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Ein Projekt von RUSSIA BEYOND THE HEADLINES

Eurorussen

Russlandwochen im April

Bernsteinmann

LORI/LEGION MEDIA

Kaliningrad hofft auf die Ein Russlandevent jagt den anderen in Berlin. Doch die Nähe zu Europa. Zuschauer bleiben jeweils lieber unter sich.

Alexander Krilow ist ein Meister seines Fachs.

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Russland HEUTE erscheint exklusiv als Beilage in: Für den Inhalt ist ausschließlich die Redaktion von Russia Beyond the Headlines, Moskau, verantwortlich.

Mittwoch, 8. Mai 2013

Mathematik in den Genen

Lernen aus der Tragödie

Ein Amerikaner glaubt an Russland: Seit 20 Jahren mischt Kendrick White im dortigen Business mit. Und sieht bei den zuständigen Beamten jetzt einen „Bewusstseinswandel“. Im ganzen Land entstehen Technoparks, in denen Firmengründer ihr UniWissen in innovative Unternehmen verwandeln. Der IDEA-Technopark in Kasan zieht dazu noch internationale Unternehmen wie Siemens an. An den Chancen der Russen im technischen Bereich zweifelt White trotz des postsowjetischen „Braindrains“ nicht: „Mathematik ist in ihrem genetischen Code verankert.“ SEITEN 4 UND 5

WLADIMIR ANOSOW

INTERNETPORTAL RUSSLAND-HEUTE.DE

Vettel und „Hungry Heidi“ in Sotschi Die Explosion zweier Bomben auf dem Boston-Marathon hat die Amerikaner aufgeschreckt. Das Land sucht nach Erklärungen, wie es dazu kommen konnte, dass zwei junge Männer, die lange in den USA gelebt hatten,

plötzlich ihren Hass gegen die eigenen Bürger richteten. Russische Experten sind weniger verwundert, dass Amerikaner zu den Zielen von Terroristen aus dem Kaukasus gehören.

RUSSLAND-HEUTE.DE/23339

Die „Russifizierung“ Europas schreitet rasant voran

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RUSSLAND-HEUTE.DE/23211


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Politik

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MEINUNG

Terror Auch Amerika gehört nun zur Zielscheibe von Terroristen aus dem Kaukasus

Russen in Berlin Moritz Gathmann JOURNALIST

W

REUTERS

US-Geheimdienste haben die Spur nicht verfogt Die zwei führenden russischen Geheimdienstexperten über die Folgen des Bombenanschlags in Boston. ANDREJ SOLDATOW, IRINA BOROGAN JESCHEDNJEWNYJ SCHURNAL

2010 sprachen die US-Geheimdienste erstmals davon, dass die Terrorgefahr von innen größer sei als von außen. Ihr Augenmerk richtete sich fortan auf Personen, die keine eindeutigen Kontakte mit Terrororganisationen pflegen, sich aber von im Internet kursierenden Ideen inspirieren lassen. Sie wendeten große Ressourcen für die Überwachung des Internets auf. 2012 nahm das FBI ein Programm in Betrieb, das in allen frei zugänglichen Bereichen der sozialen Netzwerke Informationen sammeln und Bedrohungen identifizieren soll. Dabei werden, so das FBI, Instrumente für die Geolokation verwendet und zudem nach vorgegebenen Schlagwörtern gesucht wie „Bombe“, „weißes Pulver“, „verdächtige Tasche“. Daneben überwacht auch das Ministerium für innere Sicherheit Facebook, Twitter, YouTube und zahlreiche Blogs. Letztes Jahr hat es ein Programm zum Monitoring sozialer Netzwerke gestartet, das laut Experten noch effizienter arbeitet als das Pendant des FBI. Sein Katalog besteht aus 380 Schlagwörtern, darunter neben „Terrorgefahr“, „Dschihad“ oder „Verschwörung“ auch „Wetter“ oder „Cyber-Sicherheit“. Besucht man das YouTube-Profil von Tamerlan Zarnajew, einem der Täter von Boston, ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass es das Interesse der amerikanischen

Geheimdienste hätte wecken müssen. Es gibt dort eine Seite mit Liedern des tschetschenischen Liedermachers Timur Muzurajew, darunter „Wir widmen unser Leben dem Dschihad“. Viele dieser Lieder sind von russischen Gerichten als extremistisch eingestuft worden. Auf sein Profil hat Zarnajew auch den „Appell an die Freischärler“ von Amir Rabbanikaly Abu Dudschan hochgeladen. Er ist der Anführer einer bekannten dagestanischen Gruppe von Untergrundkämpfern, die Vi-

