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24 Jahre von der Idee bis zur Umsetzung

Das Wuhrplatzfest und das Projekt von 1983 Die erste Kultur-Veranstaltung auf dem Wuhrplatz (im neuen Geist von Post-68) war im Frühsommer 1979 das „Longo Mai Fest“. Zu Gunsten der damals bekannten Kooperative Longo Mai, einer typischen Landkommune/Genossenschaft mit Ablegern (Landwirtschaftsbetrieben) im Jura und in Frankreich. Im Zuge der in den späten 70ern aufkommenden Festivalitis meinten wir (vom Chrämerhuus) im gleichen Spätsommer auf dem Wuhrplatz ein Jazzfestival organisieren zu müssen. Darauf hatte aber in Langenthal quasi niemand gewartet, es ging voll in die Hosen, es waren meistens mehr HelferInnen als Zuschauer da. Wir waren geschockt und machten darum 1980 gar nix. 1981 versuchten wir es mit einem neuen Konzept: Jazz und Theater/Comedy. Auf der Affiche standen – aus heutiger Sicht – sehr attraktive Namen: Der bekannte FreakClown Django Edwards (der allerdings seinen Auftritt mit dubiosen Begründungen kurz vor dem Date absagte). Victor Giacobbo mit einer gut zehnköpfigen Comedy-Crew und einem Programm namens „Blaue Bohnen, heisse Lust“. Und als Sahnehäubchen das Vienna Art Orchestra, das heute zu den weltweit renommiertesten Jazz-Big-Bands gehört. Das war aber auch falsch, das Festival namens „Spectacolo“ floppte monströs. Im Zelt, wo es 15 Franken Eintritt gekostet hätte, waren zwei drei dutzend Gäste anwesend. Nebenan unter den Kastanien, dort, wo heute der Petanque-Platz ist und wir damals die Festivalbeiz betrieben, sassen gut 200 Leute und verlustierten sich an Bratwürsten und billigem Rotem. Trotzdem war das Defizit so beträchtlich, dass 1982 wieder festivalmässige Sendepause und vereinsinternes Wundenlecken angesagt war. Heavy Sitzungen waren das. Dann erinnerte sich jemand an die 200 Bacchanten unter den Kastanienbäumen und sagte: Wir machen ein Festival ohne Eintritt. Das Konzept: Wir stellen als „Geldmaschine“ eine unwiderstehliche Gastroabteilung hin, zeigen auf der Bühne was wir an einem Festival zeigen würden (High Quality Acts), sagen dem Ganzen WuhrplatzFest statt Festival, machen am Freitag einen auf Je-später-der-Abend-desto-Rock ‚and‘Roll und Samstag einen auf gepflegten Apérojazz/Kleinkultur/Artistik und verkaufen einen mehr oder weniger freiwilligen Dorffestbändel für 5 Stutz. Eine Art Volksfest mit modernem touch. Das funktionierte perfekt. Rundum. High-End auf der Bühne, aus Küche und Keller – für Kreti und Pleti. Das warf sogar jedes Jahr einen schönen Batzen für die Kulturkasse ab. Bis 1994. Wir buchten im Februar Züri West, weil wir das eine erstklassige Band fanden. Die Jungs kamen dann mit dem Song I-schänke-dir-mis-Härz im Mai erstmals in die Charts, was damals für eine Mundart-Rockband eine absolute Novität/Sensation gewesen ist. Sie wurden bis zum Wuhrplatzfest im August so bekannt, dass wir mit über 2‘000 vorverkauften Tickets und einer für unsere Verhältnisse astronomischen Gage sowie der massiven Aufrüstung unserer Infrastruktur klarkommen mussten. Das kannst du mit einem Doffestbändel für 5 Stutz vergessen.

Ein grosses Merci an Re Lüdi, Langenthal. Sie sammelt und archiviert seit 1979 alles, was das Chrämerhuus publiziert und was über das Chrämerhuus geschrieben wird. Wenn man mal was braucht, um genau nachzuschauen, wie es denn damals wirklich war, zückt sie das gewünschte Chrämerhuus-Bulletin. Das war in diesem Fall besonders ergiebig: Das nachfolgende Faksimile des WuPF-Bulletins von 1983 zeigt die Wuhrplatz-Idee von damals in Wort und Plan.

Von da an war das Wuhrplatzfest dann doch irgendwie ein kleines Festival. Mal mehr, mal weniger. Heute ist das WuPF eine der ältesten und bekanntesten Event-Marken in Langenthal. Historisch pikant und erfreulich ist: Was dieser Tage – 2007 – von der Stadt Langenthal präsentiert und demnächst umgesetzt werden soll, war bereits am ersten Wuhrplatzfest 1983 unser Vorschlag, nämlich die Neugestaltung des Wuhrplatz als Ort der Begegnung. Eine neunköpfige Arbeitsgruppe machte sogar konkrete Vorschläge inkl. ersten Plänen und im WuPF-Bulletin hiess es kämpferisch: „Den öffentlichen Raum nicht gestalten heisst, auf das öffentliche Leben überhaupt zu verzichten“. Nach 24 Jahren hat sich die Wuhrplatz-Idee von damals zum breiten politischen Konsens und zum konkreten Plan entwickelt. Das dauerte zwar etwas lange, aber man darf sicher sagen, dass das alljährlich stattfindende WuPF wesentlich zu diesem Resultat beigetragen hat. Mit beharrlicher Regelmässigkeit wurde mit diesem KulturEvent jedes Jahr 1 x vorgelebt, dass man mit diesem Platz tatsächlich auch was anderes anstellen könnte, als nur darauf zu parkieren. Ganz nach dem Motto: Event Event ein Lichtlein brennt. Es sei an dieser Stelle die Bemerkung erlaubt, dass sich anfangs August 2007 ein ähnliches Phänomen im öffentlichen Raum wiederholt, nämlich in der Marktgasse mit dem Sommerkino. Auch hier machen Kulturtäter vor, wie man könnte, wenn man wollte. Man sollte einfach mehr auf sie hören, auf die Kulturfritzen.

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Christian Röthlisberger Chrämerhuus-Gründungsmitglied und daselbst bis 1998 tätig als Veranstalter, Koordinator und Werber



wuhrplatz projekt 1983