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Covergestaltung Ulrike Kirsch

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Rolf Kirsch

Bruno

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Die Büchse der Pandora Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er, Bruno, vor einigen Tagen ein durchaus interessantes Gespräch mit Bredenberg habe führen können, in welchem es darum ging - und er hoffe, dass er über dieses Gespräch in diesem Kreise Auskunft geben dürfe, zumal Bredenbergs Einverständnis nicht vorliege - in welchem es um etwas ging, was er sich durchaus scheue, hier so direkt anzusprechen. Auf die fragenden Augen der Umsitzenden hin habe er, Bruno, schließlich die Auskunft gegeben, 5


dass man Verständnis dafür haben müsse, dass es nun mal Themen gebe, allgemeine Themen, aber auch spezielle, insbesondere spezielle Themen, die nur ihn und Bredenberg beträfen, Themen also, die man nur mit Vorsicht, wenn überhaupt, so ohne weiteres ansprechen könne. Heutzutage würde, so Bruno, ohnehin in einer sehr leichtfertigen Weise über dies und das offen gesprochen. Oftmals bedenke man nicht die Folgen. Schnell sei die Büchse der Pandora geöffnet. Und nichts von dem, was ausgesprochen worden sei, könne man wieder einfangen. Umso mehr sei zu Umsicht geraten, bevor man leichtfertig etwas verbreite, was unter bestimmten Umständen Umstände, die man nicht immer in der Lage sei, richtig einzuschätzen - was unter bestimmten Umständen großen Schaden anzurichten imstande sei. Diese Vorsicht, diese Umsicht, so Bruno, wolle er nun auch walten lassen. Die Umsitzenden würden ihm eventuell noch eines Tages dankbar sein, wenn sie erführen, was er, Bruno, ihnen in diesem Augenblick verantwortungsvoll verschwiege. 6


Als einer der Umsitzenden nach einem Räuspern darauf hinwies, dass man den Umfang von Brunos Verantwortung in dieser Hinsicht nicht richtig einschätzen könne, wenn er sich nicht einen Ruck gäbe, mitzuteilen, was er verschweigen wolle, da habe er, Bruno, tief geseufzt und ermattet geflüstert, dass er sich nun in einem Dilemma befinde, das der Unlösbarkeit einer griechischen Tragödie gleich komme und es sehr viel besser gewesen wäre, wenn er, Bruno, diese Thematik niemals angesprochen hätte. Dafür aber sei es nun zu spät. Die Büchse der Pandora sei geöffnet.

Die Stoipa Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er, Bruno, seit vielen Jahren an einer Krankheit gelitten habe, die wegen ihrer Heimtücke und ihrer Unsichtbarkeit für andere Menschen kaum Möglichkeiten der Heilung geboten hätte, dass jetzt aber der Zeitpunkt gekommen sei, an welchem er, Bruno, allen Mitmenschen, Freunden, 7


Bekannten und Verwandten freudig mitteilen könne, dass er nun geheilt und gesund sei. Die Umsitzenden, so wurde berichtet, hätten erstaunt aufgeschaut und einige von ihnen hätten geäußert, dass ihnen bislang nicht bewusst geworden sei, dass er, Bruno, überhaupt jemals krank gewesen wäre, vielmehr habe er immer einen gesunden und robusten Eindruck hinterlassen und um welche Erkrankung, bei allem Respekt, es sich denn gehandelt habe, wenn man fragen dürfe. Darauf soll Bruno eine Pause eingelegt und schließlich geantwortet haben, selbstverständlich dürfe man nach dieser heimtückischen Erkrankung fragen. Er, Bruno, könne mit seiner Antwort möglicherweise helfen, dass diese Heimsuchung nicht so lange im Verborgenen bliebe wie bei ihm, sondern dass durch seine Mitteilung andere Menschen, die die versteckten Anzeichen nun zu deuten wüssten, viel früher einer Heilung gewiss sein könnten. Und nach einer weiteren Pause habe Bruno schließlich die Erkrankung als "die Stoipa" bezeichnet und wiederum gewartet, bis 8


einer der Umsitzenden die Frage an ihn, Bruno, richtete, was um Himmelswillen diese Stoipa denn sei und was sie anrichte. Bruno habe sich nun zurückgelehnt, wie es Experten tun, denen man mühevoll ihre Kenntnisse, Erfahrungen und Erforschungen abringen müsse. Dann habe er darum gebeten, dass man ihn während seiner Ausführungen nicht unterbrechen möge, damit er im Zusammenhang alles erklären könne. Schließlich habe Bruno nicht ohne sich noch einmal zu räuspern, erläutert, dass es sich bei der Stoipa um eine Erkrankung handele, die grundsätzlich alle Menschen des Erdballs zu befallen imstande sei und keine Unterschiede zwischen Geschlecht, Herkunft, Religion, Weltanschauung, Hautfarbe, Migrationshintergrund oder sexueller Orientierung mache, dass es für diese oft verborgene Heimsuchung, die nur an kleinen Anzeichen im Verhalten der Befallenen erkannt werden könne, auch keine medikamentöse Behandlung gäbe, zumindest derzeit nicht. Die Stoipa, so sei Bruno fortgefahren, äußere sich darin, dass der Befallene etwas behaupte, was es 9


in der Realität überhaupt nicht gebe oder was für alle in der Welt eine vollkommen falsche Behauptung sei. Wenn nun der von der Stoipa Heimgesuchte auf die Unwirklichkeit oder Falschheit seiner Behauptung vorsichtig aufmerksam gemacht werde, dann würde der Erkrankte mit der ihm zur Verfügung stehenden Sturheit und Entschlossenheit auf die Richtigkeit seiner Behauptung dringen und so lange daran festhalten, bis alle Menschen seines sozialen Umfeldes ermattet darauf verzichteten, den Heimgesuchten noch eines Besseren zu belehren, worauf der Erkrankte umso überzeugter sei, dass seine Behauptung über alle Zweifel erhaben und damit Bestandteil der Wirklichkeit geworden sei. So ungefähr, habe Bruno seine Ausführungen geschlossen, so ungefähr seien die Anzeichen der Stoipa zu benennen. Auf diesen Bericht hin hätten die Umsitzenden eine gewisse Zeit etwas ratlos umher geblickt. Schließlich habe jemand aus dem Kreise vorsichtig erwähnt, dass er noch niemals von dieser Krankheit gehört habe, ihm der Name Stoipa auch nicht geläufig sei, er somit zu diesem Zeit10