Zarnajews YouTubeProfil hätte das Interesse der amerikanischen Geheimdienste wecken müssen. deos ihrer Operationen regulär im Internet veröffentlicht. Sein YouTube-Profil hatte Zarnajew im Sommer 2012 eröffnet, seinen letzten Clip lud er vor zwei Monaten hoch. Die Zeit für einen zumindest oberflächlichen Scan wäre somit vorhanden gewesen. Es ist nun gut möglich, dass die US-Geheimdienste ihre bisherige Strategie der Zusammenarbeit mit den russischen Kollegen überdenken. Jahrelang waren sich die Terrorismusspezialisten einig, dass US-Bürger nicht Ziel von Terroristen aus dem Kaukasus seien, und die Geheimdienste richteten sich danach. Zwischen Russland und den USA gab es nie eine enge Zusammenarbeit in Sachen Terrorismusbekämpfung. Zwar wurde 2004 mit viel Getöse ein Memorandum über

die Zusammenarbeit zwischen FBI und FSB unterzeichnet, de facto beschränkte sie sich jedoch auf eine einzige gemeinsame Operation, die sich als Provokation entpuppte: FSB-Agenten verkauften einem Inder eine nicht funktionstüchtige Rakete russischer Bauart, wonach verdeckte FBIAgenten ihm diese abkauften. Im Januar erklärte das russische Außenministerium, dass das russisch-amerikanische Abkommen über die polizeiliche Zusammenarbeit nicht mehr in Kraft sei. Die Amerikaner werden jetzt eine erneute Zusammenarbeit mit Russland aus pragmatischen Gründen schnell ins Lot bringen müssen. Da die USA nun anerkanntermaßen zu den Zielen kaukasischer Terroristen gehören, müssen amerikanische Staatsbürger sowohl in ihrem eigenen Land als auch im Ausland geschützt werden. Die Olympiade in Sotschi ist nicht mehr weit, und die amerikanischen Sportler planen dort einen großen Auftritt. Erfahrungsgemäß wird dies die Lust der USA dämpfen, mit erhobenem Zeigefinger die Menschenrechtslage in Russland zu kritisieren. Die Geschichte hat gezeigt, dass auch Demokratien es mit ihren hehren Prinzipien nicht immer so ernst nehmen, wenn die Jagd auf Terroristen prioritär wird. Wichtige Partner beim Kampf gegen den Terrorismus will man nicht unnötig reizen. Dem war auch so, als diese Partner noch Gaddafi und Mubarak hießen.

Der Anschlag von Boston – die Fakten Am 15. April explodierten zwei Bomben am Zieleinlauf des internationalen Boston-Marathons. Eine Chinesin, eine Amerikanerin und ein achtjähriges Kind aus den USA kamen dabei ums Leben, mehr als 250 weitere Menschen wurden verletzt. Die US-Polizei schrieb Tamerlan Zarnajew (26) und dessen Bruder Dschochar (19) als mutmaßliche Täter zur Fahndung aus. Die beiden stammen aus dem russischen Nordkaukasus. Vier Tage nach dem Anschlag wurde Tamerlan Zarnajew bei einer Verfolgungsjagd erschossen. Sein Bruder Dschochar wurde 15 Stunden später verhaftet und dabei schwer verletzt. Ihm droht im Falle einer Verurteilung die Todesstrafe.

er im April in Berlin weilte, dem schien es zuweilen, als hätte Mc Deutschland die Russenwochen ausgerufen. Den Auftakt machte das PutinInterview in der ARD, nach dem sich Russlandkenner nicht einig wurden, wer mehr Schimpf und Schande verdiene: Interviewer Jörg Schönenborn für sein klägliches Versagen oder Putin für sein zur Schau gestelltes Alphamännchentum. Wer es verpasst hatte, konnte es noch einmal auf der Hannovermesse bewundern, als Putin ob der entblößten Brüste der Femen-Aktivistinnen den Daumen reckte. Aber auch in Putins Abwesenheit gibt Russland uns keine Ruhe. Der ZEIT-Redakteur Jörg Lau hat eine Diskussion angestoßen, deren Gretchenfrage lautet: Ist deutsche Außenpolitik von Werten oder Interessen geleitet? Durchdekliniert wurde die Frage beim öffentlichen Schlagabtausch zwischen Lau und seinem Opponenten Eberhard Sandschneider in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik vor allem an einem Land: dem großen Nachbarn im Osten. In Zeiten von NGO-Durchsuchungen und Prozessen gegen Oppositionelle weht den Beschwichtigern freilich ein kalter Wind ins Gesicht. Ein weitaus wärmerer Wind wehte einige Tage später Unter den Linden durch die Hallen der Deutschen Bank: „Wandel durch wirtschaftliche Zusammenarbeit“ pfiffen da Vertreter von Wintershall und Deutscher Bank sowie russische Investoren vom Podium, Botschafter a. D. ErnstJörg von Studnitz geißelte die deutschen Medien: Das vermittelte Russlandbild entspreche schlicht „nicht der Realität“. Näher heran an die Realität führte die Akademie der Künste am Pariser Platz, indem sie bedeutende Schriftsteller wie Ljudmila Ulitzkaja, Andrej Bi-tow und Sachar Prilepin zum Erzählen einlud. Überall herrscht großer Andrang, wenn’s um Russland geht: Aber es sind immer andere Zuhörer, die bei Wirtschaft, Politik oder Kultur sitzen. Auch mal reinhören, was die anderen so reden – das täte den Diskussionen sicher gut.

