Check-out steht ein Computerter­ minal bereit, zeitgenössi­ sche Kunst bildet den Rahmen.


ID-URBAN SPIRIT

1

2

3

sondern eine sehr lebendige Fortsetzung von China‑

­angrenzt und das sie sich mit einer Freundin teilt. »Die

town – mit alten Männern, die sich vor den Häusern zu

Atmosphäre in Chelsea ist plötzlich so viel lässiger«,

einer Partie Mah-Jongg treffen, Gemüsehändlern mit

fährt sie fort, »besonders dank der High Line gleich um

Ständen voller Pak Choi, ausgefallenen Bars wie dem

die Ecke, wo man so wunderbar spazieren gehen kann.«

Forgetmenot und Avantgarde-Galerien. »Für Sammler

222

ist diese Ecke von Manhattan immer noch populär und

Ein Viertel im Wandel

exzen­trisch, viel leichter zu erreichen als die hinterste

Die High Line: Das ist eine ehemalige Hochbahntrasse,

Ecke von Brooklyn«, erklärt uns Tara Downs, Leiterin

die seit etwa zehn Jahren Abschnitt für Abschnitt zu ei‑

der ­Galerie Downs & Ross pragmatisch. »Und das New

ner begrünten Promenade voller Gräser und moderner

­Museum, einer der aufregendsten Orte der zeitgenös­

Skulpturen umgewandelt wird. Eine Erfolgsgeschichte,

sischen Kunstwelt, ist nur wenige Schritte entfernt.«­

die dem Viertel einen wahren Immobilienboom beschert.

Die Großen des Kunstmarkts, wie CRG oder Bitforms

Hier das Whitney Museum of American Art, ein Meis‑

Gallery, folgen den Pionieren und verlassen ihr ange‑

terwerk von Renzo Piano, dort von Jean Nouvel und

stammtes Viertel Chelsea, um sich hier zwischen kanto‑

Shigeru Ban entworfene Apartments: Im Licht der über

nesischen Marktständen niederzulassen. Ein enormer

dem Hudson River untergehenden Sonne bietet sich dem

Wandel, über den die Bildhauerin Sophie Stone, 29,

Betrachter eine unvergleichliche urbane Kulisse. Nein,

­lachen muss. Sie hat sich entgegen dem Trend gerade in

der 11. September hat das New Yorker Streben nach im‑

Chelsea eingerichtet. »Es ist verrückt, wie dieses Viertel,

mer größeren Höhen nicht gestoppt. Der 306 m hohe

COURTESY THE QUEENS

das noch vor fünf Jahren alle spannend fanden, immer

Wolkenkratzer One57 von Christian de Portzamparc

MUSEUM

uncooler geworden ist«, spottet sie. »Allerdings sind die

überragt den Central Park. 56 Leonard Street von Herzog

Mieten in Chelsea so unfassbar hoch, dass ich mich fast

und de Meuron beherrscht Tribeca, und 432 Park Avenue,

schäme, hier zu arbeiten!« Ihre kraftvollen, ungezügel‑

der 2015 errichtete schlanke Turm von Rafael Viñoly,

ten Werke entstehen in ihrem im Tiefparterre gelegenen

über­­ragt sogar das Empire State Building. Manhattan

Studio, das an einen kleinen, blumenbepflanzten Hof

ist widerstandsfähig und zäh. Zuletzt verwüstete der

1/ Das One World Trade Center. 2/ Küchenchef Brian Kim interpretiert im Restaurant Oiji die tra­di­‑ tionelle koreanische Küche neu. 3/ Die Ausstellung Never Built New York zeigt eine Reihe verrückter Bau-Utopien im Queens Museum © HAI ZHANG / Rechte Seite Das New Museum of Contem‑ porary Art in der Bowery Street, entworfen vom Archi­tekten­büro Sanaa, widmet sich der Kunst der Gegenwart.


ID-URBAN SPIRIT

1

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3

Hurrikan Sandy 2012 das Südufer. Wer hätte geahnt, d ­ ass

­essen können. Es ärgert mich furchtbar, wenn jetzt eine

das am stärksten getroffene Viertel Seaport kaum vier

meiner Lieblingsbars, wo man zu Hip-Hop und R’n’B

Jahre später der place to be sein würde? Hier gibt es­

tanzen konnte, andere Musik spielt und die Preise erhöht!«

jetzt edle Schuhe von Brother Vellies, die Mode der Okpo

Und doch bleibt Harlem eines der spannendsten Viertel

Sisters und Lederjacken von Christian Benner. Auch ­das

zum Ausgehen, mit vielen angesagten Orten: Nach ei-

ultraschicke 10 Corso Como, der Mailänder Colette-­

nem Besuch in den Townhouses von Hamilton Heights

Ableger, hat hier 2017 in den ehemaligen Hallen des

und einem Aperitif in den Gastrobars The Hogshead oder

­Fulton Market eine Filiale eröffnet. Nicht schlecht für

The Grange sollte man unbedingt Solomon & Kuff ­besu­‑

ein zwischen Wall Street und Hafen gelegenes Über-

chen, eine Rumbrennerei mit feiner karibischer Küche.

schwemmungsgebiet, wo Louboutins auf der Straße bis

Nach dem Dinner kann man sich hier bis spät in die

vor Kurzem nicht mehr als ein schlechter Witz waren!

Nacht die Zeit auf dem Dancefloor vertreiben. »Die jun­ gen Leute, die heute nach New York kommen, sind ganz

224

Harlem – noch immer

genauso so aufgeregt, wie ich vor dreißig Jahren«, stellt

»Dieses hektische Manhattan mit seinen Bulldozern, die

Jean-Marc Houmard fest, gebürtiger Schweizer und

nur darauf warten, immer neue Gegenden zu gentrifizie­

­unter anderem seit dreißig Jahren Chef des Restaurants

ren …« Die Kunstagentin Alaina Simone sieht mit Sorge,

Indochine, wo schon Andy Warhol und Jean-Michel

wie der Wandel auch vor ihrem geliebten Harlem nicht

­Basquiat zu Gast waren. »Ich kann mich noch gut an­

haltmacht. »Für mich als Afroamerikanerin ist es wich­

die Clubs der 80er Jahre erinnern«, erzählt der Nacht-

tig, hier zu leben, in diesem Zentrum des Emanzipations­

schwärmer, »irgendwo inmitten der Schlachthöfe des

kampfes der Schwarzen«, bekräftigt die stilsichere Mitt-

Meatpacking District. Sie gaben uns das Gefühl, etwas

dreißigerin. »Harlem bleibt das New York des Jazz und

Besonderes zu sein. Wenn heute eine neue Bar eröffnet,

der Gospelsänger, das New York der einfachen Men­

weiß jeder noch am selben Abend Bescheid. Aber das

schen, wo Afroamerikaner und Einwanderer aus Äthio­

macht die Stadt nicht weniger aufregend!« Gegen das

pien oder Mexiko noch wohnen und für sechs Dollar

New York-Fieber wurde noch kein Mittel erfunden.

1/ Das Blumengeschäft von Emily Thompson liegt im Süden des Seaport District. 2/ Blick von der Terrasse des Whitney Museums, das amerika­ni­ sche Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zeigt: Im Meatpacking District überspannt das Hotel The Standard (338 Zimmer, 17 m über Straßenniveau) die inzwischen begrünte Hochbahntrasse High Line. Die Form des zweiteiligen Gebäudes scheint mit dem Betrachter zu kommu­‑ ni­zieren und den Blick auf das Grün darunter zu lenken. 3/ Im provençali­ schen Restaurant Claudette treffen lokale Produkte auf Meeresfrüchte und nordafrikanische Aromen. Rechte Seite Der stets quirlige Times Square – vom Hotel CitizenM aus gesehen.


ID-URBAN SPIRIT

FIGURES & FACTS

von Buckminster Fuller.

> Die Stadt New York

queensmuseum.org

besteht aus fünf

> Das Brooklyn Museum

Boroughs: Manhattan,

stellt mit »Proof: Francisco

die größte Insel der

Goya, Sergei Eisenstein,

Stadt, Brooklyn und

Robert Longo« soziale

Queens im Westen von

und politisch getriebene

Long Island, die berüch‑

Werke der Künstler in

tigte Bronx auf dem

den Mittelpunkt

Festland, und Staten

(bis 7. Januar 2018).

Island, eine Insel, die per

brooklynmuseum.org

Brücke mit New Jersey

> Die Neue Galerie

verbunden ist.

widmet den Wiener

> 2016 hatte Manhattan

Werkstätten mit über

nach Schätzungen des

400 Exponaten dieser

United States Census

berühmten Gruppe um

Bureau 1 643 734

Josef Hoffmann eine

Einwohner, die Stadt

Ausstellung. (»Wiener

insgesamt 8 537 673

Werkstätten, 1903–1932:

Einwohner. Die New

The Luxury of Beauty«,

UNTERWEGS IN NEW YORK

York Metropolitan Area

bis 29. Januar 2018).

umfasst 31 Counties

neuegalerie.org

ANKOMMEN

erschwinglich. Achtung,

East River führenden

und 725 Kommunen in

> Das Cooper Hewitt

Lufthansa fliegt den New

Verspätungen sind an

Brücken von Brooklyn,

den Staaten New York,

Designmuseum zeigt

Yorker Flughafen John

der Tagesordnung. Im

Manhattan, Williamsburg

Pennsylvania, New

Werke des Niederlän‑

F. Kennedy zum Beispiel

Zweifelsfall ist daher –

und Queensboro.

Jersey und Connecticut.

ders Joris Laarman, der

16-mal pro Woche ab

trotz häufiger Staus –

> Der Fort Tryon Park

Hier leben mehr als

mit seinem Laborteam

Frankfurt/Main und

­eines der offiziellen Taxis,

im Norden Manhattans

22 Millionen Menschen.

an der Schnittstelle

fünfmal die Woche ab

der Yellow Cabs, die

ist ein verkanntes Juwel:

> Die ersten Bewohner

zwischen Design, Kunst

Berlin-Tegel direkt an.

schnellere Alternative.

