Page 1

Mit dem Handy in den Burn-Out? Studie zum Zusammenhang zwischen mobiler Erreichbarkeit und Stress

Erstellt als Pr체fungsleistung an der Hochschule f체r angewandtes Management, Fachbereich Wirtschaftspsychologie, Teilmodul Forschungsmethoden (Master), vorgelegt von Alexander von Gerichten, M채rz 2013.


Kurzfassung / Abstrakt

Kurzfassung / Abstrakt Der Begriff „Stress“ scheint heute allgegenwärtig zu sein. Es gehört zum guten Ton keine Zeit zu haben. Ein voller Terminkalender ist fast Pflicht und Menschen, die eben nicht im Stress sind, werden als Faulenzer verpönt. Der Chef hat Stress mit seinen Mitarbeitern, der Vater mit seiner Tochter und der Freund fühlt sich von seinen Kollegen gestresst. Sogar unter die „100 Wörter des 20. Jahrhunderts“ hat es der „Stress“ geschafft. Gleichzeitig lässt sich ein veränderter Umgang der Gesellschaft mit Kommunikation feststellen. Fast scheint es als ob der moderne Mensch jederzeit erreichbar ist – und auch sein muss? Die Veränderung der Kommunikationswelt spiegelt sich unter anderem in der immer weiteren Verbreitung von mobilen Endgeräten, insbesondere dem Mobiltelefon, wieder. In Deutschland gibt es inzwischen mit 107,2 Milionen Mobiltelefonen mehr Handys als Einwohner. Immer mehr Handys sind dabei sogenannte Smartphones, also Mobilfunkgeräte, die neben der Telefonie durch mobilen Internetempfang unzählige weitere Anwendungsmöglichkeiten bieten. Der Besitz eines mobilen Endgerätes schafft die Voraussetzung ständiger Erreichbarkeit. Egal ob beim Einkaufen oder beim Sport, im Büro oder auf Geschäftsreise: Das Handy ist heute häufig ständiger Begleiter und schafft neben der klassischen Telefonfunktion von SMS und E-Mail bis hin zu Skype, WhatsApp oder Facebook vielfältige Kontaktmöglichkeiten. Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine Untersuchung, ob und inwiefern ein Zusammenhang zwischen Stress und der vermehrten Erreichbarkeit vorliegt. Aufbauend auf den Ergebnissen einer entsprechenden Online-Umfrage überprüft die vorliegende Studie anhand inferenzstatistischer Methoden verschiedene Hypothesen in diesem Zusammenhang. Es zeigt sich, dass eine ständige Erreichbarkeit zum Normalfall geworden zu sein scheint. Von 113 befragten Personen sind 112 mobil erreichbar., darunter nur eine einzige Person weniger als 6 Stunden pro Tag. Mit 86 Personen ist der Großteil der Befragten nicht weniger als 12 Stunden am Tag erreichbar, 38 Personen sogar rund um die Uhr. Beim Nutzungsverhalten macht ganz klar das Smartphone das Rennen (80,5%), Mobiltelefone ohne Smartphonefunktion kommen nur noch bei jedem Fünften zum Einsatz. Besitzer von Smartphones nutzen fast grundsätzlich (93,6%) auch die E-Mailfunktion ihres Gerätes.

2

Gründe für die Erreichbarkeit sind vor allem der praktische Effekt („Ich finde es praktisch immer erreichbar zu sein, weil ich dann auch kurzfristig etwas planen oder besprechen kann“) und der Erhalt von Informationen („Mir ist es wichtig, ständig über aktuelle Entwicklungen und Prozesse informiert zu sein.“). Direkte Anweisungen ständig erreichbar zu sein gibt es nur bei jedem Vierten der Befragten. 70% der Befragten gehen allerdings auch ohne explizite Anweisung davon aus, dass eine ständige Erreichbarkeit erwartet wird. Eine Abhängigkeit zwischen der Erreichbarkeit in Stunden und Stress konnte nicht hergestellt werden kann. Allerdings scheint eine hohe Erreichbarkeit in der Freizeit sehr wohl ein Auslöser für Stress zu sein. Stress scheint vor allem aus der Angst zu entstehen wichtige Informationen zu verpassen oder die Erwartungen des Arbeitgebers nicht zu erfüllen. Der ständige Hunger nach Informationen zeigt sich auch in den Fragen zum Verhalten bei eingehenden E-Mails und Nachrichten. Jeder Zweite schaut oft auf sein Mobilgerät, um zu prüfen, ob Informationen für ihn eingegangen sind, auch wenn keine eingehende E-Mail oder Nachricht signalisiert wurde. Der kurze Blick aufs Handy - ein Phänomen, das tagtäglich in den verschiedensten Situationen zu beobachten ist. 42,5% der Befragten gaben in diesem Zusammenhang an E-Mails und Nachrichten unmittelbar nach Eingang zu lesen. Die Analyse der entsprechenden Hypothese lässt hier allerdings keinen Zusammenhang mit Stress erkennen. Mit Blick auf die Ergebnisse der vorliegenden Studie lässt sich sagen, dass Stress und Erreichbarkeit in mannigfacher Weise in Zusammenhang stehen. Durch die Überprüfung der aufgestellten Hypothesen mit denen eine grundsätzliche Korrelation hergestellt werden sollte, sind vielfältige weitere Untersuchungsansätze und Hypothesenformulierungen entstanden.So wäre beispielsweise zu überprüfen, ob nicht eine ständige Erreichbarkeit an sich, sondern vielmehr der persönliche Umgang mit der Erreichbarkeit die Entstehung von Stress beeinflusst. Als hoher Faktor für die Entstehung von Stress ist zum Beispiel die ständige Angst wichtige Informationen zu verpassen, ein interessanter Untersuchungsansatz, der im Rahmen dieser Arbeit allerdings nicht darstellbar ist. Dies liegt zum einem an dem begrenzt vorgegeben Umfang dieser Arbeit, zum anderen aber auch an der geringen Zahl der befragten Personen sowie den Einschränkungen in Bezug auf Altersverteilung.


Seite Kurzfassung / Abstrakt..........................................................................................................................................................

2

Einleitung...................................................................................................................................................................................

4

Hintergrund / Theorie Vom Stress zum Burn-Out....................................................................................................................................................

5

Kommunikation im Wandel................................................................................................................................................

9

Statistische Auswertung Fragestellungen und Hypothesen.....................................................................................................................................

10

Methode.....................................................................................................................................................................................

11

Deskriptive Ergebnisse..........................................................................................................................................................

12

Inferenzstatistische Ergebnisse..........................................................................................................................................

18

Fazit..............................................................................................................................................................................................