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Spezial

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WIRTSCHAFT INNOVATION MIT SONDERWIRTSCHAFTSZONEN UND TECHNOPARKS WILL DER KREML DAS LAND MODERNISIEREN

VON DER ATOMBOMBE ZUM APPLE STORE Wie kommt Russland von der „Öl- und Gasnadel“ los? Eine Antwort darauf sollen die übers Land verteilten Technoparks sein. Aber nicht überall ist auch drin, was draufsteht.

Herausforderung nach Russland gekommen. Seit 20 Jahren unterstützt er unternehmerische Initiativen, horizontale Integration und Start-up-Finanzierung für Hightechunternehmen in Russlands Regionen.

ARTJOM SAGORODNOW RUSSLAND HEUTE

Ein reiches Wissenschaftserbe

Es war früher undenkbar, dass Kendrick White dort sein würde, wo er heute ist. Nischnij Nowgorod, Russlands fünftgrößte Stadt, liegt 450 Kilometer östlich von Moskau und war während des Kalten Krieges eine für Ausländer geschlossene Stadt. Denn hier befand sich ein Zentrum geheimer wissenschaftlicher Forschung. Es war ein virtuelles Gefängnis für berühmte sowjetische Wissenschaftler wie Andrej Sacharow, Nobelpreisträger und Vater der russischen Atombombe. Nun schafft Mr. White eben dort, wo Sacharow sich abplagte, um das Land in ein riesiges Atomkraftwerk zu verwandeln, die Grundlage dafür, dass eines Tages hier die russischen Versionen von Apple, Google oder Facebook entstehen. Moskau hat vor, die Gegend in eine Art russisches Silicon Valley zu verwandeln. Der Plan sieht vor, Investoren eine Reihe von Anreizen zu bieten – von Steuervergünstigungen bis hin zu preisgünstigen Büroräumen und Wohnmöglichkeiten.

„Als Unternehmer war ich immer an der Vermarktung von Wissenschaft und Technik interessiert“, erläutert er. „Mathematik, die Sprache der Wissenschaft, ist im genetischen Code der Russen verankert – deshalb ist hier der logische Platz für mich.“

Hightech in der Region Kendrick White ist Geschäftsführer der Firma Marchmont Capital Partners, die er vor acht Jahren in Florida gründete, nachdem er vorher bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, der Unternehmensberatung PwC und als Privatisierungsberater in Nischnij Nowgorod gearbeitet hatte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war er auf der Suche nach einer neuen

Die Beamten beginnen nun zu verstehen, dass alles Teil eines umfassenden Ökosystems sein muss. „Mathematik, die Sprache der Wissenschaft, ist im genetischen Code der Russen verankert.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die sowjetische Regierung großzügige Finanzierungen für die nationale Forschung zur Verfügung. Damals entstanden im ganzen Land geschlossene Städte wie Los Alamos in den USA. Aber während die USA in den letzten zwei Jahrzehnten eine ganze Reihe von Unternehmern hatten, um die Früchte der staatlichen Initiativen zu ernten, sprich die staatlich finanzierte Forschung zu vermarkten, zögerte man in Russland damit. Nach dem Ende des Kalten Krieges öffneten sich viele der geschlossenen Städte, und die Finanzierung wurde eingestellt. Aber niemand füllte den Raum

zwischen Wissenschaft und freiem Markt. In den letzten fünf Jahren jedoch sind Sonderwirtschaftszonen, Technoparks und Gründerzentren entstanden, die darauf abzielen, Russlands wissenschaftliches Potenzial zu nutzen. „Es gibt zurzeit über 90 Technoparks und Sonderwirtschaftszonen, die unterschiedliche Steuervergünstigungen und bezahlbare Büroräume anbieten“, erzählt White.

Paradebeispiel Kasan „Mehr als die Hälfte von ihnen sind wahrscheinlich uneffektiv, weil die föderalen und kommunalen Beamten die Angelegenheit häufig wie ein riesiges Immobilienentwicklungsprojekt angehen, ohne sich darum zu kümmern, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wissenschaftlern, Unternehmern, Business Angels und Risikokapital aufzubauen.“ Der ausgedehnte IDEA-Technopark in Kasan (800 Kilometer östlich von Moskau an der Wolga) wurde 2004 auf dem Gelände eines verlassenen Rüstungsbetriebs mit dem Ziel errichtet, Hightechunternehmen anzuziehen. Indem er zwei grundlegende Anreize bot – billige Mieten und kompetente Unternehmensberatung – gelang es, innerhalb von nur drei Jahren genügend Unternehmen anzusiedeln, um finanziell unabhängig zu sein. Seit 2007 entrichten die Firmen genügend Steuern an die kommunalen Kassen und können auf diese Weise das Startkapital zurückzahlen. „Schon die ganzen letzten Jahre sind wir nicht mehr auf die Unterstützung aus der Region angewiesen, was für uns sehr wichtig ist“, sagt Sergej Juschko, Generaldirektor des IDEA-Technoparks [siehe Interview auf S. 5]. „Unsere Erfahrung zeigt, dass

ZAHLEN

1,3 Milliarden US-Dollar haben die Residents der russischen Technoparks seit der ersten Gründung im Jahr 2006 verdient.

