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Ein Projekt von RUSSIA BEYOND THE HEADLINES

Zu erwarten

Hat das Sagen

Soziologe Gudkow sieht das Land im Wandel.

Warum Krawalle zwischen polnischen und russischen Hooligans wie bei der Fußball-EM nicht auszuschließen sind.

Die Schwester von Michail Prochorow

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ITAR-TASS

PHOTOXPRESS

Mehr wagen

Die deutsche Ausgabe von Russland HEUTE erscheint exklusiv als Beilage in: Für den Inhalt ist ausschließlich die Redaktion von Russia Beyond The Headlines, Moskau, verantwortlich.

Mittwoch, 4. Juli 2012

POINTIERT

Dürer – zusammen gepuzzelt

Russlanddeutsche Brückenschläger Alexej Knelz CHEFREDAKTEUR

ie kann ein Deutscher einen Russen ansprechen, damit dieser ihn auf Anhieb versteht? Und wie kann er die russische Antwort so dechiffrieren, dass er sie sofort korrekt einordnen kann? „Wenn ich meine russische Assistentin bitte, in einer Präsentation auch nur eine Kleinigkeit nachzubessern, ist sie gleich den Tränen nahe“, beichtete mir neulich ein verzweifelter deutscher Manager. Der Mann hatte sämtliche Knigge-Formulierungen durch. Vergebens: Seine Worte gerieten stets ins falsche Ohr. Denn den wohlgemeinten deutschen Rat fasste die russische Assistentin als harsche Kritik auf, sie würde ihren Job schlecht machen. Der Manager hätte einfach sagen müssen: „Ich bin begeistert, wie schön Sie ihren Job machen, aber auf eine Stelle müssen Sie noch mal schauen.“ Wenn die „männliche“ deutsche Mentalität auf die „weibliche“ russische stößt, wird das Einfache stets endlos verkompliziert. Deshalb: Wenn Deutsche und Russen in einer Diskussion – ob in der Wirtschaft, in der Politik oder im Alltag – partout nicht mehr weiterwissen, einfach einen Russlanddeutschen dazwischenschalten. Er kann die Brücke viel besser schlagen, fühlt er sich doch in beiden Mentalitäten zu Hause.

W

ITAR-TASS

Nein, Wladimir Putin und Joachim Gauck kamen nicht wie geplant zur Eröffnung des Deutschlandjahres in Russland nach Moskau. Die beiden haben sich aus vielerlei Gründen wenig zu sagen. Aber das gemeinsame Kul-

Aufgeflogen

turjahr hat auch ohne sie erfolgreich angefangen. Auf dem Bild: der Auftakt auf dem Manegenplatz. Hunderte Moskauer und Touristen setzten mehrere Stunden lang das in 1023 Teile zerlegte „Selbstbildnis im Pelzrock“

von Albrecht Dürer zusammen. Daneben öffnete die Ausstellung „Russen und Deutsche – 1000 Jahre Geschichte und Kultur“ ihre Tore. Sie wird ab dem 5. Oktober in Berlin zu sehen sein.

THEMA DES MONATS

INHALT Energie Russland setzt auf Kernkraft PRESSEBILD

120 Mann aus Moskau fliegen heimlich in die Kaukasusrepublik Kabardino-Balkarien und nehmen mehrere hohe Beamte aus dem Umfeld des Präsidenten unter Korruptionsverdacht fest. Wie der neue Innenminister Kolokolzew sonst noch Flagge zeigt.

Entmüllt das Bewusstsein

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WIRTSCHAFT

Regionen MAN baut LKWs in Petersburg WIRTSCHAFT

Auf neue Gleise © RIA NOVOSTI

Von München bis China per Zug in 23 Tagen? Klingt wenig beeindruckend, aber mit dem Schiff brauchen Güter doppelt so lange. Wie die russische Eisenbahn RZD zusammen mit der EU und der Deutschen Bahn den Korridor EU-China entwickeln will. SEITE 4

RUSSLANDDEUTSCHE AUSGEWANDERT, TOLERIERT, VERTRIEBEN, ZURÜCKGEKEHRT Vielen fällt beim Stichwort „Russlanddeutsche“ wenig Positives ein: Jugendkriminalität, Drogen, Gewalt. Dabei haben jene zweieinhalb Millionen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion über die letzten Jahre große Integrationsfortschritte gemacht. Sagt zumindest der Kriminologe Christian Pfeiffer. Über das Gestern und Heute der Russlanddeutschen. SEITEN 6, 7, 10

Wie es sich anfühlt, im Müll zu versinken, davon können die Bürger des ehemaligen Ostblocks erzählen: Nach Jahrzehnten im Sozialismus lernten sie das Konsumieren im Eilverfahren. Und vergaßen dabei das Recyceln. Die Folge: riesige, oft illegale Müllhalden. Eine russische Initiative will das ganze Land an einem Tag aufräumen – und das Bewusstsein der Menschen verändern. SEITE 8

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Nowgorod Die älteste Stadt des Landes REISEN

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Repino Zu Besuch beim großen Maler FEUILLETON

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Politik

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Kampf gegen Korruption Sondereinheit aus Moskau verhaftet Regierungsbeamte der Republik Kabardino-Balkarien

Innenminister bekämpft Klanwirtschaft im Kaukasus

Interna vertrauter Experte, der nicht genannt werden will. Arsan Kanokow hat die Verhaftungen indes gelassen aufgenommen. Als er erfährt, dass die Aktionen aus Moskau kommen, ordnet er an, mit den Ermittlern zu kooperieren.

Wem nützt die Aktion? In Russland sind derweil Diskussionen darüber entbrannt, wer genau hinter der Operation stehe. Die Ermittler machen deutlich, dass die Anweisungen von höchster Stelle ergangen seien. Und obwohl die Unterschrift des neuen Innenministers Wladimir Kolokolzew nirgendwo auf den Einsatzpapieren stehe, hätte niemand anderes eine derartige Operation einleiten können. Kolokolzews Image kann der aufsehenerregende Fall nur nützlich sein. Doch warum richtete er seinen ersten Schlag ausgerechnet gegen Kabardino-Balkarien, zumal es sich angesichts der alltäglichen Korruption im ganzen Land fast schon um eine belanglose Affäre handelt? „Das ist übliche Praxis: Die lokalen Behörden hatten uns den Fall übergeben, und weil hohe Beamte involviert sind, beschlossen wir von der föderalen Ebene direkt einzugreifen“, erklärt Andrej Piliptschuk, Pressesprecher der Abteilung für Wirtschaftssicherheit im Innenministerium. „Sonst hätten diese Amtspersonen enormen Druck auf die regionalen Untersuchungsbeamten ausüben können.“ Kanokow hingegen behauptet, dass der Druck von Moskau ausgehe: So soll der Leiter der Abteilung für den Kampf gegen Extremismus im russischen Innenministerium ein potenzieller Anwärter auf den Präsidentenposten der Republik sein. In jedem Fall aber ist Kanokow infolge des entfachten Korruptionsskandals ins Wanken geraten. Und das föderale Innenministerium hat in der Partie gegen die republikanischen Klans allem Anschein nach noch ein paar Trümpfe im Ärmel: „Während der Untersuchung zu diesem Fall haben wir die weniger relevanten Affären ausgeblendet. Aber nur vorläufig“, erklärte Pressesprecher Andrej Piliptschuk. Ob noch viele eingeblendet werden können? „Sehr viele. Und wir werden weitermachen.“

Die Nordkaukasusrepublik Kabardino-Balkarien hat den Verwaltungschef, einen Minister und dessen Vize verloren. Hinter dem Paukenschlag steht offenbar der neue Innenminister. MAXIM MARTEMJANOW

Chasukowa soll sich mit diesem Wunsch an die Gattin des Republikpräsidenten gewandt haben. Diese wandte sich an Wladimir Schamborow. Der Verwaltungschef reichte die dubiose Bitte an seinen jüngeren Bruder und Vizeminister für Staatseigentum Ruslan Schamborow weiter, der das Komplott eingefädelt haben soll – nämlich die abbruchreife Philharmonie aus dem Besitz des republikanischen Kulturministeriums an eine private Firma zu überschreiben. Das ebnete den Weg für Chasukowa. Sie erwarb Gebäude und angrenzendes Land für weniger als 30 000 Euro – ohne die in solchen Fällen vorgeschriebene Auktion. Laut Grundbucheintrag ist die Immobilie über 800 000 Euro wert. Die Affäre flog auf, weil die Designerin mit den Beamten am Te-

Hohe Erwartungen an den neuen Mann

Die Erwartungen an den neuen russischen Innenminister Wladimir Kolokolzew sind hoch. Denn sein Vorgänger Raschid Nurgalijew gilt in den Augen der Öffentlichkeit als gescheitert:

lefon verhandelte. Die abgehörten Gespräche sind nun das schwerwiegendste Beweisstück.

Alles in der Hand eines Klans In Kabardino-Balkarien wertet man die Verhaftungen als Schlag gegen den Präsidenten Arsen Kanokow – einen Geschäftsmann, der mehrere Konsumpaläste in

Während seiner acht Jahre im Amt konnte er die Korruption unter den Polizisten nicht eindämmen, und die groß angekündigte Polizeireform blieb ohne sichtbare Folgen. Der 51-jährige Kolokolzew stammt aus einer Arbeiterfamilie und hat sich über die Jahrzehnte hochgearbeitet. Kurz nach seinem Amtsantritt wurde deutlich, dass der Neue nicht weitermachen will wie bisher: Aus dem Innenministerium wurden innerhalb von wenigen Tagen mehrere hohe Beamte entlassen, die für das Scheitern der Polizeireform verantwortlich gemacht werden.

Moskau sowie eine Bank besitzt und die Republik seit sechs Jahren regiert. „Wie schon der große Stratege Alexander Suworow einst sagte: ‚Jeden Quartiermeister, der seinen Posten länger als sechs Monate besetzt, darf man getrost ohne Anklage und Verfahren erschießen‘“, witzelt der Vorsitzen-

de der regierungsunabhängigen Organisation „Adyga-Chasse“ Ibrahim Jaganow. „In weniger als sieben Jahren hat dieser Mann seine ganze Familie an die Machtspitze gehievt.“ Böse Zungen behaupten, in Naltschik gebe es genau ein einziges Haus, das noch nicht im Besitz des Präsidentenklans sei – der Sitz der republikanischen Regierung. Die wirtschaftlich lukrativsten

In weniger als sieben Jahren hat das Republikoberhaupt seinen ganzen Familienklan an die Machtspitze gehievt. Immobilien gehörten längst den Firmen der Familie. Und der Boden drumherum: „Kanokow hat hier viel Land gekauft – genau wie seine Konkurrenten. Weil landwirtschaftliche Nutzflächen im Kaukasus eine vorzügliche Einnahmequelle sind, und weil sie aus dem föderalen Haushalt subventioniert werden“, erklärt ein mit

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien im Magazin Russkij Reporter

IM BLICKPUNKT

KOMMENTAR

Der Beginn einer „richtigen“ Reform? Kirill Kabanow SICHERHEITSEXPERTE

Die ganze Geschichte mit dem Immobilienskandal um die baufällige Philharmonie und den Praktiken von Präsident Arsen Kanokow ist umstritten: Zwar liegen auf offizieller Ebene keine eindeutigen Belege für Korruption vor. Es ist allerdings bekannt, dass Kanokows Konzern Sindika sich durch den Handel mit illegalem Alkohol einen Namen gemacht hat. Allein diese Tatsache – auch wenn sie noch auf Spekulationen beruht – wäre für eine

Operation dieses Ausmaßes ausreichend gewesen. Der Einsatzbefehl muss von ganz oben gekommen sein, weil es vorläufig keine anderen Handlungsebenen gibt: Erst im Mai hatten Präsident Putin und der neue Innenminister Kolokolzew viele Schlüsselpositionen im Innenministerium neu besetzt – und zwar mit Kritikern der eigentlich gescheiterten Polizeireform, die Dmitri Medwedjew initiiert hatte. Kolokolzew ist ein Mann, der die Korruption als eine Krankheit betrachtet – aber als eine heilbare. Und wenn man sich den Fall von Kabardino-Balkarien vor Augen hält, wird klar, dass er es

wirklich ernst meint: Eine solche Operation auf Provinzebene ist die erste in seiner Laufbahn. Sie verlangt Professionalität, zahlreiche Kompetenzen und einiges an persönlichem Mut, ist doch der Druck auch innerhalb des Ministeriums bei solchen Fällen groß. Vielleicht wird das ein Präzedenzfall für andere russische Republiken, in denen die Korruption besonders hoch ist – namentlich im Nordkaukasus. Damit wir jedoch von einer Reform sprechen können, müssen weitere Schritte unternommen werden – vor allem gegen Kanokow, den Präsidenten der Republik Kabardino-Balkarien.

Der Sicherheitsexperte Kirill Kabanow leitet das Nationale Antikorruptionskomitee.