Hier lohnt sich zum

der Insel Manhattan

und Wissenschaft

Beispiel ein Besuch in

waren Indianer des

arbeitet (»Joris Laarman

TOUREN

The Cloisters im nörd-

Lenape-Stamms.

Lab: Design in the digital

INFOS IM NETZ

> Von der High Line,

lichen Teil des Parks.

> Die zunächst von den

age«, bis 15. Januar 2018).

newyork.de

der ehemaligen Güter-

Das kuriose Kloster im

Franzosen, dann von den

cooperhewitt.org

visittheusa.de/

zugtraße zwischen

neoromanischen Stil

Niederländern besetzte

> Das Guggenheim

destination/

West 14th und West 34th

birgt die mittelalterliche

Insel hieß im 16.

Museum widmet

new-york-city

Street, hat man eine

Sammlung des

Jahr­hundert Nouvelle

chinesischen Künstlern

grandiose Aussicht auf

Metropolitan Museums.

Angoulême, dann Nieuw

mit »Art and China after

UNTERWEGS

den Hudson River.

> Abenteurer begeben

Amsterdam und im 17.

1989: Theater of the

Der AirTrain am Flug-

> Ein echter Klassiker ist

sich in die Bronx, wo es

Jahrhundert schließlich

World« (bis 7. Januar

hafen JFK verbindet

ein Spaziergang durch

unter anderem den

New York – zu Ehren des

2018) eine umstrittene

kostenlos alle Terminals

den Central Park. Tipp:

bota­nischen Garten von

Herzogs von York.

Ausstellung – und zog

miteinander und führt

Der nördliche Teil

New York zu sehen gibt

dann kostenpflichtig

ist pittoresker und viel

(nybg.org), ein Museum

KUNST-KALENDER

Tierschützern bereits

weiter zur Jamaica

weniger touristisch.

für zeitgenössische Kunst

> Das Queens Museum

mehrere Werke zurück.

Station oder der Howard

> Auf Höhe East 60th

(bronxmuseum.org),

zeigt bis zum 18. Februar

guggenheim.org

Beach Station, von wo

Street startet die Seil-

eine von Marcel Breuer

2018 die interessante

aus man unkompliziert

bahn nach Roosevelt

entworfene Hochschule

Ausstellung »Never Built

LEKTÜRE

nach Manhattan kommt.

Island. Von dort hat

(bcc.cuny.edu) und

New York« – mit

> »Manhattan Transfer«

Die U-Bahn verkehrt

man einen grandiosen

die Tracey Towers, eine

Archi­tekturentwürfen,

von John Dos Passos.

in einem gut ausgebauten

Blick auf Manhattan.

Wohnanlage im bruta­-

die nie realisiert wurden,

> »Jazz« von Toni Morrison.

Netz zum Teil rund um

> Schöne Ausblicke

listischen Stil (40 West

darunter eine gläserne

> »Alles ist möglich« von

die Uhr, die Preise sind

bieten auch die über den

Mosholu Parkway).

Kuppel über Manhattan

Jay McInerney.

Die New Yorker Skyline vom New Museum aus gesehen.

lufthansa.com

226

nach Protesten von


© SUSAN HUNT YULE 2016


Der Times Square in Manhattan ist belebt wie eh und je.


ID-URBAN SPIRIT

UNSERE LIEBLINGSHOTELS IN NEW YORK

Neben seinen legendären Luxushotels wie The Pierre oder The Carlyle bietet New York – wie könnte es anders sein – jede Menge hippe und romantische Adressen.

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4

5

6

Boutique-Hotel

Zimmern, wo man

Pariser Atmosphäre sei-

Neo-Pop

Kunstinstallation.

Hôtel Americano (1)

wunderbar zwischen

ner eigenen Studenten-

CitizenM (3)

Bibliophile werden beim

Nahe der High Line lässt

zwei Vernissagen

zeit: gerahmte Skizzen

Die niederländische

Buchhändler Mendo

das Künstlervolk hier

entspannen kann.

an den Wänden, Bade-

Hotelkette hat aus ihrem

fündig, der hier eine

am Pool die Nächte aus-

518 West 27th Street.

wannen mit Löwen-

ersten Haus jenseits des

Dependance seines

klingen. Nur einen

hotel-americano.com

füßen und Paravents

Atlantiks ein Vorzeige­

Amsterdamer Hauses

Katzensprung von Chel-

230

mit Blumenmuster ver-

objekt gemacht: Die

führt. Von der Roof-

seas großen Galerien

Nostalgiemoment

breiten nostalgischen

als großes Wohnzimmer

top-Bar hat man einen

entfernt, präsentiert sich

The NoMad (2)

Charme. Mit seinem läs-

gestaltete Lobby

imposanten Blick auf die

das ehemalige Parkhaus

Innenarchitekt Jaques

sigen Retro-Stil ist das

begeis­tert mit Möbelstü-

Hochhäuser am Times

hip von oben bis unten:

Garcia verbindet raffi-

Hotel typisch für das

cken von Herman Miller,

Square. Im Frühjahr

mit Elektro-Playlists

niert Einflüsse aus dem

Viertel North of Madison

Werken von David

2018 öffnet übrigens ein

in der Lobby, franzö-

17. und 18. Jahrhundert

Square Park (NoMad),

LaChapelle und Andy

weiterer CitzenM-

sisch-mexikanischer

mit zeitgenössischem

das zurzeit ein trendiges

Warhol sowie einer

Ableger: das New York

Küche auf den Tellern

Flow. In den Zimmern

­Comeback erlebt.

von Julian Opie eigens

Bowery Hotel.

und gekonntem Retro-

des NoMad schuf er ein

1170 Broadway.

geschaffenen, knapp

218 West 50th Street.

Minimalismus auf den

Abbild der verträumten

thenomadhotel.com

acht Meter hohen

citizenm.com


7

Boheme-Chic

tel der Kreativszene,

dem neogotischen Haus

doch wie seine Kollegen

Kopenhagen gestaltet.

The Ludlow (4)

punktet mit seiner rund-

poetischen Atem ein:

Stücke des Modedesig-

11 Howard Street.

Wenn bei Sonnenunter-

um makellosen Ästhetik.

So schmücken blumige

ners Serkan Sarier. Das

11howard.com

gang die letzten Strahlen

180 Ludlow Street.

Wandteppiche, Kilims

Hotel in SoHo ist ein

aufs edle Parkett treffen

ludlowhotel.com

und 30er-Jahre-Telefone –

Magnet für die Fashion-

Frischekick

jetzt mit Digitaltechnik

szene der Stadt, sodass

Innside (7)

und die Skyline draußen zu funkeln beginnt, zeigt

Ruhepol

versehen – die Zimmer

man ohne Hipster-

Die 313 Zimmer glänzen

das Ludlow seine schlich-

The High Line Hotel (5)

mit Blick ins Grüne.

Erkennungszeichen

mit aufgeräumter

te Erhabenheit: Auf dem

Einst wohnten hier Pries-

180 10th Avenue.

(Bart, Brille, nackte

Sauberkeit. Heimelig

dunklen Holzbett mit

terseminaristen, heu-

thehighlinehotel.com

Knöchel) kaum ins

wird es im Erdgeschoss,

­gewundenen Füßen liegt

te steht das historische

The Blond kommt, die

wo man es sich mit

eine orientalische Decke,

Backsteingebäude im

Hotspot

Club-Bar im Stil der

Cocktail in der Hand auf

im weiß-golden gestalte­

Kontrast zum ultramo-

11 Howard (6)

Eighties. Die Zimmer

einem zitronengelben

ten Bad steht die per­fek­

dernen Überangebot im

Selbst der Portier ist mit

sind mit hellem Holz und

Ruché-Sofa bequem

te Orchidee. Das Bouti­

Bereich der High Line.

lässigen Sneakern und

Pastelltönen wohltuend

machen kann.

que-Hotel an der Lower

Das Design-Duo Roman

7/8-Chino komplett

ruhig und wurden vom

132 West 27th Street.

East Side, dem Kultvier-

and Williams hauchte

durchgestylt – trägt er

Design-Duo Space

melia.com

231


ID-URBAN SPIRIT

COOLE BARS UND RESTAURANTS IN NEW YORK

Im Schmelztiegel New York werden gastronomische Trends geboren – und rund um die Uhr genossen. Nirgendwo ist die Auswahl größer und vielfältiger als zwischen Manhattan, Queens und Brooklyn.

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5

6

Mexicool

Yorker Nachtleben

pianistin fand eine große

Junge Koreaner

dominieren – und sich

Tijuana Picnic (1)

bereichert, ist Treffpunkt

verglaste Fläche im West

Oiji (3)

dann eine auf Kiefern-

Hier teilen sich fröhliche

der schicken Jugend

Village, renovierte sie

In einem noch nicht

holz geröstete Makrele

Tischgesellschaften die

der Lower East Side.

und engagierte für die

gentrifizierten Teil des

oder den nach Wunsch

perfekte Guacamole,

151 Essex Street.

Küche Abe Hiroki,

East Village, zwischen

gewürzten Babytinten-

und Tequila-Shots gibt es

tijuana-picnic.com

dessen Tofu ein Gedicht

vietnamesischen Pinten

fisch schmecken lassen.

in Hülle und Fülle.

232

ist. Zusammen mit

und günstigen Blumen-

119 1st Avenue.

Holzvertäfelte Wände

Nippon Connection

fantastischen Kreationen

läden, erwecken Brian

oijinyc.com

und modernistische

EN Japanese

auf der Grundlage von

Kim und Tae Kyung Ku

Stühle sorgen für eine

Brasserie (2)

asiatischen Pilzen und

die koreanische Küche

Angesagter Pub

warme Atmosphäre, das

Als Tochter Tokioter

zu Jazz von John

in ihrer offenen Küche

Hogshead (4)

Ganze hinter einer

Gastronomen hatte

Coltrane ergibt das

zu neuem Leben.