17 Sonderwirtschaftszonen gibt es heute. Sechs decken den Bereich Industrie ab, fünf den Bereich Technologie, vier den Tourismus, zwei sind Häfen.

3,6 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen haben die Sonderwirtschaftszonen seit ihrer Gründung im Jahr 2006 akquiriert.

88 Technoparks sind über 36 russische Regionen verteilt. Hier wird in den verschiedensten Bereichen geforscht und entwickelt – von Chemie über Quantenmechanik bis IT.

Technoparks ein lebensfähiges Modell für die wirtschaftliche Entwicklung Russlands sind.“ Juschko erklärt, dass die meisten Firmen Ingenieursdienstleister, Software- oder Webdesignunternehmen sind.

Entwicklung ohne Fabrik Eine solche Firma ist Smarthead, die Premiumkunden wie Honda und L’Oreal betreut. Nach drei Jahren haben die „Absolventen“ von IDEA die Wahl, den Technopark zu verlassen und ohne größere Schwierigkeiten selbstständig Kapital aufzunehmen, um Büroräume zu erwerben, oder sie ziehen in das angegliederte Gewerbegebiet um, in dem die Miete nicht mehr subventioniert ist. Dort zählen die Forschungs- und Entwicklungsniederlassungen internationaler Player wie General Electric und Siemens zu den Nachbarn. „Die ausländischen Unternehmen kommen in erster Linie wegen des ausgezeichneten Fachpersonals hierher“, erklärt Juschko. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir hier in Russland keine Fabriken benötigen“, sagt er. „Produzieren kann man schließlich auch dort, wo es billige Arbeitskräfte gibt. Unsere Stärke sind Menschen mit Ideen.“ Kendrick White glaubt, dass die Milliardeninvestitionen der Regierung in die Sonderwirtschaftszonen und Technoparks sich mittlerweile auszahlen. „Sie beginnen, sich dem eigentlichen Problem zu nähern – wie man den Zustrom


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NATALIJA MICHAJLENKO

neuer Firmen sichert und die wissenschaftlichen Ergebnisse erfolgreich vermarktet.“

Überraschung im Apple Store „Die nächsten fünf Jahre werden eine aufregende Zeit, weil die zuständigen Beamten nun verstanden haben, dass alles Teil eines umfassenden Ökosystems sein muss“, sagt er. „Zusätzlich zum Aufbau der Infrastruktur in den Technoparks ist es ebenso wichtig, Kontakte zu Wissenschaftlern der nahe gelegenen Universitäten zu knüpfen und Management-Trainingsprogramme anzubieten.“ „Spieleentwicklung und das Outsourcen von Programmierung sind die ersten Anzeichen von Russlands aufsteigendem Hightechsektor gewesen, weil diese nicht viel Geld brauchen, um realisiert zu werden“, sagt White. Allerdings glaubt er mehr an Projekte in der

Mikroelektronik, Medizin, Nanotechnologie, Chemie, Raumfahrt und Quantenmechanik, nach denen in den kommenden Jahren eine wesentlich größere Nachfrage entstehen werde. „Wenn Sie in einen Apple Store gehen, werden Sie entdecken, dass eine überraschend große Zahl der dortigen Top-100-Produkte aus Russland kommt“, sagt Pekka Viljakainen, Berater der Moskauer Skolkowo-Stiftung. „Aber die meisten haben ihre Büros in Kalifornien und verbergen ihren russischen Ursprung.“ Kendrick White verfolgt auch mit Interesse den Kusbass-Technopark in Sibiriens Kohlenregion Kemerowo, in dem Wissenschaftler auf Kohle basierende Sorptionsmittel zum Binden von Ölrückständen entwickeln, sowie das PharmaCluster in Obninsk bei Moskau, wo innovative medizinische Konzepte ausgearbeitet werden.

Russlands Sonderwirtschaftszonen existieren in dieser Form erst seit 2005. Heute sind dort 57 ausländische Unternehmen aus 21 Ländern angesiedelt. Im Jahr 2012 kamen sechs US-Firmen dazu. Von diesen investierte General Motors alleine 180 Millionen US-Dollar, 3M 30 Millionen und Armstrong (Baumaterialien) 75,4 Millionen US-Dollar. 3M zahlt in den ersten fünf Jahren zwei statt der üblichen 20 Prozent Gewinnsteuer. Außerdem ist das Unternehmen von der Mehrwertsteuer sowie Einfuhrzöllen auf Teile und Ausrüstungen befreit und kann die Elektrizität kostenlos nutzen. Die Sonderwirtschaftszonen haben in den letzten sieben Jahren 3,6 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen akquiriert. Sie haben beim Einreichen von 350 Patenten mitgewirkt, ihr Tätigkeitsfeld auf die Industrieproduktion, den Tourismus und die Frachtschifffahrt ausgedehnt und Firmen wie Boeing und Apple angezogen. Alle Residenten müssen über ein Aufsichtsgremium und das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung akkreditiert werden. Das Verfahren wurde jüngst vereinfacht, denn Russland hat sich das ehrgeizige Ziel gesteckt, bis 2018 auf Platz 20 des Doing-Business-Ranking der Weltbank vorzurücken.