24

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

3


Einleitung

1. Einleitung Der Begriff „Stress“ scheint heute allgegenwärtig zu sein. Es gehört zum guten Ton keine Zeit zu haben. Ein voller Terminkalender ist fast Pflicht und Menschen, die eben nicht im Stress sind, werden als Faulenzer verpönt. Der Chef hat Stress mit seinen Mitarbeitern, der Vater mit seiner Tochter und der Freund fühlt sich von seinen Kollegen gestresst. Sogar unter die „100 Wörter des 20. Jahrhunderts“ hat es der „Stress“ geschafft. Durch die umgangssprachliche Verwendung und die Verbindung von Stress mit alltäglichen Banalitäten steigt allerdings die Gefahr, die tatsächliche Bedeutung und vor allem die Folgen von „echtem“ Stress zu bagatellisieren. Stress stellt eine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit dar und wurde nicht ohne Grund von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einer der großen Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklärt. Nach einer Studie des F.A.Z. Instituts in Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse ist etwa jeder Dritte in Deutschland entweder ständig gestresst (10%) oder häufig gestresst (22%). Es steht allerdings zu befürchten, dass dieser Anteil in den kommenden Jahren steigen wird. Insbesondere in der Arbeitswelt scheint Stress immer weiter verbreitet zu sein. Nach einer Studie im Auftrag des Bundesverbands des deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sehen sich rund 56 Prozent von knapp 5000 Beschäftigten starker bis sehr starker Arbeitshetze ausgesetzt. Dies entspricht einer Steigerung zum Vorjahr um 4 Prozent. Über 80 Prozent der Befragten klagten über seit Jahren ständig steigende Leistungsanforderungen am Arbeitsplatz. Eine Untersuchung der Krankmeldungen von mehr als 10 Millionen AOKVersicherten Arbeitnehmern im April 2012 kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Danach sind die Krankheitstage aufgrund von Burnout als Folge von Stress zwischen den Jahren 2004 und 2010 um ein 9-faches angestiegen. Gleichzeitig lässt sich ein veränderter Umgang der Gesellschaft mit Kommunikation feststellen. Fast scheint es als ob der moderne Mensch jederzeit erreichbar ist – und auch sein muss? Die Veränderung der Kommunikationswelt spiegelt sich unter anderem in der immer weiteren Verbreitung von mobilen Endgeräten, insbesondere dem Mobiltelefon, wieder. In Deutschland gibt es inzwischen mit 107,2 Millionen Mobiltelefonen mehr Handys als Einwohner. Immer mehr Handys sind dabei sogenannte Smartphones, also Mobilfunkgeräte, die neben der Telefonie durch mobilen Internetempfang unzählige weitere Anwendungsmöglichkeiten bieten. So waren 4

im Oktober 2012 knapp die Hälfe aller Mobiltelefone Smartphones. Entsprechend verwundert es auch nicht, dass der Datenverkehr in Deutschland in den letzten Jahren einen rasanten Anstieg verzeichnet hat. So hat sich die mobil übertragene Datenmenge 2012 (ca. 130 Millionen Gigabyte) im Vergleich zum Jahr 2010 verdoppelt, seit 2007 sogar verdreißigfacht. Der Umsatz mit mobiler Software (Apps) ist von 22 Millionen Euro im Jahr 2009 auf 210 Millionen Euro im Jahr 2011 angestiegen. Der Besitz eines mobilen Endgerätes schafft die Voraussetzung ständiger Erreichbarkeit. Egal ob beim Einkaufen oder beim Sport, im Büro oder auf Geschäftsreise: Das Handy ist heute häufig ständiger Begleiter und schafft neben der klassischen Telefonfunktion von SMS und E-Mail bis hin zu Skype, WhatsApp oder Facebook vielfältige Kontaktmöglichkeiten. Bereits 2010 antworteten auf die Frage „Stimmen Sie der Aussage zu, dass das mobile Internet für sie bedeutet, ständig erreichbar zu sein?“ über 40% der Befragten mit „ja“. Mit Blick auf die zunehmende Verbreitung mobiler Geräte ist auch hier ein positiver Trend zu erwarten. Die Grenzen zwischen privater und geschäftlicher Erreichbarkeit scheinen dabei zu verschwimmen. So wird von vielen Berufstätigen erwartet auch außerhalb der normalen Arbeitszeit per E-Mail oder Telefon erreichbar zu sein. Auch im Urlaub wird auf das Abfragen von dienstlichen E-Mails häufig nicht verzichtet. Es stellt sich die Frage, ob die zunehmende Zahl gestresster und ausgebrannter Menschen mit dem Wandel der Erreichbarkeitsgewohnheiten und Kommunikationskultur in Verbindung gebracht werden kann.


Der Begriff „Stress“ ist heute in aller Munde. Immer wieder ist zu hören, dass jemand „gerade eine stressige Zeit hat“ oder „etwas gestresst“ ist. Aber was verbirgt sich tatsächlich hinter dem Begriff „Stress“, den der Volksmund so gerne verwendet? Gerrig/Zimbardo (2008) definieren Stress als „das Reaktionsmuster eines Organismus auf Stimulusereignisse, die dessen Gleichgewicht stören und dessen Fähigkeit, die Einflüsse zu bewältigen, stark beansprucht oder übersteigt.“ Die Stimulusereignisse werden als Stressoren bezeichnet. Stressoren lassen sich in drei Bereiche untergliedern. Zunächst die physischen Stressoren. Hierzu gehören Lärm, Hitze, Kälte, Temperaturschwankungen, Luftdruckänderungen, Hunger, Infektionen, Verletzungen, schwere körperliche Arbeit, langes Autofahren oder Reizüberflutung. Chronischer Stress hat meist psychische oder soziale Einflüsse zur Ursache. Zu den psychischen Stressoren gehören beispielsweise Versagensängste, Überforderung, Unterforderung, Fremdbestimmung, Zeitmangel, Kontrollverlust, Prüfungen oder wichtige Verhandlungen. Soziale Stressoren können Konflikte, Isolation, ungebetener Besuch, Verlust vertrauter Menschen oder Mobbing sein. Jeder Stressor erfordert vom Organismus eine Anpassungsreaktion. Diese Anpassungsreaktion kann sich auf verschiedene Arten äußern. Der US-amerikanische Physiologe Walter Cannon beschreibt in den 1920er Jahren die Kampf-oder-Flucht-Reaktion (engl. fight or flight). Er fand heraus, dass bei Menschen und Tieren, die mit Gefahr konfrontiert sind, eine gewisse Abfolge von Aktivitäten in den Nerven und Drüsen in Gang gesetzt wird. Im Zentrum dieser physiologischen Stressreaktion steht der sogenannte Hypothalamus, häufig auch als Stresszentrum bezeichnet. Der Hypothalamus übernimmt in Notfallbzw. Stresssituationen eine Art Doppelfunktion. Er steuert zum einen das Nervensystem und aktiviert zum anderen die Hirnanhangdrüse. Das autonome Nervensystem reguliert die Aktivitäten der Körperorgane. Es zieht Blutgefäße zusammen, lässt das Herz schneller schlagen, erhöht die Atemfrequenz und führt zu einem höheren Blutdruck. Gleichzeitig werden die Muskeln, die die Luftwege von Rachen und Nasen regulieren, aktiviert, um mehr Luft in die Lungen strömen zu lassen. Die in Stresssituationen sekundären Körperfunktionen wie beispielsweise die Verdauung werden gehemmt. Zudem wird der Ausstoss von Adrenalin angeregt, was zu einer Reihe von Reaktionen in verschiedenen

