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TITELSTORY | Somatische Intelligenz

nen bestimmten Beruf ergreifen, und vor mir haben sich schon einige mit der Thematik auseinandergesetzt, weshalb welche Personen gewisse Sportarten bevorzugen“, berichtet Frankenbach. Generell gibt es zwei Gründe, sich für einen Sport zu entscheiden: Entweder man kann die zugrundeliegende Neigung ansonsten im Alltag nicht ausleben, oder sie spiegelt etwas wider, das typisch für die Person ist. „Eine Sportart wird fast nie zufällig gewählt, sie folgt unbewusst bestimmten Prinzipien“, erläutert der Gesundheitsexperte und betont, dass Läufer ein besonderes Klientel seien. Denn anders als bei den Funsportarten, wie Ski- und Snowboardfahren oder Surfen, ist das Laufen eine typische Arbeitersportart und noch dazu recht monoton. „Beim Laufen steht der Eigenantrieb ganz weit vorne, und es ist körperliche Arbeit in reinster, ehrlicher Form – ich benötige dazu die Bereitschaft, mich aus eigener Kraft fortzubewegen und an mir zu arbeiten.“

Hören, was der Körper will

„Beim Laufen steht der Eigenantrieb ganz weit vorne, und es ist körperliche Arbeit in reinster, ehrlicher Form – ich benötige dazu die Bereitschaft, mich aus eigner Kraft fortzubewegen und an mir zu arbeiten.“

von Anne Kirchberg

ie Bücher Frankenbachs sind herrlich anders. Das beginnt beim ausgefallenen Format mit 14,2 auf 18,9 Zentimetern, das wunderbar in der Hand liegt. Doch das Angenehmste daran ist der Inhalt, der auf keiner Seite belehrend wirkt. Weder er-

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hebt der Autor den Zeigefinger, noch preist er eine brandneue Entdeckung an. Stattdessen werden seine Erfahrungen und Erkenntnisse einfach in lockerer, verständlicher Sprache wiedergegeben. Wobei „einfach“ nicht ganz stimmt: Der 42-Jährige geht die Dinge

tiefenpsychologisch an und stellt in seinem Buch „Warum Läufer beharrlich sind und Surfer das Leben genießen“ interessante Thesen darüber auf, was der Sport über einen Menschen verrät. „Die Psychologie beschäftigt sich schon lange damit, warum wir beispielsweise ei-

FOTO: DEAN DROBOT/123RF.COM

Ein Gespräch mit Thomas Frankenbach ist für Sportler wie eine Reise in eine neue Welt, die erstaunliche Auswirkungen haben kann. Die Gedankengänge, Beispiele und Modelle des Ernährungswissenschaftlers rund um die Themen Körper, Sport, Ernährung und Psyche machen nicht nur Eindruck, sondern wecken die Neugier, sich selbst etwas genauer zu beobachten und neue Wege zu beschreiten. Warum sich das gerade für Läufer lohnt, erklärt der Hesse in seinen Büchern – und bei RUNNING – Das Laufmagazin.

Nur bei wenigen Menschen sei das Laufen ein „Vor-etwas-Davonlaufen“, wie es Psychologen in den 1970er-Jahren häufig propagierten. Doch die Zielstrebigkeit, die Regelmäßigkeit des Trainings und die Monotonie sind Dispositionen, die sich möglicherweise in irgendeiner Form im Leben der Läufer wiederfinden. „Sie können sich deshalb viele interessante Fragen stellen: Welche Rolle spielt die Monotonie in meinem Leben? Neige ich dazu, mich zu verausgaben? Wie teile ich mir meine Lebensenergie ein? Bin ich in meinem Leben ebenfalls ein Arbeitstier, und wobei ist das hilfreich, wo erschwert es meine Entwicklung? Wie steht es um meine Genuss- und Pausenfähigkeit?“