INFO

NÜTZLICHE KONTAKTE – Skolkowo, das staatlich geförderte Innovationszentrum bei Moskau www.sk.ru/en – Russische Sonderwirtschaftszonen eng.russez.ru – Marchmont Innovation News, englischsprachige Informationsquelle zu russischen Technoparks www.marchmontnews.com – Rusnano, der staatliche Gigant auf dem Gebiet der Nanotechnologie www.rusnano.com – Vereinigung der Technoparks www.nptechnopark.ru (auf Russisch)

IM GESPRÄCH

Technoparks machen wissenschaftliche Ressourcen zugänglich Sergej Juschko, Direktor des IDEA-Technoparks in Kasan, spricht über die Möglichkeiten für internationale und kleinere Unternehmen. Was bieten die Technoparks internationalen Investoren? Um ihre führenden Positionen behaupten zu können, müssen Großkonzerne wie Siemens und Honeywell Forschung und Entwicklung in einem breiten Spektrum betreiben und die neuesten Ergebnisse umsetzen. Diese Prozesse unternehmensintern durchzuführen, wäre teuer und ineffizient – sie werden daher ausgelagert. Hier kommen die Technoparks ins Spiel. Aber warum sollen die Konzerne gerade nach Russland gehen? Russland ist mit seinen großen wissenschaftlichen Ressourcen ein attraktiver Standort für den Aufbau von Netzwerken mit Experten praktisch jeglichen Profils – von der Flüssigkeitsdynamik bis zu chemischen Prozessen. Bindeglieder zwischen Universitäten und international agierenden Unternehmen sind Technoparks wie IDEA, die eine ideale Plattform für die Interaktion zwischen Großkonzernen und kleineren Unternehmen darstellen. Fast alle Technoparks bieten eine Art subventionierter Infrastruktur und vergünstigte Mietbedingungen für kleine Unternehmen, aber die weltweiten Marktführer brauchen vor allem eins – Begabungen. Technoparks ziehen die besten Absolventen lokaler Universitäten an. Sie bieten ihnen attraktive Konditionen für die Gründung einer eigenen Firma.

PRESSEBILD

Weniger Steuern für Investoren

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Können Sie ein Beispiel für eine Kooperation mit einem großen Konzern anführen? Siemens fertigt Messgeräte für Russlands größtes Unternehmen Gazprom. Jetzt geht es darum, die Produkte und Lösungen von Siemens an die russischen Witterungsverhältnisse anzupassen. Und schließlich müssen die Messgeräte zertifiziert werden. An diesen Schnittstellen erfüllen die im Technopark IDEA ansässigen kleinen Unternehmen eine ungemein wichtige Funktion für Siemens in Russland. Welche russischen Technoparks sind für Investoren besonders attraktiv? Investoren sollten nach Technoparks Ausschau halten, die den neuesten europäischen BIC-Standards entsprechen wie IDEA in Kasan und das KrasnojarskGründerzentrum in Sibirien. Auch Skolkowo ist dabei, diesen Standard zu implementieren. Die Rentabilität des Technoparks und eine wenn überhaupt geringe staatliche Beteiligung sprechen ebenfalls für seine Lebendigkeit.


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Die Stadt

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Kaliningrad Die Bewohner der Exklave nennen ihre Stadt „König“ und kennen Europa besser als Russland Das kunsthandwerkliche Einkaufszentrum Ribnaja Derewnja (Fischdorf) am Pregel

Das wahre Fenster nach Europa ALAMY/LEGION MEDIA

Weithin bekannt als „Fenster nach Europa“ ist St. Petersburg. Diese Rolle würde gerne Kaliningrad übernehmen und hofft dabei auf die Fußball-WM 2018. ALEC LUHN THE MOSCOW TIMES

In Kaliningrad ist man nicht nur stolz auf die „deutsche“ Geschichte, sondern auch auf den „Inselstatus“, den die Bewohner genießen. Die russische Exklave ist

durch Litauen und Lettland vom restlichen Russland abgetrennt. Aufgrund der Nähe zu Westeuropa sind Kaliningrader mit ihren Nachbarländern oft vertrauter als mit ihrem Heimatland. „Es ist einfacher, nach Polen, Litauen oder in andere EU-Länder zu reisen als nach Moskau oder St. Petersburg“, erklärt die 22-jährige Natalja Botscharowa. „Viele fahren nach Polen, um Lebensmittel oder Kleider zu kaufen.“

Vor einigen Jahrzehnten war Kaliningrad noch die deutsche Stadt Königsberg, die seit der Gründung des Deutschordensstaats im 13. Jahrhundert preußisches Machtzentrum war. Heute findet sich dieser historische Aspekt im Alltag wieder, wenn junge Kaliningrader ihre Stadt liebevoll als „König“ bezeichnen.

