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Sicherheit

Gespräch

Europa und Asien brauchen eine gemeinsame Sicherheitspolitik, glaubt der Chef des Moskauer Carnegie-Centers.

Natalja Solschenizyna spricht über das Leben nach dem Tod ihres Mannes.

S. 10

S. 12 niyaz karim

mittwoch, 2. februar 2011

RG

Die deutsche Ausgabe von Russland HEUTE erscheint exklusiv als Beilage in: Für den Inhalt ist ausschließlich die Redaktion von Rossijskaja Gaseta, Moskau, verantwortlich

Terrorismus - was folgt?

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Lebensgrüße aus Moskau Alexej Knelz

chefredakteur

reuters/vostock-photo

Montag vor einer Woche, Flughafen Domodedowo, 16.32 Uhr Moskauer Zeit. Ein Selbstmordattentäter sprengt sich in die Luft und reißt 35 Menschen mit in den Tod. Fast 200 Menschen werden teils schwer verletzt. Auf der Liste der Verletzten stehen russische, kaukasische, ukrainische, deutsche, englische Namen. Die russische Öffentlichkeit reagiert schockiert, aber auch entrüstet über die Hilflosigkeit der Polizei und der Geheimdienste. Schnell vermuteten Medien eine „kaukasische Spur“. Das wurde dementiert: „Eine kaukasische Spur haben wir nicht entdecken können”, sagte ein Sprecher des Ermittlungsausschusses am Tag nach dem Anschlag. Die Zeitung Kommersant berichtete am Donnerstag, dass der FSB nach einem Russen mit islamistischem Hintergrund fahnde. Eine andere Spur führt nach Pakistan und Afghanistan. Während unter Hochdruck die Suche nach den Hintermännern des Anschlags weitergeht, gibt Russland HEUTE einen Teil des Meinungsspektrums im Land wieder. (Redaktionsschluss: 27. Januar, 23.00 Uhr MEZ)

pointiert

27. Januar, Moskauer U-Bahn: FSB-Chef Bortnikow (links) verspricht Verbesserungen in der Verkehrssicherheit. Der Moskauer Bürgermeister Sobjanin (rechts) lauscht. Präsident Medwedjew muss entscheiden, ob er weiterhin auf den Geheimdienst hört, oder eine andere Lösung für das Terrorismusproblem findet.

der Prozess

Russland im Fußballrausch

Großstädter fliehen ins „Schlaraffenland“

AFP/eastnews

Vize-Premier Igor Schuwalow greift bei FIFA-Chef Blatter selbstsicher zu

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Es war eine echte Überraschung, was FIFA-Chef Sepp Blatter da Anfang Dezember verkündete: Nicht England, Heimat des Fußballs, nicht Weltmeister Spanien, nein, das Fußball-Entwicklungsland Russland wird die Weltmeisterschaft 2018 austragen. Der Jubel war groß. Doch nun heißt es Ärmel hochkrempeln. Kann

reuters/vostock-photo

Russland seine Infrastruktur modernisieren und der Wirtschaft bis dahin neue Impulse geben? Medien sagen dem Land einen schweren Weg voraus in den sieben Jahren bis zur Weltmeisterschaft. das thema des monats weiter auf den Seiten 6 und 7

Aus Russland schlauer werden. Mit Russland HEUTE. Die nächste Ausgabe erscheint am

2. März 2011

ugory.ru

Vom Oligarchen zum Sozialisten Einst skrupelloser Geschäftsmann und mächtiger Oligarch, zitiert Michail Chodorkowski heute aus der Bibel und philosophiert über die Zukunft Russlands. Den Lebensweg des prominentesten russischen Häftlings zeichnete das Magazin Russkij Reportjor nach. Russland HEUTE präsentiert den Beitrag auf Deutsch und bringt einen Ausblick auf die Zukunft des Prozesses.

„Wir wissen nicht nur vom Hörensagen, was Terrorismus bedeutet“, sagte der russische Präsident Dmitrij Medwedjew nach dem Anschlag auf Domodedowo. So gesehen ist es kein Zeichen von mangelndem Mitgefühl, dass die Moskowiter auf die jüngste Attacke weniger aufgeregt als auf die Anschläge davor reagierten. Russland musste lernen, mit Akten des Terrors zu leben und still zu trauern. Aber es hat auch gelernt, über ineffiziente Politik im Nordkaukasus und die Fehler der Sicherheitsdienste zu diskutieren, und zwar öffentlich. Man müsse gemeinsam gegen den Terrorismus vorgehen und ihn bei seinen sozialen Wurzeln – Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnder Bildung – packen, machte Medwedjew auf dem Gipfeltreffen in Davos klar. Auch kenne der Terrorismus keine Grenzen. Er trug damit eine Message ins Ausland, die den Russen – in Moskau wie im Nordkaukasus – längst klar ist.

Jedes Wochenende fahren Hunderttausende Städter in ihre Datschas aufs Land. Dort finden sie all das, was ihnen die Großstadt unmöglich bieten kann: frische Luft, Ruhe und Entspannung. Manche kehren den großen Städten gleich für immer den Rücken. Sie beginnen ein neues Leben in einer der Ökosiedlungen an der

Wolga oder in Sibirien. So zum Beispiel in der Kommune mit dem sprechenden Namen „Schlaraffenland“, 120 Kilimeter südlich von Nowosibirsk. Anna Nemtsova, Journalistin und Autorin des Newsweek-Magazins, hat die Aussteiger besucht. Weiter auf Seite 9

Jeden 1. Mittwoch des Monats in der Süddeutschen.

www.russland-heute.de


Politik

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www.russland-heute.de Russland Heute Eine Beilage der russischen Tageszeitung Rossijskaja Gaseta, Moskau

Mitgefühl und Toleranz zeigen Geboren am Dienstag

Gennadij Gudkow vize-chef des parlamentarischen Ausschusses für sicherheit

" 

vertreter des präsidenten

W

Michail Schwydkoj ist der Vertreter des Präsidenten für kulturelle Zusammenarbeit.

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Terroristen wollen Resonanz erzielen. Und Domodedowo ist der modernste Flughafen Russlands. Solche Anschläge können kaum verhindert werden . Man braucht ein funktionierendes Agentennetz im Nordkaukasus." expert-

Michail Schwydkoj

Wir trauern um die Opfer, und wir verdammen die Täter, die diese schwere Sünde auf sich nahmen. Terroristen haben keine Nationalitäten oder Konfessionen. Sie verdienen die Strafe Gottes."

6. Januar 5. Februar 19. Februar

Ort Machatschkala Machatschkala, Isberbasch Nasran

" 

interfax, 25. januar 2011

Tageszeitung iswestja, 26. januar 2011

magazin, 25. Januar 2011

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Laut Auskunft des Polizeichefs der nordkaukasischen Republik Dagestan werden bereits seit Ende 2010 alle Ausreisenden kontrolliert.

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Das Parlament stimmt in Kürze über ein neues Sicherheitsgesetz und ein Frühwarnsystem ab. Künftig sollen landesweit farbige Codes auf mögliche Anschläge aufmerksam machen.

7

Gegen Terroranschläge werden in der Sankt Petersburger U-Bahn in den nächsten Wochen Metalldetektoren und Gepäckscanner eingeführt.

Dienstag, 25. Januar 2011, ein Tag nach dem Terroranschlag: Am Flughafen Domodedowo gedenken trauernde Moskauer der Opfer mit Blumen.

12 Tote

5. April

Karabulak

2 Tote

29. April

Kreis Kasbek

2 Tote

1. Mai

Naltschik

1 Toter

7. Mai

2 Tote

4. Juni

Derbent Kreis Sergokalin Stawropol Ordschonikidsewskaja Sagopschi

1 Toter

12. Juni

Kaspijsk

1 Toter

21. Juli

Baksan

17. August

Pjatigorsk

13. Mai

31. Mai

D

8 Tote 8 Tote 2 Tote

2 Tote 40 Verletzte

4. September

Bujnaksk

5 Tote

9. September

Wladikawkas

17 Tote

24. September Machatschkala

Was steckt hinter dem Domodedowo-Anschlag? Ben Aris

40 Tote

26 Verletzte

19. Oktober

Grosny

3 Tote

11. November

Machatschkala

7 Tote

21 Anschläge, 124 Tote

Quelle: Gazeta.ru

Mehr zum Thema auf russland-heute.de

kommentar

2 Tote

Moskau

2

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Flughafenführung und den -Sicherheitsdienst. Erste Verstöße gegen die Sicherheitsbestimmungen kommen zutage.

Der FSB und die Polizei fahnden landesweit nach den Hintermännern der Tat. Über die Identität des Attentäters besteht noch Unklarheit.

5 Tote

Kisljar

1

Präsident Medwedjew entließ die für Transportsicherheit zuständen Polizeichefs, Vize-Premier Sergej Iwanow mehrere Beamte des Transportministeriums. Dort diskutiert man über effektivere Sicherheitsmaßnahmen im Verkehr.

3 4

4 Tote

29. März

7

Maßnahmen nach dem Anschlag

In Domodedowo und anderen russischen Flughäfen wurden die Kontrollen drastisch verschärft.

Opfer

31. März

26. Mai

Veteran einer Sondereinheit und Abgeordneter des Parlaments

Wir müssen neue politische Maßstäbe im Nordkaukasus setzen. Wollen wir eine loyale Führung oder eine, deren Loyalität wir erkaufen müssen? Solange wir keine Antwort auf diese Frage haben, wird sich die Lage auch nicht ändern lassen."

Terroranschläge in Russland 2010 Datum

Sergej Gontscharow

großmufti des kaukasus

ap

ieder eine Explosion. Ohnmächtige Trauer, Mitgefühl mit den Angehörigen und Verletzten sowie die voreilige Antwort auf die Frage nach der Schuld: Eine „Kaukasier meucheln Russen“-Welle rollt durch das Land. „Auf seine Nationalität stolz zu sein ist so, wie darauf stolz zu sein, dass man an einem Dienstag geboren wurde“, sagte der russische Cellist und Humanist Mstislaw Rostropowitsch an Schoppenhauer anknüpfend. Diese Aussage war typisch für Russland. Doch nach jüngsten Umfragen sind 60 Prozent der Befragten für ein „Russland den Russen“. Die nationale Frage spitzt sich zu. Der Anschlag in Moskau – und nicht im Kaukasus – legt Zeugnis davon ab. Es prallten aber keine Ideologien oder Kulturen aufeinander, sondern Menschen, die mit ihrer sozialen und finanziellen Lage unzufrieden sind: Die Ursachen der aufgestauten Xenophobie sind nicht ethnischer Natur, sie sind sozial-ökonomisch bedingt und bedürfen einer systematischen Lösung. Bei aller Härte gegenüber radikalen Gruppierungen müssen Mitgefühl und Toleranz immer an erster Stelle stehen: Sie sind die Grundlage für jedwede Ethik und Moral.

Allahsükür Pasazade

journalist

er Terror, von dem die russische Hauptstadt immer wieder heimgesucht wird, hat seine Wurzeln in den armen Republiken des Nordkaukasus. Mit Ramsan Kadyrow als Präsidenten Tschetscheniens wollte der Kreml die Region unter Kontrolle bekommen, mit Investitionen sollte den Strukturproblemen begegnet werden. – Seit dem letzten Tschetschenien-Konflikt vor zehn Jahren hat der Staat rund eine Milliarde Euro in die Republik und die angrenzenden Regionen gesteckt. Aus einem Bericht des Vize-Premiers Dmitrij Kosak geht jedoch hervor, dass diese Mittel von den Behörden unterschlagen wurden und der praktische Nutzen gleich null gewesen sei.

Der jüngste Anschlag ließ in Russland erneut die Alarmglocken läuten. Und die Hintergründe sind schon lange bekannt: Eine Woche vor dem Anschlag hatte der Premier Wladimir Putin die Regierung heftig kritisiert, weil diese sich zu wenig auf die Problemregion konzentriere. „Wir müssen die Situation im Nordkaukasus in den Griff bekommen“, sagte er vor einem Regierungsausschuss und prangerte die Behörden wegen der Verschwendung von Steuergeldern an. Gleichzeitig versprach er neuerliche Investitionen in Höhe von zehn Milliarden Euro in 37 regionale Projekte in Tschetschenien und dem gesamten Nordkaukasus. Denn die Menschen dort werden ihre Unruhen so lange nach Moskau tragen, bis der Kreml ihre Lebensbedingungen spürbar verbessert hat. Ben Aris ist Chefredakteur des Magazins Business New Europe.


Politik

Russland Heute www.russland-heute.de Eine Beilage der russischen Tageszeitung Rossijskaja Gaseta, Moskau

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Lebensweg Stadtkassen, er verfasste Beschwerdebriefe an die Steuerbehörde und das Parlament. Kurz vor Petuchows Ermordung hatte Chodorkowski die Steuerzahlungen an die Stadt komplett eingestellt. Stattdesen brachte er aus Moskau Säcke voller Bargeld mit und verteilte es an öffentliche Angestellte. Yukos hatte begonnen, staatliche Funktionen zu übernehmen. Ob das anormal war? „Natürlich war es nicht normal. Aber niemand hat jemals behauptet, es sei unrechtmäßig gewesen“, erklärt Newslin, der für den Auftragsmord an Petuchow in Abwesenheit verurteilt wurde, jegliche Beteiligung jedoch abstreitet. Chodorkowski schien damals zu der festen Überzeugung gelangt zu sein, er besitze das moralische Recht, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen und den ineffizienten Staat ersetzen zu können. Yukos wurde immer mehr zu einer Art Staat im Staat, übernahm einige staatliche Funktionen und baute einen eigenen Sicherheitsdienst auf.

