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Titelthema: Multioptionalität Interviews mit Thomas Vašek und Stephan Grünewald No sleep till Brooklyn oder die „New Brooklyn Economy“ Ein Farbgeständnis: Von Männern, die Bärte färben

Ausgabe II

D a s

M a g a z i n

f ü r

d i e

u r b a n e

B o h è m e


Was für ei Editorial

Liebe Leserinnen und Leser, Danke. Für die zahlreichen schönen Reaktionen auf die erste Ausgabe. Für die vielen großen und kleinen Hinweise dazu, was wir noch besser machen können. Danke an alle, die seitdem mitgemacht haben: als Kontributoren, Multiplikatoren oder Partner. Was schon auf dem Weg zu Ausgabe Nummer Eins deutlich wurde, hat sich bei der Entstehung der nun vorliegenden Ausgabe bestätigt: Die Bereitschaft so vieler Menschen, ihre Ideen mit uns zu besprechen und zu teilen, ist überwältigend und für uns zu einer stetigen Inspirationsquelle geworden.

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Lange war nichts mehr so richtig wie die Entscheidung, ein Magazin zu gründen – unabhängig, in Eigenregie, mit dem ganzen Wahnsinn, der dazu gehört. In der Rubrik Nachdenken haben wir bereits in der ersten Ausgabe versucht, jenseits der vielen kurzweiligen Berichte Themen zu besprechen, die uns in unserem Umfeld immer wieder begegnen. Themen, die die großen und kleinen Fragen unserer Zeit und unserer Generation betreffen. Wir haben uns entschieden, in dieser Rubrik künftig immer ein solches Thema in den Mittelpunkt zu stellen. In dieser Ausgabe ist es das Thema: Multioptionalität. Ein merkwürdiges Wort, zugegeben. Aber


in Spaß! auch ein merkwürdiges Problem. Und vor allem ein Phänomen, das uns in vielen Gesprächen begegnet: Das Dilemma zwischen Freiheit und Entscheidungsunfähigkeit. Wir haben versucht, uns der Multioptionalität aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. Wir haben mit Großeltern, Psychologen und Menschen, die sich den Bart färben, gesprochen. Und natürlich gibt es ein Stück über die Mutter der Multioptionalität – die nahende Bundestagswahl. Wir werden nicht alles klären können im Rosengarten, aber vielleicht neue Gedanken und Sichtweisen ins Spiel bringen.

spannten Einstieg sorgen. Sozusagen als Aperitif vor den vielen spannenden Geschichten aus Brooklyn, Istanbul, Triest oder den Dächern Berlins. In diesem Sinne wünschen wir viel Spaß beim Lesen! Maren Heltsche, Mario Münster, Bertram Sturm

Foto: Vera Hofmann

Mit der neuen Rubrik Apéro zu Beginn des Heftes wollen wir künftig für einen ent-

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nhalt

Apéro

Kurze Tipps zum Lesen, Hören und Essen. Dinge, die uns begeistern 8

IN DER STADT

Städtereisen mal anders Empfehlungen für drei Städtetrips von denen man seinen Freunden wirklich mal was Neues erzählen kann: Triest, Bordeaux und Turin 24

Urbane Brillenschlangen: La Lunetiere im Marais Die Brille ist DAS Accesoire der urbanen Bohème. Kein Rahmen zu groß, kein Glas zu dick. Wir wollen von Sarah Alcaide wissen, ob ihre Kunden urbane Bohèmiens sind, und stellen kurz den Laden vor 16 No sleep till Brooklyn Cooler als Cool. Wo Made in Brooklyn draufsteht, ist heißer Scheiß drin. Für die Hipster ist das nur ein weiteres Label, über das sie sich definieren. Für die Mikrobrauer, Schnapsbrenner, Schokoladenmacher und Rooftop-Gardeners ist es ein Geschäftsmodell. Back to local to conquer the world! 18

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Wien Berlin Manuela Czapka berichtet von ihren Erlebnissen als Wienerin in Berlin 28 In Istanbul Auf der asiatischen Seite von Istanbul hat sich Christiane Weihe sehr wohl gefühlt. Vielleicht, weil sie in den Geschäften dort nicht so viel feilschen musste wie auf dem Grand Bazaar … 30


NACHDENKEN über Multioptionalität Me, myself and Viola Auch eine Frage der Optionen: Es ist kaputt. Wegwerfen und neu kaufen? Liebevoll in den Keller legen und neu kaufen? Oder gar reparieren? Wiebke Elbe über einen neuen Trend, der die Dinge zusammenflickt 36 Ich druck mir die Welt, wie sie mir gefällt Es hat etwas von Schlaraffenland: Dinge am Computer entwerfen und gleich in 3D ausdrucken. In Fab Labs kann man weltweit die nötige Technik nutzen und lernen wie das geht 42 Etagen-Erika – Pflanzen, die zu Dir passen Katrin Schübel und Susanne Feldbauer machen Städte grüner – vor allem Balkone. Ihr Geschäftskonzept: Balkontypberatung und All-inclusive-Pflanzsets 44

Farbgeständnis Vollbart oder Moustache – Gesichtshaare sind bei Männern wieder in. Was aber, wenn der Träger in die Jahre kommt und nicht mit einem George-Clooney-Grau vorlieb nehmen möchte. Jan Friedrich sinniert über ein Thema, das eigentlich keines ist: Bärte färben 46 Lost in Möglichkeiten Der Druck der Freiheit oder eher die Schöneit der Chance? Was macht Multioptionalität mit uns? Was verstehen wir darunter? Einleitende Worte zum Titelthema dieser Ausgabe 50 Im Gespräch mit einem praktizierenden Psychiater und Psychoanalytiker Kommt euch selbst auf die Schliche und verplant nicht eure ganze Zeit! 54

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Im Gespräch mit Stephan Grünewald Das Schöne an der Multioptionalität: Wir müssen nicht mehr fremdbestimmt einer Schicksalsspur folgen 56 Im Gespräch mit Christa Kook Christa Kook ist 80. Multioptionalität vermutet man in dieser Generation nicht. Eher Wiederaufbau. Dennoch führte sie ihr Leben zum Film, auf die Bahamas und nach Andalusien. Gespräch mit einer, die lebt 59 Im Gespräch mit Prof. Dr. Jutta Rump Wer Multioptionalität genießen will, muss Entscheidungen treffen 61

Im Gespräch mit Thomas Vašek Multioptionalität philosophisch betrachtet 63 Ein Kessel Buntes – Curriculum Vitae 2.0 Wenn unsere Leben immer abwechslungsreicher und weniger linear sind, sollte auch der klassische Lebenslauf anders aussehen. Wir liefern ein paar Inspirationen 66 Die Mutter der Multioptionalität Am 22. September ist Bundestagswahl. Wenn man so will: Die Mutter der Multioptionalität. Zu wenige Kreuze für zu viele Fragen! 68 Flagge zeigen für die Möglichkeiten 71

NERDS Die krasse Grafik Politische Themen sind manchmal schwer verdaulich. Aber nicht, wenn sie in der Datenküche von Anna Lena Schiller, Lisa Rienermann und Sylke Gruhnwald zubereitet wurden 112

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TyPorn In Ausgabe II schon mal gleich die Hausschrift ändern ist gelebte Multioptionalität. Wir können das! Was das soll, erklärt unser Kreativ-Direktor trotzdem noch mal. Mit dabei: Das Q und das g 114


KREATIVE Auf der Suche Die Fotografin und Redakteurin Anna-Lena Ehlers macht nicht nur phantastische Fotoserien, sondern schreibt auch noch poetische Texte. Wir zeigen ihre Serie „Auf der Suche“ 76 Kalender David Hermann schreibt. Unter anderem Gedichte. Und da diese meist viel zu kurz kommen, veröffentlichen wir in jeder Augabe eines davon 86

ZERSTREUUNG Die Leidenschaft des Rauschens Sven Hätscher über die Leidenschaft sich der Stadt und der Musik hinzugeben 98 I adore you – Klunkerkranich! Es gibt Parkdecks und es gibt den Klunkerkranich. Ein Fanbrief an seine Macher  102

Wie spricht der Pinguin? Zwischen Hörspiel, Vorabendserie und Theater: Ein Gespräch mit den freischaffenden Schauspielern Gabor Biedermann und Anika Baumann 88 Multioptionalität – Eine Kurzgeschichte Möglichkeiten, Geschenke und Zwänge. Der Schriftsteller Christian Ludwig bekam von uns die Aufgabe, eine Kurzgeschichte zum Thema Multioptionalität zu schreiben 92

Magische Orte – Weststrand Mandy Schoßig schreibt über einen Spaziergang zu einem ihrer Lieblingsstrände: dem Darßer Weststrand 104 Drei mal Null ist das neue Mehr Triple Zero, Jacky Blot – Domaine de la Taille aux Loups, Montlouis sur Loire. Der aktuelle Weintipp von Mario Münster  108

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Foto: Christiane Weihe

Apéro Cantine California Paris‘ bester Foodtruck Jordan Feilders hat alles richtig gemacht. In San Francisco geboren, nach Paris gegangen, eine Französin geheiratet, den Job im Büro an den Nagel gehängt, einen Truck umgebaut und kalifornische Street Food Kultur mit den besten Zutaten von Paris verbunden. Fertig ist der Traum. Jordan lebt ihn und wir können ihn essen. Wenn wir mal in Paris sind. Unse-

re heiße Empfehlung ist der Cali‘Classic Burger. Erschreckt nicht vor den langen Schlangen. Die stehen nicht da, um euch zu ärgern, sondern weil es so himmlisch gut schmeckt. Verdammt, ich brauch jetzt nen Burger. Die Cantine California steht abwechselnd am Marché Boulevard Raspail und am Marché St. Honoré. Die genauen Termine immer unter: www.cantinecalifornia.com

Mit Burgern und Pommes gehen übrigens noch ganz andere Sachen, wie unsere krasse Grafik der Ausgabe zeigt.


Eine transatlantische Diskussion edition suhrkamp

SV

Hipster? Wat‘n ditte? Was regen wir uns so gerne über die Hipster auf. Und wie niedlich sind die regelmäßigen Zeitungsartikel, in denen sich irgendwer über diese Hipster aufregt. Bloß, worum es genau geht, haben die we-

Bild: Suhrkamp Verlag

Hipster

nigsten verstanden. Wer das Phänomen wirklich begreifen will, der liest den vom oberschlauen n+1-Gründer Mark Greif herausgegebenen Band „Hipster – eine transatlantische Diskussion“ Danach ist alles klar. Versprochen. Erschienen in der Edition Suhrkamp.

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Bild: Dumont Verlag

Apéro

Amerikanischer Großstadtsound der 70er Wenn es abends noch warm ist und wir auf unserem Großstadtbalkon sitzen, brauchen wir ein gutes Buch, das uns in eine andere Welt trägt. Wir haben da einen Tipp: Lest die Washington Noir-Reihe von George P. Pelecanos. Der Pelecanos-Sound kommt uns bekannt vor. Wir kennen ihn aus der TV-Serie The Wire, für die Pelecanos als Autor arbeitete. Die Washington Noir-Reihe um den Plattenladenbesitzer Marcus Clay und seinen Freund Dimitri Karras spielt im Washington der 1970er

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Jahre: Soul-Music, Basketball auf Asphaltplätzen, Straßenkreuzer, Steak-Sandwiches und Drogen. Dialoge wie frisch geschlagenes Holz, Charaktere zum Verlieben und Hassen. Macht genauso süchtig wie The Wire gucken. Zur Washginton Noir-Reihe gehören: Big Blowdown King Suckerman Eine süße Ewigkeit Alle auf deutsch erschienen im Dumont-Verlag.


Bild: Rough Trade Records

L.A.‘s bittersüßeste Gesänge Warum auf große Worte verzichten? Eben. Also: Warpaint aus Los Angeles sind die großartigste, bestaussehendste Band der vergangenen Jahre. Und wir dürfen in diesem Herbst wieder bewundern, wie sie uns mit ihrem Amazonen-Gesang einlullen, wie die Echos der Gitarren kein Ende nehmen, wie Bass und Schlagzeug den Spaß ihres Lebens haben. Gäbe es den Wettbewerb „Coolste Frau mit Gitarre“,

Theresa Wayman und Emily Kokal würden einen Doppelsieg nach L.A.bringen. Tour-Daten: London, 30. Oktober Brüssel, 02. November Köln, 04. November Hamburg, 05. November Berlin, 06. November München, 07. November

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Bild: rheingold Institut

Apéro

„Die erschöpfte Gesellschaft“ Von oben betrachtet sieht auf einmal alles so klar aus: Warum wir es uns manchmal so schwer machen mit unserem eigenen Perfektionismus. Warum wir uns manchmal so erschöpft fühlen, uns schlecht entscheiden können und was unsere Ängste

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und unsere Träume sind. Stephan Grünewald zeichnet in seinem Buch ein Bild der Seele der Gesellschaft. Seine Diagnose: Unterschiedliche Gründe führen zu einer weit verbreiteten gesellschaftlichen Erschöpfung von Jugendlichen, Arbeitnehmern und Senioren. Grü-


newalds Analyse ist einleuchtend und klar, seine Ansicht zum digitalen Lebensstil für unsere Ohren aber etwas zu konservativ.

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Hunderte von Studien des rheingold Instituts zurück, die wiederum auf Tausenden Tiefeninterviews beruhen.

Seine Lösung: Wieder mehr träumen und sich Zeiten der Ruhe gönnen, um seinen Träumen nachzugehen. Darin stecken Leitlinien für das eigene Handeln und anstehende Lebensentscheidungen. Das liefert neue Kreativität.

Die Lektüre dieses Buches erspart sicherlich ein paar Sitzungen auf der Couch. Deshalb verlosen* wir drei Exemplare unter allen, die uns bis zum 14.09.2013 eine E-Mail mit dem Betreff „Ich lese, also bin ich“ an redaktion@rosegarden-mag.de schicken.

Grünewald wird nicht selten als der „Psychologe der Nation“ bezeichnet. Nach diesem Buch ist klar, warum: Er greift auf

Stephan Grünewald: Die erschöpfte Gesellschaft. Warum Deutschland neu träumen muss. Campus Verlag

13 * Gewinnspiel Teilnahmebedingungen


Urbane Brillenschlangen – Interview mit einer Optikerin aus Paris No sleep till Brooklyn – Auf der Spur der New Brooklyn Economy Städtereisen mal anders. Auf nach Turin, Triest, Bordeaux Stadtkolumne 1: Wien-Berlin Stadtkolumne 2: Istanbul

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rbane Brillenschlangen La Lunetière im Marais Text: Maren Heltsche

Der Brillenladen „La Lunetière“ ist uns beim Schlendern durch das Marais in Paris gleich aufgefallen. Naja, wir sind auch Brillenträger. Aber der Laden ist so anziehend, dass selbst Nicht-Brillenträger verführt werden, einmal hinein zu gehen. Wir haben uns mit der Inhaberin Sarah Alcaide darüber unterhalten, wie es ist, Urbane Bohémiens mit einem Modeaccessoire auszustatten und wie die Brille helfen kann, seine eigene Identität zu konstruieren Es sieht so aus als würden alle Hipster und Urbane Bohémiens Brille tragen. Ist es anders heute ein Brillengeschäft zu haben als noch vor ein paar Jahren? Mittlerweile sind Brillen zu einem modischen Accessoire geworden, man wechselt sie, wie beispielsweise die Handtasche oder die Schuhe. Außerdem mögen es

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manche, gleich mehrere Brillen zu haben, die sie dann passend zum Outfit tragen können. Das gilt sowohl für normale Brillen als auch für Sonnenbrillen. Die Hipster und Urbanen Bohémiens gehören zu den Menschen, die ihre Brillen austauschen, um der Mode zu folgen. Ganz zu schweigen von denjenigen, die die Brille ausschließlich aus Stilgründen tragen. Gibt es Typologien von Brillenträgern und den dazugehörigen Brillen? Sicher, bestimmte Brillenformen passen besser zu bestimmten Gesichtsformen. Allerdings können sich verschiedene Brillenformen an eine bestimmte Gesichtsform anpassen. All das ist abhängig von der Form und der Höhe der Augenbrauen und dem Abstand der Augen. Man sollte


Fotos: La Lunetière

also nicht zögern, verschiedene Brillenformen zu testen und bestehende Vorurteile über Bord zu werfen. „Ich habe ein rundes Gesicht, also kann ich keine runde Brille tragen“, gilt nicht mehr. Das hängt sehr stark vom Stil ab, den man herausstellen möchte. Inwiefern dient eine Brille dazu, seine eigene Identität zu konstruieren? Eine Brille dient der Identitätskonstruktion schon deshalb, weil sich der Kunde nach seinem Geschmack für Farbe, Form und Größe entscheidet. Es gibt verschiedene Brillenstile: von rechteckigen bis hin zu originelleren Formen wie Oversize-Bril-

len oder Retro-Modellen. Interessant sind auch außergewöhnliche Designer-Brillen, die versuchen klassische Formen neu zu durchdenken. Man dokumentiert seinen Stil über die Brille. Wie viele Menschen kaufen bei Ihnen Brillen mit Fensterglas? Es ist sehr selten, dass Leute Brillen ohne Stärke kaufen, aber das passiert von Zeit zu Zeit. Es gibt allerdings einige Kunden, die Brillen für eine sehr kleine Korrektur kaufen. Das passiert immer häufiger und ich denke schon, dass das vielleicht eine kleine Ausrede ist, damit man die Brille als Modeaccessoire tragen kann.