Nähe zu Europa als Chance Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das damalige Ostpreußen mit dem Potsdamer Abkommen zwischen Polen und der Sowjetunion aufgeteilt. Königsberg ging an die Sowjets, die deutschen und litauischen Hauptstädter, die nicht vor der Roten Armee geflohen waren, wurden deportiert und durch russische Siedler ersetzt. Die Stadt bekam zu Ehren des Kommunisten Michail Kalinin ihren neuen Namen und wurde zu einem Hauptstützpunkt der sowjetischen Marine. Für Ausländer war sie fortan gesperrt. Kaliningrads geografische Nähe zu Westeuropa ist auch wirtschaftlich von Bedeutung. Für ausländische Firmen ist es ein günstiger Ort, um in den russischen Markt einzusteigen. „Das Gebiet Kalining rad ist von EU-Staaten umgeben, logistisch hat dies für ausländische Investoren große Vorteile“, meint Oleg Skwortsow von der Vereinigung ausländischer Investoren.

Cognac „Alt-Köngisberg“

trieben, so in der Bernsteinmine der Küstenstadt Jantar. Besucher können bei Straßenhändlern oder in Geschäften für ein paar hundert Rubel Schmuckstücke aus dem fossilen Baumharz kaufen. Zusätzlich zum Handel setzt die Stadt auf Tourismus, allerdings ist das eher kühle Klima ein Hindernis für die ehrgeizigen Pläne, die Badekultur an der Ostsee weiter auszubauen. Doch die Kali-

1946 wurde Königsberg zu Ehren von Michail Kalinin umbenannt und war fortan für Ausländer nicht mehr zugänglich. Heutzutage findet sich die Geschichte im Alltag wieder, wenn junge Kaliningrader ihre Stadt liebevoll „König“ nennen. ningrader sehen das Potenzial, dass ihre Stadt zu einer Oase für Gesundheitstouristen wird nach dem Vorbild Baden-Baden. Das geplante Casino passt da gut ins Bild. „Unser Klima ist nicht eben anziehend, doch wir können Touristen Heilschlamm zu Therapiezwecken und Thermalwasser bieten“, sagt Wjatscheslaw Genne, Architekt und ehemaliger Verwaltungschef des Küstenbezirks Swetlogorsk. Kaliningrad wäre in der Lage, seine Besucherzahl von 400 000 auf zwei Millionen pro Jahr zu erhöhen. Momentan würde die Qualität der Infrastruktur jedoch noch viele Touristen enttäuschen, gibt Sergej Karnauchow, ehemaliger Vizegou-

verneur von Kaliningrad, zu bedenken. Immerhin gibt es aber mit Radisson und Ibis seit Kurzem Hotels auf internationalem Niveau.

Der Dom – ein Symbol der Wiederauferstehung In dem im Krieg ausgebombten Zentrum sind noch vereinzelt Bauten aus der Zeit vor dem Einmarsch der Sowjets erhalten. Einen Stadtrundgang kann man beim Königstor beginnen, auf dem drei Statuen thronen, die an die „Urväter“ der Stadt erinnern: Ottokar II. von Böhmen, der die Stadt 1255 gründete, Friedrich I., erster König von Preußen, und Herzog Albrecht von Preußen. Von dort aus kann man sich auf den Weg zur Kant-Insel in dem die Stadt durchziehenden Fluss Pregel machen. Am westlichen Ende der Insel steht der jüngst restaurierte Königsberger Dom aus dem 14. Jahrhundert. Vor wenigen Jahren wurde auch die Orgel wiederhergerichtet – es lohnt sich sehr, einen Blick auf die Homepage des Doms zu werfen, um zu erfahren, was gerade gespielt wird (sobor-kaliningrad.ru). Beim Spaziergang entlang der Dommauer stößt man auf das Grab von Immanuel Kant. Der Philosoph, berühmtester Sohn der Stadt, wurde hier 1804 begraben. Während seiner wechselvollen Geschichte wurden in Königsberg zahlreiche Festungen gebaut. Das Fort Nr. 5 – Friedrich Wilhelm III. beherbergt eine Gedenkstätte für die Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg bei der Erstürmung der Stadt durch die Rote Armee ums Leben kamen. Doch auch diese hatte schwere Verluste zu beklagen: Allein bei dem Sturm auf das Verteidigungsfort starben 5000 sowjetische Soldaten.

