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Vorurteile im Asyl

Vertiefungsarbeit Sandi Gazic & Roman Karrer GRAFZ 7 BZGS / GBS St. Gallen, 14.November, 2013


Sandi Gazic & Roman Karrer

Inhalt 6 / 7

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Einleitung

8–115 8–13 14 / 15

2 2. 1 2. 2

Grundsätzliches zum Asylwesen Grundsätzliches zum Asylwesen Ablauf eines Asylverfahrens

16–33 3 Vorurteile 16 3. 1 Vorurteile Allgemein 16–19 3. 2 Umfrage / Gespräche 16 3. 2. 1 Einleitung 16 / 17 3. 2. 2 Gespräche 18 / 19 3. 2. 3 Rückschlüsse Umfrage 22–26 3. 2. 4 Die Umfrage Ergebnisse 26–29 3. 3 Richtigstellung der verbreitetsten Vorurteile 30 / 31 30 / 31

4 4. 1

Aufenthalt im Asylzentrum Tagebuch

32 – 36 5 Schlusswort 32 / 33 5. 1 Persönliche Stellungsnahme 36 5. 2 Danksagungen / weiterführende Links

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Vertiefungsarbeit – Vorurteile im Asyl

1. Einleitung Als wir uns das Thema für unsere Vertiefungsarbeit (VA) überlegten, welches sich am Oberthema «Umfeld» orientieren sollte, studierten wir unsere Einflüssen und dachten daran, wie es aussehen könnte, wenn unsere Grundvoraussetzungen im Leben anders gelegt worden wären. Als Beispiel versetzten wir uns in Gedanken in die Welt und das Umfeld eines Obdachlosen. Wie kommt ein Mensch in diese Situation? Wie fühlt man sich in dieser Situation? Was hat das Umfeld für einen Einfluss auf diese Personen? Dies waren Fragen, welche uns am Anfang unserer VA sehr interessierten. Solche Gedanken brachten uns dazu, ein Konzept mit dem Arbeitstitel «Vom Umfeld ins Unfeld» zu erarbeiten. Ziel des Konzeptes war es in ein Leben oder eine Lebenssituation hineinzusehen, welche(s) wir nicht kennen, ein Umfeld zu erleben, welches uns fremd erscheint und doch in unserer nächsten Umgebung Realität ist. Also beschlossen wir einen Selbstversuch durchzuführen um zu sehen, was andere Menschen in anderen Umfeldern tagtäglich erleben. Natürlich war das Ziel daraus etwas zu lernen und einen Nutzen für uns und für die *Leserinnen und Leser dieser Arbeit zu ziehen. Wir wendeten unser Grundkonzept auf verschiedenen Randgruppierungen, welche sich in unserer Umgebung aufhalten, an Metal-Heads, Obdachlose, Prostituierte, Gefängnisinsassen, Selbstversorger sind nur einige Beispiele, welche wir für möglich hielten. Nach vielen Überlegungen weckte sich unser Interesse für die Flüchtlinge dieser Welt, die Asylsuchenden. Uns interessierte ihr Leben und ihre Situation und wir wollten mehr über sie in Erfahrung bringen. Unser Thema entwickelte und konkretisierte sich und der Selbstversuch blieb ein zentraler Teil unserer Arbeit. Einen Aspekt, die Vorurteile, welche man stets zu Ohren bekommt, wollten wir speziell beleuchten. Das Asylwesen belegt in der Schweiz immer wieder die Schlagzeilen und ist ein sehr aktuelles Thema, welches offensichtlich viel Spannung enthält und auch politisch stets von Rechts bis Links diskutiert wird. Trotz stetiger Medienpräsenz, denken wir, gibt es im Schweizer Volk leider immer noch viel Unwissenheit, welche häufig mit Vorurteilen überdeckt wird. Gerade in einem so wichtigen Thema wie dem Asylwesen, wo politische Entscheidungen Auswirkungen bis hin zu Leben und Tod vieler Menschen haben, empfinden wir es als Notwendigkeit, Klarheit zu schaffen und Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Wir haben den Eindruck, dass nur ein geringer Teil der Bevölkerung genügend über die Umstände, das Asylverfahren und die existenzielle Wichtigkeit dieses Themas informiert ist. Auf Grund dessen beschlossen wir herauszufinden, welche Vorurteile in den Köpfen der Schweizerinnen und Schweizer kursieren, um sie auf ihre Richtigkeit zu prüfen. So entstand unser Thema «Vorurteile gegenüber Asylsuchenden».

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Bei unserer Arbeit wurde uns bewusst, dass das Asylwesen ein sehr komplexes und umfangreiches Gebiet ist. Wir haben uns anfänglich über verschiedene Kanäle viel Wissen über die Thematik angeeignet, auf welches wir später durch gezielte Recherchen aufbauen konnten. Um die Vorurteile in der Bevölkerung zu erforschen, führten wir eine Umfrage durch und bedienten uns geläufigen Klischees, welche in der breiten Masse bekannt sind. Bei einem dreitägigen Aufenthalt in einem Asylzentrum im Toggenburg SG haben wir uns persönlich mit den Asylsuchenden und ihrer gegenwärtigen Welt konfrontiert. Wir haben mit ihnen zusammengelebt, viele Gespräche geführt, Eindrücke gesammelt und dabei wertvolle Erfahrungen für unsere Arbeit, sowie auch für uns selbst gewonnen. Wir hoffen dem Leser bzw. der Leserin , auf den folgenden Seiten Denkanstösse und wichtige Informationen rund um die Thematik Asyl zu vermitteln und zielen darauf ab, das Bewusstsein für dieses in unseren Augen sehr wichtiges Thema zu sensibilisieren.

*

In unserer Arbeit werden wir bei Personen wie z.B. Leser und Leserin nur die männliche Form verwenden, die weibliche jedoch stets mitgedacht.

