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Foto: Peter Winandy

Lernen im Netz 8

„Das muss auch besser und flexibler gehen“, sagte sich Professor Dr. Martin Erdmann und begann bereits vor zehn Jahren damit, ein neues Programm zur Verarbeitung von Daten zu entwickeln. Der Professor für Teilchen- und Astroteilchenphysik infizierte seine Mitarbeiter mit seiner Idee: Es entstand eine komplett neue Internetplattform, mit der erstmals Datenanalysen online im Web-Browser programmierbar sind. VISPA – die Kurzform für VISual Physics Analysis – ist das Produkt einer Entwicklergruppe. Sie besteht aus zehn Masterstudierenden und Doktoranden, die im Oktober die erste Version online stellen konnten. Die Plattform unterscheidet sich von vielen üblichen Webseiten, die mit vorgefertigten Algorithmen arbeiten. Sie bietet Wissenschaftlern die Möglichkeit der kreativen Datenanalyse mit eigenen Ansätzen für die Problemlösung. Ein Vorteil von VISPA ist die Nutzung im Internet. Den Anwendern steht so im Büro, zu Hause oder unterwegs mit Laptop oder Tablet der Service zur Verfügung. Sie müssen sich lediglich einloggen und benötigen keine Geräte mit besonderen Speicherkapazitäten. Die Rechenleistung für die Datenanalysen wird über ein Serversystem bereit gestellt. Damit qualifiziert sich VISPA auch zu einem idealen Werkzeug für Studierende, die so an die selbstständige Bearbeitung physikalischer Aufgaben herangeführt werden.

Neue Internetplattform Erdmann nutzt in diesem Wintersemester erstmals die neue Internetplattform im Rahmen des Blended Learnings für seine Vorlesung Experimentalphysik 5, Teilchen- und Astrophysik. Dabei liefert er den Studierenden erst den fachlichen Input. Diese müssen begleitend dazu die Übungsaufgaben lösen. Sie bestehen zum Teil aus experimentellen Daten, die mit Hilfe von VISPA analysiert werden können. Wo und wann sie das machen, ist ihnen überlassen, denn einen Platz im CIP-Pool mit vorinstallierter Software benötigen sie dank des webbasierten Tools nun nicht mehr. Mehr als 100 Bachelorstudierende nutzen derzeit die neue Internetplattform im Rahmen der Blended Learning Initiative. Für Erdmann ist es bedeutend, zum Nachdenken über physikalische Konzepte anzuregen und ihr Physikverständnis zu vertiefen. „Die Studierenden sind mit dem Internet aufgewachsen. Als ‚Digital Natives‘ sind sie vertraut im Umgang mit virtuell vernetzten sozialen Systeme oder Computerspielen im Online-Modus“, erläutert der Wissenschaftler. „Die Nutzung solcher Fähigkeiten für Lernprozesse birgt im fortgeschrittenen Studium erhebliches Potenzial.“ Als Hochschullehrer, der Didaktik als sein Steckenpferd nennt und Autor mehrerer Lehrbücher ist, fasziniert ihn, wie kreativ und motiviert seine Studierenden das Angebot nutzen.