Hier stillt man seinen

antiken Fensterfront. Die

Reika Alexander es satt,

eines der bestbesuchten

Ihr geschicktes Wirbeln

Durst mit außergewöhn­

angesagte Adresse des

dass Amerika die

Izakayas (japanische

kann man aus einem

lichem Craft-Bier wie

Schweizers Jean-Marc

japanische Küche auf

Kneipe) der Stadt.

gemütlichen Raum

dem Yonkers Shower aus

Houmard, der seit den

Lachs-Maki reduziert.

435 Hudson Street.

beobachten, in dem

einer lokalen Brauerei.

80er Jahren das New

Die ehemalige Jazz-

enjb.com

Backstein und Beton

Dazu gibt’s wunderbare


7

Snacks wie das

Fresh & Healthy

der Ruhe mitten in

Bodenfliesen. Ein

mit nordafrikanischen

Schweinefleisch-Sand-

Dimes (5)

Chinatown.

eleganter Rahmen

Aromen. Die Bouilla­

wich mit Zwiebelmarme-

Managerin Robin Hilleary

49 Canal Street.

für die Küche, die mit

baisse ist hier ebenso

lade. Die Nachtschwär-

bedient ihre gesund-

dimesnyc.com

Köstlichkeiten wie

hervorragend wie die

mer im Ausgehviertel

heitsbewussten Gäste

Drei-Käse-Ravioli mit

Lamm-Tajine. Obwohl

Harlem werden mit einer

nahezu elfengleich:

Retro-Trattoria

Thymian, Zitrone und

die klassisch-eleganten

Inneneinrichtung von

Ganz behutsam und

Sessanta (6)

Knoblauch punktet.

Gäste aus Greenwich

BHDM Design beglückt:

mit gesenkter Stimme

Das Flair der italieni-

60 Thompson Street.

Village vor allem zur

Industrial-Ästhetik,

scheint sie an die

schen Sixties dominiert

sessantanyc.com

Brunch-Zeit hierher­

Wände, die wie in der

Eighties-Tische zu

die Räume, die der in

U-Bahn gefliest sind und

schweben. Als Sound­

London und New York

Mittelmeerküche

Interieur mit seinen

ein Boden mit Schach-

kulisse zu Matcha

tätige Schwede Martin

Claudette (7)

Terrakotta­fliesen und

brettmuster machen

Pankakes, Yuku oder

Brudnizki gestaltet hat:

Inspiriert von seiner

Weidengeflechtstühlen

den Laden cool, cooler,

schwarzem Reis mit

mit Bänken in Flaschen-

tunesischen Großmutter,

am Abend besonders

am coolsten.

Grünkohl dient

grün, dicht gehängten

verbindet Küchenchef

stimmungsvoll.

126 Hamilton Place.

angenehm verträumte

Bildern an der Wand

Ari Bokovza gekonnt die

24 5th Avenue.

hogsheadharlem.com

Elektromusik. Ein Ort

und bordeauxfarbenen

provençalische Küche

claudettenyc.com

kommen, wirkt das

233


ID-URBAN SPIRIT

SHOPPING IN NEW YORK – NICHTS FÜR ANFÄNGER Skurrile Funde, Designer, die alles wagen, vergängliche Wunder ... Einkaufen ist in New York Nationalsport, wir haben die interessantesten Adressen.

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Nützliches

einfach so richtig

einem Hersteller aus

um so ihre Pop-Auslage

und arbeitet schon mal

Nalata Nalata (1)

gut ausgestattet.

der Umgebung. Perfektes

zum Strahlen zu bringen:

Artischocken oder

In schnörkellosen Holz-

2 Extra Place.

Laufwerk, um mit dem

50er-Jahre-Geschirr

Feigen in ihre Sträuße

regalen halten Angélique

nalatanalata.com

preppy Volk von NoLIta

aus Ohio, ein Joe-Colom­-

ein. Aufregende

Schritt halten zu können.

bo-Stuhl oder Buch-

Kompositionen, die

J. V. Chmielewski und

234

Stevenson S. J. Aung eine

New Yorker Basics

226 Elizabeth Street.

stützen aus Beton, die

perfekt ergänzt werden

feine Auswahl unauf-

Unis (2)

unisnewyork.com

ebenso als coole Pflanz-

vom verschrobenen

dringlicher Utensilien

Eunice Lee, New Yorker

kübel funktionieren.

Töpferwerk ihrer

bereit. Man verlässt

Stylistin durch und

Extravaganzen

37 Orchard Street.

Künstlerfreunde: Die

das Geschäft mit einer

durch, mag diskret ge-

Coming Soon (3)

comingsoonnewyork.

Vase in Form eines

hübschen pastellfarben

stylte Männer. Die

Von außen vermutet man

com

Rehfußes von Malia

lackierten Dose, einer

werden in ihrer Boutique

einen quirligen Raum für

schlichten Bürste

fündig: Chinos und

Kunst. Fabiana Faria und

Edel-Florist

muss man einfach

oder einem edlen Maß‑

schlichte T-Shirts ihrer

Helena Barquet deko-

Emily Thompson (4)

liebhaben.

band, das in einem

Marke Unis gibt es hier

rieren ihr Geschäft auch

Als Bildhauerin hat Emily

142 Beekman Street.

Gehäuse aus Ahornholz

ebenso wie Schuhe

mal mit psychedelischen

Thompson ihren ganz

emilythompsonflowers.

steckt – und fühlt sich

von Common Projects,

Stoffen und Omas Kissen,

eigenen Sinn für Ästhetik

com

Jensen zum Beispiel


7

Materiallager

asymmetrische Tische

Showroom entdeckt

Afro-Chic

Traumhaftes Zuhause

M. Crow (5)

aus Nussbaum und

man zwischen vielen

Brother Vellies

The Apartment

Hat man den Concept

manche weitere

exotischen Antiquitäten

Der Stil Kenias und

by The Line (7)

Store des Multi-Künst-

haptische Sensation.

(einem chinesischen

Südafrikas ist Vorbild für

Eine diskrete Klingel, ein

lers Tyler Hays betreten,

16 Howard Street.

Schränkchen oder

die Schuhe der Stylistin

finsterer Fahrstuhl –

kennt der Kaufrausch

mcrowcompany.com

einer seltenen afrikani-

Aurora James. In ihrer

schon steht man mitten

keine Grenzen. In den

schen Maske) auch

mit Tribal-Motiven

in einem Loft in SoHo,

einladenden, groß-

Kostbarkeiten

Designstücke wie eine

verschönerten Boutique

in dem alles verkäuflich

zügigen Räumen stößt

Studio Oliver Gustav (6)

Salatschüssel aus

gibt es Kroko-Boots,

ist. Zum Beispiel der

man auf dicke Becher

Der dänische Ästhet

Bronze von der briti­‑

Mules mit Federn

Oscar-Niemeyer-Band

aus Ton und Asche,

Oliver Gustav hat

schen Designerin

und Zebra-Sandalen.

im Bücherschrank. Oder

handbemalte Schneide-

seine Vorstellung von

Faye Toogood oder

Ein Hotspot in Seaport,

soll es das Kleid von

bretter, Bekleidung für

exklusivem Interieur

brutalistisch inspirierte

dem Viertel, das

Proenza Schouler sein,

hippe Holzfäller(innen)

nach SoHo importiert

Lampen aus Basalt

bei Modefans stark

das an der Garderobe

und die allerschönsten

und entwirft unter

von Stefano Galuzzi.

im Kommen ist.

hängt? Yes please.

Möbel: etwa leder-

anderem höchst dezente

11 Howard Street.

4 Fulton Street.

76 Greene Street.

bespannte Kommoden,

Sofas. In seinem

olivergustav.com

brothervellies.com

theline.com

235


ID-URBAN SPIRIT

DIE WICHTIGSTEN MUSEEN UND GALERIEN IN NEW YORK

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6

Monumentalbau

the Bed«. Zudem läuft

asymmetrisches Ge-

Lower East Side um

Nathanson zu sehen.

Met Breuer (1)

bis zum 2. Januar 2018

bäude mit acht

Aufmerksamkeit. Alex

96 Bowery.

Dieser neue Ableger des

eine eindrucksvolle

Stockwerken entwarf.

Ross von der Galerie

downsross.com

Metropolitan Museums

Retrospektive des

Das der zeitgenössischen

Hester und Tara Downs

befindet sich seit März

indischen Fotografen

amerikanischen Kunst

von der Tomorrow

Must-see

2016 im bemerkenswer-

Raghubir Singh.

gewidmete Haus zeigt

Gallery haben sich

New Museum (4)

testen Gebäude der

945 Madison Avenue.

derzeit Werke des

zu­sammengetan und

Das vom Architekturbüro

Upper East Side: Einem

metmuseum.org

Konzeptkünstlers und

zeigen nun unter dem

Sanaa entworfene

Menschenrechtsakti­

Namen Down & Ross

Gebäude mischt die

stufenförmigen Beton-

236

© PHILIP ROGERS / DEBORAH ROBERTS, ROPE-A DOPE, 2017, COLLECTION OF SARAH ARISON, COURTESY THE ARTIST AND FORT GANSEVOORT, NEW YORK

Die Klassiker MoMA und Guggenheim sind immer einen Besuch wert. Unterdessen erzählen diese sieben neueren Kultur-Hotspots samt ihrer beeindruckenden Architektur von einer Kunstmetropole, die nach wie vor im Aufwind ist.

block, den Marcel

Nationalschätze

visten Jimmie Durham.

vielversprechende neue

Bowery Street auf. Seit

Breuer 1966 entwarf

Whitney Museum (2)

99 Gansevoort Street.

Künstler. Inmitten der

seiner Gründung 1977

und in dem zuvor das

Die Institution aus

whitney.org

Lower East Side ­und

begleitet das New

Whitney Museum

Uptown ist in den

Chinatown, umgeben

Museum die großen

residierte. Bis 4. Februar

Meatpacking District

Kunst von morgen

von Karaokebars und

Unruhestifter der Kunst.