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2. Grundsätzliches zum Asylwesen 2.1 Grundsätzliches zum Asylwesen Aktuelle Situation in der Schweiz 1 28 631 Personen haben im Jahr 2012 in der Schweiz Asyl beantragt, 2010 waren es noch 15 567 Gesuche, 2002 war die Anzahl Gesuche zum letzten Mal vergleichbar hoch. Durch die vielen Unruhen, zurzeit vor allem in arabischen und afrikanischen Staaten, steigen die Zahlen an. Durch den Anstieg der Gesuche steigen natürlich auch die Kosten. Für das Jahr 2013 wurden CHF 1.3 Mia. budgetiert, im Jahr 2010 waren die Ausgaben im Vergleich dazu nur CHF 930 Mio. Von den eingegangenen Gesuchen konnten im Jahr 2012 24941 der 28631 Gesuche bearbeitet werden. Die Zahl der abgeschlossenen Asylverfahren ist tiefer als die der Gesuche, auch im Vorjahr 2011 war dies zu beobachten. Die langsamen Verfahren haben ebenfalls Auswirkung auf die Kosten, da die Asylsuchenden während der Wartezeit verpflegt und untergebracht werden müssen. Die ineffiziente Verfahrensdurchführung wird von verschiedenen Seiten als eine Situation mit Verbesserungspotenzial angesehen. Von den abgeschlossenen Gesuchen im Jahr 2012 wurden insgesamt 2507 Personen als Flüchtlinge anerkannt, dies entspricht 11.7 %, verglichen mit anderen Jahren ein relativ tiefer Prozentsatz, was entweder mit mehr «falschen Flüchtlingen» oder härteren Kriterien zu erklären ist. Hauptsächlich kommen gegenwärtige Asylsuchende aus Afrika. Platz eins belegt Eritrea, Platz zwei Nigeria und auf Platz drei liegt Tunesien. Politisch gesehen ist das Asylwesen ständig im Wandel. Zahlreiche Revisionen, meist zur Verschärfung der Aufnahmebedingungen, wurden vom Schweizer Stimmvolk angenommen. Was bedeutet Asyl? Der Begriff «Asyl», lateinisch «asylum», was so viel wie Unverletzliches, Plünderung, Raub, Beuten heisst, hat im Deutschsprachigen Raum folgende Bedeutungen: • Heim, Unterkunft für Obdachlose • Aufnahme und Schutz-/Zufluchtsort

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Was ist das Asylverfahren? Das Asylverfahren ist dazu da, herauszufinden, wer unter den Beantragenden nach den Kriterien des Schweizer Staates Anspruch auf Asyl hat. Es wird geprüft, ob es sich beim Asylsuchenden um einen Flüchtling handelt und ob allfällige Gefahren bei der Abschiebung bestehen. Ablauf des Verfahrens Da der Ablauf des Verfahrens in Worten sehr schwer zu beschreiben ist, finden Sie als Leserin bzw. Leser auf Seite 10-11 eine erklärende Grafik, welche den Ablauf eines Asylverfahrens in der Schweiz übersichtlich darstellt.

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Was ist ein Asylsuchender? Personen welche in der Schweiz oder in einem anderen Land nach Asyl, dass heisst um Aufnahme und Schutz vor politischer oder anderer Verfolgung anfragen, werden als Asylsuchende oder im Volksmund als «Asylanten» bezeichnet. Vorausgesetzt wird, dass sich die Person in einem laufenden Asylverfahren befindet. Wenn ein Asylbewerber in der Schweiz Asyl gewährt bekommt, wird er als anerkannter Flüchtling bezeichnet. Wer hat Anspruch auf Asyl? 3 Wer nach der Definition der Genfer Konvention als Flüchtling gilt, hat in der Schweiz Anspruch auf Asyl. Laut GFK wird ein Flüchtling wie folgt definiert: 4 Flüchtlinge im Sinne der GFK werden als Personen definiert, welche sich aufgrund einer begründeten Furcht vor Verfolgung ausserhalb des Staates aufhalten, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen, sowie Staatenlose, die sich deshalb ausserhalb ihres gewöhnlichen Aufenthaltsstaates befinden. Anerkannte Flüchtlinge sind solche, die aus einem oder mehreren der folgenden Gründe verfolgt werden: • Rasse • Religion • Nationalität • Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe • politische Überzeugung.

1 www.vimentis.ch/d/publikation/349/Asylgesetz.html 2 www.duden.de/rechtschreibung/Asyl#Bedeutung2 3 de.wikipedia.org/wiki/Asylbewerber 4 de.wikipedia.org / wiki / Abkommen_über_die_Rechtsstellung_der_Flüchtlinge

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Wie lange dauert ein Asylverfahren? 5 Im Durchschnitt dauert ein Asylverfahren 260 Tage, das sind ca. 8 Monate. Wo die Prüfung materiell zu beurteilen ist, benötigt man durchschnittlich sogar 550 Tage. Woher kommen Die Asylsuchenden? 6 Die meisten Asylgesuche in der Schweiz kommen aus Afrika, in der folgenden Tabelle werden die 10 Länder aufgelistet, von welchen im Jahr 2012 in der Schweiz am meisten Gesuche eingereicht worden sind. P l a t z L a n d A s y l g e s u c h e 2 0 1 2

in Prozent

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10.

15.4 % 9.6 % 7.8 % 6.6 % 4.8 % 4.3 % 4.0 % 3.3 % 2.8 % 2.8 %

Eritrea Nigeria Tunesien Serbien Afghanistan Syrien Mazedonien Marokko China Somalia

4407 2746 2239 1889 1386 1229 1137 931 808 808

Das «Dublin 2» Verfahren 7 Das «Dublin 2» löste 2003 das 8«Dubliner Abkommen» ab und ist eine völkerrechtliche Verordnung aller EU-Staaten und den Ländern Norwegen, Island und der Schweiz. Es regelt, welcher Staat für ein gestelltes Asylgesuch zuständig ist. Damit soll erreicht werden, dass ein Asylsuchender innerhalb der Mitgliedstaaten nur noch ein Asylgesuch einreichen kann. Stellt der Asylsuchende dennoch in einem anderen Mitgliedstaat seinen Antrag, wird auf das Gesuch nicht eingegangen. Organisiert wird das Ganze mithilfe der Datenbank «EURODAC». Das «Dublin 2» Verfahren wird von verschiedenen Seiten kritisiert 9 Rund ein Drittel der Asylsuchenden wurden auf Grund dieses Verfahrens im Jahr 2012 aus der Schweiz weggewiesen. Die Genfer Flüchtlingskonvention Die GFK, eigentlich «Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge» genannt, bildet einen wesentlichen Eckpfeiler der internationalen Flüchtlingsrechte. Sie ist seit 1954 in Kraft und wurde stetig überarbeitet. Beigetreten sind der Konvention 144 Staaten. Die GFK beinhaltet die Definition der Flüchtlinge und regelt ihre Rechte. 4

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NEE (Nichteintretens-Entscheid) Bei einem Nichteintretens-Entscheid muss der Asylsuchende das Land sofort verlassen, dies kann aus verschiedenen Gründen der Fall sein: • Asylsuchender sucht keinen Schutz in der Schweiz (illegaler Einwanderer) • Person verheimlicht seine Identität • Person hat keine Papiere und kann nicht • Hat in der Schweiz bereits ein Asylgesuch gestellt • Hat bereits in einem «Dublinstaat» ein Asylgesuch gestellt • Hat in seinem Heimatland nichts zu befürchten. Wie viele Asylbewerber werden aufgenommen? 10 Die positiven Entscheide variieren von Jahr zu Jahr, meist liegt die Quote ungefähr bei einem Viertel. 2012 wurden 12.6 % der Asylgesuche gewährt, und 6.7 % wurden vorläufig aufgenommen. 2008 war die Quote das letzte Mal überdurchschnittlich hoch; total wurden damals 41.9 % anerkannt und aufgenommen. Die Ausschaffung Wird dem Asylsuchenden kein Asyl gewährt, wird er ausgeschafft, dies kann auf zwei verschiedene Arten ausgeführt werden: • Selbständige Rückreise • Begleitete Ausschaffung (in den meisten Fällen durch die Polizei). Kriminalität Die Kriminalstatistik belegt, dass 2012 13 % der Asylsuchenden einen Strafdelikt begangen haben. Beschuldigt wurden insgesamt 5875 Personen, was auf die Gesamtbevölkerung/ CH 7 % aller Delikte ausmacht. 11

BFM BFM ist die Abkürzung für das Bundesamt für Migration, welches für das Asylsystem in der Schweiz zuständig ist.