LORI/LEGION MEDIA

Obwohl in Kaliningrad die Arbeitslosenquote höher ist als in anderen Regionen Russlands, glaubt Skwortsow, dass die Lage und der Status als steuergünstige Sonderwirtschaftszone das Wirtschaftswachstum ankurbeln könnten. Zudem ist Kaliningrad einer der Austragungsorte der Fußball-WM 2018. Ein 155 Hektar großer neuer Stadtteil soll dafür rund um das Stadion entstehen mit Sportstätten, Spa-Hotels, Wohnungen und Parkanlagen. In Russland ist Kaliningrad bekannt für sein Marzipan, Sprotten und einen Cognac namens „Alt-Königsberg“. Doch das eigentliche Wahrzeichen ist Bernstein. Geschätzte 90 Prozent der weltweit abbaubaren Vorkommen liegen hier. Bernsteinfischen ist nicht nur ein Handwerk und eine beliebte Beschäftigung, sondern wird auch industriell be- Der Dom auf der Kneiphof-Insel brannte im Zweiten Weltkrieg aus.


Porträt

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Kunst Ein Petersburger Künstler über die Anziehungskraft des begehrten Steins aus fossilem Harz

Der Traum des Bernsteinmanns Das Bernsteinzimmer war sein Lebenswerk, aber Alexander Krilow ist noch lange nicht am Ende. Sein großer Traum ist eine komplette Ikonostase aus Bernstein. PAULINE TILLMANN FÜR RUSSLAND HEUTE

Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein orthodoxer Priester. Alexander Krilow trägt seine braunen Haare nach hinten zusammengebunden, im Gesicht sprießt ein gepflegter Vollbart. Im September wird er 60, dann bekommt er 100 Euro Rente im Monat. Davon kann er aber nicht leben, deshalb wird er weiterarbeiten. Arbeit ist der Motor, der Sinn seines Lebens. Sein Assistent Dennis Fedotow nennt ihn einen Workaholic: „Vielleicht muss das auch so sein, denn wenn man in seinem Leben wirklich etwas erreichen will, muss man hart arbeiten.“

PAULINE TILLMANN (5)

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24 Jahre Bernsteinzimmer Alexander Krilow hat in seinem Leben schon vieles erreicht. Sein Lebenswerk ist nichts Geringeres als das Bernsteinzimmer im Katharinenpalast im Petersburger Vorort Puschkin. 24 Jahre hat er daran gearbeitet. Am Schluss waren bis zu 50 Menschen daran beteiligt, aber er war derjenige, der von Anfang bis Ende dabei war. So nennt er heute auf die Frage, ob es etwas gibt, auf das er besonders stolz ist, natürlich das Bernsteinzimmer: „Das ist eine Arbeit, die einfach rundum gelungen ist.“ Das Schwierige an der Rekonstruktion war, dass es nur SchwarzWeiß-Fotos des Originals gab. Man habe mit allem von null anfangen müssen, sagt Krilow. Deshalb habe es so lange gedauert. Zu Anfang hatte er einen peniblen Direktor, der darauf geachtet hat, dass man jeden Tag pünktlich zur Arbeit kommt und erst spät heimgeht. Krilow meint, dieser Direktor sitze ihm immer noch im Nacken. Dabei ist er seit zehn Jahren selbstständig. 2003 wurde das rekonstruierte Bernsteinzimmer feierlich übergeben, danach richtete er sich eine Werkstatt im Zentrum von St. Petersburg ein und stellte Dennis Fedotow als Assistenten an.

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Alexander Krilow hat ein Leben lang mit dem Bernstein gearbeitet.

Die Suche nach dem Bernsteinzimmer

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Warum Russen, Deutsche und Polen den Bernstein lieben? Er ist der einzige Stein, der warm in der Hand liegt.

Der Preis für Bernstein steigt Fedotow stellt bis heute vor allem Schatullen für ausländische Touristen her. Fünf Wochen lang hat er an zwei Schatullen gearbeitet, hat Schiffssegel in die Plättchen eingraviert, sie geschliffen, koloriert und poliert. Wie viel sie am Ende kosten? Bernsteinkünstler Krilow zieht die Augenbrauen nach oben und sagt etwas widerwillig: „Mehr als 1000 Euro das Stück.“

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1. Akribische Gravur in den Stein 2. Frauentorso aus Bernstein 3. Porträt von Peter dem Großen 4. Kunstvolle Bernsteinschatulle

Russland HEUTE: Die deutsche Ausgabe von Russia Beyond the Headlines erscheint als Beilage in der Süddeutschen Zeitung. Für den Inhalt ist ausschließlich die Redaktion von Russia Beyond the Headlines, Moskau, verantwortlich. Rossijskaja Gaseta Verlag, Ul. Prawdy 24 Str. 4, 125993 Moskau, Russische Föderation Tel. +7 495 775-3114 Fax +7 495 988-9213 E-Mail redaktion@ russland-heute.de Herausgeber: Jewgenij Abow, Chefredakteur deutsche Ausgabe: Alexej Karelsky Gastredakteur: Moritz Gathmann Proofreading: Dr. Barbara Münch-Kienast, Redaktionsassistenz: Jekaterina Iwanowa Commercial Director: Julia Golikova, Anzeigen: sales@rbth.ru Artdirector: Andrej Schimarskiy,