Wer hungrig geworden ist bei der Wahl einer neuen Brille, der sollte anschließend Paris‘ besten Foodtruck besuchen!


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o sleep till Brooklyn Auf den Spuren von Made in Brooklyn und der New Brooklyn Economy Text: Mario Münster

Made in Brooklyn ist ein cooles Label. Das ist eine Sache. Eine andere Sache ist: Der New Yorker Bezirk könnte ein Musterbeispiel für die urbane Wirtschaft der Zukunft sein. Mutige, flexible und kreative Kleinunternehmer, denen Lokalität, Innovation und Qualität wichtiger sind als Masse. 50.000 Arbeitsplätze entstanden zwischen 2000 und 2010 in Brooklyn. Die umtriebigen Gründer haben an diesem Erfolg einen gehörigen Anteil. Egal, ob digitale Macher, neue Destillerien in alten Lagerhallen, Schokoladenmanufakturen oder Uhrmacher – es scheint eine „New Brooklyn Economy“ zu geben. Made in… Labels sind wunderbare Wegweiser durch den Konsum. Steht Made in Germany drauf, wissen wir, es geht

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nicht kaputt. Made in Switzerland – präzise! Made in Bangladesch – gemacht unter asozialen Bedingungen. Und Made in Brooklyn? Cool! Alleine ein Blick auf die Menschen, die Made in Brooklyn sind, macht einem klar, was dieser New Yorker Stadtteil hervorzubringen vermag. Das Intellektuelle mit Woody Allen, der kluge Witz mit Jimmy Fallon, die talentierte Schönheit mit Sophie Auster, das Böse mit Al Capone oder auch das Glitzern mit Jay Z. Es ist alles da. Zwischen den Brownstones in Clinton Hill, den alten Speichern in Dumbo, den mega hippen Läden in Williamsburg, den Wohlfühl LOHAS in Park Slope und den düsteren Werkstätten weit draußen auf dem Weg Richtung Flughafen J.F.K.


dem Bezirk und seinen Bewohnern übel mitspielte. Heute bekommen passionierte Stadtmenschen beim Klang des Namens Brooklyn leuchtende Augen. Brooklyn ist cooler als cool. Manhattan mag Capital of the World sein. Brooklyn ist Capital of Cool. Wer Urlaub oder einen längeren Aufenthalt in New York plant, den zieht es oft gleich nach Brooklyn als Basis für kurze Ausflüge rüber in dieses Manhattan.

Farmersmarket in Brooklyn, Park Slope an einem Samstagmorgen. Hier wurde alles lokal produziert, vom Gemüse bis zum Landbrot.

Foto: Philippe Intraligi

Als die Beastie Boys 1987 No Sleep till Brooklyn sangen, da assoziierte man mit Brooklyn bei Weitem nicht das, was einem heute in den Sinn kommt. Brooklyn, das klang ein bisschen nach Gefahr, nach dem hässlichen kleinen Bruder des stets aufstrebenden Manhattan. Brooklyn war auch industrielle Produktion, einfache Arbeit. Genau die Form von Arbeitsplätzen, die in den 90ern vernichtet wurden, was


Back to local Der Imagewechsel geht einher mit einem strahlenden Revival des Labels Made in Brooklyn. Unter den knapp 2,5 Millionen Einwohnern des Bezirks hat sich nicht nur seit Jahren eine Vielzahl kleiner handwerklicher Betriebe gehalten. Vor allem junge Gründer und Unternehmer entdecken das Label für sich. Sie treffen mit diesem lokalen Bekenntnis den Nerv einer zugegeben vor allem eher jüngeren, gut gebildeten und gut verdienenden Zielgruppe, für die Regionalität, Handarbeit und ein Gesicht hinter dem Produkt maßgebliche Variablen der Kaufentscheidung, ach was, des Selbstverständnisses sind. Und das hat richtig gute Folgen: 50.000 Arbeitsplätze sind zwischen 2000 uns 2010 in Brooklyn entstanden – in Manhattan gingen im selben Zeitraum 100.000 Jobs verloren. Nicht auszuschließen, dass der eine oder andere Investmentbanker, der an der Wall Street seinen Job los wurde,

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rüber gemacht hat nach Dumbo und hier nun Bagel Made in Brooklyn produziert. Für viele sind die zahlreichen kleinen lokalen Unternehmer eine der zentralen Ursachen für den Aufschwung in Brooklyn. „New Brooklyn businesses abound like beards at a Bon Iver show.“ schrieb das Brooklyn Magazine vergangenen Sommer und fasste damit die Entwicklung beneidenswert klug zusammen. Made in Brooklyn ist vielfältig: Mikrobrauereien, Schnapsdestillerien, Schmuckdesigner, Internet-Startups. Eines der köstlichsten Beispiele dieses Trends ist die Schokolade der Mast Brothers. Die Brüder Michael und Rick Mast fertigen ganz nah am East River ihre spannenden Schokoladenkreationen nach dem Motto „bean to bar“. Sie importieren die Kakaobohnen von kleinen Farmen in Ecuador, Venezuela und Madagascar direkt in ihre kleine Fabrik nach Brooklyn und exportieren das fertige Produkt in die ganze Welt.


Videoportraits als Ode an die Macher Menschen wie die Mast Brothers sind es, die auch den Fotografen und Filmemacher Dustin Cohen bewegen. Er hat damit begonnen, eine wunderschöne Reihe von Videoportraits zu veröffentlichen, in denen er nun nach und nach Menschen vorstellt, die für Made in Brooklyn stehen: Der Uhrmacher, der Geigenbauer oder die

Schmuckdesignerin. Cohen lebt seit acht Jahren in Brooklyn und suchte einen Weg seine Begeisterung für die vielen Menschen die hier mit Kreativität und Geschick ihr Handwerk pflegen, auszudrücken. Für ihn ist es auch eine Hommage an den Bezirk. „Die Menschen hier genießen es, etwas einzukaufen, auf dem Made in Brooklyn steht. Sie mögen es, die Person hinter einem Produkt zu kennen, ihre Geschichte,

Foto: Mast Brothers / Tuukka Koski

Die Schokolade der Mast Brothers


ihren Arbeitsplatz.“, so erklärt sich Cohen das Revival des Labels.

Made in Brooklyn Touren Dom Gervasi ist, wenn man so will, eine Art Guide durch dieses Revival. Allerdings ist Made in Brooklyn für den 45-Jährigen kein aktueller Trend. Es ist das über Jahrzehnte hinweg entwickelte Erbe des Bezirks. Gervasi bietet seit Februar 2011 so genannte „Made in Brooklyn Tours“ an. Selbst in Brooklyn geboren, war er irgendwann auf der Suche nach einer neuen Be-

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rufung. Er nahm eine Auszeit und begann, mit dem Fahrrad durch Brooklyn zu fahren. „Plötzlich entdeckte ich Brooklyn ein zweites Mal. All die kleinen handwerklichen Betriebe, die unglaubliche Kraft der Kreativität und der Ideen, die von hier ausgeht, haben mich begeistert. Ich wollte etwas machen, um diese Brooklyn creativity zu zelebrieren.“, sagt Dom. Nun führt er seine Kunden zu den Orten, an denen der Puls der Marke Brooklyn schlägt. Fragt man ihn, was der gemeinsame Nenner all der kleinen alten und neuen Manufakturen ist, sagt er: „Es sind der Einfallsreichtum, die Kreativität und der Unternehmensgeist der Brooklynites“. Brooklynites – ein schöner Begriff. Die Teilnehmer seiner Touren kommen aus aller Welt. Viele von ihnen sind jedoch auch einfach zugezogene NeuNew Yorker oder Menschen, die für einige


Jahre außerhalb der Stadt lebten und nun zurück kommen und sich durch die Energie des Bezirks führen lassen. Staunend im eigenen Zuhause.

Unternehmer und nicht über künstlich geschaffene Imagekampagnen von offiziellen Stellen. Das Ding hat Seele – nicht nur Verpackung.

Zwei Aspekte fallen beim Betrachten der New Brooklyn Economy auf. Zum einen die Vielfalt der Unternehmen und Gründungen. Hier gibt es viel mehr als die vielfach beschworene Kreativindustrie mit ihren Agenturen und digitale Ideen. Und zum anderen: Made in Brooklyn erhält seine Strahlkraft direkt aus der Energie der

Es fällt schwer zu beurteilen, ob das Modell Brooklyn übertragbar ist auf andere Städte. Sicher ist jedoch eines: Menschen mit Ideen, Gründer und Kreative sind ein zentraler Treiber der Ökonomie der Zukunft. Jedem, der uns mit einer Idee begegnet, sollten wir Mut zusprechen. Nur aus Machen und Wagen entsteht was!

In Brooklyn gibt es viele Männer mit Bärten. Das bleibt nicht aus. Wie viele davon gefärbt sind, wissen wir nicht, aber auf Seite 46 erfahrt ihr, wie das so ist, sich den Bart zu färben.


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tädtereisen mal anders: Auf nach Triest, Bordeaux oder Turin Text: Mario Münster

Mindestens zwei Mal im Jahr stehen wir vor der Frage, in welche Stadt wir für ein langes Wochenende wollen. Istanbul, Paris, London, Barcelona – das kann ja jeder. Wenn man die Städte nicht eh schon gesehen hat, so kennt man sie aus den Erzählungen des halben Freundeskreises. Wir haben hier drei Empfehlungen für Städte, die noch ihren Einwohnern gehören und von denen man nach einem Besuch wirklich begeistert Neuigkeiten erzählen kann. Turin Von den drei genannten Städten ist Turin sicher noch am ehesten das, was uns Großstädtern als Stadt bekannt vorkommt. Mit einer Millionen Einwohnern recht groß, an den Rändern gerne auch mal hässlich, aber in seinem Inneren unwiderstehlich. Wer kommt, der sollte zwingend bei

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Azzurra und Zena übernachten. Gerne auch den Reisetermin verschieben, sollte dort gerade ausgebucht sein. Die beiden haben den Traum vieler junger Städter wahr gemacht und betreiben an der zentralen Piazza Castello in einem wunderschönen alten Stadthaus ein Bed & Breakfast mit zwei Zimmern. Das Frühstück ist zum abhängig Werden. Tagsüber stellt Azzurra unablässig neue Brote oder Kekse in den Ofen, die dann morgens auf dem Tisch stehen, während auf dem Herd die Caffetiera leise sprudelt. Bei schönem Wetter sieht man beim Blick aus dem Zimmerfenster die schneebedeckten Spitzen der Alpen. Richtig lustig wird es in der Stadt so ab 18.30 Uhr. Dann heißt es Apericena. In Turin hat man unter diesem Kunstbegriff einfach den Aperitif und das Abendessen zu einer neuen Mahlzeit verbunden. Die Bars überbieten sich zu diesem Anlass mit


Foto: A. Quartararo

Fr端hst端ckstisch im B&B von Azzurra und Zena in Turin.

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Foto: Christiane Weihe

In Triest

belegten Broten, Häppchen und Spießchen aller Art, deren Verzehr im Getränkepreis inbegriffen ist. Zwar zahlt man dann für sein Bier – oder stilechter seinen Negroni – acht Euro, allerdings braucht man anschließend kein Abendessen mehr. Danach am besten in die Weinhandlung Parola, in der Abends immer einige sehr schöne Tropfen in entspannter Stimmung ausgeschenkt werden. Bevor man spät abends die Treppen zu Azzurra und Zena wieder hinaufsteigt, sollte man in dem neben dem Hauseingang befindlichen Café Mulassano einen Caffè nehmen. Auch ein Ort, der fast zu perfekt ist, um wahr zu sein, weshalb man am folgenden Abend unbedingt bei einem weiteren Besuch überprüfen sollte, ob man das nicht alles nur geträumt hat. Triest Triest ist wundervoll altmodisch und entspannt. Wer Venedig theoretisch mag, praktisch aber kein Freund von Touris-

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tenmassen und Abzocke ist, der wird hier sein Glück finden. Wer die Freiheit hat, in der Nebensaison zu reisen, versucht, ein Zimmer im dann bezahlbaren Hotel Duchi d‘Aosta zu bekommen. Man fühlt sich ein wenig in die Vergangenheit versetzt, aber das passt wunderbar hierher. Das Frühstück nimmt man bei gutem Wetter am besten gleich auf der Terrasse ein. Tagsüber empfiehlt es sich, durch die kleinen Gassen der Stadt zu schlendern. Nach 18 Uhr wird Aperitivo hier natürlich groß geschrieben. Verkneift euch den Aperol Spritz und probiert lieber eines der regionalen Biere, die gerne in der großen Flasche im Weinkühler serviert werden. Stil hat hier noch eine Bedeutung. Anschließend sollten unbedingt möglichst viele der friulanischen Weißweine in einer der zahlreichen Weinbars probiert werden. Sie zählen zu den besten Weißweinen der Welt. Fragt nach einem Sauvignon Blanc von Venica. Das bringt zunächst Respektpunkte beim Kellner und anschließend flüssiges Gold im Glas. Auf dem Heimweg schnappt man


Foto: Christiane Weihe

In Bordeaux

sich ein Eis und schlendert damit über die blau erleuchtete Piazza Unità d‘Italia. Und am nächsten Tag noch mal von vorne! Bordeaux Bordeaux kommt einem unwirklich schön vor. Offenbar zurecht. Die Innenstadt ist das größte zusammenhängende Stadtgebiet, das Weltkulturerbe der UNESCO ist. Wenn man an dem dritten kleinen Platz steht, der von prächtigen Hausfassaden umgeben ist, glaubt man für einen Moment „Hier war ich doch schon mal...“. Dann stellt man fest, dass man sich nicht verlaufen hat, sondern dass diese perfek-

ten kleinen Plätze hier einfach kein Ende nehmen. Wer sonntags in der Stadt ist, muss auf den Markt an den Quai des Chartrons. Hier gibt es vor allem eins: Essen. Austern, Fischspieße oder duftende Canelés, gerne auch eine gegrillte Merguez. Die Einheimischen kommen zum späten Mittagessen her. Man sollte es ihnen gleichtun und sich mit einem kalten Glas Entre Deux Mers und ein paar Austern aus dem Bassin von Arcachon auf eine Mauer ans Ufer der Garonne setzen. Und wem es mal zu viel Stadt wird, der ist in jeweils gut einer halben Stunde an den Sandstränden des Atlantik oder inmitten einer der schönsten Weinregionen überhaupt.

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ien Berlin Text: Manuela Czapka Manuela Czapka zog es aus dem charmanten Wien in das anders charmante Berlin. Hier arbeitet sie als freie Journalistin und Verlegerin. Und wundert sich immer mal wieder.

Vom Eh. Damit eines klar ist. Wir sind nicht niedlich. Mögen wir vielleicht so klingen, wir sind es nicht. Herzig wenn dann, aber auch das nicht. Der Wiener Schmäh – suuupernett? Nein. Christoph Waltz hat seine Landsleute vor Kurzem trefflich beschrieben mit: “First of all, they are really nice, and second they don’t mean it.” Aber was soll‘s, ein Österreicher wird mit Urlaub assoziiert, wurscht, ob jetzt wienerisch oder vorarlbergisch geredet wird – was wiederum die im Osten Österreichs eh nicht verstehen. Das Eh übrigens – ein ganz wunderbares Wort, das hier in Deutschland kein Pendant findet. Aber Achtung, es hüte sich der, der das Eh leichtfertig verwenden will, der Einsatz des Eh ist höchstkompliziert, falsch verwandt gefährlich! „Es war eh schön.“ heißt bei Gott nicht das, was der gemeine Deutsche denkt, dass es heißt, ha! Furchtbar war es!

