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REPORTAGE | Athen Marathon

Das Beste kommt zum Schluss

Athen Marathon von Jochen Schmitz

Kanada – klick, China – klick, Chile – klick. Smartphones und Digicams halten den ehrwürdigen Moment vor dem im Wind tanzenden Marathon-Feuer fest. Noch ist die Schlange an der kleinen Treppe hinauf zu dem begehrten Fotomotiv überschaubar, in einer halben Stunde wird sich diese Situation wesentlich verändert haben. Dann nimmt auch die Zahl derer, die im benachbarten Stadion zum Warmup ihre Runden drehen, deutlich zu. Wie ein Ameisenhaufen sieht die Sportstätte später aus. Bisweilen herrscht Gelassenheit. Ganz gemächlich bahnt sich die Sonne ihren Weg über die Berge, um die blanken Läuferbeine in der kleinen griechischen Stadt Marathon mit Wärme zu verwöhnen. it der Sonne kommen die Sportler. Die unzähligen Busse karren immer mehr Teilnehmer des Athen Marathon 2015 in den 30.000-Seelen-Ort, etwa 45 Kilometer nordöstlich der griechischen Hauptstadt. Die Szenerie ähnelt derer in Hopkinton zum Boston Marathon. Nur das hier nicht 27.000, sondern etwa 16.000 Aktive an den Start gehen. Das bedeutet für den hiesigen Veranstalter einen Zuwachs von 25 Prozent zum Vorjahr (das internationale Kontingent stieg sogar um 30 Prozent). Insgesamt meldeten sich mit den Unterdistanzen 43.000 Läufer an. Ein beachtlicher Erfolg, insbesondere wenn man die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes berücksichtigt.

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FOTOS: JOCHEN SCHMITZ · WIKIMEDIA COMMONS

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In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass aufgrund finanzieller Einschränkungen die Organisatoren (der nationale Leichtathletik-Verband SEGAS) der Verpflichtung internationaler Spitzensportler entsagte. Das kommentierte Kostas Panagopoulos als SEGASPräsident wie folgt: „Wir mussten in diesem Jahr Kürzungen vornehmen. Deswegen haben wir auf ein Elitefeld verzichtet und organisieren dafür einen Marathon, bei dem die Breitensportler

Freitag vor dem Rennen aus. Das Fernsehen überträgt die Zeremonie in einem seiner Hauptprogramm zur Primetime live – eine in Deutschland leider unvorstellbare Gegebenheit. Prämiert wurden der Kenianer Eliud Kipchoge und die Äthiopierin Mare Dibaba.

GOOD TO KNOW Ob Low Cost Carrier wie Easyjet oder Fluggesellschaften wie Swiss Air Lines – sie alle steuern von den größeren deutschen Airports Athen an. Aegean Airlines sei müden Läuferbeinen ans Herz gelegt, denn die ausladenden Sitze an den Notausgängen sind im Internet kostenfrei reservierbar. Mitarbeiter der Lufthansa streikten im vergangenen Jahr während des Marathons, und die Griechen richteten daraufhin lobenswerterweise eine verlängerte Möglichkeit zur Startnummernabholung für alle Betroffenen ein. Eine Tourismus-Initiative von Hotellerie, Gaststätten und Unternehmen für Freizeitangebote offeriert am Veranstaltungswochenende besondere Vergünstigungen. Das Hilton fungiert als offizielle Athleten-Unterkunft. Wer die Stars treffen will, ist hier richtig. Häuser wie das Stratos Vassilikos Hotel sind ebenfalls sehr sportlerfreundlich (Marathon-Frühstück am Rennsonntag), was in diesem Fall sicherlich daran liegt, dass der Manager selbst ein Läufer ist. Neben den klassischen Sightseeing-Highlights lässt sich in der Metropole viel entdecken. Die lebendige StreetArt-Szene bringt zahlreiche sehenswerte Werke hervor. Und wer am Ende des Tages noch die Energie besitzt, der stürzt sich ins multikulturelle Nachtleben.

im Mittelpunkt stehen unter dem Motto ‚Marathon der Solidarität für Griechenland’. Wir werden aber unseren bisherigen Weg in der Zukunft weitergehen und 2016 wieder Top-Athleten am Start haben.“

Diese besondere Situation ermöglicht es, dass es zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 wieder einen heimischen Sieger gibt. Christoforos Merousis kommt nach 2:21:22 Stunden ins Ziel. In diesem Moment zeigt das Thermometer 22

Grad, 42 Kilometer zuvor waren es bereits 15 Grad. Bei den Frauen steht die Japanerin Minori Hayakari mit 2:52:06 Stunden ganz oben auf dem Treppchen. Sowohl bei den Damen wie den Herren, folgen auf den Plätzen griechische Athleten. Zuvor genannter Leichtathletik-Verband zeichnet nicht nur für dieses Event verantwortlich, er richtet ebenso die AIMS(Association of International Marathons and Distance Races)-Gala am

FOTO: JOCHEN SCHMITZ · WIKIMEDIA-COMMONS

Marathon bedeutet übersetzt Fenchel, die vielen Felder der Gewürzpflanze rund um die Stadt Marathon gaben ihr den Namen.