KOMMERSANT

Günstiges Staatseigentum

Vorläufig hinter Gittern: der Verwaltungschef von Kabardino-Balkarien vor einem Moskauer Gericht

© SERGEJ GUNEJEW_RIA NOVOSTI

Es ist wie in einem Hollywoodstreifen: Spät in der Nacht landet eine Illjuschin des Innenministeriums auf dem Flugplatz Mosdok in Nordossetien. Die wenigen Flughafenmitarbeiter sind wohl die einzigen Offiziellen in der Region, die über den Sonderflug informiert sind. An Bord der Maschine – 120 Mann: Kriminalisten, ranghohe Ermittlungsbeamte und Milizen der Spezialeinheit „Rys“ (Luchs). Mit Zivilbussen fahren sie nach Naltschik, Hauptstadt der benachbarten Republik Kabardino-Balkarien. Denn die Operation ist geheim. Der Plan geht auf: In nur wenigen Stunden verhaften die Spezialisten aus Moskau den Leiter der Präsidialverwaltung Wladimir Schamborow, den Minister für Staatseigentum und Bodenressourcen Chabdulsalam Ligidow, seinen Vize Ruslan Schamborow sowie die Modedesignerin Madina Chasukowa – Schwägerin des Republikpräsidenten. Noch am Abend werden die Inhaftierten nach Moskau geflogen. „Ich bin ein kreativer Mensch, deshalb weiß ich überhaupt nicht, um was es geht. Ich sollte alle Geschäfte über einen Beamten abwickeln, das tat ich dann auch. Warum soll ich einer Amtsperson, die mir versichert, die Sache sei legal, misstrauen?“, fragt Chasukowa unschuldig in einem Hotelzimmer, wo sie die Ermittler vom Innenministerium einquartiert haben und jetzt überwachen. Die Blauäugigkeit nehmen sie Chasukowa nicht ab. Ihre Version: Chasukowa wollte sich das marode Philharmoniegebäude von Naltschik samt Grundstück illegal aneignen, um dort ein Museum und Atelier für adygeische Nationaltrachten einzurichten.

© ANDREJ STENIN_RIA NOVOSTI

RUSSKIJ REPORTER

Ein neues Gesetz, das die Versammlungsfreiheit einschränkt, Hausdurchsuchungen bei Oppositionellen im Vorfeld des „Marsches der Millionen“ – alles sieht danach aus, als wolle der Kreml nun mit den Protestierenden kurzen Prozess machen. Aber warum wird das neue Gesetz bisher nicht angewendet? Lesen Sie den Beitrag auf www.russland-heute.de


Politik

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IM GESPRÄCH

„Die Bürger wollen echte Parteien“ Der Soziologe Lew Gudkow, Direktor des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum über die Chancen neuer Parteien und die Zukunft der „Partei der Macht“.

Die Parteienreform im Überblick Als einer seiner letzten Amtshandlungen unterschrieb Präsident Dmitri Medwedjew das neue Parteiengesetz. Wichtigste Neuerung: Statt wie bisher 40000 benötigt eine Partei nur noch 500 Mitglieder, um registriert zu werden. Die Republikanische Partei des Liberalen Wladimir Ryschkow gehörte zu den ersten, die von dem Gesetz profitierten. Sie wurde Anfang Mai registriert. Allerdings warnen Politologen vor einer „Weimarisierung“ der politischen Landschaft: Unter Putin

NATALJA BASCHLYKOWA KOMMERSANT-WLAST

Gibt es in der russischen Gesellschaft den Wunsch, das Parteiensystem zu reformieren? Ja, er ist bislang nur nicht klar artikuliert. Er wird getrieben von der Empörung über die politische Elite und der Protestbewegung. Die Demonstranten erwarten, dass die Konsolidierung der demokratischen Kräfte auf einer breiten Basis unmittelbar bevorsteht.

Wovor fürchtet sich die passive Mehrheit? Vor der Demokratie? Oder ist sie einfach nur politisch desinteressiert? Die überwältigende Mehrheit empfindet Abneigung gegen die Politik: 60 Prozent öden Gespräche über Politik an, sie wollen sich nicht politisch engagieren. Das ist die dominierende Stimmung, die sich die Regierung zunutze macht. Unsere Machtelite hält ihre Position stabil, indem sie eine Atmosphäre vermeintlicher Alternativlosigkeit erzeugt. Über 80 Prozent der Bürger glauben, politische Entscheidungen nicht beeinflussen zu können. Dennoch würden fast 30 Prozent eine neue, „echte“ Partei unterstützen. Kann man denn diese träge Masse wachrütteln? Ja, durch eine Wirtschaftskrise. Doch auch in den letzten, stabilen Jahren hat sich eine soziale Schicht herausgebildet, die mit der heutigen Regierung unzufrieden ist. Sie setzt sich aus Besserverdienenden zusammen, die unabhängig vom Staat wirtschaften und ihre eigenen Ideen verwirklichen wollen. Sie verlangen mehr Respekt und wollen ihre Interessen auch in der Politik vertreten. Diese Schicht wird weiter wachsen, ihre Forderungen werden immer lauter. Über 160 neue Parteien wollen sich registrieren lassen. Wie schätzen Sie ihre Chancen ein? Die Mehrheit von ihnen wird ein Schattendasein fristen, weil sie

Wie viele Parteien braucht Russland?

KOMMERSANT

Die Ergebnisse Ihrer Umfragen sagen aber etwas anderes: Über die Hälfte der Bürger will keine neuen Parteien, 66 Prozent glauben gar, dass Russland weniger Parteien braucht, nämlich drei. Das sind die konservativen PutinAnhänger, die der Stabilit��t das Wort reden. Ich spreche jedoch vom anderen Teil der Gesellschaft, der auf Veränderungen drängt und mit der Protestbewegung sympathisiert. Er hat mit bis zu 30 Prozent eine solide Basis in der Bevölkerung erreicht. Diese Menschen wollen Veränderung, machen sich seit zwei Jahren für Reformen stark und gehen gegen Putin auf die Straße, wenn auch aus unterschiedlichen ideologischen Motiven. Diese Gruppen könnten eine große Koalition oder eine neue Partei unterstützen.

war die Zahl der Parteien auf sieben gesunken, seit Inkrafttreten der Gesetzesänderung sind es 21 geworden. Und im Justizministerium warten derzeit noch 177 Registrierungsanträge auf ihre Bearbeitung. Wladimir Schirinowski, Chef der altgedienten LiberalDemokratischen Partei, ist unzufrieden mit dem neuen Gesetz. Die große Anzahl der Parteien führe zu chaotischen Verhältnissen bei den Wahlvorbereitungen – und zu einer Desorientierung der Wähler.

INFO

Juri Lewada Das Lewada-Zentrum gehört zu den größten Meinungsforschungsinstituten Russlands und gilt als politisch unabhängig. Benannt ist es nach seinem Gründer Juri Lewada (1930-2006).

im russischen Fernsehen sicher nicht repräsentativ dargestellt werden. Man wird diese Parteien dort mit Ironie oder mit negativer Wertung bedenken. Wie viele von ihnen können real irgendetwas bewegen? Anfang der 90er gab es über 120 Parteien, 14 schafften es in die Wählerlisten. Das ist das Limit, mehr kann die öffentliche Meinung nicht aufnehmen. In der Realität werden sich wahrscheinlich noch weniger durchsetzen, ich rechne mit fünf bis sieben. Ihr Erfolg wird jedoch davon abhängen, inwieweit sie ein attraktives Programm aufstellen und ob sie Zugang zu den Medien haben: Ohne Fernsehen, nur durch das Internet und die unabhängige Presse, kommen sie nicht weit. Wie unterscheidet sich die Parteienlandschaft Anfang der 90erJahre von der heutigen? Es gibt einen wesentlichen Unterschied: Die Parteien der 1990er waren aus den Trümmern der Sowjetnomenklatura entstanden. Mit Parteien im westlichen Sinne hatten sie nichts zu tun. Es waren Fragmente alter Staatsstrukturen, die mit der Machtelite ver-

flochten waren. In dieser Situation führte die regierende Partei unter Boris Jelzin Scheingefechte mit der „Verliererpartei“ der Sowjetnomenklatura, nämlich den Kommunisten. Heute ist die Situation eine andere: Die Bürger fordern echte Parteien im westlichen Sinne. Das heißt, diese sollen nicht wie Einiges Russland hierarchisch von oben gesteuert, sondern von einer breiten Bevölkerungsschicht getragen sein. Wer sind die Wähler der neuen Parteien? Die Großstädter: Sie sind die Basis für die Modernisierung und soziale Veränderung, die Träger einer neuen Mentalität, sie haben sich in den letzten Jahren zunehmend Gehör verschafft, sie fordern Reformen. Die gegenwärtige Regierung Russlands bietet ihnen keine wirkliche Entwicklungsperspektive. Daher sind sie unzufrieden und werden in dieser Hinsicht keine Kompromissbereitschaft zeigen. Allerdings verfügt das Regime heute über bedeutende Ressourcen und seine soziale Basis – nämlich das industrielle Russland. Das sind die Einwohner der kleinen und mittleren Städte, Mitarbeiter der staatlichen Betriebe, Angestellte im öffentlichen Dienst, Rentner. Diese Menschen wollen aus der Tradition heraus keine Veränderungen. Sie verklären noch immer die Vergangenheit, und die altgewohnte Planwirtschaft ist für sie das Modell, das ihren Vorstellungen von staatlicher Ordnung und ihren politischen Bedürfnissen am ehesten entspricht.

Haben die neuen Parteien eine Chance, den alten Wählerstimmen abzunehmen? Die neuen Parteien sind zu breit gefächert, das Programm der meisten ist zu „exotisch“. Diese marginalen Parteien werden kaum Wählerstimmen sammeln können. Die Nationalisten etwa dürften höchstens zwei bis vier Prozent erreichen. Eine „richtige“ Partei muss aber auf fünf bis sieben Prozent kommen – das ist ungefähr so viel, wie Michail Prochorow bei den Präsidentschaftswahlen einsammelte. Sollte er seine politische Karriere weiter vorantreiben, könnte er schon jetzt auf eine Wählerbasis von acht Prozent zurückgreifen. Sein Potenzial wären 18 Prozent. Wie aussichtsreich ist da der konservative Tenor der Staatspartei von der „Wahrung der politischen Stabilität“? Stabilität wird es sicher nicht geben, weil die Regierung schon jetzt immer mehr Vertrauen in der Bevölkerung einbüßt. Dieser Prozess konnte für die Dauer des Wahlkampfs zwar durch medialen Wirbel und Finanzspritzen ins Sozialwesen unterbrochen werden. Die Aktien der Regierung sinken aber weiter: Korruption, Amtsmissbrauch und verfälschte Berichterstattung bleiben in den Köpfen hängen. Wird die Parteienreform dieses Misstrauen auflösen können? Nein. Ideologisch wird die Reform zahnlos bleiben. Die Regierung kopiert und imitiert Aktionen der Opposition: hier eine Protestveranstaltung der Opposition, dort eine Pro-Putin-Kundgebung. Auf

lange Sicht ist diese Taktik ineffizient, einen Zerfall kann man so nicht aufhalten, allenfalls hinauszögern. Die Machtspitze scheint derzeit keine Ideen für eine neue Strategie zu haben. Aber auch zu radikalen Mitteln bei der Unterdrückung der Opposition wird sie nicht greifen. Welche Perspektiven hat Einiges Russland unter der Führung von Medwedjew? Die Partei wird weiterhin an Popularität einbüßen. Wir haben es aber längst nicht mit „Ruinen der Machtpartei“ zu tun, wie viele behaupten: Einiges Russland verfügt immer noch über bedeutende Ressourcen. Und auch wenn es an Popularität verliert, bleibt es trotzdem ein machtvolles Instrument der Regierung. Wann ist mit grundsätzlichen Veränderungen zu rechnen? Ganz offensichtlich ist in den russischen Regionen der Ruf nach einer anderen Politik laut geworden. Dort haben sich neue Interessengruppen gebildet, die sich politisch engagieren wollen. Viele Gouverneure sind auch zu echten Wahlen bereit. Sie wollen die Interessen ihrer eigenen Bürger vertreten, nicht die der föderalen Regierung. Insofern beobachten wir eine prekäre Situation, in der viele Seiten unzufrieden sind. Offensichtlich ist die Zeit reif für Veränderungen, auch wenn deren Konturen noch nicht klar zu erkennen sind. Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien im unabhängigen Magazin Kommersant-Wlast


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Wirtschaft

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AKTUELL

Logistik Die russische Eisenbahn denkt über einen Transportkorridor Europa-China nach

Russland ist einfach einmalig

Güterbahnhof Sljudjanka: Die Station liegt auf halber Strecke nach China am Baikal-See.

55 Prozent der Russen sind überzeugt, dass ihr Land keinem anderen ähnelt. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM. Unter den möglichen Vorbildern steht jedoch Deutschland an erster Stelle: Zwölf Prozent der Befragten wollen, dass Russland sich nach deutschem Vorbild entwickeln möge. Etwa vier Prozent sehen in den USA oder der Schweiz ein Vorbild. Nur ein Prozent wünscht sich die Sowjetunion zurück.

Bürger fordern mehr Transparenz LORI/LEGION MEDIA

Europa – Asien mit dem Zug 2016 könnte China die USA als größte Wirtschaftsmacht ablösen. Russland will deshalb die Bahnstrecke nach China ausbauen. Die EU und die Deutsche Bahn sind dabei. SEBASTIAN BECKER FÜR RUSSLAND HEUTE

Die russische Eisenbahn RZD – eines der weltweit größten Bahnunternehmen – steht vor einem massiven Umbau: Der Konzern will den interkontinentalen Frachtgutverkehr stärken. „Für uns ist insbesondere der Korridor von der EU über Russland bis an den Pazifik wichtig“, betonte der Vorstandsvorsitzende Wladimir Jakunin auf der Fachtagung „Strategische Partnerschaft 1520“ Anfang Juni in Sotschi. Es gehe darum, eine rentable und sichere Alternative zum Seeweg zu finden, über den bislang rund 95 Prozent aller Waren von Asien nach Europa befördert werden.