2018 präsentiert das

umgezogen, wo Renzo

Downs & Ross (3)

Garküchen, sind noch bis

Aktuell werden Werke

Haus »Edvard Munch:

Piano zwischen High

Mehr als 200 Galerien

zum 17. Dezember Werke

von Helen Johnson,

Between the Clock and

Line und Hudson ein

konkurrieren in der

des Künstlers Joshua

Petrit Halilaj und


7

zeitgenössische Kunst

bei Christie’s, ihre

909 Madison Avenue.

Neubau 2021 fertig ist,

Minimal House

unter dem Titel »Trigger:

gemeinsame Galerie

levygorvy.com

stellt das Museum auch

Judd Foundation (7)

Gender as a tool and a

eröffneten. In einer

an Gastorten aus. Bis

Für 68 000 Dollar kaufte

weapon« ausgestellt.

ehemaligen Bank aus den

Soziales Schwergewicht

zum 7. Januar läuft an

Donald Judd, Herold des

235 Bowery.

30er Jahren präsentiert

Studio Museum

gewohnter Stelle noch

Minimalismus, 1968 diese

newmuseum.org

diese vielversprechende

in Harlem (6)

»Fictions«, eine Schau

Nähmaschinenfabrik

Liaison Kunst aus den

Das erstklassige kleine

mit Werken von 19 auf-

und machte sie zu sei-

Alte Welt

Bereichen Modern,

Museum hat eigentlich

strebenden US-Künst-

nem Lebensmittelpunkt.

Lévy Gorvy (5)

Post-War und Contem-

eine Doppelfunktion:

lern mit afrikanischen

Das Loft ist Hort hoch­

Die Kunstszene staunte

porary. Mit dabei sind

als Harlems Gemeinde-

Wurzeln. Darunter sind

karätiger Ausstellungen:

nicht schlecht, als kürz-

Größen wie Frank Stella,

zentrum und Ausstel-

der Fotograf Texas

bis zum 9. Dezember sind

lich die Schweizer Kunst-

Joel Shapiro oder ­Enrico

lungsort für Künstler

Isaiah und die Malerin

Werke der hypnotischen

händlerin Dominique

Castellani. Bis zum

mit afrikanischen

Deborah Roberts, die

»Infinity-Net«-Serie der

Lévy und der Brite Brett

23. Dezember läuft

Wurzeln. Bis der vom

mit ihren farbenfrohen

­japanischen Künstlerin

Gorvy, ehemaliger

zudem noch die Aus-

ghanaisch-britischen

Collagen fasziniert.

Yayoi Kusama zu sehen.

Leiter der Abteilung für

stellung »Ileana Sonn-

Architekten David

144 West 125th Street.

101 Spring Street.

zeitgenössische Kunst

abend and Arte Povera«.

Adjaye entworfene

studiomuseum.org

juddfoundation.org

237


ID-URBAN SPIRIT

HOTSPOTS IN QUEENS

238

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6

© KYLE KNODELL / NICOLA L.: WORKS, 1968 TO THE PRESENT, SCULPTURECENTER, NEW YORK, 2017

Wird Queens das neue Brooklyn? Seine westlichen Viertel – das quirlige Long Island City und das sino-latino-griechische Astoria – empfangen Neugierige jedenfalls jetzt schon mit offenen Armen.

Institution

bende Sunset Viewings

Kult

Marmorringe und

Stücken wie ihrem über-

MoMA PS1 (1)

buchen kann). Das

Noguchi Museum (2)

anderen meditativen

dimensionierten White

Die ehemalige Public

Treppenhaus bevölkert

Die japanischen Wurzeln

Werke des Künstlers.

Foot Sofa aus. Die

School von Long

William Kentridge mit

des Kaliforniers Isamu

9–01 33rd Road.

Gewölbegänge sind

Island City sieht sich als

Schattenrissen. Bis zum

Noguchi kommen im von

noguchi.org

jungen Talenten vor-

zeitgenössisches

11. März 2018 zeigt das

ihm gestalteten Museum

Kunstlabor des MoMA.

Museum Installationen

elegant zur Geltung.

Kreativ-Hangar

dort Stücke von Kelly

In den ehemaligen

von Cathy Wilkes:

Das fängt beim zen-mä-

Sculpture Center (3)

Akashi zu sehen, die mit

Klassenzimmern finden

Die gebürtige Nordirin

ßigen Garten an, in dem

In einer ehemaligen

Materialien wie Wachs,

sich unvergängliche

schafft mit ihren meist

selbst geschnittene

Garage für Trolley-

Glas und Bronze arbeitet.

Werke wie James

selbst gebauten Puppen

Granitblöcke, umgeben

busse setzt die moderne

44–19 Purves Street.

Turrells kosmischer

Alltagsszenen, die

von Bambus und Kies,

Bildhauerkunst zu

sculpture-center.org

Skyspace, ein Raum, der

mit ihren fingierten

eine zauberhafte

intellektuellen Höhen-

den Blick auf den

Gesten und Stimmungen

Landschaft bilden. Innen

flügen an. Gerade

Halle der Helden

Himmel freigibt (und für

tief berühren.

dominieren Beton und

staffiert die französische

Fisher Landau

den man hin und wieder

22–25 Jackson Avenue.

Licht – die ideale Er-

Künstlerin Nicola L.

Center for Art (4)

Tickets für atemberau-

momaps1.org

gänzung für die großen

die Hauptgalerie mit

Ihr Porträt von Andy

behalten. Aktuell sind


7

Warhol in der Eingangs­

hervorragend steht.

Skulpturen etablierter

Bonvivants von Queens.

treffen in der schnittigen

halle kündigt es an:

38–27 30th Street.

und aufstrebender

Rocco Scramone

Lobby aufeinander,

Jeder große amerikani­

flcart.org

Künstler zu Gemüte.

kredenzt hier köstliche

während die wie Mini-

Dazu gibt es einen tollen

herzhafte Gerichte.

Lofts wirkenden Zimmer

sche Künstler ab den 60er Jahren ist in der

Outdoor-Kunst

Blick auf das nördliche

4610 Center Boulevard.

die Umgebung sprechen

Sammlung, der durch

Socrates Sculpture

Manhattan.

maiellalic.com

lassen: Durch die

Immobilien reich

Park (5)

32–01 Vernon Boulevard.

gewordenen Emily Fisher

Das obligatorische

­socratessculpturepark.org

Landau, vertreten.

Wochenendziel in

Die Fabrik, in der früher

Astoria: Hier versorgt

Fallschirmgurtzeug

riesigen Fenster beLofts mit Aussicht

staunt man die

Boro Hotel (7)

Queensboro Bridge

Italia-Chic

In unmittelbarer Nähe

und die Skyline von

man sich auf dem

Maiella (6)

der Geschäftshäuser

Manhattan, die aus der

hergestellt wurde, hat

Farmers’ Market mit

Am Ufer des East River

von Long Island City

Liegeposition auf

der Architekt Max

seltenen Tomaten, spielt

ist diese großflächige

laden die 13 Etagen im

dem bequemen Bett

Gordon modernisiert.

Frisbee, bestaunt

Trattoria mit betrieb­

Industrial-Stil Kreative

aus übrigens noch

Ein Umfeld, das den

Performancekünstler

samer Bar und Garten

zu einem Zwischenstopp

besser aussehen.

Bildern von Ed Ruscha

und führt sich die

der neue Treffpunkt für

ein. Junges Kunstvolk

38–28 27th Street.

oder Mark Tansey

abwechslungsreichen

die klassisch-eleganten

und Start-up-Geeks

borohotel.com

239


ID-RETREAT

Land der tausend Hügel Ruanda ist im Aufwind. Die Wirtschaft boomt, und die Umweltschutzinitiativen des kleinen ostafrikanischen Landes sind Vorbilder für den ganzen Kontinent. Jetzt hat im Gorilla-Trekking-Gebiet der Virunga-Vulkane die Bisate Lodge eröffnet – ein exklusives Eco-Retreat für nur zwölf Gäste. Von Camilla Péus

240


2

1

F

3

rühmorgens macht sich Bisate unsichtbar. Erst

1931 genutzt wurde. Damit die Gäste-Kokons jedoch

wenn die tropische Hitze die Nebelschwaden ver-

dem ständig feuchten Klima standhalten, nutzte er syn-

dunsten lässt, tauchen die Kuppeldächer der sechs

thetisches, wasserdichtes Reet über Fischgrätparkett aus

Gästevillen aus dem Dickicht auf, regentropfenbenetzt

lokalem Black Wood.

und grau schimmernd wie das Fell der imposanten Silberrücken, der Anführer unter den Berggorillas, die hier

Auf Tuchfühlung mit den Berggorillas

in den Wäldern des Virunga-Massivs über ihre Clans

Auch das Interieur ist von Ruandas Traditionen inspi-

­wachen. Drei Stunden vom Flughafen Kigali entfernt,

riert: Die Designerin Caline Williams-Wynn vom Studio

versteckt sich Ruandas erstes Design-Retreat im Halb-

Artichoke aus Kapstadt entwarf gemeinsam mit Frauen

kessel eines erloschenen Vulkans. Die behutsam in die

der umliegenden Dörfer die Wandverkleidungen aus Bast

Natur eingebettete Lodge ist Sinnbild für zahlreiche

mit den landestypischen Imigonga-Zick-Zack-Mustern,

Nachhaltigkeitsinitiativen, mit dem das bevölkerungs-

die Kissen und Plaids, das Tongeschirr und die Mitarbei-

reiche Binnenland der Zukunft entgegenstrebt – vom

ter-Uniformen aus bunten Kitenge-Stoffen. Die satten

Plastiktütenverbot bis hin zum obligatorischen Aufräum-

Smaragdtöne des Regenwaldes reflektieren Lüster aus

tag für jedermann. »Die Bisate-Villen sind gebaut, um

Hunderten recycelter Weinflaschen über dem Lounge-Be-

aus ihnen heraus, nicht auf sie zu schauen«, beschreibt

reich. Dort trifft man sich abends, wenn die matschigen

der Architekt Nicholas Plewman sein Konzept. Tatsäch-

Boots ausgezogen sind, zu einer Tasse Schokolade rund

lich blickt man aus allen sechs 90-Quadratmeter-Suiten

um den Kamin aus Vulkangestein – erschöpft und stolz,

und ihren Terrassendecks wie aus großen Nestern über

die Wanderung durch die dünne Höhenluft bis zum Grab

die fruchtbare Landschaft bis hin zum Virunga-Massiv

der Gorilla-Forscherin Dian Fossey und zu einer der

mit den Vulkanen Karasimbi, Bisoke und Mikeno. Zu

zwölf Berggorilla-Familien im Volcanoes National Park

der gewölbten Form inspirierte den Südafrikaner der

geschafft zu haben – denn eine Begegnung mit den ge-

­antike Strohpalast des ruandischen Königs, der noch bis

fährdeten Primaten ist auf Bisate garantiert.