5 www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Wie-lange-dauert-ein-Asylverfahren/story/28105272 6 www.vimentis.ch/d/publikation/349/Asylgesetz.html 7 de.wikipedia.org/wiki/Dublin-II-Verordnung 8 de.wikipedia.org/wiki/Dubliner_Übereinkommen 9 www.amnesty.ch/de/themen/asyl-migration/asylpolitik-schweiz/dok/2012/asylpolitik-schweiz-zahlen-und-fakten 10 www.blick.ch/news/politik/75-fakten-zum-asylwesen-id2260572.html 11 www.amnesty.ch / de / themen / asyl-migration / asylpolitik-schweiz / dok / 2012 / asylpolitik-schweiz-zahlen-und-fakten

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Revisionen 12 Seit dem Inkrafttreten des Schweizer Asylgesetzes im Jahr 1981 wird das Gesetz ständig überarbeitet. Das definierte konstante Ziel, nur «echte» Flüchtlinge zu beherbergen, hatte die Folge, dass das Asylgesetz in zahlreichen Revisionen immer wieder verschärft wurde. Auch im Jahr 2013 wurde das Asylgesetz der Schweiz einmal mehr stark reguliert, besonders zu erwähnen ist die Abschaffung des Botschaftenasyls, dies zur Abschaffung der Aufnahme von Militärdienstverweigerer. Beschwerde Wenn ein negativer Asylentscheid getroffen wird, hat der Asylsuchende das Recht beim BFM Beschwerde einzulegen. Ca. 30 Prozent der Abgewiesenen machen von diesem Recht Gebrauch. Internationaler Vergleich Im Internationalen Vergleich ist das Schweizer Asylwesen ziemlich gut. Besonders die Unterkünfte sind im Vergleich zu den anderen Ländern relativ gut, es gibt jedoch auch hier Verbesserungspotential. Schweden könnte dabei ein Vorbild darstellen. Finanziell ist die Schweiz ein eher geiziges Land, in Deutschland werden die Asylsuchenden beispielsweise gleich wie arbeitslose Landsleute behandelt und erhalten «Harz IV». Der prozentuale Anteil der Asylsuchenden im Vergleich zu Einwohnern ist in der Schweiz, im Vergleich zu andern Ländern, ziemlich gross. Aufenthaltsbewilligung (Ausweis B) Der Ausweis B ist eine Aufenthaltsbewilligung, welche einer ausländischen Person für den Zeitraum von 5 Jahren den Aufenthalt in der Schweiz und der EU erlaubt.

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Niederlassungsbewilligung (Ausweis C) Der Ausweis C ist eine Niederlassungsbewilligung für Drittstaatsangehörige, Die Dauer dieser Bewilligung beträgt entweder 5 oder 10 Jahre. Personen, die den Ausweis C besitzen, unterstehen nicht mehr der Begrenzungsverordnung und können den Arbeitgeber frei wählen. Zudem sind sie nicht mehr quellensteuerpflichtig.

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Vorläufige Aufnahme (Ausweis F) Personen, welche eigentlich aus der Schweiz weggewiesen worden waren, diese Forderung aber aus einem bestimmten Grund nicht möglich war, erhalten eine «vorläufige Aufenthaltsbewilligung». Gründe für eine vorläufige Aufnahme sind folgende: • wenn sich der Vollzug der Wegweisung als unzulässig (Verstoss gegen Völkerrecht) erweist • wenn der Vollzug sich als unzumutbar (konkrete Gefährdung des Ausländers) oder unmöglich (vollzugstechnische Gründe) erweist.

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Asylunterkünfte Es gibt zwei Arten von Asylunterkünften, Die «Empfangs- und Verfahrenszentren», welche in der Nähe der Schweizer Grenzen liegen, sind dazu da, die Asylsuchenden als erstes aufzunehmen. Dort werden erste Informationen ermittelt, bevor der Asylsuchende dann in die Zentren verschiedener Kantone und Gemeinden verteilt wird, um auf das Ergebnis des BFM zu warten.

12 www.amnesty.ch/de/themen/asyl-migration/asylpolitik-schweiz/dok/2012/verschaerfungen-asylpolitik-die-position-von-am nesty/120926_Asylpolitik_de_fr_Website_FINAL.pdf 13 https://www.bfm.admin.ch//bfm/de/home/themen/aufenthalt/eu_efta/ausweis_b_eu_efta.html 14 https://www.bfm.admin.ch//bfm/de/home/themen/aufenthalt/nicht_eu_efta/ausweis_c__niederlassungsbewilligung.html 15 https://www.bfm.admin.ch//bfm/de/home/themen/aufenthalt/nicht_eu_efta/ausweis_f__vorlaeufig.html

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2.2 Ablauf eines Asylverfahrens

16/17

Einreise

«grüne Grenze» illegal

Grenzübergang

legal

Flughafen mit Einreisebewilligung

Stellung des Asylgesuchs

Bei Empfangs- und Verfahrenszentrum

Recht auf Asyl?

1. Registrierung (Papiere oder wenn nicht vorhanden Fingerabdruck) 2. Befragung

Ja (Noch kein positiver Entscheid)

Verteilung auf Kantone

welche zuständig für den Aufenthalt und oder die spätere Wegweisung sind.

Befragung durch das Bundesamt für Migration

Anhörung Asylgrund etc.