RZD hat bis Ende Mai seine Frachtgutzahlen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,6 Prozent auf 522,2 Millionen Tonnen erhöht. Zum Vergleich: DB Schenker Rail, der größte Bahndienstleister für Frachtgut in Europa, hat im ersten Quartal 2012 einen Rückgang von vier Prozent hinnehmen müssen. Jakunin machte keine Prognosen, wie sich die bisherigen Volumina durch den neuen Europa-Asien-Korridor erhöhen könnten. Auch der stellvertretende Präsident der EU-Kommission, Siim Kallas, äußerte sich optimistisch zur Zukunft der Strecke: „Die Transsibirische Eisenbahn ist eine wichtige Verkehrsader, um den Warenaustausch noch weiter voranzutreiben.“ Allerdings fordert er für ein Funktionieren des Korridors eine zweispurige Bahn, die vollständig elektrifiziert ist. Die beteiligten Länder, so Kallas, müssten einheitliche Regeln für die Verkehrssicherheit und technische Standards entwickeln sowie die Rechtssysteme aufeinander abstimmen.

Dollar liegen. Ein Viertel davon werden die Bahnen generieren, so die Fachleute. Russland, das über ein großes Netz verfügt, hat ein gehobenes Interesse, es auszubauen. Das Besondere daran: Die Russen fahren auf einer Spurweite von 1520 Millimetern, die Westeuropäer haben 85 Millimeter weniger.

Immer mehr russische Bürger wollen wissen, was mit ihren Steuergeldern passiert. Dieser Meinung ist Präsidentenberaterin Elwira Nabiullina, bis vor Kurzem Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung. Die Politik müsse ihnen deshalb mehr Beteiligung einräumen – und für mehr Transparenz sorgen.

In 38 Stunden nach Petersburg

85 Millimeter, die richtig Zeit kosten

Seit dem 8. Juni besteht zwischen dem Fährhafen Sassnitz auf der Insel Rügen und dem neuen russischen Seehafen Ust-Luga bei St. Petersburg eine regelmäßige Fährverbindung für den Güterverkehr. Von Sassnitz-Mukran werden unter anderem die Desiro-Regionalzüge nach Russland verschifft.

Siemens-Züge für Sotschi

SEMINAR STEUERN, BUCHHALTUNG UND CONTROLLING IN RUSSLAND

INFORMATION RUSSLAND FÜR DEN MITTELSTAND

6. JULI, STUTTGART, IHK

19. JULI, PFORZHEIM, IHK

27. AUGUST-2. SEPTEMBER, ST. PETERSBURG, MESSEGELÄNDE LENEXPO

LESEN SIE MEHR ÜBER DIE RUSSISCHE WIRTSCHAFT AUF

An Beispielen aus der Praxis werden folgende Fragen erläutert: Wann entsteht eine steuerliche Betriebsstätte, wie sieht das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Russland und Deutschland aus, wie unterscheidet sich das Steuerrecht der Länder?

Erfahrene Russlandinsider zeigen in einer halbtägigen Veranstaltung die Chancen einer deutsch-russischen Zusammenarbeit auf – ein Gedankenaustausch und Informationen aus erster Hand zu aktuellen Entwicklungen im Russlandgeschäft.

Die „Grüne Woche“ St. Petersburgs: An die großen Landwirtschaftsmessen wie den „Goldenen Herbst“ in Moskau reicht die St. Petersburger Messe „Agrorus“ zwar nicht heran, aber immerhin kamen im letzten Jahr 1500 Aussteller und 140000 Besucher.

Mit einem deutschen und einem russischen Trainer lernen die Teilnehmer, kulturelle Unterschiede in Denkund Verhaltensmustern in den Bereichen zu erkennen, die für das Leben und Arbeiten in Russland wichtig sind.

RUSSLAND-HEUTE.DE

› stuttgart.ihk24.de

› nordschwarzwald.ihk24.de

› agrorus.lenexpo.ru/en/

› ifim.de

Europa-Asien-Korridor Der Hintergrund: Für viele Unternehmen ist China die zukünftige globale Wirtschaftssupermacht. Nach einer Prognose des Internationalen Währungsfonds IWF vom vergangenen Jahr wird das Land schon 2016 die USA vom ersten Platz verdrängen. Dem schnellen Transport von Gütern aus Europa nach Asien kommt damit eine neue, immens wichtige Bedeutung zu. An diesem lukrativen Geschäft will die RZD teilhaben: Denn ein Großteil der Strecke führt durch Russland.

WIRTSCHAFTSKALENDER

Große Pläne für die Schiene

PRESSEBILD

In den Zukunftsplanungen der EU spielt die Bahn eine wichtige Rolle. Nach dem Weißbuch der EU aus dem Jahr 2011 soll bis 2050 etwa 50 Prozent des derzeitigen Verkehrs auf Europas Straßen unter anderem auf die Schiene verlagert werden. Auch weltweit wächst die Bedeutung der Bahn. Bis 2030 wird der Gesamtumsatz aller Transportmittel bei elf Billionen

Die Deutschen engagieren sich bereits jetzt schon stark auf dem Schienensektor. Die DB Schenker Rail etwa beliefer t von Deutschland aus eine BMW-Niederlassung in China. Die Züge legen die Strecke von 11 000 Kilometern in 23 Tagen zurück. Auf dem Seeweg, der doppelt so lang ist, benötigt die Fracht 46 Tage – also auch die doppelte Zeit. „Diese Bahnstrecke muss auch in der Hälfte der Zeit machbar sein“, forderte in Sotschi Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer. Er setzte sich unter anderem für einen einheitlichen Frachtbrief ein, der in sämtlichen Transitländern gelten soll. „Wir unterstützen diese Projekte und setzen auf Globalisierung“, betonte der Minister. Eine Absage erteilte er gleichzeitig der von manchen Politikern geforderten Rückkehr zu regionalen Transporträumen. Die Stärkung des Frachtgutgeschäfts ist aber nur ein Teil der Gesamtstrategie der russischen Eisenbahn. Das Unternehmen will ebenso den Service beim Passagierangebot verbessern. Dazu gehört die Fertigung hochmoderner

In Russland, den anderen GUS-Staaten sowie in Finnland fahren die Züge auf Gleisen, die eine Breite von 1520 Millimetern haben – also 85 Millimeter breiter sind als in Westeuropa. Das Zarenreich wollte im 19. Jahrhundert verhindern, dass ausländische Mächte das Land auf dem Schienenweg angreifen. Inzwischen gibt es unterschiedliche technische Systeme an den Übergängen, wo Radsätze oder Drehgestelle gewechselt werden können. Doch der Ausbau dauert – und die Bahnen verlieren Zeit und Geld.

Züge und Waggons, die die Russen gemeinsam mit Siemens herstellen. Im vergangenen Jahr haben die Partner den Ausbau der Produktion durch Investitionen in Höhe von mehreren 100 Millionen Euro angekündigt. Siemens wird unter anderem Regionalzüge für Sotschi liefern.

MESSE AGRORUS

Ein neuer Riese auf dem Buchmarkt Der größte russische Verlag Eksmo will offenbar seinen wichtigsten Konkurrenten AST aufkaufen. Laut russischen Medien laufen derzeit Verhandlungen: Die Kaufsumme soll bei 400 Millionen Dollar liegen, der Marktanteil des neuen Verlagsriesen läge bei 20 Prozent.

Mehr Touristen nach Nowgorod Die älteste russische Stadt Weliki Nowgorod zieht immer mehr Touristen an: 2011 zählte die Stadt 307 915 Übernachtungen, über 50 000 mehr als im Vorkrisenjahr 2007. Allerdings stammt der Großteil der Touristen aus Russland: Nur ein Zehntel der Gäste sind Ausländer.

TRAINING INTERKULTURELLE AUSLANDSVORBEREITUNG 10.-12. SEPTEMBER, BAD HONNEF, HOTEL SEMINARIS


Wirtschaft

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Kernenergie Russland setzt in der Energiefrage weiterhin auf den Bau von Atomkraftwerken – und Windkraftanlagen

Atomkraftwerke für den Export dern wie Bangladesch, wo rund 150 Millionen Menschen auf engem Raum leben und keine erneuerbaren Energiequellen erschließbar seien, komme für die stabile Stromerzeugung nur ein Atomkraftwerk in Frage. Diese Märkte will Russland mit seinem Atommonopolisten Rosatom bedienen: Das Staatsunternehmen hat geplant, weiterhin weltweit AKWs der Generation 3+ zu bauen. Diese sollen sämtlichen aktuellen Sicherheitsstandards entsprechen und das Kraftwerk selbst gegen stärkste Erdbeben, Tsunamis und Stromausfälle sichern können. Momentan baut der Nuklearriese neun Reaktoren in Russland und 21 im Ausland. Auch in China entstehen zur Zeit durch zwei staatliche Nuklearkonzerne 25 neue Reaktoren. Trotz negativer Prognosen für die Atomenergie blickt der russische Atomkonzern optimistisch in die Zukunft. „Diese Aufträge sind

Russland exportiert mehr als nur Gas und Öl: Auch nach Fukushima sind seine Atomkraftwerke gefragt. Zusätzlich will Rosatom auch in erneuerbare Energien investieren. ANDREJ RESNITSCHENKO FÜR RUSSLAND HEUTE

Nach der Havarie im Atomkraftwerk von Fukushima haben viele Länder den Ausstieg aus der Atomenergie angekündigt – allen voran Deutschland. Doch die Mehrheit der Staaten, die sich für die Atomenergie entschieden hatten, ist von ihren Plänen nicht abgewichen und will diese auch weiterentwickeln. „Selbst bei maximaler Unterstützung durch den Staat, Einführung ,grüner Tarife‘ und Milliardeninvestitionen kommt der Strom aus erneuerbaren Energiequellen den Endverbraucher sehr teuer zu stehen“, sagt Sergej Nikonow, unabhängiger Energieexperte. In Län-

eine Konsequenz aus dem wachsenden Vertrauen gegenüber russischen Nukleartechnologien im In- und Ausland“, sagte RosatomChef Sergej Kirijenko auf dem internationalen Forum Atomexpo 2012 Anfang Juni in Moskau, an

kraftwerken und konventionellen Energiegewinnungsmethoden angleichen“, sagt der Experte. So kosteten derzeit ein Kilowatt Strom, das aus Windenergie gewonnen wird, etwa 1,50 Euro, ein Kilowatt aus der Solarenergie bald sogar nur noch 75 Cent.

„Die Windkraft soll die Kernenergie ergänzen und mit ihr einen diversifizierten Energiehaushalt bilden.“

Erneuerbare Energie als sinnvolle Ergänzung Trotz allem Optimismus gegenüber der Atomenergie sind die Zeichen der Zeit auch bei Rosatom angekommen. Russische Wissenschaftler setzen sich seit Jahren mit alternativen Energiequellen auseinander: So gründete Rosatom 2011 WetroOGK, eine Firma, die Kompetenzen im Bereich der Windenergie entwickeln soll. Und auf der Atomexpo 2012 sagte Alexander Lokschin, Vizechef von Rosatom, dass die Agentur sich demnächst auch an der Herstellung von Windrädern beteiligen wolle.

dem über 1300 Experten aus 53 Ländern teilnahmen. Die Kernkraft sei weiterhin die günstigste Art, Strom zu erzeugen.

Von wegen günstiges Atom Dem widerspricht allerdings Iwan Blokow, Leiter von Greenpeace Russland: „Die Wirtschaftlichkeit alternativer Energiequellen wird sich schon bald an jene von Atom-

Regionen In St. Petersburg wird demnächst ein MAN-Werk eröffnet

Deutsche Lastwagen aus russischer Produktion

JEWGENIJ PROLYGIN RUSSLAND HEUTE

Wenn der Münchner Lkw- und Dieselmotorenhersteller MAN im Oktober eine Niederlassung für schwere LKWs in der Nähe von St. Petersburg eröffnet, wird neben dem Petersburger Gouverneur auch der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer anwesend sein. Das Werk ist wichtig für alle Beteiligten. Für den erst im letzten Jahr ins Amt gekommenen Georgi Poltawtschenko hat das Pro-

ZAHLEN

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Milliarden Dollar betrug der Warenumsatz zwischen Deutschland und St. Petersburg im letzten Jahr. Rund um die Stadt sind über 700 Firmen mit deutschem Kapital ansässig.

„Für St. Petersburg sprechen vor allem die günstige Infrastruktur und die sich gut entwickelnde Automobilindustrie“, sagte Lars Himmer, Geschäftsführer von MAN Truck & Bus Production RUS. MAN baut seine Niederlassung im Industriepark „Schuschary“ – dort stehen schon heute die Fertigungshallen von Toyota, Ge-

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jekt Symbolwert für eine noch engere Zusammenarbeit zwischen dem Freistaat Bayern und St. Petersburg. Poltawtschenko hat eigens einen Minister abgeordnet, der für das Projekt von MAN verantwortlich zeichnet. Der bayrische Hersteller will seine Position auf dem russischen Markt festigen. Dieser ist seit Ende der Wirtschaftskrise förmlich explodiert: 2011 wurden in der Klasse der 14- bis 40-Tonner knapp 97000 Lastwagen verkauft, fast doppelt so viele wie 2010. Zweistellig wuchs auch der Absatz leichter LKWs und Busse. 25 Millionen Euro will der LKWProduzent ins neue Werk investieren, etwa 100 Mitarbeiter sollen in der ersten Phase mindestens 6000 LKWs produzieren.

Der Markt für Lastwagen wächst, MAN baut ein neues Werk in St. Petersburg – und zieht damit mit den über 700 deutschen Firmen gleich, die in der Region angesiedelt sind.

In Zukunft rollen MAN-Brummis aus Petersburg durch Russland.

neral Motors und Magna International. Und seit diesem Jahr ist der wie MAN zum VW-Konzern gehörende LKW-Produzent Scania dazugekommen. Die Region St. Petersburg lockt deutsche Investoren auch mit dem Cluster Medizintechnik an: So ist die Roesys GmbH seit 1998 in Russland als Zulieferer für das

„Die Windkraft soll jedoch nicht die Kernenergie ersetzen, sondern sie nachhaltig ergänzen und damit einen diversifizierten Energiehaushalt bilden“, betonte Lokschin. Erneuerbare Energiequellen würden darin durchaus ihren Platz einnehmen, gleichzeitig entwickelten russische Nuklearforscher neue AKWs der Generation 4.