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Und langweilig! Sofern Ton, Mimik, Zusammenhang und überhaupt auch darauf schließen lassen. Dennoch ist das Eh keine Ironie. Ist vielmehr ein Code. Man sehe sich vor. Na eh, was sonst. Vom Ausgehen. Schlimmer noch als mit dem Eh verhält es sich beim Ausgehen, das mit einer Disco so wenig zu tun hat wie ein Schlachtschiff und ein Walzer (Zitat Christoph Waltz). Konkret, mit dem sich ausgehen. Also habe ich einmal, ich war ganz neu in Berlin und hatte ja auch sonst keinen Bezug zu Deutschland, achtlos aber wie immer elegant gesagt: „Des geht si scho aus.“ Der Blick des Gegenübers daraufhin verstandlos, vom Verständnis ganz zu schweigen. Also nochmal. Hochdeutsch, lauter, deutlicher und ohne Dialekt: „Das geht sich schon aus!“ Wieder der Blick ohne Verstand. Was ich denn


meinen würde, wohin denn gehen und warum? Ich wurde unsicher, wusste nicht, ob ich mich unklar ausgedrückt habe oder ob es einfach beim Gegenüber hapert. Wurde noch unsicherer bei dem Versuch, es geht sich aus zu beschreiben. Schließlich heißt es das, was es sagt! Herrgott noch mal. Nie zuvor habe ich über etwas derart Logisches nachdenken müssen. Mein Versuch einer Übersetzung war, „es klappt schon“, das ich da zum ersten Mal verwendet habe. Klappen für sich ausgehen. Bringt einen ganz aus dem ¾ Takt. Brrr. Vom Wesen. Nichts spiegelt besser das Wesen einer gesamten Nation wider als die beiden Redewendungen Eh und das geht sich schon aus. Beides ist – ich will mich nicht festlegen – Auslegungssache. Das Eh im Kontext bedeutet einmal eine Abschwä-

chung, ein anderes Mal eine besondere Hervorhebung. Das geht sich schon aus ist – hat man es einmal verstanden – ist die wortgewordene, sehr freundliche Beruhigung, dass man es doch bitte nicht so genau nehmen soll und der Sache besser etwas mehr Zuversicht entgegenbringt, die dem Ziel bestimmt zuträglicher ist als Pedanterie, man aber eventuell auch ein paar Abstriche in Kauf nimmt, dafür Lebenszeit und Zufriedenheit gewinnt. Der vom Österreicher akzeptierte und kultivierte Antitermin. Das +/- bzw. eher + als -. Denn zeitlich bezogen wird es eher ein bisserl später, monetär teurer und quantitativ wird wohl immer noch mehr in das Sackerl gestopft, es sei denn, es geht um Geld, dann wird es wieder teurer. Sich nicht so ernst nehmen predigen ja jetzt auch viele Psychologen. Als wäre das so ein Novum. Urlaub in Österreich – und der Druck ist raus.

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I

n Istanbul Text: Christiane Weihe

Im ersten Moment höre ich ihm gar nicht richtig zu. Er erzählt was vom Basar. Klar, wollen wir hin. Er berichtet von den Händlern und wie wir am günstigsten an die begehrten Stücke kommen. Bloß nicht gleich beim ersten kaufen. Desinteresse signalisieren. Jederzeit. Ich fange gleich damit an. Denke an Zitronenpfeffer, den ich mit nach Hause bringen soll. Vielleicht ja auch noch was Scharfes für den Gatten? Mitten in Chili-Gedanken höre ich auf einmal was vom Handeln. Stimmt, oh je. Feilschen um Preise? Kommt mir komisch vor. Was ist angemessen? Und was zu viel? Da kann mir der Hotelmanager noch so eindringlich erklären, dass dies zum Kaufvorgang gehört wie das Bezahlen. Doch während ich innerlich das heimische Gewürzregal befülle, wird mir bewusst: Shop-

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ping. Durchaus mein Ding. Vier Tage lang durch Istanbul flanieren und ohne Seidenschal oder Pluderhose nach Hause fliegen? So viel Safran passt gar nicht in den Koffer, dass mir das gefallen würde. Also Tee trinken, zuhören. Ich merke mir die Grundregeln. Einen Preis nennen lassen. Die Hälfte davon bieten. Sich irgendwo in der Mitte einigen. Muss ja nicht genau die Mitte sein. Okay, das krieg ich hin. Nicht zwischendurch aufgeben, schärft er uns mit der Geduld eines Fußballtrainers ein, und nie, also wirklich nie den geforderten Preis bezahlen. You don‘t want them to think you are... Er spricht nicht weiter, sieht zum ersten Mal verlegen aus. An idiot? Frage ich und schau ihn an. Er schaut zurück. In seinen Mundwinkeln liegt die Andeutung eines Lächelns.


Mein Kampfgeist ist erwacht. Kommt ihr, ihr Händler, ich feilsche euch in Grund und Boden.

Farben, Kashmir, handgestickt. Plötzlich egal. Aber handeln könnt ich üben. 50 sag ich probeweise. Und warte auf ein Gegenangebot. Schau die Farben, Kashmir, hand-

Gelegenheit ergibt sich schnell. Am nächsten Tag geht‘s zum Basar. Vielleicht ein Schal? Die Auswahl groß, die Zahl der Händler auch. Und nicht so teuer, falls man sich doch ins Schicksal fügt. Augen zu und durch. Ein erster kurzer Blick und er hat uns am Wickel. Schau mal hier diese Farbe, Kashmir, handgestickt. Desinteresse zeigen!! Ruft mein Kurzzeitgedächtnis mir zu. Ja, ganz hübsch, aber eigentlich... Schau das Material, so wunderbar weich. Gleichgültig wirken!! Schreit der innere Trainer mich an. Was soll er denn kosten? Frage ich so beiläufig wie möglich. Maximal die Hälfte!! Raunt das Gedächtnis hinterher.

gestickt. Die Lobpreisungen sind ausgeschmückt. 170 Lira hör ich dann plötzlich. Und mecker mein Kurzzeitgedächtnis an. In die falsche Richtung gehandelt? Doch er beharrt. Aber gerade waren es noch 100... Verwirrt sehen wir jetzt beide aus.

100 Lira. Mir stockt der Atem. Selbst für 50 will ich das Ding nicht haben. Schau die

Ich schleiche davon, suche was Leichteres. Baumwolle. Schau die Farben, aber kein Kashmir. Der Schal gefällt. 10 Lira raunt der Händler mir gelangweilt zu. Ich bin überrascht. Will kaufen, nicht denken. Doch das Idiotenwort hängt mir im Ohr. Ich sag: 5? Und denke noch: So wenig? Er schaut mich ungläubig an und schüttelt den Kopf. Nimmt den Schal unsanft aus meiner Hand und dreht sich um. Billiger ginge nun echt nicht, murmelt er noch är-

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gerlich vor sich hin. Und noch was andres hinterher. Ich hab‘ Sehnsucht nach ‘nem H&M. Die Reisegefährtin übernimmt die Führung. Zielstrebig zur pinken Auslegware. Sie lässt sich reinziehn, mich notgedrungen mit. Es ist das Stück der Wahl, doch noch zu groß. So wird gezogen und gezerrt, verhandelt und gepreist. 630 Lira stehen im Raum. Ein zweiter Händler mittlerweile auch. Sie wolle nicht mehr ausgeben als vier... Ich fahre ihr über den Mund. Entgeistert, dass sie ihr Maximum verrät. Ich theoretische Expertin der Basarspielregeln. Doch die vier ist raus. Und meine Reisegefährtin bleibt eisern. Auf 450 geht sie hoch, doch dann ist Schluss. Ja, ja, sehr schön die Fotos der Händlerstochter, doch mehr wolle sie nicht ausgeben. Ja, ja, es wäre dann eine Maßanfertigung, doch das Budget nun ausgereizt. Oh ja, eine Lieferung ins Hotel wäre großartig, aber sie müsse dann

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wirklich noch mal woanders schauen. Ein Ringkampf. Und die schlanke Frau mit Zauberkräften ringt zwei Riesen nieder. Sie geben auf. Entkräftet von so viel Beharrlichkeit. Die Lieferung gibt‘s trotzdem noch. Mein Kampfeswille ist kurz entfacht. Ich sehe erneut den begehrten Schal. Ein andrer Händler wacht darüber. Die Reisegefährtin hat es vorgemacht: Nicht alle eingeschärften Regeln führen zum Ziel. Die eigenen vielleicht schon eher. Mein innerer Handelstrainer schweigt. Ich frage unvermittelt nach dem Preis. 20 Lira will er haben. Die Hälfte davon und ich wäre beim Erstangebot von zuvor. Eingeschüchtert frage ich nach einem Rabatt, mit Zahlen hab ich‘s nicht mehr so. Wir reden übers Wetter, Berlin, die Deutschen, das schöne Istanbul. 15 Lira, okay? Zwei Tage später. Die pinke Auslegware erreicht die Unterkunft. Die strengen Augen des Hotelmanagers blicken erstaunt. Das Schnäppchen der Reisegefährtin ist


wirklich eins. Seine Trainingsmethoden – wirklich so gut? So billig kommt kaum einer davon, sagt er erstaunt, wie hat sie das geschafft? Das kann nicht jeder, sage ich. Und lockere

Trotz kurzer TV-Aufenthalte bei Tennismatches oder FuĂ&#x;ballmeisterschaften ist Christiane Weihe kein besonders groĂ&#x;er Sportfan. Dennoch hat sie sich im Juli das Finale der Tour de France angeschaut. Um mal wieder ein bisschen was von Paris zu sehen.

Fotos: Christiane Weihe

den Schal um meinen Hals.

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Me, myself and Viola. Vom neuen Trend die Dinge zu reparieren Ich druck mir die Welt, wie sie mir gefällt. 3-D Drucker verändern alles Etagen-Erika. Berlins neuester Balkon-Trend Farbgeständnis. Von Männern, die Bärte färben würden Leitartikel: Lost in Möglichkeiten Interview mit einem Psychiater Interview mit dem Wissenschaftler Stephan Grünwald Interview mit einer Großmutter Interview mit der Wissenschaftlerin Jutta Rump Eine neue Option: Lebensläufe visualisieren Die Mutter der Multioptionalität: Gedanken zur Bundestagswahl Optionen in Farbe. Ein Aquarell von Thomas Weltner

über Multioption 34


nalit채t

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M

e, myself and Viola Text: Wiebke Elbe Auch eine Frage der Optionen: Es ist kaputt. Wegwerfen und neu kaufen? Liebevoll in den Keller legen und neu kaufen? Oder gar reparieren? Erlebnisbericht von einem neuen Trend, der die Dinge zusammenflickt.

Viola zickt. Anfangs war da ein minimaler Widerstand. Dann machte es eines Tages dezent „Pling“. Seitdem kann ich zwar immer noch mittels silbernen Knopf von Deutschlandfunk gen Berliner Rundfunk 91,4 drehen, wenn nur noch „Meine 70er. Meine 80er.“ geht. Die rote Bandanzeige verharrt jedoch stur und schief wie besagter Turm von Pisa zwischen „Hilversum“ und „Rias Berlin“. Der Widerstand, gegen den ich drehe, wird größer. Ist dies der Anfang vom Ende für meine „Viola Automatic“ von ITT Schaub Lorenz, Made in West Germany, einst, im letzten Jahrtausend? Es ist nicht so, dass an Viola wahnsinnig viel Biografie hinge. Jedenfalls nicht meine. Kein Erbstück. Ein Fundstück vom Flohmarkt ist Viola. Ein billiger Kauf auf gut Glück, um zuhause anzutesten, ob aus dem schmalen Holzkasten auch noch Töne kämen. Sie kamen. Die Zuneigung zu Viola

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in ihrer eierschalenfarbenen Schlichtheit wuchs von Morgen zu Morgen, Monat zu Monat, Jahr zu Jahr. Ich will sie nicht mehr missen. Mein Entschluss steht: Digital ist besser droht auch beim Radio, aber solange es analog geht, bleiben Viola und ich das kleine gallische Dorf. Ich könnte Violas defekte Bandanzeige einfach ignorieren bis es kracht. Was, wenn der Sender sich dann nicht mehr verstellen lässt? Deutschlandfunk forever? In mir reift ein verwegener Gedanke: Es muss doch möglich sein, ein offensichtlich mechanisches Problem an einem Gebrauchsgegenstand selbst zu beheben. Hat mein Großvater doch auch immer gemacht. Mit pimalpamme einem Viertel seiner Gene sollte da doch was drin sein. Erinnerungen an Kindertage werden wach: Auseinander ging immer. Zusammen meist nimmer. Dafür hatte ich ja Opa.


Foto: Wiebke Elbe

Bliebe die Option Basteln unter sachkundiger Anleitung. Dankenswerter Weise gedeiht in Form von Repair Cafés längst allerorten der Widerstand gegen undurchschaubare Technik, die gefühlt „schneller als früher“ den Geist aufgibt. In Berlin

Platz ist nicht. Viola und ich sind ohne Anmeldung da. Heißt: Warten und erst mal umschauen, wie das hier so funktioniert mit dem Reparieren unter Anleitung.

bieten sich zum Beispiel in Kreuzberg, am Prenzlauer Berg und in Spandau Möglichkeiten, bei Repair Cafès selbst zu Schraubenzieher und Lötkolben zu greifen. Ehrenamtliche Helfer unterstützen die Reparaturwilligen. Der Erfolg ist dabei nicht garantiert. Aber ein Versuch ist es wert.

doch „unten“ und „hinten“ am Gehäuse schon mal die Schrauben entfernen. Ich glaube, sie hat ungefähr so viel Ahnung wie ich. Dennoch kann ich nicht widerstehen. Ich schnappe mir Kreuzschlitz und Co. Etwas in mir will loslegen, zum Kern der Sache vorstoßen. Also „unten“ und „hinten“ ab. Huch! Da verrutscht was „innen“. Was, wenn ich jetzt wichtige, wohl justierte Elektroteile aus der rechten Position gebracht habe? No regrets. Weiter. Alles muss ab. Nach einer guten Viertelstunde ist Viola schraubenfrei. Eigentlich hatte ich mir genau merken wollen, wo welche Schraube saß und welche Funktion sie hatte. Aber im Schraubrausch ist mir die Ordnung abhanden gekommen. Hoffentlich rollen mir die kleinen Mist-

Als ich mit Viola unterm Arm an einem der nächstmöglichen Termine mein persönliches Repair-Café-Abenteuer starte, empfängt mich lautes Stimmengewirr, durchsetzt von leisem Murmeln. In dem nicht gerade großzügig bemessenen Hinterhofraum beugen sich bereits einige Schicksalsgemeinschaften über unterschiedlichste Elektrogeräte. Macht Sinn, dass man sich für die Termine vorher anmelden soll. Viel

Eine junge Frau taxiert Viola. Ich könne

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viecher nicht weg. Ein älterer Herr empfiehlt: „Nimm dir einen Plastikbecher und pack da alle losen Teile rein. Sonst findste die nachher nicht wieder.“ Da sitze ich nun und schaue meiner Viola von hinten ins Innerste: Netzkabel und Netzteil. Ein Lautsprecher und eine dicht mit Drähten und Bauteilen vollgelötete Platte, von der Kabel nach hier und dort abzweigen. Fatalerweise irgendwo hinter diesen Innereien sitzt die Bandanzeige. Ich schlucke. Ich will Viola nicht ausweiden. Ich kriege den Kram doch meinen Lebtag nicht mehr funktionstüchtig zusammen. Hilfe! Ich blicke mich um. Die beiden Menschen, von denen ich glaube, dass sie die fachkundigen Helfer in der bunten Schar reparaturwütiger Greenhorns sind, haben beide ihre verlängerten Finger in Schubfächern von CD-Playern oder frickeln mit Dingen rum, die sie liebevoll „Kondensatoren“ nennen. Panik steigt in mir auf. Eigentlich funktionierte Viola ja noch. Was, wenn ich jetzt 38

die paar Teile, die beim Losschrauben von „unten“ und „hinten“ lose geworden sind, nicht mehr an den rechten Platz bekomme? Sorgevoll verschraube ich nach bestem Wissen und Gewissen alles wieder. Ich teste. Viola spielt wie eh und je. Immerhin, nicht kaputt repariert. Nur: Die Bandanzeige ist schief und krumm wie 45 Minuten und einige Wochen und Monate zuvor. Unschlüssig beobachte ich das Treiben um mich herum. Gemeinsam Reparieren wird durchaus unterschiedlich interpretiert. Rechts von mir sitzen zwei Mitfünziger sichtlich desinteressiert neben dem ehrenamtlichen Helfer, der sich mit der renitenten Schublade ihres CD-Players abmüht. „Soll er mal machen“, sagt ihr Gesichtsausdruck. Schräg gegenüber hingegen wird der Kampf mit dem DVD-Gerät gemeinsam gefochten. Dessen Besitzer hat der Ehrgeiz gepackt. Er will wissen, wie das Ding funktioniert. Und ich? Ich bin kurz davor, abzuhauen. Geduld ist nicht meine Kardinalstugend. Was sich mir nicht sofort


erschließt, hat gerne mal Pech gehabt. Viola somit auch.

Fachmann 2 nickt rüber. Er glaubt, die Kombi macht‘s: Vorne die Knöpfe könne man abziehen. Hinten die Spanplatte ab, dann müsse man wahrscheinlich nur einen Teil

Einige Minuten später haben wir, okay, hat Fachmann 2 die Platte mit den vielen mysteriösen Verlötungen vorsichtig aus dem Gehäuse gezogen. An ihrem vorderen Teil ist der Mechanismus zum Verstellen der Sender befestigt. Eigentlich ist das recht simpel aufgebaut: Dünne Drahtbänder laufen über die Drehschrauben und damit verstellt sich die Frequenz. Auf den Drähten eingehängt ist ein rotes Plastikteil, das dabei als Anzeige mitwandert. Mitwanderte. Denn es ist ein Stück vom Plastik abgebrochen. „Pling“, ich entsinne mich. Die Bandanzeige ist somit verrutscht und

des Innenlebens rausnehmen, um an die Bandanzeige zu kommen. Ich auf dem Zehner. Jetzt musst du springen. Na gut. Schrauben alle wieder raus, diesmal in den Plastikbecher. Rückwand ab. Das kann ich ja inzwischen. Bleiben die Knöpfe vorne. Fachmann 2 sieht mein Zögern. Er zieht den ersten vorsichtig ab. Heureka! Das geht! Ich folge seinem Beispiel. Langsam aber sicher fängt die Sache an, Spaß zum machen.

hängt fest. Die Frequenzdrähte quälen sich beim Drehen unter dem Plastik entlang. Daher der Widerstand. Ein erstes Gefühl der Genugtuung überkommt mich. Viola brauchte die Hilfe: Früher oder später hätte es „PLING!“ gemacht und dann wären die Drähte gerissen. Ich kenne nun das Problem. Aber was ist die Lösung? Fachmann 2 schlägt vor, dass ich die Bandanzeige flicke und wieder aufsetze. Wir entdecken

Fachmann 1 gesellt sich zu mir. Er zeigt auf Viola. „Die Schrauben müssen aber schon ab. Wir müssen hinten ran.“ Ich verschränke die Arme. Glaubt er, Viola übersteht den Eingriff? Er lächelt. Ich bin noch nicht so weit.