Asylgewährung

Der Aylbewerber ist nun annerkannter Flüchtling und erhält den Ausweis B.

positives Ende

Arbeit / Nachzug Familie / Integration

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Negativ

Vorläufige Aufnahme

unzulässige, unzumutbare, unmögliche Ausschaffung

Wegweisung an Heimatoder Drittstaat

Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht

Freiwillige Rückkehr oder Zwangsausschaffung Entscheid Beschwerde

positiv

Ausweis F

negativ

negatives Ende Auflösung Vorläufige Aufnahme

evtl. nach 5 Jahren Umwandlung in Ausweis B

16 https://www.bfm.admin.ch//bfm/de/home/themen/asyl/asylverfahren.html 17 www.youtube.com/watch?v=rgW428GtHGo

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3. Vorurteile 3.1 Vorurteile Allgemein Vorurteile haben wir alle, dies ist auch normal und nichts Schlimmes, denn der Mensch könnte ohne diese Vorurteile mit der Komplexität seiner Umwelt nicht zurechtkommen. Das Problem liegt jedoch in der «Richtigkeit» der Vorurteile. Meist entstehen diese nur durch flüchtige Erfahrungen oder man übernimmt Meinungen vom Freundeskreis oder der Familie, also dem direkten Umfeld. Auch sind es oft die Medien, welche durch Schlagzeilen unsere Gefühle und Gedanken stärken und uns daran hindern, selbst Urteile zu fällen, was dazu führen kann, den bestehenden Vorurteilen ein zu grosses Gewicht zu schenken. Meist sind Vorurteile viel zu ungenau und decken nur ein sehr kleines Feld der Wahrheit ab. Deshalb bleibt es zu empfehlen Menschen möglichst frei zu begegnen. 18

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«Die Idee, Vorurteile finden zu müssen, kann zum Vorurteil werden.» Friedrich W ilhelm Nietzsche

3.2 Umfrage/Gespräche 3.2.1 Einleitung Die Asylpolitik ist ein zeitgenössisches und teilweise sehr umstrittenes Thema, welches viel Freiraum für Vorurteile offen lässt. Auch durch die ständige Medienpräsenz des Themas, den komplizierten Strukturen im Asylprozess sowie unzähligen Politikdebatten an Stammtischen und im Fernsehen ist teilweise zum Asylwesen ein sehr verkehrtes Bild entstanden. Uns beiden ist es deshalb ein grosses Anliegen, die gängigsten Vorurteile der Schweizer Bevölkerung im Bezug auf das Asylwesen heraus zu kristallisieren, um diese von verschiedenen Seiten zu beleuchten und um eine mögliche und auch notwendige Richtigstellung vorzunehmen. Anhand von rund 8 Gesprächen, einer Online-Umfrage, an der 80 Leute teilgenommen haben, sowie Medienberichten und Statistiken bildeten wir uns eine Meinung zur aktuellen Situation. 3.2.2 Gespräche Durch die «Gespräche», welche wir in der Anfangszeit unserer VA mit acht Personen führen durften, konnten wir einen ersten Eindruck bekommen, wie es um das vorherrschende Wissen, beziehungsweise die vorherrschenden Vorurteile im Bezug auf das Asylwesen steht. Die Gespräche wurden mit einem vorgefertigten Protokoll durchgeführt welches wir selber ausfüllten. Somit konnten sich die Leute nicht hinter kurzen und unklaren Antworten

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verstecken. Uns wurden echte Meinungen aufgetischt. Ausserdem haben wir stark darauf geachtet, auf «Ja und Nein Fragen» zu verzichten. Uns war es wichtig mit Menschen aus verschiedensten Gesellschaftsschichten, Altersgruppen und politischen Kreisen zu sprechen. Wir durften beobachten, dass wenn Unwissenheit vorherrscht, sich die Leute gerne an ihre politische Haltung klammerten. Oftmals antworten sie daher mit den klassischen Vorurteilen, wobei dabei das eigentliche Thema, dass Menschen auf der Flucht sind, total in den Hintergrund geriet. Es scheint uns, als ob sich diese Leute teilweise in ihrer heilen Welt gestört und beengt fühlten. Diese Tatsache verführte sie häufig dazu, die oft griffigen, gängigen Ausdrücke aus der Medienwelt, der Politik oder dem gewohnten Umfeld zu übernehmen, ohne sich genügend eigene Gedanken zu machen. Ausserdem wurde uns bei den Gesprächen bewusst, dass die Leute oftmals nicht klar unterscheiden konnten zwischen dem Asylwesen und anderen Zuwanderungen. Ebenfalls gab es Schwierigkeiten bei der Unterscheidung zwischen anerkannten Flüchtlingen und Asylbewerbern. Neben den Gesprächsteilen, welche Vorurteile hervorbrachten und teilweise von Unwissenheit zeugten, gab es natürlich auch eigenständige und überdachte Antworten. Bestimmt sind sich die Leute in einem Punkt einig, es muss etwas passieren! «weniger Bürokratie, Geschwätz und Gesetze - Mehr praktische Hilfestellungen und gesunden Menschenverstand bei Problemlösungen» «Wir sollten teilen und jemandem, der wirklich Hilfe braucht, aufnehmen. Wenn er wirklich etwas erreichen will, wird er sich einsetzen!» «Wenn wir nicht frühzeitig die Zuwanderung bremsen, sehe ich schwarz. Ich habe keine Lust, unsere Kultur, Sicherheit und unsere Lebensqualität aufzugeben, um mir danach selbst auf die Schultern klopfen zu können.» «Nicht alle Staaten leisten den ähnlichen Einsatz! Das muss sich ändern!» «Der Mehrheit der Leute fehlt es einfach an etwas Menschlichkeit oder das Verständnis zum Thema?»

18 www.feel-ok.ch/de_CH/jugendliche/themen/gewalt/fokus/vorurteile_herkunft_gewalt/vorurteile/alle_haben_vorurteile.cfm 19