Linke Seite Sechs Dschun­‑ gelnester schmie­gen sich an den Hang des BisokeVulkans. 1/ Wie ein Bal­‑ da­chin wölbt sich das Dach über dem Schlafbereich. Die Wandverkleidung aus Palmenblättern und die geometrische ImigongoStickerei werden von Frauen aus den Nachbardörfern gefertigt. 2/ Blick auf den Volcanoes National Park, Heimat von rund 480 Berggorillas. © DANA ALLEN 3/ GorillaMama mit Baby. © DAVID CROOKES

Bisate Lodge. Doppelzimmer ca. 1000 Euro/Nacht. wilderness-safaris.com

241


ID-HYPE AREA

Der Nyhavn ist das beliebteste Fotomotiv Kopenhagens – nach der kleinen Meerjungfrau, versteht sich. Charmante Cafés und Restaurants säumen das historische Hafenbecken.

Kopenhagens Zentrum: So Viele Großstädte sind zweigeteilt: hier die Szeneviertel mit ihren Läden und Cafés, dort das immer gleiche Zentrum, wo abends die Bürger­steige hochgeklappt werden. Doch Kopenhagen ist anders: In der Indre By, der Innenstadt, schlägt das kreative Herz der dänischen Hauptstadt, zwischen gemütlichen Gassen, Designshops und Boutique-Hotels.

ANREISE

Text Anne-France Berthelon / Fotos Filippo Bamberghi

man zügig in die Innen­‑

Der Flughafen Kopen­ hagen-Kastrup wird von vielen Airlines angeflo­ gen, per U-Bahn gelangt stadt. Aus Norddeutsch­

S

land ist Kopenhagen

stadt in Sachen Umweltschutz sein: Bis 2025 soll Kopenhagen CO2-neutral sein. Kaum

Visitdenmark.de

zu glauben, aber das Wasser in den Kanälen der Stadt ist so sauber, dass man darin so-

Visitcopenhagen.com

eit einigen Jahren belegt Kopenhagen in der Liste der lebenswertesten Städte der

gut mit der Bahn zu er­‑

Welt regelmäßig einen der vorderen Plätze. Von Design und Küche einmal abge-

reichen.

sehen, ­dürfte ein entscheidender Grund das Engagement der dänischen Haupt-

Weitere Informationen:

gar schwimmen kann, zum Beispiel an den ehemaligen Kaianlagen von Islands Brygge.

242

Skeptiker müssen nur einen Blick auf das kristallklare Wasser unter der Cirkelbroen

HOTELS

(Brücke) werfen. Die aus fünf runden Plattformen bestehende Überführung wurde von

Hotel Alexandra (1)

Ólafur ­Elíasson entworfen und liegt gegenüber dem Schwarzen Diamanten, der Däni-

Mit seinen 61 Zimmern

schen König­lichen Bibliothek. »Die Cirkelbroen bringt das Meer näher und fordert die

im dänischen Vintage-Stil

Menschen auf, ihr Tempo zu verringern und einen Moment innezuhalten. Ich wünsche

und der wohnzimmerar­


1

3

2

gar nicht Mainstream tigen Lobby ist das Hotel

260 Zimmern ist die

von Space Copenhagen,

finden sich traditio­‑

teten Objekten ist alles

Alexandra die perfekte

original erhaltene

fällt die Wahl schwer

nelle skandinavische,

bis ins kleinste Detail

Adresse für Fans skan‑

Suite 606 von 1958 ein

zwischen Rindertatar mit

deut­sche und britische

durchgeplant. Ein Qua­li­‑

­dina­vischen Designs.

absolutes Muss!

getrockneten Rosen­

Gerichte. Eine Aus­‑

tätsbeweis? Der vom

H. C. Andersens Blvd. 8.

Hammerichsgade 1.

blütenblättern und sau­‑

wahl von 20 Bieren aus

Guide Michelin mit drei

hotelalexandra.dk

radissonblu.com

tier­tem Knollensellerie

Mikrobrauereien

Sternen ausgezeichnete

mit Stangenselleriechips.

run­det die kulinarische

Koch Rasmus Kofoed

Radisson Blu Royal (2)

RESTAURANTS

Strandgade 108.

Ökumene ab.

kommt jeden Morgen

Gegenüber dem Bahn­‑

108 (3)

108.dk

Strandgade 93.

zum Frühstück.

hof zieht das ehema­‑

Das im vergangenen

restaurantbarr.com

Gothersgade 30.

lige Hotel SAS Royal

Jahr vom ehemaligen

Barr

Geschäftsleute ebenso

Sous-Chef des Noma

Das Barr ist der jüngste

Café Atelier September

an wie Jünger Arne

eröffnete Neobistro

Spross der Redzepi-

Der talentierte Koch

Jacobsens. Der Desi­gner

macht die New Nordic

Familie: Anfang Juli

und Ästhet Frederik Bille

Menu Space (4)

und Architekt ent­warf

Cuisine für jedermann

eröffnete es unter der

Brahe ist ein Magier

Der neue Showroom von

das Hotel mitsamt

erschwinglich. In dem

Leitung von Thorsten

schöner Räume, der mit

Menu, der dänischen

Mobi­liar, darunter die

alten Lagerhaus mit

Schmidt in den ehe-

eleganten und aufrüh­

Marke für gut gestaltete

Ses­sel Egg und Swan

rohen Betonwänden,

maligen Räumen des

rerischen Ideen irritiert.

Haushaltswaren und

(Fritz Hansen) Von den

das Design stammt

Noma. Auf der Karte

In den von ihm gestal­‑

Leuchten, wurde vom

cafeatelier september.com

243


ID-HYPE AREA

4

6

© MIKKEL ADSBØL

5

mir, dass sie zu einem neuartigen städtischen Raum wird, einem Ort der Begegnung,

Studio Norm.Architects

wo man Fahrrad fahren und an den Kanälen entlang joggen kann«, erläuterte der dä-

entworfen. Zwar liegt

nisch-isländische Künstler, der sich viel mit Naturphänomenen befasst, bei der Eröff-

der Showroom, zu

nung 2015 seine Gedanken. Tatsächlich ist das Fahrrad ebenso Teil der Kultur dieser

dem auch ein Café

lebenswerten Hauptstadt wie der Sinn für Design und die wunderbare lokale Küche.

und ein Coworking

Die Zahlen sprechen für sich: 450 km Radwege gibt es im Stadtgebiet, und zu den Stoß-

Space gehören, nicht

zeiten morgens und abends sind die Ampelphasen auf die Geschwindigkeit der Fahr-

im Zen­trum, doch

radfahrer abgestimmt (20 km/h). Der Website VisitDenmark zufolge besitzen nur 29

der Nordhavn ist mit

Prozent aller Einwohner Kopenhagens ein Auto, 56 Prozent nutzen ihr Rad täglich.

einem der Wasser­‑

Sieht man einmal von wenigen spezialisierten Nischenherstellern wie Zenvo ab, gibt es

busse schnell erreicht.

in Dänemark auch gar keine nennenswerte Automobilindustrie. Das macht die Straßen

Hamborg Plads 2.

leiser und lebenswerter. Und die Infrastruktur passt sich dieser Entwicklung an: In nur

menu.as

einem Jahrzehnt entstanden mitten in der Stadt dreizehn neue Brücken. Seit dem Som-

244

mer 2016 verbindet eine neue Fußgänger- und Fahrradbrücke die Stadtteile Nyhavn

Apollo Bar

(mit seinem Kanal aus dem 12. Jahrhundert, auf dem Waren ins Stadtzentrum trans-

& Kantine (5)

portiert wurden) und Christianshavn. Die Inderhavnsbroen (Brücke) ist ein Meister-

Ende April hat Frederik

werk der Ingenieurskunst. An ihrem einen Ende findet man eine wahre Postkartenidyl-

Bille Brahe in der

le, einen malerischen Kanal mit kleinen bunten Häuschen direkt gegenüber dem Ziegelrot

Königlich Dänischen

der Kunsthalle Charlottenborg. Dieser Anbau des Königlichen Palastes beherbergt die

Kunstakademie

Königlich Dänische Kunstakademie mit regelmäßig wechselnden Ausstellungen. Hier

und der Kunsthalle

hat Frederik Bille ­Brahe, der brillante junge Chef des Café Atelier September, der vor

Charlottenborg ein


7

8

9

Bistro mit gesunder

und künstlerischer

Wegner, Poul Kjærholm,

außergewöhnlicher

Muller Van Severen

Küche eröffnet. An den

Leiter von Frama, hat

Kaare Klint. Vielleicht

Umgebung wird hier

sowie Lampen und

großen Gemeinschafts­

seinen Concept-Store

gerade deswegen hat

die neue Kollektion

Keramik von Birgitte

tischen sitzt man auf den

mit Pop-up-Café in der

Carl Hansen & Søn nicht

»Hay Kitchen Market«

Madsen und Jonas

von Hay neu aufgeleg­‑

ehemaligen St.-Paul’s-

gezögert, etwas Neues

präsentiert, die gemein­‑

Trampedach.

ten Stühlen Result,

Apotheke eingerichtet.

zu wagen und im Flagship-

sam mit Frederik

Gothersgade 30.

die Hängeleuchten PH

Ein Glücksgriff, denn

Store in Bredgade

Bille Brahe entstand.

studioxviaduct.com

sind ein Entwurf von

die exquisiten Holzarbei‑

den faltbaren Schau­

Østergade 61.