Organgen führt. Die Milz entlässt mehr rote Blutkörperchen für den Fall einer Verletzung, das Knochenmark produziert mehr weiße Blutkörperchen zur Bekämpfung möglicher Infektionen. Die Leber produziert mehr Zucker, um mehr Energiereserven für den Körper bereitzustellen. Die Hirnanhangdrüse setzt zwei Hormonarten frei, sobald der Hypothalamus eine Stresssituation signalisiert. Zum einen Thyreotropin (TSH), welches die Schilddrüse stimuliert und dadurch mehr Energie für den Körper freisetzt. Zum anderen wird das adrenocorticotrope Hormon (ACTH), auch bekannt als Stresshormon, freigegeben, welches die Nebennierenrinde stimuliert und damit Kreislaufprozesse kontrolliert. Das ACTH signalisiert zudem verschiedenen anderen Organen insgesamt ca. 30 andere Hormone auszuschütten, die wichtige Funktionen in Notfallsituationen übernehmen. Stress dient evolutionär betrachtet also zunächst einmal dem Schutz unseres Körpers und versetzt den Organismus in Gefahrensituationen in eine Art Notfallmodus. Aber gerade dies wird in der modernen Gesellschaft zum Problem. Kampf oder Flucht stellen nur noch in den seltensten Fällen eine angemesse Reaktion dar. Bei punktuellen Stressoren wie beispielsweise im Straßenverkehr helfen die Hupe und lautes Fluchen unmittelbar Dampf abzulassen, in den meisten anderen Situationen ist dies allerdings nicht mehr so einfach möglich. Hinzu kommt die Tatsache, dass wir heute immer häufiger mit lang anhaltenden Stressreizen konfrontiert werden. Punktuelle Stressoren wie beispielsweise eine Prüfung oder Lärm führen zu akutem Stress, einem Stresszustand, der einen klar definierten Start- und Endpunkt hat. Lang anhaltende Stressreize versetzen uns dagegen in einen andauernden Erregungszustand und damit zu chronischem Stress.

Vom Stress zum Burn-Out

2.1 Vom Stress zum Burn-Out

Neben der klassischen physiologischen Reaktion des Körpers auf Stress lassen sich heute weitere Reaktionen des menschlichen Organismus identifizieren. Litzcke spricht in diesem Zusammenhang von Stressebenen. Abbildung 2-1 zeigt die Elemente des Stressprozesses im Überblick.

5


Vom Stress zum Burn-Out

Stressor

Kognitive Bewertung

Dimension ● Intensität ● Dauer ● Häufigkeit ● Vorhersagbarkeit

Person Phyiologische Charakteristiken ● Körperliche Gesundheit ● Konstitutionelle Stabilität Psychische Charakteristiken ● Mentale Gesundheit ● Temperament ● Selbstkonzept, Gefühl der Selbststeuerung, Selbstwert

Persönlich ● Fertigkeiten ● Copingstil Sozial ● Unterstützende Netzwerke ● Professionelle Hilfe

Kulturelle Charakteristiken ● Kulturelle Festlegungen und Bedeutungen ● Erwartete Reaktionsweise

Mögliche Reaktionen

Physiologisch

(z.B. Schlafstörungen)

Behavioral

(z.B. Überstunden)

Emotional

(z.B. Unkontrollierbarer Ärger)

Kognitiv

(z.B. fehlende Konzentration)

Abbildung 2-1: Reaktionen auf Stress

Kognitive Anpassungsreaktionen steuern geistige Vorgänge wie Denk- und Wahrnehmungsprozesse. In Stresssituationen verengt sich die Wahrnehmung auf diejenigen Reize, die in dieser Lage am wichtigsten zu sein scheinen. Bei chronischen Stressoren hat dies Einschränkungen bei verschiedensten Prozessen zur Folge. Konzentration, Leistungsfähigkeit und Kreativität nehmen ab. Denkstörungen treten auf und eine Einschätzung der Realität erfolgt weniger effizient. Ablenkbarkeit nimmt zu, Kurz- und Langzeitgedächtnis werden schlechter. Kurz: Stress setzt das kognitive Leistungsniveau herab, wodurch es bei komplexen Aufgaben zu Leistungseinbußen kommt. Emotionale Anpassungsreaktionen umfassen Gefühle und Befindlichkeiten. Bei der klassischen Kampfoder-Flucht-Reaktion sind dies gewollte Emotionen wie Aggression (zum Kampf ) oder Angst (zur Flucht). Bei chronischem Stress mutieren diese Emotionsmuster allerdings ungewollt. Eine stetige Aggressionsbereitschaft, Gereiztbarkeit, Unsicherheit, Unzufriedenheit, Unausgeglichenheit sowie Gefühlsschwankungen, Depressionen, Apathie oder Hypochondrie sind die Folge. Die behavioralen Anpassungsreaktionen, also Anpassungen des Verhaltens in Stresssituationen, variieren von Indivduum zu Individuum stark. Grundsätzlich lassen sich drei Formen der Verhaltensreaktion unterscheiden. Zunächst der Versuch einer Kontrolle der Situation indem der Stressor durch aktive Re-

6

Ressourcen Materiell ● Geld ● Medizinische Versorgung

Typ ● Umwelt ● Psychisch ● Sozial

aktionen bekämpft wird (z.B. durch noch größere Anstrengung oder durch Flucht). Zweitens eine Tolerierung des Stressors und eine Erhöhung der Frustrationsgrenze mit der Hoffnung auf eine zukünftige Veränderung. Drittens eine Resignation und damit ein passives Ertragen des Stressors. Hoffnung auf Veränderung ist hier nicht mehr gegeben. Ein Stressor kann auf jeder der vier Ebenen Reaktionen auslösen. Die Ebenen beeinflussen sich gegenseitig und können sich verstärken. Der kanadische Forscher Hans Selye beschreibt die Reaktion auf Stressoren als das allgemeine Adaptionssyndrom. Dies liegt der Annahme zu Grunde, dass jeder Stressor nach einer Anpassung bzw. Adaption verlangt. Das Adaptionsmodell nach Seyle umfasst drei Stufen: eine Alarmreaktion, ein Widerstandsstadium und eine Stufe der Erschöpfung (vgl. Abbildung 2-2). Alarmreaktionen sind kurze Perioden körperlicher Erregung (akuter Stress). Dauert ein Stressor an (chronischer Stress), tritt der Körper in den Zustand des Widerstands ein. In dieser Phase hat der Körper die Fähigkeit sich dem Stressor zu widersetzen und ihn zu ertragen. Dies ist allerdings nur für eine gewisse Zeit möglich. Bleibt der Stressor über diese Zeit hinweg erhalten gehen die Widerstandskräfte zur Neide und der Körper tritt in die Phase der Erschöpfung über. Ist der Organismus in die Erschöpfungsphase eingetreten schwächen nun viele der Reaktionen, die in der Wiederstandphase noch einen Schutz dargestellt haben, den Körper. So min-