punkt gewisse Zweifel habe, ob es diese Erkrankung überhaupt gebe. Auf diese Einlassung hin habe Bruno aber sofort empört reagiert und vehement darauf hingewiesen, dass er, Bruno, es sei und niemand sonst in diesem Kreise, der schließlich jahrelang an dieser Erkrankung gelitten habe, jede Phase dieser Heimsuchung an sich selbst habe untersuchen können. Er habe es nicht nötig, seine Aussagen von Unwissenden und Leugnern bezweifeln zu lassen. Alle anderen täten gut daran, sich die Bezeichnung "Stoipa" einzuprägen. Auch wenn die Übertragungswege noch nicht erforscht seien, bestehe doch eine immense Gefahr nicht nur für die Umsitzenden, sondern möglicherweise früher oder später für die gesamte Menschheit. Er, Bruno, wisse genau, wovon er rede. Da nun alle im Kreise sorgenvoll schwiegen, schließlich der vorgenannte Zweifler auch zugab, dass offensichtlich die Stoipa eine Tatsache sei, wie Bruno ohne Zweifel gerade belegt habe, sei Bruno zufrieden aufgestanden und habe ruhig und gelassen die Runde mit einem freundlichen Ab11


schiedsgruß verlassen.

Ein rätselhafter Schmerz Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass ihm schon den ganzen Tag über der linke Oberarm auf eine eigentümliche, niemals vorher gekannte Art schmerze und er, Bruno, sich keinerlei Reim darauf machen könne, was die Ursache dieses Schmerzes sei. Und, angespornt durch die besorgten Blicke der Umsitzenden, fuhr er fort, dass er schon lange keine schweren Tätigkeiten mit seinem linken Oberarm habe durchführen müssen. Auf die Frage eines sorgenvollen Mitmenschen, ob Bruno gewiss sei, dass er Rechtshänder sei, bestätigte er nach einigen Augenblicken der Vergewisserung, dass es sich bei ihm, Bruno, in der Tat um einen ausgewiesenen Rechtshänder handele und er keinerlei Erinnerung daran habe, auch nicht, was seine früheste Kindheit anbelange, dass er jemals zielführende Tätigkeiten mit der 12


linken Hand, geschweige denn mit seinem linken Oberarm, habe ausführen müssen. Und um dem Eindruck, bei Bruno handele es sich möglicherweise um einen verdeckten Linkshänder, der zwar alles, was es im Leben zu tätigen gebe, immer mit der rechten Hand ausgeführt habe, in Wirklichkeit aber lieber die linke Seite bevorzugt hätte, um diesem Eindruck keinerlei Vorschub zu leisten, sei Bruno fortgefahren, indem er erklärte, dass er niemals auf seinen linken Oberarm geachtet habe. Er sei existent, wie jedermann sehen könne, aber gebraucht habe er, Bruno, ihn eigentlich niemals. Insofern habe er seinem linken Oberarm auch keinerlei weitere Beachtung geschenkt, bis zu diesem Zeitpunkt eben, als dieser sich mit rätselhaften und dauerhaften Schmerzen gemeldet habe. Genau dieses, meldete sich eine blass aussehende Dame mit weicher Stimme zu Wort, genau dieses könne durchaus die Ursache des geheimnisvollen Schmerzes sein. Sie, die Dame, wolle nun alle Umsitzenden mit ihren Kenntnissen, was Esoterik undsoweiter beträfe, nicht weiter langweilen, denn gerade auf diesem Gebiet habe sie in der 13


Vergangenheit schon manches Unverständnis geerntet und wolle auch jetzt nicht, beileibe nicht, zum Misslingen des Beisammenseins beitragen. Aber, so gab sie zu bedenken, es sei nicht auszuschließen, dass die jahrelange Missachtung von Brunos Oberarm durch Bruno, seinen Eigentümer, selbst gerade jene unwirklichen Schmerzen hervorgerufen hätte. Auszuschließen sei das nicht, keineswegs. Ein weiterer Mitmensch, der mit einem Arzt, einem Chirurgen gar, befreundet sei beziehungsweise befreundet gewesen sei, diese Beziehung sei allerdings, das nur nebenbei, erst vor kurzem in beiderseitigem Einvernehmen beendet worden, ein weiterer Mitmensch also gab zu bedenken, dass gerade ein Schmerz im linken Oberarm nicht unter Fernerliefen abgetan werde dürfe. Gerade der linke Oberarm, der dem Herze nahe liege, könne einige Hiweise liefern, dass Bruno in naher Zukunft auch Opfer eines Herzinfarktes, eines Schlaganfalles oder ähnlicher Widrigkeiten durchaus werden könne. Er, Bruno, solle doch mal einen Arzt aufsuchen. Bis auf einen ganz bestimmten, dessen Namen er jetzt nicht ausspre14


chen wolle, könne er eine ganze Reihe fähiger Ärzte benennen. Falls Bruno aber zur Zeit noch nicht auf ärztlichen Rat vertraue, solle er auf jeden Fall schon einmal eines dieser modernen Blutdruckmessgeräte kaufen und täglich seinen Blutdruck messen, die Werte in die dazu mitgelieferte Wertetabelle eintragen und erst zu einem späteren Zeitpunkt zusammen mit einem Arzt, nicht aber mit diesem, dessen Namen er keinesfalls mehr in den Mund nehme, diese Eintragungen auswerten, um zu einer förderlichen Diagnose zu gelangen. Nach dieser Einlassung hätten sich Brunos Gesichtszüge aufgehellt und er habe allen Umsitzenden gestanden, dass er schon vor zwei Tagen eines dieser modernen digitalen Blutdruckmessgeräte gekauft habe, noch bevor diese rätselhaften Schmerzen in seinem Oberarm zu spüren gewesen seien. Er, Bruno, sei so begeistert davon gewesen, dass man nun jederzeit seinen Blutdruck überprüfen könne, dass er am Tage vor diesem Beisammensein nicht umhin gekonnt hätte, seinen Blutdruck alle halbe Stunde den ganzen Tag lang zu überprüfen, und zwar, so wie es in 15


der Gebrauchsanleitung beschrieben sei, am geeignetsten immer am linken Oberarm.