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auf dem Tisch verschiedene rote Plastikbänder. Keine Ahnung, wofür sie eigentlich da sind. Mir kommen sie gerade recht. Wir schnippeln ein winziges Stück ab. Mit einer heißen Plastikpistole wird uralt Plastik aus den frühen Siebzigern mit der Enkelgeneration 2013 vermählt. Fachmann 2 hilft mir dabei. Die Bandanzeige sitzt wieder auf den Drahtseilen und wandert beim Drehen mit. Sie hat noch ein wenig Pisa-Syndrom. Aber mir reicht es so. Gerne schraubte ich Viola flugs zu. Aber Fachmann 2 an meiner Seite schüttelt den Kopf. Das Pisa-Syndrom lässt er nicht durchgehen. Der Arbeitsauftrag an mich: Überlegen, wie ich die Anzeige akkurat justiert bekomme. Er verschwindet zu einem anderen Patienten. Das Tolle an einfacher Mechanik: Man sieht, man probiert und man kommt auf Ideen. Die Lösung ist ein wenig Pappe, die ich zwischen die Frequenzdrähte und die rote Bandanzeige klemme, bis alles adrett auf Position sitzt. Und weil ich gerade so in Fahrt bin, klebe ich mit der

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Heißpistole auch gleich noch jene lockere Folie fest, auf der eben auch “Hilversum” und “Rias Berlin” als Orientierungspunkte verzeichnet sind. Fachmann 2 inspiziert und nickt zufrieden. Vorsichtig manövriere ich die Eingeweide wieder an ihren Platz. Auch die Knöpfe vorne lassen sich leicht wieder aufstecken. Dann die Schrauben. Blöd, dass jetzt zwei übrig sind. Fachmann 2 findet es nicht weiter schlimm. Das seien nur jene, die das Netzkabel fixierten. Oder so. Im Detail interessiert mich das nicht. Denn Viola spielt. Nicht nur das: Drehe ich den großen silbernen Knopf, gleitet die Bandanzeige sanft und gerade wie eine 1 ihres Weges jenseits von “Hilversum” und “Rias Berlin”. Sie kommt wieder von “Beromünster” bis nach “Wien I”! Es ist nur ein altes Radio. Es war nur ein simples Problem.Ich durfte noch nicht mal Löten. Dennoch bin ich sauzufrieden. Und auch ein wenig stolz. Weil ich Viola nicht kampflos aufgegeben habe. Weil ich so noch ein wenig mehr Zeit mit ihr verbrin-


Fotos: Wiebke Elbe

gen kann. Weil sie heute Teil meiner Biografie geworden ist. Langsam tauche ich auf aus meinem ganz persönlichen Reparaturfilm. Um mich herum tobt er noch, der Kampf gegen renitente Elektronik und lose Kontakte. Nur die Protagonisten im Stück haben in der Zwischenzeit gewechselt. Als ich mein Dankopfer in die Spendenkasse stopfe, setzt sich gerade ein neuer Repair-Recke mitsamt einem DVD-Player an einen frei gewordenen Platz. Für wenig Geld beim Flohmarkt erstanden,

sagt er. Er war schon mal hier mit einer anderen HiFi-Komponente. So stellt er sich eine Anlage zusammen. Alte Geräte tun es doch auch, nicht wahr? Auf dem Weg nach draußen komme ich an einer Espressomaschine vorbei. Siebträger. Fachmann 2 studiert sie eingehend, noch skeptisch beäugt von einem jungen Mann, der die Arme vor der Brust verschränkt hat. Da steht sie also, die nächste Herausforderung. Für die Viola im eigenen Haushalt: http://repaircafe.de/

Wiebke Elbe lebt in Berlin. Arbeitet dort auch. Wenn nicht, räsoniert sie gerne über den (meist) schlechten HSV und gute Musik.

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I

ch druck mir die Welt, wie sie mir gefällt Text: Maren Heltsche

Keine Ahnung, wie es euch ging, aber als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal von einem 3D-Drucker hörte, traute ich meinen Ohren kaum. Ein Drucker, der ein Objekt physisch – und nicht auf Papier – ausdruckt, das vorher als Modell am Computer entworfen wurde. Figuren, Vasen, Stühle, Brillen, Ersatzteile. Alles, was aus Kunststoffen, Keramik, Kunstharz und Metallen herstellbar ist. Wahnsinn! Inzwischen gibt es eine lebendige Maker-Community und Unternehmen, die Elektronik und Software mit 3-D-Druckern, Lasercuttern und CNC Fräsen verbinden. Außerdem beschäftigen sich einige Universitäten und Schulen mit dem Thema. Die wohl bekannteste Forschung dazu betreibt das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Hier wurde 2002 auch das erste Fab Lab gegründet, eine Werkstatt, die Einzelpersonen den Zugang zu den Ge-

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räten ermöglicht und das entsprechende Wissen vermittelt. Mittlerweile gibt es weltweit 125 Fab Labs in 34 Ländern. In Berlin eröffneten Wolf Jeschonnek, Nicolai Hertie und Murat Vurucu im Frühjahr 2013 ein Fab Lab in der alten Königsstadtbrauerei im Prenzlauer Berg. Sie haben alle erforderlichen Geräte vor Ort und bieten Workshops zu deren Benutzung an. Jeden zweiten Dienstagabend ist Open Lab und jeder kann vorbeikommen und – gegen Spende – lernen und ausprobieren. Diese Infrastruktur nutzen vorrangig Designer, Architekten und Ingenieure, die hier Prototypen oder kleine Produktserien herstellen. Das klingt ein wenig nach Spielerei, ist aber nicht weniger als eine technologische Revolution. Die Medizin forscht an individuell angefertigten Organen, in unzugäng-


gie sehr teuer, Fab Labs machen die Verfahren aber für jeden zugänglich. Ein Blick dahin lohnt sich!

Fotos: www.fablab-berlin.org

lichen Gegenden in Entwicklungsländern hofft man auf die Möglichkeiten, Ersatzteile bei Bedarf herzustellen, die sonst schwer zu bekommen sind. Noch ist die Technolo-

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E

tagen-Erika Pflanzen, die zu dir passen Text: Maren Heltsche

Nicht jeder hat einen grünen Daumen, aber fast jeder freut sich über blühende Pflanzen und eigene Tomaten auf dem Balkon. „Jeder Mensch soll das Recht auf einen schönen bunten Balkon haben,“ finden die beiden Gründerinnen Susanne Feld-

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bauer und Katrin Schübel und eröffneten im Frühjahr den Onlineshop Etagen-Erika. Die beiden kommen aus der Filmbranche und haben sich Etagen-Erika einen Traum erfüllt. „Wir haben riesigen Spaß an Pflanzen und in letzter Zeit immer mehr Freunde bei der Gestaltung ihrer Balkone beraten.“ Die beiden arbeiten auf


Über Etagen-Erika verkaufen sie Do-ityourself-Sets für die Balkonbepflanzung – mit Jungpflanzen, Blumenerde, Pflanzgefäßen und Pflegeanleitung. Kräuter, Blumen, Gemüse – alles im Programm. Und das Beste: die Sets sind auf die Lage des Balkons und das eigene Gießverhalten angepasst. Die Pflanzen stammen alle von Gärtnern aus der Region und sind natürlich bio. In den nächsten Monaten wird sich Etagen-Erika weiterentwickeln. Susanne und Katrin sind voller Ideen und wir gespannt

l nnsp

auf das, was da kommen wird. Balkon ahoi! Bestellen kann man die Sets unter: www. etagen-erika.de – die Auslieferung erfolgt bisher nur in Berlin, aber dafür kostenlos. Hier könnt ihr gleich mal euer Pflanzenwissen testen und gewinnen*: Welche im Juli herrlich blühende Lieblingspflanze ist das? Der Gewinnerin oder dem Gewinner winkt ein Etagen-Erika SONNENSET WEISSER LAVENDEL und ein weißer Balkon. Wenn ihr an der Verlosung teilnehmen möchtet schickt ihr die Lösung bitte bis zum 14.9.2013 mit dem Betreff „Ich will den Lavendel“ an: redaktion@rosegarden-mag.de.

Blumen gibt es übrigens auch auf dem Dach vom Klunkerkranich. Berlins neuester Rooftop-Location mussten wir hier auch gleich einen Liebsbrief schreiben. * Gewinnspiel Teilnahmebedingungen

Fotos: Philipp Haeberlin

eine grünere Stadt hin und halten viele ihrer Eindrücke in Bildern auf Pinterest fest.

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arbgeständnis Text: Jan Friedrich Der Autor trägt Bart, mag Bärte und beobachtet Bärte. Der Bartträger hat viele Optionen und mit fortschreitendem Alter muss er sich entscheiden: das Ergrauen zulassen oder färben. Als Journalist wollte der Autor schon immer mal einen ganzen Text im Konjunktiv schreiben – der Möglichkeitsform. Wo würde das besser passen als hier: Bartfärben – ICH????

Es stimme, er sei verrückt nach Männern mit Bart. Völlig verrückt. Und andere Männer mit Bart, die auch verrückt nach Männern mit Bärten seien (das eine gehe häufiger mit dem andern einher als man gemeinhin glaube), seien verrückt nach ihm. Eine einfache und praktische Sache sei das. Und in höchstem Maße narzisstisch – ja, er höre das immer wieder und wolle da gar nicht widersprechen. Werfe man ihm jedoch auch noch Oberflächlichkeit vor – das weise er entschieden zurück. Denn selbstverständlich mache ein Bart allein einen Mann noch nicht attraktiv für ihn. Es müsse schon der richtige Bart sein.

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Schließlich gäbe es Bärte, die gingen gar nicht. Zu lange Bärte etwa. Oder zu dünne. Zu buschige Bärte gingen auch nicht. Überfrisierte noch weniger. Die schlimmste Entgleisung aber, das seien jene Bärte, die einem auf hundert Meter Entfernung schamlos entgegenbrüllten, dass jemand an ihrer natürlichen Farbe (meist Grau selbstverständlich) herumgepfuscht habe: blauschwarze Voll-, Spitz- oder Schnauzbärte, wie mit Schuhwichse um die verkniffenen, welken Münder herum auf die sonnenverbrannte Haut ihrer ältlichen Träger geschmiert. Also: Gefärbte Bärte, die gingen überhaupt nicht! Män-


ner müssten in der Lage sein, in Würde zu altern. So habe er das immer gesehen. Im Grunde sei dieser alte Freund Schuld. Der habe ihn wie jedes Jahr im Herbst übers Wochenende besucht. Fotos hätten herumgelegen, die habe man gemeinsam angeschaut. Neue Fotos. Und ältere seien auch dabei gewesen. Nein, er könne nicht mehr sagen, ob es zuerst ihm aufgefallen sei oder dem Freund. Das sei ja auch nicht wichtig. Wichtig sei, dass es einer von ihnen ausgesprochen habe: Dass sich auf

Fotos: Oliver Hell

1.

den alten Fotos nur ein paar wenige graue Härchen in seinem Bart versteckt hätten (direkt neben den Ohren), dass auf den neueren Fotos die grauen Haare aber bis fast zum Kinn vorgedrungen seien. Der Freund sei einer, der mit allen Tricks arbeite. Von Mal zu Mal, das sie sich in den vergangenen Jahren gesehen hätten, habe der jünger ausgesehen. Offenbar genügten dazu Cremes und Pasten. Ein Skalpell sei bislang nicht zum Einsatz gekommen, habe der ihm versichert. Nur der Waschzeugbeutel werde Jahr für Jahr dicker und schwerer.

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1. Wie aus heiterem Himmel habe der Freund ein Bürstchen, eine Tube und ein Fläschchen in der Hand gehalten: Ein tolles Mittel sei das, um dem Bart seine Farbe zurückzugeben. Er, also der Freund, benutze das seit Langem, in Wahrheit sei er nämlich vollständig ergraut. Vollständig ergraut? Kaum glauben habe er das können. Und selbst nachdem er es gewusst habe, könne er nicht behaupten, er habe es auch nur ansatzweise gesehen, dass der Bart manipuliert sei. Das Geheimnis sei, dass es sich bei dem Mittel gar nicht um Bart-, sondern um Augenbrauenfarbe handle. Die färbe nicht so intensiv. Einige Haare blieben selbst nach dem Färben grau, und deshalb sehe das vollkommen natürlich aus. Ein Wort habe das andere ergeben. Groß sei sein Widerstand auch nicht gewesen, das müsse er zugeben. Unversehens sei die Paste angerührt und in seinem Gesicht verteilt gewesen. Um die Sache kurz zu halten: Es habe ihn schlicht überwältigt. Besser als selbst auf

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den alten Fotos habe sein Bart ausgesehen. Fünf bis sechs Jahre hätten sie geschätzt, sehe er jünger aus. Fünf bis sechs Jahre. Nichtsdestotrotz sei für ihn klar gewesen, dass es sich um eine einmalige Aktion gehandelt habe. Gehandelt haben müsse. Keinesfalls könne er sich den Bart färben! Egal, wie unauffällig es auch sein möge. Das Friseurlädchen um die Ecke habe das Produkt zufällig im Angebot gehabt, als er dort eine Woche später vorbeigekommen sei, den Bart am Morgen frisch gestutzt und durchaus noch verstört darüber, wie grau der mit einem Mal wieder gewesen sei. Während die vielen Bärte um ihn herum über die Jahre farblos und fahl geworden seien, habe sich seine Haut recht gut an das Mittel gewöhnt. Wenn er dem heftigen Juckreiz standhalte, der wenige Stunden nach der Prozedur einsetze, und er nicht mit dem Kratzen beginne, verschwinde das Jucken nach ein, spätestens zwei Ta-


2.

gen. Regelmäßig erhalte er Komplimente für sein jugendliches Aussehen. Immer häufiger meine er dabei allerdings Argwohn zu spüren. Wenn ihm je eine wirklich glaubhafte Geschichte einfiele, die er erzählen könne, was ihm Schockierendes zugestoßen und dass sein Bart darüber auf einen

Schlag weiß geworden sei – dann würde er Schluss machen mit dem unwürdigen Schwindel. Er würde den Bart nach dem Schneiden einfach nicht mehr nachfärben und als stolzes Graugesicht durch die Bartmännerwelt gehen. Ja, er würde die Farce beenden! Höchstwahrscheinlich.

3.

Jan Friedrich sind die Licht- und Schattenseiten der Multioptionalität seit seiner Jugend bestens vertraut: Pianist werden? Oder doch lieber Rockstar? Journalismus studieren? Oder doch besser Architektur? Schließlich wurde ein Architekturjournalist daraus. Aber das Leben geht weiter, und interessant wäre es doch vielleicht auch einmal …

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L

ost in Möglichkeiten Einleitende Worte zum Titelthema dieser Ausgabe. Von Maren Heltsche und Mario Münster

M - U - L - T- I - O - P - T- I - O - N - A - L - I - T- Ä - T. Merkwürdig. Wenn man den Begriff in die Runde wirft, kommen keine Nachfragen. Es wird zustimmend genickt. Gefolgt von einer kurzen Stille. Dann setzt ein nicht enden wollender Fluss persönlicher Geschichten ein. Von dem besten Freund, der ehemaligen Kollegin, einem selbst. Multioptionalität – ein gutes Thema, um Smalltalk in tiefergehende Gespräche zu verwandeln. Have a try! Der Duden und Wikipedia kennen den Begriff nicht. Und doch ist jedem sofort

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klar, worum es geht. Es ist das Phänomen der Stunde für viele Menschen zwischen Zwanzig und Mitte Vierzig. Multioptionalität heißt: Wir haben sehr viele Antwortmöglichkeiten auf die Frage, was wir mit unserem Leben so anfangen möchten: selbstständig, angestellt, Karriere, Kinder, Familie, Landlust, Stadtleben, urbanes Nomadentum, Hobbys zum Beruf machen, noch mal umsatteln, Erwachsenwerden... Es liegt in der Natur der Sache, dass wir bei so vielen Optionen nur wenig auslassen wollen. Aber alles geht halt auch nicht. Also fällt die Entscheidung immer schwe-


rer – oder eben gar nicht. Sehr schön werden Teile dieser Problematik in dem aktuellen Kinofilm „Francis Ha“ beschrieben, in dem Greta Gerwig, vor lauter Angst sich festzule-

Mal finden wir es wunderbar, mal grauenhaft.

gen, einfach immer weiter durch New York irrt. Der Kontext, in dem wir das erleben, mag neu sein. Das Problem selbst ist ein Altes: Multioptionalität ist das Update der guten alten „Qual der Wahl“.