Poul Henningsen. In

ten aus dem Jahr 1878

kelstuhl des jungen

hay.dk

der Apollo Bar werden

bilden einen span­‑

Desi­gners Anker Bak zu

Tapas raffiniert neu

nenden Kontrapunkt

präsentieren (Foto).

Studio x Viaduct (9)

für das 1982 von

interpretiert, Gemüse

zu den reduzierten

Bredgade 18, 21 und 23.

Kirstine Meier Carlsen

Peter J. Lassen entwi­‑

steht im Mittelpunkt.

Möbeln, Objekten und

carlhansen.com

hat ihre Design-Mikro‑

ckelte Schranksystem

Charlottenborg,

Kosmetika.

boutique im Hinterzim‑

(36 Module in 42 Farben)

Nyhavn 2.

Fredericiagade 57.

Hay House (8)

mer des Café Atelier

und die neu aufgeleg­‑

apollobar.dk

framacph.com

Das Geschäft der Design­‑

September eingerichtet,

ten Möbel von Verner

marke Hay befin­det

in Kooperation mit dem

Panton. In den Räumen

Montana (10) Bekannt ist die Marke

EINKAUFEN

Carl Hansen & Søn (7)

sich in einem Apartment

Londoner Showroom

eines Stadthauses, in

Frama Studio Store (6)

Der Name steht für die

über dem Kongens

Viaduct. Zuletzt prä­sen-­

dem einst Hans Christian

Niels Strøyer Christo‑

Möbel großer däni­‑

Nytorv, dem zentralen

tierte sie hier die

Andersen lebte, hat

phersen, Mitbegründer

scher Designer: Hans J.

Platz Kopenhagens. In

neuesten Regale von

Montana kürzlich einen

245


ID-HYPE AREA

© ENOK HOLSEGAARD

10

12

Kurzem mit Mette Hay die Kollektion Hay Kitchen Market entwickelt hat, Ende April

neuen Showroom

Designmuseum

die Apollo Bar & Kantine eröffnet. Die regionalen Gerichte zu fairen Preisen sind nicht

eröffnet – und der ist

Danmark (12)

nur bei Studenten beliebt. Auf der anderen Seite der Inderhavnsbroen-Brücke erwartet

auch dann einen

Das Designmuseum

den ­Besucher eine städtische Insel mit vierzig Food Trucks, die ganzjährig in einem al-

Besuch wert, wenn

liegt in einer Straße mit

ten ­Papierlager stehen, gleich neben dem Showroom der Marke &tradition. Nur weni-

gerade kein Schrank‑

vielen Antiquitäten­

ge Meter entfernt liegt das Restaurant 108 von Kristian Baumann. Der ehemalige Sous-

system auf dem

händlern. Gezeigt wird

Chef von René Redzepi – jenem Koch, der Kopenhagen mit dem Restaurant Noma in

Einkaufs­zettel steht.

mit der Dauerausstel­‑

ganz neue kulinarische Sphären katapultiert hat – kann bereits ein knappes Jahr nach

Bredgade 76.

lung The Danish Chair –

der Eröffnung des 108 stolz einen Michelin-Stern vorweisen. Das Besteck ließ er von

montana.dk

an International Affair eine spannende his­to‑

dem lokalen Designstudio Table Noir eigens für sein Restaurant entwerfen, Küche und

246

Design sind hier eine wunderbare Liaison eingegangen. Bis zur geplanten Eröffnung des

KULTUR

rische Analyse dänischen

Noma 2.0 mit eigener Urban Farm am Rande von Christiania, der berühmt-berüchtig-

Etage Projects (11)

Designs. Es Lohnt sich,

ten alternativen Wohnsiedlung innerhalb von Kopenhagen, hat sich René Redzepi mit

Die Galerie ist erst

auf die Details zu achten:

dem Pop-up-Restaurant Under the Bridge unter der Knippelsbro-Brücke niedergelassen

vier Jahre jung, aber

Schon die genialen

– nicht weit vom zentralen Platz der Innenstadt, dem Kongens Nytorv, und Dänemarks

Maria Foerlev zählt

herausziehbaren Infor­‑

Designtempel schlechthin, dem Kaufhaus Illums Bolighus. René Redzepi verdanken

der »New York Times«

mationstafeln der

wir auch die für Android und iOS erhältliche App Vild Mad (Wilde Mahlzeit), mit der

zufolge bereits jetzt

Ausstellung sind ein

man wild wachsende Früchte finden kann, sogar in den Städten. Eine Schnitzeljagd der­

zu den Top-Five-Design-

Beweis für die Design‑

ganz besonderen Art! Eines ist klar: Kopenhagen ist nach wie vor berühmt für das

Galeristinnen weltweit.

kultur Kopenhagens.

50er-Jahre-Design – wie etwa im Radisson Blu Royal oder im Hotel Alexandra. Doch

Borgergade 15E.

Bredgade 68.

Innovation und Kreativität machen auch vor Design-Ikonen nicht halt.

etageprojects.com

designmuseum.dk

© FILIPPO BAMBERGHI / PHOTOFOYER

© DAVID STJERNHOLM

11


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ID-ROADTRIP

Chile

La Ruta del Vino 33° 27’ 43’’ Süd 70° 41’ 43’’ West

Wie ein Schloss thront das Weingut Viña Indómita über dem Casablanca-Tal.

Der Weinbau in Chile begann mit der Ankunft der spanischen Konquistadoren: Im Jahr 1546 ließ Juan de Loayza y Montesa nicht weit von Santiago die ersten Rebstöcke pflanzen. Ihren Geschmack verdanken chilenische Weine dem Zusammenspiel von kraftvollen Böden, Sonne, Bergen und Meer – und dem Talent einer neuen Winzergeneration, deren Weingüter sich am besten auf einer Rundreise zwischen Anden und Pazifik entdecken lassen. Text und Fotos Antoine Lorgnier

248


TAG 1 & 2

SANTIAGO DE CHILE Die chilenische Hauptstadt zeigt sich im Frühling, also im Oktober und ­November, von ihrer besten Seite, wenn ein sanfter Andenwind den Smog vertreibt. Einer der schönsten Ausgangspunkte für unseren Spaziergang ist der Parque Metropolitano, wo sich vom Fuße der riesigen Statue der Jungfrau Maria ein beeindruckender Blick auf die ganze Stadt bietet. Auf dem Weg hinunter ins Zentrum, am Río Mapocho entlang, durchquert man den mit zeitgenössischen Skulpturen bevölkerten Parque Forestal. Das überschaubare historische Zentrum gruppiert sich um die Plaza de Armas. Der Palacio de La Moneda zeigt noch Spuren der Bombardierung vom­ 11. September 1973, die den Militärputsch in Chile einleitete; das Kaufhaus Edwards hingegen repäsentiert mit seiner komplizierten Eisenkonstruk­ tion das Fin de Siècle. Das älteste Kulturdenkmal findet man an der Ave­ nida Alameda: In der Nähe des Hügels Cerro Santa Lucía, der Wiege der Hauptstadt, hat die Iglesia de San Francisco die Erdbeben von 1674 und 1730 überstanden. Dahinter verbirgt sich das Viertel París-Londres, in dem sich viele Architekturstile vermischen: viktorianische Strenge, maurische ­Ornametalik, viel Gotik und Art déco. Abends laden die schicken Restau­ rants und Bars in den Vierteln Bellavista und Providencia zum Besuch ein – die erste, aber bestimmt nicht die letzte Begegnung mit Chiles Weinen. 1/ Die Catedral Metropolitana de la Asunción de Santa María. 2/ Chilenische Weine probiert man am besten in den Bars von Bellavista und Providencia. 3/ Die Avenida Libertador Bernado O’Higgins, besser bekannt als Alameda.

2

1

3

249


ID-ROADTRIP

TAG 3 & 4

MAIPO UND COLCHAGUA Dem Mythos der Panamericana, dieser berühmten Schnellstraße, die von Norden nach Süden durch Chile verläuft, kann man sich schwer entziehen. Eine Reise durch die Weinregionen führt jedoch zunächst über kleinere Straßen zum Beispiel ins Maipo-Tal mit seinen Weingütern, deren ­Hügel um 1870 mit französischen Weinstöcken bepflanzt wurden. Ein Ausflug hierhin führt zu den bekanntesten Winzerfamilien, die bis heute für den exzellenten Ruf chilenischer Weine stehen. Und dann ist sie doch da: die sagenumwobene Panamericana in Richtung Rancagua. Der Verkehr ist dicht und chaotisch. Kein Wunder, dies ist die Lebensader des Landes. Nach einstündiger Fahrt ist das Colchagua-Tal erreicht. In der Nähe des Dörfchens San Vicente liegt das Weingut Viña Vik, das dem Milliardär ­Alexander Vik gehört. Das futuristische Gutsgebäude und das Hotel, in dem auch eine Sammlung zeitgenössischer Kunst untergebracht ist, entwarf der Architekt Smiljan Radić. Für den Weinbau ist seit 2006 Patrick Valette verantwortlich, ehemaliger Besitzer des Château Pavie in SaintÉmilion. Rebsorten, die in Frankreich fast ausgestorben sind, etwa die ­berühmte Carménère, wurden unter exakter Berücksichtigung der Sonnen­einstrahlung und des Wasserbedarfs hier neu angepflanzt. Mit Erfolg: Schon jetzt zählt Viña Vik zu den besten Weingütern Südamerikas.

