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Mittwoch, 4. November 2015

Deutsche Ausgabe

Die monatlichen Beilagen erscheinen in verschiedenen Sprachen in führenden internationalen Tageszeitungen: The Daily Telegraph, Le Figaro, The New York Times.

Diese bezahlte Sonderveröffentlichung wird dem HANDELSBLATT beigelegt. Für den Inhalt ist ausschließlich die Redaktion von Russia Beyond the Headlines (Russland) verantwortlich. Die Handelsblatt-Redaktion ist bei der Erstellung der bezahlten Sonderveröffentlichung nicht beteiligt.

Milliarden vom Acker Russlands Landwirtschaft steht wie die gesamte Wirtschaft des Landes vor großen Problemen. Dabei hat die Branche sich allmählich vom sowjetischen Erbe befreit und in einen Devisenbringer verwandelt. Der Export von Lebensmitteln ist im vergangenen Jahrzehnt förmlich explodiert. Neue Arten zu wirtschaften halten Einzug auf russischen Bauernhöfen. SEITEN 4 UND 5

„Nicht um jeden Preis“

Die letzte Chance für Lada

Alexej Komissarow, Leiter des staatlichen Fonds für Industrieentwicklung, sprach mit RBTH über Importsubstitution und russische Investitionsprojekte.

Die Autos von Lada sind auch heute mehr Witz- denn Wunschobjekt. Mit dem neuen Vesta soll sich das ändern. Die Hoffnungen sind immens — auch weil der Konzern dringend

Und darüber, warum die Regierung ausländische Partner braucht, wenn das Land weniger abhängig von Importen sein will. Seite 2

2 RUSSIA BEYOND THE HEADLINES IST EIN MEHRSPRACHIGES INFORMATIONSANGEBOT ÜBER RUSSLAND.

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einen Erfolg braucht. Andernfalls droht der Traditionsmarke in Besitz von Renault-Nissan das Aus. Seite 3

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Investitionen

RUSSIA BEYOND THE HEADLINES Eine Beilage des Rossijskaja Gaseta Verlags, Moskau de.rbth.com

INTERVIEW ALEXEJ KOMISSAROW

„Es muss nicht alles durch russische Waren ersetzt werden“ DER CHEF DES STAATLICHEN FONDS FÜR INDUSTRIEENTWICKLUNG IM GESPRÄCH MIT RBTH ÜBER ISOLATION, KREDITE UND ERSTE ERGEBNISSE.

Der von Ihnen geleitete Fonds finanziert lediglich Projekte im Frühstadium? Nicht ganz, der Fonds wurde gegründet, um die Finanzierung in verschiedenen Stadien zu sichern,

aber wir kümmern uns nicht um das Startkapital oder die Vorbereitungsphase. Wir nehmen uns nur Projekte mit verständlicher Vertriebs- und Kundenstruktur an, deren Preis klar und deren Risiko minimal ist. Sinn des Fonds ist es, aussichtsreichen Unternehmen zu helfen, eine Finanzierung zu finden, solange die Banken noch keinen Kredit vergeben. Unser Fonds bietet ihnen Kredite bis zu 700 Millionen Rubel (etwa zehn Millionen Euro) mit fünf Prozent per anno über fünf bis sieben Jahre. Die inoffizielle Mission des Fonds ist die Unterstützung von Projekten, die ohne solche Mittel nicht realisiert werden können.

PRESSEBILD

Auf dem Investitionsforum in Sotschi Anfang Oktober wurden im Wesentlichen russische Player vorgestellt. Kann man von einer Isolation Russlands sprechen? Und welche Gefahren birgt das in technologischer Hinsicht? Das Sotschi-Forum war schon immer, trotz ausländischer Teilnehmer, doch stets nach innen orientiert. Ich bin sicher, dass die Zusammenarbeit mit anderen Ländern für Russland wichtig und notwendig ist – die russische Wirtschaft kann sich nicht von allem losgelöst entwickeln, insbesondere nicht in puncto Innovationen. Die von der Regierung angekündigte Importsubstitution bedeutet keinen Ersatz aller ausländischen durch russische Waren und erst recht nicht eine Abschottung des Marktes. Man kann natürlich versuchen, russische Industrieprojekte wiederzubeleben, aber man sollte nicht alles ersetzen wollen. Unser Fonds realisiert verschiedene Projekte, unter anderem auch internationale Kooperationen. So fertigt das Kostromaer Autokomponentenwerk zusammen mit einer deutschen Engineeringfirma Zylinderkolben, die von internationalen Konzernen in Russland nachgefragt werden, darunter VW, Renault oder Ford. Am besten und schnellsten lässt die Wirtschaft sich weiterentwickeln, wenn weltweit erfolgreiche Unternehmen gewonnen werden können. Was Start-ups betrifft, besteht kein Zweifel: Innovationen können nur global sein.

BIOGRAFIE ALTER: 46 POSITION: GESCHÄFTSFÜHRER

Alexej Komissarow wurde am 20. Oktober 1969 in Moskau geboren. 1994

beendete er sein Studium am Moskauer Institut für Automobil- und Straßenbau. Seinen MBA machte er später an der Universität von Kingston in London. Noch als Student gründete Komissarow 1993 sein eigenes Unternehmen. Seit 2015 ist er Präsident des Fonds für Industrieentwicklung.

Haben Sie bestimmte Branchen, die Sie bevorzugen? Nein, wir beschränken uns prinzipiell nicht auf konkrete Branchen. Aber wir konzentrieren uns auf mittelständische Unternehmen. Kleine Firmen produzieren selten selbst und Großunternehmen finden andere Finanzierungsquellen. Mit Stand Anfang Oktober laufen bei uns bereits 47 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 16,5 Milliarden Rubel (rund 240 Millionen Euro), in den Branchen Pharmazie, Elektronik, Maschinenbau, Chemie und Biotechnologie über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren. Verlangen Sie Sicherheiten? Wir beteiligen uns nicht an den Unternehmen, wir geben nur das Geld. Wir sind gegen unentgeltliche Finanzierungen, wie beispielsweise Fördermittel. Die sind in der Anfangsphase nötig, aber auf der Ebene, auf der wir arbeiten, muss man sie ver-

meiden. Wir arbeiten prinzipiell nur mit finanziell stabilen Unternehmen und verlangen deshalb eine hundertprozentige Absicherung, als Bankgarantie oder in Form von Immobilien, Produktionsmitteln oder ähnlichem. Wie jeder Geldgeber haben wir ein Interesse daran, unsere Mittel wiederzubekommen. Wie wählen Sie die Projekte aus? Im ersten Schritt prüfen wir den Antrag auf formale Erfüllung der Anforderungen und antworten innerhalb von maximal fünf Tagen. Dann kommen das Produktionstechnik-, Finanz- und Rechtsgutachten. Am Ende entscheidet der Expertenrat, der aus Vertretern von Banken und Unternehmern besteht. Er stützt sich dabei auf klare Regeln, so analysiert er beispielsweise das Exportpotenzial eines Produktes. Es gibt drei Hauptvoraussetzungen: Erstens dürfen wir das Wettbewerbsumfeld nicht zerstören, es darf also in Russland kein vergleichbares Produkt geben. Zweitens muss das Projekt realisierbar sein und drittens müssen die Mittel zurückbezahlt werden. Sie finanzieren also nur Projekte, die es nur ein Mal in Russland gibt. Haben Sie weitere Beispiele für eine internationale Zusammenarbeit? Ja, auf dem russischen Markt muss das Projekt einmalig sein, zum Beispiel werden die Zylinderkolben in Russland nur von einem einzigen Unternehmen gefertigt. Was weitere internationale Kooperationen betrifft, so haben wir unter anderem ein Projekt zur Produktion von Antituberkulosepräparaten auf Basis der Entwicklung eines US-Unternehmens, oder ein Projekt zur Herstellung sich selbst auflösender Bioröhrchen für die Bodenberieselung – eine Technologie, die in vielen Ländern eingesetzt wird, aber in Russland zu 100 Prozent importiert wird. Oder das Leder-Projekt: Der Gesellschafter kam vor 20 Jahren aus Italien nach Russland und hat hier seine Produktion aufgebaut. Jetzt will er 50 Prozent des Ausstoßes nach Italien exportieren. Wir haben viele Projekte, die global betrachtet keine Innovationen sind, aber für den russischen Markt äußerst fortschrittlich sind. Allerdings finanzieren wir auch den ersten bei uns entwickelten P rozessor, der bereits nach Deutschland exportiert wird. Das Gespräch führte Alexej Lossan.


Unternehmensporträt

RUSSIA BEYOND THE HEADLINES Eine Beilage des Rossijskaja Gaseta Verlags, Moskau

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Autohersteller Avtovaz will mit der Produktion des Lada Vesta sein ruinöses Image hinter sich lassen

Zwischen Überleben und Zukunft Der russische Hersteller Avtovaz steht vor den wichtigsten Monaten der Konzerngeschichte. Am Ende wird sich wohl entscheiden, ob Lada als Marke untergeht oder überlebt. MICHAIL BOLOTIN

„Lange Jahre haben Chinesen versucht, den Lada zu fälschen. Am Ende gaben sie es auf. Es kam immer etwas Besseres und Günstigeres heraus.“ Das Produkt von Avtovaz, dem Automobilriesen in Togliatti an der Wolga, war schon immer ein Spottobjekt und Inspiration für Witze, selbst als sich der Spott zu Sowjetzeiten mit Begierde mischte. Die Qualität war verglichen mit Importwagen mies, aber dennoch besser als die der russischen Konkurrenz. Gepaart mit den horrenden Importzöllen für Gebrauchte aus dem Ausland sicherte dies dem Konzern auch im postsowjetischen Russland das Überleben. Die Kundenzufriedenheit war kein Thema, schließlich war klar: Der Preis ist das einzige Kaufargument. Seit knapp zwei Jahren weht über dem riesigen Werksgelände von Lada allerdings ein anderer Wind. Schrittweise hat die Autoallianz Renault-Nissan die Mehrheit am russischen Autobauer übernommen. Ein schmerzhafter und für Russlands Industrie einmaliger Reformprozess wurde angestoßen. Er kostete Tausenden Menschen die Arbeit, bedeutete für etliche Zulieferer das Todesurteil. Am Ende jedoch blieb der Mammutbetrieb am Leben. Vor wenigen Wochen startete Lada schließlich mit der Produktion des Vesta. Es ist seit mindestens zehn Jahren das erste Modell, das sich ohne Gewissensbisse neu nennen darf. Nichts ist vielsagender als die Strategie der Marketing-Experten von Avtovaz für den neuen Vesta. Als dieser kürzlich in Frankfurt präsentiert wurde, überklebte der Hersteller das Lada-Emblem und ließ die Messebesucher raten, aus wessen Fabrik die kompakte Stufenheck-Limousine wohl stammt. Die meisten blieben ratlos. Was für jeden namhaften Hersteller ein Fiasko gewesen wäre, war für die Russen ein Triumph: ein Auto, das nicht mehr als verstaubter Lada, sondern als schnittiger und kantiger, wenn auch beliebiger, Vertreter der modernen Autoindustrie identifizierbar war.