Mithilfe solcher Fragen kann man aus einer anderen Perspektive auf sein Leben schauen, sich selbst aus neuen Blickwinkeln betrachten , Kräfte freisetzen und mehr Selbstbewusstsein aufbauen. Faszinierend sind laut Frankenbach außerdem die Ähnlichkeiten zwischen dem Laufsport und den Weltreligionen. In beiden können monotone Abläufe dabei helfen, sich zu harmonisieren, entweder mit gleichmäßigen Schritten oder beim Pilgern, dem Aufsagen von Mantras sowie der Verwendung von Gebetsmühlen oder Gebetsketten. „Vielen Menschen hilft diese Regelmäßigkeit des Laufens, um zurück in die Balance zu finden“, weiß der Autor, der sich neben dieser psychologischen Sicht auf das Laufen mit einem weiteren Themengebiet beschäftigt, das für Sportler ebenfalls hochinteressant ist. In seinem Buch „Somatische Intelligenz – Hören, was der Körper braucht“ verknüpft Thomas Frankenbach sein Wissen als Psychologe und Ernährungswissenschaftler. Dabei ist der Begriff „somatische Intelligenz“ nicht neu, schon 1920 entdeckte die Wissenschaft diese Körperintelligenz. Kurz gesagt, bezeichnet somatische Intelligenz die Fähigkeit des Körpers, anhand von speziellen Signalen zu zeigen, welche Kost für jeden Menschen individuell in diesem Moment die richtige und passende ist. Dieses Gespür ist angeboren, weshalb sich gesunde Babys weder unter- noch überernähren und durch Geschrei klar anzeigen, sobald ihnen etwas fehlt. „Weil die rationale, kognitive Intelligenz in unserer Gesellschaft mehr gefördert wird, verlernen wir die somatische Intelligenz jedoch bereits im Kindesalter“, sagt der Experte bedauernd. Das kann nicht nur zu Gewichtsproblemen führen, sondern der körperlichen und seelischen Gesundheit schaden. Aber die gute Nachricht ist: Jeder kann mit geringem Zeitaufwand lernen, die Signale seines Körpers wieder wahrzunehmen, zu deuten und darauf zu vertrauen – vor allem, wenn er Sport betreibt. Denn je besser Menschen gerade im Ausdauerbereich trainiert sind, desto sensibler werden sie für ihre Ernährungsbedürfnisse. Gerade Outdoorsportler wie Läufer tun sich mit der Selbstwahrnehmung generell nicht all-

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TITELSTORY | Somatische Intelligenz

Seit 15 Jahren beschäftigt sich der Ernährungsfachmann intensiv mit der Thematik und entwickelte im Austausch mit Medizinern und Neurowissenschaftlern ein Übungsprogramm zum Wiedererlernen der somatischen Intelligenz, das er in seinem Buch vorstellt. „Es ist kein neuer Ernährungstrend wie Vollwert oder Low Carb und stülpt keine Schablone über die Menschen, sondern dabei geht es um das körpereigene Gefühl von jedem Einzelnen mit griffigem Know-how für den Alltag“, erklärt er. „Während der vergangenen Jahre sah ich oft, dass die somatische Intelligenz der Schlüssel für viele Fragen ist, die Sportler und Patienten sonst unbeantwortet bleiben.“

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Wen der Ansatz begeistert, der stellt sich jedoch schnell die Frage: Was, wenn ich das Gefühl habe, mein Körper möchte jeden Tag Fastfood essen? „Aus psychologischer Sicht ist es die größte Herausforderung in unserer Überflussgesellschaft wieder unterscheiden zu lernen, was wir wollen und was wir brauchen. Das Wollen ist momentan genau wie der riesige Optimierungsbedarf viel zu ausgeprägt – aber was benötigen wir wirklich?“ Das sagen uns die Körpersignale, wie Bauchgrummeln, Völlegefühl, Blähungen, Aufstoßen, Müdigkeit, Haarausfall und viele mehr, die Frankenbach alle in seinem Buch einzeln herausarbeitet. Eine individuell passgenaue Ernährung erfüllt seiner Meinung nach drei Kriterien: Man sollte Lust auf die Produkte haben, der Geschmack sowie Geruch der Lebensmittel muss stimmen und das Essen ist für den Körper bekömmlich. „Dabei sollte man nach innen schauen, und zwar nicht ausschließlich auf Magen und Darm, sondern zum Beispiel auch auf die Mundhöhle. Welchen Geschmack hinterlässt das Essen? Wie fühlt sich die Mundschleimhaut dabei und hinterher an? Wie der Zahnschmelz?“ Nach einiger Zeit weiß man genau, was dem eigenen Körper guttut

Thomas Frankenbach studierte Ernährungswissenschaften sowie psychosoziale, integrative und komplementäre Gesundheitswissenschaften. Er leitet den Fachbereich Ernährung und Bewegung in einer der traditionsreichsten Kliniken für Rehabilitationsmedizin in Deutschland. Neben seiner mittlerweile über 15-jährigen Erfahrung in der klinischen Arbeit hat er an mehreren wissenschaftlichen Forschungsarbeiten mitgewirkt und schreibt regelmäßig für verschiedene Fachzeitschriften. Als Karatesportler durfte er internationale Wettkampferfahrung sammeln.