Stufe 1: Alarmreaktion

(im Laufe des Lebens unzählige Male wiederholt) ● ● ● ●

Erweiterung der Nebenniere Erweiterung des Lymphsystems Steigender Hormonspiegel Reaktion auf spezifische Stressoren Ausschüttung von Ephinephrin, verbunden mit höherer physiologischer Erregung und negativem Affekt Größere Anfälligkeit für steigende Intensität des Stressors Erhöhte Anfälligkeit für Krankheit

Falls anhaltend, dann treten die langsameren Komponenten von Stufe 2 in Aktion

sächlich sind hierbei nicht einzelne traumatische Ereignisse, sondern eine schleichende Auszehrung. Die US-Amerikanerin Christina Maslach, eine der bekanntesten Burn-Out-Forscherinnen, unterscheidet drei Subdimensionen des Burn-Out-Syndroms: 1. emotionale Erschöpfung und rasche Ermüdung: Der Kontakt zu anderen führt schnell zu einer Überforderung. Die Fähigkeit zur Regeneration geht verloren.

Stufe 2: Widerstand

(im Laufe des Lebens unzählige Male wiederholt) ●

● ● ●

Schrumpfung der Nebennierenrinde Rückkehr der Lymphknoten zur normalen Größe Gleichbleibende Hormonspiegel Hohe physiologische Erregung Gegensteuern des parasymphatischen Teils des Nervensystems Anhaltender Stressor; Widerstand gegen schwächende Effekte Erhöhte Anfälligkeit für Stress

Stufe 3: Erschöpfung

● ● ● ●

● ●

Vergrößerung/Fehlfunktion der Lymphstrukturen Anstieg des Hormonspiegel Erschöpfung der adaptiven Hormone Sinkende Fähigkeit, ursprünglichen oder neuen Stressoren zu begegnen Affektives Erleben – oft Depression Erkrankung Tod

(Wenn starker Stress anhält, dann erschöpfen sich die Hormonreserven, Ermüdung tritt ein und das Individuum betritt Stufe 3)

Vom Stress zum Burn-Out

dert eine andauernde Ausschüttung von ACTH die Fähigkeit natürlicher Abwehrmechanismen gegen Krebszellen und andere lebensbedrohliche Infektionen, das Funktionieren des Immunsystems wird durch die „Stresshormone“ stark eingeschränkt. Was den Körper in der Widerstandsphase bzw. bei akutem Stress noch gesund erhalten hat, macht ihn in der Erschöpfungsphase bzw. bei chronischem Stress krank.

Zeit Ebene normalen Widerstands

Erfolgreicher Widerstand Erkrankung / Tod

Alarmreaktion

Widerstand

Erschöpfung

Abbildung 2-2: Allgemeines Adaptionsmodell

Dieser Zustand der Erschöpfung spiegelt sich in der häufig zu findenden Terminologie des „Burn-Out“ (engl. ausgebrannt sein) wieder. So kann Burn-Out als Resultat von chronischem Stress verstanden werden. Freudenberger und North (2002) definieren Burn-Out als „einen Zustand, der sich langsam über einen Zeitraum von andauerndem Stress und Energieeinsatz entwickelt und schließlich Motivationen, Einstellungen und Verhalten beeinträchtigt.“ Aronson, Pines und Kafry (1990) verstehen unter Ausbrennen einen seelischen Zustand, der häufig bei Menschen auftritt, die mit anderen Menschen arbeiten und die in ihren Beziehungen zu ihren Klienten, Vorgesetzten oder Kollegen die Gebenden sind. Danach wäre Burn-Out als Erschöpfung durch chronischen emotionalen Stress zu verstehen. Ur-

2. Depersonalisierung und Gleichgültigkeit im sozialen Kontakt : Es kommt zu einer gefühllosen, zynischen und gleichgültigen Reaktionsweise gegenüber anderen. 3. Reduzierte Leistungsfähigkeit im Beruf und Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung: Die eigene Leistung im Beruf wird nicht mehr als kompetent und erfolgreich erlebt. Es kommt zu einer negativen Selbsteinschätzung. Litzcke (2010) strukuriert die Symptome von BurnOut in Anlehung an Buchka und Hackenberg (1987) nach dem zentralen Merkmal Erschöpfung in drei Kategorien (körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung). Abbildung 2-3 gibt einen entsprechenden Überblick. Diese Merkmale sollen im weiteren 7


Kategorie 1: Körperliche Erschöpfung ● ●

Vom Stress zum Burn-Out

8

● ● ● ● ●

Energiemangel chronische Müdigkeit Schwäche Unfallträchtigkeit Verspannungen der Hals- und Schultermuskulatur Rückenschmerzen Veränderung der Essgewohnheiten Veränderung des Körpergewichts

erhöhte Anfälligkeit für Erkältungen und Virusinfektionen Schlafstörungen ● Albträume ● erhöhte Einnahme von Medikamenten oder Alkohol, um die körperliche Erschöpfung aufzufangen ● ● ●

Kategorie 2: Emotionale Erschöpfung ● ● ● ● ● ●

Niedergeschlagenheit Hilflosigkeit Hofnungslosigkeit unbeherrschtes Weinen Versagen der Kontrollmechanismen gegenüber Emotionen Ernüchterung

● ● ● ● ● ●

emotionales Ausgehöhltsein Reizbarkeit Leere und Verzweiflung Vereinsamung Entmutigung Lustlosigkeit

Kategorie 3: Geistige Erschöpfung negative Einstellung zum Selbst negative Einstellung zur Arbeit ● negative Einstellung zum Leben, Überdruss ● Aufbau einer entwertenden Einstellung gegenüber anderen (Zynismus, Verachtung, Aggressivität) ●

● ● ●

Verlust der Selbstachtung Gefühl der Unzulänglichkeit Gefühl der Minderwertigkeit Verlust der Kontaktbereitschaft gegenüber Klienten und Kollegen

Abbildung 2-3: Zentrale Erschöpfungsmerkmale bei Burn-Out

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass im alltäglichen Verständnis und auch im Rahmen dieser Arbeit Stress als etwas Belastendes, Unangenehmes oder Bedrohliches gesehen wird. Neben dem negativ belastenden Distress kann Stress aber sehr wohl auch eine positive, stimulierende oder motivierende Komponente haben. So haben Forscher festgestellt,

dass ein positiver Eustress ein wichtiges Motiv ist Sportveranstaltungen zu verfolgen. Das Mitfiebern mit dem eigenen Team, das Herzklopfen bei spannenden Entscheidungen oder die Angst vor einer Niederlage. All dies sind positive Stressreize, die eine positive emotionale Erfahrung hervorrufen.