Die Wettmafia Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er, jedenfalls gehe er, Bruno, davon aus, sich den kürzlich aufgedeckten Machenschaften der Wettmafia nicht gänzlich habe entziehen können. Auf die erschrocken aufgerissenen Augen aller Umsitzenden hin habe Bruno nach einer kurzen Pause bedeutungsvoll genickt und eingestanden, dass er sich immer schon, soweit er sich erinnern könne, dem Glanz des Geldes nicht habe verschließen können. Erst auf den Einwand des neben ihm Sitzenden, dieser könne sich überhaupt nicht erinnern, dass Bruno sich jemals für Fußball oder eine andere Sportart interessiert habe, erst auf diesen Einwand hin habe Bruno eingestanden, diese Einschätzung sei nicht ganz richtig. Er, Bruno, habe bisweilen schon um Schalke gezittert und bisweilen gehofft, 16


Bayern München würde verlieren. Aber sonst, da gebe er allen recht, aber sonst gäbe es für ihn Wichtigeres im Leben als Fußball. Gerade deswegen aber sei es ja so bedauerlich, dass er den Machenschaften der Wettmafia anheim gefallen sei. Auf Wunsch zweier besorgter Mitmenschen, er möge sich einmal genauer erklären, inwieweit seine Verstrickung in diese Untaten denn fortgeschritten sei und nach erteiltem guten Rat eines anderen Gastes, er möge möglichst rasch eine polizeiliche Dienststelle aufsuchen, dort würde man ihn sicherlich nicht gleich verhaften, sondern einem reuevoll Geständigen auch Schutz und Fürsorge zukommen lassen, erst nach diesem Rat ließ sich Bruno herbei, in seine Rede auch einfließen zu lassen, dass er sich sowohl als Täter wie als Opfer fühle, eigentlich mehr als Opfer. Dem Einwand stattgebend, er solle nun endlich mit der Sprache herausrücken, danach würde er, Bruno, sich erleichtert und sehr viel besser fühlen, habe Bruno sich einen Ruck gegeben und "also gut" gerufen und schließlich nach einer langen 17


Pause ohne Umschweife zugegeben, dass er am letzten Mittwoch einen Lottoschein ausgefüllt habe, geblendet von der Aussicht auf das große Geld, er am nachfolgenden Donnerstag habe aber feststellen müssen, dass er statt sechs Richtiger nur zwei Richtige gehabt habe, somit seinen ganzen Einsatz an diese mafiöse Lottergesellschaft verloren habe. Aber, so Bruno, dass sei ihm eine Lehre für alle Zukunft. Einmal in seinem Leben nur habe er mit geringem Einsatz an das Geld anderer Leute gewollt. Aber ihm sei übel mitgespielt worden. Täter und Opfer sei er. Täter und Opfer. Aber damit sei nun Schluss.

Eine winzige Kleinigkeit Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis erklärt, dass er, Bruno, nicht zu jenen gehöre, die bei jeder Gelegenheit, die sich böte, darüber jammerten, dass zu früheren Zeiten vieles, ja alles, besser gewesen sei als heute, beileibe nicht. Auch wenn er an Jahren zunehme, was er durch18


aus hoffe, würde er der heutigen Zeit und ihren Problemen und Anfälligkeiten offen gegenüber stehen und sich nicht zurücksehnen. Allerdings, so gab Bruno zu verstehen, allerdings gäbe es eine Kleinigkeit, eine winzige nur, aber immerhin, die früher förderlicher geregelt war. Daraufhin habe Bruno sich in der Runde umgeschaut und darauf gewartet, dass man ihn frage, welche winzige Kleinigkeit denn zu früheren Zeiten besser gewesen sei als heute. Als offensichtlich niemand wissen wollte, welcher Umstand zur heutigen Zeit schlechter bewertet werde als früher, ließ Bruno so unabsichtlich wie möglich das Wort "Schornsteinfeger" fallen. Und auf die Frage eines Umsitzenden, was Bruno mit "Schornsteinfeger" gemeint habe, ließ Bruno sich herab, eine Geschichte aus seiner Kindheit zu erzählen. Früher, so Bruno, als er fünf oder sechs Jahre gezählt habe, sei der Schornsteinfeger, schwarz und rußig, mit allerlei schwerem Gerät ins Haus eingedrungen, habe sich an verschiedenen Brennstellen zu schaffen gemacht, habe mit seinen 19


schwarzen Schuhen auf Teppichen, Dielenböden und Treppenstufen kleine schwarze Krümel hinterlassen, sei schließlich aufs Dach geklettert, habe dort eine mit Drahtstiften versehene schwere Kugel an einem langen Seil in den Schornstein fallen lassen und auf diese Weise Kratzgeräusche im ganzen Haus verursacht, sei schließlich in den Kellerraum gegangen und habe aus einer Tür in der Wand schwarzen Staub in einen Eimer gefüllt. Das aber, so Bruno, sei noch nicht alles gewesen. Kurz bevor sich der Schornsteigfeger laut verabschiedet habe, sei er, Bruno, von seiner Mutter aufgefordert worden, den Schornsteinfeger einmal anzufassen, weil das, so Brunos Mutter, Glück und Segen bringe. Dieses habe der Schornsteinfeger freundlich zugelassen, habe noch einen guten Tag gewünscht und ein Haus hinterlassen, in dem es nun nach kaltem Metall und Ruß stank und daher über Stunden gelüftet werden musste. Ob denn nun der Schornsteinfeger Glück gebracht habe, wollte einer der Umsitzenden lächelnd wissen. Und ob, gab Bruno zu verstehen. 20