So bekommen Sie Vitamin D im Winter

Das Sonnenvitamin

und was nicht, und ganz nebenbei wird die Selbstwahrnehmung gesteigert, was sich bei Läufern gleichzeitig positiv auf ihr Training auswirkt. Aber auch für sie gibt es kein allgemeingültiges Rezept, für einige sind viele Kohlenhydrate günstig, für andere eher Fleisch. „Man muss wieder Vertrauen in den eigenen Körper und seine Signale bekommen und einfach mal etwas mit dem Speiseplan herumexperimentieren.“

von Sandra Karl

Über die Hälfte der Deutschen ist ungenügend mit Vitamin D versorgt. Etwa 60 Prozent erreichen nicht den international empfohlenen Wert im Blutserum von mindestens 50 Nanomol pro Liter 25-OH-Vitamin D. Viele Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass Werte bis zu 150 Nanomol pro Liter nötig sind, um eine bestmögliche Gesundheitswirkung zu erzielen. Demnach hätte nahezu jeder Deutsche und natürlich auch zahlreiche Läufer einen Vitamin-D-Mangel, insbesondere im Herbst und Winter.

BÜCHERTIPPS ZUM THEMA Warum Läufer beharrlich sind und Surfer das Leben genießen. Was dein Sport über dich verrät ISBN: 978-3867281836 Preis: 16,99 Euro Somatische Intelligenz. Ihr Körper sagt Ihnen, was er braucht ISBN: 978-3867282499 Preis: 14,50 Euro

Für sportliche Leistungsfähigkeit

Schlank sein: Idealgewicht durch somatische Intelligenz ISBN: 978-3867282949 Preis: 7,99 Euro

Leben Sie Ihr Glück: Warum Sie alles haben, was Sie zum Glück brauchen, und wie Sie es nutzen ISBN: 978-3442167449 Preis: 8,49 Euro

Das fettlösliche Vitamin ist an zahlreichen Vorgängen im Körper beteiligt. Als Regulator des Calcium-Stoffwechsels wird es insbesondere für stabile Knochen und Zähne sowie für funktionsfähige Muskeln benötigt. Ein eklatanter Mangel führt zu verringerter Knochenstabilität, Muskelschwäche und einer erhöhten Sturzgefahr. Entsprechend beeinträchtigt ein Defizit die sportliche Leistungsfähigkeit und erhöht das Ver-

letzungsrisiko. Vitamin D ist weiterhin für das Immunsystem unentbehrlich. Somit geht eine Unterversorgung mit einer erhöhten Infektionsanfälligkeit einher. Es wirkt zudem präventiv gegen viele chronische Erkrankungen. Ein langfristiger Mangel erhöht das Risiko für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Beschwerden des Nervensystems.

Sonne genießen und auftanken Unser Körper kann Vitamin D mithilfe von Sonnenlicht selbst bilden. Die Bewegung im Freien gilt daher als die beste Empfehlung zur Steigerung der Versorgung. Am wirksamsten ist es, sich mit möglichst viel freier Haut in der Mittagssonne aufzuhalten. Doch schon am Nachmittag verringert sich die Sonnenstrahlung deutlich. Wer tagtäglich im Büro sitzt, wird trotz der abendlichen Laufrunde kaum ausreichend Vitamin D bilden können. Zudem verhindern Kleidung und Sonnenschutzcreme die Versorgung. Riskieren Sie jedoch keinen Sonnenbrand! Bei einem längeren Aufenthalt im Freien geht der Sonnenschutz stets vor. Zwischen Oktober