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Renault und Nissan lassen ihre Fahrzeuge in Russland bei Avtovaz fertigen.

sichtige Modernisierung seiner Modelle. Airbags, ABS, Automatik: international längst alltägliche Features hielten Einzug in die russischen Autos. Später, als die Mehrheit bereits in der Hand von Renault-Nissan lag, bekam Lada mit Steve Mattin erstmals einen ausländischen Chefdesigner, einst Mitarbeiter von Volvo und Mercedes. Das Ruder im Konzern übernahm der konsequente Schwede Bo Andersson, ehemaliger Militär und Topmanager bei GM. Sein erklärtes Ziel war, nicht nur die Effizienz zu steigern, sondern die Russen auch stolz auf die lange Zeit belächelte Marke zu machen. Dass das schwer werden würde, war klar. Der Marktanteil von Lada hatte sich binnen zehn Jahren halbiert, auf unter 25 Prozent. „Das Schönste bei Avtovaz ist, dass es schlimmer eigentlich nicht kommen kann“, scherzte der Lada-Chef kurz nach seinem Amtsantritt. Wer sich in Togliatti umhört, bekommt skurrile Geschichten zu hören. Etwa wie Andersson am ersten Arbeitstag die maroden Toiletten des Betriebs inspiziert hat, oder wie er Zigarettenstummel auf dem Gelände aufsammelte. Doch es gibt auch handfeste Zeichen der Veränderung. So kürzte Andersson in seinem ersten Jahr bei Avtovaz die Belegschaft von knapp 70 000 auf etwas mehr als 50 000 Mitarbeiter. Insbesondere den Ver waltungsapparat schrumpfte er zusammen und merzte das komplizierte Hierarchiesystem aus. Das Qualitätsmanagement übernahm Lada nun vom Mutterkonzern Renault-

Ein Schwede steuert Lada

Avtovaz („Wolga-Automobilwerk“) ist der größte Hersteller von Personenkraftwagen in Russland und Osteuropa. Von 1966 bis 1969 errichtete der italienische Autohersteller Fiat im damaligen Stawropol-Wolschskij (später Toljatti) in der Region Samara ein Automobilwerk, das ab 1971 eine Variante des Fiat 124 für den sowjetischen Markt produzierte. Das zunächst „WAZ-2101“ genannte Fahrzeug bekam in der Sowjetunion den Zusatznamen „Schiguli“ (nach dem gleichnamigen Gebirge bei Togliatti). 1974 führte man für die Exportmodelle den Namen „Lada“ (altrussisch für „Liebling“) ein. Heutiger Hauptaktionär mit über 50 Prozent der Anteile an Avtovaz ist Renault-Nissan. Weitere 25 Prozent hält die 2007 gegründete Staatsholding Rostechnologii.

Alles oder nichts Mit seinem Vorgehen hat sich der Schwede nicht nur unter den Zulieferern Feinde gemacht. Vor einigen Monaten schrieben die Chefs von 15 russischen Lieferanten sogar einen Beschwerdebrief an Präsident Wladimir Putin, der

Der neue Lada Vesta bricht mit dem angestaubten Image der Billigmarke.

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Noch vor einigen Jahren schien selbst diese Aufgabe ein Ding der Unmöglichkeit. Angefangen hat alles mit der Krise 2008. Der russische Automobilmarkt befand sich im freien Fall, als das Wirtschaftsministerium den Autogiganten als nicht überlebensfähig einstufte. Da meldete sich der französische Hersteller Renault, der gerade ein Jahr zuvor ein Viertel der Anteile am maroden Betrieb gekauft hatte, mit einem Angebot, eigene Autos in Togliatti zu fertigen. Die Bedingung war: Der Staat greift dem Unternehmen finanziell unter die Arme. Renault produzierte seitdem den Logan an der Wolga und Lada bekam Geld für eine vor-

50 Jahre zwischen Fiat und Renault

Nissan und auch die Zusammenarbeit mit den Zulieferern wurde neu aufgestellt. Mit vielen Teilelieferanten machte Andersson kurzen Prozess: Wer die Qualität nicht zum richtigen Preis liefert, fliegt raus. Russische Zulieferer, die nicht mithalten konnten, wurden durch ausländische ersetzt. Fast 20 Prozent der Teile kommen mittlerweile aus dem Ausland. Viele andere von internationalen Zulieferern, die eigene Werke in Russland errichtet haben. So hat kürzlich Bosch eine eigene Fabrik in Samara unweit des Lada-Werks eröffnet, um dort ABS- und ESPSysteme für den neuen Vesta zu bauen.

neue Lada-Chef sei nicht loyal genug. Doch ohne Erfolg, der strenge Lada-Chef setzte sich durch. Branchenkenner kritisieren ebenso, dass auch der russische Maschinenbau keine Aufträge mehr bekommt. Gerade deshalb ist der neue Vesta wichtig für die Zukunft von Avtovaz. Er steht für das erste sichtbare Ergebnis der Reformen, durch die der einst marode Sowjetbetrieb gepeitscht wurde. „Die Marke steht derzeit an einem Scheideweg“, erklärt Andrej Toptun, der Leiter der Analyseabteilung beim Branchendienst Autostat. „Scheitert der Vesta, ist das mit großer Wahrscheinlichkeit das Aus für Lada“, meint der Experte. Die Rolle des Modells ist also kaum zu überschätzen. „Die Befürchtung, dass Lada zu einem Montagebetrieb für Autos von Renault und Nissan degradiert wird, ist noch lange nicht vom Tisch“, erinnert Toptun. Genau diesen Vorwurf haben Skeptiker des Engagements der französisch-japanischen Autounion in Russland stets vorgebracht. Ob der Vesta letztlich erfolgreich sein wird, hängt vom Preis ab. „Das Modell ist sehr gelungen. Wenn es in den mittleren Ausstattungsvarianten preislich mit den Basisversionen der internationalen Konkurrenten wie Kia, Ford und VW mithalten kann, dann wird es ein Erfolg“, prophezeit der Experte. Der Preis soll für die Basisversion bei etwa 7 000 Euro liegen, gab der Lada-Chef kürzlich bekannt. Doch endgültig feststehen wird er erst, wenn der Vesta Ende November zu den Händlern kommt. Zunächst hat die Ankündigung des neuen Vesta zu einem spürbaren Einbruch bei den anderen LadaModellen geführt. Im September brach der Absatz um 40 Prozent ein, während der gesamte Markt um knapp 29 Prozent schrumpfte. Mit rund 17 Prozent bleiben die Autobauer aus Togliatti bisher zwar Marktführer, doch diese Vormachtstellung wackelt bereits. Viel Platz für Fehltritte bleibt angesichts dieser Zahlen nicht.

So viel betrug laut der Association of European Businesses (AEB) in Russland der heimische Marktanteil von Avtovaz im September 2015.


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Thema des Monats

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AGRAR-UNTERNEHMEN RUSSLANDS LANDWIRTSCHAFT AVANCIERTE IN DEN VERGANGENEN JAHREN FAST UNBEMERKT VOM

KSENIA ILJINSKAJA FÜR RBTH

George Bushs Schenkel sind für viele Russen bis heute ein Albtraum. Doch vor gut 25 Jahren schienen sie die Rettung zu sein. Denn die gefrorenen Hühnerbeine aus Amerika, die der Volksmund nach dem damaligen US-Präsidenten taufte, füllten die leeren Kühltruhen sowjetischer Lebensmittelgeschäfte. Gleichzeitig waren sie ein Zeichen des Niedergangs, denn das große Sowjetreich war nun auf Lebensmittel angewiesen, die der amerikanische Verbraucher nicht haben wollte. Heute deckt Russland seinen Bedarf an Hähnchenfleisch selbst und wird im laufenden Jahr sogar Hunderttausende Tonnen Geflügel exportieren, wie das Landwirtschaftsministerium vorrechnet. Lange Zeit galt die Landwirtschaft in Russland als ein Sorgenkind. Weder für Großinvestoren noch für selbstständige Bauern verlockend, resignierte die Branche angesichts einer massiven Landflucht. Der Bevölkerung fehlten Aussichten auf lebenswürdige Einkommen. Es war ein langwieriger und kaum wahrgenommener Prozess, der die Branche vom Sorgenkind zum Hoffnungsträger der gebeutelten Wirtschaft des Landes werden ließ. Und an seinem Anfang stand der Niedergang. Zu Beginn der Privatisierung landwirtschaftlicher Flächen – zuvor von staatlichen Kolchosen bewirtschaftet – stieg das Interesse an der Arbeit „auf dem Land“ rapide: Die Idee von der eigenen Selbstständigkeit fiel bei zahlreichen Landwirten auf fruchtbaren Boden. So ging die Staatsquote bei der Nutzung der Agrarflächen von 56 Prozent im Jahr 1991 auf 13,4 Prozent 1997 zurück. Doch seit 1995 nahm die Anzahl selbstständiger Bauern wieder stetig ab. Nur wenige konnten wirtschaftlicher Instabilität, galoppierender Inflation und Absatzschwierigkeiten bei gleichzeitig steigenden Betriebskosten die Stirn bieten. Daher gab es nahezu niemanden, der mit den Importeuren hätte konkurrieren können, als die Nachfrage mit dem Wirtschaftsboom nach der Jahrtausendwende anzog. In den meisten Regio-

nen war die Landwirtschaft ein Minusgeschäft. Somit stiegen Lebensmittel- und Agrareinfuhren nach Russland zwischen 2000 und 2013 um das Sechsfache an – von 6,25 auf 36,6 Milliarden Euro. Das zog die Aufmerksamkeit von Investoren auf die brach liegende Branche. Die Agrar- und Lebensmittelindustrie begann in einigen Regionen Russlands, hauptsächlich im Süden des Landes, in den Wolga-Regionen und im Umkreis der Metropolen Moskau und Sankt Petersburg, Geld zu bringen. Es entstanden große landwirtschaftliche Betriebe. Steigende Erträge zeigte der Ackerbau bei Weizen, Gerste, Mais, Zuckerrüben, Sonnenblumen und Kartoffeln. In der Viehwirtschaft verzeichneten Geflügel und Schweinefleisch

Die Anbaufläche in Russland ist heute geringer als zu Zeiten der Sowjetunion, die Produktivität dagegen ist massiv gestiegen. Dabei haben Millionen Arbeitskräfte die Branche verlassen. ordentliche Zuwächse. Einfuhrbeschränkungen trugen nicht unwesentlich dazu bei. 2006 wurde etwa der Import von den besagten „Bush-Schenkeln“ verboten, aus Verbraucherschutzgründen. Die Bilanz kann sich sehen lassen. Fast unbemerkt stiegen die Agrarexporte seit 2004 von 2,7 auf 16,4 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Zwar ging die Gesamtfläche bewirtschafteter Böden seit der Sowjetzeit zurück. Wichtiger als die Größe des Anbaugebiets ist jedoch die Produktivität. Diese stieg in den letzten 20 Jahren pro Beschäftigten um das Vierfache, wobei in dem Zeitraum mehr als sieben Millionen Menschen die Branche verließen.

Schwacher Rubel stützt die Landwirtschaft Der Unternehmer Wadim Moschkowitsch, Mitbegründer der russischen Agrarholding Rosagro, kam erst vor einiger Zeit in die Branche. 2009 plante er noch ein massives Bauvorhaben. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts sollte in der Nähe Moskaus eine „Stadt in der Stadt“ mit zwölf Millionen Quadratmetern Wohnraum und acht Millionen Quadratmetern Ge-

werbeflächen entstehen. Für mehr als 900 000 Menschen war die zukünftige Siedlung konzipiert. Doch im letzten Jahr brachen schwere Zeiten über die Baubranche herein: Kaufkraftverlust und schwache Konjunktur trafen den Wohnungs- und Gewerbeimmobilienmarkt gleichermaßen. Im Juni dieses Jahres verkaufte Moschkowitsch seine Bausparte und kündigte an, den Erlös (1,3 bis 1,8 Milliarden Euro) vorrangig in die Fleischwarenproduktion zu investieren. Auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Investment-Idee. Doch tatsächlich wächst die Produktion von Schweinefleisch, Geflügel und Futtermitteln von allen Bereichen derzeit am schnellsten. Nicht nur Unternehmer schöpfen neues Vertrauen. Auch die russische Regierung schätzt die Landwirtschaft inzwischen anders ein. Bei der Ernennung Alexander Tkatschews zum Landwirtschaftsminister Ende April dieses Jahres formulierte Kremlchef Wladimir Putin dessen anstehende Aufgabe so: „Man muss mit eigenen Produkten, mit den Produkten russischer Hersteller, den eigenen Markt füllen. Und das muss schnell geschehen, um die Überhitzung des Lebensmittelmarkts zu dämpfen und die Preise zu senken.“ Vor seiner Ernennung zum Minister war Tkatschew Gouverneur einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Regionen Russlands – der Region Krasnodar. Davor leitete er die Agrarholding Agrokompleks. Nach seiner Einschätzung können Importe in zwei bis drei Jahren größtenteils substituiert werden. Dann würde das Land zu 90 Prozent aus heimischer Hers t e l lu n g v e r s o r g t w e r d e n . Größtes Potenzial sieht Tkatschew beim Obst- und Gemüseanbau. In dieser Produktkategorie betrugen die Importe weit über 50 Prozent. Nach Angaben des Ministers wurden bis zur Einführung der Lebensmittelsanktionen jährlich bis zu 200 000 Tonnen Gurken (30 Prozent des Verbrauchs) und 800 000 Tonnen Tomaten (60 Prozent des Verbrauchs) eingeführt.