Gesetzgeber erschwert Entwicklung grüner Energien Die Entwicklung sauberer Energiegewinnung wird in Russland jedoch dadurch erschwert, dass es bei den erneuerbaren Energiequellen noch keine Tarifregulierungen gibt. Sollte dieses Problem gelöst werden, könnte es in Russland zu einem Boom „grüner Energie“ kommen: Schon heute gibt es viele Firmen im Land, die nicht nur mit der Windenergie experimentieren, sondern auch Biogaskraftwerke und die Solarenergie vorantreiben. Andrej Resnitschenko ist führender Energieexperte. Er schreibt für die Presseagentur RIA Novosti.

staatliche Programm zur Förderung des Gesundheitswesens aktiv. Im Mai besiegelte die Inter Medical Medizintechnik eine Kooperation mit dem Petersburger Unternehmen Elektron: Die Firmen sind auf die Herstellung von medizinischen Diagnosegeräten spezialisiert, die auf Nukleartechnik basieren. Die Investitionen belaufen sich auf drei Millionen Euro. In St. Petersburg sind derzeit über 700 Firmen mit deutschem Kapital ansässig. Poltawtschenko sähe jedoch gerne noch mehr deutsche Unternehmen vor Ort. Deshalb unterzeichneten er und Seehofer im Mai ein Protokoll über die Zusammenarbeit zwischen dem Freistaat und St. Petersburg. Der Gouverneur wurde gleich konkret: Bei der Besichtigung des BMW-Werks bot er Vorstand Harald Krüger seine Unterstützung für Investitionsprojekte in St. Petersburg an. Zudem traf er sich mit Robert Bartl, Leiter des Clusters Energietechnik bei „Bayern Innovativ“, der den Gouverneur durch das Medical Valley Europäische Metropolregion Nürnberg (EMN) führte.

IN EIGENER SACHE INVESTITIONSFORUM

Aufbruchsstimmung vor Olympia 2014 PRESSEBILD (3)

Vom 20. bis 23. September geht es auf dem Internationalen Investitionsforum in Sotschi zum zehnten Mal um interessante Investitionsprojekte im Süden Russlands. Mehr Info: www.forumkuban.com

Warum nehmen Sie am Investitionsforum Sotschi-2012 teil? Für uns als Hersteller von Dachund Wandsystemen aus Aluminium ist es wichtig, auf dem Forum Informationen über zukünftige Projekte zu bekommen und in Kontakt mit den Bauherren zu treten. Neben interessanten Marktchancen bietet das Forum die Möglichkeit, Gespräche in kleinen Kreisen und lockerer Atmosphäre zu führen und somit im Austausch mit wichtigen Entscheidungsträgern zu stehen.

Welche einzelnen Punkte interessieren Sie beim diesjährigen Programm besonders? Ausschlaggebend für die Teilnahme sind nicht einzelne Programmpunkte. Uns ist wichtig zu sehen, ob Projekte realisiert wurden.

Die wirtschaftliche Aufbruchsstimmung in Russland ist allgegenwärtig. Russland ist ein lukratives Geschäftsfeld. Allerdings erwarten wir eher langfristige Erfolge, da die Umsetzung von Projekten oft drei bis fünf Jahre dauert. Und das Forum ist eine

Welche Erwartungen haben Sie an das Forum 2012?

Russia Beyond the Headlines ist offizieller Medienpartner des Wirtschaftsforums Sotschi-2012

wichtige Plattform, um mit Entscheidern und Architekten vor Ort in Kontakt zu treten, die an unseren drei olympischen Projekten beteiligt sind. Christoph Schmidt ist Sales Director Export bei Kalzip.


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Thema des Monats

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RUSSLANDDEUTSCHE IN RUSSLAND IN DEUTSCHLAND NENNT MAN SIE „RUSSEN“, IN RUSSLAND „DEUTSCHE“ - EINE BEVÖLKERUNG ZWISCHEN DEN STÜHLEN

HALBSTADT – EINE DEUTSCHE INSEL IN RUSSLAND Ein Fest am Fuße des Altais. Auf Spitzendeckchen liegen Ribbelkuchen und Strudel, die Familien tragen Schwarzwaldtrachten. Verkehrte Welt? Nein, eine deutsche Insel in Russland. DIANA LAARZ FÜR RUSSLAND HEUTE

Das Fest steigt im deutschen Nationalbezirk Halbstadt, hier wohnen Nachfahren jener Deutschen, die auf Einladung Katharinas der Großen Ende des 18. Jahrhunderts gen Osten zogen. Gut 20 Jahre ist der Bezirk nun alt, und nicht nur die Bewohner staunen, wie sich ihr Fleckchen Deutschland in dieser Zeit entwickelt hat. Auch die Gäste sind voll des Lobes. Heiko Kümmel vom Partnerlandkreis SchmalkaldenMeiningen (Thüringen) ist nach 15 Jahren mal wieder zu Besuch. „Wir würden wahrscheinlich nicht mal ein Fünftel der Kinder von Halbstadt zusammenbringen“, sagt er mit Blick auf die tobende Schar um ihn herum. „Die Menschen sind offener, aufgeschlossener als vor einigen Jahren. Es ist Bewusstsein da, und auch Stolz.“

Stolz sind sie vor allem auf ihre Geschichte. Genau genommen ist der Bezirk nämlich schon viel älter als 20 Jahre. Die ersten deutschen Siedlungen im Altai entstanden Ende des 19. Jahrhunderts. 1927 wurde der Nationalbezirk gegründet – mit Halbstadt im Zentrum. Im Gebiet lebten 13 155 Menschen, 96 Prozent von ihnen waren Deutsche. 1938, unter Stalin, wurde der Bezirk aufgelöst und erst 1991 beinahe in seinen ursprünglichen Grenzen neu gegründet. Heute umfasst er 16 Dörfer mit 22 000 Einwohnern, darunter etwa 10000 Angehörige der deutschen Minderheit – und Frauen wie die 52-jährige Valentina Stier. Die antwortet auf die Frage, was für sie Heimat sei: „Heimat ist für mich die deutsche Sprache, die Sprache meiner Vorfahren.“

Plattdeutsch im Altai Wenn Valentina Stier mit ihrem Mann spricht, dann benutzt sie die konservierte Form eines alten plattdeutschen Dialekts. Eine Geheimsprache. Der Sohn und die Tochter, die jeden Sonntag mit den Enkelkindern zu Besuch kommen, verstehen davon nur einzelne Fet-

zen. „Ich bin eine Plaudertasche“, gesteht Valentina Stier lachend. Und am liebsten plaudert sie auf Deutsch. Am schwerfälligen Gang der Russlanddeutschen sieht man, dass sie ihr Leben lang in der Landwirtschaft geschuftet hat. Das Gesicht allerdings, umrahmt von kurzen grauen Haaren, trägt die Züge eines Lausemädchens.

„Halbstadt bedeutet für mich Freiheit. Hier kann ich angeln, Lagerfeuer machen und Fahrrad fahren, wo ich möchte.“ Nach der Perestroika hätte Valentina Stier dem Strom der Aussiedler folgen und nach Deutschland ziehen können. Ihr zweiter Sohn wohnt nun schon seit vielen Jahren dort. Der Wunsch war da, daran erinnert sie sich. „Aber ich war in meinem Leben noch nie woanders. Ich bin nicht ausgewandert, weil ich auf diesen Ort nicht verzichten kann. Ich bleibe hier.“ Ihre kulturellen Werte halten die Halbstädter auch fern von Deutschland hoch. In manch

einem Vorgarten steht ein Gartenzwerg. Weihnachten und Ostern wird jeweils zweimal gefeiert. Einmal auf Deutsch, einmal auf Russisch. Das Leben in zwei Welten hat also durchaus seine Vorteile. Mit finanzieller Hilfe aus Russland und Deutschland ist der Nationalbezirk in den vergangenen Jahren zu einer Art Vorzeigekreis im Altai-Gebiet geworden. Die landwirtschaftliche Produktivität ist bedeutend höher als bei den Nachbarn, 1995 haben sich elf Kolchosen zur GmbH „Brücke“ zusammengeschlossen. Die deutsche Regierung half vor allem in den Anfangsjahren bei den Aufbauarbeiten, der Rekonstruktion des Stromnetzes, der Versorgung mit Medikamenten, der Verbesserung des Deutschunterrichts und der Eliteförderung. Aus dem Kreml fließt Geld für die Erweiterung der Schule, den Bau von neuen Einfamilienhäusern, die Ausbesserung der Straßen und eine Generalüberholung der Wasserversorgung. Für die Berliner Ministerien geht es darum, den Russlanddeutschen in Russland gute Lebensbedingungen zu schaffen, für die Moskauer Regierung ist die Förderung von Halbstadt Teil der Minderheitenpolitik. Längst nicht alles ist perfekt in Halbstadt. Noch immer ziehen Leistungsträger gen Deutschland, und die Wirtschaft kann dies nur schwer verkraften. Die jüngere Generation entfernt sich immer mehr vom deutschen Erbe, nur wenige sprechen Deutsch. Trotzdem übt der Ort auf seine aktuellen und ehemaligen Bewohner einen unübersehbaren Reiz aus. Wenn im Sommer gefeiert wird, wenn Ribbelkuchen verkauft wird,

IM BLICKPUNKT

Die Deutschbalten kamen im 12. Jahrhundert, später standen sie im Dienste des Zaren – bis zur Oktoberrevolution. Eine weitere deutsche Bevölkerungsgruppe lebt im Süden des ehemaligen Zarenreichs: In der Ukraine sind es die Schwarzmeerdeutschen, die ihre Traditionen weiter pflegen – auch wenn es immer weniger gibt, die sie verstehen. Lesen Sie die Beiträge auf www.russland-heute.de

die deutschen Lieder erklingen und die Trachten aus den Schränken gekramt werden, dann werden einige Gäste mit besonders lautem „Hallo“ begrüßt. Es sind die Rückkehrer aus Deutschland. Menschen, die schon seit mehr als zehn Jahren in Hamm oder Soest wohnen. Jeden Sommer packen sie den Kofferraum ihres Wagen voll, setzen sich hinters Steuer und fahren mehrere Tage lang für die Sommerferien in die alte russische Heimat. „Halbstadt bedeutet für mich Freiheit. Hier kann ich angeln, Lagerfeuer machen und Fahrrad fahren, wo immer ich möchte“, sagt Urlauber Sergej Ulrich. Deutschland habe aber natürlich auch seine Vorteile. Der größte: „In Hamm gibt es keine Mücken, hier sind sie eine Plage.“


Thema des Monats

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Die dunkelste Stunde der Sowjetdeutschen Nach Kriegsbeginn wurden die Russlanddeutschen zwangsweise von der Wolga in den Ural umgesiedelt. Die Männer mussten in die Arbeitsarmee. Viele kehrten nicht zurück. NATALJA SCHWABAUER RUSSLAND HEUTE

CHRONIK

PRESSEBILD

Archivarbeit gegen das Vergessen: Professor Viktor Kirillow

gezogen, dann reichten die Ressourcen nicht mehr aus und Invalide, Frauen und Jugendliche wurden mobilisiert“, erzählt Arkadij Anton. Er wurde mit 15 Jahren eingezogen. „In der Regel wurden wir für körperlich schwere Arbeiten eingesetzt: Bäume fällen, Kohle schaufeln, Steine aus Kiesgruben karren.“ Die Mobilisierten galten zwar nicht als Häftlinge, mussten aber wie diese hinter Stacheldraht in Baracken hausen, eine Person auf anderthalb Quadratmetern Fläche. Zur Arbeit eskortierte sie eine Wachmannschaft. Aufgestanden wurde um fünf, Appell war um sechs, von 7.00 bis 19.00 Uhr Arbeitsdienst. Aus den Erinnerungen des Arbeitssoldaten Roman Bauer: „Wir verluden Sand in Waggons für das Betonwerk. An

einem Tag schaufelten wir 36,5 Kubikmeter, jeder Kubikmeter wog 1800 Kilogramm, insgesamt also 66 Tonnen. Dafür bekamen wir pro Tag 300 Gramm Brot und eine Schüssel Erbsen.“ Nicht besser erging es den Frauen. Aus den Erinnerungen einer Deutschen aus Nischni Tagil: „Der Kolchos-Vorsitzende jagte uns aus dem Dorf. Meine Schwester Emma mit ihren drei Kindern und noch eine weitere Frau, die fünf Kinder hatte, gingen in den Wald, bauten sich aus Zweigen Hütten und bedeckten sie mit einer Grasnarbe. Tagsüber suchten die Mütter nach Essbarem: Weizen- oder Roggenähren, gefrorene Kartoffeln vom Feld, Brennnesseln. Wenn sie jemandem über den Weg liefen, nahm man ihnen alles ab. Eines Tages kehrte Emma vom Feld zu-

Anfragen zu den Arbeitssoldaten kann man an das Labor für Geschichtsinformatik in Nischni Tagil richten hislab@ntspi.ru

IM GESPRÄCH

Die Deutschen in Russland 350 Jahre bewegte Geschichte 1762 • Die „deutsche“ Zarin Katharina II. erlässt ein Manifest, in dem sie Ausländer nach Russland einlädt – das Reich will so ungenutzte Landflächen erschließen. Rund 25 000 Deutsche siedeln in den Wolgagebieten.

1924 • Die Republik der Wolgadeutschen wird gegründet – nachdem die Russlanddeutschen im Ersten Weltkrieg ihre Siedlungsgebiete innerhalb eines 150 Kilometer breiten Grenzstreifens verlassen mussten.

1800 • Nach einer Reihe von Missernten können sich die Kolonien selbst verwalten. Die Landwirtschaft floriert und die Zahl der Wolgadeutschen verdoppelt sich. Sie integrieren sich und dürfen Wehrdienst leisten.