Am gleichen Tage noch seien alle Familienmitglieder, Nachbarn und auch fremde Menschen, die Bruno auf der Straße traf, sehr freundlich zu ihm gewesen. Unbekannte sogar hätten ihm auf die Schulter geklopft und alles Gute gewünscht. Und alle Menschen hätten gute Laune gehabt, so dass auch er, Bruno, schließlich eine eigene blendende Laune habe nicht mehr verhindern können. Diesen Umstand habe er zunächst nicht auf den Schornsteinfeger zurückgeführt. Am Nachmittag jedoch, als die Freundlichkeit der Menschen nicht nachließ, kamen ihm, Bruno, erste Zweifel und am Abend Gewissheit. Von seiner Mutter gezwungen, sich wie immer vor dem Zubettgehen die Zähne zu putzen, habe er, wie sonst auch, in den Spiegel geschaut, um den riesigen Zahnpastaschaumberg vor seinem Mund zu bestaunen, als er habe feststellen müssen, dass sich auf seiner Nasenspitze ein schwarzer Punkt befand, den der Schornsteinfeger im Rahmen seiner Verabschiedung, so erinnerte sich Bruno, mit seinem rußigen Zeigefinger dort angebracht habe. Bruno erzählte weiterhin, dass er damals das Gesicht um diesen Punkt herum gewa21


schen habe, um, wie er seine Mutter informierte, auch am nächsten Tag noch vom geschenkten Glück zehren zu wollen. Heutzutage, sagte Bruno zu den Umsitzenden, heutzutage käme der Schornsteinfeger in einem gepflegten Grau, rieche nach Rasierwasser, habe einen Aluminiumkoffer mit allerlei feinen Geräten dabei, ließe sich den Weg zur Gasheizung zeigen, messe dort verschiedene Dinge durch und verabschiede sich, ohne auch nur einen einzigen Glückspunkt auf der Nase oder sonstwo anzubringen, wozu er ja auch gar nicht mehr in der Lage sei. Dieses, so gab Bruno zu verstehen, diese winzige Kleinigkeit sei früher sehr viel besser gewesen als heute. Heutzutage müsse man sich die gute Laune mit Mühe und Anstrengung selber machen.

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Navigation Bruno habe, wie er sagte, unter Vertrauten schließlich zugegeben, dass er bei seinem letzten Einkauf in einer einschlägigen Filiale einer bekannten Supermarktkette sich habe verleiten lassen, den Werbeversprechen einiger ausgehängter Plakate folgend, etwas zu kaufen, was er eigentlich nicht benötige. So habe er sich selbst sehr gewundert, als er in der Schlange der an der Kassen Wartenden schließlich ein wunderschön verpacktes Navigationsgerät, welches als Lockartikel in den Regalen gelegen habe, nunmehr dem Band anvertraut habe, welches alle eingekauften Waren unweigerlich der Kassiererin zur Bezahlung zuführen würde. Noch während das Band vorgerückt sei, habe er mehrere Male darüber nachgedacht, das Navigationsgerät wieder zurückzubringen. Aber sowohl seine Lust, in den Besitz dieses aufregenden Gerätes zu gelangen sowie die Vermeidung der Peinlichkeit, die wegen der nachfolgenden Käufe23


rinnen und Käufern unvermeidlich geworden wäre, ließ ihn von diesem Vorhaben Abstand nehmen. So gelangte er, Bruno, schließlich in den Besitz dieses Gerätes. Vertrauensvoll gab er unter Freunden zu erkennen, dass er zuhause voller Aufregung zunächst die Garantiebedingungen und schließlich die umfangreiche Gebrauchsanleitung studiert habe, die ihm zum Erwerb dieses famosen Gerätes ausdrücklich beglückwünschte. Bruno, so erzählte er mit vorgehaltener Hand, habe schließlich mehrere Stunden damit verbracht, zu beobachten, wie der eingebaute Akku sich mit Energie füllte, um dann mit dem mitgelieferten Plastikstift das Displayfeld mutig an verschiedenen Stellen anzutippen, um alle Funktionen zu probieren. Endlich habe er, Bruno, auch einige Zieleingaben eingetippt, um eine Fahrt mit dem Navigationsgerät zu simulieren. Fasziniert von den Fähigkeiten dieses Gerätes ha24


be Bruno am nächsten Tage auch Ziele, die nur im benachbarten Ausland zu finden sind, eingegeben. Stundenlang habe er vor dem Gerät gesessen, dessen Pfeil in der Mitte des Bildschirms ihn, Bruno, im Simualtionsmodus nach Wien, Amsterdam oder Zürich führte. Er überquerte den Brenner und den St. Gotthard, umrundete Paris, hielt sich in der Bretagne auf und ließ sich per Fähre über den Ärmelkanal tragen. Erst als er Besuche in Oslo und Stockholm beendet hatte, habe die Ernüchterung von ihm Besitz ergriffen, die immer eintritt, wenn eine neue Sache allmählich zu einer alltäglichen wird. In seinem Kopf, so erzählte Bruno, habe sich langsam der Gedanke gebildet, dass er im Grunde keine sinnvolle Verwendung für das Gerät habe, es sei denn, eine Nutzanwendung würde sich dann ergeben, wenn er, Bruno, endlich damit beginne, eine Fahrschule zu besuchen und für ein Auto zu sparen.

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Verwerfungen Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er, Bruno, sich schon seit längerem um arge gesellschaftliche Verwerfungen sorge. So habe er an nur einem einzigen Tage seinem lokalen Presseorgan eine Reihe von Meldungen entnehmen müssen, die in ihrer Vielzahl und in ihrer Tiefe und Dichte als schlimme Warnzeichen für die derzeitige Entwicklung der Gesellschaft überhaupt interpretiert werden müssten. Es sei, so Bruno, fahrlässig, ja grob fahrlässig gar, solche Anzeichen zu ignorieren und darauf zu verzichten, ihnen auf den Grund zu gehen. Auf den Hinweis eines Umsitzenden, er möge doch einmal einige Beispiele anführen, die die Plausibilität seiner Befürchtungen besser dokumentieren als eine allgemeine Feststellung, wies Bruno auf die 53. Ausgabe des 65. Jahrganges seiner täglichen Lokalzeitung hin und listete folgende Meldungen der Reihe nach auf: Bei einer Großkontrolle im Bereich eines naheliegenden Autobahnkreuzes wurden 211 PKW, 59 26