Die Nachfrage ist da, es fehlt an Investitionen Doch mit dem Geschäft wachsen auch die Probleme. „Angesichts gestiegener Zinssätze und der Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen, bauen viele Unternehmen ihre Produktion mit eigenen Mitteln aus“, betont Daria Snitko

© ALEKSANDR KRJAZHEW / RIA NOVOSTI

Keine Kredite, horrende Zinsen: Russlands Bauern haben die gleichen Probleme wie andere Unternehmer auch. Doch die Aussichten auf Wachstum sind besser als anderswo im Land.

WALERIJ MOREW / TASS

EINE BRANCHE SCHÖPFT HOFFNUNG

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HOFFNUNGSLOSEN FALL ZUM WACHSTUMSMOTOR.

von der Gazprombank. Einige Unternehmer investieren in den Agrarsektor, um sich vor Verlusten in anderen Branchen zu schützen. Für große Projekte „von null auf“ fehle allerdings langfristiges Kapital – Finanzierungen sind zu teuer, und die erhöhten Margen aufgrund gestiegener Absatzpreise würden durch gestiegene Kosten importierter Technik nivelliert werden, erklärt die Expertin. Pawel Grudinin, Chef der LeninSowchose, einer der größten landwirtschaftlichen Betriebe Russlands, sieht die Ministeriumspläne zur Importsubstitution kritisch: Um die Milch- und Fleischproduktion zu steigern, müssten neue Viehherden gezüchtet werden. In drei Jahren sei dies nicht zu schaffen. Auch der Obstanbau verlange mehr Zeit. Unter diesen Umständen ist der Anbau von Gemüse für die Landwirte am lukrativsten. Investitio-

nen rentierten sich hier schneller, Kredite dafür seien einfacher zu bekommen, sagt Daria Snitko. Weitere attraktive Segmente: Käseherstellung, Fischzucht und -verarbeitung sowie die Samenherstellung, von der Russland den größten Teil importiert. Investoren, insbesondere aus dem Ausland, zögern, auch aus Angst, Russland könne die Lebensmittelsanktionen zurücknehmen. Der Wettbewerbsvorteil gegenüber Herstellern ohne eigene Kapazitäten wäre dann möglicherweise dahin. Experten allerdings halten dieses Risiko für überbewertet: Wettbewerbsvorteile zu verlieren, drohe höchstens Obstproduzenten. In anderen Zweigen seien die lokalen Agrarbetriebe und Landwirte durchaus konkurrenzfähig – wenn es ihnen gelingt, die Kapazitäten zu modernisieren und die technologischen Prozesse erfolgreich zu managen.


Thema des Monats

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Die Lage in der Landwirtschaft Fast 40 Prozent der Russen glauben, dass die Situation in der Landwirtschaft sich verbessert hat. Zu diesem Ergebnis kam die Stiftung Öffentliche Meinung (FOM) bei einer Umfrage im August 2015. Knapp die Hälfte der Befragten bleibt nach wie vor skeptisch und sieht weder eine Besserung noch Verschlechterung.

Vom Feld in den Exportcontainer

In den vergangenen Jahren haben sich die russischen Landwirtschaftsexporte insbesondere dank verschiedener Getreidesorten, Sonnenblumenöl und Soja auf beinahe 20 Milliarden US-Dollar verdoppelt.

REUTERS

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Bauern wollen die Essgewohnheiten der Russen nachhaltig verändern

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Vor sechs Jahren hatte der Journalist die Idee, einen kleinen Onlineshop für Bio-Lebensmittel zu eröffnen. Freunde und Verwandte waren seine erste Zielgruppe. Passende Produzenten zu finden, war anfangs aber gar nicht so einfach: „Bauern ausfindig zu machen war wirklich schwierig. Selbst auf den Straßenmärkten verkauften überwiegend Zwischenhändler. Und die wenigen Landwirte, die wir fanden, begegneten unserer Idee mit einer gehörigen Portion Skepsis.“ Sie verstanden zunächst nicht, wie das System funktioniert. „Auf unserer Webseite erhält jeder Landwirt einen persönlichen Account mit einer Shop-Funktion, über die Besucher Lebensmittel bestellen und nach Hause liefern lassen können“, erklärt Akimow. Mit der Zeit wuchs das Vertrauen. Inzwischen gehören 120 Landwirte zu Lavka, das inzwischen auch sechs stationäre Läden eröffnet hat.

Den Großteil landwirtschaftlicher Erzeugnisse stellen in Russland Großbetriebe her. Doch sie bekommen Konkurrenz von Kleinunternehmern, die auf echte Biostandards setzen.

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KSENIJA ILJINSKAJA FÜR RBTH

Bauernkooperative LavkaLavka

Millionen Russen oder 6,7 Prozent aller Beschäftigten arbeiten laut der Statistikbehörde Rosstat in der Landwirtschaft. Vor zehn Jahren lag der Wert noch bei zehn Prozent oder 6,8 Millionen.

Subventionen für die Landwirtschaft Das Agrarförderprogramm der Regierung wurde 2012 verabschiedet. Der Zuschuss für die Bauern liegt durchschnittlich bei 1,5 Millionen Rubel (rund 21 400 Euro). Zu 60 Prozent werden die Zuschüsse von Viehzuchtfarmen und zu 40 Prozent von Ackerbauern beantragt, von denen ein Viertel Getreide anbaut. Die Einzelförderung liegt bei drei bis sieben Millionen Rubel (rund 43 000 bis 100 000 Euro). Damit können die Produktionsanlagen modernisiert und Kapazitäten erhöht werden. Durchschnittlich kämpfen je nach Region sieben bis zehn Bewerber um den Zuschlag für eine Förderung. Das russische Landwirtschaftsministerium hat bereits Abhilfe versprochen: Über die nächsten fünf Jahre sollen für die Förderung der landwirtschaftlichen Produktion insgesamt zwei Billionen Rubel (28,5 Milliarden Euro) bereitgestellt werden.

Russischer Parmesan Die eigenen Produkte an den Kunden zu bringen ist für russische Landwirte das größte Problem. Denn für Werbung fehlen Bauern häufig Mittel und Zeit. Also verkaufen sie ihre Ware an einen Zwischenhändler und nehmen die Preisabschläge in Kauf. Dabei gibt es inzwischen Alternativen. Das Internetportal „LavkaLavka“ zum Beispiel. Hier können Landwirte ihre Erzeugnisse persönlich anbieten, die dem Kunden nach Bestellung bis zur Haustür geliefert werden. Das Angebot ist vielfältig: Gemüse der Saison, Fleisch, Milchprodukte, frischgebackenes Brot, hausgemachte Süßigkeiten. „Eigentlich ist es weniger ein Shop denn ein soziales Netzwerk. Hier kommen Produzenten und Verbraucher in Kontakt“, erklärt Projektgründer Boris Akimow, der mit dem Portal kein geringes Ziel anstrebt: „So soll in Russland und in der Welt eine neue landwirtschaftliche und gastronomische Kultur entstehen.“

© ILIJA PITALJOW / RIA NOVOSTI

Milliarden Rubel (3,4 Milliarden Euro) will Russlands Regierung laut Finanzminister Anton Siluanow zur Unterstützung der Landwirtschaft ausgeben.

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Käseimporte nach Russland sanken 2015 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als das Neunfache – von 385 auf 41 Tonnen –, die Produktion in Russland stieg um ein Viertel an. Nach der Verhängung des Importverbots im August 2014 kommen nun Mozzarella aus der Region Moskau und andere Käsesorten in die Supermarktregale. Doch zwi-

schen den traditionellen Käsesorten aus dem Ausland und dem Käse russischer Massenhersteller stellen Verbraucher geschmackliche Unterschiede fest. „Es fehlt an hochwertigen Zutaten, an guter Milch. Manche Hersteller verwenden sogar Palmöl“, kritisiert der Vorsitzende des Milchproduzentenverbands Andrej Danilenko. Käse herzustellen, der europäischen Sorten hinsichtlich Zutaten und Produktionstechnologie in nichts nachsteht, war das Ziel von Oleg Sirota. Dafür verzichtete er auf seine IT-Karriere, verkaufte seine Moskauer Wohnung und gründete mit dem Erlös die Käserei Russkij parmesan bei Moskau. Der erste hergestellte Käse war ein Mozzarella, demnächst startet der Verkauf von Parmesan. Zudem stellt der Landwirt Joghurt her. Beim Aufbau seines Geschäfts half der Käsemacher Sergej Nedoresow, der über zehn Jahre Berufserfahrung in Europa verfügt. Die Milchknappheit sei in der Tat ein Problem: „Die Viehzucht ist in Russland seit 200 Jahren auf den Fettgehalt ausgelegt. Die Butterherstellung hatte Priorität. Probleme gibt es mit dem Eiweiß und der Hygiene. Russische Normen sind lockerer, als es die Herstellung von Qualitätskäse verlangt“, erklärt der Landwirt. Ein Bauer mit der richtigen Milch konnte schließlich dennoch gefunden werden. Nur machen es die schlechten Dorfstraßen schwer, ihn mit dem Milchtransporter zu erreichen. Um Milchlieferungen zu beschleunigen, sucht Oleg Sirota jetzt nach einem neuen Fahrzeug.

Die Bio-Gemüsefarm von Iwan Nowitschichin Der ökologische Anbau ist für viele russische Bauern ein neuer Trend, der beim Pflanzenschutz modernere Technologien erfordert. Iwan Nowitschichin aus der Region Krasnodar erhielt als erster russischer Gemüsebauer ein Bio-Siegel der Europäischen Union und gilt daher

AUS DEM PERSÖNLICHEN ARCHIV

Die Trends vom Acker: Bio, Online, Regional

Prozent machte im ersten Halbjahr 2015 der Anteil von Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Rohstoffen an Russlands Exporten aus. Von Januar bis Juli 2014 betrug er noch 2,7 Prozent.

als Russlands Bio-Pionier. Von Beruf ist er Bauingenieur. In einem Dorf geboren, zog er für das Studium in die Großstadt. Doch er wollte zurück, obwohl Freunde und Bekannte kein Verständnis dafür zeigten – viele verbinden mit einem Umzug aufs Land eine Verschlechterung ihrer Lebensqualität. Das war Iwan Nowitschichin egal – 2013 begann er mit seinem eigenen Gemüseanbau. Am Ackerbau verdienen in der Region Krasnodar viele – Agrarholdings wie Kleinbauern. Am beliebtesten ist der Kartoffelanbau nach bewährter Methode: Reichlich mineralischer Dünger sorgt für höhere Erträge. Iwan hingegen folgt den Grundsätzen der biodynamischen Landwirtschaft: Schädlinge werden nicht durch Chemie, sondern von anderen Insekten vernichtet, die Böden werden schonend aufbereitet. Unterstützung erhielt er keine: „Diese Anbaumethode ist arbeitsintensiver, bei geringerem Ertrag. Viele zeigten mir einen Vogel und sagten: So gehst du bald vor die Hunde.“ Mit seiner Familie und den Angestellten bewirtschaftet er heute 30 Hektar Land und baut 16 Gemüsearten an. Das Bio-Siegel habe geholfen, seine Produkte als eine Besonderheit zu positionieren: „Wie willst du sonst zeigen, dass deine teuren Kartoffeln besser sind als die billigeren des Nachbarn?“


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Unternehmen

RUSSIA BEYOND THE HEADLINES Eine Beilage des Rossijskaja Gaseta Verlags, Moskau de.rbth.com

Lokalisierung Deutsche Unternehmen halten trotz Wirtschaftskrise am Russland-Geschäft fest russische Motoren in seine Maschinen einbaut, um den staatlichen Zuschuss zu erhalten. Diese kommen bisher aus den USA und aus Italien.

Investitionen gegen den Strom

Keine Aufträge ohne Lokalisierung

SHUTTERSTOCK/LEGION-MEDIA

Der deutsche Landmaschinenhersteller Claas hat kürzlich sein Werk in Russland ausgebaut.