Der Alltag ist geprägt von Kommunikation und umgibt jeden von uns in verschiedensten Ausprägungen Tag für Tag. Ein erstes Gespräch beim Frühstück, das Radio auf dem Weg ins Büro, das Meeting mit den Kollegen oder das Lesen einer Zeitung am Abend. All dies sind Formen der Kommunikation. Nicht zuletzt aufgrund der Allgegenwärtigkeit von Kommunikation ist es schwer eine eindeutige Definition des Begriffes zu finden. Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten kam in einer begriffskritischen Studie auf 160 verschiedene Definitionen und definitorische Sätze. Der Begriffsursprung liegt im Lateinischen und leitet sich von dem Verb communicare ab. Übersetzt bedeutet Kommunikation damit wie teilen, mitteilen, teilnehmen lassen. Im ursprünglichen Sinn scheint sich Kommunikation entsprechend vor allem durch zwei Kriterien zu definieren. Zum einen handelt es sich bei Kommunikation um einen laufenden Prozess, zum anderen sind mindestens zwei Seiten involviert. Recht umfassend formuliert Maletzke (1963). Er definiert Kommunikation als die Tatsache, dass „Lebewesen untereinander in Beziehung stehen, dass sie sich verständigen können, dass sie imstande sind, innere Vorgänge und Zustände auszudrücken, ihren Mitgeschöpfen Sachverhalte mitzuteilen oder auch andere zu einem bestimmten Verhalten aufzufordern.“ Linke (2003) sieht in Kommunikation einen wesentlichen Bestandteil des menschlichen Daseins. Danach wird durch Kommunikation soziale Beziehungen zwischen Menschen erst möglich. Folgende Arten von Kommunikation lassen sich unterscheiden: • • • •

interpersonale Kommunikation (face-to-faceKommunikation) technisch vermittelte (Tele-)Kommunikation (Telefon, Mobilfunk, SMS, MMS etc.) Massenkommunikation (Print, Radio, Fernsehen, Film/Kino etc.) computervermittelte (On- und Offline-)Kommunikation

Wie bereits einleitend beschrieben hat sich speziell in den letzten Jahren ein großer Wandel in der Kommunikation zwischen Menschen abgezeichnet. Durch technische Innovationen, allem voran dem Mobiltelefon, ist die technisch vermittelte Kommunikation immer mehr in den Vordergrund gerückt. In kürzester Zeit ist das Mobiltelefon zu einem festen Bestandteil der alltäglichen Kommunikation

geworden. Dabei ist das Mobiltelefon heute längst nicht mehr nur Telefon, sondern eröffnet vielfältige Möglichkeiten in die digitale Welt einzutauchen und Informationen auszutauschen. Dies hat weitreichende Folgen auf unser tägliches Leben. Wir sind heute überall erreichbar und erreichen andere überall. Die Kommunikation ist zu einer Instant-Kommunikation geworden. Immer und jederzeit! Um Erlebtes auszutauschen muss nicht mehr bis zum nächsten persönlichen Treffen gewartet werden, Informationen werden unmittelbar via Telefonat, Nachricht oder Bild mit anderen geteilt. Dies hat Vor- und Nachteile sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld. In einer Notfallsituation (z.B. Verkehrsunfall) kann das Mobiltelefon zum Lebensretter werden, bei Verspätungen zum nützlichen Helfer. Ständige Erreichbarkeit heißt aber auch Kontrollierbarkeit. „Wo bist du gerade?“ scheint einer der häufigsten Willkommenssätze bei Mobilgesprächen zu sein. Im beruflichen Umfeld ist das Mobiltelefon ohne Zweifel ein wertvolles Werkzeug bei der Erledigung der täglichen Arbeit. Geschäftsinformationen können schnell und problemlos zu jeder Zeit und an jedem Ort ausgetauscht werden. Dokumente, Verträge und Kundendaten sind von überall abrufbar. Mobile Kommunikation ist aber auch immer mit dem Zwang zur laufenden Rückmeldung verbunden. Die Möglichkeit jederzeit Informationen zu empfangen und vor allem diese auch unmittelbar beantworten zu können hat die Erwartungshaltung im beruflichen Umfeld stark verändert. Es wird vorausgesetzt, dass Telefonate immer und zu jeder Tageszeit angenommen werden, das Telefon ist ja immer mit dabei. Eingehende E-Mails erlauben heute oft keine Wartezeit, ein unverzügliche Antwort wird zum beruflichen Erfolgsfaktor.

Kommunikation im Wandel

2.1 Kommunikation im Wandel

Michael Sommer, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, schreibt hierzu im September 2012: „Smarte Technik – stressige Nutzung. Viele Beschäftigte arbeiten inzwischen mobil. Mit Smartphones, Tablet-PCs und Notebooks sind deutliche Arbeitserleichterungen verbunden, aber sie bergen auch eine nicht unerhebliche Gefahr: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit werden verwischt. Manche Arbeitgeberin, mancher Arbeitgeber setzt damit auch voraus, dass die Beschäftigen rund um die Uhr verfügbar, erreichbar und arbeitsfähig sind.“

9


Fragestellung und Hypothesen

3. Fragestellung und Hypothesen Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen ständiger Erreichbarkeit und Stress war in der Vergangenheit immer wieder Inhalt diverser, meist populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen. Der Stern schreibt im Februar 2013 unter dem Titel „Rettet den Feierabend“: „Per Handy überall erreichbar, die wachsende Mailflut im Büro, und ständig müssen mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden. Kein Wunder, dass die Deutschen über Stress klagen. Die Onlineversion der Süddeutschen Zeitung (SZ) titelt im Mai 2012 „Ständig erreichbar, immer gestresst“ mit dem Ergebnis, dass ständige Erreichbarkeit am Ende zu Depressionen und BurnOut führen. FOCUS-Online kommt im Juni 2012 in einem Bericht unter der Überschrift „Informationsflut und ständige Erreichbarkeit: Den Dauerstress hält das Gehirn kaum aus...“ zu ähnlichen Erkenntnissen. Auf wissenschaftliche Studien beziehen sich diese Veröffentlichen allerdings nicht. Die nähere Recherche zeigt, dass bis dato auch nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema vorliegen. Eine Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) im September 2012 unter dem Titel „Ständige Erreichbarkeit: Wie belastet sind wir?“ gibt erste handfeste Zahlen an die Hand. 430 Beschäftige wurden hier zu Gründen und Folgen der Erreichbarkeit befragt. 88 Prozent der Befragten gaben an auch außerhalb Ihrer Arbeitszeit per Handy oder EMail für Kollegen, Vorgesetzte oder Kunden erreichbar zu sein. Zwar fragt die Studie auch nach Folgen der Erreichbarkeit (z.B. „Haben Sie gesundheitliche Probleme?“ oder „Denken Sie oft an die Arbeit?“), stellt aber keinen unmittelbaren Bezug zu den Themen Stress und Burn-Out her. Diese Lücke soll im Rahmen dieser Studienarbeit geschlossen werden. Es soll untersucht werden ob und ich welcher Form ständige Erreichbarkeit zu Stress und letztendlich zu Burn-Out führt. Nach Höflich (2005) lässt sich Stress in Verbindung mit Mobilkommunikation in zweierlei Hinsicht unterscheiden. Zum einen in situativen Stress wie zum Beispiel durch aktuelles Handyklingeln in verschiedenen Alltagssituation. Zum anderen in chronischen Stress durch eine besonders intensive Nutzung eines Mobilgeräts. Der Fokus soll im Folgenden vor allem auf Einflussfaktoren auf chronischen Stress liegen.