LKW und 379 Personen kontrolliert. Man stellte 18 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, eine Urkundenfälschung sowie 6 Verstöße gegen das Waffengesetz fest. Außerdem seien 2.600 Zigaretten beschlagnahmt worden und in 16 Fällen standen Autofahrer unter dem Einfluss von Drogen. Außerdem hatte ein Kleintransporter neben Altkleidersäcken noch einen Mann mit einem gefälschten polnischen Personaldokument auf der Ladefläche, der sich dort versteckt gehalten habe. An anderer Stelle sei ein Ingenieur wegen Steuerhinterziehung angeklagt worden. Auch sei ein Ladendieb mit Parfüm im Wert von 1400 Euro nach einer Verfolgungsjagd durch die Innenstadt festgenommen worden. Ein LKW habe einen geparkten PKW am Heck beschädigt, der LKW-Fahrer sei flüchtig. Ein Mofafahrer sei untenherum unbekleidet gewesen, habe in der Hand eine Unterhose geschwenkt und sich einer Passantin unsittlich gezeigt. Dieses alles, so Bruno, seien nur die Verstöße gegen Recht und Gesetz in näherem Umkreis und 27


nur an einem einzigen Tag. Hinzu kämen alle Unregelmäßigkeiten, die unentdeckt geblieben seien. Wenn man diese Untaten auf das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland hochrechne, so müsse man zweifelsfrei von gesellschaftlichen Verwerfungen sprechen, gegen die unbedingt etwas unternommen werden müsse, führte Bruno aus. Er werde sich nicht mehr beirren lassen. Er gehöre nicht zu denen, die mit den Schultern zucken und sich für unzuständig erklärten. Es sei Aufgabe jedes einzelnen Bürgers, in seinem Bereich und mit seinen Mitteln einzuschreiten. Auch wenn man brav und ehrlich seine Steuern zahle, habe Bruno ausgeführt, auch dann könne man nicht alles den Behörden überlassen. Er, Bruno, wolle sich nicht eines fernen Tages selbst die Frage stellen, ob er etwas versäumt habe. Und wenn eines Tages sein Enkelkind ihn frage, wo er Bruno, damals gewesen sei, als noch Halt hätte geboten werden können, dann wolle Bruno mit reinem Gewissen dastehen und eine stolze Antwort geben. Gleich morgen werde er, Bruno, die erste Maß28


nahme ergreifen und das Abonnement der Tageszeitung aufkündigen.

Frust und Freundlichkeit Allen, die Bruno fragten, gab er freundlich wie immer, gleichmütig und gelassen, ausführlich zu verstehen, dass er nichts weiter tue als für den Winter vorzusorgen. Schließlich, so gab er zu bedenken, habe er im Wohnzimmer einen offenen Kamin, der nach brennbaren Holzscheiten verlange, zweijährig abgelagert und durchgetrocknet, und der an kalten Tagen die vorhandene Zentralheizung zuverlässig unterstütze und an sogenannten Übergangstagen sogar allein ausreiche, das Wohnzimmer und benachbarte Räume des Hauses zu heizen, sofern man einige Türen offenstehen lasse. In Wirklichkeit aber, in Wirklichkeit spaltet Bruno das Holz mit kräftigen Schlägen, um Beklemmung und Frust abzureagieren, der sich immer dann aufbaut, wenn ein Frager auf ihn zu29


kommt und die Frage stellt, was er da mache.

Der Beauftragte Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er, Bruno, vor wenigen Tagen einen Beauftragten der Gebühreneinzugszentrale für die Rundfunk- und Fernsehgebühren (GEZ) möglicherweise etwas verärgert habe und seitdem befürchte, dass dieser aus einfacher Rachsucht oder aus Gründen, die einem berufsbedingten Vergeltungsbestreben entstammen könnten, ihm, Bruno, nächtens, wenn er sich einer Tiefschlafphase nähere, durch eine telefonische Abfrage bezüglich einer just gesendeten Fernsehunterhaltung die Fortsetzung eines gesunden Schlafes verunmöglichen könne. Bruno sei von einem der Umsitzenden aufgefordert worden, genau zu erzählen, mit welcher Maßnahme er den Beauftragten der Gebühreneinzugszentrale denn verärgert habe könnte, nicht dass man sich daran ein Beispiel nehmen wolle, 30


keineswegs, sondern mehr aus Gründen der Vermeidung einer ähnlichen Verärgerung aus Unachtsamkeit. Bruno habe nun auf diese Aufforderung hin mitgeteilt, dass eines Tages jener Beauftragte der GEZ an seiner Haustür geklingelt und einen Ausweis dieser Einzugszentrale mit großer Geste gezückt habe. Bruno habe nach Sichtung dieses Papieres gleich mitgeteilt, dass er selbstverständlich jeden Monat die Gebühren für Rundfunk und Fernsehen widerstandlos von seinem Konto abbuchen lasse. Dieses, so ließ der GEZ-Mann ein wenig naserümpfend wissen, sei ihm bekannt und könne den ihm vorliegenden Unterlagen zweifelsfrei entnommen werden. Vielmehr ginge es jetzt darum, noch einige offene Fragen mit wahrheitsgemäßen Antworten zu schließen. "Zum Beispiel?" habe Bruno gefragt und sich bemüht, seinem Tonfall eine ähnliche Nasenrümpfung beizumischen, die er selbst gerade habe entgegen nehmen müssen und die ihn, Bruno, einer unteren Stufe seelischer Verletzung durchaus hätte näher bringen können, wäre er nicht von sei31


nem Naturell her mit einer gewissen Unempfindlichkeit ausgestattet gewesen, die ein längeres Leben zusammen mit einer Reihe verschiedener Mitmenschen unweigerlich bewirkt habe. "Zum Beispiel", sei die Antwort des Beauftragten gewesen und Bruno habe dabei bemerkt, dass dieser bei der Wiederholung der beiden Worte Stimm- und Tonlage von Bruno nachgeahmt habe. Er, Bruno, sei sich plötzlich ganz sicher gewesen, dass nunmehr ein feinsinniger Kampf der Worte beginne, den er, zumal er sich im Rahmen seiner eigenen Haustür befand und somit den Schutz des eigenen Reviers genoss, zu gewinnen verpflichtet gewesen sei. "Zum Beispiel", habe dieser Gebühren-Kerl wiederholt und sei etwa wie folgt fortgefahren: Zum Beispiel könnten gewisse Veränderungen eingetreten sein, die auch eine Veränderung seines Gebührenstatus zur Folge hätten. Zum Beispiel könne es sein, dass Bruno mittlerweile einen erwachsenen und berufstätigen Sohn oder eine erwachsene und berufstätige Tochter in seinem Hause mit eigenen Empfangsgeräten beherberge, oder dass 32