Deutsche Unternehmen in Russland investieren, weil sie den russischen Markt nicht verlieren wollen. Manche hoffen, ebenfalls vom Protektionismus der Regierung zu profitieren. MICHAIL BOLOTIN FÜR RBTH

DPA/VOSTOCK-PHOTO

Weniamin Kondratjew gibt sich ungläubig, als er vor dem grünweißen Mähdrescher in der nagelneuen Werkshalle steht. „Also diese Maschine wurde gestern noch aus Deutschland importiert?“, fragt er Ralf Bendisch, den Leiter von Claas Russland. Dieser nickt zustimmend: „Ja, und heute stellen wir die gleiche Maschine hier her, im vollen Zyklus.“ Kondratjew, der Gouverneur der Region Krasnodar, ist zufrieden. Die Fakten dürften ihm zwar bereits bekannt gewesen sein, aber gute Nachrichten kann man offenbar nicht oft genug hören. Fast 120 Millionen Euro hat der Landmaschinenhersteller Claas in seine Werkserweiterung gesteckt, das vor Kurzem eröffnet wurde. Damit verdoppelt das Unternehmen seine jährliche Produktionskapazität von 1 000 auf 2 000 Maschinen. Der Landmaschinenhersteller aus Harsewinkel steht mit seiner Entscheidung für Russland bei Weitem nicht allein da. In den vergangenen Wochen und Monaten eröffnete ein gutes halbes Dutzend neuer Werke von deutschen Unterneh-

Knorr-Bremse gründete ein Joint Venture mit RZD.

men in Russland. Anfang Oktober begann die deutsch-japanische DMG Mori, einst bekannt unter dem Namen Gildemeister, mit der Produktion von Dreh- und Fräsmaschinen für die Industrie. Im September erweiterte Volkswagen in Kaluga seine Kapazitäten um eine neue Motorenfabrik. Einige Wochen zuvor hatte Knorr-Bremse ein neues Werk in Sankt Petersburg eingeweiht, das in den kommenden Wochen erweitert werden soll. Und Bayer kündigte an, Medikamente bei Partnern in Lizenz zu fertigen.

Tödlicher Stillstand Die Liste der deutschen Unternehmen, die gegen den wirtschaftlichen Strom in Russland schwim-

men, ist lang. Der russische Wirtschaftsminister Alexej Uljukaew sagte vor Kurzem, dass der erste Schock bei ausländischen Investoren verflogen sei. Von einer Trendwende kann aber keine Rede sein, schließlich geht die Wirtschaftskrise in Russland auch in den Herbstmonaten weiter: Im September ging das Bruttoinlandsprodukt im Jahresvergleich um 3,8 Prozent zurück. Der Grund für die Investitionen liegt ohnehin nicht im guten Investitionsklima Russlands. Vielmehr sind sie Teil des Kampfes um den russischen Markt unter jenen, die bleiben wollen. Für Unternehmen kann Stillstand tödlich sein. Noch im vergangenen Jahr beklagte Ralf Bendisch, Chef

von Claas Russland, der Staat bevorzuge russische Konkurrenten und zahle Bauern einen Zuschuss von 15 Prozent auf die heimische Technik. Mit der neuen Fabrik hoffen die Deutschen offenbar, ihre Ausgangslage im Wettbewerb zu verbessern. Der Lokalisierungsgrad wird nun auf etwa 50 Prozent steigen, vergleichbar etwa mit den Werken des Unternehmens in Deutschland. „Der Werkbau war eine richtige Entscheidung und wird Claas die Präferenzen und Unterstützung seitens des Staates sichern“, glaubt Boris Melamed, Partner der Beratungsgesellschaft Neo Center. Die Landwirtschaft habe für die russische Regierung eine hohe Priorität, gleichzeitig seien nur die wenigsten Unternehmen bereit, in der aktuellen Situation in Russland zu investieren, erklärt der Experte. Im vergangenen Jahr produzierte Platzhirsch Rostselmash etwa 3 500 Mähdrescher, während Claas auf gut 400 Stück kam. Sollte Claas jedoch die gleichen Präferenzen bekommen, könnte sich die Situation ändern, meinen Experten. Anfang Oktober berichtete die Zeitung „Wedomosti“, dass der deutsche Hersteller bereits eine Aufnahme ins staatliche Förderprogramm gestellt hat, wodurch Käufer auf einen staatlichen Zuschuss von 25 bis 30 Prozent rechnen können. Das zuständige Ministerium will jedoch, dass Claas zusätzlich zur Lokalisierung auch

Auch andere Unternehmen wie Knorr-Bremse hoffen, durch Investitionen besser ins Geschäft zu kommen. So ist an dem neuen Standort in Sankt Petersburg, wo Bremssysteme für die Züge der russischen Eisenbahn gebaut werden sollen, eine Tochter der Eisenbahngesellschaft RZD gleich zu 40 Prozent mitbeteiligt. Der Lokalisierungsgrad soll nach Angaben des Unternehmens, das rund 13 Millionen Euro in das neue Werk investiert hat, bei etwa 80 Prozent liegen. „Ohne Lokalisierung in dem Bereich wird man keine Aufträge in Russland bekommen, das ist momentan ein ungeschriebenes Gesetz“, sagt der Manager eines Wettbewerbers von Knorr-Bremse, der ungenannt bleiben will. Eine ähnliche Strategie verfolgt der Konzern bereits beim mehrheitlich in Staatsbesitz befindlichen LkwHersteller Kamaz, bei dem das Unternehmen bereits seit 2008 ein Joint Venture zur Herstellung von Bremssystemen unterhält. Kompliziert ist die Lage auch aus Sicht der Pharmakonzerne. So hat Russland bereits im Februar den Ankauf von ausländischen Präparaten im Rahmen staatlicher Ausschreibungen deutlich eingeschränkt. Diese kommen erst zum Zuge, wenn klar ist, dass es keine Alternative in Russland, Belarus oder Kasachstan gibt. Dafür hatte sich der Verband der Russischen Pharmahersteller bereits seit 2009 eingesetzt. So kündigte Niels Hessmann, der Chef von Bayers Russlandsparte, an, nun auch an der Lokalisierung im Pharmabereich zu arbeiten. Es würden große Schritte unternommen, sagt Hessmann. Einer davon werde die Produktion von Antibiotika beim russischen Unternehmen Medsintez sein. Eine eigene Fabrik zur Lokalisierung sei allerdings noch nicht geplant. „Unsere Investitionsentscheidungen hängen nicht von der aktuellen politischen oder wirtschaftlichen Situation in Russland ab“, sagte der Bayer-Manager der Wirtschaftszeitung „RBC“. Der Mähdrescher-Hersteller Claas dagegen dürfte die aktuelle politische Lage sehr wohl auf dem Schirm haben. Man sei nun ein wirklich russischer Hersteller, unterstrich Ralf Bendisch bei der Eröffnung im Beisein des Gouverneurs der Region. Ein bemerkenswerter Satz, der, so hofft man bei Claas, nicht ungehört bleiben wird.

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Decoding Social Transformations in Russia Despite the steepest drop in incomes since 1998, Russians remain highly optimistic, and President Vladimir Putin’s approval ratings have skyrocketed. As the “fat 2000s” have given way to the current economic

downturn, Russian society has somehow swung from protest to civic apathy. Can this all be explained by domestic propaganda and the authorities’ grip on public debate? If not, then what?

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Wirtschaft und Politik

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INTERVIEW ANDREA VON KNOOP

„Wirtschaft ist eine Konstante in den deutschrussischen Beziehungen“ DIE RUSSLANDEXPERTIN ANDREA VON KNOOP IM GESPRÄCH ÜBER VERTRAUEN, FEHLER DER POLITIK UND DIE SUCHE NACH KONSENS.

Bisweilen ist zu hören, die Konfrontation in der Ukraine sei nur die Spitze eines Eisbergs … Sie ist der Auslöser des aktuellen, westlich-russischen Konflikts. Auch wenn aus dem Munde amerikanischer oder europäischer Politiker oft das Gegenteil zu hören war – es hat nicht jedem gefallen, dass Russland stärker und selbstbewusster wurde und bis 2013 ja auch wirtschaftlich prosperierte. Ich empfehle das Buch des amerikanischen Präsidentenberaters Zbigniew Brzezinski „Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ (1997) mit seinen Ausführungen zum „eurasischen Schachbrett“. Brzezinski glaubt, dass eine Unterstützung Russlands durch den Westen im Zweifel nur dessen imperiale Ambitionen stärkt. Statt De-

mokratisierung und Europäisierung würde man den Wunsch wecken, die frühere Großmachtrolle zurückzugewinnen. Zudem wirkten neue eurasische Koalitionen, etwa zwischen China, Russland oder dem Iran, den Interessen der USA entgegen – genauso wie eine Annäherung zwischen Deutschland und Russland, Frankreich und Russland oder insgesamt Europa und Russland. Wie gesagt, das sind Brzezinskis Vorstellungen. Er ahnte schon bei Putins Amtsantritt 2000, dass Russland wieder erstarken würde. Aus dem Grund war er einer der wesentlichen Befürworter der NatoOsterweiterung. Zur Ukraine hatte er schon Anfang der 1990er-Jahre geschrieben, ohne sie werde Russland nie wieder eine Supermacht. Nur in dem Kontext wird der erbitterte politische Kampf um das Land verständlich! Auch was Brzezinski (und in den USA sicherlich nicht er allein) von den Europäern sagt, sollte uns zu denken geben: „Tatsache ist schlicht und einfach, dass Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa weitgehend ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern.“ Schon von daher benötigt Europa Russland als Gegenpol, wenn es sich von den USA emanzipieren will. In Russland hat die harte deutsche Linie viele Menschen überrascht, nicht nur Politiker. Haben wir überhaupt noch eine Chance, als ehrliche Makler tätig zu sein? Die Berliner Politik hat in Russland sehr viel Vertrauen verspielt. Dass wir zudem als Wasserträger der USA aufgetreten sind, hat uns Deutsche als ehrliche Makler disqualifiziert. Auch gibt es weder in Deutschland noch in der EU über-

SIEMENS: GLÜHBIRNEN FÜR DEN ZAREN D E . R BT H .CO M / 3 3 879

haupt eine Russlandpolitik. Ein großer Fehler. Die deutschen Wirtschaftsvertreter haben sich dem Primat der Politik gebeugt. Inzwischen tut sich kaum noch jemand mit politischen Äußerungen hervor. Hat die Wirtschaft resigniert? Die Wirtschaft ist die verlässlichste Konstante in den deutsch-russischen Beziehungen, das wird auch so bleiben. Selbst die dunkelsten Zeiten unserer gemeinsamen Geschichte haben daran eigentlich nichts geändert. Unsere Firmen haben sich auch von Krisen nie wirklich abschrecken lassen. Man denkt strategisch und honoriert die Treue der jahrelang bewährten russischen Partner. Resigniert haben die deutschen Firmen also nicht. Der Primat der Politik (übrigens eine Vokabel, der sich vorwiegend totalitäre Regime bedient haben) schränkt einige Handlungsspielräume schmerzlich ein. Die Schäden sind erheblich, man denke an die Einbrüche unserer Exportwirtschaft. Trotzdem lebt der Kontakt mit den russischen Partnern. Die Gesprächskanäle sind weit offen! Die deutsche Wirtschaft ist auf sich allein gestellt; ihr Protest bei der Bundesregierung stößt auf taube Ohren. Jetzt wird vor allem versucht, das in Jahrzehnten erworbene – und durch die Politiker heftig beschädigte – Vertrauen zumindest teilweise zu retten. Angenommen, für die Ostukraine wird eine Lösung gefunden und die Krim bleibt — vom Westen nicht anerkannt — russisch. Gibt es in den deutsch-russischen Beziehungen eine Rückkehr zum Status quo ante? Es geht gar nicht anders! Wir brauchen einen vernünftigen Konsens mit Russland. Und Europa braucht

ULLSTEIN BILD/VOSTOCK-PHOTO

In den Medien spricht man von der größten Krise in den europäisch-russischen Beziehungen seit Ende des Kommunismus. Wie empfinden Sie die gegenwärtige Entwicklung? Wissen Sie, ich lebe und arbeite seit Jahrzehnten in Russland, seit der Sowjetunion. Ich habe die Auswirkungen des Kalten Krieges erlebt und mich 1969 über die deutsche Ostpolitik gefreut. Erstarrte Fronten wurden aufgelöst, Schritt für Schritt wurde Vertrauen aufgebaut. Das war mühsam und langwierig, aber es funktionierte. Gorbatschows Vision vom „gemeinsamen europäischen Haus“ begeisterte uns ebenso wie die Hoffnungen um das neue Russland herum. Gutes und Positives entstand; der Prozess erschien unumkehrbar. Und nun erleben wir seit eineinhalb Jahren diesen erschütternden gegenseitigen Vertrauensverlust. Es ist die größte Krise seit dem Ende des Ost-West-Konfl ikts.