Multioptionalität ist eine Sache mit zwei Seiten. Wir können sie lieben oder hassen. Die sie lieben, für die ist es das Paradies. Sie sind die Bewohner wohlhabender westlicher Industrienationen, in aller Regel ausgestattet mit einer guten Ausbildung und der Abwesenheit existenzieller Nöte. Sie greifen sich je nach Appetit die Früchte, die ihnen schmecken. Sie gestalten ihr Leben auf ihre Weise. Selbstbestimmt. Zwei Jahre dieses hier. Drei Jahre jenes da. Kinder

bekommen in vier Jahren. Davor noch eine Auszeit. Und dann aus der Stadt aufs Land ziehen. Manager des eigenen Lebens. Fremdbestimmung? No way!

Die es hassen, für die ist sie die Vorhölle. Von diesen Gequälten gibt es zwei Sorten. Jene, deren Appetit zu groß war. Aus Angst etwas zu verpassen. Die sich mit der Zeit an den vielen Dingen, die sie oberflächlich ausprobierten überfressen haben, die einfach nicht mehr können, die sich nur nach einem sehnen: Nach jemanden, der ihnen einen klaren Weg weist. Und es gibt die anderen Gequälten, die beim Anblick der vielen Optionen in Schockstarre verfallen. Die im Status Quo verharren und gar nicht mehr wissen, was sie wollen sollen. Und die große Mehrheit, die ist hin- und hergerissen zwischen diesen Polen. Mal fin-

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den wir es wunderbar, mal grauenhaft. In der unserer Generation so eigentümlichen Dialektik, in der alles gleichzeitig gut und schlecht sein kann, wägen wir ab, bis wir vergessen haben, worum es ursprünglich ging. Immerhin fallen einem in diesem Prozess neue Optionen ein. Puh.

men, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema beschäftigen:

Multioptionalität ist das Update der guten alten „Qual der Wahl“.

Und inmitten dieser Liebenden und Gequälten steht die Multioptionalität, lässig mit einem Glas Sancerre in der Hand und schmunzelt. Sie ist nicht die Schuldige. Wir sind das.

➸➸ von Prof. Jutta Rump, die zu den Besonderheiten und speziellen Anforderungen der sogenannten Generation Y arbeitet

➸➸ von Stephan Grünewald, einem Psychologen und Markforscher, der eine „Erschöpfte Gesellschaft“ diagnostiziert und ein Psychogramm der Gesellschaft erstellt

Aber warum ist das so? Gab es das schon immer? Was macht das mit uns? Und wie kommen wir da raus?

➸➸ von einem Arzt für Neurologie und Psychiatrie, der in seiner Praxis in den letzten 40 Jahren deutliche Änderungen bemerkt

Antworten und Inspirationen zum Nachdenken haben wir von Menschen bekom-

➸➸ von Christa Kook, einer Großmutter, die für ihre Zeit einen sehr ungewöhnli-

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chen Lebensweg einschlug und alles nochmal so machen würde ➸➸ von Thomas Vašek, Chefredakteur des Philosophie-Magazins HOHE Luft, der sich häufiger Gedanken zum guten und richtigen Leben macht

Es gab viele Optionen sich dem Thema anzunähern. Wir haben versucht, uns für ein paar zu entscheiden. Eine gute Schule. Sich entscheiden können. Unser Rat an alle, die sich da mal selbst austesten wollen. Besucht eine Veranstaltung mit einem großen köstlichen kalten und warmen Buffet.

Wir können sie lieben oder hassen.

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K

ommt Euch selbst auf die Schliche und verplant nicht Eure ganze Zeit! Wir haben mit einem Arzt für Psychiatrie und Neurologie gesprochen. Er ist außerdem Psychoanalytiker und behandelt seit fast 40 Jahren schwerpunktmäßig Kinder, Jugendliche und Studenten. Und das in zwei Staaten: in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland. Wir haben ihn gefragt, ob Multioptionalität krank macht und wie man es gar nicht dazu kommen lässt. Text: Maren Heltsche

Wann begegnet Ihnen das Thema Multioptionalität in Ihrem Praxisalltag?

te es dazu, dass er überhaupt nichts fertig stellte. Man kann nicht alles richtig machen, man kann es nur machen.“

„In der Praxis habe ich viele Patientinnen und Patienten mit Depressionen, Antriebsstörungen, Schlafstörungen, Entscheidungshemmungen oder Angstzuständen. Meine Aufgabe ist es herauszufinden, was diese Krankheiten auslöst. Kürzlich hatte ich eine Patientin, die es nicht schaffte, eine letzte Hausarbeit in ihrem Studium fertig zu schreiben. Das lag nicht daran,

Sie haben Menschen mit psychischen Problemen sowohl in der DDR als auch die letzen 22 Jahre im vereinigten Deutschland behandelt. Im Hinblick auf Multioptionalität gibt es wohl kaum gegensätzlichere Kontexte. Können Sie Unterschiede feststellen?

dass sie das fachlich nicht konnte. Aber für sie war unklar, was danach passieren wird und das hemmte sie an der Fertigstellung. Einen ähnlichen Fall hatte ich mit einem Patienten, der sich auf der Arbeit völlig verausgabte und perfektionistisch eine Menge von Fachbüchern las, weil er alles richtig machen wollte. Letzten Endes führ-

„Ja, definitiv. Früher gab es eher Konflikte und Probleme, weil sich Menschen schlecht und ungerecht behandelt fühlten. Sie waren eher zermürbt. Aber damals gab es für sie einen klaren Gegner. Heute boxt man eher ins Leere, das ist noch schlimmer. Man hat keinen Rahmen mehr, der einem klar strukturiert, für oder gegen was man

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ist oder sein kann. Alles ist sich ähnlich; sich da zu finden, ist schwierig.“ Wie kann man das ändern? „Auf jeden Fall, indem man seine Interessen findet und sich damit einen eigenen Orientierungsrahmen schafft. Früher füllte man den Rahmen, in den man gesetzt wurde aus, jetzt gibt es keinen vordefinierten Rahmen mehr. Und am schwierigsten ist es, das zu machen, was man will, die Entscheidung darüber zu treffen. Aber das Wichtigste ist, dass man irgendetwas tut und nicht versucht, alles perfekt zu machen.“

cherchieren und informieren uns, statt die Dinge selbst auszuprobieren. Das macht das Denken schwieriger, denn die vielen Informationen rauben uns die Sinne. Außerdem wird die Reizschwelle höher, über die wir überhaupt erreichbar sind. Durch den Verlust eines Rahmens – beispielsweise auch der Religion – verspüren viele Menschen auch Haltlosigkeit und erheben andere Prinzipien zum ‚Gott‘: wie Gesundheit oder Leistung.“ Welche Ratschläge geben Sie jungen Menschen, damit sie trotz dieser Herausforderungen gesund bleiben?

Geht es uns eigentlich allen zu gut? „Nein, der Mensch ist heute eher unglücklicher. Im Gegensatz zu früher haben wir irrsinnig viele Bilder, Erlebnisse und Informationen, aber wir gucken gar nicht mehr richtig hin. Mittelbares und unmittelbares Erleben verschwimmt immer mehr – manchmal weiß man schon gar nicht mehr, ob man einen Ort selbst schon gesehen hat oder nur ein Foto davon. Wir re-

„Kommt Euch selbst auf die Schliche und verplant nicht Eure ganze Zeit! 25 Prozent der verfügbaren Zeit sollte man frei halten, um sich überraschen zu lassen und zu staunen. Damit begibt man sich auch ins Ungewisse und sobald man innehält, bekommt man es auch häufig mit der Angst zu tun und flüchtet häufig in Betriebsamkeit. Aber Angst ist in Ordnung und gehört dazu, wenn man sich überraschen lassen will.“

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Foto: rheingold Institut

D

as Schöne an der Multioptionalität: Wir müssen nicht mehr fremdbestimmt einer Schicksalsspur folgen – Kurzinterview mit Stephan Grünewald Text: Maren Heltsche

Stephan Grünewald ist Psychologe, Marktforscher und Managing Partner beim rheingold Institut in Köln. Er hat einige Bücher über den psychischen Zustand der Deutschen geschrieben. Sein neuestes Buch heißt „Die erschöpfte Gesellschaft. Warum Deutschland neu träumen muss.“ Wir haben ihn gefragt, was Multioptionalität mit dieser Erschöpfung zu tun hat. Er selbst genoss gerade für drei Monate die Vorzüge des multioptionalen Arbeitslebens in San Francisco und bezieht seine

„Das rheingold Institut führt jährlich etwa 200 Studien durch. Ich schaue mir die Ergebnisse an und mache eine Zusammenfassung auf Metaebene. Dadurch entsteht so etwas wie ein Psychogramm der Gesellschaft. Dabei zeigt sich: Wir befinden uns in einem Hamsterrad und werden darin immer atemloser. Wenn wir zur Ruhe kommen, stellt sich auf einmal die Sinnfrage. Bin ich mit meiner Situation zufrieden? Wo will ich hin?

Erkenntnisse aus den zahlreichen Studien, die sein Institut jährlich durchführt. Er muss es wissen.

uns unheimlich, deshalb steigen wir lieber wieder ins Hamsterrad ein und schalten die Fragen ab.“

Sie diagnostizieren eine erschöpfte Gesellschaft. Wie kommen sie darauf und was sind ihre Erkenntnisse?

Ist das Gefühl der Erschöpfung, die sie konstatieren für alle gleich? Für Männer und Frauen, junge und alte Menschen?

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Wenn wir zur Besinnung kommen, ist es


„Gemeinsam haben alle das Gefühl der Erschöpftheit. Aber diese hat unterschiedliche

Warum geht niemand auf die Barrikaden?

Quellen. Beispielsweise mehr Leistung, höhere Anforderungen und weniger Pausen bei Berufstätigen, ein Vitalitätsdiktat bei Älteren und bei Frauen die Vereinbarung zwischen Beruf und Familie. Die Frage, die ich mir stelle ist: Warum geht niemand auf die Barikaden? Ich erkläre es mir damit, dass es eine Art „Erschöpfungsstolz“ gibt. Die persönliche Erschöpfung ist der Gradmesser der eigenen Produktivität. Man hat lieber einen Burnout statt eine Depression.“ Und was hat die Multioptionalität damit zu tun?

„Wir werden nicht mehr fremdbestimmt in die Schicksalsspur gesetzt. Früher waren die Le-

benswege und die Rollenverteilung viel klarer. Jetzt kann man viel mehr Optionen ergreifen. Dafür sind aber auch mehr Informationen nötig. Die Crux ist: Alle Optionen, die man ergreift, haben den Anspruch auf Perfektion; es findet keine Priorisierung statt. Die Optionen bekommen eine zwanghafte Dringlichkeit, wer sie nicht aufgreift, scheint etwas zu verpassen.“ Sie beschreiben Träumen als Königsweg raus aus der Situation. Wie soll das funktionieren? „In Träumen hat die Seele eine ästhetische Narrenfreiheit. Ein Traum kann aus den

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vielen Erfahrungen etwas herausheben, was als Leitlinie gelten kann, er legt den Finger in die Tageswunde. Die Intuition wird am Tage zugeschüttet, der Traum serviert sie uns auf dem Silbertablett.“ Haben Sie sonst noch Ratschläge für Multioptions-Geplagte und Erschöpfte? „Wir brauchen einen Alltag, der nicht von Effizienz geprägt ist. Unsere Tage brauchen Dehnungsfugen, die man schaffen kann, indem man morgens beispielsweise noch eine Viertelstunde liegen bleibt, nachdem der Wecker klingelt. Oder indem man aus-

giebig duscht – hier lösen sich manche Probleme von selbst. Wir sollten häufiger die Gefangenschaft in der eigenen Gedankenwelt aufbrechen und zum Beispiel beim Bahnfahren andere Leute und Perspektiven kennen lernen, statt die ganze Zeit auf den Bildschirm oder das Smartphone zu starren. Änderungen und Kreativität entstehen nie in Betriebsamkeit. Deshalb sollten wir uns häufiger mal nichts vornehmen und spüren, wohin es uns treibt. Das ist zwar riskant und ein ungewisser Übergangszustand ist schwerer zu ertragen als im Hamsterrad, aber es lohnt sich.“

Wer das alles nochmal genau nachlesen möchte, findet weitere Hinweise zum Buch auf Seite 12


Christa Kook ist 81 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann in Köln. Sie erlebte den zweiten Weltkrieg samt Flucht in Berlin und Ostpreußen, den Wiederaufbau Deutschlands in Köln. Ihre Unternehmenslust führte sie nach ihrem sechzigsten Lebensjahr längere Zeit auf die Bahamas und nach Spanien. Heute wählt die halbe Familie ihre Telefonnummer, wenn es Probleme mit dem Computer gibt. Christa Kook löst sie per Ferndiagnose. Wir wollten mal wissen, was die Generation unserer Großeltern über Multioptionalität denkt und fragten nach bei der Großmutter von ROSEGARDEN-Herausgeber Mario Münster. Es gibt die These, Multioptionalität sei ein spezifisches Problem unserer Zeit in wohl-

Foto: Privat/Robert Kummer

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ultioptionalität? Gab‘s doch schon immer: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Text: Mario Münster

habenden Industrienationen. Es gibt keinen Krieg, keine existenzielle Not, alles ist überall zu haben, man kann immer überall hin. Siehst du das auch so oder waren du und deine Generation im Alter zwischen 25 und 40 auch hin- und hergerissen von Möglichkeiten und Optionen? „Ich würde das nicht als spezifisches Problem dieser Zeit sehen, weil jeder fast alle Möglichkeiten für alles hat, sofern genug Ressourcen zur Verfügung stehen. Als ich Mitte zwanzig war, sah die Situation im Hinblick auf diese Ressourcen aber völlig anders aus. Man war bemüht, sich eine Grundlage zu bilden in Bezug auf Beruf und Ausbildung. Zukunftsplanung, sich Sicherheit aufbauen, das stand an erster Stelle. Weniger das ‚sich ausprobieren‘.“

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Hättest du gerne im Alter zwischen 25 und 40 so viele Möglichkeiten gehabt wie die Generation heute? „Ja, in jedem Fall. Möglichkeiten waren theoretisch schon vorhanden, aber die finanziellen Mittel reichten oft nicht aus, um sich berufliche Wünsche erfüllen zu können oder Reisen zu machen. Man gründete Familie und lernte sparen, wo es nur ging. Glücklicherweise sah es auf dem Arbeitsmarkt zu dieser Zeit recht gut aus.“ Viele jüngere Menschen sind heute von ihrer Freiheit überfordert. Sie können sich zu gar nichts mehr entscheiden. Auch viele Psychologen analysieren dieses Problem schon. Was denkst du aus deiner Sicht über dieses „Problem“? Findest du es verständlich oder denkst du „die haben vielleicht Probleme und sollten sich nicht so anstellen“? „Ich glaube nicht unbedingt, dass die jüngeren Menschen heute überfordert sind. Sie haben ihre konkreten Wünsche, aber es gibt halt nicht immer die Möglichkeit, diese zu verwirklichen. Ich glaube, es gilt der alte Satz: „Wer die Wahl hat, hat die Qual“. Das ist doch was ziemlich natürliches.“

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Wenn man dein eigenes Leben betrachtet, hast du sehr viel erlebt, gemacht und gesehen. Du hast mit deinem Mann den Lufthansa-Tennisclub in Köln und in den 1990er Jahren auf den Bahamas einen umfangreichen Grundbesitz und Mietwohnungsbestand verwaltet. Später habt ihr euch dann entschieden, für einige Jahre nach Spanien zu gehen. Nicht gerade der typische Lebenslauf für Menschen deiner Generation. War das immer einfach und selbstverständlich oder musstest du dir das auch erkämpfen, weil du von vorgegebenen Wegen abweichen musstest? Und würdest du es noch mal so machen? „Ich würde es in jedem Fall noch einmal genauso machen: Das Entscheidende meiner Meinung nach ist, immer den Wunsch zu haben, etwas Neues kennenzulernen. Speziell in meinem Fall würde ich sagen: Wenn ich etwas wirklich wollte, dann klappte es auch. Einen vorgegebenen Weg hatte ich nicht, ich war immer bemüht, neue Richtungen einzuschlagen und mehr und neue Erfahrungen zu machen, selbst auf die Gefahr hin, ein Risiko einzugehen.“


Jutta Rump ist Professorin für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen und forscht zur Generation Y – die heute 20-30-jährigen. Von Unternehmen wird sie häufig dazu befragt, welche Anforderungen die Nachwuchskräfte von morgen stellen und wie die Zukunft der Arbeit überhaupt aussieht. Wir haben sie zum Thema Multioptionalität befragt.