1941 • Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wird den Wolgadeutschen Kollaboration mit dem Feind vorgeworfen, die Republik aufgelöst. Fast 900000 Menschen kommen in „Arbeitsarmeen“, 45000 sterben.

1871 • Nach dem verlorenen Krimkrieg verlieren auch die Kolonien ihre Privilegien; im Anschluss an den Berliner Kongress verbietet 1887 ein Erlass des Zaren Deutschen, weiterhin Land in Russland zu erwerben.

1990er • Erst 1955 werden sie amnestiert und können ihre Wohnorte verlassen. 1990 beginnt eine Auswanderungswelle: Bis heute sind etwa 2,5 Millionen Russlanddeutsche in die Bundesrepublik gekommen.

ITAR-TASS

„Ich lebe, und auch ihr werdet leben.“ Das Mahnmal des österreichischen Architekten Vinzenz Schreiber in Tscheljabinsk erinnert an jene Russlanddeutschen, die in den 1940erJahren in sowjetischen Arbeitslagern umkamen.

Wieder eingedeutscht mit Max und Moritz Die Russlanddeutschen – eine Problemgruppe? Kriminologe Christian Pfeiffer erklärt, warum es gerade bei der Integration dieser Gruppe große Fortschritte gibt. Vor zehn Jahren las man ständig von Problemen mit Russlanddeutschen: Schlägereien, Drogen, Kriminalität. Wo stehen die Russlanddeutschen im Jahr 2012? In einer bundesweiten Studie konnten wir 2009 deutliche Fortschritte bei der schulischen Integration von Jugendlichen mit russlanddeutschem Hintergrund feststellen. Ende der 90er-Jahre gingen nur zwöf Prozent von ihnen auf ein Gymnasium, nun sind es doppelt so viele. Auch andere Integrationsindikatoren sind deutlich besser: Die Mehrheit der 15-Jährigen spricht gut Deutsch, fühlt sich als Deutsche/r und hat deutsche Freunde. Die heutigen Problemgruppen stammen eher aus dem früheren Jugoslawien oder haben einen türkischen und arabischen Hintergrund. Warum entwickelt sich die Integration gerade hier so positiv? Das wurde auch mit staatlichen Fördermaßnahmen erreicht, etwa mit Sprachtests und -kursen vor Beginn der Grundschule, aber auch mit Gesetzen: Ende der 90er wurde ein Gesetz erlassen, das

jenen Russlanddeutschen weniger soziale Unterstützung gewährt, die in mehrheitlich russlanddeutsch besiedelte Gebiete zogen. Unter anderem so gelang es, das Problem der „russischen Enklaven“, in denen die Russlanddeutschen in trotziger Abgeschottetheit lebten, zu lösen. Die meisten Russlanddeutschen kamen in den 90er-Jahren nach Deutschland. Sind Jugendliche, die hier geboren sind, leichter zu integrieren? Je älter ein Jugendlicher bei der Einwanderung ist, desto größer die Probleme. Besonders wichtig ist, wo er die Kindergartenjahre verbracht hat: Wenn ein Kind mit Max und Moritz aufwächst, lernt es auch die deutsche Sprache im Handumdrehen. Ein großes Problem ist Ihren Studien zufolge die Gewalt in der Familie, die Jugendliche dann nach außen tragen. Auch da konnten wir eine sehr positive Entwicklung feststellen: Laut einer Umfrage aus dem letzten Jahr wurden 16- bis 20-jährige Migranten in ihrer Jugend weniger geschlagen als die 21- bis 30-jährigen, erst recht im Vergleich zu den heute 31- bis 40-jährigen. Diese Tendenz gibt es auch in deutschen Familien.

DPA/VOSTOCK-PHOTO

DIANA LAARZ(2)

Wie daheim im Schwarzwald: Volksfest im russlanddeutschen Halbstadt im Altai

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die deutsche Minderheit eine der zahlenstärksten in der Sowjetunion. 1924 billigten die Bolschewiken gar die Gründung einer „Autonomen Republik der Wolgadeutschen“, was allerdings die späteren Repressalien gegenüber den sowjetischen Deutschen nicht verhinderte. Am 28. August 1941 legte der Oberste Sowjet den Erlass „Über die Umsiedlung der Deutschen aus der Wolgaregion“ vor. Die Strategie der Behörden: Angeblich hatte man in diesem Volk Tausende Saboteure und Spione entlarvt. Im Herbst wurden 433 000 Menschen in den Ural, nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Den einen ließ man nicht einmal Zeit, ihre Koffer zu packen, andere konnten immerhin Lebensmittel für unterwegs, Kleidung und Haushaltsgerät mitnehmen. Auf den weiten Weg ging es im Ei se nba h nwag gon ode r i m Schleppkahn. Viele starben bereits während der Reise. Die Überlebenden hatten sich noch nicht eingerichtet, als im Januar 1942 ein neuer Erlass die Einberufung in die Arbeitsarmee anordnete. „Zuerst haben sie nur die Männer von 17 bis 50 Jahren ein-

rück und fand ihre Tochter tot auf. Vor Hunger hatte sie sich die Fingerkuppen abgebissen.“ 1946 wurde die Arbeitsarmee aufgelöst, die Deutschen aber ließ man dort, wohin man sie umgesiedelt hatte, in der Nähe der Fabriken. Einmal im Monat mussten sie sich in der Kommandantur melden. Wer floh, riskierte 20 Jahre Straflager. Einen Personalausweis erhielten sie erst wieder ab 1955. Die meisten Beschränkungen wurden nach Stalins Tod zurückgenommen, doch noch bis 1972 hatten die Umgesiedelten kein Recht auf die Rückkehr an ihre alten Wohnorte. Viele hatten sich auch so an den Ural gewöhnt, dass sie nicht mehr zurück wollten. Ende der 90er-Jahre, nach Verabschiedung des Gesetzes über die Wiedergutmachung gegenüber Repressionsopfern, wurde in Nischni Tagil das erste Denkmal für die sowjetischen Deutschen errichtet. „Anfangs war die Resonanz nicht groß, aber vor ein paar Jahren erhielten wir plötzlich Post von Kindern und Enkeln der Arbeitssoldaten. Die bringen zwar die Bezeichnungen und Ereignisse manchmal etwas durcheinander, aber das Interesse an der Vergangenheit ist noch immer groß“, sagt der Leiter der Labors für Geschichtsinformatik, Professor Viktor Kirillow.

Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen

Woher kommt dieser Wandel? Insgesamt ist die Gewalt in Familien, die in Deutschland leben, rückläufig. Auch das hat mit einem Gesetz zu tun: Seit 2002 darf die Polizei ein prügelndes Familienmitglied für 14 Tage aus der Familie entfernen, ein Gericht kann bis zu einem halben Jahr verlängern. So haben die Familien mehr Spielraum. Speziell bei den Russlanddeutschen kommt die bessere Arbeitssituation der Eltern hinzu: Wichtige Gründe für Gewalt in Familien sind Alkohol und Arbeitslosigkeit. Früher gab es in der Gruppe der Russlanddeutschen Arbeitslosenquoten von 25 Prozent, heute sind die Eltern wesentlich besser in das Arbeitsleben integriert. Das Gespräch führte Moritz Gathmann


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Gesellschaft

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Umwelt Wie sich eine Bewegung dafür einsetzt, dass weniger weggeworfen und mehr Müll getrennt wird

Weg mit der Wegwerfmentalität In Russland ist Mülltrennung ein Fremdwort. Doch es gibt Anzeichen für ein neues Umweltbewusstsein: Die Initiative musora. bolshe.net will gar an einem Tag das ganze Land aufräumen.

ZAHL

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Kilogramm Müll fallen in Russland pro Kopf und Jahr an. In Deutschland waren es 2010 583 Kilogramm. Allerdings wird der Großteil davon dort recycelt.

PAULINE TILLMANN FÜR RUSSLAND HEUTE

Während andere an paar freie Tage genießen, brüten Umweltaktivisten über einem logistischen Problem gigantischen Ausmaßes. Am 15. September sollen Hunderttausende Freiwillige Müll sammeln. Unter dem Motto „Sdelajem 2012“ – zu Deutsch „Machen wir!“ – findet die größte Säuberungsaktion in der Geschichte Russlands statt. Der Tag ist Teil einer weltweiten Müllkampagne, die vor vier Jahren in Estland ihren Anfang nahm. Federführend in Russland ist die Initiative musora.bolshe.net“ (kein.Müll. mehr), die sich selber als „positivkreativ-ökologische“ Bewegung bezeichnet.

Das Bewusstsein verändern

PRESSEBILD

Anfang Juni trafen sich die regionalen Koordinatoren in dem kleinen Ort Orechowo, 70 Kilometer nördlich von St. Petersburg, tauschten sich mit anderen Aktivisten aus, wie man so eine große Aktion organisieren kann, wie man Freiwillige gewinnt und wie man mit den Behörden umgeht. Manche Teilnehmer haben eine lange Anreise hinter sich – wie die 29-jährige Anastasija Malenina. Sie kommt aus Ufa, Hauptstadt der Republik Baschkortos-

Fröhliches Plastikflaschenstampfen: junge Umweltaktivisten von musora.bolshe.net bei einer Müllsammelaktion in Moskau

tan, und hat mehrere Tage im Zug verbracht. Mit dabei ist auch Dennis Stark, Gründer von musora. bolshe.net, ein sportlicher Mittdreißiger mit hellwachen, blauen Augen. Immer wieder treten Teilnehmer an ihn heran, um sich Rat zu holen. Fragt man ihn nach den Anfängen, sagt er: „Ich habe das Projekt ins Leben gerufen, weil ich das Gefühl hatte, bis dahin nichts Sinnvolles für den Planeten getan zu haben.“ Inzwischen gibt es russlandweit 200 aktive Mitglieder, die Müll sammeln oder Freiwillige mit Handschuhen und Müllbeuteln ausstatten, über soziale Netzwerke Aktionen organisieren und lokale Sponsoren suchen. Der Müll wird dann sortiert und abtransportiert. Darin ist die Gruppe besonders progressiv, denn Mülltrennung gibt es in Russland bislang kaum. „Wir haben kein System, das es ermöglicht, den Abfall wirtschaftlich zu trennen“, sagt Aktivist Andrej Schpartko, „man kann natürlich verschiedenfarbige Container aufstellen, aber man muss sie auch leeren und den Inhalt weiterverarbeiten.“

Geld, das ganz und gar nicht stinkt PRESSEBILD

zu 1500 Grad heiße Öfen. Bei dieser Temperatur werden sie in ihre Moleküle zersetzt und verwandeln sich in ein harmloses Gas. Positiver Nebeneffekt der Plasmaverbrennung ist die Energieerzeugung: Die auf 12 000 Tonnen Müll pro Jahr ausgelegte Anlage generiert vier Megawatt Strom, wobei die Hälfe von der Anlage selbst aufgebraucht und der Rest ins öffentliche Netz eingespeist wird.

Innovation aus der Sowjetzeit ITAR-TASS

Philipp Rutberg entwickelte das neue Verfahren zur Müllbeseitigung.

Russische Wissenschaftler haben ein umweltfreundliches und wirtschaftliches Verfahren zur Müllverarbeitung entwickelt. Aber den zuständigen Behörden kommen Müllhalden billiger. JELENA SCHIPILOWA FÜR RUSSLAND HEUTE

Pro Jahr fallen in Russland ungefähr 40 Millionen Tonnen Müll an – das sind 285 Kilogramm pro Kopf (zum Vergleich: Ein Deutscher produziert etwa 583 Kilo Müll im Jahr). Zehn Prozent der Abfälle kommen aus Moskau, wo vier Müllverbrennungsanlagen stehen. Obwohl sie nur ein Viertel der Abfälle beseitigen, wurde

der Bau neuer Anlagen verboten – die Reinigung der Luft von den Verbrennungsprodukten ist zu teuer. „Auch moderne Anlagen verbrennen den Müll bei rund 600 Grad. Trotz Filter breiten sich die schädlichen Verbrennungssubstanzen (Furane und Dioxine) im Umkreis von 20 Kilometern aus, die Anzahl der Krebserkrankungen ist in diesen Gebieten um ein Vielfaches höher“, erzählt Igor Lasarew, Vizechef von Plasma HIT. Sein Unternehmen entwickelt und produziert Anlagen zur Müllverarbeitung, die mit alternativen Niederdruckplasmaverfahren arbeiten. Die Abfälle kommen in bis

Das Verfahren ist nicht neu. Bereits Anfang der 1970er-Jahre kamen Wissenschaftler vom Institut für Elektrophysik der Russischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Philipp Rutberg darauf, als sie nach Möglichkeiten suchten, biologische Kampfstoffe und Giftmüll gefahrlos zu entsorgen. Letztes Jahr gründeten Rutberg und seine Sponsoren Plasma HIT, das die Exklusivrechte am Vertrieb dieser Technologie in Russland und den GUS-Staaten inne hat. Mit Rutbergs Technik läuft bereits eine Anlage in der Nähe von St. Petersburg, zwei weitere werden bei Smolensk und auf dem Gelände des Innovationszentrums Skolkowo gebaut, wo das Unternehmen auch seinen Sitz hat. Künftig soll der gesamte Energiebedarf der Forschungsstadt von einer Plasmaschmelzanlage von

etwa vier Megawatt Leistung gedeckt werden.