er, Bruno, zum Beispiel möglicherweise aus beruflichen Gründen ein Fahrzeug mit Rundfunkgerät betreibe, oder dass er, Bruno, zum Beispiel möglicherweise in der Zwischenzeit eine Zweitwohnung erworben habe und diese mit einem eigenen Rundfunk- und/oder Fernsehgerät ausgestattet und vergessen habe, dieselben rechtzeitig anzumelden. So gäbe es viele weitere Gründe, die eine Veränderung des vierteljährlichen Gebühreneinzugs bewirken würden, zum Beispiel. Und die beiden Begriffe "Zum Beispiel" seien jedes Mal auf eine abfällige Art besonders betont worden und dabei habe der Beauftragte mit dem rechten Auge gezwinkert. Nichts dergleichen, habe Bruno geantwortet und die Frage angehängt, ob sich eine Änderung des Gebührenstatus zum Beispiel auch dadurch ergäbe, dass er einen als Wachperson berufstätigen und frühreifen Hund besitze, der in der Hundehütte im Garten ein eigenes Fernsehgerät betreibe, der allerdings, das wolle Bruno betonen, ausschließlich Sendungen über Katzen verfolge, in ganz seltenen Fällen auch Werbesendungen über Tiernahrung. 33


Bruno, der nun gefragt wurde, warum er wegen dieses Wortwechsels Vergeltungsmaßnahmen des GEZ-Beauftragten befürchte, die ihm möglicherweise den Schlaf kosten könnten, antwortete, diese Sorgen seien der Beobachtung geschuldet, dass der Beauftragte der Gebühreneinzugszentrale nach seiner Einlassung auf der Stelle kehrt gemacht habe, nicht ohne vorher ihm, Bruno, einen hasserfüllten Blick ins Gesicht zu brennen.

Unverstellt Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er, Bruno, seinem Freund Bredenberg nicht mehr vorurteilsfrei gegenüber treten könne. Er wünsche sich, so ließ er wissen, die Zeit zurück, als er Bredenberg zum ersten Male begegnet sei. Zu diesem Zeitpunkt habe er Bredenberg noch nicht gekannt und ihn auf den ersten Blick als einen in sich gekehrten, missgelaunten, distanzierten und unnahbaren Menschen eingeschätzt. Erst viele Wochen später habe er allmählich fest34


stellen können, dass Bredenberg durchaus offen, freundlich, zugewandt und hilfsbereit sei. Diese Eigenschaften seien aber erst offenbar geworden, als Bredenberg zu ihm, Bruno, ein gewisses Vertrauen gefasst habe. Nur diesem Zustand sei es zu schulden, dass Bredenberg sich anders verhalte, als es zu Anfang für Bruno wahrzunehmen war. Bruno, so ließ er die Umsitzenden wissen, sei nun in einer gewissen Weise verwirrt. Er habe, da er Bredenberg mittlerweile schätze, die feste Absicht, sich Bredenberg gegenüber eine vorurteilsfreie und unverstellte Sicht auf die gesamte Persönlichkeit Bredenbergs zu gönnen. Bredenberg habe nichts anderes verdient und er, Bruno, ebenfalls. Bruno sei unsicher geworden, ob diese vorurteilsfreie Einschätzung der Person Bredenberg eher die sei, die er zu Beginn seiner Bekanntschaft mit Bredenberg gehabt habe oder aber die, die sich erst nach Monaten einer längeren Bekanntschaft habe feststellen lassen. Bruno wiederholte noch einmal für alle, die ihm zuhörten, wie sehr sich die Einschätzungen voneinander unterschieden. 35


Als einer der Umsitzenden zu bedenken gab, dass es auch möglich sei, dass keine der beiden Einschätzungen ohne Vorurteil getroffen worden sein könnte, wurde Bruno, so wurde erzählt, ganz traurig und gab nach einer Weile zu verstehen, dass ihm nun nichts anderes übrig bliebe, als sich von Bredenberg zu trennen. Dieses sei offensichtlich die einzige Möglichkeit, Bredenberg in der Weise gerecht zu werden, wie er es verdiene. Diese Sicht der Dinge, so Bruno weiter, treffe ja nicht nur auf Bredenberg zu, sondern auch auf alle anderen Menschen, mit denen er, Bruno, in der Vergangenheit zu tun gehabt habe oder derzeit eine Bekanntschaft pflege. Danach, so berichteten einige Augenzeugen, habe Bruno seufzend den Raum verlassen.

Der Zeit voraus Bruno habe, so verlautete kürzlich, in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er in diesem Jahr dem Weihnachtsfest weit voraus sei, dass er, Bruno, sich schon vom ersten Advent an nicht mehr um 36


Weihnachten und um die Dinge um Weihnachten herum sonderlich Sorgen machen müsse. Das, worauf es ankäme, sei vorzeitig erledigt. Dabei sah er zufrieden und gefestigt in die Runde. Bruno, so wurde erzählt, sei nun von allen Seiten mit Fragen bestürmt worden. Ob er alle Geschenke für seine Mitmenschen schon ausgedacht habe. Ob er alle Geschenke schon besorgt habe, vielleicht sogar schon in Geschenkpapier verpackt und mit Seidenschleifen kunstvoll drapiert habe. Ob er alle Basteleien schon gefertigt habe, alle Lieder und Gedichte noch einmal gelernt, den Weihnachtsbraten schon vorbestellt habe, womöglich sogar schon zubereitet, ob er den Weihnachtsbaum schon ausgesucht, schon gefällt, schon gekauft habe, ob er ihn gar schon geschmückt habe, ob er Zuckerwerk und Plätzchen bereits eingekauft, womöglich schon hergerichtet und gebacken habe, ob er schon Weihnachtskarten besorgt habe, womöglich schon beschriftet, vielleicht gar schon abgesandt, ob er den Weihnachtsleuchtschmuck im Garten, im Vorgarten, am Haus schon angebracht habe, womöglich schon nachts leuchten lasse, vielleicht sogar tags37


über. Ob er alle fälligen Weihnachtsbesuche schon getätigt oder aber alle Einladungen schon ausgesprochen, möglicherweise seine Gäste schon empfangen habe, ob er alle Weihnachtsmärkte der Umgebung schon aufgesucht, überall schon alle Glühweinsorten ausprobiert habe, ob er alle Medikamente gegen Sodbrennen, Bauchschmerzen, Durchfallerkrankungen und andere Weihnachtsvöllereien bereits eingekauft habe, diese vielleicht sogar schon bereit lägen, womöglich schon eingenommen seien. Ob seine Spenden an wohltätige Organisationen bereits sein Konto verlassen hätten. - Auf alle Fragen antwortete Bruno ruhig und gelassen immer dasselbe, nämlich: "Nichts dergleichen." Als keine Fragen mehr gestellt wurden, habe Bruno sich freundlich und ein wenig von oben herab bemüßigt gefühlt mitzuteilen, dass er in diesem Jahr seiner Zeit voraus sei, weil er schon am 1. Advent sein übliches Weihnachtsgewicht vorweisen könne. Seine Waage belege es zweifelsfrei.