10

Ausgehend von obiger Fragestellung sollen folgende Hypothesen untersucht werden: 1. Je höher die Erreichbarkeit, desto mehr Anzeichen für Stress. 2. Je höher die Funktion im Unternehmen, desto höher die Erreichbarkeit. 3. Je höher die Erwartung des Vorgesetzten erreichbar zu sein, desto mehr Anzeichen von Stress. 4. Je höher die Arbeitszeit insgesamt, desto mehr Anzeichen für Stress. 5. Je geringer die Antwortzeit auf eingehende Nachrichten, desto mehr Anzeichen für Stress


Zur Überprüfung der oben genannten Hypothesen wurde ein Fragebogen mit insgesamt 62 Items zum Thema entwickelt mit dem Ziel Indikatoren für das Maß der Erreichbarkeit und Anzeichen von Stress zu erhalten. Nach Durchführung eines Pre-Test wurde der Fragebogen am 12.02.2013 online bereitgestellt. Zu Beginn der Auswertung am 22.02.2013 (Erhebungszeitraum = 10 Tage) wurde der Fragebogen von 113 Personen (42 Frauen, 71 Männer) vollständig beantwortet. Zur Teilnahme zugelassen waren ausschließlich berufstätige Personen. Der Großteil der Teilnehmer war zwischen 25 und 39 Jahren alt (n=75, 66,4%, vgl. Abbildung 4-1).

Die Verteilung der jeweiligen Funktion im Unternehmen zeigt Abbildung 4-2. Im Folgenden werden zunächst die deskriptiven Ergebnisse dargestellt (Kapitel 5.1). Im Sinne der Lesbarkeit wird hierzu vor allem auf Diagramme zurückgegriffen. In Kapitel 5.2. folgt die inferenzstatistische Auswertung der Daten.

Methode

4. Methode

Aufgrund der im Verhältnis geringen Teilnehmerzahl, die zudem aus einem begrenzten Umfeld kommt (Bildungsstand, Branche, Alter etc.) ist die Studie als nicht repräsentativ zu betrachten.

Abbildung 4-1: Altersverteilung der Befragten in %

Abbildung 4-2: Verteilung Funktion im Unternehmen

11


Deskriptive Ergebnisse

5.1 Deskriptive Ergebnisse Bis auf eine Person gaben alle Befragten an mobil erreichbar zu sein (n=114, 99,1%). 33,6% (n=38) der Befragten gaben an rund um die Uhr erreichbar zu sein, nur eine Person ist weniger als 6 Stunden am Tag erreichbar (vgl. Abbildung 5-1). 44,6% (n=50) wären gerne weniger erreichbar (vgl. Abbildung 5-2). Die Nutzung mobiler Kommunikationsgeräte verteilt sich gemäß Abbildung 5-3. Ein Großteil der Befragten nutzt nur ein Mobiltelefon (66,4%, n=75), 33,6% (n=38) zwei Mobiltelefone, keiner mehr als 2 Mobiltelefone parallel (vgl. Abbildung 5-4). Die meisten Befragten nutzen ihr Mobiltelefone (Handy und/oder Smartphone) sowohl beruflich als auch privat (72,6%, n=82, vgl. Abbildung 5-5). Nur 3,5% (n=4) sind in ihrer Freizeit nie für geschäftliche Belange erreichbar. 67,2 % (n= 76) sind manchmal oder oft erreichbar, 29,2% (n=33) sind auch in ihrer Freizeit immer für berufliche Angelegenheiten erreichbar (vgl. Abbildung 5-6). Auf die Frage nach den Gründen für die Erreichbarkeit stimmten den folgenden Aussagen die Personen voll („trifft zu“) oder ziemlich („trifft ziemlich zu“) zu (vgl. Abbildung 5-7). Die Personen, von denen der Vorgesetzte erwartet mobil erreichbar zu sein, stimmten folgenden Aussagen zu (vgl. Abbildung 5-8): Fast alle Smartphone und Tablet-Nutzer nutzen sowohl die Telefon- , Text-

Abbildung 5-1: Erreichbarkeit pro Tag

12

nachrichten- als auch die E-Mailfunktion ihres Gerätes (vgl. Abbildung 5-9). Bei 57,4% (n=54) der mobil Erreichbaren werden eingehende Textnachrichten und E-Mails mit einem hörbaren Ton signalisiert. 22,2% (n=14) nehmen diesen Signalton allerdings nicht oder nur selten bewusst wahr. 52,5% (n=49) schauen immer oder oft auf ihr Smartphone oder Tablet, auch wenn keine eingehende Nachricht signalisiert wurde. 41,5% (n=39) tun dies manchmal, 6,4% (n=6) nie (vgl. Abbildung 5-1012). 42,6 % (n=40) der Personen, die E-Mails mobil empfangen lesen diese unmittelbar nach Eingang der Nachricht (vgl. Abbildung 5-13). Die Auswertung der Fragen zum gesundheitlichen Wohlbefinden der Befragten mit dem Ziel Zusammenhänge zwischen Erreichbar und Stressfaktoren herzustellen, zeigt die folgenden Ergebnisse (vgl. Abbildung 5-14).


Deskriptive Ergebnisse

Abbildung 5-2: W채ren Sie gerne weniger erreichbar?

Abbildung 5-3: Verteilung der Nutzung mobiler Ger채te

Abbildung 5-4: Anzahl parallel genutzter Mobiltelefone

13


Deskriptive Ergebnisse

Abbildung 5-5: Nutzung Mobiltelefon Privat und Gesch채ftlich

Abbildung 5-6: Erreichbarkeit in der Freizeit

Abbildung 5-7: Gr체nde f체r Erreichbarkeit

14


Deskriptive Ergebnisse

Abbildung 5-8: Nutzung durch Vorgesetzten erwartet

Abbildung 5-9: Genutzte Funktionen auf Smartphone und Tablet

Abbildung 5-10: Signalton f端r eingehende Nachrichten und E-Mails

15


Deskriptive Ergebnisse

Abbildung 5-11: Bewusste Wahrnehmung von Signaltรถnen

Abbildung 5-12: Blick aufs Handy auch ohne Signalton

Abbildung 5-13: Reaktionszeit auf eingehende Nachrichten

16


Deskriptive Ergebnisse Abbildung 5-14: Fragen zum Wohlbefinden

17


Inferenzstatistische Ergebnisse

5.2 Inferenzstatistische Ergebnisse Berechnung eines Stressfaktors

Stressfakto

Um das Vorliegen von Stress messbar und damit vergleichbar zu machen, wird eine zusätzliche Stressvariable aus den vorliegenden Items berechnet. Zu Grunde gelegt werden bei der Berechnung der Stressvariablen die Antworten auf die Fragen nach

dem allgemeinen Wohlbefinden sowie die Frage, ob die Erreichbarkeit als belastend empfunden (vgl. Tabelle 5-1). Je höher der Wert der neu gebildeteten Variable „Stress“ umso höher die Anzeichen auf Stress.