1

2

250

1/ Die Kapelle des Weinguts Santa Rita gehört zu den Baudenkmälern Chiles. 2/ In den Hügeln von Colchagua wachsen viele hervorragende Weine. 3/ Das Gut Viña Vik mit seinem Kunstmuseum ist das modernste der Region.

3


1

3

2

TAG 5 & 6

CASABLANCA Die außergewöhnliche Mischung aus Sonne, den Anden und dem Pazifik, dessen Nebel die Gluthitze des Sommers dämpft, macht chilenische Wei­ ne so besonders. Auf der Suche nach einem Klima, das die geschmackli­ chen Feinheiten der Reben perfekt hervorbringt, haben sich viele Winzer aus den heißen Tälern der Landesmitte deshalb in der Küstenregion nie­ dergelassen. In den Tälern rund um San Antonio entstanden in den letzten zehn Jahren immer mehr dieser Weingüter, etwa dreißig davon im Casa­ blanca-Tal. Das eindrucksvollste, Indómita, ist ein weißer Palast auf einem Hügel, das Weingut Emiliana hingegen zählt zu den besten Bioweinprodu­ zenten des Landes. In der Nähe von San Antonio verbindet das Gut Matetic mit seiner zum Hotel umgebauten Hacienda von 1890 Tradition und Mo­ derne: Im Weinkeller im Inneren eines Hügels zirkuliert der Wein allein durch die Schwerkraft. Um die 150 Hektar Anbaufläche kümmern sich die Kalifornier Ann Kraemer und Alan York, Verfechter der biodynamischen Landwirtschaft, die wohl auch dem chilenischen Nationaldichter und No­ belpreisträger Pablo Neruda zugesagt hätte. Dessen Grab liegt dicht am Pazifik; in seinem Haus in Isla Negra tummeln sich Bilder, Bücher und ­Muscheln. »Ich liebe, wenn man sich unterhält, das Licht einer Flasche intelligenten Weins auf einem Tisch«, schrieb er in seiner Ode an den Wein. 1/ Schaut tief ins Glas: José, der auf dem Weingut Matetic seit dessen Gründung arbeitet. 2/ Der runde Weinkeller von Matetic wurde in einen Hügel gebaut. 3/ In Isla Negra liegt das Grab des Dichters Pablo Neruda.

251


ID-ROADTRIP

1

TAG 7 & 8

VALPARAÍSO Die Berichte von Seeleuten über die Gefahren des Kap Hoorn haben die­ sen chilenischen Ort zur Legende gemacht. In den Bordellen und Kneipen am Hafen gab damals jeder seine eigene Geschichte zum Besten. Der ­Genuss von Pisco, dem Nationalgetränk von den Weinbergen der Konquis­ tadoren, erzeugte hier turmhohe Wellen, unglaubliche Unwetter, ­Winde mit furchteinflößenden Namen, tödliche Schiffsuntergänge und Seeunge­ heuer. Statt tapferer Klipper sieht man heute Containerschiffe, die durch den Panamakanal ziehen. Wie langweilig – Allerdings nicht für die örtli­ chen Winzer, die jedes Jahr Millionen von Flaschen verschiffen und Chile zum fünftgrößten Weinexporteur der Welt machen. Die ein­zigen echten Wellen bilden die 42 Hügel der Stadt, die man über ein paar altersschwa­ che Seilbahnen und unzählige abenteuerliche Treppen erreicht. »Wenn­ wir alle Treppen Valparaísos begangen haben, sind wir um die Welt gereist«, schrieb Nobelpreisträer Pablo Neruda, der auch ein Haus auf dem Cerro Bellavista besaß. Uns reichen eine Tour durch die Cerros Alege und Concepción, um in die Atmosphäre der Stadt einzutauchen. Häuser aus buntem Blech, Wandmalereien und Stromleitungen m ­ achen den maroden Charme aus, und mit einem – zumindest vorläufig – letzten Glas endet hier unsere Reise. 1/ Ein Werk des französischen Künstlerduos Ella & Pitr im Viertel Alegre. 2/ Der freie Blick aufs Meer wird dank des Baubooms immer seltener. 3/ Die Dachbar des Restaurants Taulat lockt mit exzellenten chilenischen Weinen (und Bieren!).

252

2

3


ANREISE

Kombi-Trips, die die ­Wein-

RESTAURANTS

Boutique-Hotels MM

Die Airlines Air France,

regionen Chiles und

Santiago

450 wird eine der

Iberia, KLM und British

Argentiniens verbinden,

Mit über 300 Weinen

besten Ceviches der

Airways verbinden

führt etwa der auf Wein-

(davon 35 im offenen

Stadt serviert.

Santiago de Chile mit

reisen spezialisierte An-

Ausschank) ist das

mm450.cl

Europa, die Preise

bieter Vinotravel durch.

Bocanáriz im Barrio

beginnen bei ca. 1000

vinotravel.de

Lastarria das Tor zu allen

Café Turri

Weinen, die in der

Das Restaurant liegt

Casablanca-Tal

Region verwurzelt sind.

auf dem Hügel Cerro Concepción und ist

Euro für den Hin- und Rückflug. Die wichtigste

HOTELS

Informationsquelle für

Santiago

Das Weingut Matetic

Neben Verkostungen

Reisen nach Chile ist

Das Lastarria Boutique

betreibt die Unterkunft

mit Sommelier wird hier

ein Muss beim Besuch

die offizielle Tourismus-­

Hotel ist in der Nähe

La Casona, eine ehe­‑

jeden letzten Donners-

in Valparaíso. Auf

Website des Landes:

des Parque Forestal.

malige Hacienda, die in

tag des Monats auch

der Speisekarte steht

chile.travel/de

Das Gebäude von

ein charmantes Hotel

eine Verkostung mit

klassische Küche

1920 wurde einst von

umgewandelt wurde. Das

einem Mitglied von

zum gehobenen Preis.

KOMPLETTREISEN

der Familie Allende

Haus hat sieben Zimmer,

MOVI (Movement of

www.turri.cl

Per Mietwagen

bewohnt. Es bietet 14

einen riesigen Garten

Independent Vintners)

Die Rundreise »Wein und

Zimmer und Suiten und

mit Swimmingpool und

angeboten.

Café Vinilo

Genuss« des auf Chile

liegt in einem reizvollen

eine hervorragende

bocanariz.cl

Ein recht schlichtes

spezialisierten Anbieters

Viertel mit zahlreichen

Küche mit hauseigenen

Solecu Tours dauert

Galerien und Anti­­-

acht Tage und lässt sich

qui­tätenhändlern. Ab

mit individuellen Reise-

120 Euro pro Nacht.

bausteinen anpassen.

lastarriahotel.com

Restaurant, das frische

Weinen. Ab 180 Euro

Valparaíso

traditionelle Gerichte

inklusive Halbpension.

The Clinic

zu fairen Preisen bietet

matetic.com

Eine angesagte

und auch bei Einhei­

Rooftop-Bar im Stadtteil

mischen sehr beliebt ist.

Cerro Concepción – mit

cafevinilio.cl

solecu-chile-reisen.de

grandiosem Blick über Geführte Rundreisen

die Dächer der Stadt.

Espiritu Santo

Wer sorgenfrei von Wein-

bartheclinic.cl

Eine gute Adresse für

gut zu Weingut reisen

Fisch und Meeres‑

will, findet bei speziali-

Taulat

sierten Reiseanbietern

Das Restaurant auf

Bellavista.

dem Cerro Alegre ist

hosteriaespiritusanto.cl

eine kleine, aber feine Auswahl an Touren.

Valparaíso

ebenfalls ein Szene-

früchte auf dem Cerro

Chiletravels etwa bietet

Colchagua-Tal

Der Palacio Astoreca

Hotspot mit dazugehöri-

Vinizio

geführte achttägige

Das 2015 eröffnete Hotel

liegt gegenüber dem

ger Rooftop-Bar und

Die kleine Weinbar auf

Rundreisen inklusive

Viña Vik ist ein Entwurf

Palacio Baburizza auf

tollem Blick. Reservie-

dem Cerro Artilleria

Übernachtung an.

des Architekten Smiljan

dem Cerro Alegre.

rung empfohlen.

ist auf chilenische Weine

Radic. Titandach,

Die 20 Zimmer wurden

taulat.com

spezialisiert. Der beste

Infinity Pool, japanischer

von der Eigentümerin

Patio und 22 Zimmer

liebevoll dekoriert,

Bote Salvavidas

untergang über dem

mit Werken chilenischer

Spa und Swimmingpool

Wer im Hafenbezirk

Hafen von Valparaíso zu

Künstler wie Gonzalo

sind im Untergeschoss

Muelle Prat frischen

beobachten.

Cienfuegos oder Patricia

untergebracht.

Fisch oder Meeresfrüchte

vinizio.cl

Fernández Carcedo.

Im Restaurant Alegre

essen möchte, ist hier

Noch ist der Ort, der zur

werden Fisch und

genau richtig – und

La Colombina

chiletravels.de

Entspannung und zum

Meeresfrüchte mit

unterstützt zugleich die

Ein kleines Juwel am

Auch der Chile-Spezialist

Kunst- und Weingenuss

regionalen Weinen

chilenische Seenot­

Paseo Yugoslavo

Montanamar hat einige

gedacht ist, ein Geheim-

serviert, die im eigenen

rettung. restaurantbote

auf dem Cerro Alegre.

Trips für Weinliebhaber

tipp. Mindestens zwei

Weinkeller verkostet

salvavidas.cl

Und vor allem eine

im Angebot – von der

Nächte Aufenthalt

werden können.

Vier-Tages-Tour bis zur

mit Vollpension, Preis

Ab 170 Euro pro Nacht.

La Cevicheria

Ceviches – inklusive

zwölftägigen Luxusreise.

auf Anfrage.

hotelpalacioastoreca.

