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REPORTAGE | Ziemlich beste Freunde

Erwins Angestellter. Aber das Verhältnis der beiden Männer geht weit über bezahlte Pflegedienstleistungen hinaus. Was als Arbeitsverhältnis begann, hat sich im Lauf der letzten drei Jahre zu einer handfesten Freundschaft entwickelt. Laufen inklusive.

ZIEMLICH BESTE FREUNDE

„Der Erwin ist ein Spitzentyp“, sagt Wolfgang Ilg. „Er hat sich seinen Humor bewahrt, und es macht einfach Spaß, Zeit mit ihm zu verbringen.“ Es klingt wie eine lustige und ganz alltägliche Männerfreundschaft, doch dann führt Wolfgang aus, was er meint, und dass es da durchaus eine Dimension gibt, die man als gesunder Mensch, der mit seinen gesunden Freunden Zeit verbringt, nicht sofort erfassen kann. „Stell Dir vor, Du wirst jeden Tag schwächer. Du kannst Dich nicht mehr bewegen, Du kannst nicht mehr auf Toilette gehen. Die Augen flattern. Du siehst nicht mehr richtig. Das ist das, womit Erwin konfrontiert ist. Und trotzdem lacht er den ganzen Tag, macht Witze und ist lustig.“

modellen betreut, streng getaktet in den Minutenfenstern, die von dem Pflegedienst für die jeweilige Leistung vorgesehen war.

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er Applaus gilt nicht der Spitzengruppe, die von Autos mit Zeitanzeigen flankiert werden. Er gilt zwei Freunden. Einer davon – ein Mann mittleren Alters – schiebt einen Rollstuhl vor sich her, in dem mit gelassener Haltung ein zweiter Mann mittleren Alters sitzt. Das Tempo ist eher gemütlich, die Lebensfreude auf beiden Gesichtern dagegen unübersehbar. Wer die beiden anschaut, weiß: Hier geht es nicht um die immerwährende Jagd nach neuen Bestzeiten, hier stehen andere Dinge im Mittelpunkt.

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Das Rollstuhl-Team besteht aus Erwin (sitzend) und Wolfgang (laufend und schiebend). Erwin und Wolfgang sind Freunde. „Ziemlich beste Freunde“, wie auf dem Schild steht, das wie eine Startnummer Erwins Brust ziert. Erwin ist krank. Er hat Multiple Sklerose, eine unheilbare Nervenkrankheit. Vor 19 Jahren bekam der heute 46-Jährige die Diagnose. Da war er 25 und führte ein aktives, unabhängiges Leben. Er tanzte im Männerballet, ging zum Skispringen und reiste viel. Heute ist Erwin rund um die Uhr auf Unterstützung angewiesen. Anfangs wurde er in klassischen Pflege-

FOTOS: FIONA NOEVER · WOLFGANG ILG

Die Münchener längs der Marathonstrecke wirken mittlerweile etwas matt. Sie stehen an der Straße, um den Läufern zuzuschauen, gelegentlich jubeln sie oder klatschen Einzelnen zu, während der unermüdliche Tross vorbeizieht. Plötzlich aber ändert sich die Stimmung. Es hallen laute Rufe über den Asphalt, die einzelnen akustischen Momente fließen zusammen, und ein Klangteppich aus Klappern, Klatschen und Anfeuerungsparolen erfüllt die Straße.

FOTO: WOLFGANG ILG

von Eva Krusat

Inzwischen ist der Mitvierziger in einem Modell, das sich „Selbstbestimmt Leben“ nennt und in dem der zu Pflegende die aktive Rolle des Arbeitgebers annimmt, seine Pfleger selber auswählt und die Dienste selber einteilt, um nicht, wie Erwin sagt, „im Sommer mit den Worten ‚Du bist jetzt müde’ um 20.00 Uhr ins Bett gesteckt zu werden.“ Einer seiner Pfleger – offiziell „Persönlicher Assistent“– ist Wolfgang Ilg. Wolfgang ist selbstständig. Er betreibt einen Ein-Mann-Pflegedienst und ist de facto

Multiple Sklerose ist eine tückische Krankheit, deren Verlauf schubweise erfolgt und schwer vorherzusehen ist. „Es kann auch schnell gehen, man weiß es nicht“, sagt Wolfgang und wieder blitzt in dem fröhlichen Gespräch das Begreifen auf, dass es eben nicht nur ein lustiges Miteinander auf der Marathonstrecke ist, das die beiden hier zelebrieren. In München sind sie jetzt zum zweiten Mal miteinander gelaufen. Ein Start im Jahr 2015 ist bereits fest eingeplant „Wenn Erwin sich Ziele steckt, dann hangelt er sich vorwärts. Das ist enorm wichtig für ihn und der Grund, warum wir das jetzt jedes Jahr machen wollen.“ Für Erwin, der früher vor seiner Diagnose so ein aktives Leben geführt hat und der jetzt durch die Krankheit in seinem Bewegungsradius stark eingeschränkt ist, stellt das Rennen einen Höhepunkt im Jahr dar. „Das Gefühl, mit Wolfgang ins Ziel einzulaufen, ist unglaublich“, sagt er. Eigentlich wollten sich die beiden nach der Teilnahme am in den München Marathon integrierten Zehn-Kilometer-Lauf im Jahr 2013 diesmal an der Halbmarathonstrecke versuchen. Doch dass Erwin zwei Stunden im Rollstuhl festgeschnallt sein würde,

■ Wolfgang und Erwin beim München Marathon 2014.

schien ihnen dann doch zu riskant, zumal der zur Verfügung stehende Rollstuhl nicht wirklich für die Teilnahme an einem Ausdauerlauf gemacht ist. So blieb es wieder bei zehn Kilometern, wobei sie – wie beide unabhängig voneinander augenzwinkernd bemerken – ihre Vorjahreszeit um knappe drei Minuten unterboten haben. Und das trotz der klassischen Erkältungssymptome am Tag vorher, die jeden ambitionierten Läufer verrückt machen und von denen auch die beiden nicht verschont blieben. Ein paar Stunden zweifelten sie, ob sie überhaupt an den Start gehen sollten, dann entschieden sie sich lachend, es einfach zu versuchen und zu schauen, wie weit sie kommen.

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RUNNING - Das Laufmagazin Nr. 166 | Ziemlich beste Freunde  
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