Um das Bernsteinzimmer ranken sich bis heute Mythen. In Auftrag gegeben wurde es von Preußenkönig Friedrich I. und befand sich zunächst im Berliner Stadtschloss, nach der Schenkung an Zar Peter den Großen kam es in den Petersburger Katharinenpalast. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs demontierten die Deutschen das Bernsteinzimmer und brachten es nach Königsberg. Seit 1945 gilt es als verschollen, über seinen Verbleib exis-

tieren unzählige Theorien, und sein geschätzter Wert von 150 Millionen Euro lässt Schatzsuchern rund um den Globus keine Ruhe. 1981 wurde die originalgetreue Rekonstruktion des Bernsteinzimmers im Katharinenpalast beschlossen, zum Jahr 2003 – dem 300-jährigen Jubiläum St. Petersburgs – wurde es mit deutscher finanzieller Hilfe fertiggestellt. Maßgeblich daran beteiligt war der Bernsteinkünstler Alexander Krilow.

Seine Kunden, das wird schnell klar, sind Menschen mit viel Geld. Und der Preis von Bernstein steigt. „Preissteigerungen von bis zu 30 Prozent in drei Monaten sind völlig normal“, stöhnt Krilow. Das Material bezieht er fast ausschließlich aus Kaliningrad. Die besondere Beziehung der Russen, Polen und Deutschen zum Bernstein sei seiner Meinung nach ganz einfach zu erklären: „Wir haben schlichtweg nicht genug Sonne. Und da es oft kalt ist, ist es ein angenehmes Gefühl, etwas Warmes in den Händen zu halten. Bernstein ist der einzige Stein, der nicht kalt, sondern warm ist.“ Dabei war Bernstein schon immer ein edles Material, das einst am Zarenhof für wertvolle Geschenke verwendet wurde. Doch mit dem Ende der Zaren verschwanden auch das Wissen und das Hand-

werk der Bernsteinmeister. Der Grund: Es fand sich keiner mehr, der bereit war, dafür zu bezahlen. Alexander Krilow glaubt, dasselbe passiere auch jetzt. Die Begeisterung für das Bernsteinzimmer sei ungebrochen, aber wer die Künstler waren, die so etwas geschaffen haben, dafür interessiere sich keiner.

Wie Butter schneiden Es klingt etwas verbittert, aber Krilow macht keinen resignierten Eindruck. Im Gegenteil, er scheint in der Blütezeit seines Schaffens zu stecken. Als ihn seine Bekannte Julia besuchen kommt, sagt sie: „Am meisten erstaunt mich, wie schnell er das alles macht! Er arbeitet mit Bernstein so, als würde er Butter schneiden.“ Es müsse wohl eine Gabe sein. Wenn man Krilow nach seiner Beziehung zum Bernstein fragt, antwortet er prag-

Produktionsleitung: Milla Domogatskaja, Layout: Maria Oschepkowa Leiter Bildredaktion: Andrej Sajzew, Bildredaktion: Nikolaj Koroljow Druck: Süddeutscher Verlag Zeitungsdruck GmbH, Zamdorferstraße 40, 81677 München Verantwortlich für den Inhalt: Alexej Karelsky, zu erreichen über MBMS, Hauptstraße 41A, 82327 Tutzing Copyright © FGUB Rossijskaja Gaseta, 2013. Alle Rechte vorbehalten Aufsichtsratsvorsitzender: Alexander Gorbenko, Geschäftsführer: Pawel Negojza Chefredakteur: Wladislaw Fronin Alle in Russland HEUTE veröffentlichten Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion

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matisch: „Wenn ich den Bernstein in die Hand nehme, ist das ein Stein – wo soll da bitteschön Romantik sein? Du hast ein Material und daraus machst du etwas anderes.“

Mehr als teure Schatullen Doch im Fall von Krilow ist das andere schon lange nicht mehr nur eine profane Schatulle. In seiner Werkstatt beeindruckt er den Besucher mit einer Miniatur des Bernsteinzimmers. Rechts davon ein Frauentorso, links der Kopf von Peter dem Großen, dazwischen drei monumentale Ikonen – alles aus Bernstein. Er wolle beweisen, dass sich der fossile Stein wunderbar für Skulpturen oder für großformatige Ikonen eigne. Sein großer Traum ist es, irgendwann eine komplette Ikonostase aus Bernstein zu schaffen. Vor der Ikonostase wird in der orthodoxen Kirche Gottesdienst gefeiert, dahinter befindet sich ein Bereich, der für die Gläubigen nicht zugänglich ist. Für eine Ikonostase aus Bernstein bräuchte man locker zehn Jahre. Und sehr, sehr viel Geld. Deshalb ist Krilow auf der Suche nach potenten Sponsoren: „Natürlich kann man sich kleinere Ziele stecken, was ich auch tue, aber eine Ikonostase wäre vom Arbeitsumfang und vom Schwierigkeitsgrad her vergleichbar mit dem Bernsteinzimmer. Genau das reizt mich.“ Zielstrebig sei der 59-jährige Alexander Krilow, sagt sein Assistent, und er erreiche immer, was er sich vorgenommen habe.

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JUNI


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