Im Restaurant des

Blick über die Bucht.

montanamarchile.com

vinavik.com

com

kleinen, stilvollen

lacolombina.cl

Ort, um den Sonnen­

gute Adresse für

253


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M Maje www.maje.com Marcantonio Raimondi Malerba www.marcantonio.it Marimekko www.marimekko.com Markanto Designklassiker www.markanto.de Marni www.marni.com Marset www.marset.com Marshall Headphones www.marshallhead phones.com Mater www.mater.dk MCM Lederwaren & Accessoires www.mcmworldwide.com MCZ www.mcz.it Menu www.menu.as Michel Antoine www.michelantoinete piche.com Mille et Claire www.milleetclaire.fr MINI BMW www.mini.de Minotti www.minotti.com Miu Miu www.miumiu.com Molteni & C www.molteni.it

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Moroso Spa www.moroso.it Mox www.mox.ch Ceramiche Mutina www.mutina.it My Home Collection www.myhomecolletion.it

N Nemo www.nemolighting.com The Net-A-Porter Group www.net-a-porter.com Nine United www.nineunited.com Nude Glass www.nudeglass.com Nuuna www.nuuna.com

O Oeuffice www.oeuffice.com OK Design www.okdesign.biz Oluce www.oluce.com Olympus www.olympus.de Original BTC www.originalbtc.com OyOy Living Design www.oyoy.dk Örsjö Belysning www.orsjo.com

P Pfister www.atelierpfister.ch Pietro Russo Design Studio www.pietrorusso.com Please wait to be seated www.pleasewaittobe seated.dk PLY unestablished furniture www.ply.com Poliform www.poliform.it Poltrona Frau www.poltronafrau.it Pretty Ballerinas www.prettyballerinas.com Pulpo www.pulpo-shop.de

R Rado Watch www.rado.com Red Edition www.rededition.com Reflections Copenhagen www.reflectionscopenhagen.com Röthlisberger Kollektion www.roethlisberger.ch Rolex www.rolex.de Roll & Hill www.rollandhill.com Rosefield Watches www.rosefieldwatches. com Rosendahl www.rosendahl-design.de Rum & Co www.rumundco.de

S Sam Jacob Studio www.samjacob.com Sambonet über Rosenthal www.rosenthal.de Sammode www.sammode.com Sandro www.sandro-paris.com Schloßberg Textil www.schlossberg.ch Schneid Design Studio www.schneid.org Schramm Werkstätten www.schrammwerk staetten.de SCP Limited www.scp.co.uk Sé Collections www.se-collections.com Seledur www.seledur.ch

Seleform www.seledue.ch Seletti www.seletti.it Selma Lamai Design www.selmalamai.dk Shamsian Tim Venables www.shamsian.co.uk Shopbop www.shopbop.com Skagerak Denmark www.skagerak.dk Skultuna 1607 www.skultuna.com Society Limonta www.societylimonta.com Spotti www.spotti.com Bethany Stafford www.bethanystafford. co.uk Stelton www.stelton.com James Stickley www.jamesstickley.co.uk Stiletta www.stiletta.fr Studio Lindsey Adelman www.lindseyadelman.com Studio Pepe www.studiopepe.info Studio Truly Truly www.studiotrulytruly.com Styleserver www.styleserver.de Swedish Ninja www.swedishninja.com

T TAG Heuer LVMH Watches & Jewelry www.tagheuer.com Tala www.talaled.com Texturae www.texturae.it the APARTMENT www.theapartment.dk The Good Concept Store www.thegoodconcept store.com

LQR Company www.theliquorcompany.de Rosenthal www.rosenthal.de Tom Dixon www.tomdixon.net Tom Ford www.tomford.com Traditional Mosaic SL www.zementfliesen.net Treca Interiors Paris www.treca-interiorsparis.com Turkish Ceramics www.turkishceramics.com

U USM www.usm.com

V Vifa Denmark www.vifa.dk Vitra www.vitra.com Vitra Design Museum www.design-museum.de Vitsoe www.vitsoe.com

W Wiener GTV Design www.gebruederthonet vienna.com WILDE+SPIETH www.wilde-spieth.com Wogg www.wogg.ch Yves Saint Laurent www.ysl.com

VG Bild-Kunst, Bonn 2017: Seite 50: Candida Höfer (Gemälde), Seite 50: Daniel Richter (Gemälde), Seite 131: Richard Serra (Gemälde), Seite 141, 145, 147: Anna Odell (Gemälde)


DIE NÄCHSTE AUSGABE ERSCHEINT AM 9. JANUAR 2018

DA S I N T E R N AT I O N A L E M AG A Z I N F Ü R I N T E R I O R D E S I G N U N D U R B A N E N L I F E S T Y L E 0 1 /2 0 1 8 - F e b r u a r - M ä r z 2 0 1 8

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ID-VILLAGE PEOPLE

Unterwegs mit Tim Seifert Er ist ein Netzwerker auf vielen Ebenen: Vor ein paar Jahren gründete Tim Seifert mit seinen Partnern die Onlineplattform und Produktionsagentur Freunde von Freunden. Die Idee: kreative Menschen in ihrem Alltag und Zuhause vorzustellen und damit andere zu inspirieren. Das Konzept wächst weiter – gemeinsam mit MINI starteten Seifert und sein Team kürzlich die Initiative The Sooner Now, bei der es um Zukunftsfragen im urbanen Raum geht. © ROBERT RIEGER

Interview Maja Groninger

Eine Stadt, in der Sie auch noch leben könnten? Das ist einfach. Los Angeles.

Das beste hotel, in dem Sie je waren?

Ich gehe nicht so oft in Bars, aber gern auf ein Bier mit meinen Nachbarn ins Lokal. Gute Drinks gibt es in Berlin aber im Rum Trader und in der Schwarzen Traube.

Das beste Restaurant?

Kunst, die Sie bewegt?

Das Gjelina am Abbot Kinney Boulevard ­in Venice Beach. Auch wenn diese Gegend mittlerweile ziemlich touristisch ist, mag ich die Atmosphäre, besonders am Abend. Dazu gehören die hohen Decken, das rustikale ­ ­Interior Design und das fantastische ­Sea­‑ food. Mein zweiter Favorit ist das Petit Trois, eine klassische französische Brasserie in West Hollywood. In Berlin gehe ich zum Beispiel ins Kin Dee in der Lützowstraße.

Fotografie und Architektur aller Farben und Formen. Mein Vater ist Architekt und Fotograf, daher hatte ich für diese beiden Kunstformen schon immer viel übrig. Außerdem Konzeptkunst: Arbeiten, die eine Aussage haben, die auf den ersten Blick nicht direkt offensichtlich ist.

Die Dynamik und die Vielfältigkeit. Klar, dazu gehört die großartige Restaurant- und Bar‑­ szene, aber auch der Grunewald, die Seen, Schlösser, Parks oder Potsdam. Ich bin Urberliner, in Westberlin groß geworden, ­liebe meine Heimat – und könnte trotzdem morgen schon ohne Probleme in eine andere Stadt ziehen.

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in welcher bar trifft man Sie?

Schwierig – es gibt so viele gute. Mit meinen ­Eltern bin ich 1994 mit dem Auto von Seattle nach Kanada und Alaska gereist. Einmal ­haben wir in einem alten Schlosshotel haltgemacht, dem Fairmont Chateau, spektakulär gelegen, direkt am Lake Louise. Mittlerweile ist das ­Hotel total umgebaut, aber ich kann mich noch sehr gut an das Seepanorama und die Berg­ kulisse erinnern. Und ein aktu­eller Tipp: Das­ La ­Granja auf Ibiza, ein altes Landgut, das zu einem ­exklusiven Members-only-Hotel umgestaltet wurde.

Was lieben Sie an Berlin?

Neulich habe ich mir aber ausnahmsweise ein Hemd schneidern lassen, bei Robert ­Vogdt, der ein richtig tolles, kleines ModeAtelier in Berlin betreibt.

Welches Museum beeindruckt Sie? Die Tate Modern in London, die König-­ Galerie in St. Agnes und die Neue Nationalgalerie Berlin. Außerdem Hauser & Wirth in Los Angeles, vor Kurzem habe ich dort eine Jason-Rhoades-Ausstellung besucht – absolut beeindruckend.

Der beste Concept store? Gleich vier. Andreas Murkudis in Berlin, Merci in Paris, außerdem der General Store und Alchemy Works in Los Angeles.

Welcher Fashion-Designer kriegt Sie immer wieder? Ich trage keine spezielle Designer-Mode, ­im Alltag bin ich eher casual und unauffällig ­unterwegs. Spontan würde ich Closed als Label nennen, viel Dunkelblau und Grau, gute Schnitte – mehr brauche ich nicht.

Ein Ort, den Sie nie vergessen? Waiheke Island in Neuseeland. Eine wunderschöne Landschaft mit grünen Hügeln, tür­ kisfarbenem Ozean und wilden Pferden, die in der Ferne über die Felder galoppieren. Ich erinnere mich, dass wir mit dem gesamten FvF-Produktionsteam zum Dinner auf dem Weingut Mudbrick waren, der Blick aus dem Restaurant plus Sonnenuntergang waren ziem­lich einzigartig.

Von welchen ländern können wir etwas lernen? Von Australien und Norwegen – wegen ihrer Gastfreundschaft und der fortschrittlichen Wertschätzung von Natur und Umwelt.

Die beste Reise Ihres lebens? Unsere erste große Produktionsreise für Freunde von Freunden: Mumbai, Jakarta, Melbourne, Auckland, San Francisco – kurze Pause – dann weiter nach São Paulo, Warschau und Helsinki. Und immer nur maximal zwei bis drei Tage an jedem Ort.

Der beste Abend Ihres lebens? Hm. Die Veröffentlichung unseres ersten FvF-Berlin Buches und mein 30. Geburtstag waren etwas Besonderes – aus total verschiedenen Gründen.

Eine typische Angewohnheit? Ich esse sehr schnell und dusche zu oft. freundevonfreunden.com


Von E-Mails on Fire

Zu Arcade Fire

Musik im ganzen Haus mit sonos.com


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Amalia, Diadora and Cybillina Bag

Fall  /  Winter 2017 Milan

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