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Ein Zeichen setzen Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er, Bruno, spätestens seit dem 3. Advent fest entschlossen gewesen sei, dieses Mal auf ein Weihnachtsfest vollkommen zu verzichten. Er habe, so wurde berichtet, nach diesem Entschluss sofort mit den Vorbereitungen auf den Weihnachtsfestverzicht begonnen, an seinem Adventskalender auf einen Rutsch Türchen für Türchen geöffnet, das jeweilige Bildchen bewusst ignoriert und den Kalender dann unter Berücksichtigung von Mülltrennvorschriften entsorgt, seinen Adventskranz mit einem Male heruntergebrannt und ihn einem Komposthaufen anvertraut. Den schon bestellten Weihnachtsbaum, so hieß es weiter, habe er nicht ohne Schwierigkeiten und ohne Zahlung einer Gebühr in Höhe des Kaufpreises noch stornieren können. Weiterhin, so zuverlässige Quellen, habe er einige der schon erstandenen Geschenke gegen einen Gutschein wieder zurückbringen können, einige andere für sich verwenden und wieder andere als Geburtstagsgeschenke für das nächste Jahr umwidmen können. Einladungen, die er, Bruno, 39


schon ausgesprochen habe, hätten mit vielen Argumenten rückgängig gemacht werden können. Einladungen, die an Bruno selbst gerichtet gewesen seien, habe er abgesagt, nicht ohne zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass er hier oder dort in Zukunft nicht mehr bedacht würde, um seiner geänderten Einstellung zu Weihnachten gerecht zu werden. Bei allen Absagen und Stornierungen habe Bruno hauptsächlich immer nur ein einziges Argument gebraucht, nämlich, dass er nunmehr dem Konsumterror, welcher dem eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes vollkommen zuwider liefe, ja sogar diesen Sinn bis zur Unkenntlichkeit entstelle, dass er diesem Konsumterror ganz persönlich ein Zeichen entgegen stellen wolle, indem er diese Festtagsdaten vollkommen ignoriere und daraus übliche Wochentage mache, wie er sie auch sonst gewohnt sei. Als Bruno nun von einigen der Umsitzenden gefragt worden sei, ob er seine Absicht, Weihnachten nicht zu feiern, durchgehalten habe und wie es ihm seelisch beziehungsweise emotional bezie40


hungsweise mental ergangen sei, habe Bruno nach einer längeren Pause eingestanden, dass er einen Tag vor dem Heiligen Abend noch einen Adventskalender in der Apotheke seines Vertrauens habe kostenlos erstehen können, sich noch einen Adventskranz aus Zweigen, die sich ihm bei seinem Gang über den Friedhof in den Weg stellten, habe zusammenstecken und noch einen Weihnachtsbaum minderer Qualität beim Weihnachtsbaumhändler an der Ecke Goethe-/Heinestraße habe kaufen können. Den Weihnachtsschmuck dazu habe er gottseidank, gottseidank habe Bruno wiederholt, gottseidank noch nicht entsorgt. Die von ihm umgewidmeten Gaben und die Geschenke für die Geburtstage des nächsten Jahres habe er abermals zurückwidmen können. Nur die stornierten Einladungen, die ihm galten und die er selber ausgesprochen habe, diese stornierten Einladungen habe er im Status der einmal ausgesprochenen Absage belassen, um nicht Opfer eines allgemeinen Gespötts zu werden. Auf die Frage eines Umsitzenden, warum er seinen Sinn, den er nach dem 3. Advent gewandelt habe, am Tage vor dem Heiligen Abend noch ein41


mal gewandelt habe und wie es sich nun mit dem Konsumterror verhalte, dem er, Bruno, ein persönliches Zeichen entgegensetzen wolle, darauf, so wurde erzählt, darauf habe Bruno wie folgt geantwortet: Zunächst, so habe Bruno erläutert, sei das Wort Konsumterror möglicherweise doch ein wenig zu stark gewählt. Schließlich sei es nicht so, dass, wenn man einen Laden betrete, mit vorgehaltener Pistole und mit Gefahr für Leib und Leben dazu gedrängt würde, etwas zu kaufen. Auch wenn die Werbewirtschaft und die Umstände der Adventszeit fast das Niveau einer allgemeinen Nötigung aufzeigten, auch dann habe ein freier Bürger immer noch das Recht, dieser Nötigung ein Nein entgegen zu setzen, was seine ursprüngliche Absicht ja auch gewesen sei. Weiter aber, und das sei der eigentliche Grund seines abermaligen Sinneswandels gewesen, weiter aber habe er einen Tag vor dem Heiligen Abend der Tageszeitung entnehmen müssen, dass der Ägypter Scheich Jussuf al-Kardawi, ein einflussreicher Koran-Gelehrter, die Regierungen al42


ler islamischen Staaten aufgefordert habe, in ihren Regionen die Weihnachtsfeier zu verbieten. Ein solches Verbot, so Bruno, widerspreche seinem Verständnis von Demokratie. Gegen dieses Verbot habe er ein persönliches Zeichen setzen wollen. So und nur so sei sein abermaliger Sinneswandel zu erklären.