Kaiser Hadrian ließ angeblich eintausend wilde Tiere für GladiatorenKämpfe in die VorgängerAnlage des heutigen Panathinaiko-Stadion (an gleicher Stelle) zur Belustigung der Zuschauer treiben.

Zurück zum Ort des Geschehens. Mittlerweile entließen circa 300 babyblaue Busse ihre sportliche Fracht, die wiederum in 25 LKW ihre Läuferbeutel deponieren. Nun herrscht im Startbereich das für diese Veranstaltungs-Größe übliche kontrollierte Chaos. Lediglich auf einer kleinen Anhöhe, seitlich des Stadions, existiert ein Rückzugsort: Eine orthodoxe Kirche strahlt Ruhe aus. Hier diskutiert man nicht lauthals über Zwischenzeiten, hier wird nicht für Fotos mit Länderfahnen posiert. Hier besinnt man sich auf das, was kommt ‒ auf jene geschichtsträchtige Strecke, auf welcher der erste Marathon der Neuzeit anlässlich der Olympischen Spiele stattfand, in Gedenken an den Botenläufer Pheidippides (inwieweit diese Geschichte nun tatsächlich stimmt, überlassen wir mal den Historikern). Strukturiert schickt das OrganisationsTeam die Meute ab 9.00 Uhr in Wellen auf den Parcours. Der Kursverlauf ist schnell beschrieben. Ausgenommen von einem kleinen Abstecher bei Kilometer fünf zu den Grabhügeln gefallener Griechen, führt unser Weg möglichst direkt nach Athen, erst in südlicher, dann in westlicher Richtung. Dabei nimmt der Anstieg auf der mehrspurigen Schnellstraße nach und nach zu, bis bei Kilometer 31 der höchste Punkt mit 245 Höhenmetern erreicht ist. Nun geht es stetig bergab zum Ziel im PanathinaikoStadion. Eilte diesem Rennen vor einigen Jahren noch der Ruf voraus, ein Event mit wenig Anteilnahme seitens der Bevölkerung zu sein, so änderte sich das inzwischen. Ältere Damen verteilen vom Seitenstreifen Ölbaumzweige an die tapferen Sportler, Tanzgruppen laden in den Ortschaften zum Sirtaki ein und junge Reiterinnen applaudieren von ihren Ponys herunter. Je näher der Läufer-Tross der Hauptstadt kommt, desto enger stehen die Zuschauer. Es muss an dieser Stelle jedoch erwähnt werden, dass die

Erwartung an das Publikum sowie die Strecke nicht zu hoch anzusetzen ist. Was sich weiterhin positiv entwickelte, ist die Abnahme der Luftverschmutzung. Hörte man früher oftmals vom Smog in und um Athen, so verbesserte sich diese Situation maßgeblich. Selbst die Früchte der zahllosen Zier-Mandarinen-Bäume in der Stadt duften wieder ein wenig nach Zitrone. Die Qualität des Straßenbelages, die Versorgung an den Verpflegungsstellen sowie die Präsenz des medizinischen Personals geben ebenfalls keinen Anlass für negative Kritik. Den absoluten Höhenpunkt der 42,195 Kilometer stellt der Einlauf in die Wettkampfstätte der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit im Jahre 1896 dar. Für diesen Moment überlassen die Ausrichter die Finisher ganz sich selbst. So nehmen im Zielkanal Väter ihre Kinder entgegen, Paare tanzen auf dem schwarzen Tartan über die Zeitnahmematten. Alles ganz entspannt, ohne Hektik. Daran können sich andere Ausrichter ein Beispiel nehmen. Sobald der erste Freudentaumel überwunden ist und man in das weiße Rund des Panathinaiko-Stadions mit seinen 44 Stufenreihen für etwa 75.000 Zuschauer blickt, kommt fast so etwas wie Demut auf.

SURF- UND BÜCHERTIPPS ZUM THEMA www.athensauthenticmarathon.gr www.discovergreece.com www.athenswalkingtours.gr www.viatorcom.de www.mycitytrip.com/athen/sehenswuerdigkeiten Spirit and Body: The Chronicle of a Deed 524km Athens-Sparta-Marathon ASIN: B00T3MZEJ8 Preis: 8,– Euro

Die Philosophie des Laufens ISBN: 978-3938539378 Preis: 18,90 Euro

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