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GLOSSE

Die Zeiten im Leben ändern sich Plötzlich wird aus dem aktiven Dauerläufer ein Betreuer. Aber auch dieser Job will gelernt sein! So kann’s gehen im Leben. Da fühlte man sich in der Beziehung mit der eigenen Frau über Jahre hinweg als das starke Geschlecht, nicht unbedingt als Macho, aber doch als der Mann im Haus. Als jener, der auch die Nummer eins ist, wenn es darum geht, schwere Bier- und Mineralwasserkästen in den Keller zu schleppen. Regale zusammen zu schrauben. Bäume zu pflanzen im Garten. Oder schwere Hanteln zu stemmen im Fitnessstudio.

Die Wahrheit schmerzt Beim gemeinsamen Joggen am Wochenende war man leichtfüßig und stets einen Schritt schneller und am Ende des Laufs bei weitem nicht so müde und schlapp wie die Partnerin. Ja, doch wirklich, diese Erinnerung an längst vergangene Zeiten habe ich. Nun stellen sich mir allerdings nach jeder größeren Laufveranstaltung in unserer Region die Fragen: Leide ich an Erinnerungsverlust? An falscher Wahrnehmung? Gar an Paranoia? Denn nicht nur meine Frau schüttelt vehement den Kopf, wenn ich ihr von meinem ganz persönlichen Blick zurück erzähle. Auch andere Freunde und Bekannte können sich beim besten Willen nicht an eine läuferische Dominanz meinerseits erinnern und behaupten: „Deine Frau ist dir schon immer davongelaufen – also beim Joggen.“ Das kann weh tun, glauben Sie mir.

Vom einstigen Läufer ... Seit geraumer Zeit habe ich viel Zeit, mir über solche Dinge Gedanken zu machen. Vor allem an den Tagen, wenn mal wieder eine große Laufveranstaltung auf dem Programm steht. Die Zeit vor solch einem Event läuft bei uns zu Hause stets nach dem gleichen Muster ab. Wir nehmen uns beide ganz fest vor, mitzumachen und uns entsprechend vorzubereiten. Bei mir kommt aber immer etwas dazwischen – viel Arbeit, Nackenverspannung, Halskratzen, Schmerzen

...trainiert seine Frau Brigitte fleißig. Vergangenes Jahr nahm sie unter anderem am Kemptener Silvesterlauf teil (Startnummer 608). Fotos (2): Ralf Lienert im Hüftbereich, ein entzündeter Zeh. Ich verschiebe die Trainingseinheit regelmäßig auf den nächsten Tag. Meine Frau nicht. Ich weiß nicht, ob auch bei ihr der Nacken hin und wieder spannt. Oder der Hals kratzt. Aber sie läuft und trainiert. Ich nicht. Ich vertraue auf den nächsten Trainingstag. Der aber kommt nicht bis zum Tag der Entscheidung. Dann weiß ich plötzlich: Ich werde nicht teilnehmen können. Zumindest nicht als aktiver Läufer. Ich fühle mich dennoch als (wichtiger) Teil dieses Events.

... zum Betreuer Nun ja, wie drücke ich es am besten aus: Also, ich habe eine neue Aufgabe gefunden bei Halbmarathon- oder Silvesterläufen. Ich assistiere meiner Frau. Ich betreue sie. Ich hole im Vorfeld eines Laufs ihre Unterlagen ab und stolziere damit gut sichtbar durch die Innenstadt. Ich reiche ihr auf der Laufstrecke Wasserflasche und Traubenzucker. Ich stopfe ihre Trainingsklamotten in meinen Rucksack und strecke sie ihr wieder nach dem Zieleinlauf entgegen. Ich stoppe ihre Zwischenzeiten und rechne aus, ob sie in der nächsten Runde das Tempo steigern oder drosseln soll. Schließlich hat man ja Erfahrung in diesen Dingen – als ehemaliger Dauerläufer, der stets einen Schritt schneller gewesen ist als die meisten anderen.

Der Autor

Während der Autor dieser Glosse – Freddy Schissler – aus einem seiner Bücher liest...

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Name:

Freddy Schissler

Beruf:

Schissler schreibt auch Bücher mit Kolumnen und Kurzgeschichten. Seine letzten Werke, erschienen im Brack-Verlag Altusried: „Alles klar, alter Sack?“ (2013) und „Man(n) kämpft sich durch“ (2010). www.freddy-schissler.jimdo.com

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Allgaeu Running 2014  

Laufen, Rennrad, Mountainbike und Triathlon

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