www.aphorismen.de/suche?f_thema=Vorurteil

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3.2.3 Umfrage Rückschlüsse An unserer Online-Umfrage, welche aus 12 Fragen besteht, haben 57 Männer und 23 Frauen verschiedener Altersgruppen teilgenommen. Die Fragen konnten auf verschiedene Arten beantwortet werden. Teils liessen wir den Teilnehmern Platz für eigene Gedanken, teils konnten sie aus verschiedenen vorgefertigten Antworten die für sie passendste wählen. Wir haben versucht aus unserem erarbeiteten Wissen und unseren Erfahrungen im Asylzentrum Fragen zu formulieren, welche in den Antworten der Befragten Eindrücke über die Meinung der Menschen gegenüber den Asylsuchenden preisgeben. Um dies zu erreichen haben wir teilweise sehr offene Fragen gewählt wie z.B. «Was ist ihr erster Gedanke gegenüber dem Asylwesen?» Die detaillierten Ergebnisse mit dazugehörigen Diagrammen können auf den Seiten 16 bis 20 nachvollzogen werden. Wir konnten mit den Resultaten verschiedene Rückschlüsse über die Meinung und den Wissensstand der Befragten gegenüber dem Asylwesen ziehen. Sie reagierten sehr unterschiedlich auf unsere Fragen, einige haben sehr viel Mitgefühl und den Willen etwas zu unternehmen und andere verspüren eine deutliche Ablehnungshaltung, haben Angst um ihre Kultur und bezeichnen die Asylsuchenden wörtlich als «Schmarotzer» oder empfinden die Aufnahme von Flüchtlingen überhaupt als «unnötig». Die Hälfte der Teilnehmer empfindet die Anzahl der Asylsuchenden in unserem Land als nicht störend, die andere Hälfte empfindet die Anzahl als störend und antwortet auf die Frage, ob es in der Schweiz zu viele Asylbewerber hat mit «eher zu viel» (31.25%), zu viel (11.25%) oder viel zu viel (5.00%). Die Aktivität der Asylsuchenden schätzt man relativ wahrheitsgetreu ein. Der Tag der Asylsuchenden mischt sich aus einem grossen Teil Langeweile und anderen Beschäftigungen wie Kochen, Deutschunterricht und Beschäftigungsarbeit und leider auch teilweise illegaler Beschäftigungen, welche von unseren Befragten als 13% der Aktivität eines durchschnittlichen Asylsuchenden eingeschätzt wird. Einige weisen jedoch darauf hin, dass das Arbeitsverbot zur Kriminalität führt und die Asylsuchenden beschäftigt werden sollten, dies entspricht auch unserer Meinung. Im Bereich Herkunft sind die Befragten gut informiert, viele nennen Afrika,. einige sogar Eritrea, woher die meisten Asylsuchenden in die Schweiz kommen. Auch genannt werden Osteuropa, Türkei, Kosovo und weitere. Als Gründe für die Flucht in die Schweiz wird zu 48% die Flucht vor Verfolgung gesehen (richtige Flüchtlinge). Der Rest der Asylsuchenden kommt laut Umfrage mit anderen Motivationen in die Schweiz, was uns ziemlich erstaunt. Die Leute denken, dass 35% nur aus wirtschaftlichen Gründen den Weg zu uns auf sich nehmen, knapp 7% mit kriminellen Absichten zu uns kommen und 11% aus anderen Gründen. Diese Zahlen haben uns ziemlich überrascht und zeigen auf, weshalb viele die

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Asylsuchenden als Schmarotzer empfinden. Der grösste Teil der Befragten denkt, dass 1-5% der Schweizer Bevölkerung dem Asylwesen zuzuordnen sind. Korrekt wäre weniger als 1%, was 33% angegeben haben. Ein Viertel denkt, dass sogar 5-10% unserer Bevölkerung dem Asylwesen zuzuordnen sind und eine kleine Minderheit von 3.75% schätzt sogar 10-15%, was in etwa 1 Mio. Menschen entsprechen würde. Als wir wissen wollten, wieviel Prozent der Gesuche in der Schweiz positiv ausfallen, lag ein Drittel mit 11.7% positiven Entscheiden richtig. Ein wenig mehr als 1% dachte, dass die Schweiz fast alle der Asylsuchenden (89.4%) aufnimmt. Der Rest schätzt den Prozentsatz der Asylgewährungen zwischen 32.5% und 68.3% ein, was erstaunlich hoch ist. Bei der Einschätzung der finanziellen Hilfeleistung vom Staat, welche jeder Asylsuchende für Essen, Kleidung, Hygieneartikel und Mobilität pro Tag zu Verfügung gestellt bekommt, liegen mehr als zwei Drittel richtig (CHF 5-10.– 32.65%) und (CHF 10-15.– 32.65%). Ca. 5% dachten weniger, die Übrigen des letzten Drittels schätzten die Hilfestellung von CHF 20.– bis zu 150.– ein, ein Teilnehmer notierte sogar, dass die Asylsuchenden mehr als arbeitslose Schweizer bekommen würden. Die Hälfte unserer Teilnehmer haben noch gar keine persönlichen Erfahrungen mit Asylsuchenden gemacht, von den anderen 50% haben die meisten bereits gute und schlechte Erfahrungen gemacht. 5% haben schlechte und 16% haben positive Erfahrungen sammeln können, was uns freut. Als wir die Befragten auf einer Skala von 1 (positiv) bis 10 (negativ) zu ihrer Einstellung zu Asylsuchenden befragten, stellten wir fest, dass die Befragten sehr unterschiedliche Einstellungen zum Thema haben. Die Antworten umfasst die ganze Bandbreite, wobei die Tendenz leicht positiv ausfällt.

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3.2.4 Die Umfrage Ergebnisse In den folgenden Seiten werden die Ergebnisse unserer Online-Umfrage in Diagrammen dargestellt. 80 Personen haben bei der Umfrage teilgenommen.

1. Geschlecht

weiblich: 28.75%

männlich: 71.25%

2. Alter

älter: 8.75% 10-20: 26.25% 40–50: 16.25%

30-40: 20% 20-30: 28.75%

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3. Was ist der erste Gedanke, der Ihnen beim Wort ÂŤAsylsuchenderÂť in den Sinn kommt? Wir haben die Befragten dazu aufgefordert eins bis drei Stichworte zu notieren.

4. Von wo kommen die meisten Asylsuchenden? Die Befragten sollten ein Land oder einen Kontinenten nennen.

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5. Hat die Schweiz ihrer Meinung nach zuviele Asylbewerber? viel zu viel: 5% zuviel: 11.25%

nicht zuviel: 52.5%

eher zuviel: 31.25%

6. Was machen die Asylsuchenden den ganzen Tag?

Deutsch lernen: 15.15% Andere: 7.58% Illegale Beschäftigung: 12.63%

Arbeiten: 6.57%

sich langweilen: 30.81% Am Bahnhof herumlungern: 14.14%

kochen: 13.13%

7. Aus welcher Motivation kommen Asylsuchende in die Schweiz?

Andere: 11.03% Finanzielle Gründe (Wirtschaftsflüchtlinge): 34.56% Kriminälle Absichten oder Hintergründe: 6.62%

Fucht vor Verfolgung: 47.79%

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8. Wieviel Prozent der Schweizer Bevölkerung sind dem Asylwesen zuzuordnen? Das Asylwesen umfasst Asylsuchende, anerkannte Flüchtlinge, vorläufig aufgenommene und Asylsuchende, welche sich im Wegweisungsverfahren befinden.

10-15%: 3.75%

5-10%: 26.25%

weniger als 1%: 33.75

1-5%: 36.25%

9. Im Jahr 2012 wurden in der Schweiz 28 631 Asylgesuche gestellt, wieviel Prozent wurde ihrer Einschätzung nach angenommen? 89.4%: 1.25% 68.3%: 6.25%

11.7%: 33.75% 48.3%: 26.25%

23.9%: 32.5%

10. wieviel Geld bekommt ein Asylsuchender pro Tag für Essen, Kleidung, Hygieneartikel und Mobilität vom Staat zur Verfügung gestellt? Die Befragten wählten selber einen Betrag, danach werteten wir die Beträge aus unt teilten sie Gruppen zu.