Vor und nach der inhaftierung - die wandelbare Philosophie des Michail Chodorkowski 1997 auf einem Ölfeld tief in der Provinz. Schon damals wird Michail Chodorkowski „Der Chodor“ genannt.

Kurz vor der Verhaftung

Jungkommunist, zynischer Geschäftsmann, Verkünder der Bibel. Das Schicksal Michail Chodorkowskis im Spiegel des gewandelten Russlands: von der UdSSR zur Russischen Föderation. v. Djatlikowitsch, D. Welikowskij, A. Zygankow russki reporter

Unser Kompass ist der Profit, den man bei strengster Einhaltung aller Gesetze erzielen kann. Unser Idol ist das Kapital, unser Ziel die Milliarde. M. Chodorkowski, L. Newslin Der Mann mit dem Rubel, 1993

Der staatliche Großbesitz

Menatep ist eine der sieben Banken Russlands, die Geschäfte für staatliche Einrichtungen abwickeln. „Wir bekamen das Geld vom Staat, überwiesen es staatlichen Unternehmen, bekamen es zurück und überwiesen es dann wieder an den Staat. Dieser Umlauf brachte riesige Gewinne“, wird sich Chodorkowski später erinnern. Der Staat ist überschuldet, und Geschäftemacher schlagen ein neues Kapitel auf: 1995 beginnt die Ära der Privatisierung. Über Pfandversteigerungen werden staatliche Liegenschaften in private Hände überspielt. Menatep kauft fast 100 Betriebe auf. Und ersteht für 150 Millionen Dollar ihr Kronjuwel: das Erdölunternehmen Yukos, das schon knapp zwei Jahre später eine Kapitalisierung von vier Milliarden Dollar bilanziert. Von sozialer Verantwortung weiß Chodorkowki damals noch nichts. In den Medien tauchen erste Gerüchte auf, dass Yukos seine Aktiva – und somit auch den größten Teil seiner Gewinne – in OffshoreZonen abführe. „Das zweitgrößte Erdölunternehmen Russlands ent-

zog sich komplett der russischen Rechtshoheit“, so James Fenker von der Investmentbank Troika Dialog.

Der Wille zur Macht Heute, wo das Unternehmertum an Kraft gewonnen hat, ändert sich auch unsere Einstellung zur Macht. Nach dem Prinzip: „Wer die Musik bezahlt, bestimmt, was gespielt wird.“ M. Chodorkowski, L. Newslin Der Mann mit dem Rubel, 1993

Wladimir Petuchow, Bürgermeister der sibirischen Erdöl-Stadt Neftejugansk, erzählte noch kurz vor seiner Ermordung 1998 von seinem Kampf gegen Yukos. Er rechnete vor, dass der andere Ölgigant Surgutneftegas pro Barrel 100 Mal mehr Steuern zahle als Yukos. Er berichtete Moskauer Journalisten über seine leeren

Die Macht des Geldes Große Vermögen machen einen Menschen nicht frei. Auch ich schwieg oft, weil es meinem Vermögen schaden könnte. Nicht nur ich hatte Macht über mein Vermögen – mein Vermögen hatte auch Macht über mich. M. Chodorkowski Freiheit und Gewissen, 2004

Chodorkowski behauptet, er sei schon nach der Finanzkrise 1998 zur Besinnung gekommen: „Business ist kein Spaß und auch kein Schachbrett, auf dem du die Personen hin und her schiebst. Du bist verantwortlich für deine Mitarbeiter, für ihre Familien, für ihre Renten. Jeder Fehler, jede unbedachte Handlung kann anderen Leid zufügen. Diese Verantwortung hat mich erdrückt.“ 2003 begann für Chodorkowski ein neues Leben. Im Gefängnis. Er nutze seine Zeit zum Schreiben: „Wenn wir in unserer Heimat etwas verändern wollen, dann brauchen wir keine Mythen, sondern eine Wahrheit, die so schön ist wie ein Mythos. Solche Mythen (und vielleicht auch Wahrheiten) findet man in der Bibel. Ihre Kernaussage lautet: Ein amoralisches Leben ist schlecht.“ Gute Führung und Äußerungen der Reue bieten einem Häftling gute Chancen, vorzeitig entlassen zu werden. Chodorkowski markiert aber nicht. Milliarden hat er auch keine mehr und empfindet es als sehr befriedigend, sich zur „oberen Mittelschicht“ zu zählen. Er ist Sozialist ohne politische Ambitionen geworden. Doch der Staat ist nicht bereit, ihn freizulassen. Es ist eine irrationale, absurde Angst, die am 27. Dezember letzten Jahres mit Chodorkowskis neuerlicher Verurteilung bestätigt wurde. „Als Geschäftsmann war er eine interessante und starke Persönlichkeit“, sagt Alexaschenko. „Es gab viele, die schwächer, zynischer und prinzipienloser waren. Und so ist es auch heute noch.“ Der Artikel erschien im Magazin Russki Reportjor, das auch das Wikileaks-Dossier publiziert. Der Fall Chodorkowski. Lesen Sie die Meinung auf Seite 10.

kommentar

Dieser Prozess ist noch nicht zu Ende Michail Fedotow

jurist

itar-tass

1987 bewarb sich Leonid Newslin, 28-jähriger Programmierer, am Moskauer NTTM (einem Konsomol-Unternehmen). Der Leiter, kein anderer als Michail Chodorkowski, entsprach haargenau seinen Vorstellungen von einem Arbeitgeber, und schnell wurden aus den beiden Komsomolzen Verfechter der freien Marktwirtschaft. Ihre ersten Millionen machten sie mit Bargeldgeschäften, später handelten sie mit Computern, Jeans und gepanschtem französischen Brandy. In dieser Zeit des wilden Kapitalismus und noch unausgereifter Gesetze handelte Chodorkowski nach seinen eigenen Regeln, ohne freilich die „Grenzen des Legalen“ je zu überschreiten, betont Newslin. In der Geschäftswelt hatte er einen zweifelhaften Ruf, überliefert sind zwei Sätze, die er in einem Atemzug genannt haben soll: „Wenn wir einen Staat hätten, dann säße ich längst im Gefängnis.“ und „Was meins ist, ist meins; was deins ist, müssen wir noch bespre-

chen.“ Existiert also in Russland erst seit 2003 ein Staat, dem Jahr von Chodorkowskis Festnahme wegen Steuerhinterziehung? 1990 wird Chodorkowski Berater des russischen Premierministers Iwan Silajew, einem Mitstreiter Boris Jelzins, der 1991 als Sieger aus dem Staatstreich hervorgeht. Die Sowjetunion bricht zusammen. Zu dem Zeitpunkt leiten Chodorkowski und Newslin bereits ihre eigene Bank – Menatep.

sergei avduevski

Der Chodor

Es war kein Geheimnis: Vor den Parlamentswahlen 2003 unterstützte Michail Chodorkowski liberale Parteien, während andere Yukos-Aktionäre die Kommunisten sponserten. Neben Yukos setzten sich auch andere Oligarchen für die Kommunisten ein. „Ein Geschäftsmann kann indirekt Parteien unterstützen, sollte aber nie direkt in die Politik eingreifen“, sagt der Volksökonom und ehemalige stellvertretende Finanzminister Sergej Alexaschenko. Und schon gar nicht dürfe er die Regeln in der Politik verletzen. Doch Chodorkowski sei es genau um diese Regeln gegangen: „Er war ein politischer Kopf und zeigte aktives Interesse an der Politik. Möglicherweise wäre es für ihn besser ausgegangen, hätte er an jenem Treffen der Oligarchen mit Putin am 19. Februar 2003 niemals teilgenommen.“ In dieser Sitzung soll Chodorkowski den staatlichen Ölkonzern Rosneft der Korruption beschuldigt haben, weil dieser die Erdölfirma Sewernaja Neft zu einem stark überhöhten Preis erstanden habe. Dann schon im Gefängnis schreibt Chodorkowski, die Sorge um sein Eigentum habe ihn gelehrt, im richtigen Momen zu schweigen. Wahrscheinlich hatte diese seine Selbstkontrolle damals ausgesetzt, weil er sich plötzlich nicht mehr als reinen Geschäftmann sah. Er war zu einer öffentlichen Person geworden. Der ehemals zynische

Kapitalist hatte erkannt, dass es keinen Sinn machte, nur an die Rendite zu denken. Yukos steckte zu diesem Zeitpunkt bereits Unsummen in Wohltätigkeit und Bildung als Investition für die Zukunft.

Der Chodor rund 14 Jahre danach: Die persönliche Transformation ist abgeschlossen.

Das jüngste Urteil im Prozess Chodorkowski wurde von einem Gericht niederer Instanz gefällt. Es ist also alles noch offen. Die Verteidiger haben bereits Einspruch eingelegt, es wird ein Berufungsverfahren folgen. Auch eine Neuverhandlung wäre denkbar. Bei erneutem Einspruch kommt der Fall in die dritte Instanz. Der Präsidialrat zur Förderung der

Zivilgesellschaft und der Menschenrechte beobachtet diesen Prozess sehr genau. Wir werden das Urteil eingehend prüfen und Verbesserungsvorschläge zur bestehenden Rechtslage bei Wirtschaftsdelikten dem Präsidenten zukommen lassen. Auch werden wir in Kürze über die Unabhängigkeit der russischen Justiz mit Medwedjew sprechen.

Michail Fedotow ist Vorsitzender des Präsidialrats Zivilgesellschaft und Menschenrechte.


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Wirtschaft

www.russland-heute.de Russland Heute Eine Beilage der russischen Tageszeitung Rossijskaja Gaseta, Moskau

Rohstoffe China drosselt die Ausfuhr von Seltenen Erden. Kann Russland die Lücke schließen?

Schatzsuche unter Tage Das Potenzial an Seltenen Erden in Russland ist groß. Bisher fehlt es allerdings an den notwendigen Investitionen, um die Schätze zu heben.

Iwan Rubanow

Yttrium, Skandium, Cerium. Die Namen der Seltenen Erden sind nur wenigen vertraut, doch sie sind unverzichtbar bei der Produktion von Lasergeräten, Handys oder Energiesparlampen. Jährlich werden auf dem Weltmarkt Seltene Erden im Wert von etwa zehn Milliarden Dollar verkauft. Und China steht bei der Förderung ganz vorne: Etwa 95 Prozent der vorderen Produktionskette – Abbau und Anreicherung plus Aufbereitung – sind bei dem Wirtschaftsriesen konzentriert. Viele westliche Staaten, darunter die USA, haben die eigene Produktion mittlerweile eingestellt, weil die Gewinnung der Metalle äußerst umweltschädlich ist. Bis im vergangenen Jahr war China auch Exportland Nummer eins für Seltene Erden. Im August dann gab es bekannt, die Ausfuhr im zweiten Halbjahr 2010 um 72 Prozent zu drosseln und kündigte eine weitere Einschränkung im Jahr 2011 an. Bereits im Oktober bekamen die europäische und amerikanische Industrie den Lieferrückgang deutlich zu spüren. Vertreter der deutschen Industrie machten damals den Vorschlag, einen europäischen Reservefonds für Seltene Erden zu schaffen.

AP

Magazin „Expert“

Für Seltene Erden muss bergeweise Schutt versetzt werden: Seltenerdmetall-Förderung bei Murmansk

kommentar

Chancen für die deutsche Wirtschaft Prof. Dr. Klaus Mangold

Ehemaliger Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft

Russland ist traditionell ein großer Rohstoffproduzent. Deutschland ist einer der Hauptkonsumenten russischer Rohstoffe. Das gilt nicht nur für Öl und Gas. Ein erheblicher Anteil des deutschen Imports aus Russland sind

Nichteisen-Metalle. Lediglich 19 Prozent der in Russland geförderten Rohstoffe erfahren eine erste Verarbeitung in Russland, der überwiegende Teil geht unverarbeitet in den Export. Gerade hier können deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen mit ihrer hohen technologischen Innovationskraft interessante Lösungen anbieten. Mit dem „Deutsch-Russischen Rohstoff-Forum“

wird genau dieser Ansatz verfolgt und entwickelt. Dieses Forum verbindet Wirtschaft, Forschung und Politik beider Länder vor allem im Bereich der nichtenergetischen Rohstoffe. Damit ist es ein aktiver Baustein der in den letzten Jahren spürbar gewachsenen Modernisierungspartnerschaft zwischen unseren Ländern. Auch auf diesem Gebiet passen also die Möglichkeiten und Bedürfnisse von Deutschland und Russland ideal zusammen und ergänzen sich gegenseitig. Dies ist ein hervorragendes Fundament für eine stabile und verlässliche langfristige Zusammenarbeit.