BIOGRAFIE ALTER: 69 TÄTIGKEIT: BERATERIN

Dr. Andrea von Knoop studierte Osteuropäische sowie Mittlere und Neuere Geschichte in Köln und Wien. In den

das Land wirtschaftlich ebenso wie als strategischen Partner bei der Lösung globaler Probleme. Die historischen deutsch-russischen Beziehungen stehen dabei im Zentrum. Erfreulicherweise wird das auch von einigen deutschen Politikern öffentlich so vertreten. Lange Jahre glaubten viele an das Projekt einer Modernisierungspartnerschaft. Dann zerbrach das Ganze binnen weniger Monate. Die „Modernisierungspartnerschaft“ war von Anfang an eine „leere Hülse“, genauso wie die „Leuchtturmprojekte“, die es früher einmal gab. So was kann man nicht von oben verordnen, da spielt auch der Zeitfaktor eine Rolle. Das Ganze war eine gute Idee, aber Modernisierung kann man nicht übers Knie brechen. Auch in Deutschland schwelt ein Konflikt zwischen Atlantikern auf der einen und Russlandverstehern auf der anderen Seite. Die Diskus-

1970er- und 80er-Jahren arbeitete sie für deutsche Banken im UdSSR-Geschäft. Nach 1993 war sie Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Russland und Mitglied diverser hochrangiger Gremien. Heute berät sie freiberuflich internationale Konzerne.

sionen dazu können sehr emotional sein. Wie erscheint Ihnen das? Zunächst einmal: Es ist keine Schande, ein Russlandversteher zu sein. Im Gegenteil. Nur wer sich die Mühe macht, andere Standpunkte und Sichtweisen zu verstehen – das heißt ja nicht, dass man sie immer teilen muss – kann sich ein faires Urteil erlauben. Es gibt ja nicht nur die eine Wahrheit, die uns der westliche Medien-Mainstream (meist überzeugte Atlantiker) beharrlich oktroyiert. Ich finde diese Schwarzweißmalerei und die permanente einseitige Schuldzuweisung einfach nur noch armselig und unerträglich! Außerdem lässt sich ein guter Teil der deutschen Öffentlichkeit – vor allem die Menschen auf der Straße – nicht mehr an der Nase herumführen. Die Leute durchschauen doch das Spiel und empfinden für Russland eher Sympathie und Verständnis. Das Gespräch führte Thomas Fasbender.

RUSSISCHES BANKWESEN AUS DEUTSCHER FEDER D E . R BT H .CO M / 3 3 9 8 3


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Märkte

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Luftverkehr Russlands einzige Billigairline startet demnächst mit Flügen nach Europa

Pobeda im internationalen Steigflug

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Während deutsche Fluggesellschaften ihr Russland-Angebot zusammenstreichen, will Pobeda bald im Wettbewerb um Reisende nach Europa mitmischen — und hat dabei gute Karten. KIRA JEGOROVA RBTH

In diesem Jahr geriet der russische Luftverkehrsmarkt in die Krise. Die nahezu 50-prozentige Abwertung des Rubels gegenüber dem US-Dollar und dem Euro führte zum schlagartigen Rückgang der Nachfrage nach internationalen Flügen. Große Airlines wie die USamerikanische Delta, die britische

EasyJet und gut ein Dutzend europäischer Fluggesellschaften haben Russland bereits verlassen. Vor diesem Hintergrund klingt die Ankündigung des russischen Billigfliegers Pobeda, internationale Verbindungen anbieten zu wollen, recht ambitioniert. Die Fluglinie ging aus der Billigairline Dobrolet hervor, die im Sommer 2014 ihren Betrieb einstellen musste. Wegen Flugverbindungen auf die Krim kam die Fluggesellschaft auf die Sanktionsliste der Europäischen Union. Pobeda ist eine 100prozentige Aeroflot-Tochter (50 Prozent der Aeroflot-Aktien gehören dem Staat). Vor zwei Wochen

teilte Pobeda mit, eine Zulassung für Verbindungen nach Dresden und Köln (je sieben Flüge die Woche), nach Bratislava (zehn Flüge pro Woche) sowie für Charterflüge nach Chambéry (17 Flüge in der Woche) erhalten zu haben. Damit Pobeda Auslandsrouten bedienen kann, nahm das russische Verkehrsministerium eigens Änderungen an den Föderalen Luftverkehrsvorschriften (FAP) vor. Laut den vorherigen FAP-Bestimmungen konnte eine Fluggesellschaft erst dann eine Zulassung für internationale Routen erhalten, wenn sie zuvor über zwei Jahre lang innerrussische Strecken bedient hatte.

Zwar tritt Pobeda zum wirtschaftlich schwierigsten Zeitpunkt in den Markt ein, doch werten Experten ihre Chancen positiv. „In dieser Situation hat die Fluggesellschaft einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren ausländischen Konkurrenten. Denn ein Teil ihrer Betriebskosten wird in Rubel abgerechnet und fallen nun deutlich niedriger aus“, erklärt Oleg Panteleew, leitender Analyst des Branchenportals Aviaport. Zudem bestehe in Russland trotz der Rubelschwankungen weiterhin Interesse an internationalen Billigflügen, wenn auch nicht auf Vorkrisenniveau, ergänzt Panteleew. „Auf den meisten Strecken, die Pobeda in den Flugplan aufnehmen will, werden keine Direktflüge aus Russland angeboten. Daher kann der russische Billigflieger eine für ihn günstige Nische einnehmen“, meint auch Philipp Brinkmann, Generaldirektor des Online-Reiseveranstalters Tripsta. So werde Pobeda auf einigen Strecken – etwa Moskau-Dresden, auf der momentan nur Aeroflot Direktflüge anbietet – mit günstigeren Tarifen Fluggäste für sich gewinnen können. Es sollen auch weitere Verbindungen hinzukommen. Das Unternehmen verhandele gerade über Bergamo, Salzburg und Verona, wie die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti vermeldete. „Als ein traditionell kostspieliges, aber attraktives Ziel ist Salzburg besonders vielsprechend. Bislang müssen Reisende in die österreichische Stadt in München umsteigen“, sagt Brinkmann. Salzburg, Verona, Bergamo und Chambéry seien wichtige Reiseziele im Winter. Je näher

die Skisaison rücke, desto eindeutiger würde die Nachfrage nach Pobeda beurteilt werden können, meint Brinkmann.

Air Berlin geht, Lufthansa bleibt Unterdessen setzen internationale Fluggesellschaften ihren Rückzug aus Russland fort. Im September kündigte Air Berlin an, alle Flüge nach Russland zu streichen. Wegen des Nachfrageeinbruchs habe das Unternehmen im Verlauf des Jahres mehrmals seinen Flugplan geändert, sich auf die stetig sinkenden Passagierzahlen aber nicht einstellen können, heißt es in der offiziellen Mitteilung des Unternehmens. Am 18. Januar 2016 ist es mit der Strecke Berlin-Moskau vorbei. Düsseldorf-Moskau und Berlin-Kaliningrad werden bereits am 9. November dieses Jahres vom Flugplan genommen. Setze die Nachfrage aber wieder ein, könne Air Berlin nach Russland zurückkehren, sagte das Unternehmen auf Nachfrage von RBTH. Auch die größte europäische Fluggesellschaft Lufthansa erklärte im August dieses Jahres, ihre Verbindungen nach Russland auszudünnen, größtenteils durch die Streichung von Regionalrouten. Flüge nach Samara und Nischnij Nowgorod hat das Unternehmen bereits eingestellt und fliegt nur noch Moskau und Sankt Petersburg an. Zudem verzichtet die deutsche Airline auf den Moskauer Flughafen Wnukowo: Lufthansa-Flüge gibt es inzwischen nur noch von und nach Domodedowo. Die Lufthansa-Billigtochter Germanwings soll jedoch in Russland bleiben, versicherte die Airline.

Immobilien Die russischen Investitionen sind um die Hälfte zurückgegangen

Griechenland gewinnt, Spaniens Küste verliert Auslandsimmobilien waren stets beliebte Investitionsobjekte betuchter Russen. Doch auch hier hinterlässt die wirtschaftliche Krise Spuren und wirbelt den Markt durcheinander. ANNA KUTSCHMA RBTH

Das Interesse an deutschen Immobilien steigt Die geografische Verteilung der Nachfrage nach Investmentobjekten beschränkt sich auf Europa, wo das Wachstum der Immobilienpreise derzeit stagniert. Diese Liste wird seit Jahren von Großbritannien angeführt, doch auch Deutschland wird bei russischen Investoren immer beliebter, insbesondere München und Berlin. „Hier werden vor allem Häuser und Appartements zur Vermietung erworben“, berichtet Jekaterina Rumjanzewa, die Vorstandsvorsitzende der Kalinka Group. „Abhängig vom Status und der Lage des Objekts kann hier mit Einnahmen in Höhe von fünf bis zwölf Prozent des Anschaffungspreises pro Jahr gerechnet werden.“ Marina Kusmina, Direktorin für Auslandsimmobilien bei Knight Frank, ergänzt: „Seit der Krise sind vor allem zentrale Lagen in den europäischen Hauptstädten interessant.“ Den Grund dafür kennt Julia Owtschinikowa, Direktorin der Abteilung Auslandsimmobilien bei IntermarkSavills: „Investoren werden vor allem von stabilen Märkten in

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Ein Häuschen an der Mittelmeerküste war in Boomjahren für viele reiche Russen ein Muss. Doch auch die Oberschicht muss sparen. Nach Angaben der russischen Zentralbank investierten die Russen im zweiten Quartal dieses Jahres nur etwa 200 Millionen Euro in Immobilien im Ausland – ein Minus von satten 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Den Rückgang der Nachfrage bekommen in erster Linie die Immobilienmakler zu spüren. Nach Angaben der international agierenden Immobilienberatung Knight Frank liegt die Nachfrage nach ausländischen Objekten in diesem Jahr 30 Prozent niedriger als im Vorjahr. Nach Angaben der Kalinka Group war der Rückgang im unteren Preissegment mit bis zu 60 Prozent besonders drastisch. Die Nachfrage nach hochpreisigen Immobilien sank dagegen nicht ganz so stark, um bis zu 15 Prozent. Die Russen richten ihr Augenmerk verstärkt auf Objek-

Spanien und der Balkan verlieren Kunden

te wie Parkflächen, Hotels, Mietwohnungen, Studentenwohnungen und Einzelhandelsflächen.

Die Nachfrage in Griechenland hat um 50 Prozent zugenommen.

wirtschaftlich starken Standorten angelockt.“ Dabei werde sowohl in sanierungsbedürftige Altbauten als auch in Neubauobjekte investiert.

Griechenland profitiert von der Krise Gegen den allgemeinen Trend schwimmen neben Metropolen auch Märkte wie Griechenland und Zypern. Die Nachfrage nach Immobilien dort sei um 50 Prozent gestiegen, sagt Marina Kusmina. Die Preise für Nobelimmo-

bilien seien seit Beginn der Griechenland-Krise 2009 um durchschnittlich 50 Prozent, im mittleren und unteren Preissegment im Schnitt um 20 bis 30 Prozent gefallen. „Während früher eine Villa in Griechenland ungefähr 20 Millionen Euro kostete, zahlt man dort heute nur noch zwölf Millionen Euro“, erklärt Kusmina. Wer jedoch Einkommen in der russischen Landeswährung bezieht, verliert wegen des Kursverfalls Geld durch die gestiegenen Kosten für den Unterhalt der Objekte.