über 100.–: 2.04% 1-5.–: 5.1%

50-100.–: 1.02% 25-50.–: 4.08% 20-25.–: 13.27%

5-10.–: 32.65%

10-15.–: 32.65%

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11. Haben Sie bereits persönliche Erfahrungen mit Asylsuchenden gemacht?

Ja, schlechte: 5% Ja, Gute: 16.25a

gute und schlechte: 30%

Nein: 48.75%

12. Wie ist ihre Einstellung zu Asylsuchenden? (0 = positiv / 10 = negativ)

15

10

5

0 0

24

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10


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Bild www.boston.com/bigpicture/2013/06/world_refugee_day_2013.html

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3.3 Richtigstellung der verbreitetsten Vorurteile Aus unseren Erfahrungen, dem Aufenthalt im Asylzentrum, den Gesprächen, der Umfrage und den Medienstimmen haben wir uns für acht Vorurteile entschieden welche unserer Meinung nach im Schweizer Volk verbreitet sind entschieden. Wir haben diese von verschiedenen Seiten beleuchten, zeigen Zusammenhänge auf und unterstreichen sie mit persönlichen Meinungen und recherchierten Fakten.

1. Nur wenige Prozent der Asylanten sind „«echte Flüchtlinge». Die Mehrheit der Männer, Frauen und Kinder, die in der Schweiz um Asyl ersuchen, stammen aus autoritären Staaten, in denen politisch motivierte Gewalt und Kriege herrschen: Irak, Afghanistan, Somalia, Kongo, Syrien… Die Menschen fliehen vor politischer, religiöser oder ethnischer Verfolgung und benötigen Schutz. Menschen, welche nicht explizit verfolgt werden, erhalten einen Schutzstatus. In der Schweiz wird in dieser Situation ein Wegweisungsentscheid gefällt. Eine vorläufige Aufnahme ist möglich, jedoch mit unsicherem Status und beschränkten Rechten. Oftmals führt das schlechte Verhalten von Einzelnen dazu, dass eine ganze Gruppe falsch dargestellt wird. Beim Asylwesen trifft das besonders zu. So empört das freche Auftreten einzelner Maghreb 20 -Zuwanderer auch die Asylsuchenden anderer Herkunftsländer. Dieses Vorurteil lässt sich ganz einfach richtigstellen, indem man es umdreht: „Nur wenige Prozent der Asylanten sind keine «echten Flüchtlinge.»

2. Asylanten wollen nicht arbeiten Grundsätzlich ist zu sagen, dass vielen Menschen der Unterschied zwischen Asylsuchenden und Leuten, welchen bereits Asyl gewährt wird, gar nicht bewusst ist. Asylsuchende dürfen grundsätzlich nicht arbeiten und besitzen somit auch keine Arbeitsbewilligung. In den meisten Asylheimen in der Schweiz gibt es Beschäftigungsprogramme, wo sich die Asylsuchenden ein kleines Taschengeld verdienen können, dies beispielsweise mit Putzen oder Wäsche waschen im Asylheim selbst. Leuten, welche der vorläufige Aufenthalt in der Schweiz gewährt ist, haben meist keine Arbeitsbewilligung und dürfen somit nicht arbeiten.

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3. Asylanten nehmen den Schweizern die Arbeitsstelle weg. Personen, welche bereits als anerkannte Flüchtlinge in der Schweiz leben, ist es während der ersten drei bis sechs Monate nicht erlaubt zu arbeiten. Danach erhalten die meisten nur Zugang zu einzelnen Betätigungsfeldern, die selten ihren beruflichen Fähigkeiten entsprechen. Die Suche für einen passenden Job ist sehr schwierig, da Schweizerinnen und Schweizer sowie Personen mit Niederlassungs- und Aufenthaltsbewilligung jeweils Vorrang haben. 21 8–12% der Asylsuchenden und 30-40% der vorläufig Aufgenommenen haben eine Arbeitsstelle. Sie führen meist niedrig qualifizierte und schlecht bezahlte Arbeit aus, die von Schweizerinnen und Schweizer ungern verrichtet werden. Leute, welche einen Beruf in ihren Heimatländern erlernt haben, können diesen in der Schweiz meist nicht fortsetzen. Leute, welche dieses Vorurteil sprechen, verdrehen gerne das Asylwesen mit der allgemeinen Zuwanderung in die Schweiz und vergessen dabei, dass es im Asylwesen grundsätzlich um Flüchtlinge geht. Häufig wird auch ein möglichst authentischer Sündenbock für die Probleme gesucht, welchen man als Unwissender gerne im Asylheim findet. Bei einem Negativentscheid oder einem Nichteintretensentscheid wird die Arbeitsbewilligung entzogen.

4. Die Schweiz ist viel zu grosszügig im Verteilen der Asylbewillungen, darum überfluten Asylsuchende die Schweiz. Dieses Vorurteil findet bekanntlich ihre Wege auch in politische Diskussionen und wird somit öffentlich effizient verbreitet. Man sollte sich bewusst werden, dass zwei Drittel der weltweit Vertriebenen innerhalb ihres eigenen Landes auf der Flucht sind. 80% jener, die ihr Land verlassen, flüchten in ein Nachbarland oder in einen Staat, in dem Familienangehörige leben. Vier von fünf Flüchtlingen werden von Entwicklungsländern beherbergt. Zurzeit sind in Syrien wegen des Bürgerkriegs sechs Millionen Menschen auf der Flucht, die Hälfte davon sind Kinder. Zweieinhalb Millionen Syrer flüchten seit Beginn des Krieges in die Nachbarsländer, mehr als vier Millionen sind innerhalb des Landes in Flucht. Nur ein sehr kleiner Teil ist verstreut nach Europa geflüchtet. 5 Die Schweiz erkannte im Jahr 2012 2507 Personen als Flüchtlinge an. Bei 28 613 Asylgesuchen sind das 11,7%. Die Schweiz geniesst gerne die statistische Aussage zu betonen, europaweit die meisten Asylsuchenden im Verhältnis zur Bevölkerung aufzunehmen. 22

«Wir möchten alle gerne als grosszügig gelten und diesen Ruf möglichst günstig erwerben.»

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Werden Migranten aus Tunesien, Algerien und Marokko genannt.