Chancen für Russland

Russland als Standort von erschlossenen Beständen Seltener Erden steht weltweit an dritter Stelle (ca. 30 Prozent). Unter der Erde schlummert ein riesiges Potenzial. Obwohl die Mehrheit der neu entdeckten Fundorte vergleichsweise arme Erze enthält, sind die Bedingungen für ihren Abbau in vielen Fällen günstig. „Die Erzvorräte in Lowosersk können im Tagebau ohne große Mühe gewonnen werden. Die Vorräte werden bereits jetzt auf 80 Millionen Tonnen geschätzt, manche Prognosen sind dreimal so hoch“, sagt Aleksandr Samonow von der Russischen Akademie der Wissenschaften. Die Erze in der Lagerstätte von Tomtor im sibirischen Jakutien enthalten bis zu 12 Prozent Seltene Erden. Die bisher angenommenen Vorräte betragen 150 Millionen Tonnen. Die dritte Fundstätte ist die Halbinsel Kolsk. Derzeit zeigen die russischen Betreiber der Erzminen wenig bis gar kein Interesse, in neue Fördermethoden und Technologien zu investieren. Doch die Umstände haben sich schon jetzt dramatisch geändert. Der Preis für seltene Erden ist sprunghaft angestiegen und bleibt weiter im Aufwärtstrend. Dank der vorteilhaften Fördermöglichkeiten und einer guten Infrastruktur wäre Russland durchaus in der Lage, die Versorgungslücken auszugleichen. Die Lieferung von Halbfertigware an die Industrienationen könnte eine gute Ausgangsposition für die eigene Produktion von Handys und Lasergeräten werden. Dieser Beitrag wurde in dem r u ssi schen Magazin Exper t veröffentlicht.

Lesen In Russland boomt der Markt für elektronische Bücher

Russen sind nicht nur lesefreudig, sie sind auch technikversessen. Immer mehr kaufen sich ein elektronisches Lesegerät – und die Verlage gehen leer aus. Arthur Lojanitsch für russland heute

Der Markt für elektronische Bücher und Lesegeräte – E-Books und E-Reader – ist in den vergangenen zwei Jahren um ein Vielfaches gewachsen: Wurden 2007 nur wenige Tausend E-Reader verkauft, waren es im Jahr 2009 bereits 250.000, trotz Wirtschafts-

Wirtschaftskalender

lesen sie mehr über die russische wirtschaft auf

russland-heute.de

krise. 2010 haben sich 440.000 Russen für das Klicken beim Lesen entschieden; das ist sieben Mal so viel wie vor zwei Jahren. Der Boom elektronischer Bücher geht zu Lasten des traditionellen Buchmarktes; dieser ist 2009 um fast 15 Prozent eingebrochen, und die Russische Buchkammer verzeichnete sogar einen Auflagenrückgang um 17,2 Prozent. Branchenexperten erklären den Boom von E-Books einerseits mit der Offenheit vieler Russen gegenüber technischen Innovationen, andererseits mit der starken Prä-

senz der Bücher im Internet. Deren Download ist in den meisten Fällen illegal, häufig aber auch kostenlos. Es wundert daher nicht, dass dieser illegale E-Book-Markt fünfmal größer ist als der legale mit einem Gesamtvolumen von 1,5 Millionen Euro. „E-Book-Piraten zerstören den traditionellen Buchmarkt“, beklagt Wladimir Obrutschew aus dem Eksmo-Verlag. Man könne die Anbieter der raubkopierten E-Books strafrechtlich kaum verfolgen, da ihre Server in der ganzen Welt verteilt seien.

Lebensmittel ProdExpo

Regionen Wirtschaftsforum Krasnojarsk 2011

7. bis 11. Februar, Moskau

ria novosti

Schuld ohne Sühne: illegaler Dostojewski auf dem Display

Bibliothek in der Hosentasche: Die E-Reader sind in Russland populär.

Die Deutschen lesen klassisch

Deutsche Leser hingegen haben ein eher klassisches Leseverhalten: Laut einer Marktanalyse von von Kirchner und Robrecht wurden 2010 in Deutschland lediglich zwischen 80.000 und 130.000

Automobil Automechanika

E-Reader abgesetzt. Die Käuferschicht von Büchern sei älter als in Russland und ihr Konsumverhalten grundlegend anders. Die Konsumenten wollen ihr Geld nur für ein einziges elektronisches Lesegerät ausgeben. Dabei falle ihre Wahl in der Regel aufs iPad.

Mode Collection Premiere Moscow

17. bis 19. Februar, Krasnojarsk

17. bis 19. Februar, Sankt Petersburg

Die größte Lebensmittel- und Getränkemesse Osteuropas ist gleichzeitig die Austauschplattform für Insider und Marktneulinge. Es werden neue Produkte und Getränke vorgestellt und ihre Vermarktung, Logistik und der Vertrieb auf dem russischen Markt.

Auf dem Forum werden Erfahrungen über neue Bau- und InfrastrukturProjekte in der Region Krasnojarsk ausgetauscht. Das Motto in diesem Jahr: Modernisierungsstrategie – neue Qualitäten des Managements. An der Veranstaltung nimmt der russische Wirtschaftsminister Alexej Kudrin teil.

Für Automobilhersteller und Zulieferer ist die Automechanika eine der wichtigsten Messen rund um das zweitgrößte Automoblcluster Russlands. Gleichzeitig findet die jährliche Konferenz AutoInvest statt, die mögliche Investoren und Produzenten anlocken soll.

Die CPM gilt als wichtigste internationale Modemesse in Osteuropa. Das Angebot aus den Bereichen Bekleidung und Kindermode, Strickwaren, Young Fashion, Lederwaren, Pelzmode und Accessoires zog letztes Jahr über 18.300 Profashionals in die Messehallen nach Moskau.

›› prod-expo.ru/en

›› en.krasnoforum.ru

›› aam.lenexpo.ru/en

›› cpm-moscow.ru

21. bis 24. Februar, Moskau


Wirtschaft

Russland Heute www.russland-heute.de Eine Beilage der russischen Tageszeitung Rossijskaja Gaseta, Moskau

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Lebensmittel Nach Danone kauft sich PepsiCo mit einer Großinvestition in den russischen Milchmarkt ein

Die Milch macht‘s - auch bei Pepsi PepsiCo kauft den größten russischen Lebensmittelhersteller Wimm-Bill-Dann. Die Amerikaner setzen auf Wachstum, Verbraucher befürchten höhere Milchpreise. Natalja Fedotowa für russland heute

Zukünftig wird die Milch russischer Kühe von Pepsi an die Verbraucher geliefert.

photoxpress

Für 2,9 Milliarden Euro hat der US-amerikanische Konzern PepsiCo zwei Drittel des größten russischen Lebensmittelherstellers Wimm-Bill-Dann Food (WBD) gekauft. Nach Schätzungen von Branchenexperten verfügt WBD über einen Anteil von 30 Prozent am russischen Milchmarkt, dessen Gesamtvolumen rund 7,6 Milliarden Euro beträgt. Seine Übernahme durch Pepsi ist bereits der zweite große Deal im Lebensmittelsektor innerhalb der letzten Monate: Im Sommer fusionierte der russische Milchriese Unimilk mit Danone. Das neue Unternehmen will nach eigenen Angaben weitere 31 Prozent des russischen Milchmarktes kontrollieren. Die Nachfrage nach Milch und Milchprodukten ist in den letzten Jahren stark gestiegen, ebenso wie der Milchpreis, der 2010 eine Steigerung von 20 Prozent erfuhr. Ein Liter kostet im Laden zwischen 50 Cent und 1,20 Euro, Tendenz steigend. So will auch PepsiCo nach eigenen Prognosen in den kommenden drei Jahren zweistellige Wachstumszahlen vorlegen, denn im Unternehmen geht man vom Aufstieg der russischen Wirtschaft auf Rang zwei in Europa aus – gleich hinter Deutschland.

zahlen

2,9

Milliarden Euro hat PepsiCo für zwei Drittel der Anteile an WimmBill-Dann Food gezahlt - was etwa 32 Prozent über dem Marktwert liegt.

30

Prozent des russischen Milchmarkts verspricht sich PepsiCo von diesem Deal. 31 Prozent liegen bei Danone und seinem russischen Partner.

Wimm-Bill-Dann Wimm-Bill-Dann Foods (WBD Foods) wurde 1992 gegründet und ging zehn Jahre später als erstes russisches Unternehmen in New York an die Börse. WBD ist einer der größten Lebensmittelhersteller Russlands. Neben Milchprodukten produziert das Unternehmen Säfte, Mineralwasser und Kindernahrung. In den ersten beiden Quartalen 2010 machte es einen Umsatz von ca. 1,8 Milliarden Euro.

PepsiCo plane, in den kommenden fünf Jahren über 700 Millionen Euro zu investieren, speziell in die Modernisierung der Produktion, in Forschung, Entwicklung und Marketing, kommentierte Wladimir Putin den Deal. Die russische Regierungskommission zur Kontrolle von ausländischen Investitionen hat die Übernahme ummittelbar nach dem Einreichen aller Unterlagen genehmigt. Doch während PepsiCo mit Investitionsvolumen und Gewinnen hantiert, befürchten Verbraucher, dass die Milchpreise weiter steigen werden.

Technologie In Russland entsteht ein Hybridauto - mit einem einzigartigen Motor

Neues Konzept für saubere Mobilität Der russische Oligarch Michail Prochorow hat in Moskau drei neue Hybridfahrzeuge vorgestellt. Noch ist nicht entschieden, wo sie gebaut werden. Alexej Knelz

150 Millionen Euro wird die Onexim-Gruppe in das Yo-Mobil zusammen mit dem LKW-Bauer Yarovit aus Sankt Petersburg investieren. In anderthalb Jahren schafften es die hybriden Fünftürer, Lieferwagen und CrossoverCoupes vom Reißbrett zu fahrbereiten Prototypen. Ab Ende 2012 soll das erste russische Produktionswerk 10.000 Hybride pro Jahr fertigen. „Mit dem Projekt wollten wir zwei Stereotypen aufbrechen: Dass man in Russland keine Autos bauen kann und dass man diese nur mit Staatsgeldern entwickeln könne“, so Onexim-Chef Michail Prochorow. Seine Anspielung ist berechtigt. Jahrelang erhielt die Regierung marode russische Autowerke am Leben und finanzierte die Entwicklung neuer Modelle, die bei der Markteinführung meist schon veraltet waren. Dies soll nun anders werden. „Wir haben weltweit

reuters/vostock-photo

russland heute

Der Name des Yo-Mobils rührt vom russischen Buchstaben ë.

In Zukunft sollen die russischen Hybride von einem neuartigen Rotationsmotor angetrieben werden. die Automobiltrends analysiert und erkannt, dass der Hybrid konventionellen Technologien überlegen ist“, erklärte unlängst Yarovit-Präsident Andrej Birjukow. „Und im Gegensatz zur Konkur-

renz sind wir an einem ganz neuen Hybridantrieb dran“, erläutert der technische Projektleiter. Er erklärt es anhand des Toyota-Hybrids Prius: Der Japaner wird von einem klassischen Otto- und einem elektrischen Hilfsmotor angetrieben. Der Elektromotor schaltet sich immer dann hinzu, wenn die Batterie vom Ottomotor über einen Generator ausreichend mit Strom versorgt wurde. Diese Technik sei wegen der Lithium-IonenBatterie aber nicht eben billig.

„Der Yo-Mobil-Motor hingegen treibt einen Generator an, der den Elektromotor direkt mit Strom versorgt – und dieser treibt dann auch die Räder an“, erklärt der Techniker. Dadurch brauche der Flitzer keine Batterie und kein klassisches Getriebe. Der Motor soll ein eigenes entwickelter und mit Erdgas betriebener Rotationsmotor sein. 60 PS soll er leisten und den Wagen auf 130 Stundenkilometer beschleunigen – mit einem Verbrauch von 3,5 Litern. In den drei Prototypen werkelt vorerst ein Motor von den deutschen Wagner Motoren. Das Attraktivste an den kleinen Automobilen dürfte aber der Preis sein. „Wir wollen uns in der Preisspanne von sieben- bis zehntausend Euro bewegen“, hieß es von einem Yarovit-Sprecher. Wie man in diesem Segment bei nur 10.000 Fahrzeugen pro Jahr mit einem komplexen Antriebssystem Erfolg beweisen will, wurde nicht erklärt. Die Entwicklung geht aber offenbar nur mit internationaler Unterstützung voran: Laut russischen Pressegerüchten soll Porsche eine Kooperation im Hybrid-Projekt angeboten haben.

Ihre Sorge ist begründet: In Russland, in der Ukraine und in Mittelasien hält WBD Food 35 Milchwerke, die über 280 Millionen Konsumenten versorgen – doppelt so viele wie die Gesamtbevölkerung Russlands. „Osteuropa wird zum Zentrum des Pepsi-Imperiums“, sagt Wassilij Konusin von der Investmentgruppe Alemar. Derzeit wartet PepsiCo auf einen Bescheid des russischen Kartellamts. Dessen Leiter hat jedoch erklärt, sein Organ sähe keine Einwände. Der 30-Prozent-Anteil am Milchmarkt ist für eine Monopolstellung nach russischer Gesetzgebung zu wenig. Es fehlen fünf Prozent. Ferner soll das Unternehmen das Kartellamt quartalsweise über seine Preispolitik informieren. Trotz aller Auflagen und Versprechen bezüglich einer transparenten Preispolitik stehen auch kleinere Milchproduzenten dem Deal äußerst kritisch gegenüber. „Eine Globalisierung des Milchmarktes zerstört die Konkurrenz und behindert die gesamte Branchenentwicklung“, sagt Juri Tomilin, Vorstandsvorsitzender des landwirtschaftlichen Unternehmens Jaropolez. Sobald ein Betrieb zu groß werde, zwinge er allen anderen Marktteilnehmern seine Bedingungen auf. „Deswegen haben wir uns auch von dem Riesen Danone distanziert und beliefern nur noch kleinere Lebensmittelproduzenten. Mit ihnen können wir verhandeln und aktiv die Preisentwicklung mitgestalten“, schließt Tomilin.