Viele Länder, in denen der Markt in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen ist, haben in der Krise verloren, berichten die Makler. Noch vor Kurzem gehörte die spanische Küstenregion bei den Russen zu den Spitzenreitern, doch nach einer Statistik der dortigen Behörden ist der Verkauf von Immobilien an russische Investoren im zweiten Quartal 2015 auf 15 Prozent zurückgegangen. In Bulgarien sei dieser Wert auf ein Viertel und in Kroatien auf die Hälfte gesunken, teilt die Immobilienagentur Tranio mit. Auch in exotischen Ländern ist die Nachfrage eingebrochen. „Thailand und Vietnam, wo die Russen früher sehr gerne ihren Urlaub verbracht und Häuser gekauft haben, verzeichnen aktuell keine große Nachfrage aus unserem Land“, sagt Igor Indriksons, Inhaber einer Immobilienagentur. „Die geringe Ertragsfähigkeit und die Wirtschaftsprobleme machen es den asiatischen Aktiva schwer, mit den europäischen zu konkurrieren“, erklärt er. Die große Entfernung und das hohe Steuerniveau wirken sich auch auf die Immobiliengeschäfte in den Vereinigten Staaten aus. Hier sank der Umsatz um die Hälfte.


Meinung

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DIE SYRIEN-QUITTUNG FÜR RUSSLANDS WIRTSCHAFT Sergej Aleksaschenko ÖKONOM

KONSTANTIN MALER

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enn von den wirtschaftlichen Folgen des Konfliktes in Syrien die Rede ist, dann kommen Öl und Gas ins Spiel. Schließlich sind das die wichtigsten Rohstoffe der Region. Allein deshalb muss Russland als Energielieferant mit Auswirkungen des Konflikts rechnen. Dabei spielt Syrien gar keine nennenswerte Rolle auf dem Weltmarkt für fossile Brennstoffe. Sogar in den wirtschaftlich erfolgreichsten Jahren, Anfang 2000, förderte das Land nur unwesentlich mehr als 520 000 Barrel Erdöl pro Tag, was in etwa 0,6 Prozent des Weltförderertrags entspricht. Die Erdgasförderung in Syrien spielt für den Weltmarkt mit ihren gegenwärtig ungefähr 5,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr (2010 waren es noch neun Milliarden Kubikmeter) so gut wie keine Rolle. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass jedwede Entwicklung der Situation in der Erdöl- und Erdgasindustrie dieses Landes keine ernsthaften Auswirkungen auf den Erdöl-Weltmarkt haben wird. Für Russland jedoch kann die direkte Einmischung in die Syrienkrise ernsthaftere wirtschaftliche Konsequenzen haben. Auch wenn Moskau offiziell erklärt, dass die russische Luftwaffe Stellungen des IS bombardiere, vermelden mehrere Quellen in der Region, dass das Hauptziel dieser Luftschläge die

„gemäßigte“ syrische Opposition sei, die gegen die Truppen Assads kämpft. Wenn man berücksichtigt, dass die Schlüsselstaaten dieser Region, die Türkei und Saudi-Arabien, die syrisch-sunnitische Opposition unterstützen, so nehmen die politischen und wirtschaftlichen Probleme für Russland in der Region umso mehr zu, je länger und umfassender sich die Beteiligung der russischen Streitkräfte im syrischen Bürgerkrieg gestaltet. Der russische Fonds für Direktinvestitionen verkündete zum Bei-

spiel eine Investitionspartnerschaft mit den Staatsfonds Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Die jeweiligen Fonds wollen zehn respektive sieben Milliarden US-Dollar in Projekte in Russland investieren. Die Länder des Persischen Golfs gelten der russischen Regierung als mögliche Alternative zu westlichen Geldquellen, die wegen der Sanktionen versiegt sind. Im Falle andauernder russischer Militäroperationen in Syrien wird sich die Wahrscheinlichkeit einer Umset-

zung dieser Pläne jedoch dramatisch verringern. Der andere Schlüsselakteur in der Region, die Türkei, spielt aufgrund seiner geografischen Lage eine wichtige Rolle im Ausbau der Transportinfrastruktur an der Grenze zwischen Europa und Asien. Aller Wahrscheinlichkeit nach beginnt bereits in den nächsten Jahren auf dem Gebiet dieser Länder der Bau mehrerer Erdgaspipelines, durch die Gas aus dem Iran, Aserbaidschan und Turkmenistan nach Europa weitergeleitet werden soll. Au-

ßerdem könnten Erdgaspipelines in die Türkei über syrisches Staatsgebiet aus Israel und Katar weitergeführt werden. Während das israelische Projekt die Errichtung eines Unterwasserabschnitts außerhalb der Hoheitsgewässer der Türkei in Betracht zieht, wird die Erdgaspipeline aus Katar zwangsläufig durch syrisches Gebiet führen müssen. Es ist vollkommen klar, dass solange der Bürgerkrieg dort andauert, die Pipeline nicht gebaut werden kann. Eine solche Situation könnte theoretisch dem russischen Energieversorger Gazprom in die Hände spielen, denn das Unternehmen unterstützt aktiv das Pipeline-Projekt „Turkish Stream“, stößt dabei aber auf ernsthafte Hürden unter anderem beim Zugang zum türkischen Markt. Zudem hat Gazprom mit Problemen in den Beziehungen zu den türkischen Partnern zu kämpfen, nachdem Vertreter des Konzerns die aktive Einbeziehung Griechenlands angekündigt hatten. Allerdings sollte Gazprom nicht damit rechnen, dass die Schwierigkeiten, Erdgas aus Katar zu beziehen, die Türkei zu einem nachgiebigeren Verhandlungspartner werden lassen, da der Bedarf dieses Landes an Erdgas in jedem Falle ohne Einschränkungen befriedigt werden wird. Unterm Strich werden die russischen Militäroperationen in Syrien für Russland kurzfristig keine grundlegenden Ausgaben und Risiken mit sich bringen. Sollte sich Russlands Engagement im syrischen Bürgerkrieg jedoch vertiefen und in die Länge ziehen, wird das Land wohl mit deutlichen ökonomischen Einbußen rechnen müssen. Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Brooking Institution. Von 1995 bis 1998 war er erster Vizepräsident der russischen Zentralbank.

DROHT RUSSLAND DIE ÜBERALTERUNG? Jelena Grischina EXPERTIN

A

ls eines der größten Risiken für die russische Wirtschaft erachtet das Moskauer Weltbank-Büro die Überalterung der Bevölkerung. Inzwischen haben die geburtenreichen Jahrgänge der 1950er-Jahre das Rentenalter erreicht – demgegenüber stehen die geburtenschwachen Jahrgänge der Neunzigerjahre, die nun im Erwerbsalter sind. Das führt wahrscheinlich dazu, dass bereits 2035 die Rentenbeiträge geringer ausfallen werden als die Zahl der Rentenempfänger, was das System

stark belasten wird. Somit kommt der Erwerbstätigkeit der älteren Generation eine besondere Bedeutung zu. Offiziellen Statistiken zufolge gab es nach 2000 einen deutlichen Anstieg der Beschäftigung, sowohl bei den Männern (um 6,7 Prozentpunkte) als auch bei den Frauen (um 6,1 Prozentpunkte). Der Grund: Viele der Arbeitnehmer über 55 Jahre arbeiteten nach Erreichen des Rentenalters weiter. Doch nicht alle können das. Einige müssen den Arbeitsmarkt verlassen, unter anderem aus gesundheitlichen Gründen. Ältere Werktätige mit einem schlechten Gesundheitszustand befinden sich in

RUSSIA BEYOND THE HEADLINES (RBTH) IST EIN INTERNATIONALES MEDIENPROJEKT, DAS VON DEM VERLAG ROSSIJSKAJA GASETA FINANZIELL UNTERSTÜTZT WIRD. RBTH WIRD AUS ANZEIGENGESCHÄFTEN UND SPONSORING SOWIE ZUSCHÜSSEN VON STAATLICHEN BEHÖRDEN IN RUSSLAND FINANZIERT. DIE HANDELSBLATT-REDAKTION IST AN DER ERSTELLUNG DIESER BEZAHLTEN SONDERVERÖFFENTLICHUNG NICHT BETEILIGT. DIE REDAKTION VON RBTH IST UNABHÄNGIG UND HAT ZUM ZIEL, DEN LESERN EIN MÖGLICHST BREITES SPEKTRUM AN EXPERTENMEINUNGEN ÜBER DIE ROLLE RUSSLANDS IN DER WELT UND ZU EREIGNISSEN INNERHALB RUSSLANDS ZU BIETEN. DABEI IST DIE REDAKTION BEMÜHT, HÖCHSTEN JOURNALISTISCHEN ANSPRÜCHEN ZU GENÜGEN. SO SOLL EINE WICHTIGE LÜCKE IN DER INTERNATIONALEN MEDIENBERICHTERSTATTUNG GESCHLOSSEN WERDEN. DIE PRINTBEILAGEN VON RBTH ERSCHEINEN WELTWEIT IN 36 RENOMMIERTEN ZEITUNGEN IN 29 LÄNDERN UND IN 17 SPRACHEN. AUSSERDEM GEHÖREN ZU RBTH 21 ONLINEAUSGABEN IN 17 SPRACHEN. BEI FRAGEN UND ANREGUNGEN WENDEN SIE SICH BITTE AN: REDAKTION@RBTH.COM ROSSIJSKAJA GASETA VERLAG, UL. PRAWDY 24 STR. 4, 125993 MOSKAU, RUSSISCHE FÖDERATION, TEL. +7 495 775-3114,

einer Zwickmühle: Einerseits können sie nicht mehr arbeiten, andererseits brauchen sie ein Einkommen, um in ihre Gesundheit zu investieren. Deshalb müssen flexible Beschäftigungsformen her, die ältere Arbeitnehmer bestmöglich im Erwerbsleben halten. Da in diesem Fall eine Betreuungsoption für die Enkel wegfällt, muss das nichtstaatliche Angebot solcher Dienstleistungen, wie private Kindertagesstätten, ausgebaut werden. Ruheständler und Vorruheständler sind durchaus in der Lage und bereit, sich weiterzubilden und neue Berufe zu erlernen, sofern die Nachfrage besteht. Dennoch, so

belegen Arbeitgeber-Studien, werden ältere Arbeitnehmer seltener fortgebildet als der Durchschnitt der Angestellten eines Unternehmens. Oft heißt es, es lohne sich nicht, in ältere Mitarbeiter zu investieren, da nicht an deren Lernfähigkeit geglaubt wird. Viele Mitarbeiter werden bei Erreichen des Rentenalters von ihrem Arbeitgeber regelrecht in den Ruhestand gedrängt. Und selbst die Unternehmen, die an älteren Mitarbeitern interessiert sind, ergreifen keine aktiven Maßnahmen zur Verlängerung ihres Beschäftigungsverhältnisses. Unterm Strich lassen sich die Folgen der Überalterung nicht ohne

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eine durchdachte staatliche Politik mildern. So müssen die Mitarbeiter ein (Arbeits-)Leben lang weitergebildet werden – gemeint ist eine Verbesserung des Zugangs und der Qualität der Angebote im Bereich des lebenslangen Lernens für jeden. Daneben muss die Diskriminierung von älteren Arbeitnehmern abgebaut werden. Die Autorin ist stellvertretende Leiterin des Forschungslabors für Rentensysteme und Versicherungsprognosen im Sozialbereich am Institut für Sozialanalyse und -prognosen der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentlichen Dienst in Moskau.

SAGEN SIE UNS DIE MEINUNG: REDAKTION@RBTH.COM FÜR ALLE IN RUSSIA BEYOND THE HEADLINES VERÖFFENTLICHTEN KOMMENTARE, MEINUNGEN UND ZEICHNUNGEN SIND AUSSCHLIESSLICH IHRE AUTOREN VERANTWORTLICH. DIESE BEITRÄGE STELLEN NICHT DIE MEINUNG DER REDAKTION DAR.

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Bildung

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Technologietransfer Hochschulen sollen helfen, Erfindungen bis zur Marktreife zu bringen und Investoren zu finden

Universitäten verkuppeln Wissenschaft und Wirtschaft

Polymerrohre und Kabelschächte sowie ihre komplexen Verläufe unterhalb der Stadt aufspüren kann, ohne die Asphaltschicht entfernen zu müssen. „Diese schnelle und effiziente Identifikationsmethode kann die Arbeit von Energieversorgern oder Telekommunikationsdienstleistern sicherer und effizienter gestalten“, ist der Erfinder überzeugt. Als potenziellen Kunden sieht er etwa den russischen Gasgiganten Gazprom. Als Gawrilowskij seine Entwicklung potenziellen Investoren präsentierte, wurde klar: Um seine Idee bis zur Marktreife zu bringen, braucht er eine technologische Infrastruktur, die innerhalb der Universität im erforderlichen Umfang nicht gegeben war. Also musste er auf die Forschungsplattformen zahlreicher Unternehmen zurückgreifen. „Hätte die MSU die nötigen Voraussetzungen auf dem Campus geschaffen, würde der Forscher seine Ideen schneller und effizienter hier verwirklichen können“, rügt Laptew.