Tabelle 5-1: Items für die Berechnung einer Stressvariablen

Hypothese 1: Je höher die Erreichbarkeit, desto mehr Anzeichen für Stress. Es wird angenommen, dass, je höher die Erreichbarkeit ist, umso mehr Anzeichen für Stress gefunden werden können. Zur Messung der Erreichbarkeit wurden die Items der Frage „Wie viele Stunden sind Sie pro Tag erreichbar?“ in 3 Gruppen zusammengefasst (bis 14 Stunden, 14 bis 18 Stunden, 24 Stunden). Zur Überprüfung der Hypothese wird eine Varianzanalyse eingesetzt. Die Mittelwerte für das Vorliegen von Stress liegen bei der Erreichbarkeit bis 14 Stunden pro Tag sowie der Erreichbarkeit 24 Stunden am Tag mit 1,80 und 1,86 eng zusammen. Die Stressvariable ist damit ähnlich hoch, wodurch die Hypothese nicht belegt werden kann. Nach Auswertung des Zusammenhangs zwischen Erreichbarkeit pro Tag und Stress zeigt sich, dass der Stressfaktor bei einer Erreichbarkeit von 14 bis 18 Stunden am Tag am höchsten ist.

18

Es ist davon auszugehen, dass dies kein repräsentatives Ergebnis darstellt, sondern vielmehr der geringen Größe der Stichprobe geschuldet ist. Um dennoch einen Zusammenhang zwischen Erreichbarkeit und Stress zu finden, soll im Folgenden das Item „Erreichbarkeit in der Freizeit“ als Faktor für die Höhe der Erreichbarkeit herangezogen werden. Hierzu kommt eine Korrelationsanalyse zum Einsatz. Gemäß Tabelle 5-3 lässt sich hier eine geringe Korrelation (Korrelationskoeffizient = 0,322) feststellen.1 Je höher die Erreichbarkeit in der Freizeit, umso höher sind danach die Anzeichen von Stress, wenn auch nur in einem geringen Ausmaß.


Inferenzstatistische Ergebnisse

Tabelle 5-2: Pr端fung Hypothese 1 durch eine Varianzanalyse

Tabelle 5-3: Pr端fung Hypothese 1 durch eine Korrelationsanalyse

19


Inferenzstatistische Ergebnisse

Hypothese 2: Je höher die Funktion im Unternehmen, desto höher die Erreichbarkeit Es wird angenommen, dass die Funktion im Unternehmen in direktem Zusammenhang mit der Erreichbarkeit steht. Um dies zu überprüfen sollen die Variablen „Erreichbarkeit pro Stunde“ mit der Funktion im Unternehmen gegeneinander getestet werden. Es wird angenommen, dass Unternehmer, Inhaber und Geschäftsführer mehr Stunden pro Tag erreichbar sind als Angestellte. Zur entsprechenden Überprüfung wird der T-Test herangezogen.

Es zeigt sich, dass zwischen der Funktion im Unternehmen und der Erreichbarkeit eine hohe Korrelation vorliegt (Signifikanz = 0,985). Es ist damit bewiesen, dass Personen in leitenden Positionen (Unternehmer, Inhaber, Geschäftsführer) eine höhere Erreichbarkeit haben als Personen, die im Angestelltenverhältnis tätig sind. Die gleichzeitig getestete Korrelation zwischen Funktion im Unternehmen und den Anzeichen von Stress zeigt keinen Zusammenhang (Signifikanz = 0,168).

Tabelle 5-4: Prüfung Hypothese 2 unter Anwendung eines T-Test

Hypothese 3: Je höher die Erwartung des Vorgesetzten erreichbar zu sein, desto mehr Anzeichen von Stress. Es wird angenommen, dass eine gezwungene Erreichbarkeit zu einem größeren Stressfaktor führt als eine freiwillige Erreichbarkeit. Zur Überprüfung dieser Hypothese können zwei Variablen herangezogen werden. Zum einen die Erwartung des Vorgesetzten jederzeit erreichbar zu sein („Mein Vorgesetzter erwartet von mir, dass ich immer erreichbar bin.“), zum anderen die Folge von Kritik aufgrund fehlender Erreichbarkeit („Mein Vorgesetzer kritisiert mich, wenn

20

ich nicht erreichbar bin.“). Zur Anwendung kommt eine Korrelationsanalyse Gemäß Tabelle 5-5 lässt sich in beiden Fällen eine positive Korrelation nachweisen. Drohende Kritik aufgrund fehlender Erreichbarkeit steht dabei in einen höheren Zusammenhang zu Stress (Signifikanz = 0,40) als die Erwartungshaltung des Vorgesetzten (Signifikanz = 0,304).


Inferenzstatistische Ergebnisse

Tabelle 5-5: Prüfung Hypothese 3 durch eine Korrelationsanalyse

Tabelle 5-6: Streudiagramm für die Korrelation zwischen dem Grund für Erreichbarkeit „Mein Vorgesetzer erwartet von mir, dass ich erreichbar bin“ und Stress

Tabelle 5-7: Streudiagramm für die Korrelation zwischen dem Grund für Erreichbarkeit „Mein Vorgesetzer kritisiert mich, wenn ich nicht erreichbar bin“ und Stress

21


Inferenzstatistische Ergebnissse

Hypothese 4: Je höher die Arbeitszeit insgesamt, desto mehr Anzeichen für Stress. Angenommen wird, dass die Höhe der Arbeitszeit und Anzeichen von Stress in einem positiven Zusammenhang stehen. Um dies zu überprüfen wurden zunächst die Arbeitszeiten in 3 Gruppen zusammengefasst (bis 40 Stunden, 40 bis 50 Stunden, mehr als 50 Stunden). Die neuen Variablen werden unter Anwendung einer Varianzanalyse hinsichtlich Erreichbar und Stress getestet.

Tabelle 5-8: Prüfung Hypothese 4 durch eine Varianzanalyse

22

Es zeigt sich, dass Stress und Arbeitszeit in keinem signifikanten Verhältnis zueinander stehen (Signifikanz = 0,428). Allerdings ist ein Zusammenhang zwischen der Höhe der Arbeitszeit und der Höhe der Erreichbarkeit erkennbar (Signifikanz = 0,004). Je größer die Arbeitszeit pro Woche, desto größer die Erreichbarkeit.