Umweltfreundlich und lukrativ Eine solche Anlage kostet etwa sieben Millionen Euro, eine konventionelle das Fünfzehnfache – bei gleicher Leistung. Dennoch stößt die neue Technologie kaum auf Interesse: „Es gibt bei uns einfach zu viele Flächen, die für Müllhalden freigegeben wurden. Die Abfälle zu verbuddeln bleibt leider die billigste Variante der Entsorgung“, sagt Lasarew, der von den Regionalbehörden etliche Absagen erteilt bekam. Unterirdische Müllager sind in Russland weit verbreitet. Allein im Moskauer Umland gibt es zwölf Großdeponien mit einer Gesamtfläche von ungefähr 600 Hektar. Die Kapazität einer Deponie von 50 bis 60 Hektar reicht hier in der Regel drei bis vier Jahre. „Die Entscheider scheint es nicht zu interessieren, dass sich im Laufe der nächsten 70 Jahre diesen Deponien niemand nähern, geschweige denn in deren Umfeld wohnen kann, ohne Schaden zu nehmen“, sagt Lasarew. Dennoch: Um nicht irgendwann im Müll zu ersticken, müssen die russischen Politiker sich neue Entsorgungskonzepte einfallen lassen – wenn sie denn endlich von umweltbewussteren Bürgern dazu getrieben werden.

Ab und an gibt es Initiativen, auch in St. Petersburg, aber die meisten scheitern. Und so landet der Müll doch wieder auf der riesigen Halde. Eine davon befi ndet

Eine Müllkippe so groß wie 200 Fußballfelder sich im Norden von St. Petersburg, die „Sewernaja Swalka“ ist die zweitgrößte Müllhalde der FünfMillionen-Metropole. Sie hat eine Fläche von anderthalb Quadratkilometern und ist so hoch wie ein zehnstöckiges Haus. Eigentlich ist sie bereits seit Jahren völlig ausgelastet. Aber weil es schwierig ist, neue Flächen zu finden, lädt die Stadt den Müll weiter dort ab. Biomüll mischt sich mit Plastik, alten Reifen, Kartonagen, Batterien und Altglas zu einer bunten, übel riechenden Masse. Andrej Schpartko sagt: „Die Wegwerfmentalität der Russen hat damit zu tun, dass das Land groß ist. Wenn man seinen Abfall einfach fünf Kilometer entfernt entsorgt, hat man das schnell wieder vergessen. Und viele wissen nicht, was damit weiter passiert.“ Während der Sowjetzeit war das zum Teil anders. Glas und Papier wurden getrennt und weiterverarbeitet, es gab weniger Verpackungen. „Heute ist alles dreifach verpackt – und die Russen konsumieren wie wild.“ Ein Teil der Müllhalden ist illegal und entzieht sich so staatlicher Kontrollen. Umweltorganisationen schätzen, dass es davon im Land mehrere zehntausend gibt. Sie sind von vielen Menschen bevölkert, auf der Suche nach wiederverwendbarem Abfall. Aktivistin Malenina findet in ihrer Region nicht wenig Freiwillige. Das hat auch damit zu tun, dass schon früher angepackt wurde, wenn es darum ging, seine Umwelt sauber zu halten. Bis heute finden die aus der Sowjetzeit stammenden „Subbotniks“ statt, ein alljährlicher Frühjahrsputz, zu dem Bürger und Politiker gemeinsam losziehen. Der große Unterschied zu musora.bolshe.net: Die Aktion ist nur einmal im Jahr, und der Müll wird nicht getrennt. Die 29-Jährige sagt, das Engagement der Menschen mache ihr Mut, aber die Arbeit mit Behörden und Abgeordneten sei nach wie vor schwierig. „Es ist so wie immer. Es wird viel geredet, aber wenig getan. Auch Präsident Wladimir Putin hat letztes Jahr gesagt, musora.bolshe.net sei eine sinnvolle Sache.“ Mit diesem Zugeständnis werben die Aktivisten jetzt, vor allem bei Offiziellen, wenn es um den großen Tag am 15. September geht. „Wir müssen selber etwas dafür tun, dass dieses Leben angenehmer wird“, meint Gründervater Dennis Stark. „Bis es zur Mülltrennung kommt, werden weitere fünf bis zehn Jahre vergehen.“ Vor allem müsse mehr Aufklärung betrieben werden. Wenn das geschafft sei, werde er sich um andere Probleme kümmern, um verschmutztes Trinkwasser – oder den Ausbau von Fahrradwegen. Mehr Infos unter www.musora.bolshe.net www.letsdoitworld.org


Reisen

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Jubiläum Weliki Nowgorod, gelegen zwischen Moskau und St. Petersburg, gilt als die Wiege des russischen Staats

Anschluss der Rus an die christliche Welt. Gegenüber wurde vor 150 Jahren ein weiteres Wahrzeichen errichtet: das Monument „Russlands Jahrtausend“. Auf den drei Ebenen des glockenförmigen Denkmals sind 129 Figuren zu sehen, die die ersten zehn Jahrhunderte des russischen Staates symbolisieren: Feldherren, Schriftsteller, Zaren. Einer fehlt: Iwan der Schreckliche. Zu viel Leid brachte er 1570 über die Stadt, als er in fünf Wochen Tausende Nowgoroder hinrichten ließ.

1862 wurde das Denkmal errichtet, tausend Jahre nach der Berufung Ruriks zum Herrscher über Nowgorod. Das Jubiläum war der Beginn eines wiedererwachenden Interesses an der Stadt, die sich nach ihrer Einverleibung durch Moskau langsam in eine unbedeutende Provinzstadt verwandelt hatte. Zur Einweihung reiste Zar Alexander II. persönlich an. Und mit dem wachsenden Interesse der Gesellschaft an der eigenen Geschichte rückte Nowgorod in den Fokus von Historikern und Kunstwissenschaftlern.

In diesem Jahr steht wieder ein Jubiläum an: Mit großem Pomp feiert Russland in Weliki Nowgorod sein 1150-jähriges Bestehen. In den vergangenen Jahren hat es die Stadt mit Geschick geschafft, ein touristisches Konzept zu entwickeln: Man kann sich an Ausgrabungen bei der ehemaligen Troizki-Kathedrale beteiligen und historisch wertlose Funde als Andenken mitnehmen. In den Mauern des Desjatinenklosters wird Porzellan gebrannt, und Touristen können Handwerkern bei der Arbeit zusehen. Im Sommer wird in den Mauern des Kremls ein Theaterstück über Onphim, einen Jungen aus dem Mittelalter, gezeigt. Allerdings fehlt Nowgorod das typisch mittelalterliche Flair, denn Katharina die Große gab der Stadt eine rechtwinklige Straßenführung. Jahrhunderte später wurde das architektonische Gleichgewicht durch die Sowjetbauwerke zerstört. Auf dem zentralen Platz unweit des Kremls zeigt die schwere Bronzehand des LeninDenkmals auf das Gebäude der Bezirksverwaltung. Der Platz heißt „Siegesplatz“, trägt aber gleichzeitig seinen historischen Namen: Sophienplatz. Vor zwanzig Jahren war Nowgorod eine der ersten Städte, die zu ihren historischen Straßennamen zurückkehrten. Als Kompromiss behielten aber viele Straßen auch den alten Namen. „In dieser Stadt hat man immer schon die Meinung anderer respektiert“, sagt Warnajew. „Und das Lenin-Denkmal ... Soll es doch stehen bleiben. Es ist schließlich auch ein Teil unserer Vergangenheit.“

Anreise

Unterkunft

Essen & Trinken

Nach Weliki Nowgorod gelangt man entweder mit dem Nachtzug von Moskau (acht Stunden). Von St. Petersburg sind es mit der „Elektritschka“ (Regionalbahn) oder dem Bus über Land drei Stunden.

Internationalen Standard bietet das Park Inn am Ufer des Flusses Wolchow (www.parkinn.ru/hotel-velikynovgorod; ab 75 Euro). Direkt am Kreml gibt es eine Reihe von günstigen Hotels mit zwei oder drei Sternen.

Im Restaurant des Hotels Wolchow am Kreml werden russische und europäische Speisen serviert (www.hotel-volkhov.ru). Eine kulinarische Reise ins Russland des 19. Jahrhunderts bietet das Dom Berga (www.domberga.ru).

Weliki Nowgorod – Neustadt am Wolchow

LORI/LEGION MEDIA

Der Jaroslaw-Hof bildet einen Komplex von Baudenkmälern aus dem 12. bis 18. Jahrhundert; die Nikolaus-Kathedrale wurde 1136 erbaut.

2012 feiert Russland sein 1150-jähriges Bestehen – und alles begann in Nowgorod. Aus der Wiege Russlands ist über die Jahrhunderte ein Provinzstädtchen geworden. ARINA POPOWA FÜR RUSSLAND HEUTE

Seit 25 Jahren geht Wladimir Warnajew nun schon in den Kreml zur Arbeit. Täglich. Für Politik jedoch hatte er nie etwas übrig. Zumal hinter den Mauern dieser Festung in Nowgorod schon gute sechs Jahrhunderte keine wichtigen Staatsgeschäfte mehr getätigt werden. Seit dem Tag, als Iwan der Schreckliche Weliki Nowgorod der Herrschaft Moskaus unterstellte, verlor die am Wolchow gelegene Stadt den Status einer unabhängigen Republik. Die aus Ziegelsteinen errichtete Festung, die aus der Ferne den Eindruck einer furchteinflößenden Bastion erweckt, hat sich in

das Stadtbild eingepasst und in einen Park verwandelt. Heutzutage verabreden sich die Bewohner hier zu Rendezvous. Dass das historische Zentrum seines geliebten Nowgorods, anders als das von Moskau oder Kasan, nicht zur Regierungsresidenz wurde, reizt den 52-jährigen Historiker. Bis heute betrachtet er die Mauern des Kremls jeden Tag aufs Neue mit Erstaunen. „Neapel, Karthago, New York, Nowgorod … all diese Bezeichnungen bedeuten „Neue Stadt“, erklärt er Petersburger Touristen, und erfüllt mit seinem tiefen Bass die Stille des Provinzkremls. „In Weliki Nowgorod gibt es 37 Denkmäler, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören – in Rom sind es 32, in St. Petersburg sechs und in Moskau vier ...“. Seine Führung beginnt Warnajew immer an der Sophienkathedrale: Das Gotteshaus, das 989 zunächst aus Holz gebaut wurde, symbolisiert den

JUBILÄUMSFEIER

© KONSTANTIN TSCHALABOW_RIA NOVOSTI

Als älteste Stadt Russlands – die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 859 – wird Weliki Nowgorod vom 21. bis 23. September im Zentrum einer russlandweiten Feier stehen: Das Land begeht das 1150-jährige Jubiläum seiner Staatswerdung. Höhepunkt der Feiern ist eine Darstellung der vergangenen 1150 Jahre russischer Geschichte im Nowgoroder Kreml. Mehr Informationen auf www. visitnovgorod.de

Das internationale Volkskunstfestival „Sadko“ findet im Juni statt ...,

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... die historische Nachstellung der Bogatyr-Schlachten im August.

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Meinung

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DER WARSCHAUER VORFALL Alexander Kobeljazkij JOURNALIST

DMITRIJ DIWIN

A

uf der Poniatowski-Brücke in Warschau geschah am 12. Juni genau das, was es in der Geschichte der EM schon lange nicht mehr gegeben hat – eine Schlägerei zwischen Fußballfans aus Polen und Russland. Sie lässt sich zwar nicht mit den Vorkommnissen im belgischen Charleroi vergleichen, wo während der EM vor zwölf Jahren Engländer und Deutsche aneinandergerieten. Doch die Requisiten waren haargenau die gleichen: Wasserwerfer, Tränengas, Gummigeschosse. Das Ergebnis: über 200 Festnahmen, mehrere Dutzend Verletzte, eine Handvoll Verurteilungen. Das Schlimmste aber: Polen, das die Fußball-EM 2012 ausrichtete, ist ein ernsthafter Imageschaden entstanden. Die polnischen Hooligans sind mit die aktivsten in Europa. Während jene Länder, die früher mit schlägernden Fans konfrontiert waren, Methoden entwickelten, um deren destruktives Potenzial in den Griff zu bekommen, hat man das Problem in Polen lange vernachlässigt. Wie die Praxis gezeigt hat, sind Strafen gegenüber Hooligans nur dann erfolgreich, wenn gleichzeitig die einkommensschwachen Schlachtenbummler, aus denen sich die aggressiven Fußballbanden vor allem rekrutieren, aus den Stad ien verd räng t werden, schlicht, weil sie sich die Tickets nicht leisten können. Die Auseinandersetzungen außerhalb der Stadien lassen sich nur schwer

Bis heute erkennt ein Viertel der Polen die Untersuchungsergebnisse der Flugzeugkatastrophe von Smolensk nicht an. kontrollieren, zumal die soziale Zusammensetzung der polnischen Hooligans recht bunt ist: Unter ihnen findet man Vertreter aller unteren sozialen Gesellschaftsschichten, denen der Weg nach oben versperrt ist. Zudem sind die polnischen Hooligans in erster Linie innerhalb ihres Landes aktiv: Es sei daran erinnert, wie ernst die deutsche Polizei die Begegnungen der polnischen und deutschen Mannschaften bei der WM 2006 und

der EM 2008 genommen hatte. Damals lief aber alles ohne größere Zwischenfälle ab. Möglicherweise wäre auch diesmal alles gut gegangen, hätten nicht Medien und Politik für Hysterie gesorgt. In der gemeinsamen Geschichte Russlands und Polens gibt es einige schmerzhafte Momente und unverheilte Wunden, die beide Seiten noch immer nicht zur Ruhe kommen lassen. Symbol dafür ist die Stadt Smolensk: In Katyn, nicht weit von Smolensk, wurden 1940 mehrere Tausend polnische Offiziere vom russischen Geheimdienst NKWD ermordet. Und siebzig Jahre später verunglückte an der gleichen Stelle das Flugzeug des Präsidenten Lech Kaczynski. Bis heute erkennt ein Viertel der Polen die Untersuchungsergebnisse nicht an und glaubt, dass auch

WAS HAT DEUTSCHLAND VON DEN RUSSLANDDEUTSCHEN? Dietrich Jochim REFERENT

Ü

ber die Integration von Muslimen in Deutschland wurde zuletzt sehr viel diskutiert. Über die Integration von Russlanddeutschen hört man dagegen nur wenig. Wie ist eigentlich deren Eingliederung verlaufen? Heute leben hier etwa 4,5 Millionen Aussiedler. Ein großer Teil von ihnen ist in den Neunzigerjahren nach Deutschland gekommen. Zu dieser Gruppe gehöre auch ich. Ich bin mit meinen Eltern und meinem älteren Bruder 1993 von Kasachstan nach Deutschland übergesiedelt. Da war ich zwölf Jahre alt. Ich ging danach zur Schule, habe mein Abitur gemacht, Wehrdienst geleistet und studiert.