Kommentar

Modernisierung im Automobilbau Dr. Ewald Böhlke

zukunftsforscher

Wenn Russland sich weiterhin am Export von Rohstoffen orientiert, bleibt es wesentlich abhängig von externen Faktoren. Die neuerliche Wirtschaftskrise hat dies bestätigt: Russland musste seine gesamten Geldreserven für die Konsolidierung der Wirtschaft aufwenden, um das Ruder überhaupt noch herumzureißen. Deshalb setzt die Politik jetzt auf Modernisierung. Für den Automobilbau bedeutet dies: Elektrifizierung der Mobilität und neue, effizientere Antriebsmodelle. Prochorows Team setzt auf ein eigenes CNG-Elektromotor-Konzept. Wenn es ihnen gelingt, diese beiden Antriebsformen in ein und demselben Hybrid zusammenzubringen, hätten sie die Nische im Automobilmarkt gefunden, nach der sie schon lange gesucht haben. Diese Technologie ist aussichtsreich, da wirklich innovativ. Und sie könnte die Basis für eine neue Technologieplattform werden, an der man weitere Technologien anknüpfen könnte. Fantasie und Kreativität sind gefordert und die finanziellen Mittel zu ihrer Umsetzung.


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Thema des Monats

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FUSSBALL-WM 2018 FÜR DIE VORBEREITUNG AUF DIE WELTMEISTERSCHAFT BLEIBEN RUSSLAND NUR SIEBEN JAHRE

RUSSKIJ REPORTJOR

Acht Worte, die die Welt erschütterten: „Let‘s me speak from my heart in English …”, begann der russische Sportminister Witalij Mutko an jenem Tag Anfang Dezember in Zürich – und kauderwelschte vor der versammelten FIFA-Elite zwei Minuten lang über die Vorzüge der russischen WM-Bewerbung. Das Video wurde auf der Welt innerhalb von Stunden zur Lachnummer. Aber nur wenige bemerkten, dass es außer seinen linguistischen Rafinessen auch das wahre Wesen der russischen Bewerbung offenbarte.

Jungbrunnen für Wirtschaft und Gesellschaft

Hauptargument Mutkos für den WM-Standort Russlands waren die wirtschaftlichen Hintergründe des sportlichen Großereignisses. In seinem eindrucksvollen Englisch überzeugte der Minister die FIFA schließlich, dass die WM Russland eine segensreiche Erneuerung von Wirtschaft und Gesellschaft bringe. Walerij Schanzew, Gouverneur der Region Nischni Nowgorod, brachte es auf den Punkt: „Wir haben wahrlich ein Glückslos gezogen. Mit ganz konkreten Zielen schaffen wir wesentlich effizien-

Kostenpunkt: all-inclusive für 40 Milliarden Euro

Wie viel die Fußball-WM am Ende tatsächlich kosten wird, kann niemand so genau sagen. Russische Experten sprechen von mindestens 40 Milliarden Euro – vorausgesetzt, das russische Beamtenheer folgt tatsächlich dem Appell von Präsidentenberater Arkadij Dworkowitsch, der kurz nach der FIFA-Entscheidung twitterte: „Dieses Mal aber bitte ohne Schmiergeld.“ Doch nicht das ganze Land wird von der Modernisierung profitieren: Die Austragungsorte sind auf Zentralrussland beschränkt, weiter östlich als bis Jekaterinburg am Ural wird die WM nicht vordringen. Das bestätigte Premier-

ITAR-TASS

Für die WM-2018 braucht die russische Elf viel Köpfchen und noch mehr Ball: Arschawin und Rolfes beim Qualifikationsspiel in Moskau 2009

minister Wladimir Putin: „Wir können nicht alles auf einmal aufbauen“, sagte er. Primär müsse man sich an den Wünschen und Forderungen der FIFA orientieren. Deshalb werde die WM auf einem möglichst kompakten Terrain organisiert. Die Städte sollten alle leicht erreichbar sein. „Ein Flug von Moskau nach Tschukotka im äußersten Nordosten dauert neun bis zehn Stunden, von Moskau nach New York hingegen nur acht“, rechnete der Premier vor, „sollten wir da die Weltmeisterschaft etwa auf die ganze Landesfläche verteilen?“

Marode Fußballwirtschaft

Noch bevor es in Russland mit den WM-Vorbereitungen richtig losgeht, muss das Land seinen eigenen Fußball auf Vordermann bringen. Der Präsident des russischen Fußballverbandes Sergej Fursenko versprach seinerzeit einen WMSieg der russischen National-Elf, falls die Weltmeisterschaft in Russland stattfände. Doch gerade Fursenko hat zu den Problemen des russischen Fußballs im vergangenen Jahr nicht wenig beigetragen. Der laut verkündete Großeinsatz gegen Korruption im Sport wurde auf die Unterschrift einer Willensbekundung durch die Fußballclubs reduziert. Und die dringend ausstehende Reform des Kinderund Jugendfußballs liegt noch immer auf Eis. Zudem bröckelt die Basis des Profifußballs, da das russische Ligasystem ab 2012 auf europäischen Standard umgestellt werden soll. Die Spiele finden dann im Herbst und jeweils darauffolgenden Frühjahr statt und nicht wie bisher innerhalb eines Jahres. Auf regionaler wie auf föderaler Ebene erfordert dies große Investitionen. Plus den Anstrengungen für die WM ein Kraftakt ohnegleichen, der nur gemeistert werden kann, wenn die Prioritäten klar definiert sind. Absolute Priorität sollte die Ausbildung des Nachwuchses haben. Denn von den 16 russischen Nationalspielern, die in der Qualifikation für die EM 2012 aufs Feld gingen, werden höchstens zwei an der WM 2018 teilnehmen – der Torwart Igor Akinfejew und der Mittelfeldspieler Alan Dsagojew. 2018 sind sie mit ihren 32 und 28 Jahren dann noch die jüngsten

NIYAZ KARIM

ALEKSANDR KOBELJAZKIJ

ter und schneller die Umsetzung eines Vorhabens.“ Nikolaj Merkuschkin, Oberhaupt der Republik Mordowien, führte aus, was Schanzew mit „effizienter“ und „schneller“ meinte und um welche Vorhaben es sich handelte: „So viele Fans per Flugzeug zu befördern ist logistisch kompliziert und teuer. Deshalb werden wir schon jetzt den Bau von Autobahnen und Hotels vorantreiben.“ Bei Straßenbau und Hotelgewerbe allein bleibt es aber nicht: Auch die Flughäfen fast aller Austragungsorte müssen dringend renoviert und saniert, die Sportarenen neu gebaut oder erweitert werden. Nach vorläufigen Schätzungen wird allein der Bau von neuen Stadien fast drei Milliarden Euro verschlingen.

RIA NOVOSTI (2)

Bis spätestens 2018 müssen ein Dutzend neuer Stadien fertig sein. Dazu Autobahnen, moderne Schnellzüge, Flughäfen und Hotels. Die WM erweist sich als wirkungsvoller Wachstumsmotor.

IMAGO/LEGION MEDIA

PERESTROIKA IM NAMEN DES BALLS

Die Realität und der Soll-Zustand: Das Rotor-Stadion in Wolgograd wird für die WM 2018 von Grund auf saniert und umgebaut.

Spieler in der Mannschaft. Ihre Teamkollegen zwischen 34 und 37 Jahren sind da eher reif für die Pensionierung. Derzeit scheitert der Fußballnachwuchs bereits in der Qualifikation für europäische Turniere und verfügt kaum über Spielerfahrung auf dem internationalen Parkett. Vielleicht wird man das Problem in den verbleibenden acht Jahren lösen. Dafür sollten die potenziellen WM-Stars von morgen des Jahrgangs 1993 bis 1995 allerdings heute schon eine gute Figur auf

dem Kickerplatz machen, wo sich zur Zeit nichts als Mittelmäßigkeit tummelt. Am spannensten bleibt die Frage, ob Sportminister Mutko sein Versprechen einhält : Wird er bis zum Stichjahr 2018 Englisch gelernt haben? Die Russen würden zu gern daran glauben. Und nicht nur daran. Dieser Beitrag erschien in dem Magazin Russkij Reportjor, das auch das Wikileaks-Dossier publiziert.


Thema des Monats

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SANKT PETERSBURG

Torhüter Igor Akinfejew und die National-Elf müssen sich jetzt schon auf die WM einstellen.

EINWOHNER 4,6 Millionen

KALININGRAD

EINWOHNER 0,43 Millionen

MOSKAU EINWOHNER 11 MILLIONEN

KASAN

EINWOHNER 1,2 Millionen

OLYMPIASTADION LUSCHNIKI Fertigstellung: 2016 Kapazität: wird auf 89.316 erhöht

NISCHNI NOWGOROD EINWOHNER 1,3 Millionen

STADION KASAN Fertigstellung: 2013 Kapazität: 44.105

STADION DYNAMO MOSKAU Kapazität: wird auf 45.000 erhöht STADION SPARTAK MOSKAU Fertigstellung: 2014 Geplante Kapazität: 46.920

JAROSLAWL

EINWOHNER 0,61 Millionen

WOLGOGRAD

EINWOHNER 1 Million

SAMARA

EINWOHNER 1,1 Millionen

STADION KRASNODAR Fertigstellung: 2017 Kapazität: 50.015

ROSTOW AM DON EINWOHNER 1 Million

STADION ROSTOW AM DON Fertigstellung: 2017 Kapazität: 43.702

SOTSCHI

EINWOHNER 0,35 Millionen OLYMPIASTADION SOTSCHI Fertigstellung: 2013 Kapazität: 46.759

STADION SAMARA Fertigstellung: 2017 Kapazität: 44.198

SARANSK

EINWOHNER 0,3 Millionen

STADION WOLGOGRAD Fertigstellung: 2017 Kapazität: 45.015

LEGION-MEDIA

EINWOHNER 0,72 Millionen

STADION NISCHNI NOWGOROD Fertigstellung: 2017 Kapazität: 44.899

STADION JAROSLAWL Fertigstellung: 2013 Kapazität: 44.042

KREISSTADION MOSKAU Fertigstellung: 2017 Geplante Kapazität: 44.257

KRASNODAR

STADION KALININGRAD Fertigstellung: 2017 Kapazität: 44.015

STADION SANKT PETERSBURG Fertigstellung: 2013 Kapazität: 69.501

7

JEKATERINBURG

EINWOHNER 1,4 Millionen

STADION SARANSK Fertigstellung: 2012 Kapazität: 45.015

ZENTRALSTADION JEKATERINBURG Fertigstellung: 2011 Kapazität: 44.000

Vereine Staatliche Unternehmen und regionale Regierungen stecken in den Fußball Millionen

Wenn es brennt, kommt der Premier

ILJA SUBKO

ROSSIJSKAJA GASETA

GEPLANTE INVESTITIONEN

2,4

Milliarden Euro für die Infrastruktur. Bis 2018 werden neue Autobahnen gebaut, marode Straßen repariert und das Netz für ICE-Züge vergrößert und ausgebaut.

2,3

Milliarden Euro für neue Sportarenen. Von den 16 Stadien in der FIFA-Bewerbung existieren bisher acht nur auf dem Reißbrett.

1,4

Milliarden Euro für den Ausbau oder Neubau von Flughäfen. Zwischen einigen WM-Städten gibt es noch keine direkten Anbindungen.

0,9

Milliarden Euro für neue Hotels. Nur Sankt Petersburg hat genug Platz. Für die WM 2018 werden 19.000 Gästezimmer bereitgestellt – zwei Drittel davon in 3-Sterne-Hotels.

Heutzutage würden 12,6 Millionen Euro vielleicht gerade einmal ausreichen, um das linke Bein eines anständigen Stürmers bei Manchester United, Barcelona oder Juventus zu kaufen. Genau so viel hat das Erreichen des Viertelfinales der Champions League dem Verein ZSKA Moskau eingebracht. ZSKA erhielt damit einen Betrag, der dem durchschnittlichen Jahres-Budget eines russischen Vereins entspricht. Das mag überraschen, aber es unterstreicht nur die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen der russische Fußball zu kämpfen hat. Die meisten Vereine werden entweder von Regionalregierungen oder großen Staatsunternehmen wie Gazprom, Lukoil, Rosneft oder der Russischen Eisenbahn gefördert. Andere Einnahmequellen wie Übertragungsrechte, Eintrittskarten und Merchandising, im Westen von entscheidender Bedeutung, bringen in Russland nur wenig ein. Aus TV-Rechten erhielten die 16 Vereine im Jahr 2010 nur magere 18 Millionen Euro. Vor der Wirtschaftskrise wurden russische Fußballclubs mit Sponsorengeldern überschüttet, und

Thema der nächsten Ausgabe

Der Nordkaukasus Russlands Problemregion: ihre Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

kauften für zweistellige Millionenbeträge Spitzenspieler aus Europa und Südamerika ein. Experten warnten schon damals davor, doppelt so viel auszugeben, wie die Vereine jemals in der Lage seien einzunehmen. Und behielten recht: Mittlerweile ist der russische Fußball gezwungen, realistische finanzielle Perspektiven zu entwickeln. Zu Beginn der Finanzkrise überstiegen die jährlichen Gehälter der Spitzenspieler von 2,5 bis 3,5 Millionen Euro bei Weitem die üblichen Einkommen der Fußballer, sogar bei den großen Vereinen. Während der ersten „Krisensaison“ 2009 wurden jedoch keine ernsthaften Versuche unternommen, sich auf die veränderte Si-

tuation einzustellen. Die meisten Vereine reduzierten ihr Budget um lediglich zehn Prozent, andere hingegen weigerten sich sogar, ihre Ausgaben zu revidieren. Tomsk, ein Verein im Mittelfeld der Liga, verschleuderte sein jährliches Budget innerhalb der ersten vier Monate und sah sich am Rande der Insolvenz. Erst als ein schriftliches Hilfsgesuch Premierminister Wladimir Putin erreichte, versammelte dieser einige Schwergewichte der örtlichen Geschäftswelt und „empfahl ihnen nachdrücklich“, den schwächelnden Verein zu unterstützen. Eine ähnliche Rettungsaktion hielt im Frühjahr den Club Krylja Sowjetow Samara am Leben. Vor einigen Jahren genoss dieser noch

RIA NOVOSTI

Die Wirtschaftskrise hat auch bei den russischen Fußballvereinen zu einem „Reality-Check“ geführt. Die Spielregeln der Marktwirtschaft halten die meisten jedoch noch immer nicht ein.

Bei schlechter Wirtschaft nützt auch kein Brüllen: Jurij Sjomin, Trainer Lokomotive Moskau, diskutiert mit dem Schiri beim Lokalderby gegen ZSKA.

Noch frischer als aus dem Druck – das Russland HEUTE E-Paper russland-heute.de/e-paper

den Ruf, die meisten Zuschauer (bis zu 30.000) in Osteuropa anzulocken. Dann übernahm sich die Vereinsführung mit Krediten: Bis zum Ende der Saison 2009 war ein Schuldenberg von 80 Millionen Euro angewachsen. Die Fans demonstrierten gegen den nahenden Bankrott – und wieder gab es einen Retter in der Not. Putin überredete lokale Sponsoren, sich großzügig zu zeigen. Dennoch war der Club gezwungen, sein Budget um zwei Drittel zu kürzen. Der einzige Verein, dem die Regierung nicht zu Hilfe kam, war der FK Moskau. Einen Monat vor Beginn der Saison 2010 entzog der Hauptsponsor Norilsk Nickel dem erfolgreichen Fußballclub seine Unterstützung. Die Mannschaft flog aus der Premier Liga. Dieser dramatische Ausstieg hat vielen Fans und Fußballexperten klar gemacht, dass der russische Fußball einer grundlegenden Umstrukturierung bedarf. 2010 war in den Vereinen zumindest ein „Reality-Check“ zu spüren. Im vergangenen Winter gab es keinen Transfer mehr, der über 6,3 Millionen Euro kostete. Aber schon im Sommer war die Zeit der Bescheidenheit vorbei: Zenit machte mit 22 Millionen Euro für den Portugiesen Bruno Alves den teuersten Einkauf der russischen Fußballgeschichte. Ilja Subko ist stellvertretender Leiter des Ressorts Sport bei der Rossijskaja Gaseta.


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Gesellschaft

www.russland-heute.de Russland Heute Eine Beilage der russischen Tageszeitung Rossijskaja Gaseta, Moskau

Innere Migration Eine Reform des Meldesystems soll den Russen einen Wohnsitzwechsel erleichtern

Ohne diesen Stempel bist du ein Niemand Darina Schewtschenko

exklusiv für russland heute

Olesja Melnikowa ist mit ihren 28 Jahren eine erfolgreiche PR-Managerin in Moskau. Vor fünf Jahren war sie wegen der Aussicht auf ein höheres Gehalt und ein internationales Umfeld aus dem sibirischen Omsk in die Hauptstadt gekommen. Es passierte Mitte Dezember: Melnikowa wollte vor einem Flug nach Italien noch schnell einen Kaffee trinken, als ein Polizist auf sie zukam und ihren Inlandspass zu sehen wünschte. Sie zückte das Dokument, das dem deutschen Personalausweis entspricht. Der Beamte stellte fest, dass Melnikowa keinen Wohnsitz in Moskau gemeldet hatte und nahm sie kurzerhand mit aufs Revier. „Ohne diesen Stempel bist du ein Niemand“, sagte er. Inländische Reisepässe, die Russen an eine bestimmte Stadt, deren System und Leistungen binden, wurden während der Stalinzeit eingeführt, um die Migration innerhalb der riesigen Sowjetunion unter Kontrolle zu halten. Bis heute ist diese Form der Registrierung gleich geblieben. Und für jeden, der in einen anderen Teil des Landes umziehen möchte, kann die Änderung der „Registrazija“ zu einem bürokratischen Albtraum werden. Wer nicht im Besitz einer eigenen Wohnung ist, musste bisher zusammen mit dem Vermieter zur Behörde. Viele Vermieter weigerten sich - da blieb nur der Gang zu einer zweifelhaften „Firma“, die für ein paar

Hundert Rubel die zuständigen Behörden mobilisierte oder gar die Registrierung fälschte. In Moskau und anderen wohlhabenden Städten verhalten sich die Behörden besonders restriktiv bei der Vergabe von Registrierungen. Denn mit dem Stempel im Pass hat man Zugang zu Moskaus hochwertigen Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Bakschisch für den Stempel

Probleme mit dem Registrierungsstatus können sich äußerst ungünstig auf die berufliche Karriere auswirken. Der 30-jährige Leonid Pokryschkin stammt aus Nischni Nowgorod und arbeitet als IT-Manager bei einer großen Moskauer Bank. Bei der Beantragung seines Reisepasses erfuhr er das ganze Ausmaß der russischen Bürokratie. „Ich musste dringend geschäftlich in die USA, doch mein Reisepass war abgelaufen. Auf dem Einwohnermeldeamt erfuhr ich, dass er mir ohne eine Regiestrierung in Moskau nicht verlängert würde. Also musste ich in meine Heimatstadt Nischni Nowgorod fahren, um dort den neuen Reisepass zu beantragen. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis ich ihn schließlich bekam“, erzählt Leonid. „Die Verzögerung, hieß es, sei deshalb entstanden, weil sich mein Wohnsitz und Arbeitsplatz in zwei verschiedenen Städten befänden.“ Seit dem ersten Januar nun kann man sich per Internet ummelden, eine Einwilligung des Vermieters benötigt man aber weiterhin. Von dieser Lockerung der Vorschriften sollen sowohl Bevölkerung und als auch Regierung profitierten, denn das alte Registrierungssystem fördere eindeutig die Korrup-

Der Registrierungsstempel im Pass schränkt die Mobilität der Russen in ihrem eigenen Land stark ein.

photoxpress

Vereinfachungen bei der Registrierung des Wohnorts sollen die Mobilität der Bevölkerung erhöhen. Die Russen ziehen dennoch selten um.

tion, so Sergej Smirnow von der Plechanow-Wirtschaftsuniversität, Moskau. Mit den bürokratischen Erleichterungen seit Januar 2011 erhofft sich die Regierung zudem eine größere Mobilität unter den Arbeits-

„Die Menschen, die innerhalb Russlands umziehen, brauchen vor allem eines: bezahlbare Wohnungen.“ kräften, speziell unter den jüngeren. Indermit Gill, Chefökonom der Weltbank für Europa und Mittelasien, hat die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt als nicht ausreichend bezeichnet. Ein Russe zieht in seinem Leben höchstens zweimal um, Amerikaner hingegen bis zu dreizehnmal. Dabei gibt es gerade in Russland gute Gründe dafür, seinen Wohnsitz zu verlegen. Der wichtigste ist der immense Einkommensunterschied innerhalb der einzelnen

Regionen. Das durchschnittliche Monatseinkommen im Autonomen Bezirk Yamalo-Nenets im Nordwesten Sibiriens, einer Gegend, die reich an Bodenschätzen ist, betrug im Jahr 2008 rund 38.000 Rubel (knapp 1000 Euro) verglichen mit einem Durchschnittseinkommen von nur 5500 Rubeln (etwa 150 Euro) im südrussischen Inguschetien. Die Frustration von Menschen, die nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes nicht in der Lage oder gewillt sind, in einer anderen Region neu anzufangen, entlud sich letztes Jahr in der Stadt Pikaljowo. Oleg Deripaska, zur Zeit reichster Mann Russlands, hatte seine Zementfabrik wegen Unrentabilität geschlossen. Die entlassenen Arbeiter protestierten mit einer Blockade der Autobahn Moskau - Sankt Petersburg. Putin flog eigens mit dem Hubschrauber ein und legte Deripaska dringend nahe, die Fabrik wieder zu öffnen. Sie hatte einen Großteil der Arbeitsplätze in der Region gesichert.

Die Registrierung, auch bekannt als „Propiska“, ein System aus Meldepflicht durch Eintrag in den Pass und staatlicher Verwaltung, wurde in der UdSSR im Jahr 1933 unter der Regierung Stalins eingeführt. Damals bestimmte die Meldepflicht wesentlich das Leben der russischen Bevölkerung. Die Behörden konnten einen Menschen willkürlich von einer Wohnung abmelden und irgendwo anders anmelden. Vielen wurde aber auch grundsätzlich die Möglichkeit verwehrt, den Wohnort zu wechseln. Nach dem Zerfall der Sowjetunion räumte 1993 ein neues Gesetz allen russischen Bürgern gleichermaßen das Recht ein, Stadt und Region frei zu wählen. Doch es enthält eine Klausel, wonach sich jeder, der länger als drei Monate an einem neuen Ort verweilt, um eine befristete Registrierung bemühen muss. Umfragen des WZIOM-Meinungsforschungsinstituts haben ergeben, dass die Registrie-

rungsprozedur kompliziert und zeitaufwendig ist: Die Hälfte der Befragten beklagte sich über lange Warteschlagen, 26 Prozent waren mit den Öfnungsszeiten der Passämter unzufrieden, und 23 Prozent beschwerten sich über die Unfreundlichkeit der Beamten. Zwölf Prozent mussten gar Dokumente vorweisen, die vom Gesetz nicht vorgeschrieben waren, und kamen nur mit Beste– chung weiter. Zehn Prozent wurde die Registrierung schlicht verweigert. Viele Russen, die solcherart Schwierigkeiten nicht auf sich nehmen wollen, lassen sich daher erst gar nicht registrieren und ziehen die Illegalität vor. Besonders davon betroffen sind die Städte Moskau und Sankt Petersburg. Das Leben in der Illegalität hat indes seine Kehrseite: Illegale können sich nicht krankenversichern lassen, keinen internationalen Reisepass beantragen und bekommen keine Kredite.

itar-tass

Flucht in die Illegalität

„Stolze Bürger der Sowjetunion“ schrieben sowjetische Meldeämter auf ihre Fahnen in den 30ern und führten eine landesweite Meldepflicht ein.

Mehr Mobilität

Um eine größere Mobilität in der Bevölkerung zu erreichen, stellte die russische Regierung 2010 4,5 Milliarden Rubel (110 Millionen Euro) bereit. Mit Reise- und Wohnungszuschüssen sollte den Menschen der Umzug in eine andere Stadt zu einem neuen Arbeitsplatz erleichtert werden. Bisher haben von diesen Maßnahmen jedoch noch nicht allzu viele Gebrauch gemacht. Experten bezweifeln, dass die neuerliche Lockerung der Registrierungsvorschriften allein ausreiche, die Menschen zu einem Ortswechsel zu bewegen. „Wir brauchen vor allem bezahlbare Wohnungen. Und im Vergleich zu den USA unterscheiden sich unsere Regionen in vielerlei Hinsicht sehr stark voneinander. Vielen fällt es schwer, sich anzupassen“, so Ökonom Smirnow. Wladimir Mukomel, Soziologe an der Russischen Akademie der Wissenschaften, fügt hinzu: „Die Menschen haben wenig bis gar keine Motivation, in eine andere Stadt zu ziehen und die damit verbundenen immensen Schwierigkeiten auf sich zu nehmen.“ Die Abschaffung der „Registrazija“ wäre da ein Schritt in die richtige Richtung, meint auch der 27-jährige Artjom Sokolow. In Moskau geboren und aufgewachsen, kehrte er der Hauptstadt vor zwei Jahren den Rücken und zog nach Pawlowsk an den Rand von Sankt Petersburg. „Ich weiß nicht, warum ich die ganze Zeit am selben Ort leben sollte“, sagt er. „Wenn ich genug von einer Stadt habe, ziehe ich eben in eine andere. Alles, was ich zum Arbeiten brauche, ist eine schnelle Internetverbindung, ein Telefon und ein Laptop. „Die Leute müssen sich an einen mobilen Lebensstil erst gewöhnen. Die sowjetische Mentalität und Bequemlichkeit verschwindet nicht von heute auf morgen, aber es muss einmal ein Anfang gemacht werden.“ D ar i n a Schwe t sch e n k o i s t Journalistin bei der Zeitung The Moscow News.


Gesellschaft

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Alltag Immer mehr Russen verlassen die Stadt – und ziehen in Ökokommunen aufs Land

Ziegenmilch und Honigkuchen Tausende flüchten vor Hektik, Smog und engen Wohnverhältnissen aus der Stadt. Aber nicht alle finden die erhoffte Harmonie in der Natur.

Mehr Bilder zum Landleben auf russland-heute.de

ANNA NEMTSOVA

Die Ärztin Jewgenija Pystina aus der sibirischen Millionenstadt Nowosibirsk musste still lächeln, als ihr Mann, ein renommierter Konzertpianist, ihr begeistert von Naturschützern berichtete. Sie lebten als Selbstversorger am Ufer des Ob 120 Kilometer außerhalb von Nowosibirsk. „Ich lachte über seine Geschichte, doch er wollte mich unbedingt dort hinbringen, damit ich alles mit eigenen Augen sehen könne“, erinnert sie sich. „Wir kamen und blieben.“ Pystina, ihr Mann und die sieben- und achtjährigen Töchter sind eine von 51 Familien, die in der Kommune „Schlaraffenland“ leben. Das jüngste Mitglied ist ein Jahr alt, das älteste 91. Die Zahl der „Ökokommunen“, wie sie in Russland heißen, ist im letzten Jahrzehnt sprunghaft angestiegen. Stadtmüde Utopisten zogen sich in die entlegensten Regionen zurück, auf der Suche nach einem einfachen und selbstbestimmten Leben im Einklang mit der Natur und auf der Flucht vor Konsum, staatlicher Kontrolle und behördlicher Korruption.

ANNA NEMTSOVA

EXKLUSIV FÜR RUSSLAND HEUTE

Von einer Welt der Gegensätze sprechen die Bilder der Zivisilation und der noch unberührten Natur. Links unten: eine Straße in Moskau, rechts davon: die idyllisvhe Hängebrücke über einen Fluss im Altai. Immer mehr Menschen ziehen hinaus aufs Land. Die Großstadt kann ihnen keine Lebensqualität mehr bieten.

ANNA NEMTSOVA

Die ehemalige Wissenschaftlerin und Ärztin Jewgenija Pystina singt vor sich hin, während sie Kohlköpfe auf der Veranda stapelt, für den Winter Honig in Kanister füllt und mit ihren Töchtern Angelina and Polina Eier bemalt. „Seit ich in der Kommune lebe, weckt mich jeden Morgen meine unbändige Neugier auf Kunst, Gesang und ökologische Landwirtschaft“, sagt sie. Nicht alle sind von solcherart Aussteigerfantasien angetan. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bezeichnet die Kommunen als Sekten mit geheimen Ritualen und die Behörden einiger Regionen stehen Anträgen der Öko-Aktivisten und der Kommunen, den Grund und Boden, auf dem sie siedeln, käuflich zu erwerben höchst kritisch gegenüber. Die Bewohner des „Schlaraffenlands“ hingegen betonen: „Wir stellen für niemanden eine Bedrohung dar, und jedes Haus ist offen für Gäste, die unseren selbstgemachten Honigkuchen und die Ziegenmilch kosten möchten.“ Tatsächlich wollen sie mit den religiös geprägten Kommunen, die parallel zu ihnen überall in Russland entstehen, nichts zu tun haben. Die vegetarische Lebensweise der Kommunenbewohner basiert auf ökologischer Landwirtschaft. Gleichzeitig legen die Familien großen Wert darauf, dass ihre Kinder durch Mitglieder der Gemeinschaft mit entsprechender Bildung zu Hause unterrichtet werden. Jewgenija Pystina etwa hat das Fach Chemie übernommen. „Jeder Haushalt trägt zum Gemeinwohl der Kommune bei“, sagt sie. Die Familie des ehemaligen Physikers

FREDERICK BERNAS

Argwöhnische Behörden

MEINUNGSUMFRAGE

Dicke Luft und schlechte Straßen

Im Rahmen einer Studie von Superjob.ru wurden die Befragten gebeten, die drei größten Herausforderungen in ihren Heimatstädten zu benennen. Am meisten bemängelt wurde der

schlechte Zustand der Straßen – hier standen an erster Stelle Samara (70%) und Nowosibirsk (63 %). Zweitens gab es Klagen über die mangelhafte Sauberkeit der Straßen; Müllereimer würden zu unregelmäßig entleert oder fehlten ganz. Darüber beschwerten sich besonders die Einwohner von Samara (58 %) und Jekaterinburg (55 %). Das dritte Problem in Russlands Städten sind die täglichen Staus aufgrund fehlerhafter Verkehrsplanung. Über verstopfte Straßen beklagten sich die Moskauer am häufigsten (42 %); in Nischni Nowgorod leidet jeder dritte Einwohner unter dem Verkehrschaos (33 %), in Jekaterinburg jeder vierte (25 %). Die Umfrage wurde im Frühjahr 2010 unter der berufstätigen Bevölkerung von elf russischen Großstädten durchgeführt.

Waleri Popow hilft Neuankömmlingen beim Bau ihrer Blockhütten. Die Zahnarztfamilie Nadjeschdin betreibt die Bäckerei der Kommune. Klawdija Iwanowa, ehemalige Musiklehrerin, hat sich hier auf selbstgeschneiderte Kleider im traditionellen Stil spezialisiert. Ihr Ehemann, im früheren Leben Offizier, hilft bei der Abfallaufbereitung. „Mein ganzes Leben

lang war ich Teil eines starren Systems: in der Schule, an der Universität, später als Offizier der Roten Armee. Doch das System zerbrach direkt vor meinen Augen, zerstört von Lügnern, Dieben und korrupten Funktionären“, erklärt Iwanow das Verlangen vieler Menschen nach einem neuen Leben in der Kommune. „Wir sind hier, um ein Lebensmodell für freie, aktive und selbst-

QUELLE: SUPERJOB.RU

bewusste Menschen zu entwickeln. Und wir wollen unseren Beitrag gegen die Umweltzerstörung leisten.“ Umweltorganisationen wie Greenpeace Russia sehen die neue Ökobewegung durchaus positiv. „Wir begrüßen alle grünen Bewegungen, da sie Ausdruck für den natürlichen Drang des Menschen sind, im Einklang mit der Natur zu leben“, so Wladimir Tschuprow, Fachmann für Energiefragen bei Greenpeace Russia.

Auch das Paradies ist rissig

Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen in Russland bereits ein Leben in der Wildnis gewählt haben, gibt es nicht. Aber die Tendenz ist steigend. Dutzende von Ökodörfern entstanden in den letzten beiden Jahren allein im Altai, in Karelien und an der Wolga. Einige haben sogar den Sprung über den Ozean geschafft wie die populäre US-amerikanische Ökosiedlung Shambhala-Shasta EcoSettlement in Oregon. Das Leben auf dem Land kann aber auch grausame Seiten haben. Die einfachen Lebensbedingungen, Ernteausfälle und Krankheiten stellen das frei gewählte neue Leben ein ums andere Mal auf den Prüfstand. Im letzten Winter sank die Temperatur in den Bergen des Altai unter -50°C. „Schon das Anheizen des Holzofens in den frostigen Morgenstunden wird da zu einer Bewährungsprobe“, erzählen die Aktivisten.

Und wie überall, wo Menschen miteinander leben, treten auch in den Ökokommunen interne Konfl ikte auf und sogar Ansätze von Korruption. Desillusioniert haben deshalb einzelne Mitglieder ihrem Utopia den Rücken zugekehrt. Olga Kumani, eine ehemalige Gerichtsreporterin aus Nowosibirsk, war 2002 aus der Großstadt geflohen. „Ich konnte nicht mehr atmen in der Stadt; überall staatliche Zwänge und Korruption“, erzählt sie. Auf der Suche nach dem Ort für ein besseres Leben schloss sich die dreifach Mutter der Tscharbai-Kommune im Altai an. „Die Leiter der Kommune wollten aber nur unser Geld und unsere Arbeitskraft“, sagt Kumani. Sie trat aus der Gemeinschaft aus und ließ sich an einem noch abgeschiedeneren Ort nieder. Sie und ihre Kinder leben jetzt in einem Verbund von 22 Künstlern, die in einem kleinen Dorf in der Republik Altai Tontöpfe und Flöten herstellen. Doch auch diese Künstlerkommune empfindet Kumani als anstrengend, die Beziehungen unter den Mitgliedern seien angespannt. „Wir suchen immer noch,” erzählt sie. Der nächste Umzug soll sie in eine der entlegensten Gegenden Sibiriens führen. Anna Nemtsova schreibt über Russland für das amerikanische Newsweek-Magazin.


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Meinung

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USA – China

Frieden für eurasien Dmitrij Trenin

Politikwissenschaftler

niyaz karim

W

ovon wir heute noch weit entfernt sind: In der euroatlantischeurasischen Region könnte ein stabiler Frieden geschaffen werden, der weit darüber hinaus strahlt. Die Auseinandersetzungen in Georgien 2008 hätten eigentlich eine Warnung für die Zukunft sein sollen. Die Probleme dort sind auch heute noch dieselben und könnten jederzeit neu auflodern – mit düsteren Konsequenzen. Damals wäre es beinahe zu einer Auseinandersetzung zwischen Russland und den USA gekommen. Inmitten all der guten Reden über eine neue, solide Partnerschaft zwischen den beiden Großmächten darf es keinen Platz für Selbstzufriedenheit geben. Zwei große Themen bestimmen die Sicherheit in der euroatlantischen Zone. Das eine ist die Verunsicherung der Russischen Föderation über die Ziele der USA. Mehr als die Sorge, Einfluss zu verlieren, bestimmt diese Unsicherheit die Bedenken Russlands angesichts der Osterweiterung der NATO, beim Raketenabwehrprogramm oder bezüglich der USamerikanischen Politik in den neuen, unabhängigen Staaten. Das andere Thema ist ein Spiegelbild

des ersten: Manche zentral- und osteuropäischen Länder blicken mit Sorge auf das politische Gebaren eines wiedererstarkten, mächtigen Russlands. Um den ersten Fragenkomplex zu lösen, muss sich das strategische Verhältnis zwischen den USA und Russland grundlegend verändern. Bis heute basiert es auf einer Politik der Abschreckung. Und keine Waffenkontrollen der Welt können diese gewissermaßen institutionelle Fehlpolitik ausgleichen. Die USA und Russland müssen weg von ihrem Denken der militäri-

schen Stärke hin zu einer grundsätzlichen Bereitschaft der Zusammenarbeit. Ein guter Anfang wären Gespräche über eine gemeinsame Strategie in der Raketenabwehr. Gelingt es der Russischen Födera– tion und den USA zusammen mit der NATO, hier eine Formel für eine realistische Kooperation zu finden, wird das deren Verhälnis nachhaltig zum Besseren verändern, weg von dem noch immer präsenten Nachhall des Kalten Krieges. Und setzte sich diese Entwicklung fort, könnte sie zu

Ringen um Konsens einer neuen Qualität der amerikanisch-russischen Beziehung und auch der Beziehung zwischen der NATO und Russland führen. Gleichzeitig müssen Russland und manche seiner Nachbarn sich einander annähern. Einen Durchbruch gab es hier zuletzt zwischen Russland und Polen. Dieser Prozess könnte nach dem Modell der deutschen Versöhnung im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg mit Frankreich, Polen, ja sogar Russland vonstatten gehen. Die russisch-polnische Versöhnung ist wiederum unabdingbar für ein stabiles und friedliches Verhältnis zwischen Russland und der EU. Diesbezüglich sind auch neue Impulse für eine Annäherung an die baltischen Staaten nötig. Aber wie das polnische Beispiel zeigt, müssen beide Seiten aufeinander zugehen. Kurzum: Versöhnung in Zentralund Osteuropa und eine veränderte strategische Beziehung zwischen USA/NATO und der Russischen Föderation sind die Grundsteine, auf denen mit der Zeit eine euroatlantische Sicherheitsgemeinschaft wachsen kann. Das würde auch eine Reihe von eingefrorenen Konflikten in Moldawien, dem Kaukasus, Zypern und auf dem Balkan befrieden. Dmitrij Trenin ist Direktor d e s C ar n eg i e -Z e nt r um s in Moskau.

Something is rotten in the state of ... Dmitrij Tulin

N

finanzexperte

ach dem Schuldspruch im zweiten ChodorkowskiProzess haben sich die Gemüter nicht nur in Russland gewaltig erhitzt. Aber so paradox es auch klingen mag: Aus juristischer Sicht war die Anklage sogar rechtmäßig. Nehmen wir das Beispiel eines Menschen, der einen Fernseher gestohlen, verkauft und das Geld bei der Bank eingezahlt hat. Er würde des Diebstahls für schuldig befunden – und darüber hinaus der Steuerhinterziehung und der Geldwäsche. So ist es Rechtsspraxis in Amerika. Warum überzeugt uns aber das Urteil so wenig? Einfach deshalb, weil in Russland die Menschen nicht nach dem Gesetz, sondern nach ihrem Gerechtigkeitssinn entscheiden. Und genau dies tue ich auch.

Steuermoral der Ölkonzerne

Ich gehöre zu denjenigen, die absolut davon überzeugt sind, dass der Yukos-Konzern erheblich weniger Steuern zahlte, als er es hätte

tun müssen. Dies wurde mir schon drei Jahre vor Chodorkowskis Verhaftung 2003 aus einem internen Bericht meines damaligen Arbeitgebers, der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), klar. Danach unterschieden sich hinsichtlich der Steuermoral die russischen Ölkonzerne sehr stark voneinander, und Yukos nahm auf der Skala der Steuerwilligen den letzten oder vorletzten Platz ein. Das heißt, dieser Konzern riskierte viel, sehr viel.

Ein Dieb gehört ins Gefängnis

Aber auch andere hatten praktisch zeitgleich mit Yukos mit großen Unannehmlichkeiten zu rechnen, nämlich mit hohen Steuernachzahlungen und Verzugszinsen. Doch sie wurden nicht aufgelöst, gegen ihre Eigentümer wurden keine Strafverfahren eingeleitet, trotz identischer Rechtslage. Nur in einer idealen Welt sind vor dem Gesetz alle gleich. Es waren die Steuern und die Veruntreuung von Betriebsaktiva, die Wladimir Putin zu der vielzitierten Äußerung veranlassten: „Ein Dieb hat im Gefängnis zu sitzen.“

Sagen Sie uns die Meinung: leserbriefe@russland-heute.de Für sämtliche in dieser beilage veröffentlichten Kommentare, Meinungen und zeichnungen sind ausschlieSSlich ihre autoren verantwortlich. diese beiträge stellen nicht die meinung der redakteure von russland heute oder von rossijskaja gaseta dar.

Schön gesagt – 90 Prozent der russischen Wähler würde diesen Satz unterschreiben. Allerdings glauben bei uns inzwischen immer weniger Menschen, dass die starre Position des Gerichts etwas mit Härte gegenüber Dieben zu tun habe. In der Tat: Dafür, dass „Recht und Ordnung“ auf ihrer Seite standen, reagierten die Machthaber recht nervös. Und genau das bringt die Mehrheit der denkenden Menschen nun leider unweigerlich auf den Gedanken, dass hinter dem harten Urteil möglicherweise etwas anderes stecken könnte.

Dunkle Gründe der Macht

Einige Monate vor seiner Verurteilung appellierte Chodorkowski öffentlich an die russische Regierung, einige aufsehenerregende Vorfälle in der Ölbranche zu untersuchen: auf Korruption. Ausgerechnet er. Aus dem Munde eines Mannes mit der Biografie eines Chodorkowski klang ein solcher Aufruf zum Kampf gegen Korruption gewiss amüsant, wenn auch wenig überzeugend. Aber anstatt damit ironische Kommentare her-

vorzurufen, löste er aus irgendeinem Grunde bei den Machthabenden schmerzhafte Reaktionen aus.

Politik demontiert sich selbst

Kurz darauf wurde Chodorkowski öffentlich isoliert, „abgeschaltet“ und später scharf verurteilt. Hätte, um einen unbequemen Kritiker auszuschalten, nicht eine Strafe auf Bewährung wegen Steuerhinterziehung und weiterer Wirtschaftsverbrechen voll ausgereicht? Damit wäre Chodorkowskis Ruf im eigenen Lande wie auch im Westen ein für alle Mal geschädigt gewesen. Und er trüge nicht den Heiligenschein eines Märtyrers im Kampf um Gerechtigkeit auf der Seite der liberalen Opposition. Ich halte das Urteil für überzogen hart und nicht angemessen angesichts der tatsächlichen wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten des Landes. Am Ende haben sich die russischen Machthaber mit ihrer selektiven Vorgehensweise gegen Chodorkowski bei gleichzeitiger Nachsicht gegenüber kriminellen Aktivitäten zahlreicher

Fjodor Lukjanow

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Politologe

as die Welt bewegt: Bis in die 1990erJahre waren es die Gipfeltreffen zwischen den USA und der Sowjetunion, heute ist es eine Begegnung zwischen Barack Obama und Hu Jintao. Bei ihrem Treffen im Januar ging es u. a. um entspannte Themen wie Familie und Arbeit. George W. Bush hatte seine erste Amtszeit noch mit einer Kraftdemonstration gegenüber Peking begonnen, lenkte jedoch schnell die Aufmerksamkeit von strategischen Fragen auf ökonomische. Heute gleicht das Verhalten der USA einem Eiertanz: Je mehr sich das Land über das wachsende wirtschaftliche Ungleichgewicht mit China sorgt, desto größer wird der Wunsch, es mit anderen Mitteln zu kompensieren. Die Konflikte auf der koreanischen Halbinsel letztes Jahr waren da ein guter Grund, wenigstens militärische Stärke zu demonstrieren. Über diese harten Fakten können auch Themen wie Familie und Arbeit nicht hinwegtäuschen. Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur des geopolitischen Magazins Russia in Global Affairs.

anderer Unternehmer und korrupter Beamter selbst geschadet. Sie trugen unfreiwillig zur Heroisierung Chodorkowskis bei, eines Menschen mit einer zweifelhaften und widersprüchlichen Vergangenheit, und stärkten die Position politischer Opponenten. Gleichzeitig büßten sie wegen der nicht von der Hand zu weisenden Korruptionsvorwürfe das Vertrauen der patriotisch gesinnten Lager ein. Das Gerichtsurteil zeugt von einer bereits eingetretenen tiefen Krise sämtlicher Systeme unserer Staatsverwaltung. Es ist Zeugnis mangelnder Professionalität, beweist die Kurzsichtigkeit unserer Staatsbeamten und untergräbt letztlich die Autorität des Staates selbst. Um es mit den Worten Shakespeares zu sagen: „Something is rotten in the State of Denmark“ – und nicht nur dort. Dmitrij Tulin, jetzt Partner von Deloitte, war unter anderem Vizechef der russischen Zentralbank und Exekutivdirektor d e s Welt wä hr u n gsfo n d s i n Washington. Aus dem Wirtschaftsblog Slon.ru Mehr Meinungen zum Thema russland-heute.de/meinung

layout; Andrej sajzew, bildbearbeitung; wsewolod pulja, chef vom dienst für online; Barbara Münch-Kienast, Proofreading Druck: Süddeutscher Verlag Zeitungsdruck GmbH, ZamdorferstraSSe 40, 81677 München; Verantwortlich für den Inhalt: Alexej Knelz, schützenweg 9, 88045 friedrichshafen copyright © fgu „rossijskaja gaseta“, 2010. Alle rechte vorbehalten herausgeber: jewgenij abow; chefredakteur deutsche ausgabe: alexej knelz aufsichtsratvorsitzende: Alexander Gorbenko; geschäftsführer: gastredakteur: moritz gathmann webredakteurin: Anastasia gorokhova pawel nEgojza; chefredakteur: WladislaW Fronin Anzeigen: Julia Golikova, gesamtanzeigenleiterin, +7 495 775-3114 Alle in „Russland HEUTE“ veröffentlichten inhalte sind urheberrechtlich geschützt. nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion. produktion: milla domogatskaja, produktionsleitung; ilja owtscharenko,

russland heute: Die deutsche Ausgabe von Russland heute erscheint als Beilage in der Süddeutschen Zeitung. Für den Inhalt ist ausschlieSSlich die Redaktion der Tageszeitung Rossijskaja gaseta, Moskau, verantwortlich. verlag: Rossijskaja gaseta, ul. prawdy 24 str. 4, 125993 Moskau, Russische Föderation. Tel. +7 495 775-3114 fax +7 495 988-9213 E-mail redaktion@ russland-heute.de


Feuilleton

RUSSLAND HEUTE WWW.RUSSLAND-HEUTE.DE EINE BEILAGE DER RUSSISCHEN TAGESZEITUNG ROSSIJSKAJA GASETA, MOSKAU

KUNST HEUTE: MEIST LAUT UND PROVOKANT Julia Popowa

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Weitere provokative Werke auf russland-heute.de/kunst

JOURNALISTIN

eriöse Historiker verwenden ungern Kunstwerke als Quellen. Denn Kunst kann unglaublich wahrhaftig sein und doch täuschen. Die sowjetische Kunst der 30er-Jahre gab zwar ein klares Bild davon ab, welche Lampen auf den Sch reibtischen der Pa r teiführung standen und welchen Schmuck die Heldin der Arbeit Olga Lepeschinskaja gerne trug. Die t at säch l iche n soz ia le n Realitäten klammerte sie aber aus. Wer die offizielle Kunst der 70erJahre betrachtet, kommt zum Schluss, dass die Menschen vor allem damit beschäftigt waren, endlich den Kommunismus zu vollenden, auf den Vietnamkrieg zu starren und das hungernde Afrika zu versorgen. Die inoffizielle Kunst dagegen griff auf, wie die Gesellschaft sich über die Demagogie des Staates amüsierte, und ansonsten herzlich wenig Interesse an Vietnam und Afrika zeigte. Es war eine Epoche des klassischen Doppelsinnes. Und die Kunst lügt nicht. Im Jahr 2010 gibt es keine offizielle Kunst. Wer heute versucht, einen Staatsmythos zu schaffen, der tut dies auf eigene Initiative. Ein späterer Historiker wird den Eindruck haben, dass unsere Gesellschaft im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends von früh bis spät mit sozialen und politischen

Provokativ: Mit der „Revierinspektorin“ stellen Winogradow und Dubossarskij die russische Polizei als Hüter der eigenen Interessen bloß.

Die Kunst überzeugt dort am meisten, wo sie sich mit dem Menschen und seinem kulturellen Gedächtnis beschäftigt. Problemen beschäftigt war. Die größte Resonanz in den Medien erhält naturgemäß diejenige Kunst, die am lautesten ist – und politisch. Die Gruppe „Wojna“, auf

Deutsch „Krieg“, veranstaltet skandalumwitterte Happenings. Markenzeichen: Protest gegen jeden und alles – Wahlen, den Moskauer Bürgermeister, die schlechte Integration von Ausländern. Der andere Headliner ist Awdej Ter-Oganjan. Mit Aktionen wie dem öffentlichen Zerhacken von Ikonen provoziert er erbitterte Diskussionen: Will er ganz einfach Hass schüren oder auf die problematische Beziehung zwischen Kirche und Staat hinweisen? Dasselbe gilt für Oleg Maw-

romatti. „Ich bin nicht Gottes Sohn“, ließ er verlauten und sich dann ans Kreuz nageln. Zur Zeit kann man im Internet über ihm höchstpersönlich zuzuführende Stromschläge abstimmen. In der Kunst auch konstruktive Ansätze zu finden ist weitaus schwieriger. Was sind positive Werte? Arbeit? Man erinnere sich an die Kakofonie der Mitarbeiter verschiedener Firmen, die im Projekt der Video-Künsterin Olga Tschernyschowa ihre „Unternehmenshymnen“ sangen. Alle gleichzeitig. Aus den hundert Stimmen hörte ein geübtes Ohr den fröhlich-stupiden Ton von Pionierliedern heraus. Auch zur Natur hat die Künstlerin ihren eigenen Ansatz: „Der Charme der russischen Landschaft liegt in ihrer Entropie, dem Eindruck erdgeschichtlicher Erschöpafung, den sie meistens vermittelt“, erklärte sie. Eines der bedeutendsten Projekte des letzten Jahrzehnts war der „Hölzerne Teilchenbeschleuniger“ des Land-Artisten Nikolaj Polisski. Und es ist bar jeder Ironie, dass dieses hypermoderne Aggregat aus Holz ist und so wenigstens keine Antimaterie bilden kann. Doch wo bleibt der Mensch bei all dieser Kunst? Er hat sich dort eingenistet, wo man ihn nicht erwartet. In den Installationen von Alexander Brodski: Im Waschbecken, im Fernseher aus Ton, in leeren Flaschen. Und es ist diese feine Substanz, genannt Gedächtnis, die in unserer Gesellschaft am überzeugendsten wirkt. Die Projekte des Architeken, Visionärs und Querdenkers sind von klarer Einfachheit und zugleich theatralischer Stärke geprägt, nicht überzogen und ganz im Heute verwurzelt. Julia Popowa i st Kun sthistorikerin und Autorin der Zeitschrift Expert.

LESERBRIEFE

Kaschin und meine Gedanken einer Russlanddeutschen schöne Welt Russland HEUTE macht das große Land nahbarer. Ich selbst bin in Russland geboren und mit sieben Jahren nach Deutschland gezogen. Mittlerweile bin ich 24 und würde definitiv sagen, ich bin durch und durch deutsch. Ich tausche mich regelmäßig mit meiner Verwandschaft in Moskau aus. Dennoch wirkt das Land selbst auf mich so fremd, abgehoben, posh, arrogant und kühl. Vielleicht können wir durch die neue Beilage die russische Gesellschaft besser verstehen - und erkennen, ob den Russen abgesehen von wirtschaftlichen Interessen etwas am Austausch mit uns gelegen ist. Anastasia Wilhelm

OSNABRÜCK

Warum muß man „Träume als Zuflucht vor der schmerzhaften Realität verkaufen“, wenn sich die Menschen so leicht durch „kleine, wunderliche Begebenheiten des alltäglichen Lebens“ nach dem großen Novellisten Anton Tschechow verzaubern lassen, der seine Personen schonungslos in ihrer wahren Gestalt zeichnete, immer der sachliche Berichterstatter blieb und vielleicht gerade deshalb seine unglaubliche Tiefenwirkung beim Leser erzielte. Maria Othmer ELLERN

Nicht nur Wodka trinken und lärmen Russland und seine Menschen, die unterschiedlichen Lebensweisen,

das gesellschaftliche Leben in den Regionen müssen endlich ehrlich und nicht nur in düsteren Farben dargestellt werden. Westeuropa muss weg von der Haltung, dass Russland und seine Menschen böse sind, nur korrupt, nur Wodka trinkend und lärmend. Die Russen müssen aber auch in ihrem Verhalten weg davon zu meinen, mit Geld kann man sich alles kaufen, wobei die Moral keinerlei Stellenwert mehr habe. Lothar Blischke DEUTSCHLAND

Vertrauen schaffen Ich freue mich über Ihre Initiative, in verschiedenen wichtigen Zeitungen des Westens über Politik, Wirtschaft, Kultur und Alltag in Russland zu berichten. Wir wissen immer noch zu wenig voneinander. Trotz aller offiziellen

Freundschaftsbekundungen ist ein Misstrauen vieler wohlmeinender Zeitgenossen hier im Westen gegenüber Russland vorhanden. Dieses Misstrauen reicht weit in die Geschichte zurück. Ich würde mich freuen, wenn es gelingen würde, es ein wenig in Vertrauen umzuwandeln. Denn es muss auch Sie beleidigen, dass der Westen trotz der Hochschätzung der russischen Literatur Russland nicht so gern in Europa haben möchte. Präsident Medwedew genießt im Westen ein hohes Ansehen, und viele hoffen, dass er erneut kandidiert. Die zum Teil tödlichen Überfälle auf Journalisten und der fadenscheinige Prozess gegen Chodorkowski hingegen schüren das Misstrauen. Nur Offenheit kann Vertrauen schaffen. Und dazu gehört Mut. Dr. Heinrich Paschotta

JORK

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FILM

Chodorkowski und Tschernobyl: zwei Themen für die Berlinale Andrej Plachow

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FILMKRITIKER

i l mprodu k tionen aus Russland werden in diesem Jahr auf mindestens zwei Festivals zu sehen sein: Das internationale Filmfestival in Rotterdam präsentiert Vladimir Kotts „Gromozeka“, und die Berlinale Alexander Mindadzes „An einem Samstag“. Auch in Cannes ist mit der Teilnahme eines russischen Films zu rechnen. „An einem Samstag“ ist eine subjektive Betrachtung der Katas– trophe von Tschernobyl. Die russisch-deutsch-ukrainische Koproduktion setzte der rumänische Kameramann Oleg Mutu ins rechte Licht. Der Film muss sich gegen einen anderen Streifen aus Russland behaupten: „Die Zielscheibe“ von Alexander Seldowitsch läuft im Panorama. Dort wird auch Cyril Tuschis Dokumentation „Chodorkowski“ gezeigt, eine Langzeit-Doku über den prominentesten Häftling Russlands. Ein weiterer russischer Film schaffte es nicht mehr zur Berlinale: „Der Heizer“ von Kultregisseur Alexej Balabanow, der bei der letzten Bärenverleihung mit einer Retrospektive gewürdigt wurde, feiert stattdessen Weltpremiere auf dem Filmfestival in Rotterdam. Unter den Rotterdamer Premieren ist auch „Gromozeka“ – eine rührende Geschichte über drei Schulfreunde, die sich nach langer Zeit bei einem Klassentreffen begegnen. Der Taxifahrer, der Arzt und der Milizionär spielen dann wieder in ihrer alten Schulband Gromozeka, wo ihre Wege im modernen Russland doch so verschieden sind. In Rotterdam debütiert auch Pawel Kostomarows Experimentalfilm „Ich liebe Dich“. Gute Chancen auf Cannes hat 2011 „Jelena“, der neue Film von Andrej Swjaginzew, dessen Regiedebüt „Die Rückkehr“ bei den Filmfestspielen in Venedig 2003 mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Das Interesse an russischen Filmen steigt merklich, und bemerkenswert ist, dass die meisten russischen Festivalteilnehmer ohne staatliche Förderung auskommen: „Jelena“, „Ich liebe Dich“ und „Am Samstag“ etwa stammen aus der Produktionsfi rma AR des Regisseurs Alexander Rodnjanskij. Dieser Artikel erschien zuerst in der russischen Tageszeitung Kommersant.

FILMTIPP: KRAJ

KULTURKALENDER ERFAHREN SIE MEHR ÜBER RUSSISCHE KULTUR AUF

RUSSLAND-HEUTE.DE

KUNST KASIMIR MALEWITSCH UND DER SUPREMATISMUS

SCHAUSPIEL IWAN GONTSCHAROW: OBLOMOW

LESUNG MIT KONZERT ZEIT FÜR MOSKAU

BIS 20. FEBRUAR, MUSEUM LUDWIG, KÖLN

PREMIERE 11. FEBRUAR, SCHAUSPIELHAUS KÖLN

17. FEBRUAR, PRESSECLUB MÜNCHEN

Zum ersten Mal seit 20 Jahren wird das gesamte Konvolut des russischen Avantgardisten Kasimir Malewitsch ausgestellt. Weitere suprematistische Werke ergänzen die Ausstellung.

„Oblomow ist eine Medizin gegen die neuronale Gewalt unseres Alltags, er ist Löschwasser für Burnouts und verweigert den Wahn nach ständiger Verfügbarkeit.“

› museum-ludwig.de

› schauspielkoeln.de

Die Autorin Ulrike Gruska führt die Zuhörer nach Moskau. Der Sänger und Gitarrist Zhenja Urich begleitet ihre Texte, so widersprüchlich wie Russlands Hauptstadt selbst. › presseclub-muenchen.de

Die Deutsche Anjorka Strechel erhielt für ihre Rolle in Alexej Utschitels Drama den russischen Golden Eagle Award als Beste Hauptdarstellerin. › russland-heute.de/film


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Gespräch

www.russland-heute.de Russland Heute Eine Beilage der russischen Tageszeitung Rossijskaja Gaseta, Moskau

Literatur Natalja Solschenizyna, Witwe des russischen Schriftstellers Solschenizyn, hat noch viel vor

Als wäre ich ein Teil von ihm Alexander Solschenizyn, Chronist von Gulag und Stalinismus, starb vor zwei Jahren. Darum, dass sein Vermächtnis weiterlebt, kümmert sich seine Witwe.

Das Ehepaar Solschenizyn in ihrem Haus bei Moskau. Das Bild stammt aus dem Jahr 2007.

Kein Blatt vor den Mund

Moritz Gathmann

Ein Sargnagel der Sowjetunion

1973 erscheint der „Archipel Gulag“ im Ausland, eine Dokumentation des Lagersystems auf 1700 Seiten, basierend auf Hunderten Augenzeugenberichten, die Solschenizyn von Häftlingen zugesandt bekam. Wie kein anderes Buch diskreditiert es das Sowjetsystem. Am 12. Februar 1974 klingelt es in der Wohnung an der Twerskaja-Straße. Alexander Solschenizyn wird des Landesverrats beschuldigt und ausgewiesen. „Hier vor der Garderobe haben sie Alexander Issajewitsch verhaftet“, erinnert sich seine Frau. Spricht sie über ihren Mann, dann immer mit Vor- und Vatersnamen. Und es ist der „Archipel Gulag“, der Natalja Solschenizyna seit dem Tod ihres Mannes 2008 beschäftigt. Vor wenigen Wochen erschien

Juri feklistov_rg

russland heute

Zehn Minuten Fußweg nur sind es vom Kreml die belebte Hauptstraße Twerskaja hinauf. Im Hinterhof der Nummer zwölf steht ein fünfstöckiges Haus aus der Zarenzeit. An gelb gestrichenen Jugendstil-Treppengeländern mit floralen Verzierungen steigt man in den ersten Stock. Gerade steht vor der Tür ein sehr alter Mann, er sieht und hört schlecht. „Ist hier die Solschenizyn-Stiftung?“, fragt er unsicher. Die Tür öffnet sich, und eine Mitarbeiterin empfängt den ehemaligen Gulag-Häftling herzlich. Natalja Solschenizyna erwartet mich im ehemaligen Arbeitszimmer ihres Mannes, rundherum Hunderte seiner eigenen Bücher, übersetzt in mehr als 40 Sprachen. Ihr silbernes Haar trägt die 70-Jährige kurz, mit Seitenscheitel. Solschenizyna, in einen schwarzen Pullover und eine Hose gekleidet, wirkt standhaft, selbstbewusst. Und sie hat wenig Zeit. „Zur Sache“, sagt sie mit ihrer tiefen Stimme. Zeit verschwenden, das konnte auch ihr Mann auf den Tod nicht ausstehen: Alexander Solschenizyn, einer der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts. „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, in dem der 1918 geborene Russe seine Erlebnisse in den Stalin‘schen Lagern verarbeitete, wühlte nach seiner Veröffentlichung 1962 die sowjetische Gesellschaft auf. 1970 erhielt er den Nobelpreis, und während in der Sowjetunion das kurze „Tauwetter“ zu Ende ging, zogen sich über den Solschenizyns die Wolken zusammen.

lin-Revival in Russland. Stalin sei eher ein Symbol: „Die Menschen, die ihn verehren, zeigen damit vor allem, dass sie gegen den heutigen Niedergang sind.“

Stets an seiner Seite – auch zwei Jahre nach seinem Tod Natalja Solschenizyna, 70, ist die Witwe des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenizyn, der am 3. August 2008 starb. Die Russin folgte ihrem Mann zusammen mit den drei Söhnen ins Exil, in das ihn die sowjetische

Regierung 1974 nach der Veröffentlichung von „Archipel Gulag“ zwang. 1994 kehrten die Familie zurück nach Moskau. Solschenizyn äußerte sich wiederholt kritisch über Jelzin und über das Russland unter Putin. Nach dem Tod des Autors nahm das russi-

sche Bildungsministerium „Archipel Gulag“ in den Schullehrplan auf. Eine gekürzte Fassung des dreibändigen Werkes erstellte Natalja Solschenizyna. Als Assistentin, Redakteurin, Kritikerin nahm sie großen Anteil am Werk ihres Mannes.

eine von ihr auf ein Viertel gekürzte Version - für die Verwendung in russischen Schulen. Die Idee hatte Solschenizyna bei einem Treffen mit dem damaligen Präsidenten Wladimir Putin geäußert. Es ist das dritte Solschenizyn-Buch nach „Matrjonas Hof“ und „Iwan Denissowitsch“. „Das Interesse an Solschenizyn wächst stetig seit Ende der 90erJahre“, erzählt die 70-Jährige. Derzeit verlegen 15 russische Verlage

Werke ihres Mannes. Es sei kein Zufall, sagt sie, dass das Interesse wachse: „Solschenizyn muss man lesen, wenn nicht alles in Ordnung ist im Lande.“ Denn seine Werke werfen zeitlose Fragen auf über Menschlichkeit, Würde und Moral. Wer ihn lese, betreibe „Gymnastik für Geist und Seele.“ „Immer wird man vor die Wahl gestellt: Wie hätte ich mich verhalten?“ Aber ist es nicht paradox, dass die Schüler nun zum einen Solsche-

nizyn lesen und in Geschichte lernen, Stalin sei ein „effektiver Manager“ – so ein Schulbuch aus dem Jahr 2008? „So war es schon immer“, sagt Solschenizyna. „Auch in der Sowjetunion haben wir in Geschichte gelernt, Nullen zu sein“, sagt sie und formt mit Daumen und Zeigefinger eine Null in der Luft, „und in Literatur wiesen uns Puschkin und Lermontow an, gute Menschen zu sein“. Aber sie zweifelt auch an dem angeblichen Sta-

Solschenizyna ist ein sehr wacher Geist, eine angenehme Vertreterin der Moskauer Intelligenzija. Ebenso wie sie es 40 Jahre lang mit ihrem Mann getan hat, diskutiert sie auch jetzt mit Eifer über den Stand der Freiheit wie über den Zustand von Moskaus Straßen. Auch bei ihrem Treffen mit Putin hat sie kein Blatt vor den Mund genommen. Und sie arbeitet von früh bis spät. Was Natalja Solschenizyna da alles aufzählt, passt nicht in die Vorstellung vom Alltag einer 70-Jährigen: Sie kümmert sich um die Solschenizyn-Stiftung, die aus den Einnahmen des „Archipel Gulag“ noch immer Tausende Opfer des Stalin‘schen Terrors unterstützt. Sie sitzt in der Jury des Solschenizyn-Preises für Literatur. Und beständig arbeitet sie an dem 30-bändigen Gesamtwerk ihres Mannes, in dem auch eine große Anzahl unveröffentlichter Werke erscheint. Aber die Zeit läuft ihr davon: Im Regal, zeigt Solschenizyna, stehen erst ganze 14 Bände. Vor einigen Monaten hat sie auch zum ersten Mal persönliche Dinge ihres Mannes archiviert: Das Genfer Martin-Bodmer-Museum zeigt ab Mai eine Ausstellung von Solschenizyns Handschriften und persönlichen Gegenständen. Das sind schwere Momente. „Es ist fast unmöglich, mich an seine physische Abwesenheit zu gewöhnen“, jetzt spricht Solschenizyna langsamer, weicher. Ihre Stimme zittert zum ersten Mal an diesem Tag, und ihre Augen werden feucht. Die Welt hat vor zwei Jahren einen großen Schriftsteller verloren, Natalja Solschenizyna ihren geliebten Mann. „Jedes seiner persönlichen Dinge – das ist wie ein plötzlicher Stich ins Herz.“ Sie drückt ihre Faust ans Herz, um zu zeigen, wie weh es tut. Lebensfreude bringen der Witwe ihre drei Söhne mit ihren Familien. Einer ist berühmter Konzertpianist und Dirigent in den USA, die anderen sind beim amerikanischen Unternehmensberater McKinsey in Moskau angestellt. Und sprechen kann sie immer noch Tag für Tag mit Alexander Issajewitsch. „Ich fühle mich, als wäre ich ein organischer Teil von ihm“, sagt sie, „ganz besonders dann, we n n ic h a n s e i ne m We rk arbeite.“ Moritz Gathmann ist Gastredakteur von Russland HEUTE und lebt in Kaluga.

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Julia Golikova Anzeigenannahme +7 495 775 31 14 golikova@rg.ru

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die nächste ausgabe erscheint am pointiert Natalja Solschenizyna spricht über das Leben nach dem Tod ihres Mannes. Europa und Asien brauchen...

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die nächste ausgabe erscheint am pointiert Natalja Solschenizyna spricht über das Leben nach dem Tod ihres Mannes. Europa und Asien brauchen...

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