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Broschüre «Vivre ensemble»

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Flüchtlinge– Fakten statt Vorurteile. VIVRE ENSEMBLE – www.asile.ch/vivre-ensemble/vorurteile

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Vertiefungsarbeit – Vorurteile im Asyl

5. Die Asylanten zerstören unsere Kultur und sollen sich gefälligst anpassen! Kultur muss jeder für sich selbst definieren, viele halten an alten Traditionen fest und haben Angst, wichtige Werte durch die Zuwanderung von Ausländern zu verlieren. Jedoch können verschiedene Kulturen zusammenleben, wenn gegenseitiger Respekt und aufeinander bezogene Rücksichtnahme vorhanden sind. Jeder sollte mit seinen Weltvorstellungen leben dürfen, jedoch tolerant gegenüber Anderem sein. Dadurch, dass die Distanzen dieser Welt durch Mobilität und Vernetzung kleiner geworden sind, gibt es heute ein Aufeinandertreffen vieler Kulturen. Diese Tatsache wird sich in Zukunft weiter verdichten. Wer sich querstellt und diese Entwicklung nicht mitmacht, wird sich selbst ins eigene Fleisch schneiden. Anpassung und Integration sind gute Ansätze im interkulturellen Zusammenleben, es ist klar, dass sich der Einzelne der Mehrheit unterordnen und die geltenden Regeln und Werte respektieren sollte. Gleichzeitig jedoch kann man von niemandem erwarten, seine alte, ihm vertraute Kultur und seine Wurzeln aufzugeben. Man sollte die entstehende Multikultur als Chance nutzen, voneinander profitieren statt gegeneinander zu sein.

6. Die sollen doch selber schauen, dass sie in ihrem Land leben können! Leider werden viele Menschen auf dieser Welt an Orten geboren, wo es für sie keine Zukunft gibt. Afrika als treffendes Beispiel ist geprägt von Korruption, politischen Unruhen und knapper Lebensmittelversorgung. Nicht zuletzt liegen Missstände am geografischen Nachteil dieser Länder, welche mit häufigen Dürren und Wasserknappheit zu kämpfen haben. Auch die Industriestaaten spielen eine wichtige Rolle, sie fördern mit Ausbeutung und unfairen Geschäften nicht nur die Korruption, sondern verhindern damit auch, dass die Rahmenbedingungen für eine gut funktionierende Wirtschaft und ein stabiles Staatssystem gegeben sind. Die grösste Verantwortung liegt bei den Völkern selber, sie müssen aktiv werden und ihre Probleme lösen, Korruption bekämpfen und eine Veränderung anstreben und diese auch einfordern. Jedoch können sie dies erst realisieren, wenn die Grundvoraussetzungen, im Sinne von fairen wirtschaftlichen Spielregeln, gegeben sind. Dann ist Platz für Entwicklung und Fortschritt.

7. Das ganze Asylwesen ist zu teuer. Das Asylwesen kostet den Staat ziemlich viel, für das Jahr 2013 hat der Bund CHF 1.3 Mia. budgetiert, dies macht knapp 0.85% des Schweizer Staatsbudgets aus. Diese Ausgaben kommen aber nicht unbedingt dem Asylsuchenden zugute. Das Teuerste am Asylwesen ist der bürokratische Aufwand, welchen es benötigt, um die Gesuche zu bearbeiten. Im internationalen Vergleich ist unser Asylverfahren ineffizient, mit einem schnelleren

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Verfahren könnten Kosten gespart werden. Für den Asylsuchenden selbst bleibt unter dem Strich nicht viel von diesen Millionen übrig. Pro Tag hat ein Asylsuchender ungefähr CHF 10.– für Essen, Kleidung und Hygieneartikel zur Verfügung. Zusätzlich wird ihm eine Infrastruktur in einer Asylunterkunft, ein Bett und sanitäre Anlagen zur Verfügung gestellt. Schlussendlich muss man sich die Frage stellen, ob das Asylwesen der richtige Ort für Sparpolitik ist und ob das Geld besser für Jets (23 wie aktuell für die neuen Flug Jets ca. CHF 3 Mia) und Panzer ausgegeben wird? Wir denken, es ist sinnvoller das Geld für Menschen, die Hilfe benötigen, auszugeben.

8. Die meisten Asylbewerber sind kriminell. Dies ist rein statistisch gesehen nicht ganz falsch. Fakt ist, dass durchschnittlich ungefähr 13% der Asylsuchenden ein Strafdelikt begehen, was 7% der Strafdelikte in der Schweiz ausmacht. Jedoch hat dies eigentlich nichts damit zu tun, dass die Person ein Asylsuchender ist. Tatsache ist nämlich auch, dass ungefähr 80% der Verbrechen von Menschen mit einer Grösse von über 1.75m verübt werden. Da die Mehrheit der Verbrechen von Männern begangen werden und die meisten Menschen mit einer Körpergrösse von über 1.75m Männer sind. Trotzdem käme es niemandem in den Sinn, die Kriminalität auf eine bestimmte Körpergrösse zurückzuführen. Um zu wissen auf was wir hinaus wollen, sollte einem bewusst sein, dass es einige Faktoren gibt, welche in ihrer Reihenfolge eine Rolle spielen, ob eine Person eher kriminell oder eher nicht kriminell ist: das Geschlecht, das Alter, der sozioökonomische Status, das Bildungsniveau und zum Schluss, und auch nur in einzelnen Fällen, die Staatsangehörigkeit. Da mehr Ausländer diese Gefährdungsvoraussetzungen, erfüllen, sind sie in der Statistik in der Überzahl. Es ist aber gleich wahrscheinlich, dass ein junger, mittelloser Schweizer ohne Bildung ein Verbrechen begeht. Daraus schliessen wir, dass es genauso wenig mit der Körpergrösse wie mit der Nationalität zu tun hat. Man sollte die Asylsuchenden also gezielt fördern und beschäftigen, ihnen Zugang zu Bildung und Arbeit geben, damit sie nicht mehr in dieses Muster passen. Kurz gesagt, die Ursache bekämpfen statt deren Symptome zu kritisieren. 24

23 www.vimentis.ch/d/publikation/348/Bundesbudget+2013+und+Entwicklungshilfe.html 24 www.nzz.ch/aktuell/schweiz/gripen-im-visier-1.18164297 25

Wie ist die Überrepresentation von Ausländern in der Kriminalität zu erklären? – André Kuhn

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Vertiefungsarbeit – Vorurteile im Asyl

4. Aufenthalt im Asylheim

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4.1 Tagebuch Asylzentrum Neckermühle 03.10.13 — 05.10.13

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Vertiefungsarbeit – Vorurteile im Asyl