Das Silvesterfeuerwerk Bruno, so wurde berichtet, habe jetzt in einem kleinen Kreis eingestanden, dass er, Bruno, sich nach Jahrzehnten zum ersten Male wieder getraut habe, am Silvestertage um 24.00 Uhr ein kleines Feuerwerk abzubrennen. Nicht einmal zur Jahrtausendwende habe er Raketen und Böller besorgt, denn, so Bruno, er habe sich immer wieder den Aufrufen besonnener Menschen untergeordnet, die statt Feuerwerk und Knaller lieber das eingesparte Geld gemeinnützigen Zwecken zu widmen mahnten oder darauf mit Sorge hinwiesen, dass gerade zu Silvester Haus- und Stalltiere durch den Silvesterlärm so verängstigt würden, 43


dass bleibende psychische Schäden oft nicht ausblieben. Bruno, so hieß es, habe daher im Gegensatz zu den Jahren zuvor am Tage vor den Silvesterfeierlichkeiten in einem einschlägigen Supermarkt zwei Brilliant-Fontänen zu je € 2,99 mit einer Brenndauer von genau 70 Sekunden sowie 10 Riesenwunderkerzen mit minutenlangem Sprühsternschauer erstanden. Bruno habe betont, dass diese Ausgabe sicherlich nicht übertrieben sei und ihm nach so langer Zeit der Silvesterenthaltsamkeit einen sensiblen Wiedereinstieg in das übliche Silvestertreiben ermöglichen könne. Aber, so ließ Bruno wissen, auch dieser harmlose Kauf hätte seinen ganzen Mut erfordert. Denn als er die ausgesuchte Silvesterware auf das Laufband, das zur Supermarktkasse führt, abgelegt habe, hätte ein älteres Rentnerpaar angesichts der von Bruno gekauften Brilliant-Fontänen und Wunderkerzen sichtbar die Nase gerümpft und so laut genuschelt, dass es von Bruno auf jeden Fall unmissverständlich zu hören gewesen sei, dass diese ganze Silvesterknallerei zum Teufel gehöre, 44


das Geld lieber einem guten Zweck zugeführt werden solle und Haustiere und alte Leute durch diesen Unfug nur verschreckt würden, so dass bleibende Schäden hinsichtlich des Gehörs oder dringend benötigter Tiefschlafphasen fast immer zu befürchten seien. Bruno, so ließ der die Umsitzenden wissen, werde sich im nächsten Jahr auf jeden Fall reiflich überlegen, ob er noch einmal Feuer- und Böllerwerk erstehen wolle. Für die diesjährige Silversterfeier allerdings sei die Ware nun einmal erworben worden und habe verwendet werden müssen. Damit von diesem unnützen Gegenständen keinerlei psychische Gefahr ausginge, habe er die Wunderkerzen in der leeren und abgeschlossenen Garage einzeln abgebrannt und die beiden Brilliant-Fontänen im Garten unter einer angefeuchteten Decke gezündet.

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Freundschaft in Not Bruno, so wurde erzählt, habe nun in einem kleinen Kreis zugestanden, dass seine, Brunos, Freundschaft mit seinem Urheber, Erfinder und Autor einer schwierigen Krise zusteure. Auf die besorgten Blicke aller Umsitzenden hin ließ sich Bruno von allen zusichern, dass das, was er nun im Vertrauen mitzuteilen habe, jedermann, der von dieser Mitteilung hier und jetzt Kenntnis zu nehmen imstande sei, für sich behalten solle. Nur so, indem der Autor von des Protagonisten Ansicht über die Entwicklung seiner Freundschaft zu seinem Erfinder und Urheber nichts erführe, nur so, ließ Bruno wissen, sei es möglich, dass für diese so außerdordentlich bedeutsame Beziehung, jedenfalls für Brunos Existenz wichtige, noch Rettung bestünde. Bei diesem gemeinsamen Schwur, der sich auf die Geheimhaltung von Brunos Einlassungen bezogen habe, soll einer der Beteiligten sogar drei Finger seiner rechten Hand gegen die Zimmerdecke gestreckt und gleichzeitig etwas ungeduldig gefragt haben, worin denn um Himmelswillen 46


diese Krise in der Beziehung von Bruno zu seinem langjährigen Freund, Autor und Erfinder überhaupt bestünde. Bruno, der nun sicher schien, dass seine Worte gut aufgehoben seien, habe nach einer bedeutsamen Pause schließlich geflüstert, dass es ihn besonders beleidige, wenn sein Autor viele seiner Publikationen mit der Wendung einleite, dass Bruno, so erzähle man, in einem kleinen Kreis etwas eingestanden haben solle, um dann nach dieser Einleitung mit irgendeiner zu vernachlässigenden Begebenheit aus dem täglichen Leben fortzufahren. Als einer der Umsitzenden eingeworfen habe, dass es schwer nachzuvollziehen sei, dass die diese Art, eine Publikation mit der Wendung "Bruno, so wurde erzählt, habe nun in einem kleinen Kreis zugestanden ..." sicherlich vom Schreiber nicht als Beleidigung gemeint sei und ob er, der Protagonist, bei seinem Erfinder schon einmal angefragt habe, warum er, der Autor, seine Publikationen sehr häufig mit dieser erwähnten Wendung einleiten würde, da habe Bruno jämmerlich aufgeschrien und gerufen, selbstverständlich habe er seinen Urheber schon daraufhin angesprochen 47


und ob man wissen wolle, was dieser geantwortet habe. Sicherlich, so hätten alle wie aus einem Munde gerufen, sicherlich wolle man das wissen. Bruno habe dann unter Tränen und schluchzend kaum verständlich gemurmelt, er, der Autor, habe auf seine, Brunos, Frage, warum er so häufig seine Publikationen mit der Wendung "Bruno, so wurde erzählt, habe nun in einem kleinen Kreis zugestanden ..." einleite, einfach nur geantwortet, dass diese Methode ihm die Angst vor dem leeren Blatt nähme. Stünde erst einmal der erste Satz fest, ginge alles andere wie von selbst, wie man auch an diesem Text feststellen könne. Und daher, so Bruno, habe dieser weiter geäußert, daher wolle er, der Schreiber von Brunos Geschichten, an dieser Methode noch eine Weile festhalten. In der Folge, so wurde berichtet, habe einer der Umsitzenden den Kopf geschüttelt und gesagt, diese Methode würde ihn nicht weiter stören, vielmehr gingen ihm aber die endlosen Schachtelsätze in diesem unsäglichen und schwülstigen, kaum lesbaren Komparativstil fürcherlich auf die 48


Nerven. Diese Art sei es vielmehr, die eine Freundschaft, würde sie denn je bestehen, aus seiner Sicht in eine schwere Krise treiben könnte, wobei, dass betone er ausdrücklich, seine Sicht nicht maßgeblich sei und man lieber vermeiden möge, dem Autor von Brunos Geschichten, der oft empfindlich reagiere, etwas davon zu erzählen.

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Bruno