Heute denke ich, dass ich und die meisten meiner russlanddeutschen Freunde, die einen ähnlichen Lebenslauf haben, mittlerweile gut in die deutsche Gesellschaft integriert sind. Einen großen Anteil daran hatte sicherlich die damalige Politik. Denn sobald wir einen Fuß nach Deutschland gesetzt hatten, erhielten wir unproblematisch und in relativ kurzer Zeit einen deutschen Pass. Darüber hinaus gewährte man uns die Möglichkeit, an Integrations- und Deutschkursen teilzunehmen sowie von einer breiten Palette sonstiger Unterstützungen seitens des Staates zu profitieren. Von der Politik wurden wir somit nicht als Migranten behandelt, sondern als Deutsche, die in die alte Heimat zurückgekehrt sind. Dieser Tatsache ist es auch zu verdanken, dass in

Sagen Sie uns die Meinung: leserbriefe@russland-heute.de

Für alle in Russland HEUTE veröffentlichten Kommentare, Meinungen und Zeichnungen sind ausschließlich ihre Autoren verantwortlich. Diese Beiträge stellen nicht die Meinung der Redaktion dar.

der Präsident Opfer russischer Geheimdienste geworden ist. Im Juni 2012 kam dann einiges zusammen: die große Zahl russischer Fußballfans in Warschau, die Entscheidung des russischen Fanverbandes, in einer Kolonne vom Stadtzentrum zum Stadion zu marschieren, die Vorfälle in Breslau (Russen verprügelten nach dem Spiel vier Ordner) – all dies schuf beste Voraussetzungen für ein neuerliches Aufflammen alter Feindschaften. Zumal auch die polnische Politik nicht unschuldig war und nationalistisch gestimmte Fußballfans hofierte. Ironischerweise trugen Tage später beide Nationen Trauer, weil ihre Mannschaften bereits in der Vorrunde gescheitert waren. 2018, wenn die Fußball-WM in Russland stattfindet, werden die russischen Hooligans für die Organisatoren möglicherweise zu einem ernsten Problem. In den Stadien der Premier Liga sorgen Polizisten und nicht, wie üblich, psychologisch geschulte Ordner für Ruhe. Immer wieder kommt es zwischen rivalisierenden Fans zu Auseinandersetzungen. Die Fanclubs sind stark gewachsen und werden kaum kontrolliert, die Anführer von Ausschreitungen nicht belangt. Sollte es also Polen zur nächsten WM schaffen, ist nicht auszuschließen, dass die Gäste ein herber Empfang erwartet. Was wiederum eine entsprechende Gegenreaktion hervorrufen wird. Alexander Kobeljazkij ist Leiter des Sportressorts beim Magazin Russkij Reporter.

Insbesondere die zweite und dritte Generation der russlanddeutschen Aussiedler ist fast komplett assimiliert.

den Jüngeren trug dies zu einer tendenziellen Selbstabgrenzung und oftmals zu massiven Integrationsproblemen bei. Und gerade diese Gruppe ist es auch, die aufgrund ihres gewalttätigen und kriminellen Verhaltens von der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen und für Pauschalisierungen jeglicher Art missbraucht wird. Trotz Rückschlägen kann man aber die Integration in die deutsche Gesellschaft als gelungen bezeichnen. Die Russlanddeutschen haben die Bundesrepublik vor noch massiverem Bevölkerungsschwund bewahrt. Und betrachtet man die Bildungserfolge vor allem der zweiten und dritten Generation, ist ein qualitativer Zugewinn für die deutsche Gesellschaft festzustellen.

ten Generation. Sie wurde nach der Übersiedlung als „russisch“ stigmatisiert und konnte sich in dem für sie fremden Land nicht einfügen, nicht den sozialen Status erreichen, den sie in ihrer alten Heimat innehatte. Gerade bei

Dietrich Jochim ist Hauptreferent Handelsdisposition beim Verbundnetz Gas AG und Mitglied im Deutsch-Russischen Forum. Er wurde 1981 in Kasachstan geboren und lebt seit 1993 in Leipzig.

puncto Integration bei der Gruppe der Russlanddeutschen viel erreicht wurde. Insbesondere die zweite und dritte Generation der Aussiedler hat sich zum Großteil assimiliert. Anders ging es der ers-

Russland HEUTE: Die deutsche Ausgabe von Russland HEUTE erscheint als Beilage in der Süddeutschen Zeitung. Für den Inhalt ist ausschließlich die Redaktion von Russia Beyond The Headlines, Moskau, verantwortlich. Rossijskaja Gaseta Verlag, Ul. Prawdy 24 Str. 4, 125993 Moskau, Russische Föderation Tel. +7 495 775-3114 Fax +7 495 988-9213 E-mail redaktion@russland-heute.de Herausgeber: Jewgenij Abow; Chefredakteur deutsche Ausgabe: Alexej Knelz; Gastredakteur: Moritz Gathmann; Webredakteurin: Sabine Schmidt-Peter; Redaktionsassistenz: Jekaterina Iwanowa; Anzeigen: Julia Golikova, Gesamtanzeigenleiterin, +7 495 775-3114

REFLEKTIERT

So fremd in der Heimat Der Ulenspiegel ZEITZEUGE

W

as unterscheidet russlanddeutsche Aussiedler von den Vertriebenen, die nach dem Krieg in die Bundesrepublik kamen? Anders als Schlesier oder Sudetendeutsche haben Russlanddeutsche zwei Identitäten. Sie sind Russen und Deutsche, je nachdem, von welchem Standpunkt aus betrachtet. Die Vertriebenen der Nachkriegszeit hingegen wurden in der Bundesrepublik als Deutsche zumindest akzeptiert, auch wenn sie seltsame Dialekte sprachen und nicht selten slawische Familiennamen hatten. Wie die Türken dagegen haben sich Emigranten aus Russland ihre eigene Infrastruktur geschaffen, mit Zeitungen, Geschäften und Kneipen. „Wozu brauchen die das?“, fragen die Alteingesessenen. „Die wollten doch zu uns, weil sie angeblich als Deutsche unter Deutschen leben wollten.“ Die Meinungen über die Aussiedler gehen auseinander: Nette Leute und fleißige Arbeiter, die sich leicht in unsere Gesellschaft einfügen, meinen einige. Nicht integrationsfähig, kriminell und gewalttätig, sagt die Mehrheit. Besonders missfällt, dass so mancher erst sein Deutschtum unterstreicht, um ins gelobte Land zu gelangen, dort angekommen aber den Russen raushängen lässt und der neuen Heimat mit Ablehnung begegnet. Das kommt nicht von ungefähr. Die Identität der Russlanddeutschen hat eine Achterbahnfahrt hinter sich. In der Sowjetunion mit dem Makel des Verräters behaftet, standen sie unter dem Druck, besonders gute Sowjetbürger zu sein. Wer emigrieren wollte, musste sich dann aber wieder als „richtiger“ Deutscher beweisen. Endlich angekommen, gelten sie nun wieder als Russen, die sich mit zweifelhaften Abstammungsnachweisen einschleichen. Manche treibt dieser Schock dazu an, sich zu assimilieren, hart zu arbeiten. Andere besinnen sich auf ihre russischen Wurzeln. Sie kapseln sich ab, ergehen sich in Selbstmitleid. Deutschland braucht heute gute Fachkräfte. Wir sollten darum Zuwanderern die Chance geben, sich zu beweisen, anstatt sie mit bürokratischen Schikanen und bohrenden Fragen nach ihrer Identität in die Isolation zu treiben. Zu einer gelungenen Integration gehören zwei, die sich bemühen. Auch die Deutschen sind in diesem Prozess gefragt. Der Autor ist Experte für russisch-deutsche Spiegelungen.

Produktion: Milla Domogatskaja, Produktionsleitung; Layout: Maria Oschepkowa; Bildbearbeitung: Andrej Sajzew; Proofreading: Dr. Barbara Münch-Kienast Druck: Süddeutscher Verlag Zeitungsdruck GmbH, Zamdorferstraße 40, 81677 München Verantwortlich für den Inhalt: Alexej Knelz, Schützenweg 9, 88045 Friedrichshafen Copyright © FGU Rossijskaja Gaseta, 2012. Alle Rechte vorbehalten Aufsichtsratsvorsitzender: Alexander Gorbenko; Geschäftsführer: Pawel Negojza; Chefredakteur: Wladislaw Fronin Alle in Russland HEUTE veröffentlichten Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion


Feuilleton

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Kulturreise Ein Besuch der Penaten bei St. Petersburg, dem Anwesen des Malers Ilja Repin

Bildern, das verwinkelte Haus ist voll mit Skizzen, Gemälden und Objekten, die seine Arbeitsweise und Suche dokumentieren. Säbel, Gusli (eine Art Zither) und Burka der Kosaken etwa benötigte Repin nicht nur für das große Gemälde „Die Saporoger Kosaken schreiben einen Brief an den türkischen Sultan“, sondern auch für das Spätwerk „Die Schwarzmeerfreiwilligen“. Der Künstler fing die bedrückende Atmosphäre nach der Niederlage im russisch-japanischen Krieg ein: Das Schiff der Kosaken befindet sich im Sturm und ist dem Untergang geweiht. Repin nahm stets kritischen Anteil an den sozialen, geistigen und politischen Umbrüchen seiner Zeit, mischte sich ein. Noch zu Lebzeiten wurden viele Bilder als Vorbild für den sozialistischen Re-

alismus vereinnahmt – die religiösen Motive in seinen Werken jedoch verschwiegen. Der Maler war geistig aber breiter orientiert, er fühlte sich den Lehren Tolstois und vor allem den „Wandermalern“ (Peredwischniki) verpflichtet, einer Avantgardegruppe mit sozialer Ausrichtung. Jeden Mittwoch standen in den Penaten die Türen weit offen für Gäste. Statt einer Dienerschaft fand der Besucher am Eingang jedoch eine Tafel vor, die Eigeninitiative forderte. „Legen Sie den Mantel und die Galoschen selbst ab!“ Ein großer Gong lud zum fröhlichen und kräftigen „TamTam-Schlagen“. Repin und seine Lebensgefährtin, die Schriftstellerin Natalia Nordman, lebten

nach liberalen demokratischen Grundsätzen, ihr Haus war ein Ort für Feste und Debatten, Treffpunkt kooperativer Versammlungen und verschiedenster Kunstströmungen. Die Literaten Gorki, Kuprin und Tschukowski oder der Sänger Schaljapin weilten hier ebenso wie der junge Revoluzzerpoet Majakowski, den Repin als Mensch hoch schätzte, als Futurist jedoch ablehnte. Er liebte dessen Zeichnungen, und manchmal skizzierten sie um die Wette. Bildhauer, Musiker, Schauspieler, Wissenschaftler oder Maler – eine bunte Gesellschaft setzte sich zum meist vegetarischen Essen gemeinsam mit dem Personal an den von Repin entworfenen runden Tisch, der in der Mitte eine Drehscheibe besaß sowie tiefe Schubladen, in die der Gast sein gebrauchtes Geschirr stellen sollte. Wer gegen die Regeln der Selbstbedienung verstieß und seiner Nachbarin höflich etwas auftat, wurde auf eine kleine Kanzel verdonnert und hatte dort eine improvisierte Rede zu halten. Nicht selten war es der Hausherr selbst, der zum Vergnügen aller die Strafe antreten musste. 1918 fand das lebhafte Treiben ein jähes Ende, die finnische Grenze wurde nach der Oktoberrevolution geschlossen, Repin und andere russische Künstler waren von der Heimat abgeschnitten. Hunger, Kälte und seine kranke Malerhand setzten ihm immer mehr zu. Ein Selbstporträt von 1920 zeigt leidvolle Züge. Im Atelier steht auch ein unvollendetes Bild, an dem er 30 Jahre lang arbeitete: Puschkin am Kai der Newa – ein wie aus dem Totenreich geschautes Porträt des Dichters in einer steinernen Wüstenei. Erst 1926 erhielt Repin wieder Besuch, eine Malerdelegation kam aus der Sowjetunion. Der alte Künstler war beglückt, eine Umsiedlung aber lehnte er ab. Er starb vier Jahre später und wurde im Park beerdigt; die Penaten vermachte er der Petersburger Akademie der Künste. Im Krieg zerstört (das gesamte Interieur war rechtzeitig ausgelagert worden), wurde das Museum detailgenau rekonstruiert und 1962 wieder eröffnet. Es ist heute stiller als in den bildungshungrigen 60er- und 70er-Jahren, aber die Fahrt aus Petersburg lohnt sich allemal. Der Austausch aller Kunstgattungen untereinander war typisch für das „Silberne Zeitalter“ und Ilja Repin einer derjenigen, die ihre Position öffentlich kundtaten. In seinen Memoiren schrieb er: „Echte, tiefe Ideen, als höhere Erscheinungsform des Verstandes, werden immer unerschütterlich wie Sterne am Himmel in der intellektuellen Welt stehen und überall die besten Herzen, die besten Köpfe anziehen.“ Er hätte sich auch heute eingemischt ...

