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Die Entdeckung der Langsamkeit von Anne Kirchberg ■ Mit ihrer persönlichen Geschichte motiviert die Turtlerunnerin.

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Mit dem Startgewicht von 98,3 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,73 Metern packte die Österreicherin der Eifer. Nach und nach verzeichnete sie kleine Fortschritte und wagte kurz darauf, bei einem Fünf-Kilometer-Frauenlauf zu starten. Sie kam als eine der Letzten ins Ziel, genau wie bei den fol-

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RUNNING | 2/2016

Über die ersten Schritte veröffentlichte Judith Riemer Anfang 2015 das „Turtle Runners Trainingsbuch“, das aus ihrem

sein, weshalb es keine langen Texte beinhaltet. „Mir hat die Dokumentation damals sehr geholfen, weil sie etwas Verbindliches war und dem Laufen eine gewisse Ernsthaftigkeit gab.“ Daneben berichtet die Autorin offen über Rückschläge sowie Verletzungen und ihre Erfahrungen mit dem inneren Schweinehund als ständigem Partner. Der Bericht aus ihrem Sportleralltag soll eine Anregung und Unterstützung für all diejenigen sein, die inaktiv und vielleicht übergewichtig sind, nicht ins typische Bild eines Sportlers passen – und trotzdem mit dem Laufen beginnen wollen.

„Seit diesem Moment ging es nicht mehr um das Abnehmen, sondern ich wollte Läuferin werden!“ Blog entstand. In dem Werk beschreibt sie in verständlicher, fröhlicher Sprache ihre ersten 53 Sporttage, gibt Tipps und liefert vegane Rezeptideen. Dabei soll das 132 Seiten umfassende Buch kein DiätRatgeber oder typischer Trainingsplan

■ Durch das Laufen nahm Judith Riemer mehr als 30 Kilogramm Körpergewicht ab.

FOTO: BERND RIEMER

ach zahlreichen Diäten und fehlgeschlagenen Sport-Versuchen sorgte im April 2012 ein Wunschbild dafür, dass Judith Riemer mit dem Laufen begann. „Mein Unterbewusstsein zeigte mir ein Bild, wie ich bei einem Marathon die Ziellinie überquere – und plötzlich war dieser innere Wunsch da“, erinnert sich die Vorarlbergerin aus Möggers. „Seit diesem Moment ging es nicht mehr um das Abnehmen, sondern ich wollte Läuferin werden!“ Vorher, so berichtet Riemer, hätte sie stets eine Ausrede wie Rückenschmerzen gefunden, um mit dem Training schnellstmöglich wieder aufzuhören. „Ich glaube, Sport nur zu machen, um abzunehmen, war einfach die falsche Motivation für mich. Und gerade das Laufen empfand ich bereits in der Schule als Qual, weil mir niemand gezeigt hat, wie es richtig geht.“

genden Wettkämpfen. „Seltsamerweise erfuhr ich bei Facebook und auf meinem Blog enorm viel Zuspruch und Unterstützung. Die Leute fanden mich gut, obwohl oder gerade weil ich eine der Langsamsten war.“ Während der Kommunikation mit ihren virtuellen Anhängern kam irgendwann der Begriff Turtlerunner auf, der im Englischen ein geflügeltes Wort für extrem langsame Läufer ist. „Ich konnte mich damit sofort identifizieren und merkte, dass es anderen guttut, jemanden wie mich zu sehen“, sagt Judith. Viele würden die Bezeichnung Turtlerunner allerdings falsch deuten, denn mit Gemütlichkeit hat das Tempo wenig zu tun – für sie ist es eine absolute Höchstleistung.

FOTOS: SUSI DONNER · ALPHAFOTO · ILLUSTRATION: KLEMENS WAHL

Mit einer Schildkröte verglichen zu werden, ist für die meisten Sportler kein Kompliment. Doch Judith Riemer verhalf die von diesem Reptil gepflegte Langsamkeit zu einem neuen Leben – und zu über 30 Kilogramm Gewichtsverlust. Nun möchte die 35-Jährige mit ihrem „Turtle Runners Trainingsbuch“ und einem Online-Programm anderen Mut machen, das Laufen einfach mal langsam anzugehen.

„Es gilt, den herrschenden Leistungsdruck abzulegen und das Gefühl der eigenen Langsamkeit zu akzeptieren.“ Allen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie Judith es einmal war und ist, möchte sie Inspiration bieten und zeigen, dass es viele Menschen gibt, die nur langsam laufen können. „Jeder sollte zu seinem Wohlfühltempo stehen und Spaß daran haben, was der Körper leisten kann. Es gilt, sich als Maßstab zu nehmen und nicht die anderen.“ Sie selbst ist mit einer Geschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde gestartet und läuft heute mit 30 Kilogramm weniger Körpergewicht durchschnittlich acht Kilometer pro Stunde. „Viele sagen, das ist lächerlich, aber für mich ist es das absolut richtige Tempo.“ Schneller zu werden, sei für sie eine enorme Quälerei, und obwohl sich Judith gerne selbst antreibt, kommt das für sie in diesem Fall nicht infrage. „Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum das Laufen und ich nun seit über drei Jahren so gut miteinander klarkommen!“ Um Gleichgesinnten etwas von ihrer Energie und dem Optimismus abzuge-

Wovon sie schreibt und redet, weiß Judith genau. Dank des regelmäßigen Trainings absolvierte sie 2014 ihren ersten Halbmarathon in Kressbronn am Bodensee mit einer Zeit von 2:36 Stunden. Mittlerweile ist die Turtlerunnerin in ihrer „Multisportphase“ angekommen, wie sie es bezeichnet: Drei Mal die Woche ist Laufen angesagt, daneben Wandern, Hiphop-Dance, Yoga und Schwimmen. Doch den Traum, irgendwann mal einen Marathon zu absolvieren, gab sie noch nicht auf. An einem anderen Ziel ist sie schon angekommen, denn innerhalb von anderthalb Jahren purzelten 32 Kilogramm von ihrem Körper. Bis heute hält sie ihr Gewicht zwischen 65 und 67 Kilogramm und fühlt sich damit wohl. „All das ist nur durch das Laufen passiert – es hat mein Leben verändert, auch wenn ich nicht besonders begabt darin bin“, erklärt Judith abschließend.

SURF- UND BUCHTIPPS ZUM THEMA www.turtlerunner.at Tempo Raus – Langsam reicht mir ISBN: 978-3941297319 Preis: 10,95 Euro Turtlerunners Trainingsbuch: Der Laufbegleiter für Beginner, die langsam und sicher ans Ziel kommen wollen ISBN: 978-3734747113 Preis: 23,– Euro

Micro Trail Pro

Turtlerunner

ben, bietet Judith Riemer den Lesern neben ihrem Buch wöchentliche BlogArtikel und den 21-tägigen SofaStarterE-Mail-Kurs an. Hierbei unterstützt sie alle Teilnehmer persönlich und steht mit Rat und Tat beim Lauftrainingsbeginn zur Seite. Mit den rund 2.500 Lesern ist sie bereits durch einige Höhen und Tiefen gegangen und freut sich über ihre individuellen Erfolge. „Ich möchte dabei niemanden zu etwas überreden, das er nicht will, sondern Impulse für jede einzelne Person geben, um diese ihrem Herzenswunsch in puncto Gewicht und oder Laufleistung näherzubringen.“

Photo © Christoph Schöch

REPORTAGE | Turtlerunner

TRAIL RUNNING KLEIN · PRAKTISCH · BESSER

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