Bei nicht ausreichender körpereigener Vitamin-D-Bildung empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung eine Zufuhr von 800 Internationalen Einheiten (I. E.), das entspricht 20 Mikrogramm Vitamin D pro Tag. Über die Nahrung lässt sich diese Menge jedoch kaum erreichen. Lediglich einige Fischarten enthalten Vitamin D in größeren Mengen. Eine Nahrungsergänzung mit Vitamin D scheint insbesondere zur dunklen Jahreszeit sinnvoll. Die Kontrolle über das Blutserum ist jedem anzuraten. Auf Basis dessen kann die Dosierung einer Nahrungsergänzung festgelegt werden. Um die gewünschten 50 Nanomol pro Liter zu erreichen, ist häufig eine Aufnahme von 2.000‒3000 I. E. pro Tag nötig. Als Erhaltungsdosis sind 800‒1600 I. E. pro Tag oft ausreichend. Je höher das Gewicht und der Körperfettanteil sind und je mehr Entzündungsgeschehen im Körper, desto mehr Vitamin D wird benötigt. Besonders gut biologisch verfügbar ist das fettlösliche Vitamin D in Tropfenform auf Ölbasis. Die Gefahr einer Überdosierung ist gering. Erst bei einer langfristigen Zufuhr von mehr als 4.000 I. E. pro Tag können Nebenwirkungen, wie beispielsweise Nierensteine, auftreten.

Vitamin-D-haltige Lebensmittel Vitamin D (Mikrogramm pro 100 g)

Lebensmittel Hering

7,80–25,00

Lachs

16,00

Hühnereigelb

5,60

Makrele

4,00

Margarine

2,5–7,5

Pfifferlinge

2,10

Rinderleber

1,70

Goudakäse (45% F. i. Tr.)

1,30

Alle Angaben ohne Gewähr.

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QUELLE: SOUCI/FACHMANN/KRAUT, 2008

Thomas Frankenbach spürte seine eigene verkümmerte somatische Intelligenz das erste Mal in seiner Zeit als Student, während der er Mitglied des Deutschen Nationalkaders für Karate war. Nach dem täglichen, harten Training stillte er seinen Heißhunger abends oft mit einigen Tafeln Schokolade, Chips und Pizza. „Hinterher merkte ich, was mir eigentlich nicht bekommt, weil mich Übelkeit oder Müdigkeit überfielen, meine Immunfunktion herabgesetzt war oder sich die Stimmung veränderte.“ Er probierte einiges rund um die Wahl seiner Lebensmittel aus und beobachtete daneben Patienten bei seiner Arbeit in einer Rehabilitations-Klinik.

und März reicht die Sonnenstrahlung in unseren Breitengraden meist nicht aus, um das Vitamin selbst zu bilden. Zwar können wir von Vitamin-D-Speichern aus dem Sommer zehren, doch der gewünschte Blutspiegel kann so kaum aufrechterhalten werden.

FOTO: ALTRA

„Gerade Outdoorsportler wie Läufer tun sich mit der Selbstwahrnehmung generell nicht allzu schwer, darum stellt das Wiedererlernen der somatischen Intelligenz für sie keine große Hürde dar.“

Heute betreut der Erfolgsautor internationale Weltklasse-Athleten und ist von der somatischen Intelligenz weiterhin beeindruckt. „Wir sollten nicht glauben, dass jeder Mensch die gleiche Nahrung benötigt, damit es ihm gut geht. Ich kenne beispielsweise Profisportler, denen Obst nicht guttut!“ Untermauert werden diese individuellen Eindrücke von deutlichen Messergebnissen. Setzt jemand seine somatische Intelligenz ein, verbessern sich unter anderem die Werte der Immunglobuline und Entzündungsindikatoren bei Blutuntersuchungen und die Leistung wird nachweislich gesteigert. „Viele dieser Menschen haben sich jahrelang das falsche Essen hineingequält, weil es nach Aussage der ,normalen’ Ernährungsberatung gesund ist“, weiß Frankenbach. Ein typischer Fall seien Vollkornprodukte, die von manchen Menschen nicht vertragen werden und zu rheumatischen Beschwerden oder Reizdarm führen könnten.

FOTOS: SWANTJE DANKET · KOHA-VERLAG

zu schwer, darum stellt das Wiedererlernen der somatischen Intelligenz für sie keine große Hürde dar. „Meine Vermutung ist, dass ihr vegetatives Nervensystem effektiver arbeitet, trotzdem ersetzt der Sport nie ein Training für somatische Intelligenz.“

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RUNNING - Das Laufmagazin Nr. 170 | Hören, was der Körper will  
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