Angenommen wird, dass eine kurze Reaktionszeit auf eingehende E-Mails zu mehr Stress führt. Zur Überprüfung dieser Hypothese werden die Ergebnisse der Frage zur Reaktionszeit auf eingehende Nachrichten („Wie häufig lesen Sie eingehende EMails und Nachrichten?“) sowie die Stressvariable herangezogen. Tabelle 5-9 zeigt die entsprechenden Häufigkeiten. Zur Anwendung eines T-Tests werden die Items zur

Reaktionszeit in 2 Gruppen zusammengefasst (Reaktionszeit = maximal bis 1 Stunde sowie Reaktionszeit = mehr als eine Stunde). Der T-Test zeigt für Stress einen p-Wert von 0,30 und ist entsprechend nicht signifikant (da > 0,05). Es bestehend entsprechend keine signifikante Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Eine Auswirkung der Reaktionszeit auf eingehende E-Mails und Nachrichten liegt als nicht vor.

Inferenzstatistische Ergebnisse

Hypothese 5: Je geringer die Antwortzeit auf eingehende Nachrichten, desto mehr Anzeichen für Stress.

Tabelle 5-9: Häufigkeiten Reaktionszeit auf eingehende Nachrichten und E-Mails

Tabelle 5-9: Prüfung Hypothese 5 durch Anwendung eines T-Test

23


Fazit

6. Fazit Die einleitend beschriebene Bedeutung der Themen Stress sowie veränderte Kommunikationskultur wurde im Entstehungsprozess bestätigt. Eine Vielzahl der Befragten haben sich nach der Vervollständigung des Fragebogens persönlich oder via E-Mail an den Autor gewandt. Viele haben ihr ausdrückliches Interesse an dem Themengebiet bekundet und bereitwillig ihre persönlichen Erfahrungen geteilt. Viele Berufstätige scheinen also zum Thema ständige Erreichbarkeit einen unmittelbaren Bezug aufbauen zu können. In den persönlichen Gesprächen und Schriftwechseln wurde zudem oftmals ein direkter Zusammenhang zum Thema Stress hergestellt, ohne, dass dies durch den Fragebogen direkt erkennbar gewesen wäre (im Fragebogen wird das Wort „Stress“ ganz bewusst nicht verwendet). Aber auch ohne die explizite Verwendung der Worte Stress oder Burn-Out deuten viele der Erfahrungsberichte auf negative Auswirkungen durch eine ständige Erreichbarkeit hin. Dies spiegelt sich auch in der deskriptiven Auswertung der Erhebung wieder. Eine ständige Erreichbarkeit scheint zum Normalfall geworden zu sein. Von 113 befragten Personen sind 112 mobil erreichbar., darunter nur eine einzige Person weniger als 6 Stunden pro Tag. Mit 86 Personen ist der Großteil der Befragten nicht weniger als 12 Stunden am Tag erreichbar, 38 Personen sogar rund um die Uhr. Beim Nutzungsverhalten macht ganz klar das Smartphone das Rennen (80,5%), Mobiltelefone ohne Smartphonefunktion kommen nur noch bei jedem Fünften zum Einsatz. Besitzer von Smartphones nutzen fast grundsätzlich (93,6%) auch die E-Mailfunktion ihres Gerätes. Vergleichsweise hoch ist die Erreichbarkeit von Personen in leitenden Funktionenwie die Analyse der Hypothese „Je höher die Funktion im Unternehmen, desto höher die Erreichbarkeit“ zeigt. Erschreckend erscheint die Verschmelzung von Beruf und Freizeit. Bis auf 4 Personen sind alle auch in der Freizeit für berufliche Belange erreichbar, 33 Personen sogar immer. Gründe für die Erreichbarkeit sind vor allem der praktische Effekt („Ich finde es praktisch immer erreichbar zu sein, weil ich dann auch kurzfristig etwas planen oder besprechen kann“) und der Erhalt von Informationen („Mir ist es wichtig, ständig über aktuelle Entwicklungen und Prozesse informiert zu sein.“). Direkte Anweisungen ständig erreichbar zu sein gibt es nur bei jedem Vierten der Befragten. 70% der Befragten gehen allerdings auch ohne explizite Anweisung davon aus, dass eine ständige Erreichbarkeit erwartet wird. 24

Die Analyse der Hypothese „Je höher die Erreichbarkeit, desto mehr Anzeichen für Stress“ (Hypothese 1) zeigt, dass zwischen der Erreichbarkeit in Stunden und Stress keine Abhängigkeit hergestellt werden kann. Allerdings scheint eine hohe Erreichbarkeit in der Freizeit sehr wohl ein Auslöser für Stress zu sein. Dies lässt sich auch in den Antworten auf die Fragen nach den Folgen der Erreichbarkeit wiedererkennen. Ein hoher Prozentsatz (77%, n=87) denkt oft oder immer an die Arbeit. Wenig verwunderlich, wenn die grundsätzliche Möglichkeit gegeben ist, jederzeit auch für berufliche Dinge belangbar zu sein. Zu folgern wäre, dass Stress vor allem aus der Angst entsteht, wichtige Informationen zu verpassen oder die Erwartungen des Arbeitgebers nicht zu erfüllen. Dies spiegelt sich auch in der Analyse der Hypothese „Je höher die Erwartung des Vorgesetzten erreichbar zu sein, desto mehr Anzeichen von Stress“ (Hypothese 3) wieder. Der ständige Hunger nach Informationen zeigt sich auch in den Fragen zum Verhalten bei eingehenden E-Mails und Nachrichten. Jeder Zweite schaut oft auf sein Mobilgerät, um zu prüfen, ob Informationen für ihn eingegangen sind, auch wenn keine eingehende E-Mail oder Nachricht signalisiert wurde. Der kurze Blick aufs Handy - ein Phänomen, das tagtäglich in den verschiedensten Situationen zu beobachten ist. 42,5% der Befragten gaben in diesem Zusammenhang an E-Mails und Nachrichten unmittelbar nach Eingang zu lesen. Die Analyse der entsprechenden Hypothese lässt hier allerdings keinen Zusammenhang mit Stress erkennen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Stress und Erreichbarkeit in mannigfacher Weise in Zusammenhang stehen. Durch die Überprüfung der aufgestellten Hypothesen mit denen eine grundsätzliche Korrelation hergestellt werden sollte, sind vielfältige weitere Untersuchungsansätze und Hypothesenformulierungen entstanden. So wäre beispielsweise zu überprüfen, ob nicht eine ständige Erreichbarkeit an sich, sondern vielmehr der persönliche Umgang mit der Erreichbarkeit die Entstehung von Stress beeinflusst. Als hoher Faktor für die Entstehung von Stress ist zum Beispiel die ständige Angst wichtige Informationen zu verpassen, ein spannender Untersuchungsansatz, der im Rahmen dieser Arbeit allerdings nicht darstellbar ist. Dies liegt zum einem an dem begrenzt vorgegeben Umfang dieser Arbeit, zum anderen aber auch an der geringen Zahl der befragten Personen sowie den Einschränkungen in Bezug auf Altersverteilung und Branchenzugehörigkeit.

Mit dem Handy in den Burn-Out?  

Studie zum Zusammenhang zwischen mobiler Erreichbarkeit und Stress

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you