VORTRAG WIE WEITER NACH DER PRÄSIDENTENWAHL IN RUSSLAND?

FOTOGRAFIE RUSSEN JUDEN DEUTSCHE

SINFONIEKONZERT DIE ZUKUNFT DER OSTSEE

BIS 26. AUGUST, BERLIN, JÜDISCHES MUSEUM

15. SEPTEMBER, USEDOM, KRAFTWERK DES MUSEUMS PEENEMÜNDE

ERFAHREN SIE MEHR ÜBER RUSSISCHE KULTUR AUF

Wie stehen die Chancen für politische Reformen unter dem wiedergewählten Präsidenten Wladimir Putin? Stefan Melle, Geschäftsführer des Deutsch-Russischen Austausch, versucht eine Deutung.

Über 200000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wanderten seit den 90er-Jahren nach Deutschland aus. Der Fotograf Michael Kerstgens hat diesen Prozess über einen längeren Zeitraum hinweg durch eindrucksvolle Bilder illustriert.

Kurt Masur, Schirmherr des Usedomer Musikfestivals, kehrt nach 19 Jahren zurück und eröffnet das Festival mit dem Baltic Youth Philharmonic. Auf dem Programm stehen Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ und die Sinfonie Nr. 1 von Schostakowitsch.

RUSSLAND-HEUTE.DE

› vdrw.de

› jmberlin.de

› usedomer-musikfestival.de

Treten Sie ein zum Tam-Tam bei Repin

© RIA NOVOSTI

Russisch-finnische Wurzeln: das Penaten-Anwesen in Repino, nach dem Maler Ilja Repin getauft ...,

Hier schuf Repin einige seiner bedeutendsten Werke, zeichnete mit Majakowski um die Wette, am runden Esstisch saßen Gorki und Schaljapin. Und hier geriet der Maler 1918 in Isolation. RUTH WYNEKEN FÜR RUSSLAND HEUTE

Bis 1940 war der Ort finnisch Sie haben Revolution, Krieg und so manche Umbrüche überdauert. Als der Maler Ilja Repin (18441930) vor über hundert Jahren das Gut mit seiner zweiten Frau erwarb, hieß der Ort noch Kuokkala und war finnisch. 1940 fiel er an die Sowjetunion und wurde zu Ehren des bedeutenden Realisten in Repino umbenannt. Hier in den Penaten entstanden zahlreiche Varianten von Repins berühmtesten

KULTURKALENDER

PRESSEBILD

Es gibt Orte, da weht einen der gute Geist an, man taucht ein in eine vergangene und doch lebendige Welt der Kunst und erholt sich vom Lärm des Tages. Allein der Park ist die Anreise wert … In Repino, 40 Kilometer nördlich von St. Petersburg, tritt der Besucher durch ein weißes, holzgeschnitztes Tor, geht durch eine Birkenallee, fischt sich aus der Kiste am Eingang ein Paar riesige Pantoffeln und wählt im Tonband die passende Sprache aus. Dann schlurft er auf Filz, von altmodischen Kommentaren begleitet, durch ein zauberhaftes Anwesen: die „Penaten“, benannt nach den römischen Göttern, die als Hüter des Herdes gelten.

... der in der Villa sein Bild von den Saporoger Kosaken vollendete

4. JULI, BERLIN, SAAL DER BIBLIOTHEK AM LUISENBAD, TRAVEMÜNDER STR. 2

Selbstbedienung erwünscht

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LESENSWERT

Das Plakat als Waffe

Keine sowjetische Wandzeitung, keine Politveranstaltung, ja kaum eine Häuserwand kam ohne Plakate aus. Seit der Revolution entwarfen unzählige Künstler und Designer unter schwierigsten Bedingungen eine wahre Flut politischer Aushänge. Während des Bürgerkriegs zwischen 1918 und 1921 wurden über 3200 Plakate gedruckt. Ganz im Sinne der Bolschewiki dienten sie „als Waffe zur Beeinflussung der Massen“, waren „Instrument zur Formung einer kollektiven Psychologie“. Viele unbekannte Künstler, aber auch bekannte Avantgardisten wie Majakowski schufen Plakate, die von der Nachrichtenagentur ROSTA ausgestellt wurden. Zugleich spiegeln die Plakate die Zeitenströme des Stalinismus mit all seinen Wandlungen und blutigen Irrungen wider. Stalin ließ nicht nur zahlreiche Plakate vernichten, die politische Widersacher zeigten. Zugleich setzte er dem avantgardistischen Stil ein Ende und nutzte Künstler zur Herausbildung eines beängstigenden Personenkults. Ein massiver Einsatz der Fotomontage, der die Größenverhältnisse absurd verzerrte, sollte die Illusion des alle und alles überragenden Führers erzeugen. Erst der Große Vaterländische Krieg weckte die Plakatkunst aus ihrer Erstarrung. Am bekanntesten aus dieser Zeit: das Plakat „Kein Geschwätz“. Eine Frau legt den Finger auf den Mund und warnt so davor, dass unvorsichtige Worte das Leben kosten können. Das Besondere an diesem Fotoband ist jedoch, dass er neben den Klassikern auch die „verlorenen“ Plakate des Stalinismus zeigt. David King: Russische Revolutionäre Plakate. Mehring Verlag, Berlin 2012; 144 Seiten mit 165 Abbildungen Matthias Uhl

empfiehlt


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Porträt

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Kulturkritik Irina Prochorowa zählt zur letzten Generation der Sowjetära und setzt sich nun für geistige Freiheit ein

Die scharfzüngige Antioligarchin Irina Prochorowa lieferte den Verstand und das Gefühl für den Präsidentschaftswahlkampf ihres Bruders. Selbst wollte sie nicht kandidieren und zog das Leben als Kulturschaffende vor. ANNA NEMTSOWA

Wohnen auf dem Arbat Irina Prochorowa und ihr Bruder Michail wuchsen in einem Intellektuellenhaushalt auf. Irinas Augen strahlen, wenn sie über die Atmosphäre voller „Freude und Freiheit“ spricht, die in ihrem Elternhaus herrschte. Sie erinnert sich an Tanzpartys in ihrer eleganten Wohnung auf dem Arbat, jener exklusiven und sagenumwobenen Fußgängerzone im Zentrum Moskaus, in der es heute vor allem von Touristen wimmelt. „Meine Familie brachte mir bei, das Individuum zu respektieren – und deshalb werde ich in unserer Gesellschaft, der dieser Respekt völlig fehlt, niemals Frieden finden“, sagt sie bewegt. „Die Angst vor Stalins Repressionen verfolgte unsere Eltern bis zum Ende ihres Lebens. Dieses Trau-

BIOGRAFIE GEBURTSORT: MOSKAU ALTER: 56

Irina Prochorowa ist die Schwester des Oligarchen und Expräsidentschaftskandidaten Michail Prochorow. Sie studierte Anglistik an der Lomonossow-Universität Moskau und hat ab Mitte der 1980er-Jahre für das Magazin „Literaturnoje Obosrenije“ (Literarische Rundschau) gearbeitet. 1992 gründete sie das erste unabhängige Intellektuellenmagazin „Neue literarische Umschau“, das sie im Laufe der Jahre zu einem erfolgreichen Verlagshaus aufbaute. Seit 2004 leitet sie die Stiftung Kulturinitiative, die von ihrem Bruder finanziert wird. Beim Präsidentschaftswahlkampf Anfang des Jahres unterstützte sie ihren Bruder und trat erstmals ins öffentliche Bewusstsein Russlands, als sie beim Polit-Talk im Fernsehen den Putin-Berater Nikita Michalkow zum Verstummen brachte. Irina Prochorowa ist Preisträgerin mehrerer Auszeichnungen – des amerikanischen Liberty-Preises für besondere Verdienste in den russisch-amerikanischen Kulturbeziehungen und des französischen Ordens für Kunst und Literatur.

„Das tiefe Trauma der künstlichen kulturellen Isolation brachte mich zu dem Entschluss, Verlegerin zu werden.“

© KIRILL KALLINIKOW_RIA NOVOSTI

PROFIL: INTELLEKTUELLE

Der kleine Bruder: Michail Prochorow bei der Gründung seiner Partei

© ALEKSEJ FILIPPOW_RIA NOVOSTI

Der russische Milliardär Michail Prochorow hat die diesjährigen Präsidentschaftswahlen verloren, allerdings erzielte er mit seinen beinahe acht Prozent einen Achtungserfolg. Monate nach der Wahl ist der Oligarch von der politischen Bühne praktisch verschwunden. Allerdings hat er im Zuge seines Wahlkampfs ein anderes politisches Profil geformt – das seiner Schwester. Irina Prochorowa hat jahrelang die Wohltätigkeitsstiftung ihres Bruders geleitet und das Verlagshaus Neue Literarische Umschau geführt. Doch während des Wahlkampfs trat die 56-Jährige auch als überzeugende und energische Fürsprecherin liberaler Ideen in Erscheinung. Ihre Leidenschaft und Redegewandtheit veranlassten einige politische Beobachter sogar zu dem Vorschlag, sie solle sich doch selbst um das Amt bewerben. Berühmt wurde sie, als sie in einer Fernsehdebatte den Regisseur Nikita Michalkow, einen eloquenten Redner und Putin-Anhänger, so in Grund und Boden redete, dass der am Ende erstaunt verstummte. Doch Prochorowa sieht sich nicht in der Politik: Sie will sich in Zukunft weiterhin der Kultur widmen. Auch ihre Abneigung gegenüber Wladimir Putin reicht als Motivation für eine Politkarriere nicht aus: Prochorowa sagte einmal, Putins Jahre an der Macht hätten „die russische Kultur an den Rand einer Krise geführt“. Ginge es nach ihr, sollte man ein Land – und mithin Russland – nicht am Umfang seines Militärpotenzials messen, sondern an seinen kulturellen Schätzen.

MARIJA SCHKODA_FOTOIMEDIA

FÜR RUSSLAND HEUTE

In einem Polit-Talk brachte die diskussionsbegabte Prochorowa den Regisseur und Putin-Vertrauten Nikita Michalkow zum Schwitzen.

ma kann nicht innerhalb einer Generation überwunden werden; wir leiden noch immer unter den Geistern dieser Epoche.“ Während Prochorowas 47-jähriger Bruder ein Vermögen von rund zehn Milliarden Euro besitzt und gelegentlich durch seinen Lebensstil in die Schlagzeilen gerät, ist seine ältere Schwester ein eher

konservativer Familienmensch. Prochorowa erklärt, sie habe ihr Bestes gegeben, um ihre Tochter in Bescheidenheit zu erziehen, als ganz normales Kind und nicht als verwöhnte russische Neureiche. Die Familienbibliothek mit ihren abgegriffenen Ausgaben von Jack London, Iwan Turgenjew, Guy de Maupassant und Anton Tschechow

gehört zu ihren größten Schätzen. „Um an einige dieser Bücher zu gelangen, standen meine Eltern nächtelang vor Buchhandlungen Schlange“, erinnert sie sich. Die Anglistin schrieb ihre Diplomarbeit über J. R. R. Tolkien und äußerte sich darin kritisch über das Sowjetsystem. „Meine Thesen kamen einem Affront gleich, doch ich überwand meine Angst und schilderte Tolkien nicht als fantastischen, sondern als vollkommen realistischen Schriftsteller, der in allegorischer Form den Sieg der sozialen Gerechtigkeit verlangte“, erzählt sie. Prochorowa erhielt ihr Diplom, kämpfte aber weiterhin für mehr Transparenz in den streng reglementierten Geisteswissenschaften. „Die meisten Themen, die ich vorschlug, wurden zwangsläufig abgelehnt. Wenn wir eine Abhandlung schrieben, hatten wir viele Klippen zu umschiffen.“ Doch die Perestroika brachte frischen Wind ins Land. Zusammen mit einigen Weggefährten widmete sie sich der Kulturkritik. Ihre eigene Geschichte – jene der letzten sowjetischen Generation – war prägend für ihr weiteres Tun. „Ich denke, das tiefe Trauma der künstlichen kulturellen Isolation brachte mich zu der Entscheidung, Verlegerin zu werden“, sagt Prochorowa. Nach Monaten intensiver Oppositionspolitik ist sie nun wieder zu ihrer Arbeit zurückgekehrt. Und lehnte es im Juni sogar ab, den Vorsitz im Beirat des Kulturministeriums zu übernehmen. Lieber wendet sie sich ihren eigenen kulturellen Projekten zu – und da betreut sie mehr als genug. Auf ihr Konto gehen drei Zeitschriften und ganze zweiundzwanzig Buchreihen, in denen führende russische und internationale Geistesgrößen erscheinen. Der von ihr 1992 gegründete Verlag Neue Literarische Umschau hat sich zu einem interdisziplinären Forum entwickelt, in dem gesellschaftliche und geistige Trends erforscht werden. Und in der Vierteljahresschrift „Theorie der Mode“ wird über Kleidung als Spiegel gesellschaftlicher Befindlichkeiten nachgedacht. In der Stiftung ihres Bruders setzt sich Prochorowa für junges Theater und Filmprojekte ein und zeichnet mit ihrem Literaturpreis „Nos“ sozial verantwortungsvolle Gegenwartsschriftsteller aus. Sie ist davon überzeugt, dass sie mit ihrer Arbeit etwas bewirkt und die Gesellschaft positiv beeinflussen kann. „Unser oberstes Ziel ist der Versuch, eine ‚alternative‘ Geschichte zu erschaffen“, erklärt sie. Anna Nemtsowa ist MoskauKorrespondentin für das Magazin Newsweek und die Website The Daily Beast.

ITAR-TASS

Russlands Immobilien und ihre Qualitäten Wie Russen ihre moderne Lebenswelt wahrnehmen und gestalten

5. September


Russland HEUTE