In den Zentren für Technologietransfer an russischen Universitäten kommen Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. So soll ein Umfeld für marktfähige Forschung entstehen. PAWEL KOSCHKIN FÜR RBTH

Kommerzialisierung als Hoffnungsträger

Die Technology Transfer Centers integrieren Hochschulen, Forscher und Unternehmen in den Innovationsprozess.

PRESSEBILD

Mit einem schwarzen 3-D-Drucker, einer tischgroßen Fräse, Handabdrücken, die an Seilen von der Decke herunterhängen, und einem Haufen Silikon-Schwimmhandschuhe sieht das InnovationStudio-Lab an der Wirtschaftsfakultät der Moskauer Staatlichen Universität nicht gerade wie ein typischer Seminarraum aus. Es ähnelt eher einem Büro in einem IT-Start-up. Forscher präsentieren hier ihre Projekte und loten die Balance zwischen Angebot und Nachfrage aus, um ihre Ideen erfolgreich zu vermarkten. Das Innovationsstudio wurde 2007 von der MSU und Intel ins Leben gerufen als Herzstück des Technology Transfer Centers mit dem Ziel, Wirtschaft, Wissenschaft und Industrie zu vernetzen. Das Vorhaben soll russische Forscher dabei unterstützen, ihre Erfindungen zu lizensieren, zu patentieren und letztendlich erfolgreich zu vermarkten. „Es ist eine Art Labor zur Realisierung von Produkten. Hier werden Projekte von ihrer ersten Entwicklungsstufe an begleitet, ihre Marktfähigkeit und die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells werden getestet und die Nachfrage generiert“, erläutert der Leiter des Projekts Georgij Laptew. Wie ein universitäres Technology Transfer Center (TTC) zu funktionieren hat, weiß Laptew aus seiner jahrelangen Erfahrung an der kanadischen University of Alberta. „Die Idee stammt aus den USA. Zwei Ziele stehen dabei im Vordergrund: geistiges Eigentum, das die Uni schließlich mit Steuergeldern finanziert, durch Lizenzen und Patente zu schützen und neue Technologien zu vermarkten, entweder durch Lizenzvergabe oder durch Unternehmensgründungen“,

erklärt der Wissenschaftler im einem Gespräch mit RBTH. Ob eine Unternehmensgründung der effektivere Vertriebsweg für eine Erfindung ist, prüfen die TTCManager. Im nächsten Schritt un-

soll jede Universität, die an dem staatlichen Programm „5-100“ teilnimmt, über eines verfügen. Ziel dieses Programms ist es, die Wettbewerbsfähigkeit russischer Hochschulen im lokalen und glo-

Hochschulen kämpfen darum, tragfähige Verbindungen zur Wirtschaft aufzubauen und Projekte zu vermarkten.

Viele russische Hochschulen begreifen die Zentren für Technologietransfer als eine Quelle großer Profite.

terstützt die Hochschule ihre Erfinder dabei, Investoren für ein Start-up zu akquirieren. Auf diese Weise integrieren die Zentren Hochschulen, Forscher und Unternehmen in den Innovationsprozess. „Investoren für ein Startup zu begeistern ist ein zentrales Ziel des Transfer Centers“, betont Laptew. „Danach gibt die Uni grünes Licht für die Unternehmensgründung und vergibt eine Lizenz an die neu gegründete Firma.“ Seit 15 Jahren gibt es solche Technology Transfer Centers an russischen Hochschulen. Bis 2016

balen Kontext zu steigern. Schließlich kämpfen sie darum, tragfähige Verbindungen zur Wirtschaft aufzubauen und ihre Projekte zu vermarkten.

Theorie und Praxis Gegenwärtig kooperiert die Uraler Föderale Universität mit Siemens und Boeing. Und das Industrial Engineering Center der Sankt Petersburger Polytechnischen Universität arbeitet eng mit BMW und Rolls-Royce zusammen. Die ersten Schritte im Transfer Center seien gänzlich unkompli-

ziert, berichtet Laptew: Ein Wissenschaftler kommt ins TTC, stellt seine Erfindung im Detail vor und erläutert ihr Vermarktungspotenzial. Die TTC-Manager, die über entsprechende fachliche Expertise verfügen, evaluieren das Angebot. „Die Manager sind mit der Wirtschaft direkt vernetzt und können so die Ideen des Entwicklers ansässigen Unternehmen anbieten oder ein Start-up empfehlen. Sie werden zu Vermittlern zwischen Akademikern und Unternehmern und übersetzen die komplexen wissenschaftlichen Vorhaben in eine Sprache, die die Wirtschaftsvertreter sofort verstehen“, erklärt Laptew. Die Zentren tragen dazu bei, klare Vorstellungen von Angebot und Nachfrage in einem spezifischen Bereich zu entwickeln und die Implementierung der Ideen voranzubringen. So war es auch bei Lew Gorilowskij, einem Master-Absolventen im Bereich Innovationsmanagement an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der MSU. Er entwickelte eine Technologie, die nicht-metallische Objekte wie

Trotz zahlreicher TTC-Gründungen an den russischen Hochschulen müssen einige Herausforderungen noch angegangen werden. Die permanente Unterfinanzierung von Ausstattung und Personal ist eine davon. Zudem würden viele Hochschulen die Zentren als eine Quelle großer Profite begreifen. „Doch die Erfahrungen der großen US-amerikanischen Forschungsuniversitäten – MIT, Stanford, Harvard, UC Berkeley – zeigen, dass der Technologietransfer relativ geringe Gelder einfährt. Die Mittel machen nur wenige Prozent des Forschungsetats aus“, klärt Laptew auf. Die Einrichtung einer innovativen und interdisziplinären Infrastruktur, die Wissenschaft und Management, technologische und kreative Plattformen effektiv integriert, macht den Hochschulen in Russland zu schaffen. „Unsere TTCs funktionieren, doch sollten wir lokale statt globale Maßstäbe ansetzen. So gesehen ist es noch zu früh, die Arbeit der Zentren als einen Erfolg zu bezeichnen.“ Hieraus entspringt ein weiteres Problem russischer Hochschulen: Es fehlt ihnen an Mut, in Dimensionen des globalen Innovationsund Technologiewettbewerbs zu denken und zu handeln.

Drittmittel Hochschulen können sich durch die Vermarktung eigener Forschungen finanziell unabhängig machen

Forschungslabors als Goldesel der Universität Universitäten können mit eigenen Forschungen und Labors viel Geld verdienen. Die Nachfrage der Unternehmen ist da. GLEB FEDOROW RBTH

Es war eine zutiefst sozialistische Idee. Die Patrice-Lumumba-Universität der Völkerfreundschaft (RUDN) wurde 1960 in Moskau gegründet, um die Eliten der Länder auszubilden, mit denen die UdSSR befreundet war. Ihr wurde der Name des ersten Ministerpräsidenten der Demokratischen Republik Kongo verliehen. Mittler-

weile hat die Marktwirtschaft längst das Ruder übernommen. „Von den 90 Millionen Euro Jahresbudget kommen gerade einmal ein Drittel vom Staat“, erklärt Wladmir Filippow, Rektor der Universität. Die übrigen Mittel stammten aus anderen Quellen, etwa der Vermarktung von Forschung. Zwar gebe es keine zentrale Stelle, die sich mit der Akquise von Drittmitteln befasse, doch die einzelnen Institute, Labors und Forschungszentren würden diese Aufgabe übernehmen. Die Leiterin des Labors für industrielle pharmazeutische Techno-

logien Julia Obidtschenko erzählt, dass ihr Labor eine Lizenz für die Medikamentenherstellung erhalten habe, mit deutscher Ausrüstung ausgestattet sei und nach innovativen Medikamenten für den Binnenmarkt forsche. Derzeit arbeite es mit einheimischen Produzenten zusammen und plane, in den nächsten ein, zwei Jahren neue Pharmaka auf den Markt zu bringen: „Zurzeit arbeiten wir an zwei eigenen Medikamenten und entwerfen für einen russischen Hersteller ein transdermales Pflaster. Im Labor sind wissenschaftliche Mitarbeiter, Master-Studierende

und Doktoranden beschäftigt.“ Sergej Kornazki ist ein Dozent des Instituts für Pflanzenbau-Genetik und Pflanzenschutz, das 2011 eröffnet wurde. In seinem Labor können Studierende bereits früh Praxiserfahrungen sammeln. „Bei uns sind sowohl Studierende als auch Doktoranden tätig. Studierende werden an das Labor schon im ersten Studienjahr herangeführt. Sie forschen, lernen und sind in der Produktion tätig.“ Der wichtigste Kunde ist der größte Anbauer von Gartenerdbeeren Russlands, Sowchos imeni Lenina, aus der Moskauer Umgebung.

Für diesen Kunden werden am Institut sogenannte Mutterpflanzen gezüchtet, die das Unternehmen zur Setzlingsvermehrung einsetzt. Mehr als 150 Forschungslabors und -zentren umfasst die RUDN. Ein wichtiger Erfolg ist die Ausbildung von Fachleuten für die Luft- und Raumfahrt. Die Universität arbeitet an der Entwicklung der Strategie für Luft- und Raumfahrt in Russland mit. Landesweit hat die Universität nach Angaben von Thomson Reuters die zweitmeisten Patente angemeldet, gefolgt vom russischen Industrieministerium. Mehr hat nur die föderale Agentur für Atomenergie Russlands (Rosatom) zu verzeichnen.


Lifestyle

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de.rbth.com

Craft-Bier ist seit einiger Zeit der neueste Hype in der Moskauer Bar-Szene

Die große, russische Bierrevolution Indie-Biere erobern die russischen Theken – egal, ob importiert oder lokal hergestellt. Doch ein neues Gesetz droht der Bierbegeisterung der Russen den Hahn abzudrehen. SIMON SCHÜTT

Trinkfeste Unternehmer Dennis Salnikow von der Saldens-Brauerei aus Tula erklärt, dass die Hersteller meist wie er Bier-Fanatiker seien und schon mit eigenen Rezepten experimentiert hätten oder aus der Brauerei-Industrie kämen. Er selbst hätte zunächst drei Jahre zu Hause gebraut, bevor er einen Betrieb gefunden habe. Man orientiere sich an englischen, belgischen und deutschen Sorten, heißt es auf der Webseite der Brauerei. Auch die Zutaten stammten teilweise aus diesen Ländern. Viktor, der das erste Mal CraftBier trinkt, muss sich an all die ausgefallenen Geschmacksrichtungen erst noch gewöhnen: „Als

MARK BOJARSKIJ (2)

FÜR RBTH

Aus 39 Hähnen fließt in der Moskauer Bar „HopHead“ Bier. Sie tragen Namen wie „Engel Gold“, „Tribute Extra Kasteel Rouge“ oder „Celebration Stout“, und Rustam hinter dem Tresen schenkt die Flüssigkeiten seinen Kunden in spezielle Gläser ein. Manche davon erinnern an Weingläser, und ja, es gibt auch eine „Bierkarte“, in der die rund 500 angebotenen Sorten in Flaschen oder aus dem Fass aufgelistet sind. Sogenannte „Craft-Biere“ haben Russland erobert. Die Zahl an Bars für Bier-Verkostungen nehmen in Moskau und Sankt Petersburg seit einiger Zeit zu. Das „HopHead“ hat vor etwas über einem Jahr eröffnet, erzählt Manager Rustam, während er ein kleines Glas zum Probieren abfüllt. „Bourgogne des Flandres“: süßlich, leichter Traubengeschmack. Die Biere mit den ausgefallenen Geschmacksrichtungen dürften den Wenigsten bekannt sein. Und genau das macht Craft-Biere aus. Sie werden meist in geringeren Mengen von kleineren Brauereien hergestellt, mit speziellem Blick für Sorten und Rezepte, die sich von denen der Großbrauereien unterscheiden. Bislang kommen sie überwiegend aus dem Ausland. Sie stammen aus Belgien, Tschechien, Deutschland, Schottland oder England. „In Russland ist Craft-Bier erst seit zwei oder drei Jahren populär“, erzählt Kellnerin Xenia. „Allerdings wird russisches Craft-Bier schon seit über fünf Jahren gebraut.“ Eine der ersten Indie-Brauereien in Russland, Vasileostrovskaya, begann bereits 2002 auf der Wassiljewski-Insel im Herzen Sankt Petersburgs als Alternative zum Massenbiermarkt ein ungefi ltertes Lagerbier herzustellen. Und es fand seine Abnehmer. 2004 folgten ein dunkles Bier mit Roggenmalz und einer leichten Karamellnote und seitdem viele weitere Kreationen: Rotes Bier, Weizen, Kirschbier, Coffee Stout, Bier mit Honig und Gewürzen ode r Wacholde rbe e re n u nd Orangenschalen.