5. 1 Persönliche Stellungsnahme Das Asylwesen und die Migration als solches haben lange Tradition, schon immer sind die Menschen aufgebrochen um sich an einem anderen Ort auf der blauen Kugel wieder niederzulassen. Dieses an sich ganz normale Verhalten unserer Spezies wird erst zum Problem, wenn die Verteilung nicht mehr ausgeglichen ist und zwischen den Start- und Zieldestinationen extreme kulturelle und bildungstechnische Unterschiede vorherrschen. Der Kontrast vom reichen, geordneten Norden zu dem undurchsichtigen, von Korruption geprägten armen Süden ist so gross, dass der Strom einseitig von Süden nach Norden fliesst. Nicht zuletzt hängt dies mit dem Bevölkerungswachstum sowie der stetig steigenden Mobilität zusammen, welche unsere Welt zunehmend kleiner werden lässt. Wenn die Zukunft keine Veränderung mit sich bringt, werden die andauernden Probleme auf beiden Seiten intensiviert. In unseren Augen ist es deshalb wichtig ein Umdenken anzustreben. Mehr Toleranz Wir finden die Menschen sollten sich zurückbesinnen und versuchen, sich unbefangene Meinungen zu bilden, abseits vom Medienrummel, dem eigenen Umfeld und anderer äusseren Einflüssen. Der Nächstenliebe sollte wieder mehr Beachtung geschenkt werden. Zurzeit leben wir in einer Ellbogengesellschaft, in der sich die Menschen stark mit dem „«Ich» definieren. «Ich will, ich bin, mich stört.» Nur die eigenen Vor- und Nachteile spielen bei Entscheidungsfindungen eine Rolle. Durch dieses rücksichtslose Denken wird nur der eigene Standpunkt vertreten und das Kollektiv, das «WIR», vernachlässigt. Gerade bei einem so wichtigen Thema wie dem Asylwesen ist es wichtig die Situation ganzheitlich und nicht nur aus dem eigenen Wohnzimmer heraus zu betrachten. Themen wie Armut, Umweltschutz, Kinderarbeit, Nachhaltigkeit sind zu abstrakten Begriffen geworden und werden nur oberflächlich ernst genommen, behandelt und teilweise sogar gänzlich ausgeblendet. «Jeder redet von der Umwelt als wäre man kein Teil von ihr.» Kultur ist in seinem Wesen ein zeitliches Konstrukt und sollte verformbar bleiben, dabei darf der Mensch keine Angst vor Veränderung haben. Kultur lebt durch diese Veränderung. Die Welt rückt zusammen und deshalb muss eine Multikultur früher oder später funktionieren. Wir müssen also unser Umfeld sensibilisieren und neutrale Aufklärung betreiben!

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Politische Verantwortung Als wir das Asylwesen genau betrachteten, wurde uns bewusst, dass es eigentlich nur ein Symptom ist. Die Ursache liegt darin, dass es für Millionen von Menschen keine menschenwürdigen Lebensumstände auf dieser Welt gibt. Das Problem muss also an den Wurzeln gepackt werden bis sich wirklich etwas ändern kann. Heute setzt Europa auf das Konzept der Abschottung, Inseldenken und versucht mit Hilfe von Sondereinheiten und modernen High-Tech-Sicherheitssystemen die Welt in Parzellen zu teilen. Durch diese Zäune, welche man durch den Planeten zieht, verspricht man sich Ruhe von den Flüchtlingsströmen, doch der Migrationsdruck wird nicht nachlassen! Viel sinnvoller wäre es, die Gründe für Flucht und Migration zu eliminieren. Perspektivenlosigkeit, mangelnde Sicherheit, Krieg, Freiheitsentzug, politische Gruppierungen und auch geografische Nachteile wie ständige Dürren und zu wenig Wasser bringen die Menschen an vielen Orten dieser Welt dazu, ihre Heimat zu verlassen und auf eine bessere Zukunft in Europa zu hoffen. Um diese Motive zu mildern müssen vor allem die Staaten und deren Bürger handeln. Man muss für die eigene Freiheit einstehen und ein stabiles und sicheres Staatssystem aufbauen und fordern. Jedoch müssen die Industrienationen die Grundvoraussetzungen für diesen Wandel ermöglichen. Die Industrienationen ziehen aus den instabilen Situationen, beispielsweise in Afrika, rücksichtslos ihren Profit. Man unterstützt korrupte Machtregime mit dem Ziel, günstige Rohstoffe für die eigene Industrie zu erwirtschaften und verhindert so, dass die Entwicklungsstaaten wie z.B. der Kongo am Weltmarkt eine ernsthafte Rolle einnehmen können. Auch die Schweiz ist da nicht unschuldig, sie hat sich zur globalen Rohstoffdrehscheibe entwickelt, elf der zwölf grössten globalen Rohstoffhändler haben eine wichtige Niederlassung in der Schweiz! Neben einer gezielten und nachhaltigen Entwicklungshilfe ist es also auch wichtig die Ausbeutung sofort zu stoppen und von uns aus faire wirtschaftliche Spielregeln für Entwicklungsländer zu definieren und diese einzuhalten! Für das aktuelle Asylwesen bleibt zu sagen, dass eine effizientere Verfahrensabwicklung erstrebenswert ist, um die Wartezeiten gering zu halten und die Rückschaffung der kriminellen Asylsuchenden in einem frühen Stadium zu erkennen. Die Kooperation zwischen den Schengenstaaten muss ebenfalls dringendst verbessert werden, da in diversen Ländern wie z.B. Italien und Griechenland teilweise unmenschliche Bedingungen für Asylsuchende herrschen und Europa die Verantwortung dafür trägt. Die Aussenstaaten müssen vom restlichen Europa Unterstützung erhalten und das Dublinverfahren als solches muss in unseren Augen dringendst überarbeitet werden.

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Bild visibleearth.nasa.gov/view.php?id=55167

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Danksagung und weiterführende Links Danke! Uns hat diese Arbeit viel Freude bereitet, wir konnten viel für uns persönlich mitnehmen und hoffen auch dem Leser einige Denkanstösse mitgeben zu können. Wir bedanken uns herzlich beim Asylzentrum Neckermühle für die Möglichkeit dort für drei Tage Erfahrungen sammeln zu können. Ebenfalls danken wir den Teilnehmern unserer Umfrage und allen, die uns bei dieser Arbeit unterstützt haben. Auch dir, lieber Leser, vielen Dank! Links Festung Europa (Film) www.youtube.com/watch?v=LTJfCpw_A9I Solihaus St.Gallen: www.solidaritaetshaus.ch/solidaritaetshaus/medien/ Allgemeines: www.fluechtlingshilfe.ch/asylrecht Wurzelprobleme www.evb.ch SRF Arena Diskussion vom Freitag 11.Oktober 2013. Flüchtlingsdrama Lampedusa: Was tun? www.srf.ch/sendungen/arena/fluechtlingsdrama-lampedusa-was-tun Solikarte www.solikarte.ch/de/wie-funktionierts/ Artikel im Zeit Magazin www.zeit.de/2006/42/Mauern Verein «Asile» www.asile.ch/vivre-ensemble/

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