Kooperationen werden erleichtert Zu den Übungsaufgaben gehören komplexe Fragestellungen, wie sie beispielsweise die Kollegen der Europäischen Organisation für Kernforschung CERN zu lösen haben. Bei den Teilchenkollisionen im Rahmen des CMS-Experiments entstehen sehr viele neue Partikel. Aufgabe der Physiker ist laut Erdmann, mit Hilfe von „schlauen Algorithmen den Daten die physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu entlocken“. Dank VISPA können die Studierenden in die Rolle des Forschers schlüpfen – sie erlangen unter anderem ein vertieftes Verständnis von Einsteins Relativitätstheorie. Es ist ihnen so möglich, eine Vorstellung von Teilchenschauern in der Erdatmosphäre zu entwickeln, wie sie kosmische Strahlung auslöst. Dieser Bezug zu Forschungsthemen mit digitalen Werkzeugen, die an Alltagserfahrungen anknüpfen, ist ein großer Vorteil dieser Form des Blended Learnings. Das Serversystem steht allen Angehörigen der RWTH offen. Um sich zu registrieren, ist lediglich die Angabe der RWTHMailadresse erforderlich. Die Studierenden können über die VISPA-Plattform zeitgleich in Teams am Bildschirm arbeiten oder alternativ virtuell kooperieren. Das überaus positive Feedback der Studierenden bezüglich des neuen Lehrkonzepts ist für Erdmann ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu dem ambitionierten VISPA-Projektziel: „Unabhängig von Ort und Zeit sollen gemeinsame Datenanalysen von internationalen wissenschaftlichen Kooperationen über das Internet möglich werden.“ Sabine Busse

SCHLAGLICHTER Malte Brettel ist Prorektor

Professor Dr. Malte Brettel – seit 2003 Inhaber des Lehrstuhls Wirtschaftswissenschaften für Ingenieure und Naturwissenschaftler – ist neuer Prorektor für Wirtschaft und Industrie. Er studierte an der TU Darmstadt Wirtschaftsingenieurwesen mit der Fachrichtung Maschinenbau, promovierte und habilitierte an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Vallendar. Nach seinem Studium war Brettel mehrere Jahre als Unternehmensberater tätig. Im Jahr 1999 wurde er Mitbegründer und Geschäftsführer eines erfolgreichen Internetunternehmens. Auch nach seinem Ausscheiden aus diesem Unternehmen sammelte er praktische Erfahrungen bei weiteren Firmengründungen oder zahlreichen Projektbetreuungen beispielsweise für Porsche, Deutsche Post, Lufthansa oder Bertelsmann. Vor Annahme des Rufes an die RWTH war er zwei Jahre lang Acting Director Foto: RWTH

des Lehrstuhls International Entrepreneurship an der Handelshochschule Leipzig. Gestützt auf seine eigene Gründererfahrung und sein wissenschaftliches Know-how will Brettel die Unternehmer-Ausbildung an der RWTH Aachen nachdrücklich fördern, er leitet daher auch das Gründerzentrum an der RWTH. Seine Amtszeit als Prorektor endet mit der Amtszeit des Rektors am 31. Juli 2014.

Funktionen beträgt drei Jahre. Der VDI ist mit 150.000 Mitgliedern der größte technischwissenschaftliche Verein Europas.

Dissertationspreis für Tobias Sauter

Dr. Tobias Sauter vom Lehr- und Forschungsgebiet Physische Geographie und Klimatologie erhielt den Dissertationspreis des Verbandes der Geographen an Deutschen Hochschulen (VGDH). Seine Dissertation mit dem Rektor aktiv beim VDI Titel „Application, optimization and uncerRektor Ernst Schmachtenberg wurde in seinen tainty estimation of global nonlinear nonparaEhrenämtern beim Verein Deutscher Ingenimetric prediction algorithms: case studies eure e.V. – kurz VDI – bestätigt. Zu seinen in Physical Geography“ erschien 2011. Aufgaben als Vorsitzender des Wissenschaftli- Sauter forschte zur Entwicklung und Bewerchen Beirats gehört die Beratung des Präsidi- tung mathematischer Methoden zur Modelums in allen Angelegenheiten der technischlierung räumlicher und zeitlicher Strukturen, wissenschaftlichen Arbeit. Außerdem ist er wie Schneedeckenverteilung in deutschen Mitglied des Präsidiums, das vertretungsbeMittelgebirgen, Niederschlagsmuster in rechtigte und für die Ausführung verantwort- Nordrhein-Westfalen und dem Wasserabfluss liche Organ des VDI. Die Amtszeit in beiden vergletscherter Einzugsgebiete in Patagonien.

RWTHinsight 4/2012  

Zeitung der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen

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