Foto: IBE Ludwigshafen

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er Multioptionalität genießen will, muss Entscheidungen treffen Kurzinterview mit Jutta Rump Text: Maren Heltsche

Ist die heutige Generation zwischen 20 und 40 besonders stark mit Multioptionalität konfrontiert oder gehört diese Herausforderung zu dieser ganz spezifischen Lebensphase?

tungsangeboten. Anders als vorige Generationen, haben sie durch die digitale Vernetzung auch Zugang zu mehr Informationen und erleben dadurch mehr Vielfalt und Transparenz. Darauf basierend können sie ganz andere Entscheidungen treffen, zum Beispiel in der Berufswahl. Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen den Generationen liegt in der Zeitdimension: Die jungen Menschen heute wissen, dass sie etwa 50 Jahre arbeiten werden müssen. Deshalb planen sie auch anders, gönnen sich mal eine Auszeit, Reise oder probieren etwas anderes aus. Dadurch haben sie mehr Vielfalt in ihren Biografien.“

„Menschen aus dieser Generation haben bereits während ihrer Kindheit viele Möglichkeiten beispielsweise in den Unterhal-

Das klingt ja alles phantastisch. Aber was bringt das für Herausforderungen bei der Berufs- und Lebensplanung mit sich?

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Werden Sie sich so früh wie möglich darüber klar, dass zur Multioptionalität die Fähigkeit gehört, Entscheidungen zu treffen.

„Die vielen Möglichkeiten und das Wissen darüber verlangen natürlich bestimmte Fähigkeiten, damit man davon nicht überfordert wird. Die wichtigsten Fähigkeiten sind wohl, Entscheidungen zu treffen, immer wieder Informationen zu sammeln und auf die eigene Situation zu beziehen und die getroffenen Entscheidungen entsprechend kurzfristig anzupassen oder zu revidieren.“

Welchen Rat würden Sie einem Menschen geben, der sich von der Auswahl aus den vielen Möglichkeiten überfordert fühlt?

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„Werden Sie sich so früh wie möglich darüber klar, dass zur Multioptionalität die Fähigkeit gehört, Entscheidungen zu treffen. Dies ist künftig besonders herausfordernd, weil wir in einer schneller werdenden und komplexeren Welt leben: bestimmte Entscheidungen brauchen Zeit. Nehmen Sie sich diese Zeit und gehen Sie auf die Suche, wo Ihre persönlichen Talente und Stärken liegen. Nur wenn Sie diese nutzen und einsetzen, können Sie 50 Jahre im Berufsleben durchhalten.“


Wir beschäftigen uns mit dem Thema Multioptionalität. Was bedeutet das aus philosophischer Sicht oder anders gefragt: Ist Multioptionalität ein Thema in philosophischen Überlegungen? „Multioptionalität ist ja nur ein Schlagwort, kein genuin philosophischer Begriff. Es gibt Soziologen, Philosophen und Kulturkritiker, deren Arbeiten man auf das Thema beziehen kann, zum Beispiel Alain Ehrenberg und Zygmunt Bauman. Im Grunde genommen geht es um eine Psychose des Menschen in der späten Moderne. Stabile und weitestgehend vorgezeichnete Biographien mit wenigen Mög-

Foto: Hohe Luft

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s ist immer besser mehr als weniger Optionen zu haben. Thomas Vašek ist Chefredakteur des Philosophie-Magazins HOHE LUFT. Schon von Berufswegen macht er sich deshalb viele Gedanken darüber, was gut und schlecht ist oder der Sinn des Lebens. Demnächst wird sein Buch „Work-Life-Bullshit. Warum die Trennung von Arbeit und Leben in die Irre führt.“ erscheinen. Wir haben ihn zum Thema Multioptionalität befragt. Text: Maren Heltsche?

lichkeiten weichen mehr und mehr fragmentarischen Biographien; Sicherheiten brechen weg. Ich bin der Psychosen ein wenige überdrüssig, aber das Problem ist ja mit Händen zu greifen.

Früher haben uns verknöcherte Moralvorstellungen und gesellschaftliche Zwänge neurotisch gemacht. Heute ist es die Autonomie, mit der wir nicht zurande kommen. Der moderne Mensch wird mit seiner neu gewonnenen Autonomie nicht fertig, alles ist instabil, man muss immer aufpassen, wo man steht und sich selbst optimieren, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Aber viele bleiben auf der Strecke oder stürzen ab.“

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Wie bewerten Sie Multioptionalität und soll man sie bedauern? „Wir haben den Imperativ der Selbstoptimierung verinnerlicht, um möglichst viele Optionen zu ergreifen. Was mir nicht gefällt, ist der Kulturpessimismus, der damit verbunden ist. Außerdem die Inkonsistenz der Gesellschaftskritiker: Einerseits fordern sie Autonomie, andererseits auch nicht zuviel davon. Meine Meinung ist: Es ist immer besser mehr als weniger Optionen zu haben. Multioptionalität ist etwas Positives, nämlich ein Freiheitsgewinn. Aber diese Freiheit kann auch eine Zumutung sein, da nicht jeder damit umgehen kann. Freiheit ist ja auch an sich noch kein Wert. Sondern die Frage ist: Was kann ich mit dieser Freiheit tun? “ Ist das ein Problem unserer Zeit und wie kann man am besten mit den vielen Optionen umgehen?

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„Das Problem ist nicht ganz neu. Schon Erich Fromm hat in den 1940er Jahren über die ,Furcht vor der Freiheit‘ geschrieben. Die Freiheit und viele Optionen lösen Angst aus. Wer viele Optionen hat, kann auch viele Fehler machen. In dem heutigen Ausmaß ist es aber sicher ein neues Phänomen. Wir haben noch keine tragfähigen Modelle, um mit diesen Freiheiten umzugehen – keine erprobten Praktiken, wenige Vorbilder.“ Sollen wir uns einfach mehr zufrieden geben? „Auf keinen Fall. Ich vertrete da persönlich eher die existenzialistische Auffassung, dass man die Ungewissheit annehmen und sich in die Optionen hineinstürzen sollte. Seine Freiheit kann man nur realisieren, wenn man die Dinge auch ausprobiert. Sich einfach zufrieden geben, kann ja auch schnell dazu führen, nichts mehr zu wagen. Aber jede Unsicherheit birgt Chancen. Eine existenzialistische Unruhe ist ja etwas Produktives.“


Aber was wäre Ihr Ratschlag, wie sollen wir damit umgehen? „Ich werde mich davor hüten, Ratschläge zu geben. Schließlich sind Entscheidungen immer individuell und subjektiv. Aber ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft Individuen stärker darin unterstützt, Risiken einzugehen. Wer etwas wagt und Schiffbruch erleidet, soll nicht auf der Straße landen oder als Outcast behandelt werden. Ich erkenne da derzeit eine sehr starke Doppelbödigkeit: Einerseits reden wir ständig davon, unsere Träume zu verwirklichen, anderseits gibt es nicht die erforderliche gesellschaftliche Akzeptanz. Wir müssen überlegen, wie solche Modelle aussehen können, die ein gutes Verhältnis von Sicherheit und Freiheit schaffen.“ Wenn schon kein Ratschlag, wie wäre es mit einem kleinen Schlusswort?

Fragen unserer Zeit. Man braucht einen Bedeutungs- und Sinnhorizont, vor dem man seine Freiheiten realisiert. Das schafft Orientierung und schränkt den Optionsspielraum ein. Wenn man nach dem Motto „anything goes“ lebt, hat man keine belastbaren Kriterien, um aus den Optionen auszuwählen. Dazu sind auch Verpflichtungen nötig, die man in Partnerschaften, Freundschaften und der Arbeit eingeht. Ich meine damit Verpflichtungen, die man freiwillig übernimmt, keine moralischen Zwänge. Vielleicht doch ein kleiner Ratschlag: Wenn man viele Optionen hat, sollte man nicht unbedingt irreversible Entscheidungen treffen: mit Ausnahme von den Bereichen Kinder, Liebe und Freundschaft – ich habe zugegebenermaßen ein pathetisches Verhältnis zur Liebe, das ich gerne hinüberretten möchte.“

„Wie man mit der Multioptionalität umgeht, ist eine der großen, schwierigen

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in Kessel Buntes. Curriculum Vitae 2.0 Text: Mario Münster

Unsere multioptionalen Leben sind einfach nicht mehr linear. Es geht von hier nach da und auf und ab. Mehrere Jobs und Projekte gleichzeitig sind keine Ausnahme. Der klassische Lebenslauf bildet die Zunahme von Abwechslung, Brüchen und

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Parallelität nur noch bedingt ab. Besser gelingt das mit Online-Tools, die unsere Lebensläufe visualisieren. Hier ein Beispiel für einen fiktiven Lebenslauf – erstellt mit www.vizualize.me. Macht Spaß und sieht gut aus, finden wir.


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ie Mutter der Multioptionalität Text: Mario Münster Am 22. September ist Bundestagswahl. Wenn man so will: Die Mutter der Multioptionalität. Zu wenige Kreuze für zu viele Fragen.

Wen wählt der kreative und umtriebige Stadtmensch? Die Antwort scheint klar: Philipp Göring-Steinmerkel. Das politische Fabelwesen, das all unsere Neigungen, Interessen und moralischen Untiefen eindrucksvoll vertreten wird. Und zwar wählen wir dieses Wesen für den Zeitraum von sechs Monaten – klassische Projektlänge.

Deadline 22. September 18.00 Uhr, weil wir uns einfach nicht entscheiden wollen können. Bloß, das ist keine Lösung. Es wird wählen gegangen, klar! Im Rosengarten gibt es kein Weglaufen. Nicht in dieser Frage.

Auf Sachen, die langfristiger sind, können und wollen wir uns nicht einlassen. Sind wir nicht gewohnt. OK, vielleicht ein Jahr, aber nur mit einer wöchentlichen(!) Ausstiegsoption für beide Seiten. Vielleicht kapitulieren wir vor unserem Entscheidungsdilemma aber auch kurz vor der

sind es gewohnt unsere Bekenntnisse und unseren Konsum nur allzu sehr von der Frage abhängig zu machen, ob diese oder jene Sache zu unserem Lebensstil passt, ob wir uns damit identifizieren können, meinetwegen auch, ob es gerade cool ist, in unsere Phase passt und so... Sorry, die Opti-

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Aber zugegeben, es ist nicht einfach. Wir


on fällt hier leider aus. Es sei denn es findet sich jemand, der allen Ernstes behaupten kann, er wählt die Partei XY, weil sie zu seinem Lifestyle passt. Dabei haben ein paar der Parteien die Sache mit dem Lifestyle ganz gut verstanden und werfen eifrig Nebelkerzen. Die Grünen versuchen mit mega-schmissigen Werbesprüchen zu kaschieren, dass große Teile ihrer Mitglieder und Wähler total konservativ sind. Die SPD umgarnt uns mit Farben, die die Mehrheit ihrer Mitglieder aufgrund akuter Alters-Farbenblindheit gar nicht mehr erkennen kann. Und die CDU? Ja, die

wird diese wunderbaren Wohlfühlbilder haben irgendwo zwischen VW, Schwartau Extra oder Nutella und uns damit davon ablenken, dass große Teile ihrer Mitglieder absolut dagegen sind, Homosexuellen die gleichen Rechte einzuräumen wie Heterosexuellen. Sollten wir die Linkspartei und die Piraten hier erwähnen? Ja, erwähnen vielleicht. Und die FDP... ach ja... Also nicht reinfallen! Dafür sind wir zu klug! Die Medien helfen uns auch nicht. Mit wenigen Ausnahmen haben sie den Hang zu einer völlig falsch verstandenen Über-Objektivierung in der politische Berichter-

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stattung. Heißt: Über alles wird am Ende des Tages gleich wohlwollend oder gleich abwertend berichtet. Dabei bedeutet Objektivität eigentlich auch zu sagen, wenn etwas objektiv Mist ist. Aber wie entscheiden wir uns jetzt? Zwei Kreuze für so viele Fragen und nur Optionen, die wir für halbgar halten. Wir müssen uns frei machen von unseren üblichen Ansprüchen an die Dinge. Wahlen sind ein Sonderfall. Man kann nicht nicht mitmachen und muss deshalb Kompromisse eingehen. Phillip Göring-Steinmerkel gibt es nicht, es gibt auch keine vorübergehenden Lösungen. Vier Jahre sind vier Jahre und eine Partei ist eine Partei. Also, wir machen das ganz old school. Wir blenden die Verpackung aus und schauen auf die Inhalte. Die vielen Werber, Schreiber und Grafiker sollten einmal danach schauen, wer sich für den Erhalt der Künstlersozialkasse einsetzt und wer nicht.

Wem es wichtig ist, dass Bildungsabschlüsse nicht von der sozialen Herkunft abhängig sind, der kann sich einmal ansehen, wer sich für den Erhalt von Schulsozialarbeit und Integrationsangeboten einsetzt und wer solche Posten mit dem Hinweis auf nötiges Sparen aus den Haushalten streicht. Wer glaubt, dass es richtig ist, durch drastische Sparprogramme die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa weiter zu verschärfen und damit viele qualifizierte Spanier und Griechen zu uns zu locken, auch für diese verwegene Idee wird er eine passende Partei finden. Die Antworten auf dieses Fragen werden nicht zu unserer vollständigen Zufriedenheit führen. Aber zu einer Entscheidung mit der wir leben können sollten. Und jetzt bitte den 22. September im Kalender als Termin eintragen. Danke!

Politik ist ein verworrenes Geschäft und nicht immer leicht verdaulich. Appetitliche Darstellungen politischer Themen und Fakten gibt es in der Datenküche auf Seite 112.


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aden verboten? Bitte baden? Baden vielleicht? Baden gefährlich?? Wozu standen dort eigentlich diese Flaggen? Gehe ich nun schwimmen, joggen, zum Golf? Lese ich endlich mein Buch oder – einfach in der Sonne dösen? Ich will alles! Oder…? In meinem Urlaub an der türkischen Südküste war die Aquarellskizze nur eine von vielen Optionen.

In seiner Ausstellungsreihe WASSER FARBEN REISEN zeigt Thomas Weltner ab dem 26. September seine Arbeiten in Berlin/ Kreuzberg an zwei Orten: Bar Mercosy, Dresdener Straße 11 The Wine – Bouché Gewerbepark, Haus 6 Die Eröffnung ist am 26.9. ab 19 Uhr in der Bar Mercosy. Weitere Termine online.

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THX Wir danken allen Text- und Bild-Kontributoren dieser Ausgabe, allen Interview- und Gesprächspartnern, sowie allen, die uns spannende Ideen und Hinweise für interessante Themen geliefert haben. Ohne euch würde der Rosengarten nicht blühen.

Wir suchen Kontributorinnen und Kontributoren! Wir sind ständig auf der Suche nach Kontributorinnen und Kontributoren, die sich mit ROSEGARDEN identifizieren: Texte, Fotos, Bilder, Ideen – es gibt so viele tolle Themen. Schreibt uns, wenn ihr dabei sein wollt: redaktion@rosegarden-mag.de

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DIE WELT IST NICHT IM GLEICHGEWICHT. Fast 1 Milliarde Menschen hungert weltweit. Während in reichen Ländern wie Deutschland mehr als die Hälfte der Lebensmittel wegen Überproduktion und Gedankenlosigkeit im Müll landet, verdirbt in den Entwicklungsländern die Hälfte auf dem Weg vom Acker bis zum Teller: durch schlechte Lagerhaltung, mangelnde Transportwege und fehlende Vermarktungsmöglichkeiten. Die Welthungerhilfe zeigt Wege aus der Misere. Mit Hilfsprojekten im Süden und politischer Arbeit im Norden. Helfen Sie uns: Sparkasse 73 KölnBonn, BLZ 370 501 98, Konto 1115. Mehr unter www.welthungerhilfe.de. Welthungerhilfe - Der Anfang einer guten Entwicklung


Auf der Suche. Fotoserie von Anna-Lena Ehlers Kalender. Das aktuelle Gedicht von David Hermann Wie spricht der Pinguin? Gespräch mit zwei Schauspielern Multioptionalität – Die aktuelle Kurzgeschichte von Christian Ludwig

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uf der Suche Anna-Lena Ehlers macht nicht nur phantastische Fotoserien, sondern schreibt auch noch poetische Texte. Wir haben das Glück, ihre Serie „Auf der Suche“ veröffentlichen zu dürfen. Fotos und Text: Anna-Lena Ehlers

Wenn ich einschlafe, kommen die Gedanken. Und dann male ich mir meine Zukunft aus, die Straßen, die Orte, Menschen um mich herum, die mich begrüßen – aber es sind alles schlechte Filme, die nie den Sprung vom Drehbuch auf die Leinwand schaffen werden. Und der Alptraum beginnt. 76


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Solange ich nicht alleine bin, muss ich mir keine Gedanken um mich machen. Das fĂźhrt dazu, dass ich gerne Leute um mich herum habe, die von sich selbst sprechen oder schĂśne Frauen, die mich ablenken.

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Auf einem kalten Steinboden sitzend, der flirrenden piepsenden kreischenden Welt zu entfliehen, ist manchmal gar nicht so verkehrt.

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Nach Abschluss der dreijährigen Fotografieausbildung in Schleswig am Photo & Medienforum Kiel absolvierte Anna-Lena Ehlers ein zweijähriges Volontariat zur Journalistin in Hamburg. Seit 2011 arbeitet sie selbstständig als freie Fotografin und Redakteurin. „Auf der Suche“ heißt ihre berührende Fotoserie auf den vorherigen Seiten. Das Motto beschreibt das persönliche Lebensgefühl der Fotografin: „Ich weiß nicht wohin mein Weg führen wird, ich weiß nur, dass es sich gut anfühlt hinter der Kamera zu stehen und mit ihr Momente einzufangen, die sonst nicht an diesem Tag, zu jener Uhrzeit, mit ebendiesen Menschen entdeckt worden wären – ja so sehe ich das wohl. Visionen sind immer schön, wenn man welche hat. Ich bin gerade dabei sie zu finden. Beziehungsweise vielleicht ist die Suche auch mein Weg, denn wer aufgehört hat zu finden, der hat aufgehört zu suchen...“, so Ehlers.

Modelle: Jennifer Kleinoth (ROCK´ON MODEL MGMT) Hannes Carsten (Modelwerk) Art Director & Styling: JR Oyster Hair & Make-up: Mahsa Houshiar

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alender

Ich drücke auf den Tag Dabei legen sich links und rechts die blauen Stunden in Falten und reißen schließlich Über dem Fingernagel steht schmutzig der Morgen leer bis auf die Krähe und den dünngeregneten Plastikfetzen Sie kleben nebeneinander an den aufgeregten Ästen und unterhalten sich feucht Ich drücke die Tinte in den Tag Der Abdruck  das Labyrinth  das wir sind  in dem  ich mir ewig  auf die Hörner laufe bis mir der Kopf in den Schoß fällt 86


Als ich dich atmen höre mit deiner Denkfurche  schwer an deinem Traum unter der heißen Decke bricht aus dem Nichts die Musik In die weiße Ordnung meiner Stunden rinnt endlich  dein Strom In jeder schnellen Flüssigkeit in jedem  seltsamen Salz springt ein Universum aus der Nacht und bedeckt endlich jede Sekunde

David Hermann, 1979 im hessischen Bärstadt geboren, lebt seit 1996 in London, wo er am University College London in Vergleichender Literaturwissenschaft über Auflösung und Ende in der zeitgenössischen Kurzgeschichte promoviert. David schreibt morgens Lyrik, nachmittags akademische Arbeiten, abends Drehbuch. www.hermannist.com Von David Hermann veröffentlichen wir regelmäßig Gedichte. 87


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ie spricht der Pinguin? Text: Mario Münster Schauspieler, ja sicher... die von den roten Teppichen und so. Aber für die meisten Schauspieler ist Schauspieler sein einfach ein Beruf. Mit allem was dazu gehört. Wir haben mit den Schauspielern Anika Baumann und Gábor Biedermann einmal darüber gesprochen. Weil wir viele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen vermuteten. Und siehe da: Es waren sogar noch mehr Gemeinsamkeiten als angenommen.

Ganz am Ende unseres Gesprächs kommen wir auf das Thema Künstler. „Künstler!?“ – da wird es noch einmal richtig lebendig. Nein Künstler, das wollen sie nun wirklich nicht sein. Mittags um zwölf mit Hut in einer Bar sitzen, sich wohl dosiert exzentrisch geben und sich betrachten lassen. Bitte, wer macht denn so was? Die

ähnlich ergeht mit ihrem Beruf. Beide sind Anfang Dreißig, beide haben einen kleinen Sohn, leben in Berlin und sind freischaffende Schauspieler. Das bedeutet: TV-Produktionen drehen, Hörspiele sprechen, gelegentlich vielleicht Werbung und vor allem Theater. Beide waren nach dem Ende ihrer Ausbildung in Berlin fest am Theater – Ani-

alte Schule in Wien vielleicht...

ka am Maxim Gorki Theater und Gábor am Deutschen Theater in Berlin. Von der Schule direkt an ein großes Haus in der Hauptstadt – Anika und Gábor halten das auch im Rückblick für riesiges Glück und eine gute Schule: Alles spielen, angesagt sein, mal weniger angesagt sein, die soziale Dynamik eines

Anika Baumann und Gábor Biedermann haben auch jenseits ihrer Erregung bei dem Künstlerthema viel gemeinsam. Deshalb wollten wir sie einmal gemeinsam sprechen, um herauszufinden, ob es ihnen

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Ensembles spüren, unterschiedliche Regisseure und ihre Eigenheiten kennenlernen. Das Angestelltsein haben sie mittlerweile aufgegeben. Nicht aus einem großen Plan heraus, sondern weil es für beide an der Zeit war auch die andere Option einmal auszuprobieren: Frei sein und arbeiten. Ihr Arbeitsalltag gleicht nun dem von beinahe jedem Selbstständigen: Viel Reisen, sich um Jobs kümmern, die Abrechnung machen, proben, auftreten, weiterreisen, Kinderbetreuung organisieren, auf Zusagen warten. Künstler? Nein, Solo-Selbstständige. Mit allem, was dazu gehört. Dennoch scheint es einen Unterschied zu den vielen freifliegenden rastlosen Städtern zu geben, die, kaum mit einer Idee angefangen, schon das nächste Projekt im Auge haben. Sie sind Schauspieler mit Leib

Foto: Susanne Tessa Müller

Anika Baumann

und Seele. Schauspiel ist ein Teil von ihnen. Anika kann sich ein Leben ohne Bühne nicht im geringsten vorstellen. Pläne oder Wünsche

für ein Berufsleben nach dem Schauspiel gibt es nicht. Bei so viel Angst vor Bekenntnis, die man sonst so um sich herum spürt, ist das wunderbar zu erleben das jemand mal sagt: Das ist mein Ding. Forever ever ever! Gleichwohl hadern beide gelegentlich mit der Sinnhaftigkeit ihres Berufs und damit sind sie dann Vielen anderen wiederum doch sehr nahe, die gerne „etwas Sinnvolles“ machen wollen. Etwas, das Werte am Menschen schafft. Anika fasst das Problem so zusammen: „Ich habe mich heute mit der Frage befasst, wie ein Pinguin spricht.“ und fragt sich, wie sinnvoll ihr Tagewerk am Ende ist. Beispielsweise im Vergleich mit dem eines Sozialarbeiters.

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So sehr sie die Vielseitigkeit und die Freiheit schätzen, so sehr sind auch beide wieder an dem Punkt, die Rückkehr in ein Ensemble in Betracht zu ziehen. Nicht zuletzt, weil sie mittlerweile Eltern sind. Schauspieler als Eltern, auch das ist ein Thema mit dem beide ihre – wenngleich ganz unterschiedlichen – Erfahrungen haben. Gábors dreijähriger Sohn versteht bisweilen die Welt nicht mehr, wenn Papa plötzlich gleichzeitig vor ihm im Fernsehen und hinter ihm auf dem Sofa sitzt. Verwirrung einer ganz anderen Art erlebte vermutlich Anikas Sohn, der

Foto: Jeanne Degraa

Gábor Biedermann

von seiner Mutter in den ersten Monaten auch immer wieder mal in der Theatergarderobe gestillt wurde, während sie dabei die verschiedensten Kostüme trug. Einen Wunsch haben die beiden auch gemeinsam. Nein, nicht „richtig groß rauskommen“ – wobei das bestimmt auch nicht schlecht wäre. Sie würden gerne einmal in einem Theater in ihrer Heimatstadt auftreten. Anika in Frankfurt am Main und Gábor in Wiesbaden. Ach ja, das vergaß ich fast – beide haben auch eine hessische Vergangenheit.

Bei Redaktionsschluss standen die kommenden TV- und Theatertermine von Anika Baumann noch nicht fest. Gábor Biedermann ist ab Ende September im ZDF bei den Rosenheim-Cops dienstags gegen halb acht zu sehen. Zudem ab 20.9. am Theater Basel on stage in der Möwe von Tschechow.

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ultioptionalität – Eine Kurzgeschichte Text: Christian Ludwig

Dubios, diese Mittagsstunde. Der Handdruck war fester als gewohnt, das Grinsen entrückter als gewollt. Die Aussage verschwamm neben dem Schreibtisch – zwei Wochen Urlaub, ungeplant, ohne Schein, jetzt, ab sofort. Sein Vorgesetzter tupfte sich nach der Ansage die Schweißperlen vom Nacken, wünschte eine schöne Zeit und bedankte sich nickend für die Erfolgsbilanz, die ihn angeblich zu diesem Geschenk führten. Frei im August? Das war fremd und neu. Überlegung: Wie verbringt man die Zeit in einer leer gefegten Stadt, wenn sich jeder irgendwie irgendwo herum treibt und alles auf Zeitlupe zu stehen scheint. Huch, aber da waren doch noch Unterlagen, zwei offene Nachrichten. Nein. Der Chef wies mit spitzer Miene zur Bürotür. Nun gab

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es keine Ausflüchte, ab in die Ferien auf Knopfdruck. Draußen beherrschte Hitze die Stadt. Die Kopfhaut brannte ähnlich wie die Teerstraßen, die er zu passieren hatte. Die Brille glitt Richtung Nasenende. Er suchte nach einer Nebenstraße, den schattigen Stellen. Seine Augen rollten. Mehr Haut bedeutete nicht parallel mehr Spaß für alle, dachte er sich, als das dichte Begängnis der Einkaufsmeile nicht enden wollte. Die klimatisierte Dachgeschosswohnung schien so weit entfernt wie der nächste anstehende Arbeitstag. Hätte er gute Freunde oder welche, die offene Ansprachen nicht scheuten, hätten diese ihm gesagt, wie auffällig aggressiv ihn schönes Wetter im Allgemeinen und Sommer in der Stadt im Speziellen werden lässt. Da werden ein-


Mehr Mensch als im Sommer geht nicht, das war ihm klar, davor hatte er schließlich Angst. Dann sind sie mehr, länger sichtbar, lauter, euphorisch und verträumt in einem. Nichts wie weg. Nun hätte er rasch den Fahrstuhlknopf betätigt, sich auf das Öffnen des Kühlschranks gefreut, wäre da nicht dieser Zwischenfall eingetreten. Ein Filmprojekt, ausgerechnet heute, direkt vor seiner Haustür, alles abgesperrt. Das Gegenteil von Lachfalten summierte sich in seiner Visage. Die jungen Dinger vor und hinter der Kamera winkten ihn freundlich ab, vertrösteten ihn auf später. Später? Ungenauer wäre ihm noch lieber gewesen. Doch ein Freigetränk am Buffett stände parat, als Aufheiterung. Weder Wasser

noch Schnaps waren heute seins, so lehnte er das Angebot ab, hörte die schlecht inszenierte Verfolgungszene hinter seinem Rücken zum vierten Mal abbrechen und blieb am Pflasterplatz stehen. Der öde Pflasterplatz. Dieser hieß nicht wirklich so, doch wie sollte er diesen unbedeutenden Ort ohne Namen betiteln. Musik drang in sein Ohr, schief und hoch, zu schnell zum Überhören, zu langsam zum Durchdrehen. Eine Dame im hochgesteckten Haarkleid hatte einen Geschenkestand aufgebaut. Ja, wie auffällig und ungewöhnlich, gab es tatsächlich alles kostenfrei. Überbleibsel aus alten Wohnungen, Lose mit wohl hundertprozentigen Nieten, einen Kussknopf, eine komische Box und ein ausgeschriebenes Helferabteil. Schwachsinn, er hielt von alledem nichts, konnte sich aber dem tänzelnden Heranwinken der Frau in Bunt nicht entziehen. Ihr Assistent unter achtzehn führte ihn näher an den Stand. Abwehr blieb aus,

Foto: Bertram Sturm

kaufende Beine in Schwimmlatschen als eklatanter Schwachpunkt gesehen, Rumlümmeln auf allen erdenklichen Treppenstufen der Altstadt als einfältiges Getue verurteilt. Negativität als Lösung für alles? – wie jugendlich.

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die interessierte Freude ebenso. Mit keiner Fee verwandt, durfte er sich dennoch bei ihr für drei Geschenke entscheiden. Oh je, das klang nach einer längeren Prozedur. Er hatte nicht einmal Laune nach nur einem Präsent, drei aber waren deutlich über seinen gewünschten Möglichkeiten. Sei’s drum, dachte er, zog sich ein Los, auf dem lediglich ein Fragezeichen abgebildet war. Er durfte sich nun entscheiden, ein weiteres Los zu ziehen oder sich in die Zukunft blicken zu lassen. Er nickte Ersterem zu, erhielt jedoch wieder ein Fragezeichenmotiv. Hellsehen an der Bordsteinkante wies er weiterhin undankend ab, das zweite Geschenk würde es schon richten. Er blieb an dem Knopf für die Kussfreiheit stehen, sah jedoch die ausgelaugten weiblichen Lippen vor sich, schielte auch kurz zu dem halbgrinsenden Helfer in Uniform rüber, bei welchem neben der strahlenden Zahnleiste nichts anderes sichtbar schien. Irritiert wich er zurück. Zungenschlag ohne ihn, so zeigte es sein verkrampftes Gesichtsfeld überdeutlich. Nach zwei ausge-

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schlagenen Präsenten war es nun die tief stehende Grabbelbox, die ihn abschließend noch zufrieden stellen könnte. Zaghaft ließ er seine linke Hand in das dunkle Loch fahren, ängstlich, was er dabei angeln würde. Eine Armbanduhr, jene von der imitierten Sorte, zog er aus der Kiste, betrachtete sie kurz, ließ sie dann aber wieder fallen. Er nickte den beiden Mitarbeitern des Geschenkestands gequält entgegen. Wie vor den Kopf geschlagen und undankbar zurückgelassen, standen Frau und Helfer neben den Holztischen, derweilen spürte er deren enttäuschten Blicke wie bösartige Fühler hinter sich. Was vergeuden sie ihr Leben auch mit solch sinnarmen Spuk, rechtfertigte er sein kühles Handeln beim Laufen. Um geschenkte freie Tage kam er nicht herum, doch diese als nächstenliebend verkappte Art an Geld im Hut zu kommen, war ihm ein Gräuel. Eine Mitarbeiterin des Films machte ihm den Weg frei, waren die Aufnahme vorerst pausiert, wie er glaubte. Eigentlich wurde angenommen, er wäre ein geplanter Kom-


Foto: Bertram Sturm

parse, der beinahe seinen Einsatz verpasst hatte. Die Sonne war hinter den drei Hochhäusern verschwunden. Die Filmtruppe applaudierte ihm zu, war sein ignoranter Durchgang genau der Schlag, der der Einstellung noch fehlte. Es wurde angesto-

ßen, gelacht, ihm zugeprostet. Abstand. Er schlug die Wohnungstür hinter sich zu, atmete tief ein, warf seine Tasche unter die Garderobe. Drei Minuten später hatte er sich beruhigt, doch die Aussicht wurde schlecht. Er war eher blass, blass und tot.

Christian Ludwig, Jahrgang 1982, arbeitete sich von kleinauf durch halbfertig bis nie umgesetzte Drehbücher, Songtexte oder Geschichten aus 1001 Nacht im idyllischen Thüringen, die meist dort blieben, wo wenig Platz für Licht oder eben den nächsten Schritt war. Und so gelangte er über Umwege im Gesundheitswesen erst verspätet da, wo er sich schon längst sah – mit dem Stift am Schreibtisch – wenn auch mit mehr Steinen im Weg, als nur den Fingern quer auf der Tastatur. Mit dem Debütroman “Sendawoy” 2011 beginnend – gefolgt von der zugehörigen Soundtrack-EP in Zusammenarbeit mit Corwood Manual – sind die Kurzgeschichte zu “Dieser Raum befindet sich im Aufbau” und die Fabel “Navele und das Blau” wie der nächste Schritt, der wichtig und richtig erscheint. Quasi der heimliche Aufbau für das, was da bald schon kommen mag.

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Die Leidenschaft des Rauschens. Sven Hätscher über Musik für Städte I adore you: Unser Liebesbrief – diesmal an einen Vogel Magische Orte – der Darßer Weststrand Der aktuelle Weintipp: Triple Zero

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ie Leidenschaft des Rauschens Sven Hätscher ergründet seine musikalischen Wurzeln. Text: Sven Hätscher

Die Großstadt stumpft uns ab. Überreizung, Überangebot, 24/7. Wir immer mitten drin. Schwimm oder stirb. Sagt man. Wenn es doch so einfach wäre, ihr Nesthocker. Die Städte sind unsere Herzkammern. Klar kannst du den Puls der Zeit auch im Gesichtsbuch mit Daumen hoch erfahren. Aber eintauchen, dich daran berauschen, dich hingeben? Das geht nur hier. Und es wird dir niemals langweilig, denn die Stadt lebt vom Wandel. Entstehen, vergehen, neu erschaffen. Ich wurde mal gefragt, ob das nicht sehr anstrengend sei, sich noch auf neue Musik

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einzulassen? Und ich hatte mit einem Mal Freunde und Bekannte vor Augen. Kaum über die Schwelle ihrer Jugendmusik hinaus gekommen. Polohemden tragen und Modern Talking lauschen. Dir Karnevalslieder am Arbeitsplatz vorsingende Twens. Zwei vor, zwei zurück ins Blut übergegangene EBM-Jünger. Nein. Es ist auch nicht anstrengender als die Abgestumpftheit der Anderen zu ertragen. Ich unternehme gerade das – für mich durchaus spannende – Unterfangen, meine musikalischen Wurzeln zu ergründen.


Mag es an der nahenden Großen Vier liegen, sei dahingestellt. Zumindest ist sie ein willkommener Anlass. Und es liefert reichlich Stoff zum Nachdenken und Niederschreiben. Vor allem wenn man es zu konzentrieren versucht.

das stetig neu zusammengesteckte Konglomerat der Charts, das banale Rauschen im Äther. Es sind vielmehr die Momente, wenn sich neue, jüngere Musiker daran wagen, ein Cover aufzunehmen, nicht um des Covers willen, sondern um es in ihrem Sinne zu interpretieren. Jüngstes Beispiel das Robert Glasper Experiment, die eine faszinierende Mischung aus Elektro, Hip Hop und Jazz präsentieren und unerwartet mit Nirvana um die Ecke kommen.

Je mehr ich au dem Zeitstrahl entlang schreite, desto mehr vermischen sich die Stile, die ich gehört habe und bleiben dennoch in ihrem Ursprung merklich vorhanden. Womöglich liegt daran eines der Mysterien. Die Transformation, das Heben auf eine andere Ebene und das Wissen, worauf diese basiert. Und damit meine ich nicht,

Und es wird dann spannend wenn es sich um genreübergreifende Akte der Interpretation handelt. Auf Ninja Tune ist das aktuelle Album von Emika „DVA“ erschienen. Es ist eine Freude ihre Musik zu hören, die

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vordergründig als Elektro daher kommt. Doch wenn du ihre Tweets liest und die

Stücke hörst, tauchst du in eine tiefere Ebene ein, die sich aus einer vielfältigen Tradition speist.

Oft sitze ich am liebsten stundenlang bei meinem Plattendealer des Vertrauens und lausche genussvoll dem Knistern der Nadel auf dem schwarzen Vinyl. Vieles verweilt nur kurz auf dem Plattenteller, in anderes kann ich mich versenken und erwache erst vom Knacken der letzten Rille. Die Dichter alter Tage hätten es wohl mit dem Sitzen am Ufer des Stroms des Lebens verglichen, dessen Rauschen man lauscht. Ja, und manches Mal springt man hinein. Denn nur so kann man das Fieber der Sehnsucht stillen. Und wenn ich mit meinen Anregungen nur eine oder einen von Tausend zu neuer Musik verleiten kann, dann ist es diese Mühe des Wartens und der leidenschaftlichen Hingabe wert.

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Sven Hätscher ist ganz echt Berliner und ganz echt Musikfreak. Er widmet sich mit viel Leidenschaft seinem Blog gutemukke.tumblr.com.

Den Eintritt für die Konzerte seiner Wahl verdient er sich als Referent für Online und Social Media beim Parteivorstand der SPD. Für Rosegarden schreibt er über Musik.

Twitter: @haetscher

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anpost 2.0: I adore you. An die Macher vom Klunkerkranich Neukölln-Arcaden, Berlin

Liebe Macherinnen und Macher vom Klunkerkranich, WOW. Ein Parkdeck in Neukölln. Man kann sich kaum einen weniger idyllischen Ort vorstellen. Erstmal. Wenn man aber auf Eurem Parkdeck steht, sieht das auf einmal ganz anders aus. Man kann sich kaum einen idyllischeren Ort vorstellen. Mitten in der Stadt, über allem. Bretter-Buden-Bars, Holzmöbel zum Lungern, Pflanzkübel, ein Bienenstock, selbstgemachter Kuchen, Livemusik und Himmel. Berlin am Meer. So fühlt es sich an, auch wenn weit und breit kein Wasser in Sicht ist. Der weite Blick über die Stadt hat in etwa die gleiche Wirkung wie der beruhigende Blick auf die Wellen. Und dabei kann man noch was lernen: über Urban Gardening, Färben und Bienen.

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Hut ab für diese Idee und Respekt für die Umsetzung! Ein Parkdeck sehen und eine Oase darauf bauen. Soviel Kreativität und Vorstellungskraft muss man erstmal haben. Mehr noch als ich es mir wünschen würde, einmal in Eurem Fenster-RecyclingGewächshaus zu schlafen, mag ich, wie ihr Eure Visionen in Spaß packt und umsetzt. Es gibt ja einige Parkdecks, aber keines ist so wie Eures. Warum eigentlich nicht? Es grüßt Euch, Ihr Schätze,

Eure Maren P.S.: Euer Klunkerkranich ist doch ein verkleideter Storch, oder!?


Fotos: Bertram Sturm

Über den Empfänger: Der Klunkerkranich Karl-Marx-Straße 66, Fr 16 – 24, Sa 12 – 24, So 12 – 19 103


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paziergang am Darßer Weststrand Magische Orte Text: Mandy Schoßig

Wild. Ungezähmt. Rau. Daran denkt man sicher nicht zuerst, wenn man sich an die Ostsee erinnert. Da steigen eher Assoziationen auf wie Promenaden, Sandstrände und Strandkörbe. Und doch, es gibt ihn – den unbändigen Ostseestrand. Auf dem Darß. An der äußersten Spitze der kleinen Halbinsel westlich von Rügen und Hiddensee erwarten den Spaziergänger zerklüftete Hänge mit windumwehten Dünen, zerzausten Bäumen und skurrilem Treibgut. Und das Beste am Weststrand: Er ist nicht mit dem Auto, sondern nur zu Fuß zu erreichen. Wir wandern los von Prerow – Ausgangspunkt ist die Strandstraße, Ecke Hafenstraße. Zunächst geht es hinunter in

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Richtung Westen, vorbei an den schönen holzverzierten und bunt bemalten Türen, typisch für Fischland-Darß. Circa 1,5 Kilometer folgen wir ihr immer geradeaus – der Straßenbelag wechselt von Asphalt zu Sand; die Häuser stehen vereinzelter; irgendwann weist das Straßenschild den Langseer Weg aus. Und dann beginnt der Darßwald. Weite Teile der Halbinsel einnehmend, weist er unterschiedliche Grade an Magie auf: Zunächst ist im profanen Kiefernwald wenig Magisches zu spüren. Einige Kilometer weiter jedoch gelangen wir auf unserem Weg immer geradeaus vorbei an Mooren mit schwarzem, undurchdringlichem Wasser und verwun-


Foto: Maren Heltsche

schenen Lärchen- und Birkenhainen. Hier zwitschern Spechte, Zwergschnepper und Karmingimpel – es sei die Vogelführer-App des NABU empfohlen – um die Wette und wer Glück hat, sieht eine Kreuzotter über den Weg flüchten. So geht es etwa fünf Kilometer durch den Wald, bis sich – endlich – der Pfad erhebt, über die Düne windet und die Ostsee vor uns liegt. Ob links oder rechts den Weststrand hinunter bleibt nun der Phantasie überlassen. Nach Norden erreicht man nach zwei bis drei Kilometern den Leuchtturm, der jedoch von Ausflugskutschen angefahren wird und trubelige Massen

erwarten lässt. Wer es ruhiger mag, wende sich also nach Süden, wo weitere drei Kilometer menschenleerer Strand und Wellen die Augen und Ohren entspannen lassen. Im Sommer warten Ecken zwischen umgestürzten Bäumen auf Rastende; im Winter Mütze und Handschuhe nicht vergessen. Am Weststrand toben raue Stürme und schwemmen nicht selten Bernsteine an. Und hier kommt leider schon ein kleiner, aber wichtiger Wunsch: Bitte nichts mitnehmen. Denn der Darß ist Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft und damit besonders geschützt.

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Der Darßwald und der Weststrand liegen in dessen Kernzone, die insbesondere für eine ungestörte Entwicklung vorgesehen ist. Trockenes Zitat aus der Nationalpark-

und und und. Call me „Öko-Spielverderber“ aber der Sinn liegt auf der Hand. Diese Gebiete sind als Vogelbrutstätten oder in der Ansammlung seltener Tier- und Pflan-

verordnung: Ausdrücklich ist es im Nationalpark verboten, „Bodenbestandteile zu entnehmen“ sowie „Pflanzen oder Teile von ihnen einzubringen, zu entnehmen, zu beschädigen oder in ihrem Weiterbestand zu beeinträchtigen“. Das gilt auch für Treibgut, Muscheln, Bernstein, Algen

zenarten besonders wertvoll für die Artenvielfalt. Oder habt ihr woanders schon mal einen Erlenzeisig oder einen Waldlaubensänger gehört?

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Zurück zum Spaziergang. Wer sich ausgiebig ausgeruht hat, tritt den Rückweg auf


Foto: Maren Heltsche

dem selben oder einem ähnlichen Weg quer durch den Darßwald an. Zahlreiche parallel verlaufende Pfade führen über Stock, Moos, Stein und Moor zurück nach

Prerow, wo in der „Teeschale“ oder den zahlreichen anderen schönen Cafés des Ortes Tee, Kaffee, Sanddornsaft und andere Leckereien auf die Wandermüden warten.

In Kürze: ab Prerow, Hafenstraße. Dauer gesamter Spaziergang ca. 3-4 Stunden. Anspruch: einfacher, aber langer Weg (Picknick dringend empfohlen). Einkehr in der Teeschale, Waldstraße 50, Prerow, täglich 12 bis 22 Uhr. Mehr über den Nationalpark: www.nationalpark-vorpommersche-boddenlandschaft.de

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rei mal Null ist das neue Mehr Triple Zero, Jacky Blot – Domaine de la Taille aux Loups, Montlouis sur Loire

Was für ein Auftakt für einen perfekten Abend. Der Triple Zero ist ein mit Flaschengärung gemachter Schaumwein von der Loire, der einen sprachlos macht. Herrlich trocken und mineralisch mit feinen Briochearomen. Die Chenin-Trauben stammen von über 50 Jahre alten Reben. Das ist die Grundlage für dieses Wunder. Und dann wird Jacky Blot gleich dreimal radikal. Er verzichtet auf die sonst übliche künstliche Aufzuckerung, es werden nur vollreife Trauben verwendet. Dann verzichtet er auf das Einleiten einer zweiten Gärung mittels Hefeansatz – der Wein vergärt in der Flasche zu Ende. Drittens spart

er sich die ebenso bei Champagner und Crémant übliche Dosage – also das Einstellen des Zuckergehaltes für die Gefälligkeit vieler Schaumweine. Drei mal Zero, der Name ist Programm. Weniger ist mehr – selten war das so richtig. Den Triple Zero kann man für circa 18,00 Euro mit viel Glück irgendwo in Deutschland kaufen. Oder man man fährt am besten gleich an die Loire und holt sich den Wein vor Ort ab. Allerdings ist die Abgabe limitiert. Das Zeug hat viele Fans. www.jackyblot.fr

Autor: Mario Münster ist nicht nur Mitherausgeber dieses Magazins. Unter dem Namen ‚The Wine‘ betreibt er einen Online-Shop für Wein samt Showroom in Berlin-Treptow. Er lässt es sich nicht nehmen, künftig in jeder Ausgabe einen Wein vorzustellen, den man nicht bei ihm kaufen kann.

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109 Foto: Mario M端nster


Die krasse Grafik. Heute: Political Pommes TyPorn. Heute: Unsere neue Schrift

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ie krasse Grafik Text: Maren Heltsche

Eigentlich kann jeder Grafiken erstellen. Die Zutaten dazu sind ein paar Zahlen und ein Computerprogramm, das diese Zahlen in ein Bild verwandelt – Torten, Balken oder Linien im Normalfall. Diagramme, die im Gehirn der Betrachter meistens einen Weg gehen: Da rein, da raus. Ganz anders ist das mit richtig guten Grafiken. Zum Beispiel solche, wie sie Anna Lena Schiller, Lisa Rienermann und Sylke Gruhnwald erstellen. Sie nehmen echte Zutaten und Lebensmittel, um ein schwer verdauliches Thema so darzustellen, dass man richtig Lust bekommt, hinzuschauen: Politik. Ja, das kann passieren, wenn sich zwei Illustratorinnen und eine Journalistin zusammenfinden.

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Unser Pommes-Beispiel zeigt die Länder, die die US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und Mitt Romney im dritten TV-Duell im außenpolitischen Zusammenhang erwähnt haben. Dabei wird sichtbar, was man irgendwie auch schon wusste: US-Außenpolitik ist nicht nur Pommes und Disko. Am meisten beschäftigen sich die Politiker mit Krisenherden im Nahen Osten (je mehr Pommes, desto mehr wurde über dieses Land geredet). Die Euro-Krise scheint kaum eine Rolle zu spielen. Deutschland ist nur ein Krümel im Kontext des Universums „Fernsehduell“. Kann ja auch mal ganz heilsam sein, die eigenen Probleme aus dieser Perspektive zu betrachten. Und es wird ja nicht nur in den Vereinigten Staaten Politik gemacht. Deshalb


Grafik: bindersfullofburgers.tumblr.com

empfehlen wir, bis zur Bundestagswahl häufiger mal bei Zeitonline in der Wahlkantine vorbeizuschauen. Hier begleiten die drei Ladies die aktuellen Daten und Entwicklungen mit ihren einfach ver-

ständlichen und inspirierenden Grafiken aus der Datenküche. Mehr über die US-Präsidentschaftswahl unter: „Binders full of Burgers“

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yPorn: Am liebsten mag ich das große Q und das kleine g. Aber es geht hier nicht um persönliche Vorlieben sondern um Lesbarkeit! … Überlegungen von Bertram Sturm

Kaum sind wir zwei Ausgaben alt, schon haben wir eine neue Hausschrift. Die Lesbarkeit der Schrift der ersten Rosegarden-Ausgabe ‚Letter Gothic‘ ließ doch einiges zu wünschen übrig. Die Schwierigkeit

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lag hierbei auf der Vielzahl der Medien, auf denen Rosegarden gelesen wird. Vom kleinen Smartphone, über ein mittelgroßes Tablet bis hin zum 30-Zoll-Monitor ist alles möglich. Da haben es die gedruckten Kol-


Dies ist ein Typoblindtext. An ihm kann man sehen, ob alle Buchstaben da sind und wie sie aussehen. Manchmal benutzt man Worte wie Hamburgefonts, Rafgenduks oder Handgloves, um Schriften zu testen.

Quitte legen schon einfacher. Diese liest man einfach direkt vom Papier. Und hochauflösende Displays hin oder her, nichts ist so scharf gestochen, wie Buchstaben auf Papier. Und genau da liegt das Problem der Schriftentscheidung. Rosegarden benötigt eine Schrift, die in kleinen Größen nicht zu sehr ausfranzt, und falls doch, sollte das Ausfranzen die feinen Linien der kleinen Buchstaben nicht in Luft auflösen. Und genau das tat ‚Letter Gothic‘ nun mal. Die erwünschte neue Schriftart sollte also diesen Ansprüchen stand halten. Und

noch mehr. Sie muss gut zu unseren schicken charakteristischen Initialen passen und soll den Lesefluss an sich nicht stören. Im Grunde soll sie gar nicht auffallen. Und dennoch ist es das wichtigste, das sie uns gefällt. Und das tut sie! Die ‚The Serif‘. Entworfen von Lucas de Groot, einem niederländischen Schriftendesigner. Er entwarf übrigens auch die Hausschrift des Tageszeitung „taz“, des Fernsehsenders „ARD“ oder der SPD. Eine ganz passable Gesellschaft, wie wir finden. Achja, sie kann auch Ligaturen!

pfiffig, oder? 115


I

mpressum

Kontaktdaten redaktion@rosegarden-mag.de www.rosegarden-mag.de Postanschrift: Bouchéstraße 12, 12435 Berlin Telefon: +49 (0) 151 240 30 742 Herausgeber: Maren Heltsche, Mario Münster Chefredakteur: Mario Münster stellv. Chefredakteurin: Maren Heltsche Anzeigen und Werbung: werbung@rosegarden-mag.de Redakteure (Text): Manuela Czapka, Wiebke Elbe, Anna-Lena Ehlers, Jan Friedrich, Sven Hätscher, Maren Heltsche, David Hermann, Christian Ludwig, Mario Münster, Mandy Schoßig, Bertram Sturm, Christiane Weihe Redakteure (Foto/Bild): Jeanne Degraa, Anna-Lena Ehlers, Wiebke Elbe, Philipp Haeberlin, Oliver Hell, Maren Heltsche,

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Vera Hofmann, Philippe Intraligi, Robert Kummer, Tessa Müller, Bertram Sturm, Christiane Weihe, Thomas Weltner Titelfoto: Torsten Bogdenand Design/Illlustration: Bertram Sturm Lektorat: Mandy Schoßig, Christiane Weihe Rosegarden erscheint in unregelmäßigen Abständen etwa drei Mal im Jahr. Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Für unverlangt eingesandtes Text- und Bildmaterial und externe Links wird keine Haftung übernommen (siehe hierzu: www.rosegarden-mag.de/?page_id=9) USt-IdNr.: DE269118250


There is nothing more attractive than people following their passion

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Bis zum n채chsten Mal.

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ROSEGARDEN II  

ROSEGARDEN ist ein Magazin für die Urbane Bohème und ihre Freunde: Fragen unserer Zeit, Multioptionalität, Leben und Hadern in Städten. Es g...

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