Craft-Bier ist eine neue Leidenschaft der Russen. In den Großstädten eröffnen neue Bars und Pubs mit lokalen Sorten.

18 % Wodka

16 % Bier

11 % Tafelwein

9% Schaumwein

Bier, Wein oder doch Wodka? Welches alkoholische Getränk trinken Sie am häufigsten? (Stand März 2014, Daten: Prozentzahl der Befragten). 5 Prozent gaben Kognak, 3 Wein, je 1 Prozent Whiskey, Gin und Likör an. Quelle: fom.ru

nächstes bitte eines, das normal schmeckt“, lautet seine Bestellung im „HopHead“. Er ist durch Zufall in dieser Bar gelandet, genießt aber die Bier-Auswahl. „Mal etwas anderes“, sagt er. Hinter den ausgefallenen Biersorten, deren Vielfalt manchen Besucher überfordert, stehen nicht selten unternehmerische Erfolgsgeschichten. Wie etwa beim Bier der Marke AF. Die Gründer Nikita Filippow, Dmitrij Buldakow und Artjom Koltschukow aus Sankt Petersburg brauten im Sommer 2012 ihr erstes eigenes Bier. Auf den Geschmack gekommen waren sie bei gemeinsamen Geschäftsreisen im Ausland. Die beiden Buchstaben stehen für AntiFactory – denn in großen Fabriken werden ihre Getränke nicht hergestellt. Sie vergeben stattdessen Aufträge an ausgewählte kleine Brauereien. Nach drei Jahren stellen sie nun eigenen Angaben zufolge 20 000 Liter her. Am Anfang hätten viele Klinken geputzt werden müssen, erzählten sie der russischen Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Sie seien ganz klassisch zu Bars und Restaurants gegangen und hätten dort ihre Biere angeboten. Mittlerweile werden ihre Produkte in rund 100 Lokalen und Läden verkauft. Das Geschäft geht recht gut – vor allem in den Bier-Bars, die etwa ein Drittel des Umsatzes generieren: mittlerweile etwa fünf Millionen Rubel (etwa 750 000 Euro) im Monat. Das Geschäft läuft. Noch.

Am Hahn wird leise gedreht Im Moskauer „HopHead“ is wieder ein Fass leer. Es gibt Nachschub. Eine Selbstverständlichkeit, so scheint es. Doch für die Bier-Liebhaber in Russland könnte es in Zukunft zumindest schwieriger und teurer werden, an besonders ausgefallene Biere zu kommen. Denn die Krise und auch die Politik drohen der CraftRevolution den Wind aus den Segeln zu nehmen. An die ausländischen Sorten komme man derzeit nicht immer, sagt Rustam bedauernd. Etwa 100 amerikanische und englische Biere seien schlicht nicht geliefert worden. Deutsche Biere seien aber nicht betroffen. Den russischen Klein-Brauereien hingegen wird eine Gesetzesnovelle zur Gefahr. Denn das föderale Gesetz „171“ will die Produktion und das Geschäft mit Alkohol künftig stärker kontrollieren. Eine Software namens „Egais“ sammelt Informationen über Hersteller, Lizenz, Abfülldatum und weitere Angaben zu jeder Flasche Alkohol. So soll der Handel mit illegalem Alkohol eingedämmt und der Verkauf, die Produktion und der Import besser reguliert werden. Für die Kunden bedeutet das mehr Transparenz: Anhand eines QRCodes auf dem Kassenzettel wird die Herkunft ihres Alkohols nachvollziehbar. Bislang waren Klein-Brauereien (weniger als drei Millionen Liter im Jahr) von den Auflagen befreit.

Mit dem neuen Gesetz unterliegen sie jedoch ab dem 1. Januar 2016 ebenfalls der Überwachung durch „Egais“. In großen Betrieben werden die nötigen Informationen über automatisierte Zähler an die Behörden weitergeleitet. Wie das in den Craft-Bier-Brauereien gehen soll, ist unklar. Es muss wohl per Hand dokumentiert werden. Der Verband für kleinere und mittlere Unternehmen in Russland, Opora Rossii, schätzt die Kosten für die Installation von „Egais“ auf durchschnittlich rund eine Million Rubel (rund 14 000 Euro) pro Unternehmen. Für die kleinen Craft-Brauer ist das ein schwerer Schlag, schließlich fehlt ihnen oft das Geld. Laut der russischen Alkoholaufsichtsbehörde machen kleine Brauereien rund zehn Prozent des Brauereimarktes aus. Offiziell gibt es rund 650 Betriebe. Viele der CraftBrauereien arbeiteten jedoch in der Schattenwirtschaft und deklarierten statt den tatsächlichen Tonnen nur wenige Liter, bemerkt Michail Koslow, der Eigentümer der Craft-Bier-Bar „2X12“. Ab dem 1. Januar ist daher wohl mit zunehmenden Kontrollen der Behörden bei den Bier-Handwerkern zu rechnen. Verstöße sollen mit bis zu 3 000 Euro bestraft werden. Dann sind die russischen Hähne im „HopHead“ vielleicht zu. Simon Schütt ist Chefredakteur von Ostexperte.de, einem Blog für das Russlandgeschäft.


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Gastronomie

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Gourmetführer für Fleisch liebende Besucher der russischen Hauptstadt

Exquisit aus der Provinz: Moskau medium rare ALEXANDER MOSKOWKIN RBTH

Russlands Kühe wurden einst vor allem für die Milchproduktion gezüchtet. Doch mit dem Wirtschaftsboom der Nullerjahre kam der Steak-Trend nach Moskau und mit ihm der Wunsch nach einheimischen Rindfleisch. Investoren ließen ganze Herden aus Übersee importieren. Das zahlt sich nun aus. Seit dem Importverbot sind Restaurants auf heimische Produkte angewiesen. RBTH hat die fünf besten Grillrestaurants unter die Lupe genommen.

Beefbar Das Original gibt es bereits in Berlin, Monte-Carlo und Mexicó. In Kooperation mit dem russischen „Restaurant-Syndikat“ steht nun also auch eines im Moskauer Stadtzentrum an der Prachtstraße Pretschistenka. Hier hat man die Qual der Wahl zwischen Fleischgerich-

ten aus aller Welt und kann dabei den Blick auf die Moskwa genießen. Alle Details sind durchdacht – von der großartigen Weinkarte bis hin zu den speziell zusammengestellten afrikanischen Zutaten, mit denen das in den legendären Hightech-Öfen des Riccardo Giraudi zubereitete Rindfleisch abgeschmeckt wird.

Bison Diese Kette von fünf über ganz Moskau verteilten Restaurants ist für alternative Steaks wie das Flat Iron oder Machete bekannt; wer will, bekommt hier aber auch ein klassisches New-York-Steak. Die Gründer des Bison legen großen Wert auf ein etwas raues, aber de n noch e d le s I mage i h re r Restaurants. Alle Fleischgerichte haben Spitzenqualität. Besonders hervorzuheben aber ist das Rib-Eye-Steak aus russischem Rindfleisch und das Royal-Deer-Rib-Eye-Steak vom Hirsch. Diese Spezialitäten sind ohne Vergleich. Dazu empfiehlt sich ein Glas russischen Terroir de Gai-Kodzor der Sorten Mourvèdre, Petite Sirah, Grenache und Malbec.

El Gaucho Vielleicht die beste SteakhouseKette in Moskau (drei Restaurants innerhalb des Gartenrings) mit kulinarischem Akzent auf argentinischem Fleisch und lateinamerikanischer Küche. Mit seiner lockeren Atmosphäre und sehr schnellen Bedienung ist es wunderbar geeignet für große Gesellschaften. Wir empfehlen Chateaubriand von neuseeländischem Rinderfi let an Spargel und Cherrytomaten. In Moskau gelingt ein solches Steak wohl nirgends besser als im El Gaucho.

T-Bone Ein universales Steakhouse-Restaurant für alle Lebenslagen, mit drei Lokalen in Moskau. Auch wenn das T-Bone in erster Linie Steaks anbietet, sind die Lammgerichte am besten, insbesondere das Lammbein und das Lammkarree, die hier in unübertroffener Qualität serviert werden. Die Steaks können sich aber ebenfalls sehen lassen. Mit dem von Miratorg gelieferten Rindfleisch aus dem russischen Brjansk kommt man bestens aus. Begnügen Sie sich nicht mit einem New-York-

SHUTTERSTOCK/LEGION-MEDIA

Die Sanktionen machen sich auch in den Fleischrestaurants bemerkbar: Gourmets haben nun gute Chancen, in Moskau russisches Rindfleisch in Spitzenqualität zu genießen.

Strip-Steak oder einem klassischen Rib-Eye-Steak: Bringen Sie viel Appetit mit und gönnen Sie sich ein Cowboy-Steak, das durch seine Größe besticht – 700 Gramm Fleisch aus Getreidemast werden Sie nicht bereuen.

Woronesch Das neue Restaurant des berühmten russischen Rechtsanwalts Alexander Rappoport, der mittlerweile zu den erfolgreichsten Restaurantbetreibern Moskaus zählt, ist ein Must-visit für Fleischliebhaber, die gerade in Moskau unterwegs sind. Besucher müssen mittlerweile eine Woche im Voraus reservieren. Anders bekommt man im Woronesch keinen Tisch mehr. Das Lokal präsentiert sich als „Küche der russischen Pro-

vinz“ mit Akzent auf russischen Traditionen und russischer Kultur. Seine Räume erstrecken sich über die erste und zweite Etage einer Stadtvilla in der Pretschistenka. Hier gibt es alles: von Cheeseburgern und Kohlrouladen mit Kalbsfleisch bis zu geschmortem Lammhals und Ossobuco. Ein Tipp: Wählen Sie die Gerichte, die die meisten Fragen aufwerfen. Beschränken Sie sich nicht auf Steaks, kosten Sie lieber Rippchen mit Wacholderbeeren oder in marinierten Orangen aus Rindfleisch von Woronescher Bauern. Lassen Sie sich auch die Vorspeisen in der ersten Etage nicht entgehen, zum Beispiel gebackene Markknochen oder eingelegte Zunge. Denn das fi nden Sie außerhalb Moskaus nirgends.

Diese Grafik wurde erstellt mit Unterstützung des Departments für multikulturelle Politik, interregionale Zusammenarbeit und Tourismus der Stadt Moskau.

T R AV E L 2 M O S C O W. C O M

Der russische Rubel ist im Vergleich zum Euro-Wechselkurs vor zwölf Monaten um 26 Prozent eingebrochen. Viele Produkte und Dienstleistungen wurden dadurch für ausländische Gäste günstiger.

Restaurants / Durchschnittsrechnung Moskau war schon immer ein begehrtes Ziel für Feinschmecker. Die Meisterwerke der Chefköche sind 2015 günstig zu haben.

Taxi Der Durchschnittspreis für eine Fahrt Flughafen. vom und zum Flughafe

Autovermietung/ Autovermietung/Eine Minute Fahrt gibt es Carsharing in Seit September gib Moskau.

Ausflüge einem englischsprachigen Ein Tour mit eine Reiseführer durch Moskau.

Das BolschoiBolschoi-Theater / durchEintrittspreis schnittlicher E Fast doppelt so günstig wie jedes andere Schauspielhaus weltweit.

Quelle: Föderaler Statistikdienst Russlands (Rosstat), Jones Lang LaSalle Incorporated, 2GIS, Mir Kvartir. Preise sind nach dem Wechselkurs vom 26.10.2015